Im Oktober 2024 erschien auf diesem Blog ein Beitrag über die verlängerte Métro-Linie 14, die von dem nördlich von Paris gelegenen Saint Denis längs durch Paris zum Flughafen von Orly im Süden der Stadt führt.
Eine Besonderheit der im Zuge der Verlängerung neu gebauten Bahnhöfe ist die Verbindung einer anspruchsvollen Architektur mit einem künstlerischen Projekt. Dies gilt auch für den Bahnhof von Villejuif-Gustave Roussy, der zum Zeitpunkt des Blog-Beitrags über die Linie 14 noch nicht zugänglich war.
Der Bahnhof wurde 2025 eröffnet und in diesem Jahr als „bester Bahnhof der Welt“ des Jahres mit dem renommierten Prix Versailles ausgezeichnet: Also nicht Dubai, Tokyo, New York oder Shanghai, sondern Villejuif im Pariser Banlieue! Dominique Perrault, auch Architekt der französischen Nationalbibliothek François Mitterand, hat in der Tat ein ganz ungewöhnliches Bauwerk konzipiert: Es ist ein Trichter von 50 Metern Tiefe: Über insgesamt 9 Stockwerke geht es hinunter zur Metro 14 und weiter zur sie kreuzenden, noch nicht fertiggestellten Metro 15, die ab 2027 Paris in einem großen Bogen umrunden wird.
Ein imposantes System von Rolltreppen verbindet die verschiedenen Stockwerke. Aber natürlich gibt es auch eine ganze Reihe von Aufzügen…
Die Auszeichnung erhielt das Bauwerk vor allem für die nutzerfreundliche und ästhetisch überzeugende Umsetzung der hochkomplexen technischen Anforderungen. Beeindruckend ist vor allem, dass durch die offene trichterförmige Anlage des Bahnhofs das Tageslicht bis in die Tiefe gelangt.
Weniger spektakulär ist (bisher jedenfalls) die künstlerische Ausgestaltung des Bahnhofs: Es sind auf den Bahnsteigen der Linie 14 großformatige Darstellungen des französischen Künstlers Mathias Lehmann: Szenen des Alltagslebens in Villejuif früher und heute,
Hier der Ausschnitt aus einer idyllischen Kleingartenszene. An der Wand der Hütte ist eine ironische Abbildung des Institut de Concer von Villejuif befestigt. Dies ist eines der bedeutendsten europäischen Zentren für Krebsforschung und -behandlung. Endlich ist es nun schnell und direkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Und zwar von Paris aus mit dem normalen Metro-Ticket…
Es dauert nur noch einige Tage, bis man die Caverne du Pont Neuf betreten und über die bisher noch abgesperrte Brücke und durch eine 120 Meter lange gewaltige Höhle die Seine überqueren kann. [1]
Denn nach einer über einjährigen Vorbereitungszeit konnte man am 21. Mai zum ersten Mal einen Eindruck von dem Projekt gewinnen, das vom 6. bis zum 28. Juni geöffnet und Tag und Nacht begehbar sein wird.
In der Nacht vom 20. auf den 21. Mai wurde die19 000 qm2 große doppelte Leinwandhaut der Kaverne mit 20 000 m3 Luft gefüllt. Der erste Eindruck: ein felsiges, schneebedecktes, in der Sonne glänzendes Gebirgsmassiv, das bis 18 Meter hoch in den Himmel ragt.
Darüber hinaus wurde es inspiriert von den riesigen Steinbrüchen des Pariser Beckens, mit deren Kalksteinen, den „pierres de Paris“, die Stadt und auch der Pont Neuf errichtet wurden.[3]
So verweist das neue Projekt auf die geologischen Ursprünge der Stadt und verbindet das historische Bauwerk, die 1607 zur Zeit des Königs Henri Quatre vollendete älteste Brücke der Stadt, mit einer monumentalen modernen Installation, nach den Worten ihres Schöpfers „das größte begehbare Kunstwerk der Welt“, das zu einer „Reise ins Unbekannte“ einladen wolle.
Natürlich provoziert das Projekt unterschiedliche Reaktionen: spektakulär (Der Spiegel), unglaublich (eine deutsche Freundin), ein etwas zu aufgeblasener Traum? (Le Figaro), moche/scheußlich (eine Passantin), „die arme Brücke“ (eine französiche Freundin)… Mein Pariser Friseur, für mich so etwas wie die „Stimme des Volkes“, hat Bilder im Fernsehen gesehen. Das reiche ihm, aber er habe auch nichts dagegen, vor allem weil die Aktion nicht mit Steuergeldern finanziert werde.
Der Schöpfer des Projekts ist ein nur unter dem Pseudonym JR bekannter französische Fotograf – hier an der Seite von Christo im Jahr 2019.[4] Vor zwei Jahren hat ihn der Neffe der Christos angesprochen und ihm mit Unterstützung der Fondation Christo et Jeanne Claude und der Amicale des ponts de Paris das Projekt anvertraut. JR, auch als „französischer Bansky“ tituliert[5], hat sich mit verschiedenen Installationen weltweit einen Namen gemacht.[6] So hat er -unter anderem- 2007 große Fotos von Juden und Palästinensern an der Mauer befestigt, mit der Israel die (noch) palästinensischen Gebiete des Westjordanlandes von der Außenwelt abgeschnitten hat.[7]
JR hatte die Hoffnung, das Projekt könne das gegenseitige Verständnis der Menschen auf beiden Seiten der Mauer verbessern…
Auch in Paris ist JR kein Unbekannter. So wurde er beispielsweise 2014 eingeladen, während der Bauarbeiten an der Kuppel das Pantheon mit den Portraits tausender anonymer Menschen auszugestalten.
Fotos Wolf Jöckel 2014
Die Distanz zwischen den „großen Männern“ drinnen in dem „republikanischen Tempel“ und den Menschen draußen sollte so überwunden werden.[8]
Jetzt also der Pont Neuf! Wir freuen uns jedenfalls schon sehr darauf, im Juni durch die Caverne JRs zu gehen, begleitet von einer „texture sonore“ des Musikers und Musikproduzenten Thomas Bangalter. Auch „experiences interactives“ sind angekündigt. Jeder Besucher soll –wie auch immer- gleichberechtigter Gestalter des Werks werden.[9] Man darf also gespannt sein.
Hinweisschild auf dem Tiefkai der Seine. Der Eingang zur Caverne befindet sich auf der place du Pont-Neuf – Christo et Jeanne-Claude. Dort steht auch die Reiterstatue Heinrichs IV. , während dessen Herrschaft der Pont Neuf fertiggestellt wurde.
Und vielleicht folgen wir beim Durchgang durch die Caverne auch der Empfehlung JRs, dabei an das Höhlengleichnis Platons aus seiner Politeia zu denken: Dort waren Menschen lebenslänglich in einer Höhle gefangen und hielten die auf eine Wand projizierten Schatten für die Wahrheit. Heute sind es oft die Algorithmen und Medien von Musk, Zuckerberg, Bolloré und Co, die Bilder einer scheinbaren Realität produzieren, die ihren Ideologien und Interessen entspricht…
Anmerkungen
[1] Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel
Am 31.3.2016 begann mit dem Beitrag „Über den Dächern von Paris“, einer kleinen Serie von Fotos, die wir von der Terrasse unserer Pariser Wohnung aufgenommen haben, das Abenteuer dieses Blogs. Seitdem habe ich diesen ersten Beitrag immer wieder ergänzt: Da gibt es Bilder von Sonnenuntergängen über der Stadt, von Notre Dame vor und nach dem Brand, vom Feuerwerk des 14. Juli und dem Défilé der Flugzeuge für die Militärparade, von neuen Hochhäusern an der städtischen Peripherie und von vielen Aus- und Einblicken in das Leben der Stadt…
Diesem ersten Beitrag sind viele weitere gefolgt. Es sind genau 300 Beiträge, die inzwischen zusammen gekommen sind, eine Anzahl, die ich mir vor 10 Jahren nicht hätte träumen lassen; auch nicht, dass sich die Frequenz der Beiträge in den letzten 5 Jahren noch unerwartet erhöht hat. Zurückzuführen ist das unter anderem auf das neu eigeführte Format „Bild des Monats“ und auf eine ganze Reihe von Gastbeiträgen, die diesen Blog bereichert haben. Ich denke da -unter anderem und vor allem- an die außerordentlich fundierten Beiträge von Ulrich Schläger, z.B. über die Bauten seines Kölner Landsmanns Hittorff in Paris oder -zuletzt- über die Bourse de Commerce.
Und zu allererst gibt es so viele Beiträge, weil Paris eine unübersehbare Fülle von Ideen und Themen anbietet, denen man kaum widerstehen kann. Derzeit gibt es beispielsweise drei große Ausstellungen: „Matisse 1941-1954“ im Grand Palais, Die Pariser Briefe der Madame de Sévigné (anlässlich ihres 400. Geburtstages) im Musée Carnavalet und die große Calder-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton. Außerdem kommt die Zeit der Rosen, da rufen der Bagatelle-Park und die Rosen von Josephine Beauharnais im Park von Malmaison. Natürlich gibt es auch Aktuelles wie die spektakuläre Verkleidung des Pont Neuf im Juni und längst Geplantes wie die Beiträge über die Bauten und Pläne Le Corbusiers in, um und für Paris, das „ägyptische“ Art decö-Kino Louxor, das Palais d’Iéna des Eisenbeton-Pioniers Auguste Perret, die Bouillons von Paris…. Angesichts des unübersehbaren Angebots, das Paris bietet, ist die Gefahr groß, sich darin zu verlieren und „Programmpunkte“ lediglich „abzuhaken“. Insofern ist der Blog auch ein ganz persönlicher Beitrag, unsere Zeit in Paris zu strukturieren und die ausgewählten Unternehmungen zu fundieren/zu intensivieren.
Es freut mich, wenn das dann auch Leserinnen und Leser des Blogs anspricht, Natürlich ist der Lichtjahre entfernt von den Hunderttausenden oder gar Millionen „followern“ mancher youtube, twitter- oder instagram- Adressen und Influencer . Dafür ist der Blog zu spezialisiert, und der Umfang der Beiträge übersteigt das in sozialen Medien Übliche bei weitem. Trotzdem verzeichnete die Blog-Statistik im letzten Jahr über 70 000 Besucher/innen und über 110 000 Zugriffe auf einzelne Beiträge, jeweils so viele wie noch nie in einem Jahr.
Die am meisten „nachgefragten“ Beiträge im letzten Jahr waren:
Endlich spritzt, sprudelt und dreht er sich wieder: Der Strawinsky-Brunnen von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle am Centre Pompidou (aus dem Jahr 2023)
Max Ernst und seine „Windsbraut“ Leonora Carrington in Saint-Martin d’Ardèche (2022)
Mit Heinrich Heine in Paris (2017)
Die alte Bibliothèque Nationale im Herzen von Paris (2024)
Also wieder eine dem Blog entsprechende „bunte“ Mischung…
Die meisten Aufrufe kamen wie immer mit großem Abstand aus Deutschland. Vor die üblichen weiteren Herkunftsländer (Frankreich, Österreich, Schweiz) hat sich im letzten Jahr allerdings überraschend China geschoben: Zwei Monate lang kamen Ende 2025 plötzlich außerordentlich viele Aufrufe aus China (sogar mehr als aus Deutschland), die dann aber wieder genauso abrupt aufhörten wie sie kamen. Eine Erklärung dafür habe ich nicht…
Natürlich freue ich mich nach wie vor auch über Zuschriften, vor allem über persönliche feed-backs, die über einen simplen ‚Gefällt mir‘-Klick hinausgehen- so wie beispielsweise diese:
Werter Herr Jöckel, eher zufällig bin ich auf Ihren Paris-Blog gestoßen. Als Freund der französischen Kultur, Sprache und vor allem Paris habe ich mich bereits in einige Ihrer Artikel vertieft. Wertvoll! Großartig! Chapeau! Habe mich gleich als Abonnent eingetragen. Danke für diese Horizonterweiterung. In der nächsten Woche werde ich wieder Paris besuchen und mich schwerpunktmäßig mit der Résistance befassen. Vielleicht gibt es noch Tipps? (Natürlich gab es die…W.J.)
Hallo Herr Jöckel, nachdem ich kürzlich etwas über Vögel in Paris gesucht habe, stieß ich auf Ihren Blog, Seitdem lese ich mich langsam ein, das heißt ich lese immer mal hier und da. Ihr Material ist ja umfangreich. Und hat wenig gemein mit den unzähligen Blogs, in denen man schnell ein paar Zeilen liest, Bilder guckt und vorwiegend Adressen für Gastronomie konsumiert. Und das finde ich richtig klasse! Ihre Texte regen mich an, bringen mir die Stadt näher….
Sehr geehrter Herr Dr. Jöckel, durch Zufall bin ich auf Ihre wunderschöne Seite und Ihren Frankreich-Blog gestoßen und habe sehr viele Beiträge mit Freude gelesen. Ganz herzlichen Dank für die interessanten Schilderungen!
Von Zeit zu Zeit bekomme ich auch Angebote, gegen Geld Werbung im Blog zu platzieren oder -etwas weniger plump: angeblich zum Blog passende Artikel mit eingebauten Werbe-Botschaften, die ich nur zu übernehmen brauchte. Ich habe das immer dankend abgelehnt. Werbung mache ich selbst genug für die wunderbare Stadt Paris, die unsere zweite Heimat geworden ist.
Anlässlich des 5. Blog-Geburtstages habe ich dem Blog fünf weitere gute Jahre gewünscht. Dieser Wunsch hat sich voll und ganz erfüllt, wofür ich sehr dankbar bin. Angesichts meines doch etwas fortgeschrittenen Alters wäre es vermessen, dem Blog nun weitere 10 gute Jahre zu wünschen. Aber solange es Gesundheit, Neugierde und Energie ermöglichen, werde ich mich bemühen, den Blog auch in Zukunft mit interessanten und qualitätsvollen Beiträgen anzureichern und freue mich über Interesse, Kritik, Lob und Anregungen.
In der Ausstellung wird nicht nur die Faszination deutlich, die Étretat auf viele Maler wie Claude Monet, Gustave Courbet und Henri Matisse ausgeübt hat, sondern es werden auch die aktuellen Probleme von „Monets Küste“ angesprochen: Ihre zunehmende gefährliche Erosion und ein überbordender Tourismus, der den vielbeschworenen Venedigs noch übertrifft: Auf gut 1000 Einwohner des Ortes kommen im Jahr 1,5 Millionen Besucher!
Wir haben Étretat Anfang der 2000-er Jahre entdeckt und waren dann mehrmals für einige Tage dort. Anlässlich der derzeitigen Ausstellung haben wir uns die damals aufgenommenen Fotos noch einmal angesehen, die die Faszination Étretats deutlich machen, die auch wir empfunden haben. Den heutzutage viel thematisierte overtourism, unter dem der Ort leidet, haben wir bei diesen Besuchen nicht gesehen, zumal wir ja auch immer außerhalb der touristischen Spitzentermine dort waren. Hinweise auf die im wahrsten Sinne des Wortes: Brüchigkeit der Naturschönheiten gab es zwar schon, aber man konnte sich noch mit großer Freiheit auf und unter den Klippen bewegen. Insofern haben wir die damals aufgenommenen Fotos jetzt wieder mit einiger Nostalgie betrachtet. Hier eine kleine Auswahl:
(Alle Fotos von Frauke und Wolf Jöckel, alle ohne Fotobearbeitung).
Werbeplakat auf dem Holbeinsteg, der auf der Höhe des Städel-Museums den Main überspannt. Foto: F. Jöckel
Vitrine im Foyer des Museums mit Souvenirs der Ausstellung
„Monets Künste“: Dies ist ein publikumswirksam gewählter Ausstellungstitel: nicht nur wegen der Anziehungskraft des Namens „Monet“ im Allgemeinen, sondern auch wegen des 100. Jahrestages des Todes Monets, der mit zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen begangen wird. Und natürlich kann der Ausstellungstitel auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass Monet in der Normandie aufgewachsen ist. [2]
Étretat war aber nicht nur Monets Küste, sondern auch die zahlreicher anderer Maler wie Courbet und Matisse. Auch sie erlagen der Faszination, die die wilde Küstenlandschaft von Étretat mit ihren charakteristischen Felsformationen ausübte. Dennoch trägt die Ausstellung ihren Titel nicht zu Unrecht: Mehrfach hat sich Monet in den 1860-er und 1880-er Jahren in Étretat aufgehalten. „In über 80 Gemälden widmete er sich hier dem Natureindruck.“[3] In der Städel-Ausstellung werden immerhin 24 Gemälde und Pastelle Monets gezeigt: „seine“ Küste wurde wohl noch nie so intensiv präsentiert.
Monets Küste
1864 hat Monet bei seinem ersten Aufenthalt in Étretat Tor und Felsen von Aval gemalt (Musée Mer Marine, Bordeaux), eine der charakteristischen Felsenformationen des Ortes, die ihn nicht mehr losgelassen haben. Im Vordergrund am Strand stehen große Winden, mit deren Hilfe Fischerboote auf den Strand gezogen wurden. Das war notwendig, weil Étretat über keinen Hafen verfügte. Das Bild erscheint noch wenig impressionistisch.
Ganz anders dann die Gestaltung aus dem Jahr 1885.
Claude Monet, Étretat. Die Steilküste von Aval. The Israel Museum, Jerusalem
Gegenstand ist wieder die Steilküste von Aval. Das Bild verdeutlicht die Besonderheit der inzwischen für Monet charakteristischen revolutionären Malweise: „Das Gemälde erzeugt den Anschein einer flirrenden Bewegtheit, die dem natürlichen Licht- und Farbenspiel gleichen kann. Der Effekt beruht auf kurzen Pinselstrichen, den sogenannten taches (franz. „Flecken“), die sichtbar auf der Leinwand stehen. Auf lange, geschlossene Linien verzichtet Monet ganz: Die Formen der Landschaft -Felsen, Wolken, Wellen- sind rein aus Farbkontrasten gebildet.“ (S.25)
Hier noch einmal das gleiche Motiv (Steilküste von Aval), ebenfalls aus dem Jahr 1885 (Sammlung Hasso Plattner). Die großen Bilderserien Monets wie die der Heuschober oder der Kathedrale von Rouen entstanden zwar erst später, aber schon früher -wie in Étretat- hielt Monet Motive in verschiedenen Lichtsituationen und Stimmungen fest.
Claude Monet in einem Brief an Alice Hoschedé, 1886:
„Ich bin verrückt nach dem Meer; (…) um das Meer wirklich zu malen, muss man es jeden Tag, zu jeder Stunde und vom selben Standpunkt aus sehen, um sein Dasein genau an diesem Ort zu kennen.“ (zit. 34)
Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval. Pastell auf Papier. 1885 „(Privatsammlung)
Die meisten dieser Bilder malte Manet im Freien, im Angesicht seiner Motive. Dazu Guy de Maupassant in „La vie d’un paysagiste“:
Eigentlich war er nicht mehr ein Maler, sondern Jäger. Kinder folgten ihm, die seine Leinwände trugen, fünf oder sechs Leinwände, die alle das gleiche Motiv in verschiedenen Tageszeiten und in unterschiedlichen Stimmungen wiedergaben.[4]Teilweise werden dann die angefangenen Bilder erst Wochen später im Atelier vollendet. „Nie genügt ein einzelnes Bild eines Motivs. Zahlreiche, variierende Darstellungen betonen die Wandelbarkeit der Landschaftserscheinung.“ (S.34)
Dieses besonders stimmungsvolle Gemälde ebenfalls aus dem Jahr 1885 zeigt die Felsnadel und das Felsentor von Aval im Abendlicht. (Clark Art Institute, Williamstown, Massachusetts, USA), Es wurde als Motiv für das Werbeplakat und den Umschlag des Ausstellungs-Katalogs gewählt.
Neben dem Felsentor von Aval und der Felsnadel gab und gibt es in Étretat noch weitere außergewöhnliche Felsformationen, die Monet ebenfalls malte: So das Felsentor Manneporte (1883 The Metropolitan Museum of Art, New York)
„Die majestätische Manneporte in gleißendem Licht. Auch den Felsen im Südwesten Étretats hat Claude Monet in unterschiedlichen Stimmungen auf die Leinwand gebannt. Das Gefühl kontemplativer Naturerfahrung geht von den Gemälden aus. … Beinahe verborgen bleiben währenddessen die obsessiven Mühen, die Monet im Malprozess aufzubringen bereit war. Auf der Jagd nach immer neuen Impressionen soll der Künstler einmal beinahe ertrunken sein, als ihn die Flut an der Manneporte überraschte. Seine unermüdlichen Versuche, die einzigartige Naturerfahrung in seiner Kunst zu übermitteln, brachte ihn teilweise an den Rand der Erschöpfung.“ (37)
Étretat. Die Manneporte. Lichtreflexe auf dem Wasser. 1885 (Musée des Beaux-Arts Caen)
Claude Monet in einem Brief an Alice Hoschedé 1883: „Étretat wird immer atemberaubender. (…) Der Strand mit all den schönen Booten ist großartig.“
Hier, am Ende des Strandes, die Porte d’Amont, die Guy de Maupassant mit einem „riesigen Elefanten, der aus dem Meer trinkt“, verglichen hatte. (zit.5). Abbildung: Boote am Strand von Étretat, 1883 (Fondation Bemberg, Toulouse)
Boote am Strand von Étretat, 1883 (Museum der Bildenden Künste Leipzig
„Alte Fischerboote am Strand von Étretat als Farbakzente vor der milchig trüben Meeresflut- Claude Monets modernes impressionistisches Farbenspiel fasziniert. Doch vermittelt das Bild eine im 19. Jahrhundert weitverbreitete Nostalgie: Denn während qualmende industrielle Zentren und rasch expandierende Großstädte eine neue Lebenswelt bedeuten, wächst die Sehnsucht nach Erholung und Ursprünglichkeit.“
„Ganz rechts in dem Gemälde schildert Monet mit wenigen, schwungvollen Pinselstrichen eine eigentümliche Hütte: Es ist ein ausgedientes Boot, das mit Reet gedeckt zur Strandhütte umgebaut wurde. Diese ursprünglichen Caloges dienten den Fischern ursprünglich zur Aufbewahrung ihrer Netze, Bojen und Taue. … Als Monet 1883 das Gemälde der Fischerboote malt, sind die charakteristischen Bauten von Étretat bereits zur Sehenswürdigkeit geworden – für den stetig wachsenden Strom von Küstenbesuchern“, der aus dem beschaulichen abgelegenen Fischerdorf einen mondänen Badeort macht. (11)
Claude Monet 1868 an Frédéric Bazille:
„Ich bin hier umgeben von allem, was ich liebe. Meine Zeit verbringe ich im Freien. (…) Abends, mein lieber Freund, finde ich in meinem Häuschen ein warmes Feuer und eine nette, kleine Familie.“ (zit. 26)
Claude Monet, Das Mittagessen, 1868/9, Städel-Museum, Frankfurt
Diese großformatige Interieurszene (231,5 x 151,5 cm) hat auf den ersten Blick keinen Bezug zu Étretat. Aber sie ist dort entstanden. Im Winter 1868/69 mietet Monet für sich und seine Familie ein Haus im Ort. Das Gemälde zeigt seine Lebensgefährtin Camille Doncieux, die sich liebevoll dem kleinen Jean zuwendet. Der gemeinsame Sohn Jean wird 1867 unehelich geboren. Aller gesellschaftlicher Vorurteile und dem anhaltenden Druck seines Vaters zum Trotz verstößt Monet seine Geliebte und seinen Sohn nicht. Wenige Monate nach Fertigstellung des Gemäldes heiratet er Camille.
Der Mittagstisch ist üppig gedeckt – was allerdings der Realität nicht entspricht: Monet kann seine Familie in dieser Zeit kaum versorgen. Allein dank der Unterstützung eines Gönners aus Le Havre kann er sich die Unterkunft in Étretat leisten. Der leere Stuhl markiert den Platz des Familienvaters- also Monets. Zwar ist er selbst nicht zu sehen, ist aber dennoch sehr präsent in dem Gemälde. Bücher und Zylinder (im Hintergrund auf der Anrichte) verweisen auf den Vater, vor allem aber die auf seinem Platz liegende Zeitung. Die Buchstaben LE FI bezeichnen die Zeitung Le Figaro, spielen aber auch auf das französische Wort le fils (der Sohn) an und könnten damit ein väterliches Bekenntnis zum unehelichen Kind sein.
Am Fenster lehnt eine elegant gekleidete Frauengestalt, offenbar eine Besucherin, während das Dienstmädchen durch die Tür schaut: Insgesamt also eine scheinbar gutbürgerliche Familienidylle, mit der Monet allerdings die akademischen Regeln der Kunst des 19. Jahrhunderts bewusst bricht: Das fast monumentale Format war damals historischen oder religiösen Motiven oder Portraits bedeutender Persönlichkeiten vorbehalten. Vermutlich wäre die Kunstgeschichte ganz anders verlaufen, hätte Monet dieses Gemälde nicht 1870 erfolglos im Pariser Salon eingereicht. Auf diese Ablehnung folgte vier Jahre später die erste Ausstellung der Impressionisten, in der Monet das Bild präsentierte. Mit der selbstorganisierten Alternative zum Salon geben Monet und seine Künstlerfreunde ihrer neuartigen Malerei eine öffentliche Plattform.[5]
Das Meer bei Fécamp, 1881. Staatsgalerie Stuttgart
Eine besondere Attraktion und Herausforderung war für Monet das stürmische Meer. In einem Brief aus dem Jahr 1886 schrieb er:
„Es war für mich eine Freude, dieses Meer in seiner Raserei zu sehen; es war eine Sinnesüberflutung.“ (zit. S. 36)
Claude Monet, Stürmisches Meer bei Étretat. 1883. (Musée des Beaux-Arts de Lyon), Detail
Courbets Wellen
Eine besondere Herausforderung war die Darstellung der Klippen von Étretat, vor allem aber die des stürmischen Meeres auch deshalb, weil vor ihm sein Malerfreund und auch Trauzeuge Gustave Courbet diese Motive mit großer Meisterschaft gestaltet hatte. Courbet malte in Étretat -angeblich unter dem Eindruck eines tosenden Sturms- im Sommer 1869 die ersten Versionen seiner zahlreichen Wellenbilder.
Gustave Courbet, Die Woge, 1869
„Auf dem Bild, das heute im Städel Museum zu sehen ist, türmt sich die Woge vor den Betrachtern bedrohlich auf. Krachend und schäumend scheint sie am rechten Bildrand niederzubrechen. Schon Courbets Zeitgenossen priesen die eigentümliche Wucht und die Radikalität seiner Bilderfindung.“ (29)
Bei dieser Version (ca 1869, Musée d’art moderne André Malraux, Le Havre) liegen die Fischerboote nicht wie bei Monet malerisch am Strand, sondern sie drohen von der heranrollenden Woge verschlungen zu werden.
Und Courbet steigert das Toben der Naturgewalten noch in seinen Wasserhosen-Bildern. Hier eine Version aus dem Metropolitan Museum of Art, New York. (1869)
„Guy de Maupassant schildert einige Jahre später seinen Besuch in Courbets Strandatelier und die Entstehung der Wellen-Bilder: Von Zeit zu Zeit drückte er sein Gesicht an die Scheibe und beobachtete den Sturm. Das Meer kam so nah, dass es das von Gischt und Lärm umgebene Haus regelrecht zu peitschen schien. Tief beeindruckt vom Bild der Woge zeigt sich auch Paul Cézanne: Es ist, als käme sie (die Woge) gerade auf einen los, man schrickt zurück. Der ganze Saal riecht nach Wasserstaub.“[6]
Detail aus einer weitgehend identischen Version der Wasserhose aus dem Musée des Beaux-Arts, Dijon
Courbet arbeitete in seinen Wellenbildern einen Großteil des Wassers mit dem Palettenmesser statt eines Pinsels heraus, „wodurch die pastos aufgetragene Farbe so massiv wie materiell wird, was ein entscheidender Schritt in die beginnende Moderne war. Das Momenthafte einer anrollenden Riesenwelle versteinert Courbet zu gemalter Bildhauerei.“[7]
Gustave Courbet, Die Welle. Stürmisches Wetter, 1869/1870. (Privatsammlung) Ausschnitt
Der große Erfolg von Courbets Wellenbildern aus Étretat beruht aber wohl nicht nur auf der künstlerischen Meisterschaft der Werke. Denn die konnten auch als politische Botschaften verstanden werden: Sie entstanden ja alle kurz vor dem Ende des zweiten Kaiserreichs Napoleons III., der kurz danach in die Bismarck’sche Falle tappte und in Überschätzung der eigenen Stärke Preußen den Krieg erklärte. Courbet sehnte ein Ende des Kaiserreichs und eine Wiederherstellung der von Napoleon III. beseitigten Republik herbei. Es war dann allerdings nicht die revolutionäre Macht des Volkes, sondern die preußische Armee, die das Kaisertum überwand. Aber Courbet engagierte sich auf Seiten der Pariser Commune für eine bessere Zukunft und wurde dafür mit Gefängnis und Exil bestraft.
Claude Monet, Raue See, 1881 (Fine Arts Museum of San Francisco)
„Gustave Courbet hatte mit seinen Wogen Neues gewagt. Einige Jahre nach dem Tod seines Freundes entwirft auch Claude Monet eine Reihe eigener Darstellungen heranrollender Wellen. Auf Courbets Wucht antwortet Monet mit impressionistischer Leichtigkeit. Er verwandelt das Bildmotiv der Wellen in ein Meer aus schwungvollen Pinselstrichen aus Blau-, Grün- und Weißtönen. Monets Bilder sind ganz auf die Bewegung von Brandung und Wolken fokussiert. Die schäumenden Wellen nehmen den Großteil der Bildfläche ein und weisen sogar darüber hinaus. Die Gemälde vermitteln die Unfassbarkeit unaufhörlicher Bewegung und Weite.“ (S.31)
Claude Monet, Raue See,1881 (National Gallery of Canada)
Die Entdeckung von Étretat
Es waren aber nicht Courbet oder Monet, die zuerst die wilde Schönheit Étretas entdeckten und künstlerisch gestalteten. Schon lange davor, als noch keine befestigte Straße oder gar eine Eisenbahn das abgeschiedene Dorf an der Küste erreicht, finden erste Künstler ihren Weg nach Étretat. Die frühesten Darstellungen des Ortes kündigen Ende des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Wandel an. Die Naturerfahrung – das menschliche Staunen angesichts landschaftlicher Schönheit- sollte zum Motor der Kunst werden.“ (S. 5)
„Die Aquarellzeichnung des Künstlers Alexandre Jean Noël gilt als die erste bekannte Darstellung von Étretat. Sie verrät ein großes Interesse für die Beschaffenheit der Felsformationen und die Schönheit der Küstenlandschaft. Tatsächlich entstand die Darstellung um 1786 im Auftrag eines Austernhändlers und sollte Werbezwecken dienen. Die Muschel-Delikatessen wurden in Étretat über Monate geschmacksveredelt und mit dem Pferd nach Paris geliefert.“ (5)
Der romantische Landschaftsmaler Eugène Isabey ist der erste Künstler, der sich um 1820 länger in Étretat aufgehalten hat und bei einem ehemaligen Kapitän gewohnt haben soll.
Eugène Isabey, Blick vom Stand auf die Felsen von Étretat, um 1830-1850. (Privatsammlung)
Besonders eindrücklich schildern Isabeys Aquarelle die Besonderheiten der rauen Landschaft: Mit wenigen, gezielt gesetzten Linien in Weiß-, Gelb- und Brauntönen stellt der Künstler die typischen Felsschichten dar und schildert skizzenhaft seinen Eindruck der Küste. (6)
Eugène Isabey, Klippe in Étretat. Um 1851 (Musée du Louvre)
„Der hocherfolgreiche Marinemaler -dessen Küsten- und Meeresbilder durch Pathos und Dramatik bestechen- gilt als Entdecker von Étretat. Seine Bilder tragen in den folgenden Jahren entscheidend zur wachsenden Beliebtheit des Küstenortes bei. Ab den 1820-er Jahren zieht das Naturspektakel Maler aus ganz Europa nach Étretat.“ (6)
„1836 reist Johann Wilhelm Schirmer quer durch Europa. Auf der Suche nach beeindruckenden Landschaften, die seine Gemälde inspirieren, besucht er auch Étretat. … Schirmers Bilder entwickeln eine aufwühlende Sogwirkung. Seine mit Ölfarbe gestalteten Studien der Felsenküste vereinen die genaue Beobachtung mit einer romantischen Überhöhung des Gesehenen.“ (9)
Johann Wilhelm Schirmer, Am Strand von Étretat, um 1836 (Museum Zitadelle Jülich)
Johann Wilhelm Schirmer, Felsküste bei Étretat, 1836 (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)
„Die Felsküste betrachtet Schirmer aus ungewöhnlicher Perspektive: Aus direkter Nähe gibt er die Beschaffenheit der Kalksteinfelsen wieder – von glatt bis porös, hier und da mit schwarzen Einschlüssen von Feuersteinen.“ (9) Schirmers Studien dienen auch als Unterrichtsmaterial an Schirmers Arbeitsstätte, der Düsseldorfer Akademie.
Eugène Delacroix, Die Porte d’Aval, um 1840 oder 1846 (Musée Marmottan Monet, Paris)
Auch Delacroix, ein Freund Isabeys, besucht in den 1840-er Jahren Étretat und zeichnet die Felsformationen. „Claude Monet begeistert sich später für die Studie seines Vorgängers und mag darin eine Vorahnung der Malweise des Impressionismus gesehen haben. Nach 1891 erwirbt er Delacroix‘ Blatt für seine eigene Kunstsammlung.“(9)
„Trotz aller Veränderungen hat das Bild Étretats als entlegener, ursprünglicher Küstenort Bestand. Besonders der Blick auf die Fischer und Dorfbewohner ist seit der ersten künstlerischen Entdeckung von projizierten Fantasien und Vorstellungen geprägt.“
Eugène Isabey, Strand bei Ebbe, 1833 (Musée du Louvre)
Bereits 1833 schildert Eugène Isabey das Dorf mit seinen Bewohnern fernab der modernen Gesellschaft. … Mit der Realität hatte seine Darstellung wenig zu tun: Die alten Reetdachhäuser in Étretat waren beinahe ebenerdig gebaut, ihre Mauern bestanden aus behauenem Feuerstein.“ (19)
Auch das Bildmotiv der Waschfrauen in der Kieselbucht von Étretat ist ein Symbol für die vermeintliche Ursprünglichkeit des Ortes. Ganz schwach ist am Horizont ein Dampfer zu erkennen als Hinweis auf die großen Umbrüche des 19. Jahrhunderts.
Eugène Boudin, Wäscherinnen am Strand und die Falaise d’Aval, 1894 (The National Gallery of Art, Washington)
Wäschewaschen hatte am Strand von Étretat eine lange Tradition. Bei Ebbe werden Süßwasserquellen unter dem Kieselstrand freigelegt, die das Reinigen von Textilien ermöglichen. Über Jahrzehnte wurde das längst nicht mehr aktuelle Motiv auf Kunstwerken und Postkarten weiter verbreitet.
1843/44 eröffnete in Étretat das dritte Strandbad Frankreichs. Zunächst stand dabei der therapeutische Zweck des Meerwasserbadens im Vordergrund, dann wurde das Strandbaden zunehmend zum Freizeitvergnügen. Motive für den Maler Eugène Le Poittevin. Der hatte 1849 als einer der ersten Städter in Étretat ein Grundstück mit Wohnhaus und Atelier erworben. Den Ortswandel erlebt der erfolgreiche Pariser Maler hautnah mit. Als er 1866 sein Panoramabild Seebad in Étretat malt, hat sich die Anzahl der Sommerbadegäste bereits rasant gesteigert. Auf die 1500 dauerhaften Dorfbewohner kommen etwa 4000 bis 5000 Gäste im Jahr.
Eugène Le Poittevin, Seebad in Étretat, 1866 (Musée des Beaux Arts, Troyes) Ausschnitt
Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und unterschiedlichen Geschlechts treffen am Strand aufeinander. „Das trifft in besonderem Maße auf Étretat zu, wo sich im Gegensatz zu anderen Kurorten Frauen nicht in abgegrenzten Bereichen aufhalten müssen. Auf dem Gemälde sind die Badegehilfen, zumeist lokale Fischer, an ihren roten Hemden zu erkennen.“
„Einige Badegäste lassen sich identifizieren: Bei dem Mann, der zum Kopfsprung ansetzt, handelt es sich vermutlich um den jugendlichen Guy de Maupassant.“[8]
Eugène Le Poittevin, Das Seebad. Strand von Étretat, 1864/5 (Privatsammlung)[9]
„Dieses Gemälde wird im Pariser Salon von 1865 und auf der Weltausstellung von 1867 gezeigt und von Kaiser Napoleon III. für die Ausstattung des Élysée-Palasts erworben. Es ist ein lebendiges Zeugnis der neuen Freizeitgesellschaft, die Étretat erobert. Die Szene spielt am Nachmittag nach der Badezeit. Auf dem Kieselstrand sind Umkleidekabinen zu sehen, während Holzplanken einen Weg zum Wasser bilden – eine Praxis, die an den Stränden der Normandie in diesen Jahren allmählich zur Norm wird.“[10]
„Sogar die Hunde der Pariser Oberschicht genießen die frische Meeresluft vor dem tiefblauen Wasser.“ (16)
Étretat: Vom Küstenparadies zum Massentourismus
Dass Étretat zunehmend auch ein touristischer Anziehungspunkt wurde, ist nicht zuletzt der Nähe zu Paris zu verdanken und der Erschließung des Ortes für den Verkehr.
1895 wurde eine Eisenbahnverbindung von Paris nach Etretat eingeweiht und man konnte nun vom Bahnhof Saint- Lazare in Paris in 4 Stunden Étretat erreichen, das mit Casino, Theater, Tennisplätzen Werbung für anspruchsvolle und begüterte Touristen betrieb. Und natürlich beruhte die Anziehungskraft vor allem auch auf der von Monet, Courbet und Kollegen international verbreiteten grandiosen Landschaft.
Aus einer 1885 in der Zeitschrift Le Gaulois veröffentlichtem Chroniques des plages von Étretat:
Zu den sonderbarsten Dingen dort gehört wohl die Anzahl von Malern, die vormittags am Strand ihre Pinsel am Meer und den Felsen erproben. Wenn man am Kieselstrand entlanggeht, trifft man auf zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfzig solcher Künstler, die sich verpflichtet fühlen, das klassische Étretat zu malen. Amerikaner, Engländer, Strickwarenhändler, Schüler in Ferien, Schwiegersöhne und Schwiegermütter, alle Welt malt in Étretat.“[11]
Um 1900 lässt allerdings das künstlerische Interesse an Étretat etwas nach, wenngleich der Ort nach wie vor zahllose Touristen wie auch einige Maler anzieht – so Félix Vallotton und Henri Matisse. „Im Sommer 1920 kommt Henri Matisse gleich zweimal nach Étretat, wo mehr als 40 Gemälde und zahlreiche Zeichnungen entstehen. … In bewusster Auseinandersetzung mit den Gemälden von Courbet und Monet widmet sich Matisse der Darstellung der Klippen, der am Strand liegenden Fischerboote und von Meerestieren. Menschen sind wie bei seinen Vorbildern nur vereinzelt zu entdecken, was den Ansichten die Aura eines verlassenen Ortes verleiht.“[12]
Henri Matisse, Am Strand von Étretat
Henri Matisse, Die Fässer, um 1920 (Moderna Museet, Stockholm)
„Mit wenigen Strichen und einer reduzierten Farbpalette fängt Henri Matisse die charakteristischen Elemente des Strands von Étretat ein. Der lockere, skizzenhafte Pinselduktus erinnert eher an eine Zeichnung als an ein Ölgemälde. Die Fässer und das Boot verweisen auf die Arbeitswelt der Fischer, die Matisse ansonsten ausspart. Er orientiert sich an den menschenleeren Gemälden seiner Vorgänger Courbet und Monet, deren Ansichten von Étretat in jenen Jahren sehr bekannt sind.“[13]
Henri Matisse, Étretat. Die Wäscherinnen, 1920 (The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge)
Besonders eindrucksvoll und für uns ein Höhepunkt der Ausstellung ist dieses Gemälde: Matisse zeigt hier den „Elefanten“ flächig und die drei Menschen nur als Chiffre- ein Gegenentwurf zu Monets Stürmisches Meer bei Étretat von 1883.[14]
Die sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg weiter verstärkende touristische Anziehungskraft Étretats wird durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen. Die deutschen Besatzer verändern das Bild des Ortes radikal: Das Casino, das Hotel Blanquet, das erste Haus von Étretat, und mehrere Villen werden abgerissen, um ein freies Schussfeld für die Küstenbatterien zu haben. Étretat wird Teil des sogenannten Atlantikwalls. Am Ende des Krieges liegt die Strandpromenade in Trümmern.[15]
Von dieser Zeit zeugen die brutal in die Klippen einbetonierten und teilweise noch heute sichtbaren Bunker.
Foto: Wolf Jöckel, April 2011
Viele der Ende des 19. Jahrhunderts im anglo-normannischen Stil errichteten und im Krieg zerstörten Gebäude werden danach durch moderne Zweckbauten ersetzt. Darunter leidet der Charme des Ortes, aber nicht seine Attraktivität: 1,5 Millionen Menschen besuchen jährlich den Küstenort mit kaum mehr als 1000 Einwohnern- ein extremes Beispiel für den sogenannten overtourism.[16]
Im April 2025 sperrte die Gemeinde den Zugang zu den Klippen und weiten Teilen der Strände, um die Gefahren für Mensch und Natur zu begrenzen.[17] Die Ausstellung thematisiert auch diese Schattenseiten von Étretat.
Wir waren vor vielen Jahren mehrmals in Étretat, natürlich fasziniert von der wunderbaren Landschaft. Das war immer außerhalb der touristischen Hochsaison. Der Zugang zu den Klippen war damals noch weitgehend frei, aber Begrenzungen gab es auch damals schon: Es war ausdrücklich und unter Strafe verboten, auch nur einen einzigen der charakteristischen Strandkiesel einzusammeln und als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Bei 1,5 Millionen Besuchern im Jahr eine nur allzu berechtigte Maßnahme.
Die Ausstellung macht sicherlich Lust, trotz alledem Étretat zu besuchen. Aber es ist wohl vernünftiger, sich mit den 170 aus aller Welt zusammengetragenen Exponaten der großartigen Ausstellung und des einleitenden eindrucksvollen 3 D- Modells der Klippen von Étretat[18] zu begnügen.
[3] Städel-Museum, Moet Küste. Die Entdeckung von Étretat. Eine Einführung in die Ausstellung, S. 25. Alle weiteren Zitate ohne Quellennachweise sind diesem Text entnommen.
[4] Aus: Gil Blas, 28.9.1886 Zitiert als Wandinschrift in der Ausstellung
[18] Projektion durch das Pariser Unternehmen ICONEM, das auf die Digitalisierung von gefährdeten Kultur- und Naturgütern spezialisiert ist. Sound: Wolfram Gruss
Praktische Hinweise:
Die Ausstellung mit 170 Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und historischen Dokumenten läuft bis zum 5. Juli 2026 im Städel Museum in Frankfurt am Main.