Nach 60 Jahren noch immer eine offene Wunde: Die Erinnerung an die Niederschlagung der Demonstrationen vom 17. Oktober 1961 (Ici on noie les Algériens) und vom 8. Februar 1962 (Charonne)

Die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 war eine nuit noire in der französischen Geschichte der Nachkriegszeit[1] und der 8. Februar 1962 war ein schwarzer Tag. An beiden Tagen gab es im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg große Demonstrationen in Paris, die zahlreiche Opfer forderten. Die Erinnerung daran ist immer noch lebendig.

Was geschah damals?

Am Abend des 17. Oktober 1961 protestierten ungefähr 30.000 Algerier vor allem aus den Pariser Vorstädten gegen die –allein sie betreffende- nächtliche Ausgangssperre mit einer friedlichen -aber nicht genehmigten-  Demonstration, zu der die Untergrundorganisation der FLN (Front de libération nationale) aufgerufen hatte.  Die Polizei reagierte mit äußerster Härte. Zahlreiche Demonstranten wurden getötet- die Zahlenangaben schwanken zwischen einigen Dutzenden und über 200 Opfern.[2] Über 10.000 Demonstranten wurden festgenommen und zum Teil mehrere Tage lang in „centres d’internement“  festgehalten. Dort kam es zu weiteren gewalttätigen Übergriffen einer durch Falschmeldungen aufgehetzten Polizei.  Noch Tage nach der „nuit noire“ wurden in der Seine schwimmende Leichen gefunden. Einige Demonstranten waren auf der Flucht vor der Polizei vom Pont St-Michel in die Seine gesprungen und dort ertrunken, andere wurden einfach in den Fluss geworfen, um die offiziellen Todes-Statistiken niedrig zu halten.

Nach dem Urteil der britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster handelt es sich um das brutalste staatliche  Vorgehen gegen eine Demonstration im Westeuropa der Nachkriegszeit.[3]  

Eine scharfe Pressezensur wurde verhängt und auch weitgehend befolgt, durch die das Ausmaß dessen, was in dieser Nacht geschah, nicht ans Licht kommen sollte. Viele Zeitungen beschränkten sich auf die Wiedergabe der offiziellen Polizeiberichte. Immerhin: Ein -natürlich schnell beseitigtes- Graffiti am Seineufer wies unübersehbar auf die Ereignisse der Nacht hin: Ici on noie les Algériens – hier ertränkt man die Algerier.[4]

Quai de Conti, 6. November 1961 © Jean Texier / L’Humanité [5]

Am 24. Oktober 1961 erschien in der Tageszeitung Le Monde ein Aufruf von Intellektuellen, u.a. Simone de Beauvoir, André Breton, Nathalie Sarraute und Aimé Césaire, in dem es heißt:

Mit bewundernswertem Mut und Würde haben algerische Arbeiter gegen die immer unerbittlichere Repression demonstriert, deren Opfer sie sind… Die Polizei reagierte auf die friedliche Demonstration mit ungezügelter Gewalt: Erneut wurden Algerier getötet, weil sie in Freiheit leben wollten. Die Franzosen würden sich zu Komplizen rassistischer Gewalt machen, deren Schauplatz Paris ist, wenn sie dazu schwiegen…. Wir weigern uns, einen Unterschied zu machen zwischen den vor ihrer Ausweisung im Palais des Congrès eingepferchten Algeriern und den vor ihrer Deportation zusammengetriebenen Juden…“

Karikatur des Le-Monde Karikaturisten  Plantu Dezember 1997[6]

Aber erst 2001 wurde –gegen den Widerstand der rechten Parteien- vom damaligen Pariser Bürgermeister Delanoë eine Gedenktafel am Pont-St-Michel (Quai du Marché – Neuf) eingeweiht: „Zur Erinnerung an die zahlreichen Algerier, die bei der blutigen Unterdrückung der friedlichen Demonstration vom 17. Oktober 1961 getötet wurden.“ Ich wollte“, stellte dazu der Pariser Bürgermeister fest, „dass für dieses Verbrechen, das von offiziellen Stellen Frankreichs gedeckt oder beschlossen wurde, wenigstens die französische Hauptstadt Verantwortung übernimmt“.[7]

Foto: Wolf Jöckel, aufgenommen 2011, am 50. Jahrestag des 17.10.1961

Diese Gedenktafel wurde 2019 von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo durch eine künstlerisch gestaltete Stele ergänzt, um dem Gedenken an die Opfer mehr Sichtbarkeit zu verleihen.[8]

Bild: Wolf Jöckel 9.2.2022

In Frankreich hat man sich allerdings schwer getan mit dieser „schwarzen Nacht“.  Lange Zeit wurde der 17. Oktober 1961 verdrängt, die Erinnerung daran bewusst ausgelöscht, wie die beiden Le Monde-Journalisten Frédéric Bobin et Antoine Flandrin in einem aktuellen Podcast feststellen.[9]

Ein Grund für das große französische Interesse an einer solchen Verdrängung:  Der für das brutale Vorgehen der Pariser Polizei 1961 (und dann auch noch 1962) Verantwortliche war Maurice Papon. Als Präfekt ordnete er am 17.10. 1961 ein hartes Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten an. Zu Unrecht machte er die friedlich demonstrierenden Algerier für die blutige Eskalation der Demonstration verantwortlich: Sie hätten das Feuer auf die Polizei eröffnet. Allerdings hat damals kein einziger Polizist Schussverletzungen erlitten und erst recht wurde keiner getötet. Demgegenüber spielte Papon die Zahl der Opfer herunter und trug massiv dazu bei –auch mit Hilfe der herrschenden Pressezensur- dass es zu keiner Aufklärung des Ablaufs der Ereignisse kam und zu keiner einzigen Bestrafung eines Polizisten. Papon allerdings wurde in einem Brief des damaligen Ministerpräsidenten Michel Debré ausdrücklich gelobt: Der Präfekt habe Führungsstärke und Organisationstalent bewiesen und auf hervorragende Weise eine schwierige und oft delikate Aufgabe („une mission souvent délicate et difficile“) zu bewältigen gewusst. So von den politisch Verantwortlichen bestärkt, war es am 8. Februar 1962 wieder Papon, der den Befehl zum folgenschweren Vorgehen gegen die Demonstranten gab.[10]

Führungsstärke und Organisationstalent hatte Maurice Papon auch schon vorher hinreichend bewiesen. Er war nämlich im Zweiten Weltkrieg als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux verantwortlich für die Verhaftung von etwa 1600 Juden, die zwischen 1942 und 1944 zunächst nach Drancy und von dort weiter nach Auschwitz transportiert wurden. Der Busfahrer auf der oben abgebildeten Karikatur von Plantu war also niemand anderes als Papon.

Allerdings gehörte er –wie der oberste Polizeichef von Vichy, René Bousquet, zu den sogenannten „vichisto-résistants“ (Jean-Pierre Azema), die sich zunächst in den Dienst der sogenannten révolution nationale Pétains stellten, dann aber auch Verbindungen zur Résistance knüpften. Daher konnte Papon nach 1945 mit ausdrücklicher Billigung von de Gaulle weiter Karriere machen: Als Polizeipräfekt in Algerien, wo er einschlägige Erfahrungen im Umgang mit der algerischen Widerstandsbewegung sammeln konnte, danach als Pariser Polizeichef und zwischen 1978 und 1981 auch noch in zwei Regierungen als Minister. Das endete erst am 6. Mai 1981, als die satirische Wochenzeitschrift Canard enchaîné die Rolle Papons bei der Deportation von Juden bekannt machte. 1983 wurde Anklage erhoben, und nach dem längsten Prozess der französischen Justizgeschichte wurde Papon 1998 wegen seiner Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 10 Jahren Haft verurteilt- von denen er allerdings nur knapp 3 Jahre absitzen musste.

Insofern hat die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 eine dreifache Brisanz:

  • Es geht einmal um ein Ereignis, das inzwischen vielfach als „Massaker“ bezeichnet und als Verbrechen eingestuft wird. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass es sich nicht „einfach“ um vereinzelte oder auch kollektive polizeiliche Übergriffe handelte, sondern dass es institutionelle/staatliche Verantwortlichkeiten gab – auf jeden Fall die des Polizeipräfekten Papon. In Frage steht aber auch die (zumindest politische) Verantwortung des damaligen Innenministers Roger Frey, eines entschiedenen Gegners einer Loslösung Algeriens vom „Mutterland“, und des Premierministers Michel Debré.   
  • Es geht dabei weiterhin um die Rolle der Collaboration mit dem Nazi-Regime und ihre Beteiligung an der Shoah – eine Frage, die derzeit in Anbetracht der revisionistischen Thesen des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour besonders aktuell ist: Für Zemmour war das Collaborations-Regime des Marschalls Pétains nicht Handlanger der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, sondern ein Schutzschild französischer Juden, die vor Deportation und Ermordung gerettet worden seien. Der Polizeipräfekt von 1961, Papon, ist ein Beleg dafür, dass damit die Geschichte auf den Kopf gestellt wird.
  • Brisant ist die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 schließlich auch im Kontext der französisch-algerischen Beziehungen. Emmanuel Macron hatte 2017 als Kandidat für die damalige Präsidentschaftswahl in einem Aufsehen erregenden Interview während eines Besuchs in Algier den französischen Kolonialismus als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und eine wahrhafte Barbarei bezeichnet und dazu aufgefordert, davor nicht die Augen zu verschließen- eine Stellungnahme, die ihn, nach dem Úrteil von Michaela Wiegel „beinahe die Wahl gekostet“ hätte. [11] Als Präsident hatte Macron die  Verbesserung der Beziehung zu Algerien und einen versöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit (die „réconciliation des mémoires“)  zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit erklärt.[12] Er beauftragte den aus Algerien stammenden Historiker Benjamin Stora, Vorschläge zu unterbreiten, wie -gerade im Blick auf Kolonialismus und Algerien-Krieg- die Verständigung zwischen dem französischen und algerischen Volk gefördert werden könnte.

Stora unterbreitete im Januar 2021 einen Katalog von 22 Maßnahmen, wozu auch die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 gehörte.[13] Wie schwer dieser Prozess einer réconciliation des mémoires allerdings ist, wird an der erbitterten rechten Kritik deutlich: Man müsse endlich aufhören, sich ständig für seine (insgesamt doch glanzvolle) Geschichte zu entschuldigen, auf die man stolz sein könne, forderten unisono Vertreter der Rechten (Michel  Barnier, Eric Ciotti, Valérie Pecresse) und der Ultrarechten (Marine Le Pen).[14] Und zu dem Frankreich, auf das die Franzosen stolz sein könnten, gehört für den Präsidentschaftskandidaten Zemmour (dem immerhin -ebenso wie Le Pen-  derzeit 14 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme geben wollen) sogar der Marschall Pétain…

Insofern hat der Versuch einer réconciliation des mémoires auch noch eine brisante innenpolitische Dimension. Die den Algerienkrieg betreffenden Trennlinien verlaufen nicht nur zwischen Frankreich und Algerien, sondern sie gehen auch durch die französische Gesellschaft – man denke nur an die aus Algerien vertriebenen Franzosen, die pieds noirs, oder an die algerischen Hilfskräfte der Franzosen in Algerien, die Harkis…

2021©Jean-Claude Coutausse pour Le Monde. Macron ehrt die Opfer des 17. Oktober 1961 (Colombes, Hauts-de-Seine, 16. Oktober).  Im Hintergrund die Brücke von Bezons. Auch dort wurden Demonstranten von der Polizei in die Seine geworfen. [15]

Insofern wurde mit besonderer Spannung erwartet, wie Macron 2021 an den 17. Oktober 1961 erinnern würde. In seiner Stellungnahme beschrieb Macron in aller Deutlichkeit, was damals geschah.  Die Repression der Demonstration sei brutal und blutig gewesen. Fast 12 000 Algerier seien verhaftet worden. Neben vielen Verletzten habe es Dutzende von Toten gegeben, die in die Seine geworfen worden seien. Viele Familien hätten nie die sterblichen Überreste der damals Verschwundenen wiedergefunden. [16] Es handele sich um Verbrechen, die nicht entschuldigt werden könnten. („crimes inexcusables“). Neu waren dabei, gegenüber den Stellungnahmen seines Vorgängers François Hollande, nicht nur die deutlichen Qualifizierungen der damaligen Repression, sondern vor allem, dass mit Macron ein Staatspräsident persönlich einen Kranz an einem Ort des damaligen Geschehens niederlegte. Und neu war auch, dass Macron einen Verantwortlichen benannte, nämlich Maurice Papon. Nach den Worten Benjamin Storas hat damit zum ersten Mal ein Staatspräsident eine staatliche Verantwortung an dem verbrecherischen Massaker anerkannt. Allerdings wurde -nicht nur aus dem linken Spektrum- Kritik laut. Macron sei auf halbem Weg stehen geblieben. In der Erklärung des Elysée seien das Wort Polizei  und Titel und Funktion Papons („préfet de police“)  nicht vorgekommen, der doch immerhin trotz seiner Vergangenheit als Kollaborateur von de  Gaulle ausgewählt worden sei und danach auch noch eine steile Karriere gemacht habe.[17]

Aber dann folgte ja noch der zweite Akt des Dramas, der 8. Februar 1962, in Frankreich bekannt unter dem Kürzel Métro Charonne oder einfach nur Charonne

Was war damals geschehen? Seit März 1961 verübte die Untergrundorganisation OAS (Organisation de l’Armée Secrète) eine Serie von Anschlägen, um die Verhandlungen über die Unabhängigkeit Algeriens zu torpedieren: Am 31. März wurde der Bürgermeister von Evian ermordet, in dessen  Stadt die Verhandlungen stattfanden. Es folgten Anschläge auf Personen und Einrichtungen, die das Projekt einer Unabhängigkeit Algeriens unterstützten.  Am 7. Februar 1962 verübte die OAS eine neue Serie von Anschlägen, unter anderem auf die Wohnung von André Malraux, dem damaligen Kultusminister, wobei ein vierjähriges Mädchen sein Augenlicht verlor, was besondere Empörung auslöste. Ihr Ziel erreichten diese Anschläge allerdings nicht: Eher beschleunigten sie den Abschluss der Verhandlungen. Am 18. März 1962 wurde in Evian die Loslösung Algeriens vom „Mutterland“ Frankreich vereinbart.

Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements,                                                   erstellt von dem Comité d’Histoire de la Ville de Paris[18]   Bild: Wolf Jöckel 8.2.2022  

Als Reaktion auf die Anschläge der OAS riefen verschiedene linke Organisationen, vor allem die Gewerkschaften CGT, CFDT und UNEF und die Parteien PCF und PSU, für den 8. Februar 1962 zu einer Demonstration gegen den OAS-Terror und für die Unabhängigkeit Algeriens auf, die allerdings von Papon, nach wie vor Polizeipräfekt, verboten wurde. Allerdings hatten die Organisatoren die Hoffnung, dass angesichts der Umstände die Polizei nicht einschreiten würde. Denn immerhin standen die Verhandlungen von Evian kurz vor dem Abschluss, so dass eine Demonstration für den Friedensvertrag und gegen den OAS-Terror durchaus im Sinne der Regierung hätte sein können.[19] Zumal die OAS ja nicht nur de Gaulles Vertrauten Malraux zum Ziel ihrer Anschläge auserwählt hatte, sondern auch den Staatspräsidenten selbst, auf den am 8. September 1961 bei Pont-sur-Seine ein Anschlag verübt wurde.

Es kam allerdings anders. De  Gaulle, der Innenminister Frey und der Polizeipräfekt Papon wollten um jeden Preis die staatliche Autorität durchsetzen und der politischen Linken keine  Gelegenheit geben, ihre Macht zu demonstrieren. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, als sei die Unabhängigkeit Algeriens auf „Druck der Straße“ erfolgt.  An der Metro-Station Charonne im 11. Arrondissement wurden die friedlich demonstrierenden Menschen gewaltsam eingekesselt. Mit ihren bidules, hölzernen Schlagstöcken, schlugen Polizisten auf die Demonstranten ein.  Die versuchten in Not und Panik, sich in die Metro-Station zu retten, deren Gitter aber heruntergelassen waren. 9 Menschen starben an den Folgen schwerer Kopfverletzungen oder erstickten, darunter Anne Godeau (24 Jahre, Postangestellte) und Édouard Lemarchand (40 Jahre, Angestellter bei der Humanité).

Das Foto zeigt sie auf dem Demonstrationszug vom 8.2.1962. Eine Stunde später waren sie tot.[20]

Am 13. Februar 1962 beteiligten sich etwa 500 000 Menschen (L‘Humanité sprach von 1 000 000, Le Figaro von 150 000)  an einem feierlichen Trauermarsch zum Friedhof Père Lachaise, wo die „Opfer von Charonne“ gegenüber der Mur des Fédérés, also der Opfer der Pariser Commune von 1871, bestattet wurden.[21]

Grabmal der Charonne-Opfer auf dem Père Lachaise. 97. Division. Auf der Grabplatte spiegelt sich das Denkmal für die Opfer des KZ Ravensbrück. Foto: Wolf Jöckel

Dieses Foto habe ich am 10. Februar 2022 aufgenommen. Das Gebinde hatte der Pariser Polizeipräfekt Didier Lallement im Namen des Staatspräsidenten deponiert, wie das Tricolore-Band ausweist. Dies war, wie auch Macrons Gedenken an die Opfer des 17. Oktober 1961, eine absolute Neuerung: Nicht allein, dass Macron damit den Opfern und ihren Familien seine Ehrerbietung erwies,[22] sondern auch insofern, als durch die Präsenz des Polizeipräfekten die damalige Verantwortung der Pariser Polizei anerkannt wurde. 

Bis es dazu kam, war es allerdings ein weiter Weg. Denn wie nach dem 17. Oktober wurden auch hier die Tatsachen zunächst entweder verschwiegen oder verdreht.

Aus der Ausstellung 11. Arrondissement

So berichtete der Figaro am 9. Februar, „groupes de choc“, also (bewaffnete) Sturmtruppen 23], hätten das Demonstrationsverbot durchbrochen und Demonstranten seien in die von „Agenten der Subversion“ gelegte Falle geraten. Die Rede war lediglich von zwei toten Demonstranten. Der Ministerpräsident beglückwünschte einige Tage später Maurice Papon für sein entschlossenes Vorgehen und 1966 wurde eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg stehenden Handlungen beschlossen.

Aber natürlich gelang es nicht, die Erinnerung an den 8. Februar auszulöschen. Die Kommunistische Partei Frankreichs und die kommunistische Gewerkschaft CGT brachten in der Metro-Station eine Erinnerungstafel für „die Opfer der Repression“ an. Sie waren alle Mitglieder der CGT und mit einer Ausnahme auch der KPF.

Gedenktafel in der Metrostation Charonne, 11. Arrondissement: „Hier sind am 8. Februar 1962 während einer Demonstration für den Frieden in Algerien neun Arbeiterinnen und Arbeiter, von denen der jüngste 16 Jahre alt war, als Opfer der Unterdrückung gestorben.“ Foto Wolf Jöckel

Jedes Jahr werden dort am 8. Februar von verschiedenen Organisationen und Institutionen Blumen niedergelegt. Foto: Wolf Jöckel 8. Februar 2022

Ein Plakat der École des beaux-arts aus dem Jahr 1968[24]. Es zeigt, dass in der französischen Studentenbewegung die Erinnerung an Charonne noch lebendig war.  Roger Frey, 1962 Innenminister, wird hier als „Mörder von Charonne“ titutliert. Aus der Ausstellung 11. Arrondissement.  Foto: Wolf Jöckel

1975 entstand Renauds bitteres Lied „Hexagone“, in dessen Februar-Strophe er an die damals weitgehend verdrängte Niederschlagung der Demonstration vom 8. Februar 1962 erinnert:

Im Februar fällt es nicht schwer, / sich an Charonne zu erinnern,

die vereidigten Schläger (Gendarmen), / die ihr Werk perfekt ausführten.

Frankreich ist ein Bullenstaat ….

Um die öffentliche Ordnung durchzusetzen, / Morden sie ungestraft.[25]

Am 45. Jahrestag des Massakers, am 8. Februar 2007, erhielt der Ort des Geschehens, die Kreuzung zwischen dem Boulevard Voltaire und der Rue de Charonne,  auf Beschluss des Pariser Stadtrats den Namen „Place du 8 Février 1962“, sieben Jahre später die Metro-Station Charonne den entsprechenden Zusatz.

Platz des 8. Februar 1962. Datum der Demonstration gegen den Algerienkrieg, wo neun Demonstranten an der Metro-Station Charonne den Tod fanden.
Foto: Wolf Jöckel  8.2.2012

Am 50. Jahrestag des Massakers hielt der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë eine Rede an der Place du 8 Février 1962, die mich sehr beeindruckte. Er knüpfte dabei sinngemäß an das an, was Robert Badinter, dessen Name mit der Abschaffung der Todesstrafe verbunden ist,  1990 feststellte:

„Es ist eine beklagenswerte Haltung für eine große Demokratie, sich nicht den Schwächen ihrer Geschichte zuzuwenden… Erwachsen zu sein bedeutet, seinen Schwächen ins Auge zu sehen, um ihnen nicht erneut zu erliegen“.[26]  Und Delanoë führte in seiner Rede den Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos als Vorbild an für einen verantwortungsvollen Umgang mit den dunklen Seiten der Vergangenheit eines Landes.

Eine solche Geste ist allerdings in Frankreich in Bezug auf den Algerienkrieg kaum vorstellbar.

Kundgebung am 8. Februar 2022, Place du 8 février 1962. Auf der Tribüne von links nach rechts: Der sozialistische Bürgermeister des 11. Arrondissements François Vauglin (mit der Tricolore-Schärpe), der Vorsitzende der KPF und Präsidentschaftskandidat Fabien Roussel, der Präsident der Association nationale pour la protection de la mémoire des victimes de l’OAS, Jean-François Gavoury (am Mikrophon), der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, und  Henri Cukierman, Vorsitzender des comité Vérité et justice pour Charonne. Foto: Wolf Jöckel

Auf der Kundgebung vom 8. Februar 2022 wurde denn auch kritisiert, dass Macron in seiner Erinnerungspolitik auf halbem Weg stehen geblieben sei und das Charonne-Massaker nicht als „crime d’État“ anerkannt habe. In der Tat lässt sich Präsident Macron bei seinen erinnerungspolitischen Gesten und Schritten auch von politischem Kalkül leiten – das ist von ihm, gerade auch kurz vor den Präsidentschaftswahlen, nicht anders zu erwarten.[27]  Macron hat aber unbestreitbar während seines Quinquennats wichtige Beiträge zur „Aufarbeitung der Vergangenheit“ geleistet. Dazu gehören die offizielle Anerkennung der systematisch von der französischen Armee im Algerienkrieg angewendeten Folter[28]  und seine Entschuldigung gegenüber den Harkis, den algerischen Hilfskräften der französischen Armee, die Frankreich den Repressalien der siegreichen FLN überlassen hat,  soweit sie nicht nach Frankreich überführt und dort unter unwürdigen Bedingungen behandelt wurden –  nach Le Monde „eine der beschämendsten Seiten der Geschichte unseres Landes“.[29] Und dazu gehört auch der– im Vergleich zu seinen Vorgängern viel prononciertere Umgang Macrons mit den Massakern vom 17. Oktober 1961 und vom 8. Februar 1962. Aber sicherlich ist es noch ein weiter Weg zu einer réconciliation des mémoires, soweit die überhaupt je möglich ist. Das zeigt auch das nachfolgend abgebildete handbeschriebene Blatt, das an einer Schautafel der Ausstellung des 11. Arrondissements von Paris befestigt war.

Foto: Wolf Jöckel 6.2.2022

Vor 65 Jahren wurde mein Vater in Algerien (der Kabylei) wie viele andere von der französischen Armee verhaftet, gefoltert und exekutiert. Er war in der Blüte seiner Jahre, gerade 24 Jahre alt, so dass er keine Gelegenheit hatte mir noch Brüder und Schwestern zu machen. Ehre all denen, die für die Freiheit kämpfen. Es leben die zwei Länder, Frankreich und Algerien…


Aus gegebenem Anlass: Eine Publikation des Artikels an anderer Stelle ist ohne Genehmigung des Autors (Wolf Jöckel) nicht zulässig. Erst recht nicht, wenn sie ohne Verweis auf die Quelle und unter einem anderen Autoren-Namen erfolgt.

Anmerkungen

[1] So der Titel eines französischen  Fernsehfilms von 2005 über die damaligen Ereignisse, wieder ausgestrahlt von France 3 am 17.10.2010.  Bild aus: https://www.franceculture.fr/emissions/la-fabrique-de-lhistoire/france-culture-passe-le-bac-33-reviser-lepreuve-dhistoire-avec-la-fabrique

Zum Thema dieses Beitrags siehe auch: Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

[2]  „La vérité mettra des années pour s’imposer : 200 manifestants au moins tués „à chaud“ comme „à froid (Gaston Deferre); avec une imprécision du nombre à elle seule révélatrice de la logique de guerre dans laquelle on s’inscrit.“ Danielle Tartakowsky, Les manifestations de rue en France 1918-1968. Éditions de la Sorbonne. https://books.openedition.org/psorbonne/62457?lang=de

Die bis heute noch nicht geklärte Opferzahl beruht vor allem darauf, dass  der Zugang zu den Archiven lange Zeit mit dem Verweis auf die nationale Sicherheit bis 2021 blockiert war und -so der Historiker  Gilles Manceron- immer noch behindert wird. Siehe dazu: https://www.la-croix.com/France-ouvre-archives-judiciaires-policieres-Algerie-2021-12-23-1301191586

[3]  Jim House/Neil MacMaster, Les Algériens, la terreur d’État et la mémoire. Neuauflage Paris: Gallimard 2021: „la répression d’Etat la plus violente qu’ait jamais provoquée une manifestation de rue en Europe occidentale dans l’histoire contemporaine“  

Zur Vorgeschichte und zum Ablauf des Massakers vom 17. Oktober 1961 siehe auch: Nina Pauer, Europa und die Frage der Gewalt- die bundesrepublikanische Resonanz auf den Algerienkrieg am Beispiel des Massakers vom 17. Oktober 1961 in Paris.  In: Dietmar Hüser, Frankreichs Empire schlägt zurück. Kassel university press 2010, S. 157ff  978-3-89958-902-3.volltext.frei.pdf (uni-kassel.de)

[4] So auch der Titel eines Dokumentarfilms, der aus Anlass des 50. Jahrestages der Nuit noire in die Kinos kam. Das Bild wurde vielfach veröffentlicht, z.B. https://france3-regions.francetvinfo.fr/auvergne-rhone-alpes/isere/grenoble/on-noie-algeriens-soiree-cine-conference-au-melies-grenoble-1735831.html

[5] Bild aus: Histoire d’une photo : „Ici on noie des Algériens” (1961) – Ép. 3/3 – France Culture passe le bac !

[6] https://histoirecoloniale.net/Papon-et-la-justice.html

[7] https://www.liberation.fr/societe/2001/10/18/a-la-memoire-des-algeriens_380833/

[8] Siehe: https://www.rtl.fr/actu/politique/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-du-17-octobre-1961-7799268720  17.10.2019   und https://www.ouest-france.fr/ile-de-france/paris-75000/paris-inaugure-une-stele-en-hommage-aux-victimes-algeriennes-de-la-repression-du-17-octobre-1961-6569414

[9] Podcast. Massacre du 17 octobre 1961 : la fin d’un long silence ? (lemonde.fr Oktober 2021): „ L’histoire du 17 octobre 1961 est celle d’un massacre sciemment oublié, effacé.“  Siehe auch Interview mit dem Historiker Gilles Manceron, Autor von: La triple occultation d’un massacre. In: Le 17 octobre des Algériens (2011) https://www.lemonde.fr/societe/article/2011/10/17/17-octobre-1961-ce-massacre-a-ete-occulte-de-la-memoire-collective_1586418_3224.html Danach hatte nicht nur der für „den Pogrom“ verantwortliche „pouvoir gaulliste“ Interesse an der Verdrängung, sondern auch die französische Linke, „ambiguë sur l’indépendance algérienne“. Und zum Dritten auch die damalige provisorische algerische  Regierung, weil der französische Ableger der FLN eine Konkurrenz darstellte, die nach der Erlangung der Unabhängigkeit ausgeschaltet wurde. https://www.cairn.info/le-17-octobre-des-algeriens–9782707171177-page-111.htm

[10] Sonderausgabe Charonne der Humanité vom 8.2.2012

[11] Michaela Wiegel, Gewalt in den Straßen von Paris. Das brutale Vorgehen gegen algerische Demonstranten wirkt bis heute nach. FAZ vom 16. Oktober 2021, Seite 10

Dazu z.B. auch: Emmanuel Macron qualifie la colonisation française de „crime contre l’humanité“ – L’Express (lexpress.fr) und https://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/la-colonisation-crime-contre-l-humanite-macron-sous-le-feu-des-critiques_1879756.html

[12] Kritisch dazu: Sylvie Thénault; Sur la guerre d’Algérie parler de ‚réconciliation‘ n’a pas de sens. In: Le Monde. 6.2.2021 und in: Le Monde, Le bilan du monde, édition 2022, S. 217

[13] https://www.lemonde.fr/afrique/article/2020/07/24/emmanuel-macron-confie-a-l-historien-benjamin-stora-une-mission-sur-la-memoire-de-la-colonisation-et-de-la-guerre-d-algerie_6047236_3212.html und Emmanuel Macron fait de la guerre d’Algérie le défi mémoriel de son quinquennat (lemonde.fr)  Zusammenfassung der 22 Empfehlungen  Storas: https://www.lemonde.fr/afrique/article/2021/01/20/france-algerie-les-22-recommandations-du-rapport-stora_6066931_3212.html 

[14] Le Monde 19. Oktober 2021: Droite et extême droite condamnent la „repentance“ du chef de l’Etat. Marine Le Pen comme Michel Barnier ou Valérie Pecresse ont estimé que la France devait cesser de s’excuser à propos de la guerre d’Algérie.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Beschädigung der Statue des Emirs Abdelkader in Amboise Anfang Februar 2022. Abdelkader war ein Held des algerischen Widerstands gegen die französische Eroberung im 19. Jahrhundert. Nach seiner Gefangennahme wurde er im Schloss von Amboise festgesetzt und entwickelte sich dort zu einem „Pionier des Dialogs zwischen den Religionen“, wie Le Monde schrieb. Kurz, eine Figur der französisch-algerischen Freundschaft.“ (A Amboise, vandalisme contre la statue de l’émir Abdelkader. Le Monde, 8.2.2022). Die Errichtung einer solchen Statue gehörte zu den von Benjamin Stora unterbreiteten Vorschlägen zur réconciliation des mémoires.

[15] Bild und Information aus: Le Monde 19. Oktober 2021

[16] „La répression fut brutale, violente, sanglante. Près de 12 000 Algériens furent arrêtés et transférés dans des centres de tri au Stade de Coubertin, au Palais des sports et dans d’autres lieux. Outre de nombreux blessés, plusieurs dizaines furent tués, leurs corps jetés dans la Seine. De nombreuses familles n’ont jamais retrouvé la dépouille de leurs proches, disparus cette nuit-là.“ Zit. In: https://www.leparisien.fr/politique/algeriens-tues-a-paris-le-17-octobre-1961-pourquoi-ils-attendaient-plus-de-macron-17-10-2021-5CY5GNMKXBA7FJXPCWHVHKO6CM.php?xtor=EREC-109&utm_medium=email&utm_source=internal&utm_campaign=newsletter_politique

[17] Siehe z.B. https://www.bfmtv.com/politique/les-propos-de-macron-sur-le-massacre-du-17-octobre-1961-fustiges-de-toute-part_AN-202110170218.html  Auch Le Monde spricht in einem Artikel über Macrons Gedenken an den 17. Oktober 1961 von einem „demi-pas“ des Präsidenten. (Le Monde, Dienstag, 19. Oktober 2021). Entsprechend auch Rachid Benzine, Les hommages  à Samuel Paty et aux manifestants algériens ne sauraient masquer le malaise de nos institutions. In: Le Monde, 20. Oktober 2021

[18] Siehe: https://storymaps.arcgis.com/stories/2df2cacd2d50414183c9021ac4af91ab

[19] Der Historiker Pierre Vidal-Naquet: „C’est le comble de l’absurde. On a du mal à comprendre cette violence de la police alors que le gouvernement est en pleine négociation avec les représentants algériens pour un accord de paix signé un mois plus tard.“ Zit von L’Humanité und Le Monde 8.2.2022 https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/08/paris-commemore-les-60-ans-de-la-repression-meurtriere-d-une-manifestation-contre-la-guerre-d-algerie-au-metro-charonne_6112781_3224.html

[20] Das Foto gehört zu der Ausstellung auf dem Vorplatz des Rathauses des 11. Arrondissements. Siehe dazu auch: https://mairie11.paris.fr/pages/il-y-a-60-ans-la-manifestation-de-charonne-20333

[21]   Filmbericht aus dem französischen Fernsehen vom 14.2.1962. Dokumentation INA  https://enseignants.lumni.fr/fiche-media/00000000082/les-obseques-des-victimes-de-charonne.html Dort auch ein erläutender von Philippe Tétart, Les obsèques des victimes de Charonne. Contexte historique. Publication: 2003

Zur Mur des Fédérés siehe den Blog Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[22] Aus der Stellungnahme des Präsidenten:  „Soixante ans après cette tragédie, je rends hommage à la mémoire des victimes et de leurs familles“. Zit. https://www.lefigaro.fr/flash-actu/metro-charonne-emmanuel-macron-rend-hommage-aux-victimes-une-premiere-20220208

[23] https://www.cairn.info/revue-historique-2014-1-page-143.htm#:~:text=Car%20si%20la%20guerre%20d,les%20forces%20de%20l’ordre.

[24] Zu den 1968 in der École des beaux-arts  in Paris hergestellten Plakaten  siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

[25] Übersetzung und Original: https://songtexte-ubersetzung.com/renaud-renaud-sechan-hexagone/

 Ils sont pas lourds en février, / à se souvenir de Charonne,

des matraqueurs assermentés /qui fignolèrent leur besogne.

La France est un pays de flics ….

Pour faire règner l’ordre public / Ils assassinent impunément

Ihren ausführlichen Artikel über den 8. Februar 1962 hat l’Humanité mit den Gedichtzeilen Renauds überschrieben: Ils sont pas lourds, en février, à se souvenir de Charonne

[26] „C’est une attitude déplorable pour une grande démocratie de ne pas se pencher sur les faiblesses de son histoire… Etre adulte, c’est regarder en face aussi ses faiblesses, pour ne pas y retomber. «

[27] Insofern ist Macron auch nicht dem Vorschlag Storas gefolgt, die französische Rechtsanwältin Gisèle Halimi zu pantheonisieren. Sie war Rechtsanwältin und Anwältin der Unabhängigkeit Algeriens. Ihre Pantheonisierung hätte in Frankreich eher Gräben aufgeworfen und nicht zu einer  réconciliation des mémoires beigetragen.  https://www.sudouest.fr/politique/entree-au-pantheon-de-gisele-halimi-pourquoi-emmanuel-macron-envisagerait-de-dire-non-2672066.php  Statt  dessen hat sich Macron für die Pantheonisierung von Josephine Baker entschieden. Siehe  dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/12/26/sie-passte-in-kein-schema-die-republikanische-heiligsprechung-josephine-bakers/

[28] Anerkennung des Mathematikers Maurice Audin als Folteropfer der französischen Armee: https://www.liberation.fr/france/2018/09/13/mort-de-maurice-audin-macron-reconnait-la-torture_1678582/ 

Anerkennung des Rechtsanwalts Ali Boumendjel als Folteropfer:  https://www.franceculture.fr/emissions/lesprit-public/france-algerie-emmanuel-macron-et-la-reconciliation-des-memoires

Allgemein zur Folter als offiziellem Instrument der französischen Armee im „gegen-revolutionären Krieg“:  https://fr.wikipedia.org/wiki/Torture_pendant_la_guerre_d%27Alg%C3%A9rie 

[29] Leitartikel von Le Monde vom 21.9.2021. https://www.lemonde.fr/idees/article/2021/09/21/harkis-un-pardon-justifie-au-nom-de-la-france_6095428_3232.html  Mit dieser Entschuldigung ging Macron noch weit über die die Harkis betreffenden Vorschläge Benjamin Storas hinaus. Siehe: France Culture, 26.1.2021:  Le sort des harkis et de leurs descendants dans le rapport de Benjamin Stora fait réagir https://www.franceculture.fr/emissions/le-journal-de-lhistoire/le-journal-de-lhistoire-du-mardi-26-janvier-2021

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Von der „Notre Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Ausschwitz: Das dramatische Leben von Luise Straus-Ernst

Die Schatzkammer der Scheichs: Die Sammlung Al Thani im Hôtel de la Marine in Paris

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Der König der Tiere: Das Labyrinth und die Menagerie Ludwigs XIV. im Park von Versailles

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen

Am 22. Januar 2019 wurde im Krönungssaal des Aachener Rathauses der „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Integration“ von dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel unterzeichnet. Ort und Datum waren dabei bewusst gewählt: Aachen als Hauptresidenz Karls des Großen verweist auf die gemeinsame Geschichte, der 22. Januar auf den Elysée-Vertrag, der genau 56 Jahre vorher von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet wurde. [1]

Unterzeichnung Aachener Vertrag

Zum Elysée-Vertrag siehe den entsprechenden Beitrag in diesem Blog: Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50: Ein Grund zum Feiern (2012).   https://paris-blog.org/2016/04/13/der-elysee-vertrag-mythos-und-symbol-wird-50-ein-anlass-zum-feiern/

Der Aachener Vertrag ist denn auch als eine Fortschreibung des Elysée-Vertrags von 1963  zu verstehen.[2]  In seinen 28 Artikeln wird eine verstärkte Zusammenarbeit auf  verschiedenen Bereichen vereinbart: der Europapolitik, der Außenpolitik und Verteidigung, der Kultur und Bildung,  zwischen den jeweiligen Grenzregionen und  im Bereich der Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Dafür werden auch spezifische organisatorische Strukturen geschaffen.  Viele Formulierungen des Vertrags  sind eher vage: Die Vertragspartner „bemühen sich“, „setzen sich ein“ „wirken hin auf ,  „arbeiten darauf hin“ etc. Aber es gibt durchaus auch ein Vielzahl konkreter Vereinbarungen, die überprüft,  und  anzustrebender Ziele, an denen die Politik beider Seiten dann auch gemessen werden kann. Insofern ist der Vertrag immerhin eine Grundlage, auf der Menschen und Institutionen, die an einer Vertiefung der Zusammenarbeit interessiert sind,  konkret arbeiten  können. Er fordert also gewissermaßen dazu auf, mit Leben erfüllt zu werden und könnte damit auch ein Vorbild für ähnliche Vereinbarungen mit oder zwischen anderen Staaten der Europäischen Union sein.

 

In  Deutschland hat der Vertrag nach meinen Beobachtungen  wenig Aufsehen erregt. Er wurde eher als wenig weitgehend und ehrgeizig kritisiert; vereinbart worden sei „eine Zusammenarbeit auf Sparflamme“, wie der Grünen- Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Anton  Hofreiter,  feststellte. [3] Auch auf französischer Seite  gab es entsprechende Einschätzungen, etwa von der Zeitung Le Monde, die von „peu d’ambition“ sprach.[4]  Und nach Auffassung der Deutschland-Expertin Claire Demesmay hat der Vertrag „nichts Spektakuläres“ an sich.[5]  Allerdings gibt es in Frankreich auch eine geradezu abenteuerliche Polemik  gegen den Vertrag.  Da wurden und werden absurde Falschmeldungen verbreitet –z.B. dass der Elsass den Deutschen übereignet werde-  und es werden dabei antideutsche Ressentiments geschürt.

Man kann diese Polemiken natürlich abtun als völlig dümmliche und unerhebliche Auswüchse, die keine weitere Beachtung verdienen.[6]  Ich denke aber, dass man es sich da nicht zu leicht machen sollte. Es gibt ja leider derzeit hinreichend Beispiele, die zeigen, wie erfolgreich skrupellose Populisten mit fake news und dem Schüren von Ressentiments sein können. Und  immerhin wird die Polemik gegen den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag  von der extremen Rechten (Le Pens Rassemblement National und Dupont-Aignans Debout la France) und der extremen Linken (La France Insoumise Jean Luc Melenchons) geschürt, hinter denen doch ein beachtlicher Teil der französischen Wählerschaft steht: Legt man die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der letzten  Präsidentschaftswahlen zugrunde, entfielen gut 45% der Stimmen auf die Repräsentanten dieser drei Parteien.[7]  Dass diese  den Vertrag von Aachen für ihren Frontalangriff auf Präsident Macron instrumentalisieren[8]  und dabei auch die antideutsche Karte ziehen, zeigt doch, dass sie offenbar eine Chance sehen, damit Erfolg zu haben. Dazu könnte ja auch die intensive Verbreitung entsprechender Polemiken in den sozialen Netzwerken der Gilet Jaunes beitragen. Und nicht zuletzt sind die Grenzen zwischen extremistischen und „republikanischen“ Positionen fließend. Auch auf Seiten der Konservativen ist die Kritik an dem Vertrag verbreitet und auch da sind antideutsche Ressentiments unübersehbar.[9]

Diese antideutschen Ressentiments sind auch im Zusammenhang zu sehen mit einer sich in Frankreich ausbreitenden Kritik an der europäischen Einigung. 62% der Sympathisanten von La France Insoumise sehen wenigen Monate vor den Europawahlen die Europäische Union „ziemlich“ oder „sehr negativ„.  Bei den Anhängern von Debout la France sind es 79%, bei denen des Rassemblement National sogar 85%. Frankreich gehört 2019 zu den Ländern der Europäischen Union, in der die kritische Sicht auf die europäische Integration am stärksten verbreitet ist. „Übertroffen“ wird es dabei nur noch von Italien, Griechenland, der Tschechischen Republik und …. Großbritannien. (9a)

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Wo genau die Kampagne gegen den Vertrag ihren Ursprung hat, scheint nicht ganz eindeutig zu sein. Le Monde spricht in diesem Zusammenhang von Verschwörungstheoretikern der „ultradroite“  bzw. der „fachosphère“.

Ein Beispiel:

Macron, der „usurpateur de l’Elysée“ und Verräter,   überlasse  Deutschland ganz Elsass-Lothringen. Die Wirklichkeit sei schrecklich und tragisch: Macron verwirkliche den Traum Hitlers: Ein  Frankreich, das sich – und das auch noch freiwillig!- Deutschland unterworfen habe und ein Deutschland, das sich auf Kosten eines zerstückelten Frankreich vergrößert habe.[10]

Solche Lügen seien dann, so die Le Monde-Analyse-  von der souveränistischen Partei Debout la France des Nicolas Dupon-Aignan und dem Rassemblement national Le Pens (dem früheren Front National) übernommen worden.[11] So verbreitete der Europa-Abgeordnete Bernard Monot (Debout La France) eine Botschaft,  in der er behauptete, der Elsass würde in deutsche Verwaltung übergehen und die Verwaltungssprache werde deutsch sein. Macron liefere wie ein Judas Elsass und Lothringen einer fremden Macht aus. Es handele sich um einen Putsch, ja einen Hochverrat an den Franzosen.[12]

Diese Botschaft aus Absurdistan  ist inzwischen von Monot zurückgezogen worden, allerdings ohne Kommentar und Richtigstellung. In rechtsradikalen Kreisen wird  aber immer noch Werbung dafür gemacht und sie  ist auch (jedenfalls Anfang Februar)  immer noch einsehbar.  https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

Es waren dann die  Vorsitzenden der beiden rechtspopulistischen Parteien, die die Kampagne gegen den Aachener Vertrag weiter führten.

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Nicolas Dupont-Aignan und Marine Le Pen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz

 

Auf einer Wahlveranstaltung für die Europawahlen  stellte Marine Le Pen am 19. Januar fest, Präsident Macron sei im Begriff, Verrat zu begehen („acte de trahison“), indem er einen Vertrag abschließe, der zu einer „mise sous tutelle de l’Alsace“ führe  und zu einer „ partage de notre arme nucléaire et de notre siège au Conseil de sécurité“. Nicht nur würde der Elsass unter deutsche Vormundschaft gestellt, sondern es würden  auch die französischen Atomwaffen und der Sitz im Sicherheitsrat mit Deutschland geteilt. [13] Natürlich steht davon nichts im Vertrag von Aachen. Im Gegenteil: Beide Seiten verpflichten sich darin, eine im Grund überfällige  Reform des Sicherheitsrats der UN anzustreben, die die seit 1945  veränderten weltpolitischen Gegebenheiten berücksichtigt. Aspiranten für einen festen Sitz im Sicherheitsrat wären dann Japan, Indien, Brasilien und eben auch Deutschland. Für eine solche Reform will sich Frankreich einsetzen. Eine Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat hat dagegen keine Grundlage in dem Vertrag, aber was tut das schon…[14]

Entsprechend also dann auch der Le Pen’sche  Verrats-Vorwurf auf Twitter:[15]

« En signant ce traité d‘#AixLaChapelle en catimini, Emmanuel #Macron commet un acte qui relève de la trahison. »

Mise sous tutelle d’une part de l’Alsace, partage de notre siège au Conseil de sécurité de l’ONU : j’alerte les Français sur le traité d‘#AixLaChapelle !

Nicolas Dupont-Aignan legte nach, indem er die „soumission de la politique étrangère de la France“ anprangerte.

Damit waren die beiden Leitmotive der rechtsradikalen Kampagne  gegen den Vertrag von Aachen geliefert: Verrat und Unterwerfung, trahison und soumission.

Eine Karikatur aus l‘Opinion [16]

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Débout la France! Elsass-Lothringen wird bald an Deutschland verkauft!!! Dupont-Aignan: „Macht nichts, dass die Information falsch ist, wenn dafür die Angst echt ist.“ Le Pen: „ganz schön raffiniert“

 

Auch die republikanische Rechte beteiligte sich an dieser Kampagne. Da sind es vor allem Politiker,  die sich als Gralshüter des Gaullismus verstehen: Immerhin war für de Gaulle ja den Elysée – Vertrag ein Instrument im Rahmen seiner Konzeption eines Europas der Nationen oder Vaterländer, und er sollte der Vormachtstellung Frankreichs in Europa dienen. De Gaulle hatte  Deutschland auch nie verziehen, dass der Bundestag dem Vertrag einseitig eine Präambel voranstellte, in der die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und der europäischen Integration hervorgehoben wurde. Auf diesen  „Dolchstoß in den Rücken“  bezieht sich auch gerne die  „gaullistische Kritik“ am Vertrag von Aachen. So bei  Jacques Myard, dem Bürgermeister von Maison-Lafitte,  langjährigen republikanischen Parlamentsabgeordneten und Präsidenten der „Académie du Gaullisme“.  Nach seiner Einschätzung  hat Frankreich mit dem Vertrag von Aachen auf eine eigenständige Außenpolitik verzichtet. Die werde jetzt unter der Kontrolle Deutschlands, also Berlins, ausgeübt.[17]  Noch weiter ging der umtriebige republikanische Nachwuchspolitiker Mathieu Lafleur.  Er lancierte einen change.org-  Aufruf gegen den Aachener Vertrag mit einer  abenteuerlichen Begründung: Der Vertrag von Aachen sei „un Traité de Versailles inversé“ – bei dem also jetzt Deutschland der Sieger ist und das Frankreich Macrons der Besiegte, der damit und aus freien Stücken die „liquidation de la Maison France“ weiter vorantreibe.[18]  Im Figaro legte  ein Pariser Rechtsprofessor dar, dass der Vertrag insgesamt ein Angriff auf die „Souveränität des Landes“ sei und  dass wesentliche Teile davon gegen die französische Verfassung verstießen.[19]  Ivan Rioufol, der eine regelmäßige Rubrik im Figaro unterhält, sieht unter Berufung auf dieses „Gutachten“ einen  Angriff auf die  „souveraineté nationale“. Damit zeige Macron, dass er nichts von den Forderungen des „vergessenen Frankreichs“ verstanden habe, die von den Gelbwesten vorgetragen würden.  Diese Forderungen richteten sich ja gerade an die Nation und setzten deren Souveränität voraus.[20]

Hier wird also versucht, die Bewegung der Gelbwesten für den souveränistischen Kampf gegen den Vertrag von Aachen zu instrumentalisieren.  An sie hatte sich ja auch  der Europaabgeordnete  Monot in seiner Botschaft  ausdrücklich gewendet und sie  aufgefordert, sich gegen den „Hochverrat Macrons“ zur Wehr zu setzen. Offenbar nicht ganz ohne Erfolg.

Auf Facebook- Gruppen der Gilets Jaunes wurde jedenfalls  verbreitet, Deutschland werde die Herrschaft über Elsass-Lothringen übertragen. Dafür seien „unsere Großeltern und Urgroßeltern 14-18 und 39-40“ nicht gestorben.[21]

Da sah sich sogar die französische Europaministerin Nathalie Noiseau zu Richtigstellungen  veranlasst:  Durch den Vertrag von Aachen werde das Alltagsleben von Deutschen und Franzosen in den Grenzregionen erleichtert. Das eröffne Chancen, bedeute mehr Beschäftigung und eine gegenseitige kulturelle Bereicherung. Wer könnte sich darüber beklagen? Immerhin  scheint die Resonanz auf solche Falschmeldungen bei den Gilets jaunes nicht allzu groß  zu sein – auch wenn bei ihnen eine deutliche rechtsradikale Präsenz unverkennbar zu sein scheint. Aber  andere Themen wie vor allem die Stärkung der Kaufkraft („pouvoir d’achat“), die Steuergesetze und die Einführung von Instrumenten direkter Demokratie spielen  bei den Gilets Jaunes ganz eindeutig eine größere Rolle.

Die Gehässigkeit der Angriffe auf Macron wird allerdings zumindest von Teilen der Gilets Jaunes durchaus geteilt. Das wird  nach einem Gelbwesten-Samstag in Paris deutlich, wie das nachfolgende Foto zeigt. Es  wurde aufgenommen im Januar 2019 am Boulevard Diderot (12. Arrondissement), wo vorher ein Demonstrationszug der Gelbwesten vorbeigezogen war.

DSC03350 Macron prison

Die Aufschrift: Macron: Rücktritt. Ins Gefängnis. An den Galgen.  (Ein Internaut hält sogar schon einen Strick bereit:  J’ai une corde disponible.[22])  Eine Macron-Puppe wurde ja auch schon auf einer Versammlung von Gelbwesten enthauptet.[23]

Bei dem Slogan „Le pouvoir des truies“  (Die Macht der Mutterschweine) handelt es sich um ein Wortspiel: Die Aussprache entspricht ja dem  anarchistischen:  Le pouvoir détruit, also die Herrschaft zerstört…  Und das rechtfertigt dann offenbar auch die von Gelbwesten ausgeübte Gewalt, die von einem Intellektuellen wie Emmanuel Todd im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen sogar ausdrücklich als Teil der französischen politischen Kultur gefeiert wird, auf die man stolz sein könne.  Immerhin sei die Bastille ja auch nicht gewaltfrei gestürmt worden….

Auch bei der extremen Linken wird heftig gegen den Vertrag von Aachen agitiert. Ein Sprecher der Partei La France Insoumise, Manuel Bompard, stellte zwar in einer auf youtube verbreiteten Botschaft fest, Le Pen und Dupont hätten eine Reihe von Falschmeldungen über den Vertrag verbreitet  wie die Abtretung von Elsass-Lothringen oder die Teilung des französischen Sitzes im Sicherheitsrat mit Deutschland. Aber auch er spricht von einem „Verrat“ Macrons.[24] Denn dass sich eine Partei, die sich „France Insoumise“ nennt, selbstverständlich einer angeblichen Unterwerfung Frankreichs unter seinen gerne als Schreckbild gezeichneten Nachbarn widersetzt, ist ja nur konsequent.

Bei den französischen Linksextremen wird die „deutsche Gefahr“ vor allem in einer Übernahme des  „neoliberalen“  deutschen Wirtschaftsmodells gesehen bzw. als „soumission à l’ordolibéralisme“.[25]  Dieses Wirtschaftsmodell werde  von den Regierenden in Frankreich als Waffe im Kampf gegen die Armen im eigenen Land benutzt. Wenn also im Aachener Vertrag auch eine verstärkte Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet vereinbart werde, sei höchste Gefahr im Verzug. Denn was nach Überzeugung  von  La France Insoumise wirtschaftlich von Deutschland zu erwarten ist, wissen wir spätestens seit dem ressentimentgesättigten Pamphlet des Linken-Chefs Melenchon „Le Hareng de Bismarck (Le poison allemand)“  von 2015:  Danach ist Deutschland das Land der maximalen Umweltverschmutzung („pollution maximale“), weil es die in Frankreich mehrheitlich als umweltfreundlich gerühmten Atomkraftwerke abschaltet; es ist das Land des „malbouffe“, der notorischen  Fehlernährung und der Übergewichtigen; ein Land, das die Jungen –soweit es die  aufgrund der niedrigen Geburtenrate überhaupt noch gibt-  verlassen, weil sie hier keine Perspektive für sich sehen, und aus dem die Alten mit Gewalt entfernt werden („expatriés de force“), weil man die Kosten  für sie nicht aufbringen will; es ist ein Land der Armut („un océan de pauvreté“) und der Ausbeutung, ein Land des wiederauflebenden Imperialismus und Militarismus, ein Gift –wie es im Untertitel des Buches heißt-  für Europa, ja für die Welt.[26] Mit einem solchen Deutschland einen Vertrag über „Zusammenarbeit und Integration“ abzuschließen, kann also nichts Gutes verheißen.

Was das deutsche  Gift bewirkt, hat der  zu den Kronzeugen Mélenchons gehörende Historiker und Demograph Emmanuel Todd 2014 in einer Interview-Serie  mit der belgischen Zeitung Le Soir so formuliert: Europa habe im 20. Jahrhundert unter deutscher Führung zweimal Selbstmord begangen, im Ersten  und Zweiten  Weltkrieg. Derzeit erlebe man eine dritte europäische Selbstzerstörung, und zwar wieder unter deutscher Leitung- ein schon geradezu  klassischer  Bestandteil der Deutschland-Kritik. [27]

Emmanuel Todd sieht Deutschland als das ganz Europa dominierende Reich an.: l’Europe est Allemagne et l’Allemagne est Europe“.[28] Europa werde von Deutschland und seinen baltischen, polnischen und anderen Satelliten kontrolliert.[29] Todds Europakarte ist  bemerkenswert: In der Mitte (natürlich schwarz) das Neue Deutsche Reich (Le nouvel empire allemand), umgeben von Nachbarn, die alle mehr oder weniger von ihm beherrscht werden:

empire allemand Emmanuel Todd

  • Da gibt es den Espace Allemand Direct, also den Raum, der gewissermaßen direkt zu Deutschland gehört, also nur noch eine scheinbare Unabhängigkeit besitzt, also die Benelux-Staaten, die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien und sogar die Schweiz;
  • Dann die Staaten, die aus Angst vor Russland zu deutschen „Satelliten“ geworden sind: Polen, die baltischen Staaten und – aha!- Schweden.
  • Die zahlreichen Staaten, die faktisch von Deutschland beherrscht werden: das sind die gelb markierten…
  • Die braun markierten sind die, die gerade dabei sind, von Deutschland annektiert zu werden. Dazu gehört auch die Ukraine: für Todd derzeit schon le nouveau protectorat Deutschlands: Der Begriff Protektorat ist natürlich nicht zufällig. Er bezieht sich auf das sog. Protektorat Böhmen und Mähren, womit das aktuelle Deutschland in die Tradition des Dritten Reichs gestellt wird. Für Mélenchon (S.121) ist die Ukraine übrigens ein deutsches Sklavenreservat („riche réserve d’esclaves“).
  • Und Frankreich: das hat sich Deutschland aus freien Stücken unterworfen, sich in eine „servitude volontaire“ begeben- eine Behauptung, die ja –wie wir gesehen haben-  jetzt wieder im Zusammenhang mit dem Aachener Vertrag von Rechtsextremen aufgegriffen wurde.[30]

Eine solche Sicht auf Europa ist sicherlich ziemlich bizarr. Aber Todd ist in Frankreich ein durchaus einflussreicher Intellektueller: Sein polemischer Essay „Qui est Charlie“, der sich kritisch mit den Je suis Charlie- Demonstrationen beschäftigt, war ein großer Erfolg und soll in den höchsten Regierungskreisen gelesen worden sein. Und Todd ist –das kann mich sich gut vorstellen- ein auf allen Kanälen gern gesehener Talkshow- Gast.

41mhUeJd6SL._SX341_BO1,204,203,200_ Le choc des empires

Mit wesentlichen Elementen seiner Sicht steht er auch durchaus nicht allein. Vor allem, dass Deutschland die wirtschaftliche und politische Kontrolle Europas übernommen habe. Selbst der europafreundliche Le Monde-Journalist Alain Frachon schreibt im April 2019 in einem Meinungsbeitrag über die Segnungen der Europäischen Union, diese stehe in manchen Bereichen unter der Fuchtel Deutschlands („sous la tutelle allemande“). (30a) Noch deutlich weiter geht seine ehemaliger Kollege Jean-Michel Quatrepoint in seinem 2014 erschienenen Buch :  Le choc des empires.

Und welches sind die Reiche, die da aufeinanderprallen? Es sind die Vereinigten Staaten, China und … – wie man an den Landesfarben auf der Titelseite erkennen kann-  Deutschland!  Das seien die drei Mächte, die die Weltwirtschaft dominieren und um Vorherrschaft ringen. Deutschland habe seit der Wiedervereinigung Schritt für Schritt ein deutsches Europa aufgebaut und so die Rückkehr „de la Germanie“, des Heiligen Römischen  Reichs Deutscher Nation, auf die Weltbühne ermöglicht. „Au fond, l’Allemagne d’aujourd’hui se verrai bien reconstituer ce Saint Empire romain germanique“.[31] Zu diesem Zweck führe  Deutschland  einen Krieg, allerdings nicht mehr mit Panzern, sondern mit Industrieunternehmen, deren Manager ebenso effektiv seien wie früher Rommel und Guderian.  „L’Allemagne fait la guerre…. économique. Elle a remplacé les Panzers par ses groupes industriels, dont les managers sont aussi efficaces que les Rommel et autres Guderian d’hier“. Bemerkenswert übrigens, dass hier zwei Generäle genannt werden, die wesentlich beteiligt waren an dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Die Rolle, die nach Quatrepoint dabei für Frankreich bleibt, ist –ähnlich wie aus der Perspektive Todds- die eines Bestandteils des deutschen Reichs („une composante de l’empire allemand“  bzw. einer „province de la Germanie“. [32] Der Autor des Buches ist übrigens ein renommierter Wirtschaftsjournalist (Le Monde, Les Echos etc)   und erschienen ist das Buch bei Gallimard, einem der bedeutendsten Verlage Frankreichs…[33]

 

Vor diesem Hintergrund ist Deutschland natürlich alles zuzutrauen und ist der Aachener Vertrag nur ein neuer Beleg für die „freiwillige Unterwerfung“ Frankreichs unter das „Vierte Deutsche Reich“- ein von Nicolas Dupont-Aignan während der europäischen Schuldenkrise verwendeter und auch bei anderen europäischen Rechtspopulisten gerne verwendeter Begriff.[34] Dass da Elsass-Lothringen Deutschland übergeben werden und Frankreich auf die letzten Reste seiner Größe, nämlich die souveräne Verfügung über seine Atomwaffen und sein Votum und Vetorecht im Sicherheitsrat zugunsten Deutschlands  verzichtet, passt dann ins Bild.

Allerdings darf und muss man sich fragen, wer wirklich in Frankreich solche absurden Falschmeldungen glaubt.

Die Zeitung Le Monde schreibt in ihrem Éditorial vom 23. Januar 2019: Wenn Lächerlichkeit töten könnte, gäbe es auf der politischen Bühne Frankreichs zwei Tote: Marine Le Pen und Nicolas Dupont-Aignan. Glücklicherweise für die beiden, aber unglücklicherweise für die geistige Gesundheit des Landes habe aber Lächerlichkeit in Zeiten sich ausbreitender Verschwörungstheorien und „fake news“ Konjunktur und präsentiere sich in bester Verfassung. Die beiden Führer der extremen Rechten spielten sich auf als Verteidiger der nationalen Souveränität. In Wirklichkeit machten sie nur sich lächerlich und Frankreich damit auch.[36]

Anscheinend gibt es, wie die Paris-Korrespondentin der FAZ, Michaela Wiegel schreibt, „nichts mehr, was so absurd ist, dass es niemand glaubt.“ Die Gelbwesten, die als Protestbewegung gegen Steuererhöhungen angefangen haben, seien „in Teilen im Lager der Verschwörungstheoretiker angekommen“.[35]

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Pickelhaube der Gendarmerie Elsass-Lothringen aus der Zeit zwischen 1871 und 1918

(Titelbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2019)

In der Tat: Wie aktuelle Untersuchungen belegen, sind die „Gelbwesten“ in ganz besonderer Weise anfällig für die in sozialen Medien grassierenden Verschwörungstheorien. So sind 23% der Personen, die sich  den gilets jaunes zurechnen der Auffassung,  dass es sich bei dem (islamistischen) Attentat auf den Weihnachtsmarkt von Straßburg (Dezember 2018) um eine Manipulation der Regierung  handele, um von der Bewegung der „Gelbwesten“ abzulenken. Sogar 46% dieser Personengruppe sind davon überzeugt,  dass die Einwanderung von den politischen, intellektuellen und publizistischen Eliten bewusst organisiert werde, um die europäische Bevölkerung durch die Einwanderer zu ersetzen! (35a)

Offenbar gibt es in Frankreich auch einen Bodensatz von längst überwunden geglaubten antideutschen Ressentiments. Rechts- und linksradikale Ideologen versuchen die in Krisenzeiten für ihre Zwecke zu mobilisieren und zu nutzen. Ein Höhepunkt in dieser Hinsicht war die europäische Schuldenkrise, wo es vor allem die Haltung der deutschen Regierung gegenüber Griechenland war, die antideutsche Ressentiments befeuerte. Und jetzt ist es die politische und soziale Krise Frankreichs mit dem Vertrauensverlust des Präsidenten, vor deren Hintergrund ein ganz unspektakulärer Vertrag mit Deutschland skandalisiert wird. Der Erfolg dürfte allerdings, so ist zu hoffen, nicht den Erwartungen entsprechen.[37] Dafür hat doch die deutsch-französische Freundschaft inzwischen ein zu breites und festes gesellschaftliches Fundament.  Dazu hat der Elysée-Vertrag von 1963  wesentlich beigetragen, und der Aachener Vertrag bietet einen Rahmen, diese Freundschaft –aller Stimmungsmache zum Trotz- weiter zu vertiefen.

 

Anmerkungen

[1] Bild aus: https://pl.ambafrance.org/Signature-du-Traite-d-Aix-la-Chapelle

[2] https://www.auswaertiges-amt.de/blob/2178596/7b304525053dde3440395ecef44548d3/190118-download-aachenervertrag-data.pdf

[3] https://www.welt.de/regionales/nrw/article187490210/Hofreiter-Abkommen-ist-Zusammenarbeit-auf-Sparflamme.html

[4] https://www.lemonde.fr/international/article/2019/01/16/entre-la-france-et-l-allemagne-un-nouveau-pacte-peu-d-ambition_5409918_3210.html

[5] So auf einer Veranstaltung der Maison Heinrich Heine über den Aachener Vertrag am  31.1.2019

[6] Jerôme Vaillant auf der genannten Veranstaltung

[7] Marine le Pen: 21,30%; Jean-Luc Melenchon: 19,58%; Nicolas Dupon-Aignan: 4,70% https://www.lemonde.fr/data/france/presidentielle-2017/

[8] So Hans Stark auf der oben genannten Veranstaltung der MHH. Vaillant und Stark haben übrigens das Heft Okt/Dez 2018 der Zeitschrift L’Allemagne d’aujourd’hui herausgegeben, das sich mit den deutsch-französischen Beziehungen im Vorfeld eines „neuen Elysée-Vertrags“ beschäftigt. Siehe: http://www.septentrion.com/fr/livre/?GCOI=27574100718200

[9] Dies ist, wie auch andere entsprechende Beiträge auf diesem Blog- keine wissenschaftliche Untersuchung. Ich schreibe als ein interessierter Beobachter, der -in überschaubarem Umfang- Printmedien nutzt und Internet—Recherche betreibt. Da ich nicht in sozialen Netzwerken wie facebook und twitter unterwegs bin, habe ich diese Medien auch nicht berücksichtigt, soweit sie nicht in von mir benutzten Medien aufgegriffen werden.

(9a) Bruno Cautrès, La France de moins en moins favorable à l’Europe. In: Le Monde 10. April 2019

[10]  Macron abandonne l’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne. … La réalité est terrifiante, tragique. Macron va réaliser le rêve d’Hitler avec une France soumise à l’Allemagne et découpée pour agrandir l’Allemagne http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

s.a. Jacques Myards Kritik an der „soumission“ Macrons:  (http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.html ) Beides eingesehen am 26.1.2019

[11] Siehe: Les ‚gilets jaunes‘, terrain d’influence pour la nébuleuse complotiste. Des figures conspirationnistes de l’ultradroite servent du mouvement pour faire infuser leurs idées notamment sur les réseaux sociaux. In: Le Monde, 20./21. Januar 2019, S. 6

[12] Ausschnitte zitiert in: http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/   Dort auch Hinweis auf eine nach wie vor zugängliche Ausstrahlung der Botschaft von Monot:

https://gloria.tv/video/zZLspuuQypHr3k7YFpE9Qqz3M

L’Alsace repassera sous régime allemand et la langue administrative sera l’allemand  … Macron, tel un Judas, va livrer l’Alsace et la Lorraine à une puissance étrangère.

Il n’a jamais été mandaté pour engager la France dans une soumission volontaire à l’Allemagne. C’est une haute trahison contre les Français.

Macron prépare un nouveau putsch contre la France. Une véritable trahison de Macron.

[13] https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/01/22/traite-d-aix-la-chapelle-laissez-en-paix-l-alsace-et-la-lorraine_5412668_3232.html

[14] https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/01/18/l-intox-de-marine-le-pen-sur-le-traite-d-aix-la-chapelle-qui-affaiblit-la-france_5411073_4355770.html  Eine gewisse Rolle bei dieser Polemik hat natürlich der Vorschlag von Olaf Scholz gespielt, auf mittlere Sicht solle der französische Sitz im Sicherheitsrat auf die Europäische Union übertragen werden- eine Überlegung, die aber von französischer Seite entschieden zurückgewiesen wurde. Siehe: https://www.huffingtonpost.fr/2018/11/28/lallemagne-relance-le-debat-sur-le-siege-de-la-france-a-lonu

[15] http://www.leparisien.fr/politique/perte-de-souverainete-vente-de-l-alsace-lorraine-texte-cache-ce-traite-d-aix-la-chapelle-qui-nourrit-les-fantasmes-21-01-2019-7993452.php

Der immer wieder vorgebrachte Vorwurf, der Vertrag sei heimlich abgeschlossen worden, ist auch unsinnig. Allerdings ist wohl richtig, dass der Vertragstext erst sehr spät veröffentlicht wurde.  Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass der Vertrag, wie auf der o.g. Veranstaltung in der Maison Heinrich Heine erläutert wurde, von französischen und deutschen Diplomaten in englischer Sprache verhandelt und abgefasst wurde. Es mussten dann die jeweiligen Fassungen in den beiden Landessprachen erstellt und abgeglichen werden…

[16] https://www.lopinion.fr/edition/politique/alsace-lorraine-fake-campagne-europeennes-est-lancee-175305

[17] http://www.wikistrike.com/2019/01/traite-d-aix-la-chape-une-boite-de-pandore.htmlLa France n’a dès lors plus de politique étrangère propre mais elle l’exerce sous le contrôle de l’Allemagne capitale Berlin.”

[18] https://www.change.org/p/non-%C3%A0-la-ratification-du-trait%C3%A9-d-aix-la-chapelle

[19] http://www.lefigaro.fr/vox/monde/2019/01/21/31002-20190121ARTFIG00281-le-traite-d-aix-la-chapelle-affecte-la-souverainete-nationale.php

[20] Ivan Rioufol, Les cités, indifférentes aux ‚gilets jaunes‘. In: Le Figaro, 25.1.2019

[21] https://www.huffingtonpost.fr/2019/01/15/gilets-jaunes-comment-le-fantasme-de-lalsace-vendue-a-lallemagne-est-arrive-sur-les-pages-facebook-du-mouvement_a_23643258/   Zu dem in der Twitter-Meldung dreifach wiederholte RIC: Dabei handelt es sich um das sogenannte Référendum d’Initiation Citoyenne, das zu den Forderungen der Gilets Jaunes gehört. Es geht dabei um ein Instrument direkter Demokratie, eine Art Volksbegehren, wobei allerdings Form und Inhalt völlig unbestimmt sind. Für die Europawahlen soll es auch eine Kandidatenliste von gilets jaunes mit dem Namen RIC geben.

[22] http://resistancerepublicaine.eu/2019/01/14/abomination-le-22-janvier-macron-abandonne-lalsace-et-la-lorraine-a-lallemagne/

[23] https://www.ladepeche.fr/article/2018/12/29/2932536-trois-gilets-jaunes-garde-vue-avoir-decapite-pantin-effigie-emmanuel.html

[24]https://lafranceinsoumise.fr/2019/01/22/rp35-traite-daix-la-chapelle-macron-trahit-les-francais/

[25] https://melenchon.fr/2019/01/20/coup-de-force-a-aix-la-chapelle/

[26] Éditions Plon 2015. Der Titel bezieht sich auf das Gericht,  das Angela Merkel François Hollande bei einer Bootsfahrt auf der Ostsee hat servieren lassen. Und der Name Bismarck ist für manche  Franzosen ja schon an sich eine Provokation. Und dann noch ein Hering! Und das einem französischen  Gourmet! Bei dem  Untertitel handelt es sich um ein Wortspiel: Der Hering ist ein poisson allemand. Mélenchon macht aus dem deutschen Fisch aber le poison allemand, also ein deutsches Gift.

[27] « «L’Europe est un continent qui, au XXe siècle, de façon cyclique, se suicide sous direction allemande. Il y a d’abord eu la guerre de 14, puis la deuxième guerre mondiale.» Résultat: «On est en train sans doute d’assister à la troisième autodestruction de l’Europe, et de nouveau sous direction allemande.»

https://www.lesoir.be/art/932378/article/debats/2015-07-09/emmanuel-todd-l-europe-s-autodetruit-sous-direction-allemande

[28] https://www.les-crises.fr/todd-2-les-acteurs-sont-incompetents/

[29]https://www.les-crises.fr/todd-3-l-allemagne-tient-le-continent-europeen/ (September 2014)

und :http://www.liberation.fr/monde/2015/07/10/emmanuel-todd-une-autodestruction-de-l-europe-sous-direction-allemande_1345917

[30] https://www.les-crises.fr/todd-1-la-servitude-volontaire-de-la-france/

(30a) Alain Frachon, Europhobie „y en a marre“. In: Le Monde 5.4.2019

[31] Jean- Michel Quatrepoint, Le Choc des Empires. États-Unis,  Chine,  Allemagne: qui dominera l’économie –monde?,  S. 235

[32] A.a.O., S. 247

[33] http://www.gallimard.fr/Catalogue/GALLIMARD/Le-Debat/Le-choc-des-empires

Siehe dazu auch das Interview mit Quatrepoint: http://lafautearousseau.hautetfort.com/archive/2015/06/24/l-europe-empire-allemand-les-analyses-de-jean-michel-quatrep-5645366.html   Zitat aus: Le Choc des Empires, S. 184

Ähnlich auch der Schriftsteller Nicolas Bonnal : « La domination allemande est absolue en Europe-«  In :  La soumission européenne et le retour du Reich allemand.  fr.sputniknews.com  vom 8.3.2017.

[34] So in einer Twitter Meldung vom 12.7.2015: Da geht es um den „plan mortel“  Deutschlands einer  “soumission totale“ Griechenlands.  Siehe dazu auch: http://lelab.europe1.fr/4e-reich-nicolas-dupont-aignan-revendique-une-provocation-au-nom-de-lamitie-franco-allemande-1367902  Jean-Luc Melenchon von der anderen Seite des politischen Extremismus sah damals Deutschland an der Spitze der „Länder der Achse“ („pays de l’Axe“) – und rückte damit – mit den Worten von Libération (19.7.2015) – in skandalöser Weise das demokratische Deutschland in die Nähe des Nationalsozialismus.

Mit der Charakterisierung der Bundesrepublik als „Viertes Deutsches Reich“ befindet sich Dupont-Aignan übrigens in „bester“ internationaler Gesellschaft. Siehe Tobias Pilcher, Italien geht auf Distanz zu Europa. In: FAZ vom 16.2.2019: „Die Lega hat Gennaro Sangiuliano befördert, der in einem Buich über das ‚Vierte Reich‘ die Währungsunion als die Vollendung deutscher Hegemoniepläne aus der NS-Zeit darstellt; er ist nun Chefredakteur des zweiten Nachrichtenkanals im Staatssender Rai.“

Siehe dazu den Spiegel vom 21.3.2015: Das Vierte Reich. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-132701110.html 

[35] Bild und Zitate aus: FAZ vom 21. Januar 2017. Michaela Wiegel, Das Elsass bald deutsch? Die ‚Gelbwesten‘, Le Pen und der Aachener Vertrag.

(35a)  Jérôme Fourquet (Ifop),  Enquête complotisme 2019: Focus sur le mouvement des ‚gilets jaunes‘. https://jean-jaures.org/nos-productions/enquete-complotisme-2019-focus-sur-le-mouvement-des-gilets-jaunes

[36] Èditorial Le Monde vom 23. Januar 2019: Laissez en paix l’Alsace et la Lorraine!

[37] Ein Indiz ist beispielsweise die  geringe Resonanz auf die oben genannte Petition gegen den Aachener Vertrag auf change.org.

 

Weitere geplante Beiträge:

  • Das Haus der Mutualité in Paris (2): Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur 1935 
  • Die Petite Ceinture, die ehemalige Ringbahn um Paris (1): Kinder und Kohl statt Kohle und Kanonen 
  • Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte
  • Die Fontänen im Park von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns