Ledoux, Lavoisier und die Mauer der Generalpächter

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde Paris mit einer Zollmauer umgeben. Diese Mauer –ungefähr 24 Kilometer lang und markiert durch die späteren Metro-Linien 2 und 6- existiert heute nicht mehr. Aber es gibt noch vier der früheren Durchgänge (barrières):  architektonische Kostbarkeiten, gebaut von Claude-Nicolas Ledoux, einem der sogenannten Revolutionsarchitekten, dessen Saline von Arc et Senans ja schon Gegenstand eines Beitrags auf diesem Blog war.[1]

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“, wie sie offiziell hieß,  war in gewisser Weise – allerdings völlig unfreiwillig-  auch revolutionär- sie trug nämlich erheblich dazu bei, die revolutionäre Stimmung der Pariser Bevölkerung zu befördern, die dann am 14. Juli 1789 in der  Erstürmung der Bastille kulminierte. Den Zollpächtern bescherte die Mauer erhebliche Einnahmen, aber viele mussten dafür dann auch in der Zeit des jakobinischen Terrors mit ihrem Leben bezahlen – so der berühmte Chemiker Lavoisier.

Die Zollmauer oder „Mauer der Generalpächter“ ist also aus architektonischen und historischen Gründen höchst interessant und deshalb ist ihr der nachfolgende Beitrag gewidmet.

Inhaltsübersicht:

  • Die Errichtung und Organisation der Zollmauer
  • Die „Propyläen“ von Ledoux
  • Le mur murant Paris… : Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789
  • Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer
  • Das Ende der Mauer

Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux, Bestandteile des „Pantheons der französischen Architektur“ werden Gegenstand des  nachfolgenden Beitrags sein.

1. Die Errichtung und Organisation der Zollmauer

Der Bau der Zollmauer ist begründet in der  Finanzkrise des ancien régime, also des königlichen Frankreichs vor der Französischen Revolution.  Die kostspieligen Kriege Ludwigs XIV. hatten die Finanzen ruiniert, wovon sie sich bis zum Ausbruch der Revolution  nicht erholten.  In den 1780-er Jahren musste die Hälfte der Staatsausgaben für den Schuldendienst verwendet werden, ein weiteres Viertel für das Militär. Alle Versuche, auch den Adel zur Finanzierung der Staatsausgaben heranzuziehen, scheiterten an dessen erbittertem Widerstand.[2]

Ein wichtiges Mittel zur Finanzierung des Staates waren deshalb Zölle, die von einer sogenannten ferme eingetrieben und (telweise) an den Staat abgeführt wurden. Nach dem dictionnaire des finances von 1727 ist die ferme ein Zusammenschluss von mehreren Personen, die sich zusammengeschlossenen haben, um eigentlich in der Zuständigkeit des Königs liegende Aufgaben zu übernehmen: Dies konnten Binnenzölle sein, die innerhalb des Königreichs erhoben wurden, oder auch indirekte Steuern, zum Beispiel auf Salz (die sog. gabelles) und Tabak. Dazu kam das Monopol des Sklavenhandels, die traites. [3] Die Mitglieder einer ferme, die fermiers, waren  direkt dem König unterstellt und besaßen vom König übertragene Privilegien- so das Recht zur Bewaffnung ihrer Angestellten oder das Recht zur Durchsuchung – übrigens von Angehörigen aller Stände, also auch von Adligen und Geistlichen. Angriffe auf die fermiers und ihre Beschäftigten galten als „actes de rébellion“ und wurden entsprechend geahndet.[4] Modern ausgedrückt handelte es sich bei der Beziehung zwischen der ferme und dem König um eine Public Private Partnership (PPP), die nach dem damaligen Verständnis der Beteiligten im Interesse beider Seiten lag: Der König sollte von der Übertragung des Rechts auf Zoll- bzw. Steuererhebung an Privatleute profitieren, indem er einen jeweils für sechs Jahre vereinbarten Garantiebetrag für das staatliche Budget erhielt, was der Überschaubarkeit der Finanzplanung zu Gute kam, die ferme profitierte –und zwar, zurückhaltend ausgedrückt:  nicht unerheblich- von den erzielten Überschüssen, die allerdings prozentual begrenzt waren: Jeweils am Ende eines sechsjährigen Zyklus erfolgte eine Abrechnung und die über den Garantiezins hinausgehenden Gewinne der ferme wurden an den trésor royal abgeführt.

Schon vor Errichtung der Zollmauer unterlagen die nach Paris eingeführten Waren einem Zoll.  Aber die entsprechende Zollgrenze war durch die  Entwicklung der Stadt obsolet geworden: Sie trennte teilweise Straßen,  Grundstücke und Häuser, war kaum noch wahrnehmbar und entsprechend auch kaum noch kontrollierbar. Die Angestellten der ferme  waren hauptsächlich damit beschäftigt, die Grenze zu überwachen, so weit das überhaupt möglich war. Da die Steuern innerhalb der Stadt etwa dreimal so hoch waren wie die außerhalb, blühte der Schmuggel. Die Einnahmen der ferme – und des Fiskus- waren dadurch erheblich geschmälert.

Die Zollpächter entwickelten deshalb das Projekt, eine massive und effiziente Zollmauer zu bauen. Es wurde am 23.1.1785 vom König gebilligt und mit dem Bau konnte begonnen werden. Die Mauer war  3,30 Meter hoch,  ca. 24  Kilometer lang und wurde von breiten Boulevards begleitet, die nicht zuletzt der besseren Überwachung dienten.  An den 54 Durchgängen, den sogenannten „barrières“, kontrollierten die Zöllner  Personen und Güter und erhoben Zölle. Die Angestellten der ferme, vornehm in einen Gehrock gekleidet, fragten alle Personen, die eine barrière Richtung Paris passieren wollten, ob sie etwas zu verzollen hätten. Die obligatorische Antwort lautete: „voyez!“- sehen Sie nach. Und wenn dann nicht deklarierte zollpflichtige Waren entdeckt wurden, gab es eine Anzeige. Der Zoll wurde auf  Waren des täglichen Bedarfs wie Fleisch und Geflügel, Holz und Kohle erhoben, auf Baumaterialien wie Gips,  dazu auf Wein und Spirituosen, deren Besteuerung besonders hohe Erträge abwarf.

Die ferme nutzte die Gelegenheit des Baus einer Zollmauer, die Pariser Zollgrenze wesentlich zu erweitern – und damit natürlich auch ihre Einnahmen erheblich zu vergrößern.  Es wurden nun auch stark bevölkerte Vororte in den Pariser Zollbezirk einbezogen, während noch eher landwirtschaftlich genutzte und weniger besiedelte Randbezirke, die für die Ferme weniger Bedeutung hatten, außen vor gelassen wurden.[5]

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Die Mauer der Generalpächter ist  –von außen gesehen- die dritte auf dieser Übersicht. Ganz außern die heutige Grenze von Paris, danach , kurz dahinter, die Mauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es wird deutlich, wie weit die Mauer der Generalpächter über die vorherige aus der Zeit Ludwigs XIII. hinausreichte.

Das bedeutete, dass wesentlich mehr Menschen nun von den Zöllen betroffen waren und unter entsprechenden Preissteigerungen zu leiden hatten.

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Auf dieser Karte ist blau die mur der fermiers généraux eingezeichnet, rot die Festungsmauer von Thiers aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ebenso die Eisenbahnlinien mit den entsprechenden Kopfbahnhöfen, allerdings noch ohne den südlichen Abschnitt der die Stadt umgebenden Petite Ceinture.[6]

2. Die „Propyläen“ von Ledoux

An den Durchgängen durch die Zollmauer wurden Pavillons errichtet, die für die Büros und Wohnungen der Angestellten der ferme bestimmt waren. Mit ihrem Bau wurde der Architekt Claude-Nicolas Ledoux (1736 – 1806) beauftragt, ein in der Zeit des ausgehenden ancien régime  angesehener Architekt.

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Portait von Ledoux mit seiner Tochter  Adélaïde. Gemälde von Antoine-François Callet. Ausgestellt im Pariser Stadtmuseum Carnavalet in Paris in dem Raum, in dem die von Ledoux entworfenen Holzvertäfelungen des  Café militaire ausgestellt sind – einem dem Militär vorbehaltenen noblen Café in der rue Saint-Honoré, die Ledoux entworfen hatte.

Ledoux hatte städtische Palais (hôtels particuliers) und Schlösser  für die Aristokratie gebaut- berühmt und richtungsweisend war der für Madame du Barry, die Favoritin Ludwigs XV.,  errichtete neoklassizistische Musikpavillon in Louveciennes. (6a)

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Und dann  hatte sich Ledoux  beim  Bau der Saline von Arc et Senans –ebenfalls eine Einrichtung der ferme- ausgezeichnet.

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Portal der Saline von Arc et Senans

Natürlich sollten die Eingänge in die Stadt an Kreativität und Monumentalität nicht hinter der ländlichen Saline zurückstehen. Insgesamt entwarf Ledoux 55 Eingänge, jeder unterschiedlich. Und der mit ihnen verbundene Anspruch wird aus dem Namen dieser Pavillons deutlich: Sie hießen Propyläen, sollten also einen Bezug herstellen zum Eingang der Akropolis von Athen! Und dazu passte auch die neoklassizistische Architektur der Torhäuser.[7]

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Alle Torhäuser waren von Ledoux unterschiedlich und sehr aufwändig konzipiert.

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Eines der symmetrisch angelegten Torhäuser der barrière de l’étoile- an der Stelle der heutigen place de l’Étoile- An ihnen vorbei promenierten die reichen Pariser und die Aristokraten zum Bois de Boulogne.   [8]

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Die Barrière de Belleville.

Dies war im 19. Jahrhundert eine der bekanntesten Barrieren von Paris, weil es auf der anderen Seite eine Vielzahl von Tanzsälen und Weinkneipen gab – sehr populäre und nahe gelegene Ausflugsziele der weniger betuchten Pariser. Kein Wunder:  Der Preis des Weins dort betrug nur etwa ein Drittel des Weins intra muros. An Wochenenden waren dann die guinguettes an der Marne sehr beliebt und frequentiert- auch dort war der Wein nicht dem Pariser Zoll unterworfen, also entsprechend billiger.[9]

 

3. Le mur murant Paris…. Von der Kritik an der Mauer bis zur ihrer Erstürmung am Vorabend des 14. Juli 1789

Was die Pariser von der Zollmauer gehalten haben, wird in einem berühmten Alexandriner deutlich, den Beaumarchais zitiert oder erfunden hat: « Le mur murant Paris rend Paris murmurant. »  („Die Mauer, die Paris einmauert, lässt Paris murren“). Das Murren der Pariser hatte vielfältige Gründe. Natürlich bedeutete die Mauer für manche Bewohner der Stadt und vor allem der neu dem Einfuhrzoll unterworfenen Bewohner des Umlandes eine z.T.  deutliche finanzielle Belastung. Nach Überzeugung von Sébastien Mercier, einem zeitgenössischen Beobachter des ancien régime,  gab es dafür aber keinerlei Legitimation.  In seinen Songes et visions philosophiques von 1788  schrieb er, das Volk zahle schon genug an Steuern und Abgaben. Die Mauer sei ein Angriff auf Ruhe und Wohlstand der Nation und er verlange von den für sie verantwortlichen Männern der Finanz, sie wieder abzureißen.

Aber auch die durch die Mauer hervorgerufenen (angeblichen) gesundheitlichen Gefahren wurden kritisiert. Die Zeitung Courrier de l’Europe vom 4. Juli 1785 gab die Auffassung eines Monsieur de Buffon wieder, der das Mauerprojekt als schädlich für die Luftqualität der Stadt bezeichnet hatte: Durch die Mauer könne die schlechte Luft der Großstadt nicht durch die frische Luft von draußen ersetzt werden. Alle Ärzte hätten bestätigt, dass das sehr gefährlich für die Hauptstadt sein könne. Deshalb sähe es die Öffentlichkeit mit der allergrößten Befriedigung, wenn die Arbeiten an der Mauer beendet würden.[10]

Auf ein weit verbreitetes Unverständnis stieß auch die Architektur der Barrieren, die –bezogen auf ihren eigentlichen Zweck- viel zu aufwändig und damit auch zu kostspielig sei. Ihr repräsentativer, ja zum Teil monumentaler Charakter sei dysfunktional, provokativ und vor allem Geldverschwendung. Mercier greift in seinem berühmten Tableau de Paris Ledoux direkt an[11]:  Die Räuberhöhlen der Steuereintreiber habe er in säulenbestandene Palais verwandelt. „Ah, Monsieur Ledoux, Sie sind ein furchtbarer Architekt!“ Diese Kritik war angesichts der klammen Staatsfinanzen in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet und führte dazu, dass  Ledoux 1787 vorläufig und 1789 definitiv seinen Posten als „Chefarchitekt“ der Mauer verlor.[12]

Darüber hinaus und vor allem aber wurde die Mauer als Symbol der Unterdrückung, der Unfreiheit verstanden. Bachaumont bezeichnet in seinen Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la republique des lettres en France von 1786 die Pavillons als  „monuments d’esclavage et de despotisme.“[13] Und um noch einmal Sébastien Mercier zu zitieren: Für ihn war die Mauer erniedrigender Ausdruck der Sklaverei. Durch sie würden die Bürger wie Schafe gehalten. Sie werde von dem „bon peuple“ als „un malheur“ und „un outrage“ angesehen.[14]

Dieses von der Mauer erzeugte Gefühl von Knechtschaft, Unglück und Beleidigung kam auch in diesem weit verbreiteten Vierzeiler zum Ausdruck:

Pour augmenter son numéraire

Et racourcir notre horizon

La ferme a jugé nécessaire

De nous mettre tous en prison.[15]

 

Um ihre Einnahmen zu erhöhen  und unseren Horizont zu beschneiden,

 hat es die ferme für nötig gehalten,  uns alle ins Gefängnis zu sperren.

  

Insofern ist es nur allzu verständlich, dass es in der revolutionär aufgeladenen Situation des Juli 1789 zum Sturm auf die Mauer kam. Und der kam  keineswegs aus heiterem Himmel: Schon seit Beginn des Jahres gab es mehrere Zwischenfälle an der Mauer: Da wurden Angestellte der ferme bei dem Besuch eines Cabarets in Belleville angegriffen; da versuchten gewerbsmäßige Schmuggler –in den Polizeiakten als „fraudeurs de profession“,  von der ferme als „brigands“ tituliert –   mit Gewalt Waren ohne Einfuhrzoll nach Paris zu bringen; da weigerten sich Bürger, an den barrières den geforderten Zoll zu bezahlen…

7-5248e355ee Angriff auf die Zollhäuser

Am 12. und 13. Juli waren es dann nicht mehr nur einzelne Vorfälle, sondern die Barrieren wurden systematisch angegriffen: Meist wurden die Angestellten der ferme vorgewarnt, dann wurden Barrieren geplündert und in Brand gesteckt. Die Urheber dieser Aktionen waren vor allem Schmuggler, die ihre Lebensgrundlage durch die Zollmauer bedroht sahen, dazu kamen dann aber auch Weinhändler und schließlich in prekären Verhältnissen lebende Gruppen der Bevölkerung wie Tagelöhner, Hilfsarbeiter, Lehrlinge …  [16]

Dieser Sturm auf die Mauer der Generalpächter ist „le premier grand fait de la révolte parisienne“[17],   Vorspiel des Sturms auf die Bastille. Michelet hat in seiner großen Geschichte der Französischen Revolution diese Verbindung ausdrücklich hergestellt: Er bezeichnet die Barrieren als „diese schweren kleinen Bastilles der Generalpächter“. Sie seien vom Volk angegriffen worden und hätten die Nacht über gebrannt.[18] Natürlich ist der 14. Juli mit dem Sturm auf die Bastille der symbolische Beginn der Französischen Revolution, aber der Sturm auf die Mauer der Generalpächter war ihr Auftakt. Und der Erfolg des spontanen Angriffs auf die „kleinen Bastilles“ war sicherlich eine Ermutigung, sich auch an die „große Bastille“ heranzuwagen.

Allerdings: Diejenigen, die am 14. Juli  die Bastille erstürmten, waren vom ersten Tag an Helden der Revolution, der Freiheit. Diejenigen aber, die die „kleinen Bastilles“ der Zollmauer angegriffen hatten, mussten, wenn sie denn identifiziert wurden, mit juristischen Konsequenzen rechnen: Denn die Zollgrenze wurde erst 1791 –für wenige Jahre- abgeschafft, was in der nachfolgenden Abbildung gefeiert wird: Da wird den „weisen Gesetzgebern“ gedankt, dass sie den „droit d’entrée“ abgeschafft und die Raffgier der Zolleinnehmer niedergeschlagen hätten.  Die Abondance, Verkörperung von Reichtum und Überfluss,  Bacchus, der Gott des Weins, und Ceres, die Göttin des Getreides, ziehen ungehindert in die Stadt ein: Die Freiheit hat die Grenzen durchbrochen. [19]

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1791 wird die ferme – rückwirkend datiert auf den 14. Juli 1789-  aufgelöst und den fermiers  der Prozess gemacht. Mit welchen Ergebnissen lässt sich eindrucksvoll auf dem Friedhof von Picpus erkennen. Da gibt es in der Kapelle große  Tafeln mit den Namen, Berufen und dem Alter derjenigen, die dort in Massengräbern verscharrt wurden.

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Das waren die Opfer des Revolutionstribunals und der Guillotine, die in den letzten Wochen des terreur auf dem nahe gelegenen Platz bei der barrière de Vincennes/barrièrre du thrône hingerichtet wurden,  und auch hier waren Zollpächter unter den Opfern.[20]

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Ledoux entging nur knapp der Guillotine. Allerdings wurde er Ende 1793 verhaftet: Als „Stararchitekt“ des ancien régime und als Baumeister der Zollmauer war er abgestempelt und verfemt.  Im Gefängnis begann er, ausgehend von der Saline von Arc et Senans, eine ideale Stadt zu entwerfen, die er als Prototyp demokratischen Zusammenlebens verstand. Das rettete ihn vor dem Revolutionstribunal und der Guillotine. Dass er allerdings immer damit rechnete, auf dem  Schafott zu enden, zeigt eine Passage aus seinem Traktat: 

Ich werde unterbrochen…  man ruft Ledoux, aber ich bin nicht gemeint; mein Gewissen und mein guter Stern sagen es mir. Es ist ein Doktor der Sorbonne mit dem gleichen Namen. Armes Opfer!… Ich mache weiter.[21]

Anfang 1795 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Aufträge für neue Bauten erhielt er nicht mehr. Sein theoretisches Werk aber gilt als visionäres Produkt einer Revolutionsarchitektur mit großer und breiter Nachwirkung und Ledoux als einer der Ahnherren der modernen Architektur.[22]

Als Beispiel hier nur eine kleine Zeichnung: Sie zeigt das Innere des von ihm entworfenen Theaters von  Besançon, das sich im Auge des Betrachters spiegelt: Ein Raum organisiert wie ein Amphitheater. Es gibt also nicht mehr eine strikte Trennung zwischen den Logenplätzen für den Adel des Geldes oder Geblüts zum Sehen und Gesehen-Werden und den Stehplätzen im Parkett: Durch die Architektur wird der aufklärerische Anspruch der Gleichheit konkretisiert.

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Dieses Auge des Betrachters hat die Surrealisten fasziniert und Magritte hat es in seinem wichtigsten Gemälde, „Le Faux Miroir“ von 1928, einem Schlüssel zu seiner Philosophie und seinem Werk,  aufgegriffen. (22a)

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4. Lavoisier: Chemiker, Zollpächter und Opfer der Mauer

Anders als Ledoux blieb dem  wohl bekanntesten fermier général, nämlich Antoine Laurent de Lavoisier, die Guillotine nicht erspart. Lavoisier war ein genialer Chemiker, Pasteur nannte ihn den „législateur de la chimie“. Aber Lavoisier war weit mehr als das:  unter anderem auch noch Doktor der Rechte,  Bankier, Direktor von Tabakmanufakturen und Schießpulver- Fabriken, Reformator von Maßeinheiten, Bildungspolitiker, Direktor der Akademie der Wissenschaften  – und nicht zuletzt Zollpächter, und auch dies mit großen Engagement.

Lavoisier wurde 1768 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und er trat als Teilhaber in die ferme ein. Er hatte ein entsprechendes Angebot erhalten. Zwar musste er sich dafür in erheblichem Maße verschulden, aber es handelte sich dabei um eine sichere Kapitalanlage, weil für das eingesetzte Kapital eine Verzinsung von 10 bzw. 6% garantiert war.  Allerdings beschränkte sich  Lavoisier keineswegs auf eine eher passive Teilhaberschaft. Zu seinem Engagement trug sicherlich auch bei, dass er 1771  Anne Marie Paulze,  die Tochter des für die Tabak-Regie verantwortlichen fermiers heiratete. Die Tabak-Regie hatte das Monopol für die Einfuhr, Weiterverarbeitung und Steuererhebung für Tabak. Lavoisier kümmerte sich hier besonders um die Verarbeitung des eingeführten Tabaks und die Festlegung von Qualitätsstandards, wobei er seine chemischen Kompetenzen sehr sinnvoll anwenden konnte. Das gilt auch für einen weiteren Tätigkeitsbereich bei der Régie des Poudres et Salpêtres, die das Monopol auf die Herstellung von Schießpulver hatte.  Im Siebenjährigen  Krieg war der Mangel an Schießpulver für die französische Armee deutlich geworden. Frankreich sollte jetzt unabhängig von Importen von Salpeter werden. Als Mitglied der Akademie erhielt Lavoisier Mittel, um die wissenschaftlichen Grundlagen für die Produktion von Salpeter in Frankreich zu verbessern. Er entwickelte Ausbildungsprogramme für Arbeiter und schuf neue Produktionsstätten. Die Qualitätssteigerung in der Pulverherstellung durch Lavoisier war ein wichtiger Faktor für die Erfolge der französischen Armeen während der Revolutionskriege.[23] 1776 bezog Lavoisier Räume im Arsenal von Paris mit Bibliothek und Labor, um die Arbeiten besser organisieren zu können. Von 6-9 Uhr morgens und von 19-22 Uhr abends arbeitete er an seinen wissenschaftlichen Projekten und in der Zeit dazwischen für die Akademie und die ferme.

1780 wurde ein neuer Vertrag zwischen der ferme und dem trésor royal abgeschlossen. Die Zahl der fermiers wurde auf 40 reduziert, zu denen auch weiterhin Lavoisier gehörte. Er war jetzt auch zuständig für die Erhebung der Einfuhrzölle an der Pariser Stadtgrenze. Lavoisier berechnete, dass die nach Paris offiziell eingeführten Waren nur vier Fünftel des Bedarfs deckten, dass also ein Fünftel geschmuggelt wurde: Begünstigt wurde das nicht nur durch die Unmöglichkeit einer effizienten Kontrolle aufgrund zahlreicher nicht kontrollierbarer Zugänge, sondern auch dadurch, dass bestimmte Gruppen von den Zöllen ausgenommen waren (z.B. die religiösen Gemeinschaften), die dieses Privileg auch zum Schmuggel nutzten. Um den Schmuggel besonders von Alkohol und Tabak zu unterbinden oder wenigstens zu erschweren, betrieb Lavoisier den Bau der Zollmauer, was Ludwig XVI.  1785 genehmigte. Dass Ledoux die  Aufgabe übertragen wurde, die Barrieren zu bauen, wird sicherlich im Sinne Lavoisiers gewesen sein: Da er auch für die Salinen in der Franche-Comté zuständig war, kannte er ja und schätzte offenbar auch die Saline von Arc et Senans. Und er ermutigte Ledoux auch dazu,  beim Bau  der Pavillons eher auf die Ästhetik und weniger auf das Geld zu achten.[24]

Die Kritik an der Zollmauer fokussierte sich denn auch ganz massiv auf Lavoisier als ihren „geistigen Vater“.  In einem der zahlreichen damals kursierenden Pamphlete heißt es:  „Dieses scheußliche Bauwerk ist das Werk von Herrn Lavoisier, dem einzigen der vierzig Säulen des Staates, (gemeint sind damit die 40 Generalpächter. W.J.) der auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist. Er ist Chemiker und die Lästerer sagen, dass er Paris in einen Destillierkolben stecken wollte, dessen Auffangbehälter die Kasse der ferme sei.“[25]

In einem anderen Flugblatt wurde ebenfalls Lavoisier massiv angegriffen: Die Mauer sei  „un projet tyrannique… Du bist verantwortlich für die neue Unterdrückung deiner Mitbürger durch die Zolleintreiber.… Alle Welt versichert, dass Herr Lavoisier von der Akademie der Wissenschaften der wohltätige Patriot sei, dem man die segensreiche Erfindung verdanke, die Hauptstadt in ein Gefängnis zu verwandeln. … Man berichtet, dass ein Marschall Frankreichs, den man nach seiner Meinung zu der Mauer fragte, geantwortet habe: ‚Meiner Meinung nach sollte der Urheber dieses Projekts gehenkt werden.‘ Herr Lavoisier hat Glück, dass dies noch nicht erfolgt ist.“[26]

Das Ende des ancien régime und der Beginn einer neuen Ära wurde von Lavoisier durchaus begrüßt. In den lettres de doléances des Adels von Blois, die er redigierte, forderte er die allgemeine Gleichheit: „De la liberté personelle dérive celle d’écrire, de penser, le droit de faire imprimer et publier…. Le but de toute institution sociale est de rendre le plus heureux qu’il est possible ceux qui vivent sous ses lois. Le bonheur ne doit pas être réservé à un petit nombre d’hommes, il appartient à tous.“ (cit. bei Poirier, S. 241)

Er engagierte sich auch in der „Gesellschaft von 1789“, in der sich Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie Condorcet, La Fayette, Sieyès und andere zusammengeschlossen hatten, zusätzlich zu seiner Tätigkeit als fermier noch ein weiterer Grund, die Feindschaft der Jacobiner auf sich zu ziehen. Im L’Ami du peuple bezeichnete Marat  Lavoisier als „coryphée des charlatans“ und den größten Intriganten des Jahrhunderts- „le plus grand intrigant du siècle“.  Es war aber nun nicht speziell Lavoisier, der von den Jacobinern gehasst und verfolgt wurde, sondern es waren die Zollpächter insgesamt. Ihnen wurde vorgeworfen, sich maßlos und in ungesetzlicher Weise bereichert zu haben. In der Tat hatten die fermiers ja erhebliche Reichtümer angesammelt, auch Lavoisier, der sie immerhin auch für seine naturwissenschaftlichen Versuche nutzte. Seine Einkommenserklärung für das Jahr 1791 weist einen Betrag von 37 500 livres aus, wobei eine ganze Reihe von zusätzlichen Einkommen gar nicht berücksichtigt sind. Zum Vergleich: ein mittlerer Beamter hatte ein Jahreseinkommen von 1000 livres. Am 15. Oktober 1793 legte Lavoisier, der dazu aufgefordert wurde, eine Aufstellung der Güter seines alltäglichen Bedarfs vor: Darunter befanden sich immerhin 160 Pfund Kaffee, 39 Flaschen eau de vie (Schnaps), 268 Flaschen Likör und 8000 (sic!) Flaschen Wein…

Am 5. Mai 1974, auf dem Höhepunkt des jaconinischen Terrors, beschloss der Konvent, den Fall der Zollpächter an das Revolutionstribunal zu übergeben. Die Anklageschrift erhielten Lavoisier und die mitangeklagten fermiers  erst am Vorabend des Prozesses spät nachts und sie konnten sich am Prozesstag nur je 15 Minuten mit den insgesamt vier Verteidigern beraten. Der öffentliche Prozess war eine Farce und ein Schauprozess. Der vorsitzende Richter, Jean-Baptiste Coffinhal,  war berüchtigt dafür, den Anklagten mit den Worten „tu n’as pas la parole“ das Wort abzuschneiden und sich über sie lustig zu machen.  Auf die wissenschaftlichen Verdienste Lavoisiers aufmerksam gemacht, soll er lakonisch geantwortet haben:  „La République n’a pas besoin de savants et de chimistes, le cours de la justice ne peut être suspendu.» („Die Republik braucht weder Wissenschaftler noch Chemiker. Der Lauf der Justiz darf nicht aufgehalten werden.“) – ein gut zu ihm passender, allerdings nicht verbürgerter Ausspruch. Am 8. Mai 1794 wurden Lavoisier und die mitangeklagten fermiers zum Tode verurteilt.  Allerdings hatte Lavoisier vorher  noch die Gelegenheit,  einen Abschiedsbrief zu schreiben. Darin findet sich der Satz: „Es ist anzunehmen, dass die Ereignisse, in die ich verstrickt bin, mir die Unannehmlichkeiten des Alterns ersparen.“ Er werde sein Leben als kerngesunder Mann beenden. Das besorgte die auf der Place de la Révolution, heute Place de la Concorde, aufgestellte Guillotine am 8. Mai 1794. Wie die anderen an diesem Tag Guillotinierten wurde Lavoisier in einem Massengrab auf dem Cimetière de Errancis  bestattet, bevor  bei dessen Auflösung die Gebeine in die Katakomben überführt wurden. Ironie des Schicksals: Dazu gehörten dann auch die sterblichen Überreste Robespierres, der im Juli 1794 unter dem Schafott endete- wie im August des Monats Coffinhal übrigens auch.

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Erinnerungstafel 97 rue de Monceau.

Ort des früheren Friedhofs des Errancis, wo zwischen dem 24. März 1794 und dem  Monat Mai 1795 1119 Personen bestattet wurden, die auf der Place de la Révolution guillotiniert worden waren.

Am Tag nach der Hinrichtung Lavoisiers notierte der bedeutende Mathematiker und Astronom Lagrange: „Es hat den Henkern nur einen Augenblick gekostet, einen solchen Kopf abzuschlagen, und  hundert Jahre reichen vielleicht nicht hin,  einen ähnlichen wieder hervorzubringen“. (26a)

5. Das Ende der Zollmauer

Mit der Erstürmung der Mauer  in den Tagen vor dem 14. Juli war allerdings noch nicht das Ende der Zollmauer gekommen. Immerhin beschloss die konstituierende Nationalversammlung am 20. Januar 1791, dass der octroi, die Zollerhebung an der Zollmauer,  mit Wirkung vom 1. Mai des Jahres beendet werden sollte. Das Musikkorps und Abteilungen der Nationalgarde verkündeten entlang der Mauern diesen Beschluss. Die Folgen für die städtischen Finanzen waren allerdings katastrophal, sodass der octroi 1798 vom Direktorium wieder eingeführt wurde. Er firmierte nun als „städtische Wohfahrtssteuer“ (octroi municipal de bienfaisance)  und diente offiziell der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Pariser Bevölkerung. In Wirklichkeit waren 85% der Einkünfte der Stadt dem octroi zu verdanken, so dass er zu einem grundlegenden Bestandteil der städtischen Finanzen wurde. Und dies nicht nur für Paris, sondern auch für andere Städte und Kommunen: In den 1840-er Jahren mussten die von Paris nach Versailles  beförderten Waren insgesamt sechs Zollgrenzen passieren! Die Forderung von Liberalen, im Namen des Freihandels den octroi abzuschaffen, hatte allerdings selbst unter der  Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe die Liberalen wenig Erfolg. Immerhin beseitigte die junge II. Republik 1848 die Zölle für Fleisch und ersetzte sie durch eine Steuer auf Luxuswaren.

Erst mit der Erweiterung von Paris im Jahr 1860 und der Integration von elf Gemeinden, die zwischen der Zollmauer und der Festungsmauer von 1840 lagen, wurde die Mauer obsolet und auf Befehl von Baron Haussmann beseitigt. (27)

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Abgerissen wurden auch die meisten der Ledoux’schen Torhäuser- hier zum Beispiel die an der Place de l’Étoile, weil sie der von Haussmann gewünschten monumentalen Umgestaltung des Platzes im Wege standen. Und natürlich hätten die Torhäuser Ledoux‘ auch etwas die Apotheose des Triumphbogens und Napoleons relativiert. (28)

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Die Steuer allerdings wurde damit  nicht beseitigt: Die wurde nun an den neuen Außengrenzen der Stadt erhoben. Erst 1943, also unter der deutschen Besatzung, wurde der Pariser octroi abgeschafft und durch lokale Steuern ersetzt, was 1948 dann für ganz Frankreich gesetzlich festgelegt wurde. Einmal erhobene Abgaben haben manchmal ein langes Leben….

Vier der ehemaligen Barrieren wurden aber verschont, sind also noch erhalten. Sie gehören zum „Pantheon der französischen Architektur“ und ihnen ist der nachfolgende Blog-Beitrag gewidmet.

Anmerkungen

[1]https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[2] Vincent Milliot/Philippe Minard, La France d’Ancien Régime. Armand Colin 2018, S. 170f (Abschnitt: L’impossible réforme de la monarchie)

[3]une union de plusieurs personnes qui s’associent pour entrer dans les affaires du Roi.“ Cit. bei Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle, S. 45

[4] Durand, a.a.O.  S. 50

[5] Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris, S. 138/140

[6] https://www.pariszigzag.fr

(6a) Bild von: By Jean-Marie Hullot – Own work – http://www.fotopedia.com/items/jmhullot-N3qptM-Vrsk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8538329

[7] Abbildung aus: https://paris-atlas-historique.fr/55.html

Zu Ledoux siehe auch den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans: https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[8] Bild aus  http://www.francegenweb.org/wiki/  Artikel über die Barrières du mur des Fermiers généraux. Dort auch eine Liste aller Barrières-    Siehe auch:

https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

[9] Siehe: Les guinguettes des Barrières. In: Histoires de Paris vom 22. April 2017. https://www.histoires-de-paris.fr/guinguettes-barrieres/

Siehe auch die Blog-Beiträge über Belleville: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

und über die Guinguettes an der Marne: https://paris-blog.org/2017/08/06/musik-und-tanz-an-der-marne-au-pays-des-guinguettes/

[10] Zitiert  bei:  http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99  Das Argument der verhinderten Frischluftzufuhr wird auch von Mercier in seinen Songes et visions philosophiques von 1788 verwendet:

[11] https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8320w/f263.image

[12] https://journals.openedition.org/ahrf/12765 und

https://www.historia.fr/le-mur-murant-paris-rend-paris-murmurant

[13] https://fr.anecdotrip.com/anecdote/6-anecdotes-sur-le-trone-et-sa-barriere-des-fermiers-generaux-par-vinaigrette

[14] Sébastien Mercier, Songes et visions philosophiques, 1788,  Zit. in: http://www.ecrivaines17et18.com/pages/18e-siecle/bon-a-savoir/le-paris-de-louis-sebastien-mercier.html#fgCGR3jf0kWHa2w8.99

[15] Mercier: Le nouveau Paris. Cit. von Poirier, Lavoisier, S. 186. Insofern kann ich auch die nachfolgende Feststellung von  Markovic nicht ganz nachvollziehen: Ce qui est critiqué par la presse et les pamphlets demeure l’opulence de ces édifices (der Barrieren von Ledoux W.J.) et non l’enfermement de Paris. https://journals.openedition.org/ahrf/12765

[16] Markovic, La révolution aux barrières. https://journals.openedition.org/ahrf/12765 Nachfolgendes Bild vom Sturm auf die Zollhäuser aus: https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

[17] Durand, Les fermiers généraux, S. 621

[18] Michelet, Histoire de la Révolution Française. Éditions Robert Laffont. Paris 1979, S. 137/138  Das bezieht sich auf den Sonntag, den 12. Juli 1789

[19] Quelle der nachfolgenden Abbildung: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6947726s/f1.item.r

[20] siehe den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus: https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

[21] Siehe zu Ledoux den Blog-Beitrag über die Saline von Arc et Senans

Zum Leben kurz auch: http://www.whoswho.de/bio/claude-nicolas-ledoux.html

Zur Architektur: https://www.uni-heidelberg.de/md/zaw/akh/akh_texte/05schlembach150705.pdf

Zitat aus dem Traktat s. Anm. 22  „Je suis interrompu… La hache nationale étoit levée, on appelle Ledoux, ce n’est pas moi ; ma conscience, mon heureuse étoile me le dictoient : c’étoit un docteur de Sorbonne du même nom. Malheureuse victime !… Je continue.“

siehe  den schönen Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[22] Ledoux, Claude-Nicolas, (1736-1806), . considérée sous le rapport de l’art, des meurs et de la législation, Paris, Herman. (Originale Ausgabe frei zugänglich bei Gallica:  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k857284.image

Siehe dazu Emil Kaufmann, Von Ledoux bis Le Corbusier. Entstehung und Entwicklung der Autonomen Architektur. Wien und Leipzig 1933 https://www.academia.edu/10699921/Entstehung_der_Autonomen_Architektur_Analyse_Emil_Kaufmanns

(22a) siehe dazu Petra Kipphoff in ihrer Rezension der großen Brüsseler Magritte- Ausstellung von 1978: https://www.zeit.de/1978/46/die-entfuehrung-des-gesunden-menschenverstandes. Zu dem Zusammenhang zwischen Ledoux und Magritte siehe auch den Blog-Beitrag von Sonia Branca- Rosoff: https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/18/la-rotonde-de-la-villette/

[23] https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_Laurent_de_Lavoisier

[24]  Poirier, S. 185. Auf das Buch von Poirier stütze ich mich auch in den nachfolgenden Passagen über Lavoisier.

[25]Cet odieux monument fiscal est l’ouvrage de M. Lavoisier, le seul des quarantes colonnes de l’Etat (die fermier généraux) qui soit membre de l’Académie des Sciences. Il est chimiste, et les mauvais plaisants disent qu’il a voulu mettre Paris dans un cucurbite dont la caisse des fermes sera le récipient.“ (Cit. Poirier S. 185)

[26] Cit. bei Poirier, S. 186. Entsprechend auch der Tenor einer Darstellung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts: „Sous Louis XVI, le savant Lavoisier, qui était en même temps un des 40 fermiers généraux, eut la pensée fort peu philantropique de quintuplers les revenus du fisc en portant les limites de la capitale à une très grande distance de son centre. C’est lui qui lui assigna une nouvelle frontière dans laquelle furent enclavés tous ses faubourgs soumis dès lors à payer des droits d’entrée sur les principaux objets de consommation.“  Le Nouveau conducteur dans Paris et dans les environs, indiquant tout ce qui peut intéresser l’étranger au sein de cette capitale du monde civilisé. Paris 1851, S. 6 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6393839z/f238.item

(26a) Zit. in: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände (Conversations-Lexikon). 8. Auflage, 6. Band, Leipzig: Brockhaus 1835, S. 536

(27) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/

(28) Bild aus: http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/mur_des_fermiers_generaux.htm

Literatur:

Sonia Branca-Rosoff, https://passagedutemps.wordpress.com/2019/11/14/suivre-le-mur-des-fermiers-generaux-de-la-place-de-lile-de-la-reunion-aux-pavillons-de-bercy/

Yves Durand,  Les Fermiers généraux au XVIIIe siècle. Paris: PUF 1971

Momcilo Markovic,  La Révolution aux barrières : l’incendie des barrières de l’octroi à Paris en juillet 1789   https://journals.openedition.org/ahrf/12765

Les  propylées de Paris. 1785-1788. Claude Nicolas Ledoux. Une promenade savante au clair de lune. Editions Honoré Clair.  (Bibl. Arsenal)

Le mur des fermiers généraux, In: La lettre d’Histoires-de-Paris.fr Nummer 25. März 2019. https://www.histoires-de-paris.fr/lettre-25-mars-2019-le-mur-des-fermiers-generaux/

Gallet, Michel. Claude-Nicolas Ledoux, 1736-1806. Paris, 1980

Renaud Gagneux, Denis Prouvost: Sur les traces des enceintes de Paris. Promenades au long des murs disparus.   Parigramme, 2004

Jean-Pierre Poirier, Lavoisier. 17423 – 1794. Paris: Pygmalion 1993

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Wie man eine Revolution feiert: Der 14. Juli in Paris
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Der Garten des Palais-Royal: ein Garten der Literatur und eine Oase der Stille mitten in Paris

 

 

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 2: große Frauen)

Im ersten Teil dieses Beitrags wurden einige Männer vorgestellt, die das „große Jahrhundert“ des Marais und Frankreichs geprägt haben: Der König Henri Quatre, sein Minister Sully  und Ludwig XIII., die den Plan dieses neuen Viertels entworfen und umgesetzt haben; dazu mehrere Künstler,  Architekten, Maler, Musiker, die dem Viertel Leben und Glanz verliehen haben.[1]

Zu dem Glanz des Marais im „großen Jahrhundert“ Frankreichs haben  ganz wesentlich auch Frauen beigetragen. Das Marais war damals ein Zentrum der französischen Kultur literarischer Salons, die vor allem von Frauen betrieben wurden. So der Salon der  Madeleine de Scudéry, die E.T.A. Hofmann zur Potagonistin seiner Kriminalgeschichte  Das Fräulein von Scuderi machte. Madeleine de Scudéry, auch Sapho genannt nach der Dichterin des klassischen Griechenland, schrieb sehr erfolgreiche heroisch-galante Romane im Stil der Zeit und eröffnete 1652 in der rue de Beauce ihren eigenen preziösen und hocharistokratischen Salon, in dem die Teilnehmer/innen die Kunst einer geistreichen Konversation pflegten. Madeleine de Scudery wurde sogar als Anwärterin für einen Sitz in der Académie Française gehandelt, die es aber dann doch vorzog, für weitere 300 Jahre (bis 1980) eine den Männern vorbehaltene Domäne zu bleiben.

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Portrait der Madeleine de Scudéry (1607 – 1701) : rue du Temple Nummer 4

 DSC07010 Ninon de l'EnclosEinen weiteren bedeutenden Salon betrieb Ninon de  L’Enclos (1620-1705), deren Portrait sich in der rue du Pas de la Mule, auf der Rückseite des Portraits von Ludwig XIII.  befindet.  Wie Madeleine de Scudery war auch sie Schriftstellerin, blieb ihr Leben lang  ledig, hatte aber eine Fülle von Liebhabern und war eine heißbegehrte Kurtisane. Das hinderte aber „tout Paris“ nicht daran, ihren Salon zu frequentieren, wenn man denn das entsprechende  Privileg hatte. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Briefe von Ninon d’Enclos an den Marquis von Sévigné aus dem Jahr 1751 heißt es:

„Das Haus der Fräulein Lenclos … war der Sammelplatz aller gesitteten und durch ihren Witz berühmten Leute, die Hof und Stadt nur aufweisen konnten. Die tugendhaftesten Mütter bewarben sich aufs eifrigste,  ihren Söhnen, die auf den Schauplatz der Welt getreten waren, den Vortheil zu verschaffen, daß ihnen zu dieser liebenswürdigen Gesellschaft der Zutritt verstattet würde, die man für den Mittelpunkt eines guten Umgangs ansah.“[2]

Erotisch anziehende, kultivierte adelige Damen waren geradezu ein Markenzeichen des Marais im „Grand Siècle“. Es ist deshalb auch kein reiner Zufall,  dass alle drei nachfolgend etwas ausführlicher vorgestellten Frauen Mätressen Ludwigs XIV. waren. Ein Auswahlkriterium war das allerdings nicht: Es sind drei Frauen, die ich wegen ihrer Persönlichkeit und Lebensumstände besonders interessant finde und mit deren Namen auch sehenswerte Orte verbunden sind. Ein Spaziergang zu den Portraits  großer Männer und Frauen des  Marais kann so vielleicht ein Panorama des Lebens der high society des großen Jahrhunderts entfalten und einen genaueren Blick auf einige der architektonischen Schätze des Marais  ermöglichen.

Die drei nachfolgend vorgestellten Frauen und Orte sind:

Die Princesse de Soubise, petite maitresse  Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

Françoise d’Aubigné, die spätere  Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb. Einbezogen wird hier auch ein Ort außerhalb von Paris, nämlich  das Schloss von Maintenon.

In einem später folgenden dritten Teil soll Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place des Vosges und ihrem langjährigen Wohnsitz, dem hôtel de Carnavalet vorgestellt werden. Das ist jetzt der Ort des Pariser Stadtmuseums, das aber wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Und in einen solchen Beitrag könnte/sollten auch das château de Rochers bei Vitré und  das Schloss von Grignan bei Montélimar einbezogen werden. Dort lebte die Tochter der Madame de Sévigné. Zwischen Mutter und Tochter gab es ja einen berühmten Briefwechsel. Und in Grignan ist Madame de Sévigné auch bestattet. Grignan liegt auf dem Weg ans Mittelmeer, wo wir im Juni sein wollten. Und in Grignan wollten wir bei dieser Gelegenheit gerne  einen Zwischenaufenthalt einlegen.  Daraus wird nun nichts. Also hoffentlich ein anderes Mal….

  1. Die Princesse de Soubise und das hôtel Soubise

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Anne de Rohan-Chabot (1648-1709)

Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Bekannte Maitresse von Ludwig XIV. Ihr Portrait befindet sich in der Nähe des hôtel de Soubise, das ihr Mann auf ihre Veranlassung hin 1700 kaufte.

Anne de Rohan-Chabot war eine Tochter aus bestem adeligem Hause (ihre Mutter war Marguerite, die duchesse de Rohan), erhielt eine sehr gute Bildung und wurde schon im Alter von 15 Jahren mit François, prince de Soubise verheiratet. Das hinderte Ludwig XIV. allerdings nicht daran, ein Auge auf die junge Frau zu werfen, zumal damals der Stern seiner Mätresse Françoise-Louise de la Vallière gerade verblasste. Die Mutter Annes war allerdings auf den Ruf ihrer Tochter bedacht und entfernte sie vom Hof des Sonnenkönigs, was auch dessen neuer Mätresse, der Madame de Montespan,  sehr gelegen kam. Einige Jahre später, Anne war inzwischen 25 Jahre alt,  kam es zu einer erneuten  Begegnung mit Ludwig XIV..  Der verlieh ihr den sehr ehrenvollen Titel einer dame du palais der Königin, so dass sie ganz offiziell in seiner Nähe war.  Anne hatte damals schon sechs Kinder,  war aber dank einer speziellen Diät aus Obst, Gemüse und gekochtem Fleisch immer noch sehr attraktiv. Ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte: „Ihre ständigen Schwangerschaften„-  zu den sechs Kindern kamen noch fünf hinzu- „unterbrachen die Gelüste des Königs, denn sie ist nur in der Zeit schön, wenn sie nicht schwanger ist.“  Vielleicht wurde auch deshalb Anne de Soubise  von der Eifersucht der Madame de Montespan verschont: Die konnte ja damit rechnen, dass die nächste Schwangerschaft nicht weit ist.  Eines der 11 Kinder Annes, Armand-Gaston, der spätere Kardinal de Rohan, entstammt möglicherweise der Beziehung mit Ludwig XIV..  Die sah Annes Ehemann durchaus mit Wohlwollen.  Von Zeit zu Zeit verließ er ostentativ Versailles und seine Frau legte ebenso ostentativ Smaragd-Ohrringe an: Dann wusste der Hof, dass ein Rendezvous mit dem König anstand. Monsieur de Soubise konnte von dieser Liaison erhebliche Vorteile erwarten, die er „für seine guten Dienste“ (en considération de ses services) auch erhielt.[3]  So konnte er 1700 auf Wunsch seiner Frau das noch aus dem 14. Jahrhundert stammende hôtel de Clisson erwerben, das einem weitläufigen Neubau  mit einem grandiosen, von Kolonaden gesäumten Ehrenhof Platz machte. Nur noch das alte Torhaus des hôtel de Clisson ist  erhalten.[4]

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In der Französischen Revolution wurde der Besitz enteignet und von Napoleon zum Sitz des Staatsarchivs bestimmt. Heute gibt es in dem Gebäude noch ein kleines Museum des Nationalarchivs.

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Treppenhaus mit dem Aufgang zur Salle des Documents

Besonders sehenswert und schön sind die aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammenden Rokokoräume: das Appartement de la Princesse im ersten Stock und das Appartement du Prince im Erdgeschoss.

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Dort finden öfters auch Konzerte statt- womit eine Tradition aus der für die Rohans glanzvollen  Zeit des ancien régime fortgesetzt wird: Eine Gelegenheit, die im  Louis Quinze-Stil reich ausgestatteten Räume zu bewundern.

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Hier ein Konzert am Tag des offenen Denkmals 2018

Besonders kunstvoll sind die Stuckarbeiten von Lambert Sigisbert Adam:

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Hier die  geflügelten Allegorien der Geschichte, der Zeit und des Ruhms: Der Ruhm ist auf dem Weg in die Zukunft, hat den Kopf aber zurückgewandt und feiert zum Schall der Trompete die Taten der großen Männer. Auf dem Buch der Geschichte ist schon  verzeichnet: Listoir de la meson de Roan, Die Geschichte des Hauses Rohan.

  1. Mme des Montespan und das hôtel d’Albret

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Kurzinformation aus dem Faltblatt des Projekts:  Madame de Montespan (Françoise de Rochechouart de Mortemart, 1640-1707). Ihr Portrait befindet sich nicht weit von dem hôtel d’Albret, Ort eines literarischen Salons, den Mme de Montespan oft besuchte und wo sie Françoise d’Aubigné kennen lernte, die später die Marquise de Maintenon wurde.

 Während man die princesse de Soubise wohl mit einiger Berechtigung als „petite maitresse“ Ludwigs XIV. bezeichnen kann[5], trifft das bei  Madame de Montespan ganz und gar nicht zu. Immerhin war sie mehrere Jahre lang  „maitresse en titre“, das heißt,  sie hatte den offiziellen Rang einer königlichen Mätresse inne!  Und sie hatte sieben Kinder mit dem Sonnenkönig, von denen sechs von ihm legitimiert wurden. Mme de Montespan war eine schöne, charmante und kultivierte Unterhalterin, eine herausragende Vertreterin der damals gerade im Marais blühenden Kultur der literarischen Salons. Mme de Sévigné, von der später noch die Rede sein wird, und andere rühmten ihren „esprit Mortemart“, eine besondere Form geistreicher Kommunikation, die dem Geschlecht der Mortemart, dem sie angehörte, zugeschrieben wurde.  Dazu war sie eine sehr ehrgeizige und berechnende Frau. Madame de Sévigné nennt sie deshalb in ihren Briefen die „Quanto“ oder „Quantova“.(italienisch: „Wieviel?“ oder „Wieviel kostet’s ?“)  Ganz offensichtlich hatte es die schon verheiratete Madame de Montespan darauf angelegt, Mätresse des Königs zu werden. Charmant und trickreich bahnte sie sich den Weg zu Ludwig XIV., indem sie sich mit Louise de La Vallière anfreundete, ihrer Vorgängerin als „maîtresse royale„. Die La Vallière schwärmte gegenüber dem König von ihrem Witz und ihrem klugen Kopf – und bald war nicht mehr sie die offizielle Geliebte, sondern die Marquise de Montespan. (6) Lieselotte von der Pfalz beschreibt, auf welch demütigende Weise Ludwig XIV. Mademoiselle La Vallière abservierte: 

„Der König war hart zu ihr und ironisch bis zur Beleidigung. Als er durch das Zimmer der La Vallière ging, um sich zu Madame de Montespan zu begeben, nahm der König, von dieser aufgestachelt, seinen kleinen Hund, einen hübschen Spaniel, der Malice hieß, und warf  ihn der Herzogin mit den Worten zu: ‚Madame, das ist Ihre Gesellschaft, das muss Ihnen genügen.'“ 

Der Marquis de Montespan, ihr Gatte, sah allerdings –anders als etwa der prince de Soubise und andere adlige Ehemänner-  das Interesse des Königs an seiner Frau mit Missfallen. Er trug sogar Trauerkleidung für seine Frau und ließ ein Paar Hörner an seiner Kutsche anbringen – als öffentliches Zeichen dafür, dass sie ihn betrogen hatte.  Montespan wurde verhaftet, aber nach einigen Tagen wieder freigelassen. Offenbar hatte man sich bei Hofe darauf verständigt, ihn  „für einen ungehobelten Menschen und für einen Narren“ anzusehen  und die  Montespan selber beklagte sich, dass ihr Papagei und ihr Mann der Hofgesellschaft zum Amüsement dienten. Schließlich entschied man sich aber, den Marquis nach Spanien zu verbannen und  seine Ehe mit der Mätresse des Königs per Gerichtsbeschluss zu beenden.[7] So blieben ihm die königlichen Gunsterweisungen verwehrt, die dem prince de Soubise den Erwerb seines hôtel particulier ermöglicht hatten. Ein hôtel de Montespan gibt es also nicht im Marais, nur das heute sehr streng wirkende hôtel d’Albret, in dem Madame de Montespan, die sich in Anspielung an die Göttin Athene auch Athénaïs de Montespan nannte, mit ihren geistreichen Wortspielen und bissigen Bemerkungen glänzte.

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                           Innenhof des hôtel d’Albret, 31 rue des Francs-Bourgeois

Um 1750 wurde der frühere Bau von François Mansart im Stil seiner Zeit umgestaltet, während der Französischen Revolution dann enteignet und in eine Lampenfabrik umgewandelt.[8] Heute befindet sich in dem Bau die Direction des Affaires culturelles de la Ville. Immerhin. Und es gibt noch das Eine oder Andere, das an den früheren Glanz erinnert.[9]

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Zum Bruch zwischen dem König und seiner Geliebten kommt es, als de Montespans Name im Prozess gegen die bekannte Giftmischerin und angebliche Magierin Cathérine La Voisin fällt. Ludwig XIV. möchte aber einen Skandal vermeiden und verhindert, dass den Beschuldigungen nachgegangen wird.

Ironischerweise ist es gerade eine enge Vertraute der Marquise de Montespan,  die ihr als „maîtresse royale“ nachfolgt, nämlich Madame Scarron, die Erzieherin der unehelichen Kinder des Königs und die spätere Marquise de Maintenon.

  1. Madame de Maintenon

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Kurzinformation auf dem Faltblatt des Projekts: Madame de Maintenon (Françoise d’Aubigné  (1635-1719)  und  Paul Scarron (1610-1660)

Der berühmte Salon von Paul Scarron befand sich in der rue de Turenne 56, wo er mit seiner Frau  Françoise d’Aubigné wohnte. Sie führte mit ihm diesen Salon und wurde später Mme de Maintenon, die Favoritin Ludwigs XIV.

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Die unscheinbare  Plaque commémorative für Paul Scarron über der Tür von Nr. 56

Die Geschichte der Madame de Maintenon ist sicherlich –auch im Vergleich zu den beiden bisher vorgestellten großen Frauen des Marais- am faszinierendsten und wäre ein idealer Stoff für einen  Groschenroman oder einen Bollywood-Film.  War die Princesse de Soubise „nur“ eine petite maitresse des Sonnenkönigs, die Madame de Montespan immerhin maitresse en titre, so wurde Madame de Maintenon nicht nur die letzte Mätresse Ludwigs XIV., sondern  nach dem Tode der Königen Marie Thérèse auch im Rahmen einer sogenannten morganatischen, von der Kirche gesegneten Ehe „linker Hand“,  seine ihm bis zu seinem Tod verbundene zweite Ehefrau. Diesem glanzvollen Status steht eine völlig entgegengesetzte Jugend der Françoise d’Aubigné gegenüber: Zwar  war ihr Großvater Agrippa d’Aubigné ein Freund und Kampfgefährte Heinrichs IV., aber ihr Vater war ein wenig erfolgreicher Abenteurer, dazu Hugenotte, weswegen er zeitweise im Gefängnis von Niort einsaß, wo auch seine Tochter geboren wurde. Er versuchte dann, sein Glück in den Antillen/Westindien zu finden, wohin die Familie ihm folgte – Françoise brachte das den Beinamen „La Belle Indienne“ ein.[10] Allerdings scheiterte auch dieser Versuch. Nach dem Tod des Vaters kehrte die Familie nach Frankreich zurück.

1652 nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung, und hier kommt nun auch das auf der anderen Seite des Kastens gemalte Portrait ins Spiel:

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Das 16 Jahre alte Mädchen lernte nämlich den 42-jährigen  Komödien-Autor Paul Scarron kennen.

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Scarron war damals einer der meistgelesenen Autoren Frankreichs, „figure incontournable de l’esprit du temps“. Racine, dessen eigenhändig signiertes Exemplar der Werke Scarrons hier abgebildet ist, schätzte ihn zwar nicht allzu sehr, aber die Lektüre von Werken Scarrons brachte ihn dann doch des Öfteren zum Lachen.[11]

Scarron  litt unter einer fortschreitenden Muskellähmung, saß im Rollstuhl und sah nach eigenen Worten aus  „wie ein Z“.[12]  Die junge Françoise soll bei seinem Anblick vor Mitleid in Tränen ausgebrochen sein.  Scarron fiel nicht nur die Schönheit, sondern auch die ungewöhnliche Intelligenz des schüchternen und zurückhaltenden Mädchens auf, und er machte ihr einen Heiratsantrag, den die Sechzehnjährige annahm.  Durch den Witz Scarrons und den Esprit seiner jungen Frau wurde ihr Salon zu einem Treffpunkt von Literaten und geistig interessierten Aristokraten, der auch von finanzkräftigen Gönnern wie dem Kardinal de Retz und  dem surintendent Fouquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV.,  gefördert wurde. Allerdings lebte Scarron in eher bescheidenen Verhältnissen und hinterließ bei seinem Tod 1660 eine Witwe, die nun ihr Leben in die eigenen Hände nehmen musste, indem sie zunächst alleine  die Tradition des Salons fortsetzte. Dabei gewann sie einflussreiche Freundinnen wie  die Marquise de Sévigné und  Madame de Montespan,  auf deren Bitten hin sie die Erziehung der Kinder übernahm, die diese mit ihrem Mann und mit Ludwig XIV. hatte.

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Françoise Scarron und die beiden ersten Kinder von Ludwig XIV. und Madame de Montespan. Zugeschrieben dem Maler Pierre Mignard und ausgestellt im Schloss von Maintenon

1673 erkannte  Ludwig seine Kinder an und holte sie nach Versailles, wohin  nun auch  Françoise übersiedelte. Ludwig XIV. schätzte sie, die so ganz anders war als die üblichen kapriziösen Hofdamen, sehr: Durch Schenkungen verschaffte er ihr  wirtschaftliche Unabhängigkeit. So konnte sie schon 1674 Besitzung und  Schloss von Maintenon westlich von Paris erwerben und den heruntergekommenen Bau mit seinen runden Wehrtürmen zu einem ansehnlichen und eleganten  Landsitz umgestalten.

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Sie wurde nun, vor allem, nachdem Madame de Montespan in Ungnade gefallen war, zur engsten Vertrauten des Königs. Er empfing seine Minister in ihren Gemächern und pflegte sich stundenlang mir ihr zu unterhalten.  Der Hofgesellschaft war das ein Rätsel. In einer zeitgenössischen Quelle heißt es über Madame de Maintenon:

„Es ist erstaunlich, dass sie, die weder Schönheit noch Jugend besitzt, imstande ist, eine so starke Leidenschaft und soviel Vertrauen zu wecken“. 

Viele konnten sich auch nur vorstellen, dass Ludwig XIV. sich bald wieder einer der jungen Damen des Hofes  zuwenden würde, die sich danach drängten, seine Mätresse zu werden. Und so wurde Madame de Maintenon auch von spitzen Zungen „Madame de Maintenant“ genannt: Ein Wortspiel mit dem französischen maintenant, also jetzt, nunmehr. Da war dann Madame de Maintenon „die Derzeitige“, der sicherlich bald -wie gewohnt bei dem Sonnenkönig- eine andere folgen würde.  (12a)  Aber es kam anders.

Als 1683 die Königin starb, entschloss sich Ludwig XIV. – er war damals 45 Jahre alt- die Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen. Sein Kriegsminister Louvois war entsetzt:

Oh Sire! Der größte, ruhmreichste König der Welt heiratet die Witwe Scarron! Wollt Ihr Euch entehren?“[13]

Der Sonnenkönig ließ sich zwar nicht von seinem Vorhaben abbringen, auf Vorschlag des Erzbischofs von Paris wurde aber mit dem Segen der Kirche eine heimliche  Ehe „zur linken Hand“ geschlossen, die ohne rechtliche und dynastische Konsequenzen war.  Bis zu seinem Tod 1715 lebte Ludwig XIV. nun mit ihr zusammen. Das nach außen unklare Verhältnis der beiden, ihr Alter (sie war drei Jahre älter als der König) ihr Witwenstand und ihre niedrige Herkunft führten natürlich  zu Gerede am Hofe und in Europa, auch wenn Ludwig XIV. die Witwe Scarron 1688 zur Marquise de Maintenon erhob und auch wenn er nur allzu deutlich machte, wie hoch er sie schätzte.  So durch den Bau eines  unmittelbar durch den Schlosspark von Maintenon führendes  Aquädukts. Es war Teil eines gigantischen und gescheiterten Projekts zur Wasserversorgung von Versailles-  des einzigen zivilen Projekts, das der Festungsbaumeister Vauban auf Veranlassung Ludwigs XIV. übernahm. Und dem war es wichtig, dass Madame de Maintenon von ihrem Schloss aus dieses gewissermaßen ihr gewidmete Bauwerk direkt vor Augen haben sollte- ein krönender Abschluss des von keinem Geringerem als dem großen Le Nôtre entworfenen Parks.[14]

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Bei dem gehässigen Gerede über Madame de Maintenon tat sich besonders die Schwägerin Ludwigs XIV., Liselotte von der Pfalz, hervor. Sie bezichtigte ihre Intimfeindin wohl zu Unrecht (15), den König zu der Hugenottenverfolgung bewogen zu haben, belegte sie mit Ausdrücken  wie „altes Weib“, „alte Hexe“ und „alte Vettel“, „die Scarron“, besonders gerne aber „die alte Zott“.  Nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 schrieb sie über seine Frau: „Der Teufel in der Hölle kann nicht schlimmer sein als sie gewesen ist“,[39] und nach dem Tode der Maintenon: „In dießem morgen erfahre ich, daß die alte Maintenon verreckt ist, gestern zwischen 4 und 5 Uhr abendt. Es were ein groß glück geweßen, wen es vor etlich und 30 Jahren geschehen wäre“.[16]

Dabei hätte gerade Liselotte von der Pfalz Anlass gehabt, etwas nachsichtiger gegenüber der Madame de Maintenon zu sein, und zwar 1689,  anlässlich der Strategie der verbrannten Erde, die von Louvois, dem „schrecklichen Minister“  Ludwigs XIV.[17] im sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg angeordnet und dem „Sonnenkönig“ als militärisch geboten dargestellt worden war. Louvois hatte seine Offiziere ausdrücklich zur Zerstörung der Pfalz und zur Niedermetzelung seiner Bewohner aufgefordert. Da war es nun Madame de Maintenon, die nach dem Zeugnis des ihr nun wahrlich nicht sehr gewogenen Herzogs von Saint Simon beim König intervenierte – trotz ihrer herausragenden Stellung reichlich kühn:

Sie versäumte es nicht, dem König die ganze Grausamkeit vor Augen zu führen. … Und sie machte ihm deutlich, dass der Hass auf den Herrn zurückfallen werde (also den König) und nicht auf den Nachgeordneten (Louvois).

Languet de Gergy, ein anderer zeitgenössischer Beobachter,  schreibt:

„Madame de Maintenon (…) konnte das Geschrei der Völker und die Empörung aller Nationen nicht ertragen. Sie glaubte sich verpflichtet, dem König die schlechten Dienste aufzudecken, die ihm sein bedeutendster Minister, unter dem Vorwand, ihm von Nutzen zu sein, erwiesen hatte. Es überrascht nicht, dass sie ihren Charakter in dieser Angelegenheit überwand, die für den Staat und die Ehre des Königs und das Glück der Völker von so großer Bedeutung war.“

Sie wies damit den König darauf hin, dass hier der für ihn besonders wichtige Ruhm beeinträchtigt werde,  und sie hat damit nach dem Urteil ihres Biografen Jean-Paul Desprat Trier davor bewahrt, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Heidelberg, Worms, Speyer, Oppenheim und Bingen. Ganz so „devot“,- so charakterisiert sie Gilbert Ziebura- war Madame de Maintenon dann offenbar doch nicht.  [18]

Nach dem Tod Ludwigs XIV. zog sich Madame de Maintenon nach Saint-Cyr zurück, wo sie eine Mädchenschule gegründet hatte, die bald durch Theateraufführungen unter der Leitung von Racine berühmt wurde. Es war die erste und damit zukunftsweisende Gründung einer staatlichen Bildungsstätte für Mädchen. In Saint-Cyr starb sie am 15. April 1719.

Anmerkungen:

[1] Siehe:   https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/

[2] Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 S. XXI/XXII  Der Marquis de Sévigné war der Sohn der Madame de Sévigné. Auf deren Wunsch sollte Ninon de Lenclos den jungen Marquis gewissermaßen als Mentorin auf seinem Weg ins Leben und in Angelegenheiten der Liebe begleiten und beraten.

Siehe auch: Claudia Simone Dorchain, Die Moral des Salons: https://www.youtube.com/watch?v=ApTLo25ugh0

[3] Zitat zu den ständigen Schwangerschaften der Madame de Soubise und den Gelüsten des Königs: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 131

„Le prince de Soubise trouvait donc dans les richesses et les honneurs dont on l’accablait une heureuse compensation aux petits désagréments que d’autres partagaient avec lui, sans en retirer les mêmes avantages.“ Savernon, S. 20

[4] https://wikimonde.com/article/H%C3%B4tel_de_Soubise

http://enviedhistoire.canalblog.com/arc hives/2006/08/13/2459029.html

Eine Führung durch das Hôte de Soubise in französischer Sprache:   https://www.youtube.com/watch?v=3ypqrWO9ehY

[5] http://enviedhistoire.canalblog.com/archives/2006/08/13/2459029.html

[6] Gilette Ziegler: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 127 (Brief vom 28. Juni 1675), S. 131 (Briefe vom 2. September und 30. September 1676                                und: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-geburtstag-der-marquise-de-montespan-100.html

Das nachfolgende Zitat der Lieselotte von der Pfalz aus Ziegler, a.a.O., S. 93

[7]  Siehe Gilette Ziegler a.a.O, S. 61 (aus den Memoiren der Mademoiselle de Montpensier) und  https://de.wikipedia.org/wiki/Madame_de_Montespan

[8] Bild aus:  http://www.paristoric.com/index.php/paris-d-hier/hotels-particuliers/hotels-particuliers-tous/1197-l-hotel-d-albret  Zu Mansart siehe den ersten Teil dieses Beitrags über Männer und Frauen des Großen Jahrhunderts des Marais

[9]  Bilder aus: https://de.wikipedia.org/wiki

[10] Desprat, S. 42

Zu Mme de Maintenant siehe auch: https://www.proantic.com/magazine/madame-de-maintenon-dans-les-allees-du-pouvoir/

[11] Lévêque, S. 50 und 40. Dort auch die Abbildung der Werke Scarrons.

[12]  Der Ausruf Louvois‘ wird wiedergegeben in den Erinnerungen des Abbé de Choisy. Zit. von Ziegler in: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 210.

siehe auch: Helga Thoma: ‘Madame, meine teure Geliebte‘ – die Mätressen der französischen Könige, Ueberreuter, Wien 1996, S. 114 f.

(12a) Zitat aus den zeitgenössischen „Lettres historiques et galantes“. Zit. bei Ziegler, a.a.O., S. 213. Zur „Madame de Maintenant“ a.a.O., S. 202

[13] zit. bei: https://www.deutschlandfunk.de/vor-300-jahren-starb-madame-de-maintenon-die-heimliche.871.de.html?dram:article_id=446309

[14] Über das Aquädukt und das Projekt des Canal Louis XIV (Umleitung der Eure)  in einem späteren Blog-Beitrag mehr.

(15) Desprat weist darauf hin, dass es in dem umfangreichen Briefwechsel der Madame de Maintenon keinen einzigen Beleg für die Billigung des Edikts von Fontainebleau gibt. Allerdings sei sie ungern an ihr hugenottisches Erbe und ihre hugenottische Erziehung erinnert worden, und sie habe alles getan, um Vorwürfen vorzubeugen, sie würde die Hugenotten protegieren.  (S. 302ff)

[16] Dirk van der Cruisse: Madame sein ist ein ellendes Handwerck…, S. 300 f und 606

[17] Desprat, S. 458:  „ce terrible ministre“

[18] Desprat, S. 459    Zitat von Languet de Gergy aus Ziegler, a.a.O., S. 254

Gilbert Ziebura im Vorwort zu „Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten“, S. 17

Literatur

Françoise  Chandernagor, L’allée du Roi: Souvenirs de Françoise d’Aubigné, marquise de Maintenon, épouse du Roi de France. Paris: Julliard 1982

Dirk van der Cruisse: „Madame sein ist ein ellendes Handwerck…“: Liselotte von der Pfalz – eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs, Piper, München 1990

Jean-Paul Desprat, Madame de Maintenon (1635-1719) ou le prix de la réputation. Paris: Perrin 2015

Paul Savernon, Les Maîtresses de Louis XIV  Paris 1904  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k9323247/f6.image

Briefe des Fräuleins Ninon de Lenclos an den Marquis de Sevigne. Leipzig in der Weidmannischen Handlung 1751 https://books.google.de/books?id=8ZZRAAAAcAAJ&printsec=frontcover&dq=Der+Ninon+von+Lenclos+Leben+und+Briefe+nebst+der+Briefe+der+Babet&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjl18u-8bHJAhVmJHIKHd1ACBAQ6AEIIzAB#v=onepage&q&f=false

Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura. München: dtv 1981

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und die Pantheon-Installation vom September 2021

Im August 2019 habe ich in diesen Blog eine Besprechung des Buches von Philippe Apeloig „Enfants de Paris 1939-1945“ (éditions Gallimard) eingestellt. In diesem Buch sind die Fotografien aller Pariser Erinnerungstafeln versammelt, die sich auf die Zeit von 1939-1945 beziehen. Ein beeindruckendes Werk, das von der  Académie française zum besten historischen Buch des Jahres 2019 gewählt wurde.

https://paris-blog.org/2019/08/25/erinnerungstafeln-zu-der-zeit-von-1939-bis-1945-in-paris-enfants-de-paris-1939-1945/

Es war geplant, am Freitag, dem 8. Mai, und am Samstag, dem 9. Mai 2020, die von Apeloig in seinem Buch versammelten Erinnerungstafeln noch einmal auf ganz spektakuläre Weise zu präsentieren: nämlich auf den Außenmauern des Pantheons. Diese Aktion musste aufgrund der Corona-Virus-Pandemie zweimal abgesagt bzw. vertagt werden; zunächst auf  den 7., 8. und 9. Mai 2021, dann – und dies dann endgültig- auf den  16., 17. und 18. September 2021: Da konnte die Aktion dann endlich stattfinden. [1]

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Der 8. und der 9. Mai 2020: Zwei außerordentliche Erinnerungstage

Die beiden ursprünglich für die Projektion gewählten Daten haben eine hohe symbolische Bedeutung: Der 8. Mai 2020 markiert den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges (jedenfalls auf dem europäischen Kriegsschauplatz), auf den sich die plaques commémoratives für die enfants de Paris ja auch beziehen. Die Erinnerung an diesen Tag  hat in Frankreich eine sehr wechselhafte Geschichte, von der hier nur die wesentlichsten Etappen skizziert werden sollen:  Zunächst wurde am 8. Mai an den Sieg erinnert: Frankreich gehörte ja offiziell zu den Siegermächten, und in unserem französischen Wandkalender für das Jahr 2020 findet sich an diesem Tag die lapidare Angabe: Victoire. Erinnert wurde an dieses Ereignis direkt am 8. Mai zunächst nur dann, wenn der Tag auf einen Sonntag fiel, ansonsten war der darauf folgende Sonntag der Gedenktag.  1953  wurde der 8. Mai –unabhängig vom Wochentag- zum Feiertag erklärt. 1975 allerdings schaffte der damalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing diesen Gedenktag im Blick auf die deutsch- französische Verständigung und die europäische Einigung wieder ab. Seit der Präsidentschaft François Mitterands ist der 8. Mai aber wieder offizieller Feiertag zur Erinnerung an das Ende des  Weltkriegs. Und es gibt ein traditionelles Ritual: Der jeweilige Präsident legt einen Kranz an der Statue des Generals de Gaulle an der place Clemenceau nieder, danach Truppenparade auf den Champs Elysées, Nationalhymne und Kranzniederlegung am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe und Ehrung der Veteranen.[2]

Für uns Deutsche hat dieser Tag seine eigene Bedeutung. Und die hat auf eindrucksvolle Weise der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985 zum Ausdruck gebracht. Ich zitiere daraus:

„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. (…)

Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang. (…)

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (…)

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.[3]

Richard von Weizsäcker hat mit dieser wegweisenden Rede die deutsche Kultur der Erinnerung wesentlich geprägt. Die Rede war, wie der damalige israelische Botschafter feststellte, „eine Sternstunde der deutschen Nachkriegsgeschichte.“ [4] Und den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ auch für uns Deutsche zu bezeichnen, war ein wichtiger Beitrag zu einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Denn natürlich ist der 8. Mai in den von Nazideutschland besetzten Ländern ein Tag der Befreiung- so auch in Frankreich.  Und auch in Frankreich ist dies ein durchaus ambivalenter Gedenktag- denn immerhin fand an diesem Tag auch das grauenhafte Massaker französischer Truppen unter den ihr Selbstbestimmungsrecht, ihre Befreiung,  einfordernden Algeriern von Setif statt. Das wird in offiziellen Darstellungen aber gerne unter den Teppich gekehrt…. [5]

Am 9. Mai 2020 jährt sich zum 70. Mal die  déclaration Schumann, der Schumann-Plan vom 9. Mai 1950.  Damit der Friede wirklich eine Chance habe, müsse es zu allererst ein gemeinsames Europa geben, erklärte der französische Außenminister damals. Fünf Jahre, fast auf den Tag genau, nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschland, vollziehe Frankreich den ersten entscheidenden Akt einer Konstruktion Europas und beziehe Deutschland darin ein. Konkret schlug er vor, die (west)europäische, und vor allem die deutsche und französische Kohle- und Stahlindustrie einer gemeinsamen europäischen Behörde zu unterstellen. Indem die Grundlagen jeder Rüstungsproduktion nationalem Einfluss entzogen würden, werde ein Krieg in Europa unmöglich gemacht und der säkulare deutsch-französische Gegensatz beendet. Ermöglicht würden durch die Verwirklichung des Plans aber weitere bisher unmöglich erscheinende Schritte. Aus all dem werde ein dauerhaft geeintes und starkes Europa erwachsen.[6] Und so ist es dann ja auch (trotz aller Irrungen und Wirrungen) gekommen: Dieser Vorschlag führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), der ersten supranationalen Organisation in Europa. Er gilt deshalb als Beginn der europäischen Integration überhaupt.

Allerdings waren für den französischen Vorschlag nicht nur so hehre Motive wie die Einigung Europas und die Sicherung des Friedens ausschlaggebend. Denn abgesehen von dem traditionellen Bestreben Frankreichs, Einfluss auf (oder am besten: Kontrolle über) das damals noch als strategisch wichtig  betrachtete Ruhrgebiet und seine Ressourcen zu gewinnen, hatte Frankreich nach dem Krieg ein wirtschaftliches Problem, das mit Hilfe der Montanunion gelöst werden sollte: In Frankreich war nämlich unter der Federführung des Planungskommissars Jean Monnet mit Steuermitteln und Geldern des Marshall-Plans die Stahlproduktion ganz erheblich und weit über den eigenen Bedarf hinaus ausgeweitet worden. Allerdings benötigte man für die Produktion erhebliche Mengen an Koks, über die Frankreich nicht verfügte, dafür aber das Ruhrgebiet. Und man benötigte ausländische Absatzmärkte, wofür sich das Westdeutschland des Wiederaufbaus und des „Wirtschaftswunders“ anbot.[7] Der „geistige Vater“ des Schumannplans war denn auch gar nicht Schumann selbst, sondern Jean Monnet, damals französischer Planungskommissar.  Er war es auch, der die französische Delegation bei den Verhandlungen zur Bildung der Montanunion  leitete. Auf der anderen Seite eröffnete der Plan der  damals noch nicht souveränen Bundesrepublik Deutschland und ihrem Kanzler Konrad Adenauer die Chance,  als gleichberechtigtes Mitglied unter den sechs Mitgliedern der Montanunion anerkannt zu werden, durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit die Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu fördern und durch die Integration in den Westen die Sicherheit Westdeutschlands  im Kalten Krieg zu erhöhen.

Ungeachtet der verschiedenen nationalen Interessenlagen, die hinter dem Schumann-Plan standen: Er  gilt  als „Grundstein der heutigen Europäischen Union“  und so  wird in der Europäischen Union mit Fug und Recht am 9. Mai der Europatag, la Journée de l’Europe, begangen.[8]

 

Die Installation vom 16.,17. und 18. September  2021

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Es gibt in Paris über 1000 Erinnerungstafeln zu der  Zeit von 1939 bis 1945: Ein in der Welt einzigartiger Fall. Philippe Apeloig hat sie fotografiert und  in seinem Buch „Enfants de Paris, 1939-1945“ versammelt.  Sie wurden am 16., 17. und 18. September  2021 jeweils zwischen 20.00 und 24.00 Uhr fortlaufend  auf die Außenwände des Pantheons projiziert. 

Peu à peu et puis                                                                                                                                          très soudainement                                                                                                                                       elles sortirent comme des fleurs                                                                                                                    au coin des rues  les plaquess                                                                                                                       qui racontaient comment ici mourut l’un et comment là  mourut un autre,                                                 un par un ils étaient morts                                                                                                                         dans ce Paris et pour ce Paris…..

Gertrude Stein 1946 

                                                                                                                                                                          

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Bei einer Beleuchtungsprobe für die Installation. Im Hintergrund die Kirche Saint-Étienne-du Mont

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Philippe Apeloig und die Bürgermeisterin des 5. Arrondissements, Florence Berthout, bei der Eröffnungsveranstaltung der Installation im Festsaal des Rathauses gegenüber dem Pantheon

  • Bei dem Pantheon-Projekt handelt es sich um eine „installation artistique“: Philippe Apeloig ist ja Designer und  ein Meister der Typographie, und die überdimensionale Projektion der Erinnerungstafeln ermöglicht es den Betrachtern, die Vielfalt und Schönheit der Tafeln wie unter einer Lupe zu erkennen und zu würdigen. Philippe Apeloig weist in seinem Projektbuch darauf hin, dass gerade für die ersten Nachkriegsjahre eine große Gestaltungsvielfalt bei den Erinnerungstafeln charakteristisch ist, während bei den neueren Tafeln eine gewisse politisch bedingte Standardisierung um sich gegriffen hat.

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  • Und natürlich ging es bei der Aktion um die Erinnerung: Diese Tafeln erzählen ja  die Geschichte der „Enfants de Paris“, der Opfer des Krieges und des Widerstands, der Kämpfer für die Befreiung und der deportierten und ermordeten Juden.

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  • Die Projektion der Plaketten sollte dazu beitragen, die Erinnerung an die vielen Opfer wachzuhalten. Aber gleichzeitig sollte sie auch das vereinte Europa feiern, das aus den Ruinen und dem Leid des Weltkrieges entstanden ist und das seinen Mitgliedern eine einzigartige Periode des Friedens eröffnet hat.[9]

Die Verbindung der beiden beziehungsreichen Daten verlieh  der Projektion der Erinnerungstafeln damit eine besondere Dimension, indem geschichtliche Erinnerung in einen aktuellen Kontext gestellt wird. Sie galt der Vergangenheit, aber sie hatte auch eine eminente Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft.

Dieser doppelte Bezug der Installation wurde auf besondere Weise herausgestellt: Am 16. und 17. September 2021  (ursprünglich geplant: am 8. Mai 2020) erstrahlte der Portikus des Pantheons in den Farben der Trikolore….

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  ….. am 18. September 2021 (ursprünglich geplant: am 9. Mai 2020) im Blau Europas. 

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Die Wände des Pantheons als Projektionsfläche

Ursprünglich war das Pantheon in Paris  eine der heiligen Genoveva (Sainte Geneviève), der Schutzheiligen von Paris,  geweihte Kirche. Entworfen von dem  Architekten Soufflot sollte sie mit dem Petersdom in Rom und Sankt Paul in London wetteifern. Der Kuppelbau und der monumentale Eingang bezogen ihr Vorbild aus dem antiken Pantheon in Rom. In der Französischen Revolution wurde der Bau umgewidmet in eine Begräbnisstätte „großer Männer ab der Zeit der französischen Freiheit“, das heißt ab 1789.  Ausnahmen für vorher gestorbene große Männer wie Voltaire und Rousseau waren allerdings auch möglich. Napoleon missbrauchte dann das Pantheon, um die Krypta hemmungslos mit den Gräbern seiner Generäle und Granden zu füllen. Danach wechselte der Bau mehrfach zwischen einer Bestimmung als Kirche und laizistischem Denkmal, bis mit dem Tod und der grandiosen „Pantheonisierung“ Victor Hugos 1885 das Pantheon endgültig der Ort der letzten Ruhe und der Verehrung der „großen Männer“ Frankreichs wurde:  inzwischen sind es insgesamt 78 Männer und 5 Frauen.[10] Die letzten ins Pantheon aufgenommen Persönlichkeiten waren 2015 während der Präsidentschaft François Hollandes zwei Männer und zwei Frauen des Widerstands: Jean Zay und Pierre Brossolette, Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle-Anthonioz.[11] 2018 kam dann –schon zur Zeit der Präsidentschaft Macrons- Simone Veil hinzu. Und in diesem Jahr wird der Schriftsteller  Maurice Genevois, Kriegsteilnehmer des 1. Weltkrieges, als Repräsentant der damaligen Kriegsgeneration („Ceux de 1914“) folgen. Seine sterblichen Überreste wurden am 11.11.2020 , dem Gedenktag an das Ende des 1. Weltkriegs, ins Pantheon überführt.[12]

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Dieses Foto habe ich aufgenommen am 27.5. 2015 während der feierlichen Überführung der sterblichen Überreste von Jean Zay, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Pierre Brossolette und Germaine Tillon ins Pantheon, das gerade einer gründlichen Renovierung/Sanierung unterzogen wurde. Der Tambour, auf dem die mächtige Kuppel ruht, war damals –statt der sonst inzwischen leider üblichen Werbebanner-  mit einer die Portraits anonymer Menschen zeigenden Hülle umgeben- Teil einer den universalistisch- humanitären Geist des Pantheons popularisierenden Aktion des Foto-Künstlers JR. [13]

Die durch die zunächst für den 8. und 9. Mai 2020 geplante Aktion  hergestellte Verbindung zwischen der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit und einer europäischen Zukunftsperspektive wird im Leben und der Persönlichkeit der schon genannten Simone Veil anschaulich. Sie ist derzeit die letzte (zusammen mit ihrem Mann)  ins Pantheon aufgenommene Persönlichkeit. (Ende 2021 wird Josephine Baker ihr nachfolgen). Als Jüdin wurde Simone Veil im Alter von 16 Jahren nach Auschwitz deportiert, überlebte aber selbst den „Todesmarsch“ nach Bergen-Belsen und gehörte zu denen, die nach der Befreiung des Lagers im Pariser Hotel Lutetia aufgenommen wurden.[14] Sie studierte, wurde Richterin, Politikerin. Als Gesundheitsministerin während der Präsidentschaft Giscard d’Estaings setzte sie nach harten Kämpfen  das Recht auf Schwangerschaftsabbruch durch: das entsprechende Gesetz, das loi Veil,  trägt ihren Namen,  Bei der ersten Europawahl 1979 war sie Spitzenkandidatin der liberalen Partei UDF, und als erste Frau wurde sie im gleichen Jahr zur Präsidentin des Europäischen Parlaments gewählt.

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Bild aus: https://france3-regions.francetvinfo.fr/grand-est/alsace/simone-veil-resistante-europeenne-entre-au-pantheon-1504209.html 

Am 27. Januar 2004, dem –wie Simone Veil hervorhob- zuerst in Deutschland offiziell begangenen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, hielt sie im Bundestag eine sehr persönliche Rede, in der sie ihre eigene Geschichte und ihr Engagement für die deutsch- französische Aussöhnung und die Einigung Europas verknüpfte. Ich zitiere daraus:

Die Ereignisse, derer wir heute gemeinsam gedenken, hat die Person des öffentlichen Lebens, die Politikerin, die ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlaments, die Sie in mir vor sich sehen, jedoch zunächst am eigenen Leib erfahren; ich war eine namenlose abgezehrte Gestalt, als das Lager von Bergen-Belsen befreit wurde, wohin mich die Willkürherrschaft der Nazis nach Auschwitz verbannt hatte.
Die Sprache, die hier an diesem Ort gesprochen wird, diese deutsche Sprache, die ich im Laufe der Jahre von meinen Freunden und Partnern zu hören gelernt habe, war die Sprache, die wir damals hastig und in der ständigen Angst, die Befehle, die unser Überleben bedrohten, nicht schnell genug verstehen zu können, zu entschlüsseln versuchten. Es ist die gleiche Sprache, die nun ihren Geist und ihre Menschlichkeit wiedergefunden hat und die heute in diesem schönen Plenarsaal erklingt, in dem das Herz einer der lebendigsten Demokratien der Europäischen Union schlägt. (…)

Es ist nicht leicht, sich auf Leid und Tod, auf Trauer und Tränen zu berufen, um an der Versöhnung zu arbeiten und neue Bande zwischen verfeindeten Völkern zu knüpfen, die sich so oft bekämpft haben. Aber mit dem Zweiten Weltkrieg, mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, mit der Shoah und ihren Millionen Toten ohne Gräber, mit dem Versuch, das jüdische Volk auszulöschen, einem Plan, dessen Vollendung nur durch das Ende des Krieges knapp verhindert werden konnte, haben wir eine Schwelle überschritten. Die lange Geschichte des Hasses und der mörderischen Bruderkriege hatte einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab. Ohne die gezielte Bemühung um Aussöhnung, so hart sie für uns Überlebende, die wir zudem vielfach unsere Familien großenteils verloren hatten, auch sein mochte, würden sich die Völker Europas nicht von dieser Katastrophe erholen. Dessen war ich mir bewusst: auch wenn es den Anschein haben mochte, als vergäßen wir so unsere Toten. Aus dieser leidvollen Erfahrung rührt mein Engagement für die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und die europäische Einigung, die beiden Ziele, die für mich in einem offenkundigen, inneren Zusammenhang stehen.

Mit dem Nationalsozialismus hatte ganz Europa am Boden gelegen. Nur gemeinsam, indem man sich gegenseitig stützte, würde man wiedererstehen können. Dabei gab man sich weder einer beschwichtigenden Naivität hin, noch sollte Deutschland von seiner Verantwortung freigesprochen werden. Es ging hier nicht um Verzeihen, sondern um eine hellsichtige und mutige Versöhnung, die ebenso utopisch wie realistisch und um so notwendiger war, als sie aus der tiefsten Verzweiflung erwachsen musste. Der Teufelskreis musste durchbrochen werden: die deutsch-französische Aussöhnung würde der Eckstein beim Aufbau eines befriedeten Europa sein.[15]

Der Geist des produktiven, zukunftsorientierten Erinnerns, der aus diesen Worten spricht, bestimmt auch die Aktion vom  16., 17. und 18. September  2021.   Philippe Apeloig, dessen Familie selbst Opfer der Shoah ist,  hat sich deshalb ganz bewusst bemüht, auch deutsch-französische Sponsoren für das Pantheon-Projekt zu gewinnen. Und er hat sie im Deutsch-Französischen Jugendwerk/dem Office franco-allemand de la jeunesse (OFAJ/DFJW), der deutschen Botschaft in Paris  und der deutschen Vertretung bei der in Paris ansässigen UNESCO (Délégation Permanente de la République fédérale d’Allemagne auprès de l’UNESCO) auch gefunden. Das gab, wie ich meine, diesem Ereignis eine ganz besondere Bedeutung.

 

Nähere Informationen zu der Pantheon-Installation: 

Philippe Apeloig: Ces murs qui nous font signe. Paris 2021

Philippe Apeloig, Enfants de  Paris 1939-1945. Paris: Gallimard 2018

https://www.2e-bureau.com/wp-content/uploads/2021/02/dp_CESMURS_QUINOUS_FONTSIGNE.pdf

Erinnerungstafeln zu der Zeit von 1939 bis 1945 in Paris/Enfants de Paris 1939-1945

Über „Les Enfants de Paris“  von Philippe Apeloig siehe auch die Sendung von France Inter vom 9. Mai 2021: https://www.franceinter.fr/emissions/une-journee-particuliere/une-journee-particuliere-09-mai-2021 

Xavier de Jarcy, Le Paris de 1939-45 raconté par ses plaques commémorataives. Télérama 9.1.2019

 

Anmerkungen: 

[1] Die beiden Bilder mit den auf die Wände des Pantheons projizierten Plaketten sind während einer „Generalprobe“ der Aktion Ende Februar 2020 aufgenommen worden. Sie wurden mir von Philippe Apeloig freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

[2] Siehe: https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai

http://www.politique.net/2007050804-8-mai-histoire-d-une-commemoration-tres-politique.htm Dort wird allerdings -wie auch in anderen französischen Veröffentlichungen- der 8. Mai als Tag des armistice bezeichnet. Das ist natürlich Unsinn, denn anders als am 11. November 1918 handelte es sich da nicht um einen Waffenstillstand, sondern um eine bedingungslose Kapitulation.

s.a. Cérémonies 2020 du 8 mai à Paris  https://www.evous.fr/Ceremonies-du-8-mai-a-Paris-la-place-Clemenceau-puis-l-Arc-de-Triomphe-1182634.html

[3] https://www.tagesschau.de/inland/rede-vonweizsaecker-wortlaut-101.html

[4] https://www.bz-berlin.de/deutschland/der-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung

[5] https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai In diesem offiziellen französischen Regierungstext wird der 8. Mai auch als Erinnerungstag der Libération bezeichnet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_S%C3%A9tif

https://www.gouvernement.fr/que-celebre-t-on-le-8-mai: Da ist von Setif natürlich nicht die Rede, aber das ist ja nun auch wirklich kein Grund zum Feiern…

Präsident Macron hat allerdings die „Vergangenheitsbewältigung“ der französischen Algerienpolitik zu einem wesentlichen Anliegen gemacht und auf die gleiche Stufe gestellt wie die Erinnerungspolitik von Präsident Chirac in Bezug auf die französische Beteiligung an der Ausgrenzung und Deportation von Juden während des Zweiten Weltkrieges.

[6]„Pour que la Paix puisse vraiment courir sa chance il faut d’abord, qu’il y ait une Europe. Cinq ans, presque jour pour jour, après la capitulation sans conditions de l’Allemagne, la France accomplit le premier acte décisif de la construction européenne et y associe l’Allemagne. Les conditions européennes doivent s’en trouver entièrement transformées. Cette transformation rendra possible d’autres actions communes impossibles jusqu’à ce jour. L’Europe naîtra de tout cela, une Europe solidement unie et fortement charpentée. Une Europe où le niveau de vie s’élèvera grâce au groupement des productions et à l’extension des marchés qui provoqueront l’abaissement des prix. Une Europe où la Ruhr, la Sarre et les bassins français travailleront de concert et feront profiter de leur travail pacifique, suivi par des observateurs des Nations-Unies, tous les Européens.“  Zitiert in:   Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  Die deutsche Version der Rede findet sich unter: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28465

Zum Schumann-Plan: Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. Intérêts nationaux et projet européen, Coll. Organisation internationale et relations internationales, Bruxelles, Bruylant, 2004, 467 p.  Eine Zusammenfassung bei:  Dumoulin, A. (2005). Compte rendu de Wilkens, Andreas (dir.), Le Plan Schuman dans l’histoire. In: Études internationales, 36 (2), 276–278. https://doi.org/10.7202/011432ar

[7] Siehe dazu und zum Folgenden: Gérard Bossuat, L’EUROPE DES FRANÇAIS, 1943-1959.  Éditions de la Sorbonne, 1997  https://books.openedition.org/psorbonne/722  s.a. als zeitgenössische Stimme: Der Schumannplan: Die neue Ruhrbehörde. Der Spiegel vom 12.12.1951. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20833254.html

[8] https://europa.eu/european-union/about-eu/symbols/europe-day_de

[9] Ich beziehe mich hier auf das Pressedossier des Studio Apeloig zu dem „Diaporama sur les mur extérieurs du Pantheon, les 8 et 9 mai 2020“.

[10]https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_transf%C3%A9r%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[11] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/

[12] https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/06/maurice-genevoix-au-pantheon-un-hommage-a-ceux-de-14_a_23581263/

Zur Aufnahme von Maurice Genevoix ins Pantheon siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/   

Zur Bedeutung des 11.11. in Frankreich siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/

[13] http://www.au-pantheon.fr/fr/ und  http://www.jr-art.net/fr/projects/inside-out-au-pantheon

[14] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

[15] https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/veil/rede_veil-245118

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust (Einleitung) 
  • Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art-Künstlers C215  (Teil 2: große Frauen)
  • Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon

Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 1: große Männer)

Am 31.  August 2019 wurde im Marais eine Serie von Portraits von Männern und Frauen eingeweiht, die das  „Grand Siècle“ des Marais geprägt haben.

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Mit dem Begriff des großen Jahrhunderts  des Marais ist die Periode zwischen dem Beginn der Herrschaft Heinrichs IV.  und dem Tod seines Enkels Ludwig XIV. bezeichnet.

In dieser Phase war das Marais ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Frankreichs und auch ein Ort der Macht. Die Entwicklung des Marais unter Henri Quatre und Ludwig XIII. war ein ungeheures städtebauliches Entwicklungsprojekt. Auf dem eher sumpfigen Gelände -deshalb ja der Name Marais- entstand um die Place Royale/Place des Vosges ein neues Viertel mit noblen Stadtpalais – hôtels particuliers-  wie es sie in dieser Fülle sonst nirgends in Paris gibt und die in ihrer raffinierten Architektur und Ausstattung vorbildlich wurden.  In diesem Viertel ließ sich besonders gerne eine meist  durch  Handel neu zu Reichtum gekommene Schicht von Adligen nieder. Und diese schufen sich auch ein kulturelles und geselliges Leben unabhängig vom Hof:  Es war im Marais, wo die Theatertruppe Molières zu Beginn seiner Karriere ihren Sitz hatte;  im Garten des hôtel Salé, des heutigen Musée Picasso, wurde der Cid  Corneilles uraufgeführt und im Marais entwickelte er sich zum gefeierten Dramenautor; es gab eine Fülle von literarischen Salons und berühmte Kurtisanen, die dort ihre noblen, libertären Gäste empfingen.

Der Bürgermeister des 4. Arrondissements, zu dem das Marais gehört, hatte die Idee, den Street-Art Künstler Christian Guémy alias C215 einzuladen, in dem Viertel Portraits von Männern und Frauen des  „großen Jahrhunderts“ auszustellen. Vorbild war der ebenfalls von C215 entworfene „Circuit des Illustres“,  ein Rundgang rund um das Pantheon anhand der Portraits  berühmter im Pantheon bestatteter Persönlichkeiten.[1]

C215 hat für beide Aktionen sehr ungewöhnliche Ausstellungsorte gewählt: Nämlich die überall   herumstehenden Schaltkästen  für die Stromversorgung;  und zwar  jeweils solche Kästen, die in der Nähe von Orten stehen, die mit den Portraitierten in besonderer Weise verbunden sind. Insgesamt handelt es sich um 21 Portraits. Eine Übersicht mit Plan liegt im Rathaus des 4. Arrondissements aus, aber es gibt den Flyer auch im Internet.[2]

Ich möchte im Folgenden einige Portraits von C 215 vorstellen und dabei auch etwas über ihre Bedeutung und die mit ihnen verbundenen Orte des Marais informieren. Das fehlt bei den Portraits von C215 und kommt in dem Flyer verständlicher Weise viel zu kurz. Und vielleicht regt der Beitrag damit auch dazu an, sich auf den Spuren von C215 etwas genauer im Marais umzusehen und vielleicht auch das eine oder andere bisher Neue zu entdecken.

In einem ersten Teil sollen folgende  Persönlichkeiten und Orte berücksichtigt werden:

  1. Die Könige Heinrich IV. (Henri Quatre) und Ludwig XIII. und die place des Vosges
  2. Maximilien de Béthune, Duc de Sully, und das hôtel de Sully
  3. François Mansart, der Architekt Ludwigs XIV., sein Wohnhaus in der rue Payenne 5 und der temple du Marais
  4. Le Vau, le Brun, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis
  5. Der Komponist Couperin, der Maler Philipp de Champaigne und die Kirche Saint  Gervais

Zwei nachfolgende Beiträge sollen dann mehreren starken Frauen gewidmet werden, die das Marais geprägt haben und deren Potraits auch von C215 ausgestellt sind, vor allem:

Françoise d’Aubigné, die künftige Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb

Die Prinzesse de Soubise, Mätresse Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

und abschließend:

Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place ds Vosges, dem hôtel de Carnavalet und ihrem literarischen Salon 23, rue de Sévigné

Natürlich handelt es sich dabei um eine persönliche Auswahl: Weil ich die vorgestellten Personen besonders interessant  und meistens auch die mit ihnen verbundenen Orte besonders sehenswert finde. Die entsprechenden Orte  liegen auch im Allgemeinen nahe beieinander, lassen sich also gut in einem Rundgang verbinden. (Die Fotos wurden selbstverständlich noch vor dem Beginn des aufgrund der CV-19 – Pandemie verhängten confinements gemacht).

 

  1. Henri Quatre, Ludwig XIII. und die place royal/place des Vosges

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Heinrich IV. (1553-1610) Boulevard Henri IV Nummer 15

Henri Quatre muss am Anfang dieses Überblicks stehen. Denn immerhin markiert seine Regentschaft (von 1589 bis zu seiner Ermordung durch einen religiösen Fanatiker 1610) den Beginn dessen, was als das „Grand Siècle“ bezeichnet wird.  Die Bedeutung dieses Königs liegt vor allem darin, dass er mit dem Edikt von Nantes die Phase der grauenhaften Religionskriege beendete und den Hugenotten –in gewissen Grenzen- die Freiheit ihrer Religionsausübung  gestattete. Und was Paris angeht, so hat er die Stadt durch eine ganze Reihe großer Projekte umgestaltet und modernisiert: So durch den Bau des hôpital Saint Louis, des pont neuf und die Planung großzügiger Plätze, von denen zu seiner Zeit die place Dauphine vollständig und die place royal teilweise fertiggestellt wurden, während die place de France nie realisiert wurde.

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Wie der pont neuf orientiert sich die place royale/des Vosges an italienischen Vorbildern: Der Platz war streng symmetrisch geplant. Die Fassadengestaltung mit der für diese Zeit typischen Kombination von roten Ziegeln und weißen Kalksteinquadern war streng vorgeschrieben, ebenso wie die für Paris damals revolutionären Arkaden.  Gedacht war der Platz als Wohnort und Treffpunkt einer reichen Schicht von Bürgern und Adligen, von Manufaktur-Besitzern und Vertretern der Finanzindustrie, die hier abseits der mittelalterlich-engen Stadt einen großzügigen Lebensstil pflegen konnten.

Die place royal/des Vosges wird gemeinhin als der erste der sogenannten königlichen Plätze von Paris bezeichnet. Einerseits hat das seine Berechtigung, denn immerhin ist dieser Platz einer königlichen Initiative zu verdanken und sein ursprünglicher Name: place royal ist ja auch eindeutig.  Aber ein königlicher Platz im engeren Sinne, wie später zum Beispiel die place des victoires oder die place Vendôme war dieser Platz nicht[3]: Denn seine Funktion war ja nicht die Feier eines Königs, symbolisiert durch eine entsprechende Statue in der Mitte. Eine solche Statue  gehörte nicht zur ursprünglichen Konzeption, sondern kam erst später hinzu.

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Ludwig XIII. 1601-1643, rue du pas de la mule, in der Nähe der place des Vosges

Fertig gestellt wurde der Platz erst unter Henri Quatres Sohn Ludwig XIII. Und eingeweiht wurde er am 15., 16. und 17. April 1612 mit einem großen „carrousel“, einem festlichen Umzug, der aus Anlass der Verlobung des jungen Ludwigs XIII. mit Anna, der Tochter Philipps III. von Spanien, veranstaltet wurde. (3a)

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1639 wurde dann in der Mitte des Platzes eine Reiterstatue Ludwigs XIII. aufgestellt. Die, die wir heute sehen, stammt allerdings aus dem Jahr 1825, weil die ursprüngliche wie alle königlichen Statuen auf den königlichen Plätzen der Revolution zum Opfer fiel. Und natürlich änderten die Revolutionäre auch den Namen des Platzes: Er erhielt den Namen des ersten Departements, des département des Vosges,  das brav seine Steuern bezahlte.

Henri Quatre selbst ist  auf der place des Vosges immerhin  auch präsent, und zwar mit einer gekrönten Büste über dem zentralen Durchgang  des Platzes in Richtung der rue de Birague.

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Erstaunen mag vielleicht, dass das Bild Heinrichs IV. von C215 nicht an der place des Vosges ausgestellt ist. Aber der Ort am Boulevard Henri IV hat nicht nur wegen des Straßennamens seine Berechtigung: Denn er liegt zwischen der place des Vosges und dem Arsenal, in dem Henris wichtigster Minister und Freund, der duc de Sully, seinen Arbeitsplatz hatte. Und der König verbrachte viel Zeit mit seinem Freund im Arsenal, ja er soll sich dort sogar eigene Zimmer habe einrichten lassen. Mehr zu Sully und dem Arsenal  im nächsten Abschnitt.

 

  1. Maximilien de Béthune (Duc de Sully) und das hôtel de Sully

Das Portrait von Sully findet sich in der  rue Saint-Antoine Nummer 47  gegenüber dem hôtel de Sully.

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Sully  (1559-1641) war Minister und enger Vertrauter Heinrichs IV. Er war surintendant des finances, also Finanzminister und damit auch für große  öffentliche Bauvorhaben zuständig wie das neue Marais-Viertel  mit der place royale. Außerdem war er Grand maître de l‘artillerie, so dass sein Arbeitsplatz als Minister vor allem das Arsenal war., wo ihn Henri Quatre oft besuchte.

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Die Büsten von Heinrich dem Vierten und des duc de Sully im ersten Stock des Arsenals. Heute  ist dort die exquisite  bibliothèque de l’Arsenal untergebracht.

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Nach der Ermordung Henri Quatres zog sich Sully auf sein Altenteil zurück.  Aber er kaufte das dann nach ihm benannte Stadtpalais in unmittelbarer Nachbarschaft zur place royal,  ein typisches  hôtel particulier  im Geschmack der Zeit, dazu mit dem Privileg eines direkten Zugangs zu diesem Platz.

Nach außen- zur rue Saint Antoine zu- ist das Anwesen durch ein großes, aber repräsentatives Tor abgeschlossen. Tritt man durch das Tor, erreicht man den Innenhof mit dem Blick auf das Hauptgebäude, dessen Eingang von Sphingen eingerahmt ist.

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Darüber befinden sich Jahreszeitenreliefs: Der Herbst und der Winter auf der Hofseite, Frühling und Sommer auf der Rückseite des Gebäudes.

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Auf den Seitenflügeln gibt es Statuen der vier Elemente, Feuer und Wind auf der linken, Erde und Wasser auf der rechten Seite. Hier die Allegorie des Wassers, die man in ähnlicher Form auch am Brunnen des Innocents findet.

Geht man durch das Hauptgebäude, erreicht man den kleinen Garten mit der Orangerie. Und in der rechten hinteren Ecke befindet sich der Durchgang zur place des Vosges.

Heute beherbergt das hôtel Sully das Centre des Monuments Nationaux, das auch eine sehr schöne Bücherei unterhält, deren Besuch sich unbedingt lohnt. Dabei sollte man auch einen Blick auf die Decke werfen- einer schönen bemalten Eichenholzdecke, wie sie in den hôtel particuliers des Marais üblich war.

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Nach dem Tod Henri Quatres zog sich Sully mehr und mehr aus der Politik zurück.  Da er als Protestant nicht in Paris bestattet werden konnte, wählte er als  seine letzte Ruhestätte Nogent-le-Rotrou, dessen Seigneur er war. Dessen ungeachtet  durfte er als Protestant aber  nicht in der Kirche selbst bestattet werden, sondern zusammen mit seiner Frau nur in einem gesonderten Anbau außerhalb des Kirchenraums.

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  1. François Mansart, sein Wohnhaus in der rue Payenne und der temple du Marais

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François Mansart (1598-1666) rue Payenne

 Dieses Portrait befindet sich in der rue Payenne gegenüber dem Haus Nummer 5, dem Geburts- und Wohnhaus Mansarts, das heute die Chapelle de l’Humanite beherbergt.

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Aber natürlich gibt es an dem Haus auch eine Plakette, die an Mansart erinnert.

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Denn in der Tat war Mansart ein „berühmter Architekt“.[4] 1625 wurde er zum „Architekten des Königs“ ernannt und somit oberster Baumeister für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im zentral verwalten Frankreich Ludwigs XIII.  Dieses Amt hatte er auch nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 unter seiner Witwe, der Regentin Anna von Österreich, und später unter dem jungen Ludwig XIV. inne. Der hielt große Stücke auf ihn, was aus dieser Anekdote deutlich wird:  Als der junge König Ludwig XIV. einmal an einem heißen Sommertag mit dem nicht mehr ganz so jungen Architekten François Mansart im Park von Schloss Versailles spazieren ging, um neue Bauvorhaben zu besprechen, brannte die Sonne heiß auf den Kopf des barhäuptigen Architekten. Ganz gegen die strenge Hofetikette reichte der Sonnenkönig ihm daraufhin seinen Hut. Als seine Höflinge ihn verwundert fragten, warum er das getan habe, antwortete Ludwig:

„Wenn ich will, kann ich an einem einzigen Tag eintausend neue Herzöge  machen; aber in eintausend Jahren nicht einen einzigen neuen Mansart.[5]

Temple du Marais

Von den zahlreichen Bauten, die Mansart auch in Paris entwarf, ist der Temple du Marais in der Rue Saint-Antoine Nr. 17, eines der ersten Bauwerke François Mansarts. Vorbild des Baus war das Pantheon in Rom. (5a)

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Ursprünglich hieß die Kirche  Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation. Es war die Kirche eines  Ordens, der von der Großmutter der Madame de Sévigné gegründet worden war.  Madame de Sévigné gehört auch zu den großen Persönlichkeiten des Marais. Von ihr wird im dritten Teil dieses Beitrags noch die Rede sein. Die Mitglieder der Familie Sévigné wurden hier beerdigt, ebenso Fouquet, der in Ungnade gefallene Finanzminister Ludwigs XIV.   Heute ist der  Temple du Marais eine protestantische Kirche.

Ebenfalls ein Werk Mansarts ist das Hôtel Guénégaud, das heutige Jagd- und Naturkundemuseum in der rue des Archives. Es ist das einzige hôtel particulier Mansarts, das noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist und schon deshalb einen Besuch lohnt.

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  1. Le Vau, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis

Das Portrait  Le Vaus  (1612-1670)  soll  auf der Île de la Cité  am Boulevard Henri IV am Zaun des squarre Barrye ausgestellt sein.  Allerdings  konnte ich es dort nicht ausfindig machen.  Der Ort ist aber insofern gut gewählt, weil man da einen schönen Blick auf das hôtel Lambert hat, ein von Le Vau geplantes und von 1640-1644 gebautes hôtel particulier.

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Blick von der Seinebrücke auf das hôtel Lambert und seine Rotunde

Le Vau gehörte zu dem spektakulären Dreigestirn Le Brun, Le Nôtre und Le Vau, das in den Diensten von Nicolas Fouquet stand, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Die drei hatten für Fouquet dessen Schloss Vaux -le- Vicomte errichtet: Le Vau war für die Architektur zuständig, Le Brun für die innere Ausstattung und Le Nôtre für die Gartenanlagen. Als Fouquet nach seinem legendären, den Sonnenkönig in den Schatten stellenden Fest in Ungnade fiel, wurden die drei von Ludwig XIV. für den Ausbau und die Ausgestaltung  von Versailles und seiner Gartenanlagen engagiert.  Das hôtel Lambert war eines der ersten Arbeiten Le Vaus und  gewissermaßen sein Meisterstück.

Bauherr war zunächst Jean-Baptiste Lambert und nach dessen Tod sein Bruder Nicolas Lambert de Thorigny, Präsident der königlichen Rechnungskammer (Chambre des comptes) und einer der reichsten Männer Frankreichs, der dann allerdings auch im Zuge des Prozesses gegen Fouquet von Ludwig XIV. zurechtgestutzt wurde.

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Den berühmten Innenhof des hôtel Lambert mit der noblen Fassade von Le Vau konnte ich leider nicht selbst fotografieren. Das Stadtpalais gehört jetzt dem Emir von Quatar und der ist an Öffentlichkeit  offensichtlich nicht interessiert. Als ich Anfang des Jahres einmal mit dem Fahrrad an dem hôtel Lambert vorbeifuhr, stand gerade das Hofportal offen, weil Wäsche angeliefert wurde. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und schnell ein Foto machen, aber da stürzte schon ein bulliger Wachmann auf mich zu und drängte mich ab. Da half auch freundliches Bitten nichts. Also ein Bild aus dem Internet.[6]

An der prachtvollen Ausgestaltung des hôtel Lambert waren zwei außerordentliche Künstler beteiligt, nämlich Eustache le Sueur und Charles Le Brun, die auch in der Bildergalerie von C215 ihren Platz haben.  Sie trugen wesentlich dazu bei, das hôtel Lambert zu einem der der „prunkvollsten städtischen Repräsentationsbauten des 17. Jahrhunderts“  (Wikipedia) zu machen.

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Eustache Le Sueur (1616-1655) Kreuzung des  quai des Célestins und des  boulevard Henri IV

Le Sueur war ein bedeutender  Maler und Zeichner des französischen Barock;  er wird auch gerne als der französische Raphaël bezeichnet.  Fünf Jahre lang arbeitete er an der Ausstattung des hôtel Lambert. Unter anderem malte er 1652 bis 1655  für dessen  Cabinet des Muses  fünf Bilder der neun Musen.  Ludwig XVI. war von diesen Bildern so entzückt, dass er sie 1777 in seine Kunstgalerie im Louvre aufnahm, wo sie sich noch heute befinden. [7]

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Hier das Bild mit den Musen Clio (Trompete), Euterpe (Flöte) und Thalia (Maske).

Das letzte Werk Le Sueurs im hôtel Lambert war das cabinet des Bains, ein grandios ausgestatteter Raum, dessen ausgemaltes Gewölbe Ludwig XVI. auch gerne ins Louvre transportiert hätte. Aber das erwies sich als technisch nicht machbar. Wie bedauerlich, denn 2013 wurde dieser Raum –wie das gesamte hôtel de Lambert-  ein Opfer der Flammen: Der Emir von Quatar wollte das neu erworbene hôtel modernisieren, wozu auch -Petrodollar-„noblesse“ oblige- ein Aufzug zu einem unterirdischen Parkhaus für seine Nobelkarossen gehören sollte, was dann immerhin von der Pariser Stadtverwaltung verhindert wurde. Immerhin gehört das hôtel Lambert zum UNESCO-Weltkulturerbe Seineufer. Bei den  Arbeiten kam es zu einem verheerenden Brand.  Inzwischen ist das hôtel Lambert zwar wieder in Stand gesetzt, aber das cabinet des Bains ist endgültig verloren.

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Charles Le Brun (1619-1690):  quai aux Fleurs  Nummer 1

Auch Charles le Brun, seit 1647  « Peintre et Valet de chambre du Roi »,  war am Ausbau des hôtel Lambert beteiligt. Sein Werk war die Ausmalung der Herkulesgalerie, ein auf den Spiegelsaal von Versailles vorausweisender Bau – aber leider auch er ein Opfer der Flammen. (7a)

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In gewisser Weise ebenfalls ein Opfer der Flammen sind derzeit zwei andere Werke Le Bruns, auf die in dem Flyer der C215-Aktion hingewiesen wird: Nämlich die beiden Mays der Kathedrale von Notre Dame, die zu malen Le Brun die Ehre hatte. Die Mays waren Bilder, die jedes Jahr von der Corporation der Goldschmiede in Auftrag gegeben und der Kathedrale geschenkt wurden.[8]  

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Hier das Mays des Jahres 1647, die Kreuzigung des heiligen Andreas.  Dieses Bild hatte, wie auch das zweite Mays Le Bruns,  seinen Platz in einer Kapelle von Notre Dame. Sie entgingen  dem Brand der Kathedrale und sind jetzt in einem Depot aufbewahrt. Das wird wohl  auch noch einige Jahre andauern…. [9]

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Blick auf Notre Dame von der Seinebrücke aus. (Februar 2020)

 

5.François Couperin, Philippe de Champaigne und die Kirche Saint Gervais et Protais

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François Couperin,  „Le Grand“ (1668-1733)   25 rue du Pont Louis-Philippe

François  Couperin  war seit 1685 Organist der Kirche Saint Gervais, damals eine der bedeutendsten Kirchen von Paris. Daneben war er auch Komponist. Dazu wurde er 1693 zu einem der vier Organisten der chapelle royale in Versailles ernannt und war als Pianist am Hof Ludwigs XIV. tätig – Gründe genug, ihn „der Große“ zu nennen. Auf diese Weise ist er auch leicht identifizierbar: Denn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert waren insgesamt acht Mitglieder der Familie Couperin Organisten in Saint Gervais!

Um ihren erheblichen Verpflichtungen als Organisten der Kirche nachzukommen, hatten sie auch gleich nebenan (heute rue François Miron) eine „Dienstwohnung“.

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Dort befindet sich heute ein plaque commémorative: Hier lebten die Couperins, französische Musiker.

Die Orgel, auf der Couperin spielte, ist im Wesentlichen noch erhalten, auch wenn sie immer wieder erneuert wurde.

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Während der Französischen Revolution entging sie nur knapp der Zerstörung und auch 1918 blieb sie verschont, als die Kirche von einem Geschoss der „Dicken Berta“ getroffen wurde, wobei es 156 Opfer gab.

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Ausgabe der Zeitung Excelsior vom 29. März 1919:  Vor einem Jahr bombardierte die „Bertha“ Paris. 

Einmal im Monat findet am ersten oder zweiten Samstag um  16 Uhr ein Orgelkonzert statt: „L’Heure d’Orgue de Saint-Gervais“ (freier Eintritt): Nachdem die Orgelkonzerte in Notre Dame auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sind, ist das eine schöne, exquisite Alternative.

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Direkt gegenüber der Kirche gibt es zwei weitere Portraits von C 215:

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Salomon de Brosse (1571-1626) –rechts im Bild-   war Architekt und hat die eindrucksvolle Fassade der Kirche entworfen. In seiner Beschreibung der Stadt Paris aus dem Jahr 1684 hat Germain Brice diese Fassade als „le plus beau morceau d’architecture  quil y ait à présent en Europe“ bezeichnet, deren Perfektion höchstens noch von Bernini erreicht werde. (10)

Ein wesentliches Gestaltungselement sind da übrigens die Doppelsäulen, die später ein Markenzeichen seines Schülers François Mansart wurden.

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Philippe de Champaigne  (1602-1674) –links im Bild- war Hofmaler von Maria de Medici, der Witwe Henri Quatres, und unter anderem an der Ausmalung des Palais du Luxembourg beteiligt. Für die Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais  malte er drei Bilder, darunter das berühmte Bild L’invention des reliques de Saint Gervais et Protais, das heute im Musée des Beaux Arts in Lyon ausgestellt ist. (11)

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Zwei weitere für Saint Gervais bestimmte Bilder , Saints Gervais et saint Protais apparaissant à saint Ambroise  und  La Translation des corps des saints Gervais et Protais sind im Louvre ausgestellt.  Sie gehörten zu einer Serie von ingesamt sechs Bildern/Tapisserie-Vorlagen, die dazu bestimmt waren,  zwischen den Pfeilern der Kirche aufgehangen zu werden.

Philippe de Champaigne  wurde in Saint Gervais bestattet.

Anmerkungen:

[1] https://www.par-ci-par-la.com/portraits-du-grand-siecle-du-marais-par-c215/

[2] Das Rathaus des 4. Arrondissements steht am Place Baudoyer 2, 75004 Paris https://lavoixdelarturbain.com/2019/08/29/c215-grand-siecle-marais-streetart-paris-2019/

[3] Zur place des victoire siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

(3a) Das Karussell war ein Schauspiel, das das ritterliche Turnier ersetzte, das seit dem tödlichen Unfall Heinrichs II. bei einem Turnier im Marais im Jahre 1559 verboten war.  Siehe dazu: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 326

[4] Zum Teil wird auch die Schreibweise Mansard verwendet. François Mansart ist nicht zu verwechseln mit seinem Großneffen  Jules Hardouin-Mansart, der sein Nachfolger als erster Baumeister Ludwigs XIV. wurde. Nach ihnen ist übrigens das Mansarddach benannt, das sie gerne verwendeten, aber das nicht von ihnen erfunden wurde.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Mansart

(5a) Bilder aus: http://uemhm2perolaimperfeita.blogspot.com/2011/06/imagens.html

und  https://it.wikipedia.org/wiki/Temple

[6] http://nobleyreal.blogspot.com/2010/04/el-baron-de-rede.html

[7] https://voir-et-savoir.com/les-muses/

(7a) Bild Herkulesgalerie: https://de.wikipedia.org/wiki/

[8] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/

[9] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

(10) Zitiert von Jean-Marie Pérouse (Hrsg), Le guide du patrimoine. Paris. Paris: Hachette 1994, S. 450. Dort übrigens weiter: „on n’a rien vu de plus correct ni de plus parfait dans les ouvrages modernes les plus renommés…“

(11) Bild aus: https://www.mba-lyon.fr/en/node/179

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Street Art in Paris ( 5 ): Gare du Nord, Quai 36

Im letzten Beitrag (1. Mai 2020) habe ich einen virtuellen Spaziergang durch die Ausstellung des Malers und Bildhauers Otto Freundlich im Museum Montmartre angeboten, die derzeit aufgrund der virusbedingten Sicherheitsmaßnahmen  nicht zugänglich ist:

https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

Im nachfolgenden Beitrag wird eine Ausstellung vorgestellt, die ebenfalls derzeit nicht oder nur in Ausnahmefällen zugänglich ist: nämlich die Street-Art-Galerie am Bahnsteig 36 des Pariser Nordbahnhofs. 22 internationale Street-Art-Künstler haben dort 2015 eine triste Bahnhofswand mit ihren Werken geschmückt: Eine Ausstellung der besonderen Art, die anzusehen sich lohnt. Übrigens auch deshalb, weil es dort  erstaunlicher Weise  einen Bezug zur aktuellen Corona-Virus-Krise gibt….

Der Pariser Gare du Nord ist einer der sechs noch betriebenen Kopfbahnhöfe von Paris  (neben Est, Montparnasse, St. Lazare, Austerlitz und Lyon), dazu der meistfrequentierte Bahnhof Europas und –jedenfalls in seinen historischen Elementen- ein außerordentlich schönes Gebäude aus den 1860-er Jahren. Der Entwurf stammt  immerhin von dem in Köln geborenen Architekten Jacques Ignace Hittorff (Jakob Ignaz Hittorf), der in Paris so bedeutende Aufträge erhielt wie die Neugestaltung der Place de la Concorde oder die einheitliche Randbebauung der Place de l’Étoile.

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In den letzten Jahren stand der Pariser Nordbahnhof aus mehreren Gründen im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit.

  1. Da gab es den Film „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“, ein modernes Märchen über den Aufstieg eines Jungen aus der banlieue zum gefeierten Pianisten. Entdeckt wird er, als er auf einem im Bahnhof zur allgemeinen Nutzung aufgestellten Klavier Bach spielt. Allerdings sind, wie ich meine, die Bahnhofsszenen des Films gar nicht im Gare du Nord gedreht. Denn so modern, wie der Bahnhof des Films aussieht, ist der Gare du Nord in Wirklichkeit nicht. Aber dieser Bahnhof passte natürlich gut zum Film: Er ist ja die Drehscheibe für die Menschen aus den banlieues, aus denen der junge Klavierspieler kommt. Und dann hat der Bahnhof auch noch eine cineastische Reputation: nämlich durch den Film „L’homme blessé“ (dt. Version: Der verführte Mann) von Patrice Chéreau, in dem das Gewusel an der Gare du Nord zur Bühne eines existenzialistischen Spiels um Begehren und Betrügen, Selbstgenuss und Selbstaufgabe überhöht wird. [1]
  1. Der 150 Jahre alte Gare du Nord ist der meistfrequentierte Bahnhof Europas und er platzt aus allen Nähten. Dass da Handlungsbedarf ist, steht außer Zweifel, zumal die olympischen Spiele in Paris 2024  bevorstehen und der Gare du Nord eine zentrale Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr  zu den Sportstätten und das olympischen Dorf im nördlichen Umland von Paris haben wird.  Bis  2024 soll also nicht nur Notre Dame wieder aus Ruinen auferstanden sein, sondern der Gare du Nord den Anforderungen der neuen Zeit entsprechen.  Das „wie“  der Umgestaltung ist allerdings völlig umstritten. Die SNCF hat einen Plan vorgelegt, der eine massive Erweiterung der Verkaufsflächen vorsieht, so dass die hochverschuldete Bahn keinen Cent für den Umbau bezahlen müsste. Namhafte Städteplaner und die Stadt Paris sehen das allerdings sehr kritisch und befürchten eine Verschlechterung  für die Reisenden. Das sei dann nicht mehr in erster Linie ein Bahnhof, sondern ein Einkaufszentrum mit Bahn-Anhang.[2] Ausgang offen…
  1. Im Wahlkampf  für die Kommunalwahlen/die Wahl einer neuen Bürgermeisterin von Paris (Es sind drei Frauen, die die meisten Chancen haben)  hat zu Beginn des Jahres 2020  der Gare du Nord auch eine große Rolle gespielt: Einer der Kandidaten schlug nämlich vor, den internationalen Verkehr aus dem Gare du Nord ins Umland zu verlegen und so den Bahnhof zu entlasten. Das war ein Schachzug im „Krieg der Bahnhöfe“ zwischen zwei rivalisierenden Kandidaten, die beide Macrons Partei La République en Marche (LREM) angehören: Dem „Dissidenten“  Cédric Villani und dem „offiziellen“ Kandidaten  Benjamin Griveau, der dann allerdings auf unrühmliche Weise aus dem Rennen ausgeschieden ist.[3] Griveau schlug  nämlich die Verlegung des gesamten Gare de l’Est vor, um Platz für einen Central Park nach New Yorker Vorbild zu schaffen; ein Plan, der dann allerdings von seiner kurzfristig eingesprungenen Nachfolgerin umgehend eingezogen wurde…

Wie genau der Gare du Nord in Zukunft aussehen wird, ist also ungewiss. Und ungewiss ist damit auch die Zukunft des Quai 36.  Dieser Bahnsteig ist sicherlich etwas ganz Außergewöhnliches, das erhalten zu werden verdient. Er gehört zu einem Projekt aus dem Jahr 2015, als 22 internationale Street-Art-Künstler eingeladen wurden, den mehr als 750 000 Reisenden, die den Bahnhof täglich nutzen, eine poetische und unerwartete Sicht auf diesen Ort anzubieten.[4] 55 Tage lang arbeiteten die Künstler im und am Bahnhof und brachten dort ihre Fresken, Collagen und Pochoirs an.

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Es gibt im Bahnhof noch einige wenige Reste der damaligen Aktion- zum Beispiel am Beginn des Ganges, der vom Bahnhof zur Metro Nummer 2 führt:

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Aber vor allem ist es der  Bahnsteig 36, der  von der damaligen Aktion geblieben ist. Da es sich um einen Endbahnsteig handelt, wurde die ganze anliegende Wand als Galerie der Street Art genutzt.[5]

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Natürlich war das auch eine publicity-Aktion der SNCF, die damit ihre Modernität demonstrieren wollte und sich großspurig als „revelateur de cultures“ anpries. Aber damit muss öffentlich geförderte Kunst leben – auch wenn eine solche Funktionalisierung  gerade bei Street-Art-Künstlern  problematisch erscheinen mag. Aber diejenigen, die da eingeladen waren, sind  international bekannt und werden auch entsprechend vermarktet.   Ein schaler Beigeschmack bleibt aber aus einem anderen Grund: Ein Jahr nach der Q-36 Aktion wurde nämlich der Pariser Street-Art-Künstler Thomas Vuille, immerhin auch ein renommierter Vertreter seiner Zunft, zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gare du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem  munteren gelben Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das der  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. Letztendlich kam Thomas Vuille dann mit der Geldstrafe davon. Aber der Vorwurf der Beschädigung blieb an ihm hängen.[6]

Da wird also auf der einen Seite mit großem Aufwand und politischer Prominenz die Öffnung des Bahnhofs für die Street-Art zelebriert, und fast gleichzeitig wird ein Street-Artist für seinen grinsenden Kater an einer Rohbau-Mauer des Bahnhofs vor den Kadi gezerrt…  Peinlich. Aber die Street-Art-Gallery am Quai 36 kann man sich- wenn denn mal das aktuelle confinement zu Ende ist-  noch ansehen- es kostet nur ein Métro-Ticket oder,  wenn man den Bahnhof zum Umsteigen nutzt, noch nicht einmal das.

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Dies war das Plakat vor dem Nebeneingang zum Gare du Nord, das vom Juni bis zum Oktober 2015 auf die Aktion aufmerksam machte. Entworfen wurde es von Sylvain Perier („Künstlername SP 38), einem 1960 in der Normandie geborenen Künstler der Street-Art, der seit 1995 in Berlin lebt und arbeitet.[7]

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SP 38 hat auch an der Galerie des  Quai 36  mitgearbeitet.

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Im Folgenden werden einige Arbeiten der Galerie Q 36 vorgestellt:

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Hier am Bahnsteigende eine Übersicht über alle Beteiligten und ihre Arbeiten

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Jerôme Mesnager

Jerôme Mesnager ist mit seinen weißen Männern einer der in Paris sehr präsenten Street-Art-Künstler.[8] Und er hat auch seinen Beitrag zu der Galerie Quai 36 geleistet: Nach seinen eigenen Worten eine Hommage an Fritz Lang für Metropolis und an Charlie Chaplin für moderne Zeiten.[9]

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Solenn Larnicol

Solenn Larnicol (Solylaisse) hat gerade auch in „unserem“ 11. Arrondissement ihre phantasievollen Spuren hinterlassen.[10] Am Quai 36 kann man ihre Paradiesvögel bewundern.

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Jana und Js

Auch Jana und Js sind Pariser Freunden der Street-Art gut bekannt- vor allem wegen ihrer großen Wandbilder im 13. Arrondissement der Stadt.[11]

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Typisch für Jana und Js sind die bienenwabenartigen Häuserfassaden –

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… da kann man an Wohnblocks im Pariser banlieue denken und an die Fotografien von Andreas Gursky.

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Pioc ppc

Der Wolfskopf ist ein besonders beliebtes Motiv von Pioc ppc . Schön, dass er auch in Q 36 vertreten ist.[12]

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Fafi

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Fafis  blonde Modepüppchen mit den roten Herzchen auf den Bäckchen, die Fafinettes, finde ich nicht sehr attraktiv. Aber als Teil der großen Q 36-Galerie kann man sie ertragen.[13]

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Gregos/Gregory

Gregos stammt aus einer nördlichen Vorstadt von Paris. Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten lebt er seit 2006 in Montmartre. Sein Markenzeichen sind die Selbstportraits, von denen es inzwischen mehr als 1000, vor allem in Paris gibt. [14] Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junge immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten, die verschiedene Gemütszustände aufweisen. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie der Selbstportraits betrachten.

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Phil Ramuz (Philippe Ramuz)

Phil Ramuz hat die Galerie mit  zwei der für ihn typischen schrägen Portraits bereichert.[15]

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Louis Masai

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Louis Masai ist ein englischer Street-Art- Künstler und ein Öko-Aktivist. Eines seiner bevorzugten Motive ist die vom Klimawandel bedrohte Unterwasserwelt mit ihren formenreichen und bunten Korallen.[16]   Dazu passt auch die bedrohte Biene am Quai 36.

BTOY

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Hinter dem Kürzel BTOY verbirgt sich eine Street-Art-Künstlerin aus Barcelona. Sie ist bekannt für ihre Frauenportraits – eines davon findet sich hier.[17]

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Der international anerkannte Streetartist Artiste Ouvrier gilt als einer der talentiertesten Schablonenkünstler seiner Generation. Der Stil des 1972 als Pierre-Benoit Dumont in Paris geborenen Malers zeichnet sich durch ein hohes Maß an Details und lebendigen Farben aus. Artiste Ouvrier unterrichtete eine Reihe junger Künstler in seiner Technik. Einige von ihnen sind inzwischen weltweit anerkannt, wie JANA & JS, mit denen zusammen er auch am Quai 36 gearbeitet hat.[18]

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Weitere Bilder vom Quai 36:

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Und hier und abschließend nun der anfangs angekündigte Bezug zur aktuellen Krise:

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Was ist das denn anderes als ein  Coronavirus?  Den gab es ja immerhin schon 2015, als diese Ausstellung entstand. Jetzt treibt er in einer neuen Variante sein weltweites Unwesen. Hier ist er wie eine bedrohliche Waffe dargestellt. Eine grausame Aktualität, die sich der Street-Art-Künstler manPvJ sicherlich kaum vorgestellt hat, als er dieses Bild auf die Wand von Bahnstein 36 malte bzw. sprühte…

Anmerkungen:

[1] https://www.welt.de/kultur/article195659693/Der-Klavierspieler-vom-Gare-du-Nord-Wer-Klassik-hoert-gehoert-einfach-dazu.html

[2] Siehe die Stellungnahmen eines Kollektivs von Städteplanern und Architekten (u.a. Jean Nouvel): Le projet de transformation de la gare du Nord ist inacceptable. Le Monde 3.9.2019. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/09/03/le-projet-de-transformation-de-la-gare-du-nord-est-inacceptable_5505639_3232.html  und La gare du Nord mérite le meilleur. Le Monde 17..10.2019 https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/10/17/la-gare-du-nord-merite-le-meilleur-mais-ou-est-le-meilleur_6015833_3232.html

[3] Siehe: https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23957/griveaux-veut-deplacer-la-gare-de-l-est-pour-creer-un-central-park-parisien.html und https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23963/villani-veut-transferer-les-trafics-eurostar-et-thalys-a-saint-denis.html

[4] https://quai36.com/creation/art-residence-gare-du-nord/

[5]https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[6] https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[7] https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/

[9]  „il faut savoir s’arrêter, donc hommage à Fritz Lang pour metropolis, et chaplin pour les temps modernes à voir quai 36, gare du nord.“ https://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

[10] https://www.solennlarnicol.fr/

[11] http://janaundjs.com/deutsch/outdoor.html Dort auch die nachfolgende Gesamtansicht.

[12] Siehe: https://www.pinterest.de/artjingle/exposition-pioc-ppc-mars-2014/

[13] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/art-urbain-die-kessen-fafinetten-von-paris-a-428393.html

[14] http://gregosart.com/

[15]  https://www.instagram.com/philramuz/

[16] http://streetartparis.fr/interview-london-street-artist-eco-activist-louis-masai/

[17] https://streetartmankind.org/artists/btoy/

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Artiste-Ouvrier

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Eingestellt am 8. April 2020 im TGV nach Straßburg – es ist der Ersatzzug des ausgefallenen Ersatzzuges für die eigentlich gebuchte Direktverbindung über Saarbrücken, die es nicht mehr gibt.   Danach  soll es mit dem Regionalzug der SWE nach Offenburg weitergehen und von dort mit dem ICE nach Frankfurt….  Aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn man die Möglichkeit dazu hat. (Vorm Betreten des Bahnsteigs wurden meine Fahrkarte, mein Passierschein – Attestation de déplacement dérogatoire- und mein Ausweis penibel kontrolliert). Ab heute darf man sich in Paris noch nicht einmal mehr zwischen 10 und 19 Uhr sportlich betätigen (joggen, Nutzung der in unserem Viertel aufgestellten Fitness-Geräte… Fahrrad-Fahren ist sowieso untersagt, wenn es nicht nachweisbaren beruflichen Zwecken dient, alle Parks, die coulée verte, der bois de Vincennes und der bois de Boulogne sind gesperrt – aber der wäre sowie nicht für uns erreichbar, da man sich ja nur maximal eine Stunde draußen aufhalten darf…. Also dann doch besser zurück in die alte Heimat…  à nouvel ordre/bis auf Weiteres….

La place des victoires/Der Platz der Siege Ludwigs XIV. in Paris: Das Modell eines „königlichen Platzes“

Paris ist reich an großen, repräsentativen Plätzen, und das sind vor allem die königlichen und die republikanischen Plätze:  Von diesen gibt es drei:  die place de la Bastille, die place de la Nation und die place de la République. Und es gibt die fünf sogenannten königlichen Plätze: die place des Vosges, bis zur Französischen Revolution place royal genannt,  und die place Dauphine, beide zur Zeit Henri Quatres geplant; dazu die Plätze Ludwigs XIV: die place Vendôme, die place de la Concorde, urspünglich place Louis XV,  und die place des Victoires.

Unter all diesen Plätzen nimmt die place des Victoires eine Sonderstellung ein: Es ist nämlich der erste königliche Platz im eigentlichen Sinne. Errichtet in den 1680-er Jahren zu Ehren Ludwigs XIV., wurde er zum Vorbild für eine Fülle weiterer königlicher Plätze in Paris und ganz Frankreich. Was einen „königlicher Platz“ ausmacht, definierte –die place des Victoires vor Augen- zum ersten Mal  der Generalpächter François Lemée in seinem Traité des statues publics von 1688: Es ist ein regelmäßig gestalteter Platz, der speziell dafür bestimmt ist, in seiner Mitte eine monumentale Statue des Königs aufzunehmen und ihr einen würdigen Rahmen zu bieten. Die place des Victoires war für Lemée ein Musterbeispiel eines solchen Konzepts, das er umso mehr begrüßte, als es für ihn keinen geeigneteren Ort für solche Plätze gab als Paris, „le centre des beaux-arts et la merveille du monde.“ [1]

1. La place des Victoires, das verwegene Projekt eines Privatmanns

Anlass für den Bau dieses Platzes war der Friede von Nimwegen 1678/1679, der den Holländischen Krieg, auch Niederländisch-Französischer Krieg genannt, beendete und die französische Herrschaft über Kontinentaleuropa festigte.

Ausgelöst wurde der Krieg durch einen Angriff Ludwigs XIV. auf die Vereinigten Niederlande. Grund war die holländische Konkurrenz für französische Waren und den französischen Handel, auch wenn Frankreich eine protektionistische Politik mit hohen Zöllen betrieb. Louvois, seit 1670 Kriegsminister und ein notorischer Kriegstreiber, drängte also zum Krieg, um die holländische Konkurrenz auszuschalten und – nicht zuletzt- seine Stellung beim König zu festigen.

Unterstützt wurde Ludwig XIV.  vor allem von Schweden und England, deren Könige durch hohe jährliche Pensionen bestochen worden waren. Um eine Hegemonie Frankreichs auf dem europäischen Kontinent zu verhindern, verbündeten sich Spanien, das Heilige Römische Reich und der Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg mit den Niederlanden. Die konnten nur durch die Öffnung ihrer Schleusen eine Eroberung ihres Landes verhindern und mussten froh sein, dass der Krieg nicht mit einer völligen Niederlage endete.

Am Ende wurde eine Reihe von Friedensverträgen abgeschlossen, die im Allgemeinen zusammenfassend als „Friede von Nimwegen“ bezeichnet werden. Frankreich erhielt große Gebiete in Flandern, dazu  die Franche Comté. Sogar Freiburg im Breisgau wurde französisch. Der Sonnenkönig befand sich auf dem Zenit seiner Macht.

Das war die Stunde von Graf  François d’Aubusson de La Feuillade, der den Anstoß gab, mit einem Standbild und einem noblen Platz die Siege des Sonnenkönigs im Französisch-Niederländischen Krieg zu feiern. La Feuillade, einer alten Adelsfamilie entstammend,  hatte als Offizier erfolgreich an diesem Krieg teilgenommen, er hatte einen Sturm auf die Festung Besançon kommandiert und sich auch auf anderen Kriegsschauplätzen ausgezeichnet. Zum Dank war er vom König zum Marschall befördert und zum Gouverneur der frisch eroberten Franche-Comté ernannt worden.

Wie sehr Feuillade den König verehrte, wird aus einem Brief der Madame de Sévigné  an ihre Tochter deutlich. Er datiert vom 16. August 1675, also zur  Zeit des Holländischen Kriegs: 

Herr von La Feuillade ist mit Postpferden direkt nach Versailles gekommen, wo er den König mit seinem Erscheinen überraschte. ‚Sire‘, sagte er, ‚die einen lassen ihre Gattinnen zu sich kommen, die anderen suchen sie zu Hause auf. Ich bin auf die Stunde einzig dazu hier, Eure Majestät zu sehen, denn ihr verdanke ich alles.‘ Sie redeten ziemlich lange, dann verabschiedete er sich mit den Worten: ‚Sire, ich kehre zur Truppe zurück und bitte Sie untertänig, der Königin, dem Dauphin, meiner Frau und meinen Kindern meine Empfehlung zu bestellen‘, stieg zu Pferd und ritt von dannen, wirklich ohne eine andere lebende Seele zu sehen. Dieses Husarenstück hat dem König sehr gefallen, und er erzählte lachen, er sei nun damit betraut, diese vielen Grüße auszurichten.“  (1a)

Man musste aber auch ein bedingungloser Verehrer des Königs sein, um für ihn das Projekt eines Standbildes und Platzes zu entwickeln und durchzusetzen.  Natürlich war es nicht einfach, einen geeigneten Platz zu finden. Denn es musste selbstverständlich ein zentraler Ort in der Nähe des Louvre, des königlichen Schlosses, sein. Allerdings gab es da natürlich keine unbebauten Freiflächen. Aber das schreckte La Feuillade nicht ab: Er fand ein Terrain nahe des Palais Royal, das seinen Ambitionen entsprach. Zwar standen dort schon mehrere Stadtpalais (hôtel particulier), aber er kaufte zwei davon auf, um sie dann abreißen zu lassen, weil sie der Konzeption eines großzügigen Platzes im Wege standen. Andere Häuser wurden von der Stadt Paris, die sich dem Unternehmen anschloss, schlicht enteignet und ebenfalls abgerissen.

Jetzt war der Raum für die Anlage des ersten wirklichen „königlichen Platzes“ von Paris und ganz Frankreich geschaffen. Die verwegene Idee eines Privatmannes konnte nun Wirklichkeit werden.

Als Name bot sich ganz selbstverständlich place des victoires an. Denn es sollten ja die Siege Ludwigs XIV. im gerade glanzvoll beendeten Krieg gefeiert werden. Dazu lag der künftige Platz in der Nähe der Kirche Notre Dame- des-  Victoires.

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Notre Dame- des- Victoires  wurde zur Zeit Ludwigs XIII., dem Vater des Sonnenkönigs, errichtet. Ludwig hatte gelobt, der Muttergottes im Falle eines Sieges gegen die Hugenotten von La Rochelle eine Kirche zu errichten. Im Giebel kann man denn auch  die königliche Krone, die Lilien der Bourbonen und die allegorisch auf den Sieg hinweisenden Flügel erkennen.

Und  dazu hat Notre Dame-des-Victoires auch einen Bezug zu Ludwig XIV. Einer der Geistlichen der Kirche, der frère Fiacre, hatte nämlich Maria jahrelang um einen dauphin  für Frankreich gebeten: Die Ehe zwischen Ludwig XIII. und seiner Gemahlin Anna von Österreich war über 20 Jahre lang kinderlos geblieben. Nach der Legende erschien aber  eines Nachts die Mutter Gottes  dem frommen Mann. Der sah in dem Kind, das Maria in ihren Armen trug,  natürlich den kleinen Jesus, aber Maria sprach zu ihm: „Das ist nicht mein Sohn, sondern das Kind, das Gott Frankreich schenken möchte.“  Und tatsächlich wurde 9 Monate später der kleine Ludwig geboren und er erhielt denn auch den Beinamen „Dieudonné“,  der Gottgegebene.[2]

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Ein Fenster im linken Querschiff von Notre Dame-des-Victoires zeigt den Frère Fiacre und die Erscheinung von Maria mit dem künftigen König. Die fehlende Aura um den Kopf des Kindes weist darauf hin, dass es sich nicht um den göttlichen Jesus handeln kann. [3]

Es hätte also kaum einen geeigneteren Ort für die  place des Victoires geben können als in der Nachbarschaft der Kirche Notre Dame-des-Victoires.

2. Das Standbild Ludwigs XIV.

Mit der Herstellung der Statue des Sonnenkönigs beauftragte La Feuillade den  Bildhauer Martin Desjardins. Dass ausgerechnet er dazu ausersehen wurde, die Siege Ludwigs XIV. im Franuzösisch-Niederländischen Krieg zu verherrlichen, entbehrt nicht einer gewissen Delikatesse. Denn Desjardins  war ein 1637 in Breda als  Martin van den Bogaert  geborener Holländer, der sich aber schon in frühen Jahren in  Paris niedergelassen hatte.  Und La Feuillade hätte ihm nicht den prestigeträchtigen Auftrag erteilt, wenn sich Desjardins nicht schon einen bedeutenden Namen in Frankreich gemacht hätte: So hatte er für den Park von Versailles  eine sehr bewunderte und oft kopierte Diana geschaffen und  in Paris den Figurenschmuck für das Hôtel Salé, das heutige Picasso-Museum.

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Desjardins Statue stellte Ludwig XIV. stehend im Krönungsornat mit seinem königlichen Umhang  dar. Den hatte  der König extra dem Bildhauer ausgeliehen, um der Statue ein Höchtmaß an Authentizität zu sichern. In seiner Rechten hält Ludwig La Joyeuse, das –angeblich auf Karl den Großen zurückgehende-  Schwert der französischen Könige, auf seiner Brust hängt das Kreuz des ordre de Saint-Esprit, der höchsten damaligen  Auszeichnung Frankreichs.  Damit nimmt Desjardins eine Pose vorweg, wie sie auch  in dem späteren, weit verbreiteten Gemälde von Hyacinthe Rigaud zur Apotheose des  Sonnenkönigs verwendet wurde.

Auf dreifache Weise verdeutlicht Desjardins, dass Ludwig als Sieger gefeiert wird: Er hat den auf dem Boden liegenden  dreiköpfigen Höllenhund Cerberus zertreten.[4]Der steht für die besiegte Triple-Allianz von Spanien, den Niederlanden und dem Heiligen Römischen Reich. Darunter sieht man das Emblem mit den Bourbonen-Lilien, der Krone und den Flügeln des Sieges, das man schon von Notre Dame –des- Victoires kennt. Und  die geflügelte Allegorie des Sieges höchstpersönlich krönt Ludwig XIV. mit einem Lorbeerkranz.

Die Statue wurde zunächst in Marmor ausgeführt. La Feuillade präsentierte sie Ludwig XIV., der dem Werk seinen sonnenköniglichen Segen gab. Allerdings wünschte er sich für den ihm gewidmeten Platz eine Version aus vergoldeter Bronze, die La Feuillade denn auch umgehend 1682 bei Desjardins in Auftrag gab.[5]

3. Die vier Gefangenen des Sockels

An den vier Ecken des Sockels  postierte Martin Desjardins überlebensgroße Figuren ebenfalls aus vergoldeter Bronze: Es sind  vier angekettete Gefangenen, die die vier von Ludwig XIV. besiegten Länder repräsentieren, deren Niederlage im Frieden von Nimwegen (1679) besiegelt wurde: Die Vereinigten Niederlanden, Spanien und das Heilige Römische Reich, wozu dann auch noch Brandenburg kam, dessen Kriegsgegener vor allem das mit Ludwig verbündete Schweden war. Das Thema der Besiegten und Gefangenen ist in der antiken Kunst sehr vertraut und es gibt auch ein französisches Vorbild: Nämlich die vier Gefangenen von Pierre Franqueville, die den Sockel der Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont Neuf flankierten. Während aber die Reiterstatue Henri Quatres und die Statue Ludwigs XIV. von der place des Victoires dem Bildersturm der Französischen Revolution zum Opfer fielen, wurden die vier Gefangenen vom Pont Neuf und ihre Nachfolger von der place des Victoires als Opfer absolutistischer Willkür verschont. Sie sind heute – von ihren Ketten befreit-  im Louvre zu besichtigen. [6]

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Die vier Gefangenen der place des Victoires sind sehr unterschiedlich gestaltet: Sie sind unterschiedlich alt, verschieden gekleidet,  und  sie drücken in ihren Haltungen und Gesichtszügen verschiedene Gemütszustände aus.

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 Spanien wird von einem jungen Mann mit langen lockigen Haaren verkörpert. Er ist nackt, der Oberkörper aufgerichtet, und er blickt voller Hoffnung in den Himmel.

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Das Heilige Römische Reich ist ein bärtiger alter Mann, gekleidet mit einer antiken Tunika. Sein Kopf ist gesenkt und sein Körper drückt Resignation und Niedergeschlagenheit aus.

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Die antike Tunika passt zu der am Boden liegenden Standarte des Heiligen Römischen Reichs mit  dem Doppeladler und den römischen Insignien. Die zwischen den vier Gefangenen liegenden Helme, Hellebarden, Abzeichen und Schilde sind wohl als Bezug  zu römischen Triumphzügen zu verstehen.

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Brandenburg wird von einem Mann im reifen Alter verkörpert, der wie ein Barbar in antiken Darstellungen gekleidet ist. Sein Gesicht ist Ausdruck seines Leids.

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Ganz anders die allegorisches Darstellung Hollands: Es ist ein junger Mann mit kurzem Bart. Der nackte Körper scheint zum Sprung bereit, der Blick drückt wilde Entschlossenheit. Dieser Besiegte findet sich ganz offensichtlich nicht mit seinem Schicksal ab, sondern ist bereit zur Rebellion. Hier scheint dann doch die holländische Herkunft des Bildhauers zum Ausdruck zu kommen.

Alle Gefangenen haben ihre Köpfe nach rechts geneigt, was dazu anregt, im Uhrzeigersinn um den Sockel des Standbilds herumzugehen.

Zwischen den Gefangenen waren auf dem Sockel der Statue Ludwigs XIV.  vier Bronzereliefs angebracht, die den Ruhm des Sonnenkönigs veranschaulichen sollten:

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Hier die Überquerung des Rheins durch die französische Armee am 12. Juni 1672, mit der der Einfall in die Niederland beginnt. Allerdings war gerade dabei die Rolle Ludwigs  durchaus umstritten. Dem König wurde jedenfalls von Offizieren vorgeworfen, er weiche der Gefahr aus und „habe sich noch nicht einem Musketenschuss“ ausgesetzt.  Ein König, der die Soldaten in den Kampf  führe, dürfe ihm nicht so auffallend ausweiche, „besonders aber nicht, wenn er im Ruf eines Kriegers und Helden zu stehen wünscht.“ (6a) Immerhin: Auf dem Relief ist Ludwig XIV. zwar dynamisch auf einem galoppierenden Pferd dargestellt,  aber eher beobachtend und kommandierend auf einem „Feldherrnhügel“ weit hinter seiner den Rhein überquerenden Armee und damit völlig außer Reichweite möglicher feindlicher Musketenschüsse…

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Die Eroberung von Besançon durfte natürlich nicht fehlen, weil  La Feuillade ja dabei eine wesentliche Rolle gespielt hatte. An der Spitze des Trupps sieht man einen Reiter. Er ist noch vor Ludwig XIV. postiert, aber selbstverständlich ihm zugewandt, um die Anweisungen des Königs entgenzunehmen. Es ist vermutlich einer der Feldherrn der französischen Armee, Turenne oder Condé. Aber ich könnte mir vorstellen, dass mancher zeitgenössische Besucher in diesem Reiter ein Abbild  La Feuillades sah – den immerhin auch auf seinen eigenen Ruhm bedachten Stifter des Platzes. Und ich vermute, dass dem das durchaus Recht gewesen ist. Auch hier übrigens ist Ludwig XIV. in sicherer Reichweite fernab des Kampfgeschehens postiert… 

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Hier erkennte der spanische Botschafter demütig die Vormachtstellung Frankreichs an. Dies bezieht sich auf einen protokollarischen Zwischenfall in London, als der spanische Botschafter sich weigerte, dem französischen Botschafter den ersten Rang einzuräumen. Das konnte Ludwig XIV. selbstverständlich nicht hinnehmen, und der Vertreter Spaniens wurde gezwungen, sich am Hofe Ludwigs demütig zu entschuldigen.

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Dieses Relief  veranschaulicht den Frieden von Nimwegen: Der König hält an seiner rechten Hand die Allegorie des Friedens, die an einer Leine –einträchtig nebeneinander- einen Löwen und ein Schaf führt. Mit der anderen Hand hilft er der am Boden liegenden Allegorie Europas, sich zu erheben und den Frieden zu begrüßen. Das Ereignis wird in das Buch der Geschichte eingeschrieben und dazu erschallt die Trompete des Ruhms.

Allerdings war die Neigung, die Trompete des Ruhms für Ludwig XIV. erschallen zu lassen nicht allgemein verbreitet. Schon im Vorfeld  der Einweihung und kurz darauf wurden zahlreiche und vielschichtige Einwände erhoben: Kritisiert wurde  der überzogene Charakter des Monuments im Allgemeinen (mit einer Höhe von immerhin insgesamt etwa 12 Metern!)  und seine in außenpolitischer Hinsicht aggressive, beleidigende Form, die auf eine explizite Herabsetzung der Nachbarnationen Frankreichs abzielte.[7] Dazu kam dann noch, dass die französischen Truppen im Krieg gegen die Vereinigten Niederlande mit großer Brutalität vorgegangen waren – ein Vorspiel dessen, was dann im Pfälzischen Erbfolgekrieg geschah. Aus dieser Sicht erschien Ludwig XIV. als kriegslüsterner, machtgieriger Herrscher und alles andere als der Friedensbringer Europas.[8]

Und als provokative Krönung  gab es noch auf dem Sockel die berühmt gewordene  Inschrift: VIRO IMMORTALI- dem unsterblichen Mann.[9]

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Am 26. März 1686 wurde die Statue in einem aufwändigen Festakt eingeweiht. Aus einem zeitgenössischen Bericht des Abbé de Choisy:

 „Man sah zu Paris, im Angesichte Gottes und der Menschen, eine ganz außergewöhnliche Zeremonie: Der Marschall de La Feuillade nahm die Einweihung einer Statue vor, die er auf dem sogenannten Platz der Siege hat errichten lassen. La Feuillade umkreiste die Statue dreimal zu Pferde an der Spitze des Regimentes der Garden, dessen Hauptmann er war,, und erwies ihr alle Huldigungen, die die Heiden früher von den Statuen ihrer Kaiser erwiesen.“

Einne silberne Gedenkmünze war schon vorher  zur Erinnerung an dieses Ereignis geprägt  worden und wurde dann an die anwesenden Honoratioren, darunter den Thronfolger,  verteilt.[10]

4. Die Architektur und die Beleuchtung des Platzes

Der Platz war damals allerdings noch lange nicht fertig. Aber das Entscheidende war bei diesem Ensemble ja  die Statue, während der Platz darum gewissermaßen die Fassung war, die –wie bei einem Schmuckstück- die Statue einrahmen und besonders zur Geltung bringen sollte. Mit dieser Aufgabe betraute La Feuillade niemanden Geringeren als Jules Hardouin-Mansart. Mansart (manchmal auch Mansard geschrieben) war seit 1675 Hofarchitekt Ludwigs XIV., 1678 wurde er Bauleiter des Schlosses von Versailles. Die Übernahme des Auftrages für die place des Victoires konnte sicherlich nur mit königlicher Billigung erfolgen. Es war seine erste Arbeit in Paris. Danach folgten dort noch die Entwürfe für die place Vendôme, die Kirche St. Roch und den Invalidendom.[11]

Nach dem Entwurf von Mansart waren die die Statue umgebenden Gebäude in einem Kreis um die Statue gruppiert. Der Durchmesser des Platzes und die Höhe der Bebauung waren so festgelegt, dass sie harmonisch zur Größe der Statue passten. Der Kreis bestand aus noblen Stadtpalais, deren durchgängige Fassaden nur an einigen Stellen unterbrochen waren für Straßen, die auf den Platz führten und von denen aus man möglichst einen direkten Blick auf die Statue vor dem Hintergrund der dahinter liegenden schmückenden Fassade haben sollte.

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Die Fassaden der den Platz umgebenden Stadtpalais waren alle einheitlich gestaltet: Das Erdgeschoss bildeten Arkaden, die allerdings –anders als bei der place Royal/place des Voges Henri Quatres- geschlossen waren: Sonst wäre ja beim Herumgehen der Blick auf die Statue ständig unterbrochen worden. (Bei der place des Vosges war eine zentrale königliche Statue ursprünglich gar nicht vorgesehen). Über den Arkaden mit den individuell gestalteten Maskarons verläuft ein durchgehender, alle Stadtpalais verbindender Sims, und darüber befinden sich zwei Geschosse mit der  extra hohen bel étage oder étage noble. Eingefasst werden diese Stockwerke durch Pilaster mit ionischen Kapitellen: in der Tat sehr nobel. Darüber –wie sollte es anders sein bei diesem Architekten- ein Mansarddach mit abwechselnd gestalteten Gauben – auch dies ein Bezug zur place des Vosges. Unter dem Dach lagen –wie auch später bei den Bauten an den Haussmann’schen Boulevards- die Zimmer des Dienstpersonals.

Heute wird die ursprüngliche Harmonie des Platzes  beeinträchtigt durch spätere Veränderungen: der Anlage der breiten rue Etienne Marcel und den beiden die anderen Gebäude überragenden protzigen Bauten rechts und links davon  – der Baron Haussmann lässt grüßen. Seiner Abrissbirne fiel auch das hôtel particulier zum Opfer, das sich La Feuillade für sich selbst vorbehalten hatte. Immerhin erinnert noch die rue La Feuillade an den Spiritus Rector des Platzes.

Aber einiges von dem ursprünglichen Glanz ist immer noch sichtbar- übrigens auch dann, wenn man, da wo es möglich ist, durch ein offenes Tor geht und einen Blick ins Innere wirft.

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Da hat selbst die enge Treppe für das Dienstpersonal ihren ästhetischen Reiz.

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Die Beleuchtung des Platzes

Neben der monumentalen Statue und der umgebenden noblen Bebauung hatte sich La Feuillade für „seinen“ Platz noch ein besonderes highlight –im wahrsten Sinne des Wortes- ausgedacht: nämlich eine Beleuchtung, die auch nachts das Standbild des Sonnenkönigs in helles Licht tauchen sollte. Es waren Schiffslaternen, die auf einem von jeweils  drei Säulen getragenen Sockel aus rotem Marmor befestigt waren. Auf dem nachfolgend abgebildeten Aquarell von Adam Perelle aus dem 1695 kann man im Vordergrund rechts und links zwei der Lampen-Aufbauten gut erkennen.[12]

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Wäre das Bild einige Jahre später entstanden, wäre das nicht mehr der Fall gewesen, denn seit 1699 wurden die Lampen ausgelöscht: Ihr Betrieb war viel zu aufwändig und kostspielig – und die place des Victoires hatte die Finanzen selbst des höchst vermögenden La Feuillade ruiniert. 1719 wurde dann die gesamte Beleuchtungsanlage demontiert. Vier der Säulen sind allerdings noch erhalten: Sie tragen den Baldachin des Hauptaltars der Kathedrale von Sens.[13] Und erhalten sich auch einige der jeweils 6 Medaillons, die zwischen den die Schiffslaternen tragenden Säulen hingen. Auf ihnen waren – um noch einmal das Wort aufzugreifen: highlights der Regierungszeit Ludwigs XIV. zu sehen.

Die noch erhaltenen Medaillons sind heute im Louvre ausgestellt.

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Hier ein ebenfalls von Martin van den Bogaert/Desjardins entworfenes Medaillon, das die Unterwerfung des  Dogen von Genua zeigt. Ludwig XIV. hatte Genua 1684 bombardieren lassen, weil die Republik Galeeren an Spanien geliefert hatte.  Der Doge, der aufgrund eines Gesetzes die Stadt eigentlich nicht verlassen durfte, wurden nun gezwungen, nach Versailles zu kommen und sich dort persönlich zu unterwerfen. Es war dies ein Ereignis, das „damals alle Gemüter beschäftigte“, wie ein zeitgenössischer Beobachter schrieb.  Am Tag der Audienz sei „der Zustrom von Leuten jeglichen Standes in Versailles so ungeheuer“ gewesen, „dass vom Hofe des Schlosses bis zur Großen Galerie, woe der König den Dogen empfing, das schrecklichste Durcheinander herrschte“. Dieses Ereignis musste also auch auf der place des victoires veranschaulicht werden, und die Flaneure benötigten kaum eine Erläuterung zu dem Medaillon. (13a)

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Dies ist der Ausschnitt eines weiteren Medaillons (entworfen von Jean Regnaud), das eine Wassernymphe von Versailles zeigt. Mit ihrer linken Hand deutet sie auf das Schloss des Sonnenkönigs,  Das sich über die ganze  Bildbreite hinziehende Aquädukt repräsentiert die Zufuhr des Seine-Wassers von der grandiosen, aber nur bedingt effizienten „Maschine von Marly“ nach Versailles und das Aquädukt von Maintenon, Teil des gescheiterten Projekts einer Umleitung des Flusses Eure: Ausdruck der absolutistischen Hybris des Sonnenkönigs.[14]

Das Ensemble der place des Victoires  beeindruckte die Zeitgenossen in hohem Maße. Und aller kritischer Stimmen zum Trotz wurde der Platz zum Vorbild für viele weitere Plätze dieser Art. Direkte Nachfolgerin sozusagen war die place Vendôme in Paris, deren Planung auf den damaligen Kriegsminister und Verantwortlichen für das Bauwesen (Surintendant des Bâtiments), den Marquis de Louvois zurückgeht. Und da musste der Platz natürlich noch weitläufiger sein und die Statue in der Mitte noch eindrucksvoller: Sie stellte den König nicht zu Fuß dar, sondern hoch zu Ross – 7 Meter hoch, auf einem Sockel von 10 Metern, so dass die schon beeindruckende Gesamthöhe der Statue auf der place des Victoires noch einmal um 5 Meter übertroffen wurde. Und dazu passten auch die ursprünglichen Bezeichnungen des Platzes:  place Louis-le-Grand oder place de Nos Conquêtes (Platz Unserer Eroberungen). Und danach gab es eine Fülle weiterer Projekte für die Errichtung königlicher Plätze in ganz Frankreich, ja Europa (z.B. Kassel, Friedrichsplatz), die sich auf diese Vorbilder bezogen.[15]

5. La Place des Victoires von der Französischen Revolution bis heute

Während der Französischen Revolution ereilte die Statue Ludwigs XIV. auf der place des Victoire das gleiche Schicksal wie alle anderen Statuen auf den fünf königlichen Plätzen von Paris: Sie wurde abgerissen und eingeschmolzen.[16]

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Abriss der Statue am 13. August 1792. Die vier Gefangenen waren schon vorher befreit und in Sicherheit gebracht worden.

Aber der Platz blieb nicht lange leer. Denn dann kam Napoleon. Der ließ zwar nicht alle verwaisten königlichen Plätze der Stadt mit neuen ihn feiernden Statuen schmücken. Aber die place de Nos Conquêtes war der geeignete Ort für die der Trajanssäule nachempfundene Siegessäule mit der Statue Napoleons. Die wurde 1810 errichtet und im gleichen Jahr erhielt auch die place des Victoires ein neues Standbild: Am 15. August 1810, also seinem Geburtstag, enthüllte Bonaparte das von Claude Dejoux geschaffene Standbild des Generals Louis Charles Antoine Desaix.[17] In der Schlacht von Marengo (Piemont) war Desaix tödlich verwundet worden. Napoleon schätzte ihn außerordentlich, wie aus seinen auf Sankt Helena geschriebenen Memoiren deutlich wird.[18]

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Die Statue war aus Bronze, allerdings stand neben dem General ein kleiner steinener Obelisk – ebenso wie die Papyrus-Blätter auf dem Sockel ein Bezug zur Teilnahme des Generals an dem ägyptischen Feldzug Napoleons. Der Obelisk gehörte zur Antikensammlung des Kardinals Albani, die zum Teil im Zuge des systematischen Kunstraubs Napoleons nach Paris  verbracht wurde, um dort das Musée Napoleon zu schmücken. Der Obelisk allerdings fand auf der place des Victoires Verwendung, um den General Desaix zu ehren und seine Siege in Ägypten zu feiern.

Allerdings war die Statue höchst umstritten, natürlich nicht wegen der dazu gehörenden Raubkunst, sondern wegen des in griechischer Manier unbekleidet dargestellten Helden. So verschwand sie schon im Oktober 1810  hinter einem Bretterzaunt und  1814 wurde sie wieder demontiert. Das Metall der Statue fand nach der Niederlage Napoleons und der Rückkehr der Bourbonen dann eine neue Verwendung: Zusammen mit dem Metall des Napoleons von der Vendôme-Säule und dem Napoleon von der Säule der Grande Armée in Boulogne wurde es für die Herstellung der neuen Reiterstatue Henri Quatres auf dem Pont-Neuf verwendet, die die in der Revolution zerstörte ursprüngliche Statue ersetzte.[19]   Erhalten blieb lediglich der vordere Teil eines bronzenen Daumens, der zu der privaten Sammlung Vivant Denons, des Kunsträubers Napoleons, gehörte und nach dessen Tod versteigert wurde.[19a]    Der Obelisk sollte –wie auch der geraubte Laokoon oder der Apoll von Belvedere- wieder an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden. Allerdings  konnten sich die Erben des Kardinals Albani  nicht den Rücktransport nach Italien leisten. So verkauften sie den Obelisken an den bayerischen König Ludwig I. Der ließ den Obelisken vor dem Eingang zum Ägyptischen Museum im Hofgarten aufstellen, inzwischen steht er im Museum.[20]

Mit der Restauration und der Rückkehr der Bourbonen kehrten auch die Statuen der königlichen Plätze von Paris zurück – bzw. die alten, eingeschmolzenen wurden durch neue ersetzt – mit Ausnahme der place de  la concorde,  wo die zerstörte Reiterstatue Ludwigs XV. zunächst durch eine statue de la liberté und dann durch den Obelisken von Luxor ersetzt wurde. Auf der Place des Victoires wurde 1822 ein neues bronzenes Standbild Ludwigs XIV. eingeweiht, aufgestellt auf einem Sockel aus 5 Blöcken Carrara-Marmor.

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Ludwig XIV.  ist in der Tracht eines römischen Kaisers auf einem sich aufbäumenden Pferd dargestellt, das von ihm im Zaum gehalten wird. Vorbild war der „bronzene Reiter“, die von dem Franzosen Étienne Falconet geschaffene Reiterstatue Peters des Großen in Sankt Petersburg.

Auf den beiden Längsseiten des Sockels sind große Bronzereliefs angebracht, wovon das eine –wie schon bei der ursprünglichen Statue- den Übergang über den Rhein zeigt. Da ist Ludwig XIV. übrigens  in Reichweite der feindlichen Musketenkugeln dargestellt. Aber die Verherrlichung des Sonnenkönigs, der sich mutig in den Kampf stürzt, war damit auf die Sptze getrieben.

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Das Relief auf der anderen Seite zeigt die Stiftung des ordre royal et militaire de Saint-Louis durch Ludwig XIV. im Jahr 1693.  Dieser Orden wurde 1791 aufgehoben und 1814 durch Ludwig XVIII., der das neue Denkmal in Auftrag gegeben hatte, wieder eingeführt. Insofern stellt sich der dank der Restauration an die Macht gekommene 18. Ludwig in eine Reihe mit Ludwig dem Heiligen und „Ludwig dem Großen“.  Allerdings währte das ja nur bis zur Julirevolution von 1830, durch die nicht nur Ludwig XVIII. gestürzt, sondern auch der von ihm wiederbelebte Orden endgültig abgeschafft wurde.

Ein Besuch des Platzes lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn man kein Fan der haute-couture ist, die sich dort niedergelassen hat. Zu entdecken gibt es genug.

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Sogar der Invader hat dem Platz seine Referenz erwiesen.[21]

Und nicht versäumen sollte man dann auch den kleinen Abstecher zur benachbarten Place des Petits-Pères mit der Wallfahrtskirche Kirche Notre Dame- des- Victoires (mit ihren 37 000  Votivtafeln und dem Kenotaph des Komponisten Lully), den gegenüberliegenden Fassaden mit den Marienstatuen (früher gab es dort Devotionalienhandlungen)  und dem Gebäude der ehemaligen Bank Léopold Louis-Dreyfus, das unter dem Regime von Vichy Sitz des Generalkommissariats für die Judenfragen (Commissariat général aux questions juives) war, dem willigen französischen Handlanger bei der Ausgrenzung und Deportation von Juden… Aber das ist eine andere Geschichte.

 

 

Anmerkungen:

[1] Ziegler, L’invention des places,  S. 33

Das Beitragsbild ist ein kolorierter Ausschnitt aus dem Plan Turgot von 1739

(1a) Madame de Sévigné, Brief. Herausgegeben und übersetzt von Theodora Von der Mühll. Insel Taschenbuch 395. 1979, S. 129

[2] https://www.notrehistoireavecmarie.com/fr/esc/la-naissance-de-louis-xiv-dieudonne-neuf-mois-apres-la-priere-du-frere-fiacre/

[3] Der père Fiacre wurde dann auch zum Patron der Droschken, der Fiaker.

[4] Bild aus:  http://paris1900.lartnouveau.com/paris02/place_des_victoires.htm

[5] Die ursprüngliche Marmorversion soll sich nach übereinstimmenden Informationen in der Orangerie von Versailles befinden, aber dort nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

[6] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/quatre-captifs-dits-aussi-quatre-nations-vaincues-lespagne-lempire-le-brandebourg-et-

(6a) Zeitgenössische Zitate aus: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Herausgegeben von Gilette Ziegler. München: dtv 1981, S.99

[7] Ziegler: https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

[8]  Die Brutalität des französischen Vorgehens, vor allem die Plünderung und Einäscherung der Orte Swammerdam und Bodegraven mit seinen Bewohnern durch die Truppen des Marschalls de Luxembourg, wurde von den Holländern in ganz Europa verbreitet.

[9] Die Inschrift befand sich auf dem Sockel der Statue unterhalb des königlichen Emblems. Zur Kritik siehe das Buch von Ziegler über den „Sonnenkönig und seine Feinde.“. Siehe auch: https://www.arthistoricum.net/kunstform/rezension/ausgabe/2011/5/18821/

[10] Abbildung aus:  https://www.inumis.com/shop/louis-xiv-inauguration-de-la-statue-de-la-place-des-victoires-a-paris-d1686-paris-1901956/

Zitat des Abbé de Choisy aus: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten, S. 235

[11 Zum Invalidendom siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

[12] Aquarell von Adam Perelle 1695 Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires#/media/Datei:Paris

[13] Siehe- nicht ganz zutreffend- die Darstellung im Wikipedia- Artikel über die Kathedrale von Sens: „Le maître-autel, œuvre de Servandoni,  date de 1742. Il est surmonté d’un baldaquin supporté par quatre colonnes de marbre rouge provenant du monument dédié à Louis XIV  place de la Victoire à Paris“ – Die Säulen stammen ja nicht von dem Monument Ludwigs XIV. und auch nicht von der „place de la Victoire“….  Richtig und Interessant ist aber die Bezug zwischen Paris und Sens. Immerhin  gehörte Paris, als der Hauptaltar der Kathedrale von Sens  errichtet wurde, zur Diozöse Sens. Und der Architekt Servandoni war ja vor allem in Paris tätig und wesentlich beteiligt am Bau von Saint Sulpice.

(13a) zeitgenössischer Bericht des Marquis de Sourches. Zitiert in: Gilette Ziegler, Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. München: dtv 1981, S. 214/215

[14] https://www.louvre.fr/oeuvre-notices/les-magnifiques-batiments-de-versailles 

Siehe auch die Blogbeiträge zur Wasserversorgung von Versailles, vor allem: https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

und: Der Kanal Louis XIV. und das Aquädukt von Maintenon.

[15] Ziegler, L’invention des places royales. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

[16]https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-reportage/anciennes-statues-places-royales

[17] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Place_des_Victoires

[18] Le talent de Desaix était de tous les instans ; il ne vivait, ne respirait que l’ambition noble et la véritable gloire. C’était un caractère antique. Il aimait la gloire pour elle-même et la France au-dessus de tout. (…) L’esprit et le talent furent en équilibre avec le caractère et le courage, équilibre précieux qu’il possédait à un degré supérieur https://www.napoleon-empire.net/personnages/desaix.php

Desaix wurde auf Veranlassung Napoleons am 14. Juni 1805, dem Jahrestag der Schlacht von Marengo, auf dem Großen Sankt Bernhard bestattet. Da war zwar Desaix nie gewesen, aber mit der Beerdigung sollte ja vor allem Napoleon selbst gefeiert werden. Organisator der Zeremonie war Napoleons künstlerischer Generaldirektor Vivant Denon.  Siehe: Reinhard Kaiser, der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München 2016, S. 199/201

[19] siehe: Dominique Lesbros, Paris mystérieux et insolite. Paris 2005, S. 77ff

[19a]  siehe: Reinhard Kaiser, der glückliche Kunsträuber. Das Leben des Vivant Denon. München 2016, S. 274/5

[20] Siehe: Agnes Allroggen-Bedel,  Winckelmann, die Villa Albani und das Musee Napoleon: Winckelmanns Einfluß auf die napoleonische Museumspolitik. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/3085/1/Allroggen-Bedel_Winckelmann_Die_Villa_Albani_2007.pdf

[21] Zum Invader siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/10/01/street-art-in-paris-3-der-invader/

Literatur:

Bresc,  Geneviève, „Le décor de la place des Victoires“, in Feuillets du Louvre, 1989, n 5.01

Bresc, Geneviève, „Louis XIV, place des Victoires“, Art ou politique ? Arcs, statues et colonnes de Paris, DAAVP, Paris, 1999, pp.64-68

Isabelle Dubois, Alexandre Gady, Hendrik Ziegler (Hrsg.): La Place des Victoires. Editions de la Maison des Sciences de l’Homme, Paris 2003,

Potvin,  Manon et Bresc-Bautier Geneviève, La Sculpture sous tous ses angles. À propos de la sculpture monumentale de plein air en France au XVIIe siècle, Éditions du musée du Louvre, Service culturel, Paris, 1995, pp.20-21

Seelig, Lorenz: Studien zu Martin van den Bogaert, gen. Desjardins (1637-1694), Altendorf 1980

Ziegler, Gilette: Der Hof Ludwigs XIV. in Augenzeugenberichten. Mit einem Vorwort von Gilbert Ziebura.  München: dtv 1981

Ziegler, Hendrik, L’invention des places royales. In: Sarmant, Thierry und Gaume, Luce (Hrsg), La place Vendôme. Art, pouvoir et fortune. Paris 2002, S. 32-41. Auch unter: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/4543/1/Ziegler_L_invention_des_places_2002.pdf

Ziegler, Hendrik, Der Sonnenkönig und seine Feinde. Die Bildpropaganda Ludwigs XIV. in der Kritik. Petersberg: 2010

Ziegler, Hendrik, DER ANLASS FÜR DIE ABFASSUNG DES TRAKTATS ÜBER DIE STATUEN: DIE IN- UND AUSLÄNDISCHEN EINSPRÜCHE GEGEN DAS DENKMAL DER PARISER PLACE DES VICTOIRES. In: Originalveröffentlichung in: Bodart, Diane H. ; Ziegler, Hendrik (Hrsgg.): Lemée, François: Traité des Statuës. Commentaires / Kritischer Apparat, Bd. 2. Weimar 2012, S. 85-101 https://core.ac.uk/download/pdf/79193225.pdf

 

Weitere Blog-Beiträge zu Ludwig XIV.:

Le Potager du Roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV. https://paris-blog.org/2016/04/12/le-potager-du-roi-in-versailles-der-obst-und-gemuesegarten-ludwigs-xiv/

Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration  https://paris-blog.org/2017/09/01/die-fontaenen-von-versailles-1-die-feier-des-sonnenkoenigs/

Die Fontänen im Park von Versailles (2):  Ausdruck absolutistischen Größenwahns https://paris-blog.org/2019/04/01/die-fontaenen-von-versailles-2-ausdruck-absolutistischen-groessenwahns/

Die Fontänen im Park von Versailles (3): Der Kanal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon   https://paris-blog.org/2020/05/19/der-canal-louis-xiv-und-das-aquaedukt-von-maintenon-die-fontaenen-von-versailles-teil-3/  

Die Manufacture des Gobelins (Paris, 13. Arrondissement):https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/:

Napoleon in den Invalides https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

 

 

Die Petite Ceinture (2): Die Rückeroberung der stillgelegten Ringbahntrasse

Dies ist die Fortsetzung des im Februar 2020 in diesen Blog eingestellten Beitrags über die Pariser Ringbahn, die Petite Ceinture – in einem kürzlich im Reiseteil der FAZ veröffentlichten Beitrag auch die Pariser Gürtellinie genannt.

https://paris-blog.org/2020/02/20/die-petite-ceinture-teil-1-kinder-und-kohl-statt-kohle-und-kanonen/

In diesem ersten Teil ging es vor allem um die Geschichte dieser in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Ringbahn, die zunächst militärischen und wirtschaftlichen Zwecken diente, dann aber vor allem ein wichtiges Mittel des Personentransports war, um eine Verbindung zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen herzustellen. Als diese Verbindungen dann direkter und schneller durch die Metro-Linien ermöglicht wurden und Lastkraftwagen ein effizienteres Mittel des Warentransports wurden, verlor die Ringbahn immer mehr an Bedeutung und wurde schließlich ganz aufgegeben. Die Trasse wurde sich selbst bzw. der Natur überlassen. In den letzten Jahren aber hat die Stadt Paris die Bedeutung dieses Grüngürtels erkannt und ist dabei, einige dafür geeignete Teilstücke als Naherholungsgebiete zugänglich zu machen:  Das ist gemeint, wenn von der reconquête  der Petite Ceinture,  gesprochen wird. Um diese Zurückgewinnung der Ringbahntrasse geht es in dem nachfolgenden Beitrag.

In den Jahren nach Stilllegung der Petite Ceinture war die ehemalige Bahntrasse weitgehend sich selbst bzw. der Natur überlassen, die allmählich das Gelände zurückeroberte.[1] Nur die Bahngleise wurden von der Eigentümerin, der Staatsbahn SNCF, freigehalten, weil darunter wichtige und wertvolle Glasfaserkabel verlegt waren.

1993 wurde aber nicht nur der regelmäßige Verkehr auf dem größten  Teil der Petite Ceinture eingestellt, sondern auch die Association Sauvegarde Petite Ceinture (ASPCRF) gegründet, deren schon im Namen kenntlich gemachtes Ziel es war, die stillgelegte Ringbahn –wenn auch in veränderter Form- zu erhalten.[2] Die Planungen bezogen sich zunächst auf die Nutzung der Petite Ceinture als Trasse für eine Straßenbahn. Allerdings gab es auch schon Überlegungen, die Straßenbahn stattdessen auf den boulevards des Maréchaux zu platzieren. Aber es gab auch Vorschläge, statt einer Straßenbahn die Trasse für einen umweltfreundlichen Transport von Gütern zu nutzen.[3]  Und schließlich setzten sich mehrere Initiativen  für eine Nutzung als Grüngürtel („promenade plantée“ bzw. „coulée verte“) ein, wobei allerdings auch hier die Vorstellungen stark voneinander abwichen: Pfad für Fußgänger? Weitergehende Nutzung z.B. für Spielplätze und Gärten? Die Petite Ceinture als ein der Natur überlassenes Biotop?

Inzwischen sind mehrere Teilstücke der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit geöffnet und diese „Rückeroberung“, wie sie von der Stadtverwaltung genannt wird, soll fortgesetzt werden. Bis 2020 sollen insgesamt etwa 10 Kilometer zugänglich sein.[4]

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Diese Planungen liegen auf einer Linie mit der allgemeinen „Rückeroberungspolitik“  unter den sozialistischen Bürgermeistern Delanoë und Hidalgo. Die bezog und bezieht sich ja schon seit längerem auf prominente Plätze wie die Place de la République, die Place de la Nation oder die Place de la Bastille und auf große Straßen wie die rue de Rivoli oder den Boulevard Voltaire,  wo der Autoverkehr zurückgedrängt und mehr Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer geschaffen wird; und natürlich auf die „Rückeroberung“ der Seine-Tiefkais, der „berges de la Seine“, die jetzt endlich und wohl auch endgültig vom Autoverkehr befreit sind.[5]

Die „Rückeroberungspolitik“ ist, so umstritten sie in ihrer konkreten Umsetzung auch sein mag, eine stadtplanerische Notwendigkeit. Paris ist eine „ville hyperdense“ (6) : Deshalb ist jeder Quadratmeter zusätzlicher Naherholungsraum ein Gewinn. Paris ist immerhin mit 21 290 Einwohnern pro Quadratkilometern die mit Abstand dichtbevölkertste Stadt Europas- vor Barcelona mit 16 200 und London mit 12 000 – und weit vor den deutschen Großstädten (München 4570; Berlin 4060; Frankfurt 2960 und München 2340). (7)  Und wären nicht die außerhalb des früheren Festungsgürtels, also der „natürlichen“ Stadtgrenze, gelegenen großen Naherholungsgebiete Bois de Vincennes und Bois de Boulogne eingemeindet, sähen die Zahlen noch  wesentlich ungünstiger für Paris aus.

Die bisher für die Öffentlichkeit freigegebenen oder zur Freigabe vorgesehenen Teilstücke  der Petite Ceinture bringen allerdings nur wenig Entlastung, sind sie doch recht kurz. Das hat seinen Grund wohl vor allem in den Tunneln, die bisher abgesperrt sind und die zum Teil auch zu lang sind, um durchgängig geöffnet werden zu können. Da ist eher daran gedacht, die Tunneleingangsbereiche für Veranstaltungen (z.B. Disko, Musik) zu nutzen.  In einer Tageswanderung Paris auf den ehemaligen Trassen der Petite Ceinture umrunden zu können, wird sicherlich  ein Traum bleiben. Aber immerhin gibt es schon kleine Naherholungsgebiete und Ruhezonen für Mensch und Natur, und es soll noch weitere geben.  Für den Paris-Besucher werden sie sicherlich nicht erste  Adressen sein, aber wenn man etwas mehr Zeit und Muße hat, lohnt  sich ein Besuch, den man ja meist auch gut mit anderen Projekten verbinden kann.

Nachfolgend werden einige der bisher zugänglich gemachten Teilstücke der Petite Ceinture vorgestellt. Die Reihenfolge folgt der Nummerierung der betroffenen Arrondissements.

Die Petite Ceinture im 12. Arrondissement

Die gemeinschaftlichen Gärten am Square Charles Péguy

Eine von der Stadt Paris unterstützte und von mehreren Initiativen getragene Form der Nutzung der Bahntrasse ist die Einrichtung von gemeinschaftlichen Gärten. Einer davon befindet sich im 12. Arrondissement neben den Gleisen der Petite Ceinture beim Square Charles Péguy

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Der Eingang befindet sich in der  rue Rottembourg 21 bei der Überführung.

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Als wir uns 2018 dort umsahen, trafen wir zufällig den Verantwortlichen der zuständigen Association. 20 Mitglieder bewirtschaften  gemeinschaftlich einen Teil des Gartens.  Wenn man ein Jahr lang am Gemeinschaftsgarten mitgearbeitet hat, kann man aber auch ein privates Eckchen zugeteilt bekommen. Die Gärten sind für jedermann zugänglich, die Mitglieder der Association sind also darauf angewiesen, dass ihre Arbeit und vor allem die Früchte ihrer Arbeit respektiert werden- vor allem dann, wenn 2019 das parallel verlaufende Teilstück der Petite Ceinture öffentlich zugänglich gemacht wird.

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Ein Problem für die Gärtner ist natürlich die Erde,  die neben den alten Bahngleisen natürlich –vorsichtig ausgedrückt- nicht optimal ist, geschweige denn ökologischen Ansprüchen entspricht. Eine wesentliche Aufgabe der Gartenfreunde ist  also die Bodenverbesserung bzw. der Bodenaustausch.  Die zu Hause anfallenden Bioabfällle werden mitgebracht und zu Kompost verarbeitet. Zum Teil werden Hochbeete angelegt, so dass nicht tief wurzelnde Pflanzen auf jeden Fall in unverdorbenem guten Boden wachsen.

Der rührige Vereinsvorstand wollte uns gleich engagieren, hatte aber Verständnis, dass das in unserem Fall nicht passt. Schenkte uns aber zum Abschied einige Ableger eines sehr aromatischen Bohnenkrauts.

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Inzwischen  (September 2019) sind die Kürbisranken bis hoch zu den Bahngleisen gewachsen…

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Von dort hat man nun auch einen direkten Zugang zu dem neuen Teilstück der Petite Ceinture. An dem Zugang befindet sich auch eine kleine Ausstellung zur die Geschichte der Petite Ceinture.

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Dazu gehört auch ein kleines Quiz, z. B. mit der nachfolgenden Frage, welchem der vier angegebenen Tiere man kaum auf der Petite Ceinture  begegnen wird: Fledermaus, Wildschwein, Fuchs oder Fasan. Die richtige Antwort lautet: B, also Wildschwein. (Den anderen drei Tieren bin ich allerdings bei meinen Wanderungen auf der Petite Ceinture  noch nicht begegnet.)

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Die Villa du Bel Air: Ein neues Teilstück wird zugänglich gemacht (2019)

Seit dem Frühjahr 2019 ist das an diesen Gärten gelegene Teilstück der Petite Ceinture zwischen der Villa de Bel Air und der Rue des Meuniers (1670 Meter) für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Petite Ceinture Villa Bel Air (15)

An der schönen Seitenstraße Villa du Bel-Air gab es  früher einen Bahnhof der Petite Ceinture, jetzt einen Behinderten-gerechten Zugang zu dem neu eröffneten Teilstück. Im Jahr 1887 habe es hier insgesamt 787 000 Passagiere gegeben, wie man einer Informationstafel entnehmen kann, und 132 bis 172 Personen- und Güterzüge pro Tag. Wenn man dabei die Nachzeiten ohne Zugverkehr berücksichtige, bedeute das eine Zugfrequenz alle 6-7 Minuten mit 120 Passagieren am Bahnhof Bel-Air-Ceinture.

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Wie auch an anderen Stellen der Petite Ceinture waren hier die Artisten der Street-Art schon am Werk….

Petite Ceinture Villa Bel Air (6)

…. und neben dem Bahndamm haben Wohnsitzlose ihre Zelte aufgeschlagen.

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Durch das neue zugänglich gemachte Teilstück wird eine Verbindung zwischen der coulée verte René-Dumont und dem Bois de Vincennes geschaffen.[8]  Man kann dann also auf einem ca 5 km langen schönen, interessanten Spazierweg von der Place de la Bastille über den Viaduc des Arts und die promenade plantée/coulée verte Renée-Dumont bis zum lac Daumesnil, dem Bois de Vincennes und dem musée de l’immigration, dem Ort der Kolonialausstellung von 1931, gelangen. Es ist ein Spaziergang auf der ehemaligen Trasse des Chemin de fer Paris à Vincennes und dann weiter an die Marne und dann auf einem kleinen Stück der Petite Ceinture. Höchst empfehlenswert![9]  

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Inzwischen (September 2019) ist zwar die Strecke zwischen dem Cours de Vincennes und der rue de Charenton noch nicht offiziell freigegeben, aber auf einem der ehemaligen Gleise ist schon ein schöner Weg für Jogger, Fußgänger, Kinderwagen etc angelegt.cp

Und es wurden schon oder werden gerade  Schilder zur Orientierung  montiert.

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Wenn da allerdings zu lesen ist, dass es noch 20,6 km nach Bercy seien, bedeutet das nicht, dass die Petite Ceinture bis dorthin zugänglich wäre….

Die Petite Ceinture im 13. Arrondissement (seit 2016)

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Dieses Teilstück der Petite Ceinture ist das dritte (nach denen des 16. und des 15. Arrondissement), das für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Es ist -begrenzt durch nicht zugänglich Tunnel- nur 500 Meter lang.

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Weil es sich um ein Teilstück der Petite Ceinture mit dem ehemaligen Bahnhof von Rungis handelt, konnten nicht nur die ehemaligen Bahngleise,  sondern auch  die ehemaligen Bahnhofs.- und Lagerflächen  „zurückerobert“ werden. Angelegt wurde hier Rasenflächen zum Entspannen und Spielflächen  für Kinder.[10]  

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Also ein interessantes Angebot für die Bewohner des 13. Arrondissements. Und einen kleinen, allerdings nicht öffentlich zugänglichen, gemeinschaftlichen Garten gibt es auch hier.

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Zugang:  60, rue Damesme 75013 Paris   Métro  Maison Blanche, ligne 7 oder Station Poterne des Peupliers der Straßenbahnlinie T  3a (zwischen Porte de Vincennes und Pont du Garigliano)

Die Petite Ceinture im 15. Arrondissement (2013)

Das seit 2013 zugänglich gemachte Teilstück der Petite Ceinture im 15. Arrondissement verbindet zwei Parks, den Park Georges Brassens und den Park André Citroën, der seinen Namen einer ursprünglich dort angesiedelten Autofabrik verdankt.

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Dieses 1,5 Kilometer lange Teilstück der Petite Ceinture verläuft parallel zu dem Boulevard Victor auf einem Damm.

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Am Anfang und Ende des Weges (Place Balard, Olivier de Serres) gibt es Aufzüge, mit denen der Damm leicht zu erreichen ist.

Der Weg ist „ein schöner versteckter Ort“ in Paris[11], mit viel Grün, umgeben von der Stadtlandschaft, aber abgeschirmt von ihrem Lärm: ideal für Jogger, für Spaziergänger und vor allem auch für Kinder, die hier gefahrlos ihre ersten Fahrversuche mit Fahrrädern unternehmen können.

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In der Mitte des Wegs kommt man am früheren Bahnhof Vaugirard vorbei.

Das war früher ein stattliches Bahnhofsgebäude mit Fahrkartenverkauf, Wohnung und Diensträumen für den Bahnhofsvorstand und einem Wartesaal oben an den Bahngleisen.[12]

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Heute bietet der Bahnhof ein ziemlich tristes Bild – aber vielleicht gibt es ja Pläne für eine neue, sinnvolle  Nutzung. Ich habe einen Vorschlag: Vielleicht könnten die rührigen Freunde der Petite Ceinture dort ja ein kleines Museum einrichten….

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Das alte Schild LM signalisierte den Zugführern, dass hier ihr Spielraum zum Rangieren endete. (Limite de Manœuvre)

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Intakt ist noch  der alte Aufgang zu den Bahngleisen des Bahnhofs.

Im Bereich des früheren Bahnhofs ist das Gelände der Petite Ceinture ausgeweitet und bietet damit zusätzliche Erholungs- und Kommunikationsmöglichkeiten…

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Paris de la Seine à la Seine

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Seit Neuestem gibt es auch den Vorschlag für einen Spazierweg, der die gesamte südliche Trasse der Petite Ceinture entlang führt, sie zum Teil – wie auf dem hier beschriebenen Teilstück im 15. Arrondissement- auch direkt nutzt. Es gibt dazu in den Rathäusern der Arrondissements (und sicherlich auch im Info-Zentrum des Pariser Rathauses) einen Faltplan mit dem Titel: Petite Ceinture. Paris de la Seine à la Seine. Danach handelt es sich um einen neuen künstlerischen und kulturellen Weg, der im Auftrag der Stadt Paris von einem Architektur-Kollektiv entworfen wurde.  Entlang des Weges wird auf kulturelle und historische Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht, Aussichtspunkte und mögliche Ein- und Ausstiege sind ebenfalls eingezeichnet. Wie lange die Strecke insgesamt ist und wie viel Zeit man dafür veranschlagen muss, ist nicht angegeben. Aber im Frühjahr oder Sommer werden wir uns da sicherlich einmal auf den Weg machen.

Der „corridor écologique“ im 16. Arrondissement (2007)

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Das erste 2007 für die Öffentlichkeit zugänglich gemachte Teilstück der Petite Ceinture liegt im 16. Arrondissemet zwischen dem boulevard de Montmorency und dem boulevard Beauséjour.+

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Es handelt sich um einen 1,2 km langen Pfad. Die früheren Schienen sind zwar entfernt, der Schotter als Untergrund aber noch erhalten, und  es ist unverkennbar, dass man sich auf einem teilweise leicht erhöhten ehemaligen Bahndamm befindet.

Mit Hilfe von Anpflanzungen, kleinen Lichtungen, naturnahen Sitzplätzen und Mauern wird der Weg etwas aufgelockert.  Da es sich auch um einen Lehrpfad handelt, gibt es auch sechs Stationen mit entsprechenden Erläuterungen.[13]

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An die Vergangenheit der Petite Ceinture erinnert noch diese Sitzbank:

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Und ein „hôtel des insectes“ darf natürlich auch nicht fehlen:

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Zugänge zu diesem Teilstück der Petite Ceinture: gegenüber dem Haus Nr. 77 des Boulevard de Montmorency (Einmündung der rue du Ranelagh und gegenüber dem Haus Nr. 36 des boulevard de Beauséjour.

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Das Haus im Hintergrund des Bildes weist übrigens darauf hin, dass es sich hier in der Tat um einen „schönen Aufenthalt“ im noblen 16. Arrondissement handelt. Und es ist ja wohl auch kein Zufall, dass gerade hier –noch zu Zeiten einer konservativen Stadtregierung- das erste Teilstück der Petite Ceinture für die öffentliche Nutzung zugänglich gemacht wurde.[14]

Die Recylerie (18. Arrondissement)

Auch wenn die Recyclerie gerne noch den sogenannten Pariser „Geheimtipps“ zugerechnet wird[15]: Eher ist es eine „angesagte Location“.  Denn sie ist in der Tat nicht nur  ein Café-Restaurant, sondern auch ein Reparatur-Atelier, eine Recycling-Kooperative, ein Veranstaltungsort und eine urbane Farm. Und das alles in einem ehemaligen Bahnhof der Petite Ceinture über, entlang und zum Teil auch auf den alten stillgelegten Gleisen der Pariser Ringbahn. Der Name Recyclerie, auch REcyclerie geschrieben, weist auf das Konzept hin, das in 4 Rs zusammengefasst wird: Repenser, Réduire, Réparer und schließlich natürlich: Recycler.[16 ]

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Ein besonderer Reiz der Recyclerie ist es, dass man nicht nur überhalb der Bahngleise Platz nehmen kann, sondern es auch Sitzgelegenheiten entlang der Gleise gibt, die man über einen Lauben- Treppengang erreicht.

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Dabei kommt man an einen Hühnerstall vorbei mit einem an der  Böschung zu den Bahngleisen angelegten Freigehege.

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An dem schmalen Gang zwischen den Gleisen und der Böschung gibt es Tische und Sitzplätze- Dort fühlt sich auch M Chat wohl. [17] 

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Daran schließt sich eine besondere Attraktion der Recyclerie an, nämlich der Gemüsegarten.

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Hier wird der ökologische Anspruch der Recyclerie anschaulich: Alle entsprechend verwertbaren Stoffe werden kompostiert.

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Und die so erzeugte fruchtbare Erde dient dann für die Aufzucht neuer Pflanzen.

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Besonders eindrucksvoll ist das Bewässerungssystem in dem Gemüsegarten, das sein Vorbild in Lateinamerika hat: Es werden Tonkugeln (Oyas) verwendet, die mit Wasser gefüllt werden, das sie dann langsam und kontinuierlich an die Umgebung abgeben. So spart man Arbeitszeit und Wasser, weil auf diese Weise kein nutzloses Oberflächenwasser verdunstet.

Zur Recyclerie gehört auch eine kleine Werkstatt, wo kleine Reparaturen erledigt werden und man auch Werkzeuge ausleihen kann.

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Und es gibt auch kulturelle Angebote, zum Beispiel im Sommer ein open-air Kino auf den Bahngleisen! Und für Interessierte gibt es auch jeden Dienstag und Samstag 16 Uhr Führungen durch die Anlage. (Anmeldungen über die Homepage: http://www.larecyclerie.com/infos-pratiques/)

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Insgesamt eine sympathische Einrichtung, die ihren Namen zu Recht trägt und die man wohl eher in Berlin als in Paris vermutet hätte.  So ganz alternativ ist die Pariser Recyclerie dann allerdings doch nicht: wird sie doch freundlich unterstützt von der Firma Veolia. Das ist  ein französischer Multi, der in vielen Ländern und Bereichen tätig ist, auch  der Abfallwirtschaft- und der die Recyclerie -immerhin nicht  aufdringlich- für seine Imagepflege nutzt…

Praktische Informationen: Metro Linie 4. Porte de Clignancourt.  Saal und Quais sind ab 12 Uhr geöffnet, Sonntags schon ab 11.

La Petite Ceinture in Ménilmontant (20. Arrondissement,  2018)

Ein kleines Teilstück der Petite Ceinture im 20. Arrondissement wurde 2018 öffentlich zugänglich gemacht.

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Von der rue de Ménilmontant führt eine breite Treppe zu der tiefer gelegten Trasse bzw. den früheren Quais, des Bahnhofs Ménilmontant, von dem allerdings nichts mehr erhalten ist.[18] Immerhin gibt es noch den alten Fußgängerüberweg, der an den früheren Bahnhof erinnert.

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Der Wildwuchs, der sich in den Jahren nach der Stilllegung der Bahn entwickelt hatte, wurde etwas gelichtet und das dabei entfernte Holz aufgeschichtet. Für den Zaunkönig offensichtlich ein idealer Lebensraum.

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Und Schlüsselblumen fühlen sich dort offenbar auch wohl.

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Es gibt einen gemeinschaftlich betriebenen Garten….

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mit Mais, Kürbissen,  Borretsch und Obstbäumchen, der hoffentlich nachhaltig betrieben wird. Die Anwohner sind jedenfalls aufgerufen, sich da entsprechend zu engagieren. (19)

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…. und einige Bänke aus Holz zum Sitzen und Lagern.

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Das zwischen zwei abgesperrten Tunneln gelegene Teilstück ist nur 220 Meter lang. Sicherlich kein Ausflugsziel, aber eine mögliche (Zwischen-)Station eines Besuchs des multikulturellen kreativen und aufsässigen Stadtteils Belleville.[20],

Anmerkungen:

[1] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-16e-pc-16-16227

[2] https://www.petiteceinture.org/Chronologie-des-debats-des-etudes.html

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75012/paris-le-debat-sur-l-avenir-de-la-petite-ceinture-reporte-20-03-2016-5644417.php

[4] https://www.paris.fr/actualites/10-km-de-la-petite-ceinture-ouverts-d-ici-2020-4764

Zur Geschichte, der aktuellen Situation der den Perspektiven der Petite Ceinture siehe auch die Seite  der Association Sauvgarde Petite Ceinture:        https://www.petiteceinture.org/

[5] Siehe den Blog-Beitrag: Die Seine-Ufer in Paris. Der schwere  Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10225

Zu den einzelnen Projekten der „Rückeroberung“ der Petite Ceinture siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

(6) Le Monde, 2.5.2019, S.12

(7)  Angaben von 2018 aus einer Statistik (Luftige deutsche Städte) in Der Spiegel 18/27.4.2019, S. 59 

[8] https://www.mairie12.paris.fr/ma-mairie/nature-en-ville/la-reconquete-de-la-petite-ceinture-370

Zur coulée verte Renée-Dumont siehe auch den Blog-Beitrag über die Guinguettes:  https://wordpress.com/post/paris-blog.org/7664

[9] Siehe dazu die Blog-Beiträge: Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6242 und: Die Kolonialausstellung von 1931 (2): Der ‚menschliche Zoo‘ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von ‚teutonischen Krokodilen‘ und ‚Menschenfressern‘ zwischen Paris und Frankfurt: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/6678

[10] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-13e-pc-13-18089

[11] https://www.unjourdeplusaparis.com/paris-vert/jardin-la-petite-ceinture-du-15e

[12] Bilder aus: https://www.petiteceinture.org/Gare-de-Vaugirard-Ceinture-1867.html

[13] https://www.pariszigzag.fr/balade-paris/rehabilitation-petite-ceinture-balade-paris

[14] Eine Erkundung dieses Teilstücks der Petite Ceinture lässt sich sehr gut mit einem Besuch des nahe gelegenen und äußerst sehenswerten Museums Marmottan Monet kombinieren  http://www.marmottan.fr/

15] https://geheimtippsparis.wordpress.com/2016/04/02/cafe-restaurant-la-recyclerie/ Dort auch die beiden nachfolgenden Bilder

[16] http://www.larecyclerie.com/programmation/

[17] Siehe den Blog-Beitrag: Street-Art in Paris (4): Monsieur Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier: https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[18] https://www.paris.fr/equipements/petite-ceinture-du-20e-pc-20-19205

(19) siehe: https://www.mairie20.paris.fr/actualites/fete-de-la-petite-ceinture-rendez-vous-le-31-aout-791#la-petite-ceinture-dans-le-20e-c-est-quoi_1

[20] Siehe den entsprechenden Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/07/18/das-multikulturelle-aufsaessige-und-kreative-belleville-modell-oder-mythos/

Weitere geplante Beiträge:

  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

Die Petite Ceinture (Teil 1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen

Es war vor ein paar Jahren, als wir die Petite Ceinture entdeckten.  Eines Tages rief eine französische  Freundin an: Sie hatte gelesen, ein Stück dieser ehemaligen, seit Jahren stillgelegten und sich selbst überlassenen Bahnlinie rund um Paris sei an einem Wochenende ausnahmsweise zugänglich und man könne dort außergewöhnliche  botanische Beobachtungen machen.  Als Gartenfreundin hatte das ihr Interesse geweckt. Und unseres natürlich auch. Also machten wir uns am bezeichneten Tag auf zur angegebenen Einstiegsstelle im quartier Bagnolet im  20. Arrondissement. Da gab es zwar ein Tor, aber das war geschlossen – und unsere Enttäuschung groß. Da wir nicht einfach aufgeben wollten, versuchten wir, eine  andere Zugangsmöglichkeit zu finden.

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Und dass es die geben musste, bestätigten die jungen Leute, die wir auf der Brücke der Petite Ceinture an der Place du Salamandre sahen, die allerdings schon einen längeren Spaziergang hinter sich hatten.  Mit einer Leiter wäre  es durchaus möglich gewesen, über eine Mauer zu den Gleisen heraufzukommen, aber ohne… Als wir etwas ratlos herumstanden und überlegten, wie wir weiter vorgehen  könnten, kam ein junges Paar vorbei, das uns fragte, ob sie uns helfen könnten. Sie dachten, wir würden eine bestimmte Adresse suchen. Als wir ihnen erzählten, worum es uns ging, hatten sie einen wunderbaren Einfall: Der junge Mann bot an,  eine „Räuberleiter“ zu machen. Für uns doch schon etwas ältere Semester ein unkonventioneller, aber wunderbarer Vorschlag. Also zuerst ich, dann –mit Hilfe von unten und oben- die beiden Damen…

Oben angekommen befand man sich in einer anderen Welt: alte Gleise auf verrotteten Bohlen, Gestrüpp rechts und links, aber auch ein offenbar noch bewohntes Häuschen am Rande.

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Und dabei gab es auch ein kleines unter dem Gestrüpp verstecktes Gärtchen, in dem Kohl angebaut wurde.

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… und Artischocken; aber vielleicht eher zum Anschauen als zum Essen….

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Dort kam ein junger Mann auf uns zu, der uns sehr energisch darauf hinwies, dass wir uns auf einem Privatgelände der Bahn befänden, dessen Betreten strafbar sei und dass Zuwiderhandlungen hoch bestraft werden könnten. (Über die mögliche Höhe der Strafen gab es wilde Gerüchte[1] ).  Er dagegen war, wie sich herausstellte, ein Biologe, dessen Interesse oder Auftrag es war, das Biotop, das sich hier allmählich entwickelt hatte, zu erforschen und zu kartografieren. Besser hätten wir es ja  nicht treffen können! Jedenfalls trennten  wir uns nach einer kleinen  Führung in bestem  Einvernehmen und von drohenden  Strafen war nicht mehr die Rede.

Rosen gab es allerdings nicht in dem Gärtchen, die gab –und gibt- es nur am Rand der Gleise – denn die Petite Ceinture ist nicht nur ein Biotop, sondern auch ein bevorzugter Ort für Freunde der Street-Art.

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Das die Gleise überspannende Gebäude, das wir auf unserem kleinen Spaziergang auf der Petite Ceinture sahen, ist übrigens die ehemalige Bahnstation Charonne.  (102, rue de Bagnolet)

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In den  1990-er Jahren wurde dort von ehemaligen Studenten der Pariser Kunsthochschule eine Musikkneipe eingerichtet, die nach dem Zug „La Flèche d’Or“  benannt war, der seit den 1920-er Jahren  Paris mit London verband.[2]

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Inzwischen ist auch diese Kneipe stillgelegt, aber die Mairie des 20. Arrondissements bemüht sich, das „bâtiment magique“ zu erhalten. Was daraus wird, scheint aber noch völlig unklar zu sein. Überlegt war wohl,  dort einen irischen Pub einzurichten.[3] Aber danach sieht es derzeit (Februar 2020) nicht aus. Einige junge Leute hatten 2019 zu Versammlungen in der Flèche d’Or aufgerufen, um über die Zukunft des Gebäudes nachzudenken. Ob da etwas/was da herausgekommen ist, weiß ich aber nicht. 

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Aufgenommen am 30.1.2020

Immerhin ist inzwischen  gleich nebenan in der rue Florian der Zugang zu dem Gärtchen mit dem Kohl und den Artischocken und damit  zur Petite Ceinture möglich.

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Und er wird auch gerne, vor allem von jungen Leuten, genutzt.

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Man kann auf oder an den alten Gleisen entlanglaufen und sich dabei etwas als Entdecker fühlen und seiner Phantasie freien Lauf lassen, was man alles – auch jenseits der Street-Art- aus dieser alten  Bahnstrecke und ihren Resten machen  könnte.

Hier zum Beispiel ein Blick auf die alte Bahnstation Avron.- zu schade, um sie weiter verfallen zu lassen.[4]

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 Dass die Petite Ceinture  endlich aus dem Dornröschenschlaf einer Verkehrsbrache erwacht, ist überfällig; und zwar gerade in einer dicht besiedelten Stadt wie Paris, in der ein eklatanter Mangel an Grünflächen und Naherholungsmöglichkeiten herrscht. Da bietet das zwar schmale, aber immerhin ganz Paris umspannende Gelände der ehemaligen Ringbahn ein interessantes Feld der Gestaltung, das sicherlich das Herz jedes Stadtplaners höher schlagen lässt.

Und immerhin ist die Erschließung des Ringbahngeländes auch eine späte und hoffentlich konsequente Fortsetzung eines  nach dem ersten Weltkrieg begonnenen Prozesses. Denn damals wurde der  längst obsolete Festungsgürtel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beseitigt und zum Bau von Sport- und Parkanlagen, Sozialwohnungen und –last but not least- zur Errichtung der Cité Internationale Universitaire genutzt.[5]  Dieser Prozess könnte nun durch die neue Nutzung der Petite Ceinture abgeschlossen  werden. Ihr Bau  steht nämlich  in engem Zusammenhang mit dem Bau des nach Thiers benannten Festungsgürtels, zu dem  die Ringbahn weitgehend parallel verlief- ebenso wie die nach  napoleonischen Marschällen benannten und heute noch existierenden Boulevards des Maréchaux.  Die Ringbahn hatte ebenso wie diese Boulevards die strategische Funktion, die die Stadt umgebenden Festungen rasch mit Truppen und Material zu versorgen. Dies galt vor allem für den Fall einer Belagerung, wenn Paris von seinem Umland abgeschnitten wäre.[6]  Denn in einem solchen Fall war die logistische Situation der Stadt besonders prekär: Paris war das Zentrum des französischen Eisenbahnnetzes und es besaß eine ganze Reihe von Kopfbahnhöfen, von denen aus die Züge in alle Himmelsrichtungen abfuhren bzw. von wo aus sie dort ankamen.

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Diese Karte zeigt die Eisenbahnverbindungen rund um Paris im Jahr 1863.[7]

Die Pariser Endstationen dieser Linien gibt es  meist noch heute: die Bahnhöfe St. Lazare, du Nord, de l’Est, de Lyon, d’Austerlitz, Montparnasse, Invalides. Aber zwischen diesen und den weiteren heute nicht mehr existierenden Bahnhöfen wie Luxembourg, Bastille/Vincennes und d’Orsay gab es keine Verbindungen.  Eine schnelle Verschiebung von Truppen und Material innerhalb der Stadt war deshalb nicht möglich. Da konnte die Petite Ceinture Abhilfe schaffen.

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Hier eine Karte der vier Sektionen der Petite Ceinture, die zwischen 1854 und 1869 in Betrieb genommen wurden und auf denen auch der Verlauf des Thiers’schen Festungsgürtels zu erkennen ist. [8]

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurde die Petite Ceinture zum Transport von Truppen, insgesamt etwa 800 000 Mann, und Material genutzt, vor allem aus dem Süden Frankreichs nach Osten.  Und es sollten auch drei Armeekorps mit 50 000 Mann, 12 000 Pferden und 1300 Kanonen aus dem Elsass via Paris an die  Front in die Champagne  verschoben werden. Bevor sie allerdings dort ankamen, hatte Napoleon III. schon nach der Niederlage von Sedan  kapituliert.[9]  Die Petie Ceinture sollte aber auch ganz direkt für den Kampf genutzt werden, und zwar für den Einsatz gepanzerter,  von Lokomotiven gezogener Batterien bei der Verteidigung von Paris.

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Diese Batterien sahen sehr eindrucksvoll aus und hatten auch entsprechende Namen: „Dévastation“, „Foudroyante“, „Gloire“ und „Belliqueux“. Allerdings spielten sie keine Rolle in den Kämpfen, fielen dann allerdings in die Hände der Commune, die sie zum Teil bei den Kämpfen gegen die Versaillais nutzte.[10]

Dass die Petite Ceinture auch lange nach der Umnutzung des Festungsgürtels militärisch genutzt wurde, zeigt diese Erinnerungsplakette:

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Sie befindet sich auf der Brücke rue de Ménilmontant (20. Arrondissement), die die Petite Ceinture überquert und ehrt 5 Mitglieder der Résistance, die anlässlich der Befreiung von Paris im August 1944 Züge der Besatzungstruppen angegriffen hatten –auch „bataille de Ménilmontant“ genannt- und dabei getötet wurden.  An einer dieser Aktionen nahm übrigens auch Peter Menden,  ein deutscher Antifaschist,  teil: Er stoppte in einer unblutig verlaufenen Aktion im Tunnel in der Nähe des Bahnhofs Ménilmontant einen deutschen Munitionszug, die Besatzung wurde gefangen genommen, die Munition erbeutet.[11]

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Der Bahnhof Ménilmontant existiert heute nicht mehr. Erhalten ist aber noch die Treppe, die von der rue de Ménilmontant zu den Bahnsteigen herabführte und kürzlich wieder geöffnet wurde, um ein kleines Teilstück der Petite Ceinture für die Öffentlichkeit  zugänglich zu machen.

Und  eine Fußgängerbrücke mit einem entsprechenden Hinweisschild erinnert noch an den früheren Bahnhof.

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1948 machte Willy Ronis dort ein Photo, das seinen 1954 erschienenen Bildband „Belleville Ménilmontant“ einleitete. Es zeigt einen Zug der Petite Ceinture-Linie, der gerade den Bahnhof passiert.[12]  .

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Dieser Zug diente nicht militärischen Zwecken, sondern dem Personentransport. Denn natürlich war die Petite Ceinture  nicht nur für einen militärischen Notfall bestimmt, sondern diente auch – und dem Umfang nach: vor allem- dem Transport von Personen und Waren innerhalb der Stadt, zumal es im 19. Jahrhundert noch keine Metro gab, die die Pariser Kopfbahnhöfe miteinander verband. Diese Verbindung schuf  –wenn auch etwas umständlich- die Petite Ceinture.  Sie wurde deshalb  mit einer Vielzahl von  Bahnhöfen für den Personenverkehr ausgestattet und zusätzlich auch mit Güterbahnhöfen, die mit  einer entsprechenden Infrastruktur versehen waren. Bahnhöfe für den Personenverkehr gab es übrigens überall auf der Petite Ceinture,  Güterbahnhöfe nur in der Nähe von Industrieanlagen, also nicht im schon damals noblen Westen der Stadt.

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Auf dieser Karte ist der Verlauf der Petite Ceinture schwarz eingezeichnet- die schwarzen Punkte markieren die Bahnhöfe für den Personenverkehr, die Quadrate die Güterbahnhöfe. Die Tunnelstrecken sind gepunktet.  Zur Erleichterung der Orientierung ist auch der boulevard périphérique eingezeichnet (orange), der in den 1950-er bis 1970-er Jahren überwiegend ebenfalls auf dem Gelände des Thiers’schen Festungsgürtels errichtet wurde.[13]

Die Bedeutung der Petite Ceinture lässt sich an der Entwicklung der Passagierzahlen ablesen: 1878 waren  es 5 Millionen Menschen, die die Ringbahn nutzten, 1900 wurde der „Rekord“ von fast 40 Millionen erreicht.[14]Dazu beigetragen hatte eine Modernisierung der Infrastruktur, die pünktlich zu der vom Bau des Eiffelturms gekrönten prestigeträchtigen Weltausstellung  von 1889 – dem 100. Jahrestag der Französischen Revolution- vollzogen wurde. Teile der Ringbahn wurden damals abgesenkt oder erhöht, um die niveaugleichen Bahnübergänge zu beseitigen und den Verkehr so zu beschleunigen. Im Jahr der Weltausstellung gab es eine Frequenz von 6 Zügen pro Stunde.  In einer Stunde und zwanzig Minuten konnte man damals die Stadt umrunden, seit 1903 mit der Einführung leistungsfähigerer Lokomotiven sogar in einer Stunde und fünf Minuten. [15]

Der Bau  der von der Petite Ceinture unabhängigen Pariser Metro – die erste Linie wurde 1900 eingeweiht- führte allerdings zu einem zunehmenden Bedeutungsverlust der Ringbahn. Die Metro war nicht nur komfortabler –immerhin waren die Stationen vor Wind und Wetter geschützt und die Zugänge verfügten teilweise über Rolltreppen-  mit ihrem elektrischen Antrieb präsentierte sie  sich als modernes Verkehrsmittel  und mit den  Art-nouveau- Eingängen Hector Guimards entsprach sie dem Zeitgeschmack.[16] Und vor allem: Mit der Metro wurden für Passagiere (mehr oder weniger) direkte und auf jeden Fall schnellere Verbindungen zwischen den Pariser Kopfbahnhöfen geschaffen als mit der Petite Ceinture. Die Folge davon war, dass die Ringbahn immer weniger Fahrgäste transportierte, während andererseits ihre Rolle für den Transport von Waren immer mehr zunahm. 1914 wurde der Ringverkehr für Personen eingestellt und auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr aufgenommen. Danach gab es noch auf Teilstücken  Personenverkehr, allerdings mit wenigen Ausnahmen nur noch bis 1934.

Der Aufschwung des Warenverkehrs auf der Petite Ceinture war aber nicht von Dauer. Die dort zugelassene Geschwindigkeit und Tonnage der Güterzüge waren zu begrenzt, um der zunehmenden Konkurrenz durch Lastkraftwagen standhalten zu können – zumal nach dem Bau des Boulevard péripherique. 1993 wird auch auf dem größten Teil der Petite Ceinture der Güterverkehr eingestellt.[17]  Die Bahntrasse bleibt bis auf ein vom RER genutztes Teilstück sich selbst bzw. der Natur überlassen. Und sie dient als Rückzugsort für Wohnsitzlose, als  abenteuerlicher Treffpunkt von Jugendlichen oder als Fotoobjekt für Fotographen auf der Suche nach dem Besonderen…  Bis dann gut 20 Jahre später die Rückeroberung  („reconquête“) der stillgelegten Bahantrasse begann. Darüber  mehr in dem nachfolgenden  Beitrag.

 

Anmerkungen

[1] https://entreprendrelemonde.com/voyages-a-velo/promenade-petite-ceinture/

[2] https://www.lesinrocks.com/2017/05/05/musique/la-fleche-dor-ferme-ses-portes-dans-lindifference-generale-11941888/

[3] http://www.leparisien.fr/paris-75020/paris-la-fleche-d-or-va-renaitre-en-pub-irlandais-musical-04-05-2017-6917781.php

http://www.lylo.fr/lieu/concerts-la-fleche-d-or-paris-20

[4] Zu den aktuellen Planungen für eine Nutzung der Anlagen der Petite Ceinture gehört auch die Erhaltung und  kommerzielle Nutzung dieses Bahnhofs. Siehe: https://www.petiteceinture.org/Ouverture-au-public-de-troncons-de-la-Petite-Ceinture-d-ici-2020-le-saut-vers-l.html#3_planning_des_travaux_et_des_ouvertures

[5] siehe dazu den entsprechenden Blog-Beitrag über die Cite Internationale  https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

[6] https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

und https://www.paris.fr/petiteceinture

[7] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html

[8] Karte aus: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  Im Nordosten weicht der Verlauf der Petite Ceinture vom Verlauf des Festungsgürtels ab. Eine plausible Erklärung dafür gibt es offenbar nicht.

[9] Siehe: Ricroch, La Petite Ceinture, S.23

[10] Carrière, La Saga de la Petite Ceinture, Bd 1, S. 51

[11] A.a.O., S. 21/22  Zur plaque commémorative siehe: http://www.museedelaresistanceenligne.org/media.php?media=5019

[12] Bildausschnitt. Aus einer Ronis-Ausstellung im Pavillon Carrée de Baudoin in Ménilmontant (April 2018 bis Januar 2019)

[13] http://keblo1515.free.fr/souterrinterdit/pc.htm

[14] https://www.petiteceinture.org/Les-principales-dates-de-l.html

[15]  J. Kœchlin, Les locomotives 51-65 du Chemin de fer de la Petite Ceinture, Revue Générale des Chemins de fer, mai 1904, pp 334-350. Zit in: https://www.petiteceinture.org/Histoire-de-la-Petite-Ceinture-ferroviaire-de-Paris-des-origines-a-1934.html  s.a.http://paris1900.lartnouveau.com/paris00/gares_de_la_petite_ceinture%20.htm

[16] Siehe den Blog-Beitrag über Hector Guimard: Jugendstil in Paris.  https://paris-blog.org/2018/02/01/__trashed-3/

[17] https://www.paris.fr/petiteceinture

 

Literatur:

Bruno Carrière: La Saga de la Petite Ceinture 1836-1991, tome 1, Paris  2017

Bruno Carrière, La Saga de la Petite Ceinture 1991-2017, tome 2, Paris 2018

Nicolas Chaudun, Le promeneur de la Petite Ceinture. Récit de Voyage. Actes Sud Nature 2003

Johannes Freybler, Das zweite Leben der Gütellinie. In: FAZ Reiseblatt. 5. Dezember 2019

René Ricroch, La Petite Ceinture. Hrsg. von der Association d’histoire et d’archéologie du XXe arrondissemet de Paris. 2000

Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture. 2002

Evelyne Rigouard/ Jean-Pierre Rigouard, La Petite Ceinture, Tome II . 2009 (Postkarten und Photographien)

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Die Petite Ceinture (2): Die „Rückeroberung“ der ehemaligen Ringbahntrasse
  • La place des Victoires in Paris: Das Modell eines königlichen Platzes
  • Die Mauer der Generalpächter, Ledoux und  Lavoisier 
  • Die Mauer der Generalpächter (2): Die vier erhaltenen Torhäuser von Ledoux
  • Pariser Erinnerunsorte an den Holocaust (Fortsetzung) 

 

 

 

 

Pariser Erinnerungsorte an den Holocaust: Der Friedhof Père Lachaise

In der nordöstlichen Ecke des Friedhofs Père Lachaise, in der 76. und 97. Division, gibt es eine ganze Reihe von Denkmälern, die an nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager erinnern. Diese Denkmäler sind eindrucksvolle Erinnerungsorte, zumal sie auch mit hohem künstlerischen Anspruch gestaltet sind. ln ihrer Fülle und Vielfalt werden der Schrecken und das Leid ein wenig erfahrbar, an die hier erinnert wird. Und es sind gleichzeitig Orte, die zum Engagement für eine bessere Welt auffordern.

Die nachfolgenden Bilder sollen nur knapp erläutert werden – sie sprechen, so denke ich, für sich.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (1)

Die beiden benachbarten Denkmale sind den Opfern der Konzentrationslager Flossenbürg und Mauthausen gewidmet: Die dorthin Deportierten waren zur „Vernchtung durch Arbeit“ bestimmt- Arbeit in den Steinbrüchen. Die aus dem Fels gebrochenen Steine mussten über endlose Treppenstufen nach oben geschleppt werden.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (3)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (8)

Die 186 Stufen der Treppe des Steinbruchs waren der Leidensweg derer, die sie,  mit schweren Steinen beladen,  unter den Schlägen der SS  hochsteigen mussten.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (2)

Damit ihr Opfer dazu beiträgt, für immer den Weg in die Unterdrückung zu blockieren und der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft der Freundschaft und des Friedens                                                                 zwischen den Völkern zu öffnen.                                                   Erinnert Euch

DSC06893 Pere Lachaise Lager (12)

Unter diesem Stein ruht Asche von 7000 Franzosen, die von den Nazis im Konzentrationslager Neuengamme ermordet wurden. 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (13)

Mit diesem Stein wird an eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte erinnert, bei der in den letzten Kriegstagen etwa 7000 KZ-Häftlinge vor allem aus dem KZ Neuengamme,  umkamen. Deshalb befindet sich der  Gedenkstein  am Fuß des Denkmals für die Opfer dieses Lagers. Die Nazis wollten Neuengamme vor den anrückenden Briten räumen und verfrachteten die Insassen  auf zwei manövrierunfähig in der Lübecker Bucht liegende Schiffe.  Die wurden damit gewissermaßen zu schwimmenden KZs und zu einem leichten Ziel der Royal Airforce.  Eines der Schiffe war die „Cap Arcona“,  eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit. Die britischen Truppen waren zwar vom Schweizer Roten Kreuz informiert, aber diese Information gelangte nicht zu den Bomberpiloten. Die Schiffe mit den KZ-Häftlingen wurden also  für Truppentransporter gehalten und fünf Tage vor Kriegsende versenkt.   Nur wenige Schiffbrüchige, darunter der Komponist des Moorsoldaten-Liedes, Rudi Goguel,  überlebten. [1]

Auf der anderen Seite des Weges, in der 97. Division, befindet sich dieser Grabstein:

DSC06893 Pere Lachaise Lager (21)

Es ist ein Grabstein für zwei Überlebende und gleichzeitig ein Stein zur Erinnerung an Familienmitglieder, die in Auschwitz und Majdanek ermordet wurden und für die es nur „ein Grab in den Lüften“ gibt (Paul Celan, Todesfuge).

Im Hintergrund sieht man die Erinnerungstafel an die Opfer der Pariser Commune von 1871: Die letzten Kämpfer der Commune wurden an dieser Mauer erschossen.[2]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (5)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (23)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (26)

1941 – 1945 Auschwitz-Birkenau    nationalsozialistisches Vernichtungslager

Als Opfer der antisemitischen Verfolgung der deutschen Besatzer und der Collaborations-Regierung von Vichy

wurden 76000 Juden, Männer, Frauen und Kinder, aus Frankreich nach Auschwitz deportiert, wo die meisten in Gaskammern umkamen.

Als Opfer der polizeilichen Repression erlitten 3000 Widerstandskämpfer und Patrioten in Auschwitz Qual und Tod

Etwas Erde und Asche von Auschwitz ruhen hier zur Erinnerung an ihr Opfer

DSC06893 Pere Lachaise Lager (32)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (33)

Von 1941 bis 1945 umfasste das Lager Auschwitz III 39 nationalsozialistische Lager, die alle von dem deutschen Chemie-Konzern IG-Farbenindustrie genutzt wurden. 30000 Deportierte, darunter 3500 in Frankreich verhaftete,  Juden vor allem, starben hier an Hunger, Kälte, Erschöpfung, unter Schlägen oder sie wurden von der SS selektiert. Sie wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vernichtet. Vergessen wir niemals! 

DSC06893 Pere Lachaise Lager (35)

 1942 Zur Erinnerung an die jüdischen Kinder, die von den Nazis ermordet wurden 1945

Der du vorbeigehst: Deine Erinnerungs ist ihr einziges Grab

DSC06893 Pere Lachaise Lager (15)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (40)

Der Begriff „Nacht und Nebel/nuit et brouillard“ bezieht sich auf das Vorgehen der Nazis bei den Deportationen und auf den Film von Alain Resnais‘ (1955), den ersten Dokumentarfilm über das KZ-System.  In Auftrag gegeben wurde der Film von zwei Organisationen früherer französischer Widerstandskämpfer und Deportierter,  getextet von dem KZ-Überlebenden und Dichter Jean Cayrol. Die  Musik schrieb der während der Nazi-Zeit emigrierte Komponist Hanns Eisler. Es gibt auch ein wunderbares Lied von Jean Ferrat zu „Nuit et brouillard“ [3]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (44)

Replik eines Grabmals aus dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass

DSC06893 Pere Lachaise Lager (46)

Dass bei den KZ-Denkmälern auf dem Père Lachaise immer wieder ein Dreieck erscheint, hat seinen Grund darin, dass die Kennzeichnung der Häftlinge mit Hilfe von farbigen Stoffdreiecken erfolgte, die auf die gestreifte Häftlingskleidung genäht waren.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (45)

Wir haben die Abgründe in uns und bei den anderen ergründet

Es muss ein außerordentlicher Mensch gewesen sein, der diesen provozierend-nachdenklichen Satz formulieren konnte:  Edmond Michelet war engagierter Christ und  französischer Widerstandskämpfer aus der Corrèze. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert, wo er 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Nach dem Krieg war er Mitbegründer des Comité International de Dachau und er trat für die europäische Einigung und die deutsch-französische Aussöhnung ein.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (47)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (48)

DSC06893 Pere Lachaise Lager (16)

Père Lachaise Nov 10 011

DSC06893 Pere Lachaise Lager (55)

Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen – Oranienburg

DSC06893 Pere Lachaise Lager (51)

Wir sind 900 Franzosen

Inschrift eingraviert im Fort IX von Kaunas von Deportierten des Convois 73

Der nachfolgend abgebildete Gedenkstein -zwischen den Gedenksteinen für die Konzentrationslager in der 97. Division gelegen- scheint etwas aus dem Rahmen zu fallen. Denn er ist den Opfern des 8. Februar 1962 gewidmet.  An diesem Tag, in der Endphase der von de Gaulle eingeleiteten Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens, fand in Paris eine Großdemonstration statt, zu der linke Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Es war eine Reaktion auf die „schwarze Nacht“ vom  17. auf den 18. Oktober 1961, als die Polizei mit äußerster Härte eine Kundgebung von Algeriern für die Unabhängigkeit ihrer Heimat niedergeschlagen hatte. Zahlreiche Demonstranten wurden einfach in die Seine geworfen, um die offiziellen Opferzahlen niedrig zu halten. [4]

Ici on noie les Algeriens

Am 24. Oktober 1961 erschien in Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen  würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congress  eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

DSC06893 Pere Lachaise Lager (19)

Auch am 8. Februar agierte die Polizei mit äußerster Härte: 9 Gewerkschafter kamen an der „Demo-Meile“ zwischen der Place de la République und der Place de la Nation gelegenen Metro-Station Charonne im 11. Arrondisement ums Leben. Verantwortlicher Polizeichef damals:  Maurice Papon.  Der war  im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944  zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten Révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur  Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 sogar noch in zwei Regierungen als Minister.[5]

DSC06893 Pere Lachaise Lager (18)

Das erklärt, warum sich der Gedenkstein für die Opfer des 8. Februar 1962 an dieser Stelle befindet und warum es die „Vaillants et Vaillantes de Drancy“ sind, die hier einen Gedenkstein aufgestellt haben.

Wenn man mit offenen Augen über den Père Lachaise geht, findet man  auch noch weitere Grabsteine, die an Opfer der nationalsozialistischen Barbarei erinnern. So diesen in der 52. Division, der an den deutschen Antifaschisten Arthur Kühnreich erinnert. Er wurde 1942 in Auschwitz ermordet.

DSC04066 Pere Lachaise Nazi Opfer 52. Div.

DSC06893 Pere Lachaise Lager (4)

Eingestellt am 27.1. 2020, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz.  Fotos von Frauke Jöckel, aufgenommen auf dem Père Lachaise am 26. 1. 2020

Anmerkungen:

[1] Imke Andersen,  Britta Probol, Der Untergang der „Cap Arcona“ . Schleswig-Holstein Magazin, 04.05.2019 https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Tragoedie-am-Kriegsende-Der-Untergang-der-Cap-Arcona,caparcona100.html

Das Moorsoldatenlied wurde zum ersten Mal 1933 von Gefangenen das Lagers Börgermoor gesungen. Eine Version mit Hannes Wader: https://www.youtube.com/watch?v=wH9I2Lyf6dY

[2] Siehe dazu den Blog-Bericht: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[3] https://www.youtube.com/watch?v=M19PP181rfc

.[4] Bild aus: Yves  Faucoup, 17 octobre 1961, le massacre ignoré.  https://blogs.mediapart.fr/yves-faucoup/blog/171015/17-octobre-1961-le-massacre-ignore

[5]  Papons Karriere endete am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné seine Rolle bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

Keine Erinnerungsplakette für den Lutetia-Kreis: Eine verpasste Chance

Dans cet hôtel  se réunirent, dans les années 1935 à 1937, sous la présidence de l’écrivain Heinrich Mann,  des représentants de la résistance allemande en exil qui voulaient fonder un Front populaire allemand contre le nazisme.

Ce „Cercle Lutetia“ représentait une Allemagne de paix et de liberté, une Allemagne enracinée dans la tradition culturelle européenne: celle que le régime nazie  avait bannie. 

In diesem Hotel  trafen sich in den Jahren 1935 bis 1937  Vertreter des deutschen  Widerstands im Exil unter dem Vorsitz des Schriftstellers Heinrich Mann,  um eine  Volksfront gegen den Nationalsozialismus aufzubauen. 

Dieser „Lutetia-Kreis“ repräsentierte das aus Nazideutschland vertriebene, in der europäischen Kulturtradition verwurzelte  Deutschland des Friedens und der Freiheit.

Dies hätte der Text einer Erinnerungsplakette im Pariser Hotel Lutetia sein können/sollen, für deren Anbringung  sich im letzten Jahr eine Initiative stark gemacht hat. Trotz einer breiten und ganz wunderbaren Unterstützung ist das Projekt aber an der verweigerten Zustimmung des Besitzers des Hotels und der Nobelhotelkette „The Set“ gescheitert.

Dass es eine solche Plakette nicht geben wird, halte ich für eine verpasste Chance. Im Folgenden soll dies begründet und erläutert werden,  und es soll zumindest auszugsweise die Zustimmung dokumentiert werden, die das Projekt erhalten hat: Ausdruck des Dankes und Illustration dessen, was hätte sein können und nun leider nicht möglich ist.

Warum sollte es eine Plakette für den Lutetia-Kreis geben?

Am 12.7.2018 erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt ein Artikel zur Wiedereröffnung des renovierten Hotels Lutetia. Die Überschrift des Artikels: „Lutetia- vom Zentrum der Volksfront zum Palace-Hotel“.  Diese Schlagzeile ist geeignet, Leser neugierig zu machen und zur Lektüre des Beitrags zu motivieren. Immerhin wird damit auf eine Episode der langen  Geschichte des legendären Hotels hingewiesen, die weniger bekannt und für viele eher unerwartet sein dürfte.

Denn zuerst gilt das Lutetia natürlich als Treffpunkt einer internationalen intellektuellen und künstlerischen Elite: Man denkt da an Namen wie Samuel Becket, James Joyce, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, André Gide, Antoine Saint-Exupéry, Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert, Josephine Baker und viele andere. An die Glanzzeiten des Hotels während der „Annés Folles“ erinnert noch der Salon Josephine, besungen in dem Lied Eddy Mitchells Au bar du Lutetia: Es erinnert an Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der junge Charles de Gaulle gerade im Lutetia seine Hochzeitsnacht verbrachte, bzw. dass die Legende ihm dies zuschrieb.  Und für  Édouard Péricaut aus dem wunderbaren Roman  „Wir sehen uns da oben“ von Pierre Lemaitre  hätte es kaum ein geeigneteres Hotel geben können, um dort seine letzten Tage auszukosten.

In eben diesem Hotel haben sich in den 1930-er Jahren Vertreter des deutschen Widerstands im Exil  getroffen. Warum gerade dort?

Dass es in Frankreich sein musste, lag nahe: Frankreich als das Mutterland der Menschenrechte hatte die meisten Flüchtlinge aus Nazideutschland aufgenommen. Nicht zu Unrecht hat man das  Paris der Jahre 1933-1940 als „die europäische Hauptstadt der deutschen Kultur“ bezeichnet. Und in Paris war das Lutetia der ideale Treffpunkt: wegen seines Renommees als intellektuelles Zentrum und wegen seines stilvollen Ambientes – man wollte und brauchte sich ja nicht zu verstecken.  Auch der Name des Hotels und seine Symbolik passten zu dem Vorhaben: Das Lutetia trägt –wie die Stadt Paris-  im Wappen das Schiff, das auch in hoher See nicht untergeht: Fluctuat nec mergitur. Das entsprach dem Lebensgefühl derer, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia versammelten, um dort Widerstand gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu leisten.  Sie konnten und wollten in dem Deutschland der Unfreiheit, des Rassismus und der Kriegsvorbereitung nicht mehr leben, glaubten aber an eine andere, bessere Zukunft für ihr Land und arbeiteten daran. Und hatte nicht  Heinrich Heine, der 100 Jahre vorher Paris als Ort seines Exils gewählt hatte, seine gesammelten Berichte aus  Frankreich „Lutetia“ überschrieben? Fluctuat nec mergitur: Dies gilt für Paris, für die im Lutetia versammelten Vertreter des deutschen Widerstands, aber auch insgesamt für Frankreich und Deutschland in diesen stürmischen und schlimmen 1930-er und 1940-er Jahren.

Wer waren die Vertreter des Widerstands, die sich zwischen 1935 und 1937 im Lutetia trafen? Es waren Kommunisten wie der gerne als „der rote Pressezar“ titulierte  Willi Münzenberg, die endlich erkannt hatten, dass der Nationalsozialismus eine tödliche Gefahr darstellte, die es gemeinsam zu bekämpfen galt. Es waren  Sozialdemokraten wie Rudolf Breitscheid, bis 1933 Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, und   Albert Grzesinski, ehemaliger preußischer Innenminister; es waren Sozialisten wie der junge Willy Brandt, der aus seinem norwegischen Exil nach Paris kam, um an den Bemühungen um eine Einigung der Antifaschisten teilzunehmen;  dazu kamen unabhängige Intellektuelle wie die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Klaus Mann, Ernst Toller, Ernst Bloch, Ludwig Marcuse, der Statistikprofessor Emil Julius Gumbel, die Journalisten Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard, ehemaliger Chefredakteur der linksliberalen Berliner Vossischen Zeitung und Mitbegründer des Pariser Tageblatts, der Tageszeitung des deutschen Exils, und ihrer Nachfolgerin, der Pariser Tageszeitung;  Persönlichkeiten also, die sich mit Recht als Repräsentanten eines anderen, des wahren Deutschlands verstanden.

Zum Präsidenten des Lutetia-Kreises wurde Heinrich Mann gewählt, in der Weimarer Republik Mitglied der linksliberalen DDP,  Präsident der preußischen Akademie der Künste, Sektion Dichtkunst, unermüdlicher Warner vor dem Nationalsozialismus und Mahner eines gemeinsamen Kampfs gegen die von ihm ausgehenden Gefahren; dazu  ein leidenschaftlicher Kenner und Freund Frankreichs und überzeugter Europäer. Sein Volksfront-Ideal glich einer Mischung aus Rennaissance-Humanismus und Fortschrittsideen des 20. Jahrhunderts. Während seines französischen Exils schrieb er einen großen Roman über den „guten König Henri Quatre“- ein Gegenbild zu dem in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus, gewissermaßen der Roman der deutschen Volksfront. Für Denise Bardot, die mit ihren Schulkindern von der SS-Division Das Reich umgebrachte Volksschullehrerin von Oradour-sur-Glane, war dieser Roman Ausdruck des deutschen Humanismus.

Die Diskussionen, programmatischen Überlegungen und konkreten Maßnahmen des Lutetia-Kreises lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

– Programmatische Diskussionen und Entwürfe zu einem postfaschistischen Deutschland in einem geeinten Europa

–  Verbreitung von wahrheitsgemäßen Informationen unter der deutschen Bevölkerung als Gegenmittel zu Zensur und Propaganda

– Verbreitung von Informationen im Ausland über den wahren Charakter des Nationalsozialismus und die vom faschistischen Deutschland ausgehende Kriegsgefahr

– Maßnahmen zur Unterstützung von Flüchtlingen aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich.

De Bemühungen des Lutetia-Kreises zur Schaffung einer gemeinsamen Front gegen den Faschismus sind zwar letztendlich gescheitert, vor allem aufgrund von Auseinandersetzungen um die Moskauer Prozesse, die von den Vertretern der KPD verteidigt wurden; dennoch ist der Lutetia-Kreis ein bedeutender Beweis für die Existenz und Vielfalt eines anderen, demokratischen Deutschlands, das sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzte. Und wären die hellsichtigen Warnungen der im Hotel Lutetia versammelten Antifaschisten vor der vom „Dritten Reich“ ausgehenden Kriegsgefahr gehört worden,  wäre der Welt ungeheures Leid erspart geblieben.

Dass sich die deutsche Opposition gegen den Nationalsozialismus gerade im Lutetia traf und nach diesem Hotel auch benannt wird, ehrt das Lutetuía  besonderer Weise. Die vorgeschlagene Gedenktafel hätte damit, wie Serge und Beate Klarsfeld schreiben, zur weiteren Ausstrahlung dieses Ortes beigetragen. Sie hätte auch die schon vorhandene Erinnerungstafel an der Fassade des Hotels sinnvoll ergänzt:

022 Plaque historique

„Von April bis August 1945 wurden in diesem Hotel, das damals als Empfangszentrale diente, ein großer Teil der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern aufgenommen. Diese Menschen waren glücklich, die Freiheit wiedergefunden zu haben und ihre Angehörigen, von denen sie gewaltsam getrennt waren. Ihre Freude kann aber nicht die Angst und den Schmerz vergessen machen, den die Familien jener Tausenden von Deportierten zu erleiden hatten, die hier vergeblich auf ihre Rückkehr warteten.“ (Übersetzung bei Jasper, S. 339)

Mit der von de Gaulle verfügten  Aufnahme der Überlebenden aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Hotel Lutetia, wurde, wie Pierre Assouline in seinem Roman Lutetia schreibt, der Makel (tache noir) von Besatzung und Collaboration vom Hotel abgewischt. Denn nach den Vertretern des deutschen Widerstandes waren es die Vertreter der deutschen Besatzungsmacht, die in das Hotel einzogen: Die Herren der von Admiral Canaris geleiteten militärischen Abwehr, einer Organisation zur Gegenspionage und zur Bekämpfung des französischen Widerstands.

Das Hotel Lutetia ist damit ein einzigartiger Ort,  der nacheinander ein Zentrum des Widerstands, ein Ort der Täter und schließlich ein Ort der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherschaft  war. Ich wüsste nicht, welch anderer Ort dies von sich behaupten könnte.

Mit Recht wird an die im Hotel aufgenommenen Überlebenen der Konzentrationslager mit einer plaque commémorative erinnert.  Angebracht wurde diese Tafel an der Außenwand des Hotels, und zwar  gegen einigen Widerstand der damaligen Besitzer: Das war nämlich die Familie Taittinger, deren  früherer Chef,  Pierre Taittinger, im Krieg zu den überzeugten Pétainisten und Collaborateuren gehörte und sich von den Nazis noch 1943  zum Präsidenten des Stadtrates von Paris (conseil municipal de Paris) ernennen ließ. Unter diesen Umständen  hat die vom  Souvenir Français  initiierte Plakette noch eine zusätzliche Bedeutung. 

 Diese Plakette macht deutlich, dass die Opfer  nicht vergessen werden dürfen: Sie sind Mahnung und Verpflichtung für die Lebenden. Aber es dürfen auch diejenigen nicht vergessen werden und es müssen auch diejenigen geehrt werden,  die Widerstand leisteten: Sie können Vorbild für die Lebenden sein, gerade auch für die Jugend.   Insofern kann ich nicht nachvollziehen, wenn mir die Direktion lakonisch mitteilen lässt, sie wolle „diskret mit der Geschichte bleiben.“  Im bzw. am Mémorial de la Shoah in Paris gibt es lange Tafeln mit den Namen der von den Nazis umgebrachten Juden, es gibt aber auch eine Tafel mit den Namen derjenigen, die dem Unrecht widerstanden und Juden gerettet haben.  Die Opfer und diejenigen, die Widerstand geleistet haben, werden da gleichermaßen geehrt. Diese Chance hätte auch das Hotel Lutetia gehabt und damit einen wichtigen Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur leisten können. Dass diese Chance nun nicht genutzt wird, ist umso bedauerlicher,  als ein Engagement gegen Unrecht und Gewalt aktuell ist und bleibt. Denn, wie Christiane Deussen, die Leiterin des Maison Heinrich Heine,  in ihrer Stellungnahme zu der Initiative schreibt: „Le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays“.  

Literatur zum Hotel Lutetia und zum Lutetia -Kreis:

Willi Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutsches Exil in Paris. München/Wien: Carl Hanser 1994  französische Übersetzung: Hôtel Lutétia. Un exil allemand à Paris. Paris: Éditions Michalon 1995

Pierre Assouline, Lutetia. roman. Paris: Gallimard 2005

Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris: Éditions Lattès 2009 (Zum  Cercle Lutetia S. 75/76

Ursula Langkau-Alex, Deutsche Volksfront 1932-1939. 3 Bände. Berlin: Akademie-Verlag 2004 und 2005

  • Band 1: Vorgeschichte und Gründung des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. Berlin 2004
  • Band 2: Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront. 2004
  • Band 3: Dokumente, Chronik und Verzeichnisse. 2005

Gilbert Merlio, Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003 (Dort ein kleiner Abschnitt über La tentative du Front populaire allemand. S. 340-344

Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994

 

Initiative für die Anbringung einer Tafel im Hotel Lutetia zur Erinnerung an den Lutetia-Kreis

Die Initiatoren:

Die Idee, eine Erinnerungstafel für den Lutetia-Kreis anzuregen, kam mir, als ich die beiden Beiträge über das Hotel Lutetia für diesen Blog geschrieben habe. Allerdings war mir klar, dass ich allein kaum Chancen und Ressourcen haben werde, ein solches Projekt anzugehen. Ich wandte mich deshalb an Willi Jasper. Dieser emeritierte Professort der Universität Potsdam  hatte immerhin ein schönes Buch über das Hotel Lutetia geschrieben, ein weiteres über Heinrich Mann, dem ich ja auch in besonderer Weise verbunden bin, und schließlich eines über Ludwig Börne, das ich bei meiner Arbeit über das Börne-Grab auf dem Père Lachaise mit Gewinn gelesen und genutzt hatte. Als 2013 Willi Jasper die französische Übersetzung seines Buches im Lutetia präsentierte, war ich anwesend und ließ mir ein Exemplar signieren. Im Sommer 2019 trafen wir uns in Berlin und besprachen das Projekt, das nun ein gemeinsames war. Und ich war froh, einen kompetenten und prominenten Mitstreiter an meiner Seite zu haben.

Willi Jasper, emeritierter Professor der Universität Potsdam (School of Jewish Studies), Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia, ein deutsches Exil in Paris, München/Wien: Hanser 1994  auch ins Französische übersetzt (Hôtel Lutétia, Un exil allemand à Paris. Paris: Michalon 1995),  Ludwig Börne (Ludwig Börne, Keinem Vaterland geboren. 1989) und Heinrich Mann (Der Bruder Heinrich Mann, 1992). Die französische Ausgabe des Buches wurde 2013 in Anwesenheit des Autors im Salon Président, dem Tagungsort des Lutetia- Kreises, vorgestellt.

Wolf Jöckel, Historiker (Promotion über Heinrich Manns ‚Henri Quatre‘)  und Blogger: Paris- und Frankreich-Blog https://paris-blog.org Dort auch zwei Beiträge über das Hotel Lutetia: Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco in neuem Glanz: https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/ und Das Hotel Lutetia (2): Geschichte und Geschichten: https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Der Unterstützerkreis

Die entscheidende Instanz für die Genehmigung einer Erinnerungsplakette im Hotel Lutetia war der Besitzer des Hotels. Im Jahr 2010, dem Jahr des 100-jährigen Jubiläums des Hotels, hatte das Lutetia einen neuen Besitzer erhalten, nämlich das israelische Immobilien- Unternehmen Alrov, zu dem auch die Nobelhotel-Gruppe The Set mit zwei Hotels in Jerusalem, das Conservatorium in Amsterdam, das Café Royal in London und jetzt auch das Lutetia gehören. In einem Artikel der Zeitung Le Parisien wurde der Kauf des Lutetia durch eine israelische Gruppe als Symbol bezeichnet, da es während der Besatzungszeit von den Nazis requiriert worden sei und danach die Überlebenden aus den Konzentrationslagern aufgenommen habe.

Le rachat du Lutetia par un groupe israélien est tout un symbole : cet hôtel avait été réquisitionné durant l’Occupation par les nazis puis avait accueilli les rescapés des camps à leur libération. (Le Parisien, 7. August 2010)

Das mag auch der Grund dafür sein, dass mir von Anfang an von der Hotelleitung signalisiert wurde, dass die Initiative nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn sie von maßgeblicher jüdischer Seite unterstützt würde. Genannt wurde in diesem Zusammenhang das Mémorial de la Shoah in Paris.  Der Direktor des Mémorials, den ich zu diesem Zweck angesprochen hatte, wollte zwar selbst kein Empfehlung für die Initiative abgeben, verwies mich aber auf das Ehepaar Klarsfeld und vermittelte auch einen entsprechenden Kontakt. Wie glücklich war ich, als ich einige Zeit danach das Empfehlungsschreiben von Serge und Beate Klarsfeld erhielt:

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Lieber Doktor Jöckel, Sie haben unsere volle Unterstützung für die Anbringung einer Erinnerungstafel an den ‚Lutetia-Kreis‘ und ich hoffe, dass die Direktion des Hotels Lutetia Ihren Vorschlag aktzeptieren wird, der die Reputation der Einrichtung noch weiter verbreiten wird.

Welche schönere Empfehlung von jüdischer – und gleichzeitig auch deutsch-französischer!-  Seite als die der Klarsfelds hätte es geben können?

Die zweite Adresse, die mir von der Hotelleitung als wesentliche Voraussetzung für eine Zustimmung zu dem Projekt genannt wurde, war die deutsche Botschaft in Paris. Botschafter dort ist Nikolaus Meyer-Landruth, früherer außenpolitischer Berater von Kanzlerin Merkel und einer der Top-Diplomaten Deutschlands. Ich wandte mich aber natürlich nicht direkt an ihn, sondern an die Kulturabteilung der Botschaft. Dort wurde ich sehr freundlich empfangen, konnte mein Anliegen vortragen und hatte auch den Eindruck, dabei auf einige Sympathie zu stoßen. Allerdings hörte ich dann längere Zeit nichts mehr: Kein Wunder! Die Angelegenheit müsse in der Zentrale in Berlin entschieden werden! Aber dann kam schließlich doch ein offizieller Brief der Botschaft mit einem vom Botschafter selbst unterschriebenen sehr schönen Empfehlungsschreiben. Dass dabei die Unterstützung der Klarsfelds und anderer Personen und Institutionen, die ich inzwischen vorweisen konnte, eine wichtige Rolle gespielt hat, ist dem Schreiben zu entnehmen (und auch durchaus verständlich).

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Ich danke Ihnen für die detaillierten Informationen zu Ihrem Projekt, das zum Ziel hat, eine Erinnerungsplakette zu Ehren des Lutetia-Kreises in dem kürzlich wiedereröffneten Hotel anzubringen. Als Treffpunkt deutscher Emigranten – von Repräsentanten verschiedener politischer Parteien, Intellektuellen und Schriftstellern von Rang- die unter der Präsidentschaft des deutschen Schriftstellers Heinrich Mann sich für ein antifaschistisches Deutschland einsetzten, war das Lutetia ein hervorragender Ort des deutschen Widerstands gegen den Faschismus, und diese Rolle in der Geschichte hat es verdient erinnert zu werden. 

Ich bin auch sehr glücklich, dass Ihr Projekt ein solches Echo erfahren hat und Sie in den letzten Monaten die Unterstützung so wichtiger Persönlichkeiten wie Serge und Beate Klarsfeld erhalten haben.

Seien Sie versichert, dass auch ich Ihre Initiative begrüße.

Ich wünsche Ihnen vollen Erfolg bei der Umsetzung des Projekts ….

Weitere Unterstützer:

In dem Schreiben des deutschen Botschafters ist von dem großen Echo die Rede, das die Initiative erfahren hat. Die nachfolgende Aufstellung kann das bestätigen und illustrieren:

  • Goethe-Institut Paris. Brief der Direktorin Dr. Barbara Honrath vom 6. März 2019. Frau Dr. Honrath war übrigens die erste, die auf unsere Informationsschreiben und Bitten um Unterstützung reagierte. Dafür einen ganz besonderen Dank!
  • Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung Berlin:  https://willy-brandt.de/die-stiftung/
     Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung begrüßt und unterstützt die Anbringung einer Plakette, die an den ‚Lutetia-Kreis‘ erinnert – umso mehr, als der damals in Norwegen exilierte junge Willy Brandt zu den Anstrengungen beitrug, die verschiedenen Gruppen und Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Faschismus zu einen.  (Mail des stv. Generalsekretärs Dr.Rother vom 16. Mai 2019
  • Le Souvenir Françaishttp://le-souvenir-francais.fr/  Association nationale reconnue d’utilité publique.  Président Général/ Director Serge Barcellini  Die positive Aufnahme des Projekts durch Herrn Barcellini war mir besonders wichtig. Immerhin ist Souvenir Français eine wichtige und offizielle Instanz der französischen Erinnerungspolitik, und es war ja auch der Souvenir Français, der die Erinnerungsplakette für die Überlebenden der Lager an der Fassade des Lutetia initiiert hatte.
  • Deutsch-Französisches Institut    https://www.dfi.de/Ludwigsburg dfi (Mail vom 5. November 2019)
  • Béatrice Fischer-Dieskau, Musikmanagerin, Organisatorin von Konzerten im Hotel Lutetia. Frau Fischer-Dieskau hatte auch die musikalische Umrahmung der Buchpräsentation von Willi Jaspers Lutetia-Buch organisiert. Sie hat einen guten Kontakt zur Direktion des Hotels und diente gewissermaßen als Kontaktperson.

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  • Ursula Langkau-Alex, Vorsitzende der Gesellschaft für Exilforschung e.V. 2009-2013, Honorary Fellow International Institute of Social History Amsterdam,  https://iisg.amsterdam/en/about/staff/ursula-langkau-alex   Autorin des Standardwerks über die deutsche Volksfront (Deutsche Volksfront 1932-1938. 3 Bände, Berlin 2005)   Das ist eine sehr gute Idee, nicht nur, weil die exilierten Antifaschisten in internationales öffentliches Gedächtnis gerufen werden, sondern auch, weil die innere  und die äußere Gedenktafel  einander ergänzen insofern, als sie die (nicht gehörte) Gegenstimme zum, und die Konsequenz des Nationalsozialismus aufzeigen.  Hoffentlich stimmen Leitung und Besitzer des Lutetia zu. (Mail 23.5. 2019)  Frau Langkau – Alex hat vor, im nächsten Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung (Juni 2020) einen „Nachruf“ auf die plaque commémorative im Hotel Lutetia zu veröffentlichen. Online unter:  http://www.exilforschung.de)  
  • Maison Heinrich Heine,  Fondation de l’Allemagne,  in der Cité Internationale Universitaire von  Paris.  Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/      Das Heinrich Heine-Haus ist ein wichtiges Zentrum des deutsch-französischen kulturellen und politischen Austauschs. In unseren Pariser Jahren  haben wir  dort viele interessante Menschen kennen gelernt.  Brief der Direktorin Dr. Christiane Deussen vom 15. August 2019: La Fondation de l’Allemagne- Maison Heinrich Heine salue chaleureusement l’initiative visant à installer à l’intérieur de cet établissement chargé d’histoire une plaque commémorant l’activité en son sein du ‚Cercle Lutetia‘. La Maison Heinrich Heine s’associe d’autant plus volontiers à cette action que Heinrich Heine lui-même s’exila à Paris pour échapper à la censure politique outre Rhin. À cette époque déjà, Paris représentait pour les réfugiés politiques un havre de liberté et il n’est pas étonnant qu’un siècle plus tard des écrivains et intellectuels allemands aient choisi la capitale francaise, l’ancienne Lutecia, pour lutter, sous l’égide de l’écrivain francophile Heinrich Mann, contre le régime nazi et faire émerger une autre Allemagne.                  L’activité déployée entre 1935 et 1937 au service de l’humanisme par les membres du ‚Cercle Lutetia‘ mérite aujourd’hui, plus que jamais, d’être rappelée au public et aux clients de cet hôtel prestigieux. Ce rappel est d’autant plus nécessaire que le monde est de nouveau confronté à la remise en cause des valeurs démocratiques dans un nombre croissant de pays. La Maison Heinrich Heine souhaite plein succès à cette initiative et tient à féliciter ses promoteurs.
  • heinrichmann gesellschaft Buddenbrookhaus Lübeck   http://heinrich-mann-gesellschaft.de/Schreiben der Vize-Präsidentin Britta Dittmann vom 19.8.2019Der Vorstand der Heinrich Mann-Gesellschaft schließt sich Ihrer Idee aus voller Überzeugung an. Der von 1935 bis 1937 unternommene Versuch, die Kräfte des zerstrittenen deutschen Exils zu einen, um einer menschenverachtenden, kriegstreibenden Politik entschieden entgegentreten zu können, ist nicht nur bedeutsam als ein Mosaikstein im deutsch-französischen kulturellen Gedächtnis.  Das Ansinnen ist auch aktuell relevant, nicht zuletzt, wenn man sich die Konsequenzen des damaligen Scheiterns vor Augen führt.  Indem die von Ihnen vorgeschlagene Plakette auf die Vorgeschichte der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verweist, ergänzt sie die bereits vorhandene Gedenktafel an die Nutzung des Gebäudes als Aufnahmezentrum für KZ-Überlebende nach 1945 auf das Sinnvollste. Als Heinrich Mann-Gesellschaft freut es uns natürlich besonders, dass das Engagement Heinrich Manns in diesem Zusammenhang explizit Erwähnung findet.
  • Gesellschaft für Exilforschung e.V.    http://www.exilforschung.de/ Schreiben der Vorsitzenden, Prof. Dr. Inge Hansen-Schaberg, vom 28.8.2019
  • Dr. Wolfgang Klein, Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe der Essays und Publizistik Heinrich Manns und von „Für die Verteidigung der Kultur. Die Texte des Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur Paris 1935. Berlin 1982.  Französische Ausgabe herausgegeben mit Sandra Peroni  2005. „Ihre und Herrn Jaspers Initiative unterstütze ich sehr gerne. Sie erinnert an ein wichtiges und jeder Ehrung wertes Engagement deutscher Politiker und Intellektueller in der Vergangenheit, dessen Ideale und Ziele erst nach einem Weltkrieg und nicht überall Anerkennung erlangten und heute erneut in Frage gestellt werden. Es gilt zunehmend wieder, was Heinrich Mann im Juli 1937 in dem Artikel „Christenverfolgung“ schrieb: „Wir müssen heute laut von Dingen reden, die sonst jeder gewusst hat“. Umso wichtiger wäre die von Ihnen angestrebte jetzige Erinnerung an diese Vergangenheit.
  • Hélène Roussel Maître de conférences honoraire, Université Paris 8, Prof. Dr. Lutz Winckler, Université de Poitiers (Mail vom 27. August 2019) Die Unterstützung des Projekts durch Hélène Roussel und Lutz Winkler hat mich sehr gefreut, weil beide ganz intensive Kenner des deutschen Exils und der Exilliteratur sind. Lutz Winkler ist z.B. Mitherausgeber des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933-1945 und zusammen mit Hélène Roussel ist er Herausgeber der von einer deutsch-französischen Forschergruppe erarbeiteten Untersuchung der Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung. Deren Chefredakteur war Georg Bernhard, ein Mitglied des Lutetia-Kreises. Hélène Roussel ist außerdem als Übersetzerin der Werke Anna Seghers‘ hervorgetreten. 
  •  Gerhard Bökel  https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_B%C3%B6kel    Früherer Rechtsanwalt und Notar und Innenminister des Landes Hessen. Er lebt in Saint Laurent des Arbres bei Avignon und forscht und publiziert über die Résistance in der Provence. Im Zusammenhang damit lernten wir uns kennen.   Thank you for your considerable commitment with regard to the plaque in memory of the ‘Lutetia Circle`. It’s a commendable project ! I hope that the management of the Hotel Lutetia will support your proposal.
  • Willi Semmler  https://www.newschool.edu/nssr/faculty/willi-semmler/ Henry Arnhold Professor of Economics, New School for Social Research, New York               I would like to strongly support the Lutetia Project. One important member of the German exile group who met at the Hotel Lutetia was  Emil Julius Gumbel, a mathematician, statistician, economist, and political writer against Nazi organizations in the 1920s. He was Professor in Heidelberg, until 1932, when he was fired by the Nazis, fled to France, and was active in the French Resistance movement and the Lutetia-circle. He taught as a Professor at the New School for Social Research  from 1940-1945, then became  Columbia University Professor from 1950 on. He wrote pathbreaking publications on Extreme value theory which was later applied to the study of financial and climate disasters. He is a very well known scholar among contemporary researchers for his outstanding work on extreme events. He very much deserves to be honored by the Lutetia-Project.
  • Yves Potel, Historiker, Schriftsteller, Publizist, Professor Universität Paris VIII
  • Gilbert Merlio, Autor des Buches  Les résistances allemandes à Hitler. Paris: Tallandier Éditions 2003, in dem auch „der Versuch einer deutschen Volksfront“ thematisiert wird.

Es hat mich auch außerordentlich gefreut, dass mehrere unserer Pariser Freunde bzw. Freundinnen, deren persönliche oder familiäre Geschichte eng mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, dem Rassismus und dem Widerstand verwoben ist, die Initiative unterstützt haben:

  • Sonia Branca-Rosoff, emeritierte Professorin der Universität Sorbonne Nouvelle- Paris 3. Tochter einer Widerstandskämpferin, die nach Ravensbrück deportiert wurde und zu den Überlebenden der Konzentrationslager gehörte, die nach der Befreiung im Hotel Lutetia aufgenommen wurden. „Votre initiative me paraît très bien venue car il ne faudrait pas qu’à après le déni de l’exterminiation des Juifs, on ocullte par une dénégation inverse la place des résistants dans l’histoire du nazisme et en particulier la place des résistants allemands.Je suis d’autant plus sensible à votre projet que ma mère (juive non pratiquante, Russe d’origine) était entrée dans la Résistance. Déportée à Ravensbrück, comm résistante (et non comme juive, ce qui lui a permis de survivre), elle nous a toujours dit qu’elle avait combattu le nazisme et non le peuple allemand et rappelé que les communistes allemands avaient été les premiers à s’opposer aux exactions des nazis et à connaître les arrestations et la prison. Je vous souhaite donc de réussir dans votre projet d’une plaque commémorative célébrant le clairvoyance du Cercle Lutétia.“ (Lettre du 2 juni)  Sonia Branca-Rosoff ist Mitglied „meines“ Pariser Chors Lacryma Voce und Autorin eines sehr lesenswerten Blogs     (https://passagedutemps.wordpress.com/author/soniabrancarosoff/), was uns beide verbindet.
  • Rémi Dreyfus, nahm als Angehöriger der SAS (Special Air Service der Royal Air Force) an der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 teil (Siehe dazu: https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/)         Ayant participé en France à la résistance à l’occupant nazi, je connais les difficultés et les dangers courus par ceux qui ont eu le courage de s’opposer. Si un de leurs rencontre était le lieux de Lutetia, on ne peut que souhaiter qu’hommage leur soit rendu en ce lieu. Rémi Dreyfus, inzwischen 100 Jahre alt, hat in den Jahren unseres Pariser Aufenthalts mehrere Schülergruppen bei sich empfangen, ihnen von seinen Erfahrungen im Krieg berichtet und mit ihnen diskutiert: Das waren bewegende Generationen-übergreifende deutsch-französische Begegnungen.
  • Francoise Tillard  (http://www.paroleetmusique.net/francoise-tillard-cv-anglais/) Tochter des Journalisten und Schriftstellers Paul Tillard (Bücher über le rafle du vel d’Hiv und Mauthausen). Sie ist  Dozentin für Musik, Spezialistin des deutschen Liedes des 19. Jahrhunderts, Gründerin des Klaviertrios Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn- Bartholdy, über die sie die erste große Biographie geschrieben hat. (Die verkannte Schwester. Kindler 1994)                       Fille de résistant et déporté à Mauthausen et son commando Ebensee, j’ai toujours su par mon père que la résistance intérieure du camp avait été soutenue et approvisionnée en armes par des soldats allemands qui ont ainsi sauvé l’honneur de leur pays et le camp d’Ebensee de la destruction totale par les SS. Une plaque au Lutetia rappellera que les premiers résistants dans les camps étaient allemands et les englobera ainsi que les dignes soldats d’Ebensee dans le souvenir et le respect qui leur sont dus.
  • Marie-Christine Schmitt, (professeure agrégée d’allemand), ehemalige Deutschlehrerin an einem Pariser Gymnasium und in einer classe préparatoire. Sie engagierte sich besonders in deutsch-französischen Austauschprogrammen für Schüler und Lehrer, wobei wir uns kennengelernt haben.  Ihr Vater geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager (Stalag) an der deutsch-dänischen Grenze untergebracht. Im Winter 1942/1943 gelang ihm eine abenteuerliche Flucht aus dem Lager quer durch Deutschland und das besetzte Frankreich bis in seine Heimat, die Corrèze, wo er ein führendes Mitglied der Résistance wurde. Unterstützt wurde er bei der Flucht durch einen deutschen Hitlergegner, einen Schneider, der ihn mit Kleidung und Geldmitteln versorgte: Die wunderbare Geschichte eines gemeinsamen deutsch-französischen Widerstands. Dazu im Einzelnen: https://paris-blog.org/2016/09/09/die-correze-teil-1-besatzung-und-widerstand-occupation-et-resistance/

Auch diese so breite und intensive Unterstützung für die vorgeschlagene Erinnerungstafel, die dabei vorgetragenen vielfältigen Argumente  und die manchmal sehr bewegenden biographischen Bezüge konnten die Verantwortlichen des Hotels Lutetia nicht zu einer positiven Reaktion bewegen. Das bedauere ich sehr. Ich sehe aber in der Zusammenstellung der befürwortenden Stellungnahmen eine wunderbare Würdigung des Lutetia-Kreises und ein eindrückliches Dokument deutsch-französischer Freundschaft. 

PS. Juni 2020: Nachruf auf eine verpasste Chance

Im Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung  vom Juni 2020 hat Ursula Langkau-Alex einen „Nachruf auf eine verpasste Chance“ über das gescheiterte Lutetia- Projekt veröffentlicht. Frau Langkau-Alex ist Autorin des  Standardwerks über die deutsche Volksfront und gehört zu den Unterstützern des Gedenktafel-Projekts.

http://www.exilforschung.de/_dateien/neuer-nachrichtenbrief/NNB55.pdf  (S. 4-7)

In dem Beitrag werden die Bemühungen zur Gründung einer deutschen Volksfront gewürdigt,  und es wird herausgestellt, wie bedauerlich es gerade in einer Phase zunehmenden Rassismus und Antisemitismus ist, dass die Anbringung der vorgeschlagenen Gedenktafel von den Verantwortlichen des Hotels abgelehnt wurde.

Zum Hotel Lutetia siehe auch:

https://paris-blog.org/2019/01/01/das-hotel-lutetia-1-ein-bauwerk-zwischen-art-nouveau-und-art-deco-im-neuen-glanz/

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/