Rue de la Femme sans Teste oder die Angst der Männer vor starken Frauen. Von Ulrich Schläger

Wo auf der Île Saint-Louis die Rue Le Regrattier auf den Quai Boubon trifft, steht auf einem Sockel des Eckhauses der Torso einer Statue, von der nur noch die Beine mit Resten eines Gewandes vorhanden sind.

Unterhalb des Sockels ist in den Eckstein der ehemalige Straßenname eingemeißelt: „Rue de la Femme sans Teste“, „Straße der Frau ohne Kopf“. („Teste“ ist das altfranzösische Wort für „Tête“.)

Die meisten von uns würden den naheliegen Schluss ziehen, dass sich der alte Straßenname auf die kopflose Skulptur bezieht. Tatsächlich verhält es sich ganz anders.

Auf dem Sockel hatte Nicolas de Jassaud, Besitzer eines Nachbargebäudes am Quai, 1666 keine Frauenfigur, sondern Saint Nicolas stellen lassen. Es war sein Namenspatron und Schutzheiliger der Bruderschaft der Seeleute und Schiffer, der er angehörte.

Die Heiligenfigur wurde 1793 von Pierre-André Coffinhal-Dubail (1762-1794), bekannt als Jean-Baptist Coffinhal, zerstört. Ein neuer kleinerer Nikolaus füllt allerdings inzwischen die Lücke mehr schlecht als recht etwas aus.

Coffinhal wohnte in der Rue Le Regrattier Nummer 6.  An seinem Haus erinnert noch eine Plakette an ihn.

Fotos: Wolf Jöckel

Der Jurist Coffinhal, ein besonders radikaler Anhänger Robespierres, war Wahlmann für die Section de l’Île-Saint-Louis bei den französischen Parlamentswahlen  und für den Konvent. Die Section wurde 1792 in Section de la Fraternité umbenannt, um alle Hinweise auf eine religiöse Herkunft auszulöschen.  Dieser Ikonoklasmus machte in der radikalen Phase der Französischen Revolution, d.h. vom Sturm auf die Tuilerien im August 1792 bis zum Sturz von Robespierre am 9. Thermidor (27. Juli 1794) nicht Halt bei religiösen Bezeichnungen und Bildwerken, sondern betraf auch alle Symbole und Zeichen des Königtums. An Gebäuden und Straßen wurde – wie man noch heute sehen kann – das „Saint“ oder „St.“ herausgemeißelt, Statuen und Denkmäler von Heiligen und alle Königsdenkmäler wurden zerstört. Selbst die Grabstätten der französischen Könige in der Basilika Saint-Denis wurden geschändet.

Straßenschild der rue Saint-Séverin im Quartier Latin (5. Arrondissement) Foto: Wolf Jöckel

1793 wurde Coffinhal zum Richter des Revolutionstribunals ernannt. Der Freund des berüchtigten Chefanklägers Fouquier-Tinville zeichnete sich durch seinen Eifer und seine Unnachgiebigkeit aus. Er führte auch den Vorsitz beim Prozess gegen den berühmten Chemiker Antoine de Lavoisier. In seinen Prozessen legte er einen fanatischen Eifer an den Tag. Er war berüchtigt dafür, den Angeklagten das Wort abzuschneiden, er fälschte Protokolle und auch Beweismittel, soweit er sie nicht ganz unterschlug. Im Prozess gegen Lavoisier soll er, als jemand dessen wissenschaftliche Verdienste anführte, geäußert haben: La république n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu. („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“), doch ist das umstritten. Das französische ’n’a pas besoin de savants‘ könnte auch mit ‚hat keinen Mangel an Wissenschaftlern‘ übersetzt werden, was die Bedeutung ändern würde, wenn er dies tatsächlich gesagt hätte.  Nach dem Sturz von Robespierre wurde Coffinhal auf der Flucht gefasst, am 18. Thermidor (6. August 1794) zum Tode verurteilt und am selben Tag auf der Place de Grève guillotiniert. Als er das Schafott bestieg, soll ihm die höhnische Menge den Satz zugerufen haben, den er so oft benutzt hatte, als er den Vorsitz im Revolutionstribunal führte – „Coffinhal, tu n’as pas la parole!“. (Coffinhal, du hast nicht das Wort). Dieser üble Zeitgenosse war nun un l’homme sans Tête, das angemessene Schicksal für diesen Mann an diesem Ort.

Es bleibt die Frage: Wenn also die kopflose Skulptur und eingravierte Inschrift „rue de la femme sans teste“ nichts miteinander zu tun haben, wie erklärt sich dann dieser Straßenname?

Foto: Wolf Jöckel

Benannt wurde der  Straßenabschnitt zwischen der Rue Saint-Louis und dem Quai de Bourbon zwischen 1660 und 1665 nach einer Taverne in dieser Straße oder nach einem Schild an diesem Wirtshaus, das eine kopflose Frau mit einem Glas in der Hand zeigte, begleitet von dem Motto tout en est bon (alles ist gut), ein damals häufiger Brauch in Paris.

Edmond Beaurepaire, Journalist, später Bibliothekar an der Bibliothèque historique de la Ville de Paris und Autor von Werken über die Hauptstadt, der sich eingehend mit der Geschichte der Straße beschäftigt hat (“A propos de la rue de la Femme-sans-Tête.” La Cité 1911) zeigt, dass der Name mit der Geschichte von Lustucru verbunden ist. Unklar ist lediglich, ob die Taverne zum Gedenken an Lustucru benannt wurde oder ob ihr Ladenschild die Ikonographie der Figur inspirierte.

Ein Bild von Lustucru findet sich in der Histoire de l’imagerie populaire, von Jules Champfleury, Paris 1886. Sie zeigt die Reproduktion eines Holzschnittes aus dem 17.Jahrhundert und war vermutlich für einen Almanach bestimmt.

Maitre Lustucru“ – hier als Schmied dargestellt,  schlägt in Begleitung eines Arbeiters auf den Kopf einer Frau, den er mit einer Zange in seinen Armen auf einem Amboss hält, und ruft aus: Je te rendrai bon (Ich werde es dir gut machen), worauf der Mitarbeiter hinzufügt: Maris, réjouissez-vous (Ehemänner, freut euch). Man beachte, dass ein weiterer Kopf einer üblen Frau auf dem Herd der Schmiede liegt und darauf wartet, dass der Schmied ihn der gleichen Operation unterzieht, um ihn ebenfalls gut zu machen. Oben links sehen wir ein Schild mit einer kopflosen Frau und darunter die Inschrift „A la bonne femme“ (Auf die gute Frau).

Eine frühere Quelle ist Jacques Lagniets Sammlung der berühmtesten Sprichwörter (Recueil des plus illustres proverbes, divisés en trois livres), die zwischen 1657 und 1663 in Paris gedruckt wurde. Sie ist illustriert mit 119 satirischen Drucken , die das Leben, die Sitten und die Sprichwörter des französischen Volkes unter den Regentschaften von Ludwig XIII. und Ludwig XIV. zum Inhalt haben. Dazu gehören auch Bilder zu dem Motto „femme sens teste tout en est bon) und von Lustucru., erst als Scharfrichter, dann als Schmied und „Kopfchirurg“.

Auch wenn in der besonders drastischen Henkerszene der Scharfrichter nicht als Lustucru gekennzeichnet ist, kann der nachfolgende Stich aus Lignaits Sammlung wegen seines hervorgehobenen Titels femme sans tête tout en est bon (Frau ohne Kopf, alles ist gut) dem Listucru-Zyklus zugeordnet werden.

Anonymous engraving (printed and sold by Jacques Lagniet) [1]

Der Kupferstich zeigt eine enthauptete Frau, aus deren Hals Blut spritzt, die aber noch immer mit gefalteten Händen kniet ; neben ihr der Henker mit dem Schwert in der Hand, ihr Kopf auf dem Boden, umgeben von einer schaulustigen Menge. Dazu sind eine Reihe  „Sprichwörter“ eingraviert:  il n’y a pas à rire (da gibt es nichts zu lachen), il est brave comme un bourreau qui fait ses Pâques (er ist so mutig wie ein Henker, der Ostern feiert), c’est un bon médecin, il guérit de tous maux  (er ist ein guter Arzt, er heilt alle Krankheiten), couper le passage des vivres (schneidet der Nahrung den Durchgang ab), couper net comme navet (sauber geschnitten wie eine Rübe),  grosse tête peu de sens (großer Kopf, wenig Sinn)  neben dem abgetrennten Kopf!),  morte la bête morte le venin, il ne se faut jamais étonner qu’on ne voie sa tête à ses pieds (tot das Biest, tot das Gift, man sollte sich nie wundern, dass man seinen Kopf zu seinen Füßen sieht).

In verschiedenen Medien, mit denen Informationen schnell einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden konnten, Zeitungen, Kalender, Münzen, wurde im 17. Jahrhundert das Lustucru-Motiv thematisiert. Sein gleichzeitiges Auftauchen zeigt, dass Lustucru weit mehr als nur eine Kuriosität war: Er war ein wahres gesellschaftliches Phänomen.

Lustucru – Jeton” von 1660 [2]

Auf der einen Seite der Münze arbeiten unter dem Slogan „unicus est specie“, er ist der Einzige seiner Art, zwei Schmiede an einem Frauenkopf. Auf der anderen Seite ist ein mit Frauenköpfen beladener Esel abgebildet. Auf der Umschrift steht:  „omne ferens malum“, er trägt alles Böse hinweg, und zeigt an, dass Frauenköpfe in großen Mengen transportiert werden müssen, damit Lustucru sie bearbeiten kann.

Lustucru, der als Schmied brutal den Kopf „verrückter“ und widerspenstiger Frauen bearbeitet, ist auch Thema des ersten einer Reihe von Stichen, die eine wahre Orgie der Gewalt gegen Frauen zeigen. Hier erhält Lustucru seinen Titel als „opérateur céphalique“, als „Kopfchirurg“.[3]

Links im Hintergrund des Stiches ist das Ladenschild des Kopfchirurgen zu sehen: eine kopflose Frau und das Motto „tout en est bon“ (Alles ist in Ordnung), ein Motto, das schon auf dem Bild des Henkers zu lesen ist und die Verbindung von Lustucru und der Rue de le Femme sans Teste deutlich macht.

Dem New Yorker Essayisten Jé Wilson zufolge erscheint Lustucru als Schmied mit seiner „Kopfbearbeitung“ erstmals in einem heute verlorenen Almanach um 1659 und findet sich dann 1663 in Jacques Ligniets Recueil des plus illustres proverbes (Sammlung illustrer Sprichwörter).  Auf dem mit Campion signierten Druck ist Meister Lustucru unter Schmieden zu sehen. Er erhebt seinen Hammer über den abgetrennten Kopf einer Frau, den er wie ein Stück zu schmiedendes Metall mit einer Zange festhält. Überall in seiner Werkstatt hängen die Köpfe anderer Frauen an Haken. Sie warten darauf, an die Reihe zu kommen oder kühlen nach der Bearbeitung ab. Links im Vordergrund schleifen zwei Männer eine noch unberührte Frau zur Schmiede. Neben ihrem Mund stehen die Worte „Ich werde nicht gehen“.

Rechts im Vordergrund ist ein gesattelter Esel zu sehen, der von einem Affen geführt wird und zwei Körbe voller Frauenköpfe trägt. Vor ihm geht mühsam ein gebeugter Mann, der einen ebenfalls mit Köpfen gefüllten Korb trägt.

Um die Botschaft „tout en est bon“ unmissverständlich zu machen, fordern die Textblöcke oben und unten auf dem Druck Männer auf, ihre schwierigen Frauen zu diesem „Chefarzt“ zu bringen, wo ihre Köpfe neu geschmiedet und von allen „Unannehmlichkeiten“ gereinigt werden. So lautet der Text am unteren Rand des Drucks:

Hier hat Meister Lustucru ein bewundernswertes Geheimnis, das er aus Madagaskar mitgebracht hat, um […] (ohne Schaden oder Schmerzen zu verursachen) die Köpfe von streitsüchtigen, […] schrillen, teuflischen, wütenden, launischen, herrlichen, boshaften, unerträglichen, launischen, bösen, lauten, […] listigen, dummen, sturen, eigensinnigen Frauen und jenen, die andere Unannehmlichkeiten haben, neu zu schmieden. Alles zu einem vernünftigen Preis, für die Reichen gegen Geld und für die Armen kostenlos.“

Nicht weniger ironisch ist der Text oben auf dem Druck, der die Worte „Opérateur céphalique“ umrahmt:

„Ihr armen Unglücklichen, die ihr euch immer über die Launenhaftigkeit der Frauen von heute aufregt und die ihr nicht glaubt, dass sie sich jemals ändern werden, bringt sie hierher in unseren Laden. Welche Qualität ihr Kopf auch haben mag, wir werden ihn mit Feile und Hammer so gut bearbeiten, dass Sie, selbst wenn der Mond in ihrem Gehirn voll wäre, ihr Herr sein werdet, wenn Sie unser Haus verlassen. Unser Geschäft arbeitet ohne Unterlass, man sieht Menschen aus allen Nationen, aus den unterschiedlichsten Staaten und Verhältnissen und es ist rund um die Uhr geöffnet. Sie bringen uns auf Schiffen, zu Pferd, in Schubkarren, ohne Unterbrechung müssen wir arbeiten: Wir haben nicht einmal Zeit zum Schlafen, denn je länger wir leben [?], desto schlechter werden ihre Köpfe.

Dieser Stich wurde für andere Almanache variert, so z.B. in Pierre Bourdans Opérateur céphalique. [4]

Der Name Lustucru geht zurück auf „L’eusses-tu-cru?“, eine gängige Phrase der Theaternarren jener Zeit, die so viel bedeutete wie: „Hätten Sie es geglaubt?“ oder in diesem Fall: „Hätten Sie gedacht, dass man den Kopf einer Frau reparieren könnte?“ Laut dem französischen Schriftsteller Gédéon Tallemant des Réaux aus dem 17. Jahrhundert entstand Lustucru aus dem Wunsch eines Mannes nach Rache. In seinen Historiettes, einer Sammlung biografischer Skizzen aus dem Jahr 1659, schreibt er, der im Almanach jenes Jahres erscheinende „médecin céphalique“ sei von einem anonymen „Witzbold“ eigens als Reaktion auf die Langey-Affäre gezeichnet worden, einen Scheidungsfall zwischen zwei Aristokraten, der sich zwei Jahre lang durch die französischen Gerichte gequält hatte. Der Marquis de Langey, zu diesem Zeitpunkt einunddreißig Jahre alt, wurde von seiner zwanzigjährigen Frau (sie war vierzehn gewesen, als er sie geheiratet hatte) der Impotenz beschuldigt: ein Scheidungsgrund. Beide Parteien wurden gezwungen, sich demütigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. Vor einer Jury aus zehn Ärzten und fünf Matronen konnte der Marquis nach stundenlangen Versuchen keine Erektion bekommen. Seiner Frau wurde die Scheidung gewährt.

Der anonyme Künstler des Kupferstichs war entsetzt über die Dreistigkeit dieser jungen, unzufriedenen Ehefrau und stellte sich einen „Gehirnchirurgen“ vor, der die öffentlichen Demütigungen des Marquis de Langey im Namen aller Männer chirurgisch wiedergutmachen könnte. Nach einer Operation würde die Ehefrau wieder in ihren alten Zustand versetzt werden – als gedankenloses, willenloses Wesen, das weder den Willen noch die Frechheit hätte, die Männlichkeit ihres Mannes in Frage zu stellen oder sich ein besseres Leben zu wünschen.

„Die Angst der Männer vor dem wachsenden Einfluss und der Macht der Frauen nahm in Frankreich in den 1650er Jahren allgemein zu. Frauen hatten begonnen, in der Literatur an Ansehen zu gewinnen, und waren so etabliert, dass sie als „les précieuses“ satirisch dargestellt wurden, ein Typ kluger Frauen, die Pariser Salons besuchten, Bücher schrieben und einen elegant-kultivierten (oder, für andere, affektierten und prätentiösen) Sprech- und Schreibstil bevorzugten. 1659 inszenierte Molière in Paris sein Debüt mit Les précieuses ridicules, einem kurzen satirischen Stück, das sich über zwei junge, eingebildete Frauen lustig macht, die sich für zu schlau und kultiviert für ihre Verehrer halten. Sie bekommen ihre gerechte Strafe und werden zum Narren gehalten. Einige der hastig geschriebenen Stücke im Jahr des ersten Erscheinens von Lustucru behandelten sowohl Lustucru als auch die Précieuses und machten sich die Popularität beider Themen zunutze.“ [5]

„Wie die Wissenschaftlerin Joan DeJean in einem Essay über „starke Frauen“ im frühneuzeitlichen Frankreich feststellte, wurde der spekulative Roman Épigone, histoire du siècle futur (Epigone, Geschichte des zukünftigen Jahrhunderts) im selben Jahr, in dem der Almanach erschien, anonym veröffentlicht. Dieser Roman war eine Parodie auf Geschichten über heldenhafte Frauen und imaginierte eine Zukunft, die von einem Geschlecht von Amazonen beherrscht würde – furchteinflößenden Frauen, die „das geistige Leben bevorzugen und dadurch das Leben für alle ‚unglücklich und prüde‘ machen“.  Nach ihrer Niederlage wird die Anführerin der Amazonen zunächst lobotomiert („enthirnt“) und dann enthauptet. Diese futuristischen Amazonen waren eine weitere Satire auf die Précieuses. (…)

Die extreme Gewalt sowohl der Lustucru-Bilder als auch einiger dieser literarischen Satiren drückt eindringlich „die Spannungen aus, die den Debatten des 17. Jahrhunderts über neue Rollen für Frauen zugrunde lagen“, wie es eine andere Wissenschaftlerin dieser Zeit, Katherine Dauge-Roth, formuliert hat. In einem Klima, das bereits von Spott und Feindseligkeit gegenüber gebildeten Frauen geprägt war, wurde die Figur der Lustucru zur perfekten Galionsfigur für diejenigen, die glaubten, dass die Intelligenz von Frauen eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellte.“ [5]

Auch wenn in Stein gemeißelt immer noch Rue de la femme sans teste da steht, offiziell wurde der schreckliche Straßename getilgt.

Die beiden Abschnitte der Nord-Süd-Querstraße, die den Übergang vom Quai de Bourbon zum Quai d’Orléans ermöglicht, wurden 1868 unter ihrem alten Namen Rue Le Regrattier zusammengefasst, ein Name, den ihr südlicher Teil immer schon getragen hatte.  

Der nördliche Abschnitt, der am Quai de Bourbon beginnt und bis zur Rue Saint-Louis-en-l’Île reicht, der nacheinander Rue Angélique und dann Rue de la Femme sans Teste hieß, wurde wieder zur Rue Le Regrattier. 

Île Saint-Louis heute. Der rote Punkt markiert die „geköpfte“ Statue

Schon 1627 hieß diese Nord-Süd-Verbindung Rue le Regrattière, benannt nach François Le Regrattier, einem Unternehmer, der Schatzmeister der Hundertschweizer war und zusammen mit den Parzellierern (Projektentwicklern) Christophe Marie und Lugles Poulletier im 17. Jahrhundert für die Stadtentwicklung der Île-Notre-Dame zuständig war. [6]

Ursprünglich bestand die Île Saint-Louis aus zwei durch die Seine getrennten kleinen Inseln, die man „Île aux Vaches“ und „Île Notre Dame“ nannte. Beide wurden als Viehweiden genutzt und gehörten dem Domkapitel von Notre Dame. Auf alten Paris-Plänen sind die beiden kleinen Seine-Inseln noch zu sehen.

Plan de Vassalieu (1609) : détail montrant l’île Notre-Dame et l’île aux Vaches.

Der Raum auf der Île de la Cité war immer enger geworden. Dicht an dicht standen die Häuser. Enge, verwinkelte Straßen und Gassen bestimmten das Bild der Île de la Cité. Lange widersetzte sich die Kirche der Bebauung der beiden Nachbarinseln.  Zum anderen fehlten für die zunehmende Zahl der Einwohner und des dadurch anwachsenden Verkehrs Brücken zwischen den Seine-Ufern.

Erst unter König Ludwig XIII. wurde 1614 der Bauunternehmer Christophe Marie, zusammen mit François Le Regrattier und Lugles Poulletier, mit der Erschließung der kleinen Inseln beauftragt. Der sie trennende Seine-Arm wurde zugeschüttet, die vereinigten Inseln wurden mit einer Kaimauer umfasst und Brücken zu den Flussufern errichtet. Die Brücke, die die Insel mit dem Marais auf der rechten Seine-Seite verbindet, trägt bis heute den Namen ihres Bauherrn: Pont Marie. Das neu gewonnene Stadtgebiet auf der Île Saint-Louis wurde ab etwa 1618 zunächst mit Häusern für Handwerker und Kaufleute bebaut.

Die Île Saint-Louis und (rechts im Bild) die frühere Île Louviers (die später in das rechte Seine-Ufer einbezogen wurde)

Erst ab 1638, als sich ein Ende des Rechtsstreits mit dem Klerus abzeichnete, begannen auch die Adligen, luxuriöse Stadtpaläste errichten zu lassen. Die Bebauung erfolgte nach einem festen Grundplan mit geraden Straßen, der noch heute erkennbar ist. Die Erschließung der Île Saint-Louis war eine der erfolgreichsten, aber auch finanziell interessantesten städtebaulichen Maßnahmen im Paris dieser Zeit.

Île Saint-Louis und Île Louviers  – Auschnitt aus dem Turgot-Plan 1739  mit dem Pont Marie (links) und dem Pont de la Tournelle (rechts)

Ein passender Nachtrag zur Rue de la Femme-sans-Teste: Baudelaire et Jeanne Duval

In der Rue de la Femme-sans-Teste wohnte nicht nur der berüchtigte Coffinhal, sondern ein halbes Jahrhundert später auch Jeanne Duval,  Baudelaires Geliebte, die er Vénus Noire nannte. Baudelaire lernte die Schauspielerin und Tänzerin Jeanne 1842 kennen. Sie hatte von 1838 bis 1839 kleine Rollen am Théâtre de la Porte‐Saint‐Antoine und schlug sich als eine Art Escortdame der dekadent-selbstverliebten Pariser Dichterszene durch. Sie wird im Laufe zahlreicher Wohngemeinschaften, die von Brüchen und Versöhnungen unterbrochen werden, Baudelaires Muse sein. Eine Anzahl von Gedichten wurden durch sie inspiriert und sind Teil der 1857 erschienenen Veröffentlichung Les Fleurs du mal.

„Jeanne, die Haitianerin, von Baudelaire geliebt und verflucht, gehört zu den vergessenen und ausgebeuteten Frauen des 19. Jahrhunderts. Weil in der Gesellschaft arrivierte dunkelhäutige Frauen zur Zeit Baudelaires nicht existierten, konnte auch Jeanne nicht existieren, höchstens als Prostituierte. «Hottentottenfrau» wurde sie auch genannt und spürte den Schmerz, ein Leben zu leben, das geprägt war von den Erniedrigungen und Benachteiligungen einer rassistischen, frauenfeindlichen Zeit.“ (Sarah Pines, s.u.)

Wir kennen nicht einmal ihren richtigen Familiennamen – infrage kommen Lemaire, Lemer, Duval und Prosper – und auch nicht ihr Sterbedatum (wahrscheinlich in den späten 1860er Jahren). Bekannt ist nur, dass sie 1820 in Haiti geboren wurde, dass Baudelaire sie mit Syphilis ansteckte, an der sie starb, wahrscheinlich ein paar Jahre nach dem Dichter.

 Jeanne Duval: Zeichung von Charles Baudelaire

Kein von ihr unterzeichneter Brief ist uns überliefert. Was bleibt, sind einige Zeugnisse, von Baudelaire selbst gezeichnete Porträts, ein Foto von Nadar (nicht gesichert), Baudelaires Gedichte, die sie inspiriert hat, und ein herrliche Gemälde «La Maîtresse de Baudelaire», das Édouard Manet von Jeanne Duval malte.

Édouard Manet, «La Maîtresse de Baudelaire», 1862. Musée des Beaux-Arts, Budapest.

 „Obwohl Baudelaire nichts ferner lag als Natur und Natürlichkeit, liebte er das «Tierische» an Jeanne. Kamen Freunde auf Besuch, saß sie am Rand, wie eine Zofe. Nahm er sie mit ins Restaurant, bediente man sie schnöde. Für Baudelaire spielte sie die Rolle der tanzenden Kreolin. Weil er es so wollte. Weil sie ihn brauchte und er sie. Jeanne las ihm seine angefangenen Gedichte vor, er schrieb sie, inspiriert von ihrer Stimme, zu Ende. ….Nachdem er Jeanne mit Syphilis angesteckt hatte, ließ er sie fallen, für eine andere Prostituierte, Madame Sabatier. …

Bis heute erinnert in der Rue de la Femme-sans-Teste  nichts daran, dass hier eine große Muse lebte. Keine Tafel, kein Hinweisschild. Jeanne ist die Unsichtbare einer Epoche. Gegen Ende ihres Lebens konnte sie kaum mehr gehen. Die Zähne waren ihr ausgefallen. Zu Baudelaires Beerdigung wurde sie nicht eingeladen.“ [7]

Da war der Name der Straße Femme-sans-Teste – im Sinne des herrschen Frauenbilds -dann doch wieder passend.

Anmerkungen:

 [1] Il est brave comme un boureaux qui faict ses pasques (1660?). Photo: Bibliothèque Nationale de France. Dok. 27, II, 3

[2] Bildquelle: https://www.suffren-numismatique.com/fr/jetons/5324-auvergne-saint-flour-heros-populaire-lustucru-jeton-1660-r1.html

 [3] “Operateur Cephalique” — undated engraving by Images by François Campion, approximately 1615-1681 Photo: Bibliothèque Nationale de France. in: Recueil des plus illustres proverbes de Jacques Lagniet, Paris,[s.n.], 1663, t. II, p. 68.

 [4] Pierre Boudan, Opérateur céphalique, in Almanach de Pierre Janvier, fin 1659, gravure au burin, Paris, Bibliothèque nationale de France, département des Estampes et de la photographie.

[5] Jé Wilson: Lustucru From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019 https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

[6] Die Hundertschweizer (französisch Cent-suisses) war eine aus Schweizer Söldnern gebildete Einheit, die von 1497 bis 1792 bestand und zur Garde (Maison militaire du roi) des Königs von Frankreich gehörte.

[7] (Sarah Pines: Die Muse des verruchten Dichters: Eine Fotografie, ein paar Gedichte, das ist alles, was an Jeanne Duval erinnert, Charles Baudelaires «schwarze Venus», NZZ, 29.10.2021)

Literatur

Orna Lieberman:  The Headless Woman – The Story of French Misogyny (Die kopflose Frau – Die Geschichte der französischen Misogynie) https://www.francophilesanonymes.com/en/femme-sans-teste/

Légende du « véritable » Lustucru raccommodant au XVIIe siècle les têtes des mauvaises femmes(D’après « Revue de folklore français », paru en 1940 et « Histoire de l’imagerie populaire », paru en 1869). Publié / Mis à jour le dimanche 30 mai 2021 https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article13623

L’imagerie populaire : Lustucru. Le Bibliomane Moderne : Bibliophilie et autres Bibliomanies … par Bertrand Hugonnard-Roche https://le-bibliomane.blogspot.com/2009/05/limagerie-populaire-lustucru.html

Auréline Cardoso et Charlotte Thevenet, « Rhétoriques antiféministes : entre recherche et pratiques », GLAD! [En ligne], 04 | 2018, mis en ligne le 30 juin 2018, consulté le 17 août 2025. URL : http://journals.openedition.org/glad/995 ; DOI : https://doi.org/10.4000/glad.995

Jé Wilson Lustucru:  From Severed Heads to Ready-Made Meals. Published June 13, 2019https://publicdomainreview.org/essay/lustucru-from-severed-heads-to-ready-made-meals/

Claire Carlin:Wrong-Headed Spouses in Early Modern France https://mariage.uvic.ca/wrong_headed_spouses.html Die Hochzeit unter dem alten Regime.Falsche Ehepartner im frühneuzeitlichen Frankreich

Joan DeJean: Violent Women and Violence against Women: Representing the “Strong” Woman in Early Modern France. Signs, Vol. 29, No. 1 (Autumn 2003), pp. 117-147 (31 pages) https://doi.org/10.1086/375709 https://www.jstor.org/stable/10.1086/375709

Katherine Dauge-Roth: Femmes lunatiques: Women and the Moon in Early Modern France Author(s) Source: Dalhousie French Studies, Vol. 71 (Summer 2005), pp. 3-29 Published by: Dalhousie University Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40837599 Accessed: 20-11-2015 21:36 UTC

Facétie : La vraye femme Créature mi-bouc/mi-femme https://essentiels.bnf.fr/fr/image/a49718cc-43cb-4150-89e5-ef54ae004c0b-facetie-vraye-femme

Brigitte SERRE-BOURET: La Lune et les femmes. Date de publication : mai 2019 https://histoire-image.org/etudes/lune-femmes

Emma Renaud: La représentation du corps féminin à travers des gravures anglaises et françaises du xviie siècle. Féminin/masculin – Littératures et cultures anglo-saxonnes, p. 197-204 https://books.openedition.org/pur/36019

Lustucru – Wikipedia https://fr.wikipedia.org/wiki/Lustucru_(personnage)

La carte de Tendre ou le manifeste de la Préciosité (Die Karte der Zärtlichkeit oder das Manifest der Préciosité)

Die „Carte de Tendre“ als Medium eines neuen Liebesideals Christina VOGEL (Romanisches Seminar, Universität Zürich) http://www.symbolforschung.ch/files/pdf/Carte_de_Tendre.pdf

Antje Eske: Madeleine de Scudéry und die Carte de Tendre. [2010] http://konversationskunst.org/index.php/presse Konversationskunst – Kurd Alsleben, Antje Eske  und Freunde. 16. Oktober 2010 – 9. Januar 2011 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe| Medienmuseum

Paris in der Vorweihnachtszeit: Illuminationen und Dekorationen

Paris nennt sich -seit der Weltausstellung von 1900- gerne Ville lumière, Stadt des Lichts. Verglichen mit New York war das damals etwas schmeichelhaft: Noch nicht einmal in dem für die Weltausstellung errichteten Grand Palais gab es damals elektrisches Licht. Heute, in der Vorweihnachtszeit, hat der Ausdruck aber seine volle Berechtigung.  Da strahlt und leuchtet die ganze Stadt.

Bekannt sind ja die jährlich neuen vorweihnachtlichen Illuminationen der Champs-Élysées, der -so das französische Selbstverständnis- „schönsten Avenue der Welt“.

Aber auch andere, weniger prominente Pariser Straßen zeigen sich in festlicher Beleuchtung:

Die rue Saint-Louis en l’Île

Im Hintergrund die Juli Säule auf der place de la Bastille mit dem Genius der Freiheit.

Auch die meisten Einzelhändler knausern nicht mit der Beleuchtung.

Markthalle des marché d’Aligre im 12. Arrondissement

„Unser“ Metzger in der rue de la Roquette (11. Arrondissement)

Sehr verbreitet ist es auch, die Schaufensterscheiben mit gemalten oder aufgeklebten weihnachtlichen Motiven zu schmücken.

Auch öffentliche Gebäude werden aufwändig illuminiert wie hier das Rathaus des 11. Arrondissements:

Am benachbarten Place Léon- Blum hat man sogar einen kleinen weihnachtlichen „forêt urbaine“ geschaffen:

Wirtschaftliche oder ökologische Bedenken gibt es da nicht –  der Strom ist in Frankreich vergleichsweise günstig und -nachdem einige wegen Reparaturarbeiten abgeschaltete AKWs wieder am Netz sind- so reichlich, dass man ihn sogar mit stolzem Gewinn ins Ausland -zum Beispiel nach Deutschland- liefern kann…

Es blinkt und glitzert also überall in Paris:

Mit farbigem Licht angestrahlte Fassade der Philharmonie de Paris

Blick von der Fondation Louis Vuitton auf den von tausenden japanischen Lampions beleuchteten jardin d’acclimatation.

Einen besonderen Aufwand bei der vorweihnachtlichen Beleuchtung betreiben die großen Pariser Kaufhäuser. Hier einige Eindrücke von dem Bon Marché, dem Samaritaine, dem Au Printemps und dem Lafayette.

Le Bon Marché

Zuerst geht es zum Le Bon Marché. Immerhin ist es das älteste Kaufhaus von Paris, ja der Welt!

Dass dieses Kaufhaus zu einem Vorbild für spätere Nachfolger und Nachahmer wurde, ist den vielen Neuerungen zu verdanken, die der Gründer des Bon Marché, Aristide Boucicaut, einführte, um Kundschaft anzuziehen.

Dazu gehörten auch die besonderen Schaufensterdekorationen in der Weihnachtszeit. Sie waren auch und vor allem für Kinder gedacht, für die kleine Podeste aufgebaut wurden.

Das damals völlig Neue und Sensationelle dabei war, dass die Schaufensterfiguren beweglich waren. So auch die Hasen, die in diesem Jahr Leitmotiv der Dekoration im Bon Marché sind. Hier sind sie gerade am Stricken.

Und hier reiten sie auf fliegenden Karotten durch die Luft.

Und es wird dann auch gleich für passende Produkte geworben: Karottensuppe, Karottenkonfitüre, Karottensaft. Das passt immerhin.

Aber auch andere Produkte des Hauses werden von Hasen präsentiert: Vielleicht ein kostensparendes Recycling von Osterhasen einer früheren Präsentation?

Le Bon Marché 24, rue de Sèvres, 75007

La Samaritaine

Das Kaufhaus La Samaritaine an der Seine, ein architektonisches Art déco-Juwel, schmückt sich zu Weihnachten eher zurückhaltend.

Ich finde das aber sehr passend, weil so die Schönheit des Gebäudes nicht hinter einer aufwändigen Dekoration verschwindet.

Und ganz oben unter dem gläsernes Dach gibt es ein schönes und im Allgemeinen auch ruhiges Café, in dem man sich etwas von dem Pariser Weihnachtstrubel erholen kann.

La Samaritaine 9 rue de la Monnaie, 75001 Paris.

La Fayette

Die Schaufensterdekorationen des La Fayette fanden wir wenig attraktiv.

Hier wird das Büro des Weihnachtsmanns präsentiert, der die Bestellungen für Geschenke entgegennimmt und registriert.

Aber natürlich lohnt es sich, hoch unter die Kuppel zu fahren, die wie jedes Jahr besonders aufwändig dekoriert ist.

Galeries Lafayette Paris Haussmann 40, Boulevard Haussmann 75009 Paris

Au Printemps

Das benachbarte Kaufhaus Au Printemps hat seine diesjährige Weihnachtsdekoration unter das Motto „Weihnachten in New York“ gestellt.

Das ist recht originell: Hier können Kinder beispielsweise im Foyer des Hauses in ein Auto steigen und sozusagen durch New York fahren.

Auch in den Schaufenstern ist New York Hintergrund der Dekorationen und beweglichen Präsentationen.

Dazu gibt es auch die passende Musik.

Natürlich geht es in erster Linie nicht um Unterhaltung, sondern um Werbung für die Produkte des Hauses: Kinder als zukünftige Kunden…

Hier präsentiert die fesche kleine Maus eine schicke Tasche.

Innen kann man dann diese Tasche von Hermès bewundern: „Constance“ aus Krokodilleder (Varanus Niloticus) für 20. 000 Euro….

Die Kinder freuen sich aber über die lustigen Schaufenstertiere.

Und dann gibt es ja auch hier noch die festliche Kuppel mit Weihnachtsbaum -geschmückt mit New York-Motiven…

… und natürlich die Terrasse mit einer kleinen Eislaufbahn für Kinder und einem wunderbaren Blick über die Stadt.

Printemps Haussmann 64 Boulevard Haussmann, 75009 Paris

Allen Leserinnen und Lesern des Blogs wünschen wir eine gute Vorweihnachtszeit mit vielen hellen Lichtern.

Das Pariser Terrorismus-Museum (MMT) stellt sich vor: Eine Fotoausstellung am Gitter des Pariser Rathauses

Im Rahmen der Veranstaltungen zur Erinnerung an den 13. November 2015 werden bis zum 30. November 2025 24 große Foto- und Texttafeln am Gitter des Pariser Rathauses (rue de Rivoli) gezeigt. Im Mittelpunkt stehen dabei Gegenstände, die in besonderer Weise an die Attentate des 13. November 2015, aber auch an andere terroristische Aktionen der letzten Jahre erinnern.

Ausgerichtet wird die Ausstellung von dem Musée-mémorial du terrorisme (MMT), ein im Aufbau befindliches Museum und eine Gedenkstätte. Es gibt inzwischen eine Vorbereitungsgruppe mit dem ausgewiesenen Historiker Henri Rousso als Vorsitzendem, es gibt ein ausgearbeitetes Konzept, und es gibt schon einen Fundus von 2500 Ausstellungsstücken. Einige davon sind in dieser Ausstellung abgebildet.[1]

Sie werden unter drei thematischen Komplexen zusammengefasst: Die von Terroristen ausgeübte und von den Opfern erlittene Gewalt (la violence), der Widerstand von Gesellschaften gegen diese Gewalt (résistance) und die Art und Weise des Umgangs und der Bewältigung des zugefügten Leids durch die Opfer (résilience).

Ziele des islamistischen Terrors am 13. November waren Terrassen von Cafes und Restaurants im 10. und 11. Arrondissement von Paris, ein Fußballspiel im Stade de France in Saint-Dennis und ein Rockkonzert im Konzertsaal Bataclan. Mit offiziell 132 Todesopfern und vielen zum Teil schwer Verletzten und für ihr Leben Gezeichneten war der 13. November nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo der zweite des Jahres in Frankreich und nach dem Madrider Zuganschlag vom 11. März 2004 der zweitschwerste Terrorangriff in Europa seit 1945.[2]

Diese Umhängetasche trug ein Konzertbesucher, der das mörderische Attentat überlebte. Auf der Unterseite der Tasche gibt es noch Brandspuren, die an den 13. November 2015 erinnern.

Diese unvollendete Gitarre ist das Werk von Romain Naufle, der im 20. Arrondissement von Paris eine Werkstatt betrieb, in der er Gitarren baute und reparierte.[3] Naufle gehört zu den Opfern des Bataclan-Attentats. Die Gitarre, an der er gerade arbeitete, ist „Zeuge eines plötzlich zerbrochenen Lebens.“

Am 13. November 2015 feierte die aus Tunesien stammende Houda Saadi in dem Café/Restaurant La Belle Époque ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten. Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen.

Der französische Journalist Nicolas Hénin erhielt diese Zahnbürste von Gefolgsleuten des sogenannten État islamique, die ihn 2013/2014 als Geisel gefangen hielten. Ein Stück des Griffs hatten die Terroristen abgebrochen, um eine Verwendung der Zahnbürste als Waffe zu verhindern.

Dies ist der Sicherheitsgurt des 1989 infolge eines Bombenanschlags in Afrika (Niger) abgestürzten DC-10-Flugzeugs der französischen Fluggesellschaft UTA. Ein Pariser Schwurgericht befand 1999 sechs Libyer für schuldig, das Attentat begangen zu haben. Einer davon war der stellvertretende Geheimdienstchef Libyens, ein Schwager Gaddafis. Die Angeklagten wurden in Abwesenheit verurteilt, weil Libyen sie nicht an Frankreich auslieferte. „Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy sitzt seit Kurzem hinter Gittern, weil er von 2005 an mit den Verantwortlichen dieses Anschlags einen Verbrecherpakt geschlossen hatte“[4] – ein in der Geschichte der französischen Republik einzigartiger Vorgang. Wegen illegaler Wahlkampffinanzierung mit Geld des damaligen libyschen Machthabers Gaddafi war Sarkozy zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Vor seiner Fahrt ins Gefängnis hatte Präsident Macron seinen Vorgänger im Élysée-Palast un-gebührend verabschiedet. Am 10. 11. hat ein Berufungsgericht entschieden, dass Sarkozy bis zu der von ihm angestrengten Revision das Gefängnis verlassen darf, allerdings nicht als freier Mann, sondern mit gerichtlichen Auflagen. [4a]

Zwei Radio France -Journalisten, die am 2. November 2013 in Mali verschleppt und dann ermordet wurden, waren mit einem solchen Aufnahmegerät ausgestattet. „Es würdigt all diejenigen, die ihr Leben für die Berichterstattung einsetzen.“

Am 16. Oktober 2020 wurde der Lehrer Samuel Paty vor seiner Schule in einem Pariser Vorort auf bestialische Weise ermordet. Paty hatte in seinem Unterricht das vom Lehrplan vorgeschriebene Thema Meinungsfreiheit behandelt und dabei, auf sehr behutsame Weise, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet: Die Veröffentlichung dieser Karikaturen war Anlass für zwei islamistische Terroristen, am 7. Januar 2015 in die Redaktionsräume der Zeitschrift einzudringen und elf Menschen zu erschießen. Dass Paty diese Karikaturen fünf Jahre danach als Unterrichtsmaterial verwendete, führte zu einer islamistisch gesteuerten Hetzkampagne und schließlich seiner Ermordung.

Die Abbildung zeigt ein von Schülern entworfenes Gesellschaftsspiel zum Thema Demokratie. Es gewann 2023 einen Preis bei dem von Kollegen Patys zu seiner Erinnerung geschaffenen Wettbewerbs: Die Schule als Ziel islamistischer Einflussnahme und Terrors, aber auch als Ort der Demokratie, der Meinungsfreiheit und des Widerstands gegen blinden, gewalttätigen Fanatismus.

Am 11. Dezember 2018 verübten islamistische Terroristen ein Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg. Ein im Auftrag des État islamique handelnder Terrorist tötete fünf Besucher, 11 wurden verletzt. Das hier abgebildete Gemälde ist das Werk eines Überlebenden. Es veranschaulicht die Bedeutung der Kunst bei der Bewältigung traumatischer Folgen von Attentaten.

Die vielen Augen der Karnevalsmaske symbolisieren Wachsamkeit eines Mädchens, das am 14. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag,  in der Menschenmenge der Promenade des Anglais in Nizza einen 19 Tonnen schweren Lastwagen auf sich und die Mutter hatte zurasen sah – „die ‚Superkraft‘ des aufmerksamen Blicks für die Umgebung hatte beide gerettet.“[5] 86 Menschen wurden aber von dem Lastwagen überrollt und getötet, mehrere hundert zum Teil schwer verletzt.

Diesen Bildteppich haben zwei Künstler geschaffen, die das Attentat in Nizza überlebten. Einer der Künstler stammt aus Chile. Abgebildet ist eine südfranzösische Landschaft, inspiriert von den arpilleras, chilenischen Stickereien, mit denen der Widerstand gegen die Diktatur Pinochets ausgedrückt wurde. . Mit ihrem gemeinsamen Werk ehren die beiden Überlebenden des Attentats die Opfer der chilenischen Militärdiktatur und des islamistischen Terrors. Und sie stellen dieser Gewalt in lebhaften Farben den in den Menschen tief verwurzelten Lebenswillen entgegen.

Dieses Graffiti in den Farben der Tricolore erinnert an den Polizisten Ahmet Merabet, der bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo getötet wurde. Die Attentäter töteten ihn, einen praktizierenden Muslim, der bereits verletzt auf dem Gehweg lag, kaltblütig bei ihrer Flucht. Unter dem Hashtag „Je suis Ahmed“- analog zu „Je suis Charlie“- drückten viele Menschen in sozialen Netzwerken ihre Anteilnahme aus. Auch der Street-art-Künstler C 215, bekannt durch zahlreiche Portraits in den Straßen der Stadt, sehr oft auf Kabelverteilerkästen am Straßenrand,[6] hat den Polizisten gewürdigt und Passanten auf sein Schicksal aufmerksam gemacht.

Aufnahme Boulevard Richard-Lenoir, 11ième Arrondissement Juni 2025

Ahmet Merabet soll auch in dem geplanten Museum gewürdigt werden. Dessen Schicksal ist allerdings derzeit höchst ungewiss. Es wurde zwar schon viel Geld für die Vorbereitungen investiert, auch ein Standort in der Nähe des Mont Valérien war ausgewählt, ein unter Denkmalschutz stehender Schulkomplex aus den 1930-er Jahren, der auch von den Opferverbänden als ideal angesehen wurde.[7] Dann aber hat die Regierung Barnier aus Budgetgründen das Projekt getoppt. Allerdings hat es auch Bedenken gegen den Standort gegeben, werden auf dem Mont Valérien doch die Opfer der Résistance geehrt; und es gibt auch Bedenken, unter einer „Inflation der Erinnerungsorte“ könnten andere Einrichtungen leiden.

Gerade noch rechtzeitig vor den großen Gedenkveranstaltungen des 13. November wurde aber ein neuer Standort für das Museum bekannt gegeben: Der nicht genutzte Teil einer ehemaligen Kaserne im 13. Arrondissement von Paris. Es ist zwar ein Platz mit deutlich weniger Ausstrahlung als der ursprünglich vorgesehene Standort, aber auf diese Weise soll die Hälfte des geplanten Budgets eingespart werden- und immerhin können sich die Verantwortlichen damit trösten, dass das von Präsident Macron sehr unterstützte Projekt nicht beerdigt wird.

Das ist sehr zu begrüßen, weil sonst, um Gothes Faust zu zitieren, ein großer Aufwand schmählich vertan worden wäre, sondern vor allem auch, weil es sich um ein höchst bedeutsames und innovatives Vorhaben handelt. „Das MMT stellt ein intellektuell aufregendes Modell dar, das zum Teil Neuland betritt. Es wird Gerichtszeichnungen, Bekennerschreiben, Kunstobjekte, Abhörmittel und Mordwaffen sammeln, wissenschaftliche wie konservatorische, pädagogische und therapeutische Funktionen erfüllen, die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart beleuchten.“ [8]

Spätestens 2030 soll das neue Museum eröffnet werden.[9]


Anmerkungen:

[1] Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel

Zitate ohne Beleg sind der Legende der ausgestellten Fotos übernommen.

[2] Marc Zitzmann, Weiter Blick auf den Terrorismus. Frankreichj gedenkt der Opfer der islamistischen Attentate von 2015. Ein Museum soll der Erinnerung Dauer verleihen, sein Ansatz ist international und innovativ. Doch noch ringt die Politik um Finanzierung und Standort des neuen Ausstellungshauses. In: FAZ vom 6. November 2025

[3] https://actu.fr/normandie/reveillon_61348/attentats-a-paris-un-enfant-de-reveillon-tue-au-bataclan_6598146.html

[4] Mark Zitzmann, a.a.O.

[4a] Le Parisien vom 10.11.2025 Nicolas Sarkozy incarcéré : la demande de libération acceptée, l’ex-président placé sous contrôle judiciaire

[5] Mark Zitzmann a.a.O.

[6] Siehe z.B. die Blog-Beiträge:

[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2025/07/30/le-musee-memorial-du-terrorisme-toujours-menace-six-ans-de-travail-plusieurs-millions-depenses-et-un-lieu-laisse-a-l-abandon_6625404_3224.html

https://www.liberation.fr/politique/musee-memorial-du-terrorisme-emmanuel-macron-maintient-finalement-le-projet-sur-le-mont-valerien-20250107_XUUMOABBMNFRZEUNP2WAGKSFYY/

[8] Marc Zitzmann, a.a.O.

[9] 5. November:  https://www.lefigaro.fr/culture/le-musee-memorial-du-terrorisme-finalement-situe-dans-une-ancienne-caserne-de-paris-20251106  und https://www.telerama.fr/debats-reportages/le-musee-memorial-du-terrorisme-ouvrira-bien-a-paris-a-l-horizon-2030-7028153.php

10 Jahre danach: Der Garten der Erinnerung an die Opfer der terroristischen Attentate vom 13. November 2015 vor der Kirche Saint-Gervais

„Paris erinnert sich“ (Plakat der Stadt Paris)

Am Freitag, dem 13. November 2015, verübten islamistische Terroristen an fünf verschiedenen Orten in Paris und am Stade de France in Saint-Denis koordinierte Anschläge, bei denen 130 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt wurden, davon etwa hundert schwer. Die Angriffsserie am Freitagabend richtete sich gegen die Zuschauer eines Fußballspiels, gegen die Besucher eines Rockkonzerts im Bataclan-Theater sowie gegen die Gäste zahlreicher Bars, Cafés und Restaurants.

Es war der zweite große terroristische Anschlag in diesem Jahr nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Handelte es sich dabei um einen Anschlag auf die Pressefreiheit, so zielten die Attentate des 13. November vor allem auf eine große Musikveranstaltung und Treffpunkte vor allem junger Leute.  Und so waren denn auch die Opfer ganz überwiegend junge Frauen und Männer in ihren 20-er und 30-er Jahren.

Der Schock in Frankreich war groß nach diesen Attentaten, nicht nur wegen der großen Zahl von Toten und schwer Verletzten, sondern auch, weil sie als Angriffe auf ein fundamentales Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens, das vivre ensemble, verstanden wurden. Und das ungezwungene Zusammensein, die Freude an Musik und Tanz, waren den Attentätern offensichtlich besonders verhasst. Der Bezug zu dem Attentat der Hamas-Terroristen auf das Musik-Festival am 7. Oktober 2023 drängt sich da für mich auf.

Die zentrale Gedenkveranstaltung findet am Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge statt, der zum 10. Jahrestag des 13. November 2015 offiziell eröffnet wird.

Vorbereitung für die Gedenkfeier am 13. 11. 2025. Die beiden großen Tribünen sind schon aufgebaut. Foto: Wolf Jöckel 7.11.2025

Die Idee, einen Garten der Erinnerung an die Opfer dieser Anschläge zu schaffen, geht wesentlich auf Vereinigungen der Opfer und ihrer Angehörigen zurück. 2019 votierte der Pariser Stadtrat einstimmig für das Projekt.

Als Ort des Erinnerungs-Gartens wurde der Platz vor der Kirche Saint-Gervais gewählt.  Auf der einen Seite, vor der Kirche, steht eine große Ulme, unter der im Mittelalter Recht gesprochen wurde; auf der anderen Seite ein neu gepflanzter alter Olivenbaum, Symbol des Friedens.

Die oberen Äste der alten Gerichtsulme vor Saint-Gervais

Blick über den Garten auf die Rückseite des Pariser Rathauses (hôtel de ville)

Der Saint-Gervais-Platz war zwar nicht Schauplatz einer terroristischen Attacke, aber er versteht sich als „Synthese der sechs vom Terror erschütterten Orte“ (Jean-Marc Dreyfus).[1]

Ein neuartiger Erinnerungsort

Der Platz vor der Kirche Saint-Germain liegt zwischen dem Marais und dem Notre-Dame-Viertel (quartier de Notre-Dame), also auf einem von vielen Fußgängern benutzten Weg. Das führte zu der Überlegung, hier einen Erinnerungsort besonderer Art zu schaffen: also kein Denkmal und auch keinen abgegrenzten, nur beschränkt zugänglichen Bereich, sondern „einen Raum zum Bewegen und Flanieren, den sich jeder zu eigen machen kann.“[2]  Die Wege, die durch den Garten führen, laden dazu ein, ihn zu durchqueren.

© Connaissance des Arts / photo Lucien Chancel

Dazu tragen auch die niedrige Bepflanzung und die einladende, aber behutsame Beleuchtung des Gartens bei.

Die Wege, die den Garten  durchqueren, laden aber auch dazu ein innezuhalten. Denn durch sie werden 6 „Inseln“ (îlots) aus Granitfragmenten gebildet,  die den sechs Anschlagsorten zugeordnet sind.

Auf jedem der sechs Gartenabschnitte erinnert ein Granitblock an den entsprechenden Anschlagort und seine Opfer.

Crédit photo : Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris

Auf diesem Granitblock sind die Namen der 89 im Bataclan ermordeten Menschen verzeichnet. Zu den Opfern gehören aber auch die zahlreichen schwer verletzten und traumatisierten Menschen, deren Körper und Geist lebenslang an den Folgen des von ihnen miterlebten Attentats leiden. Zwei Überlebende waren derart traumatisiert, dass sie Jahre später ihrem Leben ein Ende setzten. [3]

Offizielle Einweihung des jardin du 13 novembre am 13.11.2025 Foto: Jean-Baptiste Gurliat / Ville de Paris

La Belle Equipe

Uns ist der den 21 Opfern der Bellle Equipe gewidmete Teil des Erinnerungsgartens besonders nahe. An dem im 11. Arrondissement gelegenen Café/Restaurant (92, rue de Charonne) radle ich, wenn wir in Paris sind, fast täglich auf dem Weg zu unserem Markt, dem marché d’Aligre, vorbei.

Am 13. November 2015 feierte dort die aus Tunesien stammende Houda Saadi ihren 35. Geburtstag. Sie arbeitete als Serviererin in dem in der Nähe gelegenen Café des Anges. Die meisten der 21 Opfer des Anschlags waren ihre Geburtstagsgäste, darunter ihre zwei Jahre ältere Schwester Halima, Mutter zweier Kinder, während ihre beiden Brüder Khaled und Bashir verschont blieben. Vergeblich versuchten sie, ihre am Boden liegenden Schwestern am Leben zu erhalten.[4]

Diese Schiefertafel stand am 13.11.2015 an dem Café. Die „heures heureuses“ (glücklichen Stunden) kontrastieren auf bedrückende Weise mit dem, was dann geschah. Auf der Schiefertafel sind Kalaschnikow-Einschüsse der Attentäter zu sehen. Sie gehört zu den Ausstellungsstücken des geplanten/in Vorbereitung befindlichen Pariser Musée-Mémorial du Terrorisme. Das Bild wird derzeit in einer Ausstellung des Museums am Zaun des Pariser Rathauses gezeigt.

Schweigeminute für die Opfer des Anschlags auf La Belle Equipe drei Tage nach dem Anschlag.[5]

An der Hauswand des gegenüber liegenden Palais de la Femme ist eine Tafel angebracht: „Zur Erinnerung an die verletzten und ermordeten Opfer des Attentats vom 13. November 2015. Den ausgelöschten Leben.“ (Aufnahme: 11.11.2025)

Zu diesen ausgelöschten Leben gehörte auch eine seit drei Jahren in Paris lebende und ebenfalls im Café des Anges arbeitende junge Mexikanerin, Michelli Jaimez.[6]

Drei Tage vor dem Attentat hatte sie die Verlobung mit ihrem italienischen Freund bekannt gegeben.

Die plaque commémorative am 13. November 2025. Foto: ville de Paris/Guillaume Bontemps

Ein Blick auf und in Saint-Gervais

Ein Besuch des Erinnerungsgartens ist auch eine gute Gelegenheit, einen Blick auf und in die Kirche zu werfen, die dem Platz seinen Namen gab. Es ist eine ab 1500 erbaute Kirche mit einer im 17. Jahrhundert vorgesetzten Fassade: unten dorische, im Mittelteil ionische und oben korinthische Säulen, die klassische Gliederung: Ausdruck einer Harmonie, die allerdings Kirche und Platz nicht durchweg bestimmt.

Harmonisch ist auf den ersten Blick das Kirchenschiff: Ein eindrucksvoller gotischer Raum,  zum Teil noch mit alten, aber auch sehr gelungenen zeitgenössischen Glasfenstern ausgestattet.[7]

Aber bei einem näheren Hinsehen entdeckt man an einem Pfeiler der Vierung große Einschusslöcher.[8]

Sie stammen von einer Granate des deutschen „Parisgeschützes“, einer Weiterentwicklung der „Dicken Berta“, die am 29. März 1918 die Kirche traf und das Gewölbe durchschlug. Es war ein Zufallstreffer des im Rahmen der deutschen Frühjahrsoffensive von 1918 eingesetzten und 130 km entfernt von Paris im Wald von Saint-Gobin stationierten Geschützes. In der Kirche fand da gerade der Karfreitags-Gottesdienst statt. 91 Menschen wurden getötet, 68 verletzt.

Eine chapelle commemorative erinnert an die catastrophe du 29 Mars 1918.

So ist nicht nur der Platz vor der Kirche ein Ort der Erinnerung an großes Leid, sondern auch die Kirche selbst. Und zu der Erinnerung an die Opfer islamistischen Terrors und des sinnlosen „Großen Kriegs“ kommt auch noch die Erinnerung an die Opfer politisch-gesellschaftlicher Auseinandersetzungen[9]:

In der am Platz gelegenen Kaserne Lobau/Napoléon wurden im Mai 1871 bei der Niederschlagung der Pariser Commune während der sogenannten „blutigen Woche“ (semaine sanglante) 2000 – 3000 Kommunarden exekutiert, ihre Leichen auf den benachbarten Plätzen verscharrt- vielleicht ja  auch auf dem Platz vor der Kirche. So  könnte der Garten der Erinnerung an die Opfer des 13. November 2015 auch ein Friedhof (gewesen) sein.

An der großen Gedenkveranstaltung vom 13. November können nur geladene Gäste teilnehmen. Sie wird aber auf der place de la République auf einer Großleinwand übertragen. Dort gibt auch die Möglichkeit, der Opfer der Attentate vom 13. November 2015 zu gedenken.

Ein Wandbild zu Ehren der Opfer der islamistischen Anschläge im 11. Arrondissement

„Die Anschläge zu thematisieren und den Opfern mit einem Kunstwerk im öffentlichen Raum zu gedenken, ist ein zutiefst symbolischer Akt, der Respekt, Feingefühl und Sensibilität erfordert. Die Künstlerin Léa Belooussovitch wurde mit der Gestaltung dieses Wandgemäldes beauftragt, das durch Licht und Farbe Widerstandsfähigkeit symbolisiert. Als Ort der Erinnerung konzipiert, soll es auch an das erinnern, wofür die Opfer, die Lebenden und die Ermordeten, stehen: Jugend, fröhliches Beisammensein, Liebe und Leben.“ (Mairie 11e Arrondissement)

Der am 13. November 2025 zu Erinnerung an die Opfer des Attentats 2015 in den Farben der Tricolore beleuchtete Eiffelturm. Foto: Henri Garat / Ville de Paris

Literatur:

La place Saint-Gervais transformée en jardin mémoriel en hommage aux victimes du 13-Novembre. Ville de Paris 24.6. 2025  https://www.paris.fr/pages/le-futur-jardin-memoriel-de-la-place-saint-gervais-22026

https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/paris/paris-une-place-historique-se-metamorphose-pour-rendre-hommage-aux-victimes-des-attentats-du-13-novembre-11203289/

https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_13._November_2015_in_Paris

Les amis décimés de „La Belle Equipe“ – Attaques du 13 novembre  Paris Match 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963

https://www.mediapart.fr/journal/france/181115/la-liste-des-victimes-des-attentats-du-13-novembre


Anmerkungen

[1] Jean-Marc Dreyfus  https://www.paris.fr/pages/le-futur-jardin-memoriel-de-la-place-saint-gervais-22026

[2] Jean-Marc Dreyfus https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/paris/paris-une-place-historique-se-metamorphose-pour-rendre-hommage-aux-victimes-des-attentats-du-13-novembre-11203289/

[3] Marc Zitzmann, Weiter Blick auf den Terrorismus. Frankreich gedenkt der Opfer der islamistischen Attentate von 2015. In FAZ vom 6.11.2015. Im französischen Fernsehen TV 2 wurde am 2. November eine Sendung über 7 Überlebende des Bataclan ausgestrahlt: Auch sie gehören zu den Opfern der Attentate. Auf der Internetseite von France TV abrufbar: https://www.france.tv/france-2/des-vivants/ Siehe dazu: https://www.leparisien.fr/culture-loisirs/tv/des-vivants-pourquoi-il-faut-absolument-regarder-cette-bouleversante-serie-sur-les-rescapes-du-bataclan-26-10-2025-7Y57IYQKZ5DHXGYDRCGJKYIJRI.php?at_medium=email&at_emailtype=acquisition&at_campaign=Newsletter&at_creation=A_la_Une

[4] Paris Match, 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963

[5] Yahoo!actualités vom 19. Oktober 2025 Trouble de stress post-traumatique : après un choc, réparer les vivants

[6] Nachfolgendes Bild aus: Paris Match, 17.11.2015 https://www.parismatch.com/Actu/Societe/Attaques-du-13-novembre-Les-amis-decimes-de-La-Belle-Equipe-866963

[7] Bild aus: https://www.patrimoine-histoire.fr/Patrimoine/Paris/Paris-Saint-Gervais-Saint-Protais.htm

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Lange_21-cm-Kanone_in_38-cm-Schie%C3%9Fger%C3%BCst_%E2%80%9EParis-Gesch%C3%BCtz%E2%80%9C

[9] S. z.B. https://www.hmdb.org/m.asp?m=215470

Bild des Monats November 2025: Chrysanthemen-Grabschmuck an Allerheiligen

Es ist in Frankreich Sitte, an Allerheiligen (Toussaint) die Gräber mit Chrysanthemen zu schmücken. Mehr als 20 Millionen dieser Blumen werden jährlich für diesen Zweck verkauft.

Chrysanthemen zur Auswahl vor einem Blumengeschäft in Paris. Das Foto habe ich allerdings schon am 1.11.2015 aufgenommen. Inzwischen haben sich die Preise etwas erhöht…

Die Tradition des Chrysanthemen-Grabschmucks geht auf das Ende des 1. Weltkriegs zurück. Davor war es üblich, an Allerheiligen Kerzen auf die Gräber zu stellen. 1919 ordnete der damalige Staatspräsident Raymond Poincaré allerdings an, am Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November, die französischen Gräber mit Blumen zu schmücken. Und allmählich wurde dann der Zeitpunkt des Gräberschmucks vom 11. auf den 1. November vorverlegt.  

Chrysanthemen auf dem Père Lachaise in Paris

Die Chrysantheme bot sich als November-Grabschmuck wegen ihrer großen Farben- und Formenvielfalt und als einer der wenigen Herbstblüher an. Holländische Kaufleute brachten 1688 die ersten Chrysanthemen aus China mit. Sie gilt dort als Symbol für langes Leben. Als Grabschmuck ist sie Zeichen der Trauer und Symbol der Erinnerung und der Liebe, die über den Tod hinausreicht.

Chrysanthemen-Schmuck im Kolumbarium des Père Lachaise

Es ist ein besonderes Privileg, ein Familiengrab auf dem Père Lachaise oder einem der anderen großen Pariser Friedhöfe intra muros zu haben (Cimetière de Montmartre, Cimetière de Montparnasse). Die jährlich dort freiwerdenden Konzessionen bewegen sich insgesamt im niedrigen dreistelligen Bereich. Die Nachfrage dagegen ist um ein Vielfaches höher. Die Stadt Paris hat sich deshalb zum diesjährigen Fest Allerheiligen etwas Besonderes einfallen lassen: Es werden 30 freiwerdende Gräber zum Verkauf ausgeschrieben. Bedingung ist aber, dass sie auch denkmalgerecht restauriert werden- und dass man dann bei der Auslosung Ende des Jahres unter den traurig-Glücklichen ist, die ab 2026 auf dem neu erworbenen und erlosten Grab Chrysanthemen deponieren können.

Bild: dpa. Aus: Frankfurter Rundschau 10.11.2025 Paris verlost historische Gräber

Blog-Beiträge zum Père Lachaise:

424 Stufen: Die Türme von Notre-Dame laden wieder zum Aufstieg ein.

Seit Dezember 2024 ist die durch den Brand schwer gebeutelte Kathedrale Notre-Dame wieder für Besucherinnen und Besucher zugänglich.

Alle Fotos des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel

Der Andrang ist groß. Und seit kurzem gibt es nun auch wieder die Möglichkeit, die Türme zu besteigen. Die wurden zwar durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen, aber im Kern verschont. Ein Übergreifen der Flammen vom brennenden Dachstuhl des Hauptschiffs auf das Gebälk der Türme konnte gerade noch verhindert werden. Nach dem Brand wurden auch die Türme restauriert und ihr Zugang durch aufwändige Neubauten im Inneren neu konzipiert. Um die von Präsident Macron vorgegebene 5-Jahresfrist für die Wiederherstellung und Öffnung der Kathedrale einzuhalten, konzentrierten sich die Arbeiten zunächst darauf. Aber jetzt sind auch die Türme empfangsbereit.

Die Türme von Notre-Dame sind uns sehr lieb und nahe, weil wir sie von unserer kleinen Terrasse aus sehen können. Hier (im Oktober 2025) bei Sonnenuntergang- zusammen mit der Kuppel der Kirche Saint-Paul im Marais links, mit dem Paris-Ballon vom Parc André-Citroën darüber, dem wieder aufgebauten spitzen Dachreiter von Notre-Dame, der beim Brand umgestürzt war und den Dachstuhl der Kathedrale durchschlagen hatte, und einem Turm der im Quartier Latin gelegenen Kirche Saint-Sulpice. Auf dem Nordturm der Kathedrale (hier links im Bild) kann man die Gitter erkennen, die für den Besucherverkehr angebracht sind: Ein unfreiwilliger oder auch freiwilliger Sturz vom Turm soll unbedingt -auch auf Kosten der Aussicht- verhindert werden.

Der Zugang zu den Türmen ist neben dem südlichen, rechten Turm.

Da der Eintritt streng reglementiert und begrenzt ist, müssen Karten für ein bestimmtes Datum und Zeitfenster vorab reserviert (und bezahlt) werden. Das soll die früher üblichen langen Schlangen und Wartezeiten verhindern. In unserem Fall hat das allerdings nicht so gut funktioniert: Wir mussten trotz pünktlicher Ankunft eine gute halbe Stunde warten, bis wir eingelassen wurden, die Personen- und Taschenkontrolle passiert hatten und uns an den Aufstieg machen konnten.

Wir haben die Wartezeit genutzt, in Ruhe die grotesken Wasserspeier und anderen Verzierungen des Turms zu betrachten.

So wie im Inneren von Notre-Dame gibt es auch hier einen neuen, festgelegten Parcours. Erste Etappe auf dem Weg nach oben ist die Salle basse. Es ist ein großer Raum, der auch als Zugang zu der Empore der großen Orgel diente.

Heute sind hier Modelle der Kathedrale und zwei originale Chimären-Plastiken aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt.

Das Tier mit den gefletschten Reißzähnen wurde durch den Brand zu stark beschädigt, um im Freien wieder aufgestellt zu werden.

Blick nach draußen auf Strebebögen und Baugerüste

Außerdem dient die Salle basse als Souvenir-Boutique – nicht ganz überzeugend am Anfang der Turmbesteigung…

Weiter geht es nach oben…

… meist auf originalen ausgetretenen Stufen…

… für Menschen, denen die Puste ausgehen sollte, bleibt der SOS-Ruf…

Zweite Etappe des Aufstiegs ist die Salle des Quatrilobes. An der Wand werden nacheinander -passend zu dem Namen des Saales-  vier mit Notre-Dame verbundene Daten aus der Geschichte Frankreichs angezeigt: die Generalstände Philipps des Schönen von 1302, die Ankunft des mit Maria Theresia von Österreich frisch vermählten Ludwig XIV. von 1660, die Krönung Napoleons im Jahr 1804 und die Befreiung von Paris 1944, die am 26. August, einen Tag nach der Kapitulation der deutschen Truppen, im Beisein de Gaulles mit einem feierlichen Te-Deum in Notre-Dame gefeiert wurde. (In der ausgestellten Informationstafel wird allerdings nicht mitgeteilt, dass der Erzbischof von Paris, Kardinal Suhart, nicht dabei sein durfte, weil de Gaulle dessen Anwesenheit wegen der Nähe Suharts zu Pétain und Vichy ablehnte).

In dem Raum kann man auch die kunstvolle Holzkonstruktion bewundern. Es sind teilweise noch die alten Balken aus der Entstehungszeit der Kathedrale, vieles ist aber auch -versehen mit den traditionellen Handwerkerzeichen- erneuert.

Ein Blick nach draußen zeigt auch hier, dass die Arbeiten an Notre-Dame noch in vollem Gange sind.

Aber es wird auch eindrucksvoll deutlich, wie viel schon erreicht ist: Die traditionell mit Bleiplatten gedeckten Dächer sind erneuert, die Statuen der 12 Apostel, die den hoch aufragenden Dachreiter Viollet-le-Ducs umrahmen, stehen wieder an ihren alten Plätzen.

 Von der Salle des Quadrilobes gibt es einen Zugang zu einem kleinen Abschnitt der Galerie der Chimären treten.

Die Chimären stammen nicht aus der Entstehungszeit der Kathedrale, sondern stammen aus dem  19. Jahrhundert. Viollet-le-Duc wollte Notre-Dame, damals arg heruntergekommen, zu einer idealtypischen gotischen Kathedrale machen. Und seine Chimären passen denn auch hervorragend zu dem typischen mittelalterlichen Bestiarium.

Hier ein Blick auf die Stadt mit der Kirche Saint-Sulpice

Eiffelturm, der Turm von Saint-Germain-des-Prés und der Invalidendom

Mit dem Blick auf das Pantheon, die Kirche Saint-Étienne-du-Mont und den Tour Clovis des Lycée Henri-IV wartet die Gruppe auf die Freigabe des Aufstiegs an die Spitze des Turms.

Für diese letzte Etappe wurde eine neue doppelläufige Wendeltreppe aus massiver Eiche errichtet.

Nach dem 442-stufigen Aufstieg wird man oben mit einem wunderbaren Panoramarundblick über die Stadt belohnt.

Hier noch einmal der Blick auf den Pantheonhügel von ganz oben.

Die Spitze des Südturms und Sacré-Cœur

Der große Kran, mit 84 m einer der höchsten Europas und natürlich ein französisches Produkt, zeigt an, dass die Außenarbeiten an Notre-Dame noch lange nicht beendet sind.

Die Uhr muss wieder in Betrieb genommen werden. Vielleicht steht sie seit der Brandnacht 22.05 Uhr still: Kurz zuvor war der Vierungsturm eingestürzt und hatte einen Teil des Gewölbes durchschlagen.

Der Vorplatz der Kirche wartet auf die beschlossene und anstehende Umgestaltung und Begrünung. Darunter wird ein großer Eingangsbereich entstehen mit Blick auf die Seine, und in das Hôtel Dieu rechts am Platz soll einmal ein Notre-Dame-Museum einziehen…

Die Zeit oben ist allerdings sehr knapp bemessen: Nach fünf Minuten wird man wieder zum Abstieg gedrängt – die nächste Gruppe wartet schon…

Beim Abstieg führt der Weg in den Nordturm….

…. und zu den mächtigen Glocken der Kirche. Die kann man in aller Ruhe betrachten und bewundern.

Besonders beeindruckend ist natürlich der Bourdon Emmanuel.

Er ist mit seinen 13 Tonnen Gewicht die zweitgrößte Glocke Frankreichs. Sie wurde 1686 gegossen und die „Taufpaten“ waren Ludwig XIV. und seine Frau.

Während der Französischen Revolution wurden alle Glocken von Notre-Dame eingeschmolzen, allein die große Glocke überlebte. Um sie zu schonen, erklingt sie nur zu besonderen Gelegenheiten, vor allem natürlich katholischen Festtagen, aber auch herausragenden historischen Ereignissen wie der Krönung Napoleons, dem Ende der Weltkriege, aber auch dem Fall der Berliner Mauer…

Von hier oben bieten sich noch einmal schöne Ausblicke auf die Stadt: Hier auf das Grand Palais, den Arc de Triomphe und die Bürostadt La Défense mit der Grande Arche.

Und auch hier gibt es wieder zahlreiche Beispiele phantastischer Figuren Viollet-le-Ducs.

Und man kann sogar die Kopie des im Salle basse ausgestellten wilden Tieres mit den Reißzähnen entdecken:

Dann geht es die letzten Stufen hinunter zum Ausgang- ein Weg, den schon viele Besucher gegangen sind. Manche haben im weichen Kalkstein ihre Spuren hinterlassen…

Reservierung von Zugangskarten:

https://tickets.monuments-nationaux.fr/fr-FR/familles?site=2402263094200400187

Es gibt auch eine englische und spanische Version. Ausdrücklich wird auf der Website darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Aufstieg um eine  expérience sportive handelt und eine gute körperliche Verfassung erforderlich ist.

Weitere Blog-Beiträge zu Notre-Dame:

Bild des Monats Oktober 2025: Pariser Honig/miel de Paris

Pariser Honig im Kaufhaus Bon Marché.

Pariser Honig? Honig aus einer der am dichtesten bebauten Städte Europas? Das mag etwas bizarr erscheinen, ist es aber ganz und gar nicht. Der Pariser Honig gilt sogar als besondere Delikatesse. Nahrung finden die Bienen in den vielen Alleen und Parks genug, es gibt beispielsweise hinreichend Akazien und Linden, die Stadt tut viel für mehr Grün, und seit über 10 Jahren werden in Paris keine chemischen Giftstoffe mehr versprüht.

Aus der Werbung für den Pariser Hédène-Honig:

„Als wahres Symbol für die florale Vielfalt der Stadt bietet der Honig von Paris Hédène mit seinen charakteristischen Pflanzenaromen ein einzigartiges Geschmackserlebnis. Der ikonische Nektar, der Honig von Paris, zeichnet sich durch seine leuchtende Farbe, seine Cremigkeit und seine Frische am Gaumen aus. Der Honig von Paris Hédène ist eine einzigartige Kreation, die die Vielfalt und den floralen Reichtum der französischen Hauptstadt widerspiegelt.“

Die „einzigartige Kreation“ hat allerdings auch ihren Preis: Das mittlere Glas Hédène-Honig kostet stolze 19.95 €

Der Pariser Honig hat schon eine lange Geschichte: Im 19. Jahrhundert wurden im jardin du Luxembourg die ersten Bienenstöcke aufgestellt und eine Imker-Schule eingerichtet.

Diese Anlage gibt es immer noch…

Die Bienen scheinen sich im jardin du Luxembourg sehr wohlzufühlen.

An den Bienenstöcken herrscht reger Betrieb. Foto: Wolf Jöckel 15.9.2025

Offizielle Statistiken über die Zahl der Bienenstöcke in Paris liegen nicht vor. Die Schätzungen variieren stark und reichen bis an die 2000 Stück. 1980 wurden Bienenstöcke sogar auf dem Dach der Opéra Garnier installiert. Seitdem schmücken sich nicht nur Parks, sondern auch viele öffentliche Bauwerke damit.

Bienenstöcke im Tuilerien-Park

© Twitter Assemblée nationale

Die Bienenstöcke auf dem Dach des Palais Bourbon, dem Gebäude der Nationalversammlung, sind sogar standesgemäß in den Farben der Tricolore angemalt…

Die Bienenstöcke auf dem nachfolgenden Foto habe ich am Finanzministerium in Bercy entdeckt. Vielleicht versucht man ja auch auf diese Weise, die klammen Finanzen des Staates etwas aufzubessern…

In der Boutique des Pariser Rathauses (rue de Rivoli) gibt es Pariser Honig mit genauen Herkunftsbezeichnungen; also natürlich auch Opernhonig, Marais-Honig oder sogar Champs-Élysée-Honig…. Eine schmackhafte und ökologische Alternative zu den gängigen Paris-Souvenirs….

Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely im Grand Palais (Juni 2025 bis Januar 2026)

Anders als Maximilien Luce, dem der letzte Pariser Ausstellungsbericht gewidmet war, müssen Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely nicht vorgestellt werden. Die Frage ist hier eher, ob es sich denn lohnt, diese Ausstellung zu besuchen, auch wenn man viele Werke der beiden schon kennt. Für mich gibt es vier Gründe, die dafür sprechen:

  • Ort der Ausstellung ist das Grand Palais, erbaut für die Weltausstellung von 1900.  Nach langen Renovierungsarbeiten wurde es für die Olympischen Spiele 2024 in Paris wieder eröffnet. Die Ausstellung bietet also die Möglichkeit, einen Eindruck von dem „neuen“ Grand Palais zu erhalten. Allerdings findet sie leider nicht im großen zentralen Raum unter der gläsernen Kuppel statt, sondern in einem Seitentrakt.
  • In der Ausstellung geht es nicht nur um Saint Phalle und Tinguely, sondern auch um den weniger bekannten Pontus Hulten.  den ersten Direktor des Centre Pompidou, der die beiden Künstler nach Kräften förderte und dazu beitrug, dass Paris zu einem Zentrum des Arbeitens, Schaffens und der Präsentation von Werken Saint Phalles und Tinguelys wurde. Auch insofern war die Ausstellung -für uns jedenfalls- eine Bereicherung.
  • Es gibt eine Reihe von Exponaten Niki de Saint Phalles, die man vielleicht schon kennt, aber gerne wieder sieht.
  • Und es gibt ganz besondere, höchst phantasievolle und mächtige Maschinen und Installationen Tinguelys, die man hier sogar in Betrieb beobachten kann.

Ausschnitt eines Werbeplakats in der Pariser Metro

Ein erster Eindruck vom neuen Grand Palais

Der frisch herausgeputzte Brunnen vor dem Eingang zur Ausstellung

Das neue Foyer mit Boutique und Zugang zu den verschiedenen Ausstellungen

Der Glanz der Belle Époque…

… an dem stellenweise aber noch gearbeitet wird…

Die mächtige Glaskuppel im zentralen Raum des Grand Palais beeindruckt wieder wie ehedem.

Pontus Hulten, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Der Schwede Pontus Hulten (1924-2006) war von 1977-1981 der erste Direktor des Musée national d’art moderne im Centre Pompidou, zuvor seit 1958 Direktor des neu geschaffenen Moderne Museet in Stockholm. 1954 hatte er Jean Tinguely in Paris kennengelernt, 1960 auch dessen neue Partnerin Niki de Saint Phalle. Hulten unterstützte und ermutigte die Beiden nach Kräften, kaufte Werke von ihnen, organisierte Ausstellungen: Am spektakulärsten die Stockholmer Ausstellung „Hon- en katedral“- eine riesige, auf dem Rücken liegende Nana, die das Publikum betreten konnte…

Im Grand Palais ist ein kleines Modell dieses skandalträchtigen Werkes ausgestellt. Es wird auch das Plakat einer Niki de Saint Phalle-Ausstellung in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle gezeigt.

Es ist versehen mit einer Widmung für Pontus Hulten:  mit großer Zuneigung und Dankbarkeit dafür, dass er sie die letzten 32 Jahre lang unterstützt habe. Besonders hebt sie ihre von Hulten organisierte erste öffentliche Schieß-Aktion in Stockholm hervor. Mit ihren Schießbildern (siehe unten auf dem Plakat: shooting paintings) wurde Niki de Saint Phalle ja berühmt. Und Hulten habe La Hon ausgestellt und wichtige Werke wie den -im Grand Palais gezeigten-  King Kong gerettet.

Niki de Saint Phalle: Liebe, Spiel und Gewalt

Hier möchte ich vor allem zwei ausgestellte Werke vorstellen, die mich besonders beeindruckt haben:

Das Künstlerbuch My Love aus dem Jahr 1971 ist ein entzückend illustriertes Leporello, in dem das ganze Spektrum von Niki de Saint Phalles Farben und Formen versammelt sind.

Natürlich denkt man beim Betrachten der Bilder unwillkürlich an ihre Beziehung mit Jean Tingely.

Niki de Saint Phalle und Tingeley hatten  sich zwar 1969 getrennt, arbeiteten aber weiter eng zusammen und heirateten 1971, im Erscheinungsjahr von My Love, und übernahmen damit Verantwortung für die Bewahrung des gemeinsamen künstlerischen Erbes.  

Diese verspielte leuchtende Figur Niki de Saint Phalles (sans titre, um 1980) gehörte zur privaten Sammlung Hultens. Die vermachte er kurz vor seinem Tod zum Teil dem Moderna Museet, wie diese Figur aus Hultens Badezimmer, und zum Teil dem Centre Pompidou.

Le Monstre de Soisy (um 1966) ist benannt nach Soisy-sur-École (Essonne), wo Niki de Saint Phalle und Jean Tingely ein Haus und Atelier bezogen, nachdem sie ihr Pariser Atelier im Impasse Ronsin verlassen mussten. Später schmückte das Ungeheur den Salon im Haus Pontus Hultens an der Loire, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Kurz vor seinem Tod schenkte er es dem Centre Pompidou.

Monster/Ungeheuer spielen im Werk Niki de Saint Phalles eine große Rolle – auch im My love-Leporello gibt es ein menschenfressendes Ungeheuer, das dort allerdings seine Beute wieder ausspuckt…

In Niki de Saint Phalles monumentalem Werk King Kong (1962) gibt es kein Entrinnen. Es thematisiert den nuklearen Holocaust, das Ende der menschlichen Zivilisation.

Der Name des Ungeheuers, King Kong, verweist auf den Film von 1933 und die mit Hasendraht überzogene Käfig-artige Hochhauskulisse, über die er sich hermacht, auf New York.

Ganz unverkennbar handelt es sich hier um ein Schießbild: Niki de Saint Phalle hatte bei diesen Bildern Farbbeutel unter einem Gipsüberzug angebracht. Beim Beschießen des ursprünglich weißen monochromen Werkes platzten dann die Farbbehälter auf und die Farben liefen über das Relief.

Zusammen mit dem urtümlichen King Kong sind es moderne Flugzeuge und Raketen, die die Stadt angreifen- ein durchaus realistisches Szenario nach der Kubakrise von 1961, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand.

Diesen Bezug stellt Niki de Saint Phalle ganz deutlich her: Integriert in das King Kong-Relief sind die Köpfe/Masken von -männlichen- Staatsmännern wie Nikita Chruschtschow, Fidel Castro und John F. Kennedy, den Protagonisten der Kuba-Krise. Damals wurde der große Krieg gerade noch vermieden, aber beim Betrachten des Werks kommt einem wohl unwillkürlich auch 9/11 in den Sinn, und gerade derzeit werden wir ja Zeugen grauenhafter Kriege mit großen Zerstörungen und unermesslichem menschlichen Leid. Insofern hat Niki de Saint Phalles King Kong eine anhaltende bedrückende Aktualität, und es fällt nicht schwer, sich eine entsprechend erweiterte Reihe von Staatsmänner-Masken vorzustellen … 

Niki de Saint Phalle, eher bekannt für ihre lebenslustigen bunten Nanas,  betrachtete King Kong als eines ihre wichtigsten Werke. Mit zwei ausdrücklich so bezeichneten Vorarbeite hat sie das große Relief vorbereitet: Mit den heads of state (study for King Kong) und mit dem Tyrannosaurus Rex (study for King Kong).

© Photographic credit: Fondation Gandur pour l’Art, Genève. Photographer: André Morin © 2024, ProLitteris,   Zurich

Die intensive Beschäftigung mit dem Thema der Gewalt, wie sie sich gerade auch in den übermächtigen Gestalten des King Kong und des Tyrannosaurus Rex ausdrückt, hatte für Niki de Saint Phalle auch eine ganz persönliche Dimension:  Als Kind wurde sie von ihrem Vater sexuell missbraucht, und so war die Kunst für sie -mit ihren eigenen Worten- „Erlösung und Notwendigkeit.“

Die phantastischen Maschinen von Jean Tinguely

Die Ausstellung bietet einen eindrucksvollen Überblick über das Werk von Jean Tinguely. Dazu gehört auch eine entzückende Hommage an Wassily Kandinsky, die auch aus der Tinguely-Sammlung Hultens stammt.

Jean Tinguely, Méta-Kandinsky I (1956), auch Wundermaschine genannt.

Am eindrucksvollsten in der Ausstellung ist aber wohl für Präsentation großer Maschinen:  

Dies ist die eine Ball-Transport- und Wurfmaschine: Rotozaza I aus dem Jahr 1967.  Es ist, nach der beigefügten Informationstafel, „eine verschlingende Maschine, die den Produktionsprozess pervertiert, da sie mit Ballons gefüttert wird, die sie wieder ausspuckt. Sie ist spielerischer Ausdruck der Kritik Tinguelys am kapitalistischen System und seines anarchistischen und rebellischen Geistes. Damit richtet sie sich besonders an Kinder, die für Tinguely seine beliebtesten Adressaten (public préféré) waren.“ Leider war diese Maschine nicht in Betrieb: Kinder hätten sicherlich eine große Freude daran gehabt, die Maschine mit den ausgeworfenen Bällen zu füttern…

Dafür allerdings war dieses gewaltige Fahrzeug im Centre  Pompidou aufgebaut und auch in regelmäßigen Abständen im Betrieb zu sehen  und zu hören:

Auf diesem Foto sieht man Jean Tinguely neben der Maschine (Meta 3, 1970/1971) im gemeinsamen Atelier in Dannemois, Essonne (Foto)

… und hier im Grand Palais.

In regelmäßigen Abständen wird das Ungetüm in Bewegung gesetzt: Ein eindrucksvolles, lautstarkes Schauspiel, das man nicht versäumen sollte.

Im Hintergrund an der Wand eine Vitrine mit Modellen zum Strawinsky-Brunnen. (siehe unten)

End- und wohl auch Höhepunkt der im Grand Palais präsentierten Werke Tinguelys ist seine spektakuläre Hölle (L’enfer, un petit début) aus dem  Jahr 1984.

Es ist eine einen ganzen großen Raum ausfüllende Installation aus verschiedensten Materialen und Objekten, die mit mehreren Elektromotoren in Bewegung versetzt werden und auch die verschiedensten Geräusche erzeugen. Das Centre Pompidou kaufte das in immer neuen Variationen verschiedentlich ausgestellte Werk anlässlich einer Retrospektive Tinguelys 1990 auf.

… wasserspeiende Pinguine…

… bunte, blinkende Jahrmarkts-Lampen….

der präparierte Schädel eines Elches: Wie die Totenschädel Symbole des uns angrinsenden Todes („la mort qui nous fait des grimaces“).

Gemeinsame Projekte:  Der Strawinsky-Brunnen und der Cyklop

In Paris und seinem Umland gibt es zwei monumentale gemeinsame Projekte von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely: Den Strawinsky-Brunnen am Centre Pompidou und den Cyklop im Wald bei Milly-la-Forêt.

Der wunderbare Strawinsky-Brunnen aus dem Jahr 1983 spielt in der Ausstellung nur eine Nebenrolle. Das beruht darauf, das Pontus Hulten bei seiner Errichtung keine Rolle gespielt hat. Initiator des Brunnens war Pierre Boulez, der dabei von Claude Pompidou, der Frau des damaligen Premierministers, und von Jacques Chirac, dem damaligen Bürgermeister von Paris, unterstützt wurde. Zunächst ging der Auftrag für den Brunnen allein an Tinguely, der aber darauf bestand, dass auch Niki de Saint Phalle beteiligt wurde.

In der Ausstellung im Grand Palais sind immerhin in einer Vitrine einige Modelle von Brunnenfiguren ausgestellt:

Der „obligatorische“ Totenkopf: Planskizze und Ausführung

Ende der 1960-er Jahre entwickelte Jean Tinguely zusammen mit Niki de Saint Phalle und dem Schweizer Künstler Bernhard Luginbühl den geradezu wahnwitzigen Plan, bei Milly-la-Forêt, am Rande des Waldes von Fontainebleau, insgeheim, abseits der Öffentlichkeit, den monumentalen Kopf ein gewaltigen Monsters, zu errichten. 25 Jahre lang dauerten die Arbeiten, bis das einäuige Ungeheuer, „sicherlich das Werk seines Lebens“ (F. Taillade) fertig war. Insgesamt fünfzehn befreundete Künstler hatten dabei mitgewirkt. Sein Name -nach der Figur in Homers Odyssee: Cyklop.

In den 1980-er Jahren wurde das im Entstehen begriffene Werk Opfer des Vandalismus. Die Künstler schenkten es daraufhin dem französischen Staat, der die Verantwortung für seinen Schutz, seine Fertigstellung und seinen Betrieb der Gesellschaft Le Cyclop übertrug, deren erster Präsident Pontus Hulten war. Nach dem Tod Tinguelys waren es Niki de Saint Phalle und Hulten, die entsprechend den Plänen Tinguelys das Werk vollendeten. 1994 wurde der 22 ½ Meter hohe und 350 Tonnen schwere Koloss von Präsident Mitterand eingeweiht.

In der Ausstellung sind Entwurfszeichnungen Tinguelys zu sehen.

Auch ein Modell des Cyklopen aus Metall und Glas ist ausgestellt.

Vielleicht animiert die Ausstellung dazu, sich den Cyklopen an Ort und Stelle anzusehen. Es ist ein außergewöhnliches Gesamtkunstwerk, das man im Rahmen von Führungen betreten und besteigen kann. Es gibt viel zu entdecken! Und dann setzen sich auch mit ohrenbetäubendem Lärm die Maschinen in Bewegung…

Nähere Informationen: https://www.millylaforet-tourisme.com/fr/fiche/704420/le-cyclop/ 

Das Théâtre des Champs-Élysées oder die Hervorbringung einer Inkunabel der ‚Nationalen Moderne‘. Von Ulrich Schläger

…Ich werde einen ganzen Band brauchen, um die wahre, wundersame, trostlose Geschichte der Errichtung „meines Theaters“ zu erzählen. Gabriel Astruc

Vorwort

Ja, ein ganzes Buch ließe sich zur komplizierten und auch verwirrenden Geschichte des Théâtre des Champs-Élysées schreiben. Hier wollen wir uns nur auf seine Architektur beschränken. Musikgeschichtliche Aspekte werden in diesem Zusammenhang nur gestreift. Auch auf die sicherlich interessante Nutzungsgeschichte nach 1913 können wir nicht eingehen. Sie würde den Rahmen unserer Betrachtung sprengen.    

Im ersten Teil werden wir die Konzeption des Theaters bis hin zu seiner Realisierung inmitten des Ringens um eine nationale französische Architektur der Moderne verfolgen und mit seiner zeitgenössischen Rezeption schließen. Im zweiten Teil stellen wir den Bau und seine  Dekoration selbst mit besonderem Gewicht auf seine Fassade, sein Foyer und den großen Saal vor. Den Abschluss bildet die eigene Bewertung. (Lesezeit 60 Minuten)

I. Teil: Konzeption des Theaters bis hin zu seiner Realisierung

Kapitel I:  Gabriel Astruc hat eine Vision

Gabriel Astruc [1]

Alles beginnt mit Gabriel Astruc (1864–1938). Ohne ihn gäbe es das Théâtre des Champs-Élysées nicht. Astruc, Sohn des Großrabbiners von Belgien, ist eine schillernde Persönlichkeit: Stammgast im Bohème-Kabarett Le Chat Noir in Montmarte, Kolumnist, Herausgeber des Musikmagazins Musica, Dramatiker, Booking-Agent und Impresario. Die von ihm 1905 gegründete Société Musicale G. Astruc et Cie organisiert die „Grande Saison de Paris“, die jedes  Jahr von April bis Juni eine große Anzahl von Musikveranstaltungen bot, die eine große Vielfalt an Genres, Stilen und Musiktraditionen umfassten und bei denen einige der berühmtesten Künstler aus aller Welt auftraten. Astruc bringt auch Sergei Diaghilevs Ballets Russes und Strawinsky auf die Pariser Bühnen. Und Strawinskys „Sacre du Printemps“-Aufführung im Mai 1913 gerät zum wohl legendärsten aller Theaterskandale, der fast das Ende des gerade erst erbauten Theaters bedeutet hättet.

1906 beginnt der leidenschaftliche Musikliebhaber und Gründer der Société musicale Astruc, unterstützt von Komponisten wie Claude Debussy, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Paul Dukas, seinen Plan zu verwirklichen, in Paris einen philharmonischen Palast zu errichten. Die Ideen hierzu reichen schon auf das Jahr 1902 zurück. In der Musikzeitschrift Musica hatte Charles Joly, enger Freund von Astruc, im Artikel Un Théâtre de musique idéal auf die Notwendigkeit eines neuen Musiktheaters in Paris hingewiesen. Für Joly verkörperten zwei Theater die idealen Bedingungen sowohl für Oper als auch für symphonische Musik, „intelligent gestaltet: das von Bayreuth und das des Prinzregenten in München“.[1a]

Beiden Theatern, Otto Brückwalds von 1872-1875 erbautes Festspielhaus in Bayreuth und das Prinzregententheater Max Littmanns, 1900/01 errichtet, sind die äußerste Zweckmäßigkeit bei von Zuschauerraum und Bühne mit Konzentration auf das aufgeführte Werk gemeinsam. Ein amphitheatralisch ansteigendes Auditorium bietet gute Sicht von allen Plätzen und durch die Einbeziehung eines Proszeniums, das sowohl eine Erweiterung des Bühnenraums zu den Zuschauern hin als auch einen Orchestergraben einschließt, verbessern sich die Sicht- und Hörbarkeit der Sänger.

Astrucs teilt Jolys Wertschätzungen wie auch dessen Bewunderung der Musik Richard Wagners. Später, 1933, in der nationalistisch aufgeheizten Stimmung, muss er sich gegen den Vorwurf verteidigen, er habe das Théâtre des Champs-Élysées gebaut, um „Wagnersche Klänge“ aufzuführen.[2] Astrucs Vorstellungen gehen über die Jolys hinaus. Er strebt danach, die  Grande Saison an einem einzigartigen Ort zu veranstalten. Sein Palais Philharmonique soll ein Mehrzwecktheater sein, das wegen der angestrebten Genre- und Stilvielfalt mehrere Säle unterschiedlicher Größe umfassen soll. Frühe Entwürfe des Projekts zeigen, dass das Theater drei Säle umfassen sollte: Der Grande Salle, in dem hauptsächlich Orchestermusik, Oper und Ballett aufgeführt werden sollten, bot Platz für 2500 Zuschauer. Der Salle Moyenne, der für Kammermusik (bis zu 50 Musiker) und Virtuosen bestimmt war, fasste bis zu 1200 Personen. Der Petite Salle schließlich war so konzipiert, dass etwa 800 Personen kleinere Konzerte und Kunstausstellungen genießen konnten.

Herrschte in Paris, wie Astruc und Joly meinten, zu Anfang des 20. Jahrhundert bezogen auf die Vielfalt und Fülle des Musik(theater)programms ein veritabler Mangel an modern ausgestatteten Aufführungsstätten? Die Frage wird kontrovers beantwortet. Leila Zickgraf [3] bejaht diese Frage: Kammermusikkonzerte und Recitals mussten in den Salons der Klavierbauer, wie im La salle Pleyel der Klaviermanufaktur Pleyel, abgehalten bevor sich die Situation durch die Eröffnung der Salle Gaveau etwas verbesserte.  Für Symphoniekonzerte war der einzige Saal mit einer guten Akustik die Salle du Conservatoire, ausschließlich für die etwa 24 Konzerte der Société des concerts du Conservatoire pro Jahr reserviert. Andere Säle und Häuser konnte Astruc zu selten anmieten, wie das Théâtre du Châtelet, das  Sarah-Bernhardt-Theater oder die Opéra Nationale de Paris.

Cesar A. Leal [4] hingegen meint, dass im gesamten 19. Jahrhundert in den Pariser Theatern große dramatische Werke erfolgreich aufgeführt wurden und sich „während der  Grande Saison de Paris vor 1913 …nicht allzu sehr vom Repertoire des Théâtre des Champs-Élysées während seiner Eröffnungssaison unterschieden.“ [5]

Die genannten Konkurrenz-Theater werden, wie wir sehen werden, später noch eine Rolle spielen, als es um die Genehmigung für den Standort von Astruc neuem Theater an den Champs-Élysées geht.

Kapitel II: Das Theater soll an den Champs-Élysées gebaut werden

Astruc hat für sein Musiktheater, das auf den ersten Plänen als Palais philharmonique firmiert, einen prominenten Platz auserkoren: am Standort des ehemaligen, von Jakob Ignaz Hittorff erbauten Sommerzirkus im Carré Marigny an den Champs-Élysées, nahe am Rond Point. Der Zirkus war um 1902 abgerissen worden.

Projekt eines Palais philharmonique im Jardin des Champs-Élysées [[5a]]

Mit dem Bau des Palais philharmonique wird zunächst der Schweizer Architekt Henri Fivaz (1856-1933) beauftragt. Fivaz hatte am Polytechnikum in Zürich studiert. Er hatte sich 1877 in Frankreich niedergelassen. Sein Architekturbüro baute Wohngebäude, das Hotel Bedford und das Restaurant Victoria in Paris, entwarf mehrere Theater-, Kasino- und Hotelprojekte außerhalb von Paris, und war auch international tätig.

Schon am 8. Juni 1906 teilt Astruc der Stadtverwaltung mit, dass die Pläne für das Theater fertig seien:  „… Ich habe Herrn Bouvard, dem Leiter der Architekturabteilung der Ville de Paris, im Voraus fünf Pläne des Projekts für den Philharmonie-Palast geschickt, den ich auf dem Gelände des alten Cirque d’Eté errichten möchte.“ [6]

Nicht realisiertes Projekt der Fassade des Théâtre des Champs-Élysées [6a]

Mit „Herrn Bouvard“ ist Joseph-Antoine Bouvard gemeint, der Adolphe Alphand als Direktor der Architektur-, Promenaden- und Gartenbehörde von Paris nachfolgte. In seinem Büro arbeitet auch sein Sohn Roger Bouvard als Architekt. Schon bald wird der junge Roger Bouvard Fivaz zur Seite gestellt. Man kann nur vermuten, dass durch diesen Schachzug, die Genehmigung der Theaterpläne befördert werden soll. 

Interessanterweise findet sich auf den Plänen mit dem Datum „April 07“, für das Palais philharmonique im Archiv des Théâtre des Champs-Élysées nur noch der Name „R. Bouvard“, aber  nicht ein Einzelplan mit dem Namen Fivaz allein oder mit Fivaz & Bouvard. Nur eine von Astruc präsentierte Zusammenstellung zeigt in drei Grundrissen und einem Längsschnitt von Henri Fivaz die Verteilung der drei Säle. Fivaz tritt schon früh von der Planung zurück oder wird herausgedrängt. Wann dies geschieht (1906 oder 1908), wird unterschiedlich angegeben. Bouvard nimmt die Studien zunächst allein wieder auf. Seine Pläne zeigen einen Bau im Louis-seize-Stil.

Kapitel III: Astrucs „elysischer Traum“ scheitert

Die Gründe sind vielfältig, warum das Projekt an den Champs-Élysées trotz Unterstützung mächtiger Mäzene, bedeutender Musikerpersönlichkeiten und Musikkritikern wichtiger Pariser Zeitschriften scheitert: Künstlerische Veranstaltungsorte wie die Opéra, die Opéra Comique, das Châtelet, das Théâtre Sarah Bernhardt und die Salle Pleyel empfinden Astrucs Projekt, die kulturellen Veranstaltungen der Grande Saison de Paris an einem Ort zu konzentrieren, als finanzielle Bedrohung. Gleiches gilt auch für Konzertveranstalter, für die Astruc mit seinem Musiktheater an diesem exponierten Ort eine unliebsame Konkurrenz darstellt und die deshalb bei der Stadt dagegen opponieren. Wiederstand kommt auch von den Anwohnern, die ein erhöhtes Verkehrsaufkommen durch die Theaterbesucher befürchten. Gegnern des Theaters führen an, dass sein Bau sich negativ auf die „schönste Promenade der Welt“ auswirken würde. Für den Bau müsste man auch „einige der schönsten Bäume der Champs-Élysées zerstören“. [7] Die stärkste Opposition kommt von der Seite des Pariser Stadtrates. „Gegen mich“, schreibt Astruc in seinen Memoiren, „richtet sich der Antisemitismus eines von La Libre Parole [8] unterstützten Stadtrats und die offene Feindseligkeit eines Stadtrichters, eines engen Freundes der Musik, aber eines noch engeren Freundes der Oper.“[9]

Seit Oktober 1907 ruht das Projekt mehr als ein Jahr lang. Im Stadtrat nimmt die Zahl der Gegner zu. Den Schlusspunkt in der Debatte setzt André Hallays, Anwalt, Journalist und Verfechter des französischen Erbes, der Commission du Vieux Paris, mit der Forderung, die Reste des alten Paris zu bewahren, d.h. auch das Gelände des ehemaligen Sommerzirkus nicht wieder zu bebauen. Auch die verspätete Vorlage einiger der angeforderten Finanzunterlagen durch Astruc dient den Gegnern des Projekts als juristisches Argument.

Im Jahr 1909 wird die 1906 an Astruc erteilte Genehmigung zum Bau seines Théâtre des Champs-Elysées am Standort des alten Cirque d’Eté vom Pariser Stadtrat offiziell zurückgezogen. Sein Kommentar im Le Figaro vom 7. Juli 1909: „Gott hat es mir gegeben, Gott hat es mir weggenommen! Die Stadtverwaltung hatte mir die Konzession für das Gelände an den Champs-Elysées versprochen. Der Stadtrat hat sein Versprechen zurückgezogen.“[10]


Kapitel IV: Das Théâtre des Champs-Élysées wird an der Avenue Montaigne gebaut

Der Stadtrat hatte seinen „elysischen Traum“ zunichte gemacht, doch Astruc gibt nicht auf: „Der Zyklon zog vorüber, ich sammelte die zerbrochenen Steine ​​ein, bekam wieder Mut und begann wieder zu bauen.“[11]

Cesar A. Leal kann in seiner Dissertation anhand von Archivmaterial in der Sammlung von Astruc-Papieren zeigen, dass es der Société du Théâtre des Champs-Elysées unter der Leitung von Astruc schon Anfang 1910 gelingt, ein neues Grundstück in der Avenue Montaigne 13-14 für 2.000.000 F zu erwerben. Astruc konnte hierzu die meisten seiner  bisherigen Investoren und Unterstützer mobilisieren. Die Situation nach dem Scheitern des Projektes an der Champs-Elysées wird in der Dissertation von Colin Nelson-Dusek [12] ganz anders darstellt und macht die Schwierigkeiten sichtbar, Licht die Geschichte des Theaters zu bringen. Nach Colin Nelson-Dusek sei Astruc seines Postens als Projektleiter enthoben worden, Gabriel Thomas sei zum neuen Leiter des neu organisierten Theaterkomitees gewählt worden und es sei die Entscheidung von Thomas gewesen, den endgültigen Standort in die Avenue Montaigne zu verlegen. Unter seiner Leitung, nach seinem künstlerischen Geschmack sei das Theater erbaut worden. Wie auch immer, Astruc verliert an Einfluss. Thomas, der reiche Finanzier und Kunstmäzen, drängt Astruc mehr und mehr aus der Société heraus.

Geradezu genial ist die Idee, das Theater nach dem ursprünglich geplanten Standort zu benennen. Sie könnte dem Gehirn von Astruc wie dem von Thomas entsprungen sein. Im Namen Théâtre des Champs-Elysées spiegelt sich prestige- und werbewirksam Kosmopolitismus, Eleganz und Kultiviertheit von Paris wieder. „Vielleicht“, so mutmaßt Cesar A. Leal, „stellte die Beibehaltung des Namens den Sieg über die bedrohlichen antisemitischen und politischen Kampagnen verschiedener Pariser Gruppen dar“. [13]

Roger Bouvard übernimmt zunächst allein die Planung für das gesamte Projekt in der Avenue Montaigne. Seine Entwürfe fügen den Bau in Fluchtlinie der bestehenden Bebauung ein und legen die innere Organisation der Räume fest, und finden hier die Zustimmung der Société. Bemängelt aber werden in den von Bouvard im Frühjahr 1910 vorlegten Studien die Ästhetik des Gebäudes und die ungenügende Einbindung des großen Saals in das Gesamtgefüge des Baus. Sie stehen im Widerspruch zur angestrebten Modernität und Funktionalität des Musiktheaters sowie zum Repräsentationsbedürfnis des Pariser Publikums.

Kapitel V: Henry van de Velde wird berufen

Nicola Perscheid – Henry van de Velde 1904

Ob von Gabriel Thomas oder von Gabriel Astruc die Initiative ausging, Henry Van de Velde in die Theaterplanung einzubeziehen, muss angesichts widersprüchlicher Darstellungen[14] offenbleiben. Über den Maler Maurice Denis, der später die Kuppel des großen Saals des Théâtre des Champs-Élysées gestalten wird und  sowohl Freund von Thomas wie von Astruc ist, wird Kontakt zu dem belgischen Designer und Architekten Henry van de Velde, dem Direktor der Kunstgewerbeschule in Weimar, aufgenommen. Van de Velde wird im Juni 1910 eingeladen, nach Paris zu kommen.

In seinen unvollendet gebliebenen Memoiren, erschienen unter dem Titel, „Geschichte meines Lebens“: schreibt er: „Die Chance, ein großes Theater zu bauen, lockte mich unwiderstehlich, nachdem zwei Möglichkeiten in Weimar fehlgeschlagen waren und sonst keine Aussicht bestand, meine Pläne und Modelle für ein Theater des neuen psychologischen Dramas zu verwirklichen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich ohne mein Zutun, ja fast gegen meinen Willen zur Mitarbeit an dem Pariser Projekt veranlasst wurde. Es sollte in einem Land verwirklicht werden, von dem ich annehmen musste, dass es weit davon entfernt war, meine Ideen und Neuerungen zu akzeptieren. In dieser Situation begab ich mich auf Einladung von Gabriel Thomas nach Paris.“[15]

Man muss wissen, dass die Memoiren unter dem Eindruck seines Scheiterns in Paris geschrieben wurden und sicherlich begründen sollten, warum dies geschah.

Van de Velde, von der Malerei kommend, ist bislang eher als Produktdesigner und Raumgestalter, weniger als Architekt hervorgetreten. Er ist mit der Programmatik des Deutschen Werkbunds und mit „dessen generellem Ziel, über die ‚Dekoration des Lebens‘ eine ‚harmonische Kultur‘ zu schaffen“, verbunden und geht „weitgehend konform mit dem volkserzieherischen Leitgedanken des Jugendstils. Die Architektur wurde demgemäß als „öffentlicher Dienst“ erachtet, hatte entsprechend in erster Linie soziale und funktionale Aufgaben zu erfüllen.“[16] In diesem Sinne entsprach sie auch Positionen der französischen Art nouveau um 1900.

In Weimar hatte Van de Velde 1903 ein Reformtheater geplant, inspiriert durch ein Gastspiel des Ibsen-Ensembles der Schauspielerin Louise Dumont. Nach dem Vorbild und in Konkurrenz zu Bayreuth plante er ein Mustertheater in den Formen des Jugendstils. Schon hier hatte er versucht die theaterreformatorischen Ideen mit einer emotional wirkenden Raumgestaltung und Linienführung zu verbinden. Er scheiterte an Hofintrigen und am Klassizismus, dem Weimar sich verpflichtet fühlte.

Henry van de Velde: Perspektive des Entwurfs für das Dumont-Theater in Weimar, 1903. [16a]

Seine Beteiligung am Neubau des Weimarer Hoftheaters wusste der verantwortliche Architekten Max Littmann zu verhindern.[17] Erst 1914 wird er auf der Werkbundausstellung in Köln einen eigenen Theaterbau errichten, der aber die Ausstellung nicht überlebt.

Als Van de Velde nach Paris kommt, hat er sich zwar theoretisch mit den Anforderungen eines modernen Theaters und seiner künstlerischen Gestaltung auseinandergesetzt, aber für seine Konstruktion, die für ihn nur einen dienenden, untergeordneten Charakter hat, fehlt ihm die technische Kompetenz. Das wird zu seinem Scheitern auch in Paris betragen.

Weil er in Paris mögliche Konflikte befürchtet, lässt er sich zuvor die Zustimmung von Bouvard zu seiner Mitarbeit zusichern. Am 3. Dezember 1910 unterzeichnet Van de Velde den Vertrag mit der Société als beratender Architekt. Seine Einschätzung von Roger Bouvard, mit dem er zusammenarbeiten soll, spricht Bände: „Während unseres Gespräches hatte ich keinen Augenblick den Eindruck, mit einem Künstler, einem Architekten zu verhandeln, viel eher mit einem Verwaltungsrat oder einem Bankdirektor.[18] Diese Arroganz Bouvards gegenüber wird sich rächen.

Zu Van de Veldes Team gehört Eugène Milon, ein ehemaliger Mitarbeiter von Gustav Eiffel beim Bau des Eiffelturms, da zunächst ein Eisenskelett als tragende Konstruktion für das Theater vorgesehen ist, und  Marcel Guilleminault, ein junger Absolvent der École des Beaux-Arts zur Ausarbeitung seiner Skizzen. Die  drei reisen durch Deutschland, studieren Anlagen der Zuschauerräume, technischen Ausrüstungen der Bühnen und Beleuchtung nicht nur Bayreuth und München. Van de Velde berät Bouvard nicht nur, wie anfangs von der Baugesellschaft vorgesehen, sondern verändert die Baupläne in Absprache mit seinem Kollegen umfangreich, sodass er schließlich die gesamtgestalterische Leitung des Projekts übertragen bekommt.

Van de Velde wird von Gabriel Thomas massiv unter Druck gesetzt, einen Zuschauerraum zu schaffen, der van de Veldes Überzeugungen diametral entgegengesetzt ist: „Wir verlangten eine Zusammenfassung der Zuschauer und die Konzentration der Blickrichtung auf die Bühne. Alle, die Vertreter der privilegierten Klasse wie die bescheideneren Besucher, sollten in gleicher Weise den szenischen Vorgängen folgen können.“  Thomas hingegen meinte, „dass das französische Publikum keine andere Form des Zuschauerraumes akzeptiere als den Typus italienischer Tradition, der das gesellschaftliche, das mondäne Element eines Theaterabends betonte. Das französische Publikum,…wolle in erster Linie im Theater gesehen werden; er gab zu, dass dadurch ein großer Teil der Zuschauer einer guten Sicht auf die Bühne beraubt würde“.[19]

Stilbildend für den Theatertyp in „italienischer Tradition“ war das Gran Teatro La Fenice in Venedig, das sich nach dem Brand des ersten Theaters 1774 Phoenix-gleich, von 1790-1792 neu erbaut, aus der Asche wieder erhoben hatte.  

Da war die große Zeit Venedigs als Handelsmacht vorüber, aber die Stadt war mit dem Karneval, ihren Bällen, Konzerten, Opern und mit der Freizügigkeit der Sitten zum angesagten und eleganten Vergnügungsort Europas geworden.  Das glanzvolle Logentheater wurde Zentrum für ein Publikum, das selbst Teil dieser Lustbarkeiten war, von denen es angezogen wurde.

Der Journalist und Kunsthistoriker Jacques Mesnil, der sich kritisch mit dem  Théâtre des Champs -Élysées auseinandergesetzt hat, pointiert diese konträren Ansichten von Thomas und Van de Velde zur Aufgabe eines Musiktheaters: „Er [Gabriel Thomas] wollte ein Theater „de bien-être“ (des Wohlbefindens) schaffen, das auch, um es mit den üblichen Worten zu sagen, ein „Tempel der Musik“ sein sollte. Für diejenigen, die verstehen, was damit gemeint ist, gibt es aber einen unüberwindbaren Widerspruch zwischen diesen beiden Ansichten. Ein Tempel der Musik wäre ein Theater im Geiste Bayreuths, wo man kommt, um in ehrfürchtiger und gedämpfter Stille wahren Kunstwerken zu lauschen, die die Aufmerksamkeit des Publikums ganz in Anspruch nehmen. Das Theater „de bien-être“ wäre ein Theater, in dem die internationalen Snobs, auf deren finanzielle Unterstützung man sich sehr freut, die Toiletten ihrer Frauen oder Mätressen vorführen würden.“[20]

Auch der Kunsthistoriker, -kritiker und Museumskurator Paul Jamot, Propagandist des  Théâtre des Champs Élysées und von August Perret, meint „Ein Theater ist kein Konferenzraum. Die Show, die wir sehen wollen, findet auf der Bühne statt; aber es gibt auch eine im Saal. … Zumindest in Frankreich wäre es den Frauen und vielen Männern verdorben, wenn wir die besten Chancen, sich zu zeigen und gesehen zu werden, abschaffen würden.“[21]

Van der Velde versucht, den widersprüchlichen Bedürfnissen gerecht zu werden: Anstelle eines rechteckigen Grundrisses für den Saal, der allen Zuschauern ein gutes Sehen und Hören ermöglicht hätte, wählt einen runden Raum in „italienischer Tradition“, um eine maximale dekorative Wirkung zu erzielen.

Henry van de Velde – Ansicht des Raumes, entsprechend dem unausgeführten Entwurf. [21a]

Van de Velde löst dabei die ästhetische Schwierigkeit die Verbindung zwischen dem quadratischen Raum der Bühne und dem runden Zuschauersaal herzustellen, indem er die bogenförmige Verlängerung der Bühnen- und Proszeniumswände den geschwungenen Linien der Balkone des Saals entgegensetzt und dabei sich auf sein Rhythmusgefühl als Zeichner verlässt.

DE L’ENTRÉE SUR SCENE. Skizze zum ‘Théâtre des Champs-Elysées’ in Paris. Abb. aus Henry Van de Velde, Geschichte meines Lebens

Die Gestaltung erfolgt nicht aus konstruktiven Überlegungen, sondern aus einer ästhetischen Sensibilität heraus:

 „Die Gesetze und Bedingungen der Schönheit währen ewig – die Verhältnisse der Linien zu einander, der Farben zueinander und des verschiedenen Materials zueinander kann man verschiedenartig empfinden. Aber die Natur dieser Sensibilität bleibt dieselbe. Sie schöpft aus dem Mächtigsten und Reinsten, was in uns ruht – aus der Wollust, mit der wir uns in direkte Verbindung mit dem setzten, was das innerste Wesen aller Dinge ausmacht – mit dem Rhythmus. Durch die Wollust, mit dem wir diese Verhältnisse der Linien, der Farben und des Materials empfinden, sind wir zum Begriff der Schönheit der Architektur gelangt (…).“[22]

Die für offizielle Persönlichkeiten bestimmten Proszeniumslogen lässt er fort. Stattdessen nutzt er die weit vorgezogenen offenen Loggien der Proszenium-Segmente für die Zu- und Ausgänge zu beiden Seiten der Bühne und für die Theaterbesucher,  die dort während der Pausen promenieren, in den Zuschauerraum sehen und von dort gesehen werden konnten.

Henry van de Velde et R. Bouvard: Nicht ausgeführter Plan auf der Höhe der ersten Logen (Ende März 1911) .[22a]

Erst jenseits dieser Proszeniums-Segmente soll der eigentliche Zuschauerraum beginnen.  Bei weiter nach vorne gezogenen Balkonen und von den höheren Galerien wäre das Sichtfeld auf die Bühne unzureichend gewesen. Diese Form der Balkons und Loggien in van de Veldes Plänen von Dezember 1910 und von März 1911 sollte die Grundlage für die spätere Bauausführung sein.

In genannten Plänen erkennt Christian Freigang [23] auch ein Proszenium, in dem ein Orchestergraben geplant ist und die – in abgedeckter Form – zugleich eine bespielbare Vorderbühne bildet, also ein von Littmann inspiriertes Bühnenmodell.

Kapitel VI: Auguste Perret tritt hinzu

Was nun folgt, entwickelt sich zur Kontroverse über die Urheberschaft des Théâtre des Champs Elysées.

Ursprünglich war, wie gesagt, eine Eisenkonstruktion als Grundgerüst für das Theater vorgesehen. Wegen des dazu hohen finanziellen Aufwandes zieht van de Velde selbst aus Kostengründen eine Konstruktion aus Stahlbeton (béton armé) in Betracht. Sein Freund, der Maler Théo van Rysselberghe weist ihn auf Auguste Perret hin, der sich auf Betonkonstruktionen spezialisiert hat und zusammen mit seinen beiden Brüdern Gustave und Claude die Firma „Perret Frères-Architectes-Constructeurs-Béton Armé“ führt.

Auguste Perret (1874-1954) vor Entwuirfszeichnungen der Kirche von Raincy und des Theaters der Ausstellung von 1925 [23a]

Die Firma Perret geht auf den Steinmetz Claude Marie Perret zurück,  der als 20-Jähriger in Paris mit revolutionären Ideen in Berührung kommt. Er schließt sich dem Aufstand der Kommune 1871 an und wird nach dessen Niederschlagung beschuldigt, an der Brandlegung der Tuileries beteiligt gewesen zu sein. Um den Repressionen zu entgehen, flieht er mit seiner Frau nach Brüssel. Hier gründet er seine erste Baufirma, und dort werden seine drei Söhne (Auguste, Gustave und Claude) geboren. Die Firma floriert, doch 1880 nach der Amnestie für die Aufständischen der Kommune, kehrt er nach Paris zurück. In seine Baufirma von 1883 treten nach und nach seine Söhne ein. Das Unternehmen firmiert von 1897-1905unter dem NamenEntreprise Perret et Fils, dann – nach dem Tod des Vaters – von 1905-1954als Entreprise Perret Frères – Architectes – Constructeurs – Béton Armé.

Das Haupt dieser Firma ist Auguste Perret, der wie dann auch sein Bruder Gustave an der École des Beaux-Arts in Paris studierte. Beide wurden von dem Architekten und Architektur-theoretiker Julien Guadet nachhaltig beeinflusst. Nach Guadet sollten sich Respekt vor der Tradition mit einer modernen, rationalistischen Konzeption und Funktion von Gebäuden, neue Materialien und technische Konstruktionen berücksichtigend, verschmelzen.

Ab 1894 ist Auguste Perret im väterlichen Bauunternehmen tätig. Seit 1900 beschäftigt er sich mit Bauten in Eisenbeton und wird zu einem der Pioniere des Stahlbetonbaus (parallel zu François Hennebique und Eugène Freyssinet). In seinem Büro arbeitet zwischen 1908 und 1909 u.a. Le Corbusier (noch unter seinem eigentlichen Namen Charles-Édouard Jeanneret-Gris). Perrets erste Stahlbetonbauten sind 1904 das Wohnhaus 25-2, Rue Franklin, Paris und 1907 die Auto-Garage in der Rue Ponthieu, Paris (nicht mehr erhalten).

Bedeutende Bauten nach dem Théâtre des Champs-Élysées (von 1911-1913) sind 1923 die Pfarrkirche Notre-Dame in Le Raincy, ein dreischiffiger Hallenbau in Sichtbeton unter Verwendung standardisierter Bauelemente, 1924 der „Tour Perret“ in Amiens, das erste Stahlbeton-Hochhaus in Europa, 1932 das Wohngebäude 51-55 rue Raynouard, Paris, 1936  das Mobilier national (staatliches Möbellager für Behörden und Ministerien), Paris und  1939  das Musée des Travaux Publics (heute das Palais d’Iéna) in Paris. Von 1945-1954 war er hauptverantwortlicher Stadtplaner für den Wiederaufbau des von den Alliierten völlig zerstörten Le Havre, das 2005 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen wurde.

Ein Exkurs

Wir unterbrechen hier die Chronologie des Theaterbaus, um in einem Exkurs die Kontroverse um die Urheberschaft am Théâtre des Champs-Élysées und seine architekturgeschichtliche Einordnung  zu verstehen. Dazu begeben wir uns in das Frankreich am Ausgang des 19. und in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

  • Der Weg aus der Krise des Architektenberufs

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zeichnet sich eine Krise des Architektenberufs ab. Nach Auffassung des Architekten und Ingenieurs Emile Trélat, Eleve der École Centrale, der bedeutenden Pariser Ingenieurschule,  hatte „der Architekt die Fähigkeit verloren, die Anforderungen einer Epoche zu erfüllen, die ihrerseits dem Architekten das Recht verweigerte, im Namen der Kunst ihr Interpret zu sein. Die Situation sei umso schlimmer, als es keine systematische Ausbildung gebe und die Architekten gezwungen seien, verschiedene Materialien zu verwenden, deren wissenschaftliche Eigenschaften sie nicht kennen würden. Infolgedessen fühlten sie sich den Ingenieuren gegenüber relativ ohnmächtig und unterlegen.“[24] Die Ursache sieht Trélat in einer fehlenden technischen Ausbildung. Wie Eugène Viollet-le-Duc, der 1863 sich vergeblich bemüht hatte, den Ausbildungskanon der École des Beaux-Arts zu reformieren,  wandte er sich gegen deren Lehrmonopol. Deshalb gründet Trélat zusammen mit Viollet-le-Duc 1864 die École Spéciale d’Architecture nach dem Vorbild der École Centrale, aus der u.a. Gustave Eiffel hervorging. Die École Spéciale sollte versuchen, ein neues Profil für den Architekten zu definieren, das auf der Aneignung bestimmter Fähigkeiten des Ingenieurs beruhte.

Wenn Architektur als „Kunst der Raumgestaltung“ untrennbar mit der Idee der Konstruktion verbunden ist und ihre Wurzeln im rationalistischen Denken hat, dann musste  der Architekt wieder zum Baumeister werden. „Im Sinne dieses rationalistischen Ideals des Baumeisters versuchten die Brüder Perret die Integration von Architektur und Bauwesen: Pläne, Berechnungen, Ausführungen lagen in derselben Hand. Perret beanspruchte ausdrücklich den Titel des Baumeisters, der für ihn die eigentliche Kompetenz des Architekten bedeutete. In einem Interview, das er 1926 der Zeitschrift Comoedia gab, stellte er den offiziellen, an der École des Beaux Arts ausgebildeten Architekten dem Bauarchitekten gegenüber, dessen Ziel nicht so sehr darin bestand, nach Rom, in die Villa Médici, sondern auf die Baustelle, in die Fabrik und in die Werkstatt zu gehen, um die Bedingungen des Bauens zu studieren. Der Architekt ist nicht nur ein Künstler, ein Träumer der Form; die Linien eines Projekts müssen von ihm ausgeführt werden, er muss bauen, konstruieren, erreichen“.[25] Jakob Ignaz Hittorff, der, wie sein Gare du Nord und die kühnen Dachkonstruktionen des Panoramas und der Zirkusbauten zeigen, zugleich Architekt und Ingenieur war,  hätte diesen Satz auch  unterschreiben können.

Aber die Krise des Architektenberufs lag nicht nur beim Reformunwillen der École des Beaux-Arts, sondern an der zunehmenden Arbeitsteilung in den industriell fortgeschrittenen Ländern. „Die Firma der Gebrüder Perret, die den gesamten Produktionsprozess von der ersten Skizze bis zu den Arbeiten auf der Baustelle kontrollierte, war schon zu einer Ausnahme im französischen Bauwesens des zwanzigsten Jahrhunderts geworden.“ [26]

Nach dem Gesagten wird klar: Mit dem Selbstverständnis von Auguste Perret war beim Bau des Théâtre des Champs-Élysées eine Begrenzung nur auf die technische Seite der Betonkonstruktion nicht zu machen. Er griff mit eigenen Vorstellungen in die archi-tektonische Gestaltung ein, was zwangsläufig zu einem Konflikt mit van de Velde führen musste.

  • Die Konstruktion einer nationalen architektonischen Identität

Die Forderung nach einer nationalen architektonischen Identität in Frankreich beginnt bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Im Zuge eines wachsenden Nationalismus in Frankreich Anfang des 20. Jahrhundert, nicht nur ausgelöst durch die Niederlage im Krieg 1870/71, sondern auch durch innerfranzösische gesellschaftliche Auseinandersetzungen, richtet sich die Kritik zunächst gegen den art nouveau, den Jugendstil, insbesondere den im deutschen Kunsthandwerk, das als unliebsame Konkurrenz erlebt wird, und weitet sich auch auf die Architektur aus.  Ein Wortführer dieser Kritik ist der Kunstschriftsteller André Vera.  Eine vollständige Reform der »angewandten« Künste Architektur, Gartenkunst und des Kunsthandwerks, werde sich nur im Zuge der nationalen Erneuerung vollziehen. „Die vorangegangene Epoche sei mit ihrer Betonung des »Gefühls«, von Pazifismus und Sozialismus (…) beherrscht gewesen. Die Regierung habe wegen ihres Antimilitarismus und Atheismus die nationale Tradition nicht bewahrt.“ [27] „Nunmehr aber würden wieder Klarheit, Maß und Harmonie in allen Kompositionen Einzug halten. Gemeinsames Wirken der Künstler würde die frühere individualistische Entäußerung ablösen.“ (André Vera) [28]

 „Dem mystisch-irrationalen, geschmackslosen, aber effizient organisierten Deutschen wurden bestimmte nationale Charaktere gegenübergestellt, eben diejenigen von clarté, simplicité und raison. …. So paare sich das herausragende französische Wesensmerkmal, die Vernunft und Logik in der Konstruktion und Wahrnehmung der Umwelt, mit deren gefühlsmäßig erfahrbarer Beseeltheit. Dieser Grundsatz bildet auch das maßgebliche Fundament der späteren Kritik an der Maschinenästhetik der Internationalen Moderne.“[[29]]

In den Auseinandersetzungen um eine nationale architektonische Identität, die die Form eines Kulturkampfes annahmen, schlugen sich also deutliche volkspsychologische Klischees und ein Chauvinismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nieder.

In der Einforderung einer neuen Formensprache mit Vereinfachung und Typisierung historischer Bauformen, hergeleitet aus der französischen Architekturtradition und den genannten französischen Wesensmerkmalen, wird sie zum Modell einer zeitgemäßen nationalen französischen Moderne.

 „Nicht mehr der Dekorateur und Skulpteur, sondern der Architekt dominiere nunmehr wie die Baukonzeption. Er lasse Ornament nur als Relief an markanten Stellen zu, komponiere ansonsten durch richtig proportionierte Oberflächen…Der neue Stil sei symmetrisch, ruhig und sichtbar gelassen, im Gegensatz zur Bewegtheit der Fassaden zuvor…Die Abwendung vom internationalistischen Jugendstil werde die besonderen Merkmale der französischen race zum Ausdruck bringen: Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie.“[30]

Dies sei der Kern des zivilisatorischen Wirkens der französischen Nation, das von der griechischen Antike, dann über Rom und seit der Christianisierung im Mittelalter schließlich auf Paris übergegangen sei. „Der griechische Geist, von Logik, Schönheit und Einfachheit geprägt, habe zunächst die orientalischen Barbaren zivilisiert und sei anschließend die Grundlage Europas und insbesondere Frankreichs und Paris geworden… Die erfolgreiche Fortsetzung des uralten antiken Erbes stellt eine essentielle Verpflichtung für die Zukunft und somit einen wesentlichen Bestandteil der nationalen Identität dar.“ [31] Dieser  moralisch und historisch vermittelte Zivilisationsauftrag war Grundkonsens innerhalb der katholischen, laizistischen, monarchistischen und demokratischen Lager. In den Bauformen und –motiven Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie einzufordern, stiftete nationale Identität.

Nach dem Großen Krieg wendet sich diese Forderung nach einer nationalen Architektur zunehmend gegen die sog. Internationale Moderne und ihren Protagonisten Le Corbusier.  Das aktuelle französische Bauen müsse darauf zielen, Zeitgemäßes mit der Bewahrung nationaler Traditionen zu  verbinden. Als Hauptprotagonist dieser Auffassung gilt fast unangefochten der Architekt Auguste Perret (1874-1954),  der beansprucht, das moderne Material Eisenbeton in eine schlichte, klassizistische Form zu überführen.

Eine Schlüsselstellung hierin nehmen das 1911-13 vom  Atelier Perret ausgeführte Théâtre des Champs-Elysées in Paris  und die in seinem Zusammenhang geführten Diskussionen ein.

Kapitel VII: Auguste Perret greift in die architektonische Gestaltung ein und verdrängt van de Velde

Van de Velde lernt Perret am 26. Januar 1911 kennen und lässt Perret drei Tage später seine Pläne zukommen mit der Bitte um einen Kostenvoranschlag für eine Ausführung des Rohbaus in armiertem Beton. Wenige Tage später antwortet Perret, dass man die Ausführung übernehmen wolle und dass mit einer bedeutenden Einsparung gerechnet werden könne.Was jetzt folgt, ist die überaus geschickte Strategie Auguste Perrets, van de Velde aus der Planung des Theaters heraus zu drängen und die Urheberschaft für den Bau zu beanspruchen:

Im März 1911 bittet Perret van de Velde die Stützen der Halle zur besseren Druckverteilung und Tragfähigkeit zu verändern. Van de Velde gibt dieser rein technischen Bemerkung nach, deren Richtigkeit er nicht überprüfen kann, und passt seine Pläne entsprechend der Stahlbetonbauweise an. Diese Verbesserungen finden sich in den von Bouvard und Van de Velde unterzeichneten Plänen vom 30.März 1911. An diesem Tag wird die Firma Perret mit der Ausführung des Rohbaus betraut.

Aus der Sicht des Instituts Auguste Perret wird dieser Vorgang völlig anders dargestellt: Auf der Grundlage von Van de Veldes Plänen sei das Theater in Stahlbeton nicht baubar gewesen und man habe mit der Untersuchung der Struktur des Gebäudes begonnen.

A. et G. Perret 1910-1913. Stahlbeton-Skelett des Théâtre des Champs-Élysées [31a]

In einem Artikel des Institut Auguste Perret liest sich das so [32]: „Innerhalb weniger Tage nach ihrer Beratung entwickelten die Brüder Perret eine innovative Konstruktionsmethode. Sie legten ihren Zirkel, ihre Reißschiene (T-Schiene) und ihr Winkelmaß auf den Entwurf von Bouvard und Van de Velde und begannen, nach dem geeignetsten Gerüstraster zu suchen. Nach mehreren Versuchen entwickelten sie einen Plan, der die großen Räume des Theaters (Empfang, Saal, Bühne) durch ein System aus einem viereckigen Raster und zwei konzentrischen Kreisen (der eine bestimmt die Hülle des Saals, der andere seine Zugänge) miteinander verband. Der Schnittpunkt der Kreise und des Rasters ergab vier Gruppen von Pfosten, die die vier Pylonen der Primärstruktur des Theaters bilden sollten.“ 

Die Brüder Perret hätten dadurch das vorherige Projekt umgewälzt. Gleichzeitig wird behauptet, dass van de Veldes Plan vom 30. März 1911 ohne Kenntnis des Rahmenplans von Perret und die Lösung mittels der „Pylone“ undenkbar sei.

„Die Herren Perret behaupten“, wie Jacques Mesnil in seiner kritischen Auseinandersetzung [[33]] mit Perret schreibt, „dass die gesamte Konstruktion und alle architektonischen Formen des Theaters aus dem von ihnen angewandten Bausystem hervorgehen.“  Und er zitiert hier aus einem Brief von Auguste Perret vom 8. Oktober 1913: „Sie schreiben uns (es wäre wirklich schwierig, dass es anders sein könnte) die Gruppe der vier Zweiergruppen oder Pylonen im Raum zu.“ Nun, aber es ist vorbei, es ist entschieden, das ganze Theater ist da (sic) … Aus diesen vier Gruppen von zwei symmetrischen Punkten, die auf zwei großen Balken ruhen und zwei Träger stützen, leitet sich die Architektur des gesamten Gebäudes ab.“[34]

„Perret,“ so Christian Freigang, „legitimierte diese Übernahme vor allem mit ästhetischen Argumenten: Sein Betongerüst habe in konsequenter Anwendung rationalistischer Grundsätze eine klassizistisch regelhafte und rektanguläre Komposition zur Folge. (…) Die Bautechnik als entscheidende Determinante, eine streng logische Geometrisierung und die Referenz auf die Tradition ergänzten sich zu einer ästhetischen Werkeinheit, hinter die bloße funktionale Erfordernisse oder subjektiv-sensualistische Wahrnehmungsaspekte zurücktraten. Der décoration wird die construction als essentielle Eigenschaft der neuen klassizistischen Moderne entgegengesetzt.[35]

Perrets Behauptung, sein Konzept bezüglich der Stützenpaare determiniere  logisch die gesamte Architektur des Theaters, ist für Jacques Mesnil eine „unglaubliche Verwirrung in den heutigen Kunstbegriffen“: „Das heißt für die Herren Perret, ein Bausystem und ein architektonisches Kunstwerk sind dasselbe! Sie scheinen nicht zu begreifen, dass ein vollkommen solides und robustes Gebäude völlig ohne Schönheit und künstlerischen Wert sein kann. [36]

Van de Velde, der „ausführlich auf die wirkungs-ästhetischen, sensualistischen Qualitäten der äußeren Erscheinung seiner Architektur abhob“ (Christian Freigang), verlor nicht nur zunehmend seine Position als beratender Architekt, auch die Bewertung und Bedeutung seiner Theaterentwürfe wurden herabgewürdigt, obwohl auf formal architektonischer Ebene Perrets Änderungen wenig tiefgreifend waren.

Mit Billigung von Gabriel Thomas und einigen Mitgliedern des Verwaltungsrates der  Société du Théâtre des Champs-Elysées hatte sich Auguste Perret über die Fertigung der Beton-Konstruktion hinausgehend auch in die architektonische Gestaltung hineingedrängt. Von seinen Änderungen sollen nur zwei herausgegriffen werden: die des großen Saals und der Fassade.

Der große Saal wird durch Wegfall der Loggien und Verlängerung der Balkone bis zum Bühnenpfeiler verändert.  Die Balkonvergrößerung erfolgt auf Kosten der Sichtverhältnisse und der Schönheit der Linienführung und wird von van de Velde in seinen Memoiren so beklagt: „…die Linien der Balkone [waren] in einer Weise verändert, daß jede Spannung verschwunden und dass sie zu weichen, leeren Formgebilden geworden waren, die mühsam bis zum ersten Pfosten des Betonskelettes führten. Die Brüder Perret waren skrupellos vorgegangen. Sie scheuten sich nicht, meinen Entwurf frevlerisch zu verstümmeln, um dadurch die Platzzahl des Theaters – im Programm waren achtzehnhundert Sitze festgelegt – auf zweitausend zu erhöhen! Den Verwaltungsrat hatte Gabriel Thomas dazu gebracht, alles zu torpedieren, woran wir monatelang mit größtem Eifer gearbeitet hatten und was die Grundlage für jedes Theater, welchen Stils auch immer, bleibt: die gute Sicht für jeden Zuschauer.“ [37]

A. & G. PERRET- Théâtre des Champs Elysées, Skizze der Halle, nach der Natur gezeichnet [37a ]

Wegen dieser Änderungen ist Leila Zickgraf der Meinung, dass das Théâtre des Champs-Élysées heute weniger als eine Manifestation der Reformforderungen zu betrachten [ist], als vielmehr als ein Rückzug von ihnen.“[38]

Besonders deutlich wird der Eingriff Perrets bei der Fassade. Ihre Gestaltung stellt für den Architekten eine besondere Herausforderung dar, denn sie ist sozusagen das Gesicht des Gebäudes, sie bestimmt sein äußeres Erscheinungsbild, in ihr spiegelt sich der architektonische Stil wider.

Hier beim Théâtre des Champs-Elysées ergab sich ein zweifaches Problem. Erstens konnte die Fassade die innere Konstruktion des Theaters nicht aufnehmen, da ein kleinerer Theatersaal (die Salle de Comédie) oberhalb des Foyers und zwischen großem Saal und Fassade quer zur Hauptachse des Gebäudes eingefügt war. Der mittlere Teil der Fassade fiel somit mit der Seite dieses kleinen Theaters zusammen.

Zweitens musste der Bau und d.h. auch seine Fassade, die auf einer Seite direkt an weitere Häuser angrenzte, in die Fluchtlinie der bestehenden Bebauung und ihrer Geschosshöhe eingefügt werden. Henry van de Velde hat diesen Problemen Rechnung getragen und dem Komitee verschiedene Entwürfe vorgelegt.

Henry van der Velde – Fassade des Théâtre des Champs-Élysées.[38a] 

In diesen Fassaden-Entwürfen ist die Grundstruktur der späteren Fassade schon erkennbar, sie unterscheidet sich aber durch die Fortsetzung der Linie der benachbarten Häuser.

„Ende März 1911“, schreibt van de Velde in ‚Geschichte meines Lebens‘, „hatte das Komitee noch keine Entscheidung über die Ausgestaltung der Fassade getroffen. Ich legte im weiteren Verlauf verschiedene Skizzen vor, die nicht angenommen wurden. Mit der Zeit wurde ich mir klar darüber, daß hier ein System vorlag. Die Sache roch nach Intrige.“[39]

Auch ein neuer Entwurf einer steinernen Fassade im Mai 1911 mit einem Aquarell von Emile Antoine Bourdelle, auf dem dieser die Reliefs für den oberen Fries und die jetzt abgesenkten Seitenflügel eingezeichnet hat, wird vom Verwaltungsrat abgelehnt.

Étude de la façade de Bourdelle [39a]

Auguste Perret hat zunächst als Fassade einen großen Kasten mit einen blinden Aufsatz entworfen, überragt von einem gebogenen Giebel. Der Entwurf wird vom Bauherrn verworfen.

Perrets Entwurf passt sich dann den letzten Skizzen von Bourdelle an und präsentiert im Juli 1911 zur Überraschung van de Veldes eine  Zeichnung der Fassade, die angenommen wird. „Dieses unqualifizierbare Verhalten,“ so van de Velde, „das offenbar mit dem Präsidenten und einigen Mitgliedern des Verwaltungsrates als Komplicen abgesprochen war, machte mich rasend.“[40]

Théâtre des Champs, Fassadenentwurf Auguste Perret – Élévation de la façade principale, solution réalisée selon les esquisses d’Antoine Bourdelle (Rand beschnitten)

Daraufhin verlangt Van de Velde die Auflösung des Vertrags, bleibt aber zunächst noch nominal ‘Architecte Conseil’ (beratender Architekt). Die weitere Entwicklung zeigt, dass Gabriel Thomas seine Zusicherung, keine weiteren wesentlichen architektonischen Änderungen zuzulassen, nicht einhält. Dies führt zum endgültigen Bruch van de Veldes mit der Société du Théâtre des Champs-Elysées.

Kapitel VIII: Die Rezeption des neuen Theaters

Wie nationalistisch und chauvinistisch die damalige Atmosphäre war, zeigte sich daran, dass selbst das nun 1913 fertig gestellte Theater als „architecture germanique“ bezeichnet wurde und wie in der Zeitschrift Le Moniteur zu lesen ist, Kritiker, die „architecture boche“ anprangerten und „dem Gebäude den Spitznamen „zeppelin de l’avenue Montaigne“ gaben. „Glücklicherweise“, heißt es im Le Moniteur, „entdeckten einige aufgeschlossene Menschen den Modernismus und billigten ihn, wie beispielsweise die Zeitschrift ‚Art et Décoration‘, die 1913 schrieb: „Die Arbeit der Architekten und Dekorateure des neuen Theaters zeigt in gewisser Hinsicht, was in unserem Land versucht und erreicht werden kann, wenn die Republik die Renaissance-Rathäuser und neogriechischen Postämter endgültig satt hat.“ [41]

Weitaus wirkungsvoller und nachhaltiger als die Kritiker aus der nationalistischen Ecke und auch die Kritik von Mesnil, der mehr dem Sozialismus und Anarchismus nahe stand, erweist sich das hohe Lied auf Perrets Théâtre des Champs-Elysées, das der Louvre-Abteilungsleiter und Kunstkritiker Paul Jamot, singt: 

Perrets Konzept habe sich aus antiken Architekturprinzipien abgeleitet. „Ohne antike Bauten oberflächlich zu imitieren, sei hier analog zum griechischen Bauen die Logik der Konstruktion in eine perfekte ästhetische Form eingebunden, Proportionskanons wirkten, ohne sie überbrachten akademischen Prinzipien zu entlehnen.“[42]

Jamot spannt in seiner Eloge auf das Théâtre des Champs-Elysées den Bogen noch weiter: „…nicht die Vetternwirtschaft eines demokratischen Wettbewerbs [habe] regiert, sondern in erster Linie ein quasi adeliger Mäzen, eben Gabriel Thomas. Erst dadurch sei ermöglicht worden, den Einfluss der schädlichen Jugendstil-Architektur auszuschalten, welche die nationale „Blut- und Geistestradition“ von Einfachheit, Vernunft und Klarheit unterbrochen habe. Im antidemokratischen Lob des heilbringenden Einflusses monarchischer Mäzene und vor allem in der Beschwörung der „Bluts- und Geistestradition“ argumentiert Jamot unmissverständlich aus der Perspektive jener „Konservativen Revolution“, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts formiert und in der Dreyfus-Affäre verstärkt hatte.[43]

Die monarchistische Tendenz entspricht den politischen Zielen von Charles Maurras und seiner politischen Gruppierung Action française, die gerade im  Vorfeld des Ersten Weltkriegs mit ihren antirepublikanischen, antiparlamentarischen und antisemitischen Attacken und Aktionen eine erste Hoch-Zeit erlebten. Tatsächlich finden sich sämtliche Protagonisten dieses Theaterbaus – Jamot, Thomas und Denis – in entsprechenden Zirkeln wieder, insbesondere im Umfeld der Zeitschrift L’Occident.   „Charakteristika des in der französischen Zivilisation gipfelnden Okzidents seien – so das von ihr propagierte Programm- die ewig unumstößlichen Eigenschaften des „Konstruktiven“, der Dauer, Logik und Eleganz.Kunst sei höchster Ausdruck der Nation, kein republikanisches Propagandainstrument zur Verführung der Massen; entsprechend müssten sich Denken und Religion der Nation in ihren Kunstwerken einfach und logisch manifestieren. (…) Vor diesem Hintergrund gewinnt das Théâtre des Champs-Élysées eine eminente politische Bedeutung als programmatischer Bau einer antidemokratischen modernen Architektur  Frankreichs. Architektonische Qualitäten – Proportioniertheit, Logik, Komponiertheit – werden unter den vorgenannten Prämissen zu Abbildern gesellschaftlich-hierarchischer Ideale.“[44]

Der Satz des antiken Grammatikers Terentianus Maurus, Pro captu lectoris habent sua fata libelli” („Je nach Auffassungsgabe des Lesers haben die Büchlein ihre Schicksale.“) gilt auch, wie wir gesehen haben, für Bauwerke, die je nach Zeit und Umständen unterschiedlich „gelesen“, das heißt verstanden und benutzt werden.

Für die Mehrzahl der heutigen Besucherinnen und Besucher des Théâtre des Champs-Élysées liegen aber die angesprochenen geistigen und politischen Strömungen soweit zurück, dass die architektur-geschichtliche Perspektive hinter der Frage zurücktritt, was den Bau auszeichnet, dass er zur Ikone der französischen Moderne wurde. Die Antwort wollen wir im zweiten Teil unserer Betrachtung geben, die sich mit dem aktuellen Erscheinungsbild beschäftigt.

II. Teil Beschreibung von Bau und Dekoration

Kapitel I:  Die äußere Erscheinung

Insbesondere dank der Hauptfassade an der Avenue Montaigne wird das Théâtre des Champs Elysées – bald wegen ihrer schlichten Strenge und Geometrie als Vorläufer des Art déco beschrieben – zur gefeierten Inkunabel der französischen Moderne. Die Fassade gliedert sich in einen nur leicht vorgesetzten, dominierenden Mittelrisalit und abgesenkte Seitenteile. Der linke Seitenteil mit den Zugängen zu den Theaterrestaurants grenzt direkt in gleicher Fluchtlinie an den Gebäuden der Avenue. Der rechte Seitenteil in Form eines Viertel-Zylinders mit drei Eingängen zu den beiden  kleinen Theatersälen (Comedie und Studio) geht an der Impasse des Douze Maisons in die Seitenfassade über, die unverhüllt mit der Ziegelfüllung in Betonrahmen die Konstruktion des Gebäudes zeigt.

Théâtre des Champs-Elysées, 2025 Foto: Wolf Jöckel

Die mit hellem Marmor verkleidete Hauptfassade, zeichnet sich durch eine feierliche Gestaltung und Ordnung aus, die in der nächtlichen Beleuchtung besonders zur Geltung kommt.

Foto: Wolf Jöckel

Den zentralen Hauptkörper begrenzen zwei hohe paarige Pilaster-artige Lisenen, die bis zum Gesims reichen und den Rahmen für drei Fensterachsen und die Haupteingänge und insbesondere für die drei Flachrelief-Metopen im Gebälk von Antoine Bourdelle bilden. Die Fensterachsen und Reliefs sind durch Pilaster abgegrenzt, sodass sich eine vorherrsche vertikale Gliederung der Fassade ergibt. Das dreiteilige zentrale Relief mit dem Titel „Meditation des Apollo“ zeigt in der Mitte Apollo mit einer Leier, begleitet von Gloria, der geflügelten Künderin des Ruhms, und die neun Musen, die herbeieilen, um den Gott der Künste zu begrüßen.

Fassade: Bourdelles Apollo-Fries Foto: Wolf Jöckel

Die Fenster und Eingänge an den Seitenteilen zeigen die gleiche Gliederung; die Reliefs sind aber hier direkt oberhalb der Türen angeordnet.

Die Themen der Reliefs sollten dem Betrachter zeigen: Hier im Théâtre des Champs-Elysées, das auch eine Kunstgalerie beherbergte, ist ein Ort der Musen an dem sich Skulptur & Architektur, Musik, Tanz, Tragödie und Komödie versammeln. Die Kunstgalerie wird 1923 in das heutige Studio umgewandelt.

1910 hatte Émile-Antoine Bourdelle (1861-1929), Bildhauer, Maler, Illustrator und Kunst-lehrer, von Thomas den Auftrag für die Gestaltung der Fassade des Théâtre des Champs-Elysées erhalten.  

Bourdelle travaillant aux fresques du Théâtre des Champs-Elysées [44a]

Ausgehend von der Erkenntnis, dass ein fehlender Dialog zwischen Architektur und Bildhauerei dazu geführt hatte, dass sich „beide Kunstformen eher abschwächten, als dass sie sich gegenseitig aufwerteten“[45], will er ein Theater schaffen, „das Architektur und Bildhauerei in großem und eindrucksvollem Maßstab miteinander verbindet; ein Theater, das auch als weltliche Kathedrale fungieren sollte. (…)  Ebenso wie die Aufführungen auf der Bühne sollten auch die Wandmalereien im Inneren und die Skulpturen außerhalb des Theaters moderne Ästhetik und Theorien widerspiegeln. Das fertige Gebäude sollte zu einem Schaufenster für das klassische Revival der französischen Kunst zu Beginn des 20.Jahrhunderts werden.“[46]

Programmatisch für diese Einbindung der Skulptur in die Architektur ist Bourdelles Metope, die ganz links über einem Seiteneingang des Theaters zu sehen ist und den bezeichneten Titel Sculpture et Architecture trägt. Sie zeigt die Personifizierungen der beiden Bereiche, die nach Bourdelles Ansicht zusammenwirken müssen, um große monumentale Kunst zu schaffen und ist so von einem hohen symbolischen Wert.

Sculpture et Architecture.  Links die Personifikation der Skulptur, in ihrer Hand den geflügelten Genius haltend, rechts die der Architektur, die eine Säule oder Stele, Grundelement eines Bauwerks umfasst. Foto: Wolf Jöckel

Die Bas-Reliefs Bourdelles zeichnen sich durch klare, z.T. kräftig betonte, oft auch dynamische Linien und eine Vereinfachung der Form aus. Durchgehend ist die Plastizität reduziert. Bewusst ist das Figurative flach gehalten, damit es mit der Architektur besser harmoniert. Klar sind Einflüsse der von Bourdelle bewunderten archaischen Metopen der griechischen Tempel in Selinunt auf Sizilien, aber auch der griechischen Vasenmalerei erkennbar. Schon 1905 wurde „Bourdelles Werk als „hellenisch“ bezeichnet und speziell mit der antiken griechischen und römischen Skulptur in Verbindung gebracht“.[47]

„Die Marmorverkleidung, die Großflächigkeit, das klare Mauerrelief, die anschaulich gestaltete Tektonik und die diszipliniert der Architektur untergeordneten Reliefs entsprachen der Forderung nach Vereinfachung und Klarheit und dem „purifizierenden griechischen Geist“ (….) Wesentlich für den Erfolg der Theaterfassade war wohl die Art, wie die historischen Referenzen eingesetzt wurden. Die Marmoroberfläche, das Verhältnis von Mauer und Reliefs, die Anordnung des zentralen Fenstertriplets und der Pilaster lassen sich auf Gestaltungsprinzipien der Antike und des französischen 17. und 18. Jahrhunderts zurückführen, ohne dass sie als Stilzitate begriffen werden könnten.“ [48] 

Bourdelle war wie Auguste Perret der Ansicht, „dass Skulpturen die flachen Wandflächen nicht durchbrechen, sondern nur dort installiert werden sollten, wo sie nicht von der Architektur ablenken. (…) Die Skulptur trug (…) zur Schönheit und Monumentalität des Theaters bei, ergänzte die geometrischen Formen und schuf eine visuelle Harmonie zwischen Architektur und Skulptur, die beide Medien hervorhob. Durch eine synkretistische Beschwörung heidnischer, griechischer und christlicher Göttergestalten kennzeichnete Bourdelle das Theater als einen besonderen, ja heiligen Ort. “[49]

Die ekstatischen Bewegungen und Gesten auf den Reliefs der Musen, aber auch auf jenen, die die Musik, den Tanz und die Tragödie zum Thema haben, wurden von der von Bourdelle bewunderten Isadora Duncan mit ihrer Wiederbelebung des Tanzes der Antike inspiriert.

 In der Tanz-Metope ist links der russische Tänzer Waslaw Nijinsky von den Ballets Russes dargestellt. Nijinsky, bekannt durch seine Auftritte  in Stravinskys Le sacre du printemps und seine Rolle eines Fauns in Claude Debussys Nachmittag eines Fauns, umstritten wegen unorthodoxe Choreographie und sexueller Gesten, wurde von Bourdelle bewundert. „Ordnung und Chaos sind laut Bourdelle die beiden Pole, die Duncan und Nijinsky jeweils bewohnen.“[50]

Im Relief der Tragödie werden die Figuren Agamemnon und Iphigenie dargestellt, angeregt von dem Theaterstück Iphégenie à Aulide (Iphigenie in Aulis) seines Freundes Jean Moréas. (Foto: Wolf Jöckel)

Im Relief der Komödie (Foto: Wolf Jöckel) tauschen zwei Frauen lächelnde Masken aus, wobei die Frau rechts den geflügelten Helm des Hermes trägt. Hermes ist aber nicht nur Götterbote, sondern auch Gott der Wissenschaft, eng verbunden mit der Alchemie und Zauberkunst, und damit auch Gott der Magier und Gaukler und selbst ein „schelmischer Tunichtgut“, ein Komödiant.

Insgesamt zeichnet sich die Fassade, von der Auguste Perret behauptete, dass sie die Konstruktion des Gebäudes wiederspiegle, durch eine klare Ordnung und schlichte Eleganz aus. Aber erst  Bourdelle macht sie durch die skulpturale Dekoration in Metopen-Form, in der die Figuren hineinkomprimiert sind, sodass sie  in den architektonischen Rahmen passen, und mit der Thematik dieser Reliefs zu einem Tempel der Kunst. Hier wurden kompositorische und typologische Grundprinzipien aus dem französischen Klassizismus, hervorgegangen aus der Latinité, der lateinischer Identität, dem griechisch-römischen Erbe, fortgesetzt.

Eine Bausünde oder wie mit Geld alles zu machen ist

Ohne Respekt vor der Integrität des Baus ließ die Caisse des Dépôts et Consignations, seit 1970 Eigentümerin des Theaters, bei der Renovierung des Théâtre des Champs-Elysées Mitte der 1980er Jahre kurzerhand ohne eine Baugenehmigung [51] auf dem Dach des Gebäudes ein verglastes Restaurant setzen. Von der Architektenkammer verklagt, gab der Bauherr nicht zu, die Gedanken und den Stil der Architekten verraten zu haben, und gewann im Wesentlichen den Prozess, der mit einer geringen Geldstrafe endete.  Das Restaurant wurde nicht abgerissen. Aus dem ersten Dach-Restaurant, dem Maison Blanche, ist inzwischen ein italienisches Restaurant, das Gigi geworden.

Von der Avenue Montaigne aus ist es nicht zu sehen, wohl aber von den Ufern der Seine aus es ins Auge und sogar „an die Gurgel“, wie der damalige Kulturminister Jack Lang bemerkte.

Dachrestaurant auf dem Théâtre des Champs-Élysées [51a] 

Kapitel II:  Das Foyer und die Galerie

Im Sinn einer Wiederbelebung von Hellenismus und Klassizismus ist auch das Foyer als Peristyl, d.h. als ein von Kolonnaden umgebender rechteckiger Raum, gestaltet, in dem eine Mezzaningalerie eingefügt ist, die über zwei  gegenüberliegende Treppen erreichbar ist. (Foto: Wolf Jöckel)

Foto: Wolf Jöckel

Acht rechteckige Pfeiler und sechzehn Säulen ohne Sockel oder Kapitell bilden die Kolonnade. Die gleiche Strenge und Nüchternheit zeichnet auch die aufliegenden Deckenbalken aus, die quadratische oder rechteckige Felder bilden und ein Muster ergeben, das sich auf den Marmorplatten des Fußbodens widerspiegelt. Trotz der Strenge der reduzierten Formelemente wirkt das Foyer nicht kalt, sondern durchströmt eine Feierlichkeit und Erhabenheit.

Inschrift im Foyer über dem Zugang zum Zuschauerraum:

Le Theâtre des Champs-Élysées. Gegründet von Gabriel Astruc wurde es 1913 von Auguste und Gustave Perret errichtet.

Mit dieser Geometrie und Ausgestaltung folgt auch das Foyer der Konzeption der Vereinfachung der Formen und Typisierung und der Forderung nach Ordnung, Klarheit, Maß und Harmonie als Kennzeichen des modernen nationalen Stils. Auch hier ist die Dekoration im Erdgeschoss des Foyers sehr zurückhaltend.

Nur am Fuß der zur Mezzaningalerie führenden Treppen hat Antoine Bourdelle jeweils ein zweiteiliges Marmor-Bas-Relief-Paar geschaffen:

Foto: Wolf Jöckel

Unter den Bas-Reliefs nackter weiblichen Figuren, Allegorien der „heroischen Seele“ (L’âme héroïque) und der „leidenschaftlichen/pathetischen Seele“ (L’âme passionnée/pathétique) hat Bourdelle jeweils ein kleines Relief mit einem kleinen geflügelten Genius gesetzt, der eine Maske aus dem griechischen Theater in den Armen hält. Die Anspielungen auf das antike Erbe sind unverkennbar.

In der Galerie schmücken eine Reihe von Fresken von Antoine Bourdelle die Wände. Er malte diese Fresken in seinem Atelier nach traditionellem Verfahren auf frischem Mörtel auf den Betonplatten, die Perret ihm geliefert hatte. Sie zeigen Szenen aus der griechischen Mythologie: Pan mit seiner Flöte aus Schilfrohr, der Syrinx verfolgt, Daphne, die sich in einen Lorbeerbaum verwandelt, Psyche, die von Eros entführt wird, hier ist Leda, die die Menschen den Göttern vorführt, Ikarus, der die Flügel, die ihn stürzen ließen, an seine Brust drückt; hier ist Maja, Apollon auf dem Rücken des Pegasus, der seine Leier, d.h. die Musik, die Kunst,  auf die Erde bringt; hier ist der Tod des Zentauren, des letzten Lehrers der Helden und hier ist die Delphische Sybille.

Leda und der Schwan. Foto: Wolf Jöckel

In anderen Bildern will Bordelle Adam und Eva und die Geschichte der Menschen nach der der Götter darstellen. Auch hier wird in der Verknüpfung der griechisch-römischen Antike mit dem christlichen Abendland auf die Wurzeln und die Tradition der nationalen Kultur als Bestandteil der französischen kulturellen Identität verwiesen.

Über zwei Treppen von der Galerie aus erreichen die Besucher das Vestibül.

Lalique-Leuchter im Vestibül. Foto: Wolf Jöckel

Auch die bandförmigen, fast monochromen Fresken im Vestibül über den Türen der Logen zum großen Saal stammen von Bourdelle. Sie zeigen einen Bilderzyklus aus mythologischen Figuren mit dem Titel „Les Temps fabuleux“.

Muse und Pegasus – Fresko über der Logentür im Vestibule d’Entrée  des Théâtre des Champs-Élysées (Ausschnitt)

Auf einem feinen Grau-Rot, Rot-Grau, in dem nur selten ein paar Nuancen von Gelb und Azur durchscheinen, heben sich die Figuren ab oder verschmelzen in kaum unterschiedlichen Rot- und Grautönen miteinander. Die Fresken gleichen mit ihrer reduzierten Plastizität und ihren dynamischen, kräftigen Linien dem Stil der Bas-Reliefs an der Fassade.

Ganz anders sind die Bilder von Edouard Vuillard, die das Foyer der Comédie schmücken.Édouard Vuillard (1886-1940) stand den Impressionisten nahe und gehörte wie Pierre Bonnard und Maurice Denis der Künstlergruppe Les Nabis an. Mit ihren kräftigeren Farben, einer klareren kompositorischen Struktur und der lebendigen Darstellung von Szenen auf dem Theater unterscheiden sie sich von dem klassizistischen Bilderzyklus Bourdelles.

Théâtre des Champs-Elysées, le foyer de la Comédie, Le Petit Café, par Edouard Vuillard

In Vuillards Bildern sind hier anders als bei anderen Künstlern wie Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Georges Seurat und Paul Signac, die wie Vuillard dem Post-Impressionismus zugeordnet werden, noch keine Tendenzen zur Flächigkeit, Abstraktion, neuen Maltechniken oder Vereinfachung der Formen, erkennbar.

Édouard Vuillard, Le malade imaginaire‘ . Wandbild im Foyer der Comédie des Théâtre des Champs Élysées

Der begrenzte Raum dieses Beitrages lässt keine ausführliche Darstellung der Werke von  Jacqueline Marval, Ker-Xavier Roussel und Henri Lebasque zu, die ebenfalls zur Ausstattung des Theaters beigetragen haben. Unter diesen Werken soll aber zumindest der Theater-Vorhang von Ker-Xavier Roussel für die Salle de la Comédie gezeigt werden.

Vorhang des Théatre de la Comédie des Champs-Elysée von Ker-Xavier Roussel

Im „Festzug des Bacchus“ – so der Titel des Vorhangbildes – verschmilzt eine idyllisch- arkadische, mediterrane Landschaft mit mythologischen Figuren: Im Zentrum der in Rot gehüllte Gott des Weines, des Rausches, und der Ekstase, Girlande schwingend und tanzend wie die ihn umgebenden Bacchanten und Bacchantin, in beschwingter, fröhlicher, harmonischer Eintracht mit wilden Tieren. In einer voyeuristischen Szene am Rand des Zuges liegt die nackte schlafende, von einem Faun beobachtete, Diana.

Abgesehen von diesem Bühnenvorhang sind der Saal der Comédie (mit 500 Sitzplätzen) und das noch kleinere Studio (mit 150 Plätzen) architektonisch gesehen eher unbedeutend. Das Studio entstand übrigens erst 1923, als der ganz oben hinter der Fassade gelegene Ausstellungssaal, die Galerie Montaigne, von Louis Jouvet  in einen kleinen Theatersaal umgewandelt wurde.

Kapitel III:  Der große Saal

Architektonisch und dekorativ ist der große Saal, sieht man von der  monumentalen zentralen Leuchte ab, eher ein Kontrapunkt zur Fassade und dem Foyer. Anders als in der Fassade  und im Peristyl des Foyers ist hier die Struktur des Baus kaum ablesbar, weil die tragenden Elemente teils verdeckt sind, teils außen liegen. Anstelle der geraden dominieren hier die geschwungenen Linien der freitragenden Balkons – ein Erbe van der Veldes.

Der große Saal des Theaters. Photo: Asseline Stéphane

Bei dem gigantischen Kronleuchter von René Lalique, der schon ins Art-déco weist,  bilden die in eine Schmiedeeisenstruktur des Kunstschmieds Perrassy eingefassten Glasplatten einen Strahlenkranz um eine zentrale Wolkenformation.

Foto: Wikipedia

Um den  diesen Kronleuchter umgebenden Ring hat Maurice Denis (1870-1943) einen Zyklus allegorischer Gemälde geschaffen, die die Histoire de la Musique präsentieren.

Die Darstellung wurde stark von Paul Marie Théodore Vincent d’Indy, einem französischen Komponisten, Musiktheoretiker, Schüler von César Franck und überzeugter Wagnerianer, beeinflusst.

Die Geschichte der Musik besteht aus vier großen rechteckigen Tafeln: La Danse (Griechischer Tanz), der die Ursprünge der Musik darstellt (der Bühne zugewandt), mit L’Opéra und La Symphonie auf beiden Seiten und, gegenüber dem griechischen Tanz, Le Drame lyrique (das lyrische Drama. Diese großen Tafeln werden durch vier kleinere „Kameen“ mit den Titeln le Chœur, l’Orchestre, la Sonate und l’Orgue getrennt.

Scale Model for the Cupola of the Théâtre des Champs-Elysées; Musée d’Orsay, Paris

Eine eingehende Beschreibung und Analyse von Mauris Denis Werk im Théâtre des Champs-Élysées findet sich bei Rachel Coombes.[[52]] Der Auftrag zur Bemalung der Kuppel an Denis war von Gabriel Thomas ausgegangen. Beide waren nicht nur freundschaftlich verbunden, sondern auch von der gleichen politischen Ideologie durchdrungen, „die auf einer Synthese der katholischen Wurzeln Frankreichs mit Visionen seines griechisch-lateinischen Erbes basierte.“[53]

Angesichts der inneren Zerrissenheit Frankreichs, wie sich in der Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts und bei der Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 zeigte, glaubte Denis mit der Wiederherstellung der Latinité, die in den Zeitschriften L’Ermitage und L’Occident propagiert wurde, die nationale Identität Frankreichs zu erneuern. In der Latinité sah er die Manifestation  der (vermeintlich) typisch französischen Tugenden der Einfachheit, Klarheit und der zugrunde liegenden harmonischen Konstruktion. Diese „innige(n) Verbindung zwischen griechischer Form und christlichem Geist“[54] bestimmt auch die Ikonographie der Geschichte der Musik.

Maurice Denis, La Danse, Tafel aus der Geschichte der Musik, und Bronze-Reliefs „Gesang“ und „Tanz“, 1912 [54a]

Denis hilft uns beim Verständnis der vier großen allegorischen Tafeln mit darunter verlaufenden Inschriften. Bei der Tafel La Danse (Griechischer Tanz) heißt es in der Inschrift: «Aux rythmes dionysiaques unissant la Parole d’Orphée, Apollon ordonne les jeux des Grâces et des Muses» (Zu den dionysischen Rhythmen, die das Wort des Orpheus vereinen, ordnet Apollo die Spiele der Grazien und Musen an).

Wir sehen in dieser Szene Apollo im Zentrum einer mediterranen Landschaft, wie er die frei um ihn herum tanzenden Grazien dirigiert. Im Hintergrund ist ein dorischer Tempel auf einem Hügel zu erkennen. Auf der linken Seite der Szene führt Dionysos seine Tänzer, während Orpheus auf der rechten Seite, begleitet von Eurydike, mit seinem Gesang wilde Tiere zähmt – ein Thema, das wir schon in ähnlicher Weise bei Ker-Xavier Roussels Vorhang der Salle de la Comédie gesehen haben.

Einbezogen in dieses Thema sind auch die beiden Flachreliefs aus Bronze, „Gesang“ und „Tanz“ von Denis seitlich der Orgel des großen Saals. „Die Basreliefs von Denis erinnern an Bourdelles stilisierte Steinchoreografie auf der Außenseite des Theaters und sind gleichermaßen von Erkenntnissen beeinflusst, die aus den jüngsten Wiederentdeckungen antiker griechischer Tanzformen stammen.“ [55]

Am Ende der Bilder zur Geschichte der Musik steht das lyrische Drama mit „Wagners Transformation der Symphonie- und Operntraditionen durch ihre Vereinigung.“ [56]

Das lyrische Drama ist voller Anspielungen: Im Zentrum Verweise auf Wagners Opern mit Parsifal und dem Gral, Tristan und Isolde und  Brünnhilde auf ihrem Pferd Grane, an den Seiten Hinweise auf die Ballets Russes und auf César Franck und seine Schüler, die Franckisten. Denis schrieb ihnen eine musikalische Renaissance zu, und Vincent d’Indy erkannte in Francks Musik „eine Verschmelzung von Wagnerscher Großartigkeit und französischer Klarheit.“ [57]

Maurice Denis, Das lyrische Drama [57a]

Bildunterschrift: «Sur les cimes dans l’angoisse et le rêve, drame lyrique ou poème, la Musique s’efforce vers un pur idéal». „Auf den Gipfeln von Angst und Traum, lyrischem Drama oder Gedicht strebt die Musik nach einem reinen Ideal.“

 „Sowohl für Denis als auch für Wagner bedeutete die Erneuerung der Künste nicht nur eine Rückkehr zum Ideal des griechischen Gesamtkunstwerks, sondern auch zu seinen heiligen Ursprüngen, wie sie in der christianisierten Allegorie des Parsifal zum Ausdruck kommen. (…) Die Erhebung des Theatererlebnisses auf eine fast spirituelle Ebene war in den Köpfen von Denis und den französischen Symbolisten eng mit dem spirituellen Ehrgeiz verbunden, den Wagner in Religion und Kunst (1880) als „Pflicht der Kunst zur Rettung der Religion“ ausdrückte. Er argumentierte, dass mit der modernen Säkularisierung der Gesellschaft alle Künste im Niedergang begriffen seien. Allein die Künste hätten die Fähigkeit, religiöse Gefühle zu vermitteln, eine Ansicht, die völlig mit Denis‘ Sinn für künstlerische Absichten übereinstimmte.“ (…) Denis‘ „Traum“, (…) eine „innige Verbindung zwischen griechischer Form und christlichem Geist“ zu schaffen, kommt in der Symbolik des lyrischen Dramas und tatsächlich in der gesamten Erzählung der Geschichte der Musik zum Ausdruck.

Die Tatsache, dass Wagners musikalische Leistungen am „Endpunkt“ der Erzählung platziert werden, untergräbt nicht die Treue zu einer angeblich französischen Ästhetik. Vielmehr sollte damit das Theaterpublikum darauf hingewiesen zu werden, in welche Richtung sich die französische Musik (…) entwickeln sollte und dass die Heimat des französischen Gesamtkunstwerks nun hier, im Théâtre des Champs-Elysées, lag.“[58]

 

Schlusswort

Das Théâtre des Champs-Élysées –   Gemeinschaftswerk und Gesamtkunstwerk

Mit Maurice Denis‘ Geschichte der Musik kehren wir zum Anfang unserer Betrachtung des Théâtre des Champs-Élysées zurück. Hat sich Astrucs Idee eines modernen Musiktheaters erfüllt? Was sein musikalisches Programm anbetrifft, ist diese Frage zu bejahen. Mit „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz eröffnete es am 30. März 1913 seine Pforten.  Am 2. April 1913 brachte in einem außergewöhnlichen Konzert die großen Komponisten der Zeit, Vincent d’Indy, Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré und Claude Debussy zusammen. Und am 29. Mai 1913 in einem Ballettabend die Uraufführung von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ statt.

Bei der architektonischen Umsetzung wurde ein Kompromiss gefunden zwischen  einem rein auf die Musik ausgerichteten Bau und einem Theater, das auch dem Repräsentationsbedürfnis dem Pariser Publikum genügt. Das Theater ist ein Gemeinschaftswerk: An seiner Gestaltung waren eine ganze Reihe von Personen beteiligt, die die künstlerischen und geistig-politischen Strömungen der Zeit in unterschiedlicher Weise teilten.

Gabriel Astruc konzipierte an prominentem Ort einen Bau mit modernen Einrichtungen, der der angestrebten Genre- und Stilvielfalt der Musik mit mehreren Sälen unterschiedlicher Größe Raum bot und wählte mit Fivaz und Bouvard die ersten Architekten aus. Roger Bouvard entwarf für den neuen Standort an der Avenue Montaigne trotz des begrenzten Volumens die Aufteilung der benötigten Räume. Van de Velde gelang trotz der Kompromisse, die er eingehen musste, mit seinen geschwungenen Balkons des großen Saals eine maximale dekorative Wirkung und mit dem Proszenium ein modernes Bühnenmodell. Auch die Grundzüge der Fassade, zusammen mit Antoine Bourdelle, sowie die Idee den Bau in Stahlbeton auszuführen,  gehen auf ihn zurück. Den Brüder Auguste und Gustave Perret schufen eine sinnreiche Konstruktion in béton-armé und durch Reduktion architektonischer Elemente und durch eine strengere Formgebung  konnten sie das klassizistische Erbe in ein modernes, ausdrucksstarkes Bauwerk verwandeln, das seine Ära nachhaltig prägte. Und nicht zuletzt in der von Gabriel Thomas zur Gestaltung der Dekoration eingeladenen Künstlergruppe (Antoine Bourdelle, Maurice Denis, Édouard Vuillard, Jacqueline Marval, Ker-Xavier Roussel, Henri Lebasque), die die Thematik der Musen vielfältig variierten, erscheint das Théâtre des Champs-Élysées mit Recht auch als ein Gesamtkunstwerk.

Benutzte/zitierte Literatur:

Joseph Abram: An Unusual Organisation of Production – the building firm of the Perret Brothers, 1897-1954. https://www.arct.cam.ac.uk/system/files/documents/article6_1.pdf

Astruc, Gabriel: Le Pavillon des Fantômes (Paris: Mémoire du Livre, 2003), 365.; zitiert in Cesar A. Leal, ebd.

Astruc, Gabriel (1864-1938): Important Typed Letter, defending the ‘French-ness’ of the Théatre des Champs Elysées https://www.schubertiademusic.com/products/4313-astruc-gabriel-1864-1938-important-typed-letter-defending-the-french-ness-of-the-theatre-des-champs-elysees

Cité – de l’Architecture & du Patrimoine – Auguste Perret Huit chefs d’œuvre Architectures du béton armé https://expositions-virtuelles.citedelarchitecture.fr/exposition_virtuelle_perret/02-PROJET-01-DOC07.html

Rachel Coombes: MAURICE DENIS’S THE HISTORY OF MUSIC: ALLEGORISING CULTURAL TRADITION IN EARLY TWENTIETH-CENTURY FRANCE, in: Belonging, Detachment and the Representation of Musical Identities in Visual Culture, 2023, pp. 395-422 (28 pages) https://doi.org/10.2307/jj.5211766.19 

Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Interferenzen / Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57 https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/3749/1/Freigang_Nation_Politik_Architektur_2013.pdf

Christian Freigang: Auguste Perret, die Architekturdebatte und die ‚Konservative Revolution‘ in Frankreich 1900–1930, München 2003

Christian Freigang „JULIUS MEIER-GRAEFES ZEITSCHRIFT L’ART DECORATIF Kontinuität und Subversion des Art Nouveau.“ Originalveröffentlichung in: Becker, Ingeborg ; Marchal, Stephanie (Hrsg.): Julius Meier-Graefe : Grenzgänger der Künste, Berlin 2017, S. 214-227; hier S.223.

Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte: Retour à l’ordre und nationale Repräsentativität in der Art déco-Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankreich“. Originalveröffentlichung in: Purchla, Jacek ; Tegethoff, Wolf (Hrsgg.): Nation, style, modernism : [proceedings of the International Conference under the patronage of Comité International d’Histoire de l’Art (CIHA) … ], Krákow 2006, S. 257-274 (CIHA conference papers ; 1)

Caroline Hauer : Paris : Théâtre des Champs Élysées, geste architectural moderne à la double paternité, Auguste Perret et Henry Van de Velde. 24. Auust 2023 https://www.parisladouce.com/2023/08/theatre-des-champs-elysees.html

Christian Hecht: „Ein Streit um die richtige Moderne. Henry van de Velde, Max Littmann und der Bau des Weimarer Hoftheaters“;  Zeitschrift für Kunstgeschichte, 69. Bd., H. 3 (2006), pp. 358-392. https://www.jstor.org/stable/20474361

Nicolas Jaillard: „Le restaurant du théâtre des Champs joue à «qui perd gagne»“. Libération, publié le 21 décembre 1994 https://www.liberation.fr/libe-3-metro/1994/12/21/le-restaurant-du-theatre-des-champs-joue-a-qui-perd-gagne_116550/

Cesar A. Leal, „RE-THINKING PARIS AT THE FIN-DE-SIÈCLE: A new vision of  Parisian musical Culture from the  Perspective of Gabriel Astruc (1854-1938)“ (2014) hier: “intelligemment conçus: celui de Bayreuth et celui du Prince Régent a Munich”; S.228-283. University of Kentucky,Theses and Dissertations–Music. 30.https://uknowledge.uky.edu/music_etds/30

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Eric Straram: Inauguration du Théâtre des Champs-Élysées 1913. Last update: 27 February 2023 /https://francearchives.gouv.fr/pages_histoire/40059

Théâtre des Champs-Élysées, Paris – Auguste Perret https://architectona.wordpress.com/2013/12/08/theatre-des-champs-elysees-scene/

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Henry van der Velde: Der neue Stil; Die neue Rundschau, Sechstes Heft Juni 1906

Leila Zickgraf: Igor’ Stravinskijs Theater der Zukunft – Das Choreodrama Le Sacre du printemps im Spiegel der ‚Theaterreform um 1900;© 2020 bei der Autorin. Verlegt durch Wilhelm Fink Verlag. DOI: https://doi.org/10.30965/9783846764596 . Die vorliegende Arbeit wurde im Herbstsemester 2017/18 von der  Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel als Dissertation angenommen und für den Druck geringfügig überarbeitet. .

Le Theâtre des Champs-Elysées est ouvert. 100 ans d’histoire https://artsandculture.google.com/story/xQUBfpq1GyDJKA

Théâtre des Champs Élysées – Petit histoire en images. https://www.calameo.com/read/003045515070cd8851f72 (französich) Petite histoire TCE pour Calameo Version GB-V2025-PAP (englisch)

Theâtre des Champs-Elysées. Les archives. 100 ans d’histoire à votre disposition https://www.tce-archives.fr/

Théâtre des Champs-Élysées (Paris, 8e arrondissement) Dossier d’œuvre architecture IA75000247 | Réalisé par Faure Julie ; Abram Joseph (Rédacteur) https://inventaire.iledefrance.fr/dossier/IA75000247


Anmerkungen:

[[1]] Bildquelle https://www.forumopera.com/cd-dvd-livre/gabriel-astruc-un-prodigieux-animateur-myriam-chimenes/. (Ausschnitt)

[[1a]] Cesar A. Leal, „RE-THINKING PARIS AT THE FIN-DE-SIÈCLE: A new vision of  Parisian musical Culture from the  Perspective of Gabriel Astruc (1854-1938)“ (2014) hier: “intelligemment conçus: celui de Bayreuth et celui du Prince Régent a Munich”; S.228-283. University of Kentucky,Theses and Dissertations–Music. 30. https://uknowledge.uky.edu/music_etds/30

[[2]] Astruc, Gabriel: Important Typed Letter, defending the ‘Frenchness’ of the Théatre des Champs Elysées

[[3]] Leila Zickgraf: Igor’ Stravinskijs Theater der Zukunft – Das Choreodrama Le Sacre du printemps im Spiegel der ‚Theaterreform um 1900;© 2020 bei der Autorin. Verlegt durch Wilhelm Fink Verlag. DOI: https://doi.org/10.30965/9783846764596 . Die vorliegende Arbeit wurde im Herbstsemester 2017/18 von der  Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel als Dissertation angenommen und für den Druck geringfügig überarbeitet. .

[[4]] Cesar A. Leal, ebd.

[[5]] Cesar A. Leal, ebd.

[[5a]] Projet d’un Palais philharmonique (Theatre de musique et salles de concert), Jardin des Champs-Élysées, Henri Fivaz, Théâtre des Champs-Élysées Archives (Ausschnitt)

[[6]] zitiert nach Cesar A. Leal, ebd.

[[6a]] Projet pour le Théâtre des Champs-Élysées (non realisé) Façade principale. Théâtre des Champs-Élysées Archives

[[7]] Cesar A. Leal, ebd.

[[8]] La Libre Parole war eine 1892 von dem Journalisten und Polemiker Édouard Drumont gegründete politische Tageszeitung, die wie kaum eine andere Zeitung dazu beitrug, dass vor und während der Dreyfus-Affäre in Frankreich eine antisemitische Atmosphäre geschaffen wurde. Sie vertrat die Linie eines Antikapitalismus auf der Basis, dass der Kapitalismus von Juden beherrscht sei.

[[9]] Cesar A. Leal, ebd.

[[10]] zitiert nach Cesar A. Leal, ebd.

[[11]] zitiert aus Astrucs Memoiren (Le Pavillon des Fantômes: souverniers) nach Cesar A. Leal, ebd.

[[12]]Colin Nelson-Dusek: ÉMILE-ANTOINE BOURDELLE AND THE MIDI: FRENCH SCULPTURE AND REGIONAL IDENTITY AT THE TURN OF THE TWENTIETH CENTURY. Dissertation submitted to the Faculty of the University of Delaware, Summer 2020.https://udspace.udel.edu/server/api/core/bitstreams/02d3f2db-d5cb-41d1-a6ea-073b53d1cd2a/content

[[13]] Cesar A. Leal, ebd.

[[14]] z.B. bei Cesar A. Leal ebd. und Colin Nelson-Dusek ebd.

[[15]] Henry Van de Velde Geschichte meines Lebens. https://www.dbnl.org/tekst/veld006gesc01_01/veld006gesc01_01_0011.php

[[16]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Interferenzen / Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57

[[16a]] Bildquelle: Stefan Applis on X. JuevesDeArquitectura History of Bauhaus Weimar Kunstgewerbeschule Architecture. Theater Louise Dumont by Henry van der Velde (1902/3) 19. November 2020

[[17]] Umfangreiche Darstellung hierzu bei Christian Hecht: „Ein Streit um die richtige Moderne. Henry van de Velde, Max Littmann und der Bau des Weimarer Hoftheaters“;  Zeitschrift für Kunstgeschichte, 69. Bd., H. 3 (2006), pp. 358-392. https://www.jstor.org/stable/20474361

[[18]] Henry Van de Velde ebd.

[[19]] Henry Van de Velde ebd.

[[20]] Jacques Mesnil: Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs; Onze Kunst. Jaargang 13 (1914). [tijdschrift] Onze Kunst. Geïllustreerd maandschrift voor beeldende en decoratieve kunsten. https://www.dbnl.org/tekst/_onz021191401_01/_onz021191401_01_0043.php

[[21]] zitiert nach Jacques Mesnil, ebd.

[[21a]] Abb. aus: Mesnil, Jacques (1872-1940)  Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées

[[22]] Henry van der Velde: Der neue Stil; Die neue Rundschau, Sechstes Heft Juni 1906

[[22a]] Henry van de Velde et R. Bouvard: Plan à la hauteur des premières loges. Projet non exécuté.(Fin mars 1911) Abb. aus Jacques Mesnil: Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées (Ausschnitt)

[[23]] Christian Freigang: Auguste Perret, die Architekturdebatte und die ‚Konservative Revolution‘ in Frankreich 1900–1930, München 2003

[[23a]] Auguste Perret (1874-1954) posant devant une perspective de l’église du Raincy et coupe du théâtre de l’Exposition de 1925. Henri Manuel Nd. [vers 1925] © Fonds Perret. CNAM/SIAF/CAPA/Archives d’architecture contemporaine/SAIF. 535 AP 663 (Ausschnitt)

[[24]] zitiert nach Joseph Abram: An Unusual Organisation of Production – the building firm of the Perret Brothers, 1897-1954. https://www.arct.cam.ac.uk/system/files/documents/article6_1.pdf

[[25]] zitiert nach Joseph Abram, ebd.

[[26]] Joseph Abram, ebd.

[[27]] Anmerkung von mir: Hier ist deutlich das Argumentationsmuster der politischen Rechten, d.h. das Lager der Nationalisten, Traditionalisten, ultrakonservativen Katholiken und Monarchisten, gegen die „Dreyfusards“, die Anhänger von Hauptmann Dreyfus, das sind vor allem Personen der politischen Linken (Sozialisten und liberale Republikaner) erkennbar, denen Untergrabung der Autorität der Armee und der staatlichen Ordnung vorgeworfen wurden.

[[28]] Christian Freigang „JULIUS MEIER-GRAEFES ZEITSCHRIFT L’ART DECORATIF Kontinuität und Subversion des Art Nouveau.“ Originalveröffentlichung in: Becker, Ingeborg ; Marchal, Stephanie (Hrsgg.): Julius Meier-Graefe : Grenzgänger der Künste, Berlin 2017, S. 214-227; hier S.223.

[[29]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte: Retour à l’ordre und nationale Repräsentativität in der Art déco-Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankreich“. Originalveröffentlichung in: Purchla, Jacek; Tegethoff, Wolf (Hrsgg.): Nation, style, modernism : [proceedings of the International Conference under the patronage of Comité International d’Histoire de l’Art (CIHA) … ], Krákow 2006, S. 257-274 (CIHA conference papers ; 1)

[[30]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte..“, ebd.

[[31]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte..“, ebd.

[[31a]] A. et G. Perret 1910-1913. Théâtre des Champs-Élysées avenue Montaigne, Paris 8e Axonométrie éclatée de l’ossature en béton armé. 1913 © Fonds Perret, Auguste et Perret frères. CNAM/SIAF/CAPa/Archives d’architecture du XXe siècle/Auguste Perret/UFSE/SAIF/2014. 535 AP 911/4

[[32]] Théâtre des Champs-Élysées, Paris – Auguste Perret https://architectona.wordpress.com/oeuvres-dauguste-perret/paris/theatre-des-champs-elysees-paris/

[[33]] Jacques Mesnil: Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs. Onze Kunst. Jaargang 13 (1914)– [tijdschrift] Onze Kunst. Geïllustreerd maandschrift voor beeldende en decoratieve kunsten

[[34]] Zitiert nach Jacques Mesnil ebd.

[[35]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Originalveröffentlichung in: Cohen,Jean-Louis (Hrsg.): Inter-ferenzen/Interférences: Deutschland-Frankreich; Architektur 1800 – 2000; […erscheint aus Anlass der Ausstellung „Interferenzen. Interférences. Architektur, Deutschland – Frankreich 1800 – 2000“ …], Tübingen 2013, S. 50-57

[[36]] Jacques Mesnil, ebd.

[[37]] Henry Van de Velde Geschichte meines Lebens.

[[37a ]] Abb. aus: Mesnil, Jacques (1872-1940) – Henry Van de Velde et le Théâtre des Champs Elysées – 04a

[[38]] Leila Zickgraf, ebd.

[[38a]] Abb. aus: Jacques Mesnil, Henry van de Velde en het ‘Théâtre des Champs Élysées’ te Parijs

[[39]] Henry Van de Velde Geschichte meines Lebens.

[[39a]] Bildquelle www.theatrechampselysees.fr

[[40]] Henry Van de Velde ebd.

[[41]] Catherie Sabbah: Le Théâtre des Champs-Elysées – Le scandale fait partie de son charme; Le Moniteur, 03 novembre 2000. https://www.lemoniteur.fr/article/le-theatre-des-champs-elysees-le-scandale-fait-partie-de-son-charme.280079

[[42]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Ebd.

[[43]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“. Ebd.

[[44]] Christian Freigang „Nation, Politik, Architektur“, ebd.

[[44a]] Bildquelle: https://www.bourdelle.paris.fr/explorer/collections/un-musee-des-collections/fonds-photographique/bourdelle-travaillant-aux-fresques-du-theatre-des-champs-elysees

[[45]] Colin Nelson-Dusek: ÉMILE-ANTOINE BOURDELLE AND THE MIDI: FRENCH SCULPTURE AND REGIONAL IDENTITY AT THE TURN OF THE TWENTIETH CENTURY. Dissertation submitted to the Faculty of the University of Delaware, Summer 2020. https://udspace.udel.edu/server/api/core/bitstreams/02d3f2db-d5cb-41d1-a6ea-073b53d1cd2a/content

[[46]] Colin Nelson-Dusek ebd.

[[47]] Colin Nelson-Dusek ebd.

[[48]] Christian Freigang „Überzeitliche Stilkonzepte..“, ebd.

[[49]] Colin Nelson-Dusek: ÉMILE-ANTOINE BOURDELLE AND THE MIDI: FRENCH SCULPTURE AND REGIONAL IDENTITY AT THE TURN OF THE TWENTIETH CENTURY. Dissertation submitted to the Faculty of the University of Delaware, Summer 2020. https://udspace.udel.edu/server/api/core/bitstreams/02d3f2db-d5cb-41d1-a6ea-073b53d1cd2a/content

[[50]]Colin Nelson-Dusek, ebd.

[[51]] siehe hierzu: Catharine Sabbah: „Das Champs-Elysées-Theater – Skandal ist Teil seines Charmes“. Le Moniteur, 03 novembre 2000. https://www.lemoniteur.fr/article/le-theatre-des-champs-elysees-le-scandale-fait-partie-de-son-charme.280079 und Nicolas Jaillard: „Le restaurant du théâtre des Champs joue à «qui perd gagne»“. Libération, publié le 21 décembre 1994 https://www.liberation.fr/libe-3-metro/1994/12/21/le-restaurant-du-theatre-des-champs-joue-a-qui-perd-gagne_116550/

[[51a]]  Foto aus Le Moniteur, 03 novembre 2000 (Ausschnitt) https://architecture-history.org/architects/architects/PERRET/OBJ/1913,Th%C3%A9%C3%A2tre%20des%20Champs-Elysées,

[[52]]  Rachel Coombes: MAURICE DENIS’S THE HISTORY OF MUSIC: ALLEGORISING CULTURAL TRADITION IN EARLY TWENTIETH-CENTURY FRANCE, in: Belonging, Detachment and the Representation of Musical Identities in Visual Culture, 2023, pp. 395-422 (28 pages) https://doi.org/10.2307/jj.5211766.19 

[[53]]  Rachel Coombes, ebd.

[[54]] Rachel Coombes, ebd.

[[54a]] Photo Asseline Stéphane  https://inventaire.iledefrance.fr/illustration/IVR11_20207500909NUC4A

[[55]] Rachel Coombes, ebd.

[[56]] Rachel Coombes, ebd.

[[57]] Rachel Coombes, ebd.

[[57a]] Lyric Drama, panel of The History of Music frieze, 1912. Catalogue raisonné Maurice Denis, photo Olivier Goulet.

[[58]] Rachel Coombes, ebd.

Maximilien Luce im Musée Montmartre: Politisch engagierter Neo-Impressionist, Landschaftsmaler, aber auch Rebell, Anarchist und Maler des Proletariats

Auf Maximilien Luce bin ich vor Jahren bei meiner Beschäftigung mit der Pariser Commune  aufmerksam geworden….

… und zwar aufgrund seines Im Musée d’Orsay ausgestellten Gemäldes Une rue de Paris en mai 1871 (zwischen 1903 und 1905).[1] Es illustriert die Massaker in der sogenannten „semaine sanglante“ vom 21. bis 28. Mai 1871, der 10 bis 20 000 Communarden zum Opfer gefallen sind. Luce hat diese „blutige Woche“ als Jugendlicher miterlebt und sie hat seine politische Entwicklung wesentlich beeinflusst.[2]

Dieses berühmte Gemälde wird in der Ausstellung nicht gezeigt, aber immerhin eine um 1900 entstandene Lithografie mit dem gleichen Motiv. Und es wird auch das politische Engagement des Malers beleuchtet: Luce hatte enge Beziehungen zum Anarchismus, der gerade in künstlerischen und intellektuellen Kreisen der Dritten Republik einige Anziehungskraft hatte.

Der Luce künstlerisch und politisch nahestehende Paul Signac fertigte dieses Portrait seines Freundes an, das im Juli 1890 auf der Titelseite von Les Hommes d’aujourd’hui veröffentlicht wurde. Es zeigt Luce bei der Lektüre von La Révolte, die damals als die bedeutendste  anarchistische Zeitschrift Frankreichs galt.

Luce, der für zahlreiche anarchistische Publikationen arbeitete, wurde von den Sicherheitsbehörden als „gefährlich“ eingestuft und im Juli 1894 nach einem Attentat auf den Staatspräsidenten Carnot verhaftet. Im berüchtigten Pariser Gefängnis Mazas [3] verbrachte er 42 Tage: Ein Album von Lithografien über diese Zeit entstand, herausgegeben mit Texten von Jules Vallès.[4]

Ausgestellt ist im Musée Montmartre auch der Verschluss einer Zellentür des Gefängnisses, den die Familie Luce offenbar 1898 als Erinnerungsstück erworben hatte, als das Gefängnis abgerissen wurde.

Dass das musée Montmartre Maximilien Luce derzeit eine höchst sehenswerte Ausstellung widmet, liegt nahe:  Luce wohnte nämlich von 1887 bis 1900 in der rue Cortot, einer kleinen Seitenstraße von Montmartre,  in unmittelbarer Nachbarschaft des heutigen Museums, und Montmartre lieferte ihm eine Fülle von Motiven….

… So der schöne Garten der rue Cortot: Le jardin sous la neige, 1891. 

Luce ist nicht der einzige Maler, der den Garten der rue Cortot gemalt hat. Auch Auguste Renoir, der 1875/76 in dem heutigen Gebäude des Museums wohnte:

Auguste Renoir, Le Jardin de la rue Cortot à Montmartre (1876)[5]

Später wohnte hier die Malerin Suzanne Valadon mit ihrem Sohn Maurice Utrillo.

Ihr Atelier ist Teil des heutigen Museums.

Den von ihr gemalten Pavillon im Garten gibt es noch.

Und es gibt auch noch den berühmten Weinberg von Montmartre, hier allerdings -im August 2025- sorgsam verpackt, um die kostbaren Trauben vor gefräßigen Schnäbeln zu schützen.

Das sympathische Café Renoir mit schattigen Sitzplätzen ist ein Ort der Ruhe, nur wenige Schritte entfernt von der von Touristen überquellenden place de Tertre und der Kirche Sacré-Cœur.

In letzter Zeit ist ja immer mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, dass es in Paris und vor allem auch in Montmartre einen „surtourisme“ gibt – der französische Ausdruck für den overtourism. Le Monde widmete kürzlich der „Disneylandisation de Montmartre“ sogar einen Aufmacher.[6] Die Mieten stiegen, Tourismusunterkünfte machten sich breit, Geschäfte des täglichen Bedarfs schlössen und würden ersetzt von profitableren Souvenirshops. Immerhin führt Paris „mit 418 280 Gästen pro Quadratkilometer die europäische Massentourismus-Rangliste an.“[7]

Vom Garten des Museums kann man bei genauerem Hinsehen ein Banner erkennen: Die Bewohner von Montmartre sind zornig. Allerdings ist es –mit anderen ähnlichen Bannern-  an einem stattlichen Gebäude befestigt, das am nördlichen Abhang des Hügels, also abgewandt von der Stadt, liegt: eine bisher noch eher von Touristen verschonte Gegend.

1900 malte Maximilien Luce diesen Blick von der rue Cortot auf Saint-Denis, das nördliche Umland von Paris.[8]

Ich finde, dass dieses -leider nicht ausgestellte- Bild geradezu ein Schlüssel zu seinem Werk ist. Es zeigt sehr schön seinen pointillistischen Malstil, den er zusammen mit seinen Freunden Paul Signac, Georges Seurat und Camille Pissarro pflegte. Vor allem verweist das Motiv auf das breite Spektrum des Schaffens von Luce: Da gibt es im Vordergrund die Idylle, das Grün der Gärten der rue Cortot, und dahinter die graue Masse von Saint-Denis: der bis heute verschrieenen proletarischen Vorstadt von Paris, dem Inbegriff der banlieues, der Bannmeile, um die man besser einen weiten Bogen macht… [9]  Beides ist im Werk von Luce vertreten: Er hat die Idylle gemalt, aber auch den Arbeitern, die in dieser grauen Masse von Stein wohnen, ein Gesicht gegeben.

In der Ausstellung sind diese beiden Seiten seines Schaffens berücksichtigt, auch wenn ihr Untertitel  „l’instinct du paysage“ nur auf den Landschaftsmaler Luce abhebt.

Bevorzugte Motive fand der Landschaftsmaler an der Seine wie hier in Herblay.

Sein farbenfrohes Bild Seine à Herblay (1890) wurde für das Ausstellungsplakat verwendet. Typisch für ihn ist hier und in vielen anderen seiner Bilder die intensive Verwendung die Farbe violett, gewissermaßen sein Markenzeichen.

Auch die Stadtlandschaften von Paris, wo Luce einen großen Teil seines Lebens verbrachte, boten ihm unerschöpfliche Motive für sein Schaffen.

Zum Beispiel dieses Ölgemälde von Notre-Dame aus dem Jahr 1899, sicherlich inspiriert durch Monets Bilderserie über die Kathedrale von Rouen. Aber anders als bei Monets „steinernem Felsen ohne jede menschliche Präsenz“[10] geht es bei Luce nicht nur um die Architektur: Zu Füßen der Kathedrale wimmelt es von Menschen, es herrscht eine Harmonie zwischen ihnen und der Architektur.[11]

Vor allem in den Jahren seit 1917, als Luce Rolleboise entdeckte, malte er mit großer Freude die neue Umgebung und kehrte zu seinen neo-impressionistischen Ursprüngen zurück.[12]  Rolleboise liegt an der Seine, nur wenige Kilometer entfernt von Giverny, wo er Monet regelmäßig besuchte, ebenso wie Pierre Bonnard, der ebenfalls in der Nähe wohnte.[13]

Dieses Bild aus dem Jahr 1930, Rolleboise, La route en bord de la Seine, zeigt den alten Leinpfad entlang der Seine. Luce malte gerne die wilden Ecken der Inseln und die Altarme des Flusses, aber  er interessierte sich auch für ländliche Aktivitäten. Hier stehen die Silhouetten eines Mannes, der sich neben seinem Lastkahn ausruht, und eines anderen, der eine Schubkarre schiebt, neben denen eines Autos und einem Schlepper auf der Seine mit rauchendem Schlot: alles Zeichen, die auf die Bedeutung verweisen, die die Arbeit im Werk von Luce hat.

Das Interesse an den arbeitenden Menschen und seine Sympathie mit ihnen ist ein durchgehendes Kennzeichen des Werkes von Luce und sicherlich auch eine Grundlage seines politischen Engagements.

Studie eines Arbeiters (1907)

Gießerei in Charleroi (1896)

Dies sind Arbeiter in einer belgischen Gießerei. Luce war zum ersten Mal 1892 in Belgien, um an einer Ausstellung in Brüssel teilzunehmen. Eingeladen von belgischen Freuden und einem Sammler kehrte er, zusammen mit seiner Frau, mehrfach zurück, zutiefst beeindruckt von Charleroi, dem Zentrum des belgischen Kohlebergbaus und der Stahlindustrie.  „Le pays noir“ war für Luce ein Schock. „Es ist so schrecklich und so schön, dass ich Zweifel habe, ob ich wiedergeben kann, was ich sehe“, schrieb er an seinen Malerkollegen Henri-Edmond Cross.

Fabriken bei  Charleroi (1897)

Diese Faszination wird in manchen der im Musée Montmartre ausgestellten Bilder mit Motiven des belgischen Industrieviertels deutlich. Hier präsentiert Luce geradezu ein „pyrotechnisches Schauspiel der Industrie“. Die Bilder sind „ein Triumph der Farben“.[14] Luce vergisst dabei auch die Arbeiter nicht. Aber er stellt sie, anders als in seinen Beiträgen in anarchistischen Publikationen, nicht mit antikapitalistischer Militanz dar und auch ohne „miserabilisme“, nicht Mitleid-erregend.[15]

Dies gilt auch für die Bilderserie von Pariser Großbaustellen, die Luce im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geschaffen hat. Das sind vor allem radikale Straßendurchbrüche, die im Zuge des Haussmann’schen Stadtumbaus das Gesicht von Paris grundlegend veränderten und es sind die gigantischen Metrobaustellen.

Percement de l’avenue Junot à Montmartre (1910)

Luce entwickelt hier einen neuen malerischen Stil  jenseits des Pointilismus. Und er stellt Bilder mit riesigen Gerüsten geradezu in Serie her.

Le Chantier (1911)

Luce ist in dieser Zeit der Maler des Pariser Stadtumbaus. Dabei geht es um mehr als eine Dokumentation des Geschehens: Für ihn als Anarchisten hat das Thema des Abreißens und des Neuaufbaus eine allgemeine, symbolische Bedeutung.

Les Batteurs des pieux  (Musée d’Orsay)

Dieses Gemälde aus dem Jahr 1903 zeigt Bauarbeiter bei der Herstellung von Fundamenten. Sein Untertitel „quai de Billancourt“ verweist auf Paris als Schauplatz. Das Bild hat monumentale Dimensionen (154,0 x L. 196,0 cm) und ist sehr bewusst komponiert. Im Vordergrund zwei pausierende Arbeiter, in der Mitte ein Gruppe von Arbeitern, die einen schweren Eisenhammer hochziehen, mit dem dann die pfählernen Fundamente in den Boden gerammt werden. Auf der anderen Seite der Seine ein imaginiertes Paris: rechts das Paris der Arbeit, Fabriken mit rauchenden Schloten; links das Paris der Kultur, monumentale eingerüstete Bauten, die also im Entstehen begriffen sind; in der Mitte angedeutet Wohnhäuser, das Paris des Alltags.

Das Bild wurde 1903 auf dem Salon de la Société des artistes indépendants ausgestellt und zum zweiten Mal 1906 auf der Ausstellung der Berliner Secession – ein Beleg für „das zunehmende Interesse, das in Deutschland den neuesten Entwicklungen in der französischen Malerei entgegengebracht wurde“. [16]

Die Arbeiter im Zentrum des Bildes verkörpern die gemeinschaftliche Anstrengung bei der Schaffung einer neuen Welt. Mit ihren ausgeprägten Muskelpartien sind sie,  wie in dem Begleittext angemerkt wird, wie Atelierstudien vom lebenden Objekt gemalt.  Man hat sogar -ob zu Recht kann ich nicht beurteilen- „diesen Luce“ als Ahnherrn eines sozialistischen Realismus gesehen, der die Malerei im Dienste einer Ideologie habe verarmen lassen.[17]

Maximilien Luce stellt sich aber nicht in den Dienst einer solchen Ideologie. Er zieht sich in die Seine-Idylle von Rolleboise zurück und lässt seine jahrzehntelangen politischen Kämpfe hinter sich. Dafür engagiert er sich als Kopf der Société des Artistes Indépendants, und er zögert nicht, demonstrativ unter Protest von diesem Amt zurückzutreten, als das Regime von Vichy ein Ausstellungsverbot für jüdische Künstler verfügt… [18]  

Selbstportrait (um 1910)


Praktische Hinweise:

Musée de Montmartre 12, RUE CORTOT 75018 PARIS

Ende der Ausstellung 14. September 2025

https://museedemontmartre.fr/

Öffnungszeiten: täglich geöffnet von 10 bis 19 Uhr

Das Café Renoir ist täglich geöffnet von 11 bis 18 Uhr

Anmerkungen:

[1] https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/une-rue-de-paris-en-mai-1871-661

[2] Bernard Gallinato,  Une Rue de Paris en mai 1871 de Maximilien LUCE (1858-1941). Academie Montesquieu  8. November 2021   https://www.academie-montesquieu.fr/wp-content/uploads/2022/04/14-B.Gallinato-finalPDF.pdf

[3] Das Gefängnis war nach dem Panopticon-Prinzip gebaut, so wie das Gefängnis der Petite Roquette, die als Vorbild diente: https://paris-blog.org/2016/06/14/wohnen-auf-historischem-boden-la-grande-et-la-petite-roquette/

[4] https://maitron.fr/luce-maximilien-jules-dictionnaire-des-anarchistes/

[5] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pierre-Auguste_Renoir_-_Jardin_de_la_rue_Cortot.jpg

Siehe auch das Gemällde Conversation au jardin, das ebenfalls den jardin Cortot als Rahmen hat.

[6] https://www.lemonde.fr/economie/article/2025/07/22/a-paris-montmartre-face-a-une-pression-touristique-galopante-en-tant-qu-habitants-on-se-sent-comme-les-personnages-d-un-parc-d-attractions_6622885_3234.html      

[7] Merkur vom 17.8.2025

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilien_Luce#/media/Datei:Maximilien_Luce_-_’Montmartre,_de_la_rue_Cortot,_vue_vers_saint-denis‘,_oil_on_canvas_painting,_c._1900.jpg

[9] Im Rahmen der olympischen Spiele 2024 wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, das Bild des Viertels und die realen Lebensbedingungen darin deutlich zu verbessern. Siehe z.B. https://paris-blog.org/2024/10/01/die-verlangerte-metro-linie-14-von-saint-denis-zum-flughafen-orly-technische-architektonische-kunstlerische-superlative-und-stadtebauliche-und-soziale-veranderungen/ und https://paris-blog.org/2023/05/15/in-einem-jahr-die-olympischen-spiele-von-paris/  

[10] https://www.musee-orsay.fr/fr/oeuvres/le-quai-saint-michel-et-notre-dame-231

[11] Begleittext: „Luce élargit la perspective pour montrer le monument vibrant de  lumière et de couleurs, au pied duquel le peuple parisien s’affaire. L’harmonie  règne entre les personnages et l’architecture.“

[12] https://www.millon.be/createurs/maximilien-luce

[13] https://collections.musees-normandie.fr/ark:/16418/mdig240222010

[14] Begleittext zur Ausstellung. Dem ist auch das Zitat von Luce aus seinem Brief an Cross entnommen.

[15] Jeanne Paque, Maximilien Luce,  Artiste   https://impressionnismes.fr/personalite/maximilien-luce/  (Eine sehr intensive Darstellung des Lebens und der Werks von Luce)

Interessant wäre sicherlich ein Vergleich dieses Gemäldes mit Adolph von Menzels Eisenwalzwerk aus dem Jahr 1875. Siehe: https://germanhistorydocs.org/de/reichsgruendung-bismarcks-deutschland-1866-1890/adolph-menzel-eisenwalzwerk-moderne-cyklopen-1875

[16] Ron Manheim, Die Berliner Sezession Eine Geschichte. Rezension des Buches von Peter Paret: Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland (aus dem Amerikanischen von D. Jakob), Berlin, Verlag Severin und Siedler, 1981. In: journals.ub.uni-heidelberg.de

[17] https://www.latribune.fr/journal/edition-du-1208/la-tribune-de-l-ete/culture/1011443/maximilien-luce-du-reve-au-realisme.html: Il devient aujourd’hui, à nos yeux, l’ancêtre de ce réalisme socialiste qui appauvrira la peinture au début du XXe siècle au service d’une idéologie qui demandait une autre puissance créatrice.

[18]  https://www.arts-in-the-city.com/2025/03/20/on-a-vu-pour-vous-lexposition-maximilien-luce-linstinct-du-paysage-au-musee-de-montmartre/

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