Die Pariser Philharmonie feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubliläum: Ein von Jean Nouvel entworfener grandioser Bau, um den es viele Auseinandersetzungen gab. Da ging es zunächst um den Ort: nicht im Zentrum von Paris, da wo das kulturelle Leben sich traditionell abspielt, sondern am nord-östlichen Rand der Stadt, direkt neben der Autobahn (Periphérique), auf dem früheren Gelände der Schlachthöfe. Dann die galoppierenden Kostenüberschreitungen: Zunächst waren 200 Millionen eingeplant, es gab aber Probleme bei der Bauausführung, mit den beteiligten Unternehmen, Verzögerungen, die Inflation… Zum Trost wird jetzt im Rückblick auf die exorbitanten Kostensteigerungen bei der Elbphilharmonie verwiesen (von 77 auf 789 Millionen). In Paris aber zog der Staat bei 386 Millionen die Notbremse. Unter anderem soll darunter die Ausführung der Fassade mit ihren ca 300 000 auffliegenden, den großen Aufbruch der Kultur symbolisierenden Vögeln gelitten haben. Für „naive“ Besucher wie wir ist das allerdings nicht erkennbar.
Nouvel war aber tief gekränkt, boykottierte sogar das offizielle Eröffnungskonzert am 14. Januar 2015. Inzwischen ist die Philharmonie aber ein fester und allseits akzeptierter Bestandteil des Pariser kulturellen Lebens, und Jean Nouvel hat seinen Frieden mit dem Bau geschlossen.
Wir sind der Philharmonie in vielfacher Weise verbunden: In unserer ersten Pariser Wohnung hatten wir einen jungen griechischen Architekten als Nachbarn, der im Büro von Jean Nouvel arbeitete und an den Planungen für die Philharmonie beteiligt war. Er erzählte beispielsweise, dass Jean Nouvel, der sich in erster Linie als Künstler sah, gerne am späten Nachmittag mit wehendem Schal und einem Bündel Zeichnungen vorbeirauschte, kurz seine neuen Ideen präsentierte und sich dann mit dem Auftrag an sein Team verabschiedete, bis zum nächsten Tag konkrete Ausführungspläne zu erarbeiten…
Das Ergebnis ist jedenfalls grandios; ästhetisch und akustisch – u.a. dank der charakteristischen „Wolkenreflektoren“ an der Decke des großen Saals.
Wir haben schon viele wunderbare Konzerte in der Philharmonie erlebt, unter anderem mit Daniel Barenboim. Der war in seinen jungen Jahren musikalischer Leiter des Orchestre de Paris. 2018 zelebrierte er in der Philharmonie den gesamten Zyklus von Beethovens Klaviersonaten. In dem Großen Saal mit seinen 2400 Plätzen hat man selbst von den entferntesten Plätzen den Eindruck, ganz nahe dabei zu sein.
Konzert Brad Mehldau in der Philharmonie im Januar 2025
Und Preise und Programm passen zu dem Anspruch der Philharmonie, ein Ort nicht nur für die traditionellen Konzertbesucher zu sein, sondern sich für alle Menschen zu öffnen, unabhängig von Alter, Herkunft, sozialem Milieu, kultureller Prägung … Das scheint zu funktionieren, wie wir in diesem Jahr wieder bei dem Konzert mit Brad Mehldau gesehen haben. Unsere schöne Alte Oper in Frankfurt, gebaut nach dem Vorbild des Pariser Opernhauses, sieht dagegen ziemlich alt aus…
Ein neuer Invader am Eingang der Philharmonie… (aufgenommen am 21.5.2026)
Die Geschichte des Ehepaars Boucicaut, den Gründern des Bon Marché, ist gewissermaßen eine europäische Version des amerikanischen Traums: Marguerite, eine Gänsemagd vom Land, kommt im Alter von 13 Jahren als Wäscherin nach Paris, lernt dort lesen und schreiben und Aristide, ihren künftigen Mann, kennen.
Aristide ist zunächst kleiner Angestellter im elterlichen Geschäft, dann reisender Verkäufer auf Märkten und Messen; seit 1835 arbeitet er in einem magasin de nouveautés rue de Bac in Paris und macht da Karriere. Als der Laden 1848 schließen muss, beteiligt er sich an dem in der Nähe gelegenen „Au Bon Marché“, das er 1863 als alleiniger Eigentümer übernimmt.
Das erste Bon Marché- Kaufhaus Boucicauts vor der großen Erweiterung[1]
Es beginnt nun eine fulminante Expansion: Boucicaut leitet eine kommerzielle und architektonische Revolution ein. Es entsteht eine „Kathedrale des neuzeitlichen Handels, fest und leicht zugleich, für ein ganzes Volk von Kunden geschaffen.“ So formulierte es Émile Zola in seinem Roman „Au bonheur des dames“/“Das Paradies der Damen“. (S.279)
Der Titel des Romans ist der Name eines fiktiven Pariser Kaufhauses, anhand dessen Zola die kommerzielle und architektonische Revolution des Handels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt. Sein Vorbild war dabei vor allem das Kaufhaus Le Bon Marché, das Zola mehrere Monate lang intensiv studierte. Das Bon Marché wurde wiederum zum Vorbild für andere große Kaufhäuser in Paris, in Frankreich und dann auch Europa- und weltweit. Es ist damit das älteste noch existierenden Kaufhaus der Welt.[2]
Im nachfolgenden Beitrag möchte ich zunächst zeigen, dass das neue Kaufhaus in seiner Größe, technischen Ausführung und ästhetischen Gestaltung alle bisherigen Maßstäbe sprengte. Für Zola war das Bon Marché und waren seine Nachfolger die städtebaulichen Gravitationszentren der neuen Zeit, so wie es die Kathedralen im Mittelalter gewesen waren.
Im zweiten Teil sollen die nicht weniger revolutionären kommerziellen Neuerungen im Mittelpunkt stehen, die den Erfolg des Bon Marché begründeten und sicherten. Viele dieser Neuerungen sind heute selbstverständliche unternehmerische Praxis im Bereich des Handels.
Dabei werde ich mich im Wechsel konkret auf das historische Bon Marché und auf Zolas Roman beziehen – eine doppelte und, wie ich hoffe, der gegenseitigen Bereicherung dienende Perspektive.
Das Bon Marché: Die „Kathedrale des Handels“
Diese Darstellung vermittelt einen Eindruck vom Bon Marché zu der Zeit, als Zola seinen Roman schrieb.[3] Der gesamte rechteckige Baukomplex ist hier noch nicht fertiggestellt. Zola hat in seinem Roman das Plakat einer Verkaufsausstellung des Paradies der Damen mit seinem „Emporkömmlingsgesicht“ beschrieben, bei dem vielleicht diese oder eine ähnliche Abbildung des Bon Marché Pate gestanden hat:
„Nun hatte es sich, wie der Reklamestich zeigte, dick und fett gefressen… Zunächst sah man im Vordergrund dieses Stiches“ die Straßen, „erfüllt von kleinen schwarzen Figuren und unverhältnismäßig verbreitert, als sollten sie der Kundschaft der ganzen Welt Durchlass gewähren. Dann kamen die Gebäude selber, in übertrieben riesiger Ausdehnung, aus der Vogelperspektive gesehen, mit ihren festen Dächern, die die Galerien andeuteten, den Glasdächern der Höfe, darunter man die Hallen ahnte, der ganzen Unendlichkeit dieses Sees aus in der Sonne schimmerndem Glas und Zink. Jenseits davon breitete sich Paris aus, aber ein klein gewordenes, von dem Ungeheuer halbverzehrtes Paris: die Häuser in seine Nähe nur bescheidene Hütten, waren weiter weg als ein Staub undeutlicher Schornsteine verstreut; die großen Gebäude schienen zusammenzuschmelzen, links zwei Striche für Notre-Dame, rechts ein Accent circonflexe für den Invalidendom, im Hintergrund das Pantheon, verschämt und verloren, kleiner als …eine Linie. Der Horizont war zu nichts geworden, diente nur als geringgeschätzter Rahmen, bis zu den Höhen von Châtillon, bis zu dem weiten flachen Land, dessen verwischte Fernen Knechtschaft andeuteten“.[4]
Auffällig sind auch die vielen Pferdefuhrwerke auf den Straßen: Das Bon Marché unterhielt damals einen Fuhrpark von etwa 150 Gespannen zur Auslieferung von Waren. Die Pferdeställe lagen auf der anderen Seite der Rue de Babylone, bevor sie, zu klein geworden, ausgelagert wurden.
Hier errichteten sich die Boucicauts ein nobles Wohnhaus (hôtel particulier).
Zola beschreibt auch die neue „Ehrenpforte“ des Paradies der Damen – eine Beschreibung die sicherlich von der Porte de Sèvres des Bon Marché inspiriert wurde:[5]
„Dieser Eingang, hoch und tief wie ein Kirchenportal, überragt von einer Gruppe- Industrie und Handel, die, umgeben von einer Vielfalt von Emblemen, einander die Hand reichten-, war durch eine breite Markise geschützt, deren frische Vergoldung die Bürgersteige mit einem Sonnenstrahl zu erhellen schien. Nach rechts und links erstreckten sich die Fassaden in einem noch grellen Weiß, … nahmen den ganzen Häuserblock ein …“ (Zola, 278)
Mosaik vom Eingang rue de Babylone aus dem Jahr 1876 mit den Initialien des Firmengründers
„Und vor allem bestaunten die Neugierigen den Haupteingang, der, hoch wie ein Triumphbogen, … verschwenderisch mit Mosaiken, Fayencen und Terrakotten verziert war… Der Palast war erbaut, der Tempel für den Verschwendungswahnsinn der Mode. Er überragte ein ganzes Stadtviertel und bedeckte es mit seinem Schatten.“ (Zola, S. 464)
Die Mosaike dienten auch dazu, die in dem Kaufhaus angebotenen Waren anzuzeigen.
Leider ist von der prächtigen Fassade des alten Bon Marché kaum noch etwas erhalten. Immerhin sind noch einige der alten Mosaiken erhalten, und seit 2015 gibt es einen im alten Stil rekonstruierten Fassadenabschnitt in der rue de Sèvres.[6]
Durchschreitet man in Zolas Paradies der Damen den mit einem Triumphbogen und einem Kirchenportal verglichenen Haupteingang, so gelangt man in „das „riesige“, „das unermesslich große Kirchenschiff.“ (Zola 341 und 297).[7]
„Man hatte die in Hallen verwandelten Höfe mit Glasdächern versehen, und aus dem Erdgeschoss führten eiserne Treppen nach oben, eiserne Brücken waren in beiden Etagen von einer Seite zur anderen geschlagen worden. Der Architekt, ein glücklicherweise intelligenter junger Mann, der auf alles Neuzeitliche versessen war, hatte Steine nur für die Untergeschosse und die Eckpfeiler verwendet und dann das ganze Gerippe aus Eisen errichtet, die Verbundstellen der Giebel- und Deckenbalken stützten Säulen. Die Vouten an den Decken und die inneren Zwischenwände bestanden aus Ziegelsteinen. Überall hatte man Platz gewonnen. Luft und Licht hatten freien Zutritt, das Publikum bewegte sich unbehindert unter dem kühnen Wurf der nur in weiten Abständen abgestützten Dachkonstruktion. Es war die Kathedrale des neuzeitlichen Handels, fest und leicht zugleich, für ein ganzes Volk von Kunden geschaffen.“ (S.279)
„Gerade trat Frau Desforges (eine Stammkundin des Hauses W.J.), nachdem sie in der Menschenmenge fast ihren Mantel eingebüßt hätte, endlich ein und durchquerte die erste Halle. Als sie dann bei der großen Galerie angekommen war, blickte sie in die Höhe. Weit wie eine Bahnhofshalle war die Galerie, umgeben von den Balustraden der beiden Stockwerke, durchschnitten von freitragenden Treppen, überspannt von schwebenden Brücken.
Die doppelarmigen eisernen Treppen zeigten kühne Kurven, schufen vermehrte Podeste; die über die Leere geworfenen eisernen Brücken zogen sich in großer Höhe schnurgerade dahin; und all dieses Eisen bildete unter dem weißen Licht der Glasdächer eine schwerelose Architektur, ein dem Tageslicht Zugang gewährendes Spitzengewebe, die moderne Verwirklichung eines Traumschlosses, eines Babel, das Etagen aufeinandertürmte, Raum für große Säle schuf und bis ins unendliche Ausblick auf andere Etagen und andere Säle auftat.
Übrigens herrschte das Eisen überall vor, der junge Architekt war ehrlich und mutig genug gewesen, es nicht unter einer Stein oder Holz imitierenden Mörtelschicht zu verbergen.
… mit der zunehmenden Höhe des metallenen Gerüsts wurden die Kapitäle der Säulen reicher, die Niete entfalteten sich zu Blumen, die Konsolen und Kragsteine waren mit Skulpturen geschmückt.“ (296/7)
Auch hier ist der Bezug zum historischen Bon Marché unverkennbar. Denn der 1869 begonnene und ab 1879 erweiterte Neubau des Kaufhauses war in seiner Eisenbauweise architektonisch und technisch revolutionär. Das „ganze Gerippe aus Eisen“ (297) ermöglichte den Verzicht auf tragende Wände, die Schaffung offener Verkaufsräume, die großzügige Verwendung von Glas, auch die damals nur bei Industriebauten (und vereinzelt auch bei Museen) verwendeten gläsernen Dachkonstruktionen. Das Bon Marché ist erste reine, wenn auch ummauerte Eisenskelettbau seiner Art. [8a]
Und anders als in Industriebauten war die eiserne Dachkonstruktion nicht direkt sichtbar, sondern es gab darunter gewissermaßen noch eine zweite Haut, die den damaligen ästhetischen Ansprüchen entsprechen sollte.
Die äußere eiserne Konstruktion ist allerdings durchaus erkennbar.
Als Architekt engagierten die Boucicauts Louis-Charles Boileau, einen Schüler des großen Viollet-le-Duc, des Retters von Notre-Dame im 19. Jahrhundert. Für die Metallkonstruktionen wurden die Ingenieure Armand Moisant und später Gustave Eiffel verpflichtet. Moisant hatte schon das innovative Metallskelett der Schokoladenfabrik Menier in Noisiel an der Marne errichtet, später auch noch die Metallkonstruktion des Grand Palais. Insgesamt war das Bon Marché ein alle bisherigen Dimension sprengendes Bauwerk: Bei der Schokoladenfabrik von Nosiel wurden 1000 Tonnen Eisen verbaut, beim Bon Marché 8000 Tonnen, also noch 500 Tonnen mehr als bei dem 1789 errichteten Eiffelturm!
Bei den nachfolgenden Pariser Warenhäusern ist eine Tendenz zur verstärkten Eisenanwendung und damit zur Verdrängung der Steinarchitektur zu beobachten. Die offen liegende Eisenkonstruktion wurde mehr und mehr akzeptiert bzw. die ästhetischen Vorbehalte nahmen ab. Beim Bon Marché war das Eisen nur in den Lichthöfen unverkleidet sichtbar, bei den beiden Printemps beherrscht es bereits den gesamten Innenraum und beim Samaritaine No 2 hatte sich die Eisenarchitektur innen wie außen endgültig durchgesetzt. Architekt des Samaritaine No 2 war Frantz Jourdain, der Zola bei der Arbeit an seinem Roman beriet: Er ist der ehrliche, mutige junge Architekt des Paradies der Damen. 20 Jahre später war er kühn genug, die sich über zwei Etagen erstreckende Metallkonstruktion des Samaritaine von außen sichtbar zu machen und als ästhetisches Stilmittel zu verwenden. So weit waren die Architekten des Bon Marché noch nicht gegangen.
1912 expandierte das Bon Marché weiter: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde ein Annexe errichtet. In einer Werbung aus dem 1912 wird das Kaufhaus mit dem Erweiterungsbau als „eine der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten von Paris“ angepriesen. [9]
Hervorgehoben wird auch -etwas vollmundig- dass für ausländische Kundinnen „Dolmetscher in allen Sprachen“ zur Verfügung stehen.
Der neue Komplex des Kaufhauses wurde allerdings schon 1915 durch einen Brand zerstört, aber von 1921 bis 1923 im Art déco-Stil wieder aufgebaut.[10]
Ausgestellt werden in dem neuen Anbau moderne und noble Möbel und Einrichtungsgegenstände, hergestellt von dem Atelier Pomone, einem 1922 eigens vom Bon Marché gegründeten Atelier für Kunsthandwerk.[11]
Frau mit Reh. Bemalter Teller des Bon Marché- Ateliers Pomone. Ca 1925. Ausstellung La saga des grands magasins. Foto: Wolf Jöckel
Außerdem war in dem neuen Anbau eine Lebensmittelabteilung untergebracht, ein Comptoir de l’Alimentation, aus der später die noble Grande Épicerie de Paris hervorging.[12]
Innendekoration aus den 1930-er Jahren
Revolutionäre Verkaufsmethoden als Erfolgsrezept
Aristide Boucicaut war ein echtes Marketing-Genie. Der überwältigende Erfolg des Bon Marché beruhte vor allem auf den von ihm eingeführten revolutionären Verkaufsmethoden, die danach zur üblichen Praxis aller nachfolgenden großen Kaufhäuser wurden.
William Bouguereau, Portrait Aristide Boucicaut 1875[13]
Die Darstellung dieser neuen Methoden nimmt im Roman Zolas einen breiten Raum ein. Hier ein Auszug über die den Chef seines „Paradies der Damen“, Mouret, und seine Erfindungen:
„Mouret hatte nur eine einzige Leidenschaft: sich die Frau zu unterwerfen. Er wollte, dass sie in seinem Hause Herrscherin sei, er hatte ihr diesen Tempel erbaut, um sie dort in seiner Gewalt zu haben. Seine ganze Taktik bestand darin, sie mit galanten Aufmerksamkeiten zu benebeln, einen schimpflichen Handel mit ihren Begierden zu treiben, die Verwirrung ihrer Sinne auszunutzen. Daher zerbrach er sich Tag und Nacht den Kopf bei der Suche nach neuen Einfällen. Schon hatte er, um den zarten Damen die Mühe, in die Stockwerke hinaufzusteigen, zu ersparen, zwei mit Samt ausgepolsterte Aufzüge einbauen lassen. Ferner hatte er gerade ein Büfett eröffnet, wo unentgeltlichen Fruchtsäfte und Biskuits verabreicht wurden, und einen Lesesaal, eine monumentale, mit allzu üppigem Aufwand ausgeschmückte Galerie, in der er sogar Gemäldeausstellungen zu veranstalten wagte.“
Weiter mit Zola und Mouret: „Doch sein scharfsinnigster Einfall war, die Mutter durch das Kind zu gewinnen; er ließ nichts außer Acht, was wirksam sein konnte, spekulierte auf alle Gefühle, schuf Abteilungen für kleine Jungen und Mädchen, hielt die vorübergehenden Mamas an, indem er den Kleinen Bilder und Ballons anbot. Eine geniale Idee, diese Ballonzugabe, die an jede Käuferin ausgeteilt wurde, rote Ballons aus einer dünnen Gummihaut, die in großen Lettern die Namen der Firma trugen und, an einer Schnur gehalten in der Luft schwebend, eine auffallende Reklame durch die Stadt umherführten.“ (Zola 279/280)[15]
„An dem Tisch, wo die Ballons ausgegeben wurden, nahm man gerade das vierzigste Tausend in Angriff: vierzigtausend Ballons, die ihren Flug in der heißen Luft der Ladenräume begonnen hatten, eine ganze Wolke roter Ballons, die zu dieser Stunde von einem Ende von Paris bis zum anderen schwebten und den Namen Paradies der Damen bis in den Himmel trugen!“ (Zola 316)
Einen Billardsaal gab es im Bon Marché übrigens auch noch: Ein Anreiz für die Herren, ihre Frauen ins Kaufhaus zu begleiten, ohne sie auf dem Weg durch alle Abteilungen begleiten zu müssen.[16]
Félix Vallotton Le Bon Marché 1898 (linkes Bild eines Triptychons)
Auch feste, ausgezeichnete Preise gehörten zu den Neuerungen des Bon Marché. Und diese Preise waren deutlich niedriger als bei den Einzelhändlern der Stadt. Das Bon Marché konnte auf Grund der Abnahme großer Mengen nicht nur günstiger einkaufen, es begnügte sich auch mit deutlich geringeren Gewinnspannen, die aber durch den Massenabsatz mehr als ausgeglichen wurden.
Mit den geringen Gewinnmargen ist es allerdings heute sicherlich vorbei: Das Bon Marché gehört inzwischen zum LVHM- Imperium von Bernard Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs. Und das Bon Marché mutierte dementsprechend auch zu einer „Ikone des Luxus-Einzelhandels“[18]. An manchen Traditionen knüpft das neue Bon Marché allerdings an, beispielsweise durch die jährlichen Kunstinstallationen von Ai Weiwei 2016 bis zuletzt die des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto.
Nicht übernommen hat Zola übrigens eine weitere Erfindung Boucicauts, der nämlich einen Esel für die Kinder der Kunden anschaffte.[19] Der trottete dann wohl, begleitet von den Müttern, die Schaufensterfronten mit ihren damals ebenfalls revolutionären Schaufensterpuppen entlang und schuf damit zusätzliche Kaufanreize.
Und weiter Zola: „Das Allerwirksamste war das Reklamewesen. .. .Für seine Verkaufsausstellung von Sommerneuheiten hatte er zweihunderttausende Kataloge verschickt, davon fünfzigtausend in alle Sprachen übersetzte ins Ausland. Jetzt ließ er sie mit Gravüren bebildern, er fügte ihnen sogar Stoffproben bei, die auf die Blätter geklebt waren. … Er setzte die Preise der nicht verkauften Artikel immer weiter herab, da er sie, getreu seinem Grundsatz von der schnellen Erneuerung der Waren, lieber mit Verlust verkaufte. Dann hatte er das Herz der Frau noch tiefer ergründet und war auf den Einfall mit dem ‚Zurückgeben‘ gekommen, ein Meisterstück jesuitischer Verführungskunst. ‚Nehmen Sie es nur, gnädige Frau: Sie werden uns den Artikel zurückbringen, wenn er Ihnen nicht mehr gefällt.‘ Und die Frau, die bis dahin widerstanden hatte, fand hierin eine endgültige Entschuldigung, die Möglichkeit, eine Torheit gutzumachen: sie kaufte mit beruhigtem Gewissen. Fortan gehörten das Rückgaberecht und die Preissenkung zum vorbildlichen Betrieb des neuen Handels.“ (280/281)
„Sehen Sie doch!“, rief Frau de Boves (eine Kundin des Hauses W.J.), die wie erstarrt stehenblieb, den Blick emporgerichtet. Es war die Ausstellung der Sonnenschirme. Weit geöffnet, rund wie Schilde bedeckten sie die Halle von dem verglasten Dach bis zum oberen Rand des Getäfels aus gefirnisstem Eichenholz. Als Festons schmückten sie die bogenförmigen Öffnungen der oberen Stockwerke; an den Säulen hingen sie als Girlanden herab; in dichtgedrängten Reihen zogen sie sich an den Balustraden der Galerien und sogar an den Treppengeländern entlang; und überall in symmetrischer Anordnung die Wände buntscheckig mit Rot, Grün und Gelb bemalend, wirkten sie wie große venezianische Laternen, die man für ein riesiges Fest angezündet hatte“. (Zola, S. 288)
Illustration zur Buchausgabe von „Au bonheur des dames“ 1906[22]
„In den Ecken gab es komplizierte Motive, Sterne aus Sonnenschirmen zu neununddreißig Sous, deren helle Tönungen, Mattblau, Cremefarben, Zartrosa, mit dem sanften Schein eines Nachtlichts brannten, während weiter oben ungeheuer große japanische Schirme, auf denen goldfarbige Kraniche durch einen Papierhimmel flogen, loderten wie der Wiederschein einer Feuersbrunst.“ (Zola, S. 288)
Innendekoration der Herbstaktion Paris Paris im Bon Marché 2024[23]
Ein besonderer Verkaufstrick Mourets bestand auch darin, verschiedene eigentlich zusammengehörende Abteilungen über die gesamte riesige Verkaufsfläche zu verteilen. Im Roman erläutert er das seinem skeptischen Verkaufsleiter so:
„Die Kundinnen sollen sich wohl alle in derselben Ecke zusammendrängen, was? Einen schönen Mathematikereinfall habe ich da gehabt! … Begreifen Sie doch, dass ich die Menge an einer Stelle festgehalten hätte. Eine Frau wäre hereingekommen, hätte sich geradewegs dorthin gewandt, wohin sie gehen wollte, wäre vom Unterrock zum Kleid weitergegangen, vom Kleid zum Mantel und hätte sich dann davongemacht, ohne sich auch nur ein wenig verlaufen zu haben!- Keine einzige hätte alle unsere Ladenräume auch nur gesehen!“ Jetzt müssten die Kundinnen im ganzen Kaufhaus herumlaufen. „Mag man einander totdrücken, alles wird gut gehen!“ Durch die „Wanderungen in alle Richtungen“ werde den Kundinnen „das Haus dreimal so groß vorkommen.“ Sie seien „genötigt, durch Rayons zu gehen, in die sie sonst nie den Fuß gesetzt hätten, dort werden sie im Vorüberkommen von dieser und jener Verlockung gefesselt und erliegen ihr…“ (Zola, S. 283)
Ich musste bei dieser Darstellung unwillkürlich an das Möbelhaus Ikea denken, wo man selbst bei dem gezielten Einkauf eines einzigen Produkts genötigt wird, auf dem Weg zur Kasse alle Abteilungen des Hauses zu durchwandern….
Félix Vallotton Bon Marché 1898 (zentrales Bild eines Triptychons)
Eine weitere verkaufsfördernde Maßnahme Boucicauts war die Einrichtung des mois du blanc, eines weißen Monats.[24]
Spezieller Verkaufskatalog für den mois du blanc Anfang 20. Jahrhundert. In der Mitte gab es auch, wie von Zola erwähnt, ein eingelegtes Blatt mit Stoffproben.[25]
Boucicaut hatte festgestellt, dass nach Weihnachten die Verkaufszahlen rapid abfielen. Als Gegenmittel richtete er einen Monat ein mit Sonderangeboten von Weißwaren aller Art: Handtücher, Bettwäsche, Unterwäsche etc.
Alexey Brodovitch, Katalog für den mois du Blanc 1936.[26]
Auch nach dem Tod des Firmengründers 1877 blieb das Bon Marché ein Pionier in der Erfindung neuer publikumswirksamer Attraktionen. Ab 1893 gab es vor Weihnachten besondere Schaufensterdekorationen, die seit 1909 mit beweglichen Figuren ausgestattet waren. Das erste Schaufenster dieser Art bezog sich auf die Entdeckung des Nordpols durch Robert Peary. Das Bon Marché engagierte dafür Gaston Descamps, einen Hersteller von Automaten. Da gab es Inuits, die aus ihren Iglus schauten, herumtappende Eisbären und -wenn auch geographisch nicht passend- tanzende Pinguine.[27]
Diese vitrines animées de Noël gehören seitdem zu den weihnachtlichen Attraktionen aller großen Pariser Kaufhäuser.
Weihnachtsfenster des Bon Marché 2021 mit tanzenden Lebkuchenmännern. Vor den Schaufenstern sind, wie bei den vitrines animées de Noël üblich, Podeste für Kinder aufgebaut.[28]
Denise, Frau Boucicaut und der paternalistische Kapitalismus des Bon Marché
Émile Zola hat das „Paradies der Damen“ mit einem Hüttenwerk verglichen und mit einer Mischung von Bewunderung und Schauder beschreiben. Für ihn sind die großen Kaufhäuser, wie die Dampfmaschinen, Symbol und Triebkraft der modernen Welt:
„Dass das Haus von einer Hitze wie in einem Hüttenwerk flammte, kam vor allem vom Verkauf, von dem Gedränge an den Ladentischen, das man durch die Mauern hindurch spürte. Da war das ununterbrochene Schnauben der in Gang befindlichen Maschine, ein Verheizen von Kunden, die sich vor den Abteilungen stauten, angesichts der Waren jegliche Besonnenheit verloren und dann der Kasse zum Fraß vorgeworfen wurden. Und das alles mit mechanischer Genauigkeit geregelt und organisiert, wodurch ein ganzes Heer von Frauen der Kraft und Folgerichtigkeit des Räderwerks verfiel.“ (S. 21)
Die Kundinnen sind aber nicht nur Opfer dieses Räderwerks, sondern auch Nutznießer: Sie profitieren von den niedrigen Gewinnmargen, der großen Auswahl und der Transformation des Kaufaktes in ein Kauferlebnis. Opfer und nichts als Opfer sind aber die kleinen Einzelhandelsgeschäfte, die von dem Paradies der Damen überrollt werden. Zola beschreibt deren Schicksal eindrucksvoll vor allem anhand des gegenüberliegenden kleinen Tuchgeschäft Au Vieil Elbeuf zwar mit Wärme, aber als einen unausweichlichen Prozess, als notwendiges Tribut an die neue Zeit.
Im Vieil Elbeuf arbeitet auch Denise, ein Mädchen vom Lande, das aber schließlich die Zeichen der Zeit erkennt und eine Anstellung im Paradies der Damen erhält. Sie wird dort von Vorgesetzten und Kolleginnen gedemütigt und ausgebeutet, steigt dann aber auf und wird schließlich die Frau des Chefs, dem sie sich lange verweigert hatte. Sie kann nun Mouret mit ihrer „jungen Stimme, die noch von den ausgestandenen Qualen zitterte“, zu Verbesserungsmaßnahmen bewegen, „die die Firma festigen sollten. … Das Los der Verkäufer besserte sich nach und nach, an die Stelle von Massenentlassungen trat die Gewährung regelmäßigen Urlaubs während der toten Zeit, schließlich schuf man eine Kasse der gegenseitigen Hilfe, welche die Angestellten bei unfreiwilliger Arbeitslosigkeit schützen und ihnen eine Altersversorgung sichern sollte.“ (Zola 422)
Es wird auch ein Orchester zusammengestellt, „dessen Musikanten sämtlich unter dem Personal ausgewählt“ wurden. „Dann richtete man einen Spielsaal für die Kommis ein, mit zwei Billards und Tricktrack- und Schachbrettern. Abends wurden im Hause Kurse abgehalten, Kurse für Englisch und Deutsch, Kurse für Grammatik, Rechnen und Geographie; man ging sogar bis zu Reit- und Fechtstunden. Eine Bibliothek wurde geschaffen, zehntausend Bände standen den Angestellten zur Verfügung. Und zu all dem kam noch ein ständiger Arzt hinzu, der kostenfreie Sprechstunden abhielt…“ (Zola, 422/423)
Vorbild für Zolas Figur der Denise und die von ihr initiierten sozialen Maßnahmen ist Marguerite Boucicaut, die Frau Aristides.
William Bouguereau, Marguerite Boucicaut, 1875[29]
All das, was Zola in seinem Roman an Verbesserungsmaßnahmen im Paradies der Damen beschreibt, gab es tatsächlich im realen Bon Marché: Allerdings gab es auch eine Kehrseite des patriarchalischen Kapitalismus: Das Personal des Bon Marché hatte kein Streikrecht (was Émile Zola übrigens nicht erwähnt). Marguerite Boucicaut führte nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes das soziale Engagement der Firma fort. Sie schuf eine Pensionskasse (caisse de retrait), die sie mit einem Anfangskapital aus eigenem Vermögen ausstattete, ermöglichte und förderte die Beteiligung von Angestellten am Kapital der Firma und die soziale Fürsorge und Bildung des Personals. [30]
Auch das von Zola erwähnte Orchester gab es in der Realität. Es wurde von ehemaligen Dirigenten der Garde républicaine geleitet und trat im Winter im Kaufhaus und im Sommer auf dem Platz vor dem Bon Marché auf. „Oft wurden dazu als Mitwirkende Berühmtheiten der Pariser Musikszene eingeladen. Diese Veranstaltungen zogen viel Publikum aus allen Gesellschaftsschichten an und leisteten dadurch einen beachtlichen Beitrag zur Öffentlichkeitsarbeit des Bon Marché.“[31]
Programmzettel des Blasorchesters des Kaufhauses Bon Marché, 1894.
Da Marguerite Boucicaut keinen nahestehenden Erben hatte, vermachte sie testamentarisch ihr Vermögen, das auf mehr als 100 Millionen Francs geschätzt wurde, an zahlreiche soziale Werke und die Mitarbeiter des Bon Marché.
In ihrem Testament vom 16. Dezember 1886 setzte sie die Assistance publique – Hôpitaux de Paris zur Universalerbin ein, die damit den Auftrag zur Ausführung ihres testamentarischen Willens erhielt. Dazu gehörten viele Einzelvermächtnisse, z.B. ein Vermächtnis zu Gunsten der Beschäftigten des Bon Marché nach ihrem Rang und ihrer Beschäftigungsdauer (zwischen 16 und 20 Millionen Francs) und ein Vermächtnis von 2.615.000 Francs zur Einrichtung von Zufluchtshäusern für junge Mütter in Schwierigkeiten (sog. „Mädchenmütter“) « Es sollen Häuser sein, um die bei ihrer Entbindung unverheirateten Frauen aufzunehmen, die zuallererst das Unglück hatten, verführt worden zu sein… »
Außerdem verfügte sie, ein Krankenhaus auf dem linken Seineufer zu errichten. Ein Teil der Betten sollte für das Personal des Bon Marché reserviert sein.[32] 1897 wurde das hôpital Boucicaut in der rue de la Convention im 15. Arrondissement von Paris eröffnet.
Eingang des Krankenhauses, Gartenseite. Bei etwas genauerem Hinsehen ist noch der Schriftzug „Fondation Boucicaut“ zu erkennen.
Im Jahr 2000 stellte das Krankenhaus seinen Betrieb ein. Das weitläufige Krankenhaus-Gelände wurde unter Einbeziehung der früheren Gebäude zu einer Öko-Siedlung umgewandelt. Der ehemalige, jetzt neu gestaltete Garten ist für die Öffentlichkeit zugänglich.[33]
In der Nähe gibt es auch eine rue Boucicaut und eine Métro-Station Boucicaut.
An einem Gebäude neben dem Kaufhaus gibt es ein Art Deco-Relief, das an das philanthropische Engagement Marguerite Boucicauts für Kinder erinnert.
Diesem Engagement ist auch ein 1914 errichtetes Denkmal In der Grünanlage vor dem Bon Marché, dem Square Boucicaut, gewidmet.
Dargestellt ist Marguerite Boucicaut, zusammen mit ihrer Freundin, der Philanthropin Clara de Hirsch. Vorne links eine Allegorie der Barmherzigkeit
Im Hintergrund sieht man das Hotel Lutetia. Dieses Hotel ist nicht nur räumlich mit dem Bon Marché verbunden, sondern es verdankt seine Entstehung 1910 dem Kaufhaus. Es war vor allem für wichtige auswärtige Kunden und Lieferanten bestimmt, die in der Nähe des Kaufhauses ihrem Lebensstil entsprechend logieren konnten: „Le MAXIMUM du confort et du bien-être pour le MINIMUM de dépense“, wie es 1919 in einer Werbung für das Hotel hieß. Es war deshalb auch nicht ganz so protzig ausgestaltet wie das Ritz, das Carlton, das Majestic oder das George V auf der anderen Seite der Seine, ist aber gleichwohl ein Juwel des Jugendstils und des Art Deco. Und sein Architekt war auch derselbe, der den Art-Deco-Anbau des Bon Marché errichtete…
Literatur
Émile Zola, Paradies der Damen. (Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich). Berlin: Rütten & Loenig 1988
Le Bon Marché Rive Gauche. Sonderheft connaissance des arts. September 2020
La saga des grands magasins. Exposition cité de l’architecture et du patrimoine. Beaux Arts 2024
Helmut Frei: Frankreich – die elegante Welt der „Grands Magasins“ in Paris. In: Tempel der Kauflust : eine Geschichte der Warenhauskultur. Leipzig 1997, Seite 20–42.
[4] Paradies der Damen, S. 465. Die Topografie bei Zola ist natürlich etwas anders als bei dem realen Bon Marché. Zolas Kaufhaus liegt ja nicht rive gauche, sondern im Zentrum der Stadt.
[8a] Ich danke Herrn Ulrich Schläger für die Zusendung der nachfolgenden Abbildung und für die z.T. von mir übernommenen Bemerkungen zur Entwicklung der Eisenkonstruktion in der Pariser Kaufhausarchitektur. Dazu: Ruth-Maria Ullrich: Les Grands Magasins – Pariser Ingenieurarchitektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In „Eisen-Architektur“, ICOMOS, Deutsches Nationalkomitee,(Bad Ems, 5-9 October 1981)
[26] Aus: Le Bon Marché rive gauche, S. 15. Siehe dazu in diesem Heft den Beitrag von Julien Baulu, L’avant-garde d’Alexey Brodovic pour le mois du Blanc. S. 14 ff
Am 27. Januar 2020 wurde auf zahlreichen Veranstaltungen an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. Auch in Paris gab es eine Fülle von Veranstaltungen. So wurde an diesem Tag –unter anderem- die nach längerer Überarbeitung neu gestaltete Mauer der Namen im Mémorial de la Shoah durch Präsident Macron eingeweiht.[1]
Viel wurde in diesen Tagen in Frankreich über „le devoir de la mémoire“ gesprochen und geschrieben, also die Aufgabe, die Erinnerung an das Grauen der „Endlösung“ wachzuhalten. Und dies mit umso mehr Recht, als in der Bevölkerung und vor allem bei der jungen Generation die Kenntnis der Verbrechen zu wünschen übrig lässt. Nach einer im Dezember 2018 veröffentlichten Ifop-Umfrage wissen 30% der 18-35-jährigen Franzosen nicht, dass es während des Zweiten Weltkriegs einen Genozid an Juden gab. [2] Und –wie in Deutschland- gibt es auch in Frankreich eine erschreckende Zahl von antisemitischen Vorfällen, ja Verbrechen.
Ich habe den Holocaust-Gedenktag des Jahres 2020 zum Anlass genommen, in einer kleinen Beitrags-Reihe einige Orte vorzustellen, an denen in Paris an den Holocaust erinnert wird.
In diesem ersten Teil dieses Beitrags wird an einigen Beispielen aus unserer Umgebung die Präsenz der Erinnerung im öffentlichen Raum der Stadt aufgezeigt. Dazu werde ich die Entwicklung skizzieren vom de Gaulle’schen Mythos eines in der Résistance geeinten Frankreichs bis zur Anerkennung der Mitwirkung des Landes bei der nationalsozialistischen „Endlösung“.
Im zweiten Beitrag werden das Mémorial de la Shoah und das Mémorial de la Déportation im Mittelpunkt stehen.
Im dritten Beitrag geht es um Orte der Deportation: das Gymnase Japy im 11. Arrondissement, das bei allen Judenrazzien als ein erstes Sammellager gedient hat; das Wintervelodrom am Eiffelturm, das sogeannte Vel d’Hiv, nach dem die große Razzia vom 16. Juli 1942 benannt ist; dazu das Internierungslager von Drancy und den Bahnhof von Bobigny, alles Orte, die im Ablauf der Deportationen eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Abschließend lade ich zu einem Spaziergang auf den Friedhof Père Lachaise ein, in dem zahlreiche Denkmale an die nationalsozialistischen Konzentrationslager erinnern. Diesen Beitrag habe ich schon am 27. Januar 2020 in den Blog eingestellt. [3].
Einige Beispiele der Erinnerung an den Holocaust im öffentlichen Raum
Die Erinnerung an die Opfer der „Endlösung“ ist im öffentlichen Raum der Stadt Paris nicht zu übersehen. Das soll zunächst an einigen Beispielen aus unserer näheren Umgebung und täglichen Erfahrung veranschaulicht werden. Zwar gibt es in Paris keine Stolpersteine, aber dafür zahlreiche Erinnerungsplaketten an Häuserwänden – eine in Paris sehr alte und immer noch lebendige Tradition. Die Plaketten zur Zeit von 1939-1945 beziehen sich vor allem auf den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer und die Kämpfer, die bei der Befreiung von Paris im August 1944 umgekommen sind, aber selbstverständlich gibt es auch zahlreiche Tafeln, die an die Opfer des Holocaust erinnern. Da wir im 11. Arrondissement wohnen, beziehen sich die nachfolgenden Beispiele vor allem auf dieses Stadtviertel. Eine vollständige Dokumentation aller Pariser Erinnerungstafeln zur Zeit von 1939-1945 hat Philippe Apeloig in seinem wunderbaren Buch Enfants de Paris 1939-1945 vorgenommen. [4]
Nicht zu übersehen sind die schwarzen Marmortafeln an allen Pariser Schulen. Hier ein Bild von der Grundschule Avenue des Bouvines in „unserem“ 11. Arrondissement:
„Zur Erinnerung an die Schüler dieser Schule, die zwischen 1942 und 1944 deportiert wurden, weil sie Juden waren; unschuldige Opfer der Nazi-Barbarei und der Regierung von Vichy. Mehr als 1200 Kinder des 11. Arrondissements wurden in den Vernichtungslagern umgebracht. Vergessen wir sie niemals!“
Initiatorin der Plaketten ist die Association pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés (AMEJD). Ergänzend dazu hat die AMEJD des 11. Arrondissements eine Wanderausstellung über die deportierten Kinder dieses Stadtviertels erstellt. [5]
Der Grund, warum gerade das 11. Arrondissement für eine solche Ausstellung ausgewählt wurde, liegt wohl darin, dass es hier bis zu den großen Razzien in den Jahren der occupation und des Pétain-Regimes einen vergleichsweise großen Anteil jüdischer Bevölkerung gab. Das in der Ausstellung gezeigte Schaubild gibt den Stand 1. Juli 1941 wieder – Grundlage war die Registrierung aller Juden, die von der Pétain-Regierung durchgeführt wurde.
Eindrucksvoll ist, dass konkrete Schicksale anschaulich gemacht werden: Hier zum Beispiel die von zwei Schülern der Grundschule in der Avenue de Bouvines.
Henri Skrzydlack, 9 Jahre, wurde mit seiner Mutter im Lager Pithiviers interniert, dann allein nach Drancy überführt. Er wurde 21 Tage nach seiner Mutter deportiert. Sein Vater, der während einer Razzia allein verhaftet und direkt in Drancy interniert wurde, war schon deportiert worden.
Henri gehörte zu den 104 Kindern des 11. Departements , die mit dem Konvoi 23 vom 24. August 1942 deportiert wurden.
Charles Kruk, ein ehemaliger 16 Jahre alter Schüler, dessen Eltern schon deportiert waren, wurde Opfer der Razzia des Kinderheims in der rue Lamarck im 18. Arrondissement am 10. Februar 1943. Am folgenden Tag wurde er von Drancy nach Auschwitz deportiert.
Henri gehörte zu den 34 Kindern des 11. Arrondissements, die mit dem Konvoi 47 vom 11. Februar 1943 deportiert wurden.
Die Ausstellung ist zu besonderen Anlässen –wie zum Holocaust-Gedenktag- im Salle des Fêtes des Rathauses des 11. Arrondissements zu sehen. Wie aufmerksam und interessiert kleine Ausstellungsbesucher bei der Sache sind, zeigt das nachfolgende Bild.
Besonders anrührend sind die Tafeln mit den Namen und dem Alter der deportierten kleinen Kinder, „die noch keine Gelegenheit hatten, eine Schule zu besuchen“. Sie sind in jeweils einer öffentlichen Anlage aller Pariser Arrondissements aufgestellt. Hier die Tafel mit den Namen der 199 deportierten und ermordeten jüdischen Kleinkinder des 11. Arrondissements im Jardin Titon.[6]
Aufgenommen wurden dieses und das folgende Foto am 30. Januar 2020 anlässlich einer kleinen Zeremonie zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Veranstalter waren die Mairie des Arrondissements und die AMEJD. Und beteiligt waren auch Schüler/innen einer benachbarten Schule, die die Namen der deportierten Schüler ihrer Schule vorlasen und für sie Blumen niederlegten.
Als die meisten Besucher schon weggegangen waren, stand dieser kleine Junge noch im strömenden Regen vor der Tafel…
An vielen Stellen des 11. Arrondissements, aber auch in der rue d’Aligre im 12. Arrondissement, wo „unser“ Wochenmarkt stattfindet, wurde in diesem Jahr mit einer Plakataktion an die jüdischen Kinder bzw. Jugendlichen erinnert, die dort einmal gelebt haben, bevor sie in die Vernichtungslager deportiert wurden:
… vier junge Cohens, offenbar Geschwister, Suzanne, 8 Jahre; Renée, 10 Jahre; Esther, 12 Jahre und David, 14 Jahre.
Sicherlich haben sie in diesem Hof gespielt, der jetzt von den Straßenhändlern als Depot genutzt wird.
Bei dem Namen Nemirovski denkt man unwillkürlich an Irène Nemirovsky, die verheißungsvolle junge Schriftstellerin, die 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde und in deren erst spät entdecktem Roman Suite française sie eindrucksvoll die Situation der Menschen im besetzten Frankreich der Jahre 1940-1942 beschreibt.
Eine besondere Gedenktafel gibt es in der rue des Boulets Nummer 8 im 11. Arrondissement:
In diesem Haus wurden Louise Jacobson, 17 Jahre alt, und ihre Mutter Olga Jacobson verhaftet. Sie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet, weil sie Juden waren. Die ‚Briefe von Louise Jacobson‘ bleiben für die Geschichte ein unschätzbares Zeugnis.
Louise Jacobson wurde am 1. September 1942 verhaftet.
Patrick Modiano hat in seinem Buch Dora Bruder den entsprechenden Polizeibericht wiedergegeben: „Die Inspektoren Curinier und Lasalle an den Hauptkommissar, Chef der Sonderbrigade: Wir überantworten Ihrer Verfügung eine gewisse Jacobson Louise, geboren am 24. Dezember 1925 in Paris, 12. Arrondissement (…) seit 1925 französische Staatsangehörige durch Einbürgerung, jüdischer Rasse, ledig. Wohnhaft bei ihrer Mutter, 8 Rue des Boulets, 11. Arrondissement, Studentin. Heute gegen 14 Uhr am Wohnsitz ihrer Mutter festgenommen, unter folgenden Umständen: Während wir am oben angegebenen Ort eine Hausdurchsuchung durchführten, betrat die junge Jacobson die Wohnung, und wir stellten fest, dass sie das für Juden charakteristische Kennzeichen nicht trug, wie es durch eine deutsche Verordnung vorgeschrieben ist. Sie gab an, um 8 Uhr 30 das Haus verlassen zu haben und zu einem Vorbereitungskurs für das Abitur am Lycée Henri- IV, Rue Clovis, gegangen zu sein. Darüber hinaus haben Nachbarn dieser jungen Person angegeben, dass diese junge Person häufig ohne dieses Kennzeichen das Haus verlasse.[7]
Die noch erhaltenen Briefe Louise Jacobons aus dem Gefängnis von Fresnes und dem Internierungslager von Drancy sind mit winziger Schrift auf Postkarten geschrieben und bezeugen auf bewundernswerte Weise ihre Durchhaltestärke und ihren Überlebenswillen. Serge Klarsfeld, der das Vorwort zur Buchausgabe geschrieben hat, bezeichnete Louise Jacobson als „notre Anne Frank“.[8]
Auch manche Namen öffentlicher Gebäude erinnern an Opfer des Holocaust. So die Gesamtschule Anne Frank im 11. Arrondissement.
Hier wurde die Erinnerungstafel an der Fassade zum Holocaust-Gedenktag mit einem neuen Blumengebinde des Pariser Rathauses versehen.
Auch zwei andere öffentliche Gebäude, die wir öfters nutzen, tragen Namen von Opfern des Holocaust: Die Mediathek Hélène Berr im 12. Arrondissement und das Schwimmbad Alfred Nakache im 20. Arrondissement. Hèlène Berr ist eine französische Jüdin, die im April 1945 –wie Anne Frank- im KZ Bergen-Belsen umgekommen ist. Ihr Pariser Tagebuch 1942-1944 ist „ein bewegendes Dokument zur Geschichte des Holocaust, vergleichbar mit den Tagebüchern von Anne Frank.“ (Verlagstext Fischer-Verlag).
Auch das Schwimmbad Alfred Nakache im 20. Arrondissement, das wir öfters besuchen, wenn unser benachbartes „Hausbad“ mal wieder jede sich nur bietende Gelegenheit nutzt, seine Pforten zu schließen, ist nach einem Opfer des Holocaust benannt: Nämlich nach dem „Schwimmer von Auschwitz“.
Nakache war französischer Rekordschwimmer, Teilnehmer an der Olympiade 1936 in Berlin, wurde ab 1940 zunächst ein Opfer der Rassegesetze der Vichy-Regierung, dann von den Nazis über das Lager Drancy nach Auschwitz deportiert, wo er heimlich mit anderen Gefangenen im Löschwasserbecken schwamm. Dank seiner physischen Konstitution und seines Lebenswillens überstand Nakache Auschwitz und sogar den Todesmarsch nach Buchenwald, wo er im April 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Er begann sofort wieder mit dem Training, wurde 1946 noch einmal französischer Meister und konnte sich sogar noch einmal für die Olympischen Spiele in London 1948 in London qualifizieren, wo er das Halbfinale über 200 Meter Brust erreichte!
Schade ist, dass an dem Schwimmbad zwar auf großen Transparenten über die Geschichte der Pariser Schwimmbäder informiert wird, nicht aber über das unglaubliche Leben des Namensgebers. Das darauf angesprochene Schwimmbadpersonal konnte auch nur auf das Internet als Informationsquelle verweisen…. Aber auch an der Gesamtschule Anne Frank und an der Mediathek Hélène Berr fehlen –wenn auch noch so kurze- Informationen zu den Namensgeberinnen. Schade!
Das Ende des gaullistischen Mythos vom geeinten Land des Widerstands
Auf den an den Pariser Schulen angebrachten Erinnerungstafeln wird ausdrücklich auf die Beteiligung der Regierung von Vichy an der Deportation jüdischer Kinder hingewiesen.
Angebracht wurden die Tafeln 2004/2005 auf Initiative der Association Pour la Mémoire des Enfants Juifs Déportés (AMEJD) und auf Beschluss des Pariser Stadtrats, der allerdings keineswegs unkontrovers war: Dass auf den Tafeln als Täter gleichberechtigt die „Nazi-Barbarei“ (nota bene: nicht „Deutschland“) und die Regierung von Vichy genannt werden, veranlasste die rechten Parteien, sich vehement gegen die Anbringung dieser Erinnerungstafeln an den städtischen Schulen zu wehren.
Es gehörte lange zu dem von de Gaulle aus politischen Opportunitätsgründen gepflegten nationalen Selbstbild, ein Land der Opfer und des allgemeinen Widerstands gegen die Besatzung gewesen zu sein. Das aktive Mitwirken von Franzosen an der Identifizierung, Verhaftung, Internierung und Auslieferung von Juden wurde also verdrängt. Kein einziger französischer Gendarm, der an antisemitischen Aktionen –und Ausschreitungen- beteiligt war, wurde je vor Gericht gestellt oder hatte nach 1945 irgendwelche beruflichen Nachteile zu erleiden. Selbst der oberste Judenjäger und Chef der Vichy-Polizei, Bousquet, konnte, da er rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt hatte, wegen seiner „Verdienste für die Résistance“ fast ungeschoren davon kommen und im Nachkriegs-Frankreich weiter politisch und publizistisch Karriere machen.[9]
Ein bezeichnendes Beispiel für die Tendenz der Verdrängung ist der Umgang mit Alain Resnais‘ 1956 entstandenem dokumentarischen Kurzfilm „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel) über die Schrecken der Judenvernichtung- 30 Jahre vor Lanzmanns Shoah-Film. Nach dem Urteil von François Truffaut « un film sublime, dont il est très difficile de parler… toute la force du film réside dans le ton adopté par les auteurs : une douceur terrifiante… » Der Film – immerhin unter Mitwirkung des offiziellen Komitees der Geschichte des 2. Weltkriegs (CHGM) entstanden- wurde für das Festival von Cannes 1956 ausgewählt, aber dann Objekt der Zensur: Die Mütze eines französischen Gendarmen in einem der von Vichy eingerichteten Internierungslager musste wegretuschiert werden, was allerdings nicht ausreichte: Auf Druck der deutschen Botschaft in Paris und des französischen Außenministeriums wurde der Film aus dem offiziellen Programm der Filmfestspiele entfernt und konnte nur inoffiziell am Rande gezeigt werden; selbst dort übrigens ohne französische Mütze- die Originalversion ist erst seit den 1990-er Jahren wieder zu sehen.[10]
Es war dann Marcel Ophüls‘ wegweisender Dokumentarfilm Le Chagrin et la Pitié (deutsch: Das Haus nebenan- Chronik einer französischen Stadt im Krieg) von 1969, der „das Bild vom im Widerstand geeinten Frankreich zum Wanken brachte“ und der Anlass einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung in Frankreich wurde.[9] Kern des Films sind Interviews, die Ophüls und seine beiden Mitarbeiter André Harris und Alain de Sédouy mit Zeitzeugen geführt haben, so dass ein Bild des täglichen Lebens in der Stadt Clermont-Ferrand im nicht besetzten „freien“ Teil Frankreichs unter der Herrschaft der Regierung von Vichy entsteht. Die Zeitzeugen sind –neben einigen prominenten Angehörigen des Widerstands- überwiegend durchschnittliche Franzosen.
Das Gesamtbild, das sich aus dem über vierstündigen Film ergibt, war höchst provokativ:
Das Frankreich von Vichy besaß danach –jedenfalls bis zur Besetzung der „freien Zone“ durch deutsche Truppen im November 1942, einen beträchtlichen Handlungsspielraum. Und die Gesetze, Handlungen und Pläne des Vichy-Regimes gehorchten zwar zu einem Teil den Umständen von Niederlage und Besatzung, zu einem wesentlichen Teil aber auch einer inneren Logik, die von der politischen und ideologischen Geschichte Frankreichs bestimmt war.
Es gab einen eigenständigen französischen Antisemitismus, der vom staatlichen Antisemitismus des Vichy-Regimes favorisiert wurde, aber unabhängig war von dem Antisemitismus der Nazis.
Die Kollaborateure waren nicht unbedingt auf eigene Vorteile bedachte Verräter, sondern es gab auch Überzeugungstäter, die sich ohne Rücksicht auf die eigene Person auf Seiten der Nazis engagierten.
Der Film löste einen Skandal aus und provozierte heftige Kritik von allen Seiten, von der Linken (Jean Paul Sartre) über die Liberalen (Simone Veil) bis zu den Rechten (die Gaullisten), die alle fanden, dass die Rolle der eigenen Gesinnungsgenossen in den dunklen Jahren Frankreichs nicht richtig oder nicht hinreichend gewürdigt worden sei. Aber natürlich wollten und konnten die Autoren nicht DEN Film über die Zeit der Besatzung machen, sondern sie haben besonders –im Geiste von 1968- solche Aspekte ins Scheinwerferlicht gerückt, die bisher eher unterbelichtet oder gar ausgeblendet waren.[12]
Das gab und gibt dem Film bis heute seinen großen Wert. Die Filmemacher allerdings mussten die staatliche französische Fernsehgesellschaft ORTF, die den Film in Auftrag gegeben hatte, verlassen, und der Film wurde 1969 –ausgerechnet!- in Deutschland, fertig gestellt, wo Ophüls nun arbeitete. In Frankreich war der Film allerdings tabu. Simone Veil, Ministerin unter de Gaulle und –inzwischen pantheonisierte- Angehörige des Widertands, fand, der Film zeige das unzutreffende Bild eines feigen, egoistischen und bösen Frankreichs und Jacques de Bresson, damals Chef des ORTF und auch ein prominenter Angehöriger des Widerstands, war der Auffassung, der Film zerstöre Mythen, „die die Franzosen noch brauchen“.[13] So durfte der Film erst 1981 offiziell ausgestrahlt werden, am 28./29. Oktober in FR 3 vor 15 Millionen Zuschauern.
Inzwischen hatte aber schon der amerikanische Historiker Robert O. Paxton zum ersten Mal die Rolle des Collaborations-Regimes von Vichy wissenschaftlich fundiert dargestellt. Sein Buch Vichy France, Old Guard and New Order, 1940-1944 erschien 1972 in den USA, ein Jahr später in französischer Übersetzung. Paxtons Bilanz der illusionären Collaboration von Vichy ist vernichtend.[12] Vor allem hebt Paxton den Antisemitismus von Vichy hervor, den er als dessen größte Schande bezeichnet. Ohne den geringsten Druck Nazi- Deutschlands habe Vichy mit seinen Gesetzen vom 3. und 4. Oktober 1940 den Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Leben verfügt (le statut des Juifs) und die Internierung ausländischer Juden ermöglicht. Vichy habe zwar mit seiner selbst gewollten Diskriminierung von Juden nicht auch den Völkermord beabsichtigt, aber es habe in Frankreich Voraussetzungen für die Organisation der „Endlösung“ geschaffen.[15]
Plakette am ehemaligen Sitz des „Generalkommissariats für Judenfragen“, dem „Werkzeug der antisemitischen Politik des Etat français von Vichy“.
Das Generalkommissariat befand sich am Platz der Petit-Pères im 2. Arrondissement im Gebäude einer „arisierten“ jüdischen Bank.
Eine ganz entscheidende Rolle bei der französischen „Aufarbeitung der Vergangenheit“ spielten die hartnäckigen und unermüdlichen Bemühungen von Serge und Beate Klarsfeld, deutsche Kriegsverbrecher und ihre französischen Handlanger vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Ein Meilenstein, ja Wendepunkt war dabei der Prozess gegen Klaus Barbie, alias Klaus Altmann, den „Schlächter von Lyon“, im Juli 1987.[14] Dazu kamen dann Anklagen und auch Prozesse gegen französische Helfershelfer, die nach dem Krieg entweder mit freundlicher Unterstützung westlicher Geheimdienste oder der katholischen Kirche untergetaucht oder bei Gaullisten oder Sozialisten weiter Karriere gemacht hatten. Ein Beispiel dafür ist Maurice Papon. Der war im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Er gehört aber –wie der oberste Polizeichef von Vichy- René Bousquet- zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur Résistance knüpften. So konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen, u.a. als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im brutalen Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, dann als Polizeichef von Paris, wo er Demonstrationen für die Unabhängigkeit Algeriens blutig niederschlug. Zwischen 1978 und 1981 war er sogar noch Minister in zwei Regierungen. Dann deckte die Zeitung Le Canard Enchaîné seine in Vergessenheit geratene Vergangenheit als williger Helfershelfer der „Endlösung“ auf. Aber erst 1998 wurde er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er aber nur 3 Jahre absitzen musste. Aber dennoch: Der pädagogische Zweck, den die Klarsfelds mit ihrem Engagement auch verfolgten, war erreicht, vergleicht man, wie Serge Klarsfeld in seinen Memoiren, die Situation Mitte und Ende des Jahrhunderts:
„Im Oktober 1944 hielt Papon bei der Befreiung von Bordeaux eine Rede, in der er die Patrioten und die deportierten Juden ehrte. Und die französische Gesellschaft war der Meinung, dass die Franzosen, die die Juden verhaftet und den Deutschen ausgeliefert hatten, sich nichts vorzuwerfen hätten: Sie hätten nur ihre Pflicht getan, und es sei besser gewesen, dass sie es gemacht hätten als die Deutschen. 1998 hat das französische Volk entschieden, dass sich der französische Staatsapparats von Vichy zum wichtigen und unabdingbaren Komplizen der Deutschen bei ihrem Plan zur Vernichtung der Juden gemacht hatte.“[17]
Die Anerkennung der französischen (Mit-)Verantwortung
Es war der damalige Präsident Jacques Chirac, der 1995 offiziell die Beteiligung Frankreichs an der Deportation der Juden anerkannte, und zwar in einer außerordentlichen –und wie man sagen muss: mutigen- Rede, fast vergleichbar mit dem historischen Kniefall Willy Brandts in Warschau. Die Wahrheit sei, so Chirac damals, dass das Verbrechen in Frankreich von Frankreich begangen worden sei („le crime fut commis en France par la France“.[18]), aber gegen die Werte und Ideale, für die Frankreich stehe. Chirac brach damit ein Tabu, das noch in der Tradition de Gaulles von seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterand gepflegt wurde. Mitterrand hatte es stets vermieden, eine Mitverantwortung Frankreichs anzuerkennen, das er durch das mit den Nationalsozialisten kollaborierende Vichy-Regime nicht repräsentiert sah, sondern allein durch die in London ansässige Exil-Regierung des „Freien Frankreichs“ des Generals de Gaulle. Noch 1992, anlässlich des 50. Jahrestags der Deportationen, hatte er in seiner Rede betont, man könne „von der Republik keine Rechenschaft verlangen, sie hat getan, was sie musste.“[19]
Chirac hielt seine Rede anlässlich des 53. Jahrestags der Razzia des Wintervelodroms, der rafle du Vel d’hiv. Damals wurden in Paris von der französischen Gendarmerie fast 13 000 ausländische oder staatenlose Juden, darunter viele Frauen und etwa 4000 Kinder, verhaftet, die in Frankreich Zuflucht gesucht hatten. Sie wurden tagelang unter unsäglichen Bedingungen im Wintervelodrom in der Nähe des Eiffelturms eingepfercht, einer ersten Station auf dem Weg in die Vernichtungslager .[20]
Jacques Chirac am Mahnmal für die Opfer der Judendeportationen am 16. Juli 1995
Es dauerte dann bis 2012, bis wieder ein französischer Präsident, nämlich François Hollande, am Ort des ehemaligen Wintervelodroms eine Rede hielt. Hollande bezog sich direkt auf die Rede Chiracs von 1995 und wiederholte dessen Worte: „La vérité, c’est que le crime fut commis en France, par la France.“. Und wahr sei auch, dass kein einziger deutscher Soldat beteiligt gewesen sei, sondern dass auf der Grundlage der von der Vichy-Regierung erstellten Listen allein die französische Gendarmerie die Razzia durchgeführt und die verhafteten Juden bis zu den Internierungslagern transportiert habe.[21]
War 70 Jahre nach den damaligen Ereignissen eine „mémoire apaisée“ erwartet worden, so zeigten die Reaktionen auf die Rede Hollandes, dass die Erinnerung an die Rolle Frankreichs bei den Judendeportationen immer noch höchst umstritten war. Henri Guaino, der gaullistische Redenschreiber (plume) Sarkozys, zeigte sich, wie andere Stimmen aus dem rechten Lager, „scandalisé“: Frankreich habe mit den damaligen Verbrechen nichts zu tun, das wahre Frankreich sei seit dem 18. Juni 1940, der Widerstandsrede de Gaulles, in London gewesen. Aber auch auf Seiten der Linken wurde –in der Tradition Mitterands- jede Verantwortung Frankreichs geleugnet: Man könne doch nicht so tun, so der sozialistische Senator Chevenement, als sei der 1940 nach der Kapitulation (angeblich) illegal an die Macht gekommene Pétain Frankreich gewesen. Das veranlasste dann den Historiker Henri Rousso, einen Spezialisten des Vichy-Regimes, zu einer Klarstellung: Man müsse zwischen den Werten und den Fakten unterscheiden: Natürlich repräsentiere Vichy nicht, wie Chirac und Hollande ja auch feststellten, die Werte Frankreichs, aber Vichy habe durchaus eine auch international anerkannte Legitimität besessen. Insofern verstehe er die Kritik an der Rede Hollandes nicht.[22]
2017 war es dann Präsident Macron, der sich am Mahnmal des Vel d’Hiv zur Verantwortung Frankreichs für die Deportationen bekannte. „Ja, ich wiederhole es hier, es war tatsächlich Frankreich, das die Razzia und danach die Deportation organisierte“- und damit auch den Tod fast aller am 16./17. Juli 1942 aus ihren Wohnungen geholten 13 152 Juden. Aber auch jetzt wieder erhob sich der übliche Entrüstungssturm: von Jean-Luc Melenchon und Jacques Sapir, für den die Rede Macrons „ein Skandal“ war, auf der Linken – bis Marine le Pen auf der Rechten, die sich treuherzig auf de Gaulle, Mitterand und Guaino berief. [23]
Von einer gemeinsamen nationalen Erinnerungskultur kann in Frankreich also immer noch keine Rede sein: (24) Umso wichtiger die sehr eindringliche, aber nicht aufdringliche Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit im öffentlichen Raum der Stadt Paris.
Im Zusammenhang mit dem schrecklichen Mord an dem Lehrer Samuel Paty wurde auch wiederholt auf Probleme hingewiesen, die manche Lehrkräfte an „Brennpunktschulen“ bei der Behandlung der Judenvernichtung im Unterricht haben.
[7] Patrick Modiano, Dora Bruder. München dtv 2014, S. 110/111. Louise Jacobson besuchte allerdings nicht -wie Modiano- das von ihrem Wohnort weit entfernte Elitegymnasium Henri IV, sondern das lycée Hélène Boucher am Cours de Vincennes, an dem ich immer vorbeifahre, wenn wir im benachbarten Gymnasium Maurice Ravel Chorprobe haben.
Zur wechselhaften Petain-Rezeption und einer entsprechenden Apologetik siehe den Beitrag von Jörn Leonhard: Mythisierung und Mnesie: Das Bild Philippe Pelains im Wandel der politisch-historischen Kultur Frankreichs seit 1945. In: Georg Christoph Berger Waldegg (Hrsg.): Führer der extremen Rechten: Das schwierige Verhältnis der Nachkriegsgeschichtsschreibung zu „Grossen Männern“ der eigenen Vergangenheit. Zürich: Chronos, 2006, S. 109-129. Sonderdruck aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:
[10] Noch im 2010 gab es übrigens einen Vorfall, der an den Umgang mit „Nacht und Nebel“ erinnert. Da sollte an dem Journée nationale du souvenir et de la déportation die Zeitzeugin Ida Grinspan, mit 14 Jahren nach Auschwitz deportiert, in einem Collège am Rande von Paris aus ihren als Buch erschienenen Erinnerungen vorlesen. Darin ist auch ein Brief enthalten, in dem sie ihre Verhaftung durch drei französische Polizisten beschreibt. Die Stadtverwaltung , die von dem Vorhaben erfahren hatte, forderte zunächst in Gestalt eines Beigeordneten –und ehemaligen Polizisten- , dass Grinspan nicht von „Gendarmen“ sprechen sollte, weil das “trop stigmatisante pour une profession“ sei, also zu stigmatisierend für einen Berufsstand. Statt dessen solle sie von „Männern“ sprechen. Dem Bürgermeister reichte das aber nicht, sondern er widersetzte sich insgesamt der Lektüre des Textes. Dass die betroffene, engagierte Lehrerin dies nicht einfach hinnahm und die Angelegenheit ein entsprechendes öffentliches Echo auslöste, veranlasste den Bürgermeister dann doch, seine Zensur fallen zu lassen und sich bei Ida Grinspan zu entschuldigen. https://www.lemonde.fr/societe/article/2010/04/29/la-lettre-d-une-deportee-censuree-dans-les-deux-sevres_1344650_3224.html
[11]https://www.arte-edition.de/item/4009.html Zu der Auseinandersetzung um den Film in Frankreich siehe die sehr fundierte Darstellung von Henry Rousso in: Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours. Éditions du Seuil 1987, Abschnitt: Impitoyable Chagrin (So die Typographie in der Ausgabe), S. 121ff
[12] Insofern ist das Lob in der nachfolgenden Filmkritik berechtigt, die nachfolgende Kritik allerdings nicht: Le film tire sa force du fait même qu’il rappelle l’importance de la collaboration – révélant ainsi que la France était loin à cette époque d’être unanimement gaulliste – mais sa faiblesse tient à la façon qu’il a de présenter la collaboration comme le résultat d’attitudes purement individuelles. Le film souffre de cette propension, inhérente à la plupart des émissions historiques télévisées, à n’étayer un fait historique que sur des témoignages individuels en excluant toute approche d’ensemble des données d’un phénomène historique telle que l’étude des structures sociales, des institutions politiques ou des mentalités. (Le Cinéma français.1960-1985 sous la direction de Philippe de Comes et Michel Marmin avec la collaboration de Jean Arnoulx et Guy Braucourt. Paris: Editions Atlas, 1985. 76-77.)
Siehe auch Azéma, Jean-Pierre, Wieviorka Olivier. Vichy 1940-1944. Librairie Académique Perrin, 1997. S. 262: Les réactions les plus hostiles provenaient de celles et de ceux qui avaient vécu la période: les nostalgiques du pétainisme sans doute, mais également nombre de résistants non communistes qui ne se retrouvaient pas dans l’économie générale du film, ou de personnalités engagées dans les batailles de mémoire. Ainsi Simone Veil s’en montre une adversaire tenace, parce que Ophuls a, selon elle, ‚montré une France lâche, égoïste, méchante, et noirci terriblement la situation‘
[14] Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Éditions du Seuil 1973
[16] Siehe Henry Rousso a.a.O, S. 229f und besonders S.242 Zu der Jagd auf Klaus Barbie siehe natürlich auch die Memoiren von Beate und Serge Klarsfeld, Paris: Fayard/Flammarion 2015
[17] Beate und Serge Klarsfeld, Mémoires. Paris: Fayard/Flammarion 2015, S. 576 und 596
(24) In Deutschland gibt es diesen Konsens leider auch nicht (mehr): Siehe die berüchtigte „Fliegenschiss“-Metapher des AfD-Vorsitzenden Gauland oder die einschlägigen Beiträge des thüringischen AfD-Vorsitzenden Höcke.
Weitere geplante Beiträge:
Seraphine Louis und Wilhelm Uhde: Die wunderbare und tragische Geschichte einer französischen Malerin und ihres deutschen Mäzens
Gravelotte: Ein einzigartiger Erinnerungsort an den deusch-französischen Krieg 1870/1871
Die Bäderstadt Vichy: Der Schatten „Vichys“ über der „Königin der Kurbäder“
Am 11. November 2020 wurden -aufgrund der Covid-19-Pandemie in eingeschränktem Format- die sterblichen Überreste des Schriftstellers Maurice Genevoix ins Pantheon überführt. (1) Zusammen mit ihm wurden in einem symbolischen Akt auch die (französischen) Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs, „Ceux de 14“, in den Tempel der „grands hommes“ aufgenommen: „Ceux de 14“ ist gleichzeitig der Titel des großen vierbändigen Werkes, das Genevoix über den Krieg geschrieben hat.
Im nachfolgenden Bericht werden zunächst Maurice Genevoix und sein großer Kriegsbericht vorgestellt. Ein Schwerpunkt dabei ist Les Éparges, ein Kriegsschauplatz in der Nähe von Verdun. Dort hat Genevoix als Offizier an den erbitterten Kämpfen teilgenommen und wurde schwer verwundet.
Danach wird erläutert, wie es zur Entscheidung für die Pantheonisierung Genevoix‘ und gleichzeitig aller Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs gekommen ist und welche Bedeutung sie hat.
Den Schluss des Berichts bilden einige kritische Bemerkungen zu der pauschalen republikanischen Sakralisierung von Soldaten, wie sie jetzt in Frankreich vorgenommen wurde – ein in Deutschland kaum vorstellbarer Vorgang.
Maurice Genevoix und „Ceux de 14“
Nach seiner Schulzeit studierte der 1890 geborene Genevoix an der Pariser Elitehochschule École normale supérieure (ENS). Zu Beginn des Weltkriegs wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, nahm an den Kämpfen an der Marne und bei Verdun teil und wurde bei Les Éparges schwer verwundet. Damit war der Krieg für ihn als Soldat beendet, aber es begann nun eine Karriere als Schriftsteller. Auf Anregung seines Hochschullehrers hatte er seit Beginn des Krieges ein Tagebuch geführt, auf dessen Grundlage er 1916 den Kriegsbericht „Bei Verdun“ veröffentlichte.
Auch wenn damals die Literatur etwas mehr Freiraum hatte als die stark zensierte Presse, so war doch Genevoix‘ Darstellung der Schrecken des Krieges für die Zensur allzu realistisch. Das Buch erschien deshalb mit zahlreichen weißen Seiten. „Gestrichen wurden die absurden Befehle der „bellenden Generäle“ und ihr Missbrauch der Soldaten als Kanonenfutter. Zensiert wurden auch Abschnitte über Gewalt gegen die eigene Bevölkerung und an den Gefangenen, über Plünderungen und Momente panischer Angst in der Truppe. Nicht gedruckt werden durften Hinweise, in denen die Qualität der deutschen Soldaten und ihrer Schützengräben gelobt wurde. Die Zensur verhinderte auch, dass Genevoix für sein Debüt 1916 den Prix Goncourt bekam.“ [1a]
Genevoix zeigt eine von der Zensur unterdrückte Seite der Originalausgabe von „Sous Verdun“
Es folgten weitere Kriegsberichte, die Genevoix 1949 unter dem Titel „Ceux de 14“ zusammenfasste und in vier Abschnitte gliederte: Sous Verdun (1916), Nuits de guerre (Kriegsnächte, 1917), La Boue (Der Schlamm, 1921) und Les Éparges (1923).
Es sind persönliche Berichte aus der Ich-Perspektive – Folge der ursprünglichen Tagebuch-Form. Aber es geht Genevoix nicht darum, die eigene Rolle hervorzuheben oder gar zu glorifizieren. Wie auch andere Schriftsteller des Krieges ersetzt er „den Singular des klassischen Helden durch den Plural einer Vielzahl von Figuren.“ Diese Ablösung des Individuums entspricht der Ablösung einer Kriegsform, die individuelle Zweikämpfe von Mann gegen Mann noch zuließ, durch den modernen technischen Krieg zwischen anonymen Heermassen. Diese konsequente Entindividualisierung und Entheroisierung des Geschehens unterminiert schließlich auch dasjenige Ereignis, das in den patriotischen und nationalistischen Darstellungen als Akt des Heroismus schlechthin gilt: den heldenhaften Tod für das Vaterland.[2] Die vielen Kameraden, deren Tod Genevoix mit großem Realismus und mit großer Anteilnahme beschreibt, sind für ihn nicht „auf dem Feld der Ehre“ gestorben, sondern in verschlammten Schützengräben oder Granattrichtern.
Ebenfalls eine Folge der ursprünglichen Tagebuch-Form ist das Präsens, das Genevoix in seinen Berichten verwendet. Aber es ist auch Ausdruck eines bestimmten Standortes des Erzählers. „Dieser kann den gesamten Zeitraum des Geschehens nicht mehr aus der zeitlichen Distanz und der Perspektive ihres Endes, Zieles und Sinns überblicken, sondern er muss ‚in actu‘ unmittelbar während oder kurz nach den Ereignissen berichten. Ebenso wie der räumliche ist mithin auch der zeitliche Blickwinkel begrenzt. Diese Erzählweise bringt es mit sich, dass dem Geschehen Ende, Ziel und Sinn verloren gehen und die zielgerichtete Entwicklung der Geschichte in eine Abfolge aneinandergereihter Ereignisse aufgelöst wird. Das Kriegsgeschehen erscheint unverständlich, sinnlos und absurd.“[3]
Genevoix war ein „normalien“, ein Intellektueller, der Latein und Griechisch beherrschte, der als Jahrgangsbester am Beginn einer verheißungsvollen wissenschaftlichen Karriere stand. Vor Verdun wurde er zum guerrier, zum Krieger, der ohne wenn und aber seinen „Job“ machte, ja der „den Kampf als eine Art republikanische Kommunion“ betrieb und liebte.[4] Den ihm anvertrauten Kameraden –meist einfache Leute aus dem ländlichen Frankreich- war er mit großer Zuneigung verbunden und stolz, wenn er die ihm befohlenen Weisungen „ohne ein Übermaß an Verlusten“ ausführen konnte. Bei seinem ersten Kriegseinsatz im September 1914 erhielt er den Auftrag, seine Einheit nach einem verlustreichen Angriff wieder auf einer rückwärtigen Position zu sammeln. Genevoix, damals Unterleutnant, berichtet im Rückblick:
„Von dem Zeitpunkt, als ich meine Männer führte, hatte ich keinen einzigen Verwundeten. Am Morgen danach erstatteten wir Rapport. Von den vier Einheiten der Kompanie war meine am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen worden: 21 Mann gefallen oder verwundet von einer Gesamtzahl von 60. Das war viel, aber ich hatte ein gutes Gewissen. Anstelle der Zustimmung, die ich erwartete, bekam ich bloß einen erstaunen, mißtrauischen Blick und ein mich empörendes: ‚Nur so wenig?`“ [5]
Später, in Les Éparges, konnten seine Vorgesetzten zufriedener sein: „Alleine in meinem Regiment überstiegen die seit dem Angriff vom 17. Februar zusammengerechneten Verluste den ursprünglichen Gesamtstand“. Und das „auf einer Frontlinie, die nicht über zwölfhundert Meter hinaus ging.“[6]
Les Éparges bezeichnet einen Höhenzug südöstlich von Verdun, der im September 1914 von deutschen Truppen besetzt wurde. Wegen seiner strategischen Bedeutung beschloss die französische Armeeführung seine Rückeroberung. Vom Angriffsbeginn am 17. Februar bis zum April 1915 tobten heftigste Kämpfe: Ständige Angriffe und Gegenangriffe, kleine Geländegewinne, die dann wieder verloren wurden, Hunger, Kälte, völlig verschlammte Schützengräben, pausenloser Artilleriebeschuss und Tausende und Abertausende Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten. Es war „schlimmer als die Hölle. All das ohne entscheidenden Sieg und mit keiner anderen Konsequenz als die Anhäufung von Leichen, von entstellten Gesichtern, von im Schlamm vergrabenen Köpfen, zerschossenen Bäumen, verwüsteten Landschaften.“[7]
Die „Massaker im Schlamm von Les Éparges“ (Genevoix) [8] machten aus dem jungen Offizier, der den Krieg und den Kampf liebte, zwar keinen Pazifisten wie seinen ebenfalls in Les Éparges eingesetzten Schriftstellerkollegen Jean Giono, aber einen Skeptiker, der vor der Absurdität des Kampfes nicht mehr die Augen verschließen konnte.[9]
In Ceux de 14 hat Genevoix folgende flehende Bitte an seine Leser besonders markiert:
« Pitié pour nos soldats qui sont morts ! Pitié pour nous vivants qui étions auprès d’eux, pour qui nous nous battrons demain, nous qui mourrons, nous qui souffrirons dans nos chairs mutilées ! Pitié pour nous, forçats de guerre qui n’avions pas voulu cela, pour nous tous qui étions des hommes, et qui désespérons de jamais le redevenir. »[10]
Mitleid mit unseren Soldaten, die gestorben sind! Mitleid mit uns Lebenden, die bei ihnen waren, für die wir morgen kämpfen werden, wir, die sterben werden, wir, die wir in unserem verstümmelten Fleisch leiden werden! Mitleid mit uns zum Krieg Verurteilte, die das nicht wollten, für uns alle, die wir Menschen waren und die daran verzweifeln, es jemals wieder zu werden.
Vor dem Rathaus von Les Éparges wurde dem Schriftsteller ein Denkmal errichtet mit folgendem Zitat auf dem Sockel: „Das was wir gemacht haben, ist mehr als das, was man von uns erwarten konnte, und wir haben es gemacht.“[11]Darauf war Genevoix stolz, aber er hat andererseits sogar diejenigen französischen Soldaten verstanden, die dieses „mehr als“ nicht mehr mitmachen wollten oder konnten. Das gehört auch zu dem Humanismus, der den Krieger Genevoix prägte.
Die Darstellung der Kämpfe um Les Éparges ist der Höhe- und Endpunkt seiner Kriegsberichte.
Sie enden mit seiner Verwundung, die er genau beschreibt:
„je suis tombé un genou en terre. Dur et sec, un choc a heurté mon bras gauche. Il est derrière moi; il saigne à flots saccadés. Je voudrais le ramener à mon flanc: je ne peux pas. Je voudrais me lever; je ne peux pas. Mon bras que je regarde tressaute au choc d’une deuxième balle, et saigne par un autre trou. Mon genou pèse sur le sol, comme si mon corps était de plomb; ma tête s’incline: et sous mes yeux un lambeau d’étoffe saute, au choc mat d’une troisième balle. Stupide, je vois sur ma poitrine, à gauche près de l’aisselle, un profond sillon de chair rouge.“[12]
In seinem ins Deutsche übersetzten Alterswerk „Nahaufnahme des Todes“ beschreibt er noch einmal, wie er seine Verwundung erlebt hat:
„Die Kugel erwischte mich auf der Innenseite des linken Armes. Mit einer solchen Härte, dass ich meinte, mein Arm sei weggerissen worden. Ich sagte ssofort, dass es eine Sprengkugel war, dass sie beim Explodieren den gesamten Nerven- und Gefäßstrang zerfetzte. Ich fiel auf der Stelle hin, nicht der Länge nach, sondern auf mein Knie. (…) Der Mann, der mich gerade niedergestreckt hatte, hatte mich immer noch im Korn seines Mausers. Er hatte Zeit, seinen Verschluss zu betätigen, er schoß neuerlich auf mich. …“ (12a)
Die zweite Kugel trifft Genevoix noch einmal im Arm, eine dritte seine Brust, ohne allerdings innere Organe zu verletzen. Genevoix wird mitten im Kampf aus der vordersten Frontlinie in Sicherheit gebracht und gerettet. Seinen linken Arm wird er allerdings nicht mehr gebrauchen können.
Am gleichen Tag wie Genevoix wird übrigens auch Ernst Jünger bei Les Éparges verwundet. Beide verarbeiteten ihre Kriegserlebnisse literarisch und wurden Schriftsteller, „die größten des Krieges“, wie Bernard Maris urteilt, immerhin der Schwiegersohn von Maurice Genevoix.[13]
Seine Rekonvaleszenz und das Ende des Krieges verbrachte Genevoix in seiner Heimat an der Loire, die auch den Hintergrund eines großen Teils seines nicht auf den Krieg bezogenen Werkes bildet. 1925 erhielt er für seinen Roman Raboliot den prix Goncourt, den bedeutendsten französischen Literaturpreis. 1946 wurde er in die Académie française, also in den Kreis der „Unsterblichen“, aufgenommen und schließlich sogar deren Sekretär – eine ganz besondere Auszeichnung. Und immer engagierte er sich für die überlebenden Kämpfer des Ersten Weltkrieges und bemühte sich, die Erinnerung an diesen Krieg und seine Schrecken wachzuhalten. Die 1967 eröffnete Gedenkstätte in Verdun geht auf seine Initiative zurück.[14]
Wie kam es zur Pantheonisierung und was bedeutet sie?
Im September 2011 unterbreitete Josef Zimet im Namen der Direction de la mémoire, du patrimoine et des archives dem damaligen Staatspräsidenten Sarkozy Vorschläge für die Durchführung der Feierlichkeiten zum 100. Jahrestrag des Ersten Weltkriegs. Eine der dort aufgeführten Maßnahmen war Die Überführung ins Pantheon von Maurice Genevoix, dem rechtmäßigen Sprecher der Generation der Veteranen des Ersten Weltkrieges am 11. November 2014.[15] Es sollte sich bei der Aufnahme ins Pantheon also nicht nur um einen symbolischen Akt handeln, sondern die sterblichen Überreste des auf dem Friedhof von Passy im Westen von Paris bestatteten Genevoix sollten -mit Zustimmung der Erben des Dichters- ins Pantheon überführt werden.
Grab von Genevoix auf dem Friedhof von Passy in Paris[16]
Allerdings wird der Vorschlag nun erst mit (mindestens) 6-jähriger Verzögerung ausgeführt. Ein Grund dafür war der Wechsel des Staatspräsidenten, zu dessen Privilegien die Benennung der „großen Männer“ (und Frauen) gehört, die ins Pantheon einziehen. 2012 wurde François Hollande zum Präsidenten gewählt, und der hatte, was die Pantheonisierungen angeht, andere Prioritäten: Im Mai 2015, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden vier Vertreter des Widerstands ins Pantheon aufgenommen: Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Jean Zay und Pierre Brosselette, denen 2017 Simon Veil folgte.[17]
Der Nachfolger Hollandes, Macron, nahm dann den Vorschlag des inzwischen zu seinem Kommunikationsberater avancierten Joseph Zimet auf und kündigte im November 2018 bei einer Rundreise zu den Schauplätzen des Ersten Weltkrieges in Les Éparges die Aufnahme von Maurice Genevoix ins Pantheon für den 11. November 2019 an. [18] Dieses Datum konnte allerdings nicht eingehalten werden. Die Vorbereitungen für die Pantheonisierung dauerten offensichtlich länger als geplant und der 11. November 2020 ist immerhin ein beziehungsreiches Datum: Denn 100 Jahre zuvor, am 11. November 1920, wurde zum ersten Mal unter dem Arc de Triomphe die Flamme über dem Grab des dort bestatteten unbekannten Soldaten entzündet. Insofern krönt die Zeremonie vom 11.11.2020 die 100 Jahre zuvor vollzogene republikanische „sanctuarisation“ der Kriegsopfer und weitet sie auf alle ehemaligen Kriegsteilnehmer aus. [20] .
Denn entsprechend der Ankündigung Macrons zieht Genevoix ja nicht allein ins Pantheon ein : Es sollten auch „Ceux de 14“ geehrt werden: einfache Soldaten, Offiziere, Generäle, Kriegsfreiwillige, Eingezogene, dazu auch die Frauen, die sich an der Seite der Kämpfenden engagiert hätten, „die ganze Armee, die ein Volk war, das ganze große Volk, das eine siegreiche Armee wurde“.[19]
Diese kollektive Pantheonisierng ist neu und überraschend: Es gibt zwar im Pantheon schon Plaketten zur Würdigung von Personengruppen, zum Beispiel eine Plakette für die 560 écrivains combattants de la Grande Guerre (darunter natürlich Genevoix) und eine andere, die die Justes de France ehrt, die Männer und Frauen also, die im Zweiten Weltkrieg mit großem Mut jüdische Mitbürger vor dem Tod retteten und den Auftrag der Brüderlichkeit mit Leben erfüllten. Aber das waren doch genau bestimmte Personengruppen und auch nur Würdigungen, während es jetzt um„tous les soldats de 1914“ geht und um eine regelrechte, wenn auch natürlich nur symbolische pauschale Pantheonisierung. [21] Die Bedeutung einer solchen Ehrung liegt auf der Hand: Damit soll „die nationale Einheit der Franzosen in der Kriegszeit“ in Szene gesetzt werden. ‚Cohesion nationale‘, ‚rassemblement national‘, ‚unité nationale‘ seien, wie Arndt Weinrich in einem Artikel über die französische Erinnerungspoltik aus Anlass des 100. Jahrestags des Ersten Weltkriegs schrieb, immer wiederkehrende Schlagworte. Insbesondere gehe es dabei darum, „durch die Würdigung der Opferbereitschaft vergangener Generationen die Bevölkerung in die Pflicht zu nehmen, den Herausforderungen der Zukunft tapfer und mit Selbstbewusstsein zu begegnen.“[22]
Dieser Text ist 2011 geschrieben, als zum ersten Mal die Pantheonisierung von Maurice Genevoix auf die politische Tagesordnung kam. Die hier herausgestellte Bedeutung einer solchen Ehrung ist aber immer noch oder sogar mehr denn je zutreffend: Heute befindet sich ja Frankreich, nach der Überzeugung seines Präsidenten, wieder im Kriegszustand – diesmal gegen das Covid 19- Virus, und dies versucht er immer wieder und eindringlich der Bevölkerung zu vermitteln, die er zu einer „mobilisation générale“, zu einer Generalmobilmachung, aufruft. Beschworen wird dabei auch die „union sacrée“- ein direkter Bezug zum „Großen Krieg“ von 1914 – und dies in einem Land, das in den letzten Jahren von zunehmender Spaltung gekennzeichnet ist. Dazu kommt schließlich auch der ebenfalls von Macron ausgerufene Krieg gegen den islamistischen Terrorismus: Frankreich befindet sich also gewissermaßen in einem Zweifrontenkrieg: ein doppelter Grund, die Einheit der Franzosen und die „continuité entre ceux 14 et ceux de 2020“ zu beschwören. [23]
Mir persönlich, das möchte ich abschließend anmerken, erscheint allerdings die pauschale Ehrung aller (französischer) Soldaten des Ersten Weltkriegs fragwürdig. Denn „Ceux de 14“ sind ja nicht nur die braven Kameraden des Leutnants Genevoix, die von ihm mit großer Zuneigung und Menschlichkeit beschrieben werden. Sondern es gehören dazu auch brutale Schlächter, Plünderer, Vergewaltiger, Leichenfledderer, furchtbare Juristen, die in Standgerichten mit Todesurteilen wüteten, Befehlshaber, für die die einfachen Soldaten nur Kanonenfutter waren, und es gehört dazu auch Pétain, der „Sieger von Verdun“ ….
Man muss ja nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der 1931 in einer Glosse der Weltbühne lapidar feststellte: Soldaten sind Mörder – eine Behauptung übrigens, die in Deutschland laut Bundesverfassungsgericht auch heute noch öffentlich vertreten werden darf. Man muss sich auch nicht den durchaus nicht marginalen Politikern in Berlin anschließen, die eine „Entmilitarisierung des öffentlichen Raum“ fordern. Würde man dem in Frankreich nachkommen, würden auf einen Schlag die „großen Männer“ des Pantheon dezimiert und Paris wäre nicht mehr wiederzuerkennen. Die Berliner „Entmilitarisierungs-Debatte“ bezieht sich übrigens auf Straßen und Plätze, die nach Generälen und Schauplätzen von Schlachten aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813-1815 benannt sind. Das mag ja eher unverdächtig erscheinen, aber als Begründung wird darauf verwiesen, dass es sich bei Generälen wie Scharnhorst, Gneisenau oder Blücher ja keinenfalls um lupenreine Demokraten gehandelt habe, die heute noch Vorbild sein könnten. Und dann wird auf die europäische Einigung und die enge Partnerschaft zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ Frankreich und Deutschland verwiesen. [24] Da ist dann offenbar sogar der Kampf gegen einen machthungrigen Eroberer wie Napoleon anrüchig…
In Frankreich ist man da offenbar weniger skrupulös (was nicht nur unzählige Ortsbezeichnungen hinlänglich beweisen). Ursprünglich hatte Macron jedenfalls beabsichtigt, Georges Clemenceau zu pantheonisieren, worauf er allerdings wegen testamentarischer Probleme verzichten musste.[25] Tatsächlich Clemenceau? … Der war doch 1919 der Vertreter Frankreichs bei den Verhandlungen der Alliierten, der die linksrheinischen Gebiete vom Deutschen Reich abtrennen und dort unabhängige Kleinstaaten unter französischer Kontrolle errichten wollte und der in Versailles alles daran setzte, um der jungen deutschen Republik einen möglichst harten, demütigenden Vertrag aufzuzwingen und sie mit einer schweren Hypothek zu belasten? Für ihn waren die Deutschen eben „boches“, egal ob Deutschland ein Kaiserreich oder eine Republik war. So hat er dazu beigetragen, dass aus dem 4-jährigen Ersten Weltkrieg ein „Dreißigjähriger Krieg“ (de Gaulle) wurde…
Also dann doch besser Genevoix und (sehen wir von den anderen ab) seine braven poilus, die –wie die „Feldgrauen“ auf der anderen Seite- nach anfänglicher Begeisterung und der Hoffnung auf einen schnellen Sieg (à Berlin/à Paris) einen sinnlosen mörderischen Bruderkrieg ausfochten und hofften, möglichst mit heiler Haut wieder davonzukommen.
Genevoix und „Ceux de 14“ führen heutigen Lesern drastisch vor Augen, „von welchen Abgründen heraus die mittlerweile selbstverständliche deutsch-französische Aussöhnung ihren Anfang nehmen musste.“[26] Daran zu erinnern bleibt auch und gerade hundert Jahre später noch aktuell.
Die Beschwörung der Toten durch Präsident Macron hat Régis Debray als eine magische Beschwörung beschrieben, als Versuch einer „regonflage de ceux de 2020 par ‚ceux de 14′“:
„Le discours psalmodié au coeur de Paris, le 11 novembre 2020, par un jeune chef d’État moderniste est en tout point semblable à celui d’un chef de tribu Baruya en Nouvelle-Guinée. C’est un chapelet d’incantations votives aux glorieux disparus, qui les rend aussitôt présents dans l’assistance, hic et nunc. ‚Ils sont là, tous. Les voici qui arrivent par millions pour entrer sous ce dôme. Hier frères d’armes, aujourd’hui compagnons d’éternité, ils avancent…‘ Une operation magique, c’est une hallucination réussie. Des fantômes prennent corps. Le sorcier traverse le temps comme d’autre l’espace, hier et aujourd’hui, eux et nous, ne font plus qu’un.“ [26a]
Um der Pantheonisierung zusätzliches Gewicht zu verleihen, flankieren, wie die FAZ in ihrem Feuilleton am 11.11. schreibt, zwei Auftagswerke den Einzug: Ein Chorwerk des Komponisten Pascal Dusapin und sechs Riesenvitrinen des in Frankreich lebenden und dort sehr populären deutschen Künstlers Anselm Kiefer. Die Vitrinen verweisen zum Teil frei, zum Teil sehr direkt auf ‚Ceux de 14‘. „Eine von ihnen vereint kupferne Fahrräder und gebastelte Gewehre vor dem Ölbild eines Weizenfelds – ein leichtbewaffnetes ‚Bataillon‘ aus der Zeit vor den großen Materialschlachten. Eine andere lässt aus Asphaltschollen Mohnblüten aufsteigen: Evokation des hochsommerlichen Kriegsbeginns, aber auch der roten Hosen, die Frankreichs Infanteristen zu Zielscheiben machten. Eine nature morte mit zersprengten Zementplatten, aus deren offen liegenden Gitterrosten Halme mit vertrockneten Mohnkapseln wachsen, scheint Explosionswunden zu verkörpern, deren Schmerzen kein Opium zu betäuben vermag.“ [27]
„Stellenweise öffnen sich metaphysische Abgründe. ‚Was sind wir…‘, heißt es zu einer Vitrine mit Erdklumpen, schwarz-besudelten Textilien und gen Himmel gereckten Gewehren; darüber eine Kleiderwolke, auf der drei Miniaturholzstühle schwanken. Ein vierter liegt umgefallen am Boden, als Verweis auf die Heilige Dreifaltigkeit mitsamt Schlange, auf die Theodizeefrage, den Theologenstreit über die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Durch die Kleider in dieser Vitrine nur angedeutet, wird sie zur Hommage an die Frauen hinter den kriegführenden Männern.“
Dazu kommen noch zwei Riesenbilder: Das eine mit dem Titel ‚Ceux de 14- L’Armée noire- Celle de 14‘, das die Rolle der Frauen im Krieg und die etwa 500 000 Soldaten aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs würdigt, das andere benannt nach der ‚Voie sacrée‘, dem einzigen Zugangsweg zur umkämpften Festung Verdun. Die Vitrinen sind Geschenke des Künstlers, der Staat musste dafür nur die Sockel bereitstellen, während die Bilder Leihgaben sind, die nicht permanent im Pantheon zu sehen sein werden. Der FAZ-Autor Marc Zitzmann bedauert das, weil es „die schwärzesten, wuchtigsten Werke“ der neuen Installation seien. [28]
Anselm Kiefer, Ceux de 14- L’Armée noire- Celle de 14 Foto Wolf Jöckel
Der Ort der sterblichen Überreste von Maurice Genevoix in der Krypta des Pantheons
Die sterblichen Überreste von Maurice Genevoix sind zusammen mit denen Josephine Bakers im Gewölbe XIII zu finden. [29]
(1) Das Beitragsbild ist ein Portrait von Maurice Genevoix aus den ersten Kriegsmonaten. Es stammt von der homepage des Mémorial de Verdun. (copyright famille Genevoix)
[9] Marais, L’homme dans la guerre, S. 88/89. Siehe auch Bruno Frappa in La Croix vom 9. Okt 2013: Mais, peu à peu, devant l’évidence de la boucherie, devant les gros plans de la mort qui défilent devant lui, devant l’accumulation des pertes en hommes, ces hommes qu’il commande et avec lesquels il a des liens d’amitié et qui, comme lui, font la guerre sans trop protester, l’absurdité s’impose. Nachdruck des Artikels in: https://www.la-croix.com/Culture/Livres-et-idees/Maurice-Genevoix-temoin-saisissant-Grande-Guerre-2018-11-04-1200980706
[12] Maurice Genevoix, Les Éparges. Dernière partie de Ceux de 14. Éditions j’ai lu. Librio 1130. Paris 2015, S. 208 In seinem 1972 erschienenen Alterswerk Nahaufnahme des Todes thematisiert Genevoix noch einmal die drei Situationen des Krieges, in denen er gewissermaßen dem Tod ins Auge geblickt hatte.
(12a) Nahaufnahme des Todes, S. 84/85
[13] L’homme dans la guerre, S. 17 Am 7. Januar 2015 wurde Maris bei dem terroristischen Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo ermordet, bei der er ökonomisch und publizistisch engagiert war.
Siehe auch Laurence Campa in einem Artikel über die Pantheonisierung von Genevoix und Ceux de 14: „cette panthéonisation affiche clairement les intentions d’une politique mémorielle fondée sur les notions de devoir, de patriotisme et d’union sacrée“. Aus: Qui entrera au Panthéon le 11 novembre 2020? https://journals.openedition.org/elh/2072
[26] Jürgen Strasser im Vorwort zu Maurice Genevoix, Nahaufnahme des Todes, S. 8
[26a] Régis Debray, Le viex, le neuf et le Panthéon. Marianne vom 26.11.2020
[27] Marc Zitzmann, Die neue Symbolfigur der französischen Staatsraison. Maurice Genevoix wird in den Panthéon überführt, mit Kunst von Anselm Kiefer und Musik von Pascal Dusapin. FAZ vom 11. November 2020, S. 9
Die Mohnblume verweist natürlich auch auf die Kämpfe an der Somme, für die sie das Symbol ist.
Abbildung mit dem Portrait Kiefers vor einem seiner „Riesenbilder“ für das Pantheon aus: Le Point vom 8.11.2020
Zu den Arbeiten Anselm Kiefers im Pantheon ist ein nachfolgender Beitrag geplant.
Ein gutes Jahr nach dem Brand von Notre – Dame ist die Kirche eine riesige Baustelle, überragt von dem mächtigen Kran, mit dem das alte zerschmolzene und verbogene Gerüst entfernt und eine neues installiert wurde. (Alle Bilder sind aufgenommen am 20.8.2020)
Immerhin aber haben die Fassade, die beiden Türme und damit auch die Glocken den Brand unversehrt überstanden. Es hat nicht viel gefehlt und der Brand hätte auch dort mit noch katastrophaleren Folgen gewütet.
Das hat ein bravouröser Einsatz der Feuerwehrleute verhindert, und die alle bösen Eindringlinge abwehrenden Chimären Viollet-le-Ducs haben vielleicht auch dabei geholfen…
Zugänglich ist die Kirche natürlich nicht und wird es auch auf längere Zeit nicht sein. Sie ist umgeben von einem Bauzaun, der allerdings so dimensioniert ist, dass ein Teil des Vorplatzes der Kirche wieder zugänglich ist. Auf diesem Bauzaun sind nun Kinderzeichnungen zu Notre – Dame ausgestellt.
Sechs Monate nach dem Brand hatte der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, alle Kinder Frankreichs und der Welt dazu aufgerufen, die Kirche, die ihr kennt oder die Kirche, die ihr euch vorstellt, zu zeichnen.
Überschrift des Aufrufs: Dessine- moi Notre-Dame (Zeichne mir Notre-Dame)
Sicherlich nicht alle Kinder der Welt, aber wohl die meisten Frankreichs und viele in anderen Ländern kennen Saint-Exupérys Buch vom kleinen Prinzen, der bei seiner ersten Begegnung mit dem in der Sahara notgelandeten Erzähler diesen bittet, ihm doch ein Schaf zu zeichnen.
Das hat vielleicht dazu beigetragen, dass fast 6000 Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 16 Jahren dem Aufruf gefolgt sind. Eine kleine Auswahl der Arbeiten ist nun auf dem Bauzaun von Notre – Dame zu sehen.
Diese Gesamtdarstellung von Notre-Dame haben Schüler/innen der Schule Notre-Dame de France in Paris gemalt und alle haben unterschrieben. Den angegebenen Schulnamen nach zu schließen, waren es wohl viele private konfessionelle Schulen, die sich beteiligt haben. Altersangaben der Zeichner fehlen leider bei allen Abbildungen.
Motiv ist vor allem die Fassade, aber sie ist ja auch gewissermaßen das architektonische Markenzeichen der Kathedrale.
Manchmal wird auch der Brand thematisiert….
… und manchmal sind es die himmlischen Mächte, die ihre schützende Hand über die Fassade gehalten haben.
Hier ist es die Jungfrau Maria. Kein Wunder, denn die Zeichnung stammt von Magdalena aus Krakau, dem Ort der Marienkirche und des wunderbaren Marienaltars von Veit Stoß.
Besonders originell ist die Zeichnung von Loïc aus Frankfurt. (Eine Schule ist hier leider nicht angegeben). Loïchat mit Papier, Kleber (glue), Scheren und Buntstiften Notre-Dame gewissermaßen wieder aufgebaut.
In der Realität wird das natürlich viel länger dauern. Präsident Macron hatte unmittelbar nach dem Brand etwas vollmundig 2024 als Jahr der Wiederherstellung angekündigt, aber da kannte man noch nicht die zusätzlichen Probleme wie die Bleibelastung und die Covid 19- Pandemie und die dadurch bedingten Zeitverzögerungen …
Aber vielleicht wird ja Maria helfen. Deren Statue, die ihren Platz in der Kathedrale hatte, wurde jetzt auf dem Vorplatz der Kirche aufgestellt. (Foto September 2021)…
Der Garten das Palais Royal mit seinen Arkadengängen war seit deren Entstehung in den 1780-er Jahren ein Anziehungspunkt nicht nur für Pariser, sondern für Touristen aus aller Welt. Man ging dorthin, um zu essen, einzukaufen, sich zu unterhalten und zu amüsieren. Wollte man sehen und gesehen werden, ging kein Weg am Palais Royal vorbei. Es war gewissermaßen ein Vorläufer heutiger Einkaufszentren und die „Amüsiermeile“ von Paris. Zeitgenössische Berichte überbieten sich geradezu mit entsprechenden Superlativen.
Mehr dazu im vorhergehenden Bericht über Kommerz und Unterhaltung in den „wilden Jahren“ des Palais Royal:
Im nachfolgenden Bericht geht es um zwei für das Palais Royal ebenfalls zentrale Aspekte: nämlich seine politische und erotische Bedeutung. In beiderlei Hinsicht war es ein einzigartiger „hotspot“ in den wilden Jahren zwischen 1780 und 1830.[1]
Das Palais Royal als „Anti- Versailles“ und Schauplatz der Revolutionen
Am 12. Juli 1789 wird der Garten des Palais Royal Schauplatz eines Ereignisses, das in die Geschichtsbücher eingeht: Camille Desmoulins, ein junger, bis dahin weitgehend unbekannter junger Mann, er ist Journalist und Rechtsanwalt, steigt auf einen der im Garten aufgestellten Tische und ruft das Volk zu den Waffen. Was war der Anlass? Am Mittag des Tages war in Paris die Nachricht von der Entlassung des Finanzministers Necker durch Ludwig XVI. eingetroffen. Necker war beim Dritten Stand sehr beliebt, weil er dafür eingetreten war, den von der Nationalversammlung vorgebrachten liberalen Forderungen entgegenzukommen. Der König aber folgte den Scharfmachern in seiner Umgebung. Necker wird entlassen und zum Verlassen des Königreichs aufgefordert.[2] Was danach geschieht, berichtet Desmoulins in einem Brief vom 16. Juli an seinen Vater:
Wie hat sich in drei Tagen das Gesicht aller Dinge verändert! Am Sonntag [12. Juli] war ganz Paris bestürzt über die Entlassung Neckers; sosehr ich versuchte, die Geister zu erhitzen, kein Mensch wollte zu den Waffen greifen. Ich schließe mich ihnen an; man sieht meinen Eifer; man umringt mich; man drängt mich, auf einen Tisch zu steigen: In einer Minute habe ich 6000 Menschen um mich. „Bürger“, sage ich nunmehr, „ihr wisst, die Nation hatte gefordert, dass Necker ihr erhalten bliebe, dass man ihm ein Denkmal errichtete: Man hat ihn davongejagt! Kann man euch frecher trotzen? Nach diesem Streich werden sie alles wagen, und noch für diese Nacht planen sie, organisieren sie vielleicht eine Bartholomäusnacht für die Patrioten.“ „Zu den Waffen“, sagte ich, „zu den Waffen!“ [3]
Alle sollten grüne Kokarden nehmen als Zeichen der Hoffnung. Er wolle auch gerne ruhmreich sterben. Nur ein Unglück könne es für ihn geben: Mitanzusehen, wie Frankreich versklavt werde, „c’est celui de voir la France devenir esclave“.[4]Schauplatz der Szene ist das Palais Royal, der Tisch, den Camille Desmoulins besteigt, gehört zu dem Café le Foy. Dieses Café war damals das einzige im Palais Royal, das das Privileg hatte, Tische im Garten aufstellen zu dürfen. Und es war, wie die Brüder Goncourt in ihrer Geschichte der französischen Gesellschaft während der Revolution schreiben, in den bewegten Monaten des Sommers 1789 im Palais Royal das, was das Palais Royal in Paris war: „une petite capitale d’agitation, dans le royaume de l’agitation“ und die sieben Arkaden das Cafés waren „le portique de la Révolution“.[5]
Hier eine weit verbreitete Darstellung der berühmten Szene vom 12. Juli 1789: Ein Kupferstich nach einer Zeichnung von Jean-Louis Prieur d.J. aus der Folge Tableaux de la Révolution Française, 1791/92.[6]
Die Wirkung dieser Rede ist überwältigend. Es bildet sich ein spontaner Demonstrationszug. Die Büsten von Necker und des Herzogs von Orléans werden im Triumphzug durch die Stadt zum Platz Louis XV getragen.[7]
Die Büsten hatte man von Philippe Curtz/Curtius erhalten, der in Paris zwei Wachsfigurenkabinette unterhielt, davon eines im Palais Royal, in der Galerie de Montpensier Nummer 17, in dem die Büsten bedeutender historischer Persönlichkeiten und aktueller politischer Prominenz ausgestellt waren. (Marie Grosholtz, die spätere Mme Tussaud erlernte dort ihr Handwerk). Auf der place Louis XV, der heutigen place de la Concorde, kam es zu einem Scharmützel mit dem régiment Royal-Allemand, deutschen Söldnern. Die musste man einsetzen, weil die gardes françaises sich auf die Seite ihrer Landsleute gestellt hatten. Der Träger der Büste des Herzogs von Orléans wurde von einem Schuss getroffen, was die Empörung weiter steigerte. Er und die ramponierte Büste wurden demonstrativ ins Palais Royal zurückgebracht.
Am Abend kam es dann zum Sturm auf die Barrieren der Zollmauer, von denen die meisten zerstört wurden: Dort erhoben die sogenannten Generalpächter im Auftrag der Krone Zoll unter anderem für Brot und Getreide. Deren Preise waren damals so hoch wie noch nie im 18. Jahrhundert. [8] Zwei Tage später wurde die Bastille gestürmt und Camille Desmoulins konnte am 20. September stolz seinem Vater berichten:
Denkt Euch, ein großer Teil der Hauptstadt nennt mich unter den hauptsächlichsten Urhebern der Revolution Ich habe dazu beigetragen, mein Vaterland frei zu machen, ich habe mir einen Namen gemacht.[9]
Und das Palais Royal war durch ihn zu einem der großen Schauplätze der Französischen Revolution geworden. Desmoulins nannte das Palais-Royal sogar das „camp de la Révolution“. Schon am 24. Juni 1789, bevor er selbst den Tisch des Cafés le Foy bestieg und das Volk zu den Waffen rief, schrieb er in einem Brief, im Palais-Royal bestiegen jeden Abend Menschen mit lauter Stimme die Tische und verläsen die neuesten Nachrichten. Dabei herrsche eine gespannte Stille, nur unterbrochen von Bravos der Patrioten. Und dann verglich er das Palais Royal mit dem Forum Romanum: „Ainsi faisaient les Romains dont le Forum ne ressemblait pas mal à notre Palais-Royal.“[10]
In der Tat war schon vor der Zusammenkunft der Generalstände in Versailles das Palais Royal „das Forum gewesen, das die öffentliche Meinung mit neuen Schlagworten versorgte.“ Die in Frankreich verbotenen Bücher von Voltaire und Rousseau konnten hier gelesen werden. Als dann die Generalstände tagten, entwickelte sich im Palais Royal eine parallele Versammlung, an der ohne Einschränkung jedermann teilnehmen konnte und die permanent tagte. Im Palais Royal schlug gewissermaßen „das Herz der Revolution“.[11]
Der Schriftsteller, Journalist und Verleger Joachim Heinrich Campe hat das in seinen Briefen aus Paris beschrieben. Campe war gleich nach dem Sturm auf die Bastille von Braunschweig nach Paris aufgebrochen, um dem Leichenbegräbnis des französischen Despotismus beizuwohnen.“[12] Campe schreibt in seinem zweiten Brief vom 9. August 1789 über das Palais Royal:
Alles, was hier gesagt oder getan wird, bleibt innerhalb der Mauern des Palais; kein Mensch nimmt weiter Notiz davon; kein Mensch bekümmert sich weiter darum. Schon seit vielen Jahren war dieser Ort, ohngeachtet er mitten in Paris und dem Throne des Despotismus so nahe lag, der Sitz einer unbeschränkten bürgerlichen und gesellschaftlichen Freiheit, wo man redete, was man dachte, und wo man tat, was man wollte, ohne dass jemand ein Ärgernis daran nahm. Der Pariser hörte auf, sobald er diesen Ort betrat, ein Pariser oder Franzose zu sein, er war für den Augenblick ein vollkommener Republikaner, ein Weltbürger, der keine bürgerlichen und keine konventionellen Einschränkungen und Fesseln kannte.“[13]
Dass das Palais Royal eine so bedeutende politische Rolle spielen konnte, ist wesentlich seinem „Hausherrn“, dem Herzog von Orléans, zu verdanken. Er gehörte einer bourbonischen Nebenlinie an, war aber im Versailler Königshaus wenig gelitten. Über sein „unstandesgemäßes“ Immobilienprojekt mit dem Verkauf von Läden und Wohnungen an den Rändern des Palais Royal-Gartens rümpfte man am Hof die Nase. Und noch weniger amused war man über die politischen Neigungen des Herzogs, der ein großer Bewunderer des englischen Regierungssystems war und mit den neuen Ideen der Aufklärung sympathisierte. Am 25. Juni 1789 hatte er sich als Mitglied der Nationalversammlung mit anderen Vertretern des Adels dem Dritten Stand angeschlossen. Kein Wunder also, dass das Palais Royal zu einem Treffpunkt kritischer Geister wurde. Da der Herzog als Hausherr dort auch die Polizeigewalt innehatte, musste man keine Verfolgungen befürchten: Das Palais Royal war sozusagen ein exterritorialer Raum und ein „Anti-Versailles“.
In den Revolutionsjahren trafen sich in den Cafés die Anhänger verschiedener politischer Strömungen und Vereinigungen. Von der besonderen Rolle des Café le Foy war schon die Rede. Dort hatte Desmoulins seinen großen Auftritt am 12. Juli 1789, dort verkehrte auch seine Geliebte, Théroigne de Mérincourt, die „Amazone der Revolution“. Sie war eigentlich die Tochter flämischer Bauern, war in Paris wie die „Königin von Saba“ empfangen worden, hatte am Weiberzug nach Versailles teilgenommen und war neben dem Wagen geritten, der den König nach Paris transportiert hatte. Im Café de Foy hielt sie blutige Volksreden…[14] Später versammelten sich in diesem Café ausgerechnet die Royalisten, während sich die Jacobiner, nachdem Ludwig XVI. und Marie-Antoinette unter der Guillotine geendet waren, im Café Corazza trafen.
Nach der Abschaffung des Königtums am 10. August 1792 wechselte der Herzog von Orléans seinen Namen: Er nannte sich nun Philippe Égalité, das Palais Royal wurde zum Palais- Égalité und der Garten zum Jardin de la Révolution.[15]
In einem der Arkadencafés ermordete ein Royalist am 20. Januar 1793 den Abgeordneten Lepeletier de Saint-Fargeau, einen Anhänger Robespierres, weil er für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt hatte.[16]
Eigentlich wollte der Attentäter Philippe- Égalité als den ranghöchsten „Königsmörder“ töten, denn auch der hatte für den Tod des Königs gestimmt und damit zur denkbar knappsten Mehrheit im Konvent für das Todesurteil Ludwigs XVI. beigetragen (361 gegen 360 Stimmen). Gedankt hat ihm die Revolution das nicht: Am 6. November 1793 endete auch sein Leben unter der Guillotine.
Auch bei der sogenannten Juli-Revolution von 1830, die zum endgültigen Sturz der Bourbonen führte, spielte das Palais Royal eine wesentliche Rolle und man hat es deshalb auch als pépinière des révolutions bezeichnet.[17] In den Jahren der Restauration zwischen 1815 und 1830 unter Karl X. war das Palais Royal eine wichtige und populäre Informationsbörse und ein Diskussionsforum. Ludwig Börne hat das in seinen zwischen 1822 und 1824 entstandenen Schilderungen aus Paris beschrieben. Darin ist ein eigenes Kapitel den Lesekabinetten gewidmet:
Für einen Sittenmaler gibt es keinen reichern Anblick als der Garten des Palais Royal in den Vormittagstunden. Tausend Menschen halten Zeitungen in der Hand und zeigen sich in den mannigfaltigsten Stellungen und Bewegungen. Der eine sitzt, der andere steht, der dritte geht, bald langsamern, bald schnellern Schrittes. Jetzt zieht eine Nachricht seine Aufmerksamkeit stärker an, er vergißt den zweiten Fuß hinzustellen, und steht einige Sekunden lang wie ein Säulenheiliger auf einem Beine. Andere stehen an Bäume gelehnt, andere an den Geländern, welche die Blumenbeete einschließen, andere an den Pfeilern der Arkaden. Der Metzgerknecht wischt sich die blutigen Hände ab, die Zeitung nicht zu röten, und der ambulierende Pastetenbäcker läßt seine Kuchen kalt werden über dem Lesen. Wenn einst Paris auf gleiche Weise unterginge, wie Herkulaneum und Pompeji untergegangen, und man deckte den Palais Royal und die Menschen darin auf, und fände sie in derselben Stellung, worin sie der Tod überrascht – die Papierblätter in den Händen wären zerstäubt – würden die Altertumsforscher sich die Köpfe zerbrechen, was alle diese Menschen eigentlich gemacht hatten, als die Lava über sie kam. Kein Markt, kein Theater war da, das zeigt die Örtlichkeit. Kein sonstiges Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit angezogen, denn die Köpfe sind nach verschiedenen Seiten gerichtet, und der Blick war zur Erde gesenkt. Was haben sie denn getan? wird man fragen, und keiner wird darauf antworten: sie haben Zeitungen gelesen.[18]
Während hier im öffentlichen Raum gelesen und diskutiert wird, war das im gleichzeitigen deutschen Biedermaier anders: Ernst Elias Niebergall hat den typischen deutschen Zeitungsleser dieser Zeit in seiner in Darmstädter Mundart verfassten sogenannten Lokalposse Datterich wunderbar karikiert. Da liest der Drehermeister Dumbach seine Zeitung im bequemen häuslichen Ohrensessel und raisonniert und spintisiert dann am Stammtisch im Wirtshaus über Gott und die Welt, was stellenweise geradezu bedrückend zeitgemäß klingt: „Mir erläwe’s net, awwer Sie wern sähe, dass ich recht hob: in fufzig Johr sinn mer all Derke!“[19] (In fünfzig Jahren sind wir alle Türken!)
Im Palais Royal dagegen kündigen sich schon die nächste Revolution und der Sturz der Bourbonen-Herrschaft an: Am 31. Mai gibt Louis-Philippe, duc d’Orléans und Sohn des 1793 guillotinierten Philippe-Égalité, im Palais Royal ein großes Fest für seinen Schwager, den König beider Sizilien (Neapel und Sizilien), an dem auch ausnahmsweise Karl X. teilnimmt, der sonst einen großen Bogen um das (nicht nur) politisch anrüchige Palais macht. Es ist ein warmer Abend, es wird getanzt, dann aber auch gegen den immer autoritärer regierenden König demonstriert. Ein Beobachter kommentiert mit dem berühmt gewordenen Satz: „C’est bien un bal napolitain car nous dansons sur un volcan!“[20] Einige Tage später kommt es zum Ausbruch des Vulkans: Am 26. Juli ordnet Karl X. in den sogenannten Juli-Ordonnanzen an, die Pressezensur einzuführen und das Wahlrecht einzuschränken. Im Garten des Palais Royal wird der Text der Ordonnanzen verbreitet, wie die Lithographie Hyppolyte Bellanges zeigt.[21]
Dort ist, wie ein zeitgenössischer Beobachter schreibt, die Empörung groß und die Erregung auf ihrem Siedepunkt. „Sur chaque banc surgissent de nouveaux Camille Desmoulins“.[22]
Die Polizei schreitet ein, aber vergebens.
Die ersten Barrikaden werden in den umliegenden Straßen errichtet. Durch den Aufstand in den Trois Gloirieuses, den „drei glorreichen Tagen“ des 27./28./29. Juli, wird Karl X. zur Abdankung gezwungen.
Dieses Gemälde von Horace Vernet zeigt Louis – Philippe, wie er am 31. Juli das Palais Royal verlässt, um sich in das Hôtel de Ville zu begeben.[23] Dort wird er von den Vertretern des liberalen Großbürgertums empfangen, das ihn einige Tage danach zum „König der Franzosen“ erhebt.
So haben zwei Revolutionen ihren Ausgang im Palais Royal genommen.
Im Garten der Lüste
Das Palais Royal war aber in den Jahren zwischen 1880 und 1930 nicht nur ein revolutionärer Freiraum und ein politischer Vulkan, sondern auch -modern ausgedrückt- das Eros-Center von Paris.
Jacques-Antoine Dulaure nennt in seinen Nouvelles Descriptions des curiosités de Paris aus dem Jahr 1787 das Palais Royal „ le centre des plaisirs“ von Paris[24]. Der Garten der Lüste hatte einerseits eine große Anziehungskraft, stieß aber auch ab. Für Louis Sebastien Mercier war es „le temple de la volupté“, ja eine „scheußliche Kloake mitten in der Stadt“. Auf einem Punkt sei hier der ganze Skandal der Prostitution konzentriert.[25]
Heinrich von Kleist schreibt in einem Brief aus Paris vom 29. Juli 1801: „Auf dem Rückwege gehe ich durch das Palais Royal, wo man ganz Paris kennenlernen kann, mit all seinen Greueln und sogenannten Freuden- es ist kein sinnliches Bedürfnis, das hier nicht bis zum Ekel befriedigt, keine Tugend, die hier nicht mit Frechheit verspottet, keine Infamie, die hier nicht nach Prinzipien begangen würde.“[26] Ludwig Börne, von dem schon die Rede war, bewunderte zwar einerseits das politische Leben im Palais Royal, bezeichnete es aber andererseits mit Abscheu als das „Lustlager“, das wohl allen bekannt sei. „Die Armut ist vergoldet, der Hunger scherzt, das Laster lächelt.“ [27]Im Allgemeinen trug aber gerade dieses „lächelnde Laster“ ganz wesentlich zur Attraktivität des Palais Royal in dessen wilden Jahren zwischen 1780 und 1830 bei. Nicht von ungefähr führt der erste Weg des im vorigen Bericht zitierten russischen Reisenden Karamansin ins Palais Royal.[28] Für die europäischen Eliten dieser Zeit war Paris, und da vor allem das Palais Royal, die Hauptstadt des Vergnügens und der Freizügigkeit, capitale du plaisir et du libertinage.[29]
Es gab auch entsprechende Reiseführer, in denen die „fröhlichen und galanten Abenden“ im Palais Royal anschaulich beschrieben wurden. Da lässt sich der Gast gleich von zwei „filles publiques“ verwöhnen und eine Bedienstete serviert dazu edle Speisen und Getränke, an denen es im Palais Royal ja auch nicht mangelte.
Und wer es ganz genau wissen wollte, konnte einen Führer mit den Namen, Wohnungen und Tarifen der käuflichen „filles du Palais-Royal“ erstehen. Deren „Rang“ und entsprechend auch deren Tarife waren sehr unterschiedlich und die Angebote manchmal so umfangreich und differenziert wie die damals im Palais Royal „erfundenen“ kulinarischen Menüs. Es muss also ein recht voluminöses Opus gewesen sein; zumal insgesamt im Palais Royal, dem wohl größten „marché aux putains“ der Geschichte, bis zu 2000 „filles“ ihrem Gewerbe nachgingen! 600-800 wohnten direkt in den Häusern, die den Garten des Palais Royal umgeben, die anderen waren sogenannte „hirondelles“ (Schwalben), die abends auf Freiersuche in die Galerien und den Garten kamen. [30]
Wie es da abends zuging, vermitteln die beiden nachfolgenden zeitgenössischen Darstellungen:
Hier handelt es sich um ein Ölgemälde von Louis Léopold Boilly (1761-1845).[31] Zu sehen ist eine einschlägige Szene in den Galerien des Palais Royal. Insgesamt fällt die deutliche Unterscheidung der schwarz gekleideten Männer und der weiß gekleideten Frauen auf. Darauf hat auch Balzac in seiner Beschreibung des Palais Royal in den „Verlorenen Illusionen“ hingewiesen:
„Das Fleisch der Schultern und der Brüste stach aus dem Dunkel der männlichen Kleidung hervor und bewirkte den prachtvollsten Gegensatz…“[32]
Auf dem Bild von Boilly sieht man einen Herrn hinter dem Zaun im Gespräch mit zwei Damen. Die Mitte bilden drei Figurengruppen mit jeweils einer hervorgehobenen weiß gekleideten Frau. Während der Mann hinter dem Zaun offenbar noch ein Anbahnungsgespräch führt, scheint sich das Paar daneben schon handelseinig zu sein, wie die besitzergreifende Geste des Mannes andeutet. Die Dame rechts davon –in Begleitung eines Kindes- bietet sich offenbar den beiden neben ihr stehenden Männern an. Manche „filles publiques“ mieteten sogar Kinder, um als angebliche „mère de famille“ ihre Chancen zu erhöhen.[33] Die Frau rechts im Bild streichelt das Murmeltier im Korb des Kindes, eine im 18. Jahrhundert anscheinend verbreitete allegorische Darstellung mit eindeutig sexueller Konnotation. Das Kind und die sich diskret im Hintergrund haltende Frau könnten auch ein Hinweis darauf sein, dass, wie Rétif de la Bretonne schreibt, im Garten des Palais Royal Kupplerinnen Jungen und Mädchen „im Alter der zartesten Unschuld“ anbieten und diese Opfer brutaler Freier werden.[34] Das am Pfeiler rechts angeheftete Plakat mit der Aufschrift „Avis aux sexes“ lässt keinen Zweifel, worum es in dieser Szenerie geht.
Eindeutig ist auch die nachfolgende Lithographie des böhmischen Malers und Grafikers Georg Emmanuel Opitz zeigt: Opitz kam 1814 wohl im Gefolge der siegreichen anti-napoleonischen Koalition nach Paris. 1819 erschien dann sein graphisches Hauptwerk, die 24 Charakterszenen aus dem Leben in Paris.
Dabei durfte natürlich das „lupanar à ciel ouvert“[35] nicht fehlen. Thema dieser kolorierten Lithografie ist der Ausgang der Boutique Nummer 113, der wohl bekanntesten „Spielhölle“ des Palais Royal mit dazu gehörendem Café und Bordell, die es Opitz besonders angetan hatte. Die Galerien des Palais Royal scheinen, folgt man diesen beiden Darstellungen, geradezu als Kontakthof gedient zu haben.[36]
Es gab aber auch noch andere Kontaktmöglichkeiten, wie die scheinbar „unschuldigen“ magasins prétextes, in denen aber nicht in erster Linie die ausgestellten Waren verkauft wurden. Aus einem Polizeibericht vom 21. August 1794 : « Les femmes publiques font plus que jamais publiquement commerce de leurs charmes en invitant les passants à venir acheter leurs marchandises.“[37] Es gab außerdem die Cafés wie das berühmte Café des Aveugles oder das noble Café de Foy, in denen die „cocottes de luxe“ auf eine spendable Kundschaft warteten. Und nicht zuletzt hatte das Théâtre de Montansier (heute Théâtre du Palais Royal) seinen Platz im erotischen Angebot des Palais Royal.[38]
Louis Binet 1744-1800), Foyer du théâtre Montansier im Palais Royal
Aus dem schon zitierten Polizeibericht erfährt man, dass ein Drittel der Plätze dieses Theaters, und zwar die allerbesten, für die „femmes publiques“ reserviert waren. Auf dieser zeitgenössischen Darstellung sieht man auf der rechten Seite einen Theaterbesucher, der mit einem Opernglas die auf der Balustrade aufgereihten Damen begutachtet, in der Mitte sprechen zwei Damen mögliche Kunden an, wobei sie ihren Avancen durch entsprechende Armbewegungen Nachdruck verleihen: „la salle du théâtre est ainsi transfigurée en un vaste champ de bataille érotique où viennent se négocier les plaisirs.“[39]
Für den hier dargestellten erotischen Kampf musste man natürlich entsprechend gerüstet sein. Ein Mittel dafür waren die Buchhandlungen, die in den „années folles“ des Palais besonders beliebt waren. Da gab es zum Beispiel die Buchhandlung Pierre- Honoré-Antoine Pain, wo die einschlägigen erotischen Bestseller der Zeit auslagen und verkauft wurden. Die meisten dieser Buchhandlungen hatten bis spät in die Nacht geöffnet. Die Lektüre eines erotischen Textes im Kerzenschein diente manchen Besuchern des Palais Royal als „apéritif sexuel“, bevor sie unter den Arkaden des Palais oder nach einer Vorstellung im théâtre Montansier von der Imagination in die Realität wechselten.[40]
Und dann gehörte dazu natürlich auch ein passendes outfit. Im 18. Jahrhundert wurden Modezeichnungen immer beliebter, die in Almanachen, Zeitschriften oder illustrierten Büchern veröffentlicht wurden. Ein um 1800 bekannter Modezeichner war Claude-Louis Desrais (1746-1816), der eine Serie von Grafiken zum Thema Mode du Jour (Mode des Tages) anfertigte. Die Nummer 5 dieser Serie trägt den Titel „LE SÉRAIL EN BOUTIQUE“.[41]
Die Szene ist sehr wahrscheinlich im Palais Royal angesiedelt, wofür auch die Werbung für das Théâtre Montpensier an der Wand links spricht. Schauplatz ist eine Boutique, ein magasin prétexte. Der Ausdruck sérail ist eine Anspielung an die Harems und überhöht damit gewissermaßen die ziemlich drastische Bordell- Szenerie mit den ostentativ barbusigen „filles de joie“. Und die beiden Herren rechts und links, die dem Treiben zusehen bzw. dabei sind, sich ihm anzuschließen, sind von Desrais modisch ausstaffiert.
Restif de la Bretonne, der wie kein anderer das nächtliche Palais Royal beobachtet und beschrieben hat, ging – nicht ohne ein gewisses Bedauern- davon aus, dass mit der Französischen Revolution strengere Sitten dem dortigen libertären Treiben ein Ende machen würde: „Nous posons en fait, que si notre admirable Revolution se consolide, comme il y a tout lieu de le croire, elle élevera tellement l’âme a tout ce qui porte le nom de Français, que dans dix ans, on ne trouvera plus de Filles-publiques….“[42] Aber genau das Gegenteil trat ein: 1791 wurde die Prostitution von der Liste der Vergehen gestrichen und damit legalisiert, wozu auch die 2100 „demoiselles du Palais-Royal“ mit ihrer Eingabe an die Generalstände beigetragen hatten. [43]
Die Folge war, dass das Palais Royal als erotisches Zentrum zunächst noch weiter an Bedeutung gewann.[44] Das änderte sich allerdings seit den 1820-er Jahren: 1822 verbot der Polizeipräfekt die Prostitution im Palais Royal zwischen dem 15. Dezember und dem 15. Januar, um ungestörte und unabgelenkte Einkäufe zu Weihnachten und zum neuen Jahr zu gewährleisten. Diese Maßnahme wurde in den folgenden Jahren erneuert, bis dann 1830 ein generelles Prostitutionsverbot im Palais erlassen wurde: Das Ende der „wilden Jahre“. 1836 wurde dann auch noch das Glücksspiel im Palais Royal verboten und so sein Niedergang besiegelt. Die Prostituierten suchten sich neue Jagdgebiete, die noblen Schmuckgeschäfte in den Arkaden zogen zur place Vendôme um und für das Flanieren boten sich die neuen Passagen und die grands boulevards an. Das Palais Royal galt als „un quartier qui meurt“, [45] bis es dann als Ort der Literatur und Oase der Ruhe mitten in Paris zu neuem Leben erwachte. Doch das ist eine andere Geschichte und ein anderer Blog-Beitrag:
[1] Die Charakterisierung des Palais Royal als revolutionärer Freiraum und Sündenbabel im Titel dieses Berichts habe ich von Uwe Schultz, Paris. Literarische Spaziergänge, S. 197 übernommen.
[2] Zum historischen Hintergrund siehe: François Furet/Denis Richard, Die Französische Revolution. Frankfurt 1968, S. 84f (Die drei Revolutionen des Sommers 1789)
[3] Zitiert in: https://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-68812759.html Vollständige deutsche Version in: Politische Bildung, Materialien für den Unterricht. Die Französische Revolution. Stuttgart 1978, S. 43ff (nach Gustav Landauer, Hrsg, Briefe aus der Französischen Revolution, Bd 1, Ffm 1919, S. 148-156)
[4] „Que la face des choses est changée depuis trois jours! Dimanche, tout Paris était consterné du renvoi de M. Necker; (…) Je vais sur les trois heures au Palais-Royal; je gémissais, au milieu d’un groupe, sur notre lâcheté à tous, lorsque trois jeunes gens passent, se tenant par la main et criant: Aux armes! Je me joins à eux; on voit mon zèle, on m’entoure, on me presse de monter sur une table: dans la minute, j’ai autour de moi six mille personnes. ‚Citoyens, dis-je alors, vous savez que la nation avait demandé que Necker lui fût conservé, qu’on lui élevât un monument, et on l’a chassé! Peut-on vous braver plus insolemment? Après ce coup, ils vont tout oser, et, pour cette nuit, ils méditent, ils disposent peut-être une Saint-Barthélemy pour les patriotes. (…) je parlais sans ordre: ‚Aux armes! Ai-je dit, aux armes. Prenons tous des cocardes vertres, couleur de l’espérance.“.
Œuvres de Camille Desmoulins. Bd 1. Herausgegeben von der Bibliothéque Nationale. Collection des meilleurs auteurs anciens et modernes. Paris 1871, S. 8/9
[5] Edmond et Jules de Goncourt, Histoire de la société française pendant la Révolution. Paris: Éditions du Boucher 2002 (Nachdruck der Ausgabe von 1889), S. 156 (Elektronische Ausgabe bei books.google.de)
[6] Kupferstich aus dem Jahr 1802 von Pierre Gabriel Berthault (1748–1819) nach Zeichnung von Jean-Louis Prieur d. J. (1759–1795). Aus der Folge: Tableaux de la Révolution Française, 1791/92. Aus: https://commons.wikimedia.org/
[13] Joachim Heinrich Campe, Briefe aus Paris während der Französischen Revolution geschrieben. Herausgegeben von Helmut König. Berlin: Rütten und Loening 1961, S. 165/166
[14] Siehe: Hermann Kesten, Dichter im Café. Ullstein Buch 37105. Ffm/Berlin/Wien 1983, S. 56/57
[26] Heinrich von Kleist, Ekel in der Menge. Brief aus Paris vom 29. Juli 1801. Zit in: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980 (Insel Taschenbuch 389) S. 68
[27] Ludwig Börne, Schilderungen aus Paris 1822 und 1823. In: Gesammelte Schriften 1829.
[28] N.M.Karamansin, Brief eines russischen Reisenden. Aus: Europa erlesen: Paris. Herausgegeben von Joachim Dennhardt. Klagenfurt 2015, S.34/37
[29] Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943
Ein anderer, nicht nur auf das Palais Royal beschränkter entsprechender zeitgenössischer Reiseführer: Almanach des demoiselles de Paris, de tout genre et de toutes les classes, ou calendrier du plaisir, contenant leurs noms, demeures, âges, tailles, figures, et leurs autres appas ; leurs caractères, talens, origines, aventures, et le prix de leurs charmes. Corrigé, augmenté, Et suivi des recherches profondes sur les filles Angloises, Espagnoles, Italiennes et Allemandes. Pour l’année 1792. Paphos : imprimerie de l’amour, 1792. http://www.pileface.com/sollers/pdf/cataloguelivre052019WEB.pdf
Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988
Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll, Autorin einer Doktorarbeit über « Le résumé de Paris »? Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements . https://chartes.hypotheses.org/5640 2019
Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010
Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943
Rodolphe Trouilleux, Le Palais-Royal. Un demi-siècle de folies 1780-1830. Bernard Giovanangeli Éditeur 2010
René Héron de Villefosse: L’anti-Versailles ou le Palais-Royal de Philippe Egalité. Paris: Dullis 1974
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Man kann den Garten der tropischen Landwirtschaft am östlichen Rand des Bois de Vincennes im 12. Arrondissement gut und gerne zu den lieux oubliés, den „vergessenen Orten“ von Paris, rechnen.[1] Selbst in Murielle Rousseaus kürzlich im Insel-Verlag erschienenen umfassenden Buch über die Gärten von Paris ist er nicht berücksichtigt. Aber wenn doch einmal von ihm die Rede ist, fehlt es nicht an Superlativen: Da wird er als der romantischste, der exotischste und der geheimnisvollste der Pariser Gärten bezeichnet.[2]
Der besondere Charakter dieses Gartens ist seiner Geschichte zu verdanken: Entstanden ist er 1899 als „Garten der tropischen Landwirtschaft“ und 1907 diente er als Ort einer von der Société Française de Colonisation organisierten Kolonialausstellung. Anders als die spektakuläre staatliche Kolonialausstellung im bois de Vincennes von 1931[3] war das eine eher bescheidene Veranstaltung, die aber immerhin 1,8 Millionen Besucher anzog.[4] Trotz der etwas abgelegenen Lage der Ausstellung ein immenser Erfolg: Der Kolonialismus hatte damals Konjunktur.
Im Ersten Weltkrieg diente das Gelände als Lazarett für verwundete Soldaten aus den Kolonien und als Erinnerungsort für diejenigen Soldaten aus den Kolonien, die „für Frankreich“ ihr Leben gelassen hatten. Sogar eine Moschee für die muslimischen Kolonialsoldaten wurde errichtet – die erste Moschee auf dem europäischen Kontinent. Von ihr ist allerdings nichts erhalten. Nach dem Krieg versank der Garten in einen Dornröschenschlaf: die meisten der Pavillons, die einzelnen Kolonien gewidmet waren, verfielen; die Natur tat ihr Übriges.
Die Überreste des kongolesischen Pavillons
Die Ruine des Pavillons von Marokko
Die Stadt Paris beendete diesen Zustand, als sie das Gelände vom Staat übernahm und 2003 als Park öffentlich zugänglich machte.
Es ist ein abgelegener, stiller Ort, voller Zeugen einer einst gefeierten kolonialen Epoche, deren Frankreich sich jetzt mit eher ambivalenten Gefühlen erinnert: Besonders eindrucksvoll erfahrbar an den Fragmenten der Skulptur À la gloire de l’expansion coloniale (Zum Ruhm der kolonialen Expansion), die kurz hinter dem Eingang auf der rechten Seite zu sehen sind.
Da schwenkt die siegreiche Marianne mit dem Lorbeerkranz das Banner, der stolze gallische Hahn reckt sich und kräht triumphierend…
… während die (weiblichen) Vertreterinnen der Kolonien großzügig ihre Reize und die fürs „Mutterland“ bestimmten Früchte ihrer Arbeit präsentieren….
… devot aufblickend zu einem Frankreich, das seinerseits ebenso großzügig die Segnungen der Zivilisation ausstreut…
Heute sind das Fragmente, die zum besonderen Reiz und zum symbolischen Wert dieses Parks beitragen.
Empfangen wurde und wird der Besucher des Parks von dem chinesischen Tor, das schon 1906 auf der Kolonialausstellung im Grand Palais präsentiert worden war und dann die Kolonialausstellung von 1907 eröffnete. Auch andere Bauten der Ausstellung von 1906, wie der Pavillon des Kongo, wurden 1907 wieder im Bois de Vincennes aufgebaut.
Das Tor wurde 1999 durch den Sturm Lothar stark beschädigt. Das Dach ist inzwischen repariert. Die auf den zeitgenössischen Postkarten noch sichtbaren geschnitzten Verzierungen warten aber noch auf ihre Restaurierung…
Der Park
Man kann einen schönen Nachmittag in diesem Park verbringen: Es gibt kleine Wege, einen Wasserlauf mit Teich, Wiesen fürs Picknick und viel Ruhe.
Allgegenwärtig ist der Bambus als botanische Erinnerung an die exotische Vergangenheit des Parks.
An sie erinnern auch zahlreiche steinerne Zeugnisse.
Die Khmer- Brücke
Die Tonkin-Brücke
Die Pavillons der Kolonien
Die größten und auffälligsten Zeugnisse der Vergangenheit sind die Pavillons ehemaliger Kolonien, die überall auf dem Gelände zu finden sind. Sie wurden im landestypischen Stil errichtet, um Ausdehnung, Vielfalt und Reichtum des „empire français“ zu veranschaulichen, Erzeugnisse der jeweiligen Kolonie zu präsentieren und die Sache des Kolonialismus zu verbreiten und zu popularisieren. Wie damals bei solchen Ausstellungen üblich, wurden aber nicht nur Waren, sondern auch Menschen ausgestellt: Um die Pavillons waren insgesamt 5 kleine Dörfer gruppiert, die die Schwerpunkte des französischen Kolonialreichs in Afrika und Südostasien repräsentierten. Die „Dorfbewohner“, Eingeborene aus den entsprechenden Kolonien, waren engagiert worden, „pour parfaire l’animation“. Die Kolonialgesellschaft hatte mit ihnen einen Vertrag abgeschlossen und sie nach Frankreich gebracht, um die Besucher zu unterhalten und ihnen das Leben der Eingeborenen vorzuführen: Tänze, religiöse Riten, die Herstellung von Kunstgewerbe… Solche „menschlichen Zoos“, wie man sie ein Jahrhundert später nannte, gehörten damals zum Repertoire solcher Ausstellungen. [5]
Bei einem Rundgang wird man sicherlich zu dem zentralen Platz der Anlage kommen, der sogenannten Esplanade du Dinh, die zum indochinesischen Dorf der Anlage gehörte.
Die große Urne aus Bronze in der Mitte des Platzes ist eine Kopie des Originals aus dem Kaiserpalast von Hué. Sie war ein Jahr zuvor schon auf der Kolonialausstellung von Marseille präsentiert worden: Wie es ja überhaupt damals üblich war, Einrichtungen solcher Ausstellungen kostensparend wiederzuverwenden.
Auf der anderen Seite des Platzes befindet sich die Maison Cochinchinoise.
Es steht auf den Fundamenten eines Tempels, „der –wie eine davor aufgestellte Gedenktafel informiert- von Cochinchine für die Kolonialausstellung von 1907 gestiftet wurde“.
Eine Ruine ist der etwas versteckt gelegene Pavillion der Insel Réunion.
Die Stadt Paris bemüht sich zwar als Eigentümerin des Geländes, Interessenten und Geldgeber zu finden für die Restaurierung und eine angemessene Verwendung der verfallenen Pavillons, hatte damit aber bisher keinen Erfolg.
Gut erhalten ist dagegen der Pavillon von Indochina, der größte des jardin tropical. Nach dem Erwerb des Geländes durch die Stadt Paris wurde er renoviert und dient als Ausstellungsgebäude.
Gerade renoviert und erweitert wird der tunesische Pavillon, der noch in diesem Jahr (2020) wieder eröffnet wird. Er ist vor allem für das Cirad (Centre de coopération internationale en recherche agronomique pour le développement) bestimmt, dessen Campus sich am Rand des jardin tropical befindet.
Für die Studenten, Lehrkräfte und das Personal des Cirad wird es ein Restaurant geben, das aber auch für Besucher des Gartens geöffnet sein soll. Dazu kommt ein Informationszentrum und vielleicht auch wieder –wie zu Zeiten der Kolonialausstellung- ein maurisches Café.[6]
Die Gewächshäuser
Wie die verschiedenen Pavillons hatte auch das Gewächshaus von Dahomey die Funktion, während der Kolonialausstellung von 1907 landestypische Produkte zu präsentieren. Und da das Agrarerzeugnisse waren, bot sich ein Gewächshaus als besonders passender Ausstellungsort an.
Das Gewächshaus aus Dahomey wurde für die Weltausstellung 1900 in Paris errichtet und dann 1907 wiederverwendet.
Eine andere, weit über die Kolonialausstellung hinausreichende Funktion hatten weitere auf dem Gelände installierte und heute verfallene Gewächshäuser. Sie waren Teil des schon 1899 gegründeten jardin d’agronomie coloniale und dienten der landwirtschaftlichen Forschung, die auf wesentliche für den Export ins Mutterland bestimmte koloniale Produkte wie Kaffee, Kakao, Baumwolle und Tee konzentriert war. Die entsprechenden Pflanzen wurden hier weiterentwickelt, um die Produktivität der kolonialen Landwirtschaft zu erhöhen. Die Firma Menier, vor dem ersten Weltkrieg eine der weltweit führenden Schokoladenfabriken, war hier auch mit einem dem Kakao gewidmeten Gewächshaus vertreten.[7]
Das 1984 gegründete Cirad setzt – als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit- die Tradition tropischer Agrarforschung fort.
Der Garten als Ort des Gedenkens an die gefallenen Kolonialsoldaten
Stupa zu Ehren der Soldaten aus Laos und Kambodga
Gedenktafel für die Vietnamesen, morts pour la France: Wie man sieht, gab es reichlich Gelegenheiten, für Frankreich zu sterben…
Denkmal für die zwischen 1914 und 1918 gefallenen Soldaten aus Madagaskar
Denkmäler zur Erinnerung an die Kolonialtruppen und an die schwarzen Soldaten, die für Frankreich gestorben sind.
Praktische Informationen:
Adresse : 45 bis, avenue de la Belle-Gabrielle – 75012 PARIS
Zufahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln:
RER A Richtung Boissy-Saint-Léger – La Varenne bis Station Nogent sur Marne. Danach etwa 10 Minuten Fußweg
Eine Strecke ist auch als Spaziergang von einer guten Stunde durch den bois de Vincennes empfehlenswert. Idealer Ausgangspunkt dafür ist das Palais de la Porte Dorée, Zentrum der Kolonialausstellung von 1931.
Am empfehlenswertesten: beide Wege mit dem Fahrrad
Eine Informationstafel mit einem Plan des Parks gibt es am Eingang. Weitere Informationstafeln zur Geschichte und zu einzelnen Bauten sind überall im Park aufgestellt.
Zu den „menschlichen Zoos“ siehe auch den Blog-Beitrag über die Kolonialausstellung von 1931. 1931 war -anders als 1907- die Ausstellung von Menschen übrigens nicht mehr Teil des offiziellen Programms- sie wurde „ausgelagert“ in den bois de Boulogne.
Zu den zoos humains zeigte ARTE am 5. September einen eindrucksvollen Film: Sauvages- au cœur des zoos humains. Deutsche Version: „Die Wilden“ in den Menschenzoos. Frankreich 2017 https://www.arte.tv/de/videos/067797-000-A/die-wilden-in-den-menschenzoos/(Siehe dazu auch Le Monde vom 5.9.2020, S. 24: Les victimes des zoos humains, ces oubliés de l’histoire. ‚Sauvages‘ décortique le racisme pseudoscientifique à l’origine de cette pratique qui persista jusqu’au 1939)
Vom 4. 7. – 29.11.2020 wird im Pariser Institut Giacometti die Ausstellung L’homme qui marche gezeigt:
Eine exquisite Ausstellung, geht es hier doch um eine Ikone der modernen Kunst – mit entsprechenden Konsequenzen für den Kunstmarkt: 2010 wurde ein Exemplar des schreitenden Mannes –es gibt mehrere Versionen- für 74 Millionen Euro versteigert und erzielte damit den bis dahin höchsten Preis, der je für ein Kunstwerk auf einer Auktion bezahlt wurde.[1] Dieses Werk in seinem Kontext zu präsentieren, ist niemand besser geeignet als die Stiftung Giacometti, die den Nachlass des Künstlers verwaltet.
Präsentiert wird diese Ausstellung dazu an einem ganz besonderen Ort, dem Institut Giacometti. Das hat seit 2018 seinen Sitz in einem heute unter Denkmalschutz stehenden wunderbaren Jugendstil/Art déco- Stadtpalais in Montparnasse, einem unglaublichen Ort, der jetzt zu einem, wie der Figaro schreibt, petit bijou de musée geworden ist.[2]
Die Verbindung einer so exquisiten Ausstellung mit einem so exquisiten Ort ist einfach wunderbar.
Gebaut wurde das Haus zwischen 1911 und 1914 von Paul Follot, einem –wie man heute sagen würde- Designer zwischen Art nouveau (Jugendstil) und Art déco. Follot war ein Generalist. Vom Silberbesteck, über Keramiken (für Wegwood), Teppiche (für die Savonnerie-Manufaktur), Möbel und Seidenstoffe bis zur Ausstattung des Pariser Nobelkaufhauses Bon Marché und der Normandie, des bei seiner Indienststellung 1935 größten und luxuriösesten Überseedampfers der Welt, entwarf er alles.[3]
Und das Wohnhaus für seine Familie, das gleichzeitig auch als Atelier und als Ausstellungsraum für die von ihm entworfenen Gegenstände diente, entwarf er natürlich auch: Ein Gesamtkunstwerk, das bei seiner Einweihung 1914 Le Tout- Paris anlockte.[4]
Das Haus liegt in dem Künstlerviertel Montparnasse, in der Rue Schoelcher Nummer 5.
Und es liegt damit nur wenige Straßenzüge entfernt von der Rue Hippolyte-Maindron, wo Giacometti sein Atelier hatte und von 1926 bis zu seinem Tod 1966 – mit kriegsbedingter Unterbrechung- lebte und arbeitete, woran eine Plakette am Haus noch erinnert.[5]
Ein Großteil der Einrichtung von Follots Stadtpalais war zwar schon früher versteigert worden, aber es gibt noch genug Elemente der Inneneinrichtung zwischen Jugendstil und Art déco, die an Follot und die Glanzzeiten des Hauses erinnern:
Hier die Kaminnische im Atelier von Paul Follot:
Besonders schön gestaltet sind die Glasfenster in den Türen…
… oder hier in der Trennwand zum Atelier.
Auch das Waschbecken in der Toilette hat Follet entworfen.
Auch ohne das ursprüngliche Mobiliar bilden doch die noch erhaltenen Elemente der Ausstattung „un ensemble décoratif homogène et unique en France.“[6]
Für die Fondation Giacometti war es ein Glücksfall, Parterre und Zwischengeschoss des Gebäudes für das Institut Giacometti erwerben zu können.
Es war genau das, was die Leiterin der Stiftung, Catherine Grenier, suchte:
Ich suchte nach einem Ort von rund 350 m2, der keine „white box“ oder ein haussmannisches Interieur ist. Ich suchte nach einem Künstleratelier in Montparnasse, um die Verbindung mit dem für ihn so wichtigen „«génie des lieux“ aufrechtzuerhalten. Beim Verlassen der rue Victor Schœlcher Nummer 5 werden die Besucher in Giacomettis Fußstapfen treten und wie er nach La Coupole, zum Select, gehen können. Simone de Beauvoir lebte in dieser Straße, Picasso hatte dort eine Werkstatt. (…) Wir kauften zwei Stockwerke, das Erdgeschoss und das Zwischengeschoss dieses denkmalgeschützten Gebäudes.“[7]
Finanziell waren der Kauf und die aufwändige Restaurierung für die Stiftung kein Problem: Geld war durch den Verkauf eines Bildes hinreichend vorhanden, das Miro Giacometti geschenkt hatte….
Das Atelier Giacomettis
Prunkstück des Instituts Giacometti ist das hier wieder –zum ersten Mal- vollständig rekonstruierte und dauerhaft ausgestellte Atelier des Künstlers.[8] Giacomettis Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes das Atelier mit allen Einzelheiten gesichert.
Selbst seine benutzten Malerutensilien und die letzen Zigarettenkippen sind erhalten und ausgestellt.
Giacometti hat in dieser nur 23qm2 großen „Höhle“ bis zu seinem Tod gearbeitet und auch gelebt.
Auch als arrivierter Künstler änderte er an seinem spartanischen Lebensstil nichts.
Alberto Giacometti wurde dort von zahlreichen Fotografen portraitiert, unter anderem 1957 von Robert Doisneau.[9]
Die aufwändige Erhaltung des Ateliers ist mit dessen großer Bedeutung für das Verständnis des Werkes Giacomettis und des Künstlerviertels Montparnasse zu erklären:
„Giacometti hat immer wieder den besonderen Charakter seines Ateliers hervorgehoben, eines mythischen Ortes, der im kollektiven Gedächtnis als Symbol des künstlerischen Lebens des Montparnasse-Bezirks erhalten geblieben ist. Untrennbar verknüpft mit der Legende des Künstlers, ist das Atelier notwendig für das Verständnis seines Werkes. Die mit Zeichnungen bedeckten Wände sind Zeuge der vierzig Jahre langen Arbeit des Künstlers und enthalten wertvolle Hinweise auf seinen kreativen Prozess.[10]
Zur Entwicklung des Ateliers als ein „mythischer Ort“ hat auch Jean Genet beigetragen, der mehrmals Modell für Giacometti gestanden hat und der 1957 den Essay L’Atelier d’Alberto Giacometti geschrieben hat.
Auf dem Titelbild ist auch ein Gipsmodell des schreitenden Mannes abgebildet, das Giacometti sein Leben lang behalten hat, auch wenn es arg ramponiert war (und ist): Bei der Fragilität von Form und Material nur allzu verständlich. Erst nach dem Krieg war Giacometti prominent genug, dass seine Skulpturen auch in Bronze ausgeführt wurden. Selbstverständlich ist das Gipsmodell des schreitenden Mannes -neben anderen Entwürfen- auch in dem Atelier in der rue Schoelcher zu sehen.
Impressionen der Ausstellung
In dieser Ausstellung sind zum ersten Mal die wichtigsten Werke der mehr als dreißig Jahre dauernden Beschäftigung Giacomettis mit dem aufrechten Gang des Menschen zusammengeführt worden.
Hier im Zwischengeschoss gebührend gewürdigt wird die Femme qui marche von 1932, also noch aus der surrealistischen Periode Giacomettis. Diese an die ägyptische Kunst erinnernde kerzengerade stehende Statue markiert die Wiederentdeckung des menschlichen Körpers durch Giacometti.
Die Figur zwischen zwei Häusern aus dem Jahr 1950 ist ein Werk der Nachkriegszeit, in dem noch einmal der Geist des Surrealismus anklingt. Das für Giacometti typische Motiv des Käfigs wird hier aufgenommen in den beiden Häusern, zwischen denen die Figur schreitet, aber auch gefangen ist: „Un univers absurde“.[11]
Das folgende Bild zeigt „Die Nacht“ von 1946, von Giacometti betitelt als study for a monument. Vielleicht gehörte das zu dem Entwurf eines für die Stadt Paris bestimmten, aber abgelehnten Projekts zur Erinnerung an den Pädagogen Jean Macé.
Giacometti: Es ist ein schlankes junges Mädchen, das im Dunkeln herumtappt und Nacht heißt.
Im zentralen Raum des Institut, dem ehemaligen Atelier von Paul Follet, stehen drei der schreitenden Männer Giacomettis. Natürlich gibt es dazu auch zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus über 30 Jahren. Denn das Thema, wie man mit einer immobilien Statue Bewegung anschaulich machen kann, hat Giacometti jahrelang intensiv beschäftigt. Das zeigt auch seine Auseinandersetzung mit Rodins Homme qui marche. Eine Abbildung davon war in Rilkes 1920 erschienenem Rodin-Buch enthalten. Giacometti hatte es dort nachgezeichnet und die Arme und den Kopf ergänzt, die bei Rodin fehlen.[12] Trotzdem ist aber, wie die Süddeutsche Zeitung in ihrem Bericht über die Ausstellung urteilt, keine Entwicklung bei der Bearbeitung des Themas zu erkennen. Das erlaube der Ausstellung, es mit wenigen gut ausgesuchten Werken erschöpfend zu behandeln.[13]
Ein Werk nur rumore durch seine Abwesenheit, wie die Süddeutsche Zeitung weiter schreibt: „In einem dem Katalog beigefügten „Erratum“-Zettel nimmt das Institut Giacometti mit scharfen Worten seine dort ausgesprochene Danksagung an die Unesco zurück. Deren Leitung hatte die Ausleihe der seit 1970 in ihrem Besitz befindlichen Version des „Homme qui marche“ von 1960 zugesagt und dann wenige Tage vor der Ausstellungseröffnung wieder zurückgezogen, weil das Museum der Forderung auf eine Versicherungssumme von 100 Millionen Euro nicht nachkommen konnte. Solche überzogenen Ausleihbedingungen kämen immer öfter vor und seien skandalös seitens einer öffentlichen Organisation, empört sich Catherine Grenier, die Direktorin des Institut Giacometti. Bei der Unesco bedauert man den Vorfall, doch halte man sich bei allen Ausleihen an eine unabhängige Einschätzung des Versicherungswerts.“ [14]
100 Millionen Euro Versicherungswert! Das muss man sich, nachdem man an dem ärmlichen Atelier Giacomettis vorbeigegangen ist, gewissermaßen auf der Zunge zergehen lassen. Und das umstrittene Objekt in der UNESCO ist immerhin (ausschnittsweise) hier zu sehen:
Diese Version des schreitenden Mannes gibt es also nicht im Institut Giacometti zu sehen. Aber es gibt die Möglichkeit, sich in die Bibliothek im ehemaligen Atelier Paul Follots zu setzen und in Ruhe in den dort ausgestellten Ausstellungskatalogen zu stöbern.
Das entspricht dem Konzept des Institut Giacometti, das ausdrücklich kein „normales Museum“ sein möchte. Welch ein Genuss, in diesem Raum zu lesen und dabei ab und zu einen Blick auf die drei schreitenden Männer zu werfen und das Spiel von Licht und Schatten über ihren Köpfen zu beobachten!
Lydia Salvayre (Prix Goncourt 2014) hat 2016 während der Ausstellung „Picasso -Giacometti“ eine ganze Nacht im musée Picasso zugebracht und ihr Feldbett vor dem l’homme qui marche aufgeschlagen, nach ihrer Überzeugung « l’œuvre au monde qui disait le plus justement et de la façon la plus poignante ce qu’il en était de notre condition humaine : notre infinie solitude et notre infinie vulnérabilité (…), notre entêtement à persévérer contre toute raison dans le vivre » .
In diesem sehr persönlichen Buch l’auteure décrypte son rapport à l’art. Elle se plonge dans la vie de Giacometti, se reconnaît dans son acceptation de l’échec, sa radicalité, son désir d’échapper aux diktats de l’époque pour tracer sa voie en répercutant le chaos du monde et l’inacceptable condition humaine. (Aude Carasco, La Croix 16.5.2019 – dort auch das nachfolgende Bild)
Nachtrag:
Am 18. November 2022 erschien in der FAZ ein kleiner Artikel mit der Überschrift: Haus in Paris und dem Untertitel Umbau für Giacometti. Bis 2026 soll in der ehemaligen Gare des Invalides, der derzeit als Air-France-Terminal dient, die Fondation Giacometti eine Ausstellungsfläche von stolzen 6000 Quadratmetern erhalten. Der Umbau wird durch den Internet-Milliardäe Xavier Niel finanziert, „Wird das Projekt in der angekündigten Form verwirklicht, handelt es sich für die Stiftung um einen Quantensprung“ und der Invaliden-Bahnhof könnte zu einem der großen Pariser Museen werden.
[12] Giacometti fait bouger les statues. La fondation consacrée à l’artiste étudie la genèse de son œuvre célèbre ‚Homme qui marche‘. In: Le Monde 9. Juli 2020, S. 23
Am 27. März 1790 berichtete der junge russische Reisende Nikolai Michailowitsch Karamansin in einem Brief über seine ersten Eindrücke von Paris:
„Als wir uns Paris näherten, fragte ich unaufhörlich: ‚Werden wir es bald sehen können?‘ Endlich erblickten wir es in seiner ganzen Größe auf einer weiten Ebene. Unsere gierigen Blicke starrten auf diese Häusermasse und verloren sich darinnen wie in dem unermesslichen Ozean. Mein Herz schlug hoch. Das ist sie, die Königin der Städte, dachte ich, die so viele Jahrhunderte hindurch Europa zum Muster diente und die Quelle des Geschmacks und der Moden für so viele Nationen war (…) Paris, von dem ich so vieles gelesen und gehört, über das ich so manchmal geschwärmt und gedacht habe- da liegt es vor mir. (…) Keiner Stadt habe ich mich noch mit solchen regen Gefühlen, mit solcher Neugierde, mit solcher Ungeduld genähert! (…)
Die Sonne ging unter, es ward Nacht, und man zündete die Laternen an. Wir kamen in das Palais Royal, ein ungeheures Gebäude, das man mit Recht die Hauptstadt von Paris nennt. Stellt Euch einen prächtigen Palast im Quadrat vor, um welchen ringsher Arkaden laufen, darunter den erstaunten Blicken in unzählbaren Läden alle Reichtümer der Welt entgegenstrahlen. Alle Schätze Indiens und Amerikas, Brillanten, Perlen, Gold und Silber – alle Produkte der Natur und Kunst, alles, womit nur immer die königliche Pracht sich brüstet, alle Erfindungen des Luxus zur Verschönerung des Lebens: alles das ist auf die geschmackvollste Weise hier ausgelegt und mit verschieden-farbigen Lampen erleuchtet. Ein Anblick, dessen Glanz die Augen blendet! Dabei die ungeheure Volksmenge, die in diesen Arkaden auf und nieder wallt, um zu sehen und gesehen zu werden! Hier sind die besten Kaffeehäuser von ganz Paris, die gleichfalls immer mit Menschen vollgestopft sind und in denen man Zeitungen und Journale laut vorliest, darüber streitet und lärmt, Reden hält usw.
Mir ging der Kopf in die Runde. Wir verließen die Bogengänge und gingen in die Kastanienallee des Jardin du Palais Royal, um auszuruhen. Hier herrschen Stille und Dunkel: die Arkaden ergossen zwar ihr Licht über die grünen Zweige, aber es verlor sich in ihren Schatten. Aus einer anderen Allee schallten sanfte leise Töne einiger Instrumente zu uns herüber, und ein kühler Wind rauschte in den Blättern der Bäume. Freudenmädchen besuchten uns in Menge, bewarfen uns mit Blumen, seufzten, lachten, luden uns in ihre Grotten ein und versprachen uns unendliches Vergnügen- verschwanden aber endlich wie die Erscheinungen einer Mondnacht.“ [1]
Karamansin nennt das Palais Royal „die Hauptstadt von Paris“ und er bezieht sich dabei –ohne den Namen zu nennen- auf Louis-Sébastien Merciers «Tableau de Paris», dessen Lektüre offenbar zu seinen Reisevorbereitungen gehörte. Nur konsequent also, dass schon sein erster Paris-Abend ihn dorthin führte. Für Mercier war das Palais Royal ein „Zauberort“, „eine luxuriöse kleine Stadt, die in einer grossen eingeschlossen ist“[2]und entsprechend empfindet es auch Karamasin: Mir kam alles wie Zauberei vor.
Verzaubert vom Palais Royal ist auch Ludwig Börne, der in seinem fünften Brief aus Paris vom 17. September 1830 begeistert berichtet:
„Die Pracht und Herrlichkeit der neuen Galerie d’Orléans im Palais Royal kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich sah sie gestern abend zum ersten Male in sonnenheller Gasbeleuchtung und war überrascht wie selten von etwas. Sie ist breit und von einem Glashimmel bedeckt. Die Glasgassen, die wir in früheren Jahren gesehen, so sehr sie uns damals gefielen, sind düstere Keller oder schlechte Dachkammern dagegen. Es ist ein großer Zaubersaal, ganz dieses Volkes von Zauberern würdig.“ (3)
Und noch 1835 ist das Palais Royal für den Paris-Reisenden Carl Gustav Carus ein „Zaubergarten“: „Wer … so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt fühlen.“ (4)
Ein weiterer Zeitzeuge ist Restif de la Bretonne, um 1800 einer der meistgelesenen französischen Autoren in Deutschland. Er nannte das Palais Royal „das Zentrum des Chaos einer großen Stadt“ und „le centre de tous les amusements.“ Restif musste es wissen: Hatte er doch wie kein anderer das Palais Royal zum Gegenstand seiner Literatur gemacht und damit zur Popularität des Ortes beigetragen.[5]
Die Attraktivität des Palais Royal ist wesentlich dem Besitzer des Anwesens, Louis-Philippe d’Orléans (1747-1793), duc de Chartres, später duc d’Orléans und ab 1792 Philippe Égalité zu verdanken. Der beschloss nämlich 1781 ein großes Umbauprogramm des Palais Royal, um die Anlage aufzuwerten und seiner Geldnot abzuhelfen. Er beauftragte damit Victor Louis, einen der großen Architekten des 18. Jahrhunderts.
Der umgab den Ehrenhof (damals der cour royale) mit Kolonaden, zu denen er sich vom Petersplatz in Rom inspirieren ließ. (Heute befinden sich in dem betonierten Hof Les Deux Plateaux des französischen Künstlers Daniel Buren, UXH, auch les colonnes de Buren genannt: Eine Kunstinstallation mit „Parkplatzflair“ (Marc Zitzmann), die ich gerne rechts liegen lasse, wenn ich vom Louvre aus zu dem Jardin durchgehe). Die Parzellen am Rand des Palais-Gartens ließ Louis-Philippe d’Orléans –ähnlich der Konzeption der Place Royal/Place des Vosges- mit noblen, gleichmäßig gestalteten „Reihenhäusern“ und Arkadengängen bebauen, um sie dann zu vermieten oder zu verkaufen. Sie boten Platz für Wohnungen, kleine Läden, Cafés und Restaurants am westlichen, nördlichen und östlichen Flügel des Gartens.
Plan von Victor Louis der Umbauten des Palais Royal mit den Kolonaden rund um die beiden Innenhöfe und der Randbebauung des Gartens.[6]
Dazu kam später am südlichen Rand des Gartens, am Übergang zum Ehrenhof des Palais, eine hölzerne Galerie, die ebenfalls eine Fülle von Läden umfasste und im Volksmund camp des Tartares (Tartarenlager) genannt wurde: Es war dies gewissermaßen die Ahnherrin der später (nicht nur) in Paris so beliebten überdachten Galerien bzw. Passagen.[7]
Und schließlich gab es den auf diesem Entwurf auch noch nicht vorgesehenen cirque, den „Zirkus“: ein in der Mitte des Gartens platziertes 112 Meter langes und 32 Meter breites Gebäude, das teilweise in den Boden versenkt war, um den Blick auf die Arkaden nicht zu behindern.
Es verfügte über einen großen glasgedeckten Raum für große Veranstaltungen und über 40 halb in den Boden versenkte Boutiquen — gewissermaßen ein Vorläufer heutiger Einkaufszentren. Im Dezember 1798 brannte das Gebäude ab und wurde dann nicht mehr wieder aufgebaut.
Zeichnung des Inneren von Meunier, um 1788 (Musée Carnavalet[8])
Dazu kamen dann noch das 1783 errichtete Théâtre Beaujolais in der Rue de Montpensier (heute Théâtre du Palais-Royal) und das ebenfalls von Victor Louis entworfene Theatergebäude der heutigen Comédie Française (gebaut 1786-1790).
Das Projekt Louis- Philippes kombinierte also Wohnungen, Kommerz und Unterhaltung. Ein solches Konzept war geeignet, ein großes Publikum anzuziehen. Dazu trug auch bei, dass der Hausherr dem Garten und den umgebenden Galerien einen Sonderstatus verlieh, ihn nämlich der polizeilichen Aufsicht entzog. Das entsprach dem wirtschaftlichen Interesse des Herzogs, aber auch seiner Neigung zu Reformideen noch zur Zeit des Ancien Régime. 1792 gab er sich den neuen Titel „Philippe Égalité“ und benannte seinen Garten in „Jardin de la Révolution“ um. Er stimmte sogar für die Todesstrafe Ludwigs XVI., was ihn aber nicht davor bewahrte, 1793 selbst unter der Guillotine zu enden.[8] Die Erfolgsgeschichte des Palais Royal ging aber weiter und überdauerte die Wirren der Revolution, die Herrschaft Napoleons und die Restaurationsphase der Bourbonen. Es war ausgerechnet die Julirevolution von 1830, die den Sohn Louis Philippes von Orléans zum König der Franzosen machte, die dem im Palais Royal herrschenden bunten Treiben ein Ende bereitete.
Der Charme des Ortes ging damit aber nicht verloren, wie Carl Gustav Carus 1836 bestätigte. Im Tagebuch seiner Reise „Paris und die Rheingegenden“ rühmte er das Palais Royal – wie schon so viele Besucher vor ihm- als einen Zaubergarten:
„Und gewiß! Wer unvorbereitet und ohne weiter zu wissen, was alles in diesen Hallen sich bewegt, so ganz unbefangen, bei einem recht schönen Abende, von der Seite der Seine in den Garten des Palais Royal und seine glänzend erleuchteten Galerien tritt, mag immer in einen märchenhaft luxuriösen Zauberkreis sich versetzt glauben.“[9]
Was die Attraktivität, ja den Ruhm des Palais Royal vor allem in seinen „wilden Jahren“ ausmachte, wird in diesem und dem folgenden Beitrag näher entfaltet. So soll ein anschauliches Panorama dieses kommerziellen, gesellschaftlichen, erotischen und politischen „hotspots“ von Paris in den Jahren zwischen 1780 und 1830 entstehen.
Das Paradies (nicht nur) der Damen: Die Boutiquen im Palais Royal
Insgesamt gab es in den Jahren um 1800 fast 400 Geschäfte im Palais Royal. Die Vielfalt war beeindruckend, die Konkurrenz groß. Besonders reichlich vertreten waren Luxuswaren.
Auf diesem Gemälde von Philibert- Louis Debucourt von 1789 (nach einem Gemälde von François Bosio) sieht man feine Damen und Herren –jung und alt- bei der Promenade durch die „Galerie du Palais Royal“- so der Titel. Die beiden jungen Damen sind nach der neuesten Mode gekleidet – es sind die sogenannten élégantes. Da man bei den eng anliegenden Gewändern die notwendigen Utensilien jetzt nicht mehr unter dem Kleid verbergen konnte – wie bei der alten noch im Stil des ancien régime gekleideten Dame links im Bild- kamen jetzt Handtaschen aus Seide oder Leder in Mode: Das Kind rechts im Bild darf die Tasche seiner Mutter tragen.[10]
Modische Accessoires wurden im Palais Royal in Fülle angeboten; zum Beispiel Kaschmir-Schals. Hatte man unter den Arkaden die Boutique mit den chinesischen Schattenspielen passiert, war man da am richtigen Platz.
Kaschmir-Schals waren nach 1800 in Frankreich „der letzte Schrei“.[12] Joséphine de Beauharnais, die Frau Napoleons, liebte sie und schuf damit eine entsprechende Mode. Die Nachfrage war so groß, das Angebot echter „châles des Indes“ aber, vor allem in Zeiten der Kontinentalsperre, so gering, dass man begann französische Kaschmir-Schals zu produzieren. Von der Kaiserin wurde das auch entsprechend unterstützt: 1812 kaufte sie 12 Kaschmir-Schals „made in France“ für 24 000 Francs![13] Die publikumswirksame Unterstützung französischer Produktion durch die höchsten staatlichen Autoritäten hat in Frankreich eine lange Tradition…
Dies ist der Eingang zu dem früheren Laden des Uhrmachers Charles Oudin in der Galerie Montpensier Nummer 51 und 52.[14] Oudin (1768-1840) hatte bei dem berühmten Uhrmacher Bréguet sein Handwerk gelernt und zu dessen Erfolgen mit eigenen Erfindungen beigetragen. 1801 machte er sich selbstständig und eröffnete eine eigene Werkstatt im Palais Royal. Mit seinen handsignierten Uhren belieferte er die russische Zarenfamilie, die Königshäuser von Spanien, Portugal, Italien und Griechenland und die Kaiserin Josephine.[15] Alte Oudin-Uhren sind heute gesuchte Sammlerstücke. Aber es gibt auch neue Oudin-Uhren, die allerdings nicht mehr im Palais Royal, sondern an der Place Vendôme verkauft werden.
Hier und an manchen anderen Stellen des Palais Royal sind noch alte Firmenschilder und Mosaike zu sehen:
Hier sieht man noch die alten Nummern der Boutiquen, die die Orientierung erleichterten.
Ein schöner alter Mosaikfußboden ist auch noch in dem luxuriösen belgischen Modegeschäft Delvaux in der Galerie de Valois erhalten. Delvaux hat sich 1828 im Palais Royal niedergelassen und verweist stolz auf diese Tradition und auf seine exklusiven Magritte-Vermarktungsrechte.[11]
Zu der Palais Royal-Tradition gehören auch die zahlreichen Formen von Siegeln, die in dem Geschäft ausgestellt sind und aus einer nicht weniger noblen Vorgängerboutique stammen.
Der frühere Besitzer belieferte den ganzen europäischen Adel mit Siegeln. Gerne werden interessierten Besuchern auch die beiden gezeigt, die für Napoleon angefertigt worden waren…
Die eiserne Wendeltreppe in der Boutique stammt übrigens vom Eiffelturm.
Zum Schluss dieses kleinen Rundgangs durch die Galerien des Palais Royal noch ein Blick auf das Tabak- und Pfeifengeschäft À L’ORIENTAL.
Es verweist stolz auf seine Gründung im Jahr 1818, und auch für Nichtraucher lohnt es sich, einen Blick in dieses Kuriositätenkabinett zu werfen. [16]
Es erinnert an einen früheren Tabakladen, den es im Palais Royal gab, von dem Casanova in seinen Memoiren Geschichte meines Lebens berichtet: Ein einmaliger Besuch derHerzogin von Chartres in dem Tabakladen habe bewirkt, dass die Kunden nur so hereinströmten und die Verkäuferin ihr Glück gemacht habe.
Restaurants und Cafés im Palais Royal der „années folles“
Das Palais Royal gilt mit Recht als „Wiege der französischen Gastronomie“.[17] Hier zum ersten Mal gab es Restaurants, in denen die Gäste an individuellen Tischen jederzeit aus einer Speisekarte mit fest angegebenen Preisen eine Auswahl treffen konnten. Außerdem wurden die Speisen dort nicht auf einmal serviert, sondern entsprechend dem „service à la russe“ die verschiedenen Gänge nacheinander. Die ersten, bedeutendsten und in ganz Europa berühmten Restaurants der Stadt lagen in den Galerien des Palais Royal: „Les Frères provençaux“ (Nr. 96-98), das Very (Nr. 83-85) und das Véfour (Nr. 79-82). (Das im Sinne eines Speiselokals zu verstehende Wort Restaurant wurde übrigens erst 1835 in den Dictionnaire de l’Académie française aufgenommen).
Les Frères provençaux wurde 1786 von drei Brüdern aus der Provence im Palais Royal eröffnet. Der große Speisesaal unterschied sich kaum von dem heutiger nobler Restaurants. [18]
Für viele Ausländer, vor allem Amerikaner, war das Restaurant im 19. Jahrhundert der erste Pariser Anlaufpunkt auf ihrer „grand tour“ durch Europa. Kein Wunder bei der Eleganz der Einrichtung und der Gäste und vor allem natürlich auch wegen des außerordentlichen Angebots: Es gab allein 16 Gerichte mit Rind, 30 mit Geflügel, 20 mit Kalb, 13 mit Lamm und 29 mit Fisch- wobei das Restaurant besonders für seine Brandade, ein mit Fisch und Gemüse zubereitetes Pürree, berühmt war.[19]
Auch das Restaurant Very genoss internationales Renommee. Das zeigt die nachfolgende Farblithografie des Engländers George Cruikshank (1792–1878). Der hatte 1822 in London eine Sammlung von karikaturistischen Lithografien mit dem Titel Life in Paris, comprising the rambles, sprees and amours of Dick Wildfire veröffentlicht.
Hier sieht man ihn mit zwei Freunden beim Dinner im Restaurant Very.[20] Aber natürlich zog das Very auch Franzosen an, wie man aus Balzacs Illusions perdues erfahren kann: Da entdeckt nämlich der aus der Provinz stammende Lucien Chardon/Lucien de Rubempré das Palais Royal und besucht das Very „pour s’initier aux plaisirs de Paris“.[21]
Das einzige der drei ursprünglichen Nobel-Restaurants im Palais Royal, das es heute noch gibt, ist Le Grand Véfour. Es wurde 1784 in den gerade errichteten Arkaden als Café de Chartres eröffnet und 1820 von Jean Véfour übernommen.
Die Innenausstattung des Véfour war (und ist) ausgesprochen nobel, was sicherlich dazu beitrug, dass das Restaurant ein bevorzugter Treffpunkt von Schriftstellern wurde.[22]
Zum kulinarischen Angebot in den Galerien des Palais Royal trugen auch die commerces de bouche bei, also feine Geschäfte rund ums Essen: Feinkostläden, Konditoreien, Traiteure (Produzenten und Lieferanten von Fertiggerichten) …. Hier das Ladenschild des Delikatessenladens Corcellet in der Galerie de Valois Nummer 104, entstanden um 1801 und heute ausgestellt im Musée Carnavalet. [23]
Das Palais Royal war aber nicht nur berühmt wegen seiner Restaurants, sondern auch wegen der Cafés, die sich in den Galerien niederließen. In einem englischen Paris-Führer aus dem Jahr 1839 findet sich im Anhang eine Auflistung von besonders empfehlenswerten Pariser Restaurants und Cafés. Von den dort aufgeführten 24 Etablissements befinden sich allein 9 im Palais Royal, obwohl dessen beste Zeit damals schon vorbei war und ihm die großen Boulevards den Rang abgelaufen hatten. [24] Die Konkurrenz unter den Cafés war also sehr groß, und die Besitzer hatten zum Teil schon besondere Einfälle, um das Publikum anzuziehen. Das konnte eine besondere Ausstattung sein wie in der Nummer 55: Dort gab es in der ersten Etage eine Darstellung des Übergangs der napoleonischen Armee über die Alpen. Und entsprechend war dann auch das Café du Mont-St-Bernard benannt und ausgestattet: Mit Grotten, Mineralien, landestypischen Trachten… Unübertroffen war aber in dieser Hinsicht das „Café Méchanique“ in der Nummer 121: Dort gab man seine Bestellung auf, indem man einen entsprechend ausgefüllten Zettel in ein Loch im Tisch warf. Bald danach erschien dann das gewünschte Getränk wie durch ein Wunder auf dem Tisch: Seine Beine waren nämlich Zylinder mit einer darin verborgenen Aufzugsvorrichtung, die mit der darunter befindlichen Küche verbunden war. Eine andere Form, das Publikum anzuziehen, waren außergewöhnliche Darbietungen wie in dem Café Lyrique, wo ein Blindenchor und blinde Musikanten auftraten, was dem Café dann auch den Namen „Café des Aveugles“, der Blinden, gab.[25]
Unterhaltung ohne Grenzen im Palais Royal
Solche – und andere- Angebote machten das Palais-Royal in seinen „wilden Jahren“ zum unbestrittenen Zentrum der Unterhaltung und des Amusements von Paris. Eine große Rolle dabei spielte das (Glücks-)Spiel. Insgesamt gab es in den Galerien eine große Zahl von Boutiquen mit unterschiedlichen Spielangeboten, und auch im Cirque gab es noch Spieltische. In ihrer Histoire de la société francaise pendant la Révolution schreiben Edmond und Jules de Goncourt, in Paris, der Hauptstadt der Welt, sei das Palais Royal die Hauptstadt des Spiels geworden; „dans ce Paris, capitale du monde, le Palais-Royal devient la capitale du jeu.“ (25a) :
Auf diesem 1808 entstandenen Bild von Louis Léopold Boilly wird eine Partie Dame im Café Lamblin im Palais Royal gezeigt- natürlich ohne Damen, die aber auch beim Glücksspiel eine Rolle spielten. [26]
So etwa in der Nummer 113, einer besonders bekannten Adresse für Spieler. Im Erdgeschoss gab es ein kleines Restaurant und im ersten Stock Spielsäle, wo von nachmittags bis zum frühen Morgen an sechs Tischen Roulette gespielt wurde.
Die große Ziffer am Eingang deutet aber darauf hin, dass das Etablissement auch noch eine andere Bestimmung hatte[27]: In allen Zimmern saßen um die Spieltische und Spieler herum Damen, die sich anboten, die Gewinner zu verwöhnen und die Verlierer zu trösten. Dafür gab es im zweiten Stock des Hauses die entsprechenden Räume. Und wie man auf dem Aquarell von Georg Emmanuel Opitz (1775- 1841) sieht, boten auch schon am Eingang Damen ihre Dienste an.[28]
1814 wurde sogar in Paris ein Roman von J.-P.-R. Cuisin publiziert, der am Beispiel der „Spielhölle“ in Nummer 113 die Gefahren des Glücksspiels thematisierte: Le Numéro 113 ou la Catastrophe du jeu. Histoire véritable.[29]Eine abschreckende Wirkung hat das Buch aber offensichtlich nicht gehabt…
Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buchs verlor jedenfalls der siegreiche preußische Marschall Blücher an einem einzigen Abend ein Vermögen beim Spiel im Palais Royal.[30] Und wenn man dann unbedingt noch mehr Geld benötigte oder seine ausländische Währung umtauschen wollte, gab es auch zum Umtausch oder Eintausch von Wertsachen/Pfändern die entsprechenden Einrichtungen in den Galerien des Palais Royal.[31]
Stellenweise glich das Unterhaltungsangebot im Palais Royal dem eines Jahrmarkts. Dazu gehörte auch die Präsentation besonders ausgefallener menschlicher „Exponate“.
Hier zwei Werbezettel für die Zurschaustellung des schwergewichtigen Engländers Paul Butterbrodt (238 Kilogramm) und der „jungen preußischen Riesin“ Mlle La Pierre (2.20 m groß). [32]
Bewundern konnte man auch einen kleinwüchsigen Menschen aus dem Schwarzwald. Der war nur 75 cm groß, sprach aber verschiedene Sprachen, in denen er alle möglichen Fragen zur Geografie, seinem Spezialgebiet, beantworten konnte: Sein Geist hatte das in Fülle, was seinem Körper fehlte, wie es in der Werbung für ihn hieß. Zu sehen war er -natürlich auch gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld- von 10 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts. Man konnte aber auch private Reservierungen vornehmen -vielleicht als Attraktion für eine häusliche Einladung. (33)
Eine Attraktion war auch das Wachsfigurenkabinett des Philippe Curtz/Curtius in der Galerie de Montpensier Nummer 17. Dort waren die Büsten bedeutender historischer Persönlichkeiten und aktueller politischer Prominenz ausgestellt. (Die künftige Mme Tussaud erlernte übrigens dort ihr Handwerk). Der deutsche Reisende August von Kotzebue schreibt in seinem Reisebericht von 1790:
„Ein anderer Schreier machte uns aufmerksam auf den Saal von Wachsfiguren in Lebensgröße, der wirklich sehenswert ist. Der König, die Königin, der Dauphin mit seiner Schwester, la Fayette, Bailly, Voltaire, Rousseau, Franklin, die berühmten beiden Gefangenen, die in ihrer Gefangenschaft so interessant, und außer derselben so langweilig sind, ich meine Trenk und la Trude, die indianischen Gesandten, die einst hier waren, Madame du Barry schlafend und halb nackend, Maria Theresia, Clermont Tonnerre und Gott weiß wer sonst noch. Alle stehen hier in außerordentlicher Ähnlichkeit, in ihrer gewöhnlichen Kleidung.- Was gäbe ich nicht darum, eine solche Abbildung meiner Friederike zu besitzen!“ (34)
Im „Muséum de démonstrations de physiologie et de pathologie“ des M. Bertrand in der Nummer 23 konnten Besucher außerdem alle aus bemaltem Wachs nachgeformte Partien des menschlichen Körpers in Augenschein nehmen, die entsprechend der damaligen Werbung mit solcher Kunstfertigkeit hergestellt waren, dass sie wie echt erschienen. (35)
Und natürlich durften da auch sogenannte „sauvages“ nicht fehlen. Kotzebue berichtet zum Beispiel von einem angeblichen homme sauvage, „der Gott weiß auf welcher Insel gefangen worden sein sollte (…) Seine ganze Wildheit bestand darin, dass er Steine fraß. … Er zermalmte die Kiesel mit den Zähnen, sperrte das Maul weit auf, um uns die klein gekauten Steine sehen zu lassen, und ließ uns dann auf seinem Unterleibe trommeln, wo wir ein ansehnliches Depot von Steinen konnten klappern hören. Betrug schien es mir nicht zu sein. (36) Wie Mercier berichtet, konnten Voyeure –gegen eine entsprechende Gebühr- sogar einen anderen jungen „Wilden“ beobachten, „qui s’accouplait publiquement avec une femme de son espèce“.[37]
Zu den Attraktionen des Palais Royal gehörte auch die kleine Kanone, die 1786 von dem Uhrmacher Rousseau, „ingénieur en instruments de mathématiques, particulièrement en montres et cadrans solaires portatifs, méridiennes et canons“ installiert wurde.
Die Kanone ersetzte die auf Veranlassung des duc de Chartres angebrachte Markierung des Pariser Meridians. Auf einem der benachbarten Gebäude des Gartens war eine Mittagslinie eingezeichnet. Casanova notierte 1750, dass viele Menschen um die Mittagszeit im Garten aufmerksam herumständen und die „Nase in die Luft“ streckten. Jeder habe seine Uhr in der Hand, um sie genau um 12 Uhr exakt einzustellen. Es gäbe zwar viele solcher Mittagslinien, „aber die des Palais Royal ist die genaueste“.[36] Als dann die den Garten umgebenden Galerien und Häuser gebaut wurden, verdeckten sie den Blick auf die benachbarten Fassaden mit dem Meridian. Die kleine Kanone bot nun eine attraktive Alternative: Genau um 12 Uhr entzündeten die Sonnenstrahlen das unter einem Brennglas deponierte Schwarzpulver und lösten damit eine kleine Explosion aus. Mit einigen Unterbrechungen funktionierte diese Kanone bis 1997. Da wurde sie gestohlen und durch eine „stumme“ Nachbildung ersetzt….
Das –hier erst teilweise behandelte- überwältigende und vielfältige Angebot im Palais Royal zog, wie schon der anfangs zitierte russische Reisende Karamansin feststellte, eine große Zahl von Besuchern an, die aus Paris, Frankreich und dem Ausland herbeiströmten. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Darstellungen, die das veranschaulichen. Eine davon ist die Farblithografie „La promenade publique“ von Dubucourt aus dem Jahr 1792.
Dargestellt ist „die bessere Gesellschaft“, die sich auch in Zeiten der Revolution das Vergnügen im Palais Royal nicht nehmen lässt.[39] Man kann es zwar als Ankündigung eines sozialen Umbruchs verstehen, dass der Stuhl unter dem jungen Aristokraten im Vordergrund links zusammenbricht. Dass aber der Umbruch nicht allzu tiefgreifend werden wird, zeigt ein weiterer junger Aristokrat recht im Bild hinter dem Kind, das ein Tablett mit zwei Flaschen trägt. Dieser eine Kusshand werfende junge Mann ist der Duc de Chartres, der junge Herr des Anwesens. Und der fiel nicht der Revolution zum Opfer wie sein Vater, sondern er wurde 1830 französischer König, der „Bürgerkönig“ Louis Philippe…
(4) zit. bei: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. Insel-Taschenbuch 389. Ffm 1980, S. 129
[5] Die Zitate aus: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 295 und Le Palais Royal. Deuxième Partie. Les Sunamites. Paris 1790 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6439744c/f23.imageDie Abbildung zeigt das Cover einer späteren Auflage: https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Fichier:Restif_de_la_Bretonne_-_Le_Palais-Royal, Zu Rétif in Paris (es gibt die beiden Schreibweisen) siehe auch: Waltraut Dennhardt-Herzog, Auf den Spuren von Rétif de la Bretonne. In: Europa erlesen. A.a.O., S. 132 f Zu seiner Rezeption in Deutschland: Yong-Mi Quester, Frivoler Import: Die Rezeption freizügiger französischer Romane in Deutschland (1730-1800). Tübingen 2006
[9] Carl Gustav Carus, Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835. Leipzig 1836. Zit in: Karsten Witte (Hrsg), Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980 (Insel Taschenbuch 389), S. 129
[10] rhttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons (Die Titelangabe ist allerdings falsch. Bei der „Promenade de la galerie du Palais-Royal“ handelt es sich um eine Farblithografie, die später noch gezeigt wird. Das Bild befindet sich im Musée Marmottan Monet in Paris. Siehe dazu: : French Art of the Eighteenth Century. Yale University Press, New Haven and London, S. 154
[11] Es handelt sich um eine Dépendence der Brüsseler Firma, die sich als Pionier luxuriöser Ledertaschen bezeichnet.
[12]La mode du châle cachemire en France. Ausstellungskatalog 1982. Musée de la mode et du costume. Herausgegeben von der Stadt Paris.
(25a) Edmond und Jules de Goncourt, Histoire de la société française pendant la Révolution“. Paris: Éditions du Boucher 2002. Nachdruck der Ausgabe von 1889
[26] Bild aus der Ausstellung Les Nuits de Paris mit entsprechenden Erläuterungen
(35) Robert Calasso, Der Untergang von Kasch. FFM 1997. Zitiert in: Susanne Gretter, Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. Suhrkamp taschenbuch 2994, FFM S. 301
Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988
Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll, Autorin einer Doktorarbeit über « Le résumé de Paris »? Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements . https://chartes.hypotheses.org/5640 2019
Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010
Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943
Rodolphe Trouilleux, Le Palais-Royal. Un demi-siècle de folies 1780-1830. Bernard Giovanangeli Éditeur 2010
René Héron de Villefosse: L’anti-Versailles ou le Palais-Royal de Philippe Egalité. Paris: Dullis 1974
Weitere geplante Beiträge:
Das Palais Royal (3): revolutionärer Freiraum und Sündenbabel in den „wilden Jahren“ zwischen 1780 und 1830
Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1): Einführung
Der Parc Jean-Jacques Rousseau in Ermenonville: der erste Landschaftspark auf dem europäischen Kontinent und die erste Begräbnisstätte Rousseaus
„L’homme qui marche“ (der schreitende Mann) von Alberto Giacometti: Eine exquisite Ausstellung in einem exquisiten Pariser Ambiente
Der nachfolgende Beitrag leitet eine kleine Reihe von Beiträgen zum Palais Royal ein. Die weiteren Beiträge beziehen sich auf die „wilden Jahre“ des Palais Royal zwischen 1780 und 1830:
Unter den Gärten und Parks von Paris spielt der Garten des Palais Royal eher eine stiefmütterliche Rolle- und das trotz seiner Lage mitten in der Stadt und in der Nähe des Louvre. In zahlreichen Zusammenstellungen der schönsten Parks und Gärten von Paris wird er überhaupt nicht aufgeführt.[1] Das liegt wohl daran, dass der Garten etwas verborgen und geschützt im Innern des Palais Royal liegt.
So befindet man sich –wenn man vom Süden oder Norden den Park betritt, in einer Oase der Ruhe mitten im pulsierenden Leben der Stadt und man spürt noch etwas von dem aristokratischen Flair dieses Ortes.
Der Garten des Palais Royal ist auf drei Seiten umgeben von Arkadengängen, die zum Bummeln einladen. Benannt sind sie nach seinen drei Söhnen: Im Westen ist das die Galerie de Montpensier, benannt nach Antoine Philippe, Herzog von Montpensier; im Norden die Galerie de Beaujolais, benannt nach Louis Charles, Graf von Beaujolais, und im Osten die Galerie de Valois, benannt nach seinem ältesten Sohn Louis-Philippe, zunächst Herzog von Valois, später Herzog von Chartres und von 1830-1848 „König der Franzosen“.
Kleine, edle Boutiquen reihen sich aneinander, bei denen man sich manchmal fragt, wie sie (über-) leben können. Aber offenbar gibt es in Paris genug Touristen und wohlhabende Menschen, die es sich leisten wollen und können, bei einer solchen Adresse einzukaufen. Für Normalsterbliche genügt es ja auch, einen Blick durch die Fensterscheiben zu werfen.
Das gilt auch für das berühmte Restaurant Vefour. Es wurde 1784 in der gerade neu errichteten Galerie de Beaujolais eröffnet, dem nördlichen Arkadengang, der hier rechts im Bild zu sehen ist.
Damals war es noch ein Café, das Café de Chartres – benannt nach dem duc de Chartres, dem Bauherrn der Arkadengänge. Später wurde das Lokal von Herrn Véfour übernommen, preziös ausgestattet und nach ihm benannt: Als Le Grand Véfour wurde es eine gastronomische „adresse mythique“ der Stadt.[2]
Flaubert, Turgenew und Edmond de Goncourt speisten regelmäßig in dem Restaurant, wozu sie dann auch die beiden jüngeren Schriftsteller Zola und Daudet einluden: das waren die sogenannten „Dîners des Cinq“. Und später gehörten Victor Hugo, Balzac, George Sand, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und natürlich die Nachbarn Colette und Jean Cocteau zu den prominenten Gästen.[3]
In seinem Roman Verlorene Illusionen beschreibt Honoré de Balzac das turbulente Treiben in den Galerien des Palais Royal:
Alles wurde hier gemacht, die öffentliche Meinung, der Ruf, politische und finanzielle Geschäfte. Man gab sich vor und nach der Börse Stelldichein in den Galerien. Das Paris der Bankiers und Kaufleute füllte oft den Hof des Palais Royal und flutete, wenn es regnete, in die Galerien hinein, deren Akustik bewirkte, dass jedes Gelächter widerhallte und dass man an dem einen Ende sofort wusste, worüber am anderen gestritten wurde. Es gab hier Buchhändler, Dichtung, Politik und Prosa, Modemagazine und schließlich Freudenmädchen, die nur am Abend kamen.[3a]
Aber nun zum Garten: Er ist mit seinen Alleen und den in quadratische Formen gezwungenen Bäumen streng französisch angelegt. Aber es ist kein Schaugarten, der vor allem beeindrucken will, sondern er lädt ein zum Verweilen: Es gibt einen zentralen Springbrunnen mit –allerdings etwas unbequemen- eisernen Sesseln und Stühlen darum herum, wie man sie auch vom Jardin du Luxembourg oder dem Tuilerien-Garten kennt.
Die Dame mit ihrer vollgefüllten Einkaufstasche und dem elegant herausgeputzten, rotbeschuhten Pudel gönnt sich hier eine Pause. Vielleicht kommt sie gerade aus einer der noblen Boutiquen unter den Arkaden.
Es gibt auch viele Bänke, die zum Sitzen einladen.
Die Spatzen fressen sogar aus der Hand!
Anziehend ist das Ensemble von harmonischer, edler Architektur und dem Garten in allen Jahreszeiten:
Eine besondere Attraktion sind im Frühjahr blühenden Magnolien. Die wurden 1992 auf Initiative des damaligen Kultusministers Jack Lang angepflanzt, auch wenn sie eigentlich nicht zu einem französischen Garten passen. [3b]
Foto: Wolf Jöckel 21.3.2022
Und danach blühen ganzen Sommer über die Rosen, im Herbst färben sich die Blätter der Bäume und im Winter entfalten die kahlen Alleen einen besonderen strengen Reiz.
Manchmal lohnt es sich auch, einen Blick nach oben zu werfen, wo wir einmal diese beiden Dachwandler entdeckt haben, die offenbar gerne einmal den Garten von oben betrachten wollten.
Der Garten des Palais Royal ist aber nicht nur ein Eldorado für Tauben, Spatzen und ältere Damen. Er war auch ein Anziehungspunkt für Literaten und er wird deshalb auch der jardin des belles lettres genannt. Das ist sicherlich in seiner zentralen Lage begründet, auch der Nähe zur Bibliothèque Nationale und den beiden Theatern, der Comédie Française und dem Théâtre du Palais-Royal.
Detail der Außenfassade des Theaters in der rue de Montpensier
Es beruht aber auch darauf, dass das Palais Royal berühmt war für seine vielen Cafés. Eines davon war das Café de la Régence, das es heute leider nicht mehr gibt. Hermann Kesten hat es in seinem Büchlein „Dichter im Café“ besonders gewürdigt.[4] Es gibt darin ein schönes Zitat, das in kaum einer einschlägigen Veröffentlichung über das Palais Royal fehlt:
Im posthum publizierten Dialog Rameaus Neffe, den Goethe auf Schillers Empfehlung aus dem Manuskript übersetzt hatte, lange vor der Publikation des Originals, schildert Diderot das Café de la Régence, den Neffen des Rameau, den Rameau und sich. „Es mag schön oder hässlich Wetter sein“, so beginnt er, „meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall, um fünf Uhr abends im Palais Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sei sie weise oder töricht. So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“
„Wenn es gar zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich in das Café de la Régence und sehe zu meiner Unterhaltung den Schachspielern zu. Paris ist der Ort in der Welt, und das Café de la Régence der Ort in Paris, wo man das Spiel am besten spielt… Da sieht man die bedeutendsten Züge, da hört man die gemeinsten Reden…“
Hermann Kesten war Autor und Lektor, floh 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Frankreich und leitete die deutsche Abteilung des niederländischen Exilverlags Allert de Lange. Er wohnte zeitweise in Sanary, der „Hauptstadt der deutschen Literatur der 1930-er Jahre“[5], zeitweise in Nizza in Hausgemeinschaft mit Joseph Roth und Heinrich Mann und zeitweise auch in Paris. Dann hielt er sich gerne im Café de la Régence auf und traf dort seine zahlreichen literarischen Freunde. Dazu gehörte natürlich auch Stefan Zweig, für den es damals nur ein paar Schritte dorthin waren.
Stefan Zweig hatte 1912 das Hotel Beaujolais in der gleichnamigen Straße entdeckt- auch das gibt es heute nicht mehr. Es lag neben dem Restaurant Vefour, und die Zimmer hatten einen Ausblick in den Garten des Palais Royal. In den 1930-er Jahren, auf der Flucht vor den Nazis, ließ sich Zweig wieder dort nieder. In seinen Erinnerungen Die Welt von gestern beschreibt er, wie er diesen Platz entdeckte und was ihn dorthin zog:
Die Stadt war zur Zeit, da ich sie kennenlernte, noch nicht so völlig zu einer Einheit zusammengeschmolzen wie heute dank der Untergrundbahnen und Automobile; noch regierten hauptsächlich die mächtigen, von schweren, dampfenden Pferden gezogenen Omnibusse den Verkehr. Allerdings, bequemer war Paris kaum zu entdecken als vom ›Imperial‹, vom ersten Stock dieser breiten Karossen oder aus den offenen Droschken, die ebenfalls nicht allzu hitzig fuhren. Aber von Montmartre nach Montparnasse war es damals immerhin noch eine kleine Reise, und ich hielt im Hinblick auf die Sparsamkeit der Pariser Kleinbürger die Legende durchaus für glaubhaft, daß es noch Pariser der rive droite gebe, die nie auf der rive gauche gewesen seien, und Kinder, die einzig im Luxembourg-Garten gespielt und nie den Tuileriengarten oder Parc Monceau gesehen. Der richtige Bürger oder Concierge blieb gerne chez soi, in seinem Quartier; er schuf sich innerhalb von Großparis sein kleines Paris, und jedes dieser Arrondissements trug darum noch seinen deutlichen und sogar provinzartigen Charakter. So bedeutete es für einen Fremden einen gewissen Entschluß, zu wählen, wo er seine Zelte aufschlagen sollte. Das Quartier Latin lockte mich nicht mehr. Dorthin war ich bei einem früheren kurzen Besuch als Zwanzigjähriger gleich von der Bahn aus gestürzt; am ersten Abend schon hatte ich im Café Vachette gesessen und mir ehrfürchtig den Platz Verlaines zeigen lassen und den Marmortisch, auf den er in der Trunkenheit immer mit seinem schweren Stock zornig hieb, um sich Respekt zu verschaffen. Ihm zu Ehren hatte ich unalkoholischer Akoluth ein Glas Absinth getrunken, obwohl dies grünliche Gebräu mir gar nicht mundete, aber ich glaubte als junger, ehrfürchtiger Mensch mich verpflichtet, im Quartier Latin mich an das Ritual der lyrischen Dichter Frankreichs halten zu müssen; am liebsten hätte ich damals aus Stilgefühl im fünften Stock in einer Mansarde bei der Sorbonne gewohnt, um die ›richtige‹ Quartier-Latin-Stimmung, wie ich sie aus den Büchern kannte, getreulicher mitleben zu können. Mit fünfundzwanzig Jahren dagegen empfand ich nicht mehr so naiv romantisch, das Studentenviertel schien mir zu international, zu unpariserisch. Und vor allem wollte ich mir mein dauerndes Quartier schon nicht mehr nach literarischen Reminiszenzen wählen, sondern um möglichst gut meine eigene Arbeit zu tun. Ich blickte mich sogleich um. Das elegante Paris, die Champs Élysées, boten in diesem Sinne nicht die geringste Eignung, noch weniger das Quartier um das Café de la Paix, wo alle reichen Fremden des Balkans sich Rendezvous gaben und außer den Kellnern niemand französisch sprach. Eher hatte die stille, von Kirchen und Klöstern umschattete Sphäre von Saint Sulpice, wo auch Rilke und Suarez gerne wohnten, für mich Reiz; am liebsten hätte ich auf der Isle St. Louis Hausung genommen, um gleicherweise beiden Seiten von Paris, der rive droite und rive gauche, verbunden zu sein. Aber im Spazierengehen gelang es mir, gleich in der ersten Woche etwas noch Schöneres zu finden. Durch die Galerien des Palais schlendernd, entdeckte ich, daß unter den im achtzehnten Jahrhundert von Prince Egalité ebenmäßig gebauten Häusern dieses riesigen Carrés ein einziges einstmals vornehmes Palais zu einem kleinen, etwas primitiven Hotel herabgekommen war. Ich ließ mir eines der Zimmer zeigen und merkte entzückt, daß der Blick vom Fenster in den Garten des Palais Royal hinausging, der mit Einbruch der Dunkelheit geschlossen wurde. Nur das leise Brausen der Stadt hörte man dann undeutlich und rhythmisch wie einen ruhelosen Wogenschlag an eine ferne Küste, im Mondlicht leuchteten die Statuen, und in den ersten Morgenstunden trug manchmal der Wind von den nahen ›Halles‹ einen würzigen Duft von Gemüse her. In diesem historischen Geviert des Palais Royal hatten die Dichter, die Staatsmänner des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts gewohnt, quer gegenüber war das Haus, wo Balzac und Victor Hugo so oft die hundert engen Stufen bis zur Mansarde der von mir so geliebten Dichterin Marceline Desbordes-Valmore emporgestiegen waren, dort leuchtete marmorn die Stelle, wo Camille Desmoulins das Volk zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, dort war der gedeckte Gang, wo der arme kleine Leutnant Bonaparte sich unter den promenierenden, nicht sehr tugendhaften Damen eine Gönnerin gesucht. Die Geschichte Frankreichs sprach hier aus jedem Stein; außerdem lag nur eine Straße weit die Nationalbibliothek, wo ich meine Vormittage verbrachte, und nahe auch das Louvremuseum mit seinen Bildern, die Boulevards mit ihrem menschlichen Geström; ich war endlich dort, wohin ich mich gewünscht, dort, wo seit Jahrhunderten heiß und rhythmisch der Herzschlag Frankreichs ging, im innersten Paris. Ich erinnere mich, wie André Gide mich einmal besuchte und, über diese Stille mitten im Herzen von Paris staunend, sagte: »Von den Ausländern müssen wir die schönsten Stellen unserer eigenen Stadt uns zeigen lassen.« Und wirklich, ich hätte nichts Pariserischeres und zugleich Abgeschiedeneres finden können als dieses romantische Studierzimmer im innersten Bannkreis der lebendigsten Stadt der Welt.[6]
Das Palais Royal verdankt seinen literarischen Ruhm aber vor allem zwei Autoren: Colette und Jean Cocteau.
An beide wird im Palais Royal intensiv erinnert, wie dieses Foto vom Februar 2020 zeigt. Das dort abgebildete Doppelportrait von Colette und Cocteau stammt aus dem Jahr 1947. 2019 wurden die beiden baumbestandenen Alleen des Gartens auf die Namen Colette und Cocteau getauft.
Colette
Colette wohnte von 1927 bis 1929 im Zwischengeschoss rue de Beaujolais Nummer 9 und dann wieder ab 1938 im gleichen Haus ein Stockwerk darüber bis zu ihrem Tod 1954. Fünf Monate nach ihrem Einzug, 1938, besuchte Walter Benjamin sie dort:
„Die Zeit eines Interviews ist längst überschritten. Mit den Blicken messe ich im Hinausgehen die niedrigen Stuben von schmalem, altmodischem Ausmaß. ‚Wie lange wohnen Sie schon hier, gnädige Frau?‘ ‚Fünf Monate. Das hier –nicht wahr?- ist altes Palais Royal. Die Zimmer sind so winzig, dass ich, um mir ein Arbeitszimmer zu verschaffen, eine Zwischenwand habe fortnehmen lassen. Sie waren früher für die Damen des Palais Royal belegt. On y a rien fait que l’amour.‘ Ich aber könnte diese sehr kluge, sehr gerade, sehr französische Künstlerin mir nirgends richtiger untergebracht denken, als in diesem zentralsten, verstecktesten Winkel der Altstadt, der im Regenwetter verwittert und einsam schweigt.“[7]
Von ihrem Fenster im ersten Stock des Hauses aus beobachtete Colette gerne das Treiben im Garten des Palais Royal – zumal in den von ihrer Arthrose überschatteten Lebensjahren:
„In unserem königlichen Wohnbezirk haben wir kaum bequemere und hygienischere Verhältnisse, als sie zur Zeit des Sonnenkönigs in Versailles herrschten. (…) Aber was schert das die Kinder, die unumschränkten Herren des Parks? Wenn die Not am größten ist, fällt das Höschen, schürzt sich das Röckchen und …. Es geht noch einfacher. In seinem Wagen stößt das Baby einen Alarmschrei aus: ohne sich von ihrem Eisenstuhl zu erheben – einem unverwüstlichen Überbleibsel der uralten Zeit- schnappt sich die Mutter oder die Kinderfrau das Kleinchen und hält es wie ein Sieb zum Durchseihen von Flüssigem und Festem in die Luft. Gestern bestätigten neun feuchte Spuren auf dem Bürgersteig genau unter meinem Fenster, dass am Nachmittag neun Kinder zwischen den Stühlen gespielt. Ah, was für ein unerfreulicher Geruch in die Abendluft aufsteigt. (…)
Aber ich habe nicht das Herz, sie zu verurteilen, sie, meine lebhaften Schreihälse, meine kleinen pfeifenden Kobras, meine trompetenschmetternden und mit Rasseln lärmenden Zündblättchen-Schützen, obwohl ich die Erinnerung an die Wohltaten einer Erziehung, die vor allem die Stille lehrte, nicht vergessen habe. Weil ich sie beobachte, und sie durch das Beobachten zu meinen eigenen mache, kann ich sie nicht immerzu tadeln.“[8]
Heute ist dieses Fenster besonders markiert durch ein C und einen Stern. Der verweist, so vermute ich, auf das letzte und nach vielfacher Überzeugung beste Buch Colettes „L’étoile Vesper“ – das ist der Venusstern, „der in den Abendstunden am Himmel steht. Und wie ein Stern leuchtet dieser Name über dem stillen Werk von Colette.“[9] Als sie starb, wurde ihr Sarg im Ehrenhof des Palais Royal aufgebahrt und tausende Menschen erwiesen ihr die letzte Ehre.
Heute erinnert nicht nur die Plakette in der rue de Beaujolais an die Schriftstellerin, sondern es gibt auch noch eine weitere Erinnerungstafel mit ihrem Portrait an der engen Passage du Perron, dem nördlichen Zugang in den Garten, „an dessen Rand sie ihre letzten Jahre verbrachte“.
Und nicht zuletzt gibt es noch die südlich des Jardin du Palais-Royal gelegene place Colette zwischen der Comédie Française und dem Restaurant/dem Café Nemours. Dort befindet sich auch der „Haupteingang“ zum Garten.[10]
Der unkonventionelle, verspielte Metro-Eingang „Kiosque des Noctambules“ Jean-Michel Othoniels auf dem Platz hätte Colette wohl gefallen…
Jean Cocteau
Jean Cocteau lebte von 1940 bis 1947 mit seinem Partner Jean Marais in der rue de Montpensier Nummer 36, wo es auch eine Erinnerungsplakette gibt.
Bis zu seinem Tod hielt er sich dann nur noch zeitweise in Paris auf, überwiegend aber in Milly-la-Forêt, wo er auch die Kapelle ausmalte, in der er begraben ist. (10a)
1947 – aus diesem Jahr stammt auch dieses Bild- schrieb Jean Cocteau in „La difficulté d’être“ über diese Wohnung:
Ich mietete diesen winzigen Keller 1940, als die deutsche Armee auf Paris marschierte. […] Ich bleibe jetzt hier, weil es unmöglich ist, eine geeignete Unterkunft zu finden, auch wegen der Ausstrahlung, die das Palais-Royal für manche Seelen hat. “ [11]
Ein Keller war die Wohnung allerdings nicht: Sie lag im Zwischengeschoss zwischen dem Parterre und der étage noble, so dass Jean Cocteau wie Colette auch einen Blick in den Garten und auf die spielenden Kinder hatte.[12]
Ganz so winzig war die Wohnung übrigens nicht: immerhin war sie 50 qm2 groß. (2016 wurde sie –inzwischen deutlich vergrößert- für einen Quadratmeterpreis von 20. 000 Euro als ideale Junggesellenwohnung oder pied-à-terre zum Verkauf angeboten.)
Wie sehr Cocteau dem Palais Royal verbunden und seinem Charme verfallen war, wird aus einem kleinen Text für das comité du Palais-Royal deutlich, dessen Ehrenpräsident er war. Er bezeichnet darin das Palais Royal als eine kleine Stadt in einer großen Stadt; eine kleine Stadt mit eigenen Gewohnheiten und Sitten. Ihre Bewohner, indigènes, vergleicht er mit manchen alten Gondolieren von Venedig, die nie ein Pferd oder ein Auto gesehen hätten.
Les nôtres semblent ne connaître que les voûtes, les colonnes, les lampadaires, les esplanades et les grilles à pointe d’or dans le labyrinthe desquels les échoppes vendent les livres libertins, les timbres-poste et les légions d’honneur. Petite ville émouvante à force d’être en proie aux fantômes illustres de l’Histoire de France et des personnages de Balzac. Éternellement parcourue par une troupe de sans-culottes, la bouche ouverte en forme de cri, brandissant une tête coupée… (13)
Dazu passt eine Tuschezeichnung von Cocteau aus dem Jahr 1962 mit dem Titel „Scène révolutionnaire au Palais Royal“, die im März 2020 für 1300 Euro versteigert wurde. [14]
Weniger blutrünstig und deutlich billiger geht es im Restaurant und Teesalon Muscade zu. Der befindet sich im Erdgeschoss der rue Montpensier 36, da also, wo Cocteau wohnte. Es gibt eine große Kuchenauswahl und es soll sogar einen „Salade Cocteau“ geben, bestehend aus Salatblättern, im Ofen gebackenem Ziegenkäse und Schneckenbutter…. Und vor allem: Bei schönem Wetter lädt die Terrasse im Jardin du Palais- Royal zum Draußensitzen ein.
Die literarischen Bänke
Wenn der Garten des Palais Royal mit Fug und Recht als ein jardin des belles lettres bezeichnet werden kann, so beruht das auch auf den dort aufgestellten „literarischen Bänken“. Da gibt es die zehn von dem Künstlerduo Michel Goulet und François Massut entworfenen „chaises-poèmes“, die 2016 aufgestellt wurden.
Es handelt sich um Stuhlpaare, die so miteinander verbunden sind, dass ein Dialog möglich ist, ohne den Kopf verdrehen zu müssen. Auf den Rückenlehnen ist das Zitat eines Dichters/einer Dichterin eingraviert. Hier ist es die an Erich Fromms „Haben oder Sein“ erinnernde Devise von Marina Tsvetaïeva: zwei Hilfsverben: Sein ist mehr wert als haben. Eigentlich sollte man einen mitgebrachten Kopfhörer an eine an jedem Stuhlpaar befestigte Box anschließen und dann Gedichte zeitgenössischer Autoren hören können. Bei unseren Besuchen im Garten des Palais-Royal war dies allerdings nicht möglich.
Seit 2019 gibt es zusätzlich auch noch die „banc-poèmes“: Das sind die traditionellen Bänke in den beiden Alleen des Gartens. Die beiden Künstler, die schon die chaises-poèmes entworfen hatten, nutzten die Renovierung der Bänke, auf ihren Rückenlehnen Zitate von Autoren anzubringen, wobei Colette in der ihren Namen tragenden Allee besonders berücksichtigt ist und Jean Cocteau entsprechend in „seiner“ Allee.
Hier zum Abschuss dieses Berichts eine Bank mit einem Zitat von Colette aus ihrem Buch „La Naissance du Jour“ von 1928: Die Schwierigkeit besteht nicht darin zu geben, sondern nicht alles zu geben.[15]
[7] Aus: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften IV,1 Zitiert in: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, Frankfurt 1999, S. 167
« J’ai loué cette cave minuscule en 1940, lorsque l’armée allemande marchait sur Paris […] Je m’y soigne à présent par fatigue, à cause de l’impossibilité de trouver un logement convenable, à cause aussi d’un charme que le Palais-Royal exerce sur certaines âmes ».
Le Palais Royal. Katalog der Ausstellung im Musée Carnavalet 1988
Le ‚Palais des Fées‘: Le Palais-Royal, centre des amusements de la capitale de 1780 à 1815. Interview mit Florence Köll, Autorin einer Doktorarbeit über « Le résumé de Paris »? Le Palais-Royal de 1780 à 1815 : commerces, logements, divertissements . https://chartes.hypotheses.org/5640 2019
Guy Lambert/Dominique Massounie, Le Palais-Royal. Ed. du Patrimoine 2010
Clyde Plumauzille, Le ‘marché aux putains’ : économies sexuelles et dynamique spatiales du Palais-Royal dans le Paris révolutionnaire. https://journals.openedition.org/gss/2943