Von Montreuil nach Sansscouci: Die murs à pêches von Montreuil und die Lepère’schen Mauern im königlichen Weinberg von Sanssouci

Der nachfolgende Beitrag handelt vom Gartenbau, vor allem von der Kultur von Pfirsichen:  ein, wie es scheinen mag, etwas absonderliches Thema für einen Paris- und Frankreich-Blog. Aber der Schein trügt. Denn es geht hier um eine ganz wunderbare Geschichte, oder im Grunde sogar um drei Geschichten, und das auch noch mit einem deutsch-französischen Bezug:

  • Erstens ist es die Geschichte von Montreuil, einer Gemeinde im östlichen Umland von Paris, Endstation der Metro- Linie 9, seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Arbeiter- und Einwanderergemeinde, heute vor allem geprägt von Einwanderern aus dem Maghreb und Mali. Es ist Sitz der kommunistischen Gewerkschaft CGT und der Frankreich- und Europa-Zentrale von Attac  und eine der letzten Bastionen der Kommunistischen Partei.[1]  Dieser Ort war einmal Zentrum der französischen Pfirsichproduktion!  Allein  auf dem Stadtgebiet gab es 300 km Mauern, an denen Pfirsichbäume im  Spalier  gezogen wurden. Und mit den Pfirsichen von Montreuil wurden bis ins  19. Jahrhundert  nicht nur Paris und sein Umland beliefert, sondern auch  zahlungskräftige und adlige Feinschmecker in ganz Europa.

 

  • Zweitens ist es die Geschichte von Alexis Lepère, einem der Spezialisten des Pfirsichanbaus von Montreuil. Lepère war ein Meister seines Faches und sein Ruf verbreitete sich weit über Montreuil hinaus. In der Mitte des 19. Jahrhunderts engagierten ihn deutsche Großgrundbesitzer als Berater, und schließlich wurde er sogar  vom preußischen Königs- und späteren Kaiserpaar nach Potsdam eingeladen, um dort nach dem Montreuil‘schen Vorbild Pfirsichgärten anzulegen

 

  • Die dritte Geschichte ist die der Potsdamer Pfirsichspaliere, der sogenannten Lepère’schen Mauern, die es nämlich heute noch, bzw. richtiger: heute wieder gibt. Sie sind ein Teil des königlichen Weinbergs von Sanssouci und zeugen von den intensiven Beziehungen, die die preußischen Könige nicht nur zu Zeiten Friedrichs des Großen und Voltaires mit Frankreich unterhielten und die in Sanssouci bis heute anschaulich sind.[2]

 

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Pfirsiche von den Gärten in Montreuil (oben)  und von den Lepère’schen Mauern in Sanssouci  (unten) 

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Es geht also um eine schöne französisch-deutsche Geschichte:  Grund genug, ihr einen Beitrag auf diesem Blog zu widmen.

 

Die murs à pêches von Montreuil

Die Pfirsichmauern von Montreuil haben eine lange Tradition. Schon ab dem 16. Jahrhundert soll es sie gegeben haben. Ursprünglich, so der Abbé Jean-Roger Schabol in einem Artikel aus dem Jahr 1755,  seien die Mauern dazu da gewesen, nach einem Erbfall Gärten aufzuteilen und abzutrennen. Dann habe man aber bemerkt, dass die Pfirsiche in den abgegrenzten Parzellen besser gediehen, schneller reiften, mehr Farbe, Geschmack und Gewicht hätten als die anderen und dass die Bäume weniger unter Frost litten. So habe man allmählich die Mauern systematisch für den Anbau von Pfirsichen genutzt. Sie markierten also nicht mehr Grundstückgrenzen, sondern hatten allein eine gartenbautechnische Funktion. [3]

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Montreuil ist damit gewissermaßen das bürgerliche Gegenstück zu dem aristokratischen potager du roi, dem Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. in Versailles. Dessen Schöpfer, Jean de la Quintinie, hatte schon im 17. Jahrhundert die Bedeutung von Mauern für den Anbau von Obstgehölzen dargelegt und dem entsprechend auch die Anlage von Versailles entworfen.[4]

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Plan des Obst-und Gemüsegartens in Versailles. Um den zentralen rechteckigen Gemüsegarten mit dem Springbrunnen sind die ummauerten Obstgärten gruppiert.

Unter den Gärtnern von Montreuil beanspruchte  man allerdings das „Erstgeburtsrecht“ der Pfirsichmauern: Es habe La Quintinie keine Ruhe gelassen, dass  auf dem Markt in Paris schmackhaftere Pfirsiche angeboten würden als die aus seinem noblen potager du Roi. So habe er schließlich Nicolas Pépin,  einen jungen Gärtner von Montreuil für den königlichen Garten von Versailles rekrutiert, ihn aber, nachdem er von dessen savoir-faire  profitiert habe, wieder nach Hause geschickt, um nicht im Schatten eines unbekannten jungen Mannes aus dem Umland von Paris zu stehen.[5]

Wer auch immer den Nutzen der Pfirsichmauern entdeckt hat: Die von Montreuil waren  höchst erfolgreich. Dazu trugen mehrere Faktoren bei:

  • Zunächst das Material, aus dem die Mauern gebaut wurden.  Es war nämlich eine Mischung aus Tonerde, Silex und gebrannten und gemahlenem Gips (plâtre), der die Wärme hervorragend speicherte und abgab und sich außerdem gut zur Befestigung von Spalieren eignete.

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Unbehauene Silex-Steine einer Pfirsichmauer

Da es in geringer Tiefe unter den Gärten eine Schicht von Silex-Steinen gab, konnte man die ohne Probleme für den Bau der Mauern nutzen. Der Gips wurde sehr kostengünstig direkt in Montreuil im Tagebau  gewonnen– eine Erklärung dafür, dass gerade dort die Kultur der Pfirsichmauern florierte. [6]

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                                                 Historische Postkarte von Montreuil:                                                        Die Pfirsichgärten und im Hintergrund die Gips- Steinbrüche

Teilweise nutzten die  Pfirsichbauern von Montreuil auch den im Boden ihrer Gärten gelagerten Gips direkt, wie die nachfolgende Abbildung zeigt. Dafür mussten allerdings etwa 10 Meter tiefe Zugangsschächte gegraben werden, um die Gipssteinschicht zu erreichen (siehe Abbildung).  Die Gipssteine wurden gebrannt, dann zerstampft und mit Wasser zu einer leicht zu verarbeitenden Masse (plâtre) verarbeitet.   Damit wurden dann horizontale Zwischenschichten in die entstehenden Mauern eingezogen, um sie so zu stabilisieren. Und zum Schluss wurden die Wände verputzt und mit einem kleinen Dach  versehen, das nicht nur die Mauern vor eindringender Nässe schützte, sondern auch das daran angepflanzte Spalierobst vor Hagel – wenn erforderlich auch mit zusätzlich angebrachten Netzen.

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  • Wichtig war natürlich dann die Ausrichtung der Mauern. Sie waren im Wesentlichen in Nord-Südrichtung orientiert, um möglichst intensiv die Sonneneinstrahlung zu nutzen.

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Die nach Osten gerichteten Mauerseiten hießen Levants, weil sie am frühesten von der aufgehenden Sonne beschienen wurden; die nach Westen gerichteten Mauern waren die Couchants, weil sie am längsten von der untergehenden Sonne profitierten. Und die Pfirsichbauern von Montreuil wussten, welche Sorten oder welche anderen Obstbäume (wie Äpfel oder Birnen) sie am besten an welcher Stelle anpflanzten. Das gehörte zu dem über Generationen weitergegebenen und weiterentwickelten savoir faire, das der Abbé Schabol in seiner Schrift über den Pfirsichanbau in Montreuil rühmt. Dieses Wissen sei dort bis zur Perfektion entwickelt worden („la culture des arbres fruitiers est portée à la perfection“). Wenn die Pfirsichbäume in Montreuil besser gediehen als irgendwo sonst, beruhe das in erster Linie auf den hochentwickelten Anbautechniken der dortigen Gärtner: „Les terres les plus mauvaises cessent de l’être entre leurs mains“- wobei der begeisterte Abbé die Bedeutung des Bodens etwas unterschätzt hat: Bei der Anlage der Pfirsichgärten spielte die Qualität des Bodens durchaus eine wichtige Rolle.

  • Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Pfirsichbauern von Montreuil war natürlich auch der Standort: nämlich die Nähe zu Paris mit seinen großen Markthallen und der großen Zahl potentieller Kunden. So konnten die reifen Pfirsiche schnell und direkt nach Paris gebracht werden – manchmal allerdings sogar mit Bewachung, denn es handelte sich ja um ein durchaus kostbares Gut.

 

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  • Ganz entscheidend war natürlich das von Generation zu Generation weitergegebene fachliche Wissen der Pfirsichgärtner von Montreuil, das in einem deutschen Gartenbau- Lexikon sogar als „Hochschule für Pfirsichzucht“ bezeichnet wurde. 1861 rühmte der Vorsitzende des preußiuschen Gartenbauvereins, der Geheime Ober-Regierungsrat Kette, die Leistungen der Pfirsichgärtner von Montreuil: „Nirgends auf der ganzen Erde befindet sich wohl die Pfirsichzucht auf einer so hohen Stufe als in Montreuil bei Paris und sind allerdings die Mühen und die Intelligenz der dortigen Bewohner mit Erfolg gekrönt worden. … Nach Berichten von Augenzeugen … sei die Fülle von Früchten, womit alle Zweige dicht bedeckt seien, für jeden, der es nicht selbst gesehen, unglaubhaft.“ (zit. Schurig, S. 68).  Nicht nur wurden die Anbautechniken immer mehr optimiert, sondern es wurden  auch zahlreiche neue Pfirsichsorten mit unterschiedlichen Reifezeiten gezüchtet, so dass man das Obst über einen längeren Zeitraum hinweg vermarkten konnte. Seinen Höhepunkt erreichte der Pfirsichanbau Ende des 19. Jahrhunderts, sodass der Ort sogar „Montreuil aux Pêches“ genannt wurde.  Damals gab es auf dem Gebiet von Montreuil insgesamt 300 Kilometer Pfirsichmauern!

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Die Gärten (dunkelblau)  bedeckten  einen großen Teil des Stadtgebiets und der weit überwiegende Teil der Bevölkerung lebte vom Gartenbau, vor allem dem Anbau von Pfirsichen, von denen jährlich mehr als 17 Millionen geerntet wurden! [7]

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Mit den Pfirsichen aus den Gärten von Montreuil, die man hier in einer historischen Luftaufnahme sieht,  wurden schließlich  nicht nur Paris und andere französische Städte beliefert, sondern sie wurden auch  ins Ausland exportiert, wo man durch die Teilnahme an internationalen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dazu kam als Erfolgsrezept eine geniale Marketing-Idee, nämlich die „Tätowierung“ der Früchte: Sie wurden zunächst durch eine feine Stoffumhüllung vor der Sonneneinstrahlung geschützt. Hatten sie aber die gewünschte Größe erreicht, wurden sie mit kleinen Scherenschnitten der jeweiligen illustren Abnehmer beklebt, zum Beispiel dem russischen Zaren, dem englischen König oder sogar dem (ansonsten ungeliebten) deutschen Kaiser Wilhelm II.

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Dann tat die Sonne ihr Werk, der Scherenschnitt wurde abgenommen und auf dem Pfirsich befand sich nun das Konterfei des Kunden. Heute wird diese Technik von Straßenkünstlern verwendet und heißt „pochoir“ – und da dabei alles schnell gehen muss und die Sonne an den Mauern sowieso keine Wirkung hat, verwendet man heutzutage Farben. Damals hatte man Zeit und der Prozess verlief auf ganz natürliche Weise. Das gilt auch für den Leim, den man für das Aufkleben der Scherenschnitte verwendete: Das war nämlich der Schleim von Weinbergschnecken, die es dort auch reichlich gab… (4a)

Diese Tradition wird inzwischen in dem „jardin – école“ von Montreuil weitergeführt, einem von der Société régionale d’horticulture de Montreuil mit ihrem rührigen Generalsekretär Philippe Schuller betriebener Garten, der immerhin zu dem illustren Netz der Potagers de France gehört.[8]

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Die Scherenschnitte werden noch wie früher mit Hand angefertigt, als Kleber wird inzwischen allerdings Gelatine verwendet….

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Nach den  glanzvollen Zeiten des Montreuil’schen Pfirsichanbaus setzte um  die Jahrhundertwende der Niedergang ein: die Pfirsiche, für die man hohe Preise erzielt hatte, wurden nun günstiger mit der Eisenbahn aus der Provence importiert, so dass in den Gärten von Montreuil stattdessen weniger lukrative Äpfel und Birnen gezogen wurden. Dazu Gemüse und Blumen, für die die Mauern nicht unbedingt erforderlich waren. Und deren Unterhaltung wurde immer schwieriger und kostspieliger: Die Gipssteine kamen zunehmend nicht mehr aus dem eigenen Untergrund oder dem nahe gelegenen Tagebau, sondern aus Bergwerken, die Arbeitskräfte wurden durch die Nähe zu Paris immer teurer. Dafür wurde Montreuil aufgrund  der räumlichen Enge von Paris als kostengünstige Alternative als Bauland immer interessanter. So verfielen die Mauern allmählich,  viele ehemalige Gärten mussten billig hochgezogenen Wohnblocks weichen, andere wurden als wilde Müllkippen missbraucht. Heute ist nur noch ein kleiner Teil der Gärten mit noch etwa 10 Kilometer Mauern erhalten, und auch die sind bedroht.

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Seit 1994 gibt es aber einen rührigen Verein, die Association Murs à Pêches,  der versucht, wenigstens einen kleinen Teil der noch vorhandenen Gartenreste spekulativen Begehrlichkeiten zu entziehen. Von den 320 h Gartenfläche Ende des 19. Jahrhunderts g sind 8,5 h  seit 2003 geschützt.  Aber es gibt noch eine wesentlich größere Fläche ehemaliger Gärten, die bisher brach liegen und deren weitere Verwendung noch unklar ist.

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Das Terrain gehört der von einer offenbar wenig ökologisch interessierten Verwaltung regierten Gemeinde, die die Gärten nur jeweils für ein Jahr verpachtet. Da kann man nicht sicher sein, ob man auch im nächsten Jahr die Früchte seiner Arbeit ernten kann.

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Trotzdem oder gerade umso mehr:  Alte Mauern werden restauriert, neue Bäume gepflanzt, in den Gärten blüht und grünt es, in jedem Jahr wird ein großes „festival des Murs à Pêches“ veranstaltet: Da sollte doch die Gemeindeverwaltung die Zeichen der Zeit erkennen, damit nicht eine solche ökologische Oase, der letzte Rest einer glanzvollen Vergangenheit, auch noch zubetoniert wird…

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Pascal Mage, der Vorsitzender der Association,  mit dem Bild eines genau an dieser Stelle fotografierten Paares von Pfirsichgärtnern aus der Blütezeit der murs à pêches.

Wie wunderbar die  Wiederbelebung der Montreuiler Gartentradition gelingen kann, zeigt  der Garten von Patrick Fontaine. Als die Stadt dem Koch und Gartennovicen vor knapp 10 Jahren  einen der ehemaligen ummauerten Pfirsichgärten  verpachtete, sah der so aus. Die Mauer auf der gegenüberliegenden Längsseite war sogar teilweise eingestürzt.

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Inzwischen ist daraus ein schmucker Garten geworden.

 

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An den Mauern wächst vor allem Spalierobst, natürlich Pfirsiche, aber es gibt auch -Patrick Fontaine stammt aus der Normandie- zahlreiche Äpfelspaliere.  Aufgrund einer großen  Artenvielfalt erstreckt sich die  Ernte  über mehrere Wochen oder gar Monate hin.

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Das Foto dieser Weinbergpfirsiche ist zum Beispiel Mitte September entstanden, da waren die anderen Pfirsiche schon längst geerntet.  Patrick Fontaine verwendet Spalierformen, wie sie in Montreuil Tradition haben, und auch die alte besonders schonende Form der Befestigung der Zweige an den Mauern, nämlich mit Nägeln und Stofffetzen („le palissage à la loque„).

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Aber Fontaine erfindet auch neue Spalierformen, zum Beispiel aus Anlass der Olympischen Spiele 2024 in Paris eine Spalierform mit den olympischen Ringen, die bis zur Eröffnung der Spiele fertig sein soll: Eine echte Herausforderung.

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Zwischen den Mauern gibt es eine Reihe von Hochbeeten mit Gemüse und Blumen und am Ende auch einen kleinen Hühnerstall.  Kein Wunder, dass  Garten und Gärtner viel Anerkennung erhalten haben und Patrick Fontaine mit Recht stolz auf sein Werk sein kann.

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Entsprechend viele Besucher gibt es auch,  wobei Patrick Fontaine  besonders am Kontakt mit jungen Menschen aus Montreuil gelegen ist, die von Hause aus wenig Beziehung zur Natur haben.

Es gibt allerdings auch weniger willkommene Besucher, die inzwischen im Umland von Paris zur Plage geworden sind.

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Die interessieren sich nämlich nicht nur für die Kerne der Sonnenblumen, sondern hacken auch ungeniert in das Obst….

 

Praktische Informationen:

Jeden Sonntag  gibt es  zwischen  14h30 und 16h30  Gelegenheit zum Besuch der Gärten. Der Eingang ist über den impasse Gobétue zu erreichen. Von der Endstation der Métro 9 – Mairie de Montreuil- ist man zu Fuß in ca 15 Minuten dort.  Zu dem jardin-école gehört auch ein kleines sympathisches Museum über die Geschichte der Pfirsichmauern, aus dem auch einige der Abbildungen in diesem Text stammen. („Tatoos“, Herstellung von plâtre, palmette de Lepère, Plan eines Pfirsichgartens).

Association Murs à Pêches

E-mail : info@mursapeches.org

Web: www.mursapeches.org

Jardin-école

4 rue du Jardin-Ecole  93100 Montreuil

Tel. 0033 (0)1 70 94 61 30

Web: www.jardin-ecole.com/newsitejardin-ecole

 

Literatur:

Arlette Auduc et al, Montreuil, Patrimoine Horticole. Hrsg. vom Service patrimoines et Inventaire der Région Île-de-France. Paris 2016

Discours sur Montreuil. Histoire des murs à pêches. Roger Schabol und Louis Aubin. Hrsg der Société régionale d’horticulture de Montreuil-sous-bois. o.J. Einleitung von Erläuterungen von Philippe Schuller, dem Generalsekretär der Gesellschaft

Ivan Lafarge,  Les murs à palisser « à la Montreuil. In:  e-Phaïstos, I-1 | 2012, 79-87 https://journals.openedition.org/ephaistos/288

https://www.lemonde.fr/blog/correcteurs/2018/03/09/8-impasse-gobetue-a-montreuil-sous-bois/

 

 Alexis Lepère und die Pfirsichmauern in Sanssouci

Besondere Bedeutung und Prominenz erlangten die Montreuil’schen Gärtner und Obstbaumzüchter Lepère, die man geradezu als Dynastie bezeichnen kann. Der 1799 geborene Alexis Lepère der Ältere trug erheblich zur Verbesserung des Pfirsichanbaus bei. Unter anderem entwickelte er eine neue Spalierform, die dann auch nach ihm benannt wurde.

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Schnitttechnik „à la Montreuil“ oder „Palmette de Lepère“

Durch seine außerordentlichen Erfolge erlangte Lepère internationale Bekanntheit und wurde unter anderem als der Kaiser der Pfirsichzucht bezeichnet.

Die ausgefeilten Spalierformen waren übrigens sicherlich auch ein Ergebnis der Einführung der Gartenschere. Die wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von einem französischen Edelmann erfunden. Allerdings dauerte es noch fast 50 Jahre, bis sie sich im Obst- und Weinbau durchsetzte. Im Ausstellungsraum des Jardin-école und im Gartenhaus von Patrick Fontaine sind Beispiele alter Gartenscheren zu sehen.

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Alexis Lepère war stets darum bemüht, sein Wissen an andere Gärtner weiter zu geben. So veröffentlichte er ein Buch über die Kultur des Pfirsichs, das zum  Standardwerk wurde:  „Pratique raisonnée de la taille du pecher, principalement en escalier carré“ Es erschien  in insgesamt sieben Auflagen  und  wurde auch ins Deutsche übersetzt. [8]

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Der Sohn, Alexis Lepère der Jüngere, führte die familiäre Tradition glanzvoll fort. 1876 etwa züchtete er eine  neue Pfirsichsorte, die er auf den Namen seines Vaters „Alexis Lepère“ taufte.

Und auch er verstand etwas von Marketing:

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Den Eingang seines Gartens zierte ein ganz außerordentlich gezogener Pfirsichbaum zu Ehren von Napoleon III. Und einen entsprechenden Baum für dessen Gemahlin Eugenie gab es auch.

Und er war es dann auch, der vom preußischen  Königs- und späteren Kaiserpaar Wilhelm I. und Augusta,  1862 nach Potsdam eingeladen wurde, um dort eine Obstkultur anzulegen. Wie kam es zu dieser Einladung des Gärtners von Montreuil durch das königliche Paar?

Dass der Ruhm des Pfirsichanbaus von Montreuil bis nach Deutschland reichte, ist schon angedeutet worden und hatte dort Interesse geweckt. So bei Gustav Adolf Fintelmann, dem späteren Hofgärtner der Pfaueninsel in Berlin: Der reiste in den 1820-er Jahren nach Montreuil, um die Kultur der Pfirsiche kennenzulernen. Er ließ sich 1826 bei einem allseits empfohlenen Pfirsichgärtner als „zahlenden Hülfsarbeiter“ anstellen, arbeitete unter seiner Leitung in verschienen Gärten und studierte auf diese Weise intensiv die dort praktizierten Anbaumethoden. (siehe Schurig, S. 64)- also gewissermaßen ein klassischer Fall von „Industriespionage“….

Ausgangspunkt für die Einladung von Alexis Lepère nach Deutschland war dann ein Besuch der mecklenburgischen Großgrundbesitzer Albert von Schlippenbach und seiner Schwester, die Gräfin von Hahn, Paris im Jahr 1863. Die Qualität der in den Hallen angebotenen Früchte fanden sie derart erstaunlich, dass sie sich nähere Informationen über den französischen Obstanbau beschafften. Sie besuchten dabei auch die Obstanlagen von Alexis Lepère dem Älteren  und gingen freudig auf das Angebot des Sohnes ein, im folgenden Frühjahr nach Mecklenburg zu reisen und dort Tafelobstkulturen mit Mauern anzulegen.[9] Lepère reiste nun in den folgenden Jahren mehrfach nach Norddeutschland und errichtete auf den Gütern der Schlippenbachs und der Hahns seine Obstanlagen. Die stolzen Gutsherren präsentierten ihr Früchte dann mehrfach auf Ausstellungen. 1857 nahm Alexis Lepère zusammen mit Albert von Schlippenbach an einer Versammlung deutscher Obstzüchter in Gotha teil, wo er Vorträge hielt und seine Schnittechniken präsentierte. Schlippenbach fungierte dabei als Übersetzer.

Aber Lepère strebte noch nach Höherem: Um sich als Gärtner zu empfehlen, ließ er ab 1859 der preußischen Königin Augusta jährlich durch den Minister Moritz August von Bethmann-Hollweg Pfirsiche, Äpfel und Birnen vorlegen- verbunden mit der Bitte, „dergleichen Früchte auch in den Königlichen Gärten von Sanssouci ziehen zu dürfen.“ Im Sommer 1852 war es dann so weit, dass er von dem preußischen Königspaar beauftragt wurde, einen Obstgarten nach dem Vorbild von Montreuil anzulegen, und zwar -quel honneur!-   im königlichen Weinberg von Sanssouci .[10]

Dieser Weinberg am Südhang des Klausberges geht zurück auf den aus dem Rheinland stammenden Kammerhusar Werley,  also einen Soldaten der preußischen Garde, der vor genau 250 Jahren die Gunst Friedrichs II. erlangte, indem er ihm versprach, dort „einen vorzüglichen Wein in der Art seiner Heimat“ anzubauen. Also ließ der König 1769 das Gelände terrassieren, und es wurden Talutmauern errichtet, um dort neben Aprikosen und den am Hof geschätzten exotischen Früchten auch erlesene Tafeltrauben zu kultivieren.

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Hier ein Stück der rekonstruierten Talutmauern: Es sind Mauern mit einem Glasvorbau, der den Anbau besonders empfindlicher und wärmebedürftiger Pflanzen ermöglichte.

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Feigen an der Talutmauer des königlichen Weinbergs

 

 

 

 

 

Für den Winzer wurde auch gleich ein exquisites kleines Wohnhaus im Stil einer chinesischen Pagode errichtet, das Drachenhaus: So bedeutsam war das Projekt damals für den alten Fritz und so in Ehren stand der rheinische Husar und Winzer.  Heute beherbergt das Drachenhaus  ein nettes Café und Restaurant.

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Zwei Drachen vom Drachenhaus

 

 

 

 

Oberhalb des Weinbergs ließ sich Friedrich II. ein Belvedere im italienischen Stil errichten, von dem aus er sich schönste Aussichten über sein gärtnerisches Lebenswerk versprach.[6]

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Hier nun legte Alexis Lepère einen Pfirsichgarten nach dem Vorbild von Monteuil an.

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Plan der Lepère’schen Anlage am Klausberg

Die Mauern wurden aus Backsteinen errichtet, also –entsprechend den Mauern von Montreuil-  mit einem ortsüblichen und wärmespeichernden Material. Die Bäume bezog Lepère bereits in Spalierform vorgezogen aus Frankreich. Direkt an die Mauern pflanzte Lepère die wärmebedürftigeren Pfirsich-, Birnen- und Kirschbäume, während die zwischen den Mauern entstandenen Räume mit Apfel- und Birnenbäumen an freistehenden niedrigen  Spalieren bepflanzt wurden. 1863, als die Anlage am Klausberg bepflanzt wurde, erhielt Lepère sogar zuätzlich vom Königspaar den Auftrag, auch im Park von Schloss Babelsberg Obstkulturen an Mauern anzulegen.[11]

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Auf diesem historischen Luftbild sind auf der rechten Seite die drei Lepère’schen Kammern mit den querstehenden Mauern zu sehen, links davon die gläsernen beheizten Gewächshäuser und darüber, unterhalb des Belvedere, die verglasten Talutmauern: Der Klausberg wurde deshalb auch im Volksmund der „gläserne Berg von Potsdam“ genannt.

Allerdings ereilte diese Anlagen ein ähnliches Schicksal wie die von Montreuil. Um die Jahrhundertwende galten die Anlagen als veraltet und unmodern und wurden eher als historische Relikte angesehen. Durch mangelnde Pflege verfielen die Mauern zunehmend, die Bäume starben ab und die Flächen wurden überwuchert. Ab etwa 1960 wurde das Arreal zwischen den Lepère’schen Mauern am Klausberg an Kleingärtner verpachtet.[12]

Die „Wende“ brachte die Bundesgartenschau Potsdam von 2001, für die die drei Lepère’schen Kammern von Sanssouci wiederhergestellt und die Rekultivierung des königlichen Weinbergs begonnen wurde.

Seit 2006 kümmert sich „Mosaik“, ein Verein für Menschen mit Behinderung,  mit großem Engagement um die Erhaltung, Nutzung und –soweit die personellen und finanziellen Mittel es zulassen- auch um eine Rehabilitierung der Anlage.[13]

An den Lepère’schen Mauern werden so wie ursprünglich auf der westlichen Seite (murs couchants)  Pfirsiche gezogen, geschützt vor eisigen Winden aus dem Osten,

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Auf der östlichen Seite (murs levants) gedeihen die weniger empfindlichen Birnen.

Und so wie ursprünglich- und wie in Montreuil- besteht die Mauerkrone aus einem kleinen Dach, das dem Schutz der Mauern und des Spalierobstes dient. Dazu gibt es auch noch vorspringende Haken, über die Bretter gelegt werden können, die die Bäume vor Hagelschlag schützen, und an denen Netze befestigt werden können, um Schäden durch Insekten oder Vogelfraß zu verhindern.

 

Innerhalb der Kammern sind jetzt Obstbäume gepflanzt, und zwar durchweg Obstsorten, die es schon vor 250 Jahren dort gab. Insofern können diese wiederhergestellten Anlagen „einen Beitrag zum Sortenerhalt alter Obstsorten leisten.“[14]

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Der für die Projektsteuerung Königlicher Weinberg zuständige Mitarbeiter von Mosaik, Andreas Kramp bemüht sich nach Kräften, zusammen mit seinen Mosaik-Schützlingen der Anlage wieder neues Leben einzuhauchen:

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Andreas Kramp in den Lepère’schen Kammern. Im Hintergrund das Drachenhaus

Inzwischen sind 3000 Weinstöcke gepflanzt, es gibt im ehemaligen Heizhaus Weinverkostungen und am zweiten Juliwochenende jeden Jahres ein Weinfest. Und an jedem Dienstag und Donnerstag kann man zwischen Mai und September die Anlage an der Potsdamer Maulbeerallee von 9 – 13 Uhr besuchen.

 

Eigentlich sollten schon zum Jubiläum 2019 750 Meter der Talutmauern renoviert sein, aber das liegt noch ebenso in der Ferne wie die Anlage eines Weinlehrpfads, so wie es in Andreas Kramps Zukunftsvision des königlichen Weinberg vorgesehen ist.

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Aber die Lepèreschen Kammern zeigen sich und ihre Produkte schon jetzt in bester Verfassung und Wein vom königlichen Weinberg gibt es auch schon…

 

Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Montreuil_(Seine-Saint-Denis)

[2] Siehe dazu auch den Beitrag über Saint-Sulpice und die Arbeiten des Bildhauers Pigalle, von dem zwei Statuen das Parterre von Sanssouci zieren.

[3] https://mursapeches.blog/qui-sommes-nous/lhistoire-des-murs/  Und entsprechend auch Roger Schabol, Discours sur le village de Montreuil von 1771. A.a.O.

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag über den potager du roi in Versailles: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/413

[5] Hypolitte Langlois, Le Livre de Montreuil-aux-Pêches: théorie et pratique de la culture de ses arbres avec la collaboration des principaux arboriculteurs. Paris 1875. Zit bei Auduc et al, S. 4

[6] Louis Aubin a.a.O., S.64/65

Über den Abbau von Gips im Umland von Paris siehe den Blog-Beitrag: Die Bergwerke und Steinbrüche von Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/5497)

[7] Siehe die Informationstafel der Stadt Montreuil zu den Pfirsichmauern am Eingang zum Impasse Gobétue

[8] www.potagers-de-france.com

[9] Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf den ausgesprochen fundierten Text über Lepère in Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexis_Lep%C3%A8re_der_J%C3%BCngere

[10]   Schurig, S. 69. Siehe auch den hervorragenden Artikel von Wikipedia. Dieser Quelle ist auch der Lageplan entnommen.  Allerdings wird dort nicht ganz korrekt angegeben, Lepère habe den Auftrag von Kaiser Wilhelm I. erhalten. Das stimmt natürlich nicht, denn der preußische König wurde erst 1871 –in Versailles- zum Kaiser ausgerufen.

[11] Im Park von Schloss Babelsberg gab es sogar sechs Lepère’sche Kammern, die allerdings noch nicht wieder  so instand gesetzt sind wie die von Sanssouci. Zu den weiteren Anlagen Lepères siehe Schurig, S. 70ff

[12] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Alexis_Lep%C3%A8re_der_J%C3%BCngere

[13] S.  https://www.mosaik-berlin.de/

Siehe auch die Presse-Information 025-15 zur  Kooperationsvereinbarung der Stifung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) und Mosaik-Werkstätten für Behinderte vom 25.3.2015.

[14] Presseinformation 145-14 der Stiftung preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit dem Verein Förderer der königlichen Hofgärtnerei vom 17.9.2014

 

Literatur:

Arlette Auduc et al, Montreuil, Patrimoine Horticole. Hrsg. vom Service patrimoines et Inventaire der Région Île-de-France. Paris 2016

Discours sur Montreuil. Histoire des murs à pêches. Roger Schabol und Louis Aubin. Hrsg der Société régionale d’horticulture de Montreuil-sous-bois. o.J. Einleitung und Erläuterungen von Philippe Schuller, dem Generalsekretär der Gesellschaft

Gerd Schurig, Die Entwicklung der Nutzgärtnerei am Klausberg. Jahrbuch Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Band 6 2004  https://perspectivia.net/receive/ploneimport_mods_00010534 )

https://www.lemonde.fr/blog/correcteurs/2018/03/09/8-impasse-gobetue-a-montreuil-sous-bois/

Geplante Beiträge

  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • Aux Belles Poules. Ein ehemaliges Bordell im Quartier Saint Denis
  • Erinnerungsorte von Camille Claudel: Villeneuve-sur-Fère, Nogent-sur-Seine,  Paris, Château de l’Islette, Montdevergues bei Avignon

Le potager du roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.

Versailles: Das ist natürlich das Schloss Ludwigs XIV. mit seinem geschichtsträchtigen Spiegelsaal und natürlich der Park mit seinem grand canal und den grandes eaux, seinen wunderbaren Springbrunnen und Bosquets, dem großen und kleinen Trianon…. Ein grandioser Ort, der aber, wie ich finde, etwas unter seinen Superlativen leidet: zu groß, zu prächtig und vor allem auch: zu viele Besucher. Darüber darf man sich eigentlich nicht beklagen, weil man ja selbst dazu gehört. Aber es ist doch ein sehr begrenztes Vergnügen, sich eng gedrängt durch die Räume des Schlosses zu schieben. Einmal habe ich allerdings im Spiegelsaal gewartet bis zum Ende der Besuchszeit. Und bevor ich schließlich auch eindringlich  herauskomplimentiert wurde, konnte ich den grandiosen Raum ohne Touristen fotografieren! Aber das sind außergewöhnliche, eher  illusionäre Momente.

Spiegelsaal  (59)

Natürlich sollte man Versailles –trotz alledem-  wenigstens einmal auch von innen gesehen haben. Aber  in diesem Bericht kann ich es getrost auslassen. Denn Bücher und Reiseführer zu Versailles gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man keinen Jöckel‘schen Aufguss.  (Sehr empfehlen kann ich übrigens das Buch von William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin 2010).

Lassen wir hier also das Schloss und den Park beiseite. Denn Versailles hat ja noch mehr zu bieten als das. Zum Beispiel den königlichen Obst- und Gemüsegarten, den  potager du roi. Und der ist immerhin –neben Schloss und Park- auch Teil des Weltkulturerbes Versailles- und in einem neueren Paris-Reiseführer, den Freunde kürzlich dabei hatten, war er sogar als „Geheimtipp“ vermerkt. Schert man allerdings –mit dem RER in Versailles angekommen- aus der Masse der zum Schloss strömenden Besucher aus, um  –in entgegengesetzter Richtung- zum  Potager du Roi zu gehen, muss man damit rechnen, von freundlich-besorgten Einheimischen angesprochen zu werden, die einem zu verstehen geben, dass man sich doch offensichtlich in der Richtung geirrt habe. Wenn man dann aber zu verstehen gibt, dass man doch wohl genau auf dem richtigen Weg sei, nämlich zum Potager du Roi, dann wird das mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. So ist es uns jedenfalls einmal passiert.

Von Ludwig XIV. weiß man, etwa durch die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, der Frau des jüngeren Bruders des Königs, dass dieser –vorsichtig ausgedrückt- ein guter Esser war. „J’ai vu souvent le roi manger quatre pleines assiettes de soupes diverses, un faisan entier, une perdrix, une grande assiette de salade, deux grandes tranches de jambon, du mouton au jus et à l’ail, une assiette des pâtisserie et puis encore du fruit et des oeufs durs.“ Besonders beliebt waren bei Ludwig XIV. Erbsen, Artischocken, Spargel und Salate und beim Obst Birnen, Erdbeeren, und schließlich vor allem Feigen.  Damit das alles immer frisch auf seinen Tisch kommt, beauftragte er den Direktor der königlichen Früchte- und Gemüsegärten, Jean-Baptiste La Quintinie, einen neuen Garten anzulegen. Das dafür vorgesehene Gebiet –außerhalb, aber in der Nähe des Schlossparks- war, wie ja auch das gesamte Parkgelände- für eine solche Verwendung eigentlich überhaupt nicht geeignet: Es war ein sumpfiges, übel riechendes und deshalb „étang puant“ genanntes Gelände. Gewaltige und kostspielige Arbeiten, die sich über fünf Jahre von 1678 bis 1683 hinzogen, waren deshalb notwendig: Das Gelände musste entwässert werden, wofür das große Wasserbecken „des Suisses“ im Süden der Orangerie angelegt wurde. Zuständig dafür war –ebenso wie für die Bauten des Gartens- der Schlossarchitekt Jules Hardouin-Mansart. Die künftige Gartenfläche  wurde  zunächst mit einem jeweils leicht geneigten Geflecht von Steindrainagen überzogen, um Staunässe zu verhindern. Darüber kam dann der Aushub des pièce d’eau des Suisses. Weil das aber kein geeigneter Boden für einen königlichen Obst- und Gemüsegarten war, wurde tonnenweise einigermaßen fruchtbare Erde von den  Hügeln von Satory herangeschafft: Dort wurde nämlich gleichzeitig ein großes Wasserreservoir gegraben –  ein kleiner Teil der gewaltigen hydraulischen Arbeiten („travaux pharaoniques“), um den notwendigen Wasserdruck und die notwendige Wassermenge für die Unterhaltung der Brunnen und Fontänen im Park von Versailles sicherzustellen (1871 wurden dort übrigens tausende von Communarden,  u.a. Louise Michel,  monatelang unter freiem Himmel interniert, von denen viele starben). Für die Bodenverbesserung sorgten schließlich auch die etwa 5000 Arbeitspferde, die für den gleichzeitigen Bau des Schlosses eingesetzt wurden, und danach lieferten die 2000 Pferde in den königlichen Ställen von Versailles immer  Dünger im Überfluss. Dass Ludwig XIV. ausgerechnet an dieser Stelle seinen Park und seinen Gemüsegarten anlegen ließ – und wie er bis in die Einzelheiten gestaltet war- ist Ausdruck der Souveränität des Sonnenkönigs, dessen größtes Vergnügen es war, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch in Frankreich sehr verbreitet ist, wie der breite Widerstand gegen jede Abgabe von Souveränität an europäische Instanzen zeigt.

Der Garten ist in barocker geometrischer Strenge um ein kreisrundes grand bassin  gruppiert, das mit seinem hohen Springbrunnen die Mitte des Gartens markiert und gleichzeitig auch als Reservoir für die Bewässerung fungierte.

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Um den inneren Garten herum waren 29 weitere, von hohen Mauern umschlossene Obstgärten angelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass es zwischen 1800 und 2500 Obstbäume zur Zeit von La Quintinie gab –  vor allem Birn- und Apfelbäume.

LE POTAGER DU ROI (VERSAILLES) FRANCE

Vue perspective du potager royal de Versailles. Dessin de P. Aveline l’Ancien, extrait des Vues des belles maisons des environs de Paris édité par Langlois, 1685.

12 dieser Obstgärten gibt es heute noch. Und darinnen 160 Apfel-  und  140 Birnensorten! Dazu kommen noch andere Obstsorten wie Quitten oder Pfirsiche.  Und wie im Schlosspark wurde auch hier die Macht des Königs über die Natur demonstriert:  Fast alle Bäume waren in höchst kunstvoller, aber auch höchst unnatürlicher Weise beschnitten, mussten sich also dem menschlichen/königlichen Willen fügen. Ziel war aber vor allem ein doppelter Genuss: Ein Genuss für die Augen beim Betrachten des Gartens und ein Genuss für den Geschmack beim Verzehr seiner Produkte. Die mögliche Quantität des Ertrags wurde also – trotz der erheblichen vom Hof erwarteten Mengen- durch das radikale Beschneiden der Bäume und die Entfernung von Fruchtständen  ganz  erheblich reduziert. (Und immerhin blieben auf diese Weise waghalsige Klettertouren auf Leitern und Bäumen den königlichen Gärtnern –anders als uns normalen Hobbygärtnern- erspart).  Großen Wert legte La Quintinie auch darauf, das in Reih und Glied angepflanzte Spalierobst so anzuordnen, dass die Bäume jeweils optimaler, aber doch auch unterschiedlicher Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Auf diese Weise wurde die Erntephase erheblich ausgedehnt, wozu natürlich auch die Sortenvielfalt beitrug. Wichtig war dabei vor allem,  schon „vor der Zeit“  Obst und Gemüse ernten zu können. Dies galt besonders für die von Ludwig XIV. geliebten und in Massen vertilgten Feigen. Eigentlich waren ja Erdbeeren die Lieblingsfrüchte des Sonnenkönigs gewesen. Das waren allerdings nicht die heutigen Gartenerdbeeren., die  erst im 18.Jahrhundert u.a. auf der Grundlage der von französischen Siedlern in Kanada entdeckten Scharlach-Erdbeere gezüchtet wurden. Die Erdbeeren auf der Tafel des Sonnenkönigs waren dagegen Abkömmlinge der Walderdbeeren, die zwar sehr süß, aber ziemlich klein waren. Im Garten La Quintinies gab es davon 6 verschiedene  Sorten, die man auch heute noch im Potager du Roi finden kann. In der Corrèze werden sie übrigens, worauf mich unsere Freundin Marie-Christine hingewiesen hat, unter dem Namen „mara des bois“ verkauft.

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Allerdings entwickelte Ludwig  XIV. plötzlich eine heftige Allergie gegen Erdbeeren, so dass ihm sein Leibarzt Fagon 1709 deren Verzehr  untersagte.  Die Alternative auf der königlichen Tafel waren Feigen, an denen der König immer mehr Gefallen fand.  Also wurde nach dem Muster der „Orangerien“ auch eine „Figuerie“ im Potager du Roi eingerichtet, in der die in großen Kübeln gepflanzten Feigenbäume überwintern konnten.  Insgesamt waren es dann mehr als  700 Feigenbäume, die dem König und seiner Tafel pro Tag  4000 (!) Feigen mit so schönen Namen wie Grosse-Jaune, Grosse-Blanche, Gross-Violette, Verte oder Angélique lieferten. In seinem bis auf den heutigen Tag grundlegenden Gartenbuch, das La Quintinie hinterlassen hat, schreibt er über die Feige:

La bonne figue est donc celui de tous les fruits qui parmi nous mérite d’avoir la meilleure place en espalier (dans les pays chauds, elle en  pourrait être incommodée), mais pour juger de son extérieur et de son mérite, et par conséquent de l’estime qui lui est due, il n’y a qu’à voir le mouvement des épaules et des sourcils de ceux qui en mangent, et voir aussi la quantité qu’on en peut manger sans aucun péril à l’égard de la santé.“ (Instruction pour les jardins fruitiers et potagers, Arles 1999, S.432, zit. bei Baraton, S. 173)

Von den Feigen konnte der Sonnenkönig also so viele essen wie er wollte, ohne gesundheitliche Beschwerden fürchten zu müssen. Heute gibt es nur noch wenige Feigenbäume im Potager du Roi. Aber auf dem Gelände der ehemaligen Figuerie ist derzeit ein schönes künstlerisch gestaltetes Feld mit Getreide und Wildblumen angelegt.

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Gegessen wurde ja, wir hörten das schon von Liselotte von der Pfalz, reichlich an der königlichen Tafel. Ludwig XIV. verschlang die Feigen, und Obst spielte ganz allgemein eine bedeutende Rolle: Frankreich war damals noch nicht das Land der kunstvollen desserts, und jede Mahlzeit, auch jede noch so festliche, wurde mit einem Angebot an Früchten abgeschlossen. Deren Qualität hat La Quintinie ständig zu verbessern versucht- durch Veredelung natürlich, aber auch durch spezielle, den jeweiligen Obstsorten und ihrem Standort im Garten angepasste Spalier- und Schnitttechniken. Noch heute gibt es über 60 verschiedene Spalierformen im potager du roi, der  nicht nur Übungs- und Experimentierfeld für die angeschlossene angesehene Gartenbauschule ist (École nationale supérieure du paysage), sondern auch ein Ort, an dem die große Tradition französischer Nutzgartenkunst weiter gepflegt wird.

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Pfirsichspalier in der Form „cordon vertical ondulé double“

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Spalier in Fächerform (eventail)

Bevorzugtes Spalierobst waren übrigens bei Ludwig XIV. die Birnen. Die hatten nämlich gegenüber den Äpfeln den Vorteil, dass sie als edler galten und vor allem: dass sie weicher waren. Denn das Gebiss des Königs ließ mit zunehmendem Alter zu wünschen übrig, da waren reife, weiche Birnen gerade das Richtige für ihn.

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Das klassische Spalier für die Birnbäume war die „palmette horizontale Legendre à cinq branches“, also ein Birnbaum, von dem nach beiden Seiten jeweils fünf horizontale Äste abzweigen. Diese Spalierform fasst bis heute noch zahlreiche Gemüsebeete ein. Und fters gibt es auch die palmette  mit jeweils drei horizontalen Armen, und zwar vor allem bei Spalieräpfeln.

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Die Birnbäume stammen zwar nicht mehr aus der Zeit Ludwigs XIV., aber 100 Jahre alt sind sicherlich einige von ihnen.

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Das Gemüse wurde und wird in den um das „grand bassin“ gruppierten Gärten, dem Grand Carré, angebaut. Sie sind  z.T. mit Blumen- z.T. auch mit Sauerampfer-Rabatten und niedrig gehaltenem Spalierobst umrahmt. Die meisten Beete werden jährlich neu bepflanzt, u.a. mit den zu Zeiten des Sonnenkönigs  besonders modischen Erbsen.

Erbsen gibt es derzeit gleich unterhalb der Statue La Quintinies – und zwar eine  besonders schöne Sorte mit violetten Schoten. Ein verdienter Ehrenplatz!  1660 präsentierte nämlich der Mundschenk der comtesse de Soissons dem  gerade frisch vermählten Ludwig XIV.  grüne Erbsen, die er aus Italien mitgebracht hatte. Der König, seine junge Gemahlin und Kardinal Mazzarin probierten die Neuheit und Kostbarkeit, die  à la française, also mit weißer Soße, zubereitet war. Ludwig geruhte entzückt zu sein. Sobald danach die Saison der Erbsen begann, ließ sich der König einen ganzen Teller davon servieren, den er verschlang. Zwar war er die Nacht danach krank, aber das hielt ihn nicht davon ab, im nächsten Jahr sich wieder über die grünen Erbsen herzumachen.  Das war der Beginn der Erbsenmode, die am ganzen Versailler Hof Furore machte, und zwar ziemlich nachhaltig, wie aus einem Bericht der Madame de Sévigné von 1696 hervorgeht:

« Le chapitre des pois dure toujours: l’impatience d’en manger, le plaisir d’en avoir mangé, et la joie d’en manger encore, sont les trois points que nos princes traitent depuis quatre jours. Il y a des dames qui après avoir soupé avec le roi, et bien soupé, trouvent des pois chez elles pour manger avant de se coucher, au risque d’une indigestion : c’est une mode, une fureur, et l’une suit l’autre »

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Wer also etwas auf sich hielt am Hof des Sonnenkönigs, der verzehrte selbst nach einem ausgiebigen Mahl –gewissermaßen als „Betthupferl“-  noch einige Erbsen – drohenden Verdauungsstörungen zum Trotz…. Dass Erbsen etwas für feine Leute sind, hat sich übrigens anscheinend noch lange im kollektiven Bewusstsein erhalten. Denn noch 1841 geben Balzac und Arnould Frémy in ihrer „Physiologie du Rentier de Paris et de Province“ als eines der „Axiome“ des typischen Rentiers wieder, man müsse die Erbsen mit den Reichen und die Kirschen mit den Armen essen (“Il faut manger les petits pois avec les riches, et les cerises avec les pauvres“).

Neben Erbsen hatten es auch die damals ebenfalls exotischen Artischocken und dann vor allem der Spargel dem König angetan. Speziell für ihn  wurde der Potager du roi  nachträglich  noch erweitert: Ein zusätzlicher, spezieller Spargel-Garten wurde angelegt, ein „clos aux asperges“, der heutige Jardin Duhamel de Monceau.,  etwas versteckt im hinteren südlichen Teil des Potager du Roi neben dem Parc Balbi gelegen.  La Quintinie ließ die Spargelfelder – wie auch die Gemüsebeete- teilweise mit Frühbeetfenstern und Glasglocken abdecken, um die Sonne zu verstärken- so wie man das auf dem zwischen 1875 und 1890 entstandenen Gartenbild von Gustave Caillebotte sieht.

Caillebotte

Zum Schutz vor der Winterkälte wurden auf den Spargelfeldern Strohteppiche und warmer Pferdemist verwendet, der mehrmals am Tag erneuert wurde!  Und der Erfolg war überwältigend: Wie vom König gewünscht gab es pünktlich zu Weihnachten auf der königlichen Tafel Spargel, und  La Quintinie konnte in seinem Gartenbuch stolz feststellen, es sei ihm auf diese Weise als Erstem gelungen, „pour donner au plus grand roi du monde un plaisir qui lui était inconnu.“ Und damit nicht genug der Freuden: War doch der Spargel eine „Einladung zur Liebe“, wie Madame de Maintenon feststellte. Und die musste es ja wissen. Allerdings nur mittelbar. Denn Frauen war wegen der ihm zugeschriebenen aphrodisierenden Wirkung der Genuss des Spargels verwehrt!

Um den zentralen Garten herum wurde schließlich noch eine breite  Terrasse gebaut, damit der Sonnenkönig mit Wohlgefallen  seinen Garten und die Arbeit seiner emsigen Gärtner überblicken konnte; wenn  die Sonne einmal nicht schien,  sogar von der Kutsche aus. Den nicht standesgemäßen Gärtnern war der Zugang zur Terrasse allerdings verwehrt.  Heute steht dort auf einem Podest verdientermaßen La Quintinie mit den Attributen seines Metiers. Aber der war ja auch kein ordinärer Gärtner.

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La Quintinie war von Hause aus nämlich Rechtsanwalt. Wegen seiner umfassenden Bildung wurde er von dem Präsidenten des noblen „Cour des comptes“ mit der Erziehung seines Sohnes beauftragt, mit dem er eine Bildungsreise nach Italien unternahm. Dabei entdeckte La Quintinie die italienische Gartenkunst, die ihn so begeisterte, dass er hier seine eigentliche Berufung sah. Und da in dieser Zeit  in Paris Stadtpaläste (hôtel particulier) und im Umkreis der Stadt Schlösser für den Adel in Hülle und Fülle gebaut wurden, gab es Aufträge genug. Der „Finanzminister“ Ludwigs XIV., Nicolas Fouquet, holte La Quintinie zusammen mit den „drei großen Ls“,  Le Nôtre, Le Vau et Le Brun nach Vaux le Vicomte. Als Fouquet dann 1661 in Ungnade fiel, requirierte Ludwig XIV. das gesamte „team“ für sich. La Quintinie wurde zum Verwalter des königlichen Obst- und Gemüsegartens in Versailles und schließlich sogar zum   « directeur des jardins fruitiers et potagers de toutes les maisons royales » ernannt und geadelt: Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Gartenkunst bei dem Sonnenkönig hatte. Als La Quintinie 1688 starb, bekannte Ludwig XIV. der Witwe:  « Madame, nous avons fait une grande perte que nous ne pourrons jamais réparer. »

Ludwig XIV. liebte es denn durchaus auch,  seinen Garten auf Augenhöhe zu betrachten oder ihn stolz exquisiten Gästen wie dem Dogen von Venedig oder dem Botschafter von Siam von der umgebenden Terrasse aus zu zeigen.

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Für den königlichen Besucher gab es einen ganz speziellen  Seiteneingang:  Ludwig XIV. konnte  von seinem Schloss über die  Treppen der 100 Stufen (Escaliers des 100 marches) zur Orangerie heruntergehen und von dort aus über die Allée de la Piece d’eau des Suisses direkt durch die vergoldete und mit den Insignien des Königs versehene „Grille du Roi“  den Garten betreten:  Es ist übrigens das einzige noch erhaltene ursprüngliche Tor des gesamten Schlosskomplexes von Versailles.

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Ein weiteres –im Moment ja gerade „aktuelles“-  Beispiel für das große hochherrschaftliche Wohlwollen, dessen sich Gemüse  und –besonders exotisches- Obst in diesen Zeiten erfreute, ist ja auch Friedrich der Große – dem es besonders die Melonen angetan hatten, so dass er eigens eine „Melonerie“ errichten ließ. Und eine Orangerie gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung eines absolutistischen Hofes und manchmal sogar eines Klosters, wofür das auf die Zeit Karls des Großen zurückgehende Kloster Seligenstadt am Main ein schönes Beispiel ist: In der dortigen Orangerie wurden vor allem Ananas gezüchtet, mit denen die Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Rang kulinarisch zum Ausdruck brachten und sich und  ihre Gäste verwöhnten.

Sehr lohnend ist in diesem Zusammenhang auch ein Besuch im Louvre: Dort hängen die vier wunderbaren Jahreszeiten-Portraits, die  Archimboldo 1573 für Kaiser Maximilian II. malte. Der besaß schon eine solche Serie und war so angetan davon, dass er als Geschenk für den sächsischen Kurfürsten eine weitere in Auftrag gab, die seit 1969 als einzige vollständig erhaltene Jahreszeiten-Serie Archimboldos im Louvre ausgestellt ist.

Hier wird auch sehr anschaulich, dass ein Obst- und Gemüsegarten in jeder Jahreszeit seine Reize hat. Den Potager du Roi kann man von April bis Oktober besuchen, und das lohnt sich immer. Natürlich im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen und man die Gärtner bei den Pflanzarbeiten auf den Gemüsebeeten beobachten kann; aber auch im Sommer, wenn die Wildblumen auf der ehemaligen Figuerie und die Blumen auf den Rabatten blühen.

Dann zeigen sich auch die Gemüsebeete in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt. Da gibt es das Carrée für verschiedene alte und neue Erdbeer-Sorten, ein Carrée für alte aromatische Pflanzen, ein Carrée für Artischocken und Spargel usw.  Und  natürlich lohnt ein Besuch  im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen an den Spalieren leuchten

In dem früheren Spargel-Garten werden heute keine Spargel mehr angebaut. Es gibt dort kleine Parzellen, die z.T. von Studenten der Gartenbauschule unterhalten werden, z.T. auch von Schulen und anderen pädagogischen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. Das ist ein völlig anderes Gelände als der geometrisch strenge Barockgarten. La Quintinie würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er seinen „clos aux asperges“ in seinem heutigen Zustand sähe, entsprechend aber auch deutsche Schrebergarten-Funktionäre. Es ist aber ein wunderbarer ruhiger Ort.

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Man hat von dort aus einen schönen Blick auf die direkt vor dem Garten gelegene Cathédrale St-Louis, in der am Vorabend der Französischen Revolution (4.5.1789) die feierliche Eröffnung der Generalstände stattfand. Ab und zu blökt mal eines der Schafe, die im hinteren Teil des Geländes weiden, oder man hört einen Specht aus dem benachbarten –aber leider geschlossenen- Parc Balbi. Unter alten Aprikosen-Bäumen gibt es ein paar alte Plastik-Tische und Stühle. Sie sehen zwar wenig einladend aus –deshalb das vorsorglich mitgebrachte Tischtuch-  aber man kann sich  ungestört hinsetzen, in Ruhe sein mitgebrachtes Picknick verzehren und es sich gut gehen lassen. Das ist ein wunderbarer Abschluss eines Besuchs im Potager du Roi.

Bevor man den Garten verlässt, sollte man sich noch etwas in der kleinen Boutique am Eingang bzw. Ausgang des Gartens umsehen. Dort gibt es nämlich Kostproben von den jeweils 400 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, die noch heute im Potager du Roi angebaut werden.

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Praktische Hinweise:

10, rue du Maréchal-Joffre    Ab Paris RER C Richtung Versailles-Rive Gauche/Château; .Zugbezeichnung VICK

Die Fahrkarten kann man  an jeder Metro-Station in den Automaten kaufen und sie gelten für Metro und RER. Unbedingt empfehlenswert ist es, in Paris schon Rückfahrkarten zu kaufen- es gibt keine speziellen Hin- und Rückfahrkarten- denn nachmittags gibt es im Bahnhof von Versailles oft riesige Schlangen vor den  Fahrkartenautomaten oder Schaltern.

Vom Bahnhof ca 10 Minuten Fußweg zum Potager: Aus dem Bahnhof links die Avenue du Général -de-Gaulle bis zur Rue des Tournelles- rechts ab. Voilà!

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Öffnungszeiten: April bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr.  Eintrittspreis unter der Woche 4.50 €, an Wochenenden 7 €. Beim Kauf der Eintrittskarten sollte man sich den Flyer mit Informationen zum Garten und einem Plan geben lassen.  An Wochenenden und Feiertagen sind auch kommentierte Führungen um 11, 14.30 und 16.00 Uhr im Eintrittspreis eingeschlossen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man findet sich einfach zum entsprechenden Zeitpunkt an der Statue La Quintinies ein.

 

Aktuelle Informationen über die Geschichte und die künftige Entwicklung des Gartens findet man in dem Pressedossier der Ecole nationale supérieure de paysage, zu der der Potager du Roi gehört: Actions et investissement pour la conservation et la valorisation du Potager du Roi. 16. Oktober 2019. http://www.ecole-paysage.fr/media//ensp_fr/UPL1652196911725588501_DPactionsENSPpourPDR161019web.pdf   Kurzfassung:  http://www.potager-du-roi.fr/site/potager/Conservation-du-Potager-du-Roi-un-etat-des-actions-et-investissements-en-octobre-2019.htm

Anlass dieses Dossiers ist eine am 4. Oktober 2019 im Figaro erschienene  enquête mit dem bezeichnenden Titel: À Versailles, la lente agonie du Potager du roi  –  eine massive Kritik am derzeitigen Zustand des Gartens. Zur weiteren Diskussion siehe: Marc Menessier,  le Potager du roi est bel et bien en péril. Le Figaro répond aux dénégations des responsables de ce site historique «mal mené et malmené». Le Figaro vom 30.10.2019 https://www.lefigaro.fr/jardin/versailles-le-potager-du-roi-est-bel-et-bienen-peril-20191030 und eine Gegenposition eines Kollektivs französischer und italienischer Landschaftsgärtner: Les défis de la restauration du Potager du roi à Versailles. Un collectif craint que les critiques dont fait l’objet le jardin royal n’aient pour objectif d’en dénaturer la Mission afin d’en faire un lieu touristique. In: Le Monde vom 19./20. Januar 2020

 

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