
Dieses Schaubild aus dem Parisien vom 16. März zeigt, welche Parteien im ersten Wahlgang der Pariser Kommunalwahlen am 15. März 2026 in den einzelnen Pariser Arrondissements in Führung lagen. In den blauen Arrondissements war das eine Mitte-rechts-Koalition (LR,MoDem, UDI), deren Spitzenkandidatin für das Amt der Bürgermeisterin von Paris Rachida Dati von der konservativen Partei Les Républicains (LR) ist. Dati ist Bürgermeisterin im 7. Arrondissement und wurde dort schon im ersten Wahlgang direkt wiedergewählt. Zuvor war sie Kultusministerin und auch schon Justizministerin, muss sich allerdings im September 2026 in einem Prozess u.a. wegen Vorwürfen der Korruption verantworten. In den roten Arrondissements hatte ein linkes Parteienbündnis (PS, Grüne, PCF) im ersten Wahlgang die Mehrheit. Spitzenkandidat ist hier der Sozialist Emmanuel Grégoire. Er war von 2014 bis 2024 in der Pariser Stadtverwaltung tätig, zuletzt als premier adjoint, also „zweiter Mann“ nach der Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die nicht mehr kandidiert. In dem gelben 5. Arrondissement lag im ersten Wahlgang Pierre-Yves Bournazel vor, der eine von Macron unterstützte liberale Liste (Renaissance-Horizonts) anführt.
Ich habe dieses Schaubild ausgewählt, weil es -zusammen mit dem Vergleichsbild der Wahlen von 2020- eindrucksvoll die politische Ost-West-Spaltung von Paris zeigt, die für Kommunal- wie auch für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen charakteristisch ist. Die Polarisierung der Wählerstimmen -für die Rechte im Pariser Westen, für die Linke im Pariser Osten- hängt eng mit der sozialen Struktur der Stadt zusammen. Der Westen ist geprägt von einer „gutbürgerlichen“ Wählerschaft (cadre et bourgeois), die Wählerschaft im Osten ist sozial und auch bezogen auf die ethnische Herkunft stärker gemischt (social et ouvrier- Claude Dargent, CEVIPROF). Das geht auf die in den östlichen Vororten wie im Faubourg Saint-Antoine heimischen Handwerksbetriebe und die im Zuge der Industriellen Revolution in den östlichen Arrondissements errichteten Industriebetriebe zurück.
Der Gegensatz zwischen dem reichen Pariser Westen und dem ärmeren Osten bildete sich aber schon früher heraus, als Aristokratie und reiches Bürgertum den Osten der Stadt, vor allem das Marais, verließen und sich im den Faubourgs Saint-Honoré und Saint-Germain oder noch weiter im Westen Richtung Versailles niederzulassen (z.B. Neuilly-sur-Seine). Seit der Juli-Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit der Ära Haussmann hat sich die „ségrégation horizontal“ dann weiter ausgeprägt. (Bernard Marchand: Paris, histoire d’une ville, 1993). Und die bei Haussmann noch vorhandene „ségrégation vertical“ (die Reichen in den noblen Etagen, die Armen/Bediensteten unter dem Dach) gibt es heute auch kaum noch- dazu sind die Wohnungspreise im Pariser Westen viel zu hoch: Ein Quadratmeter Altbau kostet dort aktuell durchschnittlich über 10 000 Euro, im östlichen 19. Arrondissement dagegen „nur“ 7500 Euro (NouvelObs Immobilier März 2026). Für die traditionelle Arbeiterschaft und Geringverdiener ist auch das natürlich nicht tragbar. Die müssen dann in die angrenzende noch ärmere Banlieue abwandern, falls sie nicht das Glück haben, eine Sozialwohnung zu erhalten – von denen gibt es im Osten der Stadt immerhin deutlich mehr als in den westlichen Stadtteilen, wenn auch bei weitem nicht genug. Und dann gibt es ja auch schöne Ecken im östlichen Paris, in denen sich gerne -und mit gutem sozialen und ökologischen Gewissen- wohlhabende Bobos (bourgeois-bohème) niederlassen- wie beispielsweise im quartier de la Mouzaïa, einer einst für die Arbeiter in den dortigen Steinbrüchen errichteten Siedlung im 19. Arrondissement oder in manchen der früheren Handwerkerhöfen des Faubourg Saint-Antoine…
Die politischen Konsequenzen der Spaltung der Stadt zeigten sich in allen Revolutionen von 1789 über 1830, 1848 und 1871, an denen die Bevölkerung des Pariser Ostens einen wesentlichen Anteil hatte. Und sie zeigt sich bis heute in den Wahlergebnissen der Stadt…
Ausblick:
Am Sonntag 22.3. findet dann der zweite Wahlgang statt. An dem stehen drei Listen zur Auswahl: Die beiden Listen von Dati und Grégoire und dazu noch eine Liste der linken LFI (La France Insoumise). Die hatte mit ihrer „Spitzenkandidatin“ Sophia Chikirou, der Partnerin des LFI-Gründers und Chefs Melenchon, im ersten Wahlgang über 10% der Stimmen erreicht (11,7 Prozent) und damit die Berechtigung, am entscheidenden zweiten Wahlgang teilzunehmen. Der im 5. Arrondissement in Führung liegende liberale Kandidat ist dagegen -entgegen vorhergehender Bekenntnisse- ein Wahlbündnis mit Dati eingegangen, und Sarah Knafo, Lebens- und politische Gefährtin des Rechtsextremisten Eric Zemmour, die im ersten Wahlgang ebenfalls über 10% der Stimmen gewann, hat auf eine Teilnahme am 2. Wahlgang verzichtet, um eine Zersplitterung der Stimmen des rechten Spektrums zu verhindern. Diese Zersplitterung gibt es nun aber (aus für mich nachvollziehbaren Gründen) auf der linken Seite… Grégoire hatte zwar im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen als Dati, aber im zweiten Wahlgang sind die Karten neu gemischt, der Ausgang ist völlig offen… Und völlig offen ist auch, wie lange Dati, falls sie denn gewinnen sollte, angesichts des bevorstehenden Prozesses wird im Amt bleiben können… Ihr Förderer, der verurteilte Ex-Präsident Sarkozy, lässt grüßen…
Persönliches Nachwort:
Mit der Ost-West-Spaltung der Stadt wurden wir übrigens persönlich konfrontiert, als wir 2009 eine Mietwohnung in Paris suchten. Wir bekamen da einen Hinweis auf eine sehr schöne -auf Zeit zur Verfügung stehende und deshalb auch bezahlbare- Wohnung im noblen 16. Arrondissement. Unsere Pariser Freunde, denen wir das erzählten, waren entsetzt. Ins 16. …???…!!! Zur allgemeinen Zufriedenheit (vor allem unserer) entschieden wir uns schließlich aber für eine Wohnung im populären 11. Arrondissement: In der Wohnung im 16. gab es nämlich keine Waschmaschine, und weit und breit kein Waschsalon; und was Lebensmittelgeschäfte und öffentliche Verkehrsmittel angeht, sah es auch nicht viel besser aus…
Aktuelles Nachwort vom Wahlabend:

Die Ost-West-Spaltung von Paris bleibt übrigens auch nach dem 2. Wahlgang erhalten. Sie verstärkt sich sogar noch: Im 9. Wahlkreis gibt es im zweiten Wahlgang eine Mehrheit für Grégoire, ebenfalls im 5. Arrondissement.
Ihre Wahlanalyse vom 26. März überschreibt Le Monde mit den Worten:
„Noch niemals war die Hauptstadt derart in zwei politische und geographische Blöcke gespalten“
Angesichts der Übersichtskarte des gespaltenen Paris stellt sie sogar die rhetorische Frage, ob es sich hier um Paris oder nicht vielmehr um das Berlin vor dem Mauerbau handelt….

Dass Grégoire entgegen allen Voraussagen so deutlich gewonnen hat, ist offenbar darauf zurückzuführen, dass die liberalen Wähler/innen Bournazels im zweiten Wahlgang deutlich mehr für Grégoire gestimmt haben als erwartet. Und ein Teil der Wähler/innen von La France insoumise hat ebenfalls im zweiten Wahlgang mit einem sogenannten vote utile für Grégoire gestimmt, um einen Wahlsieg von Rachida Dati zu verhindern. Eine wichtige Rolle hat auch das neue Wahlsystem gespielt, bei dem die Wahl des Bürgermeisters von Paris und der Bürgermeister in den Arrondissement getrennt waren. So haben offensichtlich viele Wähler/innen in den Arrondissements rechts, für die Wahl des Pariser Stadtoberhaupts aber links abgestimmt.
Eine eindrucksvolle Karte und ein informativer Text. Zum Glück ist die Wahl aus meiner Sicht gut ausgegangen. Danke für die Infos! Liebe Grüße Rotraut
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… aus unserer Sicht auch! Schöne Grüße aus dem sonnigen Paris! Wolf
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Vom Überblick zum Durchblick. Dank dafür.
Und: War Frau Dati nicht Kulturministerin (Affaires culturelles)?
In Deutschland kann man freilich Dienerin für den Kultus werden, wiewohl die Entstehung dieses Ministeriums – heute Ebene der Bundesländer – mit dem sogenannten Kulturkampf in Preußen zu Bismarcks Zeiten zusammenhängt.
Frühjahrsgrüsse aus Berlin
Christoph-M. Stegers
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Vielen Dank für den Hinweis.! Ja, natürlich – Dati war KULTUR- Ministerin – ein Amt allerdings, in dem sie sich kaum mit Ruhm „bekleckert“ hat. Dazu passt, dass die Kultur in ihrem Wahlprogramm nur eine höchst periphere Rolle spielt. Aber das gilt auch für die anderen Kandidat/innen. Siehe Mark Zitzmann, Der Kampf um Paris. FAZ vom 16.3.2026. Schöne Grüße aus dem sonnigen Paris. Wolf Jöckel
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Danke für diesen Einblick. Wir fühlen uns durch den Blog immer bestens über unsere Zweitlieblingsstadt informiert.
Herzliche Grüße aus Hamburg
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Ich weiß nicht, wie jemand, der so viel Geld veruntreut hat und eigentlich ins Gefängnis müsste, überhaupt zur Wahl steht. Rachita Dati hat das Geld privat eingesteckt, während Sarkozy es wenigstens für die Partei ausgegeben hat….!
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