
Dies ist (natürlich) kein Bild aus der aktuellen Pariser Matisse-Ausstellung im Pariser Grand Palais, sondern ein Bild aus dem Esszimmer in unserem Haus in Deutschland. Aber auch hier gibt es Matisse: Die Wand ist tapeziert mit einem Matisse-Motiv: La Perruche et la Sirène. (Der Papagei und die Meejungfrau[1]). Es handelt sich um das Plakat der Frankfurter Matisse-Ausstellung im Städel 2002/2003. Ein Exemplar des Plakats zu bekommen, war nicht einfach. Aber schließlich gelang es, ein Restexemplar aufzutreiben und die sechs Teilstücke des 165 x 365 großen Plakats mit Tapetenkleber und großer Mühe auf der Wand unseres Esszimmers zu befestigen.
Das Original ist noch deutlich größer: Es misst 3,37 x 7,68 Meter, ist damit einer der größten Papierschnitte von Matisse und im Amsterdamer Stedelijk Museum beheimatet.
Ich habe das Matisse-Plakat an den Anfang dieses Beitrags gestellt, weil die Papierschnitte von Matisse zu unserem täglichen Leben in Deutschland gehören: Neben der Perruche und der Sirene hängt auch noch eine Adaptation des Ikarus-Motivs von Matisse – eine Arbeit aus der Schulzeit eines Sohns.

Da liegt nahe, dass wir uns auf die Pariser Ausstellung Matisse 1941-1954 und vor allem auf die dort präsentierten Papierschnitte besonders gefreut haben. Und wir wurden auch nicht enttäuscht: Präsentiert werden Werke des alten, nach einer schweren Operation körperlich eingeschränkten Monet, der aber in seinen letzten Jahren mit den Papierschnitten und der reinen Farbe eine neue, jugendlich-kühne künstlerische Sprache entdeckt, mit der er sein Lebenswerk grandios zusammenfasst und beendet. Zwar gehören die Perruche und die Sirene nicht zum Ausstellungsprogramm, aber genug andere großartige Werke der Spätzeit. So die beiden Ozeanien-Werke, für die Matisse zum ersten Mal die Schnitttechnik für großformatige Werke einsetzte.

Océanie, le ciel (der Himmel) und Océanie, la mer (das Meer) 1946. Druck auf Leinwand, Centre Pompidou
„Im Sommer 1946 steckte Matisse an einer der Wände seiner Wohnung am Boulevard Montparnasse auf einem beigefarbenen Tuch verschiedenartige Formelemente fest, die er mit einer Schere aus weißem Briefpapier herausgeschnitten hatte. Die Gobelin-Manufaktur hatte ihm einen Auftrag für eine Tapisserie erteilt, und so versuchte er sich an einer bildnerischen Synthese seiner Eindrücke aus Tahiti. Das Projekt interessierte ihn damals so sehr, dass er die Staffelmalerei für eine Weile ruhen ließ. (…) Dieses erste Projekt für die Gobelin-Manufaktur konnte letztendlich jedoch aus technischen Gründen nicht umgesetzt werden, denn das Risiko, dass das Beige des Grundes seine ursprüngliche Farbe verlor, war zu groß.“ Immerhin wurde der Entwurf in Form eines in 30 Exemplaren auf Leinen gedruckten Wandbildes umgesetzt. [2]
Als Alternative schuf Matisse für seinen Auftraggeber zwei neue Vorlagen zum selben Thema, die er in zwei Blautönen, einem dunklen Blau und einem Türkis, ausführte, Farben des Himmels und des Meeres, die für eine Tapisserie besser geeignet waren.

Polynésie, le ciel, 200 x 314 cm, 1946, Collage mit Gouache-Papier, auf Leinwand aufgezogen. Mobilier national Paris
Die Himmel- und Meerbilder von Océanie und Polynésie beziehen sich auf die dreimonatige Reise, die Matisse 1933 nach Französisch-Polynesien unternahm. Matisse, damals u.a. auf den Spuren Gaugins, war offenbar tief beeindruckt von Flora und Fauna der Südsee-Inseln, von Korallen, Fischen, Quallen, Algen, Schwämmen, Vögeln… Aber er kehrte, wie er selbst sagte, „mit völlig leeren Händen“ von der Reise zurück. „Ich habe noch nicht einmal Fotos mitgebracht“. Alle wunderbaren Eindrücke des Himmels und des Meeres waren für ihn überwältigend und Matisse wusste viele Jahre lang nicht, was er mit seinen Südseeerfahrungen anfangen sollte.[3] Das änderte sich erst 15 Jahre später, als sich ihm die Bilder von Tahiti aufdrängten und nicht mehr losließen.

Aus: Polynésie, la mer (1946)
Es sind seine ersten großen Formate von Papierschnitten. Mit ihnen vollendete Matisse, was er 1942 seinem Freund Aragon gegenüber schon angekündigt hatte:
„Ich habe mich lange auf meinen Beruf vorbereitet; es ist, als ob ich bis dahin nicht getan hätte als lernen, als meine Ausdrucksmittel erarbeiten (…) Es ist, als ob ich jemand wäre, der eine große Komposition in Angriff nehmen will.“[4] Die Aufgabe von Kunst bestand für Matisse darin, alle Gefühle zu verstärken und zu verdichten, „die zur inneren Bereicherung des Betrachters beitragen könnten.“[5] Diesem Ziel kam er mit den neuen Scherenschnitten, die innerhalb eines begrenzten Raumes eine Vorstellung von Unendlichkeit vermittelten, näher denn je. Sie waren also keineswegs eine krankheitsbedingte Notlösung, sondern für Matisse die Vollendung seines Schaffens.

Er bestand deshalb auch darauf, dass das Diptychon Ozeanien und Polynesien, wie überhaupt seine auf der Basis der Scherenschnitt-Technik entstandenen Werke insgesamt, gemeinsam mit seinen anderen, klassischeren Arbeiten ausgestellt wurden. [6]

Sicherlich wären die großen Südseepanoramen von Matisse auch schon früher in Frankreich willkommen gewesen. 1930, als er seine Reise nach Tahiti unternahm, wurde ja die 100-jährige Eroberung Algeriens gefeiert und die große Kolonialausstellung von 1931 wurde vorbereitet. Aber die paradiesischen Eindrücke von Tahiti, fernab der kolonialen „multikulturellen und sozialen Wirklichkeit der Insel“, passten auch nach 1945 in die Zeit des „nationalen Wiederaufbaus nach dem Ende des Krieges“. Und sie boten mit ihrem auf die Darstellung von Menschen verzichtenden Repertoire [7] keine Angriffspunkte wie die kolonialen, rassistischen Darstellungen des Palais de la Porte d’orée der Kolonialausstellungen oder die erotischen Darstellungen der Südsee-Mädchen Gaugins.

Diese Collage aus Gouachepapier ist ein Entwurf, den Matisse für ein Sammlerehepaar aus Los Angeles herstellte, die für ihre Villa eine Wanddekoration aus Keramik von Matisse bestellten. Dieser Entwurf wurde dann 1955 entsprechend verwirklicht. Das Motiv bezieht sich auf einen Satz des Philosophen Henri Bergson, der das Leben mit einer Garbe verglichen hatte, was Matisse zu seiner Darstellung anregte[8]: Ein bunter Strauß von Algen, vielfältig, in verschiedene Richtungen strebend, aber zusammen ein harmonisches Ganzes bildend.

La Gerbe (Detail): Hier ist gut erkennbar, dass die ausgeschnittene Form aus Gouache-Papier auf einen großen Papierbogen aufgeklebt ist. Der wird zuletzt auf einer Leinwandgrundlage befestigt wird. So ist auch ein Transport in die USA und jetzt wieder von Los Angeles nach Paris möglich.

Les Acanthes, 1953, 311 x 350 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel
Die Motive der Natur, die Matisse in seinen Papierschnitten aufgreift, sind eine „hommage à la vie“. Das gilt auch für die Akanthusblätter. 1953 als dieses Werk entstand, erzählte er, er habe Besucher, die ihn in Vence, wo er damals lebte, gefragt, ob sie die Akanthusbüsche am Wegrand gesehen hätten. Alle hätten zwar problemlos die Akanthusblätter auf korinthischen Kapitellen erkannt, aber gerade das hätte sie daran gehindert, die Blätter in der Natur zu erkennen. Es sei aber ein erster Schritt zur Schaffung von Kunstwerken, die Dinge in ihrer natürlichen Form zu sehen, was dauernde Anstrengungen erfordere.[9]
Die Jahre, in denen Matisse diese „Hommage an das Leben“ schuf, waren für ihn ein Geschenk. Anfang 1941 hatten ihm die Ärzte bloß noch 8 Monate gegeben. „Eine Zwöffingerdarmoperation in Lyon und zwei nachfolgende Lungenembolien überlebte der krebskranke Künstler nur knapp“ – laut eigener Aussage „um die Haaresbreite einer Katze“.[10] Im Mai 1941 konnte er körperlich geschwächt, aber geistig gestärkt in seine Wahlheimat Nizza zurückkehren und sein Lebenswerk mit den wunderbaren bunten und prallen Papierschnitten bereichern und abrunden.
Sehr eindrucksvoll wird in einer Rotonde der Ausstellungsräume das Künstlerbuch JAZZ präsentiert.

Gezeigt werden alle Bilder, und zwar jeweils der originale Entwurf als auch die entsprechende Buchseite, und dazu die handgeschriebenen Texte von Matisse. Dazu kommt gedämpfte Swing-Musik aus den Lautsprechern. Ich empfand gerade hier die Szenographie der Ausstellung durchaus nicht -wie Zitzmann in der FAZ- als „etwas seelenlos“…

Dies ist der „originale“ Ikarus (Juni 1943, unterschrieben und datiert Juli 1946)
„Ikarus mit dem leidenschaftlichen Herzen stürzt vom Sternenhimmel herab.“[11] Dies sind die Worte, die Matisse dieser Darstellung vom Fall des Icarus beigibt. Dieses Bild steht im Mittelpunkt des Künstlerbuches JAZZ, in dem Matisse zum ersten Mal systematisch die Technik des ausgeschnittenen Gouache-Papiers verwendet. Das Buch, veröffentlicht 1947 von den éditions Tériade, aber entstanden 1943, war für Matisse ein Labor dieser neuen Technik. Und Matisse hat wiederholt die Technik des Papierschnitts mit dem Gefühl eines Flugs verglichen.[12]
Das Thema des Höhenflugs und Absturzes des Ikarus wurde auch bezogen auf Matisse‘ privates Umfeld in der Zeit der deutschen Besatzung. Seine frühere Frau Amélie, von der er sich 1940 getrennt hatte, und seine Tochter Marguerite, die sich der französischen Widerstandsbewegung angeschlossen hatten, wurden im Frühjahr 1944 von der Gestapo verhaftet. Amélie war ein halbes Jahr im Gefängnis von Fresnes inhaftiert, Marguerite wurde gefoltert, konnte aber im Herbst 1944 auf dem Transport in das KZ Ravensbrück fliehen.[13] Matisse litt sehr unter ihrem Schicksal und versuchte, mit intensiver Arbeit Ruhe zu finden.[14]

Der Wolf (Januar/März 1944)

L’avaleur de sabres (Der Schwertschlucker). Seite aus JAZZ (Sammlung Philadelphia Museum of Art)
Dazu ein Text, in dem sich Matisse zur Aufgabe des Künstlers äußert: „Der Künstler muss seine ganze Energie, seine Aufrichtigkeit und größte Bescheidenheit aufbringen, um während seiner Arbeit alte Klischees zu vermeiden“[15] – eine Aufforderung, der er selbst sein ganzes Leben lang gefolgt ist.

Sehr eindrucksvoll ist ein Film, der den alten, zunehmend hinfälligen Matisse bei seiner Arbeit mit Papierschnitten zeigt. Hier schneidet er mit einer großen Schere Formen aus Papierblättern aus, die Assistentinnen vorher mit Gouache bemalt hatten.

Seine Assistentin, Lydia Delectorskaya, befestigt mit Nadeln die ausgeschnittenen Formen an der Wand. Matisse zeigt den vorgesehenen Ort mit dem Stock genau an. Und der kann dann auch problemlos wieder verändert werden, bevor der Meister zufrieden mit seinem Werk ist und die Formen fixiert werden. Delectorskaya lernte Matisse 1932 in Nizza kennen. Sie wurde sein bevorzugtes Modell, dirigierte aber gleichzeitig auch sein Atelier. Bis zu 1954, dem Tod Matisse, war sie ihm unentbehrlich und freundschaftlich verbunden. Sie hatte wesentlichen Anteil an der Entstehung der Werke, die Matisse zwischen 1941 und 1954 schuf.
Matisse war nach seiner schweren Operation 1941 stark behindert, seine Werke schuf er im Bett liegend oder im Rollstuhl sitzend. Aber, wie die Kuratorin der Ausstellung feststellt, „je älter er wird, desto mehr erscheint sein Werk jung, frei und kühn.“[16] Matisse ging sogar so weit, seine schwere Operation als Glücksfall zu bezeichnen. Sie habe ihn verjüngt und gelassener gemacht. Er habe sich schon so auf sein Lebensende vorbereitet, dass es ihm scheine, sich in einem zweiten Leben zu befinden.[17]
Matisse gelang es, wie er selbst es ausdrückte, „mit einer Schere zu zeichnen“.
„Es handelt sich für mich um eine Vereinfachung. Anstatt den Umriss zu zeichnen und die Farbe darauf aufzubringen – wobei das eine das andere verändert – zeichne ich direkt in der Farbe (…) Diese Vereinfachung garantiert eine Präzision bei der Zusammenführung der beiden Mittel, die nur noch eins sind.“ [18]
Drei bis vier weitere Lebensjahre wünschte sich Matisse nach seiner Operation, um sein Werk zu vollenden.[19] Daraus wurden dann aber 14 Jahre. Und in denen entstanden mehr als 230 Arbeiten mit ausgeschnittenen Gouachepapieren. „Das ist viel für einen Achtzigjährigen“, bemerkt die Kuratorin der Ausstellung dazu,[20] zumal wenn man bedenkt, dass dazu ja auch viele außergewöhnlich große Scherenschnittfiguren (papiers découpés) gehören. 79 von ihnen werden in der Ausstellung präsentiert.

Frau mit Amphore. 1953, 168,5 x 48 cm, Musée Matisse, Nizza

L’Escargot (die Schnecke) 1953. Tat Gallery London.
Matisse hat diesen Scherenschnitt mit buntem Gouache-Papier auch „Composition chromatique“ genannt- eine Bezeichnung übrigens, die an den Fauvismus, zu dessen Hauptvertretern Matisse zählt, anknüpft. Die Schnecke war für Matisse ein abstraktes Bild „sur racine de réalité“: Ausgehend vom Aufbau eines Schneckenhauses entfernte er sich hier von der realen Grundlage, ohne sich aber voll und ganz für die Abstraktion zu entscheiden. Dies gilt auch für die kreolische Tänzerin (Danseuse créole. Juni 1950) aus dem Matisse-Museum in Nizza.

Natürlich hängt das Bild im Grand Palais genau aufrecht an der Wand, wie es sich eben gehört. Aber unsere Enkelin Lyana hat das Bild schräg aufgenommen, und ich finde, dass das sehr gut zu diesem Motiv passt. Matisse wäre mit einer solchen Aufhängung sicherlich einverstanden gewesen…
Es ist ratsam, für die Ausstellung einen weniger frequentierten Randtermin zu wählen und Wochenenden zu vermeiden. Besonders der Raum mit den vier Nus bleus, seinen Meisterwerken aus dem Jahr 1952, die zum ersten Mal überhaupt hier zusammen zu sehen sind[21], ist ein besonderer Anziehungspunkt.

Matisse hat sie -wie auch schon die Bilder für JAZZ- ohne jede vorausgehende Zeichnung aus dem blauen Gouache-Papier geschnitten – sogar einmal in gerade 10 Minuten. Aber wenn auch sein Körper alt und krank war: Die große Schere in seiner Hand beherrschte er noch mit großer Virtuosität: Seine Hand konnte noch fliegen, wie er selbst sagte.[22]

Auf der Eingangsseite des Raums links und rechts Scherenschnitte einer Nu bleu aux bas verts (1952) und einer Akrobatin- ein Thema, das Matisse sehr beschäftigte, verstand er sich doch selbst als Akrobat der Kunst.
Auch für die Ausgestaltung der Kapelle von Vence, la chapelle du Rosaire (1948-1951), verwendete Matisse die Technik der Papierschnitte. Das klar gegliederte, einfach strukturierte Gebäude selbst wurde entsprechend den Wünschen Matisse‘ entworfen von einem Schüler Auguste Perrets und diesem selbst, einem der großen französischen Architekten des 20. Jahrhunderts. Man hat diese Kapelle als „Krönung der künstlerischen Laufbahn“ von Matisse bezeichnet, der selbst dieses Gesamtkunstwerk als sein „chef-d’œuvre absolu“ betrachtete.[23]

Vitrail bleu pâle (Glasfenster blassblau) November 1948/Januar 1949. Entwurf eines Fensters für die Kapelle von Vence. Ausgeschnittene Gouache-Papiere auf Leinwand. Die Maße entsprechen schon denen der Kapellenfenster. Das Farbspektrum ist aber noch sehr groß und es fehlen die für die Umsetzung erforderlichen Blei- oder Eisenstäbe zur Einfassung.

Entwurf eines Ausschnitts des Glasfensters Baum des Lebens (L’Arbre de vie) 1949
Auch dieses Fenster, das in der Apsis neben dem Altar eine zentrale Rolle für die Gestaltung der Kapelle spielt, zeigt das von Matisse seit 1947 in seinen Scherenschnitten verwendete Algenmotiv. Das Farbspektrum ist reduziert auf „drei sehr entschiedene Farben“, wie Matisse selbst sagte, „ein Ultramarin, ein Flaschengrün und ein Zitronengelb. … Es sind dies ganz gewöhnliche Farben, was ihre Qualität anbelangt; ihre künstlerische Wirkung liegt allein in ihren quantitativen Verhältnissen, die sie überhöhen und vergeistigen.“[24]
Picasso, der Matisse sein Leben lang eng verbunden war, hat sich übrigens spöttisch über die Kapelle seines Freundes geäußert. Als er 1951 die Fotos der fertigen Kapelle sah, soll er gesagt haben: „Matisse hat eine Kapelle gemacht? Er hat eine Badeanstalt gemacht.“[25] Damit bezog er sich wohl vor allem auf den mit weißen Fliesen bedeckten Boden der Kapelle. Matisse hat diesen Spruch gekannt, er konnte aber die gegenseitige Wertschätzung nicht beschädigen.
Matisse war jedenfalls -mit Recht- davon überzeugt, mit der Kapelle einen Raum der Ruhe und der Meditation für alle Menschen geschaffen zu haben.
In diesem Blog-Beitrag ging und geht es vor allem um die Gouache-Scherenschnitte, die Matisse in den letzten Jahren seines Lebens anfertigte. Malen und Zeichnen waren für ihn nach seiner Operation äußerst beschwerlich „Zwischen 1941 und 1954 schuf er fünfundsiebzig Gemälde,“ wie die Kuratorin der Ausstellung erklärt[26], wozu dann auch noch eine Vielzahl von Zeichnungen kommen. Dazu zum Schluss des Beitrags wenigstens noch einige wenige Beispiele:

Portraits spielen im Werk von Matisse eine große Rolle. Für ihn standen sie am Anfang der Kunst. Sein Ziel war es, mit wenigen Strichen und großer Prägnanz die Persönlichkeit seines Modells und die Beziehung zwischen Künstler und Modell zu erfassen. Hier ein Portrait seiner Enkelin Jackie aus dem Jahr 1947 (Privatsammlung). Die senkrechten Streifen stammen natürlich nicht von Matisse, sondern sind Spiegelungen…
In den letzten Jahren seines Lebens illustrierte Matisse auch Künstlerbücher von Werken Montherlants, Ronsards und Baudelaires.

Entwurf für eine Illustration von: H. de Montherlant, Pasiphaé. Chant de Minos. Gravures originales par Henri Matisse.
Und dann sind mehre Gemälde ausgestellt, denn auch die haben in dieser letzten und höchst produktiven Phase von Matisse‘ Schaffen eine zentrale Rolle gespielt. So die „rumänische Bluse“ aus dem Jahr 1940, dem Jahr der französischen Niederlage und der Etablierung des Vichy-Regimes.

Dazu aus dem Begleittext der Ausstellung:
„Matisse‘ Haltung während des Krieges – seine Weigerung, Stellung zu beziehen oder durch seine Malerei Zeugnis von den Übeln der Welt abzulegen – brachte ihm den Vorwurf ein, ein hedonistischer Bourgeois zu sein, der sich aus der Geschichte zurückzieht. Seine Entscheidung, weiterzuarbeiten und Frankreich trotz Einladungen zu einer Lehrtätigkeit in den Vereinigten Staaten nicht zu verlassen, machte ihn jedoch nach und nach zu einem Symbol der Freiheit. Die (…) Lebendigkeit der Farben in „La Blouse roumaine“, die der französischen Flagge entlehnt sind (…), spiegeln eine Form von Optimismus, wenn nicht gar Patriotismus wider, eine Art und Weise, den tragischen Umständen der Zeit zu widerstehen.“
Und es gibt auch eine reiche Auswahl der Interieurs de Vence aus den Jahren 1946-1948, in denen Matisse noch einmal auf einige Leitmotive seines Schaffens zurückkam, zum Beispiel das Motiv des Fensters, für Matisse ein Symbol der Malerei schlechthin.

Diese Gemälde bedeuteten dann zwar auch den Abschied Matisse‘ von der Malerei, nicht aber von der Kunst: Die Papierschnitte seiner letzten Jahren werden zu einem einem grandiosen Höhe- und Schlusspunkt seines Werks. Sie sind im Grand Palais noch bis zum 26.Juli zu sehen. [27]

https://www.grandpalais.fr/fr/programme/matisse-1941-1954
Anmerkungen
[1] So die Übersetzung in: Oliver Berggruen und Max Hollein (Hrsg), Henri Matisse. Mit der Schere zeichnen. Meisterwerke der letzten Jahre. Prestel-Verlag 2002, S. 140. Gebräuchlich diese Übersetzung: Das Papageienweibchen und die Sirene. Z.B. https://www.germanposters.de/matisse-henri-das-papageienweibchen-und-die-sirene-1952.html
Alle Fotos des Beitrags, soweit nicht anders angegeben, Lyana und Wolf Jöckel
Das „Titelbild“ des Beitrags zeigt ein Matisse- Werbeplakat in der Metro-Station Voltaire. Aufgenommen am 23.5.2026
Leszeit: 17 Minuten
[2] Xavier-Gilles Néret, Ozeanien und die Gouacheschnitte. In: Gilles Néret und Xavier-Gilles Néret, Matisse. Scherenschnitte. Köln: Taschen-Verlag 2022, S.237/243
[3] Zit. Éditions Beaux Arts, Matisse 1941-1945 Paris 2026, S. 34 und Oliver Berggruen in: Oliver Berggruen und Max Hollein (Hrsg), Henri Matisse. Mit der Schere zeichnen. Meisterwerke der letzten Jahre. Prestel-Verlag 2002, S. 106
[4] Zit bei Xavier-Gilles Néret, aaO, S. 237
[5] Françoise Gilot, Matisse und Picasso. München 1990, S. 45
[6] Xavier-Gilles Néret aaO, S. 259
[7] Stéphane Guégan, Tahiti, souce inépuisable d’images. In: Beaux Arts, Matisse 1941-1954, S. 44 und 46. Guégan spricht von einem „répertoire déshumanisé“.
[8] In der Begleittafel zu dem Bild wird dieser Bezug hergestellt und die entsprechende Passage aus Bergons L’Évolution céatirice (1907) zitiert: „La vie est tendence, et l’essence d’une tendence est de se développer en forme de gerbe, créant, par le seul fait de sa croissance, des directions divergentes entre lesquelles se partagera son élan.“ Matisse hatte sich 1944 mit den Schriften Bergsons beschäftigt.
[9] Éditions Beaux Arts, Matisse 1941-1945 Paris 2026, S. 34
[10] Marc Zitzmann, Um die Haaresbreite einer Katze. Malereien mit der Schere: Das Grand Palais zeigt Matisse‘ Spätwerk von 1941 bis 1954, das immer noch begeistert. In: FAZ vom 22.4.2026
[11] „Icare au cœur passionné retombe du ciel étoilé.“
[12] Beaux Arts, Matisse, S. 38
[13] https://www.leslieparke.com/blog/marguerite-matisse
[14] Emmanuelle Lequeux in Beaux Arts, S. 14
[15] l’artiste doit apporter toute son énergie, sa sincérité et la modestie la plus grande pour écarter pendant son travail les vieux clichés
[16] Éditions Beaux Arts, Matisse 1941-1945 Paris 2026, S. 7
[17] „Je bénis ma terrible opération qui m’a tout rajeuni et rendu philosophe (…) j’avais tellement préparé ma sortie de la vie qu’il me semble être dans une seconde vie.“ Zit. Éditions Beaux Arts, Matisse, S. 37
[18] https://blog.artsper.com/de/ein-naeherer-einblick-de/papierschnitt-matisse/
[19] Exposition événement au Grand Palais : les dernières années de Matisse, quel feu d’artifice ! In: Le Parisien vom 21. März 2026
[20] https://de.euronews.com/kultur/2026/03/23/matisse-paris-ausstellung
[21] Nu Bleu I: Fondation Beyerler; Nue Bleu II und III: Centre Pompidou; Nu Bleu IV: musée d‘Orsay
[22]„La main vole, c’est son mot.“ Le Parisien, Exposition événement au Grand Palais : les dernières années de Matisse, quel feu d’artifice ! 21. März 2026
[23] Itzhak Goldberg: Couronnement d’un parcours artistique. In Baux Arts, Matisse S. 60 und Hanne Finsen, die Matisse kurz vor der Einweihung der Kapelle von Vence traf. Beaux Arts, S. 59
Zu der Kapelle gibt es auch einen Film auf Arte: https://www.arte.tv/de/videos/122738-000-A/die-rosenkranzkapelle-das-letzte-meisterwerk-von-matisse/ ..
[24] Zit. in: Ingrid Pfeiffer, Die Fenster der Rosenkranzkapelle von Vence. In: Henri Matisse. Mit der Schere zeichnen, S. 130
[25] Siehe: Françoise Gilot/Carlton Lake, Leben mit Picasso. Diogenes 1987
[26] https://de.euronews.com/kultur/2026/03/23/matisse-paris-ausstellung
[27] Emmanuelle Lequeux, 1946-1948. L’adieu aux pinceaux. Éditions Beaux Arts, S. 49f
Zu Monet siehe auch diese Blog-Beiträge: