Große Männer und Frauen des Marais: Eine Ortsbesichtigung anhand der Portraits des Street-Art- Künstlers C 215 (Teil 1: große Männer)

Am 31.  August 2019 wurde im Marais eine Serie von Portraits von Männern und Frauen eingeweiht, die das  „Grand Siècle“ des Marais geprägt haben.

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Mit dem Begriff des großen Jahrhunderts  des Marais ist die Periode zwischen dem Beginn der Herrschaft Heinrichs IV.  und dem Tod seines Enkels Ludwig XIV. bezeichnet.

In dieser Phase war das Marais ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Frankreichs und auch ein Ort der Macht. Die Entwicklung des Marais unter Henri Quatre und Ludwig XIII. war ein ungeheures städtebauliches Entwicklungsprojekt. Auf dem eher sumpfigen Gelände -deshalb ja der Name Marais- entstand um die Place Royale/Place des Vosges ein neues Viertel mit noblen Stadtpalais – hôtels particuliers-  wie es sie in dieser Fülle sonst nirgends in Paris gibt und die in ihrer raffinierten Architektur und Ausstattung vorbildlich wurden.  In diesem Viertel ließ sich besonders gerne eine meist  durch  Handel neu zu Reichtum gekommene Schicht von Adligen nieder. Und diese schufen sich auch ein kulturelles und geselliges Leben unabhängig vom Hof:  Es war im Marais, wo die Theatertruppe Molières zu Beginn seiner Karriere ihren Sitz hatte;  im Garten des hôtel Salé, des heutigen Musée Picasso, wurde der Cid  Corneilles uraufgeführt und im Marais entwickelte er sich zum gefeierten Dramenautor; es gab eine Fülle von literarischen Salons und berühmte Kurtisanen, die dort ihre noblen, libertären Gäste empfingen.

Der Bürgermeister des 4. Arrondissements, zu dem das Marais gehört, hatte die Idee, den Street-Art Künstler Christian Guémy alias C215 einzuladen, in dem Viertel Portraits von Männern und Frauen des  „großen Jahrhunderts“ auszustellen. Vorbild war der ebenfalls von C215 entworfene „Circuit des Illustres“,  ein Rundgang rund um das Pantheon anhand der Portraits  berühmter im Pantheon bestatteter Persönlichkeiten.[1]

C215 hat für beide Aktionen sehr ungewöhnliche Ausstellungsorte gewählt: Nämlich die überall   herumstehenden Schaltkästen  für die Stromversorgung;  und zwar  jeweils solche Kästen, die in der Nähe von Orten stehen, die mit den Portraitierten in besonderer Weise verbunden sind. Insgesamt handelt es sich um 21 Portraits. Eine Übersicht mit Plan liegt im Rathaus des 4. Arrondissements aus, aber es gibt den Flyer auch im Internet.[2]

Ich möchte im Folgenden einige Portraits von C 215 vorstellen und dabei auch etwas über ihre Bedeutung und die mit ihnen verbundenen Orte des Marais informieren. Das fehlt bei den Portraits von C215 und kommt in dem Flyer verständlicher Weise viel zu kurz. Und vielleicht regt der Beitrag damit auch dazu an, sich auf den Spuren von C215 etwas genauer im Marais umzusehen und vielleicht auch das eine oder andere bisher Neue zu entdecken.

In einem ersten Teil sollen folgende  Persönlichkeiten und Orte berücksichtigt werden:

  1. Die Könige Heinrich IV. (Henri Quatre) und Ludwig XIII. und die place des Vosges
  2. Maximilien de Béthune, Duc de Sully, und das hôtel de Sully
  3. François Mansart, der Architekt Ludwigs XIV., sein Wohnhaus in der rue Payenne 5 und der temple du Marais
  4. Le Vau, le Brun, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis
  5. Der Komponist Couperin, der Maler Philipp de Champaigne und die Kirche Saint  Gervais

Zwei nachfolgende Beiträge sollen dann mehreren starken Frauen gewidmet werden, die das Marais geprägt haben und deren Potraits auch von C215 ausgestellt sind, vor allem:

Françoise d’Aubigné, die künftige Madame de Maintenon und zweite Gemahlin Ludwigs XIV.,  und der literarische Salon, den sie zusammen mit ihrem ersten Mann Paul Scarron  in der rue de Turenne 56 betrieb

Die Prinzesse de Soubise, Mätresse Ludwigs XIV.,  und das hôtel de Soubise

Mme de Montespan, Maitresse de titre Ludwigs XIV.,  und das hôtel d’Albret

und abschließend:

Madame de Sévigné mit ihrem  Geburtshaus an der place ds Vosges, dem hôtel de Carnavalet und ihrem literarischen Salon 23, rue de Sévigné

Natürlich handelt es sich dabei um eine persönliche Auswahl: Weil ich die vorgestellten Personen besonders interessant  und meistens auch die mit ihnen verbundenen Orte besonders sehenswert finde. Die entsprechenden Orte  liegen auch im Allgemeinen nahe beieinander, lassen sich also gut in einem Rundgang verbinden. (Die Fotos wurden selbstverständlich noch vor dem Beginn des aufgrund der CV-19 – Pandemie verhängten confinements gemacht).

 

  1. Henri Quatre, Ludwig XIII. und die place royal/place des Vosges

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Heinrich IV. (1553-1610) Boulevard Henri IV Nummer 15

Henri Quatre muss am Anfang dieses Überblicks stehen. Denn immerhin markiert seine Regentschaft (von 1589 bis zu seiner Ermordung durch einen religiösen Fanatiker 1610) den Beginn dessen, was als das „Grand Siècle“ bezeichnet wird.  Die Bedeutung dieses Königs liegt vor allem darin, dass er mit dem Edikt von Nantes die Phase der grauenhaften Religionskriege beendete und den Hugenotten –in gewissen Grenzen- die Freiheit ihrer Religionsausübung  gestattete. Und was Paris angeht, so hat er die Stadt durch eine ganze Reihe großer Projekte umgestaltet und modernisiert: So durch den Bau des hôpital Saint Louis, des pont neuf und die Planung großzügiger Plätze, von denen zu seiner Zeit die place Dauphine vollständig und die place royal teilweise fertiggestellt wurden, während die place de France nie realisiert wurde.

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Wie der pont neuf orientiert sich die place royale/des Vosges an italienischen Vorbildern: Der Platz war streng symmetrisch geplant. Die Fassadengestaltung mit der für diese Zeit typischen Kombination von roten Ziegeln und weißen Kalksteinquadern war streng vorgeschrieben, ebenso wie die für Paris damals revolutionären Arkaden.  Gedacht war der Platz als Wohnort und Treffpunkt einer reichen Schicht von Bürgern und Adligen, von Manufaktur-Besitzern und Vertretern der Finanzindustrie, die hier abseits der mittelalterlich-engen Stadt einen großzügigen Lebensstil pflegen konnten.

Die place royal/des Vosges wird gemeinhin als der erste der sogenannten königlichen Plätze von Paris bezeichnet. Einerseits hat das seine Berechtigung, denn immerhin ist dieser Platz einer königlichen Initiative zu verdanken und sein ursprünglicher Name: place royal ist ja auch eindeutig.  Aber ein königlicher Platz im engeren Sinne, wie später zum Beispiel die place des victoires oder die place Vendôme war dieser Platz nicht[3]: Denn seine Funktion war ja nicht die Feier eines Königs, symbolisiert durch eine entsprechende Statue in der Mitte. Eine solche Statue  gehörte nicht zur ursprünglichen Konzeption, sondern kam erst später hinzu.

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Ludwig XIII. 1601-1643, rue du pas de la mule, in der Nähe der place des Vosges

Fertig gestellt wurde der Platz erst unter Henri Quatres Sohn Ludwig XIII. Und eingeweiht wurde er am 15., 16. und 17. April 1612 mit einem großen „carrousel“, einem festlichen Umzug, der aus Anlass der Verlobung des jungen Ludwigs XIII. mit Anna, der Tochter Philipps III. von Spanien, veranstaltet wurde. (3a)

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1639 wurde dann in der Mitte des Platzes eine Reiterstatue Ludwigs XIII. aufgestellt. Die, die wir heute sehen, stammt allerdings aus dem Jahr 1825, weil die ursprüngliche wie alle königlichen Statuen auf den königlichen Plätzen der Revolution zum Opfer fiel. Und natürlich änderten die Revolutionäre auch den Namen des Platzes: Er erhielt den Namen des ersten Departements, des département des Vosges,  das brav seine Steuern bezahlte.

Henri Quatre selbst ist  auf der place des Vosges immerhin  auch präsent, und zwar mit einer gekrönten Büste über dem zentralen Durchgang  des Platzes in Richtung der rue de Birague.

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Erstaunen mag vielleicht, dass das Bild Heinrichs IV. von C215 nicht an der place des Vosges ausgestellt ist. Aber der Ort am Boulevard Henri IV hat nicht nur wegen des Straßennamens seine Berechtigung: Denn er liegt zwischen der place des Vosges und dem Arsenal, in dem Henris wichtigster Minister und Freund, der duc de Sully, seinen Arbeitsplatz hatte. Und der König verbrachte viel Zeit mit seinem Freund im Arsenal, ja er soll sich dort sogar eigene Zimmer habe einrichten lassen. Mehr zu Sully und dem Arsenal  im nächsten Abschnitt.

 

  1. Maximilien de Béthune (Duc de Sully) und das hôtel de Sully

Das Portrait von Sully findet sich in der  rue Saint-Antoine Nummer 47  gegenüber dem hôtel de Sully.

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Sully  (1559-1641) war Minister und enger Vertrauter Heinrichs IV. Er war surintendant des finances, also Finanzminister und damit auch für große  öffentliche Bauvorhaben zuständig wie das neue Marais-Viertel  mit der place royale. Außerdem war er Grand maître de l‘artillerie, so dass sein Arbeitsplatz als Minister vor allem das Arsenal war., wo ihn Henri Quatre oft besuchte.

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Die Büsten von Heinrich dem Vierten und des duc de Sully im ersten Stock des Arsenals. Heute  ist dort die exquisite  bibliothèque de l’Arsenal untergebracht.

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Nach der Ermordung Henri Quatres zog sich Sully auf sein Altenteil zurück.  Aber er kaufte das dann nach ihm benannte Stadtpalais in unmittelbarer Nachbarschaft zur place royal,  ein typisches  hôtel particulier  im Geschmack der Zeit, dazu mit dem Privileg eines direkten Zugangs zu diesem Platz.

Nach außen- zur rue Saint Antoine zu- ist das Anwesen durch ein großes, aber repräsentatives Tor abgeschlossen. Tritt man durch das Tor, erreicht man den Innenhof mit dem Blick auf das Hauptgebäude, dessen Eingang von Sphingen eingerahmt ist.

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Darüber befinden sich Jahreszeitenreliefs: Der Herbst und der Winter auf der Hofseite, Frühling und Sommer auf der Rückseite des Gebäudes.

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Auf den Seitenflügeln gibt es Statuen der vier Elemente, Feuer und Wind auf der linken, Erde und Wasser auf der rechten Seite. Hier die Allegorie des Wassers, die man in ähnlicher Form auch am Brunnen des Innocents findet.

Geht man durch das Hauptgebäude, erreicht man den kleinen Garten mit der Orangerie. Und in der rechten hinteren Ecke befindet sich der Durchgang zur place des Vosges.

Heute beherbergt das hôtel Sully das Centre des Monuments Nationaux, das auch eine sehr schöne Bücherei unterhält, deren Besuch sich unbedingt lohnt. Dabei sollte man auch einen Blick auf die Decke werfen- einer schönen bemalten Eichenholzdecke, wie sie in den hôtel particuliers des Marais üblich war.

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Nach dem Tod Henri Quatres zog sich Sully mehr und mehr aus der Politik zurück.  Da er als Protestant nicht in Paris bestattet werden konnte, wählte er als  seine letzte Ruhestätte Nogent-le-Rotrou, dessen Seigneur er war. Dessen ungeachtet  durfte er als Protestant aber  nicht in der Kirche selbst bestattet werden, sondern zusammen mit seiner Frau nur in einem gesonderten Anbau außerhalb des Kirchenraums.

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  1. François Mansart, sein Wohnhaus in der rue Payenne und der temple du Marais

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François Mansart (1598-1666) rue Payenne

 Dieses Portrait befindet sich in der rue Payenne gegenüber dem Haus Nummer 5, dem Geburts- und Wohnhaus Mansarts, das heute die Chapelle de l’Humanite beherbergt.

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Aber natürlich gibt es an dem Haus auch eine Plakette, die an Mansart erinnert.

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Denn in der Tat war Mansart ein „berühmter Architekt“.[4] 1625 wurde er zum „Architekten des Königs“ ernannt und somit oberster Baumeister für sämtliche offiziellen Bauvorhaben im zentral verwalten Frankreich Ludwigs XIII.  Dieses Amt hatte er auch nach dem Tod Ludwigs XIII. 1643 unter seiner Witwe, der Regentin Anna von Österreich, und später unter dem jungen Ludwig XIV. inne. Der hielt große Stücke auf ihn, was aus dieser Anekdote deutlich wird:  Als der junge König Ludwig XIV. einmal an einem heißen Sommertag mit dem nicht mehr ganz so jungen Architekten François Mansart im Park von Schloss Versailles spazieren ging, um neue Bauvorhaben zu besprechen, brannte die Sonne heiß auf den Kopf des barhäuptigen Architekten. Ganz gegen die strenge Hofetikette reichte der Sonnenkönig ihm daraufhin seinen Hut. Als seine Höflinge ihn verwundert fragten, warum er das getan habe, antwortete Ludwig:

„Wenn ich will, kann ich an einem einzigen Tag eintausend neue Herzöge  machen; aber in eintausend Jahren nicht einen einzigen neuen Mansart.[5]

Temple du Marais

Von den zahlreichen Bauten, die Mansart auch in Paris entwarf, ist der Temple du Marais in der Rue Saint-Antoine Nr. 17, eines der ersten Bauwerke François Mansarts. Vorbild des Baus war das Pantheon in Rom. (5a)

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Ursprünglich hieß die Kirche  Sainte-Marie-des-Anges de la Visitation. Es war die Kirche eines  Ordens, der von der Großmutter der Madame de Sévigné gegründet worden war.  Madame de Sévigné gehört auch zu den großen Persönlichkeiten des Marais. Von ihr wird im dritten Teil dieses Beitrags noch die Rede sein. Die Mitglieder der Familie Sévigné wurden hier beerdigt, ebenso Fouquet, der in Ungnade gefallene Finanzminister Ludwigs XIV.   Heute ist der  Temple du Marais eine protestantische Kirche.

Ebenfalls ein Werk Mansarts ist das Hôtel Guénégaud, das heutige Jagd- und Naturkundemuseum in der rue des Archives. Es ist das einzige hôtel particulier Mansarts, das noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist und schon deshalb einen Besuch lohnt.

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  1. Le Vau, Eustache le Sueur und das hôtel Lambert auf der Île Saint-Louis

Das Portrait  Le Vaus  (1612-1670)  soll  auf der Île de la Cité  am Boulevard Henri IV am Zaun des squarre Barrye ausgestellt sein.  Allerdings  konnte ich es dort nicht ausfindig machen.  Der Ort ist aber insofern gut gewählt, weil man da einen schönen Blick auf das hôtel Lambert hat, ein von Le Vau geplantes und von 1640-1644 gebautes hôtel particulier.

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Blick von der Seinebrücke auf das hôtel Lambert und seine Rotunde

Le Vau gehörte zu dem spektakulären Dreigestirn Le Brun, Le Nôtre und Le Vau, das in den Diensten von Nicolas Fouquet stand, dem Finanzminister Ludwigs XIV. Die drei hatten für Fouquet dessen Schloss Vaux -le- Vicomte errichtet: Le Vau war für die Architektur zuständig, Le Brun für die innere Ausstattung und Le Nôtre für die Gartenanlagen. Als Fouquet nach seinem legendären, den Sonnenkönig in den Schatten stellenden Fest in Ungnade fiel, wurden die drei von Ludwig XIV. für den Ausbau und die Ausgestaltung  von Versailles und seiner Gartenanlagen engagiert.  Das hôtel Lambert war eines der ersten Arbeiten Le Vaus und  gewissermaßen sein Meisterstück.

Bauherr war zunächst Jean-Baptiste Lambert und nach dessen Tod sein Bruder Nicolas Lambert de Thorigny, Präsident der königlichen Rechnungskammer (Chambre des comptes) und einer der reichsten Männer Frankreichs, der dann allerdings auch im Zuge des Prozesses gegen Fouquet von Ludwig XIV. zurechtgestutzt wurde.

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Den berühmten Innenhof des hôtel Lambert mit der noblen Fassade von Le Vau konnte ich leider nicht selbst fotografieren. Das Stadtpalais gehört jetzt dem Emir von Quatar und der ist an Öffentlichkeit  offensichtlich nicht interessiert. Als ich Anfang des Jahres einmal mit dem Fahrrad an dem hôtel Lambert vorbeifuhr, stand gerade das Hofportal offen, weil Wäsche angeliefert wurde. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und schnell ein Foto machen, aber da stürzte schon ein bulliger Wachmann auf mich zu und drängte mich ab. Da half auch freundliches Bitten nichts. Also ein Bild aus dem Internet.[6]

An der prachtvollen Ausgestaltung des hôtel Lambert waren zwei außerordentliche Künstler beteiligt, nämlich Eustache le Sueur und Charles Le Brun, die auch in der Bildergalerie von C215 ihren Platz haben.  Sie trugen wesentlich dazu bei, das hôtel Lambert zu einem der der „prunkvollsten städtischen Repräsentationsbauten des 17. Jahrhunderts“  (Wikipedia) zu machen.

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Eustache Le Sueur (1616-1655) Kreuzung des  quai des Célestins und des  boulevard Henri IV

Le Sueur war ein bedeutender  Maler und Zeichner des französischen Barock;  er wird auch gerne als der französische Raphaël bezeichnet.  Fünf Jahre lang arbeitete er an der Ausstattung des hôtel Lambert. Unter anderem malte er 1652 bis 1655  für dessen  Cabinet des Muses  fünf Bilder der neun Musen.  Ludwig XVI. war von diesen Bildern so entzückt, dass er sie 1777 in seine Kunstgalerie im Louvre aufnahm, wo sie sich noch heute befinden. [7]

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Hier das Bild mit den Musen Clio (Trompete), Euterpe (Flöte) und Thalia (Maske).

Das letzte Werk Le Sueurs im hôtel Lambert war das cabinet des Bains, ein grandios ausgestatteter Raum, dessen ausgemaltes Gewölbe Ludwig XVI. auch gerne ins Louvre transportiert hätte. Aber das erwies sich als technisch nicht machbar. Wie bedauerlich, denn 2013 wurde dieser Raum –wie das gesamte hôtel de Lambert-  ein Opfer der Flammen: Der Emir von Quatar wollte das neu erworbene hôtel modernisieren, wozu auch -Petrodollar-„noblesse“ oblige- ein Aufzug zu einem unterirdischen Parkhaus für seine Nobelkarossen gehören sollte, was dann immerhin von der Pariser Stadtverwaltung verhindert wurde. Immerhin gehört das hôtel Lambert zum UNESCO-Weltkulturerbe Seineufer. Bei den  Arbeiten kam es zu einem verheerenden Brand.  Inzwischen ist das hôtel Lambert zwar wieder in Stand gesetzt, aber das cabinet des Bains ist endgültig verloren.

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Charles Le Brun (1619-1690):  quai aux Fleurs  Nummer 1

Auch Charles le Brun, seit 1647  « Peintre et Valet de chambre du Roi »,  war am Ausbau des hôtel Lambert beteiligt. Sein Werk war die Ausmalung der Herkulesgalerie, ein auf den Spiegelsaal von Versailles vorausweisender Bau – aber leider auch er ein Opfer der Flammen. (7a)

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In gewisser Weise ebenfalls ein Opfer der Flammen sind derzeit zwei andere Werke Le Bruns, auf die in dem Flyer der C215-Aktion hingewiesen wird: Nämlich die beiden Mays der Kathedrale von Notre Dame, die zu malen Le Brun die Ehre hatte. Die Mays waren Bilder, die jedes Jahr von der Corporation der Goldschmiede in Auftrag gegeben und der Kathedrale geschenkt wurden.[8]  

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Hier das Mays des Jahres 1647, die Kreuzigung des heiligen Andreas.  Dieses Bild hatte, wie auch das zweite Mays Le Bruns,  seinen Platz in einer Kapelle von Notre Dame. Sie entgingen  dem Brand der Kathedrale und sind jetzt in einem Depot aufbewahrt. Das wird wohl  auch noch einige Jahre andauern…. [9]

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Blick auf Notre Dame von der Seinebrücke aus. (Februar 2020)

 

5.François Couperin, Philippe de Champaigne und die Kirche Saint Gervais et Protais

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François Couperin,  „Le Grand“ (1668-1733)   25 rue du Pont Louis-Philippe

François  Couperin  war seit 1685 Organist der Kirche Saint Gervais, damals eine der bedeutendsten Kirchen von Paris. Daneben war er auch Komponist. Dazu wurde er 1693 zu einem der vier Organisten der chapelle royale in Versailles ernannt und war als Pianist am Hof Ludwigs XIV. tätig – Gründe genug, ihn „der Große“ zu nennen. Auf diese Weise ist er auch leicht identifizierbar: Denn zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert waren insgesamt acht Mitglieder der Familie Couperin Organisten in Saint Gervais!

Um ihren erheblichen Verpflichtungen als Organisten der Kirche nachzukommen, hatten sie auch gleich nebenan (heute rue François Miron) eine „Dienstwohnung“.

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Dort befindet sich heute ein plaque commémorative: Hier lebten die Couperins, französische Musiker.

Die Orgel, auf der Couperin spielte, ist im Wesentlichen noch erhalten, auch wenn sie immer wieder erneuert wurde.

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Während der Französischen Revolution entging sie nur knapp der Zerstörung und auch 1918 blieb sie verschont, als die Kirche von einem Geschoss der „Dicken Berta“ getroffen wurde, wobei es 156 Opfer gab.

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Ausgabe der Zeitung Excelsior vom 29. März 1919:  Vor einem Jahr bombardierte die „Bertha“ Paris. 

Einmal im Monat findet am ersten oder zweiten Samstag um  16 Uhr ein Orgelkonzert statt: „L’Heure d’Orgue de Saint-Gervais“ (freier Eintritt): Nachdem die Orgelkonzerte in Notre Dame auf absehbare Zeit nicht mehr möglich sind, ist das eine schöne, exquisite Alternative.

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Direkt gegenüber der Kirche gibt es zwei weitere Portraits von C 215:

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Salomon de Brosse (1571-1626) –rechts im Bild-   war Architekt und hat die eindrucksvolle Fassade der Kirche entworfen. In seiner Beschreibung der Stadt Paris aus dem Jahr 1684 hat Germain Brice diese Fassade als „le plus beau morceau d’architecture  quil y ait à présent en Europe“ bezeichnet, deren Perfektion höchstens noch von Bernini erreicht werde. (10)

Ein wesentliches Gestaltungselement sind da übrigens die Doppelsäulen, die später ein Markenzeichen seines Schülers François Mansart wurden.

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Philippe de Champaigne  (1602-1674) –links im Bild- war Hofmaler von Maria de Medici, der Witwe Henri Quatres, und unter anderem an der Ausmalung des Palais du Luxembourg beteiligt. Für die Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais  malte er drei Bilder, darunter das berühmte Bild L’invention des reliques de Saint Gervais et Protais, das heute im Musée des Beaux Arts in Lyon ausgestellt ist. (11)

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Zwei weitere für Saint Gervais bestimmte Bilder , Saints Gervais et saint Protais apparaissant à saint Ambroise  und  La Translation des corps des saints Gervais et Protais sind im Louvre ausgestellt.  Sie gehörten zu einer Serie von ingesamt sechs Bildern/Tapisserie-Vorlagen, die dazu bestimmt waren,  zwischen den Pfeilern der Kirche aufgehangen zu werden.

Philippe de Champaigne  wurde in Saint Gervais bestattet.

Anmerkungen:

[1] https://www.par-ci-par-la.com/portraits-du-grand-siecle-du-marais-par-c215/

[2] Das Rathaus des 4. Arrondissements steht am Place Baudoyer 2, 75004 Paris https://lavoixdelarturbain.com/2019/08/29/c215-grand-siecle-marais-streetart-paris-2019/

[3] Zur place des victoire siehe den entsprechenden Blog-Beitrag:

(3a) Das Karussell war ein Schauspiel, das das ritterliche Turnier ersetzte, das seit dem tödlichen Unfall Heinrichs II. bei einem Turnier im Marais im Jahre 1559 verboten war.  Siehe dazu: Jacques Revel, Der Hof. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 326

[4] Zum Teil wird auch die Schreibweise Mansard verwendet. François Mansart ist nicht zu verwechseln mit seinem Großneffen  Jules Hardouin-Mansart, der sein Nachfolger als erster Baumeister Ludwigs XIV. wurde. Nach ihnen ist übrigens das Mansarddach benannt, das sie gerne verwendeten, aber das nicht von ihnen erfunden wurde.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Mansart

(5a) Bilder aus: http://uemhm2perolaimperfeita.blogspot.com/2011/06/imagens.html

und  https://it.wikipedia.org/wiki/Temple

[6] http://nobleyreal.blogspot.com/2010/04/el-baron-de-rede.html

[7] https://voir-et-savoir.com/les-muses/

(7a) Bild Herkulesgalerie: https://de.wikipedia.org/wiki/

[8] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/les-mays-de-notre-dame/

[9] https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/le-crucifiement-de-saint-andre/

https://www.notredamedeparis.fr/decouvrir/peintures/la-lapidation-de-saint-etienne/

(10) Zitiert von Jean-Marie Pérouse (Hrsg), Le guide du patrimoine. Paris. Paris: Hachette 1994, S. 450. Dort übrigens weiter: „on n’a rien vu de plus correct ni de plus parfait dans les ouvrages modernes les plus renommés…“

(11) Bild aus: https://www.mba-lyon.fr/en/node/179

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln:

Street-Art in Paris (3): Der Invader

Im zweiten  Beitrag  über die Pariser Street-Art wurden  drei Künstler vorgestellt, die mit ihren Werken den öffentlichen Raum der Stadt in besonderer Weise prägen: Mosko, Jerôme Mesnager und  Jef Aérosol. In einem nachfolgenden sollen Miss Tic, Monsieur chat und  Fred le chevalier folgen.  Der Invader, den ich –gewissermaßen im Zentrum platziert- hier vorstellen möchte, ist sicherlich der  präsenteste  von ihnen und er war auch der erste, den ich, seit  wir uns in Paris niedergelassen haben, mit Bewusstsein wahrgenommen habe. (1)

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Bei Spaziergängen und Fahrten durch die Stadt waren mir kleine Mosaike aufgefallen – unübersehbar bei der Orientierung, weil sie vor allem an Straßenecken bei den Straßenschildern angebracht sind.

… manchmal auch an touristisch besonders frequentierten Orten wie beispielsweise hier am pont de Iéne – auf der Seite des Eiffelturms:

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Allmählich wurde ich neugierig und fragte einige alteingesessene Pariser, was es denn mit diesen Mosaiken auf sich habe: Fehlanzeige! Selbst unser Zeitungshändler hatte sie noch nie bemerkt und konnte sich auch aus dem Bild, das ich ihm zeigte, keinen Reim machen. Für die Pariser scheint ihre Stadt jedenfalls nicht (mehr) ein Ort zum Flanieren zu sein.

Wenige Tage später  fiel mir am Zeitungskiosk die  Ausgabe der Libération vom 11./12. Juni 2011 auf.  Ein unübersehbares schwarz-weiß-rotes Mosaik zierte das Titelblatt:  Invader envahit Libé– Invader überfällt Libération; wobei auch noch die beiden a-s  in der Schlagzeilen  durch kleine Mosaiken ersetzt waren.

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Die gesamte Zeitung fiel typografisch aus dem Rahmen: In den meisten Überschriften waren die a-s mosaikartig umgestaltet. Zunächst dachte ich an ein technisches Problem, bis ich verstand, worum es hier ging: Um eine Ausgabe zu Ehren eines Pariser Straßenkünstlers mit dem Pseudonym Invader.

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Dort erfuhr ich nun endlich etwas über das „Geheimnis“ der merkwürdigen Mosaike:  „Seit zwölf Jahren bringt Invader in den Städten der ganzen Welt seine Mosaikfiguren an, inspiriert von einem Videospiel der 70-er Jahre.“ 

In der Ausstellung  Être Moderne: Le MoMa à Paris, die 2017/18 in der Fondation Louis Vuitton gezeigt wurde, gehörten auch zwei klassische Videospiele zu den Ausstellungsobjekten, eines davon war der Space Invader von 1978, der damit in den Rang einer Ikone der modernen Kunst aufrückte.  Man konnte sie nicht nur betrachten, sondern auch benutzen, wovon jugendliche Ausstellungsbesucher mit großer Intensität Gebrauch machten.

Wie andere Straßenkünstler  hat der Invader eine gediegene künstlerische Ausbildung,  einen entsprechenden künstlerischen Anspruch und einen Horror vor banalen Nachahmern.  Der Grund, warum ihn  Libération 2011 mit einer besonderen Ausgabe ehrte:  Invader hatte gerade sein 1000. Mosaik in Paris angebracht.

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Und während Invader meistens nachts unterwegs ist und maskiert und im Schutz der Dunkelheit ans Werk geht, war das 1000. Mosaik Teil einer Vernissage: In einem ehemaligen Elektrizitätswerk der Stadt Paris in unserem 11. Arrondissement, einem repräsentativen Industriebau des 19. Jahrhunderts, wurde das 1000. Mosaik enthüllt und eine Invader-Ausstellung eröffnet.

Aus Anlass des 1000. Pariser Mosaiks wurde eine Karte herausgegeben, auf der alle Pariser „Space Invaders“ verzeichnet sind- buchhalterisch exakt mit Nummer, Arrondissement und Datum. Außerdem ist für jeden Space Invader auch noch eine Punktzahl angegeben.  Für jedes Mosaik gibt es zwischen 10 und 50 Punkten:  und zwar je nach der Schwierigkeit, es anzubringen und seinem „künstlerischen Wert.“  Punkte gab es auch schon bei dem Videospiel der 70-er Jahre, und der Spieler, der die meisten Punkte gesammelt hatte, war der Gewinner:  Im Gegensatz dazu ist der Pariser „Invader“  immer der Gewinner.

In der Ausstellung waren natürlich jede Menge der kleinen Mosaike ausgestellt, darüber hinaus eine Vitrine mit entsprechend gestalteten Turnschuhen, die der „Invader“ bei seinen nächtlichen Aktionen getragen hatte. Und verkauft wurden Waffeln mit natürlich dem unvermeidlichen Invader-Muster.

Gezeigt  wurde auch, dass der „Invader“ rund um den Erdball tätig ist. Auf allen Kontinenten und in 72 Städten war er schon aktiv, vor allem aber in Europa.[1a]

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Wie man sehen kann, ist der Invader auch in Frankfurt und Berlin schon aktiv geworden.[2]

Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist aber eindeutig Paris.  Der Invader macht das auch sehr deutlich – zum Beispiel durch das „I (love) Paris“- Mosaik an der Place des Vosges und den entsprechenden Titel von Sammelbänden mit den Pariser Mosaiken des Invaders.

Die wurden im Februar 2017 mit großem Werbeaufwand in der großen Buchhandlung im Centre Pompidou präsentiert.  An der Eingangstür sieht man die Abbildung eines Pariser Mosaiks des Invaders  in „Arbeitskleidung“ und  mit Ausrüstung.

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Die Stadt dankt ihm seine Anhänglichkeit, indem sie ihm zum Beispiel  Ehrenplätze einräumt:

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Place Suzanne Valadon Montmartre

Invader-Mosaik am Pont Neuf und  an der Place Suzanne Valadon am Fuß von Sacré-Coeur. Da bedroht ja ganz offensichtlich der Invader nicht die Stadt, sondern er liefert ihr die  fehlenden Mosaiksteinchen: Die Street-Art bereichert also, so die Botschaft, die Stadt um etwas, was ihr bisher gefehlt hat.

Die französische Post ehrte sogar den Invader –wie auch andere (Pariser)  Straßenkünstler-  mit einer Briefmarke.

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Es sind vor allem die populären Stadtviertel im Osten – wo nach Ansicht des Künstlers offenbar eher Menschen wohnen, die die Space-Invasions nicht als Sachbeschädigung, sondern als Bereicherung des öffentlichen Raums ansehen.

In den Katalogen der „invasions de Paris“ sind die Mosaike kartografiert. Da ist die Vorliebe des Invaders für den Osten von Paris, also auch den  Faubourg- Saint- Antoine unübersehbar.

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Als „Lokalpatriot“ des 11. Arrondissements bzw. des Faubourg Saint-Antoine, der ich inzwischen geworden bin, freue ich mich natürlich besonders über die Invader-Mosaike  in unserer Umgebung: Beispielsweise über das an der historischen Fontaine de Montreuil…

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.. oder das am deutsch-französischen Café Titon  an der Ecke der Rue Chanzy und der Rue Titon, das auf die draußen sitzenden Gäste herabäugt.

Oder  über das Mosaik an der U-Bahn-Station Faidherbe-Chaligny, offensichtlich ein 900er Mosaik: genau die Nummer 944, wie der Invader-Plan verrät. Dass es die Form eines Tisches oder einer Kommode hat, ist wohl ein Bezug zur Tradition des Holzhandwerks in diesem Viertel.[3]

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An diesem Mosaik an der Place Voltaire ist sogar die genaue Nummer angegeben- immerhin eine ganz besondere….

DSC04605 Invader 999

… Interessant ist auch, dass bei der Renovierung der Fassade  des Café-Titon-Hauses  das Mosaik nicht beschädigt  oder gar entfernt wurde. Inzwischen ist der Invader so bekannt, dass Hausbesitzer sich eher glücklich schätzen, wenn ihr Haus durch ein solches Mosaik verziert und aufgewertet wird. Und auch wenn der Invader weiterhin nur nachts  und mit Gesichtsmaske unterwegs ist: Selbst die Pariser Polizei, die ihn zu Beginn seiner Interventionen noch mehrmals vorläufig festgenommen hatte, wie uns in der Ausstellung erklärt wurde, weiß, dass sie es mit einem inzwischen höchst erfolgreichen Künstler zu tun hat, dessen Tätigkeit sie nicht behindert. Der Invader kann jetzt im Allgemeinen auch ganz ungehindert seine Leiter anstellen und seine Mosaike ankleben, so wie er es sehr schön in der rue de Montreuil (11. Arrondissement, März 2018) zeigt.

DSC02890 Invader rue de Montreuil (3)

Eher sind es jetzt Souvenir-Jäger, die sich für die Mosaike des Invaders interessieren…

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… und darauf Jagd machen.

impasse Cesselin IMG_9702

Immerhin kosten schon die kleinen Mosaike im Kunsthandel 5000- 7000 Euro – jedenfalls waren das die Preise, die 2011 auf einer Ausstellung von Mosaiken des Invaders im noblen Faubourg Saint-Honoré verlangt wurden. Als ich damals die Ausstellung besichtigte, waren alle kleinen Mosaike schon verkauft. Noch zu haben waren nur große Formate  mit Preisen von um die 50.000 Euro! 2016 wurde ein Werk des Invaders sogar für 251.000 Euro verkauft!

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Inzwischen gibt es allerdings wieder eine ganz exakte Kopie der drei Läufer am gleichen Ort. (aufgenommen April 2019. Und dazu gleich ein neues Schild für die Münzwäscherei im Erdgeschoss). Mal sehn, wie lange sie dort ungestört laufen können….

DSC01288 Invader Menilmontant

Dass der Invader wie andere arrivierten Straßenkünstler auch -sicherlich lukrative- Werbeaufträge annimmt, entdeckte ich übrigens an einem kleinen versteckten Siedlungshäuschen in Ménilmontant. Die Firma, für die der Invader offenbar ein Logo entworfen hatte, ist aber keine Wach- und Schließgesellschaft, wie ich zunächst vermutete, sondern ein  deutsches Hochtechnologie- Unternehmen der cyber-Sicherheit.  Aber potentielle Diebe wissen das wohl kaum und gehen dann vielleicht lieber woanders ans Werk.

Inzwischen benötigten allerdings die Werke des Invaders selbst Protektion: Anfang August 2017 berichteten Libération und Le Monde, dass street-Art-Werke des Invaders in Paris inzwischen systematisch geraubt würden. Und zwar immer nach dem gleichen Muster: Zwei Männer mit Leiter und in Monteuerskleidung gäben sich als Angestellte der Stadt aus und  machten  sich an die Arbeit, die Mosaike zu entfernen. Angeblich kämen sie mit einem Mercedes. Die mairie de Paris versicherte daraufhin in einer Presseerklärung, sie habe damit nichts zu tun:

«Sur les photos, on les voit habillés normalement, avec des gilets jaunes qu’on peut trouver n’importe où, alors que les employés municipaux portent un uniforme. Et non, la ville de Paris ne fournit pas encore de Mercedes à ses employés.»

Die Stadt hat inzwischen  auch Anzeige gegen Unbekannt gestellt „pour usurpation de fonction.“

Und es gibt inzwischen auch eine breite Kampagne in den sozialen Netzwerken, wachsam zu sein, und es gibt sogar Gruppen, die sich vorgenommen  haben, gestohlene oder zerstörte Mosaiken zu ersetzen.  Ein Auslöser dabei war die Entfernung eines besondes bekannten Mosaiks, nämlich das der Mona Lisa (Joconde)  in der Rue du Louvre (1. Arrondissement), was große Empörung auslöste.

La Joconde

Auch der Invader hat  reagiert: Er verwendet jetzt einen stärkeren Leim als früher und seine Kacheln/Mosaiksteine sind dünner, lassen sich also  nicht mehr so leicht unbeschädigt entfernen. Und er erwartet  juristische konsequenzen. Aber kann die Entfernung eines illegal angebrachten Mosaiks ein illegaler Akt sein? Auch wenn die betroffenen Hausbesitzer ich inzwischen mit ihnen angefreundet haben? Und auch wenn die Mosaike nicht aus finanziellen Motiven  entfernt wurden?  Darüber können sich jetzt die Juristen die Köpfe zerbrechen… (3a)

Offenbar ist aus dem nächtlichen Straßenkünstler längst ein höchst erfolgreicher Star der Kunstszene geworden, dem eine zahlungskräftige Kundschaft die Werke geradezu aus den Händen zu reißen scheint. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Straßeninvaders inzwischen Teil einer ausgebufften Marketingstrategie und einer gekonnten Selbstinszenierung.

Inzwischen gibt es   –laut offizieller Website- 1367 Invader-Mosaike in Paris. (Stand September 2018).[4] Ein Problem ist angesichts einer so großen Zahl natürlich das Verhältnis von Wiederholung und Veränderung. Weit über 1000 Invader-Mosaike allein in Paris! Besteht da nicht die Gefahr, dass die Passanten genug davon haben, es ihnen allmählich reicht mit den Eindringlingen aus dem Weltraum, die sich ungefragt an den Häuserfassaden niedergelassen haben?

Dem Invader ist dieses Problem durchaus bewusst. So gehört es zu seinen Prinzipien, dass  jedes Mosaik ein Unikat sein soll:

„Répéter la même forme aurait été lassant j’ai donc décidé de ne jamais reproduire deux fois la même mosaïque et je m’y suis tenu.“[5]

Also hat er das „klassische“ Invader-Motiv vielfach variiert:

Zum Beispiel durch Vervielfachungen, wie hier am Louvre gegenüber dem Denkmal für den in der Bartholomäusnacht ermordeten Führer der Hugenotten, den Admiral von Coligny – wobei die Form dieses Mosaiks wohl als Anspielung auf diesen historischen Hintergrund verstanden werden kann…

IMG_9759 Am Louvre gegenüber Coligny Denkmal (2)

…durch oft dem entsprechenden Platz angepassten Erweiterungen….

DSC04049 Invader Pere Lachaise

… hier zum Beispiel in der rue de la Roquette am Eingang zum Friedhof Père Lachaise…

— oder zum Beispiel  durch einen Invader in Form  einer Kapelle  oder  die  Flasche als Ersatz für ein zerstörtes Wirtshausschild auf der Ile Saint-Louis (Quai Bourbon)….

…. durch Angabe der Jahreszahl der Anbringung des Mosaiks…

DSC00620 Invader mit Jahreszahl

DSC03778 Street Art April 2019 div (3)

…. durch Vergrößerungen der Mosaiksteinchen, also die Verwendung von Kacheln…

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… oder durch die Verwendung anderer Materialien….

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Der  etwas aus dem Rahmen fallende space invader wird übrigens von einer Oktopus-Dame des Straßenkünstlers GZUP bewundert, der schon im ersten Beitrag über die Street-Art in Paris  kurz vorgestellt wurde.

Darüber hinaus hat der Invader das Spektrum seiner Möglichkeiten über das klassische Invader-Motiv hinaus erheblich erweitert wie hier –passend zum Ort der Platzierung- an der streng quadratisch angelegten Place des Vosges. (Leider existiert das inzwischen nicht mehr).

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Auch bei anderen Mosaik-Figuren ist auf den ersten Blick deutlich, dass sie speziell für den jeweiligen Platz ausgewählt und vielleicht auch erdacht wurden:

PA_1082-diapo-OD2QODMJ Website Invader

… so der Invader mit einer Serie von Früchten auf dem marché d’Aligre im 12. Arrondissement oder der Invader mit einer geballten Faust zur Erinnerung an den Mai 1668 natürlich an der place de la Sorbonne:

DSC08208 Invader 1968 (1)

Schön auch die  Rakete am Anfang der rue de la Roquette  in der Nähe der Bastille.  Eigentlich müsste  da ja ein Rukola-Blatt abgebildet sein, denn der Name der Straße bezieht sich auf diese Pflanze (französisch: roquette), die  dort einmal verbreitet war. (Siehe den  Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand). Aber für die vielen Touristen, die dort vorbeigehen, ist eine Rakete sicherlich einsichtiger: Man braucht ja auch nur den Akzent von der zweiten auf die erste Silbe zu verschieben, um von dem französischen Salatblatt auf die englisch/amerikanische Rakete zu kommen: also ein schönes Wortspiel des Invaders.  (Wobei ich mir hier – wie auch bei dem anschließend gezeigten Mann mit den blauen Hosen- nicht ganz sicher bin, ob da nicht jemand anderes am Werk war…)

DSC01308 Invader Rakete rue de la Roquette

Eine öfters zu sehende Variation ist auch der Mann mit den blauen Hosen und der braunen Jacke, der in der rue Oberkampf Klimmzüge an einer Überwachungskamera unternimmt und  in der rue Saint-Maur die in Paris häufig anzutreffenden vorstehenden „pierres d’attente“ hochklettert. Diese sogenannten „Wartesteine“ waren beim Bau von Häusern oft extra an die seitlichen Hauswände eingebaut worden, um die Verzahnung mit einem geplanten, aber nicht ausgeführten Nachbargebäude  zu verbessern. Ganz in der Nähe steht das Männchen dann auf einem Sims in der Passage du chemin vert und hält sich die Ohren zu. Kein Wunder, denn er befindet sich hier mitten im geschäftigen Viertel des chinesischen Textilhandels, an einer engen, viel  befahrenen und oft zumindest teilweise von Lieferwagen blockierten  Straße, Der Lärm dort ist entsprechend. Alle diese kleinen Mosaike befinden sich übrigens im 11. Arrondissement.

IMG_0034 Invader (1)

Der kleine Pinguin, bei dem es keinen Invader- Zweifel geben kann,  steht an einer Hauswand im Quartier Latin gegenüber von Notre Dame und träumt wohl davon, ins Wasser der Seine zu springen- Allerdings tut er gut daran, das nicht zu tun: Nicht nur, weil es ihm kaum bekommen würde, sondern weil sich dann die Passanten, wenn sie ihn denn entdecken, nicht mehr über ihn freuen könnten.

Manche der vom Invader verwendeten Figuren können auch aus anderen Bereichen stammen, aus anderen Computerspielen, aus Comics, Filmen:

 „je m’amuse aussi parfois à changer de registre avec des figures venant d’autres horizons.“[6]

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Hier handelt es sich wohl um Mickey-mouse und offensichtlich um Homer Simpson, an anderen Stellen ist mir die Herkunft der Figuren nicht bekannt. (Über Tipps und Hinweise würde ich mich freuen):

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rue de Picpus, 12. Arrondissement

Bei den drei nachfolgend abgebildeten Mosaiken  sind übrigens  die klassischen Invader-Raumschiffe integriert: sie sind also gewissermaßen vom Invader signiert.

DSC01045 Invader 2017

Kein Zweifel kann auch bei einem der neuesten , im Juni 2016 geschaffenen  Invader-Mosaike in Paris aufkommen, der Figur des Dr. House, dem 1205. Invader-Werk in Paris.[7] Immerhin ist es – mit 10 Meter Höhe!- das bisher mit Abstand größte Werk des Invaders , und es befindet sich an einer Wand des berühmten Krankenhauses  Pitié-Salpêtrière an der Avenue Vincent-Auriol im Street-Art-freundlichen 13. Arrondissement und gut sichtbar von der vorbeiführenden Métro-Linie 6.

Invader Dr. House IMG_9951 (1)

Es handelt sich um die Figur des Dr. House,  der einer populären  Fernsehserie einen Namen  gegeben hat. Der etwas schräge, aber sehr kompetente Arzt ist mit all seinen Attributen ausgestattet: dem Dreitagebart, dem offenen Hemd und Jackett, den Turnschuhen und dem Stock. Und das für den Diagnostiker Dr.  House unentbehrliche Stetoskop wird von dem gerade anfliegenden space invader gebracht.

Der Invader hat sich selbst zu dieser sehr medienwirksamen Arbeit geäußert:

Pourquoi le Dr House ? « J’avais envie de faire un grand portrait, ce qui est difficile à faire de manière non officielle, car cela prend du temps. Ce personnage, que j’aime bien, est un symbole de la culture populaire de notre époque, et le contexte s’y prêtait », s’amuse Invader. Pour l’artiste, il s’agit aussi d’un « exercice de style » : « Aujourd’hui, le carreau de mosaïque et l’esthétique 8 bits, très pixelisée, sont devenus ma­ signature, plus que les personnages Space Invader eux-mêmes. » [8]
Der Invader betont also selbst, wie vielfältig sein Repertoire  inzwischen ist und weit über die traditionellen Space Invaders hinausgehen.  Vielleicht ist wohl auch der Grund dafür, dass ich mich immer noch freue, wenn ich ein für mich neues Mosak des Invaders sehe. Und wenn es ein besonders Schönes und zur Umgebung passendes  ist, freue ich mich besonders. Zumal alles auf Zufall beruht. Die  Invader- Karte oder aktueller: die application FlashInvaders für eine gezielte Suche zu benutzen ist tabu. Die Freude besteht ja gerade im überraschenden Finden!

Die wünsche ich  auch allen Paris- Besuchern/Besucherinnen, die diesen Bericht lesen und vielleicht angeregt werden, beim Flanieren in der Stadt auch etwas nach Mosaiken des Invader Ausschau zu halten!

Ein  paar weitere „Fundstücke“:

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rue Mouffetard

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An der ehemaligen Ringbahn um Paris (petite ceinture) im 20. Arrondissement

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Berges de la Seine/Pont Sully

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DSC07273 Invader

An einer Bushaltestelle am musée d’Orsay

Anmerkungen:

(1) Das Beitragsbild zeigt ein I love-Paris Mosaik des Invaders aus der rue de l’hôtel Colbert im 5. Arrondissement

Die Fotos dieses Beitrags sind alle im Lauf der letzten Jahre aufgenommen worden, seit wir uns in Paris niedergelassen haben.  Da Street-Art eine ephemere Kunst ist, kann es also gut sein, dass es manche der hier abgebildeten Arbeiten des Invaders nicht mehr gibt.

[1a] http://www.space-invaders.com/world/

[2] http://www.space-invaders.com/world/frankfurt/

http://www.space-invaders.com/world/berlin/

[3] siehe dazu den entsprechenden Beitrag über den Faubourg-Saint-Antoine auf diesem Blog.

(3a) http://www.liberation.fr/france/2017/08/04/mais-qui-decolle-les-oeuvres-d-invader-des-murs-de-paris_1588160

Und Le Monde vom 10. August 2017: Les internautes au secours de oeuvres d’Invader. S. 15

[4] http://www.space-invaders.com/world/paris/

[5] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[6] http://www.artistikrezo.com/art/street-art/invader-interview.html

[7] Siehe Stéphanie Lombard, Guide du Street-Art, Paris. Éditions Gallimard, Paris 2017, S. 73

http://itinerrance.fr/dr-house-in-da-house-dinvader-a-paris/  Die Galerie Itinerrance hat zusammen mit der Mairie des 13. Arrondissements die Entstehung des Mosaiks initiiert.

[8] http://www.lemonde.fr/arts/article/2016/06/24/le-dr-house-fait-le-mur-a-l-hopital-de-la-pitie-salpetriere_4957092_1655012.html

Weitere Beiträge zur Street – Art in Paris auf diesem Blog:

Zur Street-Art siehe auch die Beiträge zu folgenden Stadtvierteln: