Max Ernst und seine „Windsbraut“ Leonora Carrington in Saint -Martin – d’Ardèche

Ein Zufall führte uns auf die Spur von Max Ernst und Leonora Carrington und ihr Haus in Saint-Martin d’Ardèche. Wir hatten auf dem Weg an die Côte d’Azur ein Zimmer in einer Pension des Ortes gebucht, in der rue Max Ernst. Das machte uns neugierig. Die Wirtin erklärte uns, Max Ernst habe sogar hier bei ihrer Großmutter übernachtet. Genaueres wusste sie allerdings nicht- und sie verwies uns an das am Anfang der Straße gelegene Tourismus-Büro.

Dort ist in einer Ecke ein kleiner „espace Max Ernst“ eingerichtet, wo man einige Informationen über den Aufenthalt des surrealistischen Malers Max Ernst und seiner damaligen Geliebten Leonora Carrington, ebenfalls Malerin und Schriftstellerin,  erhält, „zwei der ersten Europäer, die Saint-Martin- d’Ardèche liebten“, wie es in einem dort ausliegenden Faltblatt über „Max Ernst à Saint Martin d’Ardèche“ heißt.

Fotos: Wolf Jöckel

Auf einem kleinen Bildschirm kann man sich -von der Dame im Tourismus-Büro entsprechend vorgewarnt-  einen älteren Film in schlechter Qualität, aber in verschiedenen Sprachen -auch deutsch- mit Originalbildern aus den gemeinsamen Jahren an der Ardèche (1938-1940) ansehen.

Über dem Bildschirm ein Portrait von Max und Leonora, aufgenommen im Sommer 1939 von der amerikanischen Fotoreporterin Lee Miller.

„Max, schon weißhaarig, aufrecht, mit strahlenden Augen in die Linse blickend. Schützend, besitzend hat er für die Fotografin seinen Arm um das Mädchen gelegt, das sich klein macht in seiner Umarmung und dessen Lächeln sich im Unendlichen verliert.“[1]

Von der freundlichen Dame  im Tourist-Büro erhält man auch einen Plan, in den sie die Lage des Hauses einzeichnet, das Max Ernst und Leonora Carrington damals bewohnten – verbunden mit dem bedauernden Hinweis, viel sei da allerdings nicht mehr zu sehen. Es handele sich um Privatbesitz, „une résidence privée“, die man nicht besichtigen könne, „qui ne se visite pas.“

Natürlich lassen wir uns davon nicht entmutigen. In dem Viertel Les Alliberts, auf dem Höhenzug über Saint-Martin- d’Ardèche,  finden wir nach einigem  Suchen schließlich das Haus- die Dame vom Tourismus-Büro hatte es auf dem Plan nicht richtig markiert….  Aber es ist mit seinem großen Relief an der Außenwand nicht zu verfehlen:

Das Relief besteht aus zwei bzw. drei Figuren:  

Fotos: Wolf Jöckel

Die männliche links ist ein mächtiges Vogelwesen, das bedrohlich die Arme hebt und seinen scharfen Schnabel aufreißt. Das muss doch „der Vogelobre Loplop“ sein, den Max Ernst 1938 im „Dictionnaire abrégé du Surréalisme“ als „Maler, Dichter und Theoretiker des Surrealismus von den Anfängen bis zum heutigen Tag“ vorgestellt hatte. Max Ernst hat sich eindeutig mit diesem Vogelwesen identifiziert und so erscheint er immer wieder in dieser Gestalt in seinen Werken.  Loplop, sein „Privatphantom“, wie er es selbst einmal nannte, erlaubte es ihm, sich gleichzeitig von seinem Werk zu distanzieren als es auch zu präsentieren.[2]

Das  Vogelwesen besitzt einen doppelten Unterleib: Auf einer Wandstütze, aus der oben Hals, Kopf und Arme ragen, tanzt eine kleine, mit Schuppen und Federn geflügelte Froschmaul- Figur. Auch dieser wilde Geselle gehört zu Loplop.  

Fotos: Wolf Jöckel

Diese Figur besteht also gewissermaßen aus zwei Loplops: dem großen, mächtigen beschützenden, und dem kleinen, wilden Kobold, dem ganz offensichtlich nachträglich sein Geschlecht abhandengekommen ist.

Und wer oder was ist die andere Figur? Ein weibliches Wesen, offenbar, mit einem langen Hals und einem Kopf, der ebenfalls ein Vogelkopf sein könnte, einem Emu ähnlich oder einem Strauß. Bedeckt ist der Kopf mit einem Fisch.

Die eine Hand ist beschwichtigend-beschwörend abgespreizt, die andere trägt ein die Zähne bleckendes Monster.

Fotos: Wolf Jöckel

Es ist klein, aber es könnte vielleicht noch viel größer werden. Und hat sich vielleicht sogar der Daumen in ein Monster verwandelt? Max und Leonora haben sich zur Bedeutung dieser Mischwesen nicht geäußert- man darf sich also seinen eigenen Phantasien überlassen…. [3]

Die Bewohner waren abwesend, als wir da waren. So konnte man sich immerhin etwas in dem umliegenden Gelände umsehen – was kaum möglich gewesen wäre, wenn die sehr Besucher-abweisenden Hausbesitzer dagewesen wären.[4]  Wo also sind die – im Tourismus-Büro abgebildeten-  phantastischen Gestalten,  mit denen der Garten bevölkert war?

Die gibt es offensichtlich nicht mehr.

Zu gerne hätten wir natürlich einen Blick ins Haus geworfen, um zu sehen, was innen noch aus der Zeit geblieben ist, in der Max und Leonora hier wohnten.

Aus dieser Zeit stammen doch sicherlich die Plastiken, die man immerhin nach ein bisschen Kletterei in der offenen Loggia des Hauses erkennen kann.

Fotos: Wolf Jöckel

Da spätestens wird man neugierig, mehr zu erfahren über dieses Haus, das eigentlich „eine Kultstätte des Surrealismus sein müsste.“ [5]  

Die Begegnung

Beginnen wir mit Leonora. Eine Carrington: Also Tochter aus allerbestem Hause. Der Vater hatte seine Firma an das Chemiekonglomerat ICI verkauft und war damit zu einem Hauptaktionär der Firma geworden; mit der deutschen I.G. Farben und der amerikanischen DuPont eines der drei größten Chemieunternehmen der Welt. Die Tochter wurde -noblesse oblige/(Geld-) Adel verpflichtet- bei Hof vor- und in die bessere Gesellschaft eingeführt, und sie war dazu bestimmt, die ihr zugedachte Rolle als „gute Partie“ auszufüllen.  Dazu passte -wenn es denn in geordneten Bahnen und maßvoll bliebe- das große Interesse des jungen Mädchens an Kunst. Als Schülerin einer von einem französischen Maler geleiteten Kunstschule traf sie im Juni 1937 auf einer dinner party in London Max Ernst, der dort eine Ausstellung seiner Werke eröffnete.

Für beide war dies eine schicksalshafte Begegnung: ein coup de foudre, ein Blitzeinschlag, eine ganz elementare und gewaltige Liebe auf den ersten Blick. Für die gerade 20-jährige Leonora war Max der bewunderte Maler, dessen Bilder sie magisch anzogen, der erträumte Mann ihres Lebens:   „Max was at that moment the man that every woman waits for; there it was, the man that I had always imagined.“[6]

Für Max Ernst war Leonora eine junge Frau von überwältigender Schönheit. Ihm muss es wohl ähnlich ergangen sein wie seinem Sohn Jimmy, der über sein erstes Zusammentreffen mit Leonora in Paris schrieb: „Eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte…. Ihre dunkle, glutvolle Schönheit riss mich so hin, dass es mir schwerfiel, zusammenhängend mit ihr zu reden.“[7]  Leonora erschien  geradezu als Verkörperung des in surrealistischen Kreisen gepflegten Idealbilds einer femme enfant, einer kindhaften, erotisch anziehenden Frau und Muse.[8] 

Nach einigen Tagen kehrte Max nach Paris zurück;  Leonora Carrington an seiner Seite.

Mit Leonora in Paris

Für Leonora bedeutete dies den Bruch mit der Familie, bzw. vor allem mit dem Vater. Der hatte zunächst vergeblich versucht, einen Haftbefehl gegen Max Ernst wegen öffentlicher Präsentation pornographischer Bilder zu erwirken.[9] Auch die skandalöse Liaison seiner Tochter mit einem verheirateten älteren Mann und (für ihn) anrüchigen Maler konnte er nicht verhindern. Aber seine Reaktion war eindeutig: Keinen einzigen pence mehr für Leonora und Hausverbot: ‚Never will my door be darkened by your shadow‘[10] – was dann auch so geschah…

In Paris bezogen Leonora und Max zusammen eine kleine Wohnung und führten ein bewegtes Leben. Dazu Leonora:

In Paris, Max taught me a new way to live, of coming into my own; he made my ideas develop, the visions that had lived in me since childhood: he drew me to him, to surrealism. He gave me all his support, his love: in our home there were always friends, they arrived continually, Paul Eluard, André Breton, Louis Aragon, Marcel Duchamp, and Yves Tanguy who were from the group. We held formidable reunions, we wrote, we painted, we created poetry: we communicated ideas, feelings… [11]  Hier hat Leonora nur einige der damaligen Freude genannt:  Giacometti, Salvador Dalí, Man Ray und die Photographin Lee Miller sollten wenigstens noch zusätzlich genannt werden.

Leonora genoss dieses Leben einer avantgardistischen Bohème und sie passte gut dazu: So berichtet der Surrealismus-Papst André Breton, wie Leonora in einem feinen Pariser Restaurant die Abendgesellschaft schockierte, weil sie während des Diners ihre Schuhe auszog und zum Entzücken der surrealistischen Freunde die Füße seelenruhig mit Senf bestrich….[12]

Aber da gab es ja noch die Ehefrau, mit der Max Ernst immer noch offiziell eine Wohnung in der rue des Plantes teilte. Marie-Berthe war einiges gewohnt und hatte viele Eskapaden ihres Ehemanns erduldet und hingenommen. Aber derart abserviert und aufs Abstellgleis verbannt zu werden, war dann doch zu viel. Es kam zu öffentlichen Szenen, einmal wurde Marie-Berthe sogar auf offener Straße handgreiflich, aber Leonora schlug -im wahrsten Sinne des Wortes- die Ehefrau in die Flucht.  Auch die einflussreichen, tief katholischen und tief gekränkten Schwiegereltern blieben nicht untätig: Sie machten in Paris systematisch Stimmung gegen Max Ernst, so dass sich bald unverkaufte Bilder bei ihm stapelten. Da war es dann doch für das jungverliebte Paar besser, Paris zu verlassen.

Saint-Martin- d‘Ardèche als Rückzugsort

Warum ausgerechnet dorthin?  Die Ardèche hatte Max Ernst durch Marie-Berthe kennen- und lieben gelernt, die aus dieser Gegend stammte. Saint-Martin bot sich an: ein ruhiger, am Ausgang der Ardèche-Schlucht gelegener 300-Seelen-Ort mit einem typischen südfranzösischen kleinen Dorfplatz mit Platanen und Sankt Martins-Statue…

… einer alten Kirche….

… und einem Kieselstrand mit Blick auf das malerische Aiguèze hoch oben auf der anderen Seite des Flusses.  

Foto: F. Jöckel

Und es gab im Ort das Hotel und Café du Centre von Alphonsine Garrigou, genannt Fonfon, wo die beiden Liebenden in einem Dachzimmer unterkamen.

Allerdings währte dieses Glück nur kurze Zeit. Denn Marie-Berthe hatte noch nicht aufgegeben. Sie hatte die Adresse der beiden Liebenden herausbekommen, war hingefahren und hatte bei Fonfon ihren Gefühlen freien Lauf gelassen.  Max Ernst war hin- und hergerissen zwischen Ehefrau und Geliebter. „Er war ein schwacher Mann“, sagte Leonora später. Im Winter 1937/38 fuhr er nach Paris zurück, um, wie Leonora sarkastisch bemerkte, seinen „genitalen Verpflichtungen“ als Ehemann nachzukommen. Für Leonora war dies eine Zeit großer Verlassenheit und Angst. „Ich glaubte, Max würde niemals zurückkommen. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte“, erzählte sie 50 Jahre später ihrer Biographin.[13]

In dieser Zeit entstand wohl ihr Portrait Max Ernsts- mit schlohweißem Haar in einer Eiswüste. Auch das Pferd -Leonoras alter ego- ist zu Eis erstarrt.

Es gibt noch ein zweites Pferd auf dem Bild, und zwar in der Laterne, die Max Ernst in der Hand hält: Es könnte dort eingeschlossen, gefangen sein; es könnte aber auch dem Mann in der Eiswüste als Wegweiser dienen; oder die Laterne könnte Wärme spenden, um das zu Eis erstarrte Pferd wieder zum Leben zu erwecken….  So macht das Portrait etwas von der Ambivalenz deutlich, die damals die Beziehung zwischen Max Ernst und Leonora Carrington bestimmte. [14]

Doch im Frühjahr 1938 kehrte Max Ernst zurück, zurück nach Saint-Martin und zurück zu Leonora. Er hatte sich endgültig von seiner Frau getrennt. Er hatte sich auch dafür eingesetzt, dass noch 1938 Leonoras Text „La Maison de la peur“, „das Haus der Angst“ mit einem Vorwort von ihm und drei seiner Collagen in Paris erschien. Und er hatte die spektakuläre Pariser Surrealisten-Ausstellung mit eingerichtet, in der auch Leonora mit zwei Gemälden vertreten war. Er traf in dieser Zeit auch seinen Sohn Jimmy. Der war dabei, nach Amerika zu emigrieren- anders als seine Mutter, Luise Straus-Ernst, die „Notre Dame de Dada“ aus Kölner Tagen.  Max Ernsts erste Frau war als Jüdin vor den Nazis nach Paris geflüchtet, eine Emigration in die USA erschien ihr aber weder notwendig noch gar verheißungsvoll – ein tragischer Irrtum.[15]  Jimmy aber begann, wie später dann auch sein Vater-  ein neues Leben in den USA. Max Ernsts Traum war dagegen viel näher liegend und bescheidener, wie er seinem Sohn erklärte:

„Alles, was ich jetzt möchte, ist, Paris für lange Zeit hinter mir zu lassen und mit Leonora in Ardèche zu leben … und sie zu lieben… wenn die Welt uns nur lässt.“ [16]

Loplop und die Windsbraut im Zauberhaus

Der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft materialisierte sich im Kauf eines Hauses in Saint- Martin. In den autobiografischen Notizen Max Ernsts, die er 1963 für einen Katalogtext erstellte, ist unter der Jahreszahl 1938 vermerkt:

„M.E. verlässt die Surrealistengruppe, zieht mit Eleonora Carrington nach Saint-Martin d’Ardèche bei Pont Saint-Esprit, etwa 50 km nördlich von Avignon. Kauft ein Haus und schmückt es mit Wandgemälden und Flachreliefs.“[17]

Bemerkenswert ist hier die ausführliche Ortsangabe. Erklärbar wohl auch damit, dass bei der Auswahl von Saint -Martin- d’Ardèche einerseits die Distanz von Paris, andererseits aber auch die relativ gute Erreichbarkeit wohl eine wesentliche Rolle gespielt hat. In den beiden Jahren, die Max und Leonora hier verbringen werden, sind auch immer wieder Pariser Freunde zu Gast bei ihnen. Gekauft hat das Haus allerdings nicht Max Ernst, sondern allein Leonora. Vielleicht weil Max Ernst ja verheiratet war, was die Sache möglicherweise komplizierter gemacht hätte, vielleicht auch, weil es Max noch nicht gelungen war, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten, er also formal immer noch (Nazi-)Deutscher war.  Angesichts der aufziehenden Kriegsgefahr war eine Engländerin wohl eine seriösere Käuferin, und die 2000 Franc für den Kauf hatte Leonora wohl von der Mutter zugesteckt bekommen. Merkwürdig, dass Max Ernst das anders darstellt und dass seine Version immer wieder übernommen wurde- selbst in dem grundlegenden Werk des Max Ernst-Spezialisten Werner Spies.[18]  

Das alte Winzerhaus war damals völlig heruntergekommen, im Grunde eine unbewohnbare Ruine.  Mehr als ein Jahr lang waren örtliche Handwerker, vor allem aber Max und Leonora selbst mit der Renovierung und dem Ausbau beschäftigt. Die Loggia beispielsweise mit dem Blick auf Saint Martin und die Ardèche entstand erst jetzt.  Vor allem aber: Max und Leonora schmückten Haus und Garten mit Skulpturen und Wandgemälden und formten es so zu einem „surrealistischen Zufluchtsort“ um.[19]

Max Ernst bei der Arbeit am Relief der Südseite[20]

Mit großer Freude arbeitete Max Ernst an den Reliefs und Skulpturen. Sie hatten hier ihren Platz wie die Liebe, für die das Haus ein Zufluchtsort war. Für Max Ernst gab es da deutliche Parallelen. Er verglich die Arbeit an Skulpturen gerne mit der Liebe: „Die Skulptur entsteht in einer Umarmung, zweihändig, wie die Liebe. Sie ist die einfachste, die ursprünglichste Kunst. Ich brauche mich nicht zu zwingen und mir keine wirkliche Leitlinie zu setzen“.[21]

Leonora  posiert neben dem fertigen (und unverstümmelten)  Loplop und legt den  Arm an seinen Schuppenflügel….[22]

Auch sie hat mit ihrer phantastischen Malerei viel zur Verschönerung des Hauses beigetragen. [23]

Zum Beispiel durch die „ wunderschöne weiße Chimäre -halb Pferd, halb Fisch – mit wallender Mähne und ihrem Gesicht“ auf der grünen Holztür zum Garten.“[24] 

2006 hat Leonora Carrington, inzwischen eine in Mexiko gefeierte Künstlerin, in einem Interview das Gleichgewicht in der Beziehung mit Max Ernst hervorgehoben: Die beiden arbeiteten gemeinsam am Haus, er illustrierte ihre Texte und kümmerte sich um ihre Publikation.  Für André Breton und die Surrealisten sei die Frau dagegen auf die Rolle als Schmuckstück und Muse reduziert worden. „Sie legten die Frau nackt und mit einem Lächeln auf einen Diwan und ließen sie dort zurück. Aber Max war anders.“ So sei die Zeit mit ihm in Saint-Martin- d’Ardèche eine der fruchtbarsten ihres Lebens gewesen.[25]  

„Loplop stellt die Windsbaut vor“ steht über Max Ernsts Vorbemerkung zu Eleonora Carringtons im schlimmen Winter 1937 verfasster Novelle „Das Haus der Angst“: Ein Text voller erotischer Glückseligkeit des Vogeloberen, der endlich „seine wahre Windsbraut gefunden hatte, nicht schwach und untertan wie zunehmend Marie-Berthe Aurenche, sondern verführerisch-wild, ihm ebenbürtig und unentbehrlich in der gegenseitigen Beflügelung der Phantasie“.[26]

Und so stellte Max Ernst die Windsbraut vor:

„Sie ist geschnitzt aus ihrem lichten Leben, aus ihrem Geheimnis, aus ihrer Poesie. Sie hat nichts gelesen, doch sie hat alles getrunken. Sie kann nicht lesen. Und doch hat die Nachtigall sie auf dem Stein des Frühlings sitzen und lesen sehen. Und obwohl sie nicht laut las, hörten ihr die Tiere des Waldes und die Pferde zu.“

Foto: Lee Miller 1938

Und über Loplop:

„Seht diesen Mann dort, wie er, bis zu den Knien im Wasser, stolz dasteht. Wilde Liebkosungen haben auf seinem herrlichen, perlmutternen Leib ihre leuchtenden Spuren hinterlassen. Was zum Teufel treibt dieser Mann mit dem türkisfarbenen Blick, mit Lippen, die purpurrot sind von edlen Begierden? Dieser Mann macht die Landschaft heiter“.[27]

Bei dem Mann, „bis zu den Knien im Wasser“, denkt man natürlich an Max Ernst beim Bad in der Ardèche. Denn die beiden Liebenden gingen gerne den steilen Weg durch die Weinberge hinunter zum Fluss. Im Dorf erzählte man sich: „Die Badeslips trugen sie dabei mit Vorliebe auf dem Kopf. Splitternackt gingen sie.“ Jedenfalls bis zum Dorfrand.  Und sie seien fast jeden Abend zu Fonfon gegangen und hätten sich mit Wein oder Marc vollaufen lassen. Ihn nannten sie im Dorf „Le Max“ oder „Monsieur Erneste“, sie war die „Anglaise.“ Einig war man sich: „Ausländer sind Spinner“.[28] Aber offenbar ließ man die exotischen Vögel in Ruhe und hatte manchmal sogar eine heimliche Freude dabei, sie beim Weg zum Fluss zu beobachten….

Lee Miller hat bei ihren Besuchen an der Ardèche das kurze Glück Loplops und der Windsbraut fotografisch festgehalten.[29]

In dieser Zeit entstand auch eines der bedeutendsten Werke Max Ernsts: Un peu de calme.   Etwas Ruhe für sich und die Windsbraut wünschte sich Max Ernst in den damaligen unruhigen, ja bedrohlichen Zeiten.[30]

Das Bild hängt in der National Art Gallery, Washington. Anlässlich einer Max Ernst-Ausstellung 2013 in der Fondation Beyeler, zu der auch Un peu de calme gehörte, wurde das Bild so beschrieben:     Das über drei Meter breite „Panorama einer undurchdringlichen Waldlandschaft spannt Max Ernst vor unseren Augen auf. Schemenhaft sind riesige Vögel, wilde Bestien und andere Tiergestalten zu erkennen.“

„Über der harten, scharfkantigen Waldkulisse steht leicht deformiert der Mond, der die gesamte Landschaft in ein fahles Licht taucht. Eine schildkrötenförmige Wolke scheint links aus dem Bild zu fliehen. Das riesenhafte Gemälde erzeugt eine eigenartige Stimmung; man spürt förmlich eine Katastrophe herannahen. Un peu de calme – Ein wenig Ruhe: Der Titel des Werks verharmlost diese schwelende Anspannung und beschwört gleichzeitig die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm herauf. Es ist das Bild einer Natur, die sich ins Bedrohliche und Unheimliche gewendet hat. Im Rückblick ist die Katastrophe, auf die Max Ernst anspielt, leicht auszumachen: Das Gemälde entstand am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der dem Künstler Internierung, Flucht und Exil bringen sollte. Im Jahr 1939 stellt sich die Welt als undurchdringliches, auswegloses Dickicht dar.“[31]  Am rechten unteren Bildrand hat sich allerdings „ein winziges Vögelchen eingeschmuggelt, umhüllt und beschützt von einer weiblichen Silhouette- Loplop und seine Windsbraut“.[32]

Un peu de calme ist das einzige seiner in Saint-Martin zurückgelassenen Werke, das Max Ernst nach dem Krieg wieder in Besitz nehmen konnte.  Im Salon seines letzten Wohnortes, in Seillans in Südfrankreich, nahm es einen Ehrenplatz ein.

Erste Internierung in Les Milles

Doch die ersehnte Ruhe war nur von kurzer Dauer.  Am 1. September marschierte die Wehrmacht in Polen ein, Großbritannien und Frankreich erklärten Nazi-Deutschland den Krieg. Und dann standen Gendarmes vor der Tür in Saint-Martin, legten Max als „feindlichem Ausländer“ Handschellen an und führten ihn ab. Zunächst in das Gefängnis von Largentière bei Aubenas. Leonora mietete sich in der Nähe ein und versorgte Max mit Malutensilien und Essen. Doch im Oktober 1939 wurde Max Ernst in das große Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence verlegt, eine ehemalige Ziegelei.

Foto: Wolf Jöckel

Lion Feuchtwanger hat die schlimmen Zustände in der Fabrik, die als Lager völlig ungeeignet war, eindrucksvoll in seinem Buch „Teufel in Frankreich“ beschrieben.  Es gibt auch in einem früheren Blog-Beitrag über die deutsche Emigration in Frankreich einen Abschnitt über Les Milles, in dem es auch um Max Ernst geht:

https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

Immerhin wurde Max Ernst am 23. Dezember 1939 wieder aus dem Lager entlassen. Sein Freund Paul Eluard hatte direkt an den Staatspräsidenten geschrieben, um die Freilassung von Max Ernst gebeten und sich persönlich für ihn verbürgt. So konnte Max Ernst nach Saint-Martin- d’Ardèche zurückkehren.

Letztes kurzes Glück

Zurück aus der Lagerhaft malte Max Ernst das Bild  Leonora in the Morning Light, ausdrücklich versehen mit dem Zusatz To Leonora.[33]

Leonora in the Morning Light, 1940 (Bildausschnitt)

Die schöne Leonoras taucht hier mit makellosen Zügen und wilder Löwenmähne aus dem Urwald auf. Titel und Gegenstand veranschaulichen die große Freude des aus dem Dunkel des Lagers befreiten Malers, seine auf ihn sehnsüchtig wartende Geliebte wiederzusehen.

Den beiden ist noch einmal eine kurze Zeit des Glücks in Saint-Martin-d’Ardèche vergönnt. Leonora  schreibt in ihr Tagebuch:

„I’m in my house with Max. For two years I have been desperately and madly in love with Max. I’m still painting but only to keep me from going crazy. Every second…. I want him to live only for and with me. I wish that he had no past…I want him forever. I want to be in the same body as him … I want absolute love….“[34]

Das Ende

Im Mai 1940 beginnt der „Blitzkrieg“ der Wehrmacht gegen Frankreich. Das Land gerät von einem Zustand illusionärer Selbstgewissheit in den einer absoluten Panik. Überall werden Verräter und Spione gewittert. Max Ernst wird denunziert, erneut verhaftet und wieder nach Les Milles gebracht. Leonora ist verzweifelt, bricht psychisch zusammen. Zwei Freunde, auf der Flucht aus Paris vor den vorrückenden deutschen Truppen, kommen nach Saint-Martin und fordern Leonora dringend auf, mit nach Spanien zu kommen. Die Wirtin des ortsansässigen Hotels, die schon lange ihr Auge auf das renovierte Haus und den umliegenden Weinberg geworfen hat, nutzt die Gunst der Stunde: Es sind noch Rechnungen offen, die vor der Abreise beglichen werden müssen. Sie schickt Leonora zu einem willigen Notar. Der werde sich nach ihrer Abreise um alles kümmern. Auf seinen Rat unterschreibt Leonora eine Vollmacht für die Hotelbesitzerin, in ihrem Namen und Auftrag das Haus mit seinem gesamten Inventar, einschließlich der Bilder, zu verkaufen. Schon eine Woche später geht die Transaktion über die Bühne.  Der Kellner und spätere Ehemann der Wirtin erwirbt Grundstück und Haus und vor allem die darin enthaltenen Kunstwerke eines international gehandelten Künstlers für lächerliche 20. 000 Francs. Ob Leonora wenigstens die jemals erhalten hat, ist auch nicht sicher: Skrupellose Kriegsgewinnler -kleine wie große- gab es damals und gibt es heute wieder….

Für Max Ernst und Leonora Carrington beginnen nun dramatische Monate der Flucht – vor den Nazis, dazu für Leonora vor den Nachstellungen der Eltern. Sie treffen sich noch einmal 1941 in Lissabon. Da ist Leonora wieder verheiratet mit einem mexikanischen Diplomaten, den sie noch aus Paris kennt  und der ihr den Weg in ihre neue Wahlheimat Mexiko eröffnet; und Max ist in Begleitung der Kunstsammlerin und Millionärin Peggy Guggenheim, die ihn nach New York begleitet und seine dritte Ehefrau wird.  

Max Ernst kommt nach dem Krieg noch einmal nach Saint-Martin-d’Ardèche zurück. Von den Bildern, die er zurückgelassen hat, ist nichts mehr da, außer Un peu de calme, das offenbar den gierigen Augen der neuen Besitzer entgangen ist: Die Leinwand klebte im Untergeschoss an der Wand, man hielt es für ein Fresko.  Gerne hätte Max Ernst das Haus zurückgekauft, aber das scheitert an zu hohen Preisvorstellungen. Empört und mit wilden Flüchen verlässt er Saint-Martin-d’Ardèche. „C’est un village pourri“, „ein verfaultes Dorf“, habe er damals geschimpft, wie sich Dorfbewohner erinnern. [35] 1957 verkauft das geschäftstüchtige Paar das Anwesen für den Gegenwert eines Deux-Chevaux an einen Industriellen aus Lyon. Die Übernahme des Hauses von Leonora zum Schnäppchen-Preis hat sich für sie ja schon reichlich ausgezahlt. [36] Und auch der neue Besitzer will Kasse machen: Nach und nach werden die noch erhaltenen fragilen, oft aus Fundstücken zusammengesetzten Skulpturen aus dem Zusammenhang gelöst und -auch als Bronzeabgüsse- auf dem Kunstmarkt feilgeboten. Die Skrupelllosigkeit, mit der dabei vorgegangen wurde, ist erschreckend. Es lohnt sich sehr, dazu den Bericht von Silvana Schmid zu lesen: ein beeindruckendes Werk eines investigativen Journalismus. 1991, im Jahr des 100. Geburtstages von Max Ernst, organisiert das Centre Pompidou eine große Retrospektive des Künstlers. Stücke aus Saint-Martin-d’Ardèche sind nicht dabei. Im gleichen Jahr werden im Hotel Président in Genf „trois sculptures originales majeures“ von Max Ernst aus Saint-Martin öffentlich versteigert.

Die Plünderung des wunderbaren, einzigartigen Künstlerhauses in Saint-Martin: Eine Mischung aus Gier, Desinteresse, Banausentum, Wegschauen… Und kein Ruhmesblatt für die französischen Kulturbehörden und den Denkmalschutz….

Die wunderbaren Reliefs an der Südwand immerhin bleiben. Die sind „classé“, stehen also unter Denkmalschutz. Aber auch für sie allein lohnt sich der Weg…

Literatur: 

Julotte Roche, Max et Leonora. Récit d’investigation. Cognac: Le temps qu’il fait 1997

Silvana Schmid, Loplops Geheimnis. Max Ernst und Leonora Carrington in Südfrankreich. Frankfurt/Main: Anabas 2003

Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben. Erinnerungen an meinen Vater Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1991

Karoline Hille, Gefährliche Musen. Frauen um Max Ernst. Berlin 2007

Ulrich Bischof, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben  von Ingo F. Walter. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

Werner Spies (Hrsg), Max Ernst. Leben und Werk. Köln: Dumont 2005

Max Ernst. Skulpturen, Häuser, Landschaften; hrsg. von Werner Spies (Ausstellungskatalog Paris, Musée national d’art moderne/Centre Georges Pompidou, 5.5.-27.7.1998; Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 5.9.- 29.11.1998); Köln: DuMont 1998 (DB

Facebook-Seite von Leonora-Carrington: https://www.facebook.com/leonoracarringtonweisz/photos


Anmerkungen

[1] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 10

[2] Siehe Ulrich Bischoff, Max Ernst 1891-1976. Jenseits der Malerei. Herausgegeben von Ingo F. Walther. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1987

[3] Zur Beschreibung der Figurengruppe siehe: http://www.cdgeissler.com/blog/tag/saint-martin-dardeche/ und Tobias Gohlis, Traumtrümmer aus der Ardèche. Silvana Schmid hat die Geschichte des Hauses rekonstruiert, in dem Max Ernst und Leonora Carrington wohnten. https://www.zeit.de/2003/18/SM-Max_Ernst

[4]  In einer Master-Arbeit des deutsch-französischen Studiengangs der Universitäten  Aix-Marseille und Tübingen über Max Ernst-Erinnerungsorte in Deutschland und Frankreich aus dem Jahr 2019 wird Saint -Martin -d’Ardèche zu den „Lebensorten mit geringerer Erinnerungskultur“ gezählt und es wird berichtet, wie unwirsch die Besitzer des Hauses auf die Studentin reagierten, die lediglich das Haus fotografieren wollte. (S. 63)

[5] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 12

[6] Zit. auf der facebook-Seite von Leonora Carrington, die auch nach ihrem Tod weitergeführt wird:  Leonora Carrington Facebook Page Administrated, Edited & Moderated by JOAQUÍN HERNÁNDEZ HINOJOSA. Text zu:  ‚Leonora in the Morning Light,‘ by Max Ernst. https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

Der selbe Text findet sich als Begleittext zur  Versteigerung von „Leonora in the Morning Light“ bei Sotheby’s: https://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2012/impressionist-modern-art-evening-sale-n08850/lot.48.html  Leonora gibt da ihr Alter zur Zeit der ersten Begegnung mit Max mit 19 an. Allerdings war sie im April 1937 20 Jahre alt geworden.

[7] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 159

[8] Portrait aus der facebook-Seite von Leonora Carrington

[9] Siehe Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben,  S. 193

[10] Wie Anmerkung 6

[11] Wie Anmerkung 6. Ähnlich hat sich Leonora Carrington noch als 88-Jährige in einem Interview aus dem Jahr 2006 geäußert: Su vida con Max Ernst sólo duró dos años, pero ¿fue él su gran amor?
– L.C.: Fue amor a primera vista. Me fui con él y mi compañero, Serge Chermayeff, me llamó puta. Yo le contesté: «Así son las cosas, ¿qué quieres que haga?». Fue maravilloso. No puedo decir que fuera la relación más importante; fue un gran amor y un gran mentor. Pero no creo en superlativos ni en categorizaciones. Sin embargo, Max me mostró otro universo y me llevó por caminos a los que en mi pequeña vida ordinaria de burguesa jamás habría tenido acceso. Lo adoraba como artista y como intelectual.  Facebook-Seite von EC vom 11. August 2017)

[12] siehe  Hille, Gefährliche Musen,  S. 103/104 

[13] Schmid, Loplops Geheimnis,  S. 46

[14] Bilder aus:  https://www.countrylife.co.uk/luxury/art-and-antiques/focus-extraordinary-portrayal-max-ernst-surrealist-pioneer-inspired-dali-lover-fled-paris-191577 Erläuterung zum Bild

https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/164061/bird-superior-portrait-max-ernst

[15] Zu Louise Straus-Ernst siehe den Blog-Beitrag: Von der ‚Notre-Dame-de-Dada‘ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im ‚Zauberkreis Paris‘ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst. https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

[16] Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 193

[17] Zitiert bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 104/105

[18] Auf S. 140  des von Werner Spies herausgegebenen Buches Max Ernst, Leben und Werk ist unkommentiert der entsprechende Tagebucheintrag von Max Ernst übernommen, ohne ihn als solchen zu kennzeichnen.

[19] Wie Anmerkung 6

[20] https://m.facebook.com/222054157824388/photos/a.519787921384342/519789854717482/

[21] Zitiert von Valérie-Anne Sircoulomb in: Journal für Kunstgeschichte 3, 1999, Heft 3 file:///C:/Users/wolfj/Downloads/31921-Artikeltext-96895-1-10-20160706%20(4).pdf

[22] Bild https://www.facebook.com/photo/?fbid=2128819153814536&set=a.222057264490744

(Ausschnitt)

[23] https://twitter.com/studiomuseums/status/955413540113960963/photo/1 und https://en.leonoracarringtonmuseo.org/el-taller-de-leonora

[24]  Text und Bild bei Hille, Gefährliche Musen,  S. 111 und 114

[25] Aus einem Interview mit der 88-jährigen Leonora Carringten aus dem Jahr 2006. Facebook-Seite von LC vom 11. August 2017

[26] Hille, Gefährliche Musen, S. 111 Nachfolgendes Bild  by Lee Miller, 1939 aus:

https://www.facebook.com/photo/?fbid=2147072528655865&set=a.222057264490744 Bild auch bei: https://www.wikiart.org/de/leonora-carrington

[27] Zitiert bei Hille Gefährliche Musen, S. 111 und 114. Vorausgehendes Bild  aus: https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/die-frau-in-hitlers-badewanne-lee-miller-fotografierte-mode-und-krieg-17886281/die-surrealisten-max-ernst-und-17887248.html

[28] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 40

[29] Bild aus: http://i-art-rachel.blogspot.com/2011/06/leonora-carrington.html

[30]  Bild aus: https://mitue.de/?p=936

[31]https://www.fondationbeyeler.ch/fileadmin/user_upload/Ausstellungen/Vergangene_Ausstellungen/Max_Ernst/saalheft_d_ernst.pdf

[32] Hille, Gefährliche Musen, S. 114/115

[33] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=1839777676052020&set=a.222057264490744

[34] Wie  Anmerkung 6

[35] Schmid, Loplops Geheimnis, S. 24

[36] Siehe Roche, Max et Leonora,  S. 165

Das Château de By von Rosa Bonheur: ihre Arche Noah im Wald von Fontainebleau

Die Tiermalerin Rosa Bonheur: Die erfolgreichste Malerin des 19. Jahrhunderts, um deren Bilder sich internationale Sammler rissen; die erste Frau, die zum Offizier der Légion d’honneur erhoben wurde-  „une artiste de génie“, eine geniale Künstlerin, die aber, gewissermaßen von der Avantgarde überholt,  bald in Vergessenheit geriet. [1] War sie künstlerisch an der klassischen Tier- und Landschaftsmalerei orientiert und damit eher traditionell, so war sie umso moderner als eine emanzipierte Frau mit einer unkonventionellen, alle rollenspezifischen Konventionen ihrer Zeit sprengenden Lebensweise. Damit ist sie heute eine Kultfigur des Feminismus. Und auch die Ökologiebewegung hat den Blick auf die engagierte Tiermalerin und Tierschützerin wieder verändert. [2] In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag dieser außerordentlichen Malerin gebührend gefeiert: unter anderem mit einer großen Retrospektive, die bis zum 18. September im Musée des beaux-arts in Bordeaux, der Geburtsstadt Rosa Bonheurs, und vom 18. Oktober 2022 bis zum 15. Januar 2023  im Pariser Musée d’Orsay zu sehen ist. Dazu gibt es auch einen Blog-Beitrag:

Berühmt, vergessen und wiederentdeckt: Die Tiermalerin Rosa Bonheur im musée d’Orsay. https://paris-blog.org/2022/12/15/beruhmt-vergessen-und-wiederentdeckt-die-tiermalerin-rosa-bonheur-im-musee-dorsay/

Der 200. Geburtstag von Rosa Bonheur ist Anlass für einen Besuch des inzwischen auch nach ihr benannten  Château de By am Rand des Waldes von Fontainebleau. Dort hat die  Malerin 40 Jahre lang bis zu ihrem Tod 1899 gelebt und gearbeitet: ein  wunderbarer und von Paris problemlos zu erreichender Erinnerungsort. [2a]

1860 erwarb Rosa Bonheur das Anwesen in Thomery, ein eher bescheidenes Jagdschlösschen aus dem 16./17. Jahrhundert auf einem mehrere Hektar großen Grundstück mit englischem Park, Obst- und Gemüsegarten und Wald. Rosa Bonheur war damals schon eine äußerst bekannte und erfolgreiche Malerin: 1848 hatte sie einen Staatsauftrag für „Labourage nivernais“ erhalten: Ochsen ziehen einen Pflug über den schweren Ackerboden. Das Bild war ein großer Erfolg: Ursprünglich für das Museum in Lyon vorgesehen, beanspruchte es Paris für sich. Heute ist es im Musée d’Orsay ausgestellt. [3]

Ihr größtes und wohl berühmtestes Bild, Le Marché aux chevaux (der Pferdemarkt), war zunächst weniger erfolgreich.

244,5 × 506,7 cm, Metropolitan Museum of Art, New York.

1853 in Paris präsentiert, fand sich zunächst kein Käufer für das Bild, obwohl Delacroix und Vernet es als Meisterwerk erkannten.  Auch ihre Geburtsstadt Bordeaux, der sie es für 12 000 Franc anbot, griff nicht zu. Dafür Ernest Gambart, ein belgischer Sammler, der es ein Jahr später für 40 000 Franc erwarb und mit dem Vertrieb der Werke Bonheurs zum Millionär wurde. Er ließ mehrere kleinere Kopien und jede Menge Grafiken anfertigen und bediente damit eine immer größere Nachfrage. Besondere Resonanz fand  Rosa Bonheur im angelsächsischen Raum. Gambart organisierte für sie eine Tournee durch England und Schottland, wo sie gefeiert wurde.  Le Marché aux chevaux/The Horse Fair war das erste Bild einer noch lebenden Künstlerin/eines noch lebenden Künstlers, das in der National Gallery in London ausgestellt wurde.[4]  Sogar Queen Victoria gab ihr die Ehre und empfing sie. Die geschlechtsspezifische Rollenverteilung im victorianischen England war ihr allerdings zuwider: „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“[5]

In Paris, wo sie bisher ihr Atelier hatte, wurde sie nun von Bewunderern, Neugierigen und Kaufinteressenten belagert und fand nicht mehr die nötige Ruhe für ihre Arbeit. Da sie inzwischen über die nötigen finanziellen Mitteln verfügte, konnte sie das Anwesen in Thomery erwerben. Sie war damit in Frankreich die erste Frau überhaupt, die mit ihrer Hände Arbeit eine Immobilie kaufte.[6]

Im Château de By richtete sich Rosa Bonheur mit ihrer Jugendfreundin und Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter ein. Bei ihnen war sie nach dem frühen Tod der Mutter aufgenommen worden und  aufgewachsen.  Das zur Gemeinde Thomery gehörende kleine Schloss vermittelte ihr „das Gefühl, ein Leben auf dem Land ohne gesellschaftliche Zwänge führen zu können, in einer Umgebung, in der sie sich ungestört ihrer Arbeit widmen“ konnte. Gleichzeitig ermöglichte das kurz zuvor an das französische Eisenbahnnetz angeschlossene Thomery einen schnellen Kontakt mit der Hauptstadt, wo sie eine Malschule betrieb und ihr Atelier in der rue  d’Assas gewissermaßen als pied-à-terre weiterführte.[7]

Vor dem Einzug ließ Bonheur eine grundlegende Renovierung des vorhandenen Gebäudes vornehmen.

Foto: Wolf Jöckel

Dazu gehörte vor allem der Ausbau eines Seitengebäudes zu einem großen Atelier.

Rosa Bonheur: „Ich musste viele Reparaturen in dem Haus durchführen und vieles herrichten lassen. Es wird jetzt zu meinem Atelier.“[8]

Für diese Renovierung und Erweiterung engagierte sie niemanden geringeren als Jules Saulnier, der sie auch beim Kauf beraten hatte. Saulnier war „Chefarchitekt“ der Familie Menier, die damals die weltgrößte Schokoladenfabrik in Noisiel an der Marne betrieb. Für die Meniers baute Saulnier unter anderem eine hydraulische, einen Seitenarm der Marne überspannende Ölmühle. Sie ist – innen nach dem neuesten Stand der Technik ausgestattet und außen reich verziert-  eines der berühmtesten Bauwerke der französischen Industriearchitektur.[9]

Die verspielte Formensprache Saulniers ist am Chateau de By deutlich zu erkennen.

Fotos: Wolf Jöckel

Mittelpunkt des Hauses ist das Atelier der Künstlerin, das von den späteren und heutigen Besitzern des Hauses im ursprünglichen Zustand erhalten wurde und wird. Im Rahmen von Führungen kann man es besichtigen. Dort ist auch das Portrait eines Löwen ausgestellt,  Motiv für die Sonderbriefmarkte zum 200. Geburtstag von Rosa Bonheur.

Rosa Bonheur, Le Cid, 1879. musée du Prado, Madrid
Alle Fotos des Ateliers: Wolf Jöckel

Es sieht aus, als habe Rosa Bonheur es nur für kurze Zeit verlassen; alles ist bereit für sie…

… die Palette mit den Farben…

… der Schreibtisch mit Brille und geschäftlichen Unterlagen….

… vor dem Kamin die Utensilien für die Arbeit in der Natur….

Das Atelier ist „ein einziges Denkmal der Liebe zur Tierwelt.“[10] Tiere sind überall präsent:

An den Wänden….

… auf dem  Fußboden….

… in den Regalen…

Einen Ehrenplatz im Atelier nimmt dieses kapitale Hirschgeweih über dem Kamin ein.

Rosa Bonheur:

„Seit ich mich in By niedergelassen hatte, beschäftigte ich mich mit Leidenschaft für das graziöse Wild des Waldes; die Hirsche und Rehe interessierten mich jetzt unendlich viel mehr als bisher die Rinder“.[11]

Aber es ging dabei nicht nur um die Betrachtung:

„Mit den Sonnenaufgang ging ich los, meinen Farbkasten auf dem Rücken, gefolgt von meinen Hunden; mit dem Gewehr in der Hand war ich bereit, das Wild zu erlegen, das ich antraf. Nathalie war darauf vorbereitet, dass sie mit einem schönen Stück Fleisch rechnen konnte.“

So kann das Hirschgeweih über dem Kamin durchaus eine Jagdtrophäe Rosa Bonheurs sein. Bemerkenswert sind auch hier die in sich verschlungenen Initialien RB, die von aristokratischem Selbstbewusstsein zeugen. Sie sind überall im Schloss zu finden.

Foto: F. Jöckel

Der Stolz auf die eigene Leistung war nur allzu berechtigt. Denn Rosa Bonheur hatte eine sehr schwierige Jugend: Der Vater war ein Landschaftsmaler, der eher schlecht als recht seine Familie von dem Ertrag seiner Arbeit ernähren konnte. Er stand der frühsozialistischen Bewegung der Saint-Simonisten nahe, die die Emanzipation der Frauen förderten, was der jungen Rosa  durchaus zugute kam. Von ihm erlernte sie nicht nur die Technik des Malens, sondern auch die Ehrfurcht vor der Natur. „Ich bin Schülerin meines Vaters und der schönen und grandiosen Natur“.[12] Allerdings verließ der Vater die Familie, um sich einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzuschließen. So musste die Mutter alleine sich und ihre vier Kinder durchbringen. Rosa bewunderte und verehrte ihre Mutter sehr. Ihrer Biographin erzählte sie die Geschichte, wie die Mutter „eine erleuchtende Idee“ hatte, dem bockigen Kind das Alphabet beizubringen: Es solle doch neben dem A einen Esel (âne) zeichnen, neben dem B ein Rind (bœuf), neben dem C eine Katze (chat) und so fort bis zu dem Zebra (zèbre) für das Z.  Die Mutter verstarb noch jung -die kleine Rosa war damals 11 Jahre alt- und in so  großer Armut, dass die Familie nicht die Kosten für ein Grab aufbringen konnte: So wurde die Mutter in einem Massengrab (fosse  commune) verscharrt.

Die  große Verehrung Rosas für ihre Mutter wird auch im Atelier deutlich: Ihr Portrait nimmt neben dem repräsentativen Kamin einen Ehrenplatz  ein.

Als Hommage an die Mutter darf wohl auch der Flügel im Atelier verstanden werden, vielleicht das Instrument der Mutter, die Musiklehrerin gewesen war.

Es ist ein Flügel der Firma Erard, im 19. Jahrhundert eine der großen französischen Piano-Marken. Bei Musikliebhabern sind die alten Erard-Instrumente begehrte Sammlerstücke.

Rosa schwor sich, dank ihres künstlerischen Talents reich zu werden und gewissermaßen die Mutter zu rächen: Das Schloss von By ist Ausdruck dieses Erfolgs – ebenso wie das Selbstportrait auf der anderen Seite des Kamins.

Auch der Name Rosa Bonheur ist der Mutter zu verdanken: Als die am 16. März 1822 geborene Marie Rosalie Bonheur nämlich ihre ersten Bilder verkaufte, riet ihr der Vater, sie mit Raimond zu signieren. Der Name Bonheur sei doch angesichts des desolaten Zustands der Familie ein Hohn. Aber Rosa Bonheur bestand auf ihrem Namen. Sie wolle so erfolgreich werden, dass der Name seine Berechtigung habe und ihr Ruhm auch auf den Namen der Mutter ausstrahle. Und die habe sie in zärtlichen Momenten Rosa genannt: Also Rosa Bonheur.[13]

Ein besonderer Ausdruck der öffentlichen Anerkennung der Künstlerin war ihre Ernennung zum Chevalier der Légion d’honneur durch Kaiserin Eugénie, die Frau Napoleons III. Sie kam im Juni 1865 persönlich nach By, um ihr die Auszeichnung zu überreichen. Sie wolle damit, wie sie bei dieser Gelegenheit sagte, zeigen, „dass das Genie kein Geschlecht“ habe (que le génie n’a pas de sexe“). Und sie sei glücklich, diese Auszeichnung zum ersten Mal an eine Künstlerin verleihen zu können. Rosa Bonheur war damit erst die zweite Frau überhaupt, der diese immerhin schon 1802 geschaffene Auszeichnung zuerkannt wurde. [14]

„Ihre Majestät, die Kaiserin, besucht Mademoiselle Rosa Bonheur in ihrem Atelier in Thomery“

1894, also zur Zeit der Dritten Republik, wurde Rosa Bonheur dann sogar noch -als erste Frau überhaupt- zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.[15] Und 1898 erwies ihr  Königin Isabella von Spanien die Ehre, sie im Château de By zu besuchen.

Tiere gab es in und um das Schloss aber nicht nur als Jagdtrophäen und konservierte Köpfe von Tieren, die Rosa Bonheur ganz besonders lieb waren.  Zu dem Besitz gehörte auch eine Menagerie mit allerlei, auch wilden Tieren Die lebten überall. Hühner, Bären, Enten, Pferde, Ponys, Gazellen bevölkerten Ställe und Gehege. Affen und gezähmte Löwen bewegten sich frei im Haus und in dessen Umgebung, für Rosa Bonheur eine kleine „Arche Noah“ inmitten des großen Anwesens mit Weideflächen und Wald. [16]

Im Park sind noch einige ältere „fabriques“ wie dieser „Pavillon des Muses“[17] erhalten, ebenso wie spätere Bauten aus der Zeit Rosa Bonheurs.

Und es gibt im Park noch ein zweites Atelier, das Rosa Bonheur 1898, kurz vor ihrem Tod bauen ließ, da sie das alte als zu eng und zu dunkel empfand.

Das neue Atelier besaß große Fenster und war auch für große Formate geeignet.

Es sollte als gemeinsames Atelier für sie und Anna Klumpke dienen. Ein Schmuckstein mit den Initialien der beiden Malerinnen ist in die Wand des Ateliers integriert.

Die 34 Jahre jüngere amerikanische Malerin Anna Elizabeth Klumpke war nach Frankreich gekommen, um die von ihr seit ihrer Studienzeit in Paris verehrte Tiermalerin zu portraitieren.

Anna Klumpke und Rosa Bonheur. 1898

Sie blieb bei Bonheur bis zu deren Tod: „le dernier bonheur de Rosa.“[18]  Hier posieren die beiden, und Rosa Bonheur präsentiert stolz die ihr verliehenen Auszeichnungen, darunter übrigens auch den Verdienstorden des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha.[19]

Vorausschauend hatte Rosa Bonheur ihre Freundin, die sie um 43 Jahre überleben sollte, testamentarisch zur Erbin und Nachlassverwalterin bestimmt. Klumpke gründete eine Malschule für Frauen und schrieb die von Rosa Bonheur diktierten Lebenserinnerungen ihrer Gefährtin auf.[20]

Der heutigen Besitzerin des Château de By, Katherine Brault, ist es ein Anliegen, Schloss und Park zu einem lebendigen Erinnerungsort an Rosa Bonheur zu machen.  Dazu gehörte in den letzten Jahren die aufwändige Restaurierung des Schlosses und -rechtzeitig zum Jubiläum- die Eröffnung eines Ausstellungsraums im Dachgeschoss.[21]

Besonders eindrucksvoll sind dort die großformatigen Reproduktionen akribischer anatomischer Pferdestudien, die einem Atlas der Biologie oder Tiermedizin entnommen sein könnten.

Für diese Studien besuchte Rosa Bonheur Schlachthäuser und erhielt dafür sogar -wie vorher Georges Sand- eine offizielle polizeiliche Genehmigung, Männerkleidung tragen zu dürfen.

Eindrucksvoll sind auch die Erinnerungsstücke an die Reise in die USA, wo sie die Welt der Trapper, Indianer und Bisons kennen- und lieben lernte.

Am 25. Mai 1899 verstarb Rosa Bonheur im Château de By, ihrer „Arche Noah“ im Wald von Fontainebleau. Bestattet wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris neben ihrer Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter, mit denen Rosa die ersten Jahre im Schloss von By verbracht hatte..

74. Division
Grabbilder von Wolf Jöckel, aufgenommen am 12.8.2022

Später wurde dort auch Anna Klumpke bestattet. Passend dazu der Grabspruch:

À Rosa Bonheur. L’amitié est une affection divine / Die Freundschaft ist ein Geschenk der Götter

Praktische Informationen

Adresse :
12 Rue Rosa Bonheur, Thomery, 77810, France

Telefon:  +33 09 87 12 35 04

Ein Besuch des Schlosses ist nur im Rahmen von Führungen möglich.

Information über Öffnungszeiten und Reservierung:

https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/informations-et-r%C3%A9servations

Die Führungen sind üblicherweise auf französisch, es werden aber auch Führungen in englischer Sprache angeboten: Nachfragen dazu:

contact@chateau-rosa-bonheur.fr

Es gibt auch einen kleinen, feinen Salon de Thé. Reservierungen dafür werden empfohlen.

Das Schloss erreicht man von Paris (gare de Lyon) mit dem Zug Linie R Richtung Montargis in 50 Minuten. Ausstieg Bahnhof Thomery. Dann gut 15 Minuten Fußweg durch den Wald.


Anmerkungen:

[1]  Fiona Magbaddam, Rosa Bonheur, une artiste de génie tombée dans l’oubli. France culture 16.3.2022

https://www.radiofrance.fr/franceculture/rosa-bonheur-une-artiste-de-genie-tombee-dans-l-oubli-6362270

[2] Patricia Bouchenot-Déchin stellt sie in ihrem Rosa Bonheur-Roman (J’ai l’énergie d‘une lionne dans un corps d’oiseau) als „égerie du féminisme“ vor. Le Monde verweist im Beitrag über die Retrospektive in Bordeaux auf die Vertreter/innen von gender studies und animal studies, die zum Umdenken in Sachen  Rosa Bonheur beigetragen hätten. Siehe:  Emmanuelle Lequeux, À Bordeaux, Rosa Bonheur et son arche de Noé. Au Musée des beaux-arts, une rétrospective témoigne du regain d’intérêt pour la peintre célébrée au XIXe siècle. Le Monde 11. August 2022

[2a] In einer Zusammenstellung der 12 „plus belles maisons d’artistes à visiter en France“, die am 10. August 2022 von Beaux Arts veröffentlicht wurde, ist das Château de By auch vertreten. https://www.beauxarts.com/lifestyle/tour-de-france-des-maisons-dartistes-a-visiter/

[3] Bild aus: https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/labourage-nivernais-68

[4] Alina Christin Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur. Künstlerische Stragegien und kunsthistorische Einordnung im Kontext der Vermittlung. Baden-Baden 2020, S. 2

[5] Siehe: Joëlle Chevé, Rosa au Bonheur des dames  https://www.journalistes-patrimoine.org/wp-content/uploads/2020/07/HISTORIA-MAI-2020.pdf

[6] https://inventaire.iledefrance.fr/dossier/maison-atelier-de-rosa-bonheur/fbf55ec3-3529-43d3-b67d-ccd143115e72

[7] Gerard-Georges Lemaire (Texte) und Jean-Claude Amiel, Künstler und ihre Häuser. München: Knesebeck 2004, S. 86f

Florent Tesnier, Rosa Bonheur, Jules Saulnier et l’achat du domaine de By à Thomery (2017) https://amisderosabonheur.asso.fr/wp-content/uploads/2017/09/Article-2017-Achat-By-H04-1.pdf

[8] Lemaire/Amiel, S. 91

[9] Siehe dazu den Beitrag über die Schokoladenfabrik der Meniers in Noisiel- heute Sitz von Nestle France: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/

[10] Künstler und ihre Häuser, S. 91

[11] Paroles d’artiste, S.30

[12] Zit. in Le Monde a.a.O. 11.8.22

[13] Rosa Bonheur. Paroles d’artiste. 2020, S. 6

[14] https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-famille-imperiale-et-rosa-bonheur/

[15]  https://www.legiondhonneur.fr/fr/decores/rosa-bonheur/133#:~:text=En%201894%2C%20sous%20la%20III,promue%20au%20grade%20d’officier

In Veröffentlichungen zu Rosa Bonheur gibt es zu diesen Auszeichnungen einige Ungereimtheiten.  In einer ansonsten schönen Würdigung Rosa Bonheurs durch die NZZ wird z.B. mitgeteilt, sie habe 1894 (!) von Kaiserin Eugénie das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Eine Kaiserin Eugénie gab es allerdings schon seit 1871 nicht mehr… https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891 An anderer Stelle wird Eugénie als Königin bezeichnet (Meiwes, Die Tiermalerin Rosa Bonheur, S. 2) oder es wird als Datum der Ernennung zum Offizier der Ehrenlegion das Jahr 1890 angegeben….  

[16] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[17] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/fonds-de-dotation

[18] https://www.liberation.fr/arts/2020/07/24/anna-klumpke-le-dernier-bonheur-de-rosa_1795151/ Diesem Artikel ist auch das vorstehende Bild entnommen.

[19] https://www.legiondhonneur.fr/en/actualites/le-musee-celebre-rosa-bonheur/1912/2 

[20] https://www.nzz.ch/feuilleton/sie-ebnete-den-weg-fuer-das-dritte-geschlecht-rosa-bonheur-ld.1670891

[21] Bild aus: https://www.chateau-rosa-bonheur.fr/bicentenaire

Mit Odysseus im Labyrinth: Die Jahresausstellung 2022 der Stiftung Carmignac auf Porquerolles

Nach den beiden Ausstellungs – highlights 2019 und 2021, die schon Gegenstand dieses Blogs waren[1], präsentiert die Fondation Carmignac in diesem Jahr Le songe d’Ulysse  (Der Traum des Odysseus): Auch diesmal wieder eine grandiose Ausstellung, vielleicht sogar die eindrucksvollste dank der Einheit von Thema, Ort, Objekten und Form ihrer Präsentation .

Diesmal geht es um Odysseus, den Helden des Homer’schen Epos, der 10 Jahre vor Troja kämpfte und dann 10 Jahre auf dem Meer herumirrte, bis er schließlich wieder in seine Heimat Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos zurückfand.

Porquerolles ist ein idealer Ort für eine solche Ausstellung: Das Licht, das Meer, die Bäume und die Grotten sind noch immer so wie zur Zeit des Homer. Und es geht die Sage, dass Odysseus auf seinen  Irrfahrten auch auf Porquerolles gewesen sei und die Insel  von dem Riesen Alycastre befreit habe. Der sei von Poseidon, dem Feind des Odysseus, geschickt worden.

Eine von Miquel Barceló geschaffene Skulptur des Ungeheuers empfängt den Besucher am Eingang der Villa  Carmignac.

Eintauchen in die Welt des Wassers

Wie schon bei der Jahresausstellung 2021 zum Thema La mer imaginaire ist das Wasser das vorherrschende Element der Ausstellung.  Denn auf dem Wasser irrte Odysseus umher und durchstreifte das Mittelmeer von Troia über die griechischen Inseln bis -vielleicht- Nordafrika, Italien und eben Porquerolles….  Wenn man wie üblich am Empfang der Villa seine Schuhe ausgezogen hat, geht man die Treppe hinunter und taucht auch schon ein in die faszinierende Welt des Wassers.[2]

Illustriert wird das Eintauchen durch eine Wandtapete, angefertigt nach dem Grabstein des Tauchers (480-470 v. Chr.) im Nationalmuseum von Paestum. Zur Unterwasserwelt der Ausstellung gehören auch zwei große Kunstwerke, die in der Villa  Carmignac  ihren festen Platz haben:

Da ist zunächst Bruce Naumanns One Hundred Fish Fountain (2005). Der Brunnen besteht aus 97 Bronze- Fischen. Es sind sieben verschiedene Arten vertreten, die Naumann in seiner Jugend selbst gefischt hat. Der Brunnen nimmt einen ganzen abgeschlossenen Raum ein: Ein wunderbares Erlebnis, wenn sich das Wasser aus den unzähligen kleinen Fischfontänen ins große Wasserbecken ergießt. Man kann sich auf eine der Bänke am Rand setzen oder einfach auf den Boden und zu- und in-sich hineinhören.

Das andere ist das große Unterwasser-Panorama von Miquel Barceló.

Der schrieb dazu:

Ich habe das große Bild so konzipiert, dass man sich wie in einem Aquarium voll mit diesen schrecklichen Tieren fühlt, diesen Riesen-Kraken und -Calamaren… Ich wollte das Gefühl vermitteln, von der Malerei umgeben zu sein – wie bei den Seerosenbildern von Monet, wie in einer Kapelle, aber mit einem bedrohlichen, ungeheuerlichen Aspekt.“[3]

Schiffbruch, Tod und Leben

Von dem Fische-Brunnen und den Riesen-Kraken und -Kalamaren ist es nicht weit zum zentralen Raum des Gebäudes mit einer -auch diesmal wieder-  spektakulären Installation, in der es -wie auch schon bei der Jahresausstellung von 2021- um Leben und Tod geht. Damals war es das riesige Skelett eines Wals, das aber Grundlage für neues Leben ist.

Diesmal ist es eine aus zerbrochenen Masten und heruntergerissenen Segeln zusammengesetzte Metapher eines Schiffbruchs – passend zu Odysseus, der „auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet“, wie es gleich am Anfang des Epos heißt.

Zu diese vielen Leiden gehörte auch der Schiffbruch: Nach dem Sieg über Troja gerät Odysseus in einen Sturm, und die Nymphe Kalypso nimmt den Schiffbrüchigen bei sich auf, verliebt sich in ihn und hält ihn sieben Jahre fest. Doch als sie ihn endlich auf Wunsch der Götter ziehen lässt, beginnt die Irrfahrt erst wirklich. Denn der Meeresgott Poseidon sinnt auf Rache für die Blendung seines Sohnes Polyphem, des einäugigen Riesen, der Odysseus und seine Gefährten in einer Höhle gefangen gehalten hatte und dabei war, alle zu verzehren…  Rache bedeutete für den Gott des Meeres, die Heimkehr des Odysseus nach Ithaka zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Menelaos  zu verhindern, also auch Schiffbruch…

Die Installation ist eine für diese Ausstellung konzipierte Koproduktion von Jorge Peris und der Fondation Carmignac:  heroes boca a bajo. Es ist ein Moment der Stille, das Schiff geht unter, die Segel fallen in sich zusammen, Rettung ist nicht mehr möglich. Das Gesicht der Helden blickt nach unten, in den Tod.  Aber der wird nicht siegen: Dafür sorgen die Sonne und die Wolken, die durch die Decke, ein Wasserbecken, ständig sich verändernde Spiegelungen auf den hellen Segeln bilden. Ein grandioses Schauspiel von flimmerndem Licht und Schatten. Sogar aus der Unterwelt, konfrontiert mit dem Tod, kehrt Odysseus unversehrt, ja gestärkt wieder ans Licht. Auch wenn er seine Gefährten auf seinen Irrfahrten verliert, er findet schließlich auch wieder den Weg zu Frau und Kind nach Ithaka.

Faszinierend ist es auch, wenn man -bei unserem Besuch stand gerade eine Tür offen- das Wasserschauspiel von oben beobachten kann.

Die Ausstellung als Labyrinth

Francesco Stocchi, der Kurator der Ausstellung, hatte die Idee, die Ausstellungsräume in ein Labyrinth zu verwandeln. Um den zentralen Raum herum ist eine Folge von engen Kabinetten mit Spiegelungen und Scheintreppen eingerichtet. Das ist äußerst raffiniert gemacht:  Nach dem Ausstellungsbesuch hatten wir uns am Ausgang mit Freunden verabredet und tauschten kurz unsere ersten Eindrücke aus. Und da stellten wir gemeinsam fest, dass allen das eine oder andere -für den einen oder die andere besonders Wichtige- entgangen war.  Also eine neue Runde im Labyrinth….

Durch die Wahl des Labyrinths als Leitidee der Ausstellungsarchitektur wird der Besucher ein wenig in die Situation des Odysseus versetzt. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, keinen Pfeil, der zum Ausgang weist. So muss jeder sich auf seine eigene Suche begeben, seinen eigenen Weg finden.

Das Labyrinth strukturiert aber nicht nur die Szenographie, sondern es ist auch direkt Gegenstand der Ausstellung.

Dieser geknüpfte Teppich von Marinus Boezem (Collection du Mobilier National, Paris), nimmt das Motiv des Labyrinths der Kathedrale von Chartres auf.[4] In ihm kann man sich nicht verlieren- es gibt nur einen Weg, den man nicht verfehlen kann, und der führt zu Gott.  Aber -wie es im Begleittext heißt: Es ist auch ein Weg der Meditation, der den Besucher „zu sich selbst führt“. Nur konsequent also, dass dieser Teppich im Eingangsbereich der Ausstellung angebracht ist, bevor der Besucher in das nachfolgende „Labyrinth“ eintritt… 

Aber daneben gibt es auch noch den Leinen-Stoff aus der peruanischen Nazca-Kultur, entstanden zwischen 80 vor Chr. und 50 nach Chr. Das Motiv erinnert auch an ein Labyrinth, aber in seiner Mitte lauert der Tod, eine Spinne.

Dies ist ein kleiner Ausschnitt einer Boje von Mark Bradford (The loop of deep waters 1, 2014). Die Oberfläche ist mit bemaltem Pappmaché und Reisverschlüssen neu gestaltet: Jahrhunderte-alte chinesische Wasserwege, die für Handel,  Austausch, Kolonisation und Eroberung genutzt wurden – so wie auch die Wasserstraßen im Mittelmeer, auf denen Odysseus bei seinen Irrfahrten unterwegs war.

Keith Haring (Untitled 1982) hat unter vielfältigen Einflüssen wie der steinzeitlichen Wandmalerei (la peinture rupestre) und den indianischen Kulturen Amerikas eine eigene „Iconographie sous forme de labyrinthe narratif“ entwickelt. Dazu gehören das christliche Kreuz als Ausdruck seiner Skepsis gegenüber den Religionen und die ägyptischen Hieroglyphen.

Penelope, die sehnsüchtig Wartende, Hoffende, Ärgerliche…

Gewissermaßen der Bezugsrahmen der 20 Jahre Krieg und Irrfahrten des Odysseus war seine Frau Penelope. Und mit zwei Arbeiten von Martial Raysse zu Penelope beginnt und endet auch die Ausstellung.

Martial Raysse, Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966  (Fondation Carmignac)

Penelope wartet 20 Jahre lang treu auf ihren Gatten und glaubt fest an seine Rückkehr. Drei Jahre lang erwehrt sie sich ihrer aufdringlichen Freier. Sie gibt vor, erst ein  Totentuch für ihren Schwiegervater Laërtes weben zu müssen, bevor sei eine neue Ehe eingehen kann. Aber nachts trennt sie immer auf, was sie tagsüber gewebt hat. Die aus beweglichen Bruchstücken zusammengesetzte Arbeit von Martial Raysse bezieht sich auf diesen Prozess des Machens und des Rückgängig-Machens (faire et défaire).  

Man Ray, Objet indestructible (1965) 

Dieses Werk ist zusammengesetzt aus einem Metronom und dem darauf befestigten Bild eines Auges.  Man Ray setzte es ein, wenn er malte. Es war sein akustischer und rhythmische Begleiter und Beobachter. In seiner ursprünglichen Version hieß es Object à détruire. 1957 wurde das Objekt gestohlen und schließlich von Man Ray durch ein neues, reproduzierbares -und damit unzerstörbares- ersetzt. Das Metronom gibt zwar ein bestimmtes Tempo vor, aber das kann/muss man selbst wählen – und die Dauer ist unbegrenzt…

Man Rays unzerstörbares Objekt verweist auf die Dimension der Zeit: 10 Jahre kämpft Odysseus in Troja, 10 Jahre dauert seine Irrfahrt, bis er endlich zu sich und nach Hause gefunden hat: sehr lange also, gerade auch bezogen auf die damalige kürzere Lebenserwartung. Vielleicht darf man das als Botschaft an die Besucher verstehen, sich auf ihrem eigenen Weg Zeit zu nehmen und zu geben…

Tony Matelli, Weed  (2017) Dauerinstallation

Die äußersten Widrigkeiten zum Trotz sich behauptende Pflanze Tony Matellis und das nachfolgend abgebildete Bild von Roy Lichtenstein verstehe ich als Ausdruck von Hoffnung und Sehnsucht, die die Beziehung von Penelope zu ihrem verschollenen Mann geprägt hat.

Dieses Bild von Martial Raysse aus dem Jahr 1962 hat keinen Titel. Aber im Zusammenhang dieser Ausstellung bezieht es sich auf Penelope, es dient auch als Motiv für Katalog-Cover und Ausstellungspräsentation. Der nachdenkliche fragende Blick der jungen Frau passt gut zu Penelope. Oftmals wurde sie in ihren Hoffnungen enttäuscht, sie zieht sich zurück und träumt von ihrem abwesenden Gatten. Im Traum lebt sie die Sehnsucht nach Odysseus aus und hält sein Bild wach, wie es war, als er in den Troianischen Krieg aufbrach- und dabei wird sie selbst noch schöner und begehrenswerter.[5]

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein weiteres Patchwork Bild von Martial Raysse, bei dem der Bezug zu Odysseus und Penelope ganz explizit ist:  Ulysses, why do you come so late poor fool? – eine immerhin doch etwas befremdliche Begrüßung des endlich zurückgekehrten und herbeigesehnten Gatten.

Aber sie passt doch auch zu dem kühl distanzierten, nahezu abweisenden Verhalten Penelopes im Epos: Immerhin kehrt Odysseus -von Athene perfekt als Bettler getarnt-  gealtert, mit Glatze und Runzeln zurück, und Penelope will und muss ganz sicher sein, dass sie es auch wirklich mit ihrem Mann zu tun hat. Und schließlich war Odysseus ja 20 Jahre verschollen und hatte sich/bzw. wurde 10 Jahre auf dem Meer herumgetrieben, und die eheliche Treue, die Penelope auszeichnete, galt dabei für ihn eher nicht ….  Da darf sie den armen Teufel durchaus fragen, warum er denn erst so spät kommt…

Wind und Wellen, die Sonne und die Sterne…

Winde und Wellen begleiten Odysseus auf seinen Irrfahrten, und heftige Stürme bringen ihn vom Weg in die Heimat ab und machen ihn zum Schiffbrüchigen.[6] In der Ausstellung wird auf sehr originelle Weise die Macht des Windes den Besuchern erfahrbar gemacht: Da ist ein Instrument in die Wand eingebaut, dem Anschein nach ein altes defektes Gebläse, das ab und zu und für einige Minuten einen starken Windstoß erzeugt, der die davor stehenden Besucher erfasst.

Micol Assaël, Senza Titolo (Dielettrico) 2002

Wie müssen da erst die Winde des zürnenden Meeresgottes Poseidon und die von Odysseus‘ Gefährten mutwillig freigelassenen fürchterlichen Stürme von Aiolos, dem Gott der Winde, gewesen sein. Das Werk soll uns aber auch die Gefahren unserer Umwelt bewusst machen, wie es in der  beigefügten Erläuterung heißt: Der historisch/literarische Bezug und die aktuelle Erfahrungsdimension sind in der Konzeption der Ausstellung immer präsent.

Eine außergewöhnliche Idee, die Macht der Winde anschaulich zu machen, ist hier zu sehen: Allessandro Piangiamore hat aus Erde, die er an verschiedenen Orten von Porquerolles gesammelt hat, kleine Formen hergestellt. Die hat er dann an exponierten Stellen der Insel wie dem Leuchtturm an der Spitze oder den Forts im Westen und Osten den winterlichen Winden der Insel ausgesetzt. So wurden sie von ihnen geformt, es sind Skulpturen der Winde. Und die  Farben -von ocker bis violett- stammen ebenfalls von verschiedenen Orten der Insel. (Alessandro Piangiamore, tutto il vento che c’é, 1021/22 und Il cacciatore  di polvere, 2022)  Eine Gemeinschaftsproduktion des Künstlers und der Stiftung Carmignac).

Hier ein spätes Werk von Roy Lichtenstein, eines Lieblingsmalers der Stiftung: Fishing Village, 1987. Eine farbige wilde, den geradezu explosiven Kräften der Natur ausgesetzte Landschaft.

Willem de Kooning, Untitled XLIII (1983)

Das Icarus-Thema, das in diesem Werk von Adger Covans thematisiert ist (Icarus 1970), verweist nicht nur auf die Macht der Elemente, sondern auch auf menschliche Grenzen. Die berücksichtigt Odysseus bei seinen Irrfahrten: So lässt er sich von seinen Gefährten am Mast seines Schiffes festbinden, um nicht dem Gesang der Sirenen zu erliegen…

Hier zwei Ausschnitte eines wunderbaren Sternenhimmels, den Miguel Rothschild aus kleinen Stecknadeln kreiert hat. Ich musste dabei unwillkürlich an den „bestirnten Himmel über uns“ denken, der Kants Gemüt „mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte. Und für diese Bewunderung gibt es auch seit der Zeit Kants immer neuen Anlass. Es geht aber um mehr: Rothschild hat seine Arbeit mit einem berühmten Shakespeare-Zitat aus dem Drama „Julius Caesar“ überschrieben: The fault is not in our stars, but in ourselves that we are underlings.  Brutus möchte Cassius von der Notwendigkeit überzeugen, Caesar umzubringen, um die Republik zu retten. Da kommt dann Kants „moralische Gesetz in uns“ ins Spiel. Es geht hier also auch um die Grundlagen und Antriebe menschlichen Handelns und um Handlungsspielräume. Im Epos von Homer sind es wesentlich die Götter, die über das Schicksal des Odysseus entscheiden: Athena, Poseidon, letztendlich sogar das Götterkollegium auf dem Olymp mit Zeus als oberstem Richter. Aber selbst in diesem von der Götterwelt bestimmten Kosmos hat Odysseus Raum für eigenständiges Handeln…  

Verführerische, bedrohliche Frauen und andere Gefahren der Reise

Odysseus muss während seiner Reise äußerste Gefahren bestehen, wobei ihm die Götter helfen, aber auch seine Vorsicht, Tapferkeit und List. Da gibt es zunächst die beiden der Götterwelt zuzurechnenden Frauen, die sich in ihn verlieben und ihn bei sich behalten wollen.

Carol Rama, Dorina (1944)

7 Jahre lang wird er von der „schönlockigen Kalypso“ aufgehalten, die sich in ihn verliebt und nicht mehr gehen lassen will. Da muss erst Zeus ein Machtwort sprechen und der Meernymphe befehlen, ihren geliebten Gefangenen freizugeben.

Und dann ist es die Zauberin Circe, auf deren Insel es Odysseus und seine Männer verschlägt. Sie verwandelt die von Odysseus zur Erkundung vorausgeschickten Männer in Schweine. Der Götterbote Hermes versorgt den Helden aber mit einem Kraut, das das Gift der Circe unwirksam macht. Mit dem Schwert in der Hand erreicht Odysseus, dass Circe seine Gefährten wieder zurückverwandelt und  Circe verliebt sich in Odysseus: Zwei Frauen also mit großer Machtfülle, die eine sexuelle Beziehung zu dem Helden eingehen und sein Heimkommen gefährden… [7]   

John Baldessari, Raised Eyebrows/Furrowed Foreheads (Part three) Knife (with hands) 2009

Ein Jahr lang lässt es sich Odysseus bei Circe gut gehen, dann setzt er endlich auf Drängen seiner Gefährten seine Heimreise fort.

Und dann gibt es ja noch die verführerisch singenden und Tod bringenden Sirenen und das männermordende Monster Skylla mit dem Oberkörper einer jungen Frau….

Louise Bourgeois, femme couteau (Die Messerfrau), 2002[8]

In den für die Ausstellung ausgewählten Werken klingen diese Episoden an.  Da gibt es -anders als in der Ausstellung von 2019- keine makellose, jungfräuliche Botticelli’sche Venus, die der Muschel entsteigt … selbst Niki de Saint  Phalles Venus von Milo ist blutverschmiert:  Die „ambiguïté du désir“ ist, wie der Katalog bestätigt, ein zentrales Thema der Ausstellung…

Noch viele andere Gefahren bedrohen Odysseus. Am berühmtesten ist da wohl der einäugige Riese Polyphem, der Odysseus in seiner Höhle gefangen hält und viele seiner Gefährten verzehrt. Aber der listige Held ersinnt einen Ausweg, den Oliver Laric gestaltet hat.  (Ram With Human, 2021).

Die Gefahr und die Angst um sich und seine Gefährten sind ständige Begleiter des Odysseus auf seinen Irrfahrten. Mit dem Thema Angst beschäftigt sich auch das Bild von Rashid Johnson Anxious Red Painting August 19th.  Es ist entstanden 2020 während der ersten Coronavirus-Welle. Die Wiederholung und Intensität dieser roten Figuren verkörperten, so der Begleittext, „ein tiefes Gefühl physischer und psychischer Isolation“ und könnten so eine allgemeinere und zeitlosere Angst symbolisieren.

In diesem Bild klingt aber auch der Lebens- oder Schicksalsfaden an, der gerade in der antiken Mythologie und bei Homer eine zentrale Rolle spielt. In Friedrich Schillers Nachdichtung der „Turandot“ Carlo Gozzis ist das so formuliert:

Es führt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnißvollen Pfaden,
Doch über ihm wacht eine Götterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.[9]

Das passt auch zu Odysseus. Bei Rashid Johnson allerdings mag man an eine wunderbare Entwirrung des Lebensfadens nicht so recht glauben.

 Und wie ist es bei den Bootsflüchtlingen?

Deren Schicksal und Odyseen hat William Kentridge 2017 eindrucksvoll thematisiert.

 Refugees (You Will find no Other Seas)

Vergangenheit und Gegenwart, das bestätigen diese Arbeiten noch einmal eindringlich, sind in der Jahresausstellung der Villa Carmignac immer präsent. Der Weg durch das Labyrinth des Odysseus  führt durch die antike Mythologie, aber er lädt auch dazu ein, sich auf eine ganz persönliche und ganz aktuelle Odyssee zu begeben.

Praktische Hinweise:

Dauer der Ausstellung bis 16. Oktober 2022

Die Ausstellung ist geöffnet von Dienstag bis Sonntag (montags geschlossen) von 10-18 Uhr. Letzer Kartenverkauf um 16 Uhr. Es werden auch Nocturnes angeboten, die aber nur für Besucher infrage kommen, die auf Porquerolles übernachten.

Es ist äußerst empfehlenswert, Eintrittskarten (Tag und Zeit) zu reservieren unter https://billetterie.villa-carmignac.com/

Zwischen der Presqu‘île de Giens/Tour Fondue und Porquerolles gibt es regelmäßige Fährverbindungen. Auch hier ist eine Reservierung von Tag und Uhrzeit der Hinfahrt dringend zu empfehlen unter https://www.resa-tlv.com/resinternet  Die Uhrzeit der mitgebuchten Rückfahrt ist nicht festgelegt.

Am Tour Fondue stehen hinreichend bezahlte Parkplätze zu Verfügung.  

Von der Anlegestelle zur Villa Carmignac sind es ca 30 Minuten Fußweg. Im Tourismus-Büro am Hafen liegt ein Plan des Ortes aus.

Literatur:

Le Songe d’Ulysse. Katalog der Ausstellung Villa Carmignac Porquerolles. Éditions Dilecta, Paris, 2022

Éditions Beaux Arts. La Fondation Carmignac. Île de Porquerolles.  Paris, 2019

Homer, Odysseus. In der Übersetzung von Wolfgang Schadewald. Rororo Taschenbuch 2008


Anmerkungen:

[1] https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/ und https://paris-blog.org/2021/08/01/la-mer-imaginaire-die-jahresausstellung-2021-in-der-villa-carmignac-auf-porquerolles/

[2] Die nachfolgend präsentierten Fotos wurden von Wolf und Frauke Jöckel während des Ausstellungsbesuchs aufgenommen. Es handelt sich dabei meist um Ausschnitte. Die vollständigen Exponate sind in dem hervorragenden Katalog zu sehen.

[3] Beaux Arts, La Fondation Carmignac

[4] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/08/das-labyrinth-von-chartres/

[5] Anton Bierl, Die Wiedererkennung von Odysseus und seiner treuen Gattin Penelope. Uni Basel 2018

[6] Es sind nicht nur die Winde des Poseidon, sondern auch die des Aiolos, des Gottes der Winde.  Der hatte Odysseus freundlich aufgenommen und ihm zum Abschied einen Schlauch geschenkt, in dem alle ungünstigen Winde  gefangen waren. Um sicher nach Hause zu kommen, durfte Odysseus diesen Schlauch auf keinen Fall öffnen. So segelten sie mit gutem Wind zehn Tage lang und konnten bereits die Küsten Ithakas, ihrer Heimat, in der Ferne erkennen. Doch da übermannte Odysseus, der bisher kein Auge geschlossen hatte, der Schlaf. Seine Gefährten hatten schon lange darüber gerätselt, was sich wohl in dem prall gefüllten Schlauch verbarg – vielleicht Schätze, die Odysseus aus Troia mitbrachte? Sie beschlossen, die Gelegenheit zu benutzen und den Schlauch zu öffnen. Kaum war dies geschehen, brachen alle Winde in fürchterlichem Sturm hervor und trieben das Schiff geradewegs von Ithaka weg.  http://www.latein.ch/goetter/odysseus/index.php?file=odysseus&item=3&sort=

[7] https://www.researchgate.net/publication/354650824_Der_Heros_und_die_starken_Frauen

[8] In der beigefügten Erläuterung wird allerdings der bedrohliche Eindruck des Werkes relativiert. Louise Bourgeois habe hier die familiäre Erfahrung der Restaurierung von Teppichen verarbeitet.

[9] https://www.friedrich-schiller-archiv.de/uebersetzungen/turandot-prinzessin-von-china-von-gozzi/vierter-aufzug-fuenfter-auftritt

Zeichnungen der Razzia des Vel d’Hiv von Cabu : Eine Ausstellung im Mémorial de la Shoah in Paris

Von dem, was am 16./17. Juli 1942 in Paris geschah, gibt es -mit Ausnahme eines erst 1990 von Serge Klarsfeld entdeckten Fotos- keine Bilder, nur Augenzeugenberichte. [1] Sowohl den deutschen Initiatoren als auch den französischen Exekutoren dieser größten Verhaftungsaktion von Juden in Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs war daran gelegen, das Geschehen möglichst wenig publik zu machen. Umso bedeutsamer sind gerade deshalb die 16 Illustrationen, die der Zeichner Jean Cabut 1967 anfertigte. Jean Cabut,  eher bekannt als Karikaturist unter dem Pseudonym Cabu, war eines der 12 Opfer des islamistischen Anschlags auf die Zeitschrift Charlie Hebdo, deren Mitarbeiter er war:  So wurde er, dem es so eindrucksvoll mit seinen Zeichnungen gelang, die Barbarei anschaulich zu machen, schließlich selbst Opfer der Barbarei…  

Anlass der Zeichnungen war 1967 die Veröffentlichung des Buches von Claude Lévy und Paul Tillard „La grande rafle du Vel d’Hiv“. Beide Autoren hatten sich im kommunistischen Widerstand engagiert: Lévys Eltern wurden 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet, Tillard war Häftling im Konzentrationslager Mauthausen. Dort entging er dem fast sicheren Tod ebenso knapp wie Lévy der Deportation. [2]  Lévy und Tillard, beide keine Historiker, waren mutig genug, das damals eher in Vergessenheit geratene bzw. verdrängte Geschehen von 1942 einem breiten Publikum bekannt zu machen. Da die meisten Archive noch nicht zugänglich waren, stützten sie sich vor allem auf Berichte von Zeitzeugen.

Das Buch schlug damals nach den Worten Claude Lévys wie eine Bombe ein, weil hier zum ersten Mal in großer Breite und Eindringlichkeit die Mitverantwortung der Regierung von Vichy und die Beteiligung der französischen Polizei an der großen Razzia dargestellt wurden. Auch die spektakuläre rote Banderole (Die Bartholomäusnacht der Juden von Paris) und das Vorwort des berühmten Reporters Joseph Kessel trugen zur öffentlichen Wahrnehmung des Buches bei.  De Gaulle sprach nach der Lektüre von einer „bouleversant témoignage“ und er bezeichnete die Razzia des Wintervelodroms als „une des pages les plus sinistres de l’histoire, de l’occupation et de la ‚collaboration‘“. [3]

Die Rechte, Teile des Buches vorab zu veröffentlichen, hatte sich die Wochenzeitschrift Le Nouveau Candide gesichert. Die stand politisch rechts, unterstützte General  de Gaulle und engagierte sich gegen „die Gefahren  der Homosexualität“ oder gegen „die Invasion der Schamlosigkeit“ (so in einem Aufmacher über den Minirock), verbunden allerdings mit -für  damalige Zeiten- durchaus  offenherzigen Titelbildern. Die Redaktion erkannte das publizistische Potential des Textes von Lévy und Tillard und veröffentlichte Auszüge des Buches in mehreren Folgen.

Hier das Titelblatt der ersten Folge vom 24. April 1967 mit einem Foto des 9-jährigen Alain Cohen, dem Helden des damals gerade anlaufenden Films Le Vieil Homme et l’Enfant – der Geschichte eines jüdischen Kindes, das während der Occupation auf dem Land versteckt und so gerettet wurde. Der Text kündigt einen Bericht an, der den Franzosen 25 Jahre lang vorenthalten worden sei – auch dies eine publikumswirksame, aber doch auch etwas problematische Feststellung: Einen Bericht, der der Öffentlichkeit hätte vorenthalten werden können, gab es damals ja nicht….

„Die Juden von Paris in der Falle“.

Das reißerische Bild mit Hakenkreuz und Schäferhund entsprach zwar sicherlich den Erwartungen der Leserschaft, aber nicht der Realität und auch nicht dem Text von Lévy und Tillard. Denn bei der großen Razzia waren keine Deutschen (mit oder ohne Hakenkreuzbinde) beteiligt und auch keine Schäferhunde…. Aber selbstverständlich waren es die deutschen „Endlösungs“- Fanatiker, die die Razzia „bestellten“ und für die nachfolgenden Deportationen und Morde verantwortlich sind. Das antisemitische Collaborations-Regime von Vichy hätte sich wohl von sich aus mit einer Ausweisung von ausländischen Juden und einer Ausgrenzung französischer Juden „begnügt“, ließ sich aber bereitwillig als Helfershelfer der deutschen Besatzungsmacht instrumentalisieren. [4] 

Cabu war seit 1964 regelmäßiger Mitarbeiter des Nouvel Candide – auch wenn er dessen Konzeption kaum teilte. Aber, wie seine zweite Frau Véronique Cabu feststellte: Er hatte eine Familie, „il fallait bien faire bouillir la marmite“.[5]

Cabu setzte sein ganzes außerordentliches Talent ein, um das Geschehen vom Juli 1942 anschaulich zu machen: Seine Illustrationen orientieren sich aufs Genaueste an den Szenen, die von Lévy und Tillard geschildert wurden. Und sie sind zentriert auf die Opfer, ihren Schmerz, ihre Angst, aber auch ihre Würde gegenüber der Unerbittlichkeit des Staats- und Vernichtungsapparats.

Nachfolgend werden einige der Zeichnungen Cabus präsentiert. Sie sind aufgenommen im Mémorial  de la Shoah. Allerdings handelt es sich nicht um Fotos der in Vitrinen ausgestellten Originale. Es wurde ausdrücklich darum gebeten, sie nicht zu fotografieren, was ich natürlich respektiert habe. Es handelt sich also um Fotos von an den Wänden des Ausstellungsraums präsentierten vergrößerten und mit Erläuterungen versehenen Kopien. Die jeweiligen Titel der Fotos sind dem Ausstellungskatalog entnommen, die Erläuterungen orientieren sich an den Erläuterungen Laurent Jolys in dem hervorragenden Katalog.

Aux portes des victimes/An den Türen der Opfer

Diese in der ersten Folge der Serie im Nouveau Candide vom 24. April 1967 veröffentlichte Zeichnung zeigt eine Szene vom Beginn der Razzia: Seit dem frühen Morgen des 16. Juli 1942 werden die zur Deportation bestimmten Juden aus ihren Betten geholt. Manchmal kehren die Verhaftungsteams unverrichteter Dinge wieder um, manchmal wird ein Schlosser geholt, um die Türen zu öffnen, manchmal werden sie auch eingetreten. Zahlreiche von der Verhaftung bedrohte Menschen waren vorgewarnt und nicht zu Hause, anderen gelingt in letzter Minute die Flucht wie dieser Familie, die sich mit dem kleinen Mädchen an der Hand des Vaters und dem Säugling in den Armen der Mutter auf das Dach retten konnte. Sie sind nun „Illegale“, werden gesucht wie Verbrecher, müssen sich verstecken. Viele von ihnen werden in den folgenden Wochen und Monaten gefasst und deportiert. Die imposante schwarze Fläche symbolisiert eindrucksvoll die Angst der Flüchtlinge und die Ungewissheit ihrer Zukunft.

Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

In einem Spalier von Polizisten werden die verhafteten Menschen abgeführt. Auffällig ist, dass hier -wie auch in allen anderen Illustrationen Cabus- mit einer einzigen Ausnahme-  nur die jüdischen  Opfer und die französischen Helfershelfer der Nazi-Verantwortlichen gezeigt werden. Kein Zuschauer oder zufälliger Passant ist da, der sich empört oder Empathie zeigt – allerdings auch niemand, der Beifall klatscht. Das Geschehen findet gewissermaßen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Verhafteten und dann Deportierten sind einsam, allein gelassen. Aber Cabu unterstreicht damit auch die  kollektive Amnesie, die bis zur Publikation von Lévy und Tillard den Umgang mit diesem Staatsverbrechen prägte.

La petite fille/Das kleine Mädchen. Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

Mit dieser Zeichnung, die auch als Motiv für das Ausstellungsplakat dient, wollte Cabu sicherlich das Drama der Kinder anschaulich machen, deren Eltern bei der großen Razzia verhaftet wurden.

Konkret bezog sich Cabu dabei auf das Bild und das Schicksal der kleinen Lisa Fajnzylberg, die als 6-Jährige schon den Judenstern tragen musste. Ihre Mutter Ita wurde am 16. Juli 1942 verhaftet. Wigdor, der Vater, war Soldat im Krieg 1939/1940 gewesen, hatte dort ein Bein verloren und war mit mehreren Orden ausgezeichnet worden. Deshalb wurde er zunächst ausgespart. Kurz nach der großen Razzia ließ er sich mit seinen Orden und mit seinen beiden Kindern fotografieren und schickte das Foto an Marschall Pétain mit der Bitte, seine Frau freizugeben.

Das Gesuch wurde abgelehnt. Ita wurde am 23. September 1942 deportiert, Wigdor 18 Monate später. Die Kinder hatte er aber noch vorher auf dem Land unterbringen können. Was allerdings aus der kleinen Lisa geworden ist, weiß man nicht…

La petite fille/Das kleine Mädchen (Detail): Wie Schwerverbrecher werden verhaftete Juden aus dem Haus geholt.
Les centres  de rassemblement/Die Sammelstellen. Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

Diese Zeichnung veranschaulicht eine Szene in einer der Sammelstellen, in die die verhafteten Juden zunächst gebracht wurden. Solche Stellen gab es in jedem Arrondissement. Im 11. Arrondissement war das zum Beispiel die Sporthalle gymnase Japy. Sehr oft dienten aber auch die Polizeistationen, die es im Rathaus jedes Arrondissements gab, als Sammelstelle- so wie auf dieser Zeichnung Cabus. Der Polizist hat sich mit den Insignien seiner Macht vor den verhafteten Juden aufgebaut, die resigniert erwarten, was nun mit ihnen geschehen wird. Es sind „unerwünschte Ausländer“, die so schnell wie möglich entweder nach Drancy oder ins Vel d’Hiver überstellt werden sollen. Verständnis können sie in dieser Situation nicht erwarten: Über dem Tisch des hinter seinem Schreibtisch verschanzten Sekretärs hängt das Portrait des Marschalls Pétain, der der großen Razzia seinen politischen und moralischen „Segen“ gegeben hatte.

L’autobus/Der Bus Le Nouveau Candide Nr. 313 vom 24. April 1967

An den Sammelstellen warteten Busse der Compagnie du métropolitain, der Vorgängerin der heutigen RATP, auf die zur Internierung und Deportation bestimmten Menschen. Männer und Frauen ohne Kinder wurden nach Drancy  gefahren, der letzten Etappe vor der Deportation, Frauen und Familien mit Kindern ins Vel d’Hiv. Als Cabu diese Zeichnung anfertigte, konnte er noch nicht wissen, dass die „Busse der Schande“[6] einmal zum Symbol der großen Razzia werden würden. Denn erst 1990 entdeckte Serge Klarsfeld das einzige authentische Foto der Razzia, das aber 1942 der deutschen Zensur zum Opfer fiel. Da ist eine Reihe von Bussen vor dem Eingang des Vel d’Hiv geparkt und auf dem Gehsteig sind undeutlich einige der Verhafteten zu erkennen. Die Fenster der Busse sind offensichtlich zugehangen. Bei Cabu dagegen kann man -und soll man- ganz deutlich in das Innere des Busses sehen: Die dort zusammengepferchten Menschen sind individuell gezeichnet und ihre Gesichter drücken aus, was sie fühlen: Angst, Niedergeschlagenheit, Unverständnis, Resignation.

Cabus Kollege Riss, der den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebte, hat in der Ausgabe der Zeitschrift vom 22. Juni 2022 die große Bedeutung der individuellen Zeichnung der Opfer durch Cabu herausgestellt: „Dessiner un épisode aussi violent impose au dessinateur de détailler chaque visage, chaque vêtement, chaque homme, chaque femme et chaque enfant. Un dessinateur paresseux se serait contenté de croquer une masse de silhouettes informes et, en le faisant, il ne se serait pas aperçu qu’il aurait poursuivi l’action des bourreaux en niant comme eux la singularité de chaque personne raflée. Cabu a parfaitement compris qu’il fallait au contraire dessiner chaque victime dans sa spécificité, avec son visage unique, sa robe, sa redingote et ses chaussures, chacune différente les unes des autres. Car ce jour-là, ce n’est pas une masse qui a été déportée pour être assassinée, mais un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu plus un individu… Et à chaque fois, c’est une histoire unique au monde qui était détruite. Le soin pris par Cabu pour dessiner les visages de chaque victime était le seul moyen à sa disposition pour leur redonner leur place dans l’humanité. Celle-là même dont les bourreaux avaient voulu les déposséder.

Hier ein Detail des großen Panoramas der „Hölle des Wintervelodroms“, das im Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967 veröffentlicht wurde. Mit wenigen Strichen hat Cabu die Situation im Vel d’Hiv getroffen, so wie sie von Lévy und Tillard beschrieben wurde. Alle Dabei -Gewesenen hätten übereinstimmend berichtet, dass die auf engstem Raum zusammengedrängten Opfer sich kaum hätten bewegen können. Da ist von hysterischen Schreien, von Ohnmachtsanfällen und Nervenzusammenbrüchen die Rede: Bei Cabu wird gerade ein schreiender, wild gestikulierender Mann von Polizisten mit Gewalt auf einer Bahre festgeschnallt.

Dies ist ein weiteres Detail der „Hölle des Wintervelodroms“ aus der Zeichnung Sur la piste/Auf der Rennbahn in Le Nouveau Candide Nr.315 vom 8. Mai 1967

L’épicerie en face du Vel d’Hiv/Der Lebensmittelladen gegenüber dem Wintervelodrom Le Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967

Cabu veranschaulicht hier eine Szene vom Nachmittag des 16. Juli: Frauen drängen sich am Ausgang des Velodroms, weil sie keine Milch für ihre Kinder haben und kein Wasser. Die überforderten Polizisten wagen es nicht, ihre Waffen einzusetzen und geben schließlich dem Druck nach. In dem allgemeinen Tohuwabohu gelingt dem damals 14 – jährigen Lazare Pytkowicz die Flucht. Im Gegensatz zu seinen Eltern, seiner Schwester und den Frauen, die wieder zu ihren Kindern im Vel d’Hiv zurückkommen, überlebt er.  

L’évacuation du Vel d’Hiv: de la gare d’Austerlitz vers les camps du Loiret (19-22 juillet 1942)/ Die Räumung des Wintervelodroms: Vom gare d’Austerlitz zu den Lagern im Loiret (19.-22. Juli 1942) Le Nouveau Candide Nr. 314 vom 1. Mai 1967

Am Morgen des 19. Juli beginnt unter der Aufsicht der Gendarmerie und der städtischen Polizei der Abtransport der Opfer aus dem Vel d’Hiv in die Internierungslager Beaune-la-Rolande und Pithiviers im Loiret. Ein erster Konvoi mit etwa 1000 Opfern, überwiegend Frauen und Kindern, verlässt den Bahnhof  fahrplanmäßig um 8.15, der nächste um 11.05 Uhr. Die eigentlich für Tiere vorgesehenen Viehwagen müssen schnell und mit Nachdruck gefüllt werden.

Ein Bahnbediensteter blickt auf seine Uhr: Sein Interesse gilt ganz offensichtlich allein der pünktlichen Abfertigung der „Fracht“…

Le convoi parti de Drancy le 19 juillet 1942/Der Zugkonvoi aus Drancy vom 19. Juli 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967

Zur gleichen Zeit wird in Drancy, in das die Erwachsenen ohne Kinder eingeliefert worden waren, der erste Konvoi nach Auschwitz organisiert: Auch hier drängte die Zeit, weil auch Drancy von der Masse der zur Deportation bestimmten Menschen völlig überfordert war. Am Morgen des 19. Juli werden 879 Männer und 121 Frauen vom Bahnhof Le  Bourget-Drancy in den Tod gefahren.

Frauen aus dem Frauenblock des Lagers werfen den abgeführten Opfern noch ihre Brotrationen zu, wie Georges Wellers, ein Überlebender des Lagers, in seinem 1946 erschienenen Buch „De Drancy à Auschwitz“ berichtet. Der begleitende Polizist tut mit starrem Blick nur seine Pflicht, ist ungerührt und zeigt keinerlei Anteilnahme.

Le „convoi des femmes“: Pithiviers, le 3 août 1942/Der „Konvoi der Frauen“: Pithiviers, 3. August 1942. Le Nouveau Candide Nr. 316 vom15. Mai 1967

Mit dieser Zeichnung schließt Cabu seine Illustration des Textes von Lévy  und Tillard ab. In dem Lager von Pithiviers (und dem von Beaune-la-Rolande) waren die in der Razzia vom 16./17. Juli verhafteten Familien interniert: In Pithiviers Ende Juli 4700 Menschen, davon 2000 Kinder. In einem ersten Konvoi vom 31. Juli wurden vor allem Männer nach Auschwitz deportiert – die erste Trennung der Familien. Dann die allerschlimmste Trennung, die von Müttern und Kindern: Die Krematorien in Auschwitz sind noch nicht fertig, also fordern die Nazis zunächst nur erwachsene, arbeitsfähige Männer und Frauen an.

Die Kinder klammern sich an ihre Mütter, weinende und schreiende Kinder, auch gerade erst zweijährige sind darunter, werden von den Polizisten gewaltsam von ihren verzweifelten Müttern gerissen und zum Bahnhof von Pithiviers´gebracht. [7] 974 Frauen und Mädchen und 60 Männer werden in Viehwagen verladen. Dort stehen sie, im Schock über das Unfassbare. Nur vier Frauen und ein Mann dieses Konvois überleben die Fahrt und die Hölle von Auschwitz.

Eingestellt am 17. Juli 2022, dem 80. Jahrestag der rafle du Vel d’Hiv

Wolf Jöckel

Zum Weiterlesen:

Cabu, La Rafle du Vel d’Hiv. Dessins présentés par Laurent Joly. Katalog der Ausstellung. Éditions Tallandier 2022

Laurent Joly, La Rafle du Vel d’Hiv. Paris juillet 1942.  Paris: Éditions Grasset 2022. (Eine umfassende, auf intensiver Quellenarbeit beruhende Darstellung.

Claude Lévy/ PaulTillard, La Grande Rafle du Vel d’Hiv. Paris: Éditions Tallandier 2020

Wolf Jöckel,  Vor 80 Jahren: Die große Razzia des Wintervelodroms (Vel d’Hiv), die „Bartholomäusnacht der Pariser Juden“  https://paris-blog.org/2022/07/09/vor-80-jahren-die-grose-razzia-des-wintervelodroms-vel-dhiv/


Anmerkungen:

[1] Bei dem Foto auf dem Umschlag der Originalausgabe des Buches von Lévy und Tillard handelt es sich nicht um eine Aufnahme aus dem Wintervelodrom vom 16./17. Juli 1942, sondern um ein Foto vom August 1944, als Personen, die der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wurden, im Wintervelodrom interniert waren.

[2] Über seine  Erfahrungen berichtete Paul Tillard 1945 in „Mauthausen“. Zugänglich in: Paul Tillard, Le pain des temps maudits suivie de Mauthausen. Paris: Harmattan 1966

[3] zit. Joly, La Rafle du Vel d’Hiv,  S. 308

[4] Siehe Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Éditions du Seuil 1973, S. 172

[5]  Zitiert in: Frédéric Potet, La rafle du Vel d’Hiv vue à travers la plume de Cabu. Le Monde, 3./4. Juli 22, S. 27

[6] Siehe: Jean-Marie Dubois und Malka Marcovich,  Les bus de la honte. Éditions Tallandier, 2016

[7] Aus Anlass des 80. Jahrestages der Razzia des Wintervelodroms wurde der Bahnhof von Pithiviers am 17.Juli 2022 als Erinnerungsstätte eingeweiht. https://www.francetvinfo.fr/culture/patrimoine/histoire/l-ancienne-gare-de-pithiviers-devient-un-lieu-de-memoire-de-la-shoah_5251936.html Anwesend war auch Präsident Macron, der eine engagierte Rede gegen den Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart hielt: https://www.leparisien.fr/politique/80-ans-de-la-rafle-du-vel-dhiv-a-pithiviers-macron-veut-poursuivre-le-combat-contre-lantisemitisme-15-07-2022- 

Die Ausstellung „Notre – Dame de Paris“ im Collège des Bernardins, einem zisterziensischen Kleinod in Paris (2022)

Die Ausstellung Notre – Dame de Paris ist aus drei Gründen interessant:

  • Wegen ihres Themas: Notre-Dame de Paris ist ja seit dem schlimmen Brand vom April 2019 eine Baustelle. Es gibt immer wieder Berichte über den Stand der Restaurierung. Hier wird nun systematisch über die Geschichte und Bedeutung des Bauwerks, den Brand und den Fortgang der Bauarbeiten berichtet.
  • Interessant ist die Ausstellung auch wegen ihres -für mich neuen- virtuellen Charakters.
  • Und schließlich findet die Ausstellung an einem ganz außerordentlichen, aber wenig bekanntem Ort statt, nämlich in dem Refektorium und der Sakristei des ehemaligen Zisterzienser- Kollegs in Paris.
Werbeplakat in einer Metrostation. Foto: Wolf Jöckel

Eine virtuelle, interaktive Präsentation

Angekündigt werden in der Werbung „850 Jahre Geschichte in Ihren Händen“. Was das bedeutet, wurde mir erst klar, als ich dort war. Man erhält nämlich beim Eintritt ein Tablet und darin ist sozusagen die Ausstellung enthalten.

Foto: Wolf Jöckel

Es gibt also nur ganz wenige Ausstellungobjekte, die man betrachten kann. So zum Beispiel eine Nachbildung der Stygra, der berühmtesten der im 19. Jahrhundert von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc entworfenen und auf den Türmen der Kathedrale postierten Chimären.

Foto: Wolf Jöckel

Ausgestellt ist auch die Kopie eines Wasserspeiers (gargouille), die von Schülern des Lycée des Métiers du Bâtiment de Felletin (Creuse) angefertigt wurde.

Fotos: Wolf Jöckel

Davon abgesehen findet die Ausstellung aber virtuell statt. Die Besucher sind also alle damit beschäftigt, auf ihr Tablet (histopad) zu sehen bzw. damit herumzuhantieren.

Fotos: Wolf Jöckel

Gerade für Kinder und Jugendliche offensichtlich ein animierendes Angebot.

Es gibt aber durchaus einen Rundgang, dem man folgen kann. Orientierung bieten große Plakate, die auf die einzelnen Themenbereiche hinweisen. Hier zum Beispiel der Ausschnitt eines Plakats zum Thema Baugeschichte:

Fotos: Wolf Jöckel

Vor den Plakaten gibt es dann ein kleines Podest mit einem Bild, das man mit seinem Tablet scannen kann.

Und dann öffnet sich auf dem Tablet das entsprechende Ausstellungsangebot und man kann sehr lebendig und anschaulich durch die Baugeschichte der Kathedrale navigieren.

Hier der Abschnitt zum Thema Steinbruch: Gezeigt werden die Arbeiten im Steinbruch und der Abtransport der gehauenen Steine mit Schiffen. Die bewegen sich natürlich auch und bei den Pferden am Rand bewegt sich sogar der Schweif…

Insgesamt gibt es 21 solcher Stationen. Natürlich ist eine davon auch dem Brand von Notre-Dame gewidmet.  

Fotos: Wolf Jöckel

Da kann man mithilfe einer 3 D- Animation  ganz genau den zeitlichen Verlauf des Brandes verfolgen.[1] Aber auch Fotos und Videos der Katastrophe kann man aufrufen oder etwa, wie die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz ausgerüstet waren.

Etwas ruhiger geht es in der alten Sakristei des ehemaligen Collège zu: Thema dort sind die Kirchenfenster von Notre-Dame und ihre Restaurierung.

Fotos: Wolf Jöckel
Foto: Wolf Jöckel

Hier wird deutlich, welche immense Arbeit erforderlich ist, Notre-Dame wieder im alten/neuen Glanz erstrahlen zu lassen. Und man erhält detaillierte Informationen über den Stand der Arbeiten an der noch sicherlich für zwei weitere Jahre  nicht zugänglichen Kathedrale.

Man kann sich damit begnügen, einen groben Überblick über das reichhaltige Angebot der Ausstellung zu bekommen, man kann sich aber auch auf bestimmte Aspekte konzentrieren. Ziel der Ausstellungsmacher vom französischen Start-up Histovery ist es ja  gerade, jeden Besucher in einem „environnement interactif“  zum „acteur de sa visite“ zu machen, der dabei auf unterhaltsame Weise informiert wird.[2] Das ist ganz offensichtlich gelungen. Und hinzugefügt sei auch noch, dass  diese Informationen, gestützt auf eine fachkundige Beratung, auf gesicherter wissenschaftlicher Grundlage beruhen.

Das Collège des Bernardins, ein zisterziensisches Kleinod

Foto: Wolf Jöckel

Das Collège des Bernardins gehört zu den eher weniger bekannten Sehenswürdigkeiten von Paris. In einer Zusammenstellung der „Monuments méconnus“ in Paris und der Region Île-de-France steht es sogar an erster Stelle. Es sei außergewöhnlich, heißt es da, dass ein so schönes und seltenes Bauwerk selbst vielen Parisern fast unbekannt sei.[3] Das ist 1975 geschrieben und es mag heute, auch wenn sich seitdem viel verändert hat, immer noch gelten. Sicherlich gilt aber nach wie vor, ja umso mehr, dass es ein außerordentlich schönes und seltenes Bauwerk ist.

Foto: Wolf Jöckel

Selten ist es insofern, als es sich um eines der wenigen -wenigstens noch teilweise- erhaltenen mittelalterlichen Collèges im Quartier Latin handelt. Es gab dort einmal etwa etwa 60 solcher Kollegs, die der Ausbildung von Geistlichen dienten. Manche waren Gründungen von frommen Einzelpersonen. So das Collège des Robert de Sorbon, Beichtvater des Königs Ludwig IX/Saint Louis. Der Name der Pariser Universität geht auf dieses Collège zurück.  Andere waren bestimmten Nationalitäten zugeordnet wie das auf Initiative eines schottischen Königs gegründete Collegium Scotium oder das -allerdings erst zu Beginn der Neuzeit entstandene- wunderbare Collège  des Irlandais. Die meisten waren aber Gründungen von Religionsgemeinschaften. So das Collège des Cordeliers der Franziskaner oder eben das Collège der Zisterzienser, das Collège der Bernardins, benannt nach dem Reformator des Zisterzienserordens Bernhard von  Clairvaux.  Gegründet wurde es 1245, gewissermaßen als Nachzügler. Denn um Gott nahe zu sein und um optimale Voraussetzungen für ein einfaches Leben mit Beten und Arbeiten (ora et labora) zu schaffen, wurden die Klöster der Zisterzienser an weltabgewandten und noch unerschlossenen Orten errichtet. Allerdings zeigte es sich, dass der Orden Anstrengungen unternehmen musste,  um die Ausbildung der Novicen zu verbessern – auch um gewissermaßen attraktiv zu bleiben und konkurrenzfähig etwa mit den  Bettelorden (wie den Franziskanern), die sich in den Städten installiert hatten. Das Collège des Bernardins diente der Ausbildung von jungen Zisterzienser- Mönchen. Im 14. Jahrhundert wurden alle Klöster des Ordens verpflichtet, Studenten in das Collège nach Paris zu schicken, womit die Unterhaltung und Erweiterung der Anlage gesichert war:  Bei den Restaurierungsarbeiten wurde in der Sakristei der Grabstein des Mönches Günter aus Thüringen gefunden.[4]

Auch die Lehrer kamen nicht nur aus französischen Klöstern, sondern auch aus England, Flandern, Spanien und dem Kloster Eberbach im Rheingau. Es war also ein Ort des Studiums, der allerdings gleichzeitig klösterlichen Charakter hatte. Der diente auch dazu, die Novicen von den drei berüchtigten Versuchungen der Stadt, den Frauen, dem Spiel und dem Alkohol,  abzuschotten. Das gelang allerdings nicht immer: Die Novicen waren ja nicht nur Geistliche, sondern auch Studenten, die am turbulenten Leben  des Quartier Latin teilnahmen. In den Chroniken wird berichtet, dass 1339 einige junge Zisterzienser nachts in Zivil und bewaffnet das Studentenviertel unsicher machten, so dass sie verhaftet und ins Gefängnis Châtelet verbracht wurden.

Entsprechend der Funktion des Collège wurde zuerst ein Gebäude für die Mönchsstudenten errichtet. Es ist der einzige Bau, der von der ursprünglichen weitläufigen Anlage noch erhalten ist: 75 Meter lang und 15 Meter breit.[5] Er verfügte über einen Gewölbekeller und zwei Etagen. Im Kellergeschoss lagerten Vorräte, es diente aber auch als Schreibstube (Scriptorium).[6]

Foto: Wilmotte & Associés

Das Erdgeschoss wurde vielfältig genutzt: als Küche, Speisesaal, Kapitelsaal und Unterrichtstrakt. Heute wird es meist insgesamt als Refectorium bezeichnet.

Blick in das Refectorium. Da dort derzeit die Notre-Dame-Ausstellung stattfindet, handelt es sich hier um ein schon älteres Foto aus dem Jahr 2011. © Wolf Jöckel

Im Obergeschoss lagen die Schlafsäle (dormitorium) und die Räume für die Oberen. Es wird heute für Veranstaltungen wie Vorträge und Konzerte genutzt.

Foto: Wolf Jöckel

Die Konstruktion entspricht der zisterziensischen Tradition: von großer Klarheit, Bescheidenheit, aber durchaus auch Eleganz geprägt, aufs Wesentliche konzentriert. Es ist eine große, innere Ruhe ausströmende Architektur.

Hier einige weitere Eindrücke:

Fotos: Wolf Jöckel

                                                             Foto: Annie Didier 2019[7] 

Foto: Wolf Jöckel

Zwischen Verfall und neuem Glanz

Dass das Collège des Bernardins sich heute so wunderbar präsentiert, wäre noch vor einem Viertel Jahrhundert kaum vorstellbar gewesen. Denn die Französische Revolution hatte in sehr brutaler Weise die 500-jährige Geschichte des Collège beendet. 1791 war es verstaatlicht worden. Damals gab es nur noch 6 Mönche. Es wurde nun ein Gefängnis und 1792 ein Schauplatz der sogenannten Septembermorde: Eine aufgehetzte Masse ermordete die im Gefängnis einsitzenden Galeerensträflinge, weil sie angeblich versteckte Mönche seien.  1797 wurde die zum Collège gehörende gotische Kirche zerstört: Ein Akt des Vandalismus im Sinne des antireligiösen revolutionären Furors, aber auch der damals verbreiteten Geringschätzung der Gotik. Ihr fielen in dieser Zeit -auch in Paris-  einzigartige mittelalterliche Kunstschätze zum Opfer. Das Refektorium entging diesem Schicksal, weil es seit seiner Verstaatlichung von der öffentlichen Hand vielfältig genutzt wurde. Seit 1845 und bis in die 1990-er Jahre war der Bau eine Kaserne der Pariser Feuerwehr.. Das sogenannte Refektorium war -wie schon zu Zeiten des Collèges- in verschiedene Parzellen unterteilt und diente als Garage, als Erholungs- und Tischtennisraum für die Feuerwehrleute, als Büro und Depot. 

„Les Bernardins“ als Feuerwehrkaserne. Ausschnitt aus einem historischen Foto[8]

Das Ende der Leidenszeit und die Renaissance des Collège begann 2001, als das Erzbistum Paris mit öffentlicher Unterstützung den Bau erwarb, um darin ein katholisches Kulturzentrum zu errichten und so an seine ursprüngliche Funktion anzuknüpfen.

Die Restaurierung bedeutete allerdings eine große Herausforderung, weil das Gebäude durch die vielfältigen Nutzungen, aber auch schon durch seine Lage auf einem morastigen Untergrund in der Nähe der Seine sehr gelitten hatte: Als das Collège gegründet wurde, waren in der dichtbevölkerten Stadt kaum noch Bauplätze vorhanden. Der Gründer des Collège, der Abt von Clairvaux Étienne de Lexington, musste also mit einem hochwassergefährdeten Gelände in der Nähe der Seine vorlieb nehmen. Das Gebäude wurde denn auch von wiederholten heftigen Hochwassern heimgesucht, so dass man das sowieso nicht sinnvoll nutzbare Untergeschoss bis zum Gewölbe mit Erde auffüllte, um die Standfestigkeit des Baus zu sichern. Im Zuge der Restaurierung wurde der Keller freigelegt und die Zwischenwände im Refektorium wurden beseitigt. Erst dadurch entstand der großartige Raumeindruck, den wir heute bewundern können.[9]

Eine ganz besondere Gelegenheit dafür war die nuit blanche 2017, als im Refektorium des Collège  eine grandiose Lichtinstallation stattfand, die auch viele junge Menschen anzog.[10]

Fotos: Wolf Jöckel

Die gotische Architektur wurde da verfremdet, aber doch auch im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht gerückt: Ein offener und weltoffener Raum.

Foto: Wolf Jöckel

Victor Hugo schrieb in seinem Roman „Notre-Dame de Paris“, in Deutsch erschienen unter dem Titel „Der Glöckner von Notre Dame“, über den Umgang mit der Gotik:

Zuerst hat die Zeit unmerklich an ihren Bauten genagt und hat ihre Oberfläche mit Spuren der Verwitterung überzogen. Dann haben die religiösen und politischen Aufstände die Menschen blind und rasend gemacht, und die also Verblendeten haben sich über die Bauten gestürzt….

Ein Beispiel dafür ist auch das Collège des Bernardins. Victor Hugo weiter:

Zuletzt haben sich ihrer die Moden bemächtigt …. Sie haben größeres Unheil angerichtet als die Revolutionen; denn sie haben der Kunst ins lebendige Fleisch geschnitten, …. Haben gepfuscht und geändert und haben Form und Bedeutung der Bauten, ihren inneren Zusammenhang und ihre Schönheit zerstört.“ [11]

Für das Refektorium aber, das die Verblendeten in der Französischen Revolution verschont hatten, gilt das nicht: Sein innerer Zusammenhang und seine Schönheit kommen gerade erst durch seine Rehabilitierung wunderbar zur Geltung.

Praktische Informationen:

Adresse: 20 Rue de Poissy, 75005 Paris

Der Besuch des Collège des Bernardins ist derzeit nur im Rahmen der Ausstellung und ihres Begleitprogramms möglich. Die allgemeine Neueröffnung ist für 2024 geplant.

Dauer der Ausstellung: 7. April bis 17. Juli 2022

Öffnungszeiten:

  • Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag 10-18 Uhr
  • Donnerstag und Sonntag 14-18 Uhr 
  • Dienstag 10-21.30 Uhr

Der Besuch der Ausstellung ist kostenlos und erfolgt selbstständig. Auf den histopads kann man unter 12 verschiedenen Sprachen wählen, natürlich auch Deutsch. Sie werden am Beginn der Ausstellung verteilt.

Da nur eine begrenzte Zahl von histopads verfügbar ist, empfiehlt sich die Anmeldung für ein bestimmtes Zeitfenster: https://billetterie1.collegedesbernardins.fr/spectacle?id_spectacle=742&lng=1

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Weitere Blog-Texte zu Notre-Dame de Paris:

Notre- Dame de Paris wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird:  https://paris-blog.org/2019/04/16/notre-dame-wie-es-war-und-hoffentlich-bald-wieder-sein-wird/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre-Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Dessine-moi Notre-Dame/male mir Notre-Dame: Kinderzeichnungen am Bauzaun. https://paris-blog.org/2020/10/15/dessine-moi-notre-dame-male-mir-notre-dame-kinderzeichnungen-am-bauzaun/


Anmerkungen

1] Bild aus: https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/250210-notre-dame-de-paris-la-grande-exposition-immersive-en-realite-augmentee-au-college-des-bernardins

[2] https://www.la-croix.com/Culture/Exposition-College-Bernardins-Notre-Dame-renait-ecrans-2022-04-07-1201209114

[3] Henri-Paul Eydoux, Les monuments méconnus. Paris et Ile-de-France. Paris: Librairie Académique 1975, S. 13

[4] Nachfolgendes Bild aus: Le Collège des Bernardins. Hors-Serie de Connaissance des Arts, Paris 2008, S. 12

[5] Angabe aus http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf S. 7  

[6] Bild aus: Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés

[7] https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187147-d5607109-Reviews-College_des_Bernardins-Paris_Ile_de_France

[8] Bild aus: Ministère de la Culture, la plateforme ouverte du patrimoine  Ensemble sur la rue (culture.gouv.fr)

[9] Zur Restaurierung siehe: http://www.bancon.fr/bernardins/berstruct.pdf und Collège des BernardinsProject — Wilmotte & Associés. Das Architekturbüro  Wilmotte aus dem Faubourg Saint Antoine hat in Paris auch schon andere historische Bauten sehr erfolgreich restauriert, so das Hotel Lutetia und die Mutualité. Siehe: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und https://paris-blog.org/2018/09/01/das-haus-der-mutualite-in-paris-und-der-internationale-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-1935/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2019/12/02/die-nuit-blanche-das-lichter-und-kunstfest-von-paris/

[11] Victor Hugo: Der Glöckner von Notre-Dame. Insel-Taschenbuch, Berlin 2010, S. 152/3  Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

Zum Tod von Miss.Tic, der Pariser „princesse du graffiti“

Am 22. Mai 2022 ist Miss.Tic, die Pariser „Graffiti-Prinzessin“, im Alter von 66 Jahren einem Krebsleiden erlegen.[1] „Tant de tristesse“, schrieb ihr Street-Art-Kollege Jef Aérosol dazu, und diese Traurigkeit teilt er sicherlich mit vielen anderen, auch mit mir. Denn seit wir (2009) Paris als unseren (zweiten) Wohnsitz gewählt haben, sind wir Miss.Tic immer wieder begegnet: Zunächst stießen wir ganz zufällig auf ihre Schablonenbilder mit den meist sehr attraktiven Frauen und den dazu gehörenden witzigen, zum Nachdenken anregenden, poetischen und wortspielerischen kleinen Texten. Das hat uns neugierig gemacht, zumal der charakteristische Dreiklang von Bild, Text und Signatur in der Graffiti-Szene wohl einzigartig ist. Wir haben uns dann immer sehr gefreut, wenn wir ein (für uns) neues Werk von ihr entdeckt haben.   

Und das war gar nicht so schwer. Denn in dem 11. Arrondissement von Paris, wo wir wohnen, hat Miss.Tic viele Spuren hinterlassen. Hier einige Beispiele:

Madame träumt,  Monsieur schnarcht  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2014
Liebe, Ruhm und Botox (Place Voltaire, 11. Arrondissement)  Foto: Wolf Jöckel, Mai 2017
Es rächt sich, die Zeit totzuschlagen. Ecke rue Faidherbe/rue J.Macé. 11. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel, 2021
Frau der Feder / Ihre Flügel tauchen in das Tintenfass der Welt.  Frauenbuchhandlung Violette et Co,  rue de Charonne,  Foto: Wolf Jöckel, 2021

An der Gestaltung der Signatur kann man die Schablonentechnik Miss.Tics gut erkennen: Sie verwendete immer die gleiche Schablonen-Vorlage, in der ihre Signatur ausgeschnitten war.  Mit einer Farbpistole wurde der Name dann -und wurden auch die Texte und Figuren- auf die vorgesehene Stelle gesprüht. Dabei sind farbliche Nuancen und Variationen durchaus möglich.

Miss.Tic: „Die Schablonentechnik bot mir die Chance, alleine und schnell zu arbeiten. Außerdem ließen sich die Bilder reproduzieren. Leicht, praktisch und speedy, das passende Medium für die Straße eben ….“

Und dazu kamen dann noch die Texte. Dazu noch einmal Miss.Tic:

„Als ich auf der Straße arbeitete, wurde mir rasch klar: Ein Text hat umso größere Chancen, in den Köpfen der Betrachter hängen zu bleiben, je kürzer er ist. Diese Erkenntnis radikalisiert meine Sprache. Und das radikalisierte Wort findet einen kongenialen Partner in der Schablonenform, die zu einfachen und klaren Linien zwingt.“[2]

Der Name, mit dem diese Werke signiert sind, ist ein Künstlername.

Er ist abgleitet aus einem älteren Comic. Dort gibt es Miss Tick, „eine kleine durchgeknallte Hexe, die um jeden Preis versucht, ihrem Onkel Dagobert seine Geldgier auszutreiben und ihm etwas zu stibitzen, jedoch ohne Erfolg.“  Für Miss. Tic, von der dieses Zitat  stammt, war es „aber auch wichtig, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass es eine Frau ist, die sich da in dieser vollkommen maskulinen Welt der Street Art zu Wort meldet, eine Frau, die der Autor all dieser Graffitis ist, die man da auf den Mauern von Paris aufblitzen sah.“[3] Allerdings  hat Miss. Tic  auf das k verzichtet, und das passt, wie die Zeitung Le Monde in ihrem Nachruf schreibt,  gut: Miss. Tic sorge mit ihren Schablonenbildern für kurze, überraschende Momente, denen man auf den Straßen begegne.[4]

Ihren wirklichen Namen hat Miss. Tic nie verwendet. Wenige sehr mit ihr vertraute Menschen wussten ihren Vornamen (Radhia) und durften sie damit ansprechen.  Nur die Steuerbehörde und die Polizei würden ihre wahre Identität kennen, sagte sie einmal.[5] Auch dazu passt der Künstlername Miss Tic, der im Französischen das Adjektiv mystisch/geheimnisvoll ergibt.

Miss.Tic in der Galerie Lelia Mordoch in Paris (Juli 2012)[6]

Gewissermaßen geboren wurde Miss.Tic 1985. Da entstand dieser Name, der ein erstes auf eine Wand gesprühtes Autoportrait signierte: Ein junges Mädchen, die Hände auf den Knien, in schwarz und weiß, mit dem beigefügten Text:

„J’enfile l’art mur pour bombarder des mots coeurs“  (Ich wappne mich mit Mauerkunst, um mit Herzensworten zu bombardieren) [7]

Aller Anfang war aber auch bei ihr schwer. Street Art war noch nicht -wie heute- integraler, anerkannter, ja geförderter Bestandteil der (Pariser) Stadtlandschaft. Die Street-Artisten waren nachts unterwegs und wiederholt hatte Miss.Tic dabei Probleme mit Hausbesitzern und der Polizei. 1999 wurde sie nach einem längeren Verfahren wegen „Sachbeschädigung öffentlichen und privaten Eigentums“ zu 22.000 Franc Geldstrafe verurteilt – ein Schicksal, das sie mit anderen -heute prominenten- Streetart-Künstlern wie zum Beispiel dem Invader teilte.[8] Wenige Jahre später hätte sie solche Summen sicherlich aus der Portokasse bezahlen können. Da arbeitete sie für Zeitschriften, für prominente Auftraggeber wie Louis Vuitton, machte Werbung, wurde in vielen Ausstellungen präsentiert -beispielsweise 2011 im Institut Français in Berlin. Arbeiten von ihr wurden sogar -was jetzt gerne hervorgehoben wird- vom renommierten Victoria and Albert Museum in London gekauft.[9]

2007 erhielt sie den Auftrag von Claude Chabrol, das Plakat für den Film La fille coupée en deux zu entwerfen.[10] Die Mietwagen von Ucar haben bzw. hatten mehrere Jahre lang ihren Slogan von Miss.Tic erhalten: Louer c’est rester libre/Mieten heißt frei bleiben.

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2012

Auch wenn da das Signum Miss.Tic fehlte, wird jedem mit der Pariser Stadtlandschaft und Street-Art-Szene einigermaßen vertrautem Menschen klar gewesen sein, wer hier am Werk gewesen ist. Und der Slogan passte hervorragend zu Miss.Tic: Denn frei zu bleiben war für sie ein zentrales Element ihres Lebensentwurfs.

Sogar die französische Post würdigte Miss.Tic: Auf einem Brief, den uns unsere Freundin Marie-Pierre im September 2013 schickte, klebte eine Miss.Tic-Briefmarke mit –natürlich- einem für sie typischen Motiv und ihrer unverkennbaren Schrift und Signatur.

Foto: Wolf Jöckel, September 2013

Es ist ein Hundewetter (Sauwetter) – bei Miss. Tic allerdings nicht in der üblichen männlichen Form (temps de chien), sondern der weiblichen. Die Briefmarke gehörte zu einer ganzen Miss. Tic-Serie, die 2011 zum internationalen Tag der Frau von der französischen Post herausgegeben wurde.

Und 2013 gewann Miss. Tic einen Wettbewerb zur Gestaltung der Wagen einer neuen Straßenbahnlinie in Montpellier, die 2025 in Betrieb gehen soll. Inzwischen wurde Miss.Tic allerdings von dem langjährigen Bürgermeister von Montpellier, Philippe Saurel, „ausgebremst“  und es soll  einen erneuten Wettbewerb für die Gestaltung der Wagen geben… [11]

Copyright : yellow window – Miss. Tic[12]

Der Wandel von einer nächtlichen Street-Art-Aktivistin am Rande der Illegalität zu einer anerkannten und gefragten Künstlerin beruhte wesentlich auf der Erfahrung mit der Anklage und Verurteilung wegen ihrer nächtlichen Sprayaktionen an privaten und öffentlichen Wänden. Bei einer Fortsetzung dieser Aktionen musste sie von nun an als Wiederholungstäterin mit einer Gefängnisstrafe rechnen, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Bewährung: Die französische Justiz ist in diesem Bereich alles andere als zurückhaltend…  Dazu Miss.Tic: „Ich habe deshalb die Strategie gewechselt. … Seit 2000 sind alle meine Aktionen legal und von den Besitzern der Mauern, auf die ich male, autorisiert. Wenn ich allerdings eine Erlaubnis erhalte, verlange ich, dass ich freie Hand (carte blanche) habe bei der Gestaltung.“[13]

Ein Markstein der neuen Strategie war das Projekt Muses et Hommes (2000). Miss.Tic erhielt nach Verhandlungen mit dem Rathaus des 20. Arrondissements von Paris, mit Gewerbetreibenden und Hausbesitzern die Erlaubnis, 20 Schablonenbilder (pochoirs) als Auftragsprojekt anbringen zu dürfen. Als Vorlagen dienten Werke aus dem Louvre und dem Musée d’Orsay, denen sie Texte in ihrer typischen graphischen und inhaltlichen Handschrift beifügte.

Hier die Mona Lisa mit der Aufschrift: Um zu lächeln/muss man viel geweint haben.[14]

 In der rue de la Forge Royale (einer kleine Seitenstraße der rue de la Faubourg Saint-Antoine) im 11. Arrondissement gibt es das Atelier Elio,  das maßgeschneiderte Bilderrahmen herstellt. Dort hängt ein Bild von Miss.Tic an der Eingangstür. Es ist verglast und eingerahmt.

Ich habe aufgegeben/das Handtuch geworfen   Fotos: Wolf Jöckel, Dezember 2017

Die freundliche Besitzerin des Ladens erklärte mir, wie sie zu der Arbeit von Miss.Tic gekommen ist: Die habe nämlich eines Tages angefragt, ob sie dort ein Bild anbringen dürfe. Es handelte sich also nicht um eine bezahlte Auftragsarbeit, sondern um ein Angebot der Street-Art-Künstlerin, das gerne angenommen wurde und auch entsprechend geehrt wird.

Dieses Bild ist, wie ich meine, aus zwei Gründen besonders bemerkenswert: Einmal wegen der Katze, die hier abgebildet ist. Denn Miss.Tic liebte Katzen sehr, was gerade in dieser kleinen Straße anschaulich wird, wo noch zwei weitere Katzenbilder von Miss.Tic zu sehen sind.

Je ne brise pas que les coeurs (Ich breche nicht nur Herzen) gehört zu Miss.Tics Lieblingssprüchen.[15] Er passt ja auch gut zu dieser nonkonformistischen Künstlerin: Miss.Tic „ne brise pas que les cœurs, les codes aussi.“[16]  Foto: Wolf Jöckel, Oktober 2011

Es gibt in der Straße sogar das Bild einer Katze als einziges Motiv, ohne weibliche Begleitung! Das ist völlig außergewöhnlich, aber es unterstreicht die Bedeutung der Katzen für Miss.Tic. Und die Katze, die eingelassen werden möchte, weist auch darauf hin, warum: Die Katzen brauchen ihre UnOn abhängigkeit, aber auch Wärme, Nähe und Zuwendung….

Wir sind keine Hunde/Ihr sollt uns nicht wie Hunde behandeln. Foto: Wolf Jöckel, November 2012

Bei diesem Vergleich denke ich an den schönen Satz von Jacques Prévert, mit dem Miss.Tic ja übrigens auch schon verglichen wurde: „Wenn ich die Katzen den Hunden vorziehe, dann deshalb, weil es keine Polizeikatzen gibt.“[17] Das hätte auch von Miss.Tic sein können…. 

Dass das Bild von Miss.Tic in der rue de la Forge Royale verglast ist, dient sicherlich nicht nur Werbezwecken des Ateliers Elio, sondern auch seinem Schutz. Denn die provokativen Schablonenbilder von Miss.Tic sind oft Ziel von Schmierereien.

So wie hier, an der Ecke rue Chanzy/ rue Faidherbe im 11. Arrondissement. (Foto: Wolf Jöckel 2021). Da wurden Frauen aufgefordert, ihren Mann zu „delokalisieren“, was sich vermutlich auf die in Frankreich sehr intensive Thematisierung von häuslicher Gewalt gegen Frauen bezieht. Dass diese Botschaft über einem Briefkasten hängt, ist wohl auch kein Zufall: In den kann gewissermaßen gleich das „Kündigungsschreiben“ eingeworfen werden.[18]

Ein Ziel von Vandalismus war auch dieses Bild von Miss.Tic in der rue Faidherbe im 11. Arrondissement.

Ein Übermaß an Vergnügen ist ausgezeichnet für die Gesundheit (In Abänderung des Anti-Raucher Slogans: l’abus d’alcool est dangereux pour la santé. (Ein Übermaß an Alkohol ist gefährlich für die Gesundheit)  Foto: Wolf Jöckel, 18.8.2014

Im April 2019 war das Bild allerdings verschwunden.  Es war, wie mir ein Angestellter des marokkanischen Traiteurs erklärte, beschmiert worden. Miss Tic werde es aber „demnächst“ erneuern.

Und tatsächlich: Seit Oktober 2019 gibt es dort wieder „eine neue Miss.Tic“ – diesmal vorsichtshalber geschützt mit einer Folie.

Ich fliehe nicht, ich entferne mich

Und gleich daneben kann man noch eine alte nordafrikanische Holztür bewundern.

Die Frauen von Miss.Tic sind, das ist wohl schon aus den bisherigen Abbildungen deutlich geworden, selbstbewusst, sie sind es, die über ihr Leben bestimmen. Nicht nachvollziehen kann ich die Charakterisierung der Schablonenabbildungen von Miss.Tic, wie sie in einem Bericht über Pariser Stadtrundgänge mit feministischen Blickwinkeln in der Frankfurter Rundschau vom 1. Juli 2020 zu lesen war. Da ist nämlich von Frauen „als Sexobjekte(n) mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen“ die Rede. (FR 1. Juli 2020).

Das passt zu einer Richtung feministischer Kritik an Miss.Tic, die auch von Fadela Amara, einer Mitgründerin der französischen  feministischen Gruppe Ni Putes Ni Soumises vertreten wird, aber nicht unwidersprochen geblieben ist.[19]

Foto: Wolf Jöckel, Passage L’Homme,  Faubourg Saint-Antoine, Juni 2012

Dass die Frauen in den pochoirs von Miss.Tic meist höchst attraktiv sind, beruht auch darauf, dass die Vorlagen aus Frauenzeitschriften stammen, die aber von ihr verfremdet werden.

Miss.Tic dazu: „Ich entwerfe aus ihnen ein bestimmtes Image der Frau, nicht um es zu bewerben, sondern um es zu befragen. Ich unterziehe weibliche Positionen einer Art Inventur. Welche Haltung wählen wir, um zu existieren.“[20]

Allerdings sind die schönen Frauen von Miss.Tic alles andere als Sexobjekte, sondern sie sind es, die über ihr  Leben und damit auch über ihre Sexualität bestimmen. „Verboten“ steht auf dem Bild der (nur noch teilweise sichtbaren) Frau, die mit einer Hand ihr Geschlecht bedeckt. Da denke ich an Boticellis „Geburt der Venus“ und an den Slogan „Nein bedeutet Nein“ der aktuellen feministischen Kampagnen. Ein Lieblingssatz von Miss.Tic, den man auf vielen ihrer Bilder findet, heißt: „Fais de moi, ce que je veux“Mach mit mir, was ich will. Bei ihr sind eindeutig die Frauen das „starke Geschlecht“.

rue Buffon, September 2022 Der Mann ist ein Wolf für den Mann und nervig für die Frau

Männer spielen bei Miss Tic eine marginale Rolle bzw. sie fungieren als Mittel zum Zweck weiblicher Lust. Da hätten wohl eher Männer Anlass zu Kritik an den ihnen zugeschriebenen Rollen….

Stärker als die Leidenschaft ist die Illusion (Butte aux Cailles)  Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

Hier hat der Mann das Nachsehen und rauft sich die Haare. Dem Nächsten wird es wohl kaum besser ergehen….

Foto: Wolf Jöckel  2020

Und hier fordert Miss.Tic zum Ungehorsam auf, zum Widerstand gegen die Unterwerfung (soumission). „Ein erniedrigendes Bild der Frau“, das man ihr unterstellt hat[21], sieht doch wohl anders aus.

Das Männliche bringt es voran- aber wohin?   Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012

An einem Restaurant auf der Butte aux Cailles (13. Arrondissement) findet sich diese ironische Botschaft von Miss.Tic.  Sie hatte ja am Beginn ihrer Graffitti-Karriere angekündigt, die Mauern mit mots cœurs bomardieren/besprayen zu wollen. In den mots cœurs klingt aber auch das moquer der Spottdrossel (merle moqueur) an. Die ist auf der Butte aux Cailles, dem Ort dieses Bildes, ja besonders präsent: Die merle moqueur gehört zu les temps des cerises, der Hymne der Pariser Commune, die auf der Butte aux Cailles besonders populär war und ist. Es gibt dort auch eine merle moqueur-Kneipe.[22] Und ich denke, dass dieses pochoir ein schönes Beispiel für den Spott, den Humor und die Ironie ist, die auch viele Arbeiten von Miss.Tic kennzeichnen.

Auf der Butte aux Cailles hatte Miss.Tic  auch ihr Atelier, wo eines ihrer wohl letzten Fotos entstand[23]:

Und wer auf einem begrenzten Raum eine große Zahl von pochoirs von Miss.Tic sehen möchte, dem kann ich nur einen Spaziergang über dieses sympathische kleinstädtische Viertel von Paris empfehlen.

Hier einigee (weitere) Beispiele:

Ich suche die Wahrheit und eine Wohnung. An einem Restaurant auf dem Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Juni 2012
Mit der Liebe geht die Zeit schnell vorbei. Mit der Zeit kommt die Liebe seltener vorbei.  Butte aux Cailles, Dezember 2012. Foto: Wolf Jöckel
Rue des cinq diamants, Butte aux Cailles. Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018
LP/Stéphane Duprat Le Parisien 28.5.2022 Butte aux Cailles, rue Jonas: statt port du voile interdit (Ganzkörperverschleierung verboten): Tragen des Verstandes ist verpflichend

Foto: Wolf Jöckel, Dezember 2018

Dieses Pochoir an der Place Verlaine (Butte aux Cailles) ist sicherlich eine Antwort von Miss.Tic auf die Anschläge vom 13. November 2015.  Denn Ziel der Anschläge waren damals  auch mehrere Terrassen von Bars mit ihren Freiheit und Lebensfreude verkörpernden Besuchern: den islamistischen Terroristen verhasst, so dass sie die „terrasses de la vie“ zu Terrassen des Todes machten. Aber -so die Botschaft von Miss.Tic: diese Freiheit, an der wir umso wütender und trotziger hängen, lassen wir uns nicht nehmen! Das für Miss.Tic eher ungewöhnliche intensive Rot darf wohl als besonderer Akzent verstanden werden, der deutlich macht, wie wichtig ihr diese Botschaft war.

Und  zum Schluss noch ein Bild, dessen Aussage mit einem ungewöhnlichen Grün unterstrichen wird:

Die Poesie ist ein unbedingt notwendiger Luxus (rue du moulin des prés, Butte aux Cailles) Foto: Wolf Jöckel, Mai  2017

Miss.Tic verstand sich als „Poetin der städtischen Kunst“. Für sie war die Poesie mehr als ein Luxus, sie war ihr Lebenselexir. Und sie hat auf den Wänden von Paris die Poesie straßentauglich gemacht.[24] Das ist ihr großes Verdienst und das wird uns von nun an sehr fehlen. 

——

Eingestellt in https://paris-blog.org/ am 1. Juni 2022, dem Tag der Beerdigung von Miss.Tic auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

In Belleville gefunden… Februar 2023

Im März 2023 im Spot 13 gefunden, dem Street-Art Zentrum im 13. Arrondissement von Paris

Die Macht schützt nicht, sie schützt sich selbst. Darunter die Lebensdaten von Miss Tic und hinzugefügt: „Ich habe gestern an dich gedacht und ich werde auch morgen an dich denken.“ Rue des écoles, 5. Arrondissement. Aufgenommen am 19.3.2023

Veranstaltung zum Jahrestag des Todes von Miss Tic im Rathaus von Paris:

Hommage à Miss. Tic – Auditorium de l’Hôtel de Ville, 5 rue de Lobau, 75 004 Paris – Mercredi 19 avril 2023 de 19h à 21h30 – Gratuit, uniquement sur réservation

À lire aussi : Street art : au gré des rues de Paris, les oeuvres murales de Miss. Tic, poétesse féministe

Zum Weiterlesen:

Miss.Tic in Paris. Paris Musées 2005

Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hrsg. Jorinthe Reznikoff und KP Flügel. Hamburg: Edition Nautilus 2010

Christophe Genin, Miss.Tic, femme de l’être (édition revue et augmentée)  Bruxelles:  Les Impressions Nouvelles  2014

Collectif, Miss Tic: Histoires de rencontres.  Mit einem Vorwort von Miss.Tic. 2019


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen:

[1] Der Ausdruck princesse du graffiti stammt aus Le Monde vom 17. September 2002: Dominique le Guilledoux,  Miss-Tic, princesse du graffiti. In ihrem Nachruf auf Miss.Tic hat Le Monde diesen Ausdruck wieder aufgenommen. (22. Mai 2022).

Miss.Tic, princesse du graffiti, est morte à l’âge de 66 ans (lemonde.fr)

Im Februar 2019 hatte ich schon einmal im Rahmen einer kleinen Serie über Street-Art in Paris einen Beitrag über Miss.Tic (zusammen mit Monsieur Chat und Fred le Chevalier) in diesen Blog eingestellt: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/  Bei dem jetzigen Beitrag handelt es sich um eine wesentliche Erweiterung des damaligen Beitrags.

[2] Bomb it, Miss.Tic!, S. 44

[3] https://picsou.fandom.com/fr/wiki/Miss_Tick_De_Sortil%C3%A8ge Zitat von Miss Tic aus: https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236

[4] https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/05/22/miss-tic-princesse-du-graffiti-est-morte-a-l-age-de-66-ans_6127219_3382.html

[5] Il n’y a plus que le fisc et les flics qui connaissent ma véritable identité.

https://www.dicocitations.com/reference_citation/118527/_Miss_Tic_tatoueuse_de_villes_Veronique_Cauhape_Le_Monde_16_avril_2009.php  „Von Anfang an habe ich mich Miss.Tic genannt. Niemand nennt mich mehr mit meinem richtigen Namen. Nur die Bullen und der Fiskus kennen ihn.“  In: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 72

[6] Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f1/Miss.Tic_2012.jpg

[7] Die Übersetzung ist schwierig, weil in dem Text ein doppeltes Wortspiel enthalten ist: art mur ist die Mauer-Kunst, es klingt darin aber -gerade im Zusammenhang mit enfiler/überziehen auch armour/Rüstung an. Und das passt insofern, als es sich bei dem, was sie nun tut, um eine durchaus gefahrvolle Aktion handelt. Denn bombarder ist eine Übernahme des englischen to bomb, also bombardieren, womit in der Graffiti-Sprache auch das (i.a. illegale) Sprayen bezeichnet wird. Die Farbdose, mit der gesprüht wird, ist die bomb. Bei den mots coeurs/den Herz-Wörtern klingen die moqueurs/die Spötter an.

In dem Buch von Jorinde Reznikoff/KP Flügel wird der Satz wie folgt übersetzt:  Ich ziehe die Rüstung/Mauer-Kunst über, um mit Herz-Wörtern die Spötter zu bombardieren.‘  (Bezogen auf Christophe Genin in: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Hamburg 2011, Edition Nautilus, S. 39.) Diese -sicherlich nicht von Genin stammende- deutsche Version wird auch von Wikipedia übernommen. Dass da Spötter bombardiert werden,  finde ich allerdings wenig überzeugend. (Allerdings ist der Bezug zu dem moqueur sicherlich nicht zufällig. Mehr dazu weiter unten in dem Beitrag). Ich versuchte es zunächst so:

Ich wappne mich mit Mauerkunst, um Herzensworte auf die Wände zu sprayen.  Pierre Sommet, den ich dazu konsultierte, überzeugte mich aber, es bei dem bombardieren zu belassen: „Ich würde ungern auf das Verb bombardieren verzichten. Meiner Meinung nach zieht die engagierte Künstlerin in die Schlacht und hofft, dass die Botschaft ihrer Graffiti-Kunst wie eine Bombe einschlägt, also eine nachhaltige Wirkung erzielt, wobei diese „Bombe“ eigentlich als humanitäre Waffe eingesetzt wird, denn sie besteht aus warmherzigen Worten.“ Merci, Monsieur Sommet!

Bild aus: http://missticinparis.com/archives/pochoirs-des-rues/

[8] Siehe: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

[9] Siehe den Blog-Beitrag von Gabriele Kalmbach: https://gabrielekalmbach.de/street-art-in-paris-miss-tic/

[10] https://www.cineimage.ch/film/fillecoupeeendeux/lbox_ver_artw_1.html

[11] Siehe: https://www.francebleu.fr/infos/transports/connait-le-trace-definitif-de-la-ligne-5-du-tramway-a-montpellier-1550232989

[12] https://tramwaydemontpellier.net/2013/10/18/18-octobre-2013-design-de-la-ligne-5-la-gagnante-est-miss-tic/#jp-carousel-2852 https://www.midilibre.fr/2013/10/18/montpellier-un-design-tout-en-rupture-pour-la-ligne-5-du-tramway,771549.php

[13] https://www.instant-city.com/misstic-habille-les-murs-et-deshabille-son-ame/

[14] Bild aus: https://www.artshebdomedias.com/agenda/miss-tic-muses-hommes/

[15] https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Interviews.php?id=1430011236  (In einem Interview aus dem Jahr 2011)

[16] https://www.beauxarts.com/videos/miss-tic-le-desir-de-desirer-toujours-et-encore/

[17] Si je préfère les chats aux chiens, – C‘est qu’il n’y a pas de chats policiers

Zu Miss.Tic und Prévert siehe Jacques Dubois in seinem Mediapart-Artikel von 2015 über die „femme capitale“: „Miss.Tic au total nous apparaît en grande artiste mi-populaire et mi-intellectuelle, quelque part entre Jacques Prévert et Ferré.“  https://blogs.mediapart.fr/edition/bookclub/article/220115/misstic-femme-capitale

[18] Siehe dazu den Blog-Beitrag über die féminicides: https://paris-blog.org/2019/11/17/stop-feminicide-schluss-mit-den-frauenmorden-aktuelle-aktionen-in-frankreich/

[19] Siehe z.B. Maxi Leinkauf, Bombig. In: der Freitag, 6.5.2011   https://www.freitag.de/autoren/maxi-leinkauf/bombig

[20] Bomb it, Miss.Tic!, S. 9

[21] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Miss.Tic  Abschnitt Abschnitt Miss.Tic und der Feminismus

[22] Zum Viertel Butte aux Cailles siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/07/01/la-butte-aux-cailles-ein-kleinstaedtisches-idyll-in-paris/ Zu Les temps des cerises und der Spottdrossel siehe: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[23] Bild aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=563751535116620&set=a.213809903444120

[24] https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.street-art-kuenstlerin-tot-miss-tic-machte-poesie-strassentauglich.77b5de73-fb2f-4e0f-b917-26677946ed3a.html

Weitere Blog-Texte zur Street-Art in Paris:

https://paris-blog.org/2017/12/01/open-your-eyes-street-art-in-paris-1/
https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/
https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/
https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/
https://paris-blog.org/2020/04/08/street-art-in-paris-5-gare-du-nord-quai-36/
https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/
https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

Der 2. Mai 2022, der Tag danach: Boulevard Voltaire/Paris 11ème.

Ich muss gestehen, dass ich den diesjährigen 1. Mai ganz unpolitisch verbracht habe: Nämlich mit einer Radtour ins Pariser Umland, um ein kleines privates Museum am Canal de l’Ourcq zu besuchen, das schon lange auf meiner „Wunschliste“ steht. Es hat aber nur ab und zu geöffnet – diesmal gerade am 1. Mai…

Dass es nun trotzdem diesen ganz ungeplanten und spontan erstellten Blog-Text zum 1. bzw. genauer: zum 2. Mai gibt, hat seinen Grund in diesem Zettel:

Ich entdeckte ihn zufällig am 2. Mai nachmittags an einer Immobilien-Agentur im Boulevard Voltaire: „Ihre Agentur bleibt geöffnet „noch mehr als gewöhnlich“.

Der Text sprach mich unmittelbar an. Er hing an der Fassade der Agentur, die völlig offen war:  Glas an der Schauseite gab es nicht, auch nicht in der Tür, durch die man treten konnte, ohne sie zu öffnen. Die Agentur war also in der Tat „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet – eine auch noch in  Anführungsstriche gesetzte und an dieser Stelle geradezu surrealistische Information….  

Drinnen saß ein junges Paar auf einer Couch – offensichtlich die Betreiber dieser Agentur. Der junge Mann wurde auf mich aufmerksam, trat vor bzw. durch die Tür und wir kamen ins Gespräch. Er war noch sichtlich erschüttert von dem, was sich tags zuvor abgespielt haben musste: Die massive Fensterfront der Agentur war völlig zerstört worden, was nur mit größter Gewaltanwendung und nur mit einigem Zeitaufwand möglich sei. Die Polizei habe nicht eingegriffen, was er aber im Prinzip richtig fand: Besser nur Sachschäden als Verletzte oder gar Tote….  Der bzw. die Vandalen hätten sich sogar noch die Zeit genommen, eine Informationstafel im Innern in ihrem Sinne umzugestalten: Statt des Angebots einer kostenlosen Bewertung von Immobilien der Aufruf zu Streik und die Proklamation von Anarchie.

Er habe ja viel Verständnis für die verbreitete Unzufriedenheit, wofür er das Wort „colère“ /Wut verwendete. Damit wird derzeit gerne die Befindlichkeit vieler Franzosen bezeichnet, und auch politische Aktivisten benutzen das Wort ausgiebig, um ihre Aktionen zu begründen.  Das aber, was da am 1. Mai geschehen sei, habe -so der junge Mann- nichts mehr mit einer verständlichen, legitimen Meinungsäußerung zu tun. Einige Randalierer hätten die Demonstration genutzt, um im Boulevard eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Darüber werde jetzt nur noch berichtet und gesprochen und nicht über die berechtigten Anliegen friedlicher Demonstranten. So war es denn ja auch.[1]

Und dann erklärte er mir die Anführungsstriche auf dem Zettel: Dass die Agentur „noch mehr als gewöhnlich“ geöffnet sei.  Dieser Ausdruck stamme aus London aus der Zeit des deutschen Bombardements der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Als er merkte, wie mich dieser Bezug berührte, empfahl er mir zum Abschied, mich doch etwas umzusehen. Auch wenn schon viel aufgeräumt worden sei – wie in seiner Agentur- würde ich da immer noch einen Eindruck von dem bekommen, was sich tags zuvor abgespielt habe.

Da wir Freunde erwarteten, hatte ich nur ganz wenig Zeit. Aber die 15 Minuten, die mir noch blieben, nutzte ich, um in der Umgebung der Agentur im Boulevard Voltaire Fotos zu machen. Hier einige Eindrücke:

Die Immobilien-Agentur la forêt

Am ärgsten betroffen waren vor allem Bankfilialen.

Werbung sei ein Akt der Gewalt. Sie zu zerstören ein Akt der Therapie.

Und darunter: „ein Reicher, eine Kugel, Gerechtigkeit“

„Das ist explodiert“

Dieser Geldautomat wurde vermutlich schon vorsorglich vernagelt. „Warum versteckst du dich?“  – Aber statt der Verbform von „cacher“ (sich verstecken) wird das englische Wort für Bargeld verwendet (cash)….

Die dazu passenden politischen Botschaften gibt es auch:

Der Kapitalismus als Ursprung des Zorns (la colère)

Gestern die Fensterscheibe, heute die Mauer, morgen Macron

Zwischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen: Wählen tötet

Die Jugend hat nichts mehr zu verlieren. Ihr habt uns unsere Zukunft gestohlen, wir zerstören eure Gegenwart.  Dem hat jemand hinzugefügt: Pardon, aber was tun?

Niederlassung der AXA-Versicherung im Boulevard Voltaire. Dort haben wir unsere staatlich vorgeschriebene Wohnungsversicherung abgeschlossen und sind wegen wiederholter -in Pariser Altbauten üblicher- Wasserschäden gut bekannt.  Hier haben die Vandalen nicht nur Schaufenster und Tür zerstört, sondern auch den Innenraum mit den Einrichtungsgegenständen verwüstet. Die Angestellten waren aber schon wieder notdürftig bei der Arbeit und freuten sich über mein „bon courage!“. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie gut versichert sind….

Der Boulevard Voltaire war deshalb besonders von den Zerstörungen betroffen, weil dies die klassische Demonstrationsroute zwischen der place de la Nation und der place de la République ist. Betroffen waren nicht nur Bankfilialen und Immobilienagenturen, sondern zum Beispiel auch diese Zeitarbeits-Agentur, die mit einer entsprechenden Aufschrift versehen wurde:

Schluss mit der Arbeit! (cramer = abfackeln, anzünden). In Brand gesteckt wurden am 1. Mai auch wieder einige Autos, die unvorsichtigerweise an der Demonstrationsmeile abgestellt waren. Aber auf dem kleinen von mir beobachteten Teilstück des Boulevard Voltaire war davon am 2. Mai nachmittags nichts (mehr) zu sehen.

Unübersehbar war dieser Bio-Laden. Der Pfeil (Bio für alle) zeigt auf die (zerstörte) Tür. Der Laden wurde am 1. Mai -entsprechend dieser Aufforderung- geplündert. Und dazu folgende Aufschrift:

Die Milliarden der Reichen sollen die Bio-Lebensmittel bezahlen. Dann wird sich der Zorn (natürlich auch hier: la colère) legen. Bio-Lebensmittel zugänglich für jedermann. Es lebe der freie Preis. Offenbar soll wohl jeder den Preis entrichten, den er bezahlen kann bzw. will. Die, die das Geschäft plünderten, gehörten offensichtlich zu denen, die nichts bezahlen wollten…

Hier mal ein Maiplakat der Gewerkschaft CGT mit der Aufforderung, sich für die Löhne, die Beschäftigung und den Frieden in der Welt zu engagieren.

75% der Franzosen sind der Meinung, dass ihre Kaufkraft sinkt. Sie haben 100% Recht. Mit der CGT für bessere Löhne

Ein Stopp-Schild für Le Pen: immerhin stehen jetzt Parlamentswahlen bevor.

Besonders schlimm und traurig, dass auch öffentliche Güter wie hier die Metro-Station Voltaire der Linie 9 verwüstet wurden.

Die Informationstafel mit dem Stadt- und Metro-Plan von Paris war stark beschädigt und abgeknickt. Sie wurde am nächsten Tag abmontiert. Dahinter der Zeitungskiosk…

… und daneben der Aufruf zur Erhaltung der öffentlichen Dienstleistungen….

Hart getroffen hat es auch den Zeitungskiosk: Das seien Verrückte gewesen, sagte der Zeitungshändler. Immerhin saß er aber am 3. Mai schon wieder in seinem notdürftig zusammengeflickten Kiosk, zeigte mir aber auf seinem Handy gerne Bilder vom Werk der „casseurs“.   Aber bei McDonald’s an der Ecke sei es noch schlimmer: Die ganze Einrichtung verwüstet. Man könne dort nicht mehr sitzen, es gäbe jetzt nur Straßenverkauf und die Schaufenster blieben wohl noch -in Erwartung möglicher weiterer Ausschreitungen- bis über den 8. Mai verrammelt.  2020, bei der großen Demonstration gegen die damals geplante Rentenreform waren die Fenster der  McDonald’s Filiale an der place Voltaire noch mit hunderten kleinen politischen Aufklebern beklebt worden. Das war damals sogar eine Attraktion gewesen und hatte etwas von Aktionskunst.[2]

Jetzt nur noch blinde Zerstörung. Es habe ausgesehen, als sei eine Bombe eingeschlagen, sagte der Zeitungsverkäufer.  Da sind wir wieder bei den Bomben wie am Anfang dieses kleinen Rundgangs….

Der abschließende Kurzkommentar des Zeitungshändlers: Le monde à l’envers…  Verkehrte Welt

Beeindruckend war aber auch, mit welcher Geschwindigkeit und Professionalität schon am 2. Mai die ärgsten Schäden beseitigt wurden oder sogar schon beseitigt worden waren.

Agentur der Versicherungsgesellschaft MAIF, Place Voltaire
Verpiss dich/fick dich MAIF! Es lebe die Demonstration

… und wie auch unter diesen teilweise extremen Bedingungen „business as usual“ praktiziert wurde. Das schien entsprechend eingespielt zu sein. Und es gab ja in der Vergangenheit schon genug Gelegenheiten, entsprechende Erfahrungen zu sammeln…

Trotz alledem also: Wir haben geöffnet oder mit einem schon klassischen Frankfurter Zitat: Lebbe geht weider… la vie continue…

Anmerkungen:

[1] Siehe z.B. https://www.leparisien.fr/faits-divers/1er-mai-vitrines-cassees-pompier-agresse-de-violents-heurts-en-marge-du-defile-a-paris-01-05-2022-VE7X5EONU5FD7MVDEIRPE2DHEE.php und https://www.lemonde.fr/politique/live/2022/05/01/1er-mai-en-direct-cortege-dense-a-paris-heurts-et-degradation-en-marge-de-la-manifestation_6124336_823448.html und https://www.lefigaro.fr/actualite-france/a-paris-tensions-et-debordements-en-marge-de-la-manifestation-du-1er-mai-20220501

[2] Siehe: https://paris-blog.org/2020/02/10/aktionskunst-im-rentenstreik-mcdo-paris-place-voltaire-6-2-2020/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Johann Gottfried Tulla, der Rheindompteur, in Paris

1824 richtete der badische Lokaldichter Dillmann die nachfolgende etwas ungelenke Huldigung an Johann Gottfried Tulla:

„Lob und Dank sei diesem Mann, der durch seinen weisen Plan,

den er nun zu Ende gebracht, uns vom Rhein hat freigemacht.“[1]

Damit rühmte er das Lebenswerk seines Landsmanns, des badischen Wasserbauingenieurs Johann Gottfried Tulla, den damals noch wilden, ungebändigten Rheinstroms zu „bändigen“. Ein Chronist des 19. Jahrhunderts schrieb über den Fluss, er sei „der schreckliche Feind, der nicht nachlässt zu toben, bis er nicht Land und Leute verdorben hat.“[2]

Um dem abzuhelfen, entwarf Tulla den umfassenden Plan einer „Rectification“ des Flusses. Damit sollten die ständigen Gefahren heftiger Hochwasser beseitigt, das natürliche Überschwemmungsgebiet des Rheins landwirtschaftlich und städtebaulich nutzbar gemacht und  am Oberrhein damals noch verbreitete Krankheiten wie Malaria und Typhus bekämpft werden. Die Begradigung und damit auch Verkürzung des Flusses sollte zudem die bessere Nutzung des Rheins als Wasserstraße ermöglichen.

Allerdings gab es auch Widerstand gegen Tullas Pläne: Bauern, die durch die von Tulla geplanten Durchstiche des Rheins ihr angestammtes Land verloren, beschimpften und bedrohten die Bauarbeiter und Ingenieure, sodass sogar das Militär zu deren Schutz eingesetzt werden musste.  Heute sind es vor allem ökologische Argumente, die gegen Tullas fortschrittsgläubiges Eingreifen in die Natur vorgebracht werden, wobei nicht alle Probleme des Rheins – wie zum Beispiel die industriebedingte Wasserverschmutzung- auf Tulla zurückzuführen sind.

Das Wirken Tullas und seine Bewertung erhielten in den letzten Jahren besondere mediale Aufmerksamkeit: 2017 jährte sich der Beginn der Rheinbegradigung zum 200. Mal,  2020  Tullas Geburtstag zum 250. Mal:  Anlässe für Presseberichte, einen Arte-Film und auch ein Buch über

„Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion.“[3]

Gegenstand des nachfolgenden Berichts ist allerdings nicht eine umfassende Darstellung und Würdigung des Tulla’schen Wirkens. Passend zu einem Paris- und Frankreich-Blog geht es hier um die Bedeutung, die Paris für Tulla hatte. Und diese Bedeutung ist sehr erheblich und vielfältig:

  • Tulla hat sich an der École polytechnique in Paris fortgebildet und dort wichtige Impulse für seine weitere Arbeit erhalten.
  • In Paris hat er seine erste große Denkschrift über die „Rectification“ des Rheins erstellt.
  • Die damals in Paris eingeführte nationale Maßeinheit des Meters hat Tulla angeregt, auch in seinem Heimatland Baden ein auf dem Dezimalsystem basierendes einheitliches Längenmaß einzuführen.
  • Es war auch in Paris, wo er sich -letztendlich allerdings erfolglos- von einem international bekannten Spezialisten für Blasenleiden hat behandeln lassen.
  • Im Zuge dieser Behandlung ist Tulla in Paris gestorben und auf dem Friedhof von Montmartre beigesetzt worden.
Der Wasserbauingenieur Johann Gottfried Tulla in badischer Offiziersuniform[4]

Studium an der École Polytechnique

Tulla wurde vor allem an der Bergakademie im sächsischen Freiberg ausgebildet, wo er von 1794 bis 1796 studierte. Danach erhielt er eine Anstellung im badischen Staatsdienst und spezialisierte sich auf den am Rhein besonders wichtigen Bereich des Flussbaus. In diesem Zusammenhang wurde  er 1801 nach Paris beordert. Die Rheinbegradigung war das größte damalige Bauprojekt Europas, ja „die gesamte Begradigung des Oberrheins gilt bis heute als größte, je vom Menschen erbrachte Erdbewegung in Mitteleuropa“! [4a] Und es war ein grenzüberschreitendes Projekt, das nicht nur Baden, Hessen und die zu Bayern gehörende Pfalz betraf, sondern auch Frankreich. Tulla sollte also seine Sprachkenntnisse verbessern, um sich  mit  den  französischen  Kollegen  adäquat auseinandersetzen zu können. Und er sollte an der von Napoleon gegründeten Pariser  École polytechnique, der besten damaligen naturwissenschaftlichen Hochschule Frankreichs, das französische Ingenieurwesen kennenlernen.[5]

Portal des ursprünglichen Sitzes der École Polytechnique placette Jacqueline-de-Romilly (Paris, 5e)  Foto: Wolf Jöckel

Tulla war einer der ersten Auslandsstudenten an der Ecole Polytechnique, zusammen mit dem Naturforscher Alexander von Humboldt und dem italienischen Physiker Alessandro Volta.

Pavillon Joffre am traditionellen Sitz der École Polytechnique (Paris, 5. Arrondissement) mit dem Leitspruch Pour la Patrie, les Sciences et la Gloire. (Für das Vaterland, die Wissenschaften und den Ruhm)

Den Vorlesungen an der École Polytechnique konnte Tulla aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse zur bedingt folgen. Aber er verinnerlichte das an der Pariser Hochschule praktizierte System der Verbindung von Theorie und Praxis, das er später als Vorbild für die von ihm gegründete Karlsruher Ingenieurschule -dem Vorläufer des heutigen Karlsruher Instituts für Technologie (KIT)- nutzte.

Relief am Portal der École Polytechnique  Foto: Wolf Jöckel

An der École Polytechnique begegnete Tulla auch Gaspard Monge, dem damals europaweit bekannten Autor der darstellenden Geometrie und einem der Gründungsväter der Schule.  Angeregt durch seine Pariser Studien übertrug Tulla die mathematischen Regeln auf die Konstruktion von Uferbestigungen (Faschinenbau).  

Johann Gottfried Tulla nutzte für die Vermessungsarbeiten am Rhein die modernsten Messgeräte seiner Zeit. Steffen Schroeder als Tulla im Arte-Film „Der Flussbaumeister. Wie Tulla den Rhein begradigte“  © Foto: arte

Die Einführung eines einheitlichen Maßes in Baden nach französischem Vorbild

Tullas Plan einer Rectification des Rheins hatte eine neue Vermessung und genaue Kartographierung des Landes zur Voraussetzung.  Das war insofern ein Problem, als durch die napoleonischen Neuordnungen Baden um ein Vielfaches erweitert wurde und die verschiedenen Landesteile des neugeschaffenen Großherzogtums unterschiedliche Maßeinheiten hatten. Da gab es – um nur einige zu nennen- den badischen, Mannheimer, rheinländischen, Nürnberger und bayerischen Fuß, den Röttler und den Badenweiler und Hochberger Juchert.. [5a] Deren Vereinheitlichung war unerlässlich und Frankreich diente dabei Tulla als Vorbild.

Dort hatte es nämlich bis zur Revolution von 1789 ebenfalls eine Vielzahl unterschiedlicher Maße und Gewichte gegeben- eine Handel und Gewerbe beeinträchtigende Begleiterscheinung des Feudalsystems. In den Beschwerdeheften (Cahiers de Doléances) für die Abgeordneten der Generalstände von 1789 spielte dieses Thema eine wesentliche Rolle. Die Nationalversammlung nahm denn auch eine Vereinheitlichung als wesentlichen Beitrag zur nationalen Einheit in Angriff. Entsprechend dem universalistischen Geist der Aufklärungsphilosophie, die ja auch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte prägte, sollte das neue System allerdings nicht nur für das revolutionäre Frankreich, sondern für alle Länder und Zeiten („à tous les temps, à tous les peuples“) Bestand haben.

Mit Gesetz vom 7. April 1795 (18 germinal an III) wurde eine einheitliche Maßeinheit für ganz Frankreich eingeführt, das mètre étalon. 1796/97 wurden solche von Chalgrin, dem späteren Architekten des Arc de Triomphe, entworfenen Urmeter im ganzen Land an einer Vielzahl von  öffentlichen Orten installiert.[6] In Paris waren es ursprünglich 16 Urmeter, von denen zwei erhalten sind. Das eine befindet sich noch am ursprünglichen Ort in der rue Vaugirard Nummer 36 gegenüber dem Palais du Luxembourg.

Foto: Wolf Jöckel

Das zweite noch erhaltene ist  -vermutlich seit 1848-  am Sitz des Justizministeriums an der Place Vendôme Nummer 13 installiert.[7]

Foto: Wolf Jöckel

Auf diesem Urmeter ist gut zu erkennen, dass es sich bei der neuen Maßeinheit um ein Dezimalsystem handelt, eine revolutionäre Neuerung.  

Ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Paris wurde der mittlerweile 34­-Jährige zum Oberingenieur ernannt. Es wurden ihm die seinem Rang entsprechenden Aufgaben übertragen. Dazu gehörte auch die Mitarbeit im Gremium zur Vereinheitlichung der Maße und Gewichte im Großherzogtum Baden. Dabei gab es zwei Leitlinien: Das bisher gebräuchliche Doudezimalsystem sollte durch das in Frankreich etablierte Dezimalsystem ersetzt werden, das gerade für die Ingenieure und damit auch die Rheinkorrektur ein erheblicher Fortschritt war. Auch der Meter als Maßeinheit nach französischem Vorbild bot sich an. Allerdings „war die Nachahmung des französischen Vorbildes politisch unerwünscht. Tulla umging die politische Hürde, indem er das neue badische Maß am Meter ausrichtete, diesen jedoch nicht einfach übernahm.“[8] Die neue badische Ruthe, eingeteilt in zehn Fuß, entsprach drei französischen Metern und der neue badische Fuß, eingeteilt in 10 Zoll- entsprach dementsprechend drei französischen Dezimetern.[9]

 Jetzt mussten allerdings die neuen Maße und Gewichte der Bevölkerung vermittelt werden. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte Johann Peter Hebel mit seiner Kalendergeschichte „Des Adjunkts Standrede über das neue Maß und Gewicht“ aus dem Jahr 1812. Der Beamten-Gehilfe steht in einem Wirtshaus auf einem Stuhl und erläutert sehr anschaulich den Anwesenden die Vorteile des neuen Systems:

Erstlich, so war’s bisher in jeder Herrschaft, in jedem Städtlein anders, andre Ellen, andre Schoppen, andre Simri oder Sester, anderes Gewicht. Jetzt wird alles gleich von Überlingen oder Konstanz an, am großen See, bis nach Lörrach im Wiesenkreis und von da durch das ganze Land hinab bis nach Wertheim im Frankenland. Niemand kann mehr irregeführt werden, wie bisher, wenn er an einen fremden Ort kommt und fragt: „Wie teuer die Elle Tuch, oder der Vierling Käs?“ Der Wirt sagt: „So und so viel.“ Wenn er nun meint, hier sei der Käs wohlfeil, und sagt: „Wißt Ihr was? bringt mir lieber ein halbes Pfund“, so bekommt er leichteres Gewicht, und der Käs ist teurer als daheim. Das geht in Zukunft nicht mehr an. Ja es kann alsdann jeder Händler durch das ganze Land seine Elle und seinen Pfundstein selber mit sich führen, ist er in Überlingen probat, so ist er’s auch in Wertheim. [10]

Besonders schön auch die volkstümliche Begründung für die Einführung des Dezimalsystems:

Der große Vorteil aber, der durch die neue Einteilung der Maße gewonnen wird, zeigt sich im Rechnen, weil alles in 10 Teile geht, und keine ungeraden Zahlen oder Brüche im Multiplizieren oder Dividieren zu fürchten sind. Als nämlich noch keine Rechnungstafeln, kein Einmaleins, kein Schulmeister und kein Herr Provisor im Land war, zählten unsere Uraltem an den Fingern. Einmal 10, zweimal 10, dreimal 10; – bis auf zehnmal zehn usw. Daher entstanden die Hauptzahlen 10, 20, 30 und bis auf 100. Item 10 mal 100 ist tausend;
10 mal 1000 ist 10 000 und so weiter. Demnach so ist diese Rechnungsart die natürlichste und ist dem Menschen schon im Mutterleib mit seinen Fingern angewachsen und angeboren und unsere Alten haben’s wohl verstanden mit ihren 3 alten Zahlen, als da sind I und V und X. Solches kommt auch von den Fingern her.

Allerdings dauerte es noch bis 1827, bis das neue System im ganzen Großherzogtum Baden eingeführt war.

Vielleicht trug auch die Erfahrung des revolutionären Frankreichs dazu bei, dass sich Tulla für die Abschaffung der Frondienste einsetzte. Schon 1807, bald nach seiner Rückkehr aus Paris, verfasste er eine Denkschrift, in der er vorrechnete, „dass im Frondienst erstellte Flussbauten um ein Fünftel teurer wären als die im Taglohn ausgeführten Arbeiten. Die Abneigung der zum Frondienst Verpflichteten führe zu unzureichender Arbeitsleistung. In Vorträgen warb Tulla für seine Ansichten, was schließlich zum Erfolg führte.“  In einem Erlass vom14. Mai 1816 wurden in Baden die Flussbaufronden aufgehoben und durch ein vom Land aufgebrachtes Flussbaugeld ersetzt.[11]

1827 Ernennung zum Offizier der französischen Ehrenlegion

Am 21. August 1827 wurde „Jean Godefroi“ Tulla zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Gerade für einen Ausländer war dies eine besondere Ehre,  wurden mit der Ehrenlegion doch besondere Verdienste für die Nation  (services éminents à la Nation) gewürdigt. Aber die Rheinkorrektur war ja nicht nur für die angrenzenden deutschen Staaten, sondern auch für das zu Frankreich gehörende Elsass von besonderer Bedeutung. Anlass der Würdigung war der Abschluss eines Grenzvertrags zwischen Baden und Frankreich: Im Zuge der Rheinregulierung musste ja die Grenze neu festgelegt werden, und dies war auch dauerhaft möglich, weil der Lauf des Rheins jetzt den Plänen der Wasserbau-Ingenieure, vor allem Tullas, folgte und nicht mehr den Launen der Natur.

Verleihungsurkunde der Ehrenlegion für Tulla,  colonel,  Directeur des Ponts et Chaussees du Grand-Duché de Bade vom 21. August 1827[12]

Die Ehrenlegion war 1802 von Napoleon, damals 1. Konsul, gegründet worden, wurde aber nach seinem Sturz von dem Bourbonen-König Ludwig  XVIII. weitergeführt. Jetzt allerdings als königlicher Orden. Da wurde dann natürlich das Bild Napoleons ersetzt durch das des ersten Bourbonen-Königs Heinrich IV. bzw. der napoleonische Adler durch die Bourbonen-Lilien.[13]

In der relativ friedlichen Restaurations-Zeit wurden immer mehr bedeutende Zivilisten mit der Ehrenlegion ausgezeichnet, darunter Victor Hugo (im Alter von 23 Jahren!), Lamartine, Chateaubriand und Jean-François Champollion, dem die Entzifferung der ersten Hieroglyphen gelang: Da befand sich Tulla also in bester Gesellschaft.

Auf dem oben abgebildeten Portrait Tullas – hier ein entsprechender Ausschnitt- ist der Orden der Ehrenlegion gut zu erkennen: Er hängt neben dem ganz links befestigten badischen Verdienstorden (dem Orden des Zähringer Löwen), der Tulla noch einen Monat vor seinem Tod von seinem Landesherren verliehen worden war. Die Erfahrung habe „die Richtigkeit Ihrer Vorschläge wegen der Rheinrectification“ bewiesen.[14]  Ganz rechts hängt der Verdienstorden der Bayerischen Krone, halbrechts der russische Orden des Heiligen Wladimir. Den hatte er 1814 erhalten, weil er mit vom ihm geleiteten Straßenbaumaßnahmen den Übergang der im Kampf gegen Napoleon verbündeten Armeen, also auch der russischen, über den Rhein südlich von Straßburg  erleichtert hatte.[15]  

Behandlung bei Dr. Civiale im hôpital Necker und Tod in Paris

Tulla hatte schon seit seinem Pariser Studienaufenthalt mit gesundheitlichen Beschwerden zu tun. Ende der 1820-er Jahre verschlechterte sich aber sein Gesundheitszustand zunehmend. Auch eine längere Arbeitspause und ein Kuraufenthalt konnten daran nichts ändern. Als Ursache  seiner vielfältigen  Beschwerden wurden schließlich Blasensteine  festgestellt und er wurde 1827 zur Behandlung an den damals besten urologischen Facharzt Jean Civiale nach Paris überwiesen. Der arbeitete an dem 1778 gegründeten und sehr fortschrittlichen hôpital Necker: Es war das erste Pariser Krankenhaus, in dem jeder Patient ein eigenes Bett zur Verfügung hatte.[16]

Eingang des Krankenhauses, rue de Sèvres, 15. Arrondissement  Foto: Wolf Jöckel

Civiale hatte eine neue Methode der Beseitigung von Blasensteinen erfunden:  Es handelte sich um eine nicht-invasive bzw. minimal-invasive Technik der Lithotripsie, bei der die Blasensteine in der Harnblase durch ein spezielles durch die Harnröhre eingeführtes Instrument zertrümmert wurden. Civiale war die international anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet: 1827 hatte er ein Buch über seine Methode veröffentlicht, das zum Standardwerk  wurde,  1826 und 1827 war er für seine Erfindung und die Vielzahl der mit ihr praktizierten erfolgreichen Operationen (insgesamt etwa 1500) vom Institut royal de France ausgezeichnet worden. [17] Auch aus dem Ausland kamen Patienten nach Paris, um von ihm operiert zu werden. So auch der Astronom Franz Xaver von Zach, Lehrer des Mathematikers Gauß und Alexander von Humboldts, der in einem Brief aus Paris schrieb:

„Ein neuer Beweis, wenn es noch einen bedarf, dass Civiale’s Methode unfehlbar, und unübertreffbar ist, bewährt sich nun abermal, an den Baadischen Ingieurs-Obrist Tulla aus Carlsruhe, welcher auf mein Anrathen und Zureden hierher gekommen ist, um sich von Civiale operieren zu lassen. Er ist mein Nachbar, und logirt in einer Stube neben mir.“

Die ersten Behandlungen zur Zertrümmerung der Steine seien sehr erfolgreich gewesen, bald werde Tulla wieder „ganz hergestellt“ sein. Auch Tulla selbst war sehr überzeugt von der Methode Civiales. Er schickte Operationsbestecke in die Heimat, „dass man nicht genöthigt werden wird nach Paris zu gehen um sich von den Steinen befreyen zu lassen.“ Anfang Februar 1827 schrieb er in einem Brief:

„Ich sehe nun dem Ende meiner Kur getrost entgegen und hoffe, dass solches in künftiger Woche erfolgen dürfte. Nach Beendigung meiner Kur werde ich noch 4 Wochen  hier verbleiben und dann meine Rückreise antreten.“

Dann allerdings verschlechterte sich Tullas Gesundheitszustand und er verstarb am 27. März 1828. „Um den Verdacht, der Tod wäre als Folge der Blasenoperationen aufgetreten, auszuräumen, obduzierte Civiale den Leichnam Tullas und stellte krampfhafte Erstickungsanfälle als Todesursache fest.“ Diese Diagnose übernahm dann auch Philipp Jacob Scheffel in seinem Nekrolog auf Tulla. [18] Durch das Internet geistert auch die Version, Tulla sei der Malariakrankheit erlegen – so sogar in einem professoralen Fachbeitrag des Universitätsklinikums Heidelberg![19]  Es wäre ja auch in der Tat eine Ironie des Schicksals, wenn Tulla gerade an der Krankheit gestorben wäre, die er mit seinem Lebensprojekt bekämpfen wollte.[20]

Heute ist das hôpital Necker eine Kinderklinik. Dazu passend der von Keith Haring bemalte Turm.  Foto: Wolf Jöckel

Das Grabmal auf dem Friedhof von Montmartre 

Tulla wurde auf dem Friedhof Montmartre in Paris beigesetzt und seine Grabstelle kaufte die badische Landesregierung „auf ewig“. Sie liegt, problemlos zu finden, in der ersten Gräberlinie der Avenue Berlioz, an der Ecke der 26. Division. Ganz in der Nähe übrigens, ebenfalls an der Avenue Berlioz, in der 27. Division liegt übrigens das Grab von Heinrich Heine. [20a]

Foto: Wolf Jöckel

Inzwischen steht das Grabmal nicht mehr so frei wie auf der zeitgenössischen Abbildung[21] und die Inschrift auf der Schauseite ist stark verwittert.

Foto: Wolf Jöckel

Nachfolgend der Text der Würdigung auf der Schauseite. Es werden Tullas Rang (Oberst), seine -in französischer Terminologie bezeichnete Funktion (Generaldirektor „der Brücken und Straßen“, was aber in Baden auch den Wasserbau einschloss), seine vier Orden und die Geburts- und Sterbedaten mit den entsprechenden Orten genannt:

JEAN GODEFROY TULLA,

colonel, directeur général / des ponts et chaussées / du grand-duché de bade,

chevalier de l’ordre grand-ducal / du lion de zaehringen / officier de l’ordre royal de la légion-d’honneur,

chevalier de l’ordre impérial de st wladimir de russie/ et de l’ordre royal de la couronne de bavière,

né a carlsruhe le 20 mars 1770

décédé à Paris le 27 mars 1828.[22]

Auf der Rückseite des Grabmals wird mitgeteilt, dass es von den badischen Freunden Tullas errichtet worden sei, um seine „Talente, Redlichkeit und Verdienste“ zu würdigen.

Hommage / rendu à la mémoire / des talents, de la probité  / et du mérite / du défunt / par ses amis/

dans le grand-duché de bade. Foto: Wolf Jöckel

Foto: Wolf Jöckel

Das Relief auf dem Grabstein zeigt einen Plan mit einem wild mäandernden Rheinabschnitt und dem begradigten „Neurhein“. Dabei soll es sich um das „Altriper Eck“ handeln, einen der technisch schwierigsten Abschnitte der Rheinbegradigung nahe dem pfälzischen Dorf Altrip südlich von Mannheim.[23] Es war der letzte Abschnitt der von Tulla geplanten Rheinkorrektur zwischen Basel und Mannheim mit seinen insgesamt 18 Durchtrennungen von Rheinschlingen. Erst 1865, also 40 Jahre nach Tullas ersten Plänen, fand hier der erste Spatenstich statt und erst 1874 war das Werk vollendet: Also gewissermaßen Tullas Vermächtnis.[24]

In einem nachfolgenden Beitrag wird es um das zwischen Mainz und Mannheim gelegene Naturschutzgebiet „Kühkopf“ gehen: Die „Rectificationen“ des Rheins haben nicht nur natürliche Lebensräume zerstört, sondern auch Inseln der ursprünglichen Rheinauen wie den „Kühkopf“ geschaffen.

Literatur

Johann Gottfried Tulla, Ueber die Rektifikation des Rheins: von seinem Austritt aus der Schweitz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogthum Hessen. Karlsruhe: Müller 1825  https://digital.blb-karlsruhe.de/blbihd/content/titleinfo/5654478

Franz Littmann, Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion. Neulingen: J.S. Klotz Verlagshaus 2020

Norbert Rösch, Die Rheinbegradigung durch Johann Gottfried Tulla.   
zfv – Zeitschrift für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement  4/2009    

Philipp Jakob Scheffel, Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla: gestorben in Paris am 27. März 1828. Karlsruhe 1830  Inhouse-Digitalisierung / Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla (blb-karlsruhe.de)

Nicolle Zerratin und Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla. Beiträge zur Stadtgeschichte, Rastatt 2015


Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Anmerkungen

[1] Zitiert in: Johann Gottfried Tulla. 20.3.1770 – 27.3.1828  Ansprachen und Vorträge zur Gedenkfeier und Internationalen Fachtagung über Flußregulierungen aus Anlaß des 200. Geburtstages. Karlsruhe 9.-11.1970. Karlsruhe 1970

Beitragsbild: Grabinschrift mit französischen Vornamen vom Friedhof Montmartre. Foto: Wolf Jöckel

[2] https://www.planet-schule.de/wissenspool/lebensraeume-im-fluss/inhalt/hintergrund/mensch-und-fluss/rheinbegradigung-i.html

[3] Franz Littmann, Johann Gottfried Tulla und die Geschichte der Rheinkorrektion. Neulingen: J.S. Klotz Verlagshaus 2020

Der Flussbaumeister. Wie Tulla den Rhein begradigte. Arte August 2021

[4] Bild aus: https://www.karlsruhe.de/b1/stadtgeschichte/stadtmuseum/tulla.de

  Stadtarchiv Karlsruhe 8PBS III 1880

[4a] Informationstafel Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf

[5] Norbert Rösch, Die Rheinbegradigung durch Johann Gottfried Tulla.  Zfv
zfv – Zeitschrift für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement  4/2009  134. Jahrgang, S. 242–248

[5a] Eberhard Henze, Technik und Humanität. Johann Gottfried Tulla. Mannheim 1989, S. 16

[6] https://metrologie.entreprises.gouv.fr/fr/la-metrologie/point-d-histoire/histoire-du-metre

[7] http://www.justice.gouv.fr/histoire-et-patrimoine-10050/le-metre-etalon-de-la-place-vendome-restaure-et-reinstalle-33912.html  

[8] Zarratin, S. 16 und Littmann, S. 24

[9] In Hessen übrigens hatte man die politischen Vorbehalte gegenüber dem französischen Maßsystem offenbar nicht: Da entschied der Darmstädter Großherzog „dass das ganze französische Maß und Gewicht System hier eingeführt werden soll, und dass dazu die genauest abgegliechenen Exemplare jetzt aus Paris verschickt sind.“Siehe Zarratin, S. 16/17. Zitiert aus einem Brief von Carl Kroencke, dem Wasserbauingenieur im Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Kroencke setzte in Hessen die von Tulla in Baden begonnene Rheinbegradigung fort.

[10] Text und Bild aus: http:/hausen.pcom.de/jphebel/geschichten/ajunkt_standrede_ma%C3%9F_gewicht.htm

[11]  Zerratin/Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla,  S.18

[12] https://www.leonore.archives-nationales.culture.gouv.fr/ui/  und https://www.leonore.archives-nationales.culture.gouv.fr/ui/notice/363977

[13] https://www.proantic.com/display.php?id=229038

[14] Aus der Begründung der Ordensverleihung. Zitiert bei Zerratin/ Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla. S. 28/29

[15] Dieser Orden wurde auch oft an Ausländer -vor allem Preußen- verliehen. Im Verzeichnis der Träger des Ordens von Wikipedia ist Tulla allerdings nicht enthalten. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kategorie:Tr%C3%A4ger_des_Ordens_des_Heiligen_Wladimir&pageuntil=Strantz%2C+Gustav+Adolf+von%0AGustav+Adolf+von+Strantz#mw-pages

[16] https://histoire.inserm.fr/les-lieux/hopital-necker-enfants-malades 30. 8. 2019

[17] Von der Lithotritie oder Zerreibung des Steines in der Blase. Dr. Giviale Paris 1827.

Im Nouveau Dictionnaire de Médecine, Chirurgie etc (2. Band, Paris 1826) wird auf die Publikationen Civiales und seine Auszeichnungen und Erfolge verwiesen.

[18] Zerratin/ Reiner Boos, Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tulla, S. 26. Dort auch die Zitate von Zach und Tulla.

Philipp Jakob Scheffel, Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla, S. 19

[19]  Kommt die Malaria zurück in den Rhein-Neckar-Raum? – Klinikticker Online   

[20] Ironie du sort, l’ingénieur allemand succombe en 1828 à l’un des ennemis qu’il combattait : le paludisme.   https://www.telepro.be/decouverte/lhomme-qui-raccourcit-le-rhin.html

[20a] Siehe den Blog-Beitrag zu Heine: https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[21] Les principaux monuments funéraires/Tulla – Wikisource

[22]  Grabinschriften weitgehend übernommen aus: https://fr.wikisource.org/wiki/Les_principaux_monuments_fun%C3%A9raires/Tulla  

[23] https://wiki.edu.vn/wiki64/2022/02/13/johann-gottfried-tulla-wikipedia/  

[24] http://www.hgv-altrip.de/index.php/heimat-und-geschichte/alle-beitraege/1109-die-kuerzeste-und-schwierigste-korrektur-des-rheins.html

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Das Château Rosa Bonheur in By bei Paris

Naturparadies aus Menschenhand: Das Europareservat Kühkopf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst.

Anlass für diesen Beitrag ist Luise Straus-Ernsts „Zauberkreis Paris“, ein kürzlich zum ersten Mal in Buchform veröffentlichter „Roman aus dem Exil“.  Der Text wurde 1934/1935 in der Exilzeitung „Pariser Tageblatt“ in 38 Folgen als Fortsetzungsroman veröffentlicht und ist jetzt auch einem breiten Leserkreis zugänglich:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Dass jetzt der „Zauberkreis Paris“ Thema eines Beitrags auf diesem Blog ist, hat mehrere Gründe:

  • Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs. (Siehe unten die entsprechende Zusammenstellung). Insofern ergänzt und bereichert der nachfolgende Beitrag diesen Themenbereich.
  • Der Roman spiegelt die Faszination wider, die die Stadt Paris auf viele Emigranten ausübte.
  • Er beleuchtet aber auch in aller Deutlichkeit die Probleme, die gerade weniger prominente Emigranten hatten, dort Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz aufzubauen.
  • Er ist auch die Geschichte der Emanzipation einer Frau, die gezwungenermaßen ihren eigenen Weg sucht und findet.
  • Und es ist schließlich ein Roman mit vielfachen autobiographischen Bezügen, geschrieben von einer faszinierenden Frau, die als „Notre Dame de Dada“ und erste Frau des Malers Max Ernst in Köln lebte, dann als Jüdin zunächst in Paris, dann in Südfrankreich Zuflucht suchte, aber kurz vor der Befreiung Frankreichs noch verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

In dem Roman gehören der kommunistisch orientierte Journalist Peter Krimmer und die aus einer jüdischen Familie abstammende Ulla  Frankfurter  zu den deutschen Flüchtlingen,  die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme  „in hellen Scharen nach Paris hereinströmten“ (Traumland Paris, S. 28). Paris übt auf sie eine unvergleichliche Faszination aus:

„Dieses Mal allerdings ging man anders an diese unendliche Stadt Paris heran als bisher in karg bemessenen Ferienwochen. Museen und Ausstellungen, Schlösser und Bibliotheken – dies alles eilte nicht, das blieb ja, dazu kam man immer noch. Dinge, zu denen früher nie Zeit gewesen war, sollten nun endlich an die Reihe kommen. – In Parks zu sitzen und die Stunden verrinnen zu fühlen, umstrahlt von dem unvergleichlichen Licht des Luxembourg-Gartens oder eingefriedet von dem koketten Ruinenzauber des Parc Monceau oder im heiteren Entzücken der Vorstadtromantik in den Buttes-Chaumont. – das war etwas! — “ (Traumland, S. 24/25).  Und dann gibt es ja noch die Rue Mouffetard, die Seine-Quais mit den Bouqinistes und den Clochards,  den Flohmarkt, das Judenviertel oder einen Bal-musette: Fast macht das den Eindruck, als habe Luise Straus-Ernst den deutschen Neuankömmlingen in Paris einige- in das Traumland-Bild passende-  touristische Tipps für die Erkundung der Stadt geben wollen.

Und dazu gibt es noch praktische Hinweise auf französische Besonderheiten. Das passte zu der redaktionellen Linie des Pariser Tageblatts, das sich bemühte, seinen Leserinnen und Lesern Orientierungshilfe im fremden und ungewohnten Pariser Alltag zu geben. [1]

So schreibt Peter in einem Brief an die noch nicht nach Paris emigrierte Ulla:

„Ich sitze hier sozusagen mitten auf der Straße, an einem runden Tischchen, auf dem Kaffee in einem Glase steht, ja, wirklich in einem Glas mit Fuß auf einem kleinen Teller, der den Preis des Getränks gleich aufgedruckt trägt. Wenn es mir Spaß mache, den ganzen Nachmittag und Abend vor diesem einzigen Glas  zu sitzen, wird mich niemand daran hindern, kein Kellner mich schief ansehen. Wenn es mir aber einfallen sollte fortzugehen, dann kann ich das ebenso unbelästigt tun. Ich lege die aufgedruckte Summe und ein kleines Trinkgeld auf den Teller und verschwinde. Niemand außer dem Kellner, den es angeht, wird es sich einfallen lassen, dieses Geld wegzunehmen.“ (Zauberkreis Paris, S. 40)

Und als dann auch Ulla in Paris angekommen ist, wird über deren Café-Erfahrungen berichtet:

„Sie frühstückte auf der Terrasse eines kleinen Cafés an der nächsten Ecke und freute sich am Sonnenschein, bemerkte allerdings zu spät, dass die meisten Leute ihren Café crème und ihre Croissants im Stehen an der Bar einnahmen. Das würde sie von morgen auch tun. Diese eilige eigentlich gar nicht pariserische Art, eine Mahlzeit einzunehmen, gefiel ihr. Übrigens war es auf diese Weise ja auch billiger, und darauf würde man sehr zu achten haben.“ (Zauberkreis Paris, S. 68)

Die Pariser Cafés hatten, das wird hier deutlich, eine eminente Bedeutung gerade für die Emigranten. Denn die meisten wohnten beengt und wenig komfortabel. Man vermochte es also nicht, „die kahlen Wände und kümmerlichen Draperien der Hotelzimmer mit dem Rauschen der Wasserleitungen auf die Dauer zu ertragen.“ (Traumland Paris, S.29). Da waren die Cafés ein willkommener Ausweichort und auch ein wichtiger Treffpunkt: für „Ärzte, Anwälte, Kaufleute“ eher die Cafés der Champs-Élysées, für die ärmeren Intellektuellen die Cafés von Montparnasse. „Von den Cafés beider Gegenden erzählte man den gleichen Witz, es habe sich dort -im Dôme [2] oder im Colisée- ein Franzose erschossen, aus Heimweh.“ (Zauberkreis Paris, S. 30)

Luise Straus-Ernst schildert in ihrem Roman am Beispiel der beiden Protagonisten aber auch die Schwierigkeiten und Nöte der deutschen Emigranten in Paris. Da gibt es Komitees, „die sich zu rascher Hilfeleistung überall aufgetan hatten.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Das wichtigste Flüchtlingskomitee war das Comité national de secours aux refugiés allemands victimes de l’antisemitisme, das mit französischen, amerikanischen und englischen Spendengeldern finanziert wurde.[3] Vielleicht war es dieses Komitee, von dem in dem Roman die Rede ist:

 „Peter hatte in den ersten Tagen eine solche Stelle aufgesucht in der vagen Hoffnung, man werde ihm hier eine Arbeitsmöglichkeit nachweisen. Aber für die Kenntnisse, die er angegeben hatte, gab es keinerlei Verwendung. Ein Uhrmacher wurde gesucht, mehrere Sattler. Eine wohlmeinende Komiteedame machte auf einen Schriftsetzerposten bei einem hebräisch gedruckten Blatt aufmerksam und war beinahe gekränkt, als Peter ihr den Unterschied zwischen Schriftsetzer und Schriftsteller klarzumachen suchte.“ (Zauberkreis Paris, S. 28)

Bei seinen Versuchen, Beiträge in der französischen Presse unterzubringen, wird er auf vielfache Weise hingehalten:

„Dies alles war nicht einmal Bosheit oder Schikane. Es waren die Höflichkeitsformen eines fremden Landes, an die man sich gewöhnt hatte. Man sagte hier niemals: Nein. Man lehnte nichts ab. Man half sich eben mit mehr oder weniger vagen Versprechungen und dachte gar nicht daran, jemals beim Wort genommen zu werden.“ (Traumland Paris, S. 32/33). Das ist übrigens genau der Hinweis, den uns vor Jahren bei unserer Installation in Paris ein schon lange dort lebender deutscher Freund gegeben hatte. Und seitdem haben wir eine ganze Reihe von entsprechenden eigenen Erfahrungen gemacht….

Dies gilt auch für Ulla, aber sie ist bereit, jede Stelle anzunehmen; und für Frauen, die als Sekretärinnen und Kindermädchen zu verwenden waren, findet sich eher eine Stelle als für junge Männer. Da sie aber keine offizielle Arbeitserlaubnis besitzt, sind das meistens nur kurzfristige Beschäftigungen. (Zauberkreis Paris, S. 120)

Einmal findet sie „eine Ferienvertretung für die Stenotypistin eines großen Herrenmodenhauses“, eine „angenehme und gut bezahlte Tätigkeit“:

„Die Vertretung hatte einen Monat dauern sollen, bot also für die derzeitigen Verhältnisse eine geradezu fantastische Sicherheit. Aber am fünften oder sechsten Tag fragte der Bürovorsteher Ulla  nach ihrer Arbeitskarte. Sie besaß natürlich keine, war erstaunt, dass sie selbst für eine so vorübergehende Beschäftigung verlangt würde. Nun, die Chefs hatten keine Lust, sich für die Gutmütigkeit, mit der sie einen Flüchtling beschäftigten, auch noch strafbar zu machen. Am Abend wurde Ulla ausgezahlt und brauchte nicht mehr wiederzukommen.“ (Zauberkreis Paris, S. 91/93)

Aber Ulla gibt nicht auf, anders als viele Männer, die -im früheren Leben erfolgreiche und respektierte Persönlichkeiten- den sozialen Abstieg im Exil nicht bewältigen können. Zu ihnen gehört auch der ehemals so erfolgreiche Journalist Peter Krimmer, der in Paris nicht Fuß fassen kann, durch eine mysteriöse Russin in eine Spionageaffäre hineingerät und schließlich Selbstmord begeht.

In der Dreieckskonstellation von Peter Krimmer, der verführerischen Russin Borja Toronoff und Ulla Frankfurter hat Luise Straus-Ernst die offenbar unbewältigte Urszene ihres Lebens wiederholt: Die Verbindung von Max Ernst mit Gala Éluard, an der ihre Ehe gescheitert war.[4]

Luise Straus-Ernst hatte Max Ernst 1913 beim gemeinsamen Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bonn kennengelernt. Während Max Ernst nach dem Kriegsdienst sein Studium abbrach, um im Kreis des rheinischen Expressionismus um August Macke als freier Künstler zu arbeiten, wurde Luise als eine der ersten Frauen 1917 promoviert, arbeitete am Kölner Wallraf-Richartz-Museum  und übernahm 1919 sogar für ein Jahr dessen kommissarische Leitung, die sie allerdings aufgab, weil sie als Frau nicht die geringste Chance hatte, dauerhaft diese Stellung zu behalten.[5]

Hanns Bolz, Bildnis Louise Straus-Ernst. Vor 1918[6]

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spielte sie in der dadaistischen Szene von Köln eine wesentliche Rolle. Max Ernst bezeichnete sie als „Amanda von Duldgedalzen, genannt die dadaistische Rosa Bonheur“ (Name einer emanzipierten französischen Tiermalerin des 19. Jahrhunderts [6a]), ihre Biographin Eva Weissweiler nannte sie die „Notre Dame de Dada“.

Zwischen der Kölner und der Pariser Dadaisten-Szene gab es enge Verbindungen: Im November 1921 besuchte Paul Éluard mit seiner russischen Frau Gala das Ehepaar Ernst in Köln. Es begann eine enge Zusammenarbeit zwischen dem französischen Lyriker und dem deutschen Maler. Und es begann eine Liebesbeziehung zwischen Gala Éluard und Max Ernst, der schließlich nach Paris übersiedelte, um in einer offenen Dreiecksbeziehung/ménage à trois mit dem Ehepaar Éluard zusammenzuleben.[7]

Für Luise Straus-Ernst war das ein entscheidender -und traumatischer- Wendepunkt ihres Lebens.  In der Beziehung mit Max Ernst hatte sie „freiwillig und freudig jedes eigene Leben“ aufgegeben. Sie brach den Verkehr mit Freundinnen ab, die Max Ernst nicht mochte. Sie las nur Bücher, die er liebte, sie war „eine abgeschwächte Wiederholung seines eigenen Wesens.“ (Nomadengut, S. 222).   Nachdem sich Max Ernst von ihr getrennt hatte, musste sie sich von nun an, wie die Ulla in ihrem Roman, „tapfer und unabhängig durchs Leben“ schlagen, wie sie selbst in ihrer Autobiographie schreibt. (Nomadengut, S. 211). Und dies mit Erfolg:  In den 20-er Jahren in Köln erreichte Luise Straus-Ernst eine völlig eigenständige Position als Journalistin, vor allem als Kunstkritikerin. Sie spricht in ihren Lebenserinnerungen von einer sehr erfolgreichen Zeit:

„Es war mein ganzes schönes Leben der letzten zehn Jahre, dieses unabhängige Leben voll Arbeit und Erfolg, das ich mir leidenschaftlich und bewusst erkämpft hatte.“  (Nomadengut, S. 226)

Das Exil beendet dieses schöne Leben. Es war eine Trennung nicht nur von der geliebten rheinischen Heimat, sondern auch von ihrem Sohn Jimmy, den sie in der Obhut ihrer Eltern zurückließ.

August Sander, Mutter und Sohn. Luise Straus-Ernst mit Sohn Jimmy. Köln 1928. Die Portraitaufnahme ist Teil von Sanders 1929 publiziertem Photoportrait Deutschlands: Antlitz der Zeit. 60 Fotos deutscher Menschen[8]

Paris hatte für Luise Straus-Ernst „von jeher einen Zauberklang gehabt“, war für sie eine „Wunderstadt“. Mit der Übersiedlung in „das ersehnte Paris“[9]  veränderte sie auch ihren Vornamen: Nicht mehr Luise, sondern Louise oder Lou, eine programmatische Anpassung an die neue Situation. Die Wirklichkeit hält allerdings diesem Idealbild nicht stand. Dem Leben fehlte, wie sie in „Nomadengut“ schreibt, „die Heiterkeit, die Paris bei vorübergehenden Aufenthalten so reichlich geboten hatte.“ Paris sei „eher eine traurige Stadt geworden.“  Sie kommt zunächst in einem kleinen Hotel in der Nähe des Triumphbogens unter: „Das Zimmer war kahl und unpraktisch. Aus dem Fenster sah ich nur hässliche Fassaden, nicht einmal ein Stückchen Himmel.“[10]  Da es ihr – wie Ulla Frankfurter in „Zauberkreis Paris“-  nicht gelang, eine Arbeitskarte zu bekommen, musste sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten, mit Nachhilfeunterricht, Übersetzungen, Schreibarbeiten, Buchhaltung, Museumsführungen, ja sogar Babysitting. Sie konnte aber auch unter verschiedenen Pseudonymen journalistische Arbeiten in den Tageszeitungen der Pariser Emigration, insbesondere aber auch in Schweizer Zeitungen veröffentlichen.

Luise  Straus-Ernst. Paris, um 1936[11]

Bis 1939 lebte sie in verschiedenen kleinen Hotels, unter anderem in einem in der rue Toullier Nummer 11 unweit der Sorbonne, in dem auch Rilke während seiner frühen Parisbesuche gewohnt und seinen „Malte Laurids Brigge“ geschrieben hatte.[12] Ihr Lebensgefährte war damals Fritz Neugass, Kunsthistoriker und Journalist wie sie, der seit 1926 in Paris lebte und erfolgreicher Korrespondent deutscher, seit 1933 dann aber auch englischer, amerikanischer, französischer und Schweizer Zeitungen war. Gemeinsam führten sie das Leben von Bohemiens und Nomaden. Dazu gehörte im Frühjahr 1936 eine mehrmonatige Reise nach Oberitalien, Griechenland und in die Türkei. Den Sommer und Herbst 1938 verbrachten die beiden „an der Mittelmeerküste in Cannes, als wären sie wohlhabende Touristen auf Erholungsreise. Den weltpolitischen Ernst scheint Luise Straus aber noch immer nicht recht wahrhaben zu wollen.“[13]  Anders ihr Sohn Jimmy, der im Mai 1938 nach USA emigrierte. Auf seine Bitte, mit ihm auszureisen, was damals noch möglich gewesen wäre, antwortete sie:

„Wir haben die Vernunft und die Moral auf unserer Seite, und die sind stärker als marschierende Stiefel und hysterische Ausbrüche.“[14]

Dazu kamen Befürchtungen über Amerika, wie sie damals bei Emigranten weit verbreitet waren:

„Was wird mit der Sprache? …. Wer wird meine Arbeiten veröffentlichen? …. Amerika ist etwas für junge Leute, die Städte sind so unpersönlich, und das hochgepuschte Tempo des täglichen Lebens… und es ist so groß, es ist so groß“.[15]

Auch spätere Versuche, sie zur Ausreise zu bewegen, scheitern an ihrer moralisch-politischen Halsstarrigkeit und ihrem unerschütterlichen Optimismus. „Wir glaubten nicht an eine Katastrophe, wollten nicht daran glauben“, schrieb sie. Und selbst wenn Hitler einen Krieg begönne: Er könne ihn nicht gewinnen: „Wenn er so etwas versucht, wird er sehr schnell erledigt sein, und ich will da sein, wenn es passiert.“[16]

Hier wiederholt sich der illusionäre Optimismus, den Luise Straus-Ernst schon im Januar 1933 hatte, als sie, wie ihr Sohn berichtet, davon ausging, dass Hitler bei der nächsten Reichstagswahl durchfallen werde. Nur deshalb habe Hindenburg Hitler zum Reichskanzler gemacht. „Diese Fanatiker fliegen auf die Straße. Da sind sie hergekommen und da gehören sie auch wieder hin.“[17]

Optimistisch endet auch der „Zauberkreis Paris“.  Ulla lernt schließlich den auch aus Deutschland geflohenen jungen Handwerker Hans Remagen kennen, „zu dem sich eine geschwisterliche Freundschaft entwickelt. Hans vermittelt Ulla am Ende auch an eine Landkommune, wo sie Arbeit findet, aber noch mehr: Kameradschaftlichkeit und ein Gegenkonzept zu den zwar gut gemeinten, aber letztlich perspektivlosen Hilfsangeboten der karikativen Einrichtungen. In der Landkommune, die mit dem Ziel der autonomen Eigenversorgung funktioniert, darüber hinaus eine Nische in der Ökonomie des Gastlandes zu nutzen versucht (nämlich die Produktion von Holzspielzeug nach der Tradition des Erzgebirges) wird ein Gegenentwurf zur harten Realität des Exils im Moloch der Großstadt gezeichnet…“[18]

Lutz Winckler hat in diesem Romanende den Ausdruck unaufgearbeiteter Verdrängungen der Autorin gesehen. Am Ende bleibe „eine infantilisierte Heldin zurück, die sich als geschlechtsloses Wesen …. in die patriarchalische Großfamilie des Handwerkerkollektivs einordnet“.[19]  Armin Strohmeyr sieht in seinem Nachwort zum Roman in dessen Ende dagegen eine keineswegs illusionäre Utopie einer „Hilfe durch Selbsthilfe“.

Wie auch immer: Die Realität zerstörte alle Hoffnungen und Gegenentwürfe.  Als Hitler seinen Krieg begann, wurde Luise Straus-Ernst wie die meisten anderen in Frankreich lebenden „feindlichen Ausländer“ interniert -auch wenn sie Flüchtlinge und ausgewiesene Antifaschisten waren. Luise Straus-Ernst wird -auf eigene Kosten- in das Frauenlager Gurs am Fuß der Pyrenäen verfrachtet.  

Das Lager von Gurs. Es bestand aus 382 primi­tivs­ten, etwa 125 m² großen Baracken, in denen jeweils bis zu 60 Personen unter­ge­bracht waren. Es war im Frühjahr 1939 zur Inter­nie­rung der aus Spanien geflohenen Soldaten der Republi­ka­ni­schen Armee und der Freiwil­li­gen der Inter­na­tio­na­len Brigaden auf sumpfigem Gelände errichtet worden.

In „Nomadengut“ schreibt Louise Straus-Ernst dazu:

„… als wir dann auf Lastwagen, stehend wie Vieh, durch eine abendliche Pyrenäenlandschaft gefahren wurden, als plötzlich vor uns in einer großen Ebene die Hunderte von Holzbaracken im dünnen Licht vieler Lampen sichtbar wurden, da sank mir doch das Herz. Es war noch nicht ganz dunkel, als wir durch die Lagerstraße fuhren. Überall drängten sich Frauen ans Gitter, bekannte Gesichter unter ihnen, um uns zu winken, etwas zuzurufen, wurden aber rasch von ihren Aufseherinnen in die Baracken getrieben. Wie Tiere in einem Käfig.

Die Baracken waren unbeschreiblich schmutzig, die hygienischen Einrichtungen in einem Zustand, den niemand in unserem Zeitalter für möglich halten würde. Doch da eine Gruppe junger Lothringerinnen tüchtig zugriff, so war bald ein erträglicher Zustand geschaffen. Sofern man es erträglich nennen will, auf einem dünnen Strohsack am Boden zu schlafen, sich, angesichts der internierten Spanier, die ständig vorüber kamen, unter freiem Himmel zu waschen, nach jedem kleinen Regen bis über die Knöchel im Schlamm einzusinken.“[20]

Allerdings  konnte Luise Straus-Ernst schon nach wenigen Wochen dank der Intervention ihres Lebensgefährten Fritz Neugass wieder das Lager verlassen: Neugass war im November 1939 in dem Lager Les Milles bei Aix-en-Provence interniert worden, wo er auch Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever und … Max Ernst traf.[21] Da er sich als Arbeitssoldat der französischen Armee verpflichtete, wurde er aber entlassen und in Manosque im südfranzösischen Lubéron stationiert, wo  er die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Jean Giono machte.  Manosque lag nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich in der unbesetzten Zone Frankreichs, schien also ein sicherer Zufluchtsort zu sein.  Dorthin folgte also Luise Straus-Ernst Neugass und arbeitete als Sekretärin und Übersetzerin für Jean Giono.

Über ihn schrieb Luise Straus-Ernst:

„Einen einzigen Menschen kenne ich hier, um den es sich lohnt. Die seltenen Gespräche mit ihm ersetzen mir alles andere- der Dichter Jean Giono.- Als ich ihn das erste Mal aufsuchte, war ich voll Skepsis. Bisher war ich immer enttäuscht worden, wenn ich die Bekanntschaft von Menschen machte, die einen Namen hatten, die ‚arriviert‘ waren. (…) Aber hier bin ich endlich einmal angenehm enttäuscht worden. Ich fand einen großzügigen, hilfsbereiten, weltoffenen Menschen, einen Menschen der versteht.“ (Nomadengut, S. 238)

Aber dann greift das politische Geschehen mitleidlos in das Leben von Luise Straus-Ernst ein und zerstört die letzte Zuflucht Manosque: Am 3. September 1943 kündigt Italien das Bündnis mit Deutschland. Die Italiener, die keine antisemitische Rassenideologie im nationalsozialistischen Ausmaß verfolgen, verlassen Manosque. Die Gestapo zieht ein und mit ihr die Angst.[22]

„… ich habe Angst, seit Monaten schon, eine ganz gemeine Angst. Verfolgt werden ist kein Spaß. Und es wird immer schlimmer statt besser. Wie wird es enden? Ja, was ist denn bis jetzt geschehen? Eigentlich nichts. Ich lebe sozusagen friedlich in einer kleinen provençalischen Stadt in einem Hotel, in einem sogar geheizten Zimmer, bekomme gutes Essen; und ich kann es ohne besondere Sorge bezahlen. Früher hätte ich das wahrscheinlich ideal gefunden.

Nun gibt es eben etwas, was man ‚Ausweisung‘ nennt, nicht nur aus irgendeiner Stadt, was fast jedem Fremden im neuen Frankreich irgendwann einmal geschieht, sondern: des Landes verwiesen. Kein Mensch sagt einem, warum. Man hat friedlich gelebt, hat dieses Land wie eine zweite Heimat geliebt. Aber wer fragt danach?

 Es gibt also diese Besuche von Gendarmen, die sich mit leiser Stimme nach meiner Abreise erkundigen und mit einem halb grausamen, halb entschuldigenden Lächeln von ‚Verhaftung‘ und ‚Konzentrationslager‘ murmeln.  Auch das wäre mit dem Visum für Amerika in sicherer Aussicht gar nicht so schlimm. Doch durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg ist alles verzögert, in Frage gestellt und die Wahrscheinlichkeit, in irgendeinem schmutzigen Winkel vor Kälte und Hunger zu verfaulen, sehr groß geworden.“[23]

Am 28. April 1944 ist es soweit: Louise Straus-Ernst wird in dem Hôtel du Nord in Manosque verhaftet.  Der von ihr so verehrte Jean Giono vermerkt dazu lapidar in seinem Journal:

„Heute Nacht hat man Madame Ernst in ihrem Hotel verhaftet. Hier ist gestern scheinbar auch ein Jude mit Maschinengewehrfeuer getötet worden. Grau schimmerndes Wetter. Frühling. In Richtung Rhone ist der Himmel zwielichtig.“[24]

 Über Marseille wird Luise Straus-Ernst in das Sammellager Drancy bei Paris gebracht.

Blick auf die heutige Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Drancy. Foto: Wolf Jöckel
Zellenangabe für Louise Straus-Ernst, Drancy Mai 1944[25]

Am 30. Juni 1944, da waren die Alliierten schon in der Normandie gelandet und das Ende des Krieges war in greifbare Nähe gerückt, werden 1156 Insassen des Lagers mit Autobussen zum Bahnhof Bobigny transportiert und dort in bereitstehende Güterwagen verladen. Vier Tage später, am 4. Juli 1944, erreicht der Zug Auschwitz. Bei der Selektion an der berüchtigten Rampe wird die schwer erkrankte Luise Straus-Ernst mit 534 anderen Menschen des Transports sofort in die Gaskammern getrieben und umgebracht.[26]

Heute erinnert noch ein Stolperstein in der Kölner Emmastraße 27 an Luise Straus-Ernst.[27]

In Manosque ist eine Straße nach ihr benannt. Und auf dem jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd gibt es einen Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab.[28]

Und jetzt endlich ist der „Zauberkreis Paris“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er entwirft nicht nur ein Bild der deutsche Emigration in Paris, sondern trägt auch dazu bei, die Erinnerung an Luise Straus-Ernst, diese außerordentliche Frau, wachzuhalten, in deren Leben und Tod sich ein tragisches Stück deutscher Geschichte spiegelt: Vom kulturellen Aufbruch der 1920-er Jahre hin zum Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Deutschlands. Beides hat sie intensiv gelebt und erlitten.

Dies ist ein Beitrag von Wolf Jöckel aus https://paris-blog.org/ . Sollte er unter dem Autorennamen Paul Lucas auf der Seite  https://www.voyages-en-patrimoine.com/ veröffentlicht werden, handelt es sich um einen Akt der Piraterie und um einen eklatanten Verstoß gegen das Urheberrecht.

Literatur:

Luise Straus-Ernst, Zauberkreis Paris. Roman aus dem Exil. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Armin Strohmeyr. Konstanz: Südverlag 2022

Louise Straus-Ernst, Nomadengut. Materialien zur Kunst des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben  von Ulrich Krempel. (Mit einem Nachwort von Ulrich Krempel: Lou Straus-Ernst: Ein Leben- revidiert).  Sprengel-Museum Hannover 1999

Annette Bußmann, Luise Straus-Ernst. In: Frauen Biographieforschung  (mit ausführlicher Bibliographie) https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/luise-straus-ernst/

A. Krätz, Luise Straus-Ernst – das bewegte Leben einer Kölnerin  https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=2021_10

Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst – das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016

Lutz Winkler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris. Erfahrung und Mythos der „großen Stadt“.  In: Frauen und Exil. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Exilforschung Band 11 1993.  München: edition text + kritik

Verpasster Frühling. Leben und Sterben der Luise Straus-Ernst. Ein Feature von Eva Weissweiler.  © Westdeutscher Rundfunk Köln 2017  https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/luise-straus-ernst-116.pdf

Sollst je du sollst du Schwänin auf dem Ozean : Hommage an Lou Straus-Ernst ; 1893 Köln – 1944 Auschwitz / von Ute Remus. Es sprechen Ute Remus u.a. Realisation Joachim Schmidt v. Schwind. CD und Booklet Köln 2003


Das deutsche Exil in Paris und Frankreich war schon wiederholt Gegenstand dieses Blogs . Siehe dazu die Beiträge über Heinrich Heine und Ludwig Börne, die im 19. Jahrhundert in Paris Zuflucht vor der Repression im Deutschland des Vormärz gesucht haben.

Und dann war es der Nationalsozialismus, dessen Rassenwahn und  Unterdrückung Andersdenkender Menschen ins Exil trieben. Und das bevorzugte Land, in dem sie Schutz suchten, war wiederum Frankreich.

Anmerkungen

[1] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 89

[2] Die Liste prominenter internationaler Stammgäste des Dôme ist lang. Dazu gehörten auch Wilhelm Uhde,  Otto Freundlich und Max Ernst…

[3] Weissweiler, S. 240

[4] Lutz Winkler, Seite 89f

[5] Siehe: Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 98/100

[6] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst

[6a] Zu Rosa Bonheur siehe z.B. Franz Zelger, „Ich habe keine Geduld mit Frauen, die zum Denken um Erlaubnis bitten.“ In: Neue Züricher Zeitung vom 16.3.2022

[7] Siehe dazu auch: Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939. FFM: S. Fischer 2021, S. 60f

[8] Bild aus: Nomadengut, S. 135 (auch Umschlagfoto des Buchs) und Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 59

[9] Nomadengut, S. 137/138

[10] Nomadengut, S. 142/143/144

[11] Bild aus: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/luise-straus/DE-2086/lido/57c95809e63620.22455007 Auch in: Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 177

[12] Louise Straus-Ernst, Nomadengut, S. 147; siehe auch: Winckler, S. 89.  Es gibt dort auch eine Erinnerungsplakette für Rilke https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Plaque_Rainer_Maria_Rilke,_11_rue_Toullier,_Paris_5e.jpg

[13] Strohmeyr, Nachwort zu „Traumland Paris“, S. 172/174 Zur Beziehung mit Fritz Neugass siehe Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada, S. 250f

[14] Aus: Nomadengut, S. 235

[15] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 176

[16] Aus: Nomadengut, S. 236/237

[17] Zitiert in Jimmy Ernst, Nicht gerade ein Stilleben, S. 105

[18] Armin Strohmeyr, Nachwort zu „Zauberkreis Paris“, S. 169

[19] Winckler, Louise Straus-Ernst: Zauberkreis Paris, S. 91/92

[20] Nomadengut, S. 200/201.

[21] Siehe: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[22] Strohmeyer, Nachwort a.a.O., S. 180/181

[23] Aus: Nomadengut, S. 211

[24] Zit.Strohmeyer, Nachwort a.a.o., S. 181

[25] Bild aus: Nomadengut, S. 209

[26] Strohmeyr, Nachwort „Zauberkreis Paris“, S. 181/182

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolpersteine_K%C3%B6ln,_Dr._Louise_Straus-Ernst_(Emmastra%C3%9Fe_27).jpg  © 1971markus@wikipedia.de /

[28] Luise Straus-Ernst – Erinnerungsvermerk auf dem Familiengrab im Jüdischen Friedhof Köln-Bocklemünd (Flur 8 Nr.1-3)  https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_Straus-Ernst#/media/Datei:Luise_Straus-Ernst_-_Familiengrab.jpg

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Johann Gottfried Tulla, der „Rheindompteur“, in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Ausstellung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Am 17. November 2021 fand im Pariser Hôtel de la Marine die glanzvolle Vernissage der Ausstellung „Schätze der Sammlung Al-Thani“ statt. Der Besitzer der Sammlung, „His Highness/Son Altesse Sheikh Hamad bin Abdullah Al Thani“, Mitglied des das Scheichtum Katar regierenden Herrscherhauses, konnte zusammen mit seinem Bruder, dem Prinzen Suhaim Al Thani, eine illustre Schar von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kunstbetrieb und Adel begrüßen. Versammelt war da ein Querschnitt dessen, was der französische Adel auch gut 200 Jahre nach der Französischen Revolution noch zu bieten hat: ein duc, eine  princesse, ein comte samt comtesse, ein marquis…

„Son Altesse le prince Hamad Al Thani“  – im ersten Saal der Ausstellung- standesgemäß postiert vor dem aus Jaspis geschnittenen Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten. © German Larkin[1]

Und das Ganze wurde auch medial entsprechend in Szene gesetzt.[2] Beispielsweise durch ein ganzes Dossier der Pariser Tageszeitung Le Figaro, die gar nicht genug hymnische Beschreibungen für das Projekt und den Sammler mit seinem „goût princier“ finden konnte.  Scheich Hamad Al Thani wird da als einer der wichtigsten und kenntnisreichsten Kunstsammler unserer Zeit gerühmt, der seit seiner frühesten Jugend „in der Kultur gebadet“ habe, die Ausstellung als eine einzigartige und geradezu unglaubliche Zusammenstellung des „génie humain“.[3]

Solche Lobeshymnen und der breite ihnen zugestandene Raum mögen ja ihre Berechtigung haben. Aber vielleicht darf man in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zu dem reichhaltigen Pariser Immobilienbesitz der Al Thani-Dynastie auch der Sitz des Figaro gehört. Und Besitzer der Zeitung ist der Rüstungskonzern Dassault. Der produziert das Kampfflugzeug Rafale. Und wer war  dessen erster, in Frankreich sehnlichst erwarteter und hymnisch begrüßter ausländische Käufer? Dreimal darf man raten-…. Es war Katar…[4]  Nachtigall, ick hör dir trapsen würde da der Berliner sagen.

Das Beispiel Figaro ist exemplarisch für die eminente Rolle, die Katar in und für Frankreich spielt: Das kleine Land am Persischen Golf ist nämlich ein Hauptkunde der französischen Rüstungsindustrie, die neben der Luxusgüterindustrie eine der Säulen des französischen Exports ist.[5] Und Katar gehört zu den großen Investoren in Frankreich, und zwar vor allem im Immobilienbereich, wo katarische Investitionen auch noch ausdrücklich steuerlich begünstigt sind. Einige der besten Pariser Adressen gehören inzwischen Katar: darunter sind mehrere Nobelhotels und das von Le Vau gebaute und von Le Brun ausgestaltete berühmte Stadtpalais Hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis.[6]

Courtesy of Simon Upton/The Interior Archive [7]  

Hier posiert Seine Hoheit im prunkvollen Ambiente des Herkulessaals, einem Vorläufer und Vorbild des Spiegelsaals von Versailles. Besichtigen kann man dieses zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Kleinod allerdings nicht – nicht einmal an den Tagen des offenen Denkmals. [7a]

Aber das ist noch nicht alles [8]: Katar hat auch in der französischen Industrie erhebliche Anteile erworben (z.B. Total, Veolia, Vinci) und ist -wohl das spektakulärste Engagement- Besitzer des Fußballvereins Paris Saint Germain (PSG), in der Sport-Presse gerne auch „der Scheich-Club“ genannt.  Der kann sich dank des katarischen Geldsegens auf dem Spielermarkt nach Belieben -und allen fairness-Regeln zum Trotz- bedienen, zuletzt mit Superstar Messi, der mit seinen beiden Stürmerkollegen Neymar und Mbappé das teuerste Sturm-Trio der Welt bildet. Frankreich hat sich da denn auch entsprechend erkenntlich gezeigt und durch seine Lobbyarbeit wesentlich dazu beigetragen, dass Katar die Fußballweltmeisterschaft 2022 zugesprochen bekam.[9] Und auch wenn es um die Menschenrechte in Katar nicht zum Besten steht[10]: Angesichts der katarischen Großzügigkeit zeigt sich das Land, das sich rühmt, Mutterland der Menschenrechte zu sein, eben auch entsprechend großzügig….

Denn großzügig ist die katarische Herrscherfamilie in der Tat: Diese wunderbare Kommode ersteigerte die Al Thani Collection Foundation 2021 für 1,2 Millionen Dollar und schenkte sie dem Centre des monuments nationaux.

Das ist die für das Hôtel de Marine zuständige Institution, und dort hatte die Kommode vor der Französischen Revolution gestanden. Entworfen wurde sie von dem aus Deutschland stammenden Kunsttischler Jean-Henri (Johann Heinrich) Riesener, einem der bedeutendsten Ebenisten des Ancien Régime.[11]

Diese Schenkung diente gewissermaßen als Türöffner Al Thanis für das  Hôtel  de la Marine, in dem die Schatzkammer der Scheichs 2021 ihren angemessenen Platz erhalten hat.

Blick von der place de la concorde auf das Hôtel de la Marine. Im Hintergrund die Fassade der Kirche La Madeleine.[12]

Im Ancien Régime, also vor der Französischen Revolution, war das Hôtel de la Marine Sitz der königlichen Intendanz für das Mobiliar („Garde-meuble de la Couronne“). Die war zuständig für die Anschaffung und Instandhaltung des Mobiliars der zahlreichen königlichen Residenzen. Außerdem kümmerte sie sich um die Aufbewahrung der königlichen Sammlungen, die Waffen, Stoffe, Wandteppiche, Bronzeskulpturen und schließlich sogar der Kronjuwelen. Nach der Revolution war das Gebäude für 228 Jahre Sitz des Marineministeriums – deshalb auch sein Name- bevor es dem Centre des monuments nationaux übergeben wurde.

Blick von der Bel Étage des Hôtel de la Marine auf die Place de la Concorde. Auf der anderen Seite der Seine die Fassade des Palais Bourbon, Sitz der französischen Nationalversammlung, und die Kuppel des Invalidendoms. Foto Wolf Jöckel [13]

Die Renovierung des riesigen Gebäudes mit seiner breiten Fensterfront zum Platz, dem ägyptischen Obelisken und den vergoldeten Gittern des königlichen Tuilerien-Parks kostete offiziell 130 Millionen Euro, mehr als der Staat ausgeben wollte. Daher unterzeichnete die Verwaltung der staatlichen Denkmalbauten ein sogenanntes „Mäzenaten-Übereinkommen“ mit der Fondation Collection Al Thani, die 20 Millionen Euro in Raten beisteuert, was ihr das Anrecht auf die 20-jährige Nutzung von 400 Quadratmeter Räumlichkeiten garantiert. Das entspricht einem garantierten Fixpreis von 208 Euro pro Quadratmeter – für Pariser Verhältnisse ein absoluter Freundschaftspreis: Für eine popelige Hinterhof- Gewerbeimmobilie in unserem 11. Arrondissement werden beispielsweise aktuell über 500 Euro pro Quadratmeter verlangt- selbstverständlich ohne 20-jähriger Preisgarantie. Immerhin finanziert die Al Thani Collection das Bewachungspersonal, und die Eintrittsgelder für den gemeinsamen Besuch des Hôtel de la Marine und der Sammlung kommen allein dem Centre des monuments nationaux zugute. [14] So kann nun die Al Thani-Stiftung einen Teil ihrer erlesenen Kunstsammlung in einem ebenso erlesenen Ambiente präsentieren: Wie einst die Herrscher der Renaissance und des Absolutismus ihren Reichtum und ihre Macht, aber auch ihren Kunstsinn in ihren Schatzkammern zur Schau stellten, so wird diese Tradition jetzt von der Al Thani-Dynastie fortgesetzt. Und die nutzt die Kunst systematisch, um das unter Vorwürfen der Terrorfinanzierung und der unmenschlichen Behandlung von ausländischen Arbeitskräften leidende Image des Landes zu verbessern.[15] Die Hauptstadt Doha propagiert demgegenüber das Bild einer weltoffenen modernen Stadt als Weltzentrum der Wissenschaft und der Kunst. Und dafür ist das Beste und Teuerste gerade gut genug: Nicht weniger als 11 Träger des Pritzker-Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt, haben an der Entwicklung der Stadt gearbeitet. Der französische Stararchitekt Jean Nouvel plante den spektakulären Bau des Nationalmuseums, Ieoh Ming Pei,  der Grand Seigneur der Museumsbaukunst und Schöpfer der Louvre-Pyramide, ein Schatzhaus am Meer auf einer künstlich angelegten Halbinsel für das  Museum für islamische Kunst.[16]

Und diese Museen sollen natürlich auch entsprechend mit Inhalt gefüllt werden. Seit Anfang der 90er Jahre kauft und ersteigert die Herrscherfamilie fast schon obsessiv Kunst. Zunächst waren es Manuskripte, Bronzefiguren und Teppiche aus den islamischen Ländern, später Klassiker der Moderne. Im Jahr 2012 erwarb Katar in New York bei Sotheby’s eine Version von Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar, drei Jahre später ein Gemälde des Malers Paul Gauguin für 300 Millionen Dollar. Dahinter steckt vor allem Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.“[17] Der Vetter des Emirs von Katar, Scheich Saoud Al Thani, galt um die Jahrtausendwende als „größter Kunstkäufer der Welt“.

Und dann gibt es ja auch noch die inzwischen etwa 6000 Stücke umfassende Sammlung von Scheich Hamad bin Abdullah Al Thani. Seit sieben Jahren zeigt er seine Sammlung, zunächst in New York, dann in Paris, Peking, Venedig, Kyoto, Fontainebleau. Jetzt hat er in Paris ein Schaufenster eröffnet, in dem Teile der Ausstellung präsentiert werden. „Das Motto des über Milliarden verfügenden Scheichs war offensichtlich: nur das Beste vom Besten. Er ließ sich von erstklassigen Kennern beraten, kaufte auf Auktionen und in den anerkannten Galerien in New York, London und Paris.“  Nur wenige Sammler, so wird im Begleitheft der Ausstellung festgestellt, können sich einer derartigen Fülle von Meisterwerken rühmen.  In Paris zeigt Al Thani 120 Preziosen, wobei die oft winzige Dimension der Stücke frappierend ist:  Kunsthandwerk von höchster technischer Vollkommenheit, aus den wertvollsten Materialien; denn, wie der Chef-Konservator der Sammlung, Amin Jaffer, feststellt: „Seine Hoheit sucht vor allem seltene Materialien wie harte und kostbare Steine“, also Jade, Rohkristall, Edelsteine, Perlen, gefasst in Gold und Silber.[18] 

Kein Wunder, dass man, was Sammelleidenschaft, die finanziellen Ressourcen, aber auch Kunstverstand angeht, die Al Thani-Dynastie mit den Medici im Florenz des 16. Jahrhunderts verglichen hat.[19]

Die „Zaubergrotte des Ali Baba“

Die vier Räume der Ausstellung dienten im Ancien Régime der Aufbewahrung von Teppichen. Sie waren also, anders als die aufwändig gestalteten und entsprechend renovierten Repräsentationsräume des Hôtel de la Marine ohne Dekor, was dem japanischen Innenarchitekten der Räume (Tsuyoshi Tane Architects)  die entsprechende Freiheit der Gestaltung gab.

Und die nutzte er auf fulminante Weise: Betritt man die Ausstellung, befindet man sich in einem kleinen goldschimmernden Raum, man wähnt sich, wie die Frankfurter Rundschau begeistert schrieb, „in der Zaubergrotte des Ali Baba“[20]: Von der Decke bis zum Boden sind tausende von funkelnden goldenen Sternen -vielleicht aber auch Blüten, Blätter oder Flügel- gespannt. Dazwischen sind im Kreis schmale Vitrinen aufgestellt, die jeweils nur einem Kunstwerk als Bühne dienen: Die grandiose Inszenierung einer Schatzkammer.

Nachfolgend eine kleine Auswahl der in der Ausstellung präsentierten Kostbarkeiten.  Hier ist es eine kleine Marmor-Figur aus Kleinasien (3300-2500 vor Christus), gleichzeitig entstanden und eng verwandt mit den Idolen der Zykladen-Kunst. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Fruchtbarkeits-Idol, das schließlich als Grabbeigabe diente. Der Blick der Figur ist nach oben gerichtet, weshalb man ihr den Namen Contemplatice d’étoiles (Stargazer) gegeben hat- und in diesem Raum gibt es ja nun genug Sterne zum Betrachten…

Insgesamt sind in dieser ersten Galerie sieben kleine Figuren ausgestellt, die dem universalistischen Ansatz der Sammlung entsprechen: Werke, die verschiedenen Kontinenten, Kulturen und Zeiten entstammen, aber sie auch überspannen: Könnte die etwa 5000 Jahre alte Sternenbetrachterin nicht auch von einem modernen Bildhauer wie Jean/Hans Arp gemacht sein oder ihm als Anregung gedient haben?

Dies ist der Kopf einer königlichen Figur aus dem alten Ägypten (XVIII. Dynastie, um 1473-1292 vor Chr.) Ursprünglich gehörten zu der Figur noch eine Krone und ein Bart. Der Kopf ist aus einem Jaspis-Stein von außerordentlich klarer roter Farbe geschnitten, Symbol für das Leben. Vielleicht handelte es sich um eine Figur der Königin Hatschepsut, deren Gesichtszüge auch dem heutigen Schönheitsideal entsprechen.[21]  Dass sich Scheich Al Thani bei der Eröffnung der Ausstellung vor der Vitrine mit dieser Figur hat ablichten lassen, ist wohl kaum ein Zufall.

Eine besondere Kostbarkeit ist auch diese kleine, nur 12 cm hohe Maya-Maske aus dem nördlichen Zentralamerika. Entstanden ist sie zwischen 200 und 600 nach Christus. Auffällig ist dabei neben den verwendeten Edelsteinen die Mütze  in Form eines Jaguars, ein Tier, das bei den Mayas für das Jenseits, den Krieg, das Opfer und hohen Rang stand. Vermutlich gehörte sie einem  hohen Würdenträger, der sie bei Zeremonien trug und die dann als Begleiter für den Weg ins Jenseits und als Garantie für ein ewiges Leben diente.[22]

Diese aus Elfenbein geschnitzte Maske gehörte der Königin-Mutter Idia aus dem Königreich Benin. Ida war auch eine große Heerführerin und sicherte so die Herrschaft ihres Sohnes gegen Gegner im Inneren wie Äußeren. Dabei waren ihre magischen Kräfte und ihr Wissen über Medizin ebenso wichtig wie ihr politischer Rat.  Die großen, leicht hervortretenden Augen sind typisch für die Darstellung von Ahnen. Getragen wurde die Maske während bedeutender Zeremonien am Königshof.[23] Es gibt nur vier weitere vergleichbare Masken. Sie wurden als Ahnenobjekte über Jahrhunderte geehrt und gehütet. In der beigefügten Information erfährt man -hier wie auch sonst- nichts über die Provenienz. Vermutlich wurde sie bei der Eroberung des Königspalastes von englischen Kolonialtruppen erbeutet und dann auf dem Kunstmarkt verkauft. Man darf gespannt sein, wie es Scheich Al Thani mit der Rückgabe sogenannter „Beutekunst“ hält….

Dieser kleine entzückende Bär aus vergoldeter Bronze stammt aus China (Han-Dynastie, 206 vor bis 25 nach Chr.). Es soll sich um ein Gewicht zur Befestigung von Teppichen oder Bambusmöbeln gehandelt haben, aber natürlich hat die Wahl des Bären auch eine symbolische Bedeutung und steht für Tapferkeit, Kraft und Männlichkeit. Der Kriegsgott Chiyou wurde damals mit dem Kopf eines Bären dargestellt.

Ein weiteres Tier, das in dieser ersten Schatzgalerie einen Ehrenplatz hat, ist diese goldene Saiga-Antilope.

Es handelt sich um einen sogenannten Rhyton, ein in den antiken Zivilisationen von Mesopotamien und des Mittelmeers verwendetes Trinkgefäß für festliche und religiöse Anlässe. In seiner Präsentation der Ausstellung versäumt der „Figaro“ es nicht, darauf hinzuweisen, dass es nur noch drei weitere  entsprechende Rhyta dieser Art gibt: In einem privaten Museum in Japan, dem Metropolitan Museum in New York und  der Ermitage in Sankt Petersburg.[24]

Galerie der Köpfe

In der zweiten, in geheimnisvolles Dunkel gehüllten Galerie werden die Skulpturen von elf Köpfen präsentiert, auch diese verschiedenen Kulturen und Zeiten zugehörig.[25]

Dies ist eine Maya-Maske aus Guatemala (200-600 nach Chr.)[26]. Sie ist hergestellt aus Jade, Obsidian und den Schalen der Stachelauster, die  in Lateinamerika wegen ihres hohen symbolischen Wertes auch oro rojo („rotes Gold“) genannt wird.

Der Kopf einer altägyptischen Prinzessin aus Amarna (18. Dynastie, 1351-1334 vor Christus). Amarna war die von Pharao Echnaton -verheiratet mit Nofretete-  gegründete neue Hauptstadt, in der die Kunst eine beispiellose Blüte  erlebte, die mit den traditionellen, erstarrten Formen brach. Der in der Ausstellung gezeigte Kopf ist mit seiner vermutlich spirituell bedingten expressionistischen Übersteigerung und Verzerrung typisch für die Amarna-Kunst.  

Dies ist eine Büste des römischen Kaisers Hadrian.[27] Das Chalzedon-Haupt stammt höchstwahrscheinlich aus der süditalienischen Hofwerkstatt Friedrichs II. von Hohenstaufen, der 1220 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wurde. Friedrich sah sich als Nachfolger der römischen Kaiser und der Antike. Hadrian, der das römische Reich konsolidierte und  -wie Friedrich II.- ein besonderer Förderer der Kultur war, eignete sich ganz besonders als Anknüpfungspunkt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhielt der Kopf in einer italienischen Werkstatt einen Torso aus vergoldetem Silber, dessen prachtvolle Ausarbeitung den hohen Wert offenbart, der diesem Stück beigemessen wurde.

Dieser schmale, verlängerte Kopf aus Gabun (19. Jahrhundert) gehörte dem Pariser Kunsthändler Charles Ratton, einem Freund von Amadeo Modigliani. Solche Werke afrikanischer Kunst übten einen erheblichen Einfluss auf den modernen Zeichner und Bildhauer aus.

Islamische Kunst

Die dritte Galerie ist der islamischen Kunst gewidmet.  Gezeigt werden -passend zur Aura der Schatztruhe- Geschmeide, Edelsteine, Ringe, Schwerter, Ornamente, Kleider, ein kunstvolles Astrolabium und kalligraphische Handschriften des Korans. Und auch hier gilt der universalistische Ansatz der Ausstellung, indem Werke aus verschiedenen Zeitaltern und Weltgegenden zusammen präsentiert werden: Denn der Islam verbreitete sich ja in großer Geschwindigkeit über Asien (Anatolien, Naher Osten, Persien, Indien, China), Nordafrika bis nach Andalusien.

Hier eine Seite des Korans von Taschkent, auch Blauer Koran genannt (Ausschnitt): Durch die kunstvolle Kalligraphie und das dafür verwendete Gold wird die Bedeutung des Textes hervorgehoben. (Herkunft aus Südspanien, Nordafrika oder Irak, 9.-10. Jahrhundert nach Chr.

Miniatur aus einer afghanischen Handschrift, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts: Der Prophet Mohammed besucht das Haus Abrahams im Paradies (Ausschnitt). Während sich die europäischen Herrscher gerne mit Skulpturen und Bildern umgaben, sammelten islamische Herrscher bevorzugt kostbare Handschriften und Miniaturen, deren Meister -wie hier (Mitte unten)- durchaus auch ihre Werke signierten.

Astrolabium Iran 1705-1706. Dieses äußerst kunstvolle Ausstellungsstück verweist auf die Bedeutung, die die Naturwissenschaften in der damaligen Welt des Islam hatten.

Dieser mit Edelsteinen besetzt Vogel gehörte möglicherweise zu dem Thron der Maharadschas von Hyderabat (Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert). Vielleicht war er aber von Anfang an als Geschenk gedacht. Überall, wo die Al Thani-Sammlung dieses Stück bisher ausgestellt habe , sei es -so der Figaro überschwänglich, als ein Wunder (pure merveille) bestaunt worden.[28] Jetzt also im Hôtel de  la Marine….

Die Preziosengalerie

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Galerie von kleinen, aber feinen Kunstschätzen – wiederum aus verschiedenen Zeiten und Regionen. Und natürlich wurden sie aus kostbaren Materialien wie Gold und Silber hergestellt.  Auch hier einige Beispiele:

Goldener Anhänger. 4,3 x 4,2 cm. Östliches Mittelmeer 4500-3500 vor Chr.  

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Auch diese Mondsichel ist aus Gold. Sie stammt wahrscheinlich aus dem Gebiet des heutigen Irlands oder Großbritanniens und ist ca 2000 vor Christus entstanden.

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Goldener Becher aus dem Iran (1100-900 vor Chr.)
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Goldene Brosche aus den hellenistischen Griechenland. Ca 300 vor Chr.[29]  Gerade angesichts der Dimension von nur 2,9 mal 3,8 cm handelt es sich um ein Werk von unglaublicher Feinheit

Dieses fein ziselierte Trinkgefäß (Rhyton) aus Gold und Silber stammt aus dem hellenistischen Einflussbereich (ca 100 vor bis ca 100 nach Chr.)

Teller aus dem Iran (Epoche der Sassaniden 300-500 nach Chr.) Gold und Silber.[30] Die Sassaniden beherrschten in dieser Zeit in großes Reich, das enge Handelsbeziehungen mit der griechisch-römischen Welt im Westen und China im Osten hatte. Auf diesem Teller sieht man den König Shapur II., der gerade seinen Bogen spannt, um ein weiteres Tier zu erlegen.

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Dieser goldene Reiter stammt aus Tibet (Dynastie Yarlung, 600-800 nach Chr.)

Ausblick

Die Collection Al Thani umfasst 5000 bis 6000 Objekte. Die derzeit in Paris ausgestellten Schatzstücke tragen Inventarnummern unter 900. Scheich Hamad kann dementsprechend den Besuchern in den kommenden 20 Jahren noch viele neue Augenfreuden gönnen. Dass die Ausstellung dem höheren Ruhm des katarischen Herrscherhauses dient oder -modern ausgedrückt- Ausdruck von soft power ist, wird man dabei in Kauf nehmen müssen.

Gerade wir Deutschen haben derzeit allen Anlass, mit Katar pfleglich umzugehen. Denn sollte es zum „Gas-Armageddon“ (FAZ 2.2.2022) kommen und Putin die Gaslieferungen nach Westeuropa stoppen oder sollte die deutsche Regierung den Forderungen nach „Frieren für den Frieden“ oder „Frieren für die Freiheit“ nachkommen, dann muss man hoffen, dass Katar uns mit seinem Flüssig-Gas ein wenig aus der Patsche hilft.

Und vielleicht richtet die Collection Al Thani dann sogar einmal eine Dependance im Berliner Humboldt-Forum ein….

Nachwort 19.3.20200: Wirtschaftsminister Habeck ist gerade mit einer Wirtschaftsdelegation in Katar, um die Möglichkeiten der Lieferung von Flüssiggas zu eruieren. Dass es es da Reibungen mit der von den Grünen proklamierten Werteorientierung der Politik gibt, wird angesichts der aktuellen Lage wohl in Kauf genommen…. (Siehe FAZ 18.3.: Mission Gassicherheit: Habeck reist nach Doha)

Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.


Anmerkungen

[1] https://www.pointdevue.fr/society/soirees/le-vernissage-de-la-collection-al-thani-a-lhotel-de-la-marine

[2] Siehe Libération vom 29.11.2021:   „D’une campagne d’affichage massive à deux reportages dans des médias  chantant les louanges d’un cheikh «grand expert, curieux, érudit, voyageur», via une fête organisée in situ pour le gotha, aucun détail logistique et com n’avait été négligé pour le lancement parisien de l’exposition «Trésors de la collection Al-Thani». 

[3] https://www.lefigaro.fr/culture/le-cheikh-hamad-un-amateur-d-art-au-gout-princier-20211116

https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-une-promenade-intime-imaginee-pour-la-delectation-et-la-meditation-sur-le-monde-20211117

[4] Das Rafale-Projekt war auf ausländische Abnehmer angewiesen, um finanziell tragfähig zu sein. Ohne solche Bestellungen hätte der französische Staat mit Milliarden-Subventionen die Lücke füllen müssen.

https://www.leparisien.fr/international/rafale-le-contrat-avec-le-qatar-pour-la-vente-de-24-chasseurs-est-effectif-17-12-2015-5381257.php

[5] https://www.franceinter.fr/monde/ventes-d-armes-qatar-belgique-et-arabie-saoudite-sont-les-plus-gros-clients-de-la-france-en-2018    Aus aktuellem Anlass dazu doch noch eine Anmerkung: Deutschland exportierte 2021 Rüstungsgüter im Wert von 9 Mrd Euro, Frankreich für 28 Mrd. Euro.  Frankreich, das im Gesamtexport weit abgeschlagen hinter der Spitzengruppe mit China, USA und Deutschland liegt, liegt dagegen bei den Waffenexporten auf dem dritten Platz vor Deutschland. Und während in Deutschland Waffenexporte immer wieder Anlass zu politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie in Frankreich Anlass zu allgemeinem Stolz. Die Zeitung La Tribune z.B. sprach in Bezug auf die französischen Waffenexporte 2021 von „l‘année fabuleuse de la France.“ Frankreich liefert auch -anders als Deutschland- Waffen an kriegführende Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien. Vor allem aufgrund dieser völlig unterschiedlichen Position zu Waffenexporten sind gemeinsame deutsch-französische Rüstungsprojekte denn auch äußerst kompliziert, wenn nicht ausgeschlossen.

[6] https://www.nouvelobs.com/galeries-photos/economie/20151002.OBS6974/photos-tout-ce-que-possede-deja-le-qatar-a-paris.html#modal-msg Zum Hôtel Lambert siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[7] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/dossier/splendeurs-de-la-collection-al-thani

[7a] Inzwischen hat die Herrscherfamlie Al Thani das hôtel Lambert wieder verkauft. Unter dem neuen Besitzer soll darin eine Kulturstiftung untergebracht werden. Vielleicht wird dann das Kleinod endlich zugänglich. Die noble Einrichtung allerdings wurde von den Al Thanis versteigert. Siehe: Bettina Wohlfahrt, Ein Palais für den Scheich: Sonnenköniglich. In FAZ vom 2.10.2022 https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/auktion-bei-sotheby-s-paris-sammlung-der-familie-al-thani-im-hotel-lambert-18355523.html

[8] Siehe dazu z.B. Régis Soubrouillard,  Quand le Qatar achetait la France.   Outre-Terre 2012/3-4 (n° 33-34), pages 517 à 521  https://www.cairn.info/revue-outre-terre4-2012-3-page-517.htm https://www.journaldunet.com/economie/magazine/1104695-les-investissements-du-qatar-en-france.amphtml/ 

https://photo.capital.fr/ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-17024#ces-fleurons-francais-desormais-aux-mains-du-qatar-303408

[9] https://www.liberation.fr/sports/2019/06/18/enquetes-sur-la-corruption-dans-le-sport-le-qatar-en-premiere-ligne_1734691/

[10] Zur Situation derMenschenrechte in Quatar  siehe taz vom 20.11.21 Menschenrechte im WM-Land: Nichts ist gut in Katar  Die Fußball-WM 2022 könne helfen, das Emirat Katar zu liberalisieren, hieß es einmal. Doch die Menschenrechtslage wurde immer prekärer. https://taz.de/Menschenrechte-im-WM-Land/!5814345/

Zu Frauenrechten in Quatar siehe zum Beispiel: https://www.hrw.org/de/news/2021/03/29/katar-maennliche-vormundschaft-schraenkt-frauenrechte-stark-ein

[11] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/L-Hotel-de-la-Marine/Le-Garde-Meuble-de-la-Couronne/commode-riesener# Zu Riesener siehe auch den Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine 1: Das Viertel des Holzhandwerks https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[12] Bild aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation

[13] Dieses Bild und die weiteren Abbildungen -wenn nicht anders angegeben- von Wolf Jöckel

[14] https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris Für das Vergleichsbeispiel siehe  https://www.kyero.com/de/property/11239554-gewerbeimmobilie-mieten-paris (Stand 26.1.2022)

[15] https://www.sueddeutsche.de/sport/wm-katar-terror-geldwaesche-1.5506874?reduced=true

[16] https://www.dbz.de/artikel/dbz_Das_Schatzhaus_im_Meer_Museum_fuer_Islamische_Kunst_71151.html

https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Nationalmuseum-Katar-Ateliers-Jean-Nouvel-3371758.html

[17] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kultur-fussball-hotels-und-nun-kunst-katar-leistet-sich-paris-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-190104-99-430576

[18]  Bérénice Geoffroy Schneiter, Un rêve de musée universelle. In: connaissance des arts. Hors-série. La Collection Al Thani à l’hôtel de la marine. 2021, S. 27; Interview mit Amin Jaffer a.a.O., S. 10 und https://www.weltkunst.de/ausstellungen/2021/11/al-thani-sammlung-hotel-de-la-marine-katar-schaetze-in-paris

[19] Siehe: https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/kunstmarkt/saoud-al-thani-wie-falkenauge-die-kunstsammlungen-von-katar-aufbaute/26797922.html?ticket=ST-501534-kFbObjRKUCmJvlHWOYCa-ap3  und https://de.wikibrief.org/wiki/Collecting_practices_of_the_Al-Thani_Family

[20] https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[21] https://www.numero.com/fr/art/tresors-collection-al-thani-hotel-la-marine-paris-cheikh-hamad-ben-abdullah-al-thani-qatar

[22] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

[23] https://sammlung-digital.lindenmuseum.de/de/objekt/maske_12578

[24] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117  Als Herkunftsort wird dort aber -anders als auf der der Vitrine beigefügten Informationstafel –  das zentralasia tische Sassaniden-Reich angegeben

[25] https://www.sortiraparis.com/arts-culture/exposition/articles/264978-les-tresors-de-la-collection-al-thani-l-exposition-a-l-hotel-de-la-marine

[26]  Bild:© Marc Domage/Al Thani Collection  https://www.fr.de/kultur/kunst/die-al-thani-sammlung-eine-neue-sehenswuerdigkeit-fuer-paris-91122253.html

[27] Bild und wesentlich auch Text  aus: https://www.hotel-de-la-marine.paris/de/Die-Besichtigung/Al-Thani-Collection-Foundation/Elements-Collection-Al-Thani/Repertoire-Highlights-Collection/Bueste-von-Kaiser-Hadrian

[28] https://www.lefigaro.fr/arts-expositions/collection-al-thani-quatre-espaces-d-exposition-pour-120-objets-d-art-20211117

[29] Bild:  https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/les-mille-et-une-merveilles-de-la-collection-al-thani-a-paris-11166359/

[30] https://www.connaissancedesarts.com/monuments-patrimoine/hotel-de-la-marine/tresors-de-la-collection-al-thani-a-paris-5-chefs-doeuvre-que-vous-pourrez-bientot-voir-a-lhotel-de-la-marine-11164017/

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