Street Art in Paris ( 5 ): Gare du Nord, Quai 36

Im letzten Beitrag (1. Mai 2020) habe ich einen virtuellen Spaziergang durch die Ausstellung des Malers und Bildhauers Otto Freundlich im Museum Montmartre angeboten, die derzeit aufgrund der virusbedingten Sicherheitsmaßnahmen  nicht zugänglich ist:

https://paris-blog.org/2020/04/01/der-maler-und-bildhauer-otto-freundlich-ein-deutsch-franzoesisches-kuenstlerschicksal-eine-ausstellung-im-museum-montmartre/

Im nachfolgenden Beitrag wird eine Ausstellung vorgestellt, die ebenfalls derzeit nicht oder nur in Ausnahmefällen zugänglich ist: nämlich die Street-Art-Galerie am Bahnsteig 36 des Pariser Nordbahnhofs. 22 internationale Street-Art-Künstler haben dort 2015 eine triste Bahnhofswand mit ihren Werken geschmückt: Eine Ausstellung der besonderen Art, die anzusehen sich lohnt. Übrigens auch deshalb, weil es dort  erstaunlicher Weise  einen Bezug zur aktuellen Corona-Virus-Krise gibt….

Der Pariser Gare du Nord ist einer der sechs noch betriebenen Kopfbahnhöfe von Paris  (neben Est, Montparnasse, St. Lazare, Austerlitz und Lyon), dazu der meistfrequentierte Bahnhof Europas und –jedenfalls in seinen historischen Elementen- ein außerordentlich schönes Gebäude aus den 1860-er Jahren. Der Entwurf stammt  immerhin von dem in Köln geborenen Architekten Jacques Ignace Hittorff (Jakob Ignaz Hittorf), der in Paris so bedeutende Aufträge erhielt wie die Neugestaltung der Place de la Concorde oder die einheitliche Randbebauung der Place de l’Étoile.

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In den letzten Jahren stand der Pariser Nordbahnhof aus mehreren Gründen im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit.

  1. Da gab es den Film „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“, ein modernes Märchen über den Aufstieg eines Jungen aus der banlieue zum gefeierten Pianisten. Entdeckt wird er, als er auf einem im Bahnhof zur allgemeinen Nutzung aufgestellten Klavier Bach spielt. Allerdings sind, wie ich meine, die Bahnhofsszenen des Films gar nicht im Gare du Nord gedreht. Denn so modern, wie der Bahnhof des Films aussieht, ist der Gare du Nord in Wirklichkeit nicht. Aber dieser Bahnhof passte natürlich gut zum Film: Er ist ja die Drehscheibe für die Menschen aus den banlieues, aus denen der junge Klavierspieler kommt. Und dann hat der Bahnhof auch noch eine cineastische Reputation: nämlich durch den Film „L’homme blessé“ (dt. Version: Der verführte Mann) von Patrice Chéreau, in dem das Gewusel an der Gare du Nord zur Bühne eines existenzialistischen Spiels um Begehren und Betrügen, Selbstgenuss und Selbstaufgabe überhöht wird. [1]
  1. Der 150 Jahre alte Gare du Nord ist der meistfrequentierte Bahnhof Europas und er platzt aus allen Nähten. Dass da Handlungsbedarf ist, steht außer Zweifel, zumal die olympischen Spiele in Paris 2024  bevorstehen und der Gare du Nord eine zentrale Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr  zu den Sportstätten und das olympischen Dorf im nördlichen Umland von Paris haben wird.  Bis  2024 soll also nicht nur Notre Dame wieder aus Ruinen auferstanden sein, sondern der Gare du Nord den Anforderungen der neuen Zeit entsprechen.  Das „wie“  der Umgestaltung ist allerdings völlig umstritten. Die SNCF hat einen Plan vorgelegt, der eine massive Erweiterung der Verkaufsflächen vorsieht, so dass die hochverschuldete Bahn keinen Cent für den Umbau bezahlen müsste. Namhafte Städteplaner und die Stadt Paris sehen das allerdings sehr kritisch und befürchten eine Verschlechterung  für die Reisenden. Das sei dann nicht mehr in erster Linie ein Bahnhof, sondern ein Einkaufszentrum mit Bahn-Anhang.[2] Ausgang offen…
  1. Im Wahlkampf  für die Kommunalwahlen/die Wahl einer neuen Bürgermeisterin von Paris (Es sind drei Frauen, die die meisten Chancen haben)  hat zu Beginn des Jahres 2020  der Gare du Nord auch eine große Rolle gespielt: Einer der Kandidaten schlug nämlich vor, den internationalen Verkehr aus dem Gare du Nord ins Umland zu verlegen und so den Bahnhof zu entlasten. Das war ein Schachzug im „Krieg der Bahnhöfe“ zwischen zwei rivalisierenden Kandidaten, die beide Macrons Partei La République en Marche (LREM) angehören: Dem „Dissidenten“  Cédric Villani und dem „offiziellen“ Kandidaten  Benjamin Griveau, der dann allerdings auf unrühmliche Weise aus dem Rennen ausgeschieden ist.[3] Griveau schlug  nämlich die Verlegung des gesamten Gare de l’Est vor, um Platz für einen Central Park nach New Yorker Vorbild zu schaffen; ein Plan, der dann allerdings von seiner kurzfristig eingesprungenen Nachfolgerin umgehend eingezogen wurde…

Wie genau der Gare du Nord in Zukunft aussehen wird, ist also ungewiss. Und ungewiss ist damit auch die Zukunft des Quai 36.  Dieser Bahnsteig ist sicherlich etwas ganz Außergewöhnliches, das erhalten zu werden verdient. Er gehört zu einem Projekt aus dem Jahr 2015, als 22 internationale Street-Art-Künstler eingeladen wurden, den mehr als 750 000 Reisenden, die den Bahnhof täglich nutzen, eine poetische und unerwartete Sicht auf diesen Ort anzubieten.[4] 55 Tage lang arbeiteten die Künstler im und am Bahnhof und brachten dort ihre Fresken, Collagen und Pochoirs an.

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Es gibt im Bahnhof noch einige wenige Reste der damaligen Aktion- zum Beispiel am Beginn des Ganges, der vom Bahnhof zur Metro Nummer 2 führt:

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Aber vor allem ist es der  Bahnsteig 36, der  von der damaligen Aktion geblieben ist. Da es sich um einen Endbahnsteig handelt, wurde die ganze anliegende Wand als Galerie der Street Art genutzt.[5]

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Natürlich war das auch eine publicity-Aktion der SNCF, die damit ihre Modernität demonstrieren wollte und sich großspurig als „revelateur de cultures“ anpries. Aber damit muss öffentlich geförderte Kunst leben – auch wenn eine solche Funktionalisierung  gerade bei Street-Art-Künstlern  problematisch erscheinen mag. Aber diejenigen, die da eingeladen waren, sind  international bekannt und werden auch entsprechend vermarktet.   Ein schaler Beigeschmack bleibt aber aus einem anderen Grund: Ein Jahr nach der Q-36 Aktion wurde nämlich der Pariser Street-Art-Künstler Thomas Vuille, immerhin auch ein renommierter Vertreter seiner Zunft, zu einer Geldstrafe von 500 Euro wegen Sachbeschädigung verurteilt, „pour délit de dégradation d’un bien appartenant à autrui“.  Grund: er hatte eine Rohbau- Mauer (!) des Gare du Nord, die eine Metallverblendung erhalten sollte, zwischenzeitlich mit seinem  munteren gelben Kater verziert.  Für die staatliche SNCF war das der  Anlass für eine Anzeige und für den Staatsanwalt schwerwiegend genug, für Thomas Vuille, der  ja immerhin Wiederholungstäter sei, 3 Monate Gefängnis ohne Bewährung zu fordern, was erhebliches Aufsehen erregte. Letztendlich kam Thomas Vuille dann mit der Geldstrafe davon. Aber der Vorwurf der Beschädigung blieb an ihm hängen.[6]

Da wird also auf der einen Seite mit großem Aufwand und politischer Prominenz die Öffnung des Bahnhofs für die Street-Art zelebriert, und fast gleichzeitig wird ein Street-Artist für seinen grinsenden Kater an einer Rohbau-Mauer des Bahnhofs vor den Kadi gezerrt…  Peinlich. Aber die Street-Art-Gallery am Quai 36 kann man sich- wenn denn mal das aktuelle confinement zu Ende ist-  noch ansehen- es kostet nur ein Métro-Ticket oder,  wenn man den Bahnhof zum Umsteigen nutzt, noch nicht einmal das.

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Dies war das Plakat vor dem Nebeneingang zum Gare du Nord, das vom Juni bis zum Oktober 2015 auf die Aktion aufmerksam machte. Entworfen wurde es von Sylvain Perier („Künstlername SP 38), einem 1960 in der Normandie geborenen Künstler der Street-Art, der seit 1995 in Berlin lebt und arbeitet.[7]

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SP 38 hat auch an der Galerie des  Quai 36  mitgearbeitet.

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Im Folgenden werden einige Arbeiten der Galerie Q 36 vorgestellt:

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Hier am Bahnsteigende eine Übersicht über alle Beteiligten und ihre Arbeiten

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Jerôme Mesnager

Jerôme Mesnager ist mit seinen weißen Männern einer der in Paris sehr präsenten Street-Art-Künstler.[8] Und er hat auch seinen Beitrag zu der Galerie Quai 36 geleistet: Nach seinen eigenen Worten eine Hommage an Fritz Lang für Metropolis und an Charlie Chaplin für moderne Zeiten.[9]

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Solenn Larnicol

Solenn Larnicol (Solylaisse) hat gerade auch in „unserem“ 11. Arrondissement ihre phantasievollen Spuren hinterlassen.[10] Am Quai 36 kann man ihre Paradiesvögel bewundern.

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Jana und Js

Auch Jana und Js sind Pariser Freunden der Street-Art gut bekannt- vor allem wegen ihrer großen Wandbilder im 13. Arrondissement der Stadt.[11]

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Typisch für Jana und Js sind die bienenwabenartigen Häuserfassaden –

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… da kann man an Wohnblocks im Pariser banlieue denken und an die Fotografien von Andreas Gursky.

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Pioc ppc

Der Wolfskopf ist ein besonders beliebtes Motiv von Pioc ppc . Schön, dass er auch in Q 36 vertreten ist.[12]

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Fafi

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Fafis  blonde Modepüppchen mit den roten Herzchen auf den Bäckchen, die Fafinettes, finde ich nicht sehr attraktiv. Aber als Teil der großen Q 36-Galerie kann man sie ertragen.[13]

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Gregos/Gregory

Gregos stammt aus einer nördlichen Vorstadt von Paris. Nach verschiedenen Auslandsaufenthalten lebt er seit 2006 in Montmartre. Sein Markenzeichen sind die Selbstportraits, von denen es inzwischen mehr als 1000, vor allem in Paris gibt. [14] Zunächst waren das Masken mit ausgestreckter Zunge – so wie er als kleiner Junge immer seine Zunge herausstreckte, wenn er fotografiert werden sollte. Inzwischen gibt es zahlreiche Varianten, die verschiedene Gemütszustände aufweisen. Am Quai 36 des Gare du Nord kann man eine ganze Serie der Selbstportraits betrachten.

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Phil Ramuz (Philippe Ramuz)

Phil Ramuz hat die Galerie mit  zwei der für ihn typischen schrägen Portraits bereichert.[15]

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Louis Masai

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Louis Masai ist ein englischer Street-Art- Künstler und ein Öko-Aktivist. Eines seiner bevorzugten Motive ist die vom Klimawandel bedrohte Unterwasserwelt mit ihren formenreichen und bunten Korallen.[16]   Dazu passt auch die bedrohte Biene am Quai 36.

BTOY

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Hinter dem Kürzel BTOY verbirgt sich eine Street-Art-Künstlerin aus Barcelona. Sie ist bekannt für ihre Frauenportraits – eines davon findet sich hier.[17]

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Der international anerkannte Streetartist Artiste Ouvrier gilt als einer der talentiertesten Schablonenkünstler seiner Generation. Der Stil des 1972 als Pierre-Benoit Dumont in Paris geborenen Malers zeichnet sich durch ein hohes Maß an Details und lebendigen Farben aus. Artiste Ouvrier unterrichtete eine Reihe junger Künstler in seiner Technik. Einige von ihnen sind inzwischen weltweit anerkannt, wie JANA & JS, mit denen zusammen er auch am Quai 36 gearbeitet hat.[18]

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Weitere Bilder vom Quai 36:

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Und hier und abschließend nun der anfangs angekündigte Bezug zur aktuellen Krise:

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Was ist das denn anderes als ein  Coronavirus?  Den gab es ja immerhin schon 2015, als diese Ausstellung entstand. Jetzt treibt er in einer neuen Variante sein weltweites Unwesen. Hier ist er wie eine bedrohliche Waffe dargestellt. Eine grausame Aktualität, die sich der Street-Art-Künstler manPvJ sicherlich kaum vorgestellt hat, als er dieses Bild auf die Wand von Bahnstein 36 malte bzw. sprühte…

Anmerkungen:

[1] https://www.welt.de/kultur/article195659693/Der-Klavierspieler-vom-Gare-du-Nord-Wer-Klassik-hoert-gehoert-einfach-dazu.html

[2] Siehe die Stellungnahmen eines Kollektivs von Städteplanern und Architekten (u.a. Jean Nouvel): Le projet de transformation de la gare du Nord ist inacceptable. Le Monde 3.9.2019. https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/09/03/le-projet-de-transformation-de-la-gare-du-nord-est-inacceptable_5505639_3232.html  und La gare du Nord mérite le meilleur. Le Monde 17..10.2019 https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/10/17/la-gare-du-nord-merite-le-meilleur-mais-ou-est-le-meilleur_6015833_3232.html

[3] Siehe: https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23957/griveaux-veut-deplacer-la-gare-de-l-est-pour-creer-un-central-park-parisien.html und https://www.nouvelobs.com/elections-municipales-2020/20200126.OBS23963/villani-veut-transferer-les-trafics-eurostar-et-thalys-a-saint-denis.html

[4] https://quai36.com/creation/art-residence-gare-du-nord/

[5]https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[6] https://paris-blog.org/2019/02/01/street-art-in-paris-4-monsieur-chat-miss-tic-und-fred-le-chevalier/

[7] https://www.theguardian.com/travel/gallery/2015/jun/12/paris-street-art-gare-du-nord-goes-graffiti-with-quai-36-project

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/01/street-art-in-paris-2-mosko-jef-aerosol-und-jerome-mesnager/

[9]  „il faut savoir s’arrêter, donc hommage à Fritz Lang pour metropolis, et chaplin pour les temps modernes à voir quai 36, gare du nord.“ https://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

[10] https://www.solennlarnicol.fr/

[11] http://janaundjs.com/deutsch/outdoor.html Dort auch die nachfolgende Gesamtansicht.

[12] Siehe: https://www.pinterest.de/artjingle/exposition-pioc-ppc-mars-2014/

[13] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/art-urbain-die-kessen-fafinetten-von-paris-a-428393.html

[14] http://gregosart.com/

[15]  https://www.instagram.com/philramuz/

[16] http://streetartparis.fr/interview-london-street-artist-eco-activist-louis-masai/

[17] https://streetartmankind.org/artists/btoy/

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Artiste-Ouvrier

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Eingestellt am 8. April 2020 im TGV nach Straßburg – es ist der Ersatzzug des ausgefallenen Ersatzzuges für die eigentlich gebuchte Direktverbindung über Saarbrücken, die es nicht mehr gibt.   Danach  soll es mit dem Regionalzug der SWE nach Offenburg weitergehen und von dort mit dem ICE nach Frankfurt….  Aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn man die Möglichkeit dazu hat. (Vorm Betreten des Bahnsteigs wurden meine Fahrkarte, mein Passierschein – Attestation de déplacement dérogatoire- und mein Ausweis penibel kontrolliert). Ab heute darf man sich in Paris noch nicht einmal mehr zwischen 10 und 19 Uhr sportlich betätigen (joggen, Nutzung der in unserem Viertel aufgestellten Fitness-Geräte… Fahrrad-Fahren ist sowieso untersagt, wenn es nicht nachweisbaren beruflichen Zwecken dient, alle Parks, die coulée verte, der bois de Vincennes und der bois de Boulogne sind gesperrt – aber der wäre sowie nicht für uns erreichbar, da man sich ja nur maximal eine Stunde draußen aufhalten darf…. Also dann doch besser zurück in die alte Heimat…  à nouvel ordre/bis auf Weiteres….

Street- Art in Paris (2): Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager

Nach dem Pariser Street-Art – Überblick im ersten Beitrag der kleinen Street-Art-Reihe  (open your eyes! Dezember 2017) möchte ich in drei nachfolgenden Beiträgen einige für mich besonders interessante Street-Art-Künstler vorstellen, hier zunächst  Mosko, Jeff Aérosol und Jerôme Mesnager. Sie  sind in Paris deutlich präsent und sie sind (inzwischen) auch so prominent, dass ihre Werke meist nicht mehr „ephemère“ sind, wie das ja eigentlich typisch für die Street- Art ist. Sie haben eigene websites,  vermarkten ihre Arbeiten, sind in Ausstellungen vertreten und werden für Werbezwecke oder die Ausgestaltung des öffentlichen Raums engagiert. Sie sind aus Paris also nicht mehr wegzudenken. Wenn man durch die Stadt geht oder fährt, wird man immer wieder auf ihre Werke stoßen und sich  über zufällige  Begegnungen mit ihnen freuen. So geht es jedenfalls mir und vielleicht ja auch einigen Leser/innen dieser kleinen Street-Art-Serie,  die zu dieser Entdeckerfreude beitragen möchte.

Mosko et associés

Schon seit Jahren haben wir Freude an den exotischen Tieren Moskos, mit denen die Ecole maternelle  in  der der Rue du Jourdain in Belleville gleich  neben dem Haus unserer Freundin Marie-Christine verziert ist.

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Den gleichen Tiger gibt es übrigens auch beim Kindergarten an der Square Henri-Cadiou im 13. Arrondissement- nur dass er diesmal in andere Richtung läuft und dazu noch auf einem Seil. Eine solche Reproduktion und Variation ist dank der  Schablonen-Technik (pochoir), zu deren französischen Pionieren Mosko gehört, einfach herzustellen.

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Vor allem sind es Tiger, Giraffe,  Zebra und Schmetterlinge, die Mosko et associés  mit ihren Schablonen und bunten Farben an die Wände von Schulen, Geschäften und Privathäusern auftragen, wobei das Logo Mosko et associés nie fehlt. Der Name Mosko ist abgeleitet von dem quartier de la Moskova (18. Arrondissement), aus dem die beiden Straßenkünstler Gérard Laux und  Michel Allemand  stammen.

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Im letzten Jahr habe ich während der französischen Sommerferien entdeckt, dass das in dieser Zeit geschlossene Rollgitter des deutsch-französischen Café Titon in der Nähe unserer damaligen Wohnung auch von Mosko gestaltet ist- natürlich mit Tiger. Solche  kleinen Entdeckungen freuen mich immer sehr. Street- Art- Künstler erhalten übrigens nach meinen Beobachtungen öfters den Auftrag, Rollgitter zu bemalen: ein kleiner Trost für Gäste oder Kunden, die enttäuscht vor einer geschlossenen Tür stehen.

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Oft –und vor allem in den Anfängen seit 1989/1990- brachten Mosko und associés ihre Wandbilder in heruntergekommenen Gegenden vor allem des 18., 19. und 20. Arrondissements an zugemauerten Türen und Fenstern und halb verfallenen Wänden an:  Sie verstehen sich als „embellisseurs du cadre de vie“. Schönheit, Freude und Leben sollten dahin gebracht werden, wo es Dreck, Dunkelheit und Ruinen gibt.[1]

Zwei schöne Beispiele dafür sind die Giraffen am foyer de jeunes travailleurs in der rue Daubenton (5. Arrondissement) und der eindrucksvolle Tiger in der rue du Retrait (20. Arrondissement). Mit dem Aufkleber auf der rechten  Seite wird übrigens gegen das (inzwischen beendete) Projekt des Baus eines Großflughafens bei Nantes (Notre- Dame-des- Landes) protestiert.

Auch die Giraffen und Schmetterlinge, die wir auf unserem Weg zu den mursv à pêches in Montreuil   entdeckt haben,  (rue Gaston Monmousseau), bringen etwas Farbe und Leben in ein wenig anheimelndes Viertel.

Schön ist auch die Bemalung des Eingangs des Restaurants HAΪ KAĬ am Canal Saint Martin (Quai de Jemmapes), einem Zentrum des „hippen Paris“. (2)   Danach würde man wohl eher eine exotische Küche erwarten. Angeboten wird hier  aber nach eigener Präsentation eine französische haute cuisine mit, so jedenfalls Michelin, „un véritable antre bobo-chic“ im Innern. Und dazu passen die Tiere Moskos wohl auch…

Jef Aérosol

Jean-François Perroy, alias Jef Aérosol (Aérosol= Sprühlack), ist sicherlich einer der bekanntesten Street-Art-Künstler in Paris und „ein Protagonist der urspünglichen französischen pochoir-Bewegung“. 1987 wurde er in der ersten Publikation über diese neue Kunstform berücksichtigt, und in der Urban-Art-Bienale in der Völklinger Hütte 2017 ist/war er gleich mit mehreren Arbeiten vertreten. (3]

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Er ist der Schöpfer des  Wandbilds an der Place Stravinsky zwischen dem Centre Pompidou und der gotischen Kirche Saint-Merri am Brunnen von Niki de Saint-Phalle und  Jean Tinguely: Quel honneur!

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 Es handelt sich um ein  Selbstportrait des Künstlers mit dem Titel „chuuuttt!!!“, ein Auftragswerk des Centre Pompidou und  mit seinen 350 qm² eines der größten Wandbilder der Welt.[4]

Aber natürlich ist Jef Aérosol auch an anderen Stellen der Stadt präsent, so in dem Viertel la butte aux cailles (13. Arrondissement), das in ganz besonderer Weise von der  street art geprägt ist.

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Hier kann man in der Passage du moulin des prés  den tanzenden Flötisten sehen (Februar 2019)  und an anderer Stelle den  Akkordeon spielenden Jungen. Zu beiden passt der schöne Titel in Rot:  La musique adoucit les murs. Nicht fehlen darf bei Jef Aérosol der rote Pfeil, sein Markenzeichen. Während die Musik die Wand in der rue de la butte aux cailles schmückt, gehört der Boden darunter den Ratten. Die sehen zwar ganz possierlich aus, sind aber in Paris derzeit eine große Plage. Wir konnten sie schon nachts auf dem Vorplatz von Notre Dame beobachten, als sie sich ungeniert über die dort aufgestellten Abfallsäcke hermachten. Zwar hat jetzt die Stadt Paris  eine große  „dératification“- Kampagne gestartet, aber der Erfolg scheint keineswegs durchschlagend zu sein.

Den jungen Akkordeonisten sieht man übrigens auch auf einem der bekanntesten Werke Jef Aérosols, der Fassade eines  Hauses in Fâches-Thumesnil an der belgischen Grenze.[5)  Ein Foto dieser Fassade hat es sogar einmal geschafft, in den –leider inzwischen nicht mehr existierenden- Abreißkalender des Taschen-Verlags  aufgenommen zu werden:

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Den links unten auf der Fassade zu sehenden  sitzenden traurigen Jungen gibt es auch an mehreren Stellen in Paris zu sehen, zum Beispiel in der Rue du Père Teilhard de Chardin (5. Arrondissement) oder in der Passage du Moulin des Prés. Und dann auf dem weiter unten zu sehenden Gemeinschaftsplakat von Mesnager, Jef Aérosol und Mosko in der Rue Biot.[6]  Und in der Rue Biot nahe an der Place de Clichy, von der noch weiter unten die Rede ist,  gibt es einen sitzenden Mann Jef Aérosols: Die Anbetung der Heiligen Dreifaltigkeit von Pfund, Dollar und Euro.

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Jerôme Mesnager

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Auch Jerôme Mesnager, der 2018 auf einer Kunstausstellung im Rathaus des 8. Arrondussements als „Pionier der französischen Street-Art“ vorgestellt wurde, hat eine ganz eigene unverkennbare „Handschrift“: Es sind seine weißen Männer, die man vor allem im Osten von Paris findet, am auffälligsten in Ménilmontant, im 19. und 20. Arrondissement.

Als Geburtsdatum des „homme blanc“  wird der 16. Januar 1983 genannt. Angeblich habe sich da der damalige Kunststudent Mesnager in angeheitertem Zustand mit seinen Kumpeln  nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt- das sei der Ursprung seiner Figuren.  Wie auch immer:  Inzwischen sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Und als ich einmal nach einem Fahrradunfall das Krankenhaus St. Antoine aufsuchen musste, stellte ich fest, dass die Flure von Mesnager ausgemalt waren und ich habe gehofft, dass ich auch bald wieder so würde herumspringen können wie seine weißen Männer: Immerhin werden sie von ihrem Schöpfer ja auch verstanden als  „un symbole de lumière, de force et de paix“.[7]  Und gleichzeitig habe ich dort die erste  Mesnager-Frau entdeckt –  eine, wie ich finde, schöne Variation der sonst doch immer arg stereotypen männlichen Gestalten.

Mesnager hat inzwischen –auch international- Karriere gemacht.Er wird mit eigenen Ausstellungen gewürdigt, beispielsweise 2014 mit einer Ausstellung in einer Galerie im Marais.  Die unten rechts abgebildete Druckplatte gefiel uns so gut, dass wir sie gerne gekauft hätten. Aber da waren uns andere schon zuvorgekommen.

Wie das Beispiel des St.Antoine-Krankenhauses schon gezeigt hat, bekommt Mesnager inzwischen offizielle und sicherlich lukrative Aufträge.

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Baustelle in der rue Charonne neben dem Palais de la Femme im 11. Arrondissement . Auch am Neubau war Mesnager am Werk 

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Firmenschild in der noblen Avenue F.D. Roosevelt

Eine besondere Auszeichnung bedeutete es sicherlich auch, dass Mesnager an dem großen Projekt quai 36, der Ausgestaltung der Wand am Bahnsteig 36 des Pariser Gare du Nord teilnehmen konnte. Seinen Beitrag verstand er als hommage an Fritz Lang (Metropolis) und Charly Chaplin (Modern Times): Es geht um die Möglichkeit, die Zeit anzuhalten, in der -gerade auch für einen Bahnhof typischen Hektik- einmal innezuhalten – zum Beispiel auch, um sich die vielen interessanten Street-Art-Arbeiten an dem  Bahnsteig 36 anzusehen. (7a)

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Eine besonders bekannte Auftragsarbeit von Jerôme Mesnager ist die Gestaltung der Wand eines Schulhofs in der Rue Bouret im 19. Arrondissement.

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Die Motive sind passend zu einer Schule gewählt…

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… dass auch Georg, der Drachentöter, dabei ist, beruht auf dem Namen der  privaten Schule, die nach diesem Heiligen benannt ist.

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Aber es gibt auch nach wie vor weiße Männer als ephemere Produkte in der alten Tradition der Street-Art wie hier am Bassin de la Vilette.

Mesnager Bassin de la Vilette 017 - Kopie

Und man muss nicht in eine noble Gelerie im Marais gehen, um „einen Mesnager“ zu kaufen, sondern kann auch schon auf dem populären Marché d’Aligre im 12. Arrondissement fündig werden.

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400 Euro wollte der Händler für das weiße Liebespaar  haben….

Gemeinschaftsarbeiten

Besonders schön finde ich es, dass Jerôme Mesnager auch viel mit anderen Street-Art-Künstlern zusammenarbeitet:

Zum Beispiel an der Place de Contrescarpe mit Seth, den wir schon vom Belvedere von Belleville her kennen….

Mesnager Seth Place de Contrescarpe IMG_1494

… oder mit dem auch aus Belleville bekannten Nemo –unverkennbar mit dem roten Regenschirm und dem Koffer-  im 5. Arrondissement…

und mit Mosko und Jeff Aerosol, wie hier in der Rue Biot an der Placy Clichy- einmal an einer Hauswand und dann auf einem Transparent an der gegenüber liegenden music-hall L’Européen.[8]

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Im nächsten Beitrag zur Pariser Street-Art wird  es dann um den Invader gehen, einen der ersten und bekannteten Vertreter der Szene, hat er doch in den Straßen von Paris schon über 1000 seiner Produktionen angebracht…

Weitere  Beiträge zur Pariser Street-Art:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Anmerkungen: 

[1] https://www.urbacolors.com/fr/artist/mosko-et-associes

(2) https://de.parisinfo.com/paris-entdecken/themenfuhrer/stadtereise-in-paris/vom-marais-zum-canal-saint-martin/vom-marais-zum-canal-saint-martin-die-hippsten

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Jef_A%C3%A9rosol  Der deutsche Wikipedia-Artikel über Jef Aérosol ist ausgesprochen dürftig.

Website von Jef Aérosol: https://www.jefaerosol.com/  Dort auch Link zu einem Interview, das france inter mit ihm geführt hat.

Nicolas Devil, Marie-Pierre Massé, Josiane Pinet,  vite fait bien fait. Éditions alternatives  1987

[4] http://www.artistikrezo.com/201105246779/actualites/street-art/chuuutttt-by-jef-aerosol-place-stravinski.html

[5] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157615765606580

[6] https://murmuresdemurs.wordpress.com/category/artistes/i-j/jef-aerosol-i-j-artistes/page/2/

[7] https://fr.wikipedia.org/wiki/J%C3%A9r%C3%B4me_Mesnager

siehe auch: http://www.parisladouce.com/2013/11/street-art-promenade-sur-les-pas-de.html

(7a) http://jeromemesnager.com/quai-36-gare-du-nord/

https://www.google.fr/search?q=gare+du+nord+quai+36&oq=Gare+du+nord+Paris+Quai&aqs=chrome.1.69i57j0l5.8601j0j8&sourceid=chrome&ie=UTF-8

[8] https://www.flickr.com/photos/jefaerosol/albums/72157600611794569 https://lapartmanquante.wordpress.com/2013/03/18/street-art-du-cote-de-la-place-de-clichy/

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln: