Zur Erinnerung an unsere vor einem Jahr verstorbene Freundin Sybille Stein, die uns zu der Fahrt nach Ornans angeregt hat. Frauke und Wolf Jöckel
Ornans ist ein kleines sympathisches Städtchen in der Franche-Comté, knapp 30 km südlich von Besançon an der Loue, einem Nebenfluss des Doubs, gelegen. Dort wurde Gustave Courbet am 10. Juni 1819 geboren und dorthin wurden 100 Jahre später seine sterblichen Überreste überführt. Courbet hatte sein ganzes Leben lang eine enge Beziehung zu den Menschen und den Landschaften seiner Heimat, was auch viele seiner Bilder bezeugen. Umgekehrt verlief die Beziehung von Ornans zu Courbet jedoch nicht gradlinig. Zeitweise war er nicht nur in Frankreich, sondern auch in seiner Heimat persona non grata: Coubets revolutionäre Malweise und sein Engagement in der Pariser Commune wurden auch in seiner Heimatstadt vielfach kritisiert. Erst nach Courbets Tod begann ein langwieriger Prozess der Rehabilitierung und Anerkennung, vor allem des heimatverbundenen Malers. Heute erinnert die Stadt gerne und ausgiebig an ihren berühmtesten Sohn, dem sie viel zu verdanken hat.[1]
Place Gustave Courbet
In Ornans geht kein Weg an Courbet vorbei. Der zentrale Platz des Ortes trägt seinen Namen.[2]
Blick auf den Platz mit seinen schon zur Zeit Ludwigs XVI. gepflanzten Linden:
Das erste Atelier des Malers in Ornans befand sich in dem am Platz gelegenen Haus Nr. 24.
Courbets Vater stellte es seinem Sohn im Speicher des der Familie gehörenden Hauses zur Verfügung.
Courbet schuf dort eines seiner berühmtesten Werke L’Enterrement à Ornans (Das Begräbnis von Ornans) : Es ist ein monumentales, heute im Musée d’Orsay in Paris ausgestelltes Gemälde. Erstaunlich, wie der Maler angesichts der doch beengten Verhältnisse dort ein solches Werk von 3,15 Metern Höhe und 6,68 Metern Länge (!) schaffen konnte. Möglich wurde es durch ein ausgeklügeltes System von zwei Trommeln, zwischen denen die leere Leinwand gespannt wurde. Die wurde dann nach und nach aus- bzw. aufgerollt. So entstand sukzessive in diesem engen und schlecht beleuchteten Raum das monumentale Werk, von dem Courbet sagte, er habe es blind gemalt…[4] Das Bild erregte allerdings wegen seines Themas und der lebensgroßen realistischen Darstellung kleiner Bürger von Ornans einiges Ärgernis, auch in Courbets Heimatstadt. Jetzt gibt es im Musee Courbet eine Projektion des Bildes im originalen Format mit abrufbaren Hintergrundinformationen.
Der Fischerjunge
Die Place Courbet ist nicht nur der zentrale Platz des Ortes, sondern in seiner Mitte gibt es auch einen Brunnen mit einer Statue aus Bronze. Die hatte Courbet 1860 seiner Heimatstadt geschenkt. Dargestellt ist ein pêcheur des chavots: Nach den Worten Courbets ein zwölfjähriger Junge, der die damals in der Loue weit verbreiteten Groppen jagt. Das sind auf dem Grund lebende kleine Fische, die mit einer langen Gabel aufgespießt wurden. Dieses schöne Geschenk Courbets an seine Heimatstadt war allerdings nicht durchweg willkommen. Die Nacktheit des kleinen Jungen schockierte einige Bürger und es zirkulierte eine Petition, die -allerdings erfolglos- die Beseitigung der Statue forderte.
Es war dann Courbets Engagement in der Pariser Commune, das am 28. Mai 1871 zur Entfernung der Statue führte. Courbet hatte als „Kulturminister“ der Commune die Versetzung (déboulonnement) der Napoleon und seine Siege feiernden Vendôme-Säule in die Invalides vorgeschlagen und war deshalb als „déboulonneur“ verschrien. Man machte ihn sogar -zu Unrecht- für die Zerstörung der Säule verantwortlich. Jetzt wurde sein Geschenk an die Heimatstadt selbst Opfer eines déboulonnements. Courbet war empört. Diese hilflosen, neidischen Burschen hätten kein Recht, ohne jede Kenntnis Urteile zu fällen.[5]
Aber erst einmal hatten Courbets Feinde das Sagen und konnten nach Belieben ihre Urteile fällen: Die Rache der siegreichen Versaillais traf auch Courbet: Der Vorwurf: „Attentat, Aufwiegelung und Aushebung von Truppen, Amtsanmaßung und Beihilfe zur Zerstörung von Monumenten“. Courbet wurde zu einer immerhin vergleichsweise milden Strafe verurteilt und am 22. September 1871 in das Pariser Gefängnis von Sainte-Pélagie eingeliefert.[6]
Im Musée Courbet gibt es das einzige Bild des Malers, das sich direkt auf die Zeit der Commune bezieht.[7]
Courbet malte es nach seiner Entlassung: Es ist ein idealisiertes Bild seines Gefängnisaufenthaltes. Man verweigerte ihm dort nämlich den Status eines politischen Gefangenen, behandelte ihn als gewöhnlichen Kriminellen und tat, wie Courbet einem Freund schrieb, alles, um ihn zu diffamieren und ihm seine Würde zu nehmen. In diesem Selbstbildnis stellt er sich in Anzug, Pfeife rauchend und mit rotem Schal in einer Zelle mit Ausblick auf den Hof als politischen Häftling dar: Er bekennt sich zu seinen Überzeugungen und stellt seine Würde wieder her. [8]
1873 wird Courbet allerdings unter dem reaktionären Staatspräsidenten Mac Mahon erneut angeklagt und wegen seiner angeblichen Verantwortung für die Zerstörung der Vendôme-Säule zu einer exorbitanten Entschädigungszahlung verurteilt. Der kann er nur entgehen, indem er aus Frankreich flieht und sich ins Exil in die Schweiz begibt. Dort stirbt er am 31. Dezember 1877.
Totenmaske von Courbet, vom 1. Januar 1878 (Musée Courbet)
So hat Courbet nicht mehr die -auch auf Betreiben Victor Hugos- 1880 beschlossenen Amnestie für die verurteilten Kommunarden erlebt. In ihrer Folge wurde 1881 auf dem zentralen Platz von Ornans ein neuer Abguss der Statue des Fischerjungen aufgestellt. Als die 1909 schon wieder Opfer von Courbet-Feinden und umgestürzt wurde, brachte man den Fischerjungen im Rathaus der Stadt in Sicherheit und auf dem Platz steht jetzt ein moderner Abguss.
Dies ist der erste Entwurf, den Courbet in seinem Pariser Atelier herstellte. Er ist im Courbet-Museum in Szene gesetzt.
Das zweite Atelier
Am westlichen Ortseingang von Ornans befindet sich eine ehemalige Gießerei: Zwischen 1860 bis zum Beginn seines Schweizer Exils 1873 das zweite Atelier Courbets in Ornans. [9]
Courbet war mit seinem neuen Atelier höchst zufrieden: Er könne dort in Ruhe arbeiten, das Grundstück sei groß, von Bäumen bestanden, nahe am Fluss, das Atelier hell und weiträumig: „…Jetzt bin ich in der Lage, alles auszuschöpfen, was die Malerei zu bieten hat.“[10]
Courbet konnte in diesem Atelier problemlos Bilder mit extrem großen Formaten malen. Hier entstanden zahlreiche Bilder mit Jagdmotiven, darunter das monumentale Halali du cerf aus dem Jahr 1865, sein letztes großes Format – und wie das Enterrement d’Ornans– auch wieder ein Ärgernis: Ein Bild der Jagd in den Ausmaßen eines Historiengemäldes! Etienne Carjat, den Courbet 1859 bei dessen Aufenthalt in Frankfurt am Main kennengelernt hatte, fotografierte Courbet im Atelier von Ornans bei der Arbeit an diesem Gemälde. [11]
Die Zeit zwischen seiner Entlassung aus dem Gefängnis und seinem Schweizer Exil war für Courbet sehr produktiv. Er erhielt eine solche Fülle von Aufträgen, dass er sie nicht bewältigen konnte. Er löste das Problem, indem er hier kurzerhand ein „Gemeinschaftsatelier“ (atelier commun) einrichtete, in dem junge Künstler und Schüler ihm zuarbeiteten…. [12]
Nach dem Tod Courbets im Jahr 1877 erweiterte die jüngere Schwester und Nachlassverwalterin Juliette das Atelie, um dort einen Erinnerungsort an ihren Bruder einzurichten:
„In der Stadt, die seine Wiege war, möchte ich die charakteristischsten Werke seines Lebens wie in einem Wohnzimmer aufstellen.“ Juliette Courbet, 1903.
Daraus wurde aber nichts. Nach dem Tod Juliettes 1915 wurde das Haus an einen Weinhändler verkauft, der das immer mehr verfallende Atelier Courbets als Lager nutzte. Die Geschichte des Hauses geriet in Vergessenheit. 2007 wurde es unter Denkmalschutz gestellt und bis 2021 vom Département du Doubs renoviert.
Einige Reste der ursprünglichen Dekoration sind noch erhalten. [13] Jetzt ist das ehemalige zweite Atelier Courbets in Ornans ein offizieller Erinnerungsort des Projekts Pays de Courbet, pays d’artiste und wird für kulturelle Zwecke genutzt.
Das Grab Courbets
Zur Rehabilitierung Courbets gehört vor allem die Überführung seiner sterblichen Überreste nach Ornans. Courbet war 1877 in seinem Schweizer Exil in Tour-de-Peilz gestorben. Seine jüngere Schwester und Nachlassverwalterin Juliette engagierte sich intensiv für das Erbe und Ansehen ihres Bruders. Zu diesen Bemühungen gehörte auch seit den 1880-er Jahren der Wunsch, die sterblichen Überreste Courbets in seine Heimat zu überführen. „Wir wünschen“, hieß es in einem entsprechenden Plädoyer aus dem Jahr 1885, „dass seine Asche in dieses Tal der Loue zurückkehrt, das er so geliebt und so gerne gemalt hat.“[14] Es dauerte aber noch bis zum Jahr 1919, dem 100. Geburtstag Courbets, dass sein Grab aus der Schweiz auf den Friedhof von Ornans überführt wurde, den er mit seinem Bild vom „Enterrement d’Ornans“ berühmt gemacht hatte.
Das ist der Grabstein von Tour-de-Peilz, der mit den sterblichen Überresten Courbets nach Ornans überführt wurde. Das falsche Geburtsdatum (10. August statt 10. Juni) wurde auch übernommen.
Das Museum
Der bedeutendste und unübersehbare Erinnerungsort an Courbet in Ornans ist das Haus, in dem Gustave Courbet am 10. Juni 1819 geboren wurde. Seit 1971 befindet sich dort das Courbet-Museum. Es wurde 2011 wesentlich erweitert und neu gestaltet: geöffnet zum Fluss und der Landschaft, die Courbet so liebte.[15]
Unter einem Gang mit gläsernem Boden fließt die Loue
Blick aus dem Museum über die Loue
Gezeigt werden rund 80 Werke, nicht nur die bekannten Landschaftsbilder aus der Gegend um Ornans, sondern auch Portraits, Skulpturen und Zeichnungen, die die sozialen Verhältnisse seiner Zeit thematisieren. Die Ausstellung ist thematisch und chronologisch aufgebaut, so dass sich die künstlerische und politische Entwicklung Courbets gut nachvollziehen lässt. [16]
Die Büsten
Im Museum ist auch eine Büste Courbets ausgestellt, die Kopie einer Arbeit von Jules Dalou. Im Zuge der allmählichen Rehabilitierung Courbets entstand in den 1880-er Jahren das Projekt, eine Büste des Malers anzufertigen. Beauftragt wurde Jules Dalou, wie Courbet engagiert in der Pariser Kommune und wie er danach verfolgt und ins (englische) Exil gezwungen. Dalou konnte aber 1879 nach Frankreich zurückkehren und wurde zu einem der bedeutendsten Bildhauer der Dritten Republik. Seine monumentale Figurengruppe auf der Place de la Nation Le Triomphe de la République ist dafür ein eindrucksvoller Beleg. Allerdings wurde die originale Büste nicht in Ornans aufgestellt, sondern 1890 im Musée des Beaux-Arts in Besançon, das Courbet nun ebenfalls für sich reklamierte.[17]
1932 wurde daraufhin in Ornans ein Komitee gegründet für ein Monument zur Erinnerung an Courbet. Georges Laëthier, Professor an der Kunstschule von Besançon, erhielt dafür den Auftrag. Am 23. Juli 1939 wurde die Büste eingeweiht.
Sie steht vor der Grundschule (Allée du parc Piffard) und trägt -neben dem Namen und den Lebensdaten Courbets- die Aufschrift: Die dankbare Stadt Ornans/La ville d’Ornans reconnaissante: End- und Höhepunkt der Rehabilitierung Courbets in seiner Heimatstadt.
Der Bauernhof von Flagey
Wie man an den Straßenschildern ablesen kann, ist Courbet aber nicht nur in Ornans präsent, sondern auch in der Umgebung, dem „pays de Courbet“, der Heimat Courbets. Dazu gehört der Bauernhof der Familie Courbet in dem Weiler Flagey, 15 Autominuten südlich von Ornans.
Zu dem Familienhof in Flagey gehörte ein üppiger Nutzgarten mit abwechslungsreichem Baumbestand, der ein Leben als Selbstversorger ermöglichte. Außerdem gab es einen Garten mit Blumen, der nach den Worten Courbets „das ganze Jahr über blühte und das Schmuckstück des ganzes Dorfes darstellte.“[19]
Seit 2008 ist auch der Bauernhof Teil des Courbet-Projekts des Département Doubs. Dazu gehörte auch die Neuanlage des Gartens, für die seine ursprüngliche Form im 19. Jahrhundert als Vorbild diente.
Das ehemalige Wohnzimmer des Bauernhauses ist heute ein Café mit Buchhandlung. Von der Terrasse aus hat man einen schönen Blick in den Garten. Es wurde „Café de Juliette“ genannt, um der jüngsten Schwester von Gustave Courbet, die sich um die Würdigung des Werkes ihres Bruders bemühte, ein Denkmal zu setzen.[20]
Ohne Courbet wäre Ornans sicherlich der Name eines der vielen pittoresken französischen Orte ohne größeren Nachhall. Dank Courbet ist das anders: Viele Bilder, die er in seiner geliebten Heimat gemalt hat, haben im Titel den Namen Ornans und von Orten der Umgebung: Après-dinée à Ornans, Vendange d’Ornans sous la Roche du Mont, l’Enterrement à Ornans, Château d’Ornans, les Rochers d’Ornans und dutzende Paysages près d’Ornans, La Chêne de Flagey, Les paysans de Flagey revenant de la foire…. um nur einige zu nennen. Courbet hat damit seine Heimatstadt bekannt gemacht und ihr den Adelstitel verliehen, „il a imposé le nom de sa ville“ et il „lui a donné ses lettres de noblesse moderne“.[21]
In einem nachfolgenden Beitrags sollen einige der Bilder vorgestellt werden, in denen Courbet seine Heimatstadt und die Schönheit der umgebenden Landschaft gefeiert und ihm nahestehende, aber auch unbekannte, einfache Menschen in einer damals revolutionären Weise gemalt und ihnen so eine zeitlose Bedeutung und Würde verliehen hat.
Anmerkungen
[1] Wenn nicht anders angegeben, sind die Abbildungen in diesem Beitrag von Frauke und Wolf Jöckel aufgenommen. Titelbild des Beitrags ist ein Foto von Étienne Carjat (um 1866): Courbet bei der Arbeit in seinem Atelier in Ornans an dem Gemälde Hallali du cerf
[5]j’appendrai à ce tas de polissons qu’ils ne sont pas en droit de rien juger d’abord avant de connaître malgré leur impuissance, leur envie et leur basse politique. Zitiert auf einer Informationstafel des Museums.
Musée départemental Gustave Courbet 1 Place Robert Fernier Öffnungszeiten täglich außer dienstags: – von Juni bis September 10 bis 18 Uhr – von Oktober bis Mai: montags 14-17 Uhr; Mittwoch bis Sonntag 10-12 und 14-17 Uhr
Atelier Courbet:
14 avenue Maréchal de Lattre de Tassigny, 25290 Ornans
Öffnungszeiten: Vom 1. Juni bis 1. Oktober Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr
Jean-Luc Mayaud, Courbet, L’Enterrement à Ornams: un tombeau pour la République. Boutique de l’Histoire. Paris 1999
Michel Ragon, Gustave Courbet. Peintre de la liberté. Fayard 2004
Dieter Scholz, Pinsel und Dolch: Anarchistische Ideen in Kunst und Kunsttheorie 1840–1920, Berlin 1999, S. 27–100
Marcel Truche/Marie-Christine Truche, Gustave Courbet. Sur les chemins de sa vie. 9 randonnées „biographiques“. Cêtre 2014
Franz Zelger, Begräbnis als Selbstinszenierung : Courbets „Enterrement à Ornans“ – eine Neuinterpretation. In: Georges-Bloch-Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich (5,1998) https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=gbj-002%3A1998%3A5%3A%3A231
Beim Stichwort Glasmalerei habe ich zunächst immer an die wunderbaren Fensterrosen französischer Kathedralen wie Paris, Amiens und Reims gedacht, natürlich an Chartres mit dem größten Bestand originaler Glasfenster unter allen gotischen Kathedralen. Aber Troyes – das dann auch noch vollmundig als „die europäische Hauptstadt der Glasmalerei“ angepriesen wird?[1] Verständlich macht dieses Prädikat eine in diesem Zusammenhang immer wieder gerne zitierte Formel: Danach befinden sich achtzig Prozent aller Glasmalereien weltweit in Frankreich, davon 80% nördlich der Loire; davon wiederum 80% im Gebiet der Champagne, und davon nochmals 80% im Departement Aube mit seiner an der Seine gelegenen Hauptstadt Troyes. Vier von weltweit zehn Glasmalereien befinden sich also in Troyes und seiner Umgebung![2]
Schon 1774 schrieb P. le Vieil in „l‘’Art de la peinture sur verre et de la vitrerie“, es gäbe wohl keinen Bezirk in Frankreich, der so viele und so kostbare Glasmalereien vorweisen könne wie Troyes und seine Umgebung.[3]
Die Stadt verdankt diesen Reichtum vor allem seiner Lage am Schnittpunkt wichtiger Handelsstraßen. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts wurden in Troyes jedes Jahr zwei große Messen abgehalten, die foire chaude im Juni/Juli und die foire froide im Oktober. In ihrem Gefolge entwickelte sich ein blühendes Handwerk und ein reiches Bürgertum, das seinen Glauben und seinen Wohlstand gerne durch die Stiftung von Kirchenfenstern zur Schau stellte. Und die Stadt öffnete sich für Anregungen von außen. Das spielte vor allem nach dem großen Stadtbrand von 1524 eine Rolle, als mehrere Kirchen mit ihren Fenstern wieder hergerichtet werden mussten. Damals hielt unter dem Einfluss der italienischen Kunst die Renaissance ihren Einzug in die Stadt. . Sie prägt neben dem Mittelalter wesentlich das Bild der Stadt, und man spricht deshalb auch von dem „schönen 16. Jahrhundert“ (Le Beau XYVIe).[4] Troyes war zu dieser Zeit die fünftgrößte Stadt des Königreichs.
Aber auch danach blieb Troyes ein Zentrum der Glasmalerei – alte Glasfenster mussten restauriert werden, neue Techniken, Stile und Orte kamen hinzu – bis hin zu einer einzigartigen mit Glasmalereien ausgestatteten Tiefgarage im Zentrum der Stadt. Und dazu hat 2022 in Troyes auch noch ein sehr sehenswertes und informatives Zentrum der Glasmalerei eröffnet, die cité du vitrail.
Es gibt also viele gute Gründe für einen der Glasmalerei gewidmeten Spaziergang durch Troyes. Das Service Animation du patrimoine von Troyes hat einen entsprechenden Rundgang (circuit découverte) vorgeschlagen, dem wir gerne folgen.[5]
Er beginnt an der Kathedrale Saint-Pierre et Saint- Paul (Plan Nummer 13) und führt über die Basilique St-Urbain und die Kirche Sankt Pantaleon (Plan Nummer 13) zur Kirche Ste Madeleine. Dazu kommt noch die Cité du vitrail (Plan Nummer 14) und das daneben unter der Place de la Libération gelegene Parkhaus mit seinen Glasfenstern. Insgesamt ein wunderbares, wenn auch anspruchsvolles Tagesprogramm. Dazwischen gibt es aber genug Möglichkeiten für kürzere oder auch längere Pausen, für ein Picknick oder ein Mittagessen, einen Kaffee oder ein Eis… Und am Ende wird man zufrieden, ja glücklich sein, einen Eindruck von der „europäischen Hauptstadt der Glasmalerei“ gewonnen zu haben.
Nachfolgend einige kleine Einblicke und Eindrücke – mehr ist bei einem Rundgang und erst recht nicht bei diesem Blog möglich. Aber vielleicht regt der Beitrag dazu an, sich bei Gelegenheit selbst einmal ein Bild zu machen…
Die Kathedrale
Blick vom Garten der cité du vitrail auf die Westfassade der Kathedrale
Mit dem Bau der Kathedrale wurde um 1200 begonnen, die Arbeiten zogen sich hin bis ins 17. Jahrhundert. Da sich die langen Bauarbeiten aber an einem mittelalterlichen Gesamtkonzept orientierten, ist ein harmonisches Gebäude entstanden. Mit 1500 m2 Glasfenstern kann die Kathedrale von Troyes zwar nicht mit den 2600 qm2 der Kathedrale von Chartres mithalten, aber die Fenster von Troyes gelten als eines der schönsten Kirchenfenster-Ensembles Frankreichs.
Sie schmücken Chor und Langhaus.
Bei Sonne leuchten auch die Säulen im blauen und roten Licht der Kirchenfenster.
Entstanden sind sie vom 13. bis ins 19. Jahrhundert: Dargestellt sind Christus und Maria, Kirchenväter, Heilige und Propheten.
Im Chor kann man mittelalterliche Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert bewundern. Hier die Darstellung von der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten.[6]
Eine entzückende Episode aus dem Leben des Heiligen Andreas:: Der Heilige vertreibt zwei Dämonen[7]
Während in der Zeit des Hochmittelalters die Szenen in einzelne Medaillons aufgeteilt waren, werden später auch ganze Geschichten in fortlaufenden Bildern erzählt. So das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Lukasevangelium in einem großen Glasfenster aus dem 16. Jahrhundert.[8]
Hier der Anfang der Geschichte: Der jüngere Sohn verlangt vom Vater schon zu dessen Lebzeiten seinen Erbteil, verlässt das Haus und verprasst das Erbe mit Wein und Weib(ern) …
Schließlich völlig verarmt, muss er sich sogar als Schweinehirt verdingen. Reumütig kehrt er am Ende zu seinem Vater zurück, von dem er, sehr zum Missfallen des älteren Bruders, in Ehren empfangen wird: Eine anschauliche Bibelkunde für die damaligen, noch nicht lesekundigen Gläubigen.
Ziemlich einzigartig ist ein Glasfenster im nördlichen Seitenschiff aus dem Jahr 1625:
Hier kennt man nicht nur das Jahr der Entstehung, sondern auch den Namen des Glasmalers, Linard Gonthier, ein berühmter Glaskünstler dieser Zeit.
Und man kennt auch die Namen der Stifter, die sich selbstbewusst und gut sichtbar rechts und links unten in voller Größe präsentieren.
Zwischen ihnen liegt Jesus in einer Weinpresse. Deshalb auch der Name des Glasfensters: Le Pressoir mystique.
Die Darstellung bezieht sich auf das Jesuswort im Johannesevangelium 15.5: Ich bin der Weinstock und auf die Eucharistie der katholischen Christen: Das Blut Jesu aus der Weinpresse wird in einem Wein-Kelch aufgefangen. Christus in der Kelter ist zwar seit dem Mittelalter ein verbreitetes Motiv der christlichen Ikonographie. Aber da wird meist Christus aktiv als „Keltertreter“ dargestellt. Hier liegt Christus in der Kelter, eine eher außergewöhnliche Darstellung. Aber sie galt offensichtlich als eine zu Troyes und der Champagne passende Metapher des christlichen Glaubens von Tod und Auferstehung Jesu.
La Cité du Vitrail
Im Dezember 2022 wurde im Hôtel-Dieu-le-Comte, einem ehemaligen Krankenhaus aus dem 18. Jahrhundert, die neue Cité du Vitrail eröffnet.
Der Eingang der Cité du Vitrail
Es handelt sich um eine der Glasmalerei gewidmete Einrichtung mit einem Studien- und Forschungszentrum, einer Werkstatt zur Restauration und einer Ausstellung zur Geschichte und Herstellung der Glasmalerei und einer kleinen, aber feinen Dauerausstellung originaler Werke vor allem aus der Region um Troyes.[9]
Hier einige Beispiele von Exponaten aus verschiedenen Epochen vom 13. bis zum 21. Jahrhundert:
Dies ist das älteste bekannte Glasfenster aus Troyes. Es stammt aus dem 12. Jahrhundert. Seit 200 Jahren verschollen, tauchte es 2018 bei einer Versteigerung wieder auf…
Kirchenfenster aus einem Zisterzienser-Kloster. Figurative Glasfenster waren bei den Zisterziensern verpönt. Nichts sollte die Andacht stören.
Die Jungfrau der sieben Schmerzen. Aus einer Dorfkirche bei Troyes. Anfang des 16. Jahrhunderts. Die sieben Schmerzen stehen für die sieben Leiden Christi – von der Beschneidung links bis zur Kreuzigung rechts- die aber die Mutter ins Herz treffen. Das Fenster wurde wegen seines miserablen Zustandes in den 1950-er Jahren ausgebaut und eingelagert. Nach seiner Restaurierung durch die Cité du Vitrail soll es möglichst wieder an seinen Ursprungsort zurückkehren.
Louis-Charles-Auguste Steinheil, L’histoire de la céramique, 1878 (Ausschnitt)
Eine bewegte Geschichte hat auch dieses Glasfenster. Es stammt aus dem alten palais de Trocadéro, das für die Weltausstellung von 1878 errichtet und mit Glasfenstern geschmückt wurde, die die Geschichte des Handwerks und der Industrie darstellten. 1935 wurde das Gebäude abgerissen, um einem neuen Palais für die internationale Ausstellung von 1937 Platz zu machen. Steinheils Fenster war das einzige, das der Zerstörung entging. 1997 wurde es wiederentdeckt und ist jetzt zum ersten Mal seit 1935 ausgestellt.
Jean-Michel Othoniel, Panneau d’essai, 2008-2016
Paris-Besucher kennen wohl die von Othoniel gestaltete extravagante Metro-Station Palais-Royal mit den großen bunten Kugeln aus Murano-Glas, Versailles-Besucher seine großen silbrigen Fontainen des bosquet de théâtre d’eau. Das in der Cité du Vitrail ausgestellte Glasfenster ist ein Versuch im Zusammenhang mit einem großen Auftrag des Staates für den Trésor der Kathedrale von Angoulême.[10]
Die Tiefgarage/ le parking Cathédrale
Unter der place de la Libération gibt es seit 2007 eine Tiefgarage (le parking Cathédrale): 460 Parkplätze sind um einen von oben beleuchteten 8 Stockwerke tiefen Schacht gruppiert – neunmal da herumzufahren, um -falls erforderlich- von oben nach ganz unten und dann wieder nach oben zu gelangen, erscheint mir schon ziemlich abenteuerlich.
Allerdings ist der Weg in die Tiefe und zurück erhellt durch 106 Spitzbogenfenster – eine Referenz an die gotische Blütezeit von Troyes. Und 87 dieser Fenster sind mit bunten Glasfenstern dekoriert, die der -damals deutsche, inzwischen deutsch-französische- Glaskünstler Udo Zembok entworfen hat.
Die Glasfenster variieren die vier Farben, die die alten Glasmalereien der Kirchen von Troyes bestimmen: Blau, rot, grün und gelb.
Jede Farbe steht für eine Himmelsrichtung, dazwischen gibt es farbliche Abstufungen. Die jeweilige Himmelsrichtung ist auf dem entsprechenden Fenster eingeschrieben, und zwar auf jedem der 8 Stockwerke in einer anderen Sprache: französisch, englisch, spanisch, deutsch, russisch, finnisch, lateinisch und altgriechisch – ein Hinweis auf die breiten wirtschaftlichen Beziehungen der alten Handelsstadt Troyes.
Hier die Glasscheibe mit dem finnischen Norden…
Saint Urbain
In direkter Nachbarschaft der place de la Libération liegt die Basilika Saint Urbain.
Benannt ist sie nach Urban IV., einem aus Troyes stammenden Papst des 13. Jahrhunderts. An der Stelle seines Geburtshauses ließ er die Kirche errichten, die als ein Musterbeispiel hochgotischer Baukunst gilt. Sie wird sogar gerne mit der Pariser Sainte Chapelle verglichen, weil bei beiden Bauwerken durch ein zu höchster Vollendung verfeinertes System von Strebepfeilern und Strebebögen die Kirchenwand fast völlig aufgelöst ist: Viel Platz für Glasfenster![11]
Viele der Glasfenster stammen aus dem 13. Jahrhundert.
Hier eine Anbetung der drei Könige. Bemerkenswert ist die Darstellung des gerade geborenen Kindes schon in der charakteristischen Pose des erwachsenen Jesus…
Die meisten der Fenster sind zu großen Teilen mit hellen Ornamenten verziert, so dass viel Licht in den Kirchenraum gelangt.
Überraschend sind (jedenfalls für mich) die Glasmalereien von grotesken menschlichen und tierischen Köpfen in der Chapelle de la Vierge aus dem 13. Jahrhundert. Da konnten die Glasmaler ihre Phantasie frei entfalten – ähnlich wie die Steinmetze bei den wilden Wasserspeiern mittelalterlicher Kirchen.
Und die Funktion ist ja vielleicht auch dieselbe, nämlich an die Existenz von Dämonen zu erinnern. Hier ist es ein junger Mann, der ihnen die Zunge herausstreckt und sie damit von der „unbefleckten“ Maria fernhält…
St. Pantaléon
Auch die Kirche Sankt Pantaléon ist nach dem aus Troyes stammenden Papst benannt: Sein „bürgerlicher“ Name war Jacques Pantaléon.
Dass die Kirche eine Etappe auf dem Kirchenfenster-Rundgang durch Troyes ist, verdankt sie ihren wunderbaren unter dem Einfluss der italienischen Renaissance entstandenen Grisailles-Fenstern.[12]
In dem nachfolgend abgebildeten Fenster aus dem Jahr 1546 wird die Geschichte des Königs Belsazar aus dem Alten Testament erzählt.
Die Geschichte ist auch bekannt von dem Gedicht Heinrich Heines: „Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon.“ König Belsazar aber feiert ein rauschendes Fest, verwendet dabei aus dem Tempel von Jerusalem geraubte Kelche und lästert Gott: „Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn – Ich bin der König von Babylon!“ Da erscheint eine Schrift an der Wand (linkes Bild). Die herbeigerufenen Schriftgelehrten sind nicht in der Lage, sie zu entziffern (rechtes Bild). Erst der Prophet Daniel deutet die Schrift als Menetekel (rechtes Bild, rechts oben), als Untergangs-Prophezeiung. „ Belsazar ward aber in selbiger Nacht / Von seinen Knechten umgebracht.“
Erzählt wird auch, wie Daniel am Hof des babylonischen Königs Darius Opfer einer Verschwörung wird. Als Strafe in eine Löwengrube geworfen, überlebt der gottesfürchtige Daniel, weil die sonst so hungrigen Löwen dank Gottes Intervention schlafen und ihn so verschonen.
Entstanden sind diese Fenster im Zeitalter der Glaubensspaltung und der beginnenden Gegenreformation. Entsprechend eindeutig ist die Botschaft: Wer treu zum katholischen Glauben steht, wird belohnt. Wer aber Gott lästert bzw. vom rechten Glauben abfällt, wird bestraft. Und entsprechend drastisch wird dann auch dargestellt, welche teuflischen Strafen den ketzerischen Protestanten drohen…
….und welche Qualen sie erwarten…
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das große Fenster mit einer wilden Schlachtszene aus dem Jahr 1540 [13] Es zeigt eine legendäre Schlacht des spanischen christlichen Heeres gegen die Sarazenen im Jahr 844:
Zum Sieg beigetragen hat -so die Botschaft des Bildes- der Heilige Jacobus – erkennbar an seinem Heiligenschein und den Muscheln auf seinem Banner. Auch dies ist ein Fenster, das im Kontext der Gegenreformation gesehen werden muss: Es feiert den Kampf -und Sieg- der katholischen Kirche gegen ihre Feinde in Geschichte und Gegenwart.[14]
Sainte Madeleine
Abschluss und letzter Höhepunkt des Kirchenfenster-Spaziergangs durch Troyes ist die Kirche Sainte- Madeleine. Ihr unscheinbarer Eingang liegt in einer engen Gasse. Sie gilt aber unter allen Kirchen der Stadt als eine der ältesten und schönsten. Diesen Ruf verdankt sie ihrem Lettner im spätgotischen Flamboyant-Stil und ihrem reichen und außerordentlich schönen Bestand an Glasfenstern.[15]
Blick durch den Lettner auf das von der reichen Goldschmiedezunft der Stadt gestiftete Fenster des heiligen Eloi, des Heiligen der Goldschmiede, mit der Darstellung seines Handwerks.
Hier ein Blick in eine Goldschmiedewerkstadt dieser Zeit.
Die fünf Fenster des Chors (auf dem Plan entsprechend die Nummern 1-5) aus der Zeit um 1500 hat man sogar „zu den schönsten Frankreichs“ gerechnet[16]
Dieses Prädikat verdankt sie -unter anderem- dem großen Glasfenster zur Schöpfungsgeschichte (Genesis, Nummer 2).
In den beiden unteren Bildreihen wird Gottvater bei der Erschaffung der Welt gezeigt…
… hier erschafft er die Sterne.
In der Bilderfolge darüber wird Gott entsprechend der biblischen Schöpfungsgeschichte bei der Erschaffung der Tiere und der Menschen dargestellt.
…. links Adam, rechts, aus seiner Rippe, Eva.
In all diesen Darstellungen trägt Gott die päpstliche Kopfbedeckung, die Tiara. Die Rolle des Papstes als Stellvertreter Gottes auf Erden wird so demonstrativ, für alle Kirchenbesucher unübersehbar, betont. Und dies in einer Zeit, in der Kritik am Papst weit verbreitet und ja auch ein wesentlicher Auslöser der Reformation war.
In diesem Zusammenhang sehe ich auch diesen Ausschnitt aus dem Genesis-Fenster: Es zeigt Abraham, der schon das Messer gezückt hat, um auf Gottes Geheiß seinen gefesselten erstgeborenen Sohn Isaac zu töten. In letzter Minute erscheint ein Engel und verkündet die Rettung : Abraham hat seine absolute Gottestreue bewiesen.
Hier wird eine absolute Folgsamkeit gegenüber Gott und damit auch gegenüber dem Papst gefordert! Ich bin kein Katholik und schon gar kein Religionswissenschaftler. Aber in einer solchen Darstellung sehe ich ein Vorbild für einen sich auf die Bibel berufenden religiösen Rigorismus und Fanatismus, der schließlich zu Religionskriegen, zur Verfolgung religiöser Minderheiten wie der Hugenotten oder Waldenser, den Hexenverfolgungen, der Inquisition etc führte. Und die, die diese Taten exekutierten, konnten in bestem Wissen und Gewissen handeln: Es war ihnen ja offenbar kein barmherziger Engel erschienen… Bemerkenswert erscheint mir auch, dass im muslimischen Glauben die Erinnerung an das Abrahamopfer eine zentrale Rolle spielt. Islamistische Terroristen sind ja fest davon überzeugt, mit ihren Mordtaten sich als vorbildliche Muslime zu beweisen…
Neben der Kirche befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs der Jardin des Innocents. Man betritt ihn durch das gotische Tor – reich geschmückt, unter anderem mit dem Wappen des Königs François Ier, einem Salamander, (links oberhalb des Bogens).
Ein exquisiter Ort der Stille nach dem Spaziergang durch Troyes mit seinen wunderbaren, manchmal aber auch nachdenklich machenden Glasfenstern…
[14] Siehe auch die Broschüre Le Vitrail de Troyes: „Ce thèma n’a pas été choisi au hasard car il illustre la défense de l’Église face aux idées de la Réforme.“
Wie immer fand auch diesmal das traditionelle Pariser Feuerwerk zum Nationalfeiertag am Eiffelturm statt. Während sonst aber hunderttausende Schaulustige das Feuerwerk vom Marsfeld oder dem Trocadero betrachten konnten, war das diesmal wegen der Aufbauten für die Olympischen Spiele nicht möglich.
Wir hatten aber Gelegenheit, das Feuerwerk bei Freunden von einer Dachterrasse in Montparnasse betrachten zu können. Hier einige Eindrücke.
Der Eiffelturm mit den ölympischen Ringen im Abendlicht: Bald wird das Feuerwerk beginnen.
Jetzt ist es soweit: Am Fuß des Eiffelturms wird das Wappen der Stadt Paris in den Himmel gezeichnet: Ein Schiff auf den Wellen mit der Devise: Fluctuat nec mergitur/Sie schwankt, aber geht nicht unter. .
Von unserem Platz in Montparnasse aus ist die Schrift allerdings nur leicht verdeckt und seitenverkehrt zu sehen: Das Feuerwerk ist traditionell nach Nord-West zum Trocadero ausgerichtet.
Das Feuerwerk steht diesmal ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Hier wird eine Läuferin mit der olympischen Fackel in den Himmel gezeichnet: Die ist seit dem 8. Mai auf einer tour de France und kam rechtzeitig zum Nationalfeiertag in Paris an. Am 15. Juli wird die doppelte Judo-Olympiasiegerin Clarisse Agbégnénou die Fackel bis auf die Spitze des Eiffelturms tragen.
Die Schuhe der Auserwählten, die die olympische Fackel durch Frankreich tragen durften…
Die Figuren wurden mit Hilfe von 1100 Dronen in den nächtlichen Himmel gezeichnet. Eine spektakuläre Neuerung beim Pariser Feuerwerk.
Olympische Sportarten: Im Handball gehören die Franzosen zu den Favoriten.
Etwas bleu-blanc-rouge darf gegen Ende natürlich auch nicht fehlen….
Zum krönenden Abschluss werden die olympischen Ringe in den Himmel geschrieben- am Anfang sogar farbig – allerdings aus unserer Sicht natürlich wieder seitenverkehrt.
Nach 20 Minuten Ende und Beifallklatschen. Es hat sich einmal mehr bestätigt, dass es in Frankreich seit Ludwig XIV. wahre Meister der Feuerwerkskunst gibt. Jetzt kann man den Franzosen und uns allen nur noch einen friedlichen, erfolgreichen und schönen Verlauf der Olympischen Spiele wünschen!
Ein“verwandter“ Beitrag zum 14. Juli aus dem Jahr 2020:
Heute finden in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Wahlen für das Europaparlament statt. Ein guter Anlass, wie ich meine, an den leidenschaftlichen Europäer Heinrich Mann und die Begegnungen von Pontigny zu erinnern, bei denen schon vor ca 100 Jahren der Geist der europäischen Verständigung gepflegt wurde.
Wolf Jöckel, 9. Juni 2024
1114 wurde die Abtei von Pontigny als zweites Tochterkloster der zisterziensischen Mutterabtei von Cîteaux gegründet. Es ist, auch wenn viele Klostergebäude nicht mehr existieren, ein imposanter Bau: zwar von der bei den Zisterziensern üblichen Schlichtheit, aber mit einer Grundfläche von 4000 qm2 und einer Länge von 120 Metern – kaum weniger als Notre-Dame von Paris- die größte Zisterzienserkirche der Welt.
Dass ich der Abtei von Pontigny einen Blog-Beitrag widme, hat zwei Gründe: Einmal wegen der Geschichte und Architektur des Baus -die Zisterzienser haben mich schon immer fasziniert- zum anderen wegen der Décades de Pontigny, einem Treffen internationaler Intellektueller in den Jahren zwischen 1910 und 1939. An ihnen hat als einer der ersten Deutschen 1923 Heinrich Mann teilgenommen, mit dem zu beschäftigen ich vor vielen Jahren bei einem Studienaufenthalt in Besançon angeregt wurde…
Die Abtei von Pontigny
Die imposante Größe der Abteikirche ist Ausdruck der großen Bedeutung, die Pontigny einmal hatte.
Klosterportal mit Blick auf die Fassade der Kirche mit dem Vorraum (Paradies)
Begünstigt wurde die Entwicklung des Klosters durch seine Lage an der Grenze zwischen drei Bistümern (Auxerre, Sens und Langres) und drei Grafschaften. Dies ist der Ursprung der Legende, nach der sich auf der Brücke von Pontigny drei Bischöfe, drei Grafen und ein Abt treffen konnten, ohne ihr Territorium zu verlassen. Deshalb auch die Brücke im Wappen des Klosters.
Pontigny war nicht nur die zweite Tochter von Cîteaux (Clairvaux folgte als dritte Tochter), was ihr einen besonderen Rang verlieh, es gründete auch selbst wieder weitere Klöster. Wenn eine Zisterzienserabtei ausreichend etabliert war, wurden, in Erinnerung an Christus und die 12 Apostel, ein Abt und zwölf Mönche ausgesandt, um eine Tochterabtei zu gründen. Diese Entwicklung war bei Pontigny sehr dynamisch: Bald gehörten zu seiner „Familie“ 43 Klöster, von denen 16 direkt dem Abt des Mutterhauses unterstellt waren. Und wer Abt von Pontigny wurde, hatte Aussicht, in höchste kirchliche Ämter aufzusteigen.
In dem blühenden Pontigny suchten im 12. und 13. Jahrhundert drei Erzbischöfe aus Canterbury Zuflucht. Der erste war Thomas Becket, der aufgrund seiner Verbannung durch den englischen König 1164 nach Pontigny ins Exil ging. Der dritte war Edmond von Abingdon, der 1240 in Pontigny bestattet und 1246 heiliggesprochen wurde. So entwickelte sich Pontigny zum Zentrum der Verehrung des heiligen Edmund (Saint Edme), die den Wohlstand des Klosters erheblich förderte.
Sein prächtiges Grabmal gehört zu dem insgesamt sparsamen Inventar der Kirche. Der Schrein wird von vier muskulösen Engeln getragen.
Vom Baldachin steigt ein weiterer Engel herab, um eine Krone auf das Grab zu legen:
Das Grabmal stammt aus dem 18. Jahrhundert – aus einer Zeit neuer Blüte nach dem von Hungersnöten, Pest und Kriegen verursachten Niedergang vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Vor allem waren es die Hugenotten, die im 16. Jahrhundert dem Bau arg zusetzten, die Kirche anzündeten und die Gräber profanierten – die Reliquien des heiligen Edmund hatten die Mönche allerdings rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
Hier ein Grundriss der Klosteranlage aus der Zeit des Neuanfangs im 17. Jahrhundert:
Eine solche weitläufige Klosteranlage an dieser Stelle zu errichten, war ein äußerst schwieriges Unterfangen: Das sumpfige Gelände in der Niederung des Flüsschens Serein musste trockengelegt und urbar gemacht werden; ein Kanal musste gebaut werden, um die Wasserkraft für Mühle und Schmiede zu nutzen, Fischteiche zu füllen, Brunnen zu alimentieren und das Abwasser einzuleiten.
Für die Klostergebäude und die Kirche wählte man den höchsten Punkt des Geländes, das allerdings nicht eben war: eine zusätzliche Herausforderung. Dazu kam während der Bauarbeiten der Einfluss des neuen gotischen Stils, was Umplanungen, aber auch Abriss und Neubau alter romanischer Teile zur Folge hatte.
Das nördliche Seitenschiff. Blick nach Osten.
Entstanden ist so ein eindrucksvoller Kirchenraum von ungeheurer Weite und einem blendend weißen Inneren: Die cremeweiße Farbe des hellen Kalksteins ist wunderbar erhalten und wird durch die Fenster entsprechend beleuchtet: Zum ersten Mal in Burgund wurde das Kreuzrippengewölbe verwendet, das aufgrund seiner größeren Leichtigkeit eine Erhöhung des Kirchenraums und eine Vergrößerung der Fenster ermöglichte. So tägt -neben dem hellen Kalkstein- auch das Licht zur festlichen Helligkeit des Raums bei und erfüllt ihn mit Leben; zumal es bei den Zisterziensern keine bunten Glasfenster gab, sondern nur solche aus farblosem Grisailleglas, durch die das Licht ungehindert den Raum erhellen konnte.
Die modernen Fenster sind von den weitgehend verlorenen Originalen inspiriert und wurden nach der Explosion eines deutschen Munitionszuges in der Nähe der Abtei 1943 eingesetzt. Die originalen Fenster gab es allerdings schon vorher nicht mehr.
Über der hohen Vierung, wo sich Langhaus und Querschiff kreuzen, wurde das erste Kreuzrippengewölbe errichtet.
Blick vom Langhaus in den Chorraum der Mönche mit dem Chorgestühl. Das Gewölbe über der Vierung ist deutlich zu erkennen, hervorgehoben auch durch die kreisrunde Öffnung, die für das Heraufziehen von Baumaterial bestimmt war.
Das Vierungsgewölbe ist mit vier Wappen geschmückt, darunter das Wappen des Mutterklosters Cîteaux: Bischofsstab und Mitra über einem Schild mit acht Lilien…
… und natürlich das von Pontigny: Mitra und Bischofsstab über einer Brücke mit Baum:
Im Chor der Kirche ist in den Boden ein Stein eingelassen mit einem Kreuz und drei Lilien in blauer Farbe. Er markiert das Grab der Adèle de Champagne.
Adèle war die Mutter des Königs Philippe Auguste – in Paris vor allem bekannt aufgrund der während seiner Regierungszeit errichteten Stadtmauer, von der noch einige Reste erhalten sind. Adèle wurde 1205 vom damaligen Abt während zweier Tage mit ihrem Gefolge im Kloster empfangen, was einen Skandal auslöste. Keine Frau, auch keine Königin, war in einem Zisterzienserkloster zugelassen. Sogar der Papst griff ein und der Abt wurde entsprechend gerügt. Allerdings hatte der, wie Kinder in ihrem Kirchenführer schreibt, seinen Ruf nicht umsonst riskiert: Adèle hat nämlich wahrscheinlich den Bau eines neuen monumentalen Chorabschlusses mit Altarraum, Chorumgang, Kapellenkranz und den neuartigen gotischen Strebebögen finanziert…
Dort wurde sie dann auch 1206 beigesetzt.
Blick auf das südliche Querschiff, das noch im romanischen Stil gebaut wurde: Es ist niedriger und es gibt noch keine Strebebögen. Auffällig ist aber die für einen romanischen Bau außergewöhnlich große Fensterrose: Da deutet sich der Übergang zur Gotik schon an.
Heinrich Mann und die Décade de Pontigny 1923
In der Französischen Revolution wurde das Kloster aufgelöst, seine Besitzungen versteigert. Einige Klostergebäude wurden abgerissen, die Steine benutzte man für den Bau von Häusern im Dorf. Die Kirche blieb aber als Gotteshaus für die örtliche Gemeinde erhalten. 1906, nach der Trennung von Kirche und Staat, kaufte Paul Desjardins die Klosteranlage und machte sie zwischen 1910 und 1939 zum Ort zehntägiger Treffen von Intellektuellen und Künstlern aus ganz Europa, darunter André Gide, François Mauriac, Raymond Aron, Jean-Paul Sartre, André Malraux, T.S. Elliot, H.G. Wells, Ernst-Robert Curtius, Heinrich und Thomas Mann, Martin Buber … Insgesamt fanden über 70 Dekaden in Pontigny statt.
Desjardins war Lehrer und Professor, Schriftsteller und Journalist. Er war der Auffassung, dass Frankreich an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von einer moralische Krise befallen sei, deren wesentliche Ursache für ihn der Materialismus war. Notwendig seien grundlegende Reformen, eine breit angelegte „weltliche Missionsarbeit“ und der Zusammenschluss aller Menschen guten Willens, vor allem von gleichgesinnten Intellektuellen. Zu diesem Zweck gründete er 1892 die Union pour l’Action morale. Im Zuge der Dreyfus-Affaire spaltete sich die Gruppe auf: Die Dreyfus -Gegner gründeten die ultranationalistische und antisemitische Action française, die Dreyfus-Verteidiger mit Desjardins die Union pour la vérité. 1910 initiierte Desjardins die vom Geist des Humanismus und der internationalen intellektuellen Zusammenarbeit geprägten Décades von Pontigny: Dass die gerade in einem ehemaligen Kloster stattfanden, passte sehr gut zum quasi religiösen Ansatz des Agnostikers Desjardins.[1]
Das von Desjardins entwickelte Konzept der Décades sah vor, dass sich mehrmals im Jahr jeweils eine Gruppe ausgewählter Künstler und Intellektueller für 10 Tage in Pontigny treffen sollte, um in einer ungezwungenen Atmosphäre über einen festgelegten Themenschwerpunkt aus den Bereichen der Literatur, der Religion, der Gesellschaft, der Erziehung oder der internationalen Beziehungen zu debattieren. Jede Dekade wurde von einem von Desjardins bestimmten Direktor vorbereitet und geleitet.
Die Décades wurden 1914 durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen und 1922 wieder aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten die Décades einen kosmopolitischen Ansatz, um das gemeinsame europäische Fundament des Geistes zu betonen. Es war vor allem André Gide, der dabei eine wesentliche Rolle als aktiver „recruteur“ und Organisator der literarischen Dekaden spielte und der sich besonders für die Wiederaufnahme des deutsch-französischen Dialogs einsetzte. Für die erste literarische Dekade der Nachkriegszeit standen Rainer Maria Rilke, der große Romanist Ernst Robert Curtius und der mit Gide befreundete Bernhard Groethuysen, ein Spezialist der französischen Philosophie des Ancien Régime und Diderots auf Gides „Wunschzettel“. Es war dann Curtius, der als erster Deutscher 1922 nach Pontigny kam: Deutsche einzuladen bzw. einer Einladung Folge zu leisten war ein beiderseitiges Wagnis in einer Zeit, in der der Krieg und der Versailler Vertrag das Denken in Kategorien der „Erbfeindschaft“ noch einmal bestärkt hatten.
1923 folgte dann Heinrich Mann als zweiter deutscher Teilnehmer einer literarischen Dekade. Die Einladung verdankte er dem französischen Germanisten Felix Bertaux, vor allem aber seinem Renommee als frankophilem, politisch engagiertem Schriftsteller. 1918 wurde Heinrich Manns „Untertan“ veröffentlicht, seine schon vor Kriegsbeginn abgeschlossene Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland. Kurt Tucholsky nannte das Buch „das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit.“[2]
Heinrich Mann, gleichermaßen französisch wie deutsch gebildet, war auch ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber Frankreichs, seiner Philosophie und Literatur. Das bezeugen zahlreiche Essays, die er schon damals geschrieben hatte (weitere folgten in den 1920-er Jahren), z.B. über Rousseau, Voltaire, Choderlos de Laclos, Flaubert, Georges Sand, Talleyrand… Besonders bedeutsam war der 1915 veröffentlichte programmatische Essay über Zola, den kämpferischen Schriftsteller des „J’accuse“. Klaus Mann, Heinrichs Neffe, schrieb später dazu: „Während die ganze Nation sich an den Heldentaten unserer unbesiegbaren Armee begeisterte, wagte Heinrich Mann, dem unbesiegbaren Geist des französischen Kämpfers und Dichters ein literarisches Denkmal zu setzen.“[3] Gleichzeitig war der Essay eine leidenschaftliche Kampfschrift gegen den Krieg. In seinem einleitenden Worten zu einem Vortrag über den Zola-Essay schrieb Heinrich Mann 1916 über die Zeit Zolas, das Zweite Kaiserreich Napoleons III., aber gleichzeitig damit auch über seine Gegenwart, das Kaiserreich Wilhelms II.:
„Das zweite Kaiserreich nämlich hat schlimm geendet, mit einer Niederlage, einem Zusammenbruch, einer Katastrophe von seltener Vollständigkeit. Da aber die Reiche doch nicht zufällig zusammenbrechen, musste dieses viel gesündigt haben, es musste mit viel Unrecht beladen sein und mit viel Lüge. (…) dies Reich aber war ein Militär- und Klassenstaat, in dem der Volkswille nur gefälscht zur Geltung kam. Das Reich bestand also eigentlich entgegen dem besseren Wissen der Zeit, entgegen ihrem Gewissen. Und nicht anders war es mit dem Reichtum der Wenigen und der Armut der Vielen…“[4]
Und dazu und vor allem war Heinrich Mann ein überzeugter Europäer, tief durchdrungen auch von der gemeinsamen europäischen Mission Frankreichs und Deutschlands „mit ihren ähnlichen und ineinander verschlungenen Schicksalen“, wie er 1923 in einem Essay über die „Anfänge Europas“ schrieb:
„So feindlich verbrüdert waren immer nur wir. Will Europa denn eins werden: zuerst wir beide! Wir sind die Wurzel. Aus uns der geeinte Kontinent, die anderen können nicht anders als uns folgen. Wir tragen die Verantwortung für uns und für den Rest.“[5]
Mit diesem politisch-literarischen Opus hatte Heinrich Mann gewissermaßen die Eintrittskarte für die Décade von 1923 erworben und die Einladung dieses deutsch wie französisch gebildeten Schriftstellers war gewissermaßen schon eine Antwort auf das Thema der Dekade: „Gibt es in der Poesie eines Landes einen für Fremde undurchdringlichen Schatz?“.[6a] – aber trotzdem gab es Bedenklichkeiten auf französischer Seite.[6] Und Umgekehrt gab es auch eine „deutsche Missbilligung, wenn ich mit Frankreich verkehrte“, wie Heinrich Mann in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ schrieb.[7] Es war ja gerade die Zeit des Ruhrkampfs, französische Truppen hatten das Ruhrgebiet besetzt, die junge Republik antwortete mit einem Generalstreik, die Inflation erreichte astronomische Höhen. Die Einladung nach Pontigny erhielt Heinrich Mann in Heringsdorf an der Ostsee: „Um dorthin zu gelangen, hatte ich einen Sack Inflationspapier im Schweiß meines Angesichts von der Bank nach Haus getragen. Schon in Berlin war er leer. Aber damit drei Personen (HM, seine Frau und seine Tochter. W.J.) ein Badehotel bewohnten, genügte ein Dollar täglich: den hatte ich bei einem amerikanischen Korrespondenten erschrieben. Dennoch waren dies nicht die Umstände, unter denen man leichten Herzens ein reicheres Land besuchte. Überdies war es den meisten Deutschen ein feindliches, wie im Krieg: eher mehr.“[8]
Wie große die Feindseligkeiten damals waren, wird auch -im Jahr der Olympischen Spiele von Paris- daran deutlich, dass Deutschland nicht nur 1920, sondern auch noch 1924 von den damaligen Olympischen Spielen von Paris ausgeschlossen war. Carl Diem, damals Generalsekretär des Deutschen Reichsausschussen für Leibesübungen, kommentierte das trotzig so: „Welcher Deutsche würde zu einem weltoffenen Fest nach Paris wollen, solange Neger in französischer Soldatenuniform am deutschen Rhein stehen!“ [8a]
Zunächst sagte Heinrich Mann die Fahrt nach Pontigny ab, nahm aber schließlich -dringlich von seinem Freund Felix Bertaux gebeten- doch an. Mit dem Zug gelangte er von Berlin aus „über eine Strecke, die zwischen Kehl und Straßburg glatt abbrach, in das nahezu verbotene Land.“[9] Weiter ging es nach Paris, wo er von Bertaux empfangen wurde, der ihn auch nach Pontigny begleitete.
Ein für die Décades als Gästehaus genutztes Gebäude im Klostergelände von Pontigny
In einer großen Rede aus dem Jahr 1927 über „Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung“ hat Heinrich Mann ausführlich über seine Zeit in Pontigny berichtet:
„Tags darauf ging es nach Pontigny. Man fährt mehrere Stunden in Richtung von Lyon, dann kurz mit einer Kleinbahn und landet in einem Dorf, das eine große alte Abtei hat. Als die Mönche sie … räumen mussten, zog Herr Paul Desjardins dort ein.. …. Seine Gäste, deren er in jedem Sommer drei Gruppen einlädt, sind jedesmal vierzig oder fünfzig, so viele das große Haus fasst. Sie gehören einigen Nationen an, sie bilden eine pädagogische, eine diplomatische und eine literarische Gruppe. Diese letzte kam diesmal mit demselben Zug vollzählig bei ihm an. … Von meiner Nationalität war ich der einzige, blieb es die ganze Zeit, stellte daher eine Art repräsentativen Musters dar und hatte Haltung zu zeigen. …
Das Innere des Gästehauses
Die Gäste kommen an. Sie beziehen ihre, auf die Gebäude des großen Grundstückes verteilten Zimmer, treffen sich beim Tee in dem gewölbten Refektorium des einstigen Klosters, unterhalten sich weiter in dem langen Laubengang des Gartens und dinieren zusammen. …
Man rechnete ein wenig ab mit mir und meinem Lande, ich bekam Gelegenheit, Erklärungen zu liefern. … Es wurde als mutig anerkannt, dass ich hier sei. …
Blick aus dem Gästehaus auf den Kanal, der das Kloster mit Wasser versorgte
Die Vormittage war man frei, draußen oder in der reichen Bibliothek zu verbringen. Ein halbe Stunde nach dem Mittagessen begann die programmäßige Vollversammlung, eine Art von literarischem Parlament. … Über den oder jenen, der jetzt den besten Willen zeigte, erfuhr ich, dass er noch kürzlich gezweifelt hatte, ob man mit Deutschen je wieder werde verkehren können. … Man verstand sich nicht immer. … Gleichwohl ist beachtenswert, dass dies einer der ersten Versuche war, sich ohne Unterschied der nationalen Herkunft zu verständigen, sogar mit soeben noch Verfeindeten. … Mein Besuch in der gotischen Abtei von Pontigny, gelegen in einem französischen Dorf, am Ende einer staubigen Straße, und einer niedrigen, breiten und lückenhaften Häuserreihe, dieser Besuch hat für meine Erinnerung etwas nur halb Wirkliches, weil er so früh kam. Man war der Verständigung, sogar ihrem ersten Vorspiel, noch fern. Wer sie wollte und bekannte, tat es auf seine Gefahr. Unsere Zusammenkunft dort hinten geschah außerhalb der Öffentlichkeit, man könnte sagen: eine Stunde vor Sonnenaufgang.“[11]
Kaminaufsatz mit mittelalterlichen Kacheln aus dem Kloster im sogenannten André Gide-Zimmer im Gästehaus[12]
Der Sonnenaufgang war dann zwei Jahre später die deutsch-französische Verständigung in den Verträgen von Locarno, unterzeichnet von den beiden Außenministern Briand und Stresemann, die ein Jahr später gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden – was gerne vergessen wird, wenn -in der Nachfolge de Gaulles- von einem neuen „30-jährigen Krieg“ von 1914-1945 die Rede ist. Schriftsteller hatten zu der deutsch-französischen Annäherung nach Krieg und Versailles nicht unwesentlich beigetragen, wie Heinrich Mann in seiner Rede von 1927 feststellte – sie waren gewissermaßen die „Vordiplomaten.“[13] Und eine erste Etappe auf dem Weg zur Verständigung war Pontigny.
Neue Perspektiven für Pontigny
Die Tradition der Décades wird inzwischen fortgesetzt von der 1952 gegründeten Association des Amis de Pontigny-Cerisy (AAPC), die jedes Jahr im Schloss von Cerisy in der Normandie internationale Kolloquien veranstaltet.[14] Die Klosteranlage in Pontigny würde in ihrem derzeitigen Zustand kaum mehr die Durchführung solcher Veranstaltungen ermöglichen.
2022 hat nun die Region Bourgogne Franche-Comté nach langen und kontroversen Debatten die ihr gehörende Klosteranlage von 9 h an die Fondation Schneider verkauft, die im Elsass ein Zentrum zeitgenössischer Kunst betreibt. Der mit dem Mineralwasser von Wattwiller reich gewordene Namensgeber der Stiftung, François Schneider, möchte Pontigny aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und ihm neues Leben einhauchen.
Zu diesem auf 10 Jahre ausgelegten Projekt gehören ein 4-Sterne-Hotel mit Spa und Restaurant. Aber es soll auch ein Informationszentrum zu den Zisterziensern geben, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und ein Zentrum biologischer Landwirtschaft mit einer Destillerie[15]: Damit wird vielleicht auch an die Weinbautradition des Klosters Ponstigny angeknüpft, das bei der Entwicklung des Châblis eine wesentliche Rolle gespielt hat.[16]
Die Kirche ist von dem „pharaonischen Projekt“ direkt nicht betroffen, sie ist im Besitz der Gemeinde. Aber sie soll zum Beispiel durch Konzerte in das Projekt eingebunden werden. Die Orgel wird ja gerade schon restauriert. Einen vielversprechenden Vorgeschmack geben die originellen Reliefs auf den Pfeilern des Gehäuses.
Aber auch jetzt schon gibt es von Zeit zu Zeit große Konzerte in der Kirche und musikalische Begleitung der Besuche…
Und in der Kirche wird auch schon zeitgenössische Kunst präsentiert.
Ausstellung „entre-lacs“ von Nicole Dufour im Mittelschiff der Klosterkirche; bis 30. Oktober 2023
Literatur:
Terryl N. Kinder, Die Abtei von Pontigny. Paris: Centre des monuments nationaux 2016
François Chaubet, Paul Desjardins et les Décades de Pontigny. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2009
Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1977
Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung. 1927. In Heinrich Mann, Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Essays.
Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971
Chantal Simonin, Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2005
Anmerkungen:
[1] Jean-Pierre Cap, Les Décades de Pontigny et la Nouvelle Revue Française. Paul Desjardins, André Gide et Jean Schlumberger. In: Bulletin des Amis d’André Gide, Vol. 14, No. 69, 1986), S. 21-32
[2] Zit. in: Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971, S. 14
[3] Klaus Mann 1933 über Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Zit. a.a.O., S. 153
[4] Heinrich Mann: Einleitende Worte zu einem Vortrage. In: Die Aktion. Berlin. Jahrgan 6 vom 8. Juli 1916.
[5] Heinrich Mann, Anfänge Europas. Mai 1923. In: Sieben Jahre, S. 113/114
[6] Chaubet, Paul Desjardins et les décades de Pontigny, S. 114
.[6a] „Y a-t-il dans la poésie d’un peuple un trésor réservé impénétrable aux étrangers?“ a.a.O. S. 114 Curtius und Rilke wären zu diesem Thema natürlich auch prädestiniert gewesen.
[8a] Zit aus: Hans Joachim Teichler, Nicht dabei, aber dagegen. In dieser Woche vor hundert Jahren begannen die Olympischen Spiele von Paris 1924 in Chamonix. Die Deutschen mussten zu Hause bleiben. Sie schauten grimmig zu und kommentierten bissig. In: FAZ vom 27.1.2024, S. 36
[9] Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung, S. 310
Am 3. Dezember 2006 schrieb die Wochenzeitung Der Spiegel unter der Überschrift Zeitungssterben: Das letzte Gefecht der ‚Libération‘: „Das Traditionsblatt der französischen Linken kämpft um sein Überleben: Sinkende Auflage und massive Schulden bedrohen die Existenz der Zeitung.“
Am 14. Februar 2014 titelte die taz: Französische Zeitung ‚Libération‘: Nur noch eine Logo. Die Zeitung stehe kkurz vor dem Konkurs. Ihre Krise spiegele die Mailaise der Linken in Frankreich wider…
Am 15. Januar 2019 verkündete die Frankfurter Rundschau: ‚Libération vor dem Aus : „Die ausgeblutete Zeitung „Libération“ wagt ein letztes Aufbäumen. Redaktion und Aktionäre liefern einander einen ausführlich dokumentierten Schaukampf.“
Aber… trotz allem….:
2023 feierte Libération ihren 50. Geburtstag…
5.2.1973: Die Geburtsstunde von Libération
Wenn Sie jeden Morgen eine freie Tageszeitung haben wollen…
Am 5.2.1973 erschien die erste Ausgabe der Tageszeitung Libération. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch Jean-Paul Sartre. Die Zeitung verstand sich als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit, als Stimme des Volkes (du peuple) und Vertreterin eines Konzepts der direkten Demokratie. Sie versprach, ohne Werbung und Einfluss-nehmende Geldgeber auszukommen. Libération wurde damit auch zum großen Vorbild für die fünf Jahre später gegründete Berliner Tageszeitung/taz.
Eine große Bedeutung spielten für Libération von Anfang an Fotos. Es wurde eine eigene unabhängige Fotoagentur engagierter Fotografen in Selbstverwaltung gegründet, die für Libération arbeiteten. Auch wenn diese Agentur nur bis Ende der 1970-er Jahre bestand , blieben die Fotos ein Markenzeichen der Zeitung. Seit den 1980-er Jahren bekamen sie sogar in einem Prozess zunehmender Professionalisierung einen besonderen Stellenwert: Sie waren nicht einfach nur Illustrationen zu Texten, sondern erhielten eine Eigenständigkeit, die es in dieser Weise in anderen Presseorganen nicht gab. Und dabei genossen die Fotografen auch eine außergewöhnliche Freiheit. Deshalb waren viele hervorragende Fotografen bereit, trotz eines vergleichsweise niedrigen Haustarifs für Libération zu arbeiten.
Es bot sich daher an, zum 50-jährigen Jubiläum eine Ausstellung von Titelfotos der Zeitung zu machen. Sie fand statt im cour d’honneur des hôtel de Soubise im Pariser Marais.
Dort ist nämlich der Sitz der Archives Nationales, des Staatsarchivs, dem anlässlich des Jubiläums das Archiv von Libération übergeben wurde.
Nachfolgend ist eine Auswahl der dort präsentierten Bilder wiedergegeben, teilweise mit kleinen Erläuterungen der jeweiligen Fotografen. Dazu kommen einige weitere von mir ausgewählte Aufmacher-Fotos und Titelseiten.
Juli 1973 (Christian Weiss)
Ein Foto der Uhrenfabrik LIP in Besançon. Die Beschäftigten machten 1973 Europa-weit Furore: Im Kampf gegen Entlassungen nahmen sie Produktion und Verkauf von Armbanduhren in die eigene Hand. Sie wurden damit Vorbild für zahlreiche deutsche Unternehmen in Selbstverwaltung, die damals gegründet wurden. Christian Weiss, ein Gründer des selbstverwalteten Fotolib-Agentur, hatte zu LIP natürlich ein besonders emotionales und professionelles Verhältnis.
11. September 1973: Der Staatsstreich in Chile (Jean Noël Darde)
Der Eingang des vom Militär gestürmten Präsidentenpalais in Santiago de Chile. Der gewählte Präsident, Salvador Allende, war vom Militär gestürzt worden und hatte Selbstmord begangen.
10. September 1976
Dass Libération Mao, dem Gründer der Volksrepublik China, anlässlich dessen Tod eine ganze Titelseite widmete, ist nicht weiter erstaunlich, waren doch die ersten Mitarbeiter der Zeitung überwiegend militante Maoisten. Erstaunlicher ist schon, dass die ganze Seite chinesische Schriftzeichen verwendet. Die handgeschriebene bzw. -gemalte Schlagzeile bezieht sich auf die Mao verherrlichende Hymne der Kulturrevolution: Der Osten ist rot. Die zweite Zeile ist allerdings abgewandelt: statt des chinesischen „Die Sonne geht auf“ geht auf der Titelseite von Libération anlässlich des Todes von Mao die Sonne unter… [1]
16.11.1976
„Gabin ist tot. Giscard steckt in der Scheiße. Der Beaujolais ist gut. Frankreich macht weiter“
Der Schauspieler Jean Gabin war am Vortag gestorben, die Auseinandersetzung zwischen dem Prädidenten Valéry Giscard d’Estaing und seinem Ministerpräsidenten Jacques Chirac erreichte mit der Gründung einer neuen rechten Partei, der RPR, einen neuen Höhepunkt, aber wie Libération zu dieser Titelseite schreibt: Der Beaujolais ist süffig und Frankreich ewig…[2]
August 1977 Larzac (Armand Borland)
Demonstation von Bauern und Pazifisten gegen die seit Beginn der 1970-er Jahre geplante Erweiterung eines Militärgeländes im Larzac, einer Hochebene im französischen Zentralmassiv. Teilweise kamen dort über 100 000 Teilnehmer zu Protestkundgebungen zusammen. Der Kampf dauerte 10 Jahre: Erst als 1981 François Mitterand zum Staatspräsidenten gewählt wurde, wurden die Pläne zum Ausbau des Militärgeländes verworfen.
Mai 1981 (Jacques Torredano)
Das Foto zeigt Giscard d’Estaing auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung. Nach der Niederlage Giscards platzierte Libération das Foto auf der Titelseite mit dem Titel Rideau (Der Vorhang fällt)
17. April 1980: Sartre geht dahin…
Am 15. April 1980 starb Jean-Paul Sartre, einer der Gründungsväter von Libération. Die Zeitung ehrte ihn mit einem ganzseitigen Foto auf dem Titelblatt: eine Premiere- begleitet von Zitaten aus der autobiographischen Schrift Sartres Les Mots.[3]
17. September 1981
„Todesstrafe für die Guillotine“: Titelseite von Libération anlässlich der Parlamentsdebatte über die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich. Es handelt sich dabei um ein vom damaligen Justizminister Robert Badinter verfolgtes und schließlich -auch gegen erhebliche Bedenken in der öffentlichen Meinung- erfolgreich durchgesetztes Projekt. Dass der Anfang 2024 verstorbene Badinter 2025 ins Pantheon aufgenommen werden soll, ist wesentlich auch dieser Initiative zu verdanken.
Dezember 1981
1982 Paris, La Goutte d’Or (Martine Barrat)
Martine Barrat schreibt zu diesem Foto: „Als Aicha Guerma hier gesprungen ist, hatte ich große Angst. Sie sagte mir, sie wolle fliegen. Und danach: Ich wäre gerne ein Schmetterling. 1982 lebte die Familie Guerma in einem Häuschen von 22 Quadratmetern mit ihren sieben Kindern im Goutte d’Or. Herr Guerma verließ um 6 Uhr morgens das Haus und kam spät in der Nacht zurück. Er arbeitete als Spülhilfe in einem Restaurant. Eine größere Wohnung konnte er nicht finden.“
10. Februar 1985, Saint-Ouen (Jean-Claude Coutausse)
Das Foto zeigt den Vorsitzenden der KPF, Georges Marchais, beim 25. Kongress der Partei. Jean-Claude Coutausse zu diesem Foto: „Ein Foto für die Agence France press (AFP) zu machen, für die ich damals arbeitete, bedeutete, ein gefälliges Foto für Jedermann zu machen, und das nahm man in Kauf. Bei Libé war das ganz anders. Sie lassen dir eine ungeheure Freiheit des Ausdrucks, um dich an einen dir bekannten Leserkreis zu wenden. Das machte Bilder möglich, die aus dem üblichen Rahmen fallen. So wie dieses Foto von Marchais, von dem man nur die Augenbrauen sieht.“
11. November 1989, West-Berlin, Fall der Mauer (Raymond Depardon)
Raymond Depardon zu diesem Bild: „Einen Tag nach dem Fall der Mauer hat mich Libération nach Berlin geschickt. Ich habe schnell dieses Foto (rechts unten W.J.) gemacht, das Libé als erste Zeitung veröffentlicht hat. Es gab noch nicht viele ausländischen Fotografen, sie hatten noch nicht genug Zeit gehabt zu kommen. Ich konnte kein Deutsch. Manchmal hatte ich den Eindruck, in einem science-fiction-Film zu sein. Vielleicht war ich weniger sentimental als die deutschen Fotografen. … Man fühlte, dass man einen historischen Augenblick erlebte.“
Tod von Marlene Dietrich Mai 1992
L’ange passe nimmt Bezug auf die Rolle Marlene Dietrichs in dem Film „Der blaue Engel“, der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Un ange passe bezeichnet im Französischen aber auch einen Moment der Stille in einem Gespräch: Ein wunderschönes Foto mit einem dazu passenden Wort…
November 1992 (Alexis Cordessis)
Alexis Cordesse zu diesem Bild: „Laurent war gerade 18 Jahre alt, als er erfuhr, dass er AIDS hatte. Schwer erkrankt konnte er nicht mehr arbeiten und allein leben und kehrte zu seinen Eltern zurück. Ich habe über die letzten drei Wochen vor seinem Tod im Alter von 22 Jahren eine Reportage gemacht. Er wollte ein letztes Mal das Meer sehen, zusammen mit seinen Nächsten, die einverstanden waren, dass ich sie begleite.“
1995 Grozny. (Laurent van der Stockt)
Dieses Bild wurde aufgenommen während des Tschetschenien-Krieges. Dazu Laurent van der Stockt:
„Dieses Foto entstand im Keller des Parlaments-Gebäudes, das bis zu seiner Zerstörung durch russische Bomben von tschetschenischen Kämpfern verteidigt wurde. Es sind russische Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren. Sie wussten nicht, wo sie waren. Sie hatten keine Ahnung, wo Tschetschenien liegt. Sie waren nur kleine Räder in einer riesigen Maschine, die über sie hinweg ging: Kanonenfutter.“
26.11.1997 Tod der Sängerin Barbara
Meine schönste Liebesgeschichte, das seid ihr…
13.7.1998 (Charles Platiau)
„La vie en bleu“ : Am 12. Juli 1998 besiegte die französische Fußball-Nationalmannschaft Brasilien mit 3:0 und wurde damit Fußballweltmeister. Der Spieler auf dem Titelbild ist Didier Deschamps, der Kapitän der Weltmeistermannschaft und spätere Trainer des französischen Nationalteams.
Oktober 1998 (Richard Dumas): Godard dans l’œil de Libé
Der Regisseur Jean-Luc Godard kurz vor einem Interview mit Libération. In einem Raum der Redaktion, rue Béranger, gab es ein großes rundes Fenster mit Blick auf „tout Paris“. Das ist „das Auge von Libération“, l‘œil de Libé.
22.4.2002 (Antonio Ribeiro)
NON mit dem Portrait von Jean-Marie Le Pen. Der hatte im ersten Wahlgang für die französische Präsidentschaft den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin knapp überflügelt. Damit hatte zum ersten Mal ein rechtsradikaler Politiker die entscheidende Stichwahl (gegen Jacques Chirac) erreicht.
29.4.2002 Paris, Place de la Nation (Guillaume Herbaut)
Guillaume Herbaut zu dem Foto: „Place de la Nation zwischen den beiden Wahlgängen der Präsidentschaftswahl. Als ich dieses Foto machte, habe ich zwei Bilder gesehen: la Liberté guidant le peuple von Delacroix und le Radeau de la Méduse von Géricault. Die Darstellung der Republik kurz vor dem Untergang, und wir klammen uns an dem Floß fest. Das Foto erschien auf der Titelseite der Ausgabe zum 1. Mai mit der Aufschrift „Marchons“. Ich habe es auf den Demonstrationszügen gesehen.“
Um einen Sieg Le Pens zu verhindern, stimmten im zweiten Wahlgang auch viele linke Wähler für Chirac: So wurde er mit 82,21 % der Stimmen in eine zweite Amtszeit gewählt. Wenn bei den nächsten Präsidentschaftswahlen die Tochter Jean-Marie Le Pens, Marine Le Pen, wieder im zweiten Wahlgang vertreten sein sollte, was zu erwarten ist, wird man kaum wieder mit einer solchen republikanischen Abwehrfront rechnen können…
2003 Das bombardierte Irak (Bruno Stevens)
Bruno Stevens zu dem Foto: „Ich war zum ersten Mal im Oktober 2002 im Irak, dann wieder Ende Januar 2003 während des Krieges und bin bis Ende Mai dort geblieben. …Dieses Foto habe ich an einem Nachmittag in Bagdad aufgenommen, auf einer Straße, die ein sehr armes und schiitisches Stadtviertel von den anderen Stadtteilen trennt. Ein starkes Bombardement hatte etwa 20 zivile Opfer verursacht. Auf etwa 200 Metern gab es Schäden. Der Himmel war bedeckt wie bei einem Sandsturm. Eine Frau stand unter Schock. Ihr Bruder war gerade getötet worden. Zehn Jahre später, 2013, bin ich nach Bagdad zurückgekehrt und habe genau diesen Ort wieder aufgesucht. Ich wollte wissen, wie der Krieg das Leben der von mir fotografierten Menschen verändert hatte. Ich habe auch den Besitzer des zerstörten Geschäfts getroffen, den man auf dem Foto hinter seinem Auto sieht. Er war überhaupt nicht zufrieden mich zu sehen, der ich aus dem Westen kam. Der Krieg hatte sein Haus zerstört, vielleicht sein Leben.“
Allerdings hatte sich Frankreich (wie auch Deutschland) damals geweigert, an dem Krieg teilzunehmen, der auf der Grundlage bewusster Falschinformationen von den USA betrieben wurde.
Oktober 2006: Evacuation du squat de Cachan (Diane Grimonet)
Dazu Diane Grimonet: „Das war damals die größte Hausbesetzung von Frankreich. Etwa 700 Männer, Frauen, Alleinstehende und Familien, wohnsitzlos oder ohne Aufenthaltsgenehmigung (sans-papiers), lebten seit 2003 in einem ehemaligen Studentenwohnheim von Cachan. Seit Anfang August 2006 wurden sie von dort vertrieben.“
14. Juni 2011
2011 feierte der französische Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier sein 35-jähriges berufliches Jubiläum: 1976 hatte er seine erste eigene Kollektion vorgestellt. Zum Anlass seines Jubiläums wurde Gaultier von Libération eingeladen, um dort einige Tage als Modejournalist zu arbeiten. Dabei entstand eine ausgefallene Idee, wie sie wohl auch nur dort entstehen kann: Gaultier stattete nämlich einige Mitarbeiter/innen mit Kleidern aus, die aus Zeitungsseiten von Libération angefertigt waren… : Habiller des Libé en Libé dans Libé.
11. September 2011
10. Januar 2015, Place de la République: Je suis Charlie (Johann Rousselot)
Große Solidaritätsdemonstration nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die Terroristen drangen mit Sturmgewehren in die Räume der Redaktion ein, in denen gerade eine Konferenz stattfand. 12 Menschen wurden erschossen, 11 verletzt.
7. Juni 2015 Insel Kos: Der Tourist und die Migranten (Oliver Jobard)
Oliver Jobard: „Ich war auf der Insel, um eine syrische Familie bei ihrer Ankunft in Griechenland zu begleiten. Aber die Insel Kos ist ziemlich groß und die Boote kamen nicht immer an der gleichen Stelle an. An diesem Tag war ich an einem sehr touristischen Ort mit Liegen und Sonnenschirmen. Es war früh am Morgen und ein einziger Tourist badete gerade. Als das Boot sich näherte, bekam er Angst und entfernte sich. Es waren Syrer in dem Boot. Kaum waren sie an Land, streckten sie sich auf den Liegen aus, erschöpft von ihrer Fahrt.“
Dazu Boby, der Fotograf: „Ich habe noch niemals so viel Zerstörung gesehen. Und auch nie so viele verschiedene Leute, die sich da zusammengetan hatten: Junge, Alte, man sah, dass das für manche noch ganz ungewohnt war: Sie bewarfen die Polizisten mit Steinen, ohne Helme. Ein Familienvater nahm eine Absperrung und schrie: Vorwärts Leute, wie im Mittelalter. Die Gelbwesten hatten die rond-points (Kreisel) verlassen und die Champs-Élysées gestürmt.“
22. Februar 2019 Place de la République: Greta (Lucile Boiron)
Greta Thunberg auf einer Klima-Demonstration von Schülern und Studenten auf der Place de la République in Paris
15. April 2019: „Notre drame“ (Stephane Lagoutte)
Stephane Lagoutte zu dem Foto: „Ich habe mich, wie die Menge, zuerst an das Geländer der Brücke gedrängt, um die brennende Kathedrale zu fotografieren. Als es Nacht wurde, habe ich diese beiden auf dem Trottoir sitzenden Personen gesehen, mit dem Rücken zum Feuer. Ich habe gehofft, die beiden Szenen in einem Bild zu verbinden. Dieses Foto, das am nächsten Tag in Libération veröffentlicht wurde, ging viral. Zwei Jahre später erfuhr ich die Geschichte der beiden. Damals waren sie befreundet. Und genau zu diesem Zeitpunkt haben sie sich zum ersten Mal umarmt. Als Freunde dieses Foto sahen, dachten sie, die beiden wären ein Paar. Aber das kam erst danach. Sie hatten das Foto im musée Carnavalet gesehen, das einen Abzug gekauft hatte. Sie haben mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, vier Jahre nach dem Brand von Notre-Dame.“
29. März 2020 Paris (Frédéric Stucin)
Stucin hat während der rigiden französischen Covid- Ausgangssperre Fotos vom menschenleeren Paris gemacht: keine touristischen Orte, sondern Fotos seiner vertrauten, nun geradezu surrealen Umgebung.
2. März 2022 Ukraine (Rafael Yaghobzadeh)
Rafael Yaghobzadeh: Das Foto wurde aufgenommen in Butscha am 2. Mai, einen Tag bevor die Russen die Stadt einnahmen und vor den russischen Massakern. Das junge Mädchen steht mitten auf der völlig verbrannten Straße. Es ist die Bahnhofstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt. … Nach der Befreiung der Stadt und der Entdeckung der russischen Massaker bin ich nach Butscha zurückgekehrt. Ich konnte das junge Mädchen nicht finden, um ihr das Foto zu zeigen, das auf der ersten Seite von Libération abgedruckt wurde.
26. Juli 2022: Macrons olympische Bewährungsprobe
26. September 2022: Frau, Leben, Freiheit
„Trotz der Repression lässt die Mobilisation im Iran nicht nach. Und das, was am Anfang eine Bewegung für die Rechte der Frauen war, wird zu einem Aufstand gegen das Regime.“
11. Dezember 2023: Immigration; das Frankreich, das hilft
Anlässlich der heftigen, teilweise von extremer Xenophobie geprägten Debatten um ein neues Einwanderungsgesetz, das an diesem Tag in der Nationalversammlung behandelt wird, macht Libération seinen Aufmacher mit dem Frankreich, das den exilés à la rue, den auf der Straße lebenden Flüchtlingen, hilft“ – ob in Schulen, Vereinen, Sporthallen, Wohnungen….
21. Februar 2024: Missak und Mélinée Manouchian werden ins Pantheon aufgenommen
Der Armenier Missak Manouchian wurde am 21. Februar 2024 mit seiner Frau Mélinée ins Pantheon aufgenommen, die höchste Ehre, die Frankreich zu vergeben hat. Manouchian war im Zweiten Weltkrieg Leiter einer Gruppe von ausländischen Widerstandskämpfern gegen die deutschen Besatzer. Er ist der erste Ausländer und Kommunist im Pantheon. „La France enfin reconnaissante“ – (das endlich dankbare Frankreich) bezieht sich auf die Inschrift auf dem Portikus des Pantheons: la patrie reconnaissante. Das enfin drückt aus, dass es endlich Zeit sei für die Anerkennung des Engagements der ausländischen Widerstandskämpfer.
[3] Später hat Libération durchaus auch die Schattenseiten von Sartre thematisiert. Siehe die Buchbesprechung des damaligen Chefredakteurs Laurent Joffrin über die Auseinandersetzung zwischen Sartre und Camus: https://www.liberation.fr/debats/2019/04/23/albert-camus-a-la-une_1722938/ Vielen Dank, Herr Schläger, für diesen Hinweis.
Mit und nach LVHM (Bernard Arnault) und Kering (François-Henri Pinault) gehört das Familienunternehmen Hermès zu den großen Drei der weltweit führenden französischen Luxusindustrie. Wie höchst erfolgreich Hermès ist, belegen diese Zahlen: Während der Umsatz von 5,96 Mrd. Euro im Jahr 2018 auf sage und schreibe 11,60 Mrd. Euro 2022 stieg, hat sich der Gewinn im gleichen Zeitraum auf traumhafte 3,38 Mrd. Euro noch mehr als verdoppelt. Und 2023 geht es weiter steil nach oben… [1]
Foto: Wolf Jöckel
Der Sitz des Unternehmens liegt in der noblen rue du Faubourg Saint – Honoré in Paris. Auf der Fassade ist das Firmenlogo angebracht: Ein großes H, das -bei dem Namen Hermès nahe liegend- umgeben ist von zwei geflügelten Heroldstäben des Götterboten der griechischen Mythologie; und darüber ein Pferd mit einer vom Fahrgast selbst gesteuerten Kutsche, einem „petit duc“. Übernommen wurde das Motiv von einem Bild des im 19. Jahrhundert sehr populären Tiermalers Alfred de Dreux.[2]
Nobel sind auch die Produkte des Hauses, zum Beispiel die legendären Birkin-Handtaschen, worauf anlässlich des Todes von Jane Birkin gerne hingewiesen wurde.
Diese Birkin-Handtasche aus Krokodilleder wird zum Beispiel für sage und schreibe 189 066,20 Euro angeboten! Luxus hat eben seinen Preis – und zwar auf Heller und Pfennig…. Vor vier Jahren wurde eine „Himalaya Niloticus Crocodile Diamond Birkin 30“ sogar für 400 000 Dollar versteigert! [2a]
Ein Aushängeschild des Hauses sind die Hermès-Reitturniere (saut Hermès), die traditionell im Grand Palais ausgetragen werden.
Hier das Plakat für das Turnier 2013, das von dem bekannten Pariser Typographen und Designer Philippe Apeloig entworfen wurde, dessen Buch über die Pariser Erinnerungsplaketten der Zeit 1939-1945 auf diesem Blog vorgestellt wurde.[3] Und hier das Plakat für das Turnier dieses Jahres:
Foto: Wolf Jöckel
Während der Umbauarbeiten des Grand Palais wurden und werden die Hermès-Reitturniere im Grand Palais Éphémère ausgetragen und weiter aufwändig in der Öffentlichkeit herausgestellt.
Selbstbewusst präsentiert sich das Unternehmen auch in seiner Nobelboutique rive gauche. Sie ist in dem ehemaligen denkmalgeschützten Art-Deco-Schwimmbad Lutetia eingerichtet: Über dem Treppenaufgang der geflügelte Götterbote Hermes als akrobatischer Reiter.[4]
Dass das Pferd in der Selbstdarstellung von Hermès eine so zentrale Rolle einnimmt, hängt mit den Ursprüngen der Firma zusammen. Und die hat Pierre Sommet aufwändig erforscht und seine Ergebnisse in einem sehr lesenswerten kleinen illustrierten Buch publiziert. Auf dessen Titelbild ist ein Sattler abgebildet, ein Vertreter des Handwerks also, das Thierry Hermès in Krefeld erlernte und mit dem er dann in Paris reüssierte. Sattler stellten damals vor allem Sattel- und Geschirrzeug für Pferde her: Daran erinnern die Hermès-Pferde und die Förderung des Pferdesports. Und auch in der heutigen breiten Angebotspalette des Hauses Hermès sind Produkte „rund um das Pferd“ noch reichlich vertreten.[5]
Pierre Sommet ist Leserinnen und Lesern dieses Blogs kein Unbekannter: Seine Blütenlese deutsch-französischer Redewendungen, die er zusammen mit Waltraud Schleser veröffentlich hat, wurde auf diesem Blog vorgestellt und sein Gastbeitrag über deutsche Beiträge zur Erfolgsgeschichte des (natürlich französischen) Champagners ist auch hier zu lesen. Dass sich Sommet nun auf die Spuren des Thierry Hermès, des Ahnherren der Familiendynastie, begeben hat, liegt auf dieser Linie, geht es doch dabei um „eine deutsch-französische Geschichte par excellence“. Und diese glanzvolle Geschichte hat ihren Ursprung ausgerechnet in Krefeld, wo Pierre Sommet lebt: Da hat also sozusagen zusammengefunden, was zusammengehört.
Es war auch wirklich einmal Zeit, sich intensiver mit Thierry Hermès zu beschäftigen. Denn gerne wird die Geschichte des von ihm gegründeten Unternehmens als eine ausschließliche „histoire française“ erzählt[6], und auch das Unternehmen beginnt in seiner Selbstdarstellung den historischen Rückblick erst mit der Betriebsgründung 1837 in Paris, nach 36 Lebensjahren Thierrys also, in denen die Grundlage für die Erfolgsgeschichte des Unternehmens gelegt worden waren.[7]
Wenn aber einmal weiter zurückgegangen wird, findet man Darstellungen, die im Lichte von Sommets Recherchen überholt, ja manchmal geradezu abenteuerlich erscheinen. Zum Beispiel:
Da wird 1801 Thierry Hermès geboren.[8] Der Familienname hatte damals allerdings noch keinen Akzent: Der kam erst viel später in Paris dazu. Nur die Vornamen waren nämlich während der französischen Annexion der linksrheinischen Gebiete französisiert worden.
Da verlässt die Familie Hermes 1821 fluchtartig das heimische Krefeld und bringt sich in Paris in Sicherheit![9] Tatsächlich aber macht sich Thierry ganz alleine auf den Weg nach Paris, um dort sein Glück und seinen beruflichen Erfolg zu finden. Alles andere als eine Flucht also. Und was die Familie angeht: Thierrys Eltern waren 1821 schon lange tot, und von den ursprünglich sechs Geschwistern gab es nur noch eine ältere Schwester, die allerdings bis zu ihrem Tod 1847 in Krefeld blieb und ein Kind hatte, also den Neffen von Thierry, Friedrich Wilhelm Driessen, der wiederum acht Kinder hatte. (Sommet, S. 57f). Dies bedeutet, dass es heute in Krefeld bzw. am Niederrhein höchstwahrscheinlich Nachfahren der Familie Hermes gibt, auch wenn diese noch nicht entdeckt werden konnten.
Oder Thierry verlässt Krefeld schon gleich nach dem Tod der Eltern, folgt dem „Ruf der Liebe“, zieht ins normannische Pont-Audemer und heiratet.[10] Es war allerdings nicht der Ruf der Liebe, der Thierry nach Pont-Audemer folgt. Als er 1829 dort hinzieht, war er nämlich schon seit einem Jahr verheiratet. Was ihn da anzog, war der Ruf der Stadt als einer „Hauptstadt des Leders“. Und Thierry nutzt die sieben Jahre dort gewissermaßen als Fortbildung und Vorbereitung auf die anschließende Gründung seiner eigenen Werkstadt in Paris. (Sommet, 67ff)
Und was die Ehefrau Thierrys angeht: Sie soll, so kann man wiederholt lesen, eine Protestantin gewesen sein; von Thierry, der reformierten Kirche zugehörig, bewusst gewählt, um mit ihr seinen Kindern die protestantische Ethik vorzuleben und damit die Grundlagen des künftigen Erfolgs zu legen.[11] Tatsächlich ist Christine Pétronille Piérart, in Düsseldorf 1806 geboren, katholisch. Sie war die erste Tochter eines wallonischen Tagelöhners aus Ronquières im Hennegau und einer deutschen Hausfrau aus Köln, Maria Magdalena Cordé. Thierry hatte also wahrhaft multikulturelle Schwiegereltern! Christine, die deutsch sprach, lernte Thierry in Paris kennen, als die Familie Namur verließ und nach Paris zog. Nach dem Standesamt ließ sich das Paar wohl auf Wunsch der katholischen Schwiegereltern in der Kirche Notre-Dame de Bonne-Nouvelle nach katholischem Ritus trauen. Seinem reformierten Glauben blieb Thierry gleichwohl treu und der wurde auch an die drei Kinder André Henri, Charles Émile und Elisabeth Joséphine weitergegeben. (Sommet, 66) Und der Protestantismus der Familie hat wohl auch nicht unwesentlich zum Erfolg des Unternehmens über Generationen hinweg beigetragen.[12]
Da wird kühn in die Welt des Internets gesetzt und immer wieder übernommen, dass Thierry Hermès französische Vorfahren habe, ja dass dies Hugenotten gewesen seien, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 Frankreich hätten verlassen müssen.[13] Tatsächlich zeigen die mit Unterstützung von Jean-Louis Calbat vorgenommenen intensiven genealogischen Forschungen Sommets eine eindeutige deutsche Abstammung der Familie. (Sommet, 35)
Dass sich solche falschen Tatsachenbehauptungen verbreiten und halten, ist eine fast zwangsläufige Folge der neuen Informations- und leider eben auch manchmal: Des-Informationstechnologien. Und sie passen auch gut zu einer Erzählung von Gewalt, Abenteuer, Liebe und Arbeit, in der sowohl französisches Nationalgefühl als auch die sogenannten deutschen Tugenden bedient werden.
Es ist das große Verdienst von Pierre Sommet, auf sicherer Quellen-Grundlage hier Klarheit geschaffen zu haben. Betrachtet man die im Anhang des Buchs aufgeführte Liste von dafür konsultierten Stadtarchiven, dann kann man ahnen, welch beeindruckende Forschungsarbeit da geleistet wurde. Aber Sommet legt andererseits auch offen, wo es Leerstellen gibt: So für die Jahre zwischen der Auswanderung nach Paris und dem Umzug nach Pont-Audemer: „Für die Zeit zwischen 1821/22 und 1828 gibt es keine Quellen und wir verlieren die Spur von Thierry.“ (Sommet, 62). Yann Kerlau dagegen lässt in seinem Buch über die „dynasties de luxe“ seiner Phantasie freien Raum: Er stattet Thierry großzügig mit einem Zeichenblock aus (den es -leider- nicht gibt), auf den dieser Sättel und Zaumzeug skizziert, die er später dann selbst herstellen wird… Und bei Kerlau besteht Thierrys Lehrzeit aus Gelegenheitsarbeiten „rund ums Pferd“ in Paris[14], während die Jahre in Pont-Audemer überhaupt nicht erwähnt sind.
Dafür hat inzwischen „das normannische Venedig“ seinem berühmten kurzzeitigen Bewohner einen touristischen Rundkurs gewidmet, wobei laut der Zeitung Le Parisien „ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ (!), ganz offensichtlich Pierre Sommet, eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt hat.[15]
„Ein in Krefeld wohnender deutscher Historiker“ hat daran sicherlich wesentlichen Anteil. Félicitations Monsieur Sommet!
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Ausgesprochen informativ ist es, wie Sommet die Geschichte des Thierry Hermes/Hermès in den zeitgeschichtlichen Kontext einbettet. Wir befinden uns ja in einer Zeit revolutionärer Umbrüche. Und das linksrheinische Krefeld, die Geburtsstadt Thierrys, liegt mitten darin. Es gehört als Teil des Heiligen Römischen Reichs zu Preußen, ist eine blühende Stadt der Seidenweberei. Dann ziehen die Franzosen ein, etablieren 1797 die Cisrhenanische Republik. 1801 erfolgt – einen Monat nach der Geburt Thierrys- mit dem Vertrag von Lunéville die vollständige Annexion durch Frankreich, die bis zum Ende der napoleonischen Herrschaft und dem Wiener Kongress andauert.
Der zeit- und lokalgeschichtliche Hintergrund der „Franzosenzeit“ wird von Pierre Sommet sehr anschaulich beschrieben: Da singen die Kinder Spottlieder auf die so gar nicht dem preußischen Reglement entsprechende französische Revolutionsarmee, die Ende 1792 in Krefeld einzieht:
„Parlevu hät geen Hoasen an, Kiskedi geen Schtrömp“
(Parlevu ist abgeleitet von Parlez-vous-français? – sprechen Sie französisch?- und Kiskedi von Qu’est-ce qu’il dit? – was sagt er?)
Und als im März 1795 in Krefeld von den Revolutionären ein Freiheitsbaum errichtet wird, sind die Einwohner alles andere als begeistert:
„Als Preußen lebten wir ganz frey und aßen friedlich Brodt. Hier steht der Baum der Sklaverey und bringt uns Angst und Noth.“ (Sommet, 21).
Ganz so schlimm kam es dann allerdings nicht, denn Napoleon war am wirtschaftlichen Wohlergehen der vier neuen linksrheinischen Departements interessiert. Er brauchte die Steuereinnahmen zur Finanzierung seiner Kriege und er brauchte Soldaten für seine Grande Armée. Zu ihnen gehörte auch Thierrys älterer Bruder Henrich Hermes, der am guerre d’Espagne teilnahm. Er verstarb, wie Sommet im Stadtarchiv Krefeld herausgefunden hat, am 12. November 1812 in einem französischen Militärhospital im baskischen Vitoria, und zwar an den Folgen eines Fiebers.
Aber die Franzosen brachten auch revolutionäre Errungenschaften mit wie die Abschaffung der Zünfte und der feudalen Privilegien des Adels. Beliebt machten sich die Franzosen, die Pierre Sommet, ganz Krefelder, occupants/Besatzer nennt, aber trotzdem nicht: Dies auch wegen der radikalen Durchsetzung des Französischen als Amtssprache.
Sommet beschreibt das sehr anschaulich am Beispiel der Geburt Thierrys. Die Geburtsurkunde wird im Krefelder Rathaus, jetzt mairie genannt, auf Französisch ausgestellt. Aber was verstehen die Eltern und die beiden Zeugen? „Nivôse an neuf de la République française“? „Genauso gut könnte man von ihnen verlangen, die Hieroglyphen zu entziffern“, wie Sommet (S. 33) lakonisch anmerkt. Eigentlich hätte der Junge ja den Namen des Vaters, also Diederich, tragen sollen. Aber das ist nun nicht mehr möglich. Also wird daraus Thierry. Der Vorname von Thierrys Mutter, Agnes, wird in der Urkunde umgeformt zu Agnese: Das soll wohl französisch klingen. Und aus dem Georg des Zeugen wird ein George, im Französischen eigentlich ein Mädchenname. Der gestandene Vorarbeiter rächt sich aber, so Sommet, indem er mit seinem gewohnten Georg unterschreibt….
Dann die Zeit in Paris: Als Thierry nach seinen Lehrjahren in Krefeld, Paris und Pont-Audemer 1837 seine eigene Werkstatt 56 rue Basse-du Rempart im wohlhabenden Westen von Paris eröffnet, ist er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Paris erlebt eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte, hier konzentriert und akkumuliert sich der Reichtum des Landes – befeuert von dem „enrichissez-vous“ der Julimonarchie (1830-1848). Die Bevölkerung nimmt rasant zu, entsprechend auch der Verkehr, für den der Stadtumbau des Barons Haussmann den nötigen Raum schafft. Verkehr bedeutet damals: von Pferden gezogene Wagen aller Art. Die Nachfrage nach der erforderlichen Ausrüstung steigt entsprechend, und Thierry kann seinen anspruchsvollen Kunden hochwertiges Pferde-Geschirr und Zaumzeug liefern; vor allem Kummets aus leichtem und weichem Leder, die die Pferde schonen und gleichzeitig ihre Zugkraft erhöhen: „eine technische Meisterleistung, für die Hermès auf der Pariser Weltausstellung 1867 ausgezeichnet wird.“[16]
Als Thierry Hermès 1878 im vornehmen Neuilly-sur-Seine stirbt, hinterlässt er seinem Sohn Charles-Émile, Sattler-Meister wie er, ein erfolgreiches, aufstrebendes Unternehmen. Zwei Jahre später verlegt der den Sitz des Betriebs in die noble rue du Faubourg Saint-Honoré, wo noch heute -wenn auch in einem anderen Gebäude- der Sitz des Unternehmens ist. Auf der Terrasse reitet ein eleganter Hermès-cavalier hinaus in die Welt….
Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist, dass das von sechs Generationen der Familie geführte Unternehmen ein Familienbetrieb bleibt. Das war zeitweise ungewiss, nachdem der Weltmarktführer LVHM mit Bernard Arnault, dem reichsten Mann der Welt an der Spitze[17], 2010 heimlich, still und leise ein großes Aktienpaket aufkaufte und mit über 20 % zum größten Anteilseigner aufstieg. Als damals Bernard Arnault den damaligen CEO von Hermès anrief, um ihn- zwei Stunden vor der Öffentlichkeit- von der LVHM-Beteiligung zu informieren, soll dieser völlig konsterniert geantwortet haben: „If you want to seduce a beautiful woman, you don’t start by raping her from behind.” Inzwischen hat die verzweigte Familie Hermès ihre Firmenanteile in einer Holding gebündelt, um eine feindliche Übernahme zu verhindern…[18]
Portrait von Thierry Hermès im Pariser Sitz des Unternehmens. Daneben ein Kummet. Foto: Wolf Jöckel
Zu wünschen ist auch eine weite Verbreitung von Sommets Buch, gerade auch im Hause Hermès selbst. Und da spreche ich aus eigener Erfahrung: Als ich nämlich im August 2021 dem Sitz des Unternehmens einen Besuch abstattete, um das hier abgebildete Foto zu machen, war die Verwirrung und Ratlosigkeit bei den angesprochenen Mitarbeitern groß. Nein, ein solches Portrait gäbe es nicht… Man habe noch nie davon gehört…. Doch, das gäbe es, aber sehen könne ich es derzeit leider nicht…. Es sei vielleicht gerade für eine Ausstellung ausgeliehen….. oder es werde möglicherweise restauriert… Auch Madame de Bazelaire, die directrice de patrimoine von Hermès, konnte nicht helfen. Sie war gerade im Urlaub. Da ich aber keine Anstalten machte, das Feld zu räumen, erbarmte sich schließlich eine nette junge Angestellte meiner und wir machten uns gemeinsam auf die Suche. Wir hatten dann auch bald das im Treppenhaus zwischen anderen Erinnerungsstücken ausgestellte Portrait gefunden.
Vielleicht könnte das stolze Familienunternehmen Hermès das Buch von Sommet seinen Angestellten überreichen… Ich kann es jedenfalls nur wärmstens zur Lektüre empfehlen: Das Leben des Thierry Hermès ist eine höchst spannende deutsch-französische interkulturelle Geschichte, und es ist auch die Geschichte eines Handwerkers aus kleinsten, bescheidensten Verhältnissen, der am Anfang eines weltweiten Unternehmens der Luxusindustrie steht. Als Thierry Hermès sein Unternehmen aufbaute, gab es eine Vielzahl von Sattlern in Paris, von denen allein sein Name noch bekannt ist. Und es gab, als er starb, etwa 60000 deutsche Einwanderer, die in Paris ihr Glück suchten. Thierry Hermès hat es mit Willenskraft, Talent und Geschäftssinn dort gefunden. Aber weder in Paris noch in seiner Heimatstadt Krefeld erinnert ein Straßenname oder wenigstens eine Erinnerungsplakette an ihn. Möge die Monographie von Pierre Sommet dazu beitragen, dass Thierry Hermès den Platz in der Erinnerung erhält, der ihm gebührt.
Literatur
Pierre Sommet mit Veröffentlichungen zu Hermès. Aus: NRZ vom 17.2.2026
Moritz Sommet und Pierre Sommet unter Mitwirkung von Jean-Louis Calbat, Thierry Hermès – Eine deutsch-französische Geschichte.
Sonderdruck von Die Heimat. Krefelder Jahrbuch. Zeitschrift für niederrheinische Kultur- und Heimatpflege
Teil 1 (Oktober 2022): Niederrheinische Wurzeln und Jugendjahre
Teil 2 (Oktober 2023): Teil 2: Leben und Wirken in Frankreich
Teil 3 (Oktober 2024): Auf den Spuren der Nachkommen der Krefelder Familie Hermes
Pierre Sommet, Sur les traces de Therry Hermès. Une histoire franco-allemande par excellence. Paris: Éditions Complicités 2023. 18 Euro.
2025 ist eine durchgesehene und erweiterte Ausgabe erschienen.
In Frankreich ist das Buch über den Buchhandel oder über die Internet-Adresse der Éditions Complicités zu beziehen. In Deutschland können Sie das Buch z.B. bei Parinfo oder auf Amazon bestellen. Amazon bietet auch eine Leseprobe und eine preisgünstige Kindle-Version an.
Die Geschichte von Diederich Hermes/Thierry Hermès gibt es auch in deutscher Sprache auf dem Blog von Pierre Sommet:
Dazu finden sich dort auch Links zu verschiedenen Rezensionen, unter anderem einer neueren aus dem SPIEGEL vom 15.2.2024: Fabian Hillebrand, Die deutschen Wurzeln der Luxusmarke Hermès:
Sogar BILD hat sich in der Regionalausgabe Nordrhein-Westfalen am 10.3. 2024 -in sehr informativer Weise- des Themas angenommen: Er ging als Preuße nach Paris:
[4] Bild aus Instagram: „Staircase 2__ 17 rue de Sèvres Lutetia swimming pool By RDAI #design #france #paris #rivegauche #rdai #rdaidesign #hermes…“_files
Yann Kerlau: Après avoir vendu ses chevaux, le patriarche ferme l’auberge : pas question de mettre sa famille en danger. Sans état d’âme, il plie bagage et quitte l’Allemagne avec toute sa famille, à destination de la France.
[10]https://meinfrankreich.com/hermes_krefeld_luxusmarke_frankreich/ : Als seine Eltern starben, hielt ihn nichts mehr in Krefeld. Er verließ seine Freunde und folgte dem Ruf der Liebe. Dietrich ging ins normannische Pont-Audemer, nannte sich fortan Thierry, und heiratete. Neun Jahre später zog das Paar nach Paris. Und setzte einen accent grave auf das zweite e des Familiennamens: Hermès.
[11] Yann Kerlau: Quand le temps vient pour lui de fonder un foyer, il choisit pour épouse une femme effacée, protestante, à la foi et aux valeurs solides…. Thierry Hermès et sa jeune épouse inculqueront à leurs enfants le goût de l’effort, les vertus de la discrétion, du travail et un sens de la famille, qui se transmettra de génération en génération.
Aber sie alle sind in guter Gesellschaft, denn auch die FAZ übernimmt und verbreitet diese Erzählung: „Geboren wurde er in Krefeld, wohin seine Familie wegen ihres protestantischen Glaubens geflohen war.“ Dass zu Beginn des Artikels auch noch fettgedruckt 1837 als Geburtsdatum von Thierry Hermès angegeben wird, ist ein bei einer Zeitung wie der FAZ eher etwas peinliches Versehen. Denn die nimmt ja für sich in Anspruch, von klugen Köpfen gelesen und doch sicherlich auch von mindestens ebenso klugen Köpfen gemacht zu werden…. https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/mode/designer-abc/thierry-hermes-im-portrait-designer-abc-der-faz-1306936.html Für mich als einfachen Blogger hat es aber auch etwas Tröstliches, dass dererlei auch „in besten Kreisen“ vorkommt…. Als ich noch Mittelstufenschüler in Deutsch unterrichtete, war es für diese (und mich) immer ein besonderes Vergnügen, wenn sie von mir entsprechend ausgewählte Passagen aus der FAZ korrigieren durften (und konnten).
[14] Yann Kerlau: Muni de son carnet à dessin, il note tout à la hâte, fait des esquisses ici d’un mors, là d’une selle… Sait-on jamais ? Peut-être pourra-t-il un jour créer des objets comparables ? Si l’évolution des techniques et des transports le passionne, il n’en oublie pas pour autant le but qu’il s’est fixé : exercer un vrai métier et devenir son propre patron. Louant ses services à la journée, il est tour à tour cocher, palefrenier, harnacheur, acceptant toutes les tâches pour être sûr d’acquérir une formation solide.
Die nachfolgende Reportage über die deutsch-französische Lufttransportstaffel in Evreux wurde am 28.2.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht. Autorin ist Michaela Wiegel, die langjährige Pariser FAZ- Korrespondentin. Ich bin sehr froh über die freundliche Genehmigung zur Aufnahme dieses Textes in den Paris- und Frankreich- Blog. Zunächst deshalb, weil es sich um eine schöne deutsch-französische Geschichte handelt, die insofern sehr gut in das Konzept dieses Blogs passt. Es geht in dieser Reportage aber auch um ein leidvolles Kapitel deutsch-französischer Geschichte, um Krieg und Besatzung in der Normandie, aber auch in ganz eindrucksvoller Weise darum, wie aus Feinden Freunde wurden: Themen also, die schon mehrfach Gegenstand dieses Blogs waren.[1]
In der deutsch-französischen Zusammenarbeit, einem Pfeiler der europäischen Einigung, gibt es immer wieder Spannungen. Das hat sich erneut im Verlauf der Covid-Pandemie gezeigt und gerade auch in dem sensiblen Bereich der militärischen Zusammenarbeit., wo ganz unterschiedliche Traditionen und Kulturen aufeinandertreffen. Umso erfreulicher und ermutigender ist das nachfolgend beschriebene Projekt. Man kann ihm deshalb nur viel Erfolg wünschen, die Beteiligten zu ihrem Engagement beglückwünschen und Michaela Wiegel für ihre anschauliche und gehaltvolle Reportage danken.
In Evreux bilden bald Deutsche und Franzosen ein gemeinsames Geschwader. Das gab es noch nie. Von Michaela Wiegel
Noch liegt die Kommandozentrale der deutsch-französischen Lufttransportstaffel inmitten einer riesigen Baustelle. Vom Dach aus hat man einen Panoramablick auf die neuen Schutzwälle, die stählernen Gerüste der drei Flugzeughallen und auf das Flugfeld, dem noch die letzte Betonschicht fehlt. Unten lärmen Baumaschinen, ein Sattelzug schlingert über den schlammigen Stichweg. Aus der Ferne ist ein startendes Kampfflugzeug zu hören.
Die Kommandozentrale könnte schon bald das wichtigste Bauwerk der deutsch-französischen Verteidigungszusammenarbeit sein. Jeweils 110 Millionen Euro investieren Deutschland und Frankreich bis 2024 in die neue Infrastruktur für die Transportflugzeugeinheit in der Normandie. Der Bauleiter, ein Ingenieur der Infrastruktureinheit der französischen Streitkräfte, ist mit den Fortschritten zufrieden. „Trotz der Pandemie sind wir im Zeitplan“, sagt Hauptfeldwebel Maxime, dessen Nachname nicht genannt werden darf, so schreibt es die Armee für Soldaten seines Dienstgrades vor. Er zwinkert: „Deutsche Pünktlichkeit können wir auch!“ Maxime zeigt auf den weiten Lichtschacht in der Mitte des Daches. Noch fällt es schwer, sich den lichtdurchfluteten Innenhof mit Grünpflanzen und Gartenstühlen vorzustellen, den Maxime beschreibt. Hier sollen sich Soldaten beider Länder zum entspannten Austausch bei einer Tasse Kaffee treffen. Das gesamte Gebäude sei so geplant, dass sich alle bei Dienstbeginn über den Weg laufen, sagt Maxime. „Die Architektur soll helfen, die Mitglieder des Geschwaders zusammenzuschmieden.“
Die Deutsch-Französische Brigade bringt seit 1989 Soldaten beider Länder zusammen. Doch die neue Lufttransportstaffel steht für mehr – für die komplette Fusion. „Zum ersten Mal werden wir eine vollintegrierte Staffel mit einer vereinten Kommandostruktur haben“, sagt Oberst Sébastien Delporte, der Kommandant der 2700 Soldaten zählenden französischen Luftwaffenbasis. Der 48 Jahre alte Pilot spricht von einer „Revolution für das Europa der Verteidigung“. Denn es mache im neuen Geschwader keinen Unterschied, ob man die Uniform der Luftwaffe oder der Armée de l’Air trage. Der Chef werde Franzose sein, sein Stellvertreter Deutscher. Einsätze wie der Transport von Fracht, militärischer Ausrüstung oder medizinischem Material würden gemeinsam geplant. Ob Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben in Italien oder Nachschub für Ausbilder in Mali, alle Aufträge werden zusammen erfüllt.
Separate Einsatzregeln werden damit die Ausnahme. „Aber natürlich bleibt dem Stellvertreter die Rote Karte, die er bei Bedenken ziehen kann“, sagt der Kommandant. Vom Mechaniker bis zum Piloten, alle werden in gemischten Teams arbeiten. „Es fällt mir schwer, von einem Projekt zusprechen, so konkret ist das alles schon“, meint Delporte. Er könne es kaum erwarten, im April die ersten deutschen Soldaten und ihre Familien in Evreux zu begrüßen. Er nickt Oberstleutnant Armin Braun zu, der die Vorhut des „Pre-Implantation-Teams“ der Bundeswehr leitet, den Kontakt zur französischen Seite hält und regelmäßig die Baustelle inspiziert. Braun bereitet alles vor, damit die Staffel im Juli eingeweiht werden kann. Sie soll über zehn Transportflugzeuge vom Typ C-130 J Super Hercules verfügen, fünf davon können auch zur Luftbetankung eingesetzt werden. „Wir planen mit 130 deutschen und 130 französischen Soldaten“, sagt Braun.
Die Franzosen waren etwas schneller bei ihren Bestellungen und haben bereits 2015 vier Flugzeuge beim amerikanischen Hersteller Lockheed Martin geordert. Sie sind auf der Luftwaffenbasis in Orléans schon im Einsatz, wo Braun mit seinem Team stationiert ist, und werden im September nach Evreux verlegt. Die sechs von Deutschland georderten Maschinen sollen direkt in Evreux in Dienst gestellt werden. „Bedienungssprache wird Englisch sein“, sagt Delporte. Das entspreche den im Lufttransport üblichen Nato-Standards. Noch werden die Piloten in Little Rock in Arkansas ausgebildet, aber in Evreux entsteht ein eigenes Ausbildungszentrum nahe der Kommandozentrale. Delporte schwärmt von der Bereicherung, die er sich von den „deutschen Freunden“ erhoffe. Ein gemeinsames Wohnheim steht schon. Der Oberst denkt darüber nach, wie man sich schnell näherkommen kann. Er will Deutschkurse anbieten. Und einmal im Monat organisiere er auf den 740 Hektar einen Geländelauf für die Soldaten.
Ohnehin sei die „Base 105“ mit Kinosaal, Sportanlagen und einem Schwimmbad reich ausgestattet, ein Erbe der Amerikaner, die zwischen 1951 und 1967 in Evreux einen der wichtigsten Nato-Stützpunkte in Europa errichtet hatten. Mehr als 9000 amerikanische Soldaten lebten damals mit ihren Familien in der normannischen Stadt, deren Bewohner dem American Way of Life begeistert nacheiferten, wie ein Lokalhistoriker schreibt. Doch 1966 warf Präsident Charles de Gaulle die amerikanischen „Besatzungskräfte“ raus und entschied Frankreichs Austritt aus den integrierten Militärstrukturen der Nato. Erst 2009 stellte Nicolas Sarkozy das Verhältnis zur Nato wieder her.
Das Dienstzimmer des Kommandanten liegt bis heute in einer der typischen Flachdachbaracken der Nachkriegszeit. An der Wand hängt eine Großaufnahme des Stützpunktes. Delporte zeigt auf die sternförmigen Anlagen der Amerikaner. Dann fährt er mit dem Zeigefinger über den Abschnitt, auf dem zwei teils von Gras überwachsene Betonbahnen zu erkennen sind: „Das sind die Überreste der ersten betonierten Start- und Landebahnen, die 1940 die Deutschen bauten.“ Immer wieder werden Munitionsverstecke entdeckt, zuletzt 2015, als der Flugplatz gesperrt werden musste, um 185 Wehrmachts-Granaten zu entschärfen.
Als Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer im vergangenen September den Grundstein für die deutsch-französische Lufttransportstaffel legte, erwähnte sie die deutsche Vergangenheit des Ortes mit keinem Wort. Wilhelm Schlipp rätselt bis heute, ob sie mit Absicht darüber schwieg. Den pensionierten, 85 Jahre alten Lehrer bewegt es sichtlich, dass zum zweiten Mal deutsche Soldaten in Evreux stationiert werden – und sie dieses Mal als Freunde kommen undempfangen werden. Er erinnert sich noch an die Erzählungen seines Vaters, der als Teil der „zivilen Gefolgschaft“ als Buchhalter auf dem Flugplatz in Evreux Dienst leistete. Schlipp hat die Familienalben durchforstet und in seinen persönlichen Erinnerungen gekramt. Er spricht von den Kleidern, die eine französische Schneiderin seiner Mutter nähte, und vom Spielzeug, das er als kleiner Junge vom Vater aus Evreux geschickt bekam. Am 9. Juni 1940 hatten deutsche Jagdgeschwader Bomben über der Stadt abgeworfen. Die gotische Kathedrale, der Bahnhof, die Handelskammer und mehrere hundert Wohngebäude wurden schwer beschädigt. Aus den Trümmern der Stadt stieg noch Rauch, als deutsche Truppen am 15. Juni das Flugfeld besetzten. Eine Woche später kapitulierte Frankreich, Hitler kam persönlich für die Waffenstillstandsunterzeichnung in den Eisenbahnwaggonnach Compiègne. In Evreux entstand innerhalb weniger Wochen einer der wichtigsten Fliegerhorste für Hitlers Luftschlacht um England. Viele Franzosen arbeiteten in der deutschen Militärverwaltung, im April 1941 belief sich die Zahl der Beschäftigten auf 1854. Schlipps Vater, erinnert sich der Sohn, schloss freundschaftliche Verbindungen zu einer Gruppe von Franzosen, obwohl das eigentlich nicht erwünscht war.
Nach dem Krieg begann für den Vater eine Spurensuche. „Es gelang ihm, die junge Frau namens Suzanne aus der Gruppe wieder aufzuspüren“, erzählt Schlipp. Die Freundschaft zwischen den beiden Familien setzt sich bis heute fort. Das bestätigt Brigitte Kuster, die Tochter von Suzanne, die als Abgeordnete mit Wahlkreis in Paris in der Nationalversammlung sitzt. „Ich erinnere mich an die Kuchenberge, jedes Mal, wenn wir die Familie Schlipp in Deutschland besuchten, und an den netten Wilhelm, der mir die Angst nahm, mich mit meinen schlechten Deutschkenntnissen zu blamieren, weil er so gut französisch sprach“, sagt die 61 Jahre alte Kuster.
Sie habe allerdings immer geglaubt, dass die Freundschaft über ihren Vater entstanden sei, der als Kriegsgefangener auf einem Bauernhof in Norddeutschland gearbeitet habe. „Über die deutsche Besatzungszeit wurde in den meisten Familien nicht gern gesprochen“, meint Schlipp, der ein altes Foto von Kusters Mutter mit weißer Schürze auf dem Flugplatz in Evreux gefunden hat. Es amüsiert ihn, dass Brigitte ihn lange für einen Französischlehrer hielt, „dabei bin ich Altphilologe“. Durch viele Reisen nach Frankreich, auch mit seinen Schulklassen, und den engen Kontakt mit Brigittes Familie habe er seine Französischkenntnisse nie verloren. „Die deutsch-französische Freundschaft ist nichts Abstraktes“, meint Kuster. Sie berichtet begeistert von ihrer kürzlich abgeschlossenen Reservistenausbildung für die Luftwaffe, die sie nach Evreux führte. „Man spürt, wie sehr alle hinter dem Projekt stehen und schon fast ungeduldig auf die Deutschen warten“, sagt sie.
Oberstabsfeldwebel Christopher Bickert spielt mit seinem Schlüsselbund. „Auf diesen Schlüssel bin ich besonders stolz“, sagt er, als er die Hintertür zum neoklassizistischen Bau des Rathauses von Evreux öffnet. Bickert trägt einen Feldanzug im Tarndruck, wie man ihn in Frankreich nicht kennt, aber es stört niemanden, als er wie der Hausherr durch das Rathaus führt und mit einem lauten „Bonjour“ die Empfangsdame begrüßt. Bickert hat sein eigenes Reich im Obergeschoss des Rathauses. Von seinem Schreibtisch aus bereitet er die Ankunft der Soldatenfamilien aus Deutschland vor und sorgt dafür, dass alles klappt: die Wohnungssuche, die Eröffnung eines Bankkontos und die Einschulung der Kinder. Der 50 Jahre alte Oberstabsfeldwebel hat schon ein weites Kontaktnetz in der Normandie gespannt. Sein bester Verbündeter sitzt hinter einer Glaswand ein Büro weiter: der Chef der Abteilung „Internationale Beziehungen“ im Rathaus, Oliver Radle. Der gebürtige Hamburger lebt seit 1985 in Frankreich und ist in Evreux geblieben, „weil man hier alles hat, was man braucht“. Nach Paris sei es nur eine Stunde, zum Meer ebenfalls, Evreux habe eine Lebensqualität, nach der man anderswo lange suchen müsse. Die Bundeswehr-Soldaten werden „mit offenen Armen empfangen“, ist er sich sicher. „Misstrauen gegenüber Deutschen kennen wir hier nicht.“ Mit der Partnerstadt Rüsselsheim gebe es einen lebhaften Austausch.
Bürgermeister Guy Lefranc spricht selbst gut und gern Deutsch, erzählt er, als er in den majestätischen Hochzeitssaal führt. Unter den Kronleuchtern durften sich im vergangenen Jahr interessierte Soldaten der Bundeswehr bei einem Glas Champagner mit Evreux vertraut machen. Viele pauken seither französische Vokabeln. Sogar das als behäbiger „Mammut“ verschriene Bildungsministerium in Paris hat sich mobilisiert, um rechtzeitig einen internationalen Zweig von der Grundschule bis zum Abitur für die Kinder aus Deutschland und andere interessierte Schüler einzurichten. Oberstleutnant Braun, der vier Kinder hat, weiß das zu schätzen. Evreux könne zur Blaupause für weitere Kooperationen werden, hofft er.
Aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.02.2021, Politik, Seite 7
Der französische Maler Pierre Soulages hat am 24. Dezember 2020 seinen 101. Geburtstag gefeiert. Er war damals sicherlich der älteste lebende Maler internationalen Rangs; Teilnehmer an der ersten, zweiten und dritten Dokumenta in Kassel 1955, 1959 und 1964. Sein 100. Geburtstag war Anlass für eine Retrospektive im Louvre – eine Ehre für einen noch lebenden Künstler, die bisher nur Picasso und Chagall zuteil wurde- und eine weitere im Museum Burda in Baden-Baden.
Portrait von Pierre Soulages,. Gérard Rondeau / Agence VU
In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 2022 ist Pierre Soulages im Alter von 102 Jahren gestorben. Er wollte, wie die Zeitung Le Monde in ihrem Nachruf schreibt, „all das zeigen, was das Aufeinandertreffen von Schwarz und Licht erzeugen kann, einschließlich einer Form des Erhabenen.“ [1]
Im nachfolgenden Beitrag stehen zwei Orte im Mittelpunkt, die für Soulages und sein Werk entscheidende Bedeutung haben: Rodez und Conques. In Rodez ist es das Museum Soulages, das extra gebaut wurde, um eine bedeutende Schenkung seiner Werke aufzunehmen. In Conques ist es die Abteikirche Sainte-Foy, deren Fenster von Soulages gestaltet wurden: Ein romanischer Bau vollständig ausgestattet mit den Fenstern eines modernen Künstlers.
Das Museum, das Soulages gewidmet ist, steht in seiner Geburtsstadt. Grundlage des Museums ist eine Schenkung von Pierre Soulages und seiner Frau Colette – eine der wichtigsten, die weltweit von einem lebenden Künstler gemacht wurde. Der preisgekrönte Entwurf des Museums, der auch von Soulages selbst ausdrücklich favorisiert wurde, stammt vom katalanischen Büro RCR Arquitectes.[2]
Als Baumaterial haben die Architekten Stahl verwendet, „denn dieses Material ermöglicht es,unterschiedliche Nuancen für die verschiedenen Oberflächen zu erhalten. Außen verweist das Rot auf die Farbtöne der Nussbaumstämme, im Inneren schafft der schwarze und gebeizte Stahl eine intimere Atmosphäre, die für die Betrachtung der Werke notwendig ist.“[3]
Und so wie die Werke von Soulages mit dem wechselnden Licht sich verändern und leben, so auch dieser Museumsbau.[4]
Die Sammlung Soulages in Rodez
Blick in zwei Säle des Museums. Die großformatigen Bilder hängen hier, wie es Soulages seit den 1970-er Jahren bevorzugt, frei im Raum.[5]
Im Mittelpunkt dieses Saals befindet sich die Vase de Sèvres aus dem Jahr 2000. Es ist die einzige keramische Arbeit von Pierre Soulages. Sie wurde angefertigt auf Anregung des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac. Das Original war bestimmt als Trophäe eines Sumo-Wettbewerbs in Japan und ist Ausdruck der engen Beziehungen zwischen Soulages und der ostasiatischen Kunst.
Vase de Sèvres (Ausschnitt)
Nachfolgend werden einige Werke von Soulages (überwiegend) aus dem Museum von Rodez vorgestellt. Die Auswahl ist völlig unrepräsentativ und willkürlich. Vor allem sind es Arbeiten (zum Teil auch nur Ausschnitte), die uns besonders beeindruckt haben. Dann sollten aber auch wenigstens ansatzweise verschiedene Schaffensperioden, Techniken und Materialien berücksichtigt werden. Und es sollte deutlich werden, dass in Soulages‘ Kunst die Farbe schwarz zwar eine zentrale Rolle spielt und gewissermaßen sein Markenzeichen ist, dass er aber keinen Falls als „Schwarzmaler“ abgetan werden sollte. In seinen eigenen Worten:
„Die mich als den Künstler der schwarzen Malerei bezeichnet haben, haben das Schwarz im Kopf und nicht in den Augen.“[6]
Ein sachkundiges Urteil über die Werke des Künstlers kann ich mir nicht anmaßen. Ich werde deshalb Soulages – wie eben schon- auch weiter selbst zu Wort kommen lassen.[7] Das erscheint mir auch deshalb legitim, weil Soulages sich vielfach zu seinen Werken geäußert hat und den Künstler sogar ausdrücklich als deren notwendigen Interpreten (l’interprête nécessaire) versteht.[8]
Nussbeize / Brou de Noix et huile sur papier 74×47,5 cm 1947
„…ich fing an, mit Nussbeize zu malen. Ich habe diese Farbe geliebt, die sowohl reich an Transparenz als auch an Deckkraft ist und im Dunkeln eine große Intensität aufweist. Es war auch ein sehr billiges Material; mit wenig Geld konnte ich lange arbeiten. Ebenso habe ich Papier verwendet, alte Bettlaken als Leinwand. (…) Diese elementaren und einfachen Materialien hatten nach dem Krieg etwas von Brüderlichkeit.“[9]
Aus einem Interview aus dem Jahr 2010:
Jacques-Alain Miller: Der Baum ist immer Ihr großes Vorbild.
Soulages: Ja, ohne Blätter.
Nathalie Georges-Lambrichs: Sie sagen: ‚Die Zweige eines Baumes sind wie eine Schrift.‘
Soulages : Ja. Warum gerade diese und nicht eine andere? Als ich es analysierte, stellte ich fest, dass das Gute an diesen Formen war, dass sie komplexere Dinge in sich trugen. …. In den Formen lesen wir den Wind, wir lesen diesen Schwung, diesen Schub in Richtung Licht…. Ich mochte die Bäume, aber ohne ihre Blätter, das ist etwas Anderes. Ich spreche mit Ihnen darüber, wie ich von abstrakten Gemälden und Grafiken sprechen könnte.[10]
Ausstellungsplakat Stuttgart 1948
Aus einem Interview mit Soulages: „Sie sind ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs, 1919, geboren. Bereits drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1948 hatten Sie wieder eine Ausstellung in Deutschland. Wie haben Sie sich gefühlt, drei Jahre nach dem Krieg, in dem Land der Besatzer wieder auszustellen?“
„Meine ganze Familie ist sehr germanophil. Mein Schwager spricht fließend deutsch. Mein Neffe ist mit einer Deutschen verheiratet. Ich habe schon immer die deutsche Literatur, die deutsche Musik und die deutsche Romantik bewundert. Für mich war der Krieg gegen Deutschland daher ein doppeltes Drama. Und es war ein Deutscher, der mich für die Ausstellung 1948 eingeladen hat. Das Ausstellungsplakat „Französische abstrakte Malerei“ zeigte ein Werk von mir. Das habe ich natürlich als große Ehre empfunden. Und 1949 haben mich die damals größten deutschen Künstler besucht, Baumeister zum Beispiel. Die erste Retrospektive meiner Arbeit hat wieder ein Deutscher organisiert, Werner Schmalenbach von der Kestner-Gesellschaft in Düsseldorf. Ich hatte immer viele deutsche Freunde.“[11]
„Der Krieg hat mir einige Zeit genommen, ich habe ihn mit falschen Papieren überstanden, auf denen ich mich als Italiener ausgab. Ich war 28 Jahre – und da war ich! Die anderen Maler in der Ausstellung waren mindestens 25 Jahre älter als ich. Ich werde nie vergessen, dass meine Malerei zuerst von Ausländern entdeckt wurde. Allerdings stimmt das nicht ganz, denn davor waren es doch die Franzosen. Aber die haben mich unter dem Begriff ’nicht figurativ‘ einsortiert. Das hat mich aufgeregt und regt mich noch immer auf. Eine Kunstrichtung, die mit einer Verneinung beginnt, erschien mir geradezu lächerlich.“ [12]
Peinture 14. April 1956. 196×365 cm. Huile sur toile
„Meine Titel sind die Maße der Arbeit. Und auch das Datum. Ich wollte immer, dass meine Gemälde einen Objekt- oder einen Ding-Status haben. Deshalb beschränkt sich der Titel auf ihre Materialhaftigkeit […]“
„Als ich Kind war, hat man mir natürlich Farben zum Malen gegeben. Aber ich habe nur schwarz verwendet, damals schon. Es gibt da eine kleine Anekdote, die in meiner Familie immer erzählt wurde: Mit fünf oder sechs Jahren habe ich einmal mit schwarzer Tinte auf weißem Papier gemalt. Da kam jemand und fragte: „Was machst Du denn da?“ Ich antwortete: „Schnee!“ Ich war sonst ein sehr schüchternes und ernsthaftes Kind. Ich wollte mit der schwarzen Farbe das Papier weiß machen. Ohne schwarz ist Papier nicht weiß. Es ist eher grau. Erst der Kontrast mit dem Schwarz macht es weiß. Das funktioniert aber nicht nur mit weiß, sondern mit allen Farben. Schwarz aktiviert andere Farben, es macht sie heller und klarer. Schwarz ist die aktivste Farbe.“[13]
Peinture 157×200 cm 21. August 1963 Huile sur toile
„Wenn ich mich auf die Farbe Schwarz beschränke und auf die verschiedenen Möglichkeiten, sie einzusetzen, dann gibt es, vereinfacht gesagt, die folgenden:
Schwarz lässt, als Quelle starker Kontraste, benachbarte Farben in verschiedenen Valeurs aufleuchten.
Schwarz lässt die Farbe in Erscheinung treten, die verdeckte, dann aufgedeckte Farbe, die aus der Leinwand hervorzuquellen scheint, wenn sie das Schwarz hervorruft.
Schwarz ist selber Licht, infolge der Verschiedenheit der Texturen, und Ursprung sich verändernder Valeurs. Seit dem Tage, an dem ich diese unerwartete Kraft erahnte, war ich von dem Wunsch besessen, sie freizusetzen.
Aus dem unterschiedlichen Einsatz des Schwarz ergeben sich Entwicklungen, Veränderungen der Malerei, ergibt sich auch der Blick, mit dem man ihr gegenübertritt.“ [13a]
Olympische Spiele München 1972: Lithographie nr.29 1972
Bronze , 1976: Eine der drei Arbeiten aus Bronze, die Soulages in den 1970-er Jahren angefertigt hat und die alle im Museum von Rodez ausgestellt sind.
Peinture 202 x 125 cm 12. Januar 2015
„In der Region, aus der ich komme, dem Massif Central, gibt es viele Grotten. Schon vor 34 000 Jahren sind Menschen dort hineingegangen, um in der absoluten Dunkelheit zu malen. Und womit haben die Steinzeitmenschen damals gemalt? Mit schwarzer Kohle. Gelegentlich auch mit roter Erde.“[14]
„Die Menschen sind in die dunkelsten Orte der Erde hinabgestiegen, in das absolute Schwarz der Höhlen, um zu malen und mit Schwarz zu malen. Das ist wunderbar! Überall gibt es weiße Steine, Kreidestücke, einfach zu verwenden. Kein einziges Mal, während Jahrhunderten und Jahrhunderten, haben prähistorische Menschen davon Gebrauch gemacht. … Deshalb habe ich gesagt, dass das Schwarz die ursprüngliche Farbe der Malerei ist; und auch, ich füge das hinzu, die Farbe unserer Ursprünge. Wenn ein Kind geboren wird, heißt es, es sieht den Tag; bevor wir also das Licht sehen, waren wir im Schwarzen … “ [15]
Peinture 117 x 165 cm, 6 janvier 1990
„Eines Tages hatte das Schwarz fast die ganze Leinwand bedeckt. In gewisser Weise gab es keine Malerei mehr, weder weiße noch farbige Töne, die aus dem Kontrast lebten. Aber in diesem Übermaß sah ich die Verneinung des Schwarz entstehen: die Unterschiede der Materie, des Gewebes, welche das Licht einfingen oder sich ihm verweigerten, schufen besondere Werte und Farben, eine Beschaffenheit von Licht und von Raum, die mein Verlangen erregten, zu malen… Ich habe mich auf diesen Weg eingelassen, und ich finde noch immer neue Eröffnungen. Es gab keinen ausdrücklichen Willen, das Licht aus dem Schwarz entspringen zu lassen. Dies ergab sich, während ich malte.“[16]
„Die Komposition des Bildes hängt unter anderem ab von der Richtung der Rillen, den Unebenheiten der Materie. Je nachdem, wie das Licht darauf fällt, und von wo aus es betrachtet wird, gehen manche hellen Bereiche der Oberfläche ins Dunkel über oder umgekehrt, aber immer in derselben Ordnung oder Un-Ordnung, die dem Bild eigen ist. Die Spannungen, das Gleichgewicht, die Bewegungen entstehen auf diese Weise. Das Gemälde entwickelt sich in der Betrachtung, im Augenblick des Betrachtens selbst.“ Pierre Soulages [16a]
„Outrenoir (Überschwarz) bedeutet: über das Schwarz hinaus ein durch Schwarz reflektiertes und verwandeltes Licht. Outrenoir: Schwarz, das keines mehr ist, strahlt Helligkeit und ein verborgenes Licht aus. Outrenoir: ein anderer mentaler Bereich als der des einfachen Schwarz.“.[17]
Peinture 298 x 694 Februar/März 1992 (Ausschnitt)
Pierre Soulages zu den Rillen auf vielen seiner Gemälde:
„Durch sie wird die Oberfläche dynamisiert. Sie haben nichts gemein mit der mechanischen Gleichmäßigkeit des kubistischen Pinselstrichs. Eine breite Bürste gräbt eine Vielzahl von feinen, ungleichmäßigen Spuren in die Farbmaterie, die in der Reflexion des Lichts verschiedene Valeurs bewirken. Durch optische Vermischung entsteht beim Betrachten eine spezifische Qualität von farbigem Grau. Diese Grautöne imitieren nicht ein Licht, sie sind dieses Licht.
Diesen Rillen stehen manchmal glatte Oberflächen gegenüber: Flächen, Auslöschungen, Brüche, ruhige Zonen- ein Rhythmus bildet sich.“
„…. meine Malerei, sehen Sie sie sich an, ist gar nicht schwarz. Schwarz ist eine Farbe des Lichtes. Mit ihrer Absorption und Reflexion stellt sie Kontraste her.“ [17a]
Peinture 222×222. 6. März 2000 Acrylique sur toile. Ausschnitt
„Dem Flüchtigen, Begrenzten, Veränderlichen ausgesetzt, träumt der Mensch davon, ihm zu entrinnen […] Vielleicht ist das Beweggrund, der viele Werke entstehen lässt.“ Pierre Soulages [18]
Wie die Glasfenster der Abteikirche von Sainte-Foy in Conques entstanden: Ein Raum und ein Film im Museum in Rodez
Im Januar 1986 erhält Pierre Soulages den Auftrag, sämtliche 104 Fenster der Abteikirche von Conques zu gestalten. Von März 1986 bis Herbst 1987 sucht er nach einem dem Alabaster verwandten Glas, das lichtdurchlässig, aber nicht transparent ist. Ab 1988 nimmt er Kontakt zu der Glasfabrikation von Saint-Gobain auf, 1991 kontaktiert er mehrere Glasfabrikationsbetriebe in Frankreich, Italien und Deutschland. [19]
Fündig wird er schließlich bei dem Unternehmen Kunstglas Klinge in Rheine, das mit seinen Öfen in der Lage ist, das von Pierre Soulages gewünschte Glas nach dessen Vorgaben bezüglich Temperatur und Zusammensetzung herzustellen.[19a]
Soulages mit dem Muster einer Glasscheibe der Glaskunst Klinge
1991/1992 besucht Soulages die Werkstatt von Kunstglas Klinge. Ab Juli 1992 entstehen in Rheine 400 m2 Glas in Form von bis zu 3 m großen Scheiben.
Aus dem im Museum von Rodez gezeigten Film zur Entstehung der Glasfenster: Arbeit auf Pappen in dem Pariser Atelier des Künstlers.
„Die Arbeit an den Modellen begann … in meinem Atelier in Paris. Eine besondere Vorgehensweise wurde genutzt: Die Bleistäbe wurden mit einem schwarzen Klebeband von der gleichen Breite wie sie dargestellt, aufgeklebt auf einer glatten, weißen Oberfläche von der gleichen Größe des Fensters. Indem es mehrere Male versetzt werden kann, erlaubt das Klebeband, mit einer visuellen Kontrolle aus der Entfernung (von 5 bis 10 m) immer näher zur richtigen Linie zu gelangen.“[19b]
Nach den seit 1987 entstandenen Entwürfen, den ab 1992 von Pierre Soulages gefertigten originalgroßen Modellen und den Scheiben aus Rheine wurden die Fenster in einem Toulouser Glasatelier realisiert und bis März 1994 in Conques eingesetzt.
Austellungshalle zur Entstehung der Glasfenster in Rodez
Abgebildet ist hier ein Fenster zu unterschiedlichen Tageszeiten und von außen und von innen. „Außen spiegelt sich das Licht am stärksten in den Stellen wider, die eine große Dichte der kristallinen Struktur besitzen. Die Stellen mit geringerer Dichte, die am stärksten das Licht weitergeben, zeigen nach außen das Dunkle des Innnenraums. Dies führt außen zu farblichen Nuancen zwischen Weiß und Hellblau, während innen das durch das Glas hindurchstrahlende Licht je nach der Qualität und der Intensität entsprechend der Tages- und Jahreszeit zwischen warmen und kalten Farbtönen, zwischen einem cremigen Weiß bzw. einem hellen Gelb- und Orangenton einerseits und abgestuften Blautönen andererseits changiert.“[20]
Die Fenster von Pierre Soulages in der Abteikirche Sainte-Foy in Conques
Soulages lernte die Klosterkirche von Conques auf einer Klassenfahrt kennen. Er war damals 14 Jahre alt:
„Conques a été le lieu de mes premières grandes émotions artistiques. J’étais boulversé par ce que j’ai appelé alors la musique des proportions et par cette alliance singulière de force et de grace. C’est dans l’espace intérieur de l’abbatiale que j’ai eu la révélation tout à la fois de la beauté de l’art roman et de mon désir de devenir peintre.“
Conques was where I experienced my first artistic emotions. I was overwhelmed by wht, back then, I called the ‚music of porportions‘, a destinctive combination of power and grace. It was the abbey that revealed to me both the beauty of Romanesque art and my desire tob e a painter.[22]
„Vom Eingang an ist man beeindruckt von den schmalen und hohen Fenstern mit den tiefen Laibungen: die Mauern sind sehr dick. Und zu gleicher Zeit ist man in Gegenwart eines hohen Kirchenschiffes, das dadurch umso höher erscheint, als es schmal ist. … Die Kirche in Conques … hat ein Mittelschiff von 22,10 m Höhe bei einer Breite von 6,80m, was sie noch höher aufgeschossen erscheinen lässt. So erscheint in dieser Massivität Anmut.“[23]
„Die Aufteilung des Lichtes im Innenraum hängt natürlich von der Dimension und dem Platz der Fensteröffnungen ab, so wie sie die Erbauer bestimmt haben. Es ist das von ihnen ausgehende, sich mit dem Lauf der Sonne bewegende Licht, das diesen Raum und den Ablauf der Zeit rhythmisiert. Es gibt eine erstaunliche Anzahl von Öffnungen: 104 für einen Bau von nur 56 Metern Länge, was deutlich das Verlangen danach zeigt, das Licht reichlich eintreten zu lassen. Aber auf eine weder banale noch simple Art ist die Nordseite, von je her dunkel, hier noch dunkler, da sie sich an einen der Abhänge des Tales anlehnt, dennoch diejenige, wo sich die kleineren, schmaleren und weniger hohen Fensteröffnungen befinden, als die gut erhellten Öffnungen der Südseite, die ihnen gegenüberliegen. Dieses natürliche Ungleichgewicht ist nicht korrigiert, sondern im Gegenteil hervorgehoben und gesteigert worden. Im Querhaus vollzieht sich das Gegenteil. Die Fenster des nördlichen Querhausgiebels sind viel weiter als diejenigen des südlichen Querhausgiebels, und damit die größten des ganzen Baus. (…) Die präzise Ausrichtung des Baus auf den Sonnenaufgang am Festtag der Heiligen Fides ist ein weiterer Hinweis für die Wichtigkeit, die die Erbauer dem Licht gaben.“[23a]
„Ich bin immer noch erstaunt, dass jemand die Kühnheit hatte, mich zu bitten, zeitgenössische Kunst in eine solch erhabene Architektur einzubringen. Letzten Endes habe ich Fenster für diese Architektur gemacht, wie sie zu uns gekommen ist und wie wir sie jetzt lieben. Ich habe diese Fenster gemacht, angetrieben von dieser Architektur und basierend auf dieser Architektur. Und für das tiefe Vergnügen, das wir empfinden. Es ist auch ein Ort der Meditation für Ungläubige, ein Ort der Betrachtung der Schönheit und, für die Gläubigen, ein Ort des Gebets: das alles gehört zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einem Agnostiker dieses Werk fremd sein könnte.“[24]
„Für mich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen den Fenstern von Conques und dem, was ich als outrenoir bezeichne. Conques war streng genommen keine Suche nach Licht, sondern die Verwendung eines bestimmten Lichts für künstlerische Zwecke. Als ich gebeten wurde, die Fenster in Conques zu machen, riefen einige Leute: „Was für eine Katastrophe, Soulages wird schwarze Fenster machen!“ Damit bewiesen sie, dass sie ihre Augen nicht für das geöffnet haben, was ich mache. Interessante Konsequenz: Von dem Moment an, als sie meine Fenster sahen, betrachteten viele meine Bilder mit anderen Augen. Meine Arbeit in Conques hat bis zu einem gewissen Grad zum Verständnis meiner Bilder beigetragen.“[25]
„Von Anfang an war ich nur von dem Willen beseelt, dieser Architektur zu dienen, so wie sie zu uns gelangt ist, indem ich die Reinheit der Linien und der Proportionen, die Übergänge der Farbtöne im Stein, die Anordnung des Lichtes, das Leben eines so besonderen Raumes achtete. Das Ziel meiner Suche war es, diese Eigenarten sichtbar zu machen.“[26]
„Selbstverständlich konnten Rot und Blau, alle kräftigen Farben der gotischen Kirchenfenster, die nördlich der Loire anzutreffen sind, der delikaten Farbgebung der Steine und des Innenraums dieses Gebäudes nur schaden. Mir war es wichtig, die Identität des Bauwerks zu wahren und die spezifische Qualität des Raums aufgrund der Abmessungen der Fenster und ihrer sehr besonderen Verteilung nicht im Geringsten zu stören. Nur natürliches Licht schien mir angemessen zu sein.“[27]
„Von innen betrachtet ist ein Teil des Kirchenfensters sehr hell, er erscheint bläulicher als in einem angrenzenden Bereich, in dem die Intensität geringer und der Farbton wärmer ist. Wenn Blau fehlt, wird dieses an der Außenseite reflektiert. Im Verständnis dieses Zusammenhangs habe ich die Fenster in Abhängigkeit ihres Erscheinens von innen und außen konzipiert. Im Inneren sind es nicht mehr diese für gewöhnlich schwarzen Oberflächen. Innen oder außen, als Schöpfungen erhaltenen Lichts harmonieren sie mit dem Bauwerk, das dasselbe Licht empfängt.“[28]
„Von außen gesehen sind diese Fenster nicht mehr die üblich schwärzlichen Oberflächen. Das Glas, vollkommen weiß, nimmt die bläuliche Farbe des natürlichen Lichtes an und reflektiert sie. Die Bereiche, wo die Reflexion schwächer ist, sind dunkler. Die Beziehungen dieser Farben mit denen der Architektur sind von zweierlei Art. Manchmal finden sich die gleichen Färbungen in den Schieferplatten des Daches und in bestimmten Steinen der Mauern wieder. Manchmal ergeben sich komplementäre Übereinstimmungen (blauorange) in anderen Bauteilen, wo die warmen Steinfarben dominieren.“[29]
Zur Geschichte und Bedeutung von Conques
Der Besuch der Klosterkirche von Conques lohnt aber nicht nur wegen der Glasfenster von Soulages. Die Bedeutung von Conques, heute Teil des Weltkulturerbes „Jacobsweg in Frankreich“, beruht vor allem auf drei künstlerischen Höhepunkten, von denen zwei auf diesem touristischen Hinweisschild veranschaulicht sind:
Neben den Glasfenstern von Pierre Soulages ist das der Kirchenschatz mit der Reliquie der heiligen Fides, wozu dann noch das grandiose Tympanon über dem Eingang der Kirche kommt.
Die Reliquie der heiligen Fides
Die heilige Fides, die Tochter eines angesehenen Bürgers aus Agen, war im Jahre 303 im Alter von 13 Jahren zum Tode verurteilt worden, weil sie sich weigerte, die heidnischen Götter anzubeten. Dadurch wurde sie zu einer der ersten französischen Märtyrinnen. Dass es sich um eine jungfräuliche Märtyrin handelte, verstärkte die öffentliche Verehrung. Schon bald verbreiteten sich Berichte von der Wunderheilung eines blinden Jungen durch die heilige Fides
Im 9. Jahrhundert, einer Zeit, in der die Reliquienverehrung stark an Bedeutung gewann und die Anwesenheit des Leichnams eines Heiligen der ihn beherbergenden Abtei eine große spirituelle Bedeutung verlieh, fehlte Conques, seit 819 Benediktinerkloster, eine solche Reliquie. Das war umso schmerzlicher, als das Kloster unter dem besonderen Schutz Ludwigs des Frommen, des Sohnes Karls des Großen, stand, der ihm auch den Namen Conques (Muschel) verlieh. Nach mehreren erfolglosen Versuchen richteten die Mönche ihr Augenmerk auf die wertvollen Reliquien der in Aquitanien inbrünstig verehrten heiligen Fides von Agen. Der Raub, schamhaft als „heimliche Überführung“ bezeichnet, erfolgte um 866.
Der Reliquienkult der heiligen Fides (Sainte Foy), die der Kirche auch ihren Namen gab, trug dazu bei, Conques zu einer wichtigen Etappe auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela zu machen. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert befand sich das Kloster auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Macht. Es wurde zum Mittelpunkt einer kleinen mittelalterlichen Stadt, die vor allem mit und vom Kloster und den Dienstleistungen für die Pilger lebte. Trotz des späteren Niedergangs gehört Conques heute aufgrund seiner einheitlichen mittelalterlichen Struktur und der Klosterkirche zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“.
Der Reliquienschrein der heiligen Fides (Sainte-Foy) hat die Form einer überaus reich mit Goldbeschlag und Edelsteinen ausgestattete Statue, die hauptsächlich aus dem Jahr 984 stammt. Er ist ausgestellt in dem am ehemaligen Kreuzgang des Klosters gelegenen Trésor d’orfèverie, der den größten erhaltenen Kirchenschatz des französischen Mittelalters beherbergt.
1875 wurde der Klosterschatz, der vergraben worden war, unter den Bodenplatten des Chorganges wiederentdeckt. So hat er die Zerstörung der Kirche durch protestantische Truppen in den Religionskriegen und die Wirren und die Zerstörungswut der Französische Revolution überlebt.
Das Tympanon
Bevor man die Kirche betritt, um den Innenraum mit den Fenstern Soulages‘ zu bewundern, lohnt es sich, das große Tympanon des Eingangsportals zu betrachten, das mit seinen 117 Figuren zu den Höhepunkten mittelalterlicher Kunst gehört. Sein Generalthema ist das Jüngste Gericht.[30] Besonders eindrucksvoll ist hier –wie auch in anderen entsprechenden mittelalterlichen Darstellungen- die drastische Schilderung des Schicksals der Verdammten im rechten unteren Teil des Tympanons, wo es –im Gegensatz zu der wohlgeordneten linken Seite (zur Rechten Gottes)- im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber geht.
Hier thront Satan inmitten emsiger Teufelchen und empfängt die Verdammten, die die sieben Todsünden verkörpern. Unter dem Herren der Finsternis liegt der Faulenzer in den ewigen Flammen, erkennbar an der Kröte an seinen Füßen, dem Symbol der Faulheit. Links davon erwarten ein Mann und eine Frau angebunden und mit gefesselten Händen die Strafe für die Wollust.
Hier verschlingt der Leviathan, das biblische Ungeheuer, mit aufgerissenem Rachen die Verdammten, die von einem Teufel mit einer schweren Keule hineingestoßen werden, wobei er den Kopf wendet, um die Auserwählten zu sehen, die ihm entgehen.
Noch weiter links steht direkt an der Eingangspforte zur Hölle der Hochmut, dargestellt durch einen aus dem Sattel geworfenen Ritter, der im wahren Leben ein ehrgeiziger Nachbar der Abtei war und dieser nach ihren Gütern trachtete. Er wird von einem Teufel vom Pferd gezogen und von oben von einem anderen aufgespießt. Zu Lebzeiten war er von den Mönchen des Klosters exkommuniziert worden. Hier werden lokale Aspekte aus der Klostergeschichte in die Darstellung des Jüngsten Gerichtes einbezogen.
Um das Tympanon herum läuft ein Band, hinter dem menschliche Köpfe mit weit aufgerissenen Augen sichtbar sind. Sie betrachten das grausige Geschehen und werden, wie die Mönche des Klosters und die mittelalterlichen Pilger, hoffen und beten, im späteren Leben einmal zu den Seligen zu gehören und nicht dem Wüten des Satans anheim zu fallen.
Lassen wir zum Schluss noch einmal Pierre Soulages sprechen – mit Worten, die am Ende des mit der Süddeutschen Zeitung zu seinem 100. Geburtstag geführten Interviews stehen:
„Ich denke an den Tod nicht häufiger als früher, obwohl ich weiß, dass er näher gerückt ist als vor Jahrzehnten. Ich lebe so weiter wie im Alter von 50 Jahren. Solange ich den Wunsch verspüre, Dinge zu tun, mache ich sie. Mir widerstrebt es zu weinen oder zu stöhnen, und ich denke weder zurück an vergangene Zeiten noch an die mir noch verbleibenden Tage. Ich lebe ein glückliches Leben, und daran werde ich so lange wie möglich festhalten.“ [31]
Anmerkungen:
[1] Soulages au Louvre: November/Dezember 2019; Soulages. Malerei 1946-2019. Oktober 2020 bis Februar 2021
[6] Zitiert von Hermann Arnhold, Das Licht in der Malerei. In: Soulages, Lebendiges Licht. Malerei und die Fenster von Conques. Herausgegeben von Klaus Bußmann. Münster 1994 S. 11
[7] Die verwendeten Zitate von Soulages stammen überwiegend aus deutschen Veröffentlichungen. Soweit ich sie französischen Quellen entnommen habe, sind sie von mir übersetzt, was jeweils angegeben ist. Zwei Zitate stammen aus einer französisch-englischen Veröffentlichung (paroles d’artiste). Diese sind in der dort präsentierten französischen und englischen Fassung wiedergegeben und ich habe auf eine Übersetzung ins Deutsche verzichtet.
[8] Soulages, L’espace. Aus: Écrits et propos. Zit. in: Pierre Soulages, paroles d’artiste, S. 12
[9] Pierre Soulages, aus: 82 peintures. Toulouse 2000. Zit. in: Pierre Soulages. Le noir en lumière, S. 165 „… je me suis mis à peindre avec du brou de noix. J’aimais cette couleur, riche à la fois de transparences et d’opacités, d’une grande intensité dans le sombre. C’était aussi une matière très bon marché; avec peu d’argent je pouvais travailler longtemps. De même j’utilisais du papier, de vieux draps de lit en guise de toiles. (…) ces matières élémentaires et pauvres, au lendemain de la guerre, avaient quelque chose de fraternel.“ Übersetzung W.J.
[10] Aus: D’un siècle à l’autre. Pierre Soulages, le noir en lumière. S. 166
[15] Soulages au Louvre, S. 11 „Les hommes sont descendus dans les endroits les plus obscurs de la Terre, dans le noir absolu des grottes, pour peindre, et peindre avec du noir. C’est stupéfiant! Partout il y a des pierres blanches, des morceaux de craie, faciles à employer. Pas une fois, durant des siècles et des siècles, les hommes préhistoriques ne s’en sont servis. … C’est ce qui m’a fait dire que le noir est la couleur d’origine de la peinture. Et aussi, j’ajoute, la couleur de nos origines. Quand un enfant naît, on dit qu’il va le jour; donc avant de voir le jour, on était dans le noir…“ (Übersetzung W.J.)
[16] Zit. in: Hermann Arnhold, Das Licht in der Malerei. In: Soulages, Lebendiges Licht, S. 10/11
Entsprechend: Charles Juliet, Gespräche mit Pierre Soulages, S. 7
[16a] Aus: Pierre Soulages. Arbeiten auf Papier und aus dem graphischen Oeuvre. Ausstellungskatalog Galerie Boisserée. 2014
[17] ‚Pierre Soulages aus: Ausstellungskatalog „Pierre Soulages“, Martin-Gropius-Bau Berlin, 2. Oktober 2010 – 17. Januar 2011; herausgegeben von Pierre Encrevé und Alfred Pacquement, Hirmer Verlag München, 2010
Originaltext in: Les éclats du noir‘. In: Écrits et propos. Zit. in: Pierre Soulages, Paroles d’artiste S. 40
[18] Pierre Soulages. Arbeiten auf Papier und aus dem graphischen Oeuvre. Ausstellungskatalog Galerie Boisserée. 2014
[19] Diese Chronologie folgt: „Kurze Chronologie der Entstehung der Fenster von Conques.“ In: Soulages, Lebendiges Licht, S. 16/17
[19a] Ich finde es bemerkenswert/erstaunlich, dass Glaskunst Klinge auf seiner homepage (http://www.glaskunst-klinge.de/) nicht auf die Arbeit für Soulages/Conques verweist. Vielleicht weil Soulages in Deutschland weniger bekannt ist? Oder weil ein solcher Bezug für eher „normale“ Kunden, die dort angesprochen werden, vielleicht abschreckend wirken könnte? Ich habe den Betrieb um Auskunft gebeten, aber keine Antwort erhalten.
[22] Entretien avec Françoise Jaunin. Zit. in: Pierre Soulages, Paroles d’artiste, S. 46 Manchmal wird auch als Alter 12 Jahre angegeben. Siehe auch Soulages in: Soulages au Louvre, S. 34: „J’étais dans un tel état d’exaltation, je me suis dit ‚il n’y a qu’une chose importante dans la vie, c’est l’art. Et j’aime la peinture, je serai peintre.’“
[23] Pierre Soulages, Anmerkungen zur Arbeit, S. 18 Nachfolgend zwei Abbildungen von Obergadenfenstern auf der Südseite der Kirche in unterschiedlicher Beleuchtung. Das erste Bild stammt von uns, aufgenommen am 28.9.2020 bei trübem Wetter, das zweite zeigt das rechte Fenster des vorigen Bildes im Sonnenlicht. Dieses Bild ist entnommen aus: Pierre Soulages, Lebendiges Licht, S. 24
[24] Soulages au Louvre, S. 40 „Je suis encore étonné que l’on ait eu l’audace de me demander d’introduire de l’art contemporain dans une architecture aussi sublime. Finalement j’ai fait des vitraux pour cette architecture telle qu’elle est parvenue jusqu’à nous et telle que nous l’aimons maintenant. J’ai fait ces vitraux poussé par cette architecture, en fonction de ce cette architecture. Et pour le plaisir profond que l’on ressent. C’est aussi un lieu de méditation pour les non-croyants, c’est un lieu de contemplation de la beauté et, pour les croyants, un lieu de prière: tout cela coïncide, tout cela va ensemble. Je ne vois pas pourqoui quelqu’un d’agnostique pourrait être étranger à cette œuvre-là.“ (Übersetzung W.J.) Soulages selbst bezeichnet sich übrigens als Agnostiker: „Gott war mir als Idee zu anthropomorph, um wahr zu sein. Sich auszumalen, dass über uns ein alles bestimmender Gott thront, entspringt der kümmerlichen Vorstellungswelt des Menschen, der die Beziehung zwischen Vater und Familie auf den Kosmos überträgt. Ich bin kein Atheist, sondern Agnostiker.“ https://www.sueddeutsche.de/kultur/pierre-soulages-100-jahre-interview-1.4733460 24.12.2019
Siehe auch: Soulages, Lumière et espace intérieur. In: Écrits et propos. 2009. Zit: Pierre Soulages, Paroles d’artiste, S. 48: „Lorsque la conception de vitraux m’a été confiée, une conduite opposée à celle que j’imaginais s’est très vite imposée à moi: ils ne pouvaient être la reproduction en verre d’une maquette née d’une procédé pictural quel qu’il soit, aquarelle, gouache, etc. C’est de la lumière et du matériau qu’elle traverse que devraient naître les formes et leur organisation. Il faut donc, à partir d’un matériau, imaginer, penser une lumière répondant aux exigences du lieu, de son espace, de son architecture et de son pouvoir d’émotion artistique.“
[29] Pierre Soulages, Anmerkungen zur Arbeit, S. 28
[30] Text zum Tympanon nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Ste-Foy_(Conques) Dort auch weitere detaillierte Informationen. Der erstaunlich gute Erhaltungszustand des Tympanons erklärt sich durch einen inzwischen zerstörten Vorbau, der die Plastiken vor den Einflüssen der Witterung schützte.
… und es ist natürlich eine mondäne Bäderstadt, die sich selbst als die „Reine des villes d’eaux“, „die Königin der Kurbäder“ anpreist.[2]
Aber „Vichy“ ist eben auch die Bezeichnung für das Kollaborations-Regime des Marschalls Pétain, das von 1940-1944 in Vichy seinen Sitz hatte. Es war dies „le gouvernement de Vichy“ oder die Regierung des „État français“. Eingebürgert hat sich aber, wie der Bürgermeister der Stadt beklagt, das Kürzel „Vichy“, wenn von dieser Zeit die Rede ist.[3] Und so ist der Name der Stadt auch untrennbar verbunden mit einer der finstersten Phasen der französischen Geschichte.
Wie geht die Stadt mit dieser historischen Last um?
Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Tendenzen:
Die Erinnerung an Vichy als „ville maudite“ (verfluchte Stadt) [4] wird zwar nicht verdrängt, aber doch möglichst begrenzt. Als Besucher der Stadt muss man schon gut vorbereitet und gezielt auf Spurensuche gehen, um fündig zu werden.
Die Stadt streicht die glanzvollen Phasen ihrer 2000-jährigen Geschichte heraus, denen gegenüber die 4 Jahre des État français eher verblassen sollen.
Die schwierige Erinnerung
2008 veröffentlichte die Zeitschrift L’Express einen Artikel mit der Überschrift Vichy ne veut plus d’histoire.: Vichy wolle mit dem kompromittierenden Abschnitt seiner Geschichte nichts mehr zu tun haben. Anlass war ein in der Stadt abgehaltenes Treffen des europäischen Ministerrats, mit dem sie sich nach den Worten des Autors von einer Vergangenheit befreien wolle, die sie als allzu gegenwärtig betrachte.[5] Für den Besucher der Stadt ist eine solche Gegenwärtigkeit allerdings eher nicht zu erkennen. Im Stadtbild sind Hinweise auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs –soweit man denn mehr oder weniger zufällig auf sie stößt- an einer Hand abzuzählen. Es gibt das Projekt eines Museums zur 2000-jährigen Stadtgeschichte, aber auch die Befürchtung, dass die Jahre 40-44 darin „verwässert“ würden. [6] Im aufwändig gestalteten Tourismusbüro an zentraler Stelle der Stadt gibt es auch keinen Stadtplan, auf dem wesentliche für die Zeit von 1940-1944 relevante Orte angegeben wären. Entsprechende Literatur liegt dort auch nicht aus, außer einem Büchlein, in dem „Straße für Straße“ aufgelistet ist, in welchen Häusern dort Einrichtungen der Regierung untergebracht waren. Aber das ist dann wieder ausgesprochen detailliert und für einen nicht speziell interessierten Gast der Stadt eher abschreckend.[7]
Im Office de Tourisme wird man immerhin auf das seit Anfang der 1990-er Jahre bestehende Angebot eines Stadtrundgangs zum Thema „Vichy, capitale de l’État français 40/44“ verwiesen, dem am meisten nachgefragten der angebotenen Stadtrundgänge.[8] Wir haben an diesem sehr informativen Rundgang teilgenommen, der je nach Jahreszeit ein- bis zweimal pro Woche angeboten wird. Dabei wird der damalige historische Hintergrund erläutert und es werden einige der wichtigsten einschlägigen Orte gezeigt. Dazu gehört vor allem das ehemalige Hôtel du Parc, das zusammen mit dem benachbarten Hôtel Majestic Sitz der Regierung und des Marschalls Pétain war.
Hier ein Bild Pétains und seiner Regierung am Eingang des Hotels. Rechts im Bild Pierre Laval, der starke Mann des Regimes.[9)
Vichy hatte damals, wie man von unserem Reiseführer erfuhr, hinter Paris und Nizza das größte und hochwertigste Hotelangebot von ganz Frankreich. Das war ein wichtiger Grund für die Auswahl der Stadt als Regierungssitz des État français. Clermont-Ferrand und Lyon, die zunächst in Betracht gezogen wurden, waren dagegen nicht in der Lage, einen Regierungsapparat angemessen unterzubringen. Dazu kam das ruhige soziale Klima, das -anders als in dem tendenziell eher aufsässigen Lyon- keine Unruhen erwarten ließ. Vichy verfügte dazu über eine gute Verkehrsverbindung mit Paris, unter anderem durch einen schon vor dem Ersten Weltkrieg angelegten stadtnahen Flugplatz, und eine Kommunikationstechnik auf dem neuesten Stand in dem 1935 eingeweihten Postgebäude. [9a]
Die Bevölkerung von Vichy habe, so unser Stadtführer- die Auswahl ihrer Stadt als Regierungssitz überwiegend als Ehre verstanden. Und sie versprach ja auch erhebliche Vorteile. Denn bisher waren die Hotels nur in den Sommermonaten belegt – am 1. Oktober war Ende der Saison. Jetzt wurden die Hotels ganzjährig und durchgehend von der Regierung angemietet. Heizungen gab es in den für den sommerlichen Kurbetrieb eingerichteten Hotels zwar nicht, die wurden aber nun provisorisch eingebaut.
Auf diesem Bild ist zu sehen, wie Pétain am 1. Juli 1940 bei seiner Ankunft in Vichy von der Bevölkerung begrüßt wird. [10] Ort der Aufnahme ist ganz offensichtlich der Parc des Sources, der auf Anweisung Napoleons I. angelegte Quellpark, der seit 1900 von einem schmiedeeisernen Arkadengang umgeben ist.
Pétains Residenz lag direkt am Quellpark in der Rue du Parc., die dann in Rue du Maréchal-Pétain umbenannt wurde. Das Hotel gibt es heute nicht mehr, es ist in eine noble Appartement-Anlage umgewandelt und die Straße trägt wieder ihren alten Namen. In dem gegenüberliegenden Arkadengang erinnert ein Gedenkstein mit einer Plakette an die Razzia vom 26. August 1942. Damals wurden in der nicht von der Wehrmacht besetzten „zone libre“ 6500 ausländische Juden, darunter auch viele Kinder, verhaftet und den Nazis ausgeliefert, die sie nach Auschwitz transportierten.
Es war dies ein Höhepunkt der schon umgehend nach der Verlegung der Hauptstadt nach Vichy begonnenen antisemitischen Maßnahmen. Sogar noch vor dem Ersten Judenstatut vom 3. Oktober 1940 ordnete Pétain an, „die Stadt Vichy zu säubern“ (épurer la ville de Vichy).[11] Hier war ein „hausgemachter“ Antisemitismus am Werk, der manchmal sogar noch die Wünsche der deutschen „Endlöser“ übertraf.
Auf der von jüdischen Organisationen angebrachten Tafel wird ausdrücklich festgestellt, dass die französische Bevölkerung „dans leur ensemble“ (in ihrer Gesamtheit) und der katholische und protestantische Klerus sich unverzüglich diesen Maßnahmen widersetzt hätten, „die die Traditionen und die Ehre Frankreichs verletzten“. Das beschönigt allerdings arg die Realität und entspricht wohl eher der gaullistischen Legende des im Widerstand geeinten Frankreich. Aber damit lässt es sich in Vichy sicherlich gut leben.
Allgemein ist auf der Tafel von „diesem Gebäude“ die Rede, in dem die Regierung von Vichy ihren Sitz gehabt habe. Bekannt ist, dass sich das Büro von Pétain an der Ecke des Gebäudes im dritten Stock befand.
Das entsprechende heutige Appartement ist im Besitz einer pétainistischen Organisation, die das Andenken des von ihr verehrten Marschalls hoch hält und das Büro mit den originalen Möbeln ausgestattet hat. (on ne visite pas…)
Die Organisation (l’association pour défendre la mémoire du maréchal Pétain ADMP) ist auch Besitzerin des Geburtshauses von Pétain an der Kanalküste, wo die Pétain-Nostalgiker jedes Jahr den Geburtstag des „Helden von Verdun“ feiern.[12] Dass er dies war hat Präsident Macron kürzlich in einem Beitrag über die von ihm wieder aufgegriffene Debatte über die identité nationale festgestellt und das ist in Frankreich wohl unbestritten. Unbestreitbar ist aber auch, dass es die Aura des „Helden von Verdun“ war, die es Pétain ermöglichte, auf demokratischem Wege die pleins pouvoirs zu erhalten und damit zur unangefochtenen Autorität des État français zu werden.[12a] Dazu mehr auf der nächsten Etappe des Rundgangs, der ebenfalls im Kurbezirk gelegenen Oper.
Dort ist am Portal eine Marmortafel angebracht, auf der die 80 Abgeordneten namentlich aufgeführt sind, die am 10. Juli 1940 mit ihrer Stimme ihre republikanische Gesinnung, ihre Liebe zur Freiheit und ihren Glauben an den Sieg bekundet hätten. So sei die 3. Republik beendet worden.
Diese Tafel wurde 2019 angebracht und ersetzt eine andere aus den 1980-er Jahren mit dem gleichen Text, aber ohne Namensliste, die dem Anlass entsprechend eher an eine Grabplatte erinnerte.[13]
Dass auf der neuen Tafel die 80 aufrechten Abgeordneten der Nationalversammlung (Senat und Abgeordnetenkammer) genannt sind, die Pétain ihre Stimme verweigerten, finde ich sehr schön. Überwiegend handelt es sich dabei um Parlamentarier der Linken, angeführt von Léon Blum, 1936/1937 Chef der Volksfront-Regierung Frankreichs.
Die Formulierung „Ainsi s’acheva la IIIe République“ erscheint mir allerdings etwas undeutlich. Denn es waren ja nicht, wie man vielleicht daraus ableiten könnte, die 80 Neinsager, die der Demokratie den Todesstoß versetzten, sondern die 569 Parlamentarier, die mit dem Ermächtigungsgesetz vom 10. Juli Pétain die „pleins pouvoirs“ übertrugen. Alle diese Parlamentarier vom rechten und linken politischen Spektrum waren noch zu Zeiten der Volksfront 1936 frei gewählt worden. Nicht dabei waren allerdings die kommunistischen Abgeordneten, die nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt ausgeschlossen worden waren, und eine Gruppe von Parlamentariern, die nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand nach Algerien übergesetzt waren, um von dort aus den Kampf fortzusetzen. Die breite Zustimmung für Pétains pleins pouvoirs ist nicht nur durch die besonderen damaligen Umstände zu erklären, sondern auch durch die besondere Reputation Pétains als eines „republikanischen Marschalls“. Léon Blum selbst hatte ihn als « le plus noble et le plus humain de nos chefs militaires » charakterisiert. Und schließlich konnte sich Pétain den -seit Jeanne d’Arc gewachsenen Mythos des Retters und des „homme providentiel“ zu Nutze machen, der in einer Epoche von Wirren und Spaltungen, die -angeblich- natürliche Ordnung wiederherstellt. [13a]
Philippe Burrin weist in seinem Beitrag über „Vichy. Die Anti-Republik“ darauf hin, dass nach dem Krieg versucht worden sei, zu bestreiten, „dass dieses Votum frei und wohlüberlegt zustande gekommen war“. Etwas entschuldigend war auch der Hinweis unseres Stadtführers zu verstehen, dass aufgrund verschieden farbiger Stimmkarten zu erkennen gewesen sei, wie die einzelnen Abgeordneten abgestimmt hätten. „Die Wahrheit lautet jedoch“ – so weiter Burrin- „dass die Parlamentarier in voller Kenntnis der Sachlage zustimmten (…) und dass sie in der großen Mehrheit bereit waren, sich dem charismatischen Mann auszuliefern, ihm die Verantwortung für den weiteren Gang der Ereignisse zu übertragen.“[14] Der 10. Juli 1940 bedeutete die Selbstaufgabe der französischen Demokratie. Auf der Tafel an der Oper kommt das Ausmaß dieses Ereignisses eher nicht zum Ausdruck. Auch damit lässt es sich in Vichy wohl gut leben.
Die Tafel an der Oper und die Stele gegenüber dem ehemaligen hôtel du Parc sind die deutlichsten sichtbaren Zeichen der Erinnerung an die Zeit von 1940 bis 1944. An einer Schmalseite des in der Tat monumentalen Monument aux morts für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs an der Square du Général Leclerc gibt es noch eine kleine Gedenktafel für die über 390 Menschen, die in Vichy geboren wurden, lebten oder arbeiteten und der Repression und Verfolgung des Pétain-Regimes zum Opfer fielen. (Dass es sich dabei überwiegend um Juden handelte, wird hier allerdings nicht mitgeteilt).
Und dann sind fast verborgen in der Ecke die Namen der lokalen Opfer des Widerstands verzeichnet.
Auch das ist bezeichnend: Selbst der in anderen Städten breit herausgehobene Widerstand führt in Vichy im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein. Das lässt sich auch an Straßennamen ablesen und quantifizieren: Während in Montluçon, einer anderen vergleichbaren Stadt des Allier, 20 Straßen und Plätze nach Mitgliedern der Resistance benannt sind, in Moulins, dem Sitz der Präfektur, 12, so sind es in Vichy gerade einmal vier.[15]
Dann gibt es natürlich noch die vielen ehemaligen Hotels, die damals eine neue Funktion erhielten, an die aber nicht erinnert wird – man hätte ja sonst fast alle Gebäude des Kurbezirks mit Gedenktafeln versehen müssen, wie ein Stadtführer einmal entschuldigend bemerkte. Da gibt es etwa das Hôtel des Ambassadeurs, in dem –passender Weise- Vertreter ausländischer Staaten residierten: Die Regierung von Vichy war ja international durchaus anerkannt- Und es gibt das Hôtel du Portugal, wo die Gestapo seit der Besetzung der zone libre im November 1942 ihren Sitz hatte.
Eingang des ehemaligen Hôtel du Portugal auf dem Boulevard des États-Unis.Heute sind dort Appartements eingerichtet.
Oben in den noblen Räumen des Gestapo-Gebäudes stand ein Flügel, und der die Musik liebende, freundliche Hausherr spendierte dem Klavierstimmer einen Champagner, wie sich ein alter Vichyssoi, der damals dabei war, erinnert.[16] Und unten im Keller gab es Gefängniszellen, aus denen manchmal die Schreie der Gefolterten nach draußen drangen…. [17]
Auch wenn das Regime von Vichy keine eigenen Bauten errichtet hat, hat es doch ein reiches und eben auch kompromittierendes Erbe hinterlassen. Die Stadt ist darum bemüht, die Erinnerung daran gewissermaßen auf Sparflamme zu halten. In einer neuen Buchveröffentlichung der aus Vichy stammenden Historikerin Audrey Mallet wird die Stadt bezogen auf die Jahre zwischen 1940 und 1944 als „capitale sans mémoire“ bezeichnet, als Hauptstadt ohne Erinnerung. Auch von einem „mutisme mémoriel“ und einem „non-lieu de mémoire“ ist die Rede.[18]
Die aus Vichy stammende Dokumentarfilmerin Laetitia Carton stellt apodiktisch fest, eine Erinnerungsarbeit habe nicht stattgefunden, „le travail de mémoire n’était pas fait“- anders als in Deutschland, das sie als Vorbild sieht (das sich allerdings, wie man fairerweise hinzufügen muss, nach dem Krieg mit Frankreich durchaus einig war im gemeinsamen Verdrängen). Cortot wünscht sich für Vichy ein „mémorial national“ zur Zeit von 1940-44, so wie Nantes eine Erinnerungsstätte zur Sklaverei geschaffen habe. [18a]
Statt Pétain: das Grand Siècle, Napoleon III. und die Belle Époque
Dafür werden umso deutlicher die glanzvollen Phasen der 2000-jährigen Geschichte der Stadt herausgestellt. Auf dem großen Faltplan der Stadt, den man im Office de Tourisme in der rue du Parc erhält, sind 12 unbedingt zu besichtigende „lieux incontournables“ verzeichnet, dazu werden zwei Rundgänge (parcours découvertes) mit insgesamt 27 Anlaufpunkten vorgeschlagen. Einen Bezug zu der Zeit von 1940 – 1944 gibt es dabei nirgends. (Die Oper ist natürlich dabei. Allerdings: kein Hinweis auf ihre Rolle am 10. Juli 1940 und auf die Erinnerungstafel an der Fassade).
Madame de Sévigné
Herausgestellt werden aber die glanzvollen Epochen der „Reine des villes d’eaux“. Das ist zunächst das 17. Jahrhundert, das sogenannte Grand Siècle: Da war es die berühmte Briefschreiberin Madame de Sévigné, die sich zweimal, 1676 und 1677 in Vichy aufhielt, um dort die Arthrose ihrer Hände zu lindern und ihr damit wieder „den Gebrauch ihrer brillanten Feder zu ermöglichen“, wie es auf dem Faltblatt heißt.
Das Haus, wo sie sich aufhielt, der Pavillon Sévigné, ist noch erhalten. Hier der Eingang an der Place Sévigné, wo sich auch das Hotel de Grignan befindet.
Das Hotel ist benannt nach dem Schloss, in dem die mit dem Gouverneur der Provence verheiratete Tochter der Madame de Sévigné residierte, die die hauptsächliche Adressatin ihrer Briefe war. An der Gartenfront des Pavillons weist eine große Marmortafel darauf hin, dass die Marquise de Sévigné sich dort zweimal aufhielt.
Danach hatte der Pavillon noch einmal einen prominenten Bewohner: Nämlich den Marschall Pétain höchstpersönlich und seine Frau, die dort private Räume hatten. Und im Garten des Pavillons wurden bei schönem Wetter die Sitzungen des Ministerrats abgehalten.[19]
Auch hier gibt es (natürlich- wie man fast unweigerlich hinzufügen möchte) keinen entsprechenden Hinweis – weder an Ort und Stelle noch auf dem Faltblatt. Aber es gibt im gegenüber liegenden Parc Kennedy noch eine Informationstafel und eine schöne Büste, die an Mme Sévigné und ihre Kuraufenthalte in Vichy erinnern- fast als solle so der Fluch der „années noires“ gebrochen werden…
Im Zentrum der Erinnerungskultur Vichys steht unübersehbar, ja fast schon aufdringlich Napoleon III. Fünfmal zwischen 1861 und 1865 hat er mit seinem Gefolge in Vichy Quartier bezogen und die Stadt nach seinen Wünschen und Bedürfnissen umgestaltet. Als er zum ersten Mal –übrigens in Begleitung seiner Mätresse- nach Vichy kam, soll ein Arzt ihn mit den launigen Worten begrüßt haben, er wisse nicht, ob das Wasser von Vichy seiner Majestät gut tun werde, aber seine Majestät werde sicherlich dem Wasser von Vichy gut tun.[20]
Und in der Tat: Auf Veranlassung des Kaisers wird 1863 bis 1865 ein großes Casino mit einem Theater errichtet, aber auch die Kirche Saint-Louis im neugotischen Stil. (In ihr nahm später auch Pétain sonntags am Gottesdienst teil). Bemerkenswert ist dort vor allem das dem Sanctus Napoleon geweihte Kirchenfenster. Damit war natürlich nicht der 3., sondern der 1. Napoleon gemeint.[21] Aber Napoleon III. wird so in die imperiale Tradition Frankreichs gestellt- und er hat ja auch militärisch versucht, in die –für ihn allerdings viel zu großen- Fußstapfen seines Onkels zu treten. Aber das ist eine andere Geschichte….
In Vichy allerdings geht der Kaiser defensiver und konstruktiver zu Werk. Der Allier wird mit Deichen versehen, das sumpfige Gelände zwischen dem Fluss und dem schon auf Initiative seines Onkels angelegte Parc des Sources wird zu einem englischen Park umgestaltet, dessen größter Teil natürlich seinen Namen trägt.
Dort steht auch seine Büste, auf deren Marmorsockel er als Wohltäter von Vichy („bienfaiteur de Vichy“) bezeichnet wird.- eine Bezeichnung, die auch gerne von Lokalpatrioten übernommen wird.[22] Sie wurde 1991 auf Initiative der Assoziation „Les amis de Napoléon III“ im Park aufgestellt. Es handelt sich um die Kopie einer Büste aus dem Jahr 1852, als sich der Präsident der Zweiten Republik, Louis Napoléon Bonaparte, zum Kaiser ausrufen ließ. Das Original befindet sich am wichtigsten Ort kommunalen Lebens, nämlich im Festsaal des Rathauses der Stadt.[23]
Auf Veranlassung des Kaisers wurden auch neue Straßen angelegt und Unterkünfte für ihn und das kaiserliche Gefolge errichtet.
Das sind die sechs Chalets Napoléon III, von denen die beiden für ihn und seine Frau Eugénie bestimmten noch heute gut zu identifizieren sind.
Die Chalets liegen am Rand des Parks Napoléon III am Boulevard des États-Unis, der ursprünglich auch den Namen des Kaisers trug, was auch entsprechend auf zusätzlichen Straßenschildern mit einem extra kleinen „ex“ vermerkt ist: Eine eher ungewöhnliche Beschilderung, die aber zu der in der Stadt herrschenden „napoléonmania“ passt. [24]
Napoleon III. ist jedenfalls überall in der Stadt präsent, was auch die beiden nachfolgenden Bilder veranschaulichen.
Und die Kaiserin wird auch nicht vergessen:
Die Oper feierte sie im Oktober 2020 mit dem spectacle lyrique „l’Impératrice“. Es handelte sich um eine Produktion des Théâtre Impérial de Compiègne zum 100. Jahrestag des Todes von Eugénie – der allerdings auch der 150. Jahrestag der Niederlage Frankreichs im deutsch-französischen Krieg und des Sturzes von Napoleon III. ist…. Und die Amis de Napoléon III feierten zur Erinnerung an den 100. Todestag eine messe mémorielle in der Kirche Saint-Louis.[25]
Schließlich gibt es noch die jährlichen Napoléon III-Feste, die mit großem Aufwand gefeiert werden.
Hier ein Bild vom Festzug in alten Kostümen unter den Arkadengängen des Parc des Sources. Und getanzt wird im Casino natürlich auch wie in der glanzvollen sogenannten guten alten Zeit, als noch nicht der Schatten Pétains über der Stadt lag.[26] 2011, als Vichy mit großem Aufwand den 150.. Jahrestag des ersten Kuraufenthalts von Napoleon III. feierte, meinte der Tourismus-Verantwortliche der Stadt, man spreche nur von Pétain, der die Stadt ruiniert habe, während Napoleon III. sie aufgebaut habe.[27] Dass Napoleon III. von der Stadt stiefmütterlich behandelt würde, lässt sich heute aus meiner Sicht jedenfalls auf gar keinen Fall behaupten…
Die Belle Époque
Auch nach dem Sturz Napoleons III. bleibt Vichy ein mondänes Bad und erlebt während der „Belle Époque“ um die Jahrhundertwende eine zweite Blüte mit einer intensiven Bautätigkeit. Die ersten Palace-Hotels entstehen, ebenso elegante Villen in allen Stilrichtungen und ein orientalisch geprägtes großes Kurhaus, die Quellwasser werden nobel eingefasst und präsentiert, und ein neues, großes Theater sorgt zusätzlich für die Unterhaltung der Kurgäste.
Das große Kurhaus
Das große Kurhaus mit der orientalischen Kuppel und zwei Minaretten nachempfundenen Wasserspeichern wurde 1903 eröffnet. Es war für die Kurgäste erster Klasse bestimmt –für die Kurgäste zweiter Klasse gab es die schon zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs errichtete Galerie Napoléon III. und für die Kurgäste 3. Klasse die etwas abseits gelegene Source Lardy.
Die Eingangshalle ist mit Fresken von Alphonse Osbert geschmückt. Der Einfluss des mit ihm befreundeten Malers Puvis de Chavannes, der auch an der Ausmalung des Pantheons in Paris beteiligt war, ist wie ich meine unverkennbar.
Die Quellhalle
Die Quellhalle (hall des sources) wurde ebenfalls 1903 errichtet. Im 17. Jahrhundert stand dort der „logis du roy“, das erste Bad, das auch von Madame de Sévigné und später von Napoleon III. frequentiert wurde. Heute gibt es dort Zapfstellen für die sechs medizinisch genutzten Quellwasser der Stadt.
Die Quelle der Célestins
Die nach einem in der Nähe gelegenen Kloster benannte source des Célestins ist die berühmteste Heilquelle der Stadt. Die jetzige Anlage ist ebenfalls ein Werk aus der Belle Époque.
Das Wasser der Quelle ist das einzige von Vichy, das auch in Flaschen abgefüllt wird. Man kann sich aber hier und in der Quellhalle auch selbst kostenlos „himmlisches Wasser“ abfüllen.
Das Theater
Schon zu Zeiten Napoleons III. besaß Vichy ein Theater, eine unabdingbare Einrichtung zur Unterhaltung der Kurgäste. Allerdings erwies sich dies bald als zu klein, so dass neben dem Casino ein neues großes Theater errichtet wurde. 1901 fand in dem noch nicht ganz fertig gestellten Gebäude die erste Aufführung statt- eine grandiose Präsentation von Verdis Aida- 1903 war dann die offizielle Einweihung – im gleichen Jahr wie Quellhalle und Kurhaus. Vichy konnte sich damals damit rühmen, das größte Kurbad Europas zu sein.[28]
Diesem Rang entsprach auch das Gebäude: Es war mit 1483 Sitzplätzen die zweitgrößte Oper Frankreichs –nach der Opéra Garnier in Paris- und es ist die einzige Jugendstiloper des Landes. Die vielen floralen Elemente sind dafür ein untrügliches Zeichen.
Bild: Dominique Parat
In Kurzeiten gab es ein tägliches Angebot, sodass sich die Stadt auch „capitale d’été de la musique“ (Sommerhauptstadt der Musik) nannte.
Am 10. Juli 1940 wurde hier das Ende der 3. Republik besiegelt: Unten im Parkett saßen die Abgeordneten, im ersten Rang die Diplomaten, im zweiten die Journalisten und im dritten das Publikum.
Nachkriegszeit und Gegenwart
Nach dem Krieg versuchte Vichy sich neu zu erfinden und die Last der Vergangenheit abzuschütteln.
Aus einer Informationstafel im Parc des Sources
Der Allier wurde aufgestaut zu einem See, und die Stadt vermarktete sich als europäische Hauptstadt des Wassersports: Nach der Sommerhauptstadt der Musik und dem Zwischenspiel mit der Hauptstadt des État français jetzt also eine neue unverdächtige sportliche Hauptstadtfunktion. [28a]
Vor allem aber wurde wieder die Bedeutung der Stadt als Reine des villes d’eaux herausgestellt. In diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass die Stadt sich im Rahmen der Great Spas of Europe zusammen mit 10 anderen Badeorten (darunter Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen) darum bewirbt, in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen zu werden.
Im Tourismus-Büro erhält man dazu eine kleine Broschüre, die das Projekt vorstellt und in der es auch einen Stadtplan mit insgesamt 35 für den Charakter der Bäderstandt relevanten Orten gibt.
Allerdings handelt es sich offensichtlich um ein sehr anspruchsvolles und schwieriges Verfahren, dem man aber gerade aufgrund seiner europäischen Dimension nur alles Gute wünschen kann. Allerdings finde ich es schade, dass Wiesbaden, unsere Landeshauptstadt, und das benachbarte Bad Homburg während des 2010 begonnenen Bewerbungsmarathons ausgeschieden sind. [29] Und Bad Tölz, immerhin mit Vichy verschwistert (und meine Geburtsstadt), war schon von Anfang an nicht dabei….
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Anmerkungen
[1] Die Vichy-Produkte werden übrigens von Partnerunternehmen der Compagnie de Vichy betrieben, einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, das für den Staat einen großen Teil der Thermaleinrichtungen der Stadt betreibt. Partnerunternehmen für die Kosmetik-Produkte und damit auch Eigentümerin der Laboratoires Vichy ist der Kosmetik-Konzern L’Oréal. Bis 2009 hieß die Compagnie de Vichy noch –wie seit ihrer Gründung 1853 zur Zeit Napoleons III.- Compagnie fermière de l’Établissement thermal de Vichy. Es handelt sich also um ein Geschäftsmodell, das in Frankreich eine lange Tradition hat. Siehe die Blog-Beiträge über die ferme générale, die bis zur Französischen Revolution u.a. für Tabak und Salz zuständig war und die auch die Zollmauer um Paris errichtete.
[5]„se libérer enfin d’un passé qu’elle juge trop présent“. Hortefeux spricht von plus de soixante ans d’ostracisme à l’égard de la ville. Zitiert von Romain. Siehe Anmerkung 4
Laetitia Carton, eine aus Vichy stammenden Filmemacherin, die gerade einen Dokumentarfilm über die ihrer Meinung nach unzureichende Auseinandersetzung der Stadt mit dieser Phase ihrer Vergangenheit gemacht hat, fürchtet aber, „que cette période 40-44 n’y soit diluée“. La Montagne vom 21.1.2021. Der Film „Lettre à Vichy“ wurde im Regionalprogramm von France 3 am 25. Januar 2021 ausgestrahlt.
[11] Siehe Audrey Mallet, Vichy contre Vichy. Une capitale sans mémoire. Paris 2019 Kapitel 4
Zum Antisemitismus von Vichy siehe: Serge Klarsfeld, Vichy-Auschwitz. Die ‚Endlösung der Judenfrage‘ in Frankreich. Darmstadt 2007 und Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt wbg 2020. Dort das Kapitel: „Der Marschall ist am strengsten“. Pétain, das statut des juifs und die Tradition des französischen Antisemitismus, S. 196ff
[12]https://www.lamontagne.fr/vichy-03200/actualites/vichy-les-nostalgiques-de-petain-ont-renove-sa-chambre-de-l-hotel-du-parc_150653/ Dem ist auch das Bild des Eckzimmers entnommen. Zur wechselhaften Pétain-Rezeption und einer entsprechenden Apologetik siehe den Beitrag von Jörn Leonhard: Mythisierung und Mnesie: Das Bild Philippe Pétains im Wandel der politisch-historischen Kultur Frankreichs seit 1945. In: Georg Christoph Berger Waldegg (Hrsg.): Führer der extremen Rechten: Das schwierige Verhältnis der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu „Grossen Männern“ der eigenen Vergangenheit. Zürich: Chronos, 2006, S. 109-129. Sonderdruck aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Zum französischen Mythos des „homme providentiel“ siehe: Yann Rigolet, L’homme providentiel est-il une femme? La figure de Jeanne d’Arc de 1789 à nos jours. In: Parlement(s). Revue d’histoire politique 2010/1, S. 37-50
[14] Philippe Burrin, Vichy. Die Anti-Republik. In: Pierre Nora (Hrsg.), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S.139
[18] Siehe Audrey Mallet, Vichy contre Vichy. Une capitale sans mémoire. Paris 2019 und die Besprechung von Pascal Gibert: https://journals.sub.uni-hamburg.de/apropos/article/view/1471/1331 Offenbar gibt es inzwischen aber eine von Mallet erstellte Applikation „Vichy 1939-1945“. Mit ihr kann man einen virtuellen Spaziergang der Stadt zu der Zeit der „Années noires“ unternehmen, was ich bei unserem Besuch aber noch nicht wusste und nicht erfuhr. Das ist sicherlich ein sehr modernes, hochwertiges und nützliches Instrument – und es scheint mir auch sehr Vichy-kompatibel zu sein: Die Stadt kann damit zeigen, dass sie die „années noires“ durchaus nicht ausblenden will, aber andererseits wird so den Kurgästen (und Einwohnern) eine Konfrontation mit den Schattenseiten der Vergangenheit erspart.
[19] Der Pavillon gehört eigentlich auch zu den Anlaufpunkten des Stadtrundgangs zu der Zeit von 1940-1944. Bei dem Rundgang, an dem wir im September 2020 teilnahmen, wurde er allerdings aus Zeitgründen ausgelassen.
Der nachfolgende Beitrag ist ein Gastbeitrag, auf diesem Blog eine Novität. Es handelt sich um eine Geschichte aus dem Buch von Pierre Sommet: Der Präsident hat keine Zeit. Erschienen 2018 im Magenta-Verlag.[1]
Ich freue mich sehr, dass Pierre Sommet der Aufnahme des Textes in diesen Blog zugestimmt hat:
Nach dem letzten Blog-Beitrag über die Kathedrale von Reims als Symbol deutsch-französischer Feindschaft, Versöhnung und Freundschaft (https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/ ) geht es hier um eine andere Facette der Stadt; und zwar um Reims als Hauptstadt der Champagne (zusammen mit Épernay) und Sitz namhafter Sekt-Produzenten; vor allem natürlich des Hauses Veuve Clicquot. Die „ungekrönte Königin von Reims“ ist ja niemand anderes als die „Witwe Klicko“ (Wilhelm Busch), die Ahnherrin und Namensgeberin des Hauses.
Pierre Sommet spricht in seinem Beitrag die besondere Rolle an, die Deutsche bei der Entwicklung und Verbreitung des Champagners gespielt haben. Dafür stehen Namen wie Mumm, Bollinger, Heidsieck, Deutz, Krug, Taittinger, Roederer und natürlich Georg Christian Kessler, der immerhin Teilhaber der Witwe Clicquot war und dann die erste deutsche Sektkellerei gründete… Insofern erzählt Pierre Sommet auch eine deutsch-französische Geschichte, und das passt natürlich besonders gut zu diesem Blog.
Die Leser des nachfolgenden Beitrags werden schnell bemerken, dass Pierre Sommet nicht nur ein außerordentlich unterhaltsamer Erzähler ist, sondern auch ein hervorragender Kenner Frankreichs und Deutschlands. Die Beziehung und die Freundschaft zwischen beiden Ländern liegt ihm besonders am Herzen: Immerhin war er –ausgestattet mit der doppelten Staatsangehörigkeit- viele Jahre Leiter des Fachbereichs Fremdsprachen an der VHS- Krefeld [2] und er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel zu deutsch-französischen Themen. Gerade zu den Beziehungen zwischen den beiden Sprachen hat Pierre Sommet viele höchst interessante und anregende Beiträge geliefert. Ich kann nur empfehlen, sich auf seinem Blog https://madamebaguette.tumblr.com/ umzusehen!
Aber zunächst zum Champagner und zur „ungekrönten Königin von Reims“. [3] Viel Freude bei der Lektüre! Wolf Jöckel
Die ungekrönte Königin von Reims
„Je ne peux vivre sans champagne. En cas de victoire, je le mérite; en cas de défaite, j’en ai besoin.“ „Ohne Champagner kann ich nicht leben. Bei einem Sieg habe ich ihn verdient; bei einer Niederlage brauche ich ihn.“ Napoléon Bonaparte
„Wie lieb und luftig perlt die Blase Der Witwe Klicko in dem Glase.“ Wilhelm Busch, Die fromme Helene, Kapitel 33
Im Schloss Brissac südlich von Angers hängt das Porträt einer älteren, korpulenten Dame. Sie sitzt in einem Sessel wie auf einem Thron, wirkt resolut und etwas streng. Es ist ein Porträt von Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin, la Veuve Clicquot, die Witwe Clicquot. In ihrer Geburtsstadt wird sie „die ungekrönte Königin von Reims“ genannt. [4]
Als Madame Clicquot sich von Léon Coigniet porträtieren ließ, hatte sie sich längst aus ihrem bewegten Geschäftsleben zurückgezogen und bewohnte ihr eigenes Neo-Renaissance-Schloss in Boursault nahe der zweiten Hochburg des Champagners, Épernay. Nicht immer frei von Sorgen, aber letztendlich erfolgreich und reich, hatte sie, was ihr früher fehlte: Zeit und Muße. Zeit für die Jagd, den Tanz und feucht-fröhliche opulente Feste in Versailles hatte Ludwig XV.. Er wurde nicht in Reims geboren, dort aber, wie alle französischen Könige, 1722 in der Kathedrale gekrönt. Der Bien-Aimé/Vielgeliebte, wie er anfänglich genannt wurde, führte meistens im Ausland sinnlose, teure Kriege, traf nur wenige kluge Entscheidungen. Eine davon war sein arrêté royal /königlicher Erlass vom 25. Mai 1728. Dieser ermöglichte den Transport von Wein nicht nur wie bisher in Fässern, sondern auch in Körben von 50-100 handlichen Flaschen. Auf Straßen in erbärmlichem Zustand gingen zwar etliche Flaschen zu Bruch, aber mit dem Erlass wurde der Grundstein für das künftige Aufblühen der großen Champagner-Häuser gelegt.
Deren Erfolg stellte sich indessen nicht sofort ein. Als die Winzerbetriebe im Anbaugebiet zwischen Reims und Épernay noch recht klein waren, führte die geringe Produktion dazu, dass der Champagner damals schon sehr teuer war. Das Luxusgetränk konnten sich nur Aristokraten gönnen. Diese pflegten die Kunst der Selbstdarstellung, frönten ungeniert ihrer Vergnügungssucht, u. a. mit Austern und Champagner. Im Auftrag des bereits erwähnten Königs malte Jean-François de Troy 1735 „Le Déjeuner d’Huîtres“/„Die Austernmahlzeit“. In einem prunkvollen Esszimmer sitzen nach der Jagd zwölf Adlige an einem mit feinem Leinen bedeckten ovalen Tisch, schlürfen eine üppige Menge von bekanntlich potenzsteigernden Austern und trinken Champagner. [5]
Erstmalig wurde hier Champagner auf einem Gemälde verewigt. Belustigt beobachten drei Anwesende den Korken einer Champagnerflasche, der an die Decke springt.
Vor dem Tisch stehen zwei ungeöffnete Champagnerflaschen in einem sog. rafraîchissoir/Behälter mit Eis. Bauchige Flaschen liegen neben Austernschalen auf dem Boden. Es wäre für die vornehmen Herren nicht standesgemäß gewesen, sich zu bücken und sie aufzuheben. Diese Aufgabe war Sache der knienden Dienstmagd, die die Austern öffnen durfte und sich zuhause mit Grütze zufriedengeben musste. Ganz offensichtlich war diesen Adligen der Champagner zu Kopf gestiegen. Wegen dieses dekadenten und volksverachtenden Lebensstils wird während der Französischen Revolution auch manch gepuderter Kopf im Sägemehl unter der Guillotine landen. 1735 herrschte in den Kellereien von Reims keine Champagnerlaune. Es gab keine Austern, dafür den gefährlich gärenden Schaumwein. In der Zeit der frühen Abfüllung verhielt sich der Wein noch „sehr ruhig“, „arbeitete“ aber im Frühjahr, um im Sommer in den Flaschen regelrecht zu brodeln. Durch den Kohlendioxidüberdruck sprangen die Korken heraus, ein Großteil der Flaschen explodierte. Das Getränk war prickelnd, die Arbeitsbedingungen im dämmrigen Licht waren es nicht. Wegen der Explosionsgefahr trugen die Arbeiter eiserne Schutzmasken, sahen wie mittelalterliche Folterknechte aus. Trotz Masken passierten Unfälle, mancher Arbeiter erblindete. Deshalb wurde der Champagner eine Zeitlang „Teufelswein“ genannt. Als Glücksfall erwies sich die Erfindung des verschnörkelten Drahtgeflechtes zur Bändigung des Korken, le muselet/der kleine Maulkorb, durch den Mönch und Kellermeister der Benediktinerabtei Hautvillers, Dom Pérignon. Diablement bon/ teuflisch gut mundet heutzutage die Prestige Cuvée „La Grande Dame“, 1,5 Liter (Magnum), Jahrgang 1995, des renommierten Champagner-Hauses Veuve Clicquot-Ponsardin.
Das orangefarbene Etikett, „La Grande Dame“, eine Hommage an Madame Clicquot, verspricht viel, und hält, was es verspricht: Qualität. Bei einem stolzen Preis von 355 Euro darf der finanzkräftige Kunde diese auch erwarten. Diesen hohen Anspruch stellte die Witwe Clicquot, deren Devise lautete: „Une seule qualité, la toute première“/„eine einzige Qualität, die allererste.“ [6]
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts durften Frauen in Frankreich weder Geschäfte betreiben noch ein Bankkonto führen. Eine Ausnahme galt nur für Witwen. In eigener Regie oder mit einem Teihaber durften sie den Betrieb ihres verstorbenen Gatten weiterführen. Als 1805 François Clicquot, der Sohn des Unternehmengründers Philippe Clicquot verstarb, übernahm seine 27-jährige Witwe und alleinerziehende Mutter, Barbe-Nicole Clicquot Ponsardin, den bereits florierenden, doch kleinen Familienbetrieb. Für die in einer Männerdomäne unerfahrene Tochter des wohlhabenden Bürgermeisters von Reims, Nicolas Ponsardin, bedeutete dies einen zwölfstündigen Arbeitstag. Sie musste intensiv mit ihren Handelsreisenden korrespondieren, inspizierte selbst nachts ihre Weinkeller in Reims, um über die Entwicklung der Cuvée zu wachen.
Die energische, innovative neue Inhaberin kreierte angeblich den ersten Rosé Champagner. Oder war es ihr begnadeter Kellermeister, der Schwabe Anton von Müller? Dieser erfand 1813 das zeit- und kostenintensive Rüttelverfahren/le remuage. Es handelt sich bei der Herstellung des Champagners um die so wichtige Méthode champenoise. Das Rütteln, heute überwiegend maschinell, damals per Hand, dient dem Klären des Schaumweins bei der Flaschengärung. In der Firma der Witwe Clicquot konnte ein erfahrener Rüttler bis zu 80.000 Flaschen täglich rütteln. Im schwierigen Geschäft mit dem prickelnden Wein musste die von einer jungen Frau geführte Firma eine Vielzahl von Problemen bewältigen. Der Wein liebt keine Extreme. In der Champagne lauert Frostgefahr im Frühling, im September werden viele Helfer bei der gesetzlich vorgeschriebenen Weinlese von Hand benötigt. Eine Knochenarbeit und hohe Personalkosten. Dafür ist le terroir/ der Boden, gut. Kreide, ein sehr poröser Stein, fungiert bei heftigen Regenfällen als Reservoir, die Reben überstehen die trockensten Sommer. Die Rebstöcke, an Südhängen stehend, genießen maximale Sonneneinstrahlung. Barbe-Nicole stand allerdings im Schatten ihres schärfsten Konkurrenten, Jean-Rémy Moët in Épernay. Das heute größte Champagner-Haus, 30 Jahre vor Veuve Clicquot gegründet, war längst etabliert, die Weine von Moët bei Pariser Aristokraten sehr beliebt. Madame de Pompadour, die einflussreiche und trinkfeste Mätresse von Ludwig XV., fand den Champagner berauschend, „das einzige Getränk, das Frauen schöner macht, je mehr sie davon trinken.“ Es war nicht einfach für eine patente Geschäftsfrau wie die Witwe Clicquot, einem Mann wie Moët, der mit Napoleon befreundet war, die Stirn zu bieten. Als der Kaiser am 21. November 1806 in Berlin den blocus continental/ die Kontinentalsperre, über die britischen Inseln verhängte, sank die Nachfrage jenseits des Ärmelkanals dramatisch. Zum Glück für die Witwe Clicquot sorgte 1807 der Frieden von Tilsit zwischen Alexander I. und Napoleon für die Stabilität des russischen Absatzmarktes. Die Geschäfte von Madame Clicquot glichen einer Achterbahn. Schon im Frühjahr 1809 lag der Handel in Europa fast völlig brach, jede Reise ins Ausland stellte für die Reimser Handelsvertreter eine Gefahr dar. Nach dem Debakel des Russlandfeldzuges von 1812 und der Völkerschlacht bei Leipzig im darauffolgenden Jahr befand sich das Maison Veuve Clicquot-Ponsardin am Rande der Pleite. Diesmal war es eine russische Handelsblockade, die den Seeweg nach Sankt Petersburg verriegelte. Und es kam noch schlimmer, als Napoleon im eigenen Land gegen eine übermächtige Koalition auf verlorenem Posten stand. Nach schweren Gefechten nahmen im März 1814 preussisch-russische Truppen Reims ein, plünderten die Kellereien. Nach der Abdankung des Kaisers im April 1814 feierten in der Krönungsstadt russische Offiziere und Soldaten ausgelassen das Ende des Krieges. Die Witwe Clicquot hatte Glück im Unglück: „Die Stunde ist gekommen, da wir endlich nach all dem Leid, das unserer Stadt widerfahren ist, wieder frei atmen… Gott sei Dank bin ich verschont geblieben. Mein Besitz und meine Kellerei sind unversehrt, und ich bin bereit, die Geschäfte wieder aufzunehmen…“. [7] Der Frieden bedeutete zugleich einen Neuanfang für die Expansion des Champagnermarktes in Europa. Neues Spiel, neues Glück. Und die Clicquots hatten immer eine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer engsten Mitarbeiter. Es waren Deutsche. Zu Lebzeiten von François Clicquot war der beste Handelsvertreter der gebürtige Mannheimer Ludwig Bohne. Nach Reisen quer durch Europa kehrte er mit prall gefüllten Auftragsbüchern nach Reims zurück. Bohne war mehrsprachig. Deutsch und vor allem Englisch waren für das stark vom Export abhängige Champagnergeschäft oftmals wichtiger als Französisch, und von den Franzosen kann man ohnehin nicht behaupten, dass sie sehr sprachbegabt sind. Zudem galt das Metier eines Handelsvertreters in den Augen der Besitzer der Weingüter, in der Regel Adlige, als ehrenrührig. Die aus dem Bürgertum stammende Veuve Clicquot war klüger. In ihrem Unternehmen waren der Fleiß, die Gründlichkeit und der Geschäftssinn von sprachbeflissenen Deutschen sehr geschätzt. Über solche Eigenschaften verfügte auch der Heilbronner Georg Christian Kessler. Als Lehrling bei der Witwe angestellt, arbeitete er sich hoch, übernahm alsbald die Leitung des Büros und die Buchhaltung, und wurde sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. Nach dem Unfalltod Bohnes 1821, bekam Kessler einen ehrgeizigen Konkurrenten im eigenen Haus. Wieder ein Deutscher, Eduard Werle aus Wetzlar. Werle begann seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt. Und Kessler? Er trat 1826 aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete. Anton von Müller, Bohne, Kessler, Werle. Ach, diese geschäftstüchtigen Deutschen! [8]
Das älteste Etikett der Sektmanufaktur Kessler aus der Zeit um 1826/1830 . Kessler verweist auf seine frühere Teilhaberschaft bei Veuve Clicquot-Ponsardin
Alle trugen maßgeblich zum Erfolg des Champagner-Imperiums der Witwe Clicquot bei. Vor ihnen war schon 1797 der 28-jährige Westfale Florenz-Ludwig Heidsieck nach Reims gekommen, hatte dort eine vermögende Französin geheiratet und die französische Staatsangehörigkeit angenommen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Champagne zum Magnet für ambitionierte, sprachgewandte deutsche Jungunternehmer. Alle, Bollinger aus Ellwangen, die Gebrüder Gottlieb, Jacobus und Philipp Mumm aus Solingen, der Mainzer Johann-Joseph Krug, der Aachener William Deutz, gründeten eigene Firmen, wurden schnell konkurrenzfähig und erfolgreich. 1867 stellte Robert Tomes, amerikanischer Konsul in Reims, fest: „Es gibt tatsächlich keinen Weinbetrieb in der Champagne, der nicht mehr oder weniger von einem gebürtigen Deutschen kontrolliert wird… Es gibt jedoch ein Champagner-Haus, das ausschließlich von Franzosen geleitet wurde. Während meiner Zeit in Reims ging es bankrott, und es wurde allgemein festgestellt, dass es zugrunde ging, weil ein Deutscher fehlte.“ [9] In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts profitierten die Witwe Clicquot und ihre Konkurrenten vom Ausbau des Eisenbahnnetzes. Sie expandierten schnell und eroberten internationale Märkte. Ein Champagner kommt ausschließlich aus der Champagne. Das AOP-Gütesiegel, Appellation d’Origine Protégée, schützt das Edelgetränk markenrechtlich. Im Versailler Vertrag von 1919 wurde bekanntlich das besiegte Deutschland gezwungen, Gebiete abzutreten und enorme Reparationszahlungen zu leisten. Weniger bekannt ist ein anderer Passus, der bis heute gültige sog. Champagnerparagraph. Dieser untersagt ausdrücklich jeglichen unlauteren Wettbewerb seitens anderer Schaumwein (frz. vin effervescent) erstellender Länder. Somit kann ein deutscher Sekt, völlig unabhängig von seiner Qualität, nur Sekt heißen. [1o]
Wie überall auf der Welt wird in Deutschland bei festlichen Anlässen gerne Champagner getrunken und ist auch mit bescheidenem Geldbeutel zu bekommen. Das demokratisierte flüssige Gold wird dann mit dem Etikett Veuve Monsigny, was zweifellos sehr edel klingt bzw. Veuve Durand, was wiederum und komischerweise, zumindest für Franzosen, genauso platt wie der sehr geläufige französische Familienname klingt. Die deutschen „Veuves“, gute Einstiegschampagner, verdanken der Veuve Clicquot ihre positive Konnotation. Auf dem Etikett der „Veuves“ steht Premier Cru. Aber ist ein Premier Cru, wortwörtlich „Erstes Gewächs“, wie die vielversprechende Bezeichnung sprachlich suggeriert, erstklassig? Ein solcher Champagner belegt in der Champagne, wo die Klassifizierung nach den Weinbaugemeinden erfolgt, den zweiten Platz. Ein Premier Cru ist qualitativ mit einem hochpreisigen edlen Grand Cru mit langen Lagerzeiten von Krug in Reims in keiner Weise vergleichbar. Ein millésime/Jahrgangschampagner für Connaisseurs, ist auch die 9-Liter-Flasche Veuve Clicquot-Brut Carte Jaune-Salmanazar in der Holzkiste. Eine überaus exquisite Komposition aus Pinot noir, Pinot Meunier und Chardonnay, die ihren Preis für luxuriöses geselliges Beisammensein hat: knapp 1.000 Euro. Oder hätten Sie lieber eine kleinere 6-Liter-MethusalemFlasche Dom Pérignon Champagner Rosé 2002 zum Preis eines Kleinwagens Renault Clio, also 10.000 Euro? Haben oder nicht Haben. Früher explodierten die Flaschen, heute sind es die Preise im Luxussegment.
Ein weiteres Porträt, ein Werk des Reimser Malers Périn-Salbreux, hängt im Musée Saint-Rémi in Reims zur Ehre eines gut aussehenden hochrangigen russischen Offiziers in Uniform, Fürst Sergei Alexandrowitsch Wolkonsky. Nach der Einnahme von Reims durch preußische und russische Truppen im Frühjahr 1814 wurde er zum Gouverneur der Stadt ernannt. [11] Ein besonnener Mann, stets bemüht, Exzesse seiner Soldaten zu zügeln. Auch ein kultivierter Mensch. Wie es sich für russische Aristokraten gehörte, beherrschte er die französische Sprache. Durch und durch frankophil, war er in der Bevölkerung geschätzt, verkehrte in den höchsten Kreisen und wurde sogar Mitglied der Reimser Freimaurerloge. Als ihn nach dem Ende des Krieges und dem Abzug der russischen Garnison die französischen Behörden aufforderten, die Stadt zu verlassen, war er untröstlich und weigerte sich. Welche Beweggründe hatte der Fürst? Eine Liebesbeziehung zu einer hübschen Reimserin? Wollte er unbedingt wegen des französischen Savoir-Vivre und des Genusses des noblen Champagners der Veuve Cliquot bleiben? Reims zählte damals nur 30.000 Einwohner. Vielleicht hatte er die tüchtige Geschäftsfrau persönlich kennengelernt. Letztendlich, nolens volens, musste der charmante Russe im Sommer 1814 doch gehen.
Wie hätten wir an der Stelle von Fürst Wolkonsky reagiert? Seien wir ehrlich, wer von uns möchte nicht ein Leben wie Gott in Frankreich führen?
Le muselet: von frz, museau (Schnauze). La muselière= Der Maulkorb. Von daher ist ein muselet „ein kleiner Maulkorb“. Übrigens stammt das deutsche Adjektiv amüsant von museau.
Die Prestige Cuvée: In Deutschland der Verchnitt aus verschiedenen Rebsorten, Jahrgängen oder Lagen. In Frankreich ist eine Cuvée jeder separat abgefüllte Wein eines Weingutes. Beim Champagner wird der zuerst aus der Kelter ablaufende Most mit der höchsten Qualität als Cuvée bezeichnet.
Dom Pérignon: Genauso berühmt wie der legendäre Mönch (1638-1715) ist die hochpreisige Champagnermarke von Moët&Chandon. 1839 gründete Moët mit seinem Schwiegersohn Pierre-Gabriel Chandon Moët&Chandon und wurde später k.u.k. Hof- und Kammerlieferant sowie Königlicher Englischer Hoflieferant. Heute der weltweit meistverkaufte Champagner. Veuve Clicquot rangiert an 2. Stelle. Moët&Chandon und Veuve Clicquot gehören heute dem Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy LouisVuitton). LVMH ist der weltweite Branchenführer der Luxusgüterindustrie. Umsatz 2017: 42,6 Milliarden Euro. (2019: 53,7 Mrd. Euro. W,J.)
Sekt: Von lat. siccus (trocken). Früher »Sect« geschrieben.
Cru: Von frz . croître (wachsen). Bezeichnet einen Ort/Boden (frz.terroir), wo die Reben wachsen. In der Champagne sind weder Güter noch Weinberge klassifiziert, sondern die Weinbaugemeinden. Die Gemeinden, deren Trauben den maximalen Preis von 100% erzielen, dürfen die Bezeichnung Grand Cru führen. Dasselbe gilt für einen Champagner, der ausschließlich aus Trauben von Grand Cru Gemeinden gekeltert wurde.
Rebsorten: le pinot noir = Spätburgunder. Eine Edelrebe. Von frz. pin (Fichtenzapfen) aufgrund der Form der Traube. Le pinot meunier = Schwarzriesling. Chardonnay = Ein erlesener Champagner Blanc de Blancs, der also ausschließlich aus der weißen Rebsorte Chardonnay besteht.
Flaschengrößen: 14 insgesamt. Eine fillette (junges Mädchen) ist eine halbe Flasche. Ein Magnum (lat. für „das Große“) = 1,5 Liter. Sind Sie bibel- und trinkfest, geht es mit dem Jeroboam, 3 Liter, und weiter steil aufwärts (Nebukadnezar = 15 Liter) bis zum Melchesedech, 30 Liter, für die erfolgreiche Lottogemeinschaft.
Stefan George: DIE SEELE DES WEINES Umdichtung (1901) von L’âme du vin von Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal 1857
Des weines geist begann im fass zu singen: Mensch · teurer Ausgestossener · dir soll Durch meinen engen kerker durch erklingen Ein lied von licht und bruderliebe voll.
Ich weiss: am sengendheissen bergeshange Bei schweiss und mühe nur gedeih ich recht · Da meine seele ich nur so empfange · Doch bin ich niemals undankbar und schlecht.
Und dies bereitet mir die grösste labe Wenn eines arbeit-matten mund mich hält · Sein heisser schlund wird mir zum süssen grabe Das mehr als kalte keller mir gefällt.
Du hörst den sonntagsang aus frohem schwarme? Nun kehrt die hoffnung prickelnd in mich ein: Du stülpst die ärmel · stützest beide arme · Du wirst mich preisen und zufrieden sein.
Ich mache deines weibes augen heiter Und deinem sohne leih ich frische kraft · Ich bin für diesen zarten lebensstreiter Das öl das fechtern die gewandtheit schafft.
Und du erhältst von diesem pflanzenseime Das Gott · der ewige sämann · niedergiesst Damit in deiner brust die dichtung keime Die wie ein seltner baum zum himmel spriesst.
Anmerkungen
[1] Pierre Sommet, Der Präsident hat keine Zeit! Kurzgeschichten illustriert von Cornelius Rinne. Krefeld: Magenta-Verlag 2018 ISBN: 978-3-944299-17-4 Preis: 18 Euro
[3] Die in dem Beitrag enthaltenen Abbildungen stammen nicht aus dem Buch Sommets, sondern sind von mir (W.J.) ergänzt. Dafür fehlt in diesem Beitrag das gezeichnete Portrait der Veuve Cliquot von Cornelius Rinne.
7] „Die Stunde ist gekommen…“: Zitat aus Veuve Clicquot, Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierte, Tilar J. Mazzeo, Hoffmann und Campe, 2008, S. 162.
Zum Thema siehe auch das Buch von Volker Hildisch: Als Rotkäppchen Frankreich verlassen mußte: Champagner und Sekt- eine deutsch-französische Geschichte. Seumes Tornister 2019
Weitere geplante Beiträge:
Die Bäderstadt Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“