Roncesvalles/Roncevaux – Der Mythos lebt … Ein Gastbeitrag von Ortwin Ziemer

Wenn sich in seiner Sprache und seinem kulturellen Erbe die Seele eines Volkes spiegelt, so trifft dies sicherlich ganz besonders auf seine Sagen und Legenden zu, und zwar in ganz speziellem Maße, wenn diese von markanten Orten verkörpert werden. Mythen, zunächst meist mündlich und erst später schriftlich überliefert, verketten erzählerisch bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten und verdichten sich im kollektiven Bewusstsein mehr und mehr zu oft identitätsstiftenden Orientierungspunkten bezüglich der nationalen Vergangenheit. Der eigentliche, ursprüngliche Gegenstand des Mythos wächst dabei meistens über dessen anfängliche Dimension hinaus und fast immer ist der historische Kern nicht mehr eindeutig nachweisbar bzw. nicht mehr klar zu identifizieren. Am Beispiel der Schlacht von Roncesvalles (15. August 778) und des rund zweieinhalb Jahrhunderte später darüber entstandenen Rolandsliedes, das im 19. Jhd. zum französischen Nationalepos wurde, zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie stark die Geschichte in solchen Mythen in ideologisierter Form reflektiert wird. Die Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte des vielleicht berühmtesten Versepos des Mittelalters vor Ort und in ganz Europa gibt noch heute interessante Aufschlüsse über religiöse, politische und geostrategische Vorstellungen, Ideen und Konzepte und den Zeitgeist, sowohl, was die Epoche der zugrundliegenden Ereignisse als auch die Entstehungsperiode des literarischen Werkes selbst betrifft. Gerade in diesem Kontext ist es für die Besucher unserer Tage interessant, welche Spuren davon in der kleinen Pyrenäengemeinde (frz. Roncevaux), die heute auf der spanischen Seite der Grenze in der Provinz Navarra liegt, noch heute sichtbar sind und was sie zu berichten haben.

Wenn man sich heutzutage der kleinen Ortschaft rund um das Kollegiatsstift Santa-Maria-la-Real (frühes 13. Jhd.) nähert, scheint auf den ersten Blick kaum noch etwas daran zu erinnern, dass hier einst eine der denkwürdigsten Schlachten der gesamten Regierungszeit Karls des Großen geschlagen wurde: Nach der erfolglosen Belagerung Saragossas im Rahmen seines Feldzugs gegen die als Mauren oder Sarazenen bezeichneten moslemischen Araber, die damals einen Großteil der iberischen Halbinsel besetzt hielten (Kalifat von Cordoba), hatte der Frankenkönig, der zu diesem Moment wohl gemerkt noch keinen Kaisertitel trug, auf dem Rückzug Pamplona, die Hauptstadt der  – nota bene – christlichen Basken verwüstet. Auf Rache sinnend, legten sich diese daraufhin bei Roncesvalles in einen Hinterhalt, ließen den Hauptteil des Frankenheeres wohlwissend abziehen und metzelten anschließend, aufgrund ihrer Ortskenntnis und zahlenmäßigen Überlegenheit auf der engen Passhöhe klar im Vorteil, die gesamte Nachhut Karls nieder. Dabei fand auch deren Anführer, der Markgraf Roland, den Tod. Mehr ist aus den wenigen Quellen, namentlich der „Vita Caroli Magni“ (ca. 830) von Karls Biograf Einhard, zu der historischen Begebenheit, die dem um 1100 entstandenen altfranzösischen Rolandslied zugrunde liegt, nicht bekannt oder belegt.

Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, im Hintergrund die Kollegiatskirche Santa-Maria-la-Real

Mehr als ein Vierteljahrtausend später, zur Entstehungszeit des Epos im späten 11. Jhd., erklären mehrere zeitgeschichtliche Faktoren die Umdeutungen der Schlacht von Roncesvalles bei der Abfassung des Rolandsliedes: Auf fränkischer Seite wurde diese Schlacht wenngleich nicht als Sieg überliefert, so jedoch zu einem christlichen Martyrium stilisiert. Sowohl Karl als auch Roland selbst werden zu christlichen Märtyrern, die beinahe wider besseres Wissen leidend in den Tod gehen (Roland) bzw. dem Unheil fast bewusst seinen Lauf lassen (Karl der Große). Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Motivparallele zwischen den zwölf Paladinen Karls, die die von Roland geführte, fränkische Nachhut begleiten und wie er aufgeopfert werden, und den zwölf christlichen Aposteln, die Jesus Christus auf seinem Leidensweg zur Seite stehen. Karls Feldzug ins islamisch beherrschte Spanien, bei dem er ebenfalls gegen „ungläubige Heiden“ kämpfte, wird auf diese Weise quasi mit dem zeitlich der Entstehung des Epos sehr nahen Ersten Kreuzzug (1096-1099) gleichgesetzt, zu dessen ideologisch-propagandistischer Rechtfertigung und Verbrämung das Werk somit beitrug. Eine auffallende Ähnlichkeit springt vor diesem Hintergrund auch zur Tafelrunde des Sagenkreises um König Artus ins Auge, die ebenfalls zwölf Mitglieder hatte und wie auch das Rolandslied christlich-höfische Ideale propagierte.

In Spanien werden Karl der Große und Roland zur selben Zeit als Akteure der Reconquista dargestellt, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel, deren erste Versuche ebenfalls bereits im 8. Jhd. begannen und die zur Entstehungszeit des Rolandsliedes und bereits seit der Jahrtausendwende vom christlich gebliebenen Nordspanien aus verstärkt vorangetrieben wurde. Das Rolandslied wurde auch dort reichlich rezipiert, was sicherlich auch ganz im Sinne von König Sancho VII. von Navarra, genannt dem Starken, gewesen sein dürfte, der im Bündnis mit Kastilien, Aragon und Portugal in der Schlacht von Las Navas de Tolosa (1212) die Truppen des Almohaden-Kalifen Muhammad an-Nasir besiegte und damit die islamische Vorherrschaft in al-Andalus bereits empfindlich schwächte. Der siegreiche Sancho ließ die bereits zu Beginn des 12. Jhd. erbaute Kollegiatskirche in Roncesvalles zu ihrer bis heute erhaltenen Form ausbauen und liegt dort seit der Überführung seiner Gebeine mehrere Jahre nach seinem Tod im Jahre 1234 prunkvoll begraben.

 Im vergangenen Jahr wurde der 800. Jahrestag der Weihung des Gotteshauses mit Festakt und Sonderausstellung begangen. Noch immer ist im der Klosteranlage angeschlossenen Museum neben anderen legendären Kuriositäten das sog. Schachbrett Karls des Großen zu bewundern, auch wenn es wenig wahrscheinlich ist, dass Karl daran tatsächlich mit dem Verräter Ganelon eine Partie des königlichen Spiels absolviert haben dürfte, als der verzweifelte Hilferuf auf Rolands Olifant an seine Ohren drang.

Aber solche Ausschmückungen sind eben sowohl für die Heldenepen selbst als auch für die entsprechenden Requisiten typisch. Die örtliche Nähe zum 1978 errichteten Denkmal für die Schlacht von Roncesvalles, in Sichtweite vor der Stiftskirche, die das Grabmal Sanchos VII. beherbergt, wirkt da rückblickend fast wie ein verschmitztes Augenzwinkern der Geschichte.

Schließlich spielte der Stoff des Rolandsliedes, ganz in der Tradition der mittelalterlichen Heldenepik der Chansons de geste stehend, gerade auch in den Stationen entlang des Jakobspfades eine wichtige Rolle, wo sie oft zur Erbauung und Unterhaltung der Pilger deklamiert oder auch gesungen wurden.

Dies dürfte insbesondere im Pilgerhospiz zu Roncesvalles der Fall gewesen sein, wo in Form des mühevollen Aufstiegs zum Ibañeta-Pass drei der vier wichtigsten Pilgerwege nach Santiago de Compostela seit ca. 1050 vereint die Pyrenäen überqueren. Ein massiver, rohbehauener Gedenkstein mit der schlichten Inschrift „Roldan“ (der spanischen Variante des Namens Roland) und der Jahreszahl der Schlacht (778) grüßt seit 1967 von der einsamen Passhöhe weit ins Land und hält die Erinnerung wach, fern wie ein Mythos …

Biographische Notiz: Ortwin Ziemer arbeitet seit 22 Jahren als Deutschlehrer auf La Réunion und unterrichtet dort vor allem Geschichte und Geografie bilingual in Abibac- und Europaklassen. Seine Interessen gelten dabei vor allem der europäischen Einigung (dabei speziell dem Platz der
Überseegebiete in diesem Prozess) sowie der Rolle des kulturellen Erbes in den deutsch-
französischen Beziehungen, hier nicht zuletzt den oft etwas unerwarteten Hintertreppen der
Geschichte.

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962 in Paris

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Sammlung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

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