Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs- Elysées

Die Entdeckung des Hotel Païva verdanken wir Abercrombie und Fitch. Die eröffneten nämlich 2012 eine Filiale auf den Champs-Elysées, ein mediales und touristisches Ereignis ersten Ranges: Ein nobles Haus mit goldverzierten Türen, muskelbepackten Türstehern, die sich und ihre six-packs bereitwillig mit Besucherinnen ablichten ließen, und Innen eine geheimnisvoll-dunkle erotisch aufgeladene Atmosphäre mit entsprechender Musik und männlich-schwülstigen Wandgemälden, also ein echter Verkaufstempel.  Da wird man natürlich neugierig und darf es auch sein, wenn Freunde mit jugendlichem Nachwuchs im Abercrombie und Fitch-Alter in Paris sind.  Die Champs-Elysées gehören ja nun nicht gerade zu unseren Lieblingsorten in Paris.   Die Warteschlangen waren allerdings fast so lange wie die vor Notre Dame und reichten bis vor die benachbarte Nr. 25.  Also bis vor das Hôtel Païva,  und wenn ich überhaupt schon einmal an der Nr. 25 vorbeigegangen war, hatte ich weder deren bronzebeschlagenen Eingang noch die reich verzierte Fassade bemerkt. Schließlich ist die auch zurückgesetzt, und davor hat sich die noble Cocktail-Bar Napoleone breit gemacht. Es gibt auch keine der Informationstafeln, wie sie an vielen historisch interessanten Orten von der Pariser Stadtverwaltung platziert sind, und noch nicht einmal ein Schild, das Auskunft geben würde, wer hier residiert.

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Hinter diesem geheimnisvollen und eher abweisenden Äußeren stößt man aber –wenn man Glück hat und einem das Tor geöffnet wird-  auf einen verborgenen Schatz: Das Hôtel Païva ist das einzige noch erhaltene Stadtpalais aus dem second empire, also der Zeit Napoleons III.  vor 1870,  auf den Champs-Elysées. Diese hatten noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren eher ländlichen Charakter bewahrt. Die bessere Gesellschaft besuchte einen der im Grünen gelegenen Tanzpaläste wie das Mabille, in dem die Polka und der Cancan erfunden wurden. Und es war eine Promeniermeile, auf der die Kutschen zum Bois de Boulogne fuhren.  Im zweiten Kaiserreich entwickelten sich die Champs Elysées dann zum „haut-lieu de la vie élégante parisienne.“ Eine Geldaristokratie von Bankiers und Industriellen errichtete entlang der Avenue luxuriöse Villen im historisierenden Stil. Eine davon, die einzig erhaltene, war das Hôtel Païva, ein wahrhaftiges Märchenschloss, wie man es sich phantastischer kaum ausmalen kann. Ein dreistöckiges Gebäude, unten repräsentative, überreichlich ausgestattete Salons für die Gäste, oben die Privaträume von Hausherr und Hausherrin, ebenfalls vom Feinsten dekoriert, und unter dem Dach –so wie es im Paris des Baron Haussmann üblich wurde- die Räume der Bediensteten.

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Der große Saal

Besonders phantastisch ist im oberen Stockwerk das Badezimmer im maurischen Stil:

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Von den drei Hähnen der eisernen Badewanne soll einer für Eselsmilch oder Champagner bestimmt gewesen sein.

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Und natürlich waren die ursprünglich nicht so schlicht wie auf dem Foto, sondern mit Edelsteinen verziert, vielleicht Türkise oder Rubine, da gibt es unterschiedliche Versionen. Eine weitere, 900 Kilogramm schwere  Badewanne war aus einem einzigen Onyx-Block gefertigt. Onyx- der nordafrikanische Marmor- war gerade erst einige Jahre vorher in einem römischen Steinbruch nahe Oran wiederentdeckt worden und wurde im zweiten Kaiserreich Napoleons III. aufgrund seines großen Wertes nur zur Ausschmückung der allerfeinsten Häuser verwendet.

Download Onyx Badewanne

Das Schlafzimmer darf dahinter natürlich nicht zurückstehen. In einer mit  einer Geburt der Venus –was sonst?- ausgemalten Nische stand –heute leider nicht mehr- wie ein Altar das extravagante Bett, das ebenfalls das Motiv der aus einer Muschel steigenden Venus aufgreift.

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161 Bett der Paiva

Wie die Badewanne ist auch die grandiose und weltweit wohl einzigartige theatralische Treppe aus Onyx gefertigt, die das Zentrum des weitläufigen Gebäudekomplexes bildet. Nicht nur die Stufen und das Geländer, sondern auch die Wände sind aus Onyx, die  Nischen sind geschmückt mit Marmor-Statuen im Stil von Antike und Renaissance…

81 Vergil Dante Petrarqua im Treppenhaus 110 Treppe von unten

Der Skupturenschmuck ist bewusst gewählt: Die Statuen stellen Dante, Vergil und Petrarca dar, dazu gibt es die Büste eines römischen Kaisers  und ein Medaillon-Relief der schönen Meeresgöttin Amphitrite, die auf einem als Brautwerber ausgesandten Delphin zur Vermählung mit Poseidon reitet: Schönheit, Macht und Kultur sind hier also programmatisch versammelt.

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Zu diesem Märchenschloss passt auch das nicht weniger märchenhafte Leben der Frau, die dort residierte und dem Hôtel de Païva ihren Namen gegeben hat. Geboren wurde sie 1819  in Moskau als Esther bzw. Thérèse  Lachmann,  Tochter des armen, aus Polen stammenden jüdischen Webers Martin Lachmann und seiner Frau Anna Amalie Klein. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie den am Rand des jüdischen Ghettos wohnenden französischen Schneider François Villoing, mit dem sie ein Kind hatte. Thérèse war ausgestattet mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „sensuelle et dangereuse beauté“, ja sogar einer „beauté de diable“. Dass die Schönheit der jungen Dame als gefährlich bezeichnet und sogar mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, lässt ahnen, dass es nicht bei einem trauten Familienleben mit dem Moskauer Schneider bleiben wird:  Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit ließ Thérèse  Mann und Kind in Moskau zurück und machte sich in Begleitung eines Liebhabers nach Paris, in die Stadt ihrer Träume, auf.  In ihrem Tagebuch berichten die Gebrüder Goncourt eine phantastische, romaneske  Version dieser Fahrt:  Stationen seien Wien und Constantinopel gewesen, wo sich Thérèse habe verkaufen müssen, um ihre Fahrtkosten zu bezahlen. Dort sei sie  von Agenten des Sultans entführt und in einem Harem eingeschlossen worden, aus dem sie sich aber habe befreien können. Auf einem Handelsschiff sei sie nach Amsterdam und von dort aus schließlich nach Paris gekommen (AD, 28/29). Hier  erwarb sie sich schnell einen hervorragenden Ruf als „lorette“, wie die Pariser Prostituierten damals genannt wurden, weil sie vornehmlich im Umkreis der Kirche Notre-Dame-de-Lorette ihre Dienste anboten. Schließlich wurde sie die Mätresse von Henri Herz, einem international gefeierten Pianisten, Komponisten und innovativen Klavierbauer. Er führte sie in die bessere Pariser Gesellschaft ein und machte sie u.a. mit Liszt, Wagner und Théophile Gautier bekannt, der ihr lebenslanger Freund und Vertrauter wurde. Aber auch die Beziehung zu Herz war nicht von langer Dauer, wofür vor allem  ihr Hang zu Luxus und Verschwendung und ihr entsprechend ungehemmter Zugriff auf das Vermögen ihres Liebhabers verantwortlich waren. Verständlicher Weise  war seiner Familie diese Liaison ein Dorn im Auge und sie nutzte 1848 die Gelegenheit einer längeren Konzertreise von Henri Herz dazu, Thérèse vor die Tür zu setzen. Krank und mittellos machte sie sich nach London auf, wo sie die Mätresse einiger Lords wurde, aber auch Kontakte zu anderen reichen Männern nicht verschmähte. Eine ihrer Eroberungen war der reiche Bankier Alphonse Gaiffe, von dem sie, wie berichtet wird,  20000 Francs gefordert habe, die sie dann  während des Schäferstündchens nach und nach in Flammen aufgehen ließ. Allerdings habe Gaiffe vorgesorgt und sich mit gefälschten Scheinen zum Rendezvous begeben…

Zurück aus London mietete sie eine Wohnung an der Place St. George in einem noblen Stadtpalais, dessen Fassade mit Statuen im Stil von Gotik und Renaissance reich verziert war. Für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich, eine Informationstafel der Stadt Paris informiert aber über die Geschichte dieses Hauses, das bis heute „Hôtel Païva“ heißt – auch wenn es nicht das eigentliche Hôtel dieses Namens ist. Die Place St. George lag in dem Nouvelle Athène genannten aufstrebenden Viertel der Künstler und Intellektuellen (heute 9. Arrondissement), in dem George Sand, Musset, Chopin und die Brüder Goncourt wohnten.

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Hier führte Thérèse das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene des second empire, mit vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, zum Teil bis ins Kaiserhaus hinauf.  Thérèse muss also eine mysteriöse Aura und Anziehungskraft gehabt haben, um sich solche Männer zu lebenslangen Vertrauten zu machen (AD, S. 67 und 96).

Aber es fehlte ihr immer noch an voller gesellschaftlicher Anerkennung, wie folgende Episode –mit ungesichertem Wahrheitsgehalt- zeigt: Sie habe, noch zu Zeiten ihrer Beziehung zu Henri Herz, diesen zu einer Einladung des Königs Louis-Philippe in die Tuilerien begleitet. Dort sei ihr –obwohl sie allgemein als Madame Herz firmierte-  signalisiert worden, dass sie draußen zu bleiben habe: aus Gründen, die „Madame“ gut kennen müsse… (AD, 48). Da traf es sich gut, dass nach der Trennung von Herz und ihrer Rückkehr aus London  ein reicher Portugiese der schönen Thérèse verfiel: Der Marquis Albino Francisco de Araújo de Païva. Ob es sich wirklich um einen Adeligen handelte, scheint nicht ganz klar zu sein. Unterschiedlich sind auch die Darstellungen, was seine damalige finanzielle Lage anging: Ob er noch der reiche Erbe des in Macao angehäuften elterlichen Vermögens war oder schon bis zum Hals in Schulden steckte. Auf jeden Fall hatte er –zu Recht oder Unrecht- einen respektablen Namen. Und auf den hatte es Thérèse abgesehen. Da gerade rechtzeitig der Moskauer Schneider verstarb, konnte die verwitwete Madame Villoing am 8. Juni 1851 den portugiesischen Marquis heiraten.

Aber schon am Tag nach der Hochzeit soll die frischgebackene Marquise de Païva ihrem Mann das Kündigungsschreiben ausgehändigt haben: Er habe erreicht, was er wolle und sie zu seiner Frau gemacht. Sie trage jetzt seinen Namen. Also seien sie quitt. Nachdem sie ihren Part ehrenhaft absolviert habe, solle er jetzt nach Portugal zurückkehren, was er auch tat.  Mit dem Marquis de Païva nahm es dann ein schlimmes Ende:  Wieder in Paris und völlig ruiniert soll er seine Freunde zu einem Gelage ins Maison Dorée eingeladen haben, und dann schoss er sich – und das scheint verbürgt zu sein-  eine Kugel in den Kopf…

Ganz anders Thérèse-Pauline-Blanche, wie sie sich jetzt als  frischgebackene Marquise  von Païva nannte, deren Aufstieg sich unaufhaltsam fortsetzte. Zunächst kaufte sie sich ein Grundstück auf den Champs-Elysées – der Legende nach genau dort, wo sie einmal von einem wenig galanten Liebhaber aus dem Fiaker geworfen worden war. Und mit dem Kauf dieses Grundstücks an den aufstrebenden Champs schuf sie die Voraussetzung, das zu erfüllen, was sie 1848, verlassen von Henri Herz, krank und mittellos, sich und ihrem Vertrauten, dem Schriftsteller  Théophile Gautier, geschworen hatte, bevor sie sich nach London aufmachte: „Si j’en reviens, je veux avoir aux Champs-Elysées, le plus bel hôtel de Paris.“ (Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf den Champs-Elysées das schönste Stadtpalais von Paris haben). Für das erträumte Märchenschloss reichte ihr Geld aber dann doch nicht. Und da kommt nun der deutsche Märchenprinz ins Spiel: Der Reichsgraf und spätere Fürst Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel von Donnersmarck, kurz auch:  Guido Henckel von Donnersmarck.

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Donnersmarck war einer der reichsten Männer seiner Zeit. Von seinem Vater hatte er umfangreichen Grundbesitz in Schlesien und Osteuropa geerbt, dazu zahlreiche Bergwerke und Eisenhütten in Oberschlesien, das sich damals zu einer bedeutenden Bergbauregion entwickelte. Dieses Erbe vermehrte Donnersmarck sehr zielstrebig, wobei er sich als einer der ersten Adligen auch Fremdkapital beschaffte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Belgien. Dem Aufsichtsrat einer seiner Aktiengesellschaften gehörte sogar der Halbbruder von Napoleon III. an. So wird es zu erklären sein, dass Donnersmarcks Wege öfters auch nach Paris führten. Dort –so jedenfalls die anscheinend wahrscheinlichste Version- wurde der Marquise von Païva bei einem Opernbesuch der 25-jährige Guido vorgestellt. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick oder -noch treffender in der französischen Ausdrucksweise: ein coup de foudre, ein amouröser Blitzschlag. Für Guido war die schöne, geistreiche, gesellschaftlich gewandte und geschäftstüchtige Païva ein Geschenk des Himmels. „Sa science amoureuse dans l’intimité“ wird sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Aber sie war für ihn eine Frau ohne Vergangenheit und so redete er sie mit dem Vornamen an, den sie bisher noch nie benutzt hatte: Blanche. Für sie war Guido von Donnersmarck ebenfalls ein Geschenk des Himmels: jung, stattlich, „d’une grande beauté“; eine Erscheinung, die sehr gut in das romantische Milieu des Neuen Athens passte, dabei aber ein Mann von echtem und höchstem Adel und größtem Reichtum. Problematisch war allerdings der große Altersunterschied von 11 Jahren. Aber da wusste die Païva Abhilfe: Sie ließ ihre Geburtsurkunde fälschen: Aus 1819 wurde 1826 (siehe auch die Ahnentafel Anmerkung 4), und da waren es nur noch erträglichere 4 Jahre Unterschied… Aber neu geboren war die Païva seit ihrem Zusammentreffen mit Donnersmarck ja tatsächlich, denn damit endete ihr bisheriges Leben als „Lebedame“ und ein neues Leben an der Seite Donnersmarcks begann für sie. Und zwar wirklich kein schlechtes:

Zunächst kaufte Guido seiner Geliebten als Sommersitz das westlich von Paris gelegene Schloss Pontchartrain, das von keinem Geringeren als dem großen Mansart neu erbaut, von dem Architekten Pierre Manguin renoviert und von Blanche neu eingerichtet wurde und in dessen Park sie nach Herzenslust –zum Befremden ihrer Bediensteten: in Männerkleidung- ausreiten konnte. Das schmiedeeisernen Tor ist mit Krone und den Initialien D und G geschmückt, was zu dem Reichsgrafen Guido von Donnersmarck passen würde. Inzwischen gehört das Schloss irgendeiner anonymen Gesellschaft. Die ist so anonym, das es nicht einmal ein Schild des jetzigen Eigentümers gibt. „On ne visite pas“, wie es auf der homepage des Ortes Pontchartrain heißt, auch wenn das Schloss seine Hauptsehenswürdigkeit ist. Wir mussten also, als wir kürzlich hinfuhren, draußen bleiben, denn über die in Frankreich meistens und hier auch erforderliche Sesam-öffne-dich- Zahlenkombination verfügen wir natürlich nicht. Aber immerhin sprangen zwei Rehe zu unserer Begrüßung über die „Le-Nôtre-Perspektive“. Da hatten wir aber unsere Fotos noch nicht gezückt. Gerne hätten wir natürlich auch einen Blick in den weitläufigen Park hinter dem Schloss geworfen und nachgesehen, ob es die Gewächshäuser noch gibt, in denen auf Anordnung der Païva das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse gedieh, so dass sie auch im Winter ihren Gästen frische Erdbeeren servieren konnte- der Postager du roi Ludwigs XIV. in Versailles lässt grüßen

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Aber dann gab es da ja noch das Grundstück auf den Champs Elysées und das Gelübde der Thérèse von 1848, dort das schönste Haus von ganz Paris zu errichten. Und natürlich war es für Guido von Donnersmarck eine Selbstverständlichkeit, seiner Geliebten auch die Erfüllung dieses Gelübdes zu ermöglichen. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit der Planung beauftragt wurde der  Architekt Pierre Manguin, der schon Pontchartrin renoviert hatte. Und für die opulente Innenausstattung wurde fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte bzw. kostbar war. “Die größten Künstler der Epoche haben“, wie es in einer Führungsankündigung heißt, „an den vergoldeten Holzschnitzereien, den Skulpturen und Gemälden gearbeitet. Der strahlende Reichtum der Ausstattung, des Marmors, der Bronzen, der Keramiken und Mosaiken haben dieses Hôtel zur Legende gemacht.“ Den Auftrag für das Deckengemälde im große Salon erhielt beispielsweise Paul Baudry, der danach berühmt wurde durch die Ausmalung des Foyers  der Opéra Garnier. Und es ist durchaus denkbar, dass Garnier, der zum Bekanntenkreis der Païva gehörte, in ihrem Hôtel Baudry für sich entdeckte.

Als Thema für das Deckengemälde wählte Baudry Der Tag vertreibt die Nacht – und als Modell für die Nacht soll die Païva höchstpersönlich  Modell gestanden (oder gelegen)  haben; ebenso für die  aus blütenweißem Marmor gefertigte Allegorie der Musik auf dem Kamin im großen Salon. Deren Schöpfer war Eugène Delaplanche, ebenfalls ein prominenter Künstler des second empire,  der wie Baudry später auch an der Ausgestaltung der Pariser Oper mitwirkte.

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Es erscheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass bei der Aufzählung der an der Ausschmückung des Stadtpalais beteiligten Künstler teilweise auch der junge Auguste Rodin genannt wird: Das ist aber sicherlich eine der vielen Ungenauigkeiten und Übertreibungen, auf die man immer wieder stößt, wenn es um die Païva und ihr Märchenschloss geht. Unzweifelhaft beteiligt war dagegen der junge Jules Dalou, der große Bildhauer der Dritten Republik, der unter anderem die repräsentative Figurengruppe auf der Place de la Nation gestaltete.

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Hier im Hôtel Païva verdiente er sich seine ersten künstlerischen Sporen und arbeitete am Skulpturenschmuck mit und angeblich soll er sogar das Venus-Muschel-Bett geschaffen haben, das dann von Baudry ausgemalt wurde (AD, 124). Dass auch Rodin genannt wird, hängt vielleicht damit zusammen, dass Dalou mit Rodin sehr eng befreundet war: Rodin hat auch eine Bronzebüste von ihm gestaltet, die im Musée Rodin in Paris zu sehen ist –eine weitere im wunderbaren Musée La Piscine in Roubaix. Und warum hätte nicht auch noch der junge Rodin zur Ausstattung des Hotels Païva beitragen sollen?

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Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Manguin und die Païva das Hôtel nicht mit Antiquitäten ausstatteten, sondern durchweg Künstler ihrer Zeit beauftragten: erfahrene und renommierte, gleichzeitig aber auch noch junge, aufstrebende Künstler wie Baudry und Dalou. So konnte das Hôtel de Païva zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk des second empire werden.

Die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt verfolgte den 10 Jahre dauernden Bau mit größtem Interesse, aber auch mit einiger Häme. So bemerkte Le Figaro während derBauarbeiten, auch wenn das Hôtel noch nicht fertiggestellt sei, könne „Madame la Marquise de Païva“ schon einziehen und fügte dann zur Begründung anzüglich hinzu, das Trottoir sei ja schon fertig.

Aber als 1866 das Märchenschloss eingeweiht wurde und Donnersmarck und die Païva zu Tee, Dîners oder Festen einluden, drängelte sich dann doch „tout Paris“: Aus Neugierde auf das Haus, wegen der erlesenen Speisen mit den frischen Zutaten aus Pontchartrain; teilweise sicherlich auch wegen möglicher geschäftlicher oder politischer Kontakte mit Donnersmarck. Vor allem aber kam man wegen der anregenden und unterhaltsamen Hausherrin. Immerhin war die Païva sehr sprachbegabt: Als sie nach Paris kam, sprach sie schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Polnisch; Während der Beziehung zu Herz kamen dann noch das Englische dazu – und natürlich das Klavierspiel. In seinen Mémoires d’un Parisien berichtet Georges Duval, diese „diablesse de femme“ habe die ganze Welt gekannt, alle Bücher und alle Zeitungen gelesen. Sie erzähle Anekdoten aus Polen, russische Aperçus, Londoner Skandale. Sie wisse alles über die Pariser Gesellschaft. Außerdem sei sie eine vollendete Musikerin. Bei seinem Besuch habe sie sich an den Flügel gesetzt und die Ouvertüre von Bellinis Oper Norma mit einer Intensität gespielt, die alle Anwesenden bezaubert habe (AD,130). Der zum engen Freundeskreis der Païva zählende Kunstkritiker Arsène Houssaye war voll des Lobes über die geistvollen Unterhaltungen an ihrer Tafel. Niemand erlaube es sich, die Ohren mit Allgemeinplätzen und Altbekanntem zu belästigen.  Langweiler, die da nicht mithalten könnten, hätten die Chance weiterer Einladungen verspielt.[1] Einige Besucher sahen das aber ganz anders wie der Maler Eugène Delacroix, der in seinem Journal festhielt, er habe bei der „fameuse comtesse de Païva“ gespeist. Der ganze fürchterliche Luxus missfalle ihm. Von einem solchen Abend bleibe keine Erinnerung zurück, man sei am folgenden Tag nur schwerer, „voilà tout“ (AD 137). Aber das hinderte ihn durchaus nicht daran wiederzukommen… Und manche Besucher kamen wohl vor allem, um sich hinterher genüsslich die Mäuler zerreißen zu können wie die Gebrüder Goncourt in ihrem Journal:  Sie nennen das Haus ein „Louvre du cul“ oder ein „Haus der Prostitution“, das mit einem schlechten Rennaissance-Geschmack völlig überladen sei und nur den Reichtum der Hausherrin in Szene setzen solle. Das Essen sei gut, aber gewönlich, nichts was den Gaumen überraschen würde, was man doch bei einer Courtisane erwarten könne. Den Café habe man im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses eingenommen.  Der sei nach dem Muster von Pompei gebaut, wozu die Statue der Aphrodite passt, die Göttin der Schönheit und Liebe, die sich in einer Nische im Spiegel bewundert.

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Aber auch das konnte die Goncourts nicht gnädig stimmen: Offensichtlich fühlten sie sich gestört von der Musik des nahe gelegenen Tanzpalastes Mabille; also auch daneben. Die Païva ist und bleibt für die Goncourts eine in die Jahre gekommene Kurtisane, die sie in allen Einzelheiten genüsslich-bösartig beschreiben. Entsprechend war auch die Sicht des Dramatikers Emile Augier, der gebeten wurde, etwas über die allgemein bewunderte Treppe zu schreiben, auf der die Païva ihre Gäste empfing. Der bemerkte nämlich trocken: „So wie die Tugend hat auch das Laster seine Stufen.“[2]

Aber dessen ungeachtet: Aus der kleinen Moskauer Jüdin war „die Königin der Champs-Elysées“ geworden, deren Empfänge legendär waren  und die sich mit ihrem lover feiern und bewundern ließ.

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       Adolphe Joseph Thomas Monticelli: Une soirée chez la Païva

Selbst 50 Jahre später war die Legende des Hotel  Païva  offenbar noch lebendiger Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Auf der Bühne der Folies Bergères 1923 stellten einige Herren und zahlreiche Damen mit oder ohne Reifrock die inzwischen legendär gewordenen abendlichen Soupers im Hôtel Païva nach.[3]

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Der Graf von Donnersmarck ließ sich von allem Gerede und allem Naserümpfen aber nicht beirren: Er genoss ganz offensichtlich das glanzvolle Pariser Leben, um das ihn die  mit ihren Kartoffeln und Runkelrüben beschäftigten ostelbischen Standeskollegen sicherlich –wenn auch wohl eher insgeheim-  beneideten. Und Guido hielt sich dabei nur an das wunderbare Motto derer von Donnersmarck: Memento vivere! Ein, wie ich finde, ziemlich bemerkenswertes Motto eines streng-protestantischen ostelbischen Adelsgeschlechts. Guido von Donnersmarck vergaß also bei all seinem ganz und gar nicht verstaubten geschäftlichen Engagement, das ihn von der Mehrheit seiner Adelsgenossen ebenfalls völlig unterschied, nicht das Leben: Und das verkörperte für ihn die Païva: Also keine flüchtige Affäre für die Zeiten seiner Aufenthalte in Paris, sondern die Frau seines Lebens. Donnersmarck ließ also seine Beziehungen und seine finanziellen Mittel spielen und erreichte schließlich, dass 1870 vom Heiligen Stuhl die Ehe der Païva mit dem portugiesischen echten oder falschen Marquis annulliert wurde. Dass die Begründung etwas dubios war, spielte dabei keine Rolle. Donnersmarck hatte nun freie Bahn und war 1871 souverän genug, seine Blanche zu heiraten, wobei, wie schon bei der Heirat mit dem portugiesischen Marquis wieder Théophile Gautier der Trauzeuge war.  Natürlich war das eigentlich eine Mesalliance, aber die konnte er sich offenbar leisten- und immerhin wurde in den Adelsregistern die Sache ein bisschen aufgehübscht, indem aus dem Vater der Esther/Thérèse/Pauline/Blanche,  dem armen Moskauer Weber Lachmann,  ein veritabler Tuchfabrikant gemacht wurde.[4] Und in dem zur Heirat ausgestellten Dokument des evangelischen Pastors der église de la Rédemption in Paris, in der die Trauung stattfand, wird aus dem ersten Ehemann der Païva, dem Schneider Villoing, ein Bankier, und aus dem Vater ein „capitaliste“… Das konnte sich immerhin sehen lassen (AD, 161).

1870/1871 war aber nicht nur ein privater Wendepunkt für die Païva und Donnersmarck, sondern es war auch die Zeit des deutsch-französischen Krieges.  Und Donnersmarck als ostelbischer Magnat und politisch engagierter Konservativer, gleichzeitig aber auch als Kenner Frankreichs mit vielfältigen Beziehungen zu diesem Land, wurde damit zu einem wichtigen Ansprechpartner Bismarcks. Der sei, so eine der durch das Internet geisternden Behauptungen, sogar sein Cousin gewesen – und die Païva damit durch ihre Heirat mit Donnersmarck die Cousine des Reichskanzlers.  Aber das ist eine der vielen sich um die Païva rankenden Legenden. Zutreffend ist jedoch, dass Bismarck Donnersmarck zunächst zum Stadtkommandanten von Metz, dann übergangsweise zum Gouverneur des Bezirks Lothringen ernannte und ihn für die Frankfurter Friedensverhandlungen mit Frankreich engagierte. Dort war Donnermarck –zusammen mit Bismarcks Bankier Bleichröder- vor allem für den wirtschaftlichen Teil des Vertrags zuständig. Dabei habe sich Donnersmarck in Kenntnis des französischen finanziellen Potentials für die Festsetzung einer nicht zu knapp bemessenen Kriegsentschädigung und für deren schnelle Zahlungsabwicklung eingesetzt. Seine Frau habe ihm dabei aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der Pariser Finanzkreise beratend zur Seite gestanden. Als am 10. Mai 1871 im Frankfurter Hotel Zum Schwan der „Frankfurter Friede“ zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde, war Graf Guido von Henckel-Donnersmarck auch dabei. (5)

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Nach dem Krieg war die Lage des Paares in einem Klima grassierender Germanophobie allerdings ziemlich prekär. 1872 soll die Païva beispielsweise bei einer Opernaufführung ausgepfiffen worden sein, worauf der französische Ministerpräsident Thiers höchstpersönlich an einem „Sühne-Dîner“ im Hôtel Païva erscheinen sei oder auch –eine andere Version- das Ehepaar Henckel in den Elysée-Palast eingeladen worden sei. Ein weiteres Indiz: 1873 erschien ein Theaterstück von Alexandre Dumas junior La femme de Claude, das nach der französischen Niederlage den patriotischen Geist stärken sollte: Claude ist ein genialer Erfinder und Vertreter der Menschlichkeit, dessen grandiose Kanone Frankreich unbesiegbar machen oder gar jeden neuen Krieg verhindern könnte. Aber hélas! Verheiratet ist er mit Césarine, einer Frau mit höchst dubioser Vergangenheit und ohne jede moralische Skrupel: Sie verrät das Geheimnis der absoluten Waffe an den Feind,  und so ist es nur allzu berechtigt, dass Claude ihrem finsteren Treiben ein Ende macht und sie tötet. Die Bezüge zur intriganten und –angeblich- nymphomanen antiken Messalina sind unverkennbar, für die Zeitgenossen aber wohl auch die Bezüge zur Païva. Sie habe ganz unverkennbar Dumas zur Gestaltung seiner verkommenen, landesverräterischen Césarine angeregt, die den Tod verdient habe.[6]  In der Tat wurde die Païva –allerdings ohne jede konkrete Grundlage- der Spionage für Deutschland bezichtigt. Nach dem verlorenen Krieg  herrschte in Frankreich geradezu eine Spionage-Hysterie: Ein Versuch zur Erklärung der schmählichen Niederlage. Keine guten Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des glanzvollen Lebens zu Zeiten des second empire. Auf Anraten ihres Mannes verließ Blanche also Paris und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Neudeck/Oberschlesien (heute Świerklaniec).  Dort hatten sich Henckel von Donnersmarck und die Païva von dem französischen Architekten Lefuel von 1868-1875 ein neues Schloss bauen lassen. Lefuel war im Second Empire u.a. Chefarchitekt des Louvre und zeichnete die Pläne für die beiden zum Tuileriengarten weisenden Seitenflügel des Louvre. Für die Schlossanlage in Neudeck standen Versailles und das Tuilerien-Schloss Pate: gewissermaßen eine Wiedergutmachung für den der „Madame Herz“ noch verwehrten Zugang.

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Das neue Schloss, das in den  1960-er Jahren abgetragen wurde, war eine der größten Schloss- und Parkanlagen des Deutschen Reiches. Dort starb die Païva am 21. Januar 1884. Guido liebäugelte wohl damit, das Hôtel als Erinnerung an seine von ihm bis ans Ende leidenschaftlich geliebte Frau von den Champs-Elysées nach Neudeck zu versetzen, was aber unrealistisch war, so dass er es verkaufte.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen erstand 1903 der  Travellers  Club, ein Ableger des gleichnamigen altehrwürdigen und noblen Londoner Clubs, das Anwesen, das heute noch weitgehend im Original erhalten ist und einen einzigartigen Eindruck von den Champs-Elysées des second empire vermittelt. Möchte man nach Lust und Laune Zugang zu dem Märchenschloss  haben, muss man  nur Mitglied des Clubs werden:  Es braucht dazu die Empfehlung von zwei Mitgliedern und die Bewährung in einer Probezeit, nach der die Vollversammlung über die Mitgliedschaft entscheidet. Ganz billig ist die natürlich nicht. Immerhin ist der Club nicht für Krethi und Plethi gedacht, und es müssen immerhin das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und das Personal unterhalten werden, darunter ein veritabler standesgemäß uniformierter Butler.

Einfacher und billiger geht es  im Rahmen von Führungen. Die gibt es allerdings nur sonntags vormittags.  Die Führungen finden nicht  allzu häufig statt, die Gruppengröße ist begrenzt und eine vorherige Reservierung erforderlich. Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch auf jeden Fall. Die 20 Euro (10 Euro Eintritt, 10 E Führungsgebühr) lohnen sich!

Pour en savoir plus:

Janine Alexandre-Debray: La Païva. 1819-1884. Ses amants, ses maris. Paris: Librairie Académique Perrin 1986 (abgekürzt : AD)

http://www.freres-goncourt.fr/paiva/journalg.htm

http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/31-mai-1867-une-petite-juive-moscovite-devient-la-reine-des-champs-elysees-la-paiva-30-05-2012-1466926_494.php

Der beste Überblick über Führungen im Hôtel Païva: http://www.billetreduc.com/lieu/paris/hotel-de-la-paiva/ (Hier kann man sich rechtzeitig anmelden).

Anmerkungen

[1] Arsène Houssaye: “La causerie à l’hôtel Païva était toujour étincelante, imprévue, ruisselante d’innouïsme.“ Zit. AD, 133

[2] Ainsi que la vertu, Ie vice a ses degrés.‘ Zit. in: http://www.parisdeuxieme.com/2007/05/hotel-de-paiva-champs-elyses.html.

[3] Umberto Brunelleschi: un souper chez la Païva

[4] Paris 1871 Blanche (1826–84), T d. Tuchfabr. Martin Lachmann u. d. Anna Amalie Klein, 2) Wiesbaden 1887 Katharina (1862–1929), T d. russ. Staatsrats Wassili Alexandrowitsch Slepzow (russ. Adel) u. d. Sophia Filippowa Christianowitsch (russ. Adel) in:  http://www.deutsche-biographie.de/sfz29662.html

[5]  Bild aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2921, S. 39. Graf Guido ist zweiter von links.

[6] http://www.fabula.org/colloques/document1296.php und AD, 179 f

Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50:  ein Anlass zum Feiern (2012)

Der Text ist auch erschienen in:  Europäische Erziehung, Halbjahreszeitschrift des EBB-AEDE     ISSN: 0423-6238
42 (2012) 2 (Oktober) ; S./ p.: 5 – 17.

http://ebb-aede.eu/zeitschrift-europaeische-erziehung.html

 

 

  1. Von der „Erbfeindschaft“……

Maurice Barrès, einer der lautstärksten Verkünder eines übersteigerten französischen Nationalismus, berichtet in seinem Tagebuch, „dass er mit seinem kleinen Sohn an der Grenze stand. ‚Dort wohnen die Deutschen‘, sagte er. ‚Haben die auch eine Seele?‘ fragte der Kleine zurück. ‚Nein‘, antwortete der Vater und notiert dazu in seinem Tagebuch: ‚Ich wusste wohl, dass es eine Idiotie war, aber solche Idiotien erzeugen Energien…‘ [1]. Das war zwischen 1871 und 1914, als die angebliche deutsch-französische „Erbfeindschaft“ als fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins beiderseits des Rheins Hochkonjunktur hatte. Wäre es nach dem Willen von Friedrich Ludwig Jahn, dem frisch-fromm-fröhlichen „Turnvater“ gegangen, hätte es die Grenzerfahrung des kleinen Barrès nicht geben können. Denn Jahn plädierte dafür, eine undurchdringliche Wildnis zwischen Deutschland und Frankreich anzulegen, damit zum Wohle des Vaterlandes auch nicht die geringste Verbindung zwischen beiden Völkern stattfinden könne. So schlägt denn Jahn vor, Sümpfe anzulegen, Täler durch Wall und Mauern zu Seen zu stauen und die Natur ungehindert ihr Werk tun zu  lassen:  „Aus alten Klöstern entstehen dann Eulenschläge, Adlerhorste aus ausgebrannten Turmzinnen… unterirdisch aufgebaute Irrgebäude dienen gleich Schneckenbergen zu Werken für Giftschlangen. Die mit einer Doppelreihe von Verwallungen und Dornhecken eingezäunte Wüste ist wenigstens ein Grad breit, kein Leichtfuß kann sie ohne Rast durchhüpfen. Hungrige Wölfe, Bären und dergleichen passen Einschleichern, Kundschaftern und Landstreichern auf den Dienst… und der beständige Kampf, den die in der Wüste wohnenden Leute mit ihnen zu führen genötigt, ist die beste Vorschule zur Landwehr.“[2]  Dies alles erschien Jahn erforderlich, weil die Franzosen –neben Polen, Juden und Junkern- für ihn „Deutschlands Unglück“ bedeuteten. Und so war es auch nur konsequent, dass er jeden kulturellen Kontakt mit den Nachbarn im Westen unterbinden wollte: „ Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren lässt, ist ein Irrender, wer darin beharrt, sündigt gegen den heiligen Geist. Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren lässt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren lässt.“ Damit ist die moralische Verkommenheit Frankreichs als Stereotyp des deutschen nationalistischen Diskurses angesprochen, während umgekehrt Deutschland für rohe Gewalt und Barbarei steht.[3]

 

  1. …zur „Erbfreundschaft“ : Der Elysée-Vertrag als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung

Betrachtet man aus dieser Perspektive den Elysée-Vertrag, kann man die deutsch-französische Versöhnung nur als ein „bien inestimable“[4] bezeichnen, als „eine der herausragenden Leistungen der Nachkriegszeit“[5], und den Vertrag als „Winter- und Wundermärchen“, das das Ende einer jahrzehntelangen sog. Erbfeindschaft und den Beginn einer „Erbfreundschaft“ (Ritzehofen) besiegelte.[6] Die historische Dimension des Vertrags wird zusätzlich deutlich vor dem Hintergrund der französischen Deutschlandpolitik nach dem 2. Weltkrieg, deren Ziel zunächst „die völlige Zerstückelung Deutschlands“ war.[7] Für den legendären Ernst Reuter der Berliner Luftbrücke, einen ausgewiesenen Antikommunisten, stand jedenfalls die französische Deutschlandpolitik der Nachkriegszeit der sowjetischen in nichts nach und auch die deutsche Bevölkerung insgesamt stufte in der Rangfolge der Besatzungsmächte die Franzosen an dritter Stelle ein, nur knapp vor der Sowjetunion.[8] De Gaulles Haltung gegenüber Deutschland war in dieser Zeit von großer Ambivalenz geprägt: Einerseits schwebte ihm eine „entente réelle“ zwischen dem deutschen und dem französischen Volk vor[9], andererseits begleitete er die Gründung der Bundesrepublik mit großem Misstrauen: Er befürchtete, ein westdeutscher Staat werde zu einer „Wiederauferstehung des deutschen Imperialismus“ führen und noch 1953 bezeichnete er Adenauer wenig schmeichelhaft als „Reichskanzler“.[10] Eine „abrupt einsetzende Eiszeit“ war denn auch die Folge der Regierungsübernahme de Gaulles am 1. Juni  1958, denn Adenauer brachte ihm –verständlicherweise- „abgrundtiefes Misstrauen“ entgegen. Das erste Treffen der beiden im September 1958 in Colombey-les-deux-Eglises wurde dann aber für beide Staatsmänner zum „Damaskus-Erlebnis“[11] und es war der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zur deutsch- französischen Verständigung, wie sie in den Jahren 1962 und 1963 besiegelt wurde. Zuerst am 8. Juli 1962, als de Gaulle und Adenauer in der geschichtsmächtigen Kathedrale von Reims eine gemeinsame Messe feierten. Vor dem Hauptportal der Kathedrale sind –auf Deutsch und Französisch- die Worte eingemeißelt, die de Gaulle an den Bischof von Reims richtete, der die beiden Politiker empfing: „Eure Exzellenz, der Kanzler Adenauer und ich suchen Ihre Kathedrale auf, um die Versöhnung von Deutschland und Frankreich zu besiegeln.“ Und in den Seitenschiffen wird auf großen Schautafeln die Geschichte der Kathedrale dargestellt: Im Ersten Weltkrieg von deutschen Granaten schwer beschädigt und 1962 Ort der gemeinsamen Messe, ist sie auch ein Erinnerungsort deutsch-französischer Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“.

 

Der zweite Schritt war de Gaulles historische Rede an die deutsche Jugend am 9. September 1962 in Ludwigsburg, dem „umjubelte(n) Höhepunkt einer sechstägigen Reise durch Deutschland“[12].  Höhepunkt dieser auf deutsch gehaltenen Rede war de Gaulles kühner Glückwunsch an die im Schlosshof versammelten Jugendlichen: „Ich beglückwünsche Sie… junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes! das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen…“[13]

Der dritte entscheidende Schritt war dann der Elysée-Vertrag, der allmählich zum  Symbol der deutsch-französischen Versöhnung wurde.  Und deshalb ist es nur allzu berechtigt, ihn mit einem « Année franco-allemande : cinquantenaire du traité de l’Élysée » vom September 2012 bis zum Juli  2013 gebührend herauszustellen und  zu feiern. Im Zentrum der Feierlichkeiten, deren roter Faden die Jugend ist, stehen bzw. standen z.T. schon drei große Veranstaltungen: Am 22. September 2012 in Ludwigsburg, aus Anlass von de Gaulles Rede, am 22. Januar, dem Tag der Unterzeichnung des Vertrags, in Berlin, und am 5. Juli 2013, dem 50. Jahrestag der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks, in Paris.[14]

 

  1. Die Rose eines Sommers: Der Elysée-Vertrag als Mythos

Allerdings besteht keinerlei Anlass zur Idealisierung dieses Vertrags, auch wenn er, so Lappenküper, immer wieder Anlass zur Legendenbildung war und ist. Der Vertrag ist also nicht nur zum Symbol, sondern auch zum Mythos geworden.  Aus europäischer Sicht war der Vertrag nämlich durchaus problematisch, so dass Jean Monet noch am Vorabend des Vertragsabschlusses versuchte, Adenauer von der Unterzeichnung abzubringen.[15] Denn eine vertiefte europäische Einheit „hätte einen solchen zweiseitigen Vertrag eigentlich überflüssig machen müssen; jetzt aber erhielt er den Anflug einer etwas hochmütigen Ausschließlichkeit, die bei den anderen Ländern leicht als ‚Sonderbündelei‘ missverstanden werden konnte.“[16] Aber selbst auf die deutsch-französische Perspektive beschränkt, bot der Vertrag Anlass zur Skepsis und Kritik.  So stellte Alfred Grosser in einem Artikel im Express vom 2.1.2003 fest, der Elysée-Vertrag  sei keineswegs als Geburtsstunde einer neuen deutsch-französischen Geisteshaltung zu verstehen. Er habe nichts geschaffen und nichts geregelt.  Und Gilbert Ziebura bezeichnete schon 1970 den Vertrag  schlicht als überflüssig.[17]  Aus gutem Grund: Hatte doch der Vertrag selbst in den Augen de Gaulles durch die ihm vom Bundestag vorangestellte Präambel schon mit der Ratifizierung seine Substanz verloren. In dieser Präambel werden in schematischer Weise alle Ziele der deutschen Außenpolitik aufgezählt, womit das angestrebte Sonderverhältnis zwischen beiden Ländern eingeebnet wurde.[18] Vor allem diente die Präambel aber der Klarstellung, dass  „die transatlantischen Beziehungen der Bundesrepublik sowie ihre Integrationsbestrebungen auf europäischer Ebene“ durch den Vertrag nicht beeinträchtigt werden sollten.[19] Hier wird das große Missverständnis deutlich, das dem Elysée-Vertrag zugrunde lag: de Gaulles Ziel war es, Europa „unter französischer Führung zu einem eigenständigen Akteur in der Weltpolitik“ zu machen.[20] Der Vertrag mit der Bundesrepublik hatte damit für ihn die doppelte Funktion, den deutschen „Nachbarn einzubinden und zu kontrollieren“ und gemeinsam mit Deutschland „die von den USA dominierte NATO auszubalancieren.“[21] Entsprechend hatte schon der erste französische Nachkriegspräsident, Vincent Auriol, am 26.9.51 festgestellt, das entstehende Europa könne zugleich eine Kontrolle über Deutschland ausüben und Schiedsrichter zwischen Russland und Amerika sein.[22] Nicht von ungefähr werden in dem Vertrag ja –vor der Jugend und der Erziehung- die Außen- und Verteidigungspolitik als Felder der Zusammenarbeit angesprochen. De Gaulles Vision war ein eigenständiges Europa der Nationen unter Führung Frankreichs als europäischer Großmacht, eine Rolle, die in der ständigen Mitgliedschaft Frankreichs und ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat der UNO und in der nach allen Richtungen („tous azimuts“) einsatzbereiten Force de frappe zum Ausdruck kam. In dieser europäischen Vision hatte Großbritannien keinen Platz, dem de Gaulle vorwarf, „amerikanische Interessen eher zu fördern als europäische“[23], weshalb er Großbritannien wenige Tage vor Unterzeichnung des Elysée-Vertrags die Tür zur beantragten Mitgliedschaft in der EWG zugeschlagen hatte. Deutschland sollte in diesem Konzept der Juniorpartner sein und die französisch-deutsche Allianz Kern eines unabhängigen Europas. Adenauer dagegen ging es 1962 vor allem um seine Lebensaufgabe der Integration Westdeutschlands in die westliche Gemeinschaft zur Sicherung der Freiheit der Bundesrepublik im Kalten Krieg. Ihm war die Verständigung mit Frankreich so existentiell, dass er den französischen Affront gegen England  hinnahm und froh war, dass  – anders als zunächst vorgesehen- die deutsch-französische Verständigung als sein politisches Vermächtnis den Rang eines Staatsvertrages erhielt.

 

 

Vereinbart wurde dies übrigens erst ganz kurzfristig am Tag der Vertragsunterzeichnung zwischen de Gaulle und Adenauer, so dass man bei der Ausfertigung der deutschen Version improvisieren musste: Da kein amtlicher dunkelblauer Lederdeckel mit Bundeswappen in Paris verfügbar war, wurde der Text „in einer am Vormittag schnell in der rue du Faubourg-St-Honoré bei Hermès erstandenen Ledermappe“  -immerhin!- eingeheftet.[24] (Die französische Ausfertigung entspricht immerhin allen protokollarischen Anforderungen).

 

Da es sich nun aber um einen offiziellen Vertrag handelte, musste ihm der Bundestag zustimmen. Und der versah den Text –gegen den Willen Adenauers- mit der Präambel, die  de Gaulle  tief enttäuschte und die den Vertrag für ihn zu einer verpassten Gelegenheit und einer „aimable virtualité“ (zitiert von Bled) machte. Sollte die deutsch-französische Freundschaft nach der Vorstellung de Gaulles und des Rosenzüchters Adenauer ein „Rosengarten“ sein, der lange blüht und gedeiht, wenn man es nur will[25], so schien die Rose des deutsch-französischen Vertrags –kaum aufgeblüht- auch schon wieder zu verwelken.

Zu dieser Einschätzung trug auch die Politik Ludwig Erhards bei, dem Nachfolger Konrad Adenauers.  Erhard, ein bekennender Atlantiker, hielt wenig von einem deutsch-französischen Sonderverhältnis, was er durch seine Abwesenheit bei der Verabschiedung des Vertragsentwurfs durch das Bundeskabinett zum Ausdruck brachte. Bei den ersten Konsultationen nach dem Kanzlerwechsel wiederholte de Gaulle zwar noch einmal sehr nachdrücklich sein Angebot einer engen Zweierbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Ohne darauf auch nur im Geringsten einzugehen, rief, wie einer der Anwesenden berichtet, der neue Bundeskanzler „nach einer endlos erscheinenden Sekunde des Schweigens“  einfach den nächsten Tagesordnungspunkt auf.  Das war –ein halbes Jahr nach seiner Unterzeichnung- aus dem sogenannten „Jahrhundertvertrag“,  geworden, der deshalb auch „zunächst als gescheitert galt.“[26]„Je suis resté vierge“, beklagte sich de Gaulle bei Adenauer.[27] Drei Jahre nach seiner Unterzeichnung hatte der Elysée-Vertrag Geist und Substanz verloren, und lediglich die Pflicht zur Konsultation war von ihm noch übrig geblieben, was immerhin den völligen Bruch verhinderte.[28] Vor diesem Hintergrund muss man die Stilisierung des Elysée-Vertrages zum „Jahrhundertvertrag“ als Teil der Mythenbildung bezeichnen, die von Akteuren und Interpreten der deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit gepflegt wurde.[29] Zu dieser Überhöhung des Elysée-Vertrags gehört dann übrigens auch, dass –wenn von deutsch-französischer Aussöhnung die Rede ist- oft etwas in den Hintergrund gerät, dass es immerhin schon einmal zwei Friedensnobelpreisträger gab, die die deutsch-französische Aussöhnung zu ihrem Lebenswerk gemacht hatten, nämlich der französische Außenminister Aristide Briand und der deutsche Außenminister Gustav Stresemann 1926, und dass am 9. Mai 1950, also gerade einmal 5 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  der damalige französische Außenminister Robert Schumann eine wegweisende Rede hielt, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug und in der er gleich zu Beginn feststellte: „La paix mondiale ne saurait être sauvegardée sans des efforts créateurs à la mesure des dangers qui la menacent. … Le rassemblement des nations européennes exige que l’opposition séculaire de la France et de l’Allemagne soit éliminée.“[30]

13 Jahre später wurde im Elysée-Vertrag diese Jahrhunderte alte Gegnerschaft Deutschlands und Frankreichs dann endgültig und offiziell beendet und überwunden. Den blühenden Rosengarten deutsch-französischer Freundschaft, von dem Adenauer und de Gaulle träumten, schuf der Vertrag allerdings zunächst nicht. Dass er dann trotz aller anfänglicher Probleme schließlich doch noch gedieh und blühte, ist auch – um im Bild zu bleiben- engagierten Gärtnern auf beiden Seiten zu verdanken: Brandt und Pompidou, Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterand und zuletzt Merkel und Sarkozy.  Aber bezeichnet das Duo Merkozy einerseits die Enge der gegenseitigen Beziehungen und Kooperation gerade in Krisenzeiten, so andererseits auch die Schwierigkeiten der Partnerschaft 50 Jahre nach Abschluss des Elysée-Vertrags.

 

  1. Der Elysée-Vertrag heute: Der stotternde deutsch-französische Motor

Schon Ende 2011 hat der französische Deutschlandexperte und deutschlandpolitische Berater François Hollandes, Jacques-Pierre Gougeon, konstatiert, der deutsch-französische Motor sei ins Stottern geraten und es bestehe eine beunruhigende und wachsende „Malaise“ zwischen den beiden Ländern.[31] Und diese Malaise hat sich unter der Präsidentschaft Francois Hollandes eher noch verstärkt. Le Monde spricht am 22.6.2012 in diesem Sinne davon, Deutsche und Franzosen redeten aneinander vorbei[32] oder der Express stellt fest, man müsse Deutschland und Frankreich wieder versöhnen.[33] Gougeon hat seinem neuesten Buch den Titel gegeben: „France-Allemagne: une union menacée?“ Ob die deutsch-französische Partnerschaft bedroht ist, wird hier als Frage formuliert. In seinem Fazit spricht dann Gougeon allerdings durchaus von der Gefahr eines Bruches.[34]  Belege dafür finden sich problemlos auf verschiedenen Politikfeldern, in denen es fundamentale Dissonanzen zwischen beiden Ländern gibt:

Dies gilt vor allem für die Position beider Länder in der Euro-Schuldenkrise. Die Kritik an der deutschen Haltung in der Schuldenkrise ist auch in Frankreich heftig. Darüber hinaus gibt es massive Tendenzen, Deutschland zum Sündenbock der europäischen Finanz- und Schuldenkrise zu machen.  Da ist es schon eine Ausnahme, wenn die konservative Zeitschrift Le Point Verständnis dafür hat, dass sich Deutschland sträube, für die „hemmungslose Schuldenpolitik“ seiner Partner aufzukommen. Unter der Überschrift „Justice pour Angela Merkel“ schreibt die Zeitschrift: „Mais Clemenceau est mort depuis longtemps et, avec lui, le traité de Versailles et le mythe de ‚L’Allemagne paiera‘“.[35] Dieser Verweis auf den Versailler Vertag, der nach inzwischen immerhin gängiger französischer Überzeugung einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Hitlers geleistet hat, lässt sich auch als Replik auf den ebenso gängigen Vorwurf verstehen, Deutschland wiederhole mit seiner rigiden Sparpolitik die desaströse Deflationspolitik in der Weltwirtschaftskrise mit ihren bekannten Konsequenzen. Hier wird deutlich, mit welch harten geschichtspolitischen Bandagen die französische Auseinandersetzung um die Rolle Deutschlands in Europa geführt wird und wie groß hier der Graben zwischen beiden Ländern ist.

Die Euro-Krise hat eine weitere entscheidende Dissonanz in der europapolitischen Konzeption beider Länder deutlich gemacht. Im Kern geht es ja darum, dass (in welchem Ausmaß und auf welche Weise auch immer) die Schulden der Euro-Länder vergemeinschaftet werden sollen,  was aber aus (nicht nur) deutscher Sicht nur möglich ist gegen einen (weiteren) Souveränitätsverzicht. Denn man kann deutschen (und anderen) Steuerzahlern kaum zumuten, dass sie den Staaten, die über ihre Verhältnisse lebten und leben, großzügig einen Blankoscheck ausstellen – auch wenn die entsprechende Position, die der Bundesbankpräsident so griffig formuliert hat, in Frankreich teilweise als Zeichen des Egoismus und der fehlenden Solidarität verstanden wird. Wobei bemerkenswert und erstaunlich ist, dass in der französischen Diskussion der Schuldenkrise – trotz extrem angespannter Haushaltslage-  nur ganz ausnahmsweise darauf hingewiesen wird, dass -und welche- Kosten bzw. Risiken auch für den französischen Steuerzahler mit den bisherigen und möglichen künftigen Stützungsmaßnahmen verbunden sind. Und was die Abgabe von Souveränität an die Gemeinschaft angeht, tut sich Frankreich schwer. Dies gilt sowohl für große Teile der Rechten wie der Linken – ein für Frankreich seltener Bereich parteiübergreifender Einigkeit- und es hat eine lange Tradition, die weit über de Gaulle hinausreicht. Einem geflügelten Wort Cardin Le Brets aus der Zeit Ludwigs XIV.  entsprechend ist die Souveränität genauso wenig teilbar wie der Punkt in der Geometrie.[36]  Das ist Absolutismus pur, aber nicht von vorgestern: Der von deutscher Seite als europäische Perspektive ins Spiel gebrachte europäische Föderalismus ist für die französische politische Klasse eher ein Tabu bzw. gehört zu den sogenannten „f-words“, die tunlichst vermieden werden. François Hollande spricht also lieber von einer „intégration solidaire“, womit dann wohl eher das gemeint ist, was in Deutschland –oder zumindest der FAZ- gerne als „Haftungs- und Transferunion“ bezeichnet wird.[37]  Nach der Ablehnung der europäischen Verfassung durch die Franzosen im Referendum von 2005 und den erbitterten Auseinandersetzungen um diese Verfassung in der Sozialistischen Partei fürchten die Sozialisten den europäischen Föderalismus wie der Teufel das Weihwasser.[38] Hier befindet sich Frankreich ganz in der Tradition  Charles de Gaulles. Dessen erklärtes Ziel war ja,  wie Klaus Schwabe am 13.7.12 in der FAZ schrieb, ein Europa der in jeder Hinsicht souveränen Nationen, also etwas ganz anderes als das, was europäischen Visionären wie Schuman, Monnet und de Gasperi vorschwebte. Was dagegen de Gaulle wollte, „war genau das Europa, das heute an der Aufgabe einer gemeinsamen Finanz-, Wirtschafts- und Innenpolitik zu scheitern droht. De Gaulles Verdienste um ein enges Bündnis mit der Bundesrepublik passten in seine nationalstaatliche Orientierung und sollen in keiner Weise geschmälert werden. Trotzdem ist er an erster Stelle für die Fehlentwicklung verantwortlich, welche die europäische Einigung unter seinem Einfluss eingeschlagen hat.“ Für de Gaulle war ein föderales Europa unvorstellbar. Man könne kein föderales Omelette mit  harten Eiern machen, also den alten europäischen Nationen.[39]  Völlig entgegengesetzte Wege haben Deutschland und Frankreich auch in der Energiepolitik eingeschlagen:  In Deutschland wurde beschlossen, die Atommeiler abzuschalten, was in Frankreich mit Unverständnis, z.T. auch mit Häme kommentiert wurde- frei nach Asterix: „Die spinnen, die Deutschen“.  In Frankreich hat der neue Präsident zwar als längerfristiges Ziel vorgegeben, den Anteil des Atomstroms mittelfristig von 75% auf 50% zu reduzieren. Aber auch die Grünen als Koalitionspartner  konnten nicht ein Regierungsprogramm verhindern, nach dem die nukleare Kapazität Frankreichs am Ende der fünfjährigen Amtszeit Hollandes noch höher sein wird als am Anfang!  Die Atomenergie ist- auch dies ein Erbe de Gaulles- in ihrer Verflechtung von militärischem und zivilem Bereich ein nationaler Mythos, wie die Zeitung Libération schrieb, über den man nicht diskutiert, sondern vor dem man sich verneigt.[40] Und damit es auch allen klar ist, hat der (linkssozialistische) Minister Montebourg – in vollster Übereinstimmung mit der entsprechenden Politik Sarkozys- gerade wieder bestätigt, dass es sich bei der Atomindustrie um eine Zukunftstechnologie handele, auf die  Frankreich unter keinen Umständen verzichten könne und wolle.[41]

Le Monde spricht im  Leitartikel zum Jubiläumstreffen Hollandes und Merkels in Reims am 8. Juli  auch die außenpolitische und militärische Zusammenarbeit an, die im Elysée-Vertrag ja eine zentrale Rolle spielt und fragt – unter anderem- kritisch, warum 50 Jahre nach Abschluss des Vertrags die militärische Zusammenarbeit nicht vorankomme; warum es keine gemeinsame Botschaft gäbe; warum die beiden Länder unfähig seien,  in der UNO und der G20 mit einer Stimme zu sprechen…[42] Die unterschiedlichen Positionen zu einer militärischen Intervention in Libyen haben die Dissonanzen in diesem Bereich wieder sehr deutlich gemacht.

  1. Der Verlust der französischen Dominanz

Diese Dissonanzen-Liste soll –was problemlos möglich wäre- hier nicht noch verlängert werden. Stattdessen soll eine Antwort auf die Frage versucht werden, was letztendlich die Beziehungen beider Länder zunehmend schwierig macht. Nach Auffassung Gougeons, die mir sehr plausibel erscheint,  ist es die völlige Umkehr des Gewichts beider Länder seit Abschluss des Elysée-Vertrags. Damals waren die Verhältnisse ganz eindeutig und unbestritten.[43]  Und Deutschland machte bis hin zur Wiedervereinigung Frankreich den ersten Rang auch nicht streitig. Bezeichnend dafür die Mahnung Helmut Schmidts aus dem Jahr 1990: „Jedermann in Bonn muss wissen: Wir dürfen keinen Schritt ohne Frankreich tun, immer Paris den Vortritt lassen, der den Franzosen gebührt.“[44] Inzwischen hat sich das Machtgefüge zwischen Frankreich und Deutschland verschoben, vor allem, wie Gougeon schreibt, durch die zunehmenden ökonomischen Unterschiede und dadurch, dass Deutschland seine Rolle als Machtfaktor inzwischen wahr- und in Anspruch nehme.[45] Dieses Ungleichgewicht zuungunsten Frankreichs drücke sich auch in dem größeren Stimmengewicht im europäischen Ministerrat aus, das Deutschland im Vertrag von Lissabon erhalten habe. Als eine Konsequenz dieses verschobenen Machtgefüges diagnostizieren Beobachter einen französischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland.[46] Und wenn auch der neue Präsident am Anfang Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland demonstriert habe (Eurobonds, Fiskalpakt), so habe er sich dann schließlich doch kleinlaut den Vorgaben Merkels angepasst. Und dass Hollande (zunächst) den Schulterschluss mit Italien und Spanien suchte  und gegenüber Griechenland eher zu Konzessionen bereit ist bzw. war als die Bundesregierung, wurde zumindest von konservativer Seite nicht als Ausdruck von neuem Selbstbewusstsein gesehen: Frankreich stelle sich damit schon darauf ein, selbst einmal zu den Rettungskandidaten der Eurozone zu gehören.  Allerdings sei, so die linke „Marianne“,  die Anlehnung an den „Club Med diplomatique“ keine Alternative zur deutsch-französischen Allianz. Das wäre ja so, als würde ein Fußballklub darum bitten, in die zweite Liga absteigen zu dürfen.[47]

Die französische Schwäche, die der fast schon obsessive Vergleich mit Deutschland immer wieder vor Augen führt,  wird dann zwar zeitweise durch markige Worte oder durch Großmacht-Interventionen wie in Libyen überspielt, die aber im Grunde über die eigenen Kräfte gehen. Denn die sind begrenzt und eher noch am Schwinden: Die Arbeitslosigkeit steigt -besonders bei Jugendlichen- in besorgniserregende Höhen, ebenso das Außenhandelsdefizit und die Staatsverschuldung, Frankreich verliert an industrieller Substanz und an internationaler Konkurrenzfähigkeit –im aktuellen Ranking des Weltwirtschaftsforums Davos wird Frankreich zum ersten Mal nicht mehr unter den top-20 geführt,[48] das triple A (das AAA) verlor Frankreich schon am Ende der Ära Sarkozy, und wie 2013 die immer wieder versprochene 3% – Grenze der Staatsverschuldung eingehalten werden soll, steht trotz angekündigter einschneidender Maßnahmen in den Sternen:   Harter Tobak für die Grande Nation.[49]

Dagegen vergeht  fast kein Tag, an dem nicht in den Medien die entsprechenden deutschen Zahlen zum Vergleich herangezogen werden.  Deutschland dient hier als Maßstab und wird als Modell den eigenen Landsleuten vorgehalten.[50] Wer aber die Rolle eines Klassenprimus einnimmt und lautstark, wie Herr Kauder,  beansprucht, dass am deutschen Wesen Europa genesen soll, muss damit rechnen, neben Bewunderung auch negative Emotionen auf sich zu ziehen.

Besonders hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht  Arnaud Montebourg, ein führender Sozialist, der inzwischen zum ministre du redressement productif, also zum Minister für „produktiven Wiederaufbau“(!), also die Reindustrialisierung Frankreichs,  avanciert ist. Deutschland, so verkündete er 2011 lautstark,  mache sein Glück  „sur notre ruine“[51], die alte deutsche Politik der territorialen Expansion kehre nun wieder als Politik der „domination économique“.[52]

Und was bleibt da für Frankreich angesichts solcher tatsächlicher oder zugeschriebener deutscher Dominanz?  Natalie Kosciusko-Morizet, die frühere Sprecherin Sarkozys und jetzige Kandidatin für den Vorsitz der UMP, sieht vor allem zwei französische Trumpfkarten, die den deutschen in vielerlei Hinsicht überlegen seien: Und zwar vor allem die demographische Dynamik, durch die Frankreich in der Mitte des Jahrhunderts Deutschland an Bevölkerungszahl überholen werde. Das sei eindeutig ein Schlüssel der Zukunft. Und zweitens die Kreativität der französischen Ingenieure, die vor allem in der Atom- und der Luft- und Raumfahrtindustrie sichtbar werde.[53]

Hier wird der historische deutsche Topos vom demographischen Niedergang Frankreichs  von französischer Seite gegen Deutschland gewendet, eine in Frankreich derzeit sehr verbreitete, trostreiche Verheißung auf bessere Zeiten.[54]  Und wenn als eine der weiteren Trumpfkarten Frankreichs die Luft- und Raumfahrtindustrie genannt wird, dann gehören dazu auch die deutsch-französischen Projekte Ariane und Airbus, also  -trotz mancher nationaler Personalquerelen- Erfolgsgeschichten deutsch-französischer Zusammenarbeit, die vom Elysée-Vertrag beflügelt wurden.

 

  1. Und dennoch: Der Elysée-Vertrag, eine Erfolgsgeschichte!

Und in der Tat: Bei allen aktuellen Problemen und historischer Relativierung ist der Elysée-Vertrag  doch eine ganz außerordentliche Erfolgsgeschichte.

Dabei wird an erster Stelle oft die Intensität der politischen Zusammenarbeit genannt:  „Auf der Basis des Elysée-Vertrags ist 1963 ein Netz von Kontakten entstanden, das unter souveränen Staaten einmalig sein dürfte.“[55] Die damals vereinbarten Konsultationsverpflichtungen halfen dabei, schwierige Phasen der deutsch-französischen Beziehungen zu überbrücken, vor allem aber waren sie eine wichtige Voraussetzung für den deutsch-französischen Motor auf europäischer Ebene. Ein weiterer unbestreitbarer Pluspunkt des Vertrags war die Vereinbarung über die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks, das gerne als „das schönste Kind des Elysée-Vertrags“ bezeichnet wird, und waren und sind die zahlreichen Initiativen im Bereich von Schulen und Universitäten (Erasmus, Comenius, bilinguale Angebote, Schüleraustausch, universitäre Kooperationen etc).  Mit dem Elysée-Vertrag setzte auch ein großer Aufschwung deutsch-französischer Städtepartnerschaften ein, von denen es inzwischen etwa 2200 gibt. Die Kultur ist in dem Vertrag zwar aufgrund damaliger innerfranzösischer Querelen nicht berücksichtigt, aber das wurde später etwas ausgeglichen durch die Gründung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte, ebenfalls eine international einmalige Einrichtung. All das bewirkte, dass die deutsch-französische Versöhnung und Zusammenarbeit nicht auf die politischen Eliten beschränkt blieb, sondern weit in die Zivilgesellschaft hineinwirkte.

Der Prozess der deutsch-französischen Versöhnung und die Etablierung einer „strukturierten Zusammenarbeit“, die im Elysée-Vertrag besiegelt wurden, ist –gerade wenn man sie in ihrer historischen Dimension sieht- so einzigartig, dass sie inzwischen sogar als mögliches Modell für andere Staaten ins Auge gefasst wird, ja geradezu zum „Exportschlager“ stilisiert wurde.[56] Erleichtert wurde das „Wunder“ aber dadurch, dass Deutschland und Frankreich immerhin gemeinsame Wurzeln im fränkischen Reichs Karls des Großen haben, dessen Statue eben nicht nur vor Notre Dame in Paris steht, sondern auch an der „Furt der Franken“, also  in Frankfurt vor dem Historischen Museum.[57] Und neben der sogenannten Erbfeindschaft gab es ja auch eine intensive kulturelle Verschränkung: Man denke nur –im Jubiläumsjahr- an Friedrich den Großen, der besser französisch als deutsch sprach, oder an Goethe, dessen Werther gerade auch in Frankreich zum Bestseller wurde und der ein glühender Verehrer Napoleons war. So leicht wird es für andere also nicht immer sein, die Erfolgsgeschichte der deutsch-französischen Versöhnung auf sich zu übertragen.

 

  1. Und vor uns die Mühen der Ebene

Wenn heute die deutsch-französischen Beziehungen statt mit dem Begriff der Erbfeindschaft mit dem der „Erbfreundschaft“ (Ritzenhofen) charakterisiert werden können, dann wird damit  die einzigartige Entwicklung der letzten 50 Jahre auf den Begriff gebracht. Gleichzeitig  aber ist in diesem Begriff auch eine Schwierigkeit der aktuellen Beziehungen impliziert. Was die Gründungsväter der europäischen Einigung und des Elysée-Vertrags beseelte, waren die Erfahrungen zweier grauenhafter Weltkriege und das entschlossene „Nie wieder!“.  In der gemeinsamen Messe de Gaulle und Adenauers von 1962 und in der Verneigung Kohls und Mitterands –Hand in Hand- vor den Opfern von Verdun 1984[58]– wurde dies in unnachahmlicher Weise zum Ausdruck gebracht.

 

 

Das ist heute nicht mehr wiederholbar. Das unprätentiöse Treffen Merkels und Hollandes in Reims 50 Jahre später hat dies deutlich gezeigt, und auch die historische Dimension der Rede de Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg lässt sich nicht wieder erreichen.

Dass Deutschland und Frankreich Freunde sind, gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten des öffentlichen Bewusstseins beiderseits des Rheins. 2011 waren immerhin 55% der befragten Deutschen der Meinung, dass Frankreich das Land sei, mit dem man am engsten zusammenarbeiten müsse.[59] 82% der befragten Franzosen haben nach einer Untersuchung vom Januar 2012  ein positives Bild von Deutschland.[60] Und in dem  aktuellen Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, bei dem im Sommer 2012  junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren befragt wurden, bezeichneten 68,5 der Franzosen und 78% der Deutschen die beiderseitigen Beziehungen als gut.  Und das trotz akuter Eurokrise und „stotterndem deutsch-französischem Motor“![61] Hier wird in der Tat deutlich, dass die deutsch-französische Freundschaft nicht einfach eine politische Konstruktion, sondern tief in den beiden Gesellschaften verankert ist.

Allerdings müssen diese Befunde durch die Tatsache relativiert werden, „dass die deutsch-französischen Beziehungen vielen jungen Menschen weder als ausschließlich noch als bevorzugt erscheinen“ – und zwar mit steigender Tendenz.[62] Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch das altersspezifisch aufgeschlüsselte Ergebnis der ifop-Frage nach dem bevorzugten Partner: Während 64% der befragten Franzosen ab 65 Jahre Deutschland in dieser Rolle sehen, sind es bei der Altersgruppe bis 35 Jahre nur 38%.[63]

Die Einzigartigkeit der deutsch- französischen Beziehungen war für die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration eine Selbstverständlichkeit, für heutige Jugendliche ist die Normalität dieser Beziehungen selbstverständlich und der Bezugspunkt ist eher Europa insgesamt. Deshalb fehlt auch vielen deutsch-französischen Initiativen der Nachwuchs[64] und das Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes hat heute bei weitem nicht den Stellenwert, der ihm vor 50 Jahren zugeschrieben wurde. Französische Deutschlehrer/innen, die teilweise von Schule zu Schule hetzen müssen, um auf das erforderliche Stundendeputat in ihrem dahindümpelnden Fach zu kommen, können davon ein (trauriges) Lied singen.[65]

Man muss deshalb aber nicht gleich, wie der Le Monde-Journalist Arnaud Leparmentier am 12.9.2012 in Versailles, von einer „Katastrophe“ sprechen und den Elysée-Vertrag als überlebt abtun. Es erscheint mir auch zweifelhaft, ob man, wie im Leitartikel von Le Monde zum Treffen Hollandes und Merkels in Reims gefordert, einen neuen Elysée-Vertrag braucht.[66] Eher geht es darum, wie  Berechtigung und Notwendigkeit spezifischer deutsch-französischer Beziehungen auch unter den –vor allem seit 1990- grundlegend veränderten Bedingungen erklärt werden können  und wie der Vertrag gerade im Blick auf die Jugend mit ständig neuem Leben erfüllt werden kann.

Überlegungen und Vorschläge gibt es dafür mehr als genug: Beispielsweise die „99 Ideen für die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen“ vom Herausgeber des Magazins ParisBerlin, Oliver Breton.  Anlässlich des 40. Jahrestags des Elysée-Vertrags haben Chirac und Schröder beispielsweise die im Vertrag vorgesehenen Konsultationen noch einmal wesentlich intensiviert und haben damit die Grenze des Sinnvollen und Machbaren erreicht. Angesichts der leeren Haushaltskassen ist allerdings Bescheidenheit angesagt. Sinnvolles,  Mach- und Bezahlbares gibt es aber noch in vielen Bereichen.  Mal seh‘n, was sich Merkel und Hollande anlässlich des 50. Jubiläums einfallen lassen! Am wichtigsten ist jedenfalls ein gesellschaftliches Klima, das Frankreich, seiner Kultur und Sprache förderlich ist, und sind  Eltern und Lehrer, die Jugendlichen dabei helfen, unser Nachbarland kennen- und vielleicht sogar lieben zu lernen.

September 2012

 

  1. 15. Literatur:

Bled, Jean-Paul, Aux origines du traité franco-allemand du 22 janvier 1963, Espoir n°116, 1998. Auch in: http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/de-gaulle-et-le-monde/de-gaulle-et-l-allemagne/analyses/aux-origines-du-traite-franco-allemand.php

Defrance, Corine und Pfeil, Ulrich: Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005 – in Frankreich erschienen unter dem Titel Le traité de l’Élysée et les relations franco-allemandes (CNRS)

Fischer, Per: Ein Start mit Hindernissen. Wie der „Jahrhundertvertrag“ entstand und aufgenommen wurde. 1992, DFI online-Bibliothek  https://fiv.sydneyplus.com/FIVDB1/Portal/dfi_de.aspx?lang=de-DE&g_AAAAAP_AAAD=FIVDB1+%7CCatalog+%7CaggBasic+%3D+%27Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen%27&p_AAAX=AAAACV&query=Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen&submit=Suche

Gougeon, Jacques: France-Allemagne: une union menacée? Paris 2012

Grosser, Alfred, Deux siècles de haine et de passion. L’Express 2.1.2003

Linsel, Knut, Charles de Gaulle und Deutschland 1914 – 1919. Beihefte der Francia, Bd 44 1998

Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992

Lappenküper, Ulrich: Die deutsch-französischen Beziehungen von 1949 – 1963. Von der „Erbfeindschaft“ zur „Entente élémentaire“ (2 Bde) München 2001

Lappenküper, Ulrich: Les cinquante ans du traité de l’Élysée. Vortrag im DHI Paris vom 24.5.2012. Französisches Redemanuskript

Lappenküper, Ulrich: Das „Wunder“ von Colombey. Konrad Adenauer bei Charles de Gaulle im September 1958. In: Dokumente/Documents. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog. 3/2012

Leenhardt, Jacques und Picht, Robert:  Esprit/Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen.  München 1989

Linsel, Knut: Charles de Gaulle und Deutschland 1914-1969. Beihefte der Francia Bd 44. Sigmaringen 1998

Lipping, Alexander und  Grabendorff,Björn: 1848- Der Deutsche macht in Güte Revolution. FFM 1982

Martens, Stefan, Zwischen Demokratisierung und Ausbeutung. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Beihefte der Francia Bd. 27, 1993

Martens, Stephan, De l’Erbfeindschaft à la Reconciliation. Le Traité de l’Elysée. Portée et limites.  In: Allemagne d´aujourd´hui hors série, mai 2006, S. 36-50. (Sonderheft  8 mai 1945 – 8 mai 2005 France et Allemagne : de la guerre au partenariat européen. )

Miard-Delacroix, Hélène und Hudemann, Rainer (Herausgeber): Wandel und Integration: Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre/ Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante. München 2005

Montferrand, Bernard de und Thiériot, Jean-Louis: France-Allemagne. L’Heure de vérité. Paris 2011

Ritzenhofen, Medard:  Deutschland – Frankreich. Die Erbfreundschaft.  Ein Winter-, ein Wundermärchen. In: Dokumente / Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (Bielefeld), 58 (Dezember 2002) 6, S. 6-43

Seidendorf, Stefan (Hrsg): Deutsch-Französische Beziehungen als Modellbaukasten? Zur Übertragbarkeit von Aussöhnung und strukturierter Zusammenarbeit. Nomos 2012

Vogel, Wolfram, Die deutsch-französischen Beziehungen. In: Kimmel, Adolf/Uterwedde, Henrik: Länderbericht Frankreich. Band 462 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung. 2005

Zibura, Gilbert: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. 1997

http://www.lefigaro.fr/international/2012/05/15/01003-20120515ARTFIG00718-le-couple-franco-allemand-60-ans-d-histoires.php  (Retour sur les grandes dates de la relation franco-allemande.)

 

Auf diesem Blog gibt es auch einen Text über den Aachener Vertrag von 2019, die Fortschreibung und Konkretisierung des Elysée-Vertrags:

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen (Februar 2019)   https://paris-blog.org/2019/02/13/fake-news-nostalgischer-nationalismus-und-antideutsche-ressentiments-der-deutsch-franzoesische-freundschaftsvertrag-von-aachen-schlaegt-in-frankreich-wellen/

 

Anmerkungen

[1] Picht in Leenhardt/Picht, 127

[2] zit. bei Lipping/Grabendorff, 18/19

[3] Siehe dazu: Ennemi/ami héréditaire. Les relations franco-allemandes entre 1870 et 1945 à travers la littérature contemporaine. Dfi 2008 und das Buch von  Jeismann.

[4] Martens, 2006, 50

[5] Vogel, 419

[6] de Gaulle bezeichnete selbst die deutsch-französische Verständigung als „miracle historique“. Zit. bei Lappenküper 3/2012, 49. Der Vertrag selbst ist allerdings eine eher geschäftsmäßig-spröde Vereinbarung „über die Organisation und die Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten“ (Vertragstext). Dem Vertrag ist aber eine gemeinsame Erklärung vorangestellt, in der Adenauer und de Gaulle auf die historische Dimension der „Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk“ verweisen, „die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet“ und „das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet.“ (Text der gemeinsamen Erklärung).

[7] Vogel, 419

[8] Martens,1993, 10

[9] Linsel, 135

[10] Pressekonferenz 29.3.1949: „résurrection de l’imperialisme germanique“; Pressekonferenz 25.2.1953: „Chancelier du Reich“. Zit. bei Linsel, S. 135 und 140

[11] Lappenküper 3/2012, 45 und 49

[12] http://www.tagesspiegel.de/politik/de-gaulle-rede-in-deutschland-vor-50-jahren-grosse-worte-grosse-gesten/7166590.html

[13] Wortlaut der Rede auf: http://www.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Internet/get/1105080/REDE-de_gaulle.pdf.  Zu hören und zu sehen ist die Rede auf:  http://www.europa-nur-mit-uns.eu/charles-de-gaulle-die-rede.html. Dort auch Links zu zeitgenössischen Reaktionen.

[14] Nähere Informationen zu dem deutsch-französischen Jahr 2012-2013 bei: www.deutschland-frankreich.diplo.dewww.elysee50.de bzw.  www.elysee50.fr Zusätzlich gibt es auch ein année franco-allemande en milieu scolaire, das am 9. September in Saarbrücken von George Pau-Langevin, ministre déléguée à la réussite éducative, und der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eingeläutet wurde.  Kramp-Karrenbauer ist  auch Bevollmächtigte für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.

[15] Bled: „La veille au soir, Jean Monnet, inspiré par d’autres intérêts, a tenté de dissuader le Chancelier de conclure“

[16] Curt Gasteyger, Europa zwischen Spaltung und Einigung 1945 bis 1993. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 321, 1994, S. 225

[17] Diese und weitere Belege für die Relativierung der Bedeutung des Vertrags  bei Martens, 2006,45/46

[18] Fischer, 467

[19] Vogel, 423

[20] Vogel, 419; entsprechend stellt Insel, 155, fest, de Gaulle habe den Großmachtanspruch Frankreichs „zum ausschließlichen Bezugspunkt der französischen Politik“ gemacht. In diesem Zusammenhang sei auch seine Deutschlandpolitik zu sehen.

[21] Vogel, 419, 420.

[22] Siehe Gougeon, France-Allemagne, 184

[23] Fischer, 465

[24] Fischer, 466

[25] zit. bei Martens, 2006, 45

[26] Fischer, 467 und Vogel, 424; Fischer a.a.O.  spricht etwas zurückhaltender von einem „Start mit Hindernissen“ und einer von Erhard verursachten „Sackgasse“.

[27] „Ich bin Jungfrau geblieben“. Zit. Lappenküper 2012, 4

[28] Lappenküper 2012,4

[29] s. Corinne Defrance in einem vom Arbeitskreis Deutschland-Frankreich der Uni Kassel organisierten Vortrag vom 24.1.2012 über „Le mythe de la réconciliation franco-allemande“:  „Die Konstruktion des Mythos anhand verschiedener offizieller Inszenierungen setzte spätestens zu Beginn der 1960er Jahre ein: noch vor der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963. Stets standen die Bundesrepublik und Frankreich unter dem Druck der Vergangenheit, stets ging es darum, sich vom gescheiterten Versuch einer Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit abzugrenzen, der doch immerhin einen Friedensnobelpreis für Aristide Briand und Gustav Stresemann mit sich gebracht hatte.“  S.a. Defrance: Construction et déconstruction du mythe de la reconciliation franco-allemande au XXe siècle. In: Mythes et tabous des relations franco-allemandes au XXe siècle. Bern 2012

[30] Zit. in einem Leserbrief von Jacques-René Rabier in La Croix vom 1.10.12, der bedauert, dass in der Ausgabe der Zeitung vom 21. Sept. 2012, deren Schwerpunkt die deutsch-französischen Beziehungen waren, die Initiative Schumans und ihre Bedeutung nicht gewürdigt wurden.

[31] (Revue d’analyses (financières) Publié le 8 novembre 2011,  s. auch den Artikel Gougeons in Le Monde vom 1.11.2011).

[32] „les débats franco-allemands tournent au dialogue de sourds“. (http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/06/22/paris-berlin-le-dialogue-de-sourds_1723264_3232.html)

[33] (“ il faudra d’abord réconcilier la France et l’Allemagne” (http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48).

[34] Gougeon, 2012,188: „risque de fracture“

[35] Le Point 21.6.2012, S. 8; diese Verbindungslinie zieht auch Le Monde am 22.6.: „Les Allemands entendent les propositions françaises comme une nouvelle édition du slogan ‘L’Allemagne paiera’, qui avait rythmé la vie politique française après la première guerre mondiale.“

[36] „La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“. Kardinal Le Bret zit.in: Lous XIV Figaro hors-série 2009, S.96

[37] FAZ, 22.9.12. Bezeichnend dazu die Position des französischen Wirtschaftsministers Moscovici, vor einer Abgabe von Souveränität müssten konkrete Maßnahmen der Solidarität erfolgen, beispielsweise eine europäische Arbeitslosenversicherung. : « Les Français ne sont pas prêts à concéder des abandons de souveraineté sans avancées concrètes de solidarité. C’est pour cela que j’ai évoqué l’idée d’une assurance chômage européenne. » Le Monde  1.10.12. Zur franz. Diskussion um den europäischen Föderalismus s. z.B. Figaro vom 13.9.12: L’Europe face au tabou du fédéralisme“ und Libération 12.9.12

[38] siehe Marianne, 16.-22. Juni 2012, S. 28; entsprechend http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html  Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48: Die Deutschen widersetzten sich der Vergemeinschaftung von Schulden, „car ils veulent au préalable une garantie budgétaire suffisante. Or celle-ci pose la question des transferts de souveraineté, un point sur lequel la France freine des quatre fers.”. s.a. Libération: “ Paris n’a plus aucune raison, vu les gestes allemands, de bloquer la route vers le fédéralisme, même si  Hollande préfère encore parler «d’intégration solidaire»… http://www.liberation.fr/economie/2012/06/29/la-nuit-ou-le-sud-a-fait-flancher-merkel_830240

[39] „On ne peut pas faire une omelette fédérale avec des oeufs durs que sont les vieilles nations d’Europe.” Zit. In Le Monde 15.9.12, S. 11

[40] Libération, 25.3.2011

[41] http://www.lemonde.fr/politique/article/2012/08/27/pourquoi-montebourg-defend-la-filiere-nucleaire_1751629_823448.html

[42] „Pourquoi, cinquante ans après le traité de l’Elysée, la coopération militaire entre les deux pays reste-t-elle balbutiante ? Pourquoi n’y a-t-il aucune ambassade commune ? Pourquoi, à l’ONU et au G20, les deux pays sont-ils incapables de parler d’une seule voix ? Pourquoi se font-ils concurrence au Maghreb et au Proche-Orient?…“ Editorial, 8.7.12

[43] siehe Bled: „Bien entendu, il ne s’agissait pas de laisser l’Allemagne s’y assurer une influence dominante.“

[44] Die Deutschen und ihre Nachbarn. Berlin 1990, 332

[45] „par le creusement des différences économiques et par une réapprobation par l’Allemagne de son statut de puissance“. Gougeon, 2012, 188; Nach der ifop-Untersuchung vom Januar 2012 über das Bild Deutschlands in Frankreich stimmen 81% der Befragten der Feststellung zu, dass sich mit der Eurokrise die Rolle Deutschlands als „le pays dominant“ weiter gefestigt habe. Zur unterschiedlichen Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Frankreichs siehe auch: Bermard de Montferrand und Jean-Louis Thiériot: France-Allemagne. L’heure de vérité. Paris 2011)

[46] Le Figaro 24.8.12: „De toute évidence La  France souffre d’un complexe d’infériorité vis-à-vis de l’Allemagne.” Das wird zwar aus dem Spiegel übernommen, aber vom Figaro groß herausgestellt.  Siehe auch DIE ZEIT vom 19.4.2012 Nr. 17: „Seit dem Blitzsieg der Wehrmacht 1940 leidet Frankreich mit Blick auf den Nachbarn unter einem technischen Minderwertigkeitskomplex, der sich mit dem deutschen Stolz auf die Wertarbeit von Mercedes, BMW und Porsche kongenial ergänzt. »Made in Germany« versus »Merde in France« ….,  wie Jacques Dutronc 1984 in einem Chanson dichtete.“

[47] Marianne 802, 1.-7. Sept.2012, S. 28

[48] Le Monde 7.9.2012

[49] siehe Le Monde, 12.9.2012 S. 1 und 8. Ein Trost ist immerhin, dass es die Finanzmärke derzeit gut mit Frankreich meinen, obwohl ihnen Hollande im Wahlkampf den Krieg erklärt hatte. Aber, so Pierre-Antoine Deshommais in Le Point vom 30.8.2012, S. 30: „Leur irrationalité atteint même parfois la hauteur des bonus des opérateurs qui y travaillent.“ Und eine Sommerliebe könne auch schnell wieder enden.

[50] siehe dazu z.B. Patrick Artus: L’Allemagne, un modèle pour la France. Paris 2009 und das Kapitel 3 in Gougeon 2012. Entsprechende aktuelle Pressebelege  beispielsweise in  Le Monde vom 6.9.12, wo als Aufmacher S. 1 im Großformat die altersbezogenen taux d’emploi-Zahlen Frankreichs mit den –wesentlich günstigeren- deutschen verglichen werden. Oder Les Echos 7./8.9.12: La France doit-elle copier l’Allemagne?

[51] Le Monde, 2.12.11

[52] Libération 1.12.11 Dazu passt auch, dass Montebourg ruhig zusah, wie einer seiner Mitarbeiter dem Chef des  französischen Pharmazie-Konzerns Sanofi  vorwarf, kein Franzose zu sein (sondern Deutsch-Kanadier) und (deshalb) die Forschungskapazitäten seiner Firma in Frankreich unpatriotisch abwürgen zu wollen.  Le Monde, 4.10.12, S. 16 (Die Pharmazie-Sparte der verblichenen « Farbwerke Hoechst » ist übrigens in diesem Konzern aufgegangen).

[53] „Pourtant les atouts de la France sont, à maints égards, supérieurs à ceux de nos partenaires allemands –notamment deux: notre dynamisme  démographique, qui fera passer la population française devant la populataion allemande avant le milieu du siècle: c’est évidemment une clé de l’avenir; notre créativité, ce génie hérité de nos ingénieurs, si visible dans l’aéronautique ou l’énergie. Il a conduit au succès d’entreprises de rang mondial“. Le Point 2085 vom 30.8.2012, S. 42

[54] siehe z.B. auch Editorial le Monde 8.7.12: “Pour des raisons démographiques, l’Allemagne se prépare à des lendemains difficiles.“

[55] Lappenküper 3/2012, 50; entsprechend Fischer, 464

[56] siehe dazu den von Seidendorf herausgegebenen Sammelband .  s.a. Corinne Defrance am 24.1.2012 an der Uni Kassel:  „Dabei hegt und pflegt das deutsch-französische Tandem diesen Mythos im Rahmen seines bilateralen Verhältnisses und dokumentiert diesen derart bereitwillig nach außen, dass das Modell der Versöhnung zu einem „Exportschlager“ werden konnte.“

[57] Gougeon beginnt sein Buch über die bedrohte deutsch-französische Union denn auch mit einem Hinweis darauf, „combien les deux espaces des deux côtés du Rhin ont très longtemps constitué une seule sphère culturelle et politique“ S. 9

[58] Zur Genese dieser symbolischen Geste s. Ulrich Wickert in der FAZ vom 25.9.2009. Ihr allerdings die gleiche außerordentliche Bedeutung  zuzuerkennen wie dem Kniefall Willy Brandts in Warschau, erscheint mir doch arg übertrieben. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kohl-und-mitterrand-in-verdun-warum-reichten-sie-sich-die-hand-1857470.html

[59] Gougeon, 10

[60] ifop: L’image de l’Allemagne en France. Hrsg. von der deutschen Botschaft in Paris/Cidal

[61] ParisBerlin. Magazine pour l’Europe. September 2012, S.21

[62] a.a.O.,S.18

[63] ifop, S. 25

[64] s. Sarah Hasse in der Veranstaltungsinfo zur ersten dt-franz.Begegnung in Versailles am 12.9.2012, S.10

[65] Immerhin geben im aktuellen Baromètre 54,5% der befragten jungen Deutschen an, Französisch zu sprechen –„und sei es auch nur ein wenig“; in Frankreich sind das allerdings nur 27,3%- und damit liegt das Deutsche dort weit abgeschlagen hinter dem Spanischen auf Platz 3. In beiden Ländern steht natürlich das Englische unangefochten an der Spitze. In: ParisBerlin, Sept.2012, S. 20

[66] « Célébrer le passé ne suffit pas pour entrer dans l’Histoire. Il faut un nouveau traité de l’Elysée » (Editorial, 8.7.12 http://www.lemonde.fr/a-la-une/article/2012/07/08/pour-un-nouveau-traite-franco-allemand_1730654_3208.html  )

Le potager du roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.

Versailles: Das ist natürlich das Schloss Ludwigs XIV. mit seinem geschichtsträchtigen Spiegelsaal und natürlich der Park mit seinem grand canal und den grandes eaux, seinen wunderbaren Springbrunnen und Bosquets, dem großen und kleinen Trianon…. Ein grandioser Ort, der aber, wie ich finde, etwas unter seinen Superlativen leidet: zu groß, zu prächtig und vor allem auch: zu viele Besucher. Darüber darf man sich eigentlich nicht beklagen, weil man ja selbst dazu gehört. Aber es ist doch ein sehr begrenztes Vergnügen, sich eng gedrängt durch die Räume des Schlosses zu schieben. Einmal habe ich allerdings im Spiegelsaal gewartet bis zum Ende der Besuchszeit. Und bevor ich schließlich auch eindringlich  herauskomplimentiert wurde, konnte ich den grandiosen Raum ohne Touristen fotografieren! Aber das sind außergewöhnliche, eher  illusionäre Momente.

Spiegelsaal  (59)

Natürlich sollte man Versailles –trotz alledem-  wenigstens einmal auch von innen gesehen haben. Aber  in diesem Bericht kann ich es getrost auslassen. Denn Bücher und Reiseführer zu Versailles gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man keinen Jöckel‘schen Aufguss.  (Sehr empfehlen kann ich übrigens das Buch von William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin 2010).

Lassen wir hier also das Schloss und den Park beiseite. Denn Versailles hat ja noch mehr zu bieten als das. Zum Beispiel den königlichen Obst- und Gemüsegarten, den  potager du roi. Und der ist immerhin –neben Schloss und Park- auch Teil des Weltkulturerbes Versailles- und in einem neueren Paris-Reiseführer, den Freunde kürzlich dabei hatten, war er sogar als „Geheimtipp“ vermerkt. Schert man allerdings –mit dem RER in Versailles angekommen- aus der Masse der zum Schloss strömenden Besucher aus, um  –in entgegengesetzter Richtung- zum  Potager du Roi zu gehen, muss man damit rechnen, von freundlich-besorgten Einheimischen angesprochen zu werden, die einem zu verstehen geben, dass man sich doch offensichtlich in der Richtung geirrt habe. Wenn man dann aber zu verstehen gibt, dass man doch wohl genau auf dem richtigen Weg sei, nämlich zum Potager du Roi, dann wird das mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. So ist es uns jedenfalls einmal passiert.

Von Ludwig XIV. weiß man, etwa durch die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, der Frau des jüngeren Bruders des Königs, dass dieser –vorsichtig ausgedrückt- ein guter Esser war. „J’ai vu souvent le roi manger quatre pleines assiettes de soupes diverses, un faisan entier, une perdrix, une grande assiette de salade, deux grandes tranches de jambon, du mouton au jus et à l’ail, une assiette des pâtisserie et puis encore du fruit et des oeufs durs.“ Besonders beliebt waren bei Ludwig XIV. Erbsen, Artischocken, Spargel und Salate und beim Obst Birnen, Erdbeeren, und schließlich vor allem Feigen.  Damit das alles immer frisch auf seinen Tisch kommt, beauftragte er den Direktor der königlichen Früchte- und Gemüsegärten, Jean-Baptiste La Quintinie, einen neuen Garten anzulegen. Das dafür vorgesehene Gebiet –außerhalb, aber in der Nähe des Schlossparks- war, wie ja auch das gesamte Parkgelände- für eine solche Verwendung eigentlich überhaupt nicht geeignet: Es war ein sumpfiges, übel riechendes und deshalb „étang puant“ genanntes Gelände. Gewaltige und kostspielige Arbeiten, die sich über fünf Jahre von 1678 bis 1683 hinzogen, waren deshalb notwendig: Das Gelände musste entwässert werden, wofür das große Wasserbecken „des Suisses“ im Süden der Orangerie angelegt wurde. Zuständig dafür war –ebenso wie für die Bauten des Gartens- der Schlossarchitekt Jules Hardouin-Mansart. Die künftige Gartenfläche  wurde  zunächst mit einem jeweils leicht geneigten Geflecht von Steindrainagen überzogen, um Staunässe zu verhindern. Darüber kam dann der Aushub des pièce d’eau des Suisses. Weil das aber kein geeigneter Boden für einen königlichen Obst- und Gemüsegarten war, wurde tonnenweise einigermaßen fruchtbare Erde von den  Hügeln von Satory herangeschafft: Dort wurde nämlich gleichzeitig ein großes Wasserreservoir gegraben –  ein kleiner Teil der gewaltigen hydraulischen Arbeiten („travaux pharaoniques“), um den notwendigen Wasserdruck und die notwendige Wassermenge für die Unterhaltung der Brunnen und Fontänen im Park von Versailles sicherzustellen (1871 wurden dort übrigens tausende von Communarden,  u.a. Louise Michel,  monatelang unter freiem Himmel interniert, von denen viele starben). Für die Bodenverbesserung sorgten schließlich auch die etwa 5000 Arbeitspferde, die für den gleichzeitigen Bau des Schlosses eingesetzt wurden, und danach lieferten die 2000 Pferde in den königlichen Ställen von Versailles immer  Dünger im Überfluss. Dass Ludwig XIV. ausgerechnet an dieser Stelle seinen Park und seinen Gemüsegarten anlegen ließ – und wie er bis in die Einzelheiten gestaltet war- ist Ausdruck der Souveränität des Sonnenkönigs, dessen größtes Vergnügen es war, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch in Frankreich sehr verbreitet ist, wie der breite Widerstand gegen jede Abgabe von Souveränität an europäische Instanzen zeigt.

Der Garten ist in barocker geometrischer Strenge um ein kreisrundes grand bassin  gruppiert, das mit seinem hohen Springbrunnen die Mitte des Gartens markiert und gleichzeitig auch als Reservoir für die Bewässerung fungierte.

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Um den inneren Garten herum waren 29 weitere, von hohen Mauern umschlossene Obstgärten angelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass es zwischen 1800 und 2500 Obstbäume zur Zeit von La Quintinie gab –  vor allem Birn- und Apfelbäume.

LE POTAGER DU ROI (VERSAILLES) FRANCE

Vue perspective du potager royal de Versailles. Dessin de P. Aveline l’Ancien, extrait des Vues des belles maisons des environs de Paris édité par Langlois, 1685.

12 dieser Obstgärten gibt es heute noch. Und darinnen 160 Apfel-  und  140 Birnensorten! Dazu kommen noch andere Obstsorten wie Quitten oder Pfirsiche.  Und wie im Schlosspark wurde auch hier die Macht des Königs über die Natur demonstriert:  Fast alle Bäume waren in höchst kunstvoller, aber auch höchst unnatürlicher Weise beschnitten, mussten sich also dem menschlichen/königlichen Willen fügen. Ziel war aber vor allem ein doppelter Genuss: Ein Genuss für die Augen beim Betrachten des Gartens und ein Genuss für den Geschmack beim Verzehr seiner Produkte. Die mögliche Quantität des Ertrags wurde also – trotz der erheblichen vom Hof erwarteten Mengen- durch das radikale Beschneiden der Bäume und die Entfernung von Fruchtständen  ganz  erheblich reduziert. (Und immerhin blieben auf diese Weise waghalsige Klettertouren auf Leitern und Bäumen den königlichen Gärtnern –anders als uns normalen Hobbygärtnern- erspart).  Großen Wert legte La Quintinie auch darauf, das in Reih und Glied angepflanzte Spalierobst so anzuordnen, dass die Bäume jeweils optimaler, aber doch auch unterschiedlicher Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Auf diese Weise wurde die Erntephase erheblich ausgedehnt, wozu natürlich auch die Sortenvielfalt beitrug. Wichtig war dabei vor allem,  schon „vor der Zeit“  Obst und Gemüse ernten zu können. Dies galt besonders für die von Ludwig XIV. geliebten und in Massen vertilgten Feigen. Eigentlich waren ja Erdbeeren die Lieblingsfrüchte des Sonnenkönigs gewesen. Das waren allerdings nicht die heutigen Gartenerdbeeren., die  erst im 18.Jahrhundert u.a. auf der Grundlage der von französischen Siedlern in Kanada entdeckten Scharlach-Erdbeere gezüchtet wurden. Die Erdbeeren auf der Tafel des Sonnenkönigs waren dagegen Abkömmlinge der Walderdbeeren, die zwar sehr süß, aber ziemlich klein waren. Im Garten La Quintinies gab es davon 6 verschiedene  Sorten, die man auch heute noch im Potager du Roi finden kann. In der Corrèze werden sie übrigens, worauf mich unsere Freundin Marie-Christine hingewiesen hat, unter dem Namen „mara des bois“ verkauft.

Potager du Roi 9.6.12 009

Allerdings entwickelte Ludwig  XIV. plötzlich eine heftige Allergie gegen Erdbeeren, so dass ihm sein Leibarzt Fagon 1709 deren Verzehr  untersagte.  Die Alternative auf der königlichen Tafel waren Feigen, an denen der König immer mehr Gefallen fand.  Also wurde nach dem Muster der „Orangerien“ auch eine „Figuerie“ im Potager du Roi eingerichtet, in der die in großen Kübeln gepflanzten Feigenbäume überwintern konnten.  Insgesamt waren es dann mehr als  700 Feigenbäume, die dem König und seiner Tafel pro Tag  4000 (!) Feigen mit so schönen Namen wie Grosse-Jaune, Grosse-Blanche, Gross-Violette, Verte oder Angélique lieferten. In seinem bis auf den heutigen Tag grundlegenden Gartenbuch, das La Quintinie hinterlassen hat, schreibt er über die Feige:

La bonne figue est donc celui de tous les fruits qui parmi nous mérite d’avoir la meilleure place en espalier (dans les pays chauds, elle en  pourrait être incommodée), mais pour juger de son extérieur et de son mérite, et par conséquent de l’estime qui lui est due, il n’y a qu’à voir le mouvement des épaules et des sourcils de ceux qui en mangent, et voir aussi la quantité qu’on en peut manger sans aucun péril à l’égard de la santé.“ (Instruction pour les jardins fruitiers et potagers, Arles 1999, S.432, zit. bei Baraton, S. 173)

Von den Feigen konnte der Sonnenkönig also so viele essen wie er wollte, ohne gesundheitliche Beschwerden fürchten zu müssen. Heute gibt es nur noch wenige Feigenbäume im Potager du Roi. Aber auf dem Gelände der ehemaligen Figuerie ist derzeit ein schönes künstlerisch gestaltetes Feld mit Getreide und Wildblumen angelegt.

Potager du Roi 9.6.12 013 Potager du Roi 9.6.12 040

Gegessen wurde ja, wir hörten das schon von Liselotte von der Pfalz, reichlich an der königlichen Tafel. Ludwig XIV. verschlang die Feigen, und Obst spielte ganz allgemein eine bedeutende Rolle: Frankreich war damals noch nicht das Land der kunstvollen desserts, und jede Mahlzeit, auch jede noch so festliche, wurde mit einem Angebot an Früchten abgeschlossen. Deren Qualität hat La Quintinie ständig zu verbessern versucht- durch Veredelung natürlich, aber auch durch spezielle, den jeweiligen Obstsorten und ihrem Standort im Garten angepasste Spalier- und Schnitttechniken. Noch heute gibt es über 60 verschiedene Spalierformen im potager du roi, der  nicht nur Übungs- und Experimentierfeld für die angeschlossene angesehene Gartenbauschule ist (École nationale supérieure du paysage), sondern auch ein Ort, an dem die große Tradition französischer Nutzgartenkunst weiter gepflegt wird.

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Pfirsichspalier in der Form „cordon vertical ondulé double“

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Spalier in Fächerform (eventail)

Bevorzugtes Spalierobst waren übrigens bei Ludwig XIV. die Birnen. Die hatten nämlich gegenüber den Äpfeln den Vorteil, dass sie als edler galten und vor allem: dass sie weicher waren. Denn das Gebiss des Königs ließ mit zunehmendem Alter zu wünschen übrig, da waren reife, weiche Birnen gerade das Richtige für ihn.

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Das klassische Spalier für die Birnbäume war die „palmette horizontale Legendre à cinq branches“, also ein Birnbaum, von dem nach beiden Seiten jeweils fünf horizontale Äste abzweigen. Diese Spalierform fasst bis heute noch zahlreiche Gemüsebeete ein. Und fters gibt es auch die palmette  mit jeweils drei horizontalen Armen, und zwar vor allem bei Spalieräpfeln.

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Die Birnbäume stammen zwar nicht mehr aus der Zeit Ludwigs XIV., aber 100 Jahre alt sind sicherlich einige von ihnen.

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Das Gemüse wurde und wird in den um das „grand bassin“ gruppierten Gärten, dem Grand Carré, angebaut. Sie sind  z.T. mit Blumen- z.T. auch mit Sauerampfer-Rabatten und niedrig gehaltenem Spalierobst umrahmt. Die meisten Beete werden jährlich neu bepflanzt, u.a. mit den zu Zeiten des Sonnenkönigs  besonders modischen Erbsen.

Erbsen gibt es derzeit gleich unterhalb der Statue La Quintinies – und zwar eine  besonders schöne Sorte mit violetten Schoten. Ein verdienter Ehrenplatz!  1660 präsentierte nämlich der Mundschenk der comtesse de Soissons dem  gerade frisch vermählten Ludwig XIV.  grüne Erbsen, die er aus Italien mitgebracht hatte. Der König, seine junge Gemahlin und Kardinal Mazzarin probierten die Neuheit und Kostbarkeit, die  à la française, also mit weißer Soße, zubereitet war. Ludwig geruhte entzückt zu sein. Sobald danach die Saison der Erbsen begann, ließ sich der König einen ganzen Teller davon servieren, den er verschlang. Zwar war er die Nacht danach krank, aber das hielt ihn nicht davon ab, im nächsten Jahr sich wieder über die grünen Erbsen herzumachen.  Das war der Beginn der Erbsenmode, die am ganzen Versailler Hof Furore machte, und zwar ziemlich nachhaltig, wie aus einem Bericht der Madame de Sévigné von 1696 hervorgeht:

« Le chapitre des pois dure toujours: l’impatience d’en manger, le plaisir d’en avoir mangé, et la joie d’en manger encore, sont les trois points que nos princes traitent depuis quatre jours. Il y a des dames qui après avoir soupé avec le roi, et bien soupé, trouvent des pois chez elles pour manger avant de se coucher, au risque d’une indigestion : c’est une mode, une fureur, et l’une suit l’autre »

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Wer also etwas auf sich hielt am Hof des Sonnenkönigs, der verzehrte selbst nach einem ausgiebigen Mahl –gewissermaßen als „Betthupferl“-  noch einige Erbsen – drohenden Verdauungsstörungen zum Trotz…. Dass Erbsen etwas für feine Leute sind, hat sich übrigens anscheinend noch lange im kollektiven Bewusstsein erhalten. Denn noch 1841 geben Balzac und Arnould Frémy in ihrer „Physiologie du Rentier de Paris et de Province“ als eines der „Axiome“ des typischen Rentiers wieder, man müsse die Erbsen mit den Reichen und die Kirschen mit den Armen essen (“Il faut manger les petits pois avec les riches, et les cerises avec les pauvres“).

Neben Erbsen hatten es auch die damals ebenfalls exotischen Artischocken und dann vor allem der Spargel dem König angetan. Speziell für ihn  wurde der Potager du roi  nachträglich  noch erweitert: Ein zusätzlicher, spezieller Spargel-Garten wurde angelegt, ein „clos aux asperges“, der heutige Jardin Duhamel de Monceau.,  etwas versteckt im hinteren südlichen Teil des Potager du Roi neben dem Parc Balbi gelegen.  La Quintinie ließ die Spargelfelder – wie auch die Gemüsebeete- teilweise mit Frühbeetfenstern und Glasglocken abdecken, um die Sonne zu verstärken- so wie man das auf dem zwischen 1875 und 1890 entstandenen Gartenbild von Gustave Caillebotte sieht.

Caillebotte

Zum Schutz vor der Winterkälte wurden auf den Spargelfeldern Strohteppiche und warmer Pferdemist verwendet, der mehrmals am Tag erneuert wurde!  Und der Erfolg war überwältigend: Wie vom König gewünscht gab es pünktlich zu Weihnachten auf der königlichen Tafel Spargel, und  La Quintinie konnte in seinem Gartenbuch stolz feststellen, es sei ihm auf diese Weise als Erstem gelungen, „pour donner au plus grand roi du monde un plaisir qui lui était inconnu.“ Und damit nicht genug der Freuden: War doch der Spargel eine „Einladung zur Liebe“, wie Madame de Maintenon feststellte. Und die musste es ja wissen. Allerdings nur mittelbar. Denn Frauen war wegen der ihm zugeschriebenen aphrodisierenden Wirkung der Genuss des Spargels verwehrt!

Um den zentralen Garten herum wurde schließlich noch eine breite  Terrasse gebaut, damit der Sonnenkönig mit Wohlgefallen  seinen Garten und die Arbeit seiner emsigen Gärtner überblicken konnte; wenn  die Sonne einmal nicht schien,  sogar von der Kutsche aus. Den nicht standesgemäßen Gärtnern war der Zugang zur Terrasse allerdings verwehrt.  Heute steht dort auf einem Podest verdientermaßen La Quintinie mit den Attributen seines Metiers. Aber der war ja auch kein ordinärer Gärtner.

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La Quintinie war von Hause aus nämlich Rechtsanwalt. Wegen seiner umfassenden Bildung wurde er von dem Präsidenten des noblen „Cour des comptes“ mit der Erziehung seines Sohnes beauftragt, mit dem er eine Bildungsreise nach Italien unternahm. Dabei entdeckte La Quintinie die italienische Gartenkunst, die ihn so begeisterte, dass er hier seine eigentliche Berufung sah. Und da in dieser Zeit  in Paris Stadtpaläste (hôtel particulier) und im Umkreis der Stadt Schlösser für den Adel in Hülle und Fülle gebaut wurden, gab es Aufträge genug. Der „Finanzminister“ Ludwigs XIV., Nicolas Fouquet, holte La Quintinie zusammen mit den „drei großen Ls“,  Le Nôtre, Le Vau et Le Brun nach Vaux le Vicomte. Als Fouquet dann 1661 in Ungnade fiel, requirierte Ludwig XIV. das gesamte „team“ für sich. La Quintinie wurde zum Verwalter des königlichen Obst- und Gemüsegartens in Versailles und schließlich sogar zum   « directeur des jardins fruitiers et potagers de toutes les maisons royales » ernannt und geadelt: Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Gartenkunst bei dem Sonnenkönig hatte. Als La Quintinie 1688 starb, bekannte Ludwig XIV. der Witwe:  « Madame, nous avons fait une grande perte que nous ne pourrons jamais réparer. »

Ludwig XIV. liebte es denn durchaus auch,  seinen Garten auf Augenhöhe zu betrachten oder ihn stolz exquisiten Gästen wie dem Dogen von Venedig oder dem Botschafter von Siam von der umgebenden Terrasse aus zu zeigen.

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Für den königlichen Besucher gab es einen ganz speziellen  Seiteneingang:  Ludwig XIV. konnte  von seinem Schloss über die  Treppen der 100 Stufen (Escaliers des 100 marches) zur Orangerie heruntergehen und von dort aus über die Allée de la Piece d’eau des Suisses direkt durch die vergoldete und mit den Insignien des Königs versehene „Grille du Roi“  den Garten betreten:  Es ist übrigens das einzige noch erhaltene ursprüngliche Tor des gesamten Schlosskomplexes von Versailles.

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Ein weiteres –im Moment ja gerade „aktuelles“-  Beispiel für das große hochherrschaftliche Wohlwollen, dessen sich Gemüse  und –besonders exotisches- Obst in diesen Zeiten erfreute, ist ja auch Friedrich der Große – dem es besonders die Melonen angetan hatten, so dass er eigens eine „Melonerie“ errichten ließ. Und eine Orangerie gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung eines absolutistischen Hofes und manchmal sogar eines Klosters, wofür das auf die Zeit Karls des Großen zurückgehende Kloster Seligenstadt am Main ein schönes Beispiel ist: In der dortigen Orangerie wurden vor allem Ananas gezüchtet, mit denen die Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Rang kulinarisch zum Ausdruck brachten und sich und  ihre Gäste verwöhnten.

Sehr lohnend ist in diesem Zusammenhang auch ein Besuch im Louvre: Dort hängen die vier wunderbaren Jahreszeiten-Portraits, die  Archimboldo 1573 für Kaiser Maximilian II. malte. Der besaß schon eine solche Serie und war so angetan davon, dass er als Geschenk für den sächsischen Kurfürsten eine weitere in Auftrag gab, die seit 1969 als einzige vollständig erhaltene Jahreszeiten-Serie Archimboldos im Louvre ausgestellt ist.

Hier wird auch sehr anschaulich, dass ein Obst- und Gemüsegarten in jeder Jahreszeit seine Reize hat. Den Potager du Roi kann man von April bis Oktober besuchen, und das lohnt sich immer. Natürlich im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen und man die Gärtner bei den Pflanzarbeiten auf den Gemüsebeeten beobachten kann; aber auch im Sommer, wenn die Wildblumen auf der ehemaligen Figuerie und die Blumen auf den Rabatten blühen.

Dann zeigen sich auch die Gemüsebeete in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt. Da gibt es das Carrée für verschiedene alte und neue Erdbeer-Sorten, ein Carrée für alte aromatische Pflanzen, ein Carrée für Artischocken und Spargel usw.  Und  natürlich lohnt ein Besuch  im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen an den Spalieren leuchten

In dem früheren Spargel-Garten werden heute keine Spargel mehr angebaut. Es gibt dort kleine Parzellen, die z.T. von Studenten der Gartenbauschule unterhalten werden, z.T. auch von Schulen und anderen pädagogischen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. Das ist ein völlig anderes Gelände als der geometrisch strenge Barockgarten. La Quintinie würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er seinen „clos aux asperges“ in seinem heutigen Zustand sähe, entsprechend aber auch deutsche Schrebergarten-Funktionäre. Es ist aber ein wunderbarer ruhiger Ort.

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Man hat von dort aus einen schönen Blick auf die direkt vor dem Garten gelegene Cathédrale St-Louis, in der am Vorabend der Französischen Revolution (4.5.1789) die feierliche Eröffnung der Generalstände stattfand. Ab und zu blökt mal eines der Schafe, die im hinteren Teil des Geländes weiden, oder man hört einen Specht aus dem benachbarten –aber leider geschlossenen- Parc Balbi. Unter alten Aprikosen-Bäumen gibt es ein paar alte Plastik-Tische und Stühle. Sie sehen zwar wenig einladend aus –deshalb das vorsorglich mitgebrachte Tischtuch-  aber man kann sich  ungestört hinsetzen, in Ruhe sein mitgebrachtes Picknick verzehren und es sich gut gehen lassen. Das ist ein wunderbarer Abschluss eines Besuchs im Potager du Roi.

Bevor man den Garten verlässt, sollte man sich noch etwas in der kleinen Boutique am Eingang bzw. Ausgang des Gartens umsehen. Dort gibt es nämlich Kostproben von den jeweils 400 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, die noch heute im Potager du Roi angebaut werden.

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Praktische Hinweise:

10, rue du Maréchal-Joffre    Ab Paris RER C Richtung Versailles-Rive Gauche/Château; .Zugbezeichnung VICK

Die Fahrkarten kann man  an jeder Metro-Station in den Automaten kaufen und sie gelten für Metro und RER. Unbedingt empfehlenswert ist es, in Paris schon Rückfahrkarten zu kaufen- es gibt keine speziellen Hin- und Rückfahrkarten- denn nachmittags gibt es im Bahnhof von Versailles oft riesige Schlangen vor den  Fahrkartenautomaten oder Schaltern.

Vom Bahnhof ca 10 Minuten Fußweg zum Potager: Aus dem Bahnhof links die Avenue du Général -de-Gaulle bis zur Rue des Tournelles- rechts ab. Voilà!

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Öffnungszeiten: April bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr.  Eintrittspreis unter der Woche 4.50 €, an Wochenenden 7 €. Beim Kauf der Eintrittskarten sollte man sich den Flyer mit Informationen zum Garten und einem Plan geben lassen.  An Wochenenden und Feiertagen sind auch kommentierte Führungen um 11, 14.30 und 16.00 Uhr im Eintrittspreis eingeschlossen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man findet sich einfach zum entsprechenden Zeitpunkt an der Statue La Quintinies ein.

Aktuelle Informationen über die Geschichte und die künftige Entwicklung des Gartens findet man in dem Pressedossier der Ecole nationale supérieure de paysage, zu der der Potager du Roi gehört: Actions et investissement pour la conservation et la valorisation du Potager du Roi. 16. Oktober 2019. http://www.ecole-paysage.fr/media//ensp_fr/UPL1652196911725588501_DPactionsENSPpourPDR161019web.pdf   Kurzfassung:  http://www.potager-du-roi.fr/site/potager/Conservation-du-Potager-du-Roi-un-etat-des-actions-et-investissements-en-octobre-2019.htm

Anlass dieses Dossiers ist eine am 4. Oktober 2019 im Figaro erschienene  enquête mit dem bezeichnenden Titel: À Versailles, la lente agonie du Potager du roi  –  eine massive Kritik am derzeitigen Zustand des Gartens. Zur weiteren Diskussion siehe: Marc Menessier,  le Potager du roi est bel et bien en péril. Le Figaro répond aux dénégations des responsables de ce site historique «mal mené et malmené». Le Figaro vom 30.10.2019 https://www.lefigaro.fr/jardin/versailles-le-potager-du-roi-est-bel-et-bienen-peril-20191030 und eine Gegenposition eines Kollektivs französischer und italienischer Landschaftsgärtner: Les défis de la restauration du Potager du roi à Versailles. Un collectif craint que les critiques dont fait l’objet le jardin royal n’aient pour objectif d’en dénaturer la Mission afin d’en faire un lieu touristique. In: Le Monde vom 19./20. Januar 2020

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Versailles:

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles

Der Saal der Hoquetons im Schloss von Versailles: Le Brun, Le Nôtre und die Fontänen des verschwundenen Labyrinths

Der König der Tiere: Die Menagerie und das Labyrinth Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Der Canal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon (Die Fontänen von Versailles, Teil 3)

Die Fontänen von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration

Nuits debout- Place de la République, April 2016

Über die Nuits debout auf der Place de la République  in Paris wird, wie ich von Freunden hörte, in Deutschland wenig berichtet. In Frankreich ist das anders, da  gibt es eine breite Berichterstattung.
Tenor: Man weiß nicht so recht, was daraus werden wird. Zumal es wenig konkrete Forderungen gibt.  Aber es werden gerne Parallelen zu der indignados-Bewegung in Spanien hergestellt, aus der ja immerhin Podemos hervorgegangen ist. Umso mehr, als die Bewegung inzwischen nicht mehr auf Paris beschränkt ist, sondern sich auch in anderen Städten etabliert hat.  Jedenfalls beobachten besonders die Sozialisten das Phänomen sehr aufmerksam und halten sich auch sehr mit Kritik zurück.
Die Chefs von Sozialistischer Partei, KPF und der Linken hatten sich schon inkognito zur Place de la République  aufgemacht, um die Lage und Stimmung zu sondieren.  Und Ministerpräsident Valls hat in aller Eile eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, mit denen der Übergang junger Menschen ins Arbeitsleben erleichtert werden soll: Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von ca 25% und einer Rate von 87% CDDs (Arbeitsverträgen mit oft sehr kurzer begrenzter Laufzeit) bei Erstanstellungsverträgen war das überfällig. Jetzt möchte die Regierung die CDDs für die Arbeitgeber verteuern, was allerdings wiederum deren Zorn und Widerstand provoziert. Für Le Monde (Leitartikel vom 13.4.) liegt die Erklärung auf der Hand: Die Exekutive sei  außerordentlich beunruhigt von der Mobilisierung von Teilen der Jugend und befürchte von der Nuit-Debout-Bewegung überrollt zu werden. Außerdem sei es äußerst irritierend, wenn Holland an seine berühmte  programmatische Rede von Le Bourget vom Januar 2012 -während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs-  erinnert werde. Damals hatte er verkündet, er wolle -wenn er gewählt werde- einzig und allein daran gemessen werden, ob die Jugend 2022 besser lebe als 2017. „Je demande à être évalué sur ce seul engagement, sur cette seule vérité, sur cette seule promesse!“  Dieses Versprechen, so Le Monde, sei nicht eingehalten worden, wie die Jugendarbeitslosigkeit und die viel zu große Zahl der „décrocheurs du système éducatif“ zeige,  der Jugendlichen also, die ohne  einen ordentlichen Abschluss das Schulsystem verließen. Le Monde schließt Éditorial mit den  Worten: „Die Glaubwürdigkeit Hollandes und Manuel Valls‘ ist schwer beschädigt. Vor allem bei  der Jugend.“
 Und bei den Nuit-Debout- Teilnehmern sind nach Einschätzung von Sozialisten viele junge Leute, die vor vier Jahren noch auf der Place de la Bastille gestanden und den Wahlsieg von Hollande gefeiert hätten und die zurückzugewinnen ein Jahr vor der anstehenden Präsidentenwahl ganz wichtig sei.

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Jedenfalls war die Stimmung gut, als wir Samstag Abend dort waren. Ein bisschen 68-er feeling…  Versammelt sind da nach Beobachtungen von Journalisten Studenten, Schüler, Lehrer, langjährig politisch Engagierte, Neugierige, „intellos précaires“ und sog. intermittents, also Teilzeitbechäftigte, vor allem aus dem Kulturbereich.  Böse Zungen behaupten denn auch, hier seien die Kinder der Bobos (Bourgeois-Bohème) versammelt, aber auch an denen wird die Jugendarbeitslosigkeit nicht spurlos vorbeigehen. Und selbst bei der kleinen Elite von Absolventen der Grands Ècoles ist das Durchschnittsgehalt in den letzten Jahren zurückgegangen…. (auf 32 862 Euro jährlich 2013). Der vorherrschende und auch in den Medien verbreitete Eindruck ist jedenfalls, die Place de la République Versammelten seien blanc und bourgeois. Menschen mit einer afrikanischen, asiatischen oder mittelamerikanischen Herkunft (Antillen) seien jedenfalls nicht vertreten. Bisher ist der Nuit-Debout-Bewegung auch nicht gelungen, in den banlieues Fuß zu fassen. Ein von le Monde (15.4., S. 10) zitierter Sprecher einer Bürgerinitiative aus einer Pariser Vorstadt erklärt das so:
Les habitants des quartiers sont peut-être plus résignés. Ils ne croient pas qu’ils peuvent influer sur le cours des événements. Il n’y a qu’à voir les taux d’abstention de 60%, 75%.“
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Sprecher/Leitfiguren der nuit-debout-Bewegung gibt es nicht – das würde dem basisdemokratischen  Ansatz widersprechen. Aber es gibt durchaus Prominente, die sich Place de la République engagiert haben: Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Pickety zum Beispiel, die Soziologen Pincon-Charlot (siehe Plakat) und vor allem Francois Ruffin, der engagierte Journalist einer winzigen und bis jetzt weitgehend unbekannten Zeitschrift aus Nordfrankreich, der gerade mit dem fantastischen Dokumentarfilm Merci Patron  einen sensationellen Kinohit in Frankreich gelandet hat: Mit dem kleinsten  Etat der größte Erfolg – passend  zum Inhalt: David (zwei ehemalige, entlassene Angestellte des Luxusimperiums LVHM) gegen Goliath (Bernard Arnault, der Besitzer von LVHM und einer der reichsten Männer Frankreichs). Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte, die zum Lachen ist, auch wenn die Verhältnisse, um die es geht, eher zum Weinen sind…
Download Merci patron
Ruffin und sein Film passen jedenfalls wunderbar zur nuit-debout-Bewegung auf der Place de la République.
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Zumal hier ein politischer Anspruch und ein nicht unerheblicher Unterhaltungswert Hand in Hand gehen:  Musik, Tanz, Jonglage, Kunst, Essen und Trinken…. Ein Sing-Angebot mit Liedern der Commune war sogar auch dabei.
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Ambiance bon enfant. Und keinerlei Polizei weit und breit- im Gegensatz zum Vorgehen bei vorausgegangenen Demonstrationen gegen die geplanten neuen Arbeitsgesetze. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde der Platz allerdings von der Polizei unter etwas merkwürdigen und undurchsichtigen Umständen geräumt. Möglicherweise war der für die Aktion genehmigte Rahmen überschritten worden, vielleicht gab es auch Sachbeschädigungen auf dem frisch renovierten Platz. Und eine längerfristige Nutzung des Platzes durch Nuit Debout passt vielen politisch Verantwortlichen sowieso nicht.  Da geht es – auch für regierende Sozialisten- um die Autorität des Staates. Und immerhin befindet Frankreich sich ja immer noch im Ausnahmezustand, der -laut Manuel  Valls- so lange andauern soll, bis der Terrorismus besiegt ist. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die immerhin auch schon als mögliche Alternative zu Hollande für die nächsten Präsidentschaftswahlen gehandelt wird, ist da immerhin etwas zurückhaltender. Ihr Kommentar: «S’il est légitime de rêver d’un autre monde, il ne l’est pas de dégrader celui-ci.»
Und über die etwas undurchsichtigen Umstände der Räumung:
Der Traum von einer besseren Welt soll und darf also  wohl noch weitergehen. Allerdings gehen die Einschätzungen der Nuits-Debout-Bewegung immer mehr auseinander, besonders nachdem am Wochenende (17./18. April) der frischgekürte Académicien Alain Finkielkraut auf dem Platz ausgebuht wurde- anders als der bejubelte Yanis Varoufakis. Die Intoleranz gegenüber dem -natürlich umstrittenen- Philosophen Finkielraut passt ja auch in der Tat schlecht zusammen mit dem demokratischen Anspruch der Bewegung. Da ist es dann ein Leichtes für Brice Hortfeux, einen der letzten Getreuen von Nicolas Sarkozy und  Vertreter der droit extrême, den Umgang mit Alain Finkielkraut als Ausdruck des Sektarismus und der Intoleranz der Bewegung zu verurteilen und ein nachhaltiges Versammlungsverbot auf der Place de la République zu fordern:
On a voté il y a quelque temps l’état d’urgence. Aujourd’hui, il n’a a pas un maire d’arrondissement qui peut organiser une braderie, une rencontre, une manifestation festive, et là  le gouvernement accepte qu’il y ait, nuit après nuit, ces rencontres! Nuit debout et gouvenement par terre, c’est ca la réalité.“ (Le Monde 19.4.) 
Aber in der gleichen Ausgabe von Le Monde feiert Benoît Hopquin in die Nuit-Debout Bewegung als „Utopia-sur-Seine“:
Un monde meilleur, fût-ce sa promesse, fût-ce son illusion, voilà qui ouvrait la perspective d’un bon bol d’air. Il fallait respirer cet amphi à ciel et à coeur ouverts, cette agora sous l’ombre tutélaire de la statue de Marianne. Tâter de ce dernier salon où l’on cause, ce symposium sous les étoiles où l’on disserte de la vie comme elle va ou plutôt comme elle ne va pas et comme elle devrait être.“
Und wie eine Antwort auf  Hotrefeux zitiert er einen berühmten Wortwechsel des Journalisten Hubert Beuve- Méry mit einem  Kollegen aus der Zeit des Mai 1968: „Qui sont ces voyous?“ „Ce sont nous enfants, patron!“ 

Nuit Debout geht weiter- und die Debatten darüber auch….  (Ergänzung Anfang Mai) 

 Die  Nuit Debout-Bewegung hat sich nach der kurzen Platzräumung im April wieder fest auf der Place de la République eingerichtet. Und damit geht auch in den französischen Medien die Berichterstattung darüber mit großer Intensität weiter.  Und begleitend dazu auch die Debatten, wie diese Bewegung einzuschätzen ist, wen sie überhaupt betrifft und welche möglichen Konsequenzen sich daraus ergeben  könnten.

 Zunächst zeigen einige aktuelle Fotos von Frauke, wie es Ende April/Anfang Mai auf der Place de la République in Paris aussieht: Kennzeichnend sind da vor allem die vielen kleinen Diskussionsgruppen. Der politische Charakter der Bewegung bestimmt inzwischen im Vergleich zu den Anfängen viel deutlicher das Geschehen auf dem Platz.

 Danach werden zwei Artikel aus Le Monde wiedergegeben.

Im ersten Artikel vom 26.4. geht es um den verbreiteten Vorwurf, bei den Teilnehmern von Nuit Debout handele es sich um eine kleine Gruppe von sogenannten „bobos“, also vor allem um junge Menschen aus der Schicht der „bourgeois-bohème“. In dem  Artikel wird ein kurzer Abriss der Entwicklung dieses Begriffs gegeben und dann die Gegenthese aufgestellt, bei den sogenannten bobos handele es sich heute nicht mehr um eine kleine privilegierte Minderheit, sondern um eine große und durchaus nicht immer privilegierte Gruppe, die oft in ähnlich prekären  Arbeitsverhältnissen leben  wie die Jugendlichen aus den „milieux populaires“.

 Der zweite  Artikel –der Text eines Autorenkollektivs-  ist aus zwei Gründen besonders interessant: Einmal wegen seiner geradezu hymnischen Einschätzung des Potentials der Nuit-Debout-Bewegung. Wenn es ihr gelinge, Brücken zur Arbeiterbewegung zu schlagen und zu den Opfern der soziokulturellen Segregation könne sie  eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft bewirken. Am Schluss des Artikels wird  deshalb dazu aufgerufen, sich in der Bewegung zu engagieren und damit zur Konstruktion einer besseren Welt beizutragen. Zum anderen ist der Artikel interessant wegen der Autoren, die ihn unterzeichnet haben: Unter anderem der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Lordon, der sich von Anfang an bei und für Nuit Debout engagiert hat, die Schriftstellerin Annie Ernaux, wie Lordon übrigens eine entschiedene Kritikerin des weiter verlängerten État d’urgence,  und der deutsche Sozialforscher Wolfgang Streeck, bekannt geworden –auch in Frankreich- vor allem durch sein Buch „die gekaufte Zeit“, das auf den  Frankfurter Adorno-Vorlesungen von 2012 beruht und aus linker Perspektive die Einführung des Euro kritisiert.

 

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„Vollversammlung“ auf der Place de la République

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Kostenlose juristische Beratung der „aufrechten Rechtsanwälte“

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Diskussionsgruppen auf dem Platz

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Die aufrechten Feministinnen

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Die Commission gegen den Ausnahmezustand

Avec Nuit debout, le retour des tentatives de définition du mythique « bobo »

 http://bigbrowser.blog.lemonde.fr/2016/04/26/avec-nuit-debout-le-retour-des-tentatives-de-definition-du-mythique-bobo/  26. April 2016

„Ils vivent dans les beaux quartiers / Ou en banlieue, mais dans un loft / Ateliers d’artistes branchés / Bien plus tendance que la Rive gauche / Ont des enfants bien élevés / Qui ont lu Le Petit Prince à six ans / Qui vont dans des écoles privées / Privées de racaille, je me comprends.“

Voici le tableau assez critique que dressait Renaud en 2009 de cette „nouvelle classe“ de citoyens, les „bourgeois-bohème“ à la française. Même 7 ans plus tard, alors que le mot est devenu si banal, insulte si facile ou badge de fierté si prévisible, la chanson reste un indicateur du flou qui entoure la dénomination. Des idées ou des concepts reviennent : entre-soi, gentrification, fort capital culturel… Mais une définition précise, irrévocable, a du mal à s’imposer.

En 2010, la sociologue Camille Peugny expliquait dans Les Inrocks que le terme était utile pour désigner les hommes et les femmes diplômés et issus de la bourgeoisie, mais qui refusaient une partie de leur héritage culturel. Mais elle n’allait pas jusqu’à en faire une catégorie socioprofessionnelle homogène.

„C’est une personne qui a des revenus sans qu’ils soient faramineux, plutôt diplômée, qui profite des opportunités culturelles et vote à gauche.“

Un „bobo“ peut être issu de la grande bourgeoisie comme de la petite classe moyenne, il peut vivre en centre-ville comme en banlieue. On le définit donc davantage par son mode de vie, ses attributs. C’est quelqu’un qui fait du vélo. C’est quelqu’un qui est abonné à Télérama. C’est quelqu’un qui mange bio, qui a une profession artistique, créative ou intellectuelle. C’est quelqu’un qui vote à gauche. Autant de cases qu’on peut remplir pour atteindre le top niveau „bobo“. Et souvent, ces cases sont remplies par ceux qui veulent définir quelqu’un qui les agace profondément.

Insultes et revendications

Le concept est resté suffisamment vague pour devenir une insulte, tellement banale que même les hommes politiques l’ont intégré à leur arsenal. Même les hommes et femmes politiques d’extrême droite, comme Marion Maréchal Le Pen qui, pendant la campagne des régionales en 2010, lançait cette phrase qui a valu sûrement plusieurs minutes de travail avec son conseiller : „Dix bobos qui s’extasient devant des taches rouges, ce n’est pas ma conception de la culture.“

Face à cet emploi majoritairement dépréciatif, il y a eu des initiatives pour réhabiliter le terme. Il y a deux ans, les journalistes Laure Watrin et Thomas Legrand publiaient La République bobo, qui dénonçait la construction purement médiatique du mot – rejeté par nombre de sociologues – et voulait démontrer que le mode de vie en question, s’il est très individualiste, se préoccupe (aussi) de l’avenir de la planète et des moyens de recréer du lien social.

Dans cette mesure, arguaient les auteurs, le bobo est peut-être en train de réinventer des façons d’être ensemble dans une société morcelée. Certains, comme Solange te parle, franchissaient même le Rubicon et revendiquaient leur „boboïtude“.

Nuit debout et le grand retour de l’insulte „bobo“

L’émergence du mouvement Nuit debout au cœur de Paris a été l’occasion de lancer une nouvelle saison de l’interminable série de définition sociologique du „bobo“. Le chroniqueur Eric Verhaegue a écrit sur Figaro Vox „Nuit debout, le crépuscule des bobos“, où il s’étonne de „l’homogénéité sociale“ de cette „gauche bobo“ qui se réunit place de la République.

On y retrouve les accusations traditionnelles. Privilégié, le bobo est par nature „déconnecté“, des ouvriers, des jeunes issus de l’immigration, des salariés et même des familles. Or, comme nous l’expliquions plus haut, le terme „bobo“ se rapporte précisément à une classe fourre-tout, mal définie, résolument non homogène en termes de revenus et d’origine sociale et dont le dénominateur commun est plutôt du côté du capital culturel.

Dire que les bobos sont place de la République, c’est donc admettre, en un sens, que le mouvement est socialement hétérogène, même s’il est culturellement unifié.

Une accusation dont se saisit l’auteur de livres pour enfants Eric Sénabre, dans une tribune publiée dans Libération : „Et si on fichait la paix aux bobos ?“ Il décrit son mode de vie bobo avec des mots et les arguments, là aussi, traditionnels – vélo, lait de soja, jeux éducatifs en bois pour les enfants – avant de poser la question : „Est-ce un crime ?“ Reprenant en substance l’argumentaire développé par les auteurs de La République bobo, il réfute l’idée d’une classe sociale homogène et financièrement privilégiée, avant de dénoncer la facilité de cette insulte passe-partout qui permet de discréditer instantanément tout ce à quoi elle s’applique :

„Le mariage pour tous ? Une idée de bobos. L’écologie ? Un passe-temps de bobos. La fraternité ? Une lubie de bobos. Aujourd’hui, le mot bobo est devenu la réponse à tout, les deux syllabes qui disqualifient d’emblée tout projet humaniste. C’est que le bobo est, par définition, incapable de sincérité.“

„Ce n’est plus une minorité privilégiée, c’est la masse“

Discréditer Nuit debout en la décrivant comme un „mouvement bobo“ n’est pas forcément efficace, notamment parce que le terme a fait du chemin depuis son apparition, et recouvre une catégorie socioprofessionnelle qui a muté, comme le souligne le sociologue Emmanuel Todd, interrogé par Fakir, le journal créé par François Ruffin, auteur du documentaire Merci patron !„Les jeunes diplômés du supérieur, c’est désormais 40 % d’une tranche d’âge. Ce n’est plus une minorité privilégiée, c’est la masse.“ Et que ça n’a plus de sens de ranger tout le monde à la même enseigne de „privilégiés“ :

„Les stages à répétition, les boulots pourris dans les bureaux, les sous-paies pour des surqualifications, c’est la même chose que la fermeture des usines, que la succession d’intérim pour les jeunes de milieux populaires“

 

« Nuit debout peut être porteur d’une transformation sociale de grande ampleur »

LE MONDE | 03.05.2016

Par Collectif

Les crises ouvrent le champ des possibles, et celle qui a commencé en 2007 avec l’effondrement du marché des subprimes ne déroge pas à la règle. Les forces politiques qui soutenaient l’ancien monde sont en voie de décomposition, à commencer par la social-démocratie, qui a franchi depuis 2012 une étape supplémentaire dans son long processus d’accommodement avec l’ordre existant. En face d’elles, leFront national détourne à son profit une partie de la colère sociale en jouant d’une posture prétendument antisystème, alors même qu’il n’en remet rien en cause, et surtout pas la loi du marché.

C’est dans ce contexte qu’est né Nuit debout, qui célèbre ces jours-ci son premier mois d’existence. Depuis la chute du mur de Berlin, la contestation du néolibéralisme a pris des formes diverses : gouvernements « bolivariens » en Amérique latine dans les années 2000, « printemps arabes », Occupy Wall Street, « indignés » espagnols, Syriza en Grèce, campagnes de Jeremy Corbyn et Bernie Sanders en Grande-Bretagne et aux Etats-Unis… Les historiens futurs qui se pencheront sur notre époque se diront sans doute qu’elle fut particulièrement riche en mouvements politiques et sociaux.

La France n’est pas en reste. Des grandes grèves de novembre-décembre 1995 aux mobilisations en cours contre la loi El Khomri, en passant par le mouvement altermondialiste – la création d’Attac en 1998 notamment –, l’opposition au CPE en 2006 et à la contre-réforme des retraites en 2010, les occasions de contester cette « nouvelle raison du monde » furent nombreuses. Elles n’ont pas été concluantes, puisque la crise n’a pas sonné le glas des politiques néolibérales, mises en œuvre aujourd’hui à l’échelle planétaire avec plus d’agressivité que jamais.

 

Enjeux stratégiques

Malgré des difficultés et parfois même des échecs, les créations d’organisations ambitionnant d’incarner cette gauche antilibérale et anticapitaliste ont offert, chaque fois, des occasions de se coaliser, d’accumuler des expériences et de l’intelligence collectives.

AVEC L’UN DE SES AXES, « CONTRE LA LOI EL KHOMRI ET SON MONDE », NUIT DEBOUT PARVIENT À ARTICULERUNE EXIGENCE ESSENTIELLE, LE RETRAIT D’UNE LOI PORTEUSE D’UNE TRÈS GRAVE RÉGRESSION SOCIALE, ET LA CRITIQUE RADICALE DE TOUT UN SYSTÈME.

Nuit debout est un mouvement sui generis, doté de caractéristiques propres. Mais il est aussi l’héritier de cette séquence, des bilans – positifs ou négatifs – tirés par les réseaux militants de ces expériences antérieures. L’histoire avance par conjectures et réfutations.

Un mouvement aussi jeune que Nuit debout est enthousiasmant, bien que forcément parfois confus. Ce qui impressionne toutefois dans son cas, c’est le sérieux avec lequel y sont discutés les enjeux stratégiques auxquels il est confronté. Avec l’un de ses axes, « contre la loi El Khomri et son monde », il parvient à articuler une exigence essentielle, le retrait d’une loi porteuse d’une très grave régression sociale, et la critique radicale de tout un système. L’une des perspectives qui le traverse et auquel il travaille, la grève générale, apparaît décisive pour opérer la jonction entre occupation des places et mobilisation sur les lieux de travail et remporter une victoire qui serait fondamentale.

Les critiques du mouvement n’ont pas manqué de lui reprocher sa composition sociale, la surreprésentation – réelle ou supposée, nul n’en sait rien à ce stade – en son sein de personnes à fort « capital culturel ». Ces mêmes critiques ont pointé l’absence des habitants des quartiers populaires, et notamment des immigrés postcoloniaux.

Quiconque a passé ne serait-ce qu’une heure place de la République ou sur les autres places occupées sait qu’une part considérable des débats en cours porte précisément sur les limites du mouvement, et sur la façon de les dépasser. Comment mieux s’associer avec les syndicats et la classe ouvrière ? Par quels biais susciter la mobilisation des victimes de la ségrégation sociospatiale et du racisme ? Quel « débouché politique » le mouvement doit-il se donner, s’il doit s’en donner un ? En assemblée générale aussi bien que dans les commissions thématiques, ces questions sont omniprésentes.

Transformation sociale

Les réponses sont certes hésitantes, parfois maladroites, et autour d’elles se cristallisent des désaccords. Mais les désaccords portent sur des enjeux réels. Nuit debout est un mouvement exigeant avec lui-même, qui ne sous-estime pas l’ampleur des défis à venir. Si le potentiel émancipateur d’une mobilisation dépend de la conscience qu’elle a de ses propres limites, et de sa volonté de les transcender continuellement, alors il est permis d’espérer que Nuit debout donnera lieu, dans les prochains mois ou années, à une transformation sociale de grande ampleur.

SI L’ARTICULATION S’OPÈRE AVEC DES SECTEURS DU MOUVEMENT OUVRIER ET LES RÉSEAUX ASSOCIATIFS ISSUS DES QUARTIERS, RIEN NE POURRA ARRÊTER CE MOUVEMENT.

Comme disait Gramsci, nous sommes tous des intellectuels, mais nous n’exerçons pas tous la « fonction » d’intellectuel. Le capitalisme a créé pour ses besoins une classe d’individus qui fait profession de lire et écrire. En tant qu’universitaires, nous appartenons à cette classe, même si nous sommes aussi des militant(e)s. Avec le dépassement du capitalisme, cette classe disparaîtra, et l’élaboration intellectuelle cessera alors d’être un privilège social.

Nuit debout n’a nul besoin d’intellectuels pour réfléchir. La production d’idées est immanente au mouvement, dont chaque membre est un intellectuel, et l’ensemble un intellectuel « collectif ».

Nous qui exerçons professionnellement la « fonction » d’intellectuels, nous voulons dire à ce mouvement notre admiration. Notre admiration devant son courage – il en faut pour résister aux constantes intimidations des tenants de l’ordre existant. Notre admiration devant sa capacité à identifier les défis stratégiques du moment, et à essayer d’y apporter des réponses novatrices. Si l’articulation s’opère avec des secteurs du mouvement ouvrier et les réseaux associatifs issus des quartiers, rien ne pourra arrêter ce mouvement.

Les crises ouvrent le champ des possibles, mais le risque est grand de le voir se refermer aussitôt sous la pression de forces réactionnaires. Nuit debout contribue à élargir ce champ, permettant ainsi aux forces révolutionnaires de converger. Nous appelons toutes les personnes et organisations qui ne se résolvent pas au monde tel qu’il va à rejoindre les places, et à prendre part, dès maintenant, à la construction d’un autre monde !

 

Signataires : Tariq Ali, écrivain ; Ludivine Bantigny, historienne ; Cédric Durand, économiste ; Elsa Dorlin, philosophe ; Annie Ernaux, écrivain ; Bernard Friot, sociologue ; Razmig Keucheyan, sociologue ; Stathis Kouvelakis, philosophe ; Frédéric Lordon, philosophe ; Leo Panitch, sociologue ; Wolfgang Streeck, sociologue
En savoir plus sur http://www.lemonde.fr/societe/article/2016/05/03/nuit-debout-peut-etre-porteur-d-une-transformation-sociale-de-grande-ampleur_4912446_3224.html#aGdVZeeyKJhyHZ1C.99

Milly-la-Forêt: Jean Cocteau, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely

Für einen Besuch von Milly-la-Forêt benötigt man ein Auto. Von Paris ist man in einer Stunde in Milly. Wenn man zeitig losfährt, kann man am späten Vormittag die Kapelle von Cocteau ansehen, dann eine kleine Mittagspause am Marktplatz von Milly machen, so dass  am Nachmittag  genug Zeit ist für den Cyklop und für einen Spaziergang in den nahe gelegenen Forêt de Fontainebleau hat.

Die Chapelle Saint-Blaise-des-Simples von Jean Cocteau

Die kleine Kapelle Saint-Blaises-des-Simples, stammt aus dem 12. Jahrhundert und war, außerhalb der Stadt gelegen, Teil einer von Tempelrittern erbauten Anlage zur Pflege von Leprakranken- die Krankheit war von Teilnehmern der Kreuzzüge nach Europa gebracht.

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Der heilige Blasius, dem die Kapelle geweiht war – seine Reliquien liegen in St. Blasien in der Schweiz-,  hatte der Legende nach Tiere und Menschen gepflegt und geheilt.  Das  Hospital von Milly-la-Forêt verwendete als Arzeneimittel Heilpflanzen, wie sie in der Natur vorkommen –deshalb auch „simples“ genannt- die  in dem zur Kapelle gehörenden Garten angebaut wurden. Dieser Garten ist inzwischen wieder als Kräutergarten eingerichtet und man liest mit Erstaunen, wie vielfältige Wirkungen die Kräuter haben können.

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1958 wurde die Kapelle, die allein von der mittelalterlichen Hospital-Anlage erhalten ist, von Jean Cocteau ausgemalt, der sich 1947 auf der Flucht vor der Sittenpolizei, der „Brigade Mondaine“, mit seinem Freund, dem Schauspieler Jean Marais, hierhin zurückgezogen hatte. Hier fand er, nach seinen eigenen Worten, „la  chose la plus rare du monde: un cadre“. In den Boden der Kapelle ist der Grabstein des am 11. Oktober 1963 verstorbenen Künstlers eingelassen, der hier bestattet wurde; anstatt eines Altars gibt es eine Bronzebüste des Cocteaus: Angefertigt von Arno Breker, der –von den Nazis zunächst als zu avantgardistisch und frankophil abgelehnt- zum  Starbildhauer des Dritten Reichs avancierte!

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Breker hatte Cocteau 1924 bei seiner ersten Paris-Reise kennen gelernt und war in Frankreich, wo  er von 1927 bis 1934 lebte,  hoch geschätzt: Aristide Maillol bezeichnete seinen  Freund Breker sogar als „den deutschen Michelangelo des 20. Jahrhunderts“ und Salvadore Dali meinte, Breker sei der einzige Bildhauer seiner Zeit.  der Portraits modellieren könne, wozu übrigens auch die heroische Büste Adolf Hitlers gehörte!  1942 versammelte sich viel deutsche und französische Prominenz  bei der großen Pariser Breker-Ausstellung in der Orangerie im Tuilerien-Garten.

Die Kapelle ist im typischen Cocteau’schen Stil ausgemalt.

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Der wiederauferstandene Christus

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Neben der Signatur gibt es diese schöne Katze, die -nach Cocteaus eigenen Worten- „wie von einem Kind gemalt“ ist. „Dans le style des farces des églises médiévales: chat-pelle“.  (Zitiert in Dominique Mamy, Jean Cocteau, Le roman d’un funambule)

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Die Motive, die Cocteau für die Ausgestaltung der Kapelle wählte, sind  vor allem die „simples“, die Heilpflanzen, und da vor allem wiederum eine besondere Minze, die berühmte „menthe poivrée“,  die für Milly-la-Forêt eine besondere Bedeutung hat.

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Wegen ihrer verdauungsfördernden Wirkung wurde die Minze  schon seit dem Mittelalter  in Milly angebaut. Der Minze-Anbau  erlebte dann im 19. Jahrhundert mit der „menthe poivrée oder Menthe de Milly“ einen regelrechten Boom: Dies ist eine spezielle Züchtung aus schwarzer und grüner Minze, die sich durch einen sehr hohen Menthol-Gehalt, also durch besondere Frische, auszeichnet, gleichzeitig aber nicht –wie die gängige Pfefferminze- am Einschlafen hindert. Noch 1950 gab es in Milly 50 kleine Betriebe, in denen vor allem die menthe poivrée angebaut wurde, die natürlich auch in dem kleinen Kräutergarten der Kapelle ihren Platz hat. Darunter war auch die  1887 gegründete Firma Darégal, heute ein international tätiges Unternehmen, das  sich stolz als  „N°1 Mondial des herbes aromatiques surgelées“ bezeichnet. (http://www.daregal.com/)

Heute gibt es –jedenfalls in Milly selbst- nur noch einen Gartenbaubetrieb für Heilpflanzen, den „Herbier de Milly La Forêt“. Er betreibt am Marktplatz mit seiner großen mittelalterlichen  Markthalle ein kleines sympathisches Geschäft, wo man auch nach einem Besuch der Kapelle einen Pfefferminztee mit der echten „menthe poivrée“ von Milly kaufen und –wenn man  Glück hat- auch trinken kann.

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Gut kombinieren kann man den Besuch der Kapelle auch mit einem Rundgang durch das ehemalige Wohnhaus von Cocteau in der Nähe des Marktplatzes. Dort ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem man u.a. Cocteau-Portraits von Picasso, Buffet, Modigliani, Man Ray, Warhol und Hans Richter findet. Cocteau fand dort die Ruhe und die Natur, die ihm in Paris fehlte:

« C’est la maison qui m’attendait. J’en habite le refuge, loin des sonnettes du Palais-Royal. Elle me donne l’exemple de l’absurde entêtement magnifique des végétaux. J’y retrouve les souvenirs de campagnes anciennes où je rêvais de Paris comme je rêvais plus tard, à Paris, de prendre la fuite. L’eau des douves et le soleil peignent sur les parois de ma chambre leurs faux marbres mobiles. Le printemps jubile partout. » (Jean Cocteau – La Difficulté d’être)

 Von der Kapelle ist es aber auch nicht weit zu der in dem in der gleichen Straße gelegenen Conservatoire national des Plantes médicinale, aromatiques et industrielles, in dem insgesamt 1200 Pflanzen angebaut bzw. aufbewahrt werden. Es gibt einen Garten, eine große Trocknungsanlage, „un lieu magique“, und ein Gewächshaus für tropische aromatische Pflanzen.

Wer die Wahl hat….

Der Cyclop von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Unverzichtbar ist in Milly-la-Forêt allerdings der Cyclop der beiden Künstler Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Die sind in Paris  keine Unbekannten: Im Foyer der Bastille-Oper gibt es von beiden eine ausladende  tanzende Dame auf einer sich drehenden Weltkugel, aber vor allem gibt es den wunderbaren Stravinsky-Brunnen am Centre Pompidou, in dem sich bizarre bunte Figuren drehen und Wasser verspritzen; eine der vielen Pariser Attraktionen.

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Weniger bekannt –selbst bei alteingesessenen Parisern!-  ist der grandiose Cyklop im Wald von Fontainebleau bei Milly-la-Forêt.

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Der Cyclop ist ein stählerner Koloss, mitten im Wald aufgetürmt, 22 ½ Meter hoch, 350 Tonnen schwer. 1969 begannen die Arbeiten, 10 Jahre dauerte es, bis der „Rohbau“ errichtet war. Da es immer wieder zu Akten des Vandalismus kam, übereigneten Tinguely und Niki de Saint Phalle das Werk 1987 dem französischen Staat, um seinen Schutz und seine Erhaltung zu sichern. An dem „Innenausbau“ beteiligten sich dann zahlreiche weiteren Künstler, und 1994 konnte der Cyclop endlich –3 Jahre nach dem Tod Jean Tinguelys- eingeweiht werden.

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Von außen erkennt man den großen Kopf des Cyclopen mit einem einzigen sich drehenden und in der Sonne blinkenden Auge und  einem riesigen Mund, aus dem ein kleiner Bach läuft, der über eine Rutsche in ein Becken am Boden fließt. Was schon hier –von außen- auffällt, ist eine eigenartige Mischung von massivem, cyklopisch-gewalttätigem rohen Material und einer poetischen Verspieltheit durch die Verwendung von bunten Farben, Spiegeln und kleinen Formen.

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Und durch ironische Zitate der Kunstgeschichte- wie die neben dem Eingang aufgebahrten Figuren, die an die Königsgräber in Saint-Denis erinnern. Aber hier sind es keine Könige, sondern Alltagsfiguren: Vielleicht Arbeiter an dem  Cypklop-Projekt,  die sich –noch mit Gummistiefeln an den Füßen- entspannt einen kleinen Mittagsschlaf gönnen.

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Diese faszinierende Mischung setzt sich fort, wenn man –im Rahmen einer obligatorischen Führung- den Koloss betritt und besonders, wenn sich dann die Maschinen mit einem ohrenbetäubenden Lärm in Bewegung setzen.

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Überall kracht, hämmert und dröhnt es, Räder drehen sich, riesige Kugeln rollen durch Stahlgestelle und auf Laufbändern, aber die Bewegung der Maschinen ist völlig sinnentleert. Vielleicht soll damit, wie ich es in einem Führer gelesen habe, auf die „Exzesse und Absurditäten der Konsumgesellschaft“ hingewiesen werden. Vielleicht aber doch noch mehr auf die gewalttätige Seite der Industriegesellschaft- denn der Tod ist überall in dem Cyklopen präsent: In eher verspielter Form wie in den Kacheln von Niki de Saint Phalle

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oder ganz extrem in Form des in 20 Meter Höhe über dem Abgrund hängenden Eisenbahnwagens. Es ist ganz exakt der Wagentyp, mit dem die französischen Juden nach Auschwitz transportiert wurden und der auch im ehemaligen Durchgangslager Drancy aufgestellt ist.  Hat der Cyklop noch einzeln die Gefährten des Odysseus verschlungen, so steht der Eisenbahnwagon für den industriellen Massenmord im 20. Jahrhundert.

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Und ganz oben auf dem Dach dann, mit Blick in die Wipfel der Bäume, ein großes Wasserbecken, in dem sich die Köpfe der Besucher und  -was bei unserem Besuch leider nicht der Fall war- das Blau des Himmels spiegeln: Eine wunderbare Hommage an Yves Klein, den Maler des „geheimnisvollen Blaus“, zu dessen Pariser Ausstellung 1958 selbst der Obelisk auf dem Place de la Concorde blau verkleidet wurde!

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Insgesamt ein hier nur ganz ansatzweise vorgestelltes faszinierendes Kunstwerk: voller Ideen, Anspielungen, Bildern,  Überraschungen, Schönem und Verstörendem; ein spannender Raum für Erfahrungen –wenn man sich etwa durch die Klangstäbe hindurchzwängt- und Anstoß zum Nachdenken

Praktische Hinweise: Geöffnet von Mai bis Ende Oktober, freitags und samtags ab 14.00 und sonntags ab 11.00 Uhr. (nur mit Führung, 45 min, franz.). Zufahrt von Paris über die A 6, Abfahrt Nr. 13 nach Milly-la-Forêt, dann weiter Richtung Etampes (D837), nach 200 Metern rechts in den beschilderten Waldweg einbiegen. Ab Parkplatz zu Fuß. Die Reservierung einer Führung ist nicht möglich.

Die Cocteau-Kapelle, rue de l’Amiral de  Graville, route de Nemours,  hat geöffnet von Ostern bis Allerheiligen von 10 bis 12.30  und von 14 bis 18 Uhr, außer Dienstag. Zwischen Allerheiligen und Ostern nur am Wochenende von 10.15 bis 17.00 Uhr. http://www.chapelle-saint-blaise.org/

Das Haus von Cocteau: 15, rue du Lau, März bis Oktober 14 – 19 Uhr geöffnet. Mit boutique und salon de thé . http://maisoncocteau.net/informations-pratiques

Das Conservatoire (Route de Nemours) ist geöffnet vom 1.4.-15.10. montags bis freitags von 9-17 Uhr, vom 1.Mai bis 15. 9. außerdem an Wochenenden zwischen 14 und 18 Uhr

Das Kräuterlädchen: 16, Place du Marché. www.herbier.com

 

Ergänzung 2016: Die Ausstellung zum 25. Todestag von Jean Tinguely in Paris (Sept./Okt.2016)

Zum 25. Todestag von Jean Tinguely findet/fand im September/Oktober 2015 eine Ausstellung von frühen Werken  des Künstlers aus den 1960-er Jahren in der Galerie Vallois in Paris statt. (33 und 36 Rue de Seine).

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Die ausgestellten Werke werden zu jeder vollen Stunde -bzw. in der schräg gegenüber liegenden Dependence der Galerie jeweils 15 Minuten später in Gang gesetzt. Dazu gibt  es kurze Erläuterungen. Eine große Freude!

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Außerdem  gibt es einige Bilder von Jean Tinguely im Atelier und bei der Materialsuche

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Und es  werden zwei Filme gezeigt: einen schwedischen Film über eine wunderbare Demonstration im Quartier Saint Germain

und einen zweiten Film über eine Aktion in den USA: in einer wüstenähnlichen  Gegend setzt Tinguely eine ganze Reihe von kleinen und großen Maschinen in Bewegung. Ein grandioses Spektakel, das aber in der -geplanten- totalen  und spektakulären Zerstörung endet.

Sehr zu empfehlen!

 

Noch ein Nachtrag (februar 2023): Eine Ausstellung über Niki de Saint Phalle in der Frankfurter Schirn mit einem Modell des Cyklop

Ein Modell des Cyklop von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely (1986)

Ausschnitt

Das Maul

Spiegelungen des Cyklop

Bedauerlich ist, dass in der Frankfurter Ausstellung nicht wenigstens in Foto des Cyklopen in Milly-la-Forêt gezeigt wurde.

Ein weiteres Objekt, das an den Cyklopen im Milly erinnert:

Scbädel. Meditationsraum 1990

Schloss und Park von Chantilly- eine Alternative zu Versailles

Natürlich reichen Schloss und Park von Chantilly bei weitem nicht an Versailles heran. Es gibt dort weder einen Spiegelsaal noch die grandiosen Wasserspiele im Park. Aber immerhin: Auch der Park von Chantilly mit seinem großen Kanal wurde, und zwar noch vor dem von Versailles,  vom großen Le Nôtre entworfen und Chantilly war sogar von den vielen Parks, die er entwarf, ihm der liebste. Das kleine Dörfchen im Park diente sogar als Vorbild für den hameau Marie Antoinettes in Versailles. Wenn man also den Besucherschlangen und dem Gedränge von Versailles entgehen und in Ruhe ein prächtiges französisches Schloss mit seinem Park und seinen Kunstschätzen bewundern will, dann ist man in Chantilly richtig. Auch wenn der Ort weiter von Paris entfernt ist als Versailles: Die Fahrtzeiten sind ganz ähnlich, und vom Bahnhof aus gibt es einen  schönen Fußweg direkt zum Schloss.

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Außerdem hat Chantilly auch einiges zu bieten, was Versailles nicht hat: beispielsweise die riesigen Reitställe (Ecuries), an denen man auf dem Weg vom Bahnhof zum Schloss vorbeikommt und die ich zunächst –wegen ihrer Größe und Pracht-  für das eigentliche Schloss gehalten habe.

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Oder das Musée Condé, eine außerordentliche Sammlung klassischer Kunst, die die Schlossherren, zunächst der „Große Condé“ im 18. und danach der Duc d’Aumale im 19. Jahrhundert,  zusammengetragen haben: Es ist die zweitgrößte Sammlung klassischer Malerei in Frankreich nach dem Louvre, das allerdings mit den drei Raphaels von Chantilly nicht konkurrieren kann.

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Zu den drei Raphaels des Musée Condé gehören neben zwei Gemälden der Madonna mit Kind auch die drei Grazien, ein Motiv, das auf Lucas Cranach zurückgeht. Und immerhin hat das Louvre kürzlich dieses Cranach-Bild mit Hilfe einer groß angelegten Spendenkampagne erworben. Wir konnten es allerdings immer noch nicht sehen, weil dieser Teil des Louvres oft wegen der Personaleinsparungen geschlossen ist…  Es gibt auch eine Reihe schöner Portraits im Musée Condé, unter anderem von der Reine Margot, der ersten Frau Henri Quatres.

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Das ist insofern etwas delikat, weil ja die letzte Liebe des Königs, die blutjunge Charlotte de Montmorency, ausgerechnet in Chantilly zu Hause war- und von der gibt es natürlich auch ein Portrait.

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Die Ausstellungstücke sind zwar –unverändert seit dem 19. Jahrhundert- etwas chaotisch und überbordend angeordnet, aber das hat auch seinen Reiz und strahlt Authentizität aus.

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Das Schloss selbst ist zwar viel bescheidener als das von Versailles und stammt –aufgrund der Zerstörungen während der Französischen Revolution- in wesentlichen Teilen erst aus dem 19. Jahrhundert. Aber die alte Schlosskapelle, die Bibliothek, die das allerdings nur in Faksimile ausgestellte wunderbare Stundenbuch des Duc du Berry zu ihren Schätzen zählt,  und die Galerie der Psyche mit einer Serie von 42 exquisiten Glasfenstern aus der Renaissance lohnen alleine schon einen Besuch.

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Der Park mit seinem großen Kanal und dem „Philosophenweg“, auf dem zur Blütezeit Chantillys La Fontaine, La Bruyère, Mme de Sévigné, Molière und viele andere wandelten, lädt zu einem Spaziergang ein. Den spektakulären, von einer unterirdischen Quelle gespeisten Wasserfall gibt es allerdings nicht mehr.Der ist, wie so vieles in Schloss und Park Chantilly, den Zerstörungen während der Französischen Revolution zum Opfer gefallen.

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Dafür aber die echte Crème Chantilly, die im hameau serviert wird, einem idealisierten Bauerndörfchen, das  zum ersten Mal in einem französischen Schlosspark  aufgebaut wurde.  Dort konnte sich die adlige Gesellschaft ungezwungen verlustieren. Heute gibt es dort ein kleines Café und bei schönem Wetter kann man auch draußen sitzen.

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Die Crème Chantilly soll  von Francois Vatel erfunden worden sein: Geschlagene Sahne, die mit Puderzucker gesüßt und mit Vanille aromatisiert wird.  Ursprünglich hieß der Erfinder mal als biederer Schweizer Fritz-Karl Watel. In Frankreich hat er dann aber eine steile Karriere als Prominenten-Koch und Maître de Plaisir gemacht (was bei Wikipedia sehr schön mit: Event-Manager übersetzt wird):  zunächst bei Nicolas Fouquet, dem reichsten Mann Frankreichs, in Vaux-le-Vicomte (was ein anderes grandioses Schloss bei Paris und  eine andere schöne Geschichte ist- das vielleicht in einem späteren Bericht), dann beim großen Condé in Chantilly. Mit Vatel nahm es allerdings ein trauriges Ende: Am 23. April 1671 erschien Ludwig XIV. mit einem großen 3000 Mann und Frau-starken Gefolge in Chantilly. Es sollte feierlich die Versöhnung mit dem Großen Condé besiegelt werden, der an der Adelsfronde gegen den jungen Ludwig teilgenommen hatte. Außerdem hoffte der hoch verschuldete Condé auf ein einträgliches Militär-Kommando. Nach einer gemeinsamen Jagd gab es ein festliches Souper mit Feuerwerk. Und das war auch schon der Beginn des Dramas, über das wir durch einen Brief von Madame de Sévigné an ihre Tochter anschaulich informiert werden (26. April 1671): Das Feuerwerk funktionierte wegen schlechten Wetters nicht recht, und beim Abendessen fehlte an zwei Tischen der Braten, weil das Gefolge des Sonnenkönigs größer war als erwartet. Vatel sah sich in seiner Ehre beschädigt, auch wenn ihn sein Herr wiederholt beruhigte und tröstete. Am nächsten Tag sollte dann wenigstens alles perfekt sein. Da es Karfreitag war, stand auf dem Speiseplan –vor der Créme Chantilly – Fisch. Doch welche Tragik: Als Vatel am frühen Vormittag die Vorräte inspizierte, stellte er fest, dass die bestellten Fisch-Lieferungen nicht eingetroffen waren! Das war zu viel! Vatel  stürzte sich voller Scham in seinen Degen  und machte so seinem Leben ein Ende. Kurze Zeit später trafen aus allen Häfen Frankreichs die Fische in riesigen Mengen ein! Madame de Sévigné soll jedenfalls in einem Gespräch Vatel als ein Vorbild für Verantwortungsbewusstsein gerühmt haben.

Es erscheint selbstverständlich, dass das Schlossrestaurant den Namen Vatels trägt. Und vielleicht sind auch die vielen Karpfen, die  sich in den Schlossgewässern tummeln, eine Hommage an Vatel: Mit ihnen könnte man jedenfalls sicherlich ohne Mühe ein 3000-köpfiges Gefolge verköstigen.

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Es gibt im Schlosspark von Chantilly –hinter dem hameau- übrigens auch ein Labyrinth- ein grünes, aus Hainbuchen-Hecken. Kunstvoll angelegt, ohne jeden metaphysischen Anspruch, aber eines, in dem man sich wirklich verirren kann!

Die Menagerie, die nach dem Vorbild von Versailles eingerichtet wurde, gibt es allerdings nicht mehr.

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Exposition « La ménagerie de Chantilly »

Und es gibt auch einen Film über Vatel, der sogar 2000 als Eröffnungsveranstaltung der Filmfestspiele von Cannes gezeigt wurde. Die Hauptrolle spielt natürlich….. Gerard Dépardieux, was auch –wenn ich mir die respektlose Bemerkung gestatten darf- plausibel macht, dass es –wie Madame Sévigné berichtet- dreier Versuche bedurfte, bis sich Vatel „erfolgreich“ den Degen in die Brust gerammt hatte. Vorher darf  Dépardieu aber seinen Finger in alle Töpfe stecken, und eine schöne Frau (Uma Thurman) für ihn gibt es natürlich auch … Von 3sat, das den Film am 23.12.10 ausstrahlte, wurde der Film als „opulentes Historiendrama“ angekündigt. Selten habe ein Film „das Übermaß an Prunk und Pracht im Umfeld Ludwigs XIV. so sinnlich ansprechend in Szene gesetzt“. Jedenfalls der passende Film zum Schloss!

Praktische Information: Fahrt mit dem TER Picardi vom Gare du Nord Richtung Creil bis Chantilly-Gouvieux

25 Minuten Fahrzeit. Die Fahrkarten kann man an jeder Metro-Station kaufen und damit auch gleich zum Gare du Nord fahren. Fahrplan im Internet. (SNCF, Gare du Nord – Creil).  Vom Bahnhof Chantilly-Gouvieux aus noch ein Fußweg zum Schloss (beschildert) durch den Wald, dann entlang der Pferderennbahn bis zu den Ställen und von dort zum Schloss.

Täglich außer dienstags geöffnet.

Das Labyrinth von Chartres

Einen Ausflug nach Chartres zu empfehlen, ist sicherlich nicht sehr originell. Die Bedeutung und Schönheit der Kathedrale sind hinlänglich bekannt: Das Königsportal im Westen ist „l’une des merveilles de l’art roman“ (eines der Wunderwerke der Romanik; Michelin, Ile de France 1998, S. 81), und die Glasfenster mit ihrem unnachahmlichen Blau und insgesamt 5000 Abbildungen sind selbst im Land der Kathedralen einmalig. Rodin nannte Chartres „l’acropole de la France“, und als vor Jahren einmal Pepsi Cola ein begehrliches Auge auf den französischen Lebensmittelkonzern Danone geworfen hatte, machte dessen Vorstandsvorsitzender unmissverständlich klar: „Danone, c’est la cathédrale de Chartres. On n’achète pas la cathédrale de Chartres“.  (Le Monde, 26.10.2010. Danone ist die Kathedrale von Chartres. Man kauft nicht  Chartres). Damit war die Unantastbarkeit seiner Firma gewissermaßen in Stein gemeißelt.

Dass ich trotzdem Chartres in die kleine Sammlung meiner Ausflugsempfehlungen aufnehme, hängt mit einer Entdeckung zusammen, die wir gemacht haben, als wir auf der Rückfahrt von ein paar Tagen am Meer (St. Malo)  in Chartres Station machten. Es war ein Freitag  Nachmittag, die Stühle im vorderen Teil des Kirchenschiffes waren weggeräumt. Einige Besucher –manche mit einer Kerze in der Hand- gingen langsam herum, manchmal nebeneinander, manchmal in entgegengesetzter Richtung, aber ohne sich zu berühren,  manchmal drehten sie sich, aber es waren immer kreisförmige Bahnen, eine eigentümliche ruhige Choreographie.

Als wir näher kamen, sahen wir auf dem Boden die kreisrunden schwarzen und hellen Bänder, denen die Besucher vorsichtig folgten und entdeckten das Labyrinth von Chartres.

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Ich war schon mehrfach in Chartres gewesen,  zuerst vor  50 Jahren mit meinem Schulkameraden Winfried – (Paris per Anhalter!) – aber das Labyrinth war mir nie aufgefallen. Wohl nicht nur, weil man in der Kirche eher nach oben zu den Fenstern blickt: Außer freitags ist das Labyrinth immer mit Kirchenbänken zugestellt, so dass man es kaum sehen kann- und diesmal hatten wir –zufällig- gerade einen Freitagnachmittag erwischt. Auch in dem großen Bildband über französische Kathedralen, den ich mir nach meiner ersten Frankreich-Fahrt von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht hatte, ist kein Bild eines Labyrinths enthalten. Und selbst in meinem Reiseführer, der auf mehreren Seiten die Kathedrale beschreibt und rühmt, ist das Labyrinth mit keiner Zeile erwähnt.

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Das Labyrinth von Chartres: Aus dem  Skizzenbuch des Villard de Honnecourt (um 1232)

Das ist nur allzu bedauerlich, denn das Labyrinth von Chartres ist –wie die Kathedrale insgesamt- ganz einzigartig. Es ist mit einem Durchmesser von fast 13 Metern das größte und älteste französische Labyrinth, um 1200 entstanden, Vorbild für viele nachfolgende. Dass  das Labyrinth von Chartres ein architektonisches Vorbild war, wird auch daran  deutlich, dass es von dem mittelalterlichen Archtekten Villard de Honnecourt in sein Skizzenbuch aufgenommen wurde.

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Das Labyrinth in der Kathedrale von Amiens – in der Nachfolge des Labyrinths von Chartres

Das Labyrinth von Chartres  befindet sich im Langhaus direkt hinter dem großen Eingang im Westen. Die kreisrunden Wege des Labyrinths bestehen aus 20-30 cm großen grauen Steinen, die Trennlinien –Mauern- dazwischen aus dunkleren. Insgesamt ist der Weg, den die Gläubigen in dem Labyrinth zurücklegen müssen, 294 Meter lang. Um ihn, wie es im Mittelalter üblich war, knieend und betend zurückzulegen, brauchte man etwa eine Stunde, soviel wie man zu Fuß für eine Meile (lieue) brauchte, deshalb auch der Name La Lieue für das Labyrinth von Chartres. In der Mitte des Labyrinths befand sich eine Kupferplatte, auf der der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus abgebildet war.

Der Anklang an den antiken Mythos ist also deutlich, allerdings verändert das Labyrinth von Chartres –wie die anderen christlichen Labyrinthe- die antike Bedeutung völlig: Folgt man in der Kirche dem vorgezeichneten Weg, kann man sich nicht verirren. Der Weg ist nicht gerade, es gibt ständige Kehrtwendungen, manchmal erscheint das Zentrum schon ganz nahe, dann entfernt man sich wieder: Der Weg zum Heil ist verschlungen, auf ihm sind Reue und Buße für die begangenen Sünden gefordert. Nicht von ungefähr umfasst die Strecke insgesamt 11 Kreise- und 11 ist die Zahl des Irrtums: 10 Gebote plus 1 oder 12 Apostel weniger 1.  Schließlich gelangt man aber doch zum Ziel.  Der Ariadne-Faden ist hier der Glaube, der einen, wenn man nur geduldig genug ist, unweigerlich ins „himmlische Jerusalem“ führt. Danach geht man den Weg zurück und kann als neuer, geläuterter Mensch vor den Altar treten.

Die spirituelle Bedeutung dieses irdischen Wegs zum Heil wird noch dadurch unterstrichen, dass das Labyrinth die gleiche Größe hat wie die große Fensterrose im Westen, die das Jüngste Gericht zum Thema hat. Und das ist kein Zufall: Der Architekt Villard de Honnecourt hat 1230 den Plan der Rosette und den des Labyrinths gleichzeitig gezeichnet. Und nicht nur das: Würde man die Westfassade ins Kirchenschiff absenken, so würde die Rosette des Jüngsten Gerichts genau das Labyrinth bedecken. Aber der Gläubige ist auf dem Weg zum Heil/zum Licht nicht alleine: Am 15. August jeden Jahres, dem Fest der Jungfrau Maria, strahlt die Sonne genau durch das Marienbild im großen mittleren Fenster der Westfassade und erleuchtet die Kupferplatte in der Mitte des Labyrinths!

Und an Ostern wird mit einer speziellen Liturgie, mit Tanz und Kerzen, an die Auferstehung Christi erinnert. (siehe:  https://www.cathedrale-chartres.org/cathedrale/monument/le-labyrinthe/le-labyrinthe-enfin-devoile/)

Ich muss gestehen, dass ich mich  schon beim Weg durch das Labyrinth von Chartres und danach bei der weiteren Beschäftigung mit ihm seiner Faszination nicht entziehen konnte. Und was für ein Glück, dass es –bis auf die zentrale Platte- unverändert durch die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Andernorts war das nicht so: In der Kathedrale von Reims beispielsweise wurde das große Labyrinth kurz vor der Französischen Revolution zerstört. Man hatte die religiöse Bedeutung der Labyrinthe vergessen, sie wurden als Orte des Aberglaubens verstanden, so dass  sie vielfach auf Veranlassung des Klerus beseitigt wurden. Das geschah in Chartres nicht, aber auch dort wurden zeitweise die österlichen liturgischen Tänze  verboten.

Übrigens gibt es in der Kathedrale von Chartres auch noch weitere geometrische (und sicherlich auch arithmetische) Besonderheiten. Beispielsweise lässt sich der Grundriss auf drei flächengleiche geometrische Figuren zurückführen: ein Rechteck mit dem Seitenverhältnis 2:1, das die Größe des Chores bestimmt; ein Quadrat, das mit seinen Ecken die Breite des Langhauses festlegt; und ein Kreis, der am Hauptportal endet und damit die Länge des Langhauses bestimmt. Zufall? Symbol der Dreieinigkeit? Es gibt sicherlich noch viel zu entdecken! Und noch viele offene Fragen!

Praktische Information: Nach Chartres gelangt man mit dem Auto, aber auch gut in ca. einer Stunde vom Bahnhof Montparnasse aus. Das Labyrinth ist zugänglich jeden Freitag, beginnend vom ersten Freitag der Fastenzeit bis zum letzten Freitag im Oktober.

Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel der Revolutionäre

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese  glanzvolle Periode des Viertels.

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://paris-blog.org/?s=Faubourg+Saint+Antoine+Holzhandwerk

Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels:  In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel  eine wesentliche Rolle.

Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.

Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen  der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja  auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:

Émeute qui éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.

Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst  mit in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.

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Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet

Reveillons Manufaktur litt aber  am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das  Überleben der Betriebe zu ermöglichen.  Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie  ein Lauffeuer verbreitete.  So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)

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Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous,  verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude  an und verjagten den Besitzer.

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Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.

In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese  historische Parallele verwiesen.  Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2)  Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.

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Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern

Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.

Hubert Robert

Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür:  Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben.  Die Befreier waren denn auch  etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)

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Und  dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen  Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:

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Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten  Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de  la Bastille einmündet,  sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt.  Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel  auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.

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Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden  eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:

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Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….

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In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.

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Auf  ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe  in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die  auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.

Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem  Batille-Platz dient.

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Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).

Ein eindrucksvolles Bild  einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich  im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘  bekanntem  Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.

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In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels,  erinnert.

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Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….

…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass  dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.

Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.

Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren  allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten  vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals  beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.

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Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.

Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:

„La barricade était livide dans l’aurore.   Et comme j’arrivais elle fumait encore;

Rey me serra la main et dit:   Baudin est mort.

Il semblait calme et doux comme    Un enfant qui dort;  Ses yeux étaient fermés,

Ses bras pendaient, sa bouche    Souriait d’un sourire héroique     Et farouche.

Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”

Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine  historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:

„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“ 

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Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…

Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber  in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:

Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“

Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen  Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen  Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue  Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine  Methode, die Haussmann  auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.

Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.

Schließlich  stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).

Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.

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Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:

C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de  Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la  fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…

Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse  ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la  Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre  les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!

Anmerkungen

(1) Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789. Um 1789.  Zugeschrieben Laurent Guyot    https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-saccage-de-la-folie-titon-pillage-de-la-maison-reveillon-au-faubourg#infos-principales

(2) Eric Vuillard, 14 juillet. Actes Sud 2016, S. 10 (Das erste Kapitel dieses sehr lesenswerten Buches heißt „La folie Titon“.

(3)  Les légendes révolutionaires: Le comte de Lorges http://www.vendeensetchouans.com/archives/2014/07/14/30254227.html

s.a. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6479943r.r=bastille.langFR

Erster Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:

Der Faubourg Saint- Antoine, Das Vierel des Holzhandwerks   https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.

POUR EN SAVOIR PLUS:

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php  (26.4.2020)

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php

Der Faubourg Saint-Antoine (Teil 1): Das Viertel des Holzhandwerks

Als wir 2009 daran gingen, uns –zunächst für ein Jahr- in Paris niederzulassen,  fanden wir eine Wohnung im Faubourg Saint-Antoine, einem uns bis dahin ganz unbekannten Viertel von Paris. Kein Wunder, denn in den meisten –jedenfalls älteren-  Stadtführern ist es überhaupt nicht erwähnt, weist es doch keine besonderen Sehenswürdigkeiten auf, keine spektakulären Bauwerke, kein Museum oder andere Attraktionen. Und um den Ruf des Viertels stand es auch nicht immer zum Besten. So hat Mark Twain  1869 das Viertel als “Gegenstück (zum) prunkvollen Versailles mit seinen Schlössern, seinen Statuen, seinen Gärten und Springbrunnen” wie folgt beschrieben:

„Kleine, enge Straßen; schmutzige Kinder, die sie versperrten; schmierige, schlampige Frauen, die die Kinder einfingen und verprügelten; dreckige Höhlen in den Erdgeschossen, mit Lumpenhandlungen darin (…), weitere dreckige Höhlen, in denen ganze Garnituren von Kleidung aus zweiter und dritter Hand zu Preisen verkauft werden, die jeden Inhaber ruinieren würden, der sein Lager nicht zusammengestohlen hätte; … In diesen kleinen, krummen Straßen bringt man für sieben Dollar einen Mann um und wirft die Leiche in die Seine…  In diesem ganzen Faubourg St. Antoine gehen Elend, Armut, Laster und Verbrechen Hand in Hand, und die Zeugnisse dafür starren einem von allen Seiten ins Gesicht.  (zit. in: dtv Reise Textbuch Paris, 1990, S. 295/296).

Ganz anders das Wochenmagazin Le Point, das  in seiner Ausgabe vom 28. Oktober 2010 das 11. Arrodissement, zu dem ein großer Teil des Faubourgs gehört, mit diesen Worten beschrieb:

„Avec ses nombreux îlots qui ont résisté à la vague haumssmannienne, le 11e est un arrondissement qui a du caractère. Parfois frondeur, souvent héroïque, toujours accueillant, il port sa mixité comme un étendard. … L’arrondissement le plus dense de la capitale, qui abrite 152 000 habitants, continue de séduire. Aux artisans et aux ouvriers qui ont fait sa réputation viennent désormais se joindre des artistes, des intellos et de jeunes couples avec leurs bambins » – und natürlich –wie man ergänzen muss- sogar deutsche Pensionäre!  Wir haben jedenfalls in den  sechs Jahren, die wir im Faubourg wohnten  (von 2009 bis 2015) dieses Viertel immer besser kennen – und schätzen gelernt und es wurde  zu unserer zweiten Heimat.

Im Gegensatz etwa zu den noblen Faubourgs  St.Germain oder St. Honoré im Westen reiht sich am Faubourg St. Antoine kein grandioser Adelspalast an den anderen. Es gibt viele kleine Geschäfte, auch viele sog. Bazare mit billigen Sonderangeboten: Da haben wir zum Beispiel eine elektronische Küchenwaage für 3.50 €  und eine Küchenmaschine für 19.80 € gekauft, auf die es sogar 3 Monate Garantie gab.  Daneben gibt’s das chaotisch vollgeräumte Lädchen mit dem kleinen Chinesen, der das Messingschild (Mme et M. Jöckel) für unsere Wohnungstür hergestellt hat, dann den Blumenladen mit den Sträußen zu 3 € (5 Sträuße zu 10 €!), den nordafrikanischen Metzger, bei dem wir unser Lammfleisch kaufen, der schon in Gelnhausen und Hanau war und dessen Sohn, der ab und zu an der Kasse steht, sich freut, wenn man mit ihm deutsch redet, das er seit vier Jahren auf der Schule lernt. Und  natürlich gibt es das sog. Internet-Café, in dem wir öfters waren, solange wir noch keinen Internet-Anschluss hatten: ein enger Raum vollgestopft mit Telefonkabinen und PCs, in dem meist ein babylonisches Sprachgewirr herrschte und in dem es lebhaft  zuging wie auf einem Marktplatz. Vor allem wenn –wie öfters- die junge Russin da war, die mit ihrem lover  ziemlich laut und schrill „skypte“.

Typisch für das Viertel sind aber vor allem die kleinen Durchgänge und Höfe, in denen „antike“ Möbel  verkauft und manchmal auch noch hergestellt werden. Hier war nämlich früher das Viertel der Handwerker, die die Möbel  für die Adelspaläste im Westen der Stadt, aber auch für den ganzen französischen Adel hergestellt haben, ihre Waren aber auch weiter nach  Europa exportierten.

Dass der Faubourg-St-Antoine das Viertel der Kunst -Tischler wurde, hat natürlich auch historische Ursachen. Das ganze Viertel gehörte nämlich im Mittelalter zu dem Kloster Saint- Antoine- des- champs, und der Faubourg St-Antoine, an dem das Kloster lag,  war ein Teil der wichtigen, breiten Einfallsstraße vom Westen in das Zentrum von Paris, die schon auf die Römer zurückgeht und auf der die Könige –bis hin zu Ludwig XIV- von ihrem Schloss in Vincennes in die Stadt einzogen oder sich bei wichtigen Anlässen vom Volk feiern ließen

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Auf dem Merian-Stich von 1615 erkennt man im Vordergrund die Bastille und  die „place Royalle“, also die heutige place des Vosges. Links im Hintergrund ist das Schloss von Vincennes mit seinen Türmen und der „sainte chapelle“ abgebildet. An der Straße nach Vincennes liegt -in der Mitte des Bildes-  das Kloster S. Antoine des champs mit seinem sehr weitläufigen ummauerten Klosterbezirk. Der spitze Dachreiter auf der Vierung deutet darauf hin, dass es sich um ein zisterziensisches Kloster handeln muss.

In der Tat war St. Antoine des Champs  ein nobles zisterziensisches Damenstift,  das  im Laufe der Jahrhunderte viele Schenkungen und Privilegien erhielt: Zwei davon waren besonders wichtig: 1131 erhielt das Kloster nämlich das Privileg, Schweine zu halten, was gleichzeitig im Stadtgebiet von Paris verboten wurde. Anlass war ein grotesker Unfall von Philipp, dem Lieblingssohn und Mitregenten Ludwigs VI: Im Alter von 15 Jahren ritt er mit seinen Gefolgsleuten in Paris entlang der Seine, als plötzlich ein Schwein seinem Pferd zwischen die Beine lief. Philipp wurde über den Kopf seines Pferdes geschleudert und zog sich so starke Verletzungen zu, dass er am Tag darauf verstarb, ohne vorher das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Das Kloster St. Antoine erhielt nun das Privileg der Schweinehaltung: Die Schweine des Klosters hatten sogar -in 12-er Trupps und mit Glocken um den Hals- Aufenthaltsrecht in den Straßen der Stadt. (1) Dieses Privileg  mehrte erheblich den Wohlstand des Klosters.

Besonders folgenreich war dann ein weiteres Privileg, das das Kloster im Jahr 1471 unter der Regierung Ludwigs XI. erhielt: Damals wurden die im Bereich des Klosters angesiedelten Handwerker von den üblichen Zunftzwängen befreit, ein Privileg, das von Colbert 1657 erneuert wurde.  So entstand im Faubourg Saint-Antoine gewissermaßen eine „marktwirtschaftliche Insel“. Während die „zünftigen“ Schreiner nur Eichenholz verwenden durften, konnten die Werkstätten im Faubourg St-Antoine auch andere Holzarten verwenden, vor allem die Edelhölzer, die ab dem 16. Jahrhundert aus den neu entdeckten Kontinenten nach Europa kamen. Die Kunsttischler des Viertels werden deshalb ja auch ébénistes genannt.  Im Pariser Stadtmuseum (Hotel Carnavalet) sind auch zahlreiche Möbel aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt, von denen ein wesentlicher Anteil sicherlich aus dem Faubourg St. Antoine stammt. Bei einem kleinen Rundgang habe ich –nur stichprobenartig- die Verwendung von 18 verschiedenen Holzarten festgestellt! Dazu kamen dann auch noch andere Materialien wie Bronze, der damals sehr modische japanische Lack, Marmor und verschiedene Farben und Stoffe, die bei der Möbelherstellung verwendet wurden. So entwickelte sich in diesem Viertel eine Vielfalt von kleinen Betrieben rund um die Möbelproduktion.

Hier ein Detail eines im Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ausgestellten Paravent aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit Imitationslack (Vernis Martin) der Familie Martin  hergestellte Arbeit mit chinesischen Motiven.

Eine besondere Anziehungskraft übte der Faubourg Saint-Antoine auch für deutsche Handwerker aus. „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädt nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise  beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie  profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden  Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ (Pallach)

Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.,  erhielt er zahlreiche Aufträge. 

Man kann davon ausgehen, dass der elegante kleine Nachttisch auf dem Portrait der Madame de Pompadour von Boucher (Alte Pinakothek München) von Oeben angefertigt wurde. 

Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame Du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete seine Witwe einen anderen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution  30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette. 

Und so kann Jean-Claude Bourgeois in seinem kleinen Führer durch den Faubourg Saint-Antoine feststellen, am Ende des 18. Jahrhunderts sei in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourgs ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen worden.   „Les Allemands“ waren ein  Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres f+r eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten viele der in dem Viertel arbeitenden Handwerker aus Deutschland. Und sie waren auch ein wesentlicher Bestandteil des  revolutionären Potentials des Viertels, wie sich in den Revolutionen von 1830 und 1848 zeigte. (2)

Die meisten der von Oeben und Riesener angefertigten Möbel für den königlichen Hof wurden 1793/94 von den Revolutionären verkauft und sind heute in englischen und amerikanischen Museen ausgestellt. Immerhin existiert noch der berühmte Schreibtisch von Ludwig XV., der von Oeben begonnen und von Riesener vollendet wurde. Er ist heute im Schloss Versailles zu bewundern. 

Bureau du Roi von Oeben und Riesener, Marketerie und Ormolu, 1760-69 von Unbekannt Unbekannt

Seit 2021 gehört ein weiterer Sekretär aus der Gemeinschaftsproduktion von Oeben und Riesener mit wunderbaren Einlegearbeiten wieder zu dem Versailler Mobiliar.

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Sekretär der dauphine Marie-Josèphe de Saxe, 1763-1765

Schöne Möbelstücke von Riesener gibt es auch im sehr empfehlenswerten Museum Nissim Camondo am Monceau-Park zu sehen. Unter anderem diese raffinierte Commode, deren Schubladen durch einen  seitlich verschiebbaren bemalten Lamellen-Vorhang verdeckt sind.

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Kommode von Jean-Henri Riesener 

Eine weitere Riesener-Kommode ist seit Ende 2021 im neu eröffneten Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde zu bewundern. Die gehörte zum ursprünglichen Mobiliar, das aber während der Französischen Revolution zum größten Teil zerstört wurde. 2021 tauchte aber eine Riesener-Kommode wieder auf und wurde von einem Mäzen für 1,2 Millionen Dollar (!) ersteigert, dem Hôtel übergeben und damit wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Heimat der Kommode                                                                                                  

Insgesamt gab es im 18. Jahrhundert  etwa 800 Werkstätten im Faubourg, die mit der Produktion von Luxus-Möbeln beschäftigt waren. Zum Ruhm und Erfolg des Viertels trugen auch neue Möbelstücke bei, die hier erfunden wurden wie die Credenz oder Anrichte und vor allem natürlich die  Kommode. Erfunden wurde sie von André-Charles Boulle im Jahre 1662. Sie ersetzte die  alte Holztruhe, weil sie wesentlich praktischer und bequemer –commode- war, wie Boulles Frau spontan ausrief, als ihr Mann ihr seine Erfindung präsentierte: Mit Hilfe der Schubladen konnte man leichter Ordnung halten als in einer Truhe, und auf der Kommode war auch noch Platz für Vasen, kleine Statuen und andere schöne Dinge nach dem Geschmack der Zeit. Und weil die Befreiung vom Zunftzwang nicht auf Franzosen beschränkt war, entwickelte das Viertel auch eine große Anziehungskraft auf  unternehmungslustige und schöpferische Handwerker: Kunsttischler aus anderen Ländern wie Flandern, den Niederlanden und vor allem Deutschland: Doch zur revolutionären Geschichte des Faubourgs mehr im entsprechenden Folgebeitrag.

Dass gerade der Faubourg Saint- Antoine das Zentrum des Holzhandwerks wurde, beruht natürlich zunächst und vor allem auch auf seiner Lage in der Nähe der Seine-Kais, auf denen das die Seine herabgeflößte Holz gestapelt wurde. Im 16. Jahrhundert, als Paris, die größte damalige Stadt Europas, 300 000 Einwohner hatte, waren die Wälder in der Umgebung nicht mehr in der Lage,  den Bedarf der Stadt an Holz zu decken. Holz wurde vor allem für die Kamine benötigt, aber auch für den Hausbau und für die Herstellung von Möbeln. Die dafür erforderlichen riesigen Mengen an Holz wurden  deshalb aus den noch intakten  Wäldern des Morvan über die Yonne  und die Seine nach Paris geflößt. Zunächst wurden kleine „branches“, Flöße von 4 mal 4,5 m, zusammengebunden, dann, sobald die Breite und Tiefe des Flusses es erlaubten, „coupons“ von 4 branches und schließlich „parts“ aus 9 coupons. Ab Auxerre wurden dann ganze „trains des bois“ von 72 Metern Länge zusammengebunden und in 11 Tagen von 2 „flotteurs“ nach Paris geflößt. Dort wurden die „Holzzüge“ in der Nähe des Faubourg Saint -Antoine angelandet. Holz und Seile wurden verkauft, und die Flößer gingen zu Fuß nach Auxerre zurück, um von dort einen neuen Transport zu übernehmen. Pro Jahr waren das mehrere tausend solcher riesigen Holzzüge,  die letzten im Jahr 1877. Da hatte die Eisenbahn das Flößen als Transportmittel ersetzt.

Zur Produktionspalette des Faubourgs gehörten auch die  Tapeten, die mit speziell angefertigten Holzmodeln bedruckt wurden. Eine der größten europäischen Manufakturen für Tapeten (papier peint) war die königliche Manufaktur Reveillon, die in der Vorgeschichte der Französischen Revolution eine bedeutende  Rolle spielte. (Dazu mehr im nachfolgenden Beitrag über den „revolutionären“ Faubourg Saint-Antoine).  Darüber hinaus wurden  hier auch Spiegel produziert. Im 16. Jahrhundert war deren Herstellung ein venezianisches Geheimnis und Monopol. Ludwig XIV. beauftragte aber 1665 im Zuge seiner merkantilistischen Politik  seinen Finanzminister Colbert, eine königliche Spiegelglas-Manufaktur zu gründen mit dem Ziel, Frankreich von den venezianischen Importen unabhängig zu machen. Diese Manufaktur wurde im Faubourg St. Antoine, in der Rue Reuilly, angesiedelt. Sie erlebte ihre Blütezeit ab 1688, als in Frankreich ein neues Verfahren entwickelt wurde, das die Herstellung besserer und größerer Spiegel ermöglichte. Die königliche Manufaktur im Faubourg St-Antoine erhielt –auch um sie für bürgerliche Investoren interessanter und gewinnträchtiger zu machen- ein Monopol auf dieses Verfahren und dann vor allem den prestigeträchtigen Auftrag zur Ausstattung des Spiegelsaals im Schloss von Versailles. Die Vormacht der Venezianer in der Glas- und Spiegelproduktion war nun gebrochen. Im Jahr 1692 erhielt die königliche Spiegelmanufaktur  den Namen einer Produktionsstätte bei Laon: St. Gobain – inzwischen eines der größten französischen Unternehmen, das immer noch –auch in Deutschland- führend in der Glasproduktion tätig ist. Von dem früheren Standort ist heute allerdings nichts mehr zu sehen, immerhin gibt es davor  eine Erinnerungs-Tafel der Stadt Paris.

Noch 1955 war der Faubourg Saint-Antoine das größte Zentrum der französischen Möbelproduktion. Heute werden nur noch  in wenigen der Höfe in unserem Viertel  Möbel hergestellt bzw. wenigstens repariert, manche Möbelhersteller haben hier aber immerhin noch ihren Sitz oder einen Ausstellungsraum.

Ein schönes Beispiel ist (bzw war bis Ende 2018)  das Maison Stroesser im Cour St-Nicolas zwischen der Avenue Ledru Rollin und der Rue St-Nicolas.

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Gegründet wurde dieser Betrieb von einem elsässischen Handwerker, der nach dem deutsch-franzöischen Krieg 1870/1871 aus dem Elsass emigriert war, um nicht unter preußisch-deutscher Besatzung leben zu müssen.

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Danach gehörte der Betrieb der Familie Lepennec, die -wie wir festgestellt haben- sogar unsere Nachbarn in der Rue Maillard sind. Bevor wir das entdeckten, war ich schon oft bei Spaziergängen mit Paris-Besuchern dort vorbeigegangen, und anfangs hatte ich gedacht, der am Eingang postierte Hund sei aus Porzellan. Er war aber aus Fleisch und Blut und hieß Dagobert.  Die Firma Stroesser bot ein breites, hochwertiges Möbelsortiment an, das vom Patron nach Kundenwünschen entworfen und dann von auswärtigen Unternehmen produziert wurde.

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Es gab aber auch noch eine alte sympathische Werkstatt im Hof, in der Möbel repariert wurden und neue Möbel den letzten Schliff und die gewünschte Politur erhielten.

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Inzwischen (seit Anfang 2019) gibt es das Maison Stroesser und  diese Werkstatt nicht mehr. Wieder ein Stück der alten Ebenisten-Tradition des Faubourg Saint-Antoine, die verschwunden ist.

So wie auch dieser alte Tischler, den ich vor Jahren in einem der Handwerkerhöfe des Viertels  fotografiert habe:

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Er stellte sich in einem an der Eingangstür befestigten Blatt als  ébéniste, also  als Kunsttischler vor, dazu als Hedonist -de pére en fils-  und auch noch als  Ataraxist- eine erstaunliche Bezeichnung bei einem Menschen, der kaum eine klassische Bildung erhalten hat: Die Kombination dieser Selbstetikettierungen verweist auf den griechischen Philosophen Epikur, für den dauerhafte Lust nur der erfahren kann, dessen Verlangen auf das Notwendigste beschränkt ist.

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Das passt auch gut zu dem Eindruck dieser Werkstatt. Als ich das Foto machte, war der hedonistische Tischler allerdings bei einer wenig lustvollen Beschäftigung: Er schrieb gerade die Überweisung für einen Strafzettel wegen falschen Parkens…. Auch den alten Tischler gibt es aber inzwischen nicht mehr…

Wie lebendig und ausstrahlend diese Tradition gewesen ist, hat sich mir übrigens kürzlich (Mai 2018)  wieder eindrucksvoll bestätigt: Ein Schweizer, der auf diesen Beitrag aufmerksam  geworden war, hatte mich kontaktiert und mir von den Beziehungen seiner Familie zum Faubourg Saint-Antoine berichtet. Sein Großvater Oskar Bieder hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar zweimal bei Tischlern im Faubourg Saint-Antoine gearbeitet: Das erste Mal im Rahmen seiner Gesellenwanderung von 1882 bis 1885 bei dem Möbelhersteller G. Seuret, wie sein Wanderbuch ausweist.

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Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von  1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt das Selbstbewusstsein und den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.

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Das übertrug dann Oskar Bieder auf die Kunsttischlerei, die er nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete.

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Sie firmierte unter dem dort ungebräuchlichen, aber programmatischen Namen Ébénisterie und wurde zur führenden Kunstschreinerei der Schweiz. Auch Hans Bieder, der Sohn und Nachfolger Oskar Bieders,  verbrachte Lehrjahre in Paris, unter anderem -wie sein Vater- bei der Firma Linke im Faubourg Saint-Antoine. Ich hatte die wunderbare Gelegenheit, mit dem Enkel von Oskar Bieder und dem Neffen von Hans Bieder einen Spaziergang durch das Viertel zu machen, an dessen Ende er mir ein Buch über die Kunstschreinerei Bieder in Liestal schenkte (Liestal 2016), dem die vorstehenden Bilder entnommen sind. Die Firma Linke gibt es allerdings nicht mehr. Allerdings fanden wir in einem alten Verzeichnis der ébénistes des Viertels, das uns der Patron der Maison Stroesser zeigte, noch einen entsprechenden Hinweis…

Doch nach diesem Exkurs zurück bzw. weiter mit unserem Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. Im Cour St. Nicolas hat sich -gegenüber der Werkstatt der Maison Stroesser- inzwischen eine Fahrradmanufaktur eingerichtet. Als ich kürzlich mit Besuchern dort war, machte der Chef gerade über Skype ein Interview mit einer Zeitschrift in Dubai. Aber eine freundliche Dame hat uns etwas herumgeführt und die Finessen der hier hergestellten Fahrräder erläutert. Sie kosten  dann allerdings auch zwischen 9000 und 20000 Euro! Abnehmer gibt es offenbar genug… Und dass die Felgen manchmal aus Holz sind, ist doch immerhin auch ein Anknüpfungspunkt an die handwerkliche Tradition des  Faubourg Saint-Antoine.

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Ein alter Handwerkerhof ist auch der Cour du Bel Air im Faubourg St. Antoine Nr.56, der glücklicherweise immer zugänglich ist.

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Man sollte sich durch das Schild cour privé nicht abschrecken lassen und durch die Toreinfahrt in den begrünten Innenhof gehen. Dort wurde früher das von den Seine-Kais herangebrachte Holz gelagert, das für die Handwerker des Viertels bestimmt war. Heute parken da eher Autos, aber die entsprechenden Begrenzungen lassen sich noch gut erkennen.

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Auf der linken Seite des Hofs fällt zwischen den Pflastersteinen ein großer Steinblock auf: Angeblich soll der den Musketieren, die in einer benachbarten Kaserne untergebracht waren, als Spieltisch gedient haben. In einem Büchlein über „Paris secret et insolite“ (Paris 2012) wird er deshalb auch als „pavé des Mousquetaires“ bezeichnet (S. 147). Legenden sind oft einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden, auch wenn ihr Wahrheitsgehalt ungewiss ist…

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 Lohnend ist auch ein Blick in das schöne alte Treppenhaus G mit seiner unter Denkmalschutz stehenden Holztreppe – und nicht versäumen sollte man es auch, sich den hinteren zweiten Hof anzusehen: Da bekommt man einen Eindruck davon, was man aus solchen alten Gemäuern machen kann, wenn man Geschmack und genug Geld hat. Von dem Holzhandwerk, das hier heimisch war, ist heute nichts mehr zu sehen.

Dafür  hatte sich in dem Hof  (in der linken hinteren Ecke versteckt) ein nobler Couturier niedergelassen, der auf Bestellung und auf Maß sehr feine Damengarderoben vor allem für Kundinnen mit nordafrikanischem „Migrationshintergrund“ anfertigte. Man konnte ihm bei der Arbeit zusehen, zum Beispiel wenn er Pailletten auf einem Abendkleid befestigte, und wenn er nicht unter Zeitdruck war, zeigte er auch gerne Fotos von seinen Kreationen.

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Bei meinem letzten Besuch in dem Hof war die Werkstatt allerdings leergeräumt- schade. Leider gab es  keinen Hinweis, was aus dem Couturier geworden  ist – vielleicht ist er ja in größere Räume umgezogen, denn nach seinen Angaben konnte er in mit seinem ganz speziellen Nischen-Angebot gut leben.

Hochspezialisierte Handwerksbetriebe gibt es im quartier auch in anderen Bereichen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein kleiner unscheinbarer Lederhandwerks-Laden in der abgelegenen  rue Titon, in der es wenig andere Geschäfte und keine „Laufkundschaft“ gibt. Mit ihm habe ich auf etwas kuriose Weise Bekanntschaft gemacht. Bei einem unserer Koffer war eine Naht aufgeplatzt. Ich bin also damit zu einem Schuster, der aber nicht über das erforderliche Werkzeug verfügte und mich an den Laden in der rue Titon verwies. Der Inhaber empfing mich sehr freundlich, sah sich den Schaden an und meinte dann, der Arbeitsaufwand sei zu groß, eine Reparatur lohne sich also nicht. Wenn ich aber wolle, könne ich mich in seine  Werkstatt setzen, er würde mir die erforderlichen Werkzeuge geben und mich einweisen, sodass ich das selbst machen könne. So geschah es dann auch.

Koffer Reparatur Juni 2010 008

Bei der Arbeit erfuhr ich dann auch etwas, wie er mit einem so abgelegenen Laden überleben kann. Er erzählte mir, dass es sich um einen alteingesessenen Familienbetrieb handele, dass er über spezielle Werkzeuge und ein know-how verfüge, das es sonst kaum noch gäbe. Von großen Modehäusern erhalte er Aufträge für Sonderanfertigunngen für Modenschauen oder haute-couture- Kollektionen. Das werde gut bezahlt und eröffne ihm auch den Zugang zu weiteren Kunden.

Ein lange Zeit ziemlich heruntergekommener und zum Abriss bestimmter alter Handwerkerhof ist der Cour de l’Industrie in der Rue de Montreuil., ein einzigartiges Ensemble.  Dort haben einige Handwerker und Künstler unter ziemlich desolaten Bedingungen überlebt. Aber inzwischen hat die Stadt Paris sich der Höfe- es sind insgesamt drei aufeinander folgende- angenommen, sie unter Denkmalschutz  gestellt und mit großem Aufwand ein Sanierungsprogramm gestartet, das im Februar 2017 abgeschlossen wurde.

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Das Ergebnis ist beeindruckend und zeigt, dass -zumindest mit öffentlicher Hilfe- auch „normale“ Handwerker eine Sanierung „überleben“ können.

Da, wo jetzt das neue  weiße Gebäüde steht, war früher der Platz der Dampfmaschine, die die drei  Höfe mit Strom versorgte. Jetzt sind dort Ateliers für Künstler entstanden.

Und  nochmal zum Vergleich der  vorherige Zustand:

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und nachher:

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Zum Teil sind die alten Handwerkerhöfe im Faubourg  für die Bobos (bourgeois-bohème) edel herausgeputzt. Das ist ein Aspekt des „embourgeoisement“, dem das Viertel seit Jahren unterliegt. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich renovierte „Cour de l’Etoile d’Or“ (Nr. 75) mit der schönen Sonnenuhr von 1757. Der ist  natürlich  mit einer Schließanlage von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Aber  unter der Woche kann man im Allgemeinen das Hoftor öffnen, ohne den Digicode zu kennen.

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Direkt gegenüber diesem Hexenhäuschen  mit Kater (auf dem  Tisch liegend) wurde im ersten Hof des Cour de l’Étoile d’Or  kürzlich übrigens ein hochmodernes und pikfeines Wohnhaus mit einer Wand aus rostbraunem Metall gebaut – ein Kontrast, wie er für das Viertel immer typischer wird.

Und dahinter gibt es dann noch einen zweiten, breiteren Hof. Handwerker findet man dort allerdings nicht mehr, aber im Sommer kann man  in der Mitte des Hofs sogar Tomaten und Kürbisse bewundern.

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Und im alten Treppenhaus findet man noch einen Hinweis auf die guten alten Zeiten der Möbelherstellung.

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Es lohnt sich auch, einen Blick in den ehemaligen Handwerkerhof nebenan zu werfen, den Cour des Shadoks. (No 71).  Dieser frühere Handwerkerhof verdankt seinen Namen Jacques Rouxel, dem Schöpfer der Shadoks, der hier gewohnt hat.

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Zu den kleinen Paradiesen der  sogenannten „Bobos“ gehört auch der  Cour Reuilly.  Den  kann man allerdings nur mit viel Glück  betreten, wenn man von einem  freundlichen Bewohner hereingelassen  wird, oder zusammen mit einem professioneller Führer, der  den Geheimcode kennt.  Hinter einem unscheinbaren Tor öffnet sich eine ganz eigene Welt mit kleinen herausgeputzten Häusern, Weinranken, Edelkatzen….

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Cour Reuilly 11e Arr. 014

Sehr malerisch ist auch der Innenhof der Nr. 33, schön begrünt, mit lauschigen, von der Außenwelt abgeschirmten Sitzecken.

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Allerdings muss man auch da  Glück haben, als „normal Sterblicher“ dort hereinzukommen.

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Denen, die draußen vor der Tür bleiben, streckt der Straßenkünstler Gregos höhnisch die Zunge raus….

Sehr gut zu beobachten ist im Cour des Bourgignons  die  enge Nachbarschaft von Arbeit und Wohnen, wie sie im Faubourg üblich war: Im Erdgeschoss befinden sich die Werkstätten, darüber z.T. Lagerräume, während in den oberen Stockwerken die Arbeiter wohnten. Bis hin zur Industrialisierung dienten ja die Werkstätten meistens auch als Wohnräume, wurde  aber Mitte des 19. Jahrhunderts wiurde die hier zu beobachtende  Trennung  von Napoleon III. vorgeschrieben.  Allerdings  -wie die meisten der von oben verordneten sozialen Verbesserungen-   nicht aus reiner Menschenliebe, sondern um nach den Erfahrungen der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 die Arbeiter ruhig zu stellen und außerdem auch noch die teuren Maschinen zu schützen. Heute ist in den ehemaligen  Werkstätten unter anderem eine Design-Ausstellungshalle angesiedelt. An die industrielle Vergangenheit erinnert noch der unter Denkmalschutz stehende Schornstein der Dampfmaschine.

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Jedenfalls lohnt es sich sehr, die Straße Faubourg Saint-Antoine zwischen der Bastille und der métro – Station Faidherbe-Chalgny entlangzubummeln und soweit möglich etwas in die rechts und links gelegenen (ehemaligen) Handwerkerhöfe hineinzusehen. Auf einige der alten Handwerkerhöfe wird man auch durch das cour-Schild mit dem großen F, das für Faubourg steht, hingewiesen. Das sind allerdings eher diejenigen Höfe, in denen noch Handwerksbetriebe oder neue an Publikumsverkehr interessierte Boutiquen angesiedelt sind. Ein schönes Beispsiel ist die  rue de Montreuil Nr. 33, wo der China-Lack- Spezialist Lee stolz darauf hinweist, dass er die renommierte École Boulle absolviert hat.

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Erhalten haben sich vor allem kleine Geschäfte, in denen nachgemachte Möbel aller Stilrichtungen angeboten werden, wie etwas in der Passage du Chantier.

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Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man auf Schritt und Tritt, dass man sich in dem ehemaligen  Viertel des Holzhandwerks befindet.

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Besonders nobel ist die ehemalige Niederlassung der Holzfirma Boutet aus Vichy in der Rue Faidherbe – im art nouveau-Stil dekoriert.

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Inzwischen ist daraus ein  4-Sterne- Hotel geworden, in dem man luxuriös und stilecht im Faubourg Saint Antoine logieren kann. Kosten pro Nacht: 240 bis 490 Euro. (Stand Juni 2016)

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Und es gibt auch noch einige kleine spezialisierte Läden, in denen  alles Mögliche angeboten wird, was für die Herstellung, Reparatur und Erneuerung alter Möbel erforderlich ist. Zum Beispiel das Atelier Lecchi, das vor allem auf die Restaurierung von Lackarbeiten spezialisiert ist (Ecke Rue du Dahomey/Rue St Bernard). Die arg verwitterte passende Bemalung der Außenwände lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob dieses schöne Geschäft noch eine Zukunft hat.

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Das gilt auch für die grandiose Quinquaillerie Lejeune in der Rue du Faubourg Saint -Antoine schräg gegenüber der Fontaine de Montreuil.

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Hier habe ich ein Ersatzteil für die „antiken“ Messing-Türgriffe in unserer Wohnung gefunden, das ich schon lange gesucht habe: 2,50 Euro! Aber einfach ist das Geschäft nicht, wie ich von den sympathischen Besitzern erfahren habe: Da die Wohnungen  in Paris meist sehr klein und sehr teuer sind, reicht es bei der Einrichtung oft nur für Massenware  à la Ikea. Dafür braucht man die wunderbaren  Produkte von Lejeune eher nicht.

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Die Tradition des Möbelhandwerks wird auch durch die École Boulle aufrecht erhalten, ein Lycée professionelle des métiers de l’ameublement. Einmal im Jahr öffnet es seine Pforten und zeigt etwas von der Ausbildung und ihren Resultaten.

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Nicht versäumen sollte man es, zum Beispiel am Ende eines Spaziergangs durch den Faubourg Saint-Antoine einen Blick in den malerischen Cour Damoye an der Place de la Bastille zu werfen, der tagsüber zugänglich ist. Dort gab es früher eine außergewöhnliche kleine Kaffeerösterei, die von einer entzückenden alten Dame betrieben wurde.

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Der ausgeschenkte Kaffee war gut und unschlagbar billig und in Anbetracht des  wunderbaren  Ambiente konnte man auch bezüglich der hygienischen Verhältnisse ein Auge zudrücken.  Die alte Dame ist übrigens 2016 in den Ruhestand gegangen. Ein junger Mann hat aber ihre Nachfolge übernommen und das Lädchen im alten Stil  renoviert. Man kann dort wieder selbst gerösteten Kaffee kaufen und auch gleich probieren.

Ein passender Ort für ein Mittagessen im Faubourg Saint-Antoine ist „La Cour du Faubourg“ in der Nr. 27/ 29 der rue du Faubourg Saint-Antoine in der Nähe der Bastille.

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Das Restaurant liegt -zumindest teilweise- in einem überdachten Hof des Viertels.Und die Preise sind ausgesprochen zivil, wenn auch inzwischen ein wenig teurer als auf diesem Preisschild….

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Anmerkungen

(1) http://www.paris-anecdote.fr/Cochons-privilegies.html

(2) „On retrouvera nombre de compagnons et artisans allemands à Paris : en 1830 puis en 1848, ils contribueront grandement à la réputation révolutionnaire des ouvriers du Faubourg Saint-Antoine.“   http://www.histoire-immigration.fr/des-dossiers-thematiques-sur-l-histoire-de-l-immigration/les-pionniers-allemands-1820

Zweiter Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine: 

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel der Revolutionäre  https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

 

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. 
 

Paris  Greeters   „Komm als Gast – geh als Freund!“

Von Wolf Jöckel

Das Motto der in über 30 Ländern vertretenen internationalen Greeters-Bewegung gilt auch für „Parisien d’un jour“, die Greeters von Paris.  Sie bieten abseits des Massentourismus kostenlose Stadtführungen von 2–3  Stunden an.

Der vereinbarte Treffpunkt ist um 10 Uhr auf den Stufen der Opéra Bastille. Der Greeter, ein  ehrenamtlicher Stadtführer von Parisien d’un jour,  und seine beiden Gäste aus Deutschland erkennen sich sofort: Sie hatten vorher per e-Mail kurze persönliche Beschreibungen ausgetauscht. Die Freude ist groß, dass das vor Wochen schon vereinbarte Treffen nun endlich stattfindet. Und dazu scheint auch noch die Sonne! Die beiden Gäste (hôtes, wie sie in der Greeters-Terminologie heißen), waren schon zweimal in Paris, aber auch am bekannten Bastille-Platz gibt es genug Fragen: Was bedeuten die Elefanten-Abbildungen, die in den Boden des Platzes eingelassen sind? Warum beschreibt die schnelle Metro-Linie 1, die Paris von West nach Ost verbindet, bei der Station Bastille einen großen Bogen? Warum ist der Zufluss zu dem Arsenal-Hafen – weiter im Norden ist das der Kanal Saint-Martin – überdeckelt?

Im Viertel des Greeters

Dann geht es in den Faubourg Saint-Antoine. In diesem Viertel ist der Greeter zu Hause und er hatte es als das Ziel des gemeinsamen Spaziergangs vorgeschlagen. In den gängigen Reiseführern taucht es meist nicht auf. Es gibt hier kein Museum, keine außerordentliche Sehenswürdigkeit, auch keinen einzigen Souvenir-Laden. Touristen verirren sich folglich nur selten dorthin. Ein Spaziergang durch dieses Viertel entspricht damit genau dem Konzept der Greeters: Es sollen nicht die touristischen Highlights im Mittelpunkt stehen, und es soll auch nicht professionellen Stadtführern Konkurrenz gemacht werden. Greeters sollen stattdessen ihren Gästen etwas von einem eher unbekannten, aber gleichwohl interessanten Teil der Stadt zeigen und ein Stück weit an ihrem Pariser Alltag teilhaben lassen – zwar nicht für einen ganzen Tag, aber für zwei bis drei Stunden.     

Und natürlich soll es nicht – wie bei den meisten professionellen Führungen – einen Monolog geben, sondern eher ein beide Seiten bereicherndes Gespräch. Dazu bietet schon die Straße Anlass, durch die es jetzt geht. Es ist die rue du Faubourg Saint-Antoine, eine unauffällige Straße. Allerdings ist sie, wie der Greeter erläutert, im Zuge der von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo energisch betriebenen Verkehrswende seit kurzem verkehrsberuhigt. Für den privaten Autoverkehr gibt es nur noch eine Spur, profitiert haben davon Fußgänger und Fahrradfahrer und natürlich die Anwohner.

Aber gab und gibt es keinen Widerstand gegen die Zurückdrängung des Autoverkehrs, wollen die Gäste aus Deutschland wissen. Den gibt es natürlich auch, erläutert der Greeter. Beispielsweise sei sein Friseur, der aus einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erreichbaren Ort des Umlandes komme, ein erbitterter Kritiker. Seiner Meinung nach ist die städtische Verkehrspolitik ziemlich egoistisch; von ihr profitierten nur die reichen Pariser. Wer wie er in Paris arbeite, sich aber dort keine Wohnung leisten könne, habe nur Nachteile. Und mit der Verkehrsberuhigung stiegen  natürlich die Miet- und Kaufpreise noch weiter an. Paris werde immer mehr zu einer Stadt der „BoBos“ (bourgeois bohémiens), des gutsituierten Bürgertums. Und wie ist das in Deutschland, will der Greeter wissen, in Köln, wo die beiden Besucher herkommen. Schon ist man in einem anregenden Gespräch …

Das Viertel, nach dem die Straße benannt ist, ist in hohem Maße geschichtsträchtig: Es war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion, und viele Jahrhunderte hatten dort die französischen Kunsttischler, die ébénistes, ihre Werkstätten: Die Kommode (abgeleitet vom Adjektiv commode = bequem) wurde hier erfunden, zahlreiche deutschsprachige Tischler haben hier für den hohen Adel  des Ancien Régime gearbeitet. Der aus Gladbeck stammende Johann Heinrich (Jena-Henri) Riesener zum Beispiel unterhielt am Vorabend der Französischen Revolution im Faubourg nicht weniger als 30 Werkstätten! Das erzählt der Greeter, während die kleine Gruppe die Straße entlanggeht.

Vom alten Glanz ist heute kaum etwas erhalten. Aber es gibt noch die früheren Handwerkerhöfe, die inzwischen meist in noble Wohnenklaven umgewandelt wurden. Da ist es gut, mit einem ortskundigen Begleiter unterwegs zu sein: Der kennt die Höfe, die sich nur auf Knopfdruck öffnen, aber auch andere, die immer frei zugänglich sind wie den Cour du Bel Air, wo es im Hof noch steinerne Abgrenzungen für das Holz gibt, das früher dort gelagert wurde, eine große steinerne Platte, die die Musketiere einer benachbarten Kaserne als Würfelbrett benutzt haben sollen und in einem der anliegenden Gebäude eine wunderschöne alte Eichenholztreppe, wie sie früher dort üblich waren. Und es gibt die Filiale eines Immobilienmaklers: Da betrachtet man zusammen das Angebot: Unter 10.000 Euro für einen Quadratmeter gibt es nichts – und das ist erst der Anfang. Für eine Wohnung in den ehemaligen Handwerkerhöfen wie diesen sind die Preise noch wesentlich höher. Das interessiert die beiden Paris-Besucher: Wer kann da noch mithalten? Was bedeutet das für die Menschen, was für das Viertel? Und wie sieht das in Deutschland aus, will der Greeter wissen: Wieder reichlich Stoff für ein spannendes, vergleichendes Gespräch.

Details am Rande

Auf dem Weg durch den Faubourg zeigt der Greeter nicht nur einige der alten Höfe, sondern er weist auch auf Details am Rande hin: Zum Beispiel auf eine versteckte Markierung, die die Höhe des verheerenden Hochwassers der Seine von 1910 anzeigt; oder kleine Werke von Pariser Street-Art-Künstlern wie dem Invador, die das Straßenbild der Stadt mitgeprägt haben. Und natürlich zeigt er den Ort einer der letzten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 und die große Plakette an der Wand eines Hauses. Die ehrt mit goldenen Lettern den Armenarzt Baudin, der dort während der Revolution von 1848 erschossen wurde: Der Faubourg Saint-Antoine  war ja nicht nur, wie der Greeter erläutert, das Viertel des Holzhandwerks, sondern auch das Viertel der Revolutionäre.

Inzwischen ist es schon 12 Uhr! Wie schnell die Zeit vergeht! Aber ein Gang über den marché d’Aligre, einen der ältesten Märkte von Paris, muss noch sein. Denn die beiden Gäste haben ausdrücklich auch „Märkte“ als Interessenschwerpunkt für den Rundgang angegeben. Es gibt einen Straßenmarkt vor allem mit Obst und Gemüse, wo der Greeter von Ibrahim, einem  Händler freundlich begrüßt wird; er stammt wie die meisten seiner Kollegen aus Nordafrika. Und dann ist da das wunderbare Fischgeschäft Paris pêche mit einem vielfältigen Fischangebot, dazu Austern, Muscheln, Garnelen und lebenden Hummern, und es gibt eine alte Markthalle, wo unter anderem die Käseauswahl beeindruckend ist. Damit ist das Ende des für den Greeter und die beiden Paris-Besucher anregenden und wie im Flug vergangenen Spaziergangs gekommen. Für die beiden war es die erste Erfahrung mit einem Greeter, aber sie sind sicher, dass es nicht die letzte war.

Herzlicher Abschied

Der Abschied ist herzlich. Der ehrenamtliche Greeter erhält ein besonderes Dankeschön: eine Flasche Kölsch und eine Tafel Schokolade aus dem Kölner Schokoladenmuseum. Und wenn er mal nach Köln kommt, ist er zu einem Stadtbummel eingeladen. Dem gemeinnützigen Verein werden die beiden zufriedenen Gäste 20 Euro spenden, die sie sogar von der Steuer absetzen können.  Der gemeinnützige Verein wird zwar von der Stadt Paris unterstützt, ist aber auf solche Spenden angewiesen.

 

Praktische Informationen

Die Anmeldung zu einem Spaziergang mit Parisien d’un jour erfolgt u.a. über die homepage der Organisation https://greeters.paris/de/wie-we-zijn/. Das Anmeldeformular gibt es auch auf Deutsch. Man kreuzt darauf die Interessenschwerpunkte an, z. B. Geschichte, Architektur, Gastronomie, Märkte. In einem freien Feld kann man besondere Wünsche äußern.

Neben Deutsch empfiehlt es sich, auch Englisch oder Französisch als Alternative für die Sprache der Führung anzukreuzen – das erhöht die Zahl der verfügbaren Greeter; und natürlich gibt man mögliche Zeiträume für die Führung an.

Mit Hilfe dieser Vorgaben sucht der Verein einen passenden Führer aus, der Zeit und Lust hat, einen konkreten Vorschlag für den Rundgang zu machen. Der wird den Interessenten mitgeteilt, die Angebot im Allgemeinen gerne annehmen. Der interessanten Bereicherung des geplanten Paris-Aufenthaltes steht nun nichts mehr im Wege.

https://dokdoc.eu/reisen/14229/komm-als-gast-geh-als-freund/

 

 

Pour en savoir plus: 

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handwerker im Frankreich des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche in Frankreich, Franzosen in Deutschland  1715-1789. Beiheft Francia Band 15, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut in Paris, S. 89-102  https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00012512/document(25).pdf

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handdwerker im Frank

Frankreich im Ausnahmezustand 1/2016

Der Text erschien auch in:  Knoten. Organ des Carolus-Magnus-Kreises. Jahrgang 29, Nr. 1  Frühjahr 2016 

Die Anschläge des 13. November haben Frankreich im Mark getroffen.  Und das in viel radikalerem Maß als die Anschläge vom Januar des Jahres.  Damals waren die Ziele, das Satiremagazin Charlie Hebdo und der jüdische  Supermarkt Hyper Cacher, noch eingegrenzt, wenn damit auch übergeordnete Prinzipien und Werte angegriffen wurden:  die Meinungs- und Religionsfreiheit und das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Diesmal wird ganz generell die französische und speziell Pariserische Lebensart als Anschlagsziel gesehen, so etwa von Le Monde, die sagt, es handele sich um ein Programm „d’anéantissement de  notre  culture“,  notre mode de vie“ sei ein „chef d‘,oeuvre en péril“ (Le Monde, 21.11.)

An der Tür der Brasserie Comptoir Voltaire, auf deren Terrasse ein Selbstmordattentäter sich in die Luft gesprengt hat, findet sich noch die Werbung für den neuen Beaujolais und die Ankündigung eines Beaujolais-Abends für den 19. November mit einem Spezial-Menü und einem Swing- und Musette-Orchester…

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Und vor der Bar La Belle Equipe in unserem 11. Arrondissement, an der wir täglich auf dem Weg zum Markt und zum Schwimmbad vorbeiradeln –einem der Orte der blutigen Anschläge-  hat jemand eine Übersetzung der Liebeserklärung eines Leserbriefs der New York Times vom 15. November angeheftet – eine Liebeserklärung an Frankreich, die in den sozialen Netzwerken vielfach verbreitet wird. Er tut, wie Télérama schreibt, den Franzosen gut, weil er genau zum Ausdruck bringt, was viele Menschen hier nach den Anschlägen umtreibt:

„La France incarne tout ce que les fanatiques religieux du monde détestent: la joie de vivre par une myriade de petites choses: le parfum d’une tasse de café et des croissants le matin, de belles femmes en robe souriant librement dans la rue, l’odeur du pain chaud, une bouteille de vin que l’on partage entre amis, quelques gouttes de parfum, les enfants qui jouent dans les jardins du Luxembourg, le droit de ne croire en aucun dieu, de se moquer des calories, de flirter, fumer et  apprécier le sexe hors  mariage, de prendre des vacances, de lire n’importe quel livre, d’aller à l’école gratuitement, jouer, rire, se disputer, se moquer des prélats comme des politiciens, de ne pas se soucier de la vie après la mort. Aucun pays sur terre n’a de meilleure définition de la vie que les Français.“

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Plantu hat in einer Karikatur von Le Monde vom 17.11. die Anschläge auf die französische Lebensart sehr eindrucksvoll sprachlich und zeichnerisch auf den  Punkt gebracht:

IMG_5289 Le Monde 17.11.

 

Natürlich ist die in der New York Times beschriebene Lebensart nicht allein den Franzosen und Paris vorbehalten, worauf Michel Guerin in Le  Monde vom 21. November hinweist. Das gelte auch für manche Viertel  in Berlin, Istanbul oder Tel Aviv.  Diese Internationale der Lebensfreude und der Kreativität wollten die Savonarolas des Islam durch eine Internationale des Terrors ersetzen.  Insofern reicht die Bedeutung der Pariser Anschläge weit über Frankreich hinaus und trifft eine weltweit, auch im aufgeklärten Islam verbreitete Lebensweise. Es ist kein  Zufall, dass unter den Opfern der Pariser Anschläge auch viele junge Muslime waren.

Und nicht zuletzt war ja auch das Stade de France Ziel der Anschläge. Sicherlich, weil dort wegen des Freundschaftsspiels zwischen der französischen équipe  und der deutschen Mannschaft viel politische Prominenz versammelt war und viele Tausende Zuschauer auf den Rängen und viele Millionen an den Fernsehschirmen Augenzeugen des Terrors hätten werden können und sollen: Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn die Attentäter sich auf den vollbesetzten Tribünen in die Luft gesprengt hätten.  Das Fußballstadion ist darüber hinaus, wie der Ethnologe Christian Bromberger feststellte, eines der letzten Symbole der nationalen Einheit: Auch wenn dort überwiegend nur die männliche Bevölkerungshälfte vertreten sei, so verwischten sich dort alle Unterschiede der sozialen Zugehörigkeit, der Wohnorte, der Hautfarbe, der Religion. Und Menschen unterschiedlichster Herkunft sängen  dann bei einem Länderspiel wie dem des 13.11.  gemeinsam  die Marseillaise. (Le Monde, 21.11.)

Nur konsequent also, dass nach den Attentaten  immer wieder die nationale Einheit beschworen  wird: Weithin sichtbar auch dadurch, dass zahlreiche öffentliche Gebäude in den Nationalfarben angestrahlt wurden. Der Absatz der Tricolore-Fahnen hatte sich nach den Anschlägen verdoppelt. Und als dann vom Staatspräsidenten empfohlen wurde, am 27., dem Tag der Gedenkfeier für die Toten der Anschläge, die Fenster mit Fahnen zu schmücken, waren die schnell ausverkauft. Unsere Pariser Freundin Inès veranlasste das zu einer Rundmail, in der sie empfahl, sich die erforderlichen Stoffe zu kaufen und sie dann selbst zu einer Fahne zusammenzunähen. Sie gab auch gleich Adressen der in Frage kommenden Geschäfte an. Im Internet wurden auch noch andere phantasievolle Möglichkeiten gezeigt, wie man sich -z.B. mit blau-weiß-roten T-Shirts- gut behelfen und wie man die patriotischen Aufwallungen –z.B. mit BHs in den Farben der Tricolore-  à la française  ironisieren konnte.

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Die Anschläge vom 13.11. versetzten Paris, ja ganz Frankreich in einen Schockzustand.  „La France est en état de choc“, schrieb Le Monde in ihrem éditorial vom 22./23.11. gleich zweimal (entsprechend auch Paris Match in der Sonderausgabe vom 15.11.) und: „La France d’après, un pays plongé dans la peur“.  Und das viel  intensiver und weiter verbreitet als im Januar: Wenn man der soziologischen Analyse des ansonsten von mir wenig geschätzten Emmanuel Todd über die „Je suis Charlie“-Demonstranten des 11. Januar 2015 folgt, dann war dort vor allem das etablierte Frankreich vertreten,  waren die Demonstranten  reicher und älter  als der Bevölkerungsdurchschnitt. Heute fühlt sich ganz Frankreich betroffen, seine Jugend, seine Metropolen, aber auch das ländliche Frankreich, la France profonde. Im Januar, berichtet eine Abgeordnete, „haben sich unsere Mitbürger nicht direkt bedroht gefühlt. Jetzt haben sie Angst um sich.“ Und ein anderer Abgeordneter berichtet:  „In den ländlichen Gebieten, den kleinen Städtchen und Dörfern, ist man nicht weit entfernt von der Panik. In Paris ist es paradoxerweise ruhiger, weil sich die Menschen dort im Auge des Zyklons befinden. Aber im Rest des Landes sind die Menschen äußerst beunruhigt. Sie sehen fern und sagen sich, dass das auch bei ihnen passieren wird, dass es das nächste Mal in ihrer Straße sein  wird.“ (Le Monde, 22./23.11.)

Ein Indiz dafür, dass sich diesmal ganz Frankreich von den Anschlägen betroffen fühlt, ist sicherlich die Schweigeminute, die am Montag nach den Anschlägen für 12 Uhr festgelegt wurde. Eine solche Schweigeminute gab es schon im Januar, und danach hörte man gerade aus  Schulen –vor allem mit einem hohen Anteil muslimischer Schüler- von vielfachen Problemen, die es dabei gegeben habe. Viele Schüler hatten sich damals geweigert mitzumachen. Diesmal gab es solche Probleme offenbar nicht.

Wir wohnen im 11. Arrondissement, einem Zentrum der Anschläge, also tatsächlich im Auge des Zyklons: In den Tagen nach dem 13.11. hörte man fast ständig die Sirenen von Polizeiautos. Als ich am Dienstag „danach“ auf unseren Markt, den marché d’Aligre, zum Einkaufen ging, war die Marktstraße wie leergefegt, und bei Paris Pêche, dem sonst immer stark frequentierten Fischgeschäft, erwarteten mich, den einzigen Kunden, gleich fünf Verkäufer/innen! Unsere wöchentliche Chorprobe im Lycée Maurice Ravel war auf Veranlassung der Schulleiterin abgesagt worden, obwohl wir seit Januar einen speziellen Ausweis vorzeigen müssen, um die Schule betreten zu können und obwohl unser derzeitiges Programm, das Requiem von Cherubini, nun wirklich nicht die verordnete dreitägige Staatstrauer beeinträchtigt hätte. Gerade in dieser Situation wäre das gemeinsame Singen sicherlich für alle sehr wohltuend gewesen.

Auf dem Weg zum Markt kommen wir an der Bar La Belle Equipe in der Rue de Charonne vorbei, auf deren Terrasse 19 Menschen von den Terroristen getötet wurden. Die ist jetzt bedeckt mit hunderten von Kerzen, von Blumen, von vielfachen Bekundungen der Trauer, Wut und Fassungslosigkeit,  so wie die an einer durch ein Einschussloch gesteckte Frage: „Au nom de quoi?“ Und es ist, soweit man das sehen kann, ein Querschnitt der Bevölkerung, und es sind vor allem  sehr viele junge Menschen, die sich dort einfinden.

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Viele sind ja auch –mehr oder weniger direkt- betroffen: Eine Nachbarin war am Abend des 13. in unserem Viertel unterwegs und hörte die Salven der Kalaschnikows. Eine Freundin, Musikprofessorin, berichtete, dass  Schüler/innen ihres Konservatoriums getötet worden seien; ihr Sohn habe eigentlich zu dem Konzert gehen wollen, aber –glücklicherweise-  keine Karte mehr bekommen. Und  eine andere Freundin berichtete, dass ihr Sohn vier Freunde im Bataclan verloren habe….

Betroffenheit und Angst werden sicherlich auch durch die allgegenwärtige martialische Terminologie verstärkt: „La France est en guerre“ –  so leitete François Hollande seine Rede ein, die er am 16.11. vor dem französischen Kongress, einer außerordentlichen gemeinsamen Sitzung von Nationalversammlung und Senat in Versailles hielt. Das Wort Krieg durchzog seine ganze martialische Rede, die, wie der Nouvel Observateur schrieb, nichts enthielt für den Zusammenhalt des Landes, für  das Zusammenleben der Menschen und für die Demokratie. „Un discours de chef de guerre“ oder, wie Le Monde urteilte,  „un discours de guerre totale“.

Premierminister Valls überbot die Kriegsrhetorik seines Präsidenten noch, indem er vor der Gefahr des Einsatzes chemischer und biologischer Waffen durch islamistische Terroristen warnte. Valls habe, so kommentierte die Huffington Post, im Namen eines „discours vérité“ eine ausgesprochene „va-t-en-guerre“- Rede gehalten, die nicht geeignet gewesen sei, die vorhandenen Ängste zu lindern. Noch weiter ging Le Monde,  die von einer  „communication délibérément anxiogène de M. Valls“ sprach.

Auch die Berichterstattung in den Medien war von der Kriegsrhetorik geprägt: „Der Krieg mitten in Paris“ titelte der Figaro vom 14./15. November und zeigte ganzseitig  die von Leichen bedeckte Terrasse von La Belle Epoque.  Für das Wochenmagazin Le Point handelt es sich um „unseren Krieg“, die Zeitschrift Valeurs Actuelles erklärt in einer groß herausgestellten Sonderausgabe den „Barbaren“  den Krieg, und auch die eher gemäßigte Le Monde und der eher linke Nouvel Observateur sehen  Frankreich im Kriegszustand.

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Dazu wurden dann im Fernsehen in ständiger Wiederholung die Bilder zunächst von der Erstürmung des Bataclan gezeigt und dabei vor allem auch die emotional besonders bewegende Szene mit einer jungen Frau, die nach ihrer Flucht aus einem Fenster an einer Seitenfassade des Konzerthauses hing, so dass man sich voller Entsetzen fragte, wie lange sie sich da würde halten können und ob man nicht ihren Absturz würde miterleben müssen. Und ein paar Tage später war dann die mehrstündige Erstürmung der Wohnung in Saint Denis, in der sich einer der führenden Terroristen verschanzt hatte, rund um die Uhr auf allen Programmen zu sehen. Die Einschaltquoten waren dabei extrem hoch: Während man früher mit seiner Angst umging, indem man die  Gesellschaft von anderen suchte und redete, schaltet man heutzutage, wie der Psychologe Serge Tisseron konstatierte, den Fernseher an. Aber die  sich immer wiederholenden Wellen von Bildern des Grauens verstärken nur noch die Angst: „Je mehr man davon sieht, desto stärker wird die Unsicherheit, die uns das Leben vergiftet.“ (Le Monde, 22./23.11.)

Der Zeichner Serguei hat das  in einer mit „Psychose“ überschriebenen Karikatur in Le Monde vom 21.11. 2015 zum Ausdruck gebracht.

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Die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen, so verständlich und sinnvoll sie in vielen Fällen auch sein mögen, tragen meines Erachtens auch nicht immer dazu bei, Angst abzubauen. In dem benachbarten Schwimmbad wird beispielsweise seit den Anschlägen von Januar  entsprechend des Vigipirate-Plans ausdrücklich am Eingang darauf hingewiesen wird, dass man keine Tasche (z.B. mit einer Trinkflasche und einem Duschgel) am Beckenrand deponieren darf. Inzwischen ist die höchste Sicherheitsstufe Vigiparate Attentat ausgerufen, und man darf Taschen noch nicht einmal mit in die Schwimmhalle nehmen, selbst wenn man dem Bademeister die Harmlosigkeit des Inhalts demonstriert hat.

Da kann man sich als Schwimmbadbesucher doch vielleicht besorgt fragen, ob die Islamisten jetzt auch die Schwimmbäder in ihr Visier genommen haben. (Vielleicht meint ja die Stadtverwaltung, das sei durchaus möglich – zumal bei gemischtem Baden und sogar gemischten Duschen). Sehr konsequent erscheinen mir die Sicherheitsvorkehrungen allerdings nicht. In dem anderen Schwimmbad, in das wir wegen seiner 50-Meter-Bahn öfters gehen und das vom Pariser Schwimmclub betrieben wird, gibt es zum Beispiel keinerlei für den Besucher erkennbaren Sicherheitsvorkehrungen.

Und die gibt es auch nicht mehr beim koscheren jüdischen Partyservice bei uns nebenan und bei der feministischen Zeitschrift Causette ein  paar Häuser weiter, die nach den Attentaten vom Januar rund um die Uhr von schwerbewaffneter Polizei bewacht wurden. Vielleicht gehen die Sicherheitsbehörden  ja davon aus, dass  der islamistische Terror inzwischen derart erstarkt ist, dass er sich nicht mehr mit so „kleinen  Fischen“ abgibt. Dafür wird beispielsweise rund um Notre Dame massive Militär- und Polizeipräsenz demonstriert. An allen vier Ecken des Vorplatzes sind Soldaten in Kampfmontur und Maschinenpistole postiert, kleine Trupps patrouillieren ständig rund um den Kirchenbau, und an seiner Nordseite sind Dutzende, wenn nicht gar Hunderte, Polizei-Motorräder aufgereiht.

Mir vermittelt ein so massives martialisches Auftreten kein Gefühl von Sicherheit, und anderen geht es offenbar ähnlich. Jedenfalls habe ich die Schlange vorm Zugang zu den Türmen von Notre Dame noch nie so kurz gesehen. Ich habe bei all dem eher den Eindruck, dass hier ein hilfloser Aktionismus vorherrscht. Vielleicht sogar, dass bewusst Angst geschürt wird, damit dann Präsident und Regierung sich medien- und wahlwirksam als Sachwalter der allgemeinen Sicherheit profilieren können.                                    

Angst herrscht besonders auch und nicht von ungefähr bei muslimischen Franzosen, die  von den Anschlägen besonders betroffen sind. Es gibt zahlreich Berichte von Übergriffen auf Muslime nach dem 13.11. Ein sozialistischer Abgeordneter des Département Seine-Saint-Denis schätzt die Lage so ein: „ Wir sind auf des Messers Schneide. Viele Leute, die vorher nie so etwas gesagt haben,  beschuldigen jetzt  ‚die Araber‘, ‚die Muslime‘. Das ist sehr schlimm. Man muss sehr aufpassen.“ (Le Monde, 22.23.11.) In der Libération wird ein junger Muslim aus Marseille zitiert, der entsetzt ist über die Anschläge, die den Islam beschmutzten. Aber es werde für ihn jetzt umso schwerer sein, eine neue Arbeit zu finden. „Maintenant, pour n’importe quel employeur, en tant que musulman, je suis une menace.“ Und viele französische Muslime sehen sich Angriffen von zwei Seiten ausgesetzt: den Terroristen und den Vorurteilen. Für Philippe de Villiers, einen rechtskonservativen ehemaligen Politiker und  aktuellen Bestsellerautor, sind die Verhältnisse ganz klar:  Jetzt könne man sehen, wohin der vorherrschende „laxisme“ und „la mosquéïsation“ Frankreich gebracht hätten.

In den Tagen nach dem 13.11. stand auf der Place de  la  République, einem informellen Treffpunkt, ein junger Mann mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen.

Neben sich auf dem Boden ein Schild: Ich bin Muslim und man sagt von mir, ich sei Terrorist.

Da war es sehr anrührend zu sehen, wie viele Menschen, das Angebot der ausgebreiteten Arme annahmen und den jungen Muslim umarmten. Ein Zeichen der Hoffnung, wie sie es gerade auch in den Zeiten des Ausnahmezustandes häufig gibt.

Ein Zeichen der Hoffnung war auch das Konzert „contre la Barbarie“ für die Opfer der Attentate des 13. November 2015 in der Kirche Saint Sulpice. Schon im Januar hatte es ja ein solches sehr eindrucksvolles Solidaritätskonzert gegeben, bei dem ich mitgesungen habe. Diesmal war ich mit und neben Frauke  einer von vielen Zuhörern in der voll besetzten Kirche. Und wir reihten uns auch in die  schier endlose, um den ganzen Kirchenvorplatz reichende Schlange der Menschen ein, die geduldig wartend das Nadelöhr der Sicherheitskontrollen passieren mussten. Diese Kontrollen hatte es im Januar noch nicht gegeben – und trotz dieser verstärkten Sicherheitsmaßnahmen gab es  in unserem Bekanntenkreis auch Menschen, die aus Angst vor weiteren Anschlägen dort nicht hingehen wollten….

 

Frankreich im Ausnahmezustand

Der von François Hollande proklamierte Krieg gegen den Islamischen Staat und den Terrorismus hat viele Schauplätze: International sind das vor allem Mali und das subsaharische Afrika und jetzt verstärkt der Irak und vor allem Syrien. Hier vollzog sich seit dem 13.11.  eine radikale Wende der französischen Position. Frankreich und vor allem sein Außenminister Fabius hatten ja lange Zeit Assad wegen seines Chemiewaffeneinsatzes gegen die eigene Bevölkerung als Hauptfeind in Syrien ausgemacht. Und so wurden dessen Gegner, also auch die islamistischen Terroristen von Al Quaida und dem Islamischen Staat, für ihren Kampf gegen Assad gelobt. Als das dann doch nicht mehr haltbar war, vertrat Frankreich die Strategie des ni-ni, stellte also Assad und den IS auf eine Stufe. Nach den Anschlägen in Frankreich hat Frankreich jetzt eine erneute Wende vollzogen und den Islamischen Staat zum Hauptfeind erklärt, womit nun auch eine militärische Zusammenarbeit mit Russland ermöglicht wurde. Die oppositionellen Republikaner haben diesen von ihnen schon lange geforderten Schwenk Hollandes mit Befriedigung konstatiert.

Grundsätzlich begrüßt wurden auch von allen politischen Lagern die von Hollande  in Versailles verkündeten Maßnahmen im Innern, das heißt vor allem die Verlängerung des état d’urgence auf drei Monate.  Zuletzt wurde dieses Instrument während des Algerienkrieges angewandt. Es erweitert massiv  Befugnisse der Exekutive auf Kosten  der Dritten Gewalt und der Freiheit. Aber für Premierminister Valls ist die Sicherheit „la premières des libertés“. Aus diesem Grund sei es legitim, angesichts der terroristischen Bedrohung andere Freiheiten zeitweise  einzuschränken. Und schließlich sei ja der état d’urgence ein état de droit.

Die Verschärfung von Gesetzen bis hin zur  Erklärung des Notstandes ist eine –nicht nur in Frankreich-  historisch übliche Reaktion auf Terror. Das war so im zaristischen Russland der 1880-er Jahre, in der französischen Dritten Republik mit den repressiven sogenannten Lois scélérates der 1890-er Jahre, in Deutschland nach den Anschlägen der RAF und zuletzt in den USA nach 9/11 mit dem patriot act. In den liberalen  und linken Medien Frankreichs ist wiederholt auf die Parallelität der Rhetorik Hollandes vom 16.11. mit der George Bushs nach den Anschlägen auf das World Trade Center hingewiesen worden. Und es wurde die Frage gestellt, ob nicht die Einschränkung von Freiheiten im Land der Menschenrechte,  der liberté, égalité und fraternité, ein Sieg für die Terroristen  sei, die es doch gerade darauf abgesehen hätten. Unsere Freiheiten zu beschränken, sei eine Kapitulation vor den Terroristen, schreibt der Nouvel Observateur. „Ce n’est pas en transformant la France en „pays en guerre“ qu’on résistera contre la menace des fanatiques : c’est au contraire en restant solides sur nos modes de vie et sur nos principes. Reculer, ce serait d’entrée de jeu donner la victoire aux terroristes.“ (16.11.15)

Was konkret bedeutet die Verhängung des état d‘urgence in Frankreich?

Im Ausnahmezustand

  • können die Präfekten die allgemeine Bewegungsfreiheit (la liberté d’aller et venir) an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten einschränken, wenn es ihnen aus Sicherheitsgründen erforderlich erscheint, z.B –was inzwischen auch schon geschehen ist- nächtliche Ausgangssperren verhängen,
  • kann gegen Personen, die die Sicherheitsbehörden als potentiell bedrohlich ansehen, eine Aufenthaltspflicht an einem von ihnen bestimmten Ort, der nicht unbedingt die eigene Wohnung sein muss, verhängt werden. Diese sogenannte assignation à résidence bedeutet, dass die betroffenen Personen ihren Ausweis abgeben müssen, sich dreimal täglich bei der –vielleicht kilometerweit entfernten- Polizei melden müssen und nachts 12 Stunden lang ihre zugewiesene Unterkunft nicht verlassen dürfen. Diese Verpflichtungen können entfallen, wenn die Betroffenen bereit sind, eine elektronische Fußfessel zu tragen, was außerhalb des Ausnahmezustandes einer vom Gericht verhängten Strafe entspricht,
  • sind Hausdurchsuchungen ohne richterliche Genehmigung möglich, wenn „gewichtige Gründe“ dafür sprechen, dass der betreffende Ort von potentiell bedrohlichen Personen frequentiert wird. Die auf den sichergestellten Telefonen und Computern erhobenen Daten können gespeichert werden und müssen auch dann nicht gelöscht werden, wenn es keinen Anhaltspunkt für eine terroristische Gefahr gibt.
  • erhalten die Behörden einen großen Spielraum bei der Auflösung von Gruppen und Vereinigungen, die potentiell eine Gefahr darstellen könnten. Rechtsmittel dagegen sind nicht zugelassen. Nach Auffassung des Premierministers ist es nötig, schnell und wirksam vorgehen zu können und sich dabei nicht von kleinlichen rechtlichen Bedenken behindern zu lassen: „Alors, pas de juridisme!“,
  • kann die Exekutive Internetadressen unterbinden, die terroristische Akte befördern oder entschuldigen. Auf die Möglichkeit der Pressezensur, die im Gesetz über den Ausnahmezustand von 1955 vorgesehen war, hat die Regierung verzichtet. (Während des Algerienkrieges war es den französischen Medien beispielsweise untersagt, von Krieg zu sprechen. Damals musste das Wort événement verwendet werden. Eine solche Sprachregelung hat sich ja inzwischen erübrigt),
  • werden die Strafen, die bei der Verletzung der im Rahmen des Ausnahmezustandes erlassenen Maßnahmen verhängt werden, gegenüber der Regelung von 1955 drastisch erhöht, und es gibt dabei auch nur noch einen extrem geringen Ermessensspielraum. Wer beispielsweise gegen die Bestimmungen seiner assignation à  résidence verstößt, kann mit 3 Jahren Gefängnis und einem Bußgeld von 45.000 Euro bestraft werden. Diesbezügliche drakonische Strafen gab es inzwischen schon mehrfach (s. Le Monde, 24.11.).

Das ist wirklich ein beeindruckendes Arsenal. Die deutschen Notstandsgesetze, gegen die wir vor Jahren einmal auf die Straße gegangen sind, erscheinen im Vergleich damit geradezu als ein Ausbund an Harmlosigkeit. Der Nouvel Observateur spricht denn auch von einem „Patriot Act à la francaise“. Einige Maßnahmen, die direkt von den Rechten oder der extremen Rechte übernommen worden seien, gäben doch zu erheblichen Bedenken Anlass. Einige Kommentatoren sähen darin einen geschickten Versuch, der Opposition das Wasser abzugraben. Aber gerade deshalb müsse man  doppelt wachsam  sein. Denn wenn es auch noch zu früh sei, die  Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu beurteilen;  wenn sie einmal in Kraft gesetzt seien, sei es zu spät „pleurer sur ses conséquences.“ (18.11.)  Inzwischen wird der Ausnahmezustand nicht nur gegen terrorverdächtige Islamisten verwendet, sondern auch gegen Aktivisten der Klimaschutzbewegung, Menschen, die zur Unterstützung von Flüchtlingen aufrufen und Fußballfans, wie gerade wieder in Troyes (Le Monde, 19.1.16).  Er muss sogar in Calais dafür herhalten, den Flüchtlingen  den Zutritt zum städtischen Schwimmbad zu verwehren – und das angesichts der im jungle herrschenden katastrophalen sanitären Verhältnisse. Und wenn dann auch noch der Innenminister –aus gegebenem Anlass- sich genötigt sieht,  die Polizei auf das Prinzip der Verhältnismäßigkeit hinzuweisen – eine Tür müsse im Rahmen einer Hausdurchsuchung nicht gewaltsam aufgebrochen werden, wenn sie auch freiwillig geöffnet werde, müssten eigentlich bei allen demokratischen Kräften die Alarmglocken läuten.

Es ist aber bezeichnend für das aktuelle politische Klima in Frankreich, dass bei den Beratungen in der Assemblée eine Tendenz vorherrschte, der Exekutive noch weitergehende Ausnahmerechte zu übertragen, als das von der Regierung selbst vorgesehen war. Da forderten beispielsweise die Republikaner bei der assignation à résidence  ein Ausgehverbot von 24 Stunden, was auch von einigen Sozialisten gut geheißen wurde: sonst würden  sich die Bürger doch fragen, ob denn ein potentieller Terrorist nur die Hälfte das Tages gefährlich sei.  Noch einen großen Schritt weiter ging Laurent Wauquiez, der Vertreter einer „droite décomplexée“ und Generalsekretär der Republikaner, der gerade zum Präsidenten der Region Auvergne-Rhônes-Alpes gewählt wurde.  Wauquiez forderte nämlich die Einrichtung von Internierungslagern für 4000 Terror-Verdächtige forderte. Dass damit ein Guantanamo à la française geschaffen würde (Les Echos, 16.11.), wies er natürlich weit von sich. In den französischen Lagern solle alles rechtsstaatlich zugehen und– im Gegensatz zu Guantanamo- auch nicht gefoltert werden. Übrigens erfreut sich Wauquiez‘ Vorschlag einer recht großen Beliebtheit, selbst bei Intellektuellen wie Pascal Bruckner,  die eher dem linken Lager zugerechnet werden. Aber die Phantasien, wie man der terroristischen Gefahr begegnen kann, sind fast grenzenlos. Der Parteichef der Republikaner und ehemalige Staatspräsident möchte „centres de déradicalisation“ einrichten (Le Monde, 2.12.), also  Umerziehungslager, für die es ja einschlägige Beispiele gibt. Und es werden auch wieder die bewährten Zwangsarbeitslager in Cayenne ins Spiel gebracht, dort also, wo der Pfeffer wächst. Und natürlich überbietet Vater Le Pen alle: Er fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe, die bei Terroristen durch die Methode des Kopfabschlagens vollzogen werden soll- wie sie ja auch vom Islamischen Staat und Saudi-Arabien gerne und häufig praktiziert wird.

Es gibt in Frankreich derzeit geradezu eine surenchère securitaire, also einen Überbietungswettbewerb, was Maßnahmen zum Schutz vor Terrorismus angeht. Deshalb wird der Ausnahmezustand nach dem Willen Hollandes wohl ohne Probleme noch einmal über den 26. Februar hinaus um drei Monate verlängert werden, auch wenn Experten der UNO davor gewarnt haben, „estimant qu’il imposait des ‚restrictions excessives et disproportionnées sur les libertés fondamentales.‘“ (Le Monde, 21.1.16).  Aber eine deutliche Mehrheit der französischen Bevölkerung ist bereit, eine Einschränkung von Freiheiten hinzunehmen, wenn es um die Sicherheit geht, wie eine aktuelle ifop-Umfrage eindrucksvoll bestätigt. Und nichts ist derzeit schlimmer und politisch gefährlicher, als sich dem Vorwurf des laxisme oder des angélisme auszusetzen, also der Nachgiebigkeit oder eines naiven Gutmenschentums.

Deshalb steht auch der von Hollande nach den Attentaten angekündigten und inzwischen konkretisierten Verfassungsänderung nichts im Wege. Diese  Verfassungsänderung ist insofern verständlich, als die Regelung des Ausnahmezustandes bisher auf rechtlich ziemlich wackeligen Füßen steht, nämlich einem einfachen Gesetz aus dem Jahr 1955. Da muss also die Regierung damit rechnen, dass eine vom Ausnahmezustand in ihren Freiheiten eingeschränkte Person Verfassungsbeschwerde (QPC) beim Conseil constitutionel einlegt, was inzwischen auch schon geschehen ist.  Jetzt soll also der Ausnahmezustand ein „verfassungsrechtliches Fundament“ erhalten. Allerdings wollen Hollande und die Regierung diese Gelegenheit zu einer Verschärfung nutzen: Der Ausnahmezustand soll jetzt gleich für sechs statt bisher drei Monate verhängt werden, und danach soll es möglich sein, einen Teil der Notstandsmaßnahmen noch weiter- und erst langsam stufenweise zurückzuführen. Da hat die Polizei einen großen  Spielraum. Der soll –ganz unabhängig vom état d’urgence- sowieso noch erheblich erweitert werden. Alle Vorschläge gehen, wie Le Monde (3.12., S.8) schreibt,  dahin, die Machtbefugnisse der Polizei ohne rechtliche Kontrolle erheblich auszuweiten. „L’exception va devenir  la règle.“ 

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                             Karikatur von Selçuk. Le Monde, 21.11., S. 20

Besonders umstritten ist das von Hollande vor dem  Kongress angekündigte Vorhaben, in Frankreich geborenen verurteilten Terroristen die französische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, wenn sie eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Damit würde die Beseitigung des geradezu geheiligten „droit du sol“ Verfassungsrang bekommen und eine alte Kernforderung des Front National erfüllt. Vichy, wo es das schon einmal gab, lässt grüßen.

Zwar hat der Conseil d’État das Vorhaben positiv beurteilt, gleichzeitig aber dem Präsidenten ein gesichtswahrendes Schlupfloch zum Rückzug angezeigt. Er wies nämlich darauf hin, dass die mit der Geburt erworbene französische Nationalität „un élément constitutif de la personne“ sei. „En priver quelqu’un pourrait être regardée comme une atteinte excessive et disproportionnée à ces droits et contraire à la Déclaration des droits de l’Homme de 1789.“ Zwischenzeitlich deutete Manuel Valls ein Einlenken an, weil der Geltungsbereich und die Effektivität des Vorhabens nur äußerst begrenzt seien.  Der Präsident beharrt aber auf seinem Vorhaben, auch wenn er damit seine Partei einer erneuten Zerreißprobe aussetzt und seine Chance, 2017 die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen zu erreichen, weiter verringert. Für Libération (21.12.) stellt sich da die Frage, „comment l’exécutif a pu se fourrer dans un tel piège.“ Die Antwort von Martine Aubry: Hollande passe sich damit der Stimmung der Bevölkerung an. Aber mit dem gleichen Argument könne man auch wieder die Todesstrafe einführen. Und sie zitiert François Mitterand: « Ne pas gouverner avec les sondages, c’est la différence entre un homme politique et un homme d’Etat. » (Le Monde, 14.1.)

Ich würde gerne –in guter alter Tradition- gegen die –jetzt französischen- Notstandsgesetze auf die Straße gehen und demonstrieren. Aber das geht nicht: Wir leben ja im état d’urgence. Da sind Demonstrationen verboten….

 

Und was weiter?

Die Attentate vom 13. November sind ein massiver Einschnitt für Frankreich mit weitreichenden Konsequenzen für das Land selbst, aber auch weit darüber hinaus. Dazu gehört die Forderung nach europäischer Solidarität für den von Hollande erklärten Krieg gegen den Terrorismus, wozu auch die Forderung nach einer deutschen militärischen  Beteiligung gehört. Es ist ja ein beliebter französischer Vorwurf, dass sich Deutschland feige seiner Verantwortung in der Welt entziehe- zuletzt sehr massiv vorgetragen beim militärischen Einsatz der Franzosen in Libyen, dessen desaströse Konsequenzen inzwischen ja nur allzu deutlich sind – ebenso wie die ebenso desaströsen Konsequenzen des amerikanischen Krieges im Irak. Jetzt schickt Deutschland mit ausdrücklichem Verweis auf die Solidarität mit Frankreich Soldaten nach Mali und beteiligt sich am Krieg gegen den IS, ohne dass auch hier wieder eine nachhaltige militärische Strategie, geschweige denn eine politische Perspektive, wenigstens in Ansätzen  deutlich wäre.

 

Und die französische Solidarität in der Flüchtlingskrise? Fehlanzeige!

Wenn sich aber Deutschland jetzt mit Frankreich solidarisch zeigt in seinem Krieg gegen den sogenannten Islamischen  Staat, könnte Deutschland ja umgekehrt eine deutlichere Unterstützung Frankreichs in der Flüchtlingskrise erwarten, wie der Figaro am 25.11. schrieb. Hollande hat zwar solidarische Lippenbekenntnisse abgegeben- es sei „unsere Pflicht“ gewesen, „diese Personen aufzunehmen“ (Le Figaro, 25.11.), aber mit „uns“ war Frankreich sicherlich nicht gemeint. Und  inzwischen hat Premierminister Valls Europa und vor allem natürlich Deutschland aufgefordert, seine Grenzen für „migrants“ zu schließen. Hier handelt es sich in der Tat um eine erhebliche Verschärfung der französischen Position, „déjà réputée pour son extrême réserve à l’égard des migrants“ (Le Monde, 25.11.). Es dauert in Paris derzeit vier Monate, bis Flüchtlinge überhaupt nur einen Asylantrag stellen können. Bis dahin gehören sie zur Gruppe der „sans papiers“ und damit der Wohnsitzlosen. (Le Monde, 22.1.16).  Von der Aufnahme des französischen Kontingents an den gemäß Beschluss des Rats europaweit zu verteilenden 160 000 Flüchtlingen ist in Frankreich sowieso nicht mehr die Rede. Und einen darüber hinausgehenden ständigen Verteilungsmechanismus hat die französische Regierung ausdrücklich abgelehnt. Sie bewegt sich also auch in diesem Bereich auf die Positionen der Rechten und extremen  Rechten  zu.

Konsequenzen für die staatlichen Finanzen: die Aufkündigung des Stabilitätspaktes   Eine der ersten  Konsequenzen der Anschläge des 13.11. war die Aufkündigung des europäischen Stabilitätspaktes durch François Hollande. Angesichts der besonderen Umstände habe der „Sicherheitspakt“ – was auch immer damit gemeint sein mag- Vorrang vor dem Stabilitätspakt, also vor der nun schon seit 7 Jahren überfälligen Reduzierung des französischen Haushaltsdefizits auf die vertraglich vereinbarten und von Frankreich immer wieder zugesicherten drei Prozent.  Schon vor dem 13.11. hatte sich eine Tendenz abgezeichnet, dass Frankreich die von ihm eingegangenen Verpflichtungen schon wieder nicht würde erfüllen können. Da bieten die Anschläge vom 13.11. eine willkommene Gelegenheit, die aktuelle Notlage vorzuschieben, um die erneute Überschreitung der drei Prozent-Zielmarke zu rechtfertigen. Und die europäischen Partner sollen auf diese Weise auch milde gestimmt und zu dem fälligen vierten Aufschub bewegt werden. Diese Taktik scheint Erfolg zu haben,  wurde doch schon von den europäischen Partnern, der Kommission und dem Europaparlament entsprechendes Entgegenkommen gezeigt.

Dass die Ausweitung der Verschuldung -Frankreich steuert zielstrebig auf eine Verschuldungsquote von 100% zu- auch eine Kehrseite hat, ruft die liberale Europaabgeordnete Sylvie Goulard in Erinnerung:  Frankreich begebe  sich so tendenziell in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten, es verliere  seine nationale Selbstständigkeit und werde geschwächt. (Le Point, 18.11.) Im Moment meinen es die internationalen Finanzmärkte ja ausgesprochen gut mit Frankreich – wie auch mit dem anderen Schulden- Sorgenkind, Italien. Aber eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es nicht. Dann droht die nächste europäische Schuldenkrise, vielleicht sogar der Zerfall des Euro-Raums….

 

Ursachenforschung: die innenpolitische Dimension                                                             Nach den Anschlägen des Januar wurden in Frankreich fundamentale gesellschaftliche Fragen aufgeworfen und diskutiert, z.B. nach der Freiheit der Meinungsäußerung, der Laizität, nach dem Ort des Islam in Frankreich, nach der Rolle der Schule, nach dem Scheitern von Integration. Der französische Premierminister war ja immerhin so weit gegangen, in Bezug auf den Zustand mancher Vorstädte von einer Form der apartheid social zu sprechen. Und Valls weiß, wovon er spricht, weil er lange Jahre Bürgermeister einer Kommune mit einem hohen Anteil an Muslimen und großen sozialen Problemen war.

Auch nach den Anschlägen vom November  gibt es in Frankreich allmählich wieder eine intensive Diskussion, inwieweit hausgemachte soziale Probleme ein Grund dafür sein könnten, dass so viele junge Franzosen in Syrien auf Seiten des IS kämpfen oder den Terror nach Frankreich tragen. Diese Auseinandersetzung findet auch in aller Schärfe auf Regierungsebene statt: So betont Wirtschaftsminister Macron „le terreau qui a nourri cette violence, les injustices qui se sont installées.“ (Le Monde, 19.1.) Er bedauert, dass Frankreich eine Gesellschaft sei, «où nous avons construit la capacité à fermer la porte». Jemand, der wegen eines Barts oder eines arabisch klingenden Namens für einen Muslim gehalten wird, habe viermal geringere Chancen auf Einstellung als ein anderer. „On a laissé s’installer de l’exclusion. Je ne dis pas qu’elle explique, je dis qu’elle est là“ (Libération 21.11.). Erst im Herbst dieses Jahres wurde aus Anlass des 10-jährigen Jahrestages der Unruhen in den Vorstädten von Paris in vielen Medien eine ziemlich niederschmetternde Bilanz dessen gezogen, was seitdem geschehen ist. Zwar sei sehr viel Geld in die städtebauliche Sanierung gesteckt worden und das äußere Bild der Vorstädte habe sich zum Teil erheblich verbessert, aber die sozialen Zustände seien stellenweise immer noch von Hoffnungslosigkeit, Armut, Drogenhandel und Gewalt bestimmt. Der Abstand zwischen dem Lebensstandard in den Problemzonen (ZUS) und dem im anderen Frankreich habe sich in den letzten Jahren sogar noch vergrößert. „Lentement, certains territoires font sécession: ils se détachent de la République, qui les laisse partir à la dérive“.  Hier biete sich der Islam als Orientierungshilfe an und der Djihadismus nutze die Lage weidlich aus.  (Le Monde und Le Figaro, 26.10.15)

Die Umweltministerin Ségolène Royal widersprach allerdings ihrem Kabinettskollegen in der ihr eigenen energischen Weise: Man könne doch nicht die Schuld für den radikalen Djihadismus in der französischen Gesellschaft suchen. Frankreich sei ein großes demokratisches Land, in dem die Erziehung Priorität habe. Alle Kinder erhielten kostenlosen Schulunterricht, es gebe ein vorbildliches Sozial- und Gesundheitssystem, das äußersten Schutz gewähre, also gewissermaßen die beste aller Welten und deshalb „pas question de culpabiliser la République“. Und ganz generell: Il ne faut pas chercher des explications“, sondern man müsse die Terroristen aufspüren, unschädlich machen und seinen Blick in die Zukunft richten.  (Le Figaro, 29.11.2015)

Der Blick in die Zukunft bietet allerdings nach den Regionalwahlen vom 6. und 13. Dezember wenig Anlass zum Optimismus. Zwar hat der Front National keine der dreizehn neu gebildeten Regionen gewinnen können, aber er hat mit 6,8 Millionen Stimmen noch nie so gut abgeschnitten. Und er hat im zweiten Wahlgang noch 800 000 Stimmen dazugewonnen, obwohl z.B. gerade in der umkämpften und bevölkerungsreichen Region Ile de France sehr viele FN-Wähler im zweiten Durchgang mit einem „vote utile“ der republikanischen Kandidatin Valérie Pecresse zum Sieg verholfen haben. Der FN hat in jeder Hinsicht seine Wählerbasis verbreitert: „l‘évolution du FN est une évolution en nombre, géographique, générationelle et également sociale“, wie der Wahlforscher  Jean-Daniel Lévy in Les Echos vom 15.12. feststellt. Und angesichts der Themen, die für die Wahl des FN ausschlaggebend waren, nämlich Arbeitslosigkeit, Sicherheit und Immigration, sei auch kaum zu erwarten, dass die Partei schon ihr Maximum erreicht habe. Denn diese Themen würden auch in den kommenden Monaten ihre Brisanz behalten. Die Gefahr besteht aber, dass Republikaner und Sozialisten  das Ergebnis schön reden (Libération, 13.12.): Immerhin ist es ja gelungen, „de faire barrage au FN“, die Republikaner haben sieben Regionen gewonnen, die Linke fünf. Angesichts der fortdauernden  Spaltung der Sozialisten und der Linken insgesamt wird die Regierung also wohl weiterwursteln wie bisher. Und die Rechte leistet sich einen erbitterten Machtkampf und schwankt, ob sie denn weiter auf den FN zugehen will, um ihm Wähler abzujagen (Sarkozy) – damit würde sie aber möglicherweise Wähler in der Mitte verlieren – oder ob sie sich mehr zur Mitte hin bewegen und vom FN abgrenzen will (Juppé, Fillon, NKM) – damit würde sie allerdings möglicherweise dem FN noch mehr das rechte Terrain überlassen. Kommentatoren sind sich einig, dass „business as usual“ das Schlimmste wäre, was die politische Elite Frankreichs jetzt betreiben könnte. Der Vertrauensverlust zwischen Regierenden und Regierten sei zu offenbar: Verursacht vor allem durch die ständigen Versprechungen des Präsidenten und der Regierung, die „courbe de chômage“ umzukehren. Die Arbeitslosigkeit ist aber gerade wieder auf ein absolutes Rekordniveau angestiegen. Jetzt hat Präsident Hollande den état d’urgence économique et social“ ausgerufen, aber die angekündigten Maßnahmen sind eher kosmetisch. Libération beklagte  schon in ihrem Éditorial vom 15.12. „le refus des risques“ und die Tendenz „de ne rien changer à la ligne gouvernementale“. Man müsse handeln, bevor es zur Katastrophe komme, forderte Le Monde in ihrem Éditorial vom 15.12. Die Katastrophe wäre der Sieg von Marine Le Pen in den Präsidentschaftswahlen 2017. Es bleiben nur noch wenige Monate, sie zu verhindern.

Man kann nur hoffen, dass sie genutzt werden. Danach sieht es allerdings derzeit eher nicht aus….

Trübe Aussichten also für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…

 

Ergänzung Nov/Dez 2016: Der Ausnahmezustand als Dauerzustand?

Am 13. und 15. November 2016 haben der französische Ministerpräsident Valls und der Staatspräsident Holland eine Verlängerung des Ausnahmezustandes mindestens bis zu den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017 angekündigt. Diese Ankündigung war den französischen Medien (Le Monde, le Figaro, Libération) nur eine kurze Meldung wert. Offenbar gilt diese Maßnahme inzwischen nur noch als Routineangelegenheit, obwohl sie tiefgreifende Einschnitte in grundlegende Freiheitsrechte ermöglicht.

Inzwischen wurde der Ausnahmezustand schon viermal verlängert, zuletzt nach dem grauenhaften Terroranschlag in Nizza am  14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Am Vormittag hatte Hollande noch feierlich in seiner Fernsehansprache das Auslaufen des Ausnahmezustandes verkündet, weil er seine Aufgabe erfüllt habe und die drastisch verschärften Anti-Terrorgesetze jetzt ausreichten. Danach aber wurde eine weitere Verlängerung um sechs Monate beschlossen, obwohl der Ausnahmezustand den Terroranschlag gerade nicht hatte verhindern können.

Die weitere Verlängerung wird vermutlich wieder von einer breiten parlamentarischen Mehrheit beschlossen werden. Die Exekutive und die Judikative befinden sich hier in der Tat in einer Falle, wie der Le Monde- Redakteur Jean-Baptiste Jacquin in einem Debattenbeitrag in der Ausgabe vom 29. 11. schreibt. („Le piège de l’état d’urgence“)

Zwar habe der Vizepräsident der Conseil d’Etat gerade festgestellt, der Ausnahmezustand sei ein Zustand der Krise, der nicht unbegrenzt verlängert werden könne. Die Schwierigkeit besteht nach Jacquin aber darin, ihn zu beenden – und zwar nicht aus juristischen oder sicherheitsrelevanten, sondern aus politischen Gründen. Das Gesetz zum Ausnahmezustand von 1955 lege fest, dass der Ausnahmezustand bei einer unmittelbar drohenden schweren Bedrohung der öffentlichen Ordnung verhängt werden könne. Es bestehe aber in Frankreich weitgehend Einigkeit, dass die islamistische/terroristsiche Bedrohung nach wie vor hoch sei. „Die terroristische Bedrohung ist dauerhaft und wird nicht mit dem Fall des Islamischen Staates beendet sein.“  

Obwohl die Anti-Terrorgesetzgebung im Laufe der letzten 20 Monate viermal erheblich verschärft worden seien, verstärke die Verlängerung des Aunahmezustands das Misstauen in den Rechtsstaat, dessen Gesetze offenbar nicht ausreichten, um den Terrorismus effektiv zu bekämpfen.

Und Jacquin schließt mit dem düsteren Satz:

„Die unbegrenzte Verlängerung des Ausnahmezustands bereitet einem eventuellen Polizeistaat den Weg.“ („La prolongation indéfinie de l’état d’urgence est un boulevard pour un éventuel Etat policier.“ ) 

Damit spielt er offensichtlich auf eine mögliche Präsidentschaft Marine le Pens an, die gewissermaßen den Ausnahmezustand auf einem parlamentarisch/juristisch vergoldeten Tablett serviert bekäme.

In der Tat trübe Aussichten  für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…