60 Jahre Straßenkunst (art urbain) in Paris: Eine Ausstellung im Hôtel de ville (Street-Art in Paris 7)

Seit dem 15. Oktober 2022 ist im Pariser Rathaus, dem Hôtel de ville, eine Ausstellung über art urbain zu sehen, die aufgrund der großen Nachfrage noch bis 3. Juni 2023 verlängert wurde.

https://www.paris.fr/evenements/capitale-s-60-ans-d-art-urbain-a-paris-25905             

Der nachfolgende Beitrag soll einen Eindruck von dieser Ausstellung vermitteln und zu ihrem Besuch anregen. Und in jedem Fall handelt es sich um einen schönen Überblick über die Geschichte und die Breite der Pariser Street-Art/art urbain…

Foto: Wolf Jöckel

Mit dem Oberbegriff der art urbain werden die eher anarchistische Graffiti- Produktion und die inzwischen eher arrivierte street-art zusammengefasst. Ziel der Ausstellung ist es, einen Überblick über 60 Jahre Straßenkunst in Paris zu geben, „einem der wichtigsten Schauplätze dieser künstlerischen Bewegung“´, wie es in dem Faltblatt zur Ausstellung heißt. Man wird in der Ausstellung manchen „alten Bekannten“ begegnen, Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Werken wesentlich dazu beigetragen haben, die Stadt zu bereichern und denen man immer wieder begegnet. Es gibt aber auch viel Neues zu entdecken: Insgesamt eine sehr kompakte, übersichtlich und abwechslungsreich gestaltete Ausstellung!

Hier einige Beispiele aus dem historisch angelegten Parcours:

Die Ausstellung beginnt mit Vorläufern der art urbain wie dem 1940 in Paris geborenen Gérard Zlotykamien, der 1963 als erster Künstler überhaupt begann, im öffentlichen Raum zu arbeiten.

Hier sieht man ihn beim -natürlich illegalen- Sprayen 1984 in der Rue Condorcet in Paris. Bekannt wurde er durch seine Strichfiguren, die sogenannten Éphémères (die Vergänglichen/vom baldigen Verschwinden Bedrohten).

Inspiriert wurden diese Figuren durch die eingebrannten Schatten der Menschen nach dem Atombomenabwurf auf Hiroshima und durch die Shoah. In der Ausstellung wird einer der Éphémères aus dem Jahr 1978 gezeigt.

Die 1980-er Jahre war dann die große Zeit der Schablonenmalerei (pochoir):  Vorbereitete gezeichnete und dann zurechtgeschnittene Schablonen werden auf dem ausgewählten Untergrund befestigt.  Die auf den Schablonen ausgesparten Flächen werden dann mit einer Farbe oder auch mehreren eingesprüht, die den Untergrund entsprechend färben. Diese Technik kann vor Ort mit großer Schnelligkeit angewendet werden: Gerade bei den meist illegalen Aktionen ist das ein erheblicher Vorteil.  Außerdem eröffnet die Verwendung von Schablosen einen beträchtlichen Variationsspielraum: Die Farben können verändert, die Schablonen unterschiedlich kombiniert werden. Paris wurde in den 1980-er Jahren ein Zentrum der Schablonenmalerei: Künstler wie Miss Tic,  Mosko, Jeff Aérosol, Jérôme Mesnager und viele andere haben das Stadtbild mit ihren Arbeiten bereichert.

Dies ist ein Selbstportrait von Miss Tic (1985), begleitet von einem programmatischen Satz mit einem für sie typischen Wortspiel (art mur – Mauerkunst- und armour -Rüstung, aber auch amour – Liebe):  Ich wappne mich mit Mauerkunst, um  Herzensworte an die Wände zu sprühen. Vergleicht man in dem beigefügten Text die mehrfach verwendeten Buchstaben, kann man sehr gut die Verwendung der Schablonentechnik erkennen.

Am 22. Mai 2022 ist Miss Tic gestorben, aber ihre Werke sind inzwischen Bestandteil des Pariser Stadtbildes. Sie werden jetzt auch nicht mehr, wie zum Teil noch in den 1980-er Jahren, als Sachbeschädigung gewertet mit entsprechenden juristischen Folgen, sondern eher gehegt und gepflegt wie dieses mit Glas geschützte Bild in der rue de la forge royal im 11. Arrondissement von Paris.

Foto: Wolf Jöckel

Viele der Pariser pochoristes sind inzwischen arrivierte Künstler, deren Werke in Galerien ausgestellt werden und hohe Preise erzielen. Das gilt z.B. für Jérôme Mesnager.

Bonhomme blanc 1987 (Ausschnitt)

Zwei seiner in einer ausgelassenen Stunde geborene weiße Männer sind im Pariser Rathaus zu sehen: Die sind nicht mehr auf Wände gesprüht, sondern auf handliche und transportable Untergründe. Und der Fonds d’Art Contemporain der Stadt Paris hat sie in seine Sammlung aufgenommen.

Die 1980-er Jahre sind auch die Blütezeit der Graffiti. Voraussetzung für die Graffiti wie auch für die Schablonenmalerei sind die Farbdosen, mit denen die Farbe (peinture aérosol)  versprüht wird.

Im Französischen heißt das bombarder – und manchmal  schienen früher und scheinen manchmal auch heute noch die graffeurs diese Bezeichnung allzu wörtlich zu nehmen. In Paris und Umgebung waren es besonders oft über und über besprühte Lastwagen, Eisenbahn- und Metro- Züge, die die Verbreitung der jeweiligen Tags/Signaturen garantieren sollten.

Ein Wagen  von Marktbeschickern im 11. Arrondissement. Die tags  werden  nicht mehr entfernt,  weil sie sonst sofort wieder neu „dekoriert“ würden. (Fotos: Wolf Jöckel, Februar 2023)

Hier wurde direkt mit Sprühdosen, aber auch mit einer Schablone „gearbeitet“.

Besonders Aufsehen-erregend war eine Aktion, der in der Ausstellung sogar ein eigner Abschnitt gewidmet ist:    Am 1. Mai 1991 „bombardierten“ drei graffeurs Wände und Statuen der Station Louvre-Rivoli,  der schönsten  Metro-Station von Paris, wie die Zeitschrift Télérama damals schrieb. Mehrdeutiger Titel ihres Berichts:  „Paris sous les bombes“…

Brian Lucas ancien vandale de la station Louvre. [1]

Einer der „Vandalen“ war der damals 19-jährige Brian Lucas (Pseudonym Oeno), der dafür eine Gefängnisstrafe von eineinhalb Monaten absitzen musste. Inzwischen allerdings gehört Oeno -wie die Schablonenmaler/innen der ersten Stunde- zu den anerkannten und arrivierten Personen der Kunstszene[2]: Street Art und Graffiti sind unter dem Dach der art urbain friedlichvereint.

Als Reminiszenz an die  wilden Graffiti-Zeiten und Kunstobjekt wird in der Ausstellung ein Metro-Schild von Nasty präsentiert:

Der wurde schon mit einem Arte-Film gewürdigt, und eine Internet Galerie bietet seine Werke für Preise zwischen 180 und 5998 Euro an (Stand Februar 2023)[3]

Auf seinem zum Verkauf angeboten Metro-Plan bezieht sich Nasty mit der ironischen Frage „can you catch me?“ auf das frühere Katz- und Maus-Spiel mit den Verfolgern der graffeurs…[4]

Diese Zeiten gehören wohl eher der Vergangenheit an: Die Tags sind zum Objekt von Kunstliebhabern und Sammlern geworden:

Vues macroscopiques de tags parisiens. Photographie von Nicolas Gzeley (Ausschnitt)

Es ist ein Vorteil der Ausstellung, auf begrenzten Raum einen Überblick über die Pariser Street-Art/Graffiti-Szene zu geben: Einige weitere Beispiele:

Fotos: Wolf Jöckel

Die Geschöpfe von Kraken, dem „Docteur Octopus du street art“[5], gehören zum Pariser Stadtbild.  Hier zum Beispiel einer seiner typischen Oktopusse mit den in sich verschlungenen Tentakeln am Boulevard de Belleville.

Zwei seiner Oktopusse hat er auf die Wände der Ausstellungsräume gezeichnet.

C 215, der mit bürgerlichem Namen Christian Guémy heißt, ist einer der bekanntesten französischen Street-Art-Vertreter. Ihm sind auch schon zwei Beiträge auf diesem Blog gewidmet.[6]  Vor allem ist C 215 Portraitist.  Kürzlich waren es aus Anlass des 80. Jahrestags der Vel d’Hiv-Razzia Kinder und Jugendliche, Opfer der Judenvernichtung, deren Portraits er in Zusammenarbeit mit dem Mémorial de la Shoah auf  Briefkästen des Marais malte bzw. in Schablonentechnik sprühte. Mittels eines beigefügten QR-Codes konnte man an Ort und Stelle Näheres über das Schicksal der jeweiligen Person erfahren.

Zu dieser Aktion gehörte auch ein Portrait von Simone Veil an der Metro-Station Saint-Paul, das im Hôtel de Ville ausgestellt ist. Fotos: Wolf Jöckel

Ein ganz außergewöhnlicher Vertreter der Street-art ist der Portugiese Alexandre Farte, alias Vhils. Er ritzt seine Motive, vor allem Portraits, in weiß verputzte Hauswände. Auf diesem Blog ist er uns schon am Gartenhaus der Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles begegnet, aber auch in Paris, natürlich im 13. Arrondissement, war er schon aktiv.

Erst aus dem Abstand ist zu erkennen, was da jeweils mit Hammer und Meißel entstanden ist.[7]

Fotos: Wolf Jöckel

In der Pariser Ausstellung ist er auch vertreten. Allerdings konnte er da ja kaum die Wände des Rathauses entsprechend bearbeiten. Als Alternative nutzte er zusammengepresste Kartons: 

Wenn man mit etwas Abstand genau hinsieht, erkennt man das auf diesem Untergrund entstandene Gesicht eines alten  Mannes….

Es gibt allerdings auch in Paris ein in den Putz gemeißeltes Wandbild von VHILS: Natürlich im 13. Arrondissement, der der rue du château des rentiers:

Vielleicht ein Portrait von Leonard Cohen?

Ein alter Bekannter der Pariser Street-Art-Szene ist Clet Abraham mit seinen verfremdeten Straßenschildern.

Foto: Wolf Jöckel

Bemerkenswert ist, dass sie -hier eines im 11. Arrondissement- nach meiner Beobachtung doch längere Zeit von der Pariser Straßenverwaltung oder Polizei geduldet werden. Aber ein Verkehrsteilnehmer hätte bei einer Missachtung des Durchfahrtsverbots sich sicherlich kaum mit Erfolg auf diese Version des Schildes berufen können….

Hier handelt es sich um ein vom Rost angefressenes und wohl ausrangiertes Schild, das Clet Abraham dann zu einem Kunstobjekt transformiert hat.  Und dies mit einer eindeutigen und angesichts der aktuellen Debatten um Panzerlieferungen an die Ukraine brisanten politischen Botschaft.

Am bekanntesten von allen Street-Art-Künstlern der Stadt ist sicherlich der Invader , der deshalb auch in der Ausstellung entsprechend gewürdigt wird.

Auf einem großen Pariser Stadtplan sind alle seine Werke markiert und mit Nummern versehen. Die über 1000 Pariser Invaders haben die Stadt gewissermaßen in ihren Besitz genommen.

Man hat also gute Chancen, beim Bummeln durch die Stadt auf Spuren des Invaders zu stoßen. Und sie sind auch immer unterschiedlich und oft angepasst an den jeweiligen Ort wie dieser schöne Hinweis auf den nahe gelegenen Gare de Lyon, auf dem die Züge in den warmen Süden abfahren. Entdeckt und aufgenommen habe ich diesen Invader im März 2023: Es gibt also nach so vielen Jahren Paris immer noch/wieder Neues!

Das Mosaikbild aus der rue de Montreuil im 11. Arrondissement, das das Ankleben eines Invaders zeigt, dient als Motiv für das Ausstellungsplakat.

Foto: Wolf Jöckel

Alle bisher angeführten Werke der Pariser art urbain sind, soweit sie nicht direkt für Galeriezwecke entstanden sind, in den Straßen der Stadt auf Augenhöhe angebracht – oft, wie bei dem Invader, kurz oberhalb des Erdgeschosses, um sie vor Vandalismus zu schützen – oder auch vor Souvenirjägern….

 Die Street-Art-Szene ist aber nicht nur in diesem Bereich sichtbar, sondern auch darunter und darüber. Schon in den 1980-er Jahren war der Pariser Untergrund ein beliebter Ort für Sprayer.

Diesen Raum haben Jerôme Mesnager und der im Untergrund besonders aktive Alexandre Stolypine, alias Psychoze, ausgestaltet.[8]

Vor allem aber geht es inzwischen hoch hinaus mit der Street Art.  Großen Street-Art-Wandbildern begegnet man in Paris sehr oft, vor allem natürlich dort, wo es Flächen gibt, die dazu einladen. Das gilt besonders für das 13. Arrondissement mit seinen Neubauten entlang der Hochbahntrasse  der Metro-Linie 6 und den Hochhäusern im sogenannten Chinesenviertel. In der Ausstellung werden mit entsprechenden Erläuterungen versehene Fotos einiger besonders markanter Wandbilder gezeigt.

Eines der ersten großen Wandbilder in Paris stammt von dem Amerikaner Keith Haring. Es schmückt seit 1987 einen Turm im Kinderkrankenhaus Necker in Paris. Auf der Gondel eines Krans postiert malte Haring in drei Tagen ein großes farbiges und zum Ort passendes Fresko auf den Beton.

Foto: Wolf Jöckel

Die großformatigen Wandbilder entlang des Boulevard Vincent Auriol, der sich von der Seine  bis zur Place d’Italie hinzieht, gehören inzwischen  zu den Attraktionen der Stadt. Mit Recht hat man von einer open-air-Kunstgalerie gesprochen, die auch noch ständig weiterentwickelt wird.

Dieses im Hôtel de Ville ausgestellte Plakat zeigt eine Marianne des amerikanischen Künstlers Shepard Fairey. Bei dem originalen Wandbild im 13. Arrondissement handelt es sich um das größte existierende Marianne-Bild:  Ein Geschenk des Künstlers an die Stadt Paris als Zeichen der Solidarität nach den islamistischen Anschlägen von 2015. Das Bild ist auch eine Hommage an die Ideale der Französischen Revolution, deren Devise Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit die französische Symbolfigur einrahmt.

Naheliegend also, dass ein Abzug des Bildes an der Wand eines Arbeitszimmers von Präsident Marcron im Elysée-Palast hängt.

Foto: Wolf Jöckel

Auf dem originalen Gemälde weint die Marianne allerdings eine Träne: Überrest einer Aktion von Aktivisten, die auf den Widerspruch zwischen Ideal und Realität der französischen Republik aufmerksam machen wollten.

.Mehr dazu in dem Blog-Beitrag über die XXL- Formate im 13. Arrondissement: https://paris-blog.org/2022/09/16/street-art-xxl-entlang-des-boulevard-vincent-auriol-eine-open-air-kunstgalerie-im-13-arrondissement-von-paris/

Zu den bekanntesten großformatigen Wandbilder von Paris gehört auch Seths gamin de Paris/Kind von Paris im 13. Arrondissement. Seth (Julien Malland) bereichert seit Jahren die Pariser Street-Art-Szene. Vor allem sind es Kinder, die er in poetischer Weise auf Hauswände malt,

Ecke Boulevard Vincent Auriol/rue Jeanne d’Art Foto: Wolf Jöckel

Für Seth, der im banlieue von Paris aufgewachsen ist,  repräsentiert der kleine Junge die Kindheit in den großen Metropolen der Welt.  Er habe in seiner Jugend die Farben vermisst, aber sie in seiner Lektüre, seinen Spielen und seinen Phantasiereisen gesucht. Der Junge blicke auf die andere Seite der Mauer und Licht und Farbe strahlten auf die umliegenden Gebäude aus. „Das ist die Macht der Phantasie, die das verändert, was uns umgibt.“[9]

In der Ausstellung wird nicht nur ein Photo des Wandgemäldes gezeigt, sondern auch eine leuchtende, gläserne Version des kleinen Jungens. Und es wird hingewiesen auf ein neues Wandbild  in der rue Buot, ebenfalls im 13. Arrondissement, das Seth aus Anlass des russischen Überfalls auf die Ukraine hergestellt hat.

Sicherllich wird „die Macht der Phantasie“ nicht ausreichen, um diesen Krieg zu beenden, aber sicherlich ist sie auch hier unabdingbar….


Anmerkungen

[1] https://www.telerama.fr/sortir/graffiti-illegal-cette-nuit-ou-des-tagueurs-ont-ravage-la-station-louvre-rivoli,n5624371.php

[2] https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-oeno-pionnier-du-graff-parisien-expose-les-femmes-27-03-2018-7631391.php

[3] https://www.artsper.com/fr/artistes-contemporains/france/1969/nasty

[4] https://www.artsper.com/fr/oeuvres-d-art-contemporain/edition/1186143/paris-city-subway-map

[5] https://www.telerama.fr/sortir/qui-est-kraken-ce-street-artiste-qui-colonise-les-murs-de-paris-avec-des-pieuvres,156965.php

[6]  https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/  und   https://paris-blog.org/2020/05/10/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-2-grosse-frauen/

[7] https://street-art-avenue.com/2013/04/vhils-a-paris-361

[8] Siehe: https://www.telerama.fr/sortir/psyckoze-du-street-art-dans-les-catacombes,141822.php

[9] https://boulevardparis13.com/project/sethuntitled/

Weitere Beiträge zur Pariser Street-Art

open your eyes! Street-Art in Paris (1):

Une ville sans graffitis serait comme une rivière sans poissons”.  (Nemo)

Eine Stadt ohne Graffitis wäre wie ein Fluss ohne Fische

DSC01381 Street art Belleville- (4)

Paris hat  viele Superlative. Zu ihnen gehört sicherlich auch der, dass es wohl eine der Städte der Welt ist, die am meisten von der Street-Art geprägt ist.[1] Vergleiche ich jedenfalls Paris mit Frankfurt, ist der Unterschied ganz deutlich. Natürlich gab und gibt es auch in Frankfurt viele Street art- Werke man denke nur an die Bemalung der Mauer um den Neubau der EZB. Aber in Paris begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. Ich möchte deshalb im ersten Teil dieses Beitrags einige Eindrücke von der Street- Art in Paris vermitteln. Das will und kann kein systematischer Überblick sein, sondern lediglich andeuten, wie vielfältig die Street- Art-Szene ist Paris ist.  In nachfolgenden Beiträgen möchte ich dann mehrere Street-Art-Künstler etwas intensiver vorstellen, die mit ihren Arbeiten wichtige und, wie ich finde,  schöne Beiträge zur Ausgestaltung des öffentlichen  Raums der Stadt leisten:

  • Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager
  • Den Invader
  • Monsieur  Chat, Miss Tic, Fred le Chevalier

In diesem ersten Teil also zunächst ein kleiner (persönlicher) Überblick über die  Pariser Street-Art-Szene:

Da gibt es die Tintenfische mit menschlichen Gesichtern von GZUP, die aus sicherer Höhe auf die Passanten herabblicken[2]  wie die Mona Lisa in der rue des archives im Marais.

DSC01136 Street art rue des archives (1)

Durch diese Positionierung erhöht sich natürlich ihre Lebensdauer: Sie sind vor Beschädigungen und Übermalungen sicherer, zumal ab 4 m Höhe die jeweiligen Hauseigentümer zuständig sind und nicht die Stadt Paris.

Sehr präsent in Paris ist auch der Straßenkünstler A2, also zweimal A, was für amour und Anarchie steht. (Hier fotografiert im Goutte d’Or, wo er sehr präsent ist, im Februar 2018)

DSC02484 Street Art febr. 2018 (28)

… und hier in Montmartre…

DSC01690 Montmartre (6)

….  Manchmal befinden sich in der Nähe von Straßenschildern gleich mehrere kleine Werke verschiedener Street-Art-Künstler. Sie scheinen  sich in Gemeinschaft wohl zu fühlen …

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In sicherer Höhe sind auch die Sprüche von im texto-Französisch zu sehen,     Hier  am Boulevard Soult:

Gibt es niemanden, der sich in mich verlieben will?

Boulevard Soult IMG_9384 (2)

Und ei uns um die Ecke  im Impasse de Mont-Louis im 11. Arrondissement…

IMG_9298 ce dur quan on est seul

Es ist hart, wenn man alleine ist 

Dieses Bekenntnis regte dann zu einer direkt darunter veröffentlichten Liebes- und Leideserklärung an:

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Rue de Candie codex urbanus

Der codex urbanus belebt Hauswände mit allerlei phantastischen Lebewesen – hier in der Rue de Candie, ebenfalls im 11. Arrondissement und in der rue des Francs Bourgeois im 4. Arrondissement.  Die Exemplare des Codex haben zwar lateinische Namen, aber sie sind reine Produkte der Phantasie und der Träume. Insofern passt es, dass Codex urbanus im Mai 2016 durch eine Ausstellung im Musée Gustave Moreau geehrt wurde, denn mit dessen Namensgeber teilt er „le goût pour le songe, le fantastique et le Symbolisme“. [3]

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Dieses phantastische 278. Exemplar des Codex Urbanus habe ich denn auch gleich um die Ecke des musée Gustave Moreau entdeckt. (Rue de la tour des dames, 9. Arrondissement, November 2018)

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Vielleicht stand der Codex Urbanus Pate bei  bei diesem wunderbaren Skelett im Tunnel   der promenade plantée unter der rue de Reuilly( 12. Arrondissement, aufgenommen März 2019). 

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Den schönen Wolf habe ich dort im September 2023 aufgenommen.

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Sehr schmuck sind die bunt bemalten Pfosten eines Straßenkünstlers, der sich cyklop  nennt.[4] Auf die Enden von Pfosten malt er einziges großes buntes Auge- insofern passt sein Künstler-Pseudonym. Bei dem Pfosten in der Cité de l’Ameublement am jardin Titon im 11. Arrondissement  ist es allerdings ein lachende Gesicht: Ergebnis eines Projekts mit einem benachbarten Kindergarten. Da kann man sich gut vorstellen, wie begeistert die Kleinen bei der Sache waren!

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Die LéZarts de la Bièvre schmücken triste Hauswände entlang des heute in Paris überbauten Flüsschens Bièvre – hier im 5. Arrondissement mit einem Gemälde von Caillebotte, den „raboteurs du parquet“, den  Parkettschleifern.

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Öfters begegnet man auch in Paris den von Clet Abraham verfremdeten Verkehrsschildern.[5] Besonders hat er es  offenbar auf  Verbotsschilder abgesehen wie hier an der Kreuzung zwischen der Rue Saint Maur und der Rue du Chemin Vert im 11. Arrondissement oder in der Rue de Quatre Fils im Marais.

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Dass das Durchfahrt-verboten-Zeichen weggetragen oder zusammengequetscht wird, ist auch ganz im meinem Sinn, weil hier –im Gegensatz zu vielen anderen Pariser Einbahnstraßen- keine Ausnahmeregelung für Fahrradfahrer vorgesehen ist.

Das nachfolgend abgebildete Schild ist eine typisch Clet-sche hommage an Leonardo da Vincis vitruvianischen Menschen. Die an Vinci angelehnte Darstellung des Menschen ist in ein Verbotsschild platziert: Die Botschaft Clets: Trotz aller Verbote und Einschränkungen ist und bleib der Mensch das Maß aller Dinge.

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Die Arbeit ist zu sehen 2019/2020 in der Ausstellung veni vidi vinci,  parallel zu der Leonardo da Vinci-Ausstellung im Louvre,  in der der art urbain gewidmeten neuen Galerie Fluctuart. Die befindet sich -wie der Name andeutet- auf einem Seine-Schiff, festgemacht etwas flussabwärts des pont Alexandre III.  (Neben der Galerie gibt es auf dem Schiff auch eine Bar und schöne Plätze an Deck mit Aussicht).

Sehr präsent in Paris ist auch Gregory mit dem Künstlernamen Gregos, der sein eigenes Portrait an den Wänden der Stadt befestigt.

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Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junger immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. (5a) Inzwischen verändert er in jedem Jahr das Motiv seiner Selbstportraits. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie von ihnen betrachten.

Leicht zu erkennen und zuzuordnen sind die Wandbilder von Seth, hier zum Beispiel ein schönes auf dem  butte aux cailles, einem Viertel im 13. Arrondissement, das bei Street-Art-Künstlern besondere Attraktivität genießt.

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Öfters sieht man inzwischen auch Figuren mit den großen runden und schwarzen Augen von Kam et Laurene (5b), hier zum Beispiel passend zum Namen der Straße im 11. Arrondissement oder -ebenfalls im 11. Arrondissement- den Kapuzenmann, der aus dem (zugemauerten) Fenster in der Passage de la Folie Regnault  blickt: Aus der Tristesse dieses Ortes wird damit ein „Hingucker“.

Sehr schön und passend ist seit Neuestem auch der lebensgroße Spaziergänger an der bei Spaziergängern und Joggern beliebten promenade plantée am  Eingang des Tunnels unter der rue de Reuilly im 12. Arrondissement. Entdeckt habe ich die Figur im Februar 2019, als der Mantel noch sehr passend war. Das Foto entstand aber bei frühlingshaften Temperaturen im März 2019 )

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Überall in Paris zu sehen sind auch die Puzzlestücke von Béa Pyl, hier zum Beispiel eines in der Rue Sédaine im 11. Arrondissement.  Manche haben auch eine Aufschrift, oft mit Aufforderungscharakter: enjoy, smile, vivre, love…. (5c)   – ein weiterer Puzzleteil von ihr wird diesen Beitrag abschließen….

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Große leere Hauswände hat Kraken, „le Docteur Oktopus du street-art“ (Télérama) mit seinen überdimensionalen Oktopussen bemalt. Hier unübersehbar an  der rue  de Rivoli. (Januar 2022)

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Weniger auffällig sind dagegen die kleinen sportlichen Männ.er, die die Topografie von Hauswänden für ihre sportlichen Übungen nutzen wie dieser Turner in der rue de Ménilmontant. (Nr. 54-56, aufgenommen April 2019) Umso mehr freue ich mich immer, wenn ich einen von ihnen entdecke.

DSC03778 Street Art April 2019 div (8)

Eine feste und prominente  Adresse für die Pariser Street art ist seit nunmehr 10 Jahren die Wand (le MUR) in der Rue Oberkampf/Ecke Rue Saint-Maur im 11. Arrondissement.  MUR bedeutet dabei nicht nur „Mauer“ sondern ist auch eine Abkürzung für „Modulable, Urbain, Réactif). Alle zwei Wochen wird da ein neues Werk produziert und ausgestellt und auf dem kleinen Platz davor gibt es ein nettes Café, von dem aus man bei einer Tasse Kaffee die „Mauer“ betrachten  kann. Le MUR hat gerade ihr zehnjähriges Jubiläum gefeiert und gehört zu den Projekten der Street-Art, die von der ville de Paris gefördert werden. [6]

Caselemurweb©HeleneLaxenaire

(Nr. 241 von Case Maclain)

le mur rue Oberkampf le Maur_9994 (1)

(Nr. 234 von Jason Botkin)

DSC00213 le mur April 2018

( Nr. 256  von Doudou’style April 2018)

Da die entsprechenden Daten auf der mur und im Internet bekannt gegeben werden, kann man sogar mit etwas Glück und Planung die Entstehung eines neuen Werkes beobachten – so wie wir am 18. November 2017 die Arbeit der brasilianischen Street Art-Künstlerin Fefe Talavera – das 246. Werk der MUR Oberkampf.

DSC01594 mur oberkampf T. 2 (12)

Neueren Datums ist le M.U.R. in der rue de la Roquette, ebenfalls im 11. Arrondissement: Wenn wir mit dem Fahrrad einen Ausflug in die Stadt gemacht haben, kommen wir immer daran vorbei und freuen uns.

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Hier ist im Winter 2021/2022 die Street-Art-Adaptation eines Gemäldes von Guido Reni zu bewundern. Ein echter Hingucker!

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Auch an anderen Stellen der Stadt gibt es solche für die Street-Art reservierten und von der Stadt geförderten Plätze. So zum Beispiel im 12. Arrondissement  le M.U.R 12 in der rue du Sahel, da wo die promenade plantée/la coulée verte  die Avenue du général Michel Bizot kreuzt. Hier kommen wir immer mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Schwimmbad vorbei. Kürzlich präsentierte da Monsieur Qui/Eric Lacan eine Arbeit. (6a) In der Ankündigung dazu heißt es:

“ Il propose ses visages de femmes mysterieuses, combinées à des motifs végétaux, masquant une douce satire des diktats féminins imposés par la société. Son jeu trouble et ambigue du noir et planc explore l’héritage des graveurs du XIXe siècle et notamment de Gustave Doré.“

Hier zwei kämpfende Büffel (Juni 2018)

DSC00573 mur 12 (5)

DSC00573 mur 12 (1)

Eine weitere, allerdings auf Dauer angelegte und zur Touristenattraktion von Paris gewordene Mauer ist die je t’aime-Mauer an der Place des Abesses im 18. Arrondissement.

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Sie  ist aus 511 Kacheln zusammengesetzt , auf denen  in über 300 Varianten und 200 Sprachen die Worte „ich liebe dich“ stehen. Da liegt es nahe, die Version in der eigenen Sprache zu suchen und den Liebsten oder die Liebste davor zu fotografieren. Aber natürlich gibt es in der Stadt der Liebe auch (mehr oder weniger professionelle) Straßenkünstler, die auf ein solches vorgefertigtes Angebot nicht angewiesen sind.

Siehe dieses Beispiel im Marais in der rue du Foin (3ième):

 

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DSC01293 Street art in love Marais (7)

Ebenfalls im Marais an dem kleinen Platz Ecke rue des Tournelles und rue Roger Verlomme, wo die Köchin und der Koch eines benachbarten Hotels gerade eine Frühstückspause machte.

Es gibt sicherlich  unzählige weitere, anonyme oder weniger prominente  Beispiele für Street- Art in Paris; wie etwa die Taube, die ich ab und zu mal im Pariser Norden gesehen habe…

DSC02484 Street Art febr. 2018 (24)

… oder die kleine Spinne bei dem vor unserem Haus abgestellten Fahrrad, die leider nach einigen Tagen wieder verschwunden war. (6b)

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Offensichtlich hatte sie sich ein paar Häuser weiter in der Rue de Croix Faubin ein ruhigeres Plätzchen gesucht….

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Reiseführer mit vorgeschlagenen Street art-Rundgängen und Führungen durch Arrondissements, in denen die Street- Art besonders lebendig ist – z.B. durch das Gebiet nördlich des Bassin de la Villette oder  durch Belleville- gibt es inzwischen auch schon. [7]

In Belleville -wie überhaupt im traditionell eher „roten“ Ost von Paris transportiert die Street-Art übrigens oft und gerne auch politische Botschaften. So zur (in Frankreich extrem restriktiven und abschreckenden) Flüchtlingspoltik..

Rue des Couronnes IMG_4774

… oder zur Obdachlosigkeit und zur Arbeitslosigkeit. Jèrémy, an den hier erinnert wird, wohnte im 21. Arrondissement, das es in Paris nicht gibt. Er hatte also  keinen Wohnsitz. Und die Freiheitsgöttin des berühmten Gemäldes von Delacroix schwenkt nicht die Tricolore, sondern ein Schild von pôle emploie, dem französischen Arbeitsamt.

Derzeit sehr „angesagt“ ist vor allem das 13. Arrondissement, das zahlreiche anonyme Hochhausbauten der Nachkriegszeit aufweist, deren triste Fassaden inzwischen immer mehr –mit Unterstützung des zuständigen Bezirksbürgermeisters- mit großformatigen Wandbildern bemalt werden. Inzwischen geradezu ein Freilichtmuseum der Street- Art. –

Hier ein Wandbild von Seth.[8]

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Große Wandgemälde gibt es aber auch an anderen Stellen der Stadt, zum Beispiel  im Marais (an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Vieille du Temple (4. Arr.) zum Tag der Frauen….

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oder im 20. Arrondissement zur Gruppe Manouchian, einer Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzer von Paris. 

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Aufgrund eines Propagandaplakats des Vichy-Regimes und der deutschen Besatzungsbehörden, das nach der Verhaftung und Hinrichtung der Gruppe verbreitet wurde, ist sie auch  unter dem Namen affiche rouge bekannt geworden – gewissermaßen als Kontrapunkt sind auf dem Wandbild die Mitglieder der Gruppe mit einem roten „Heiligenschein“ versehen…

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Übrigens ist es hier nicht die mairie, die die für diese Arbeit die Hauswand zurVerfügung gestellt hat, sondern die copropriété, also die Eigentümergemeinschaft – so etwas ist wohl nur im traditionell linken Osten der Stadt möglich. 2024 werden Manouchian und seine Frau stellvertretend für die Gruppe der „affiche rouge“ ins Pantheon überführt werden. 

Dieser Überblick ließ sich nun fast nach Belieben ausweiten. Das würde aber den Rahmen dieses einführenden Berichts und auch dieses Blogs sprengen. Auffällig ist aber im Blick auf die Pariser  Street -Art- Literatur, die professionell angebotenen Street-Art-Spaziergänge und die eigenen Beobachtungen,  dass die Street-Art vor allem im Pariser Osten (einschließlich dem Nord- und dem Südosten) heimisch ist. Die charakteristische Trennung zwischen dem eher proletarisch-volkstümlichen Osten und dem bürgerlich-bourgeoisen Westen von Paris schlägt sich also auch in diesem Bereich nieder.

Auf zwei (natürlich auch im Pariser Osten tätig gewordene) Street-Art- Künstler soll abschließend noch einmal hingewiesen, von denen schon im Bericht über Belleville die Rede war, nämlich Ben und Nemo. (9)

Bens großes Wandbild  an der Place Fréhel gehört zu den bekanntesten Street-Art-Werken in Paris.

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Man muss sich vor Worten in Acht nehmen

Ben ist einer der international prominentesten  Street Art-Künstler von Paris. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Und „tout est art“ -allerdings mit einem sehr berechtigten Fragezeichen versehen-  war auch der Titel einer Ben-Ausstellung im Musée Maillol 2016/2017.

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Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute zu sehen ist.

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Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant und des Supermarkts in der Rue de Ménilmontant.  Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Aber dann reißen sich in der ganzen Stadt Ballons los und fliegen zu dem Jungen, der sie zusammenbindet und sich in den Himmel tragen lässt, hoch über der Stadt.  Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“).  Begeistert war auch der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, der als 6-Jähriger den Film- seinen ersten- in Amerika sah und sich damals und durch ihn in Paris verliebte. (10) Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Ausblick:

In nachfolgenden Beiträgen einer kleinen Pariser Street-Art-Reihe möchte ich  einige Street- Art- Künstler  vorstellen, die im Stadtbild von Paris besonders viele und prominente Spuren  hinterlassen haben und die ich ganz besonders schätze:

… Mosko… 

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… Jef Aérosol…

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…Jerôme Mesnager…

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

… den  Invader ….  

IMG_9882 Am Pont neuf (2)

…und  Miss Tic…

IMG_2293 Miss Tic 11ieme

… M Chat ….

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…. und Fred le Chevalier

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Alle sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieses Blog-Beitrags der, wie die drei nachfolgenden,  zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Street-Art gibt es überall, also Augen auf!

Angesichts der großen Vielfalt der Street-Art in Paris lohnt es sich also,  mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen und zu fahren und sich über das zu freuen, was man meist (fast) auf Augenhöhe entdecken kann, also:

Rue Charles Delescluze 11eme 036

Ein Puzzle-Teil von Béa Pyl in der  Rue Charles Delezcluse (11e)

 

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

 

Anmerkungen

[1] Es gibt ganz unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs. Ich habe mich für die vom Duden empfohlene entschieden, also Street-Art.  Den Begriff Urban Art verwende ich nicht, weil er offenbar eher ein Oberbegriff ist, der auch andere Kunstformen umfasst. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Urban_Art

[2] http://www.streetlove.fr/interview/la-pieuvre-de-gzup-streetart-interview.html

[3] http://www.codexurbanus.com/codex-sinvite-chez-gustave-bestiaires-croises-musee-gustave-moreau

[4] http://lecyklop.blogspot.de/

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Clet_Abraham

(5a) http://www.telerama.fr/sortir/street-art-quand-gregos-tombe-le-masque,131937.php

(5b) Bild aufgenommen im Februar 2018

https://www.urbacolors.com/fr/artist/kam-laurene

(5c) https://lumieresdelaville.net/paroles_urbs/les-rencontres-street-artistiques-de-miss-acacia-puzzle-your-life-avec-bea-pyl/

[6] http://www.lemur.fr/realisations/

https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_MUR_(art_urbain)6a

Auf der Wand rechts unten  ist immer angegeben, wann der Wechsel stattfindet.

Die Stadt Paris benutzt  ausdrücklich die Street-Art als Mittel ihres Stadt-Marketings. Siehe: Street Art. Paroles des Murs. In: À Paris. Le magazine de la ville de Paris, no 64, Hiver 2017/2018, S. 28

(6a) https://www.facebook.com/Eric.Lacan/

(6b)  Solche Spinnen waren schon 2012 einer amerikanischen Touristin im 11. Arrondissement aufgefallen. Auch wenn sie wohl nur eine kurze „Lebenszeit“ haben, sie sind doch ganz offenbar nicht vom Aussterben bedroht.

[7] siehe dazu den Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

Stadtführungen zu Street -Art in Belleville bietet an: http://www.ca-se-visite.fr/demandez-le-programme-2   (12 € pro Person)

Ein neuer Street-Art-Führer mit 8 vorgeschlagenen Rundgängen durch verschiedene Stadtviertel: Stéphanie Lombard,  Guide Street Art/Paris. Paris: Gallimard 2017

Eine Karte von Paris mit Street-Art-Orten und kurzen Erläuterungen: http://web.archive.org/web/20130427062928/http:/www.paris-streetart.com:80/pdf/carte-pochoir-paris

[8] http://www.mairie13.paris.fr/mairie13/jsp/site/Portal.jsp?page_id=94  siehe auch : Le street art poursuit sa conquête des quartiers parisiens. L’art envahit  la rue. In: cnewes  19.5.2017

siehe dazu auch: Georges Feterman: Paris, 24 nouvelles balades à thèmes. Paris 2017. Darin: Balade no 21: mur peints et trompe-l’oeil, S. 155f

(9) weitgehend übernommen aus dem Blog-Beitrag  über „Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville“, Abschnitt Street -Art

(10)  Peter Stephan Jungk, Marktgeflüster. Eine verborgene Heimat in Paris.  FFM: Fischer 2021, S. 30/31