Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers

2019 lancierte der französische Essayist Laurent Kupfermann die Petition „Osez Joséphine“.[1] Es  war eine Aufforderung an den französischen Präsidenten, den Mut aufzubringen, Josephine Baker ins Pantheon, die französische Ruhmeshalle, aufzunehmen. Am 30.11. 2021 war es dann so weit:  Das Portal des Pantheons war in den Farben der Tricolore angestrahlt und der Name und Portraits von Josephine Baker wurden auf die Fassade projiziert.

Josephine Baker - Ikone mit politischer Botschaft

Dann wurde der Sarg von sechs Soldaten der Luftwaffe in das Pantheon getragen, wo sich Präsident Macron vor ihm verneigte[2] und in seiner Würdigungsrede Baker als Verkörperung des esprit français rühmte.[3] Im Elysée-Palast konnte man zufrieden bilanzieren, die Pantheonisierung Josephine Bakers sei auf einhellige, ja begeisterte Zustimmung gestoßen.

Mut brauchte der französische Präsident aber durchaus, diese Entscheidung -die ihm allein zukam- zu treffen. Immerhin ist Josephine Baker die erste schwarze Frau im Pantheon; erst 1937 wurde sie durch ihre Heirat mit einem Franzosen französische Staatsbürgerin; und berühmt wurde sie als gewagte Varieté-Tänzerin und extravagante Repräsentantin der wilden Pariser 1920-er und 1930-er Jahre: In einem Pantheon, in dem fast ausschließlich gesetzte Männer, und zwar vor allem Politiker, Militärs und Wissenschaftler, vertreten sind, eine exotische Ausnahmeerscheinung.

Schon 2013 hatte Regis Debray in einem Meinungsbeitrag der Tageszeitung Le Monde die Idee einer Aufnahme von Josephine Baker ins Pantheon lanciert: Et si Joséphine Baker entrait au Panthéon?[4] Auch ihm war bewusst, dass dies ein mutiger, ja  geradezu revolutionärer Akt sein würde. Denn damit würden dort zum ersten Mal künstlerische Formen repräsentiert sein, die bisher als des republikanischen Ehrentempels unwürdig erachtet wurden: der Tanz, der Jazz, die Musik, auch das so Frankreich-typische  chanson. Selbst dessen herausragendste und populärste Interpreten wie etwa Edith Piaf, Charles Aznavour, Juliette Gréco oder Georges Brassens  -sicherlich doch auch würdige Vertreter des  esprit français-  hatten da  (bisher jedenfalls) keine Chance[5].

Dass Macron es gewagt hat und wagen konnte, Josephine Baker zu pantheonisieren, ist vor allem ihrem Engagement im Zweiten Weltkrieg auf der Seite des „freien  Frankreichs“ des Generals de Gaulle zu verdanken: Das ist zwar nicht so bekannt und populär wie ihr Tanz im Bananen-Röckchen, aber es ist gewissermaßen ein offizieller Türöffner des Pantheons. Engagement in der Résistance ist in den letzten Jahren immer wieder eine entscheidende Grundlage für Pantheonisierungen gewesen.

Insofern ist es nur konsequent, dass Macron  bei seiner feierlichen Würdigung Josephine Bakers durch die Nation von einem Portrait Bakers in der Uniform  eines Unterleutnants der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ flankiert war.

© Sarah Meyssonnier/Reuters

Josephine Baker ist eine faszinierende Frau. Darauf deuten schon die vielen Beinamen hin, die man ihr gegeben  hat- wie, um nur einige zu nennen:  die schwarze Venus, die Muse der Kubisten, eine Ikone der Befreiung (Arte), die Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts,  eine Kriegsheldin und antirassistische Kämpferin (Macron) , eine Humanistin (Le Figaro),  die „schwarze Mata Hari“ (Die ZEIT 1948), la maman du monde, die sensationellste Frau aller Zeiten, die Nofretete der Jetztzeit (beides stammt von Picasso, der immerhin einen  gewissen Überblick hatte).

Aber sie ist auch eine widersprüchliche Frau: In ihren Tänzen bediente sie, wenn auch ironisch gebrochen, rassistische Phantasien und wurde damit zur reichsten schwarzen Frau der Welt; einen ihrer Söhne verstieß sie wegen seiner Homosexualität aus ihrer „Regenbogen-Familie“, obwohl sie doch selbst intensive Beziehungen mit Männern  und Frauen gepflegt hatte. Und ihr Eintreten für internationale Solidarität -auch im Cuba Fidel Castros- hinderte sie nicht daran, sich im Mai 68 auf die Seite de Gaulles und nicht auf die Seite der diese Solidarität einfordernden Pariser Studenten zu stellen.

Bild

Josephine Baker bei der Großkundgebung für de Gaulle und gegen die Revolte von Studenten und Arbeitern am 30. Mai 1968[6]

Regis Debray, ein Kampfgenosse Che Guevaras, hat sie trotzdem für das Pantheon vorgeschlagen: Josephine Baker ist eben, wie er in seinem Plädoyer schrieb, keine Heilige, sondern „une irregulière“, eine, die nicht in die gängigen Schemata passt.[7] Und die spektakulären Höhen und Tiefen ihres Lebens und seine Widersprüche tragen zur Faszination bei, die sie bis heute ausübt.

Man hat von den „1000 Leben“ der Josephine Baker gesprochen. In bitterster Armut und Ausbeutung begann dieses Leben, in Paris wurde sie zum gefeierten Weltstar, engagierte sich dann im Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus, und nach dem Krieg gab sie mit ihren in aller Welt adoptieren 12 Kindern ein Beispiel internationaler Solidarität. Aber am Ende ihres Lebens verarmte sie wieder und wäre fast in Obdachlosigkeit geendet. Aber sie erhielt Hilfe und mit ihrer letzten Revue feierte sie ein triumphales come-back auf der Bühne.

Ich möchte im Folgenden die Etappen ihres Lebens nachzeichnen und dabei jeweils auch darauf eingehen, welche Rolle sie jeweils bei der offiziellen Würdigung gespielt haben. Abschließend soll kurz auf die politischen Implikationen dieser Pantheonisierung eingegangen werden. In Frankreich steht ja eine Präsidentenwahl bevor, und da hat die Auswahl einer Person, die ins Pantheon aufgenommen werden soll – eine der exklusiven präsidialen Befugnisse- eine besondere Bedeutung. Die hat Macron auch deutlich unterstrichen, als er seine Würdigungsrede mit den folgenden Worten abschloss: „Mein Frankreich, das ist Josephine. Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.“

rue Piat Paris 20. Arrondissement. Foto von Kathrin Rousseau

Die Jugend in den Südstaaten der USA: arm, ausgebeutet, diskriminiert;  Paris: die Erfahrung von Freiheit

Geboren wurde Josephine am 3.6. 1906 als uneheliche Tochter einer schwarzen Wäscherin und eines Spaniers in Saint-Louis.  „Sie wuchs in einer Hütte auf, durch dessen Wellblechdach der Regen tropfte“. Mit acht Jahren musste sie als Dienstmädchen in einer Familie reicher Weißer arbeiten. „Als sie versehentlich einen Teller zerbracht, wurde ihr zur Strafe kochendes Wasser über die Hände gegossen. Sie wurde geschlagen und misshandelt und mit 13 Jahren verheiratet.“[8]  Eine zweite Heirat folgte im Jahr darauf, mit Willie Baker, dessen Namen sie ihr Leben lang behielt. „Sie erlebte eines der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der Geschichte der USA“, die  East St. Louis riots vom Mai/Juni 1917.[9]  Bei einer Theatertruppe half sie als Ankleidemädchen aus und sprang dort mit 16 Jahren ein, als eine Tänzerin krank wurde. Sie verließ ihren Mann, trat in New Orleans und Philadelphia auf und machte schließlich Karriere auf dem Broadway. Von einer Produzentin von Revuen in Europa ließ sie sich 1925 überzeugen, alle Brücken hinter sich abzubrechen und in Paris ihr Glück zu suchen.

Josephine Baker hat mehrfach ihre ersten Erfahrungen in Paris beschrieben: Wie glücklich sie gewesen  sei, in der Straße ein  Taxi zu rufen, ohne fürchten zu müssen, es würde sie  -wegen  ihrer Hautfarbe- nicht nehmen; wie glücklich sie auch gewesen  sei, in jedes beliebige Restaurant gehen zu können, um etwas  zu essen oder zu trinken; dass sie nicht mehr auf eine für Schwarze reservierte Toilette habe gehen müssen und nicht mehr habe fürchten müssen, angeherrscht zu werden, sie habe sich als Schwarze hinten in der Reihe anzustellen:  “Toi, la Négresse, tu vas au bout de la queue.” Und wie völlig verblüfft sie gewesen sei, als ihr am Bahnhof Saint-Lazare ein weißer Mann die Hand hingestreckt habe, um ihr beim Aussteigen zu helfen und sie angelächelt habe.  [10]

Josephine Baker verließ ihre Heimat, die doch seit der Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hat, in der sie aber die Erfahrung alltäglicher Diskriminierung machen musste. Und sie kommt nach Frankreich und erlebt Gleichberechtigung und Anerkennung.  Was für eine Genugtuung für das „Land der Menschenrechte“!  Indem Frankreich Josephine Baker ehrt, feiert und ehrt Frankreich auch sich selbst und die idealen Ansprüche der Französischen Revolution.   

Der Aufstieg zur Ikone der wilden 1920-er Jahre

Josephine Bakers  Pariser Karriere begann am 2. Oktober 1925 auf der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, als die 19-Jährige mit ihrem danse sauvage für Furore sorgte.  „Ihre Auftritte in der „Revue nègre“ oben ohne mit Bananenröckchen oder auch gänzlich nackt befriedigten während der Kolonialzeit Stereotype. Baker sei die Fantasie einer Afrikanerin gewesen, nicht die einer schwarzen Amerikanerin, erklärt die Sprecherin des Théâtre des Champs-Elysées, Ophélie Lachaux. Daher sei von ihr gewünscht worden, etwas „Wildes“, „Afrikanisches“ zu tanzen, etwas, das an Stammestänze erinnern sollte.“[11] Kolonialistischen und rassistischen Sterotypen entsprach auch die Werbung für die Revue:

La Revue Negre. Orsi (1889-1947). Lithograph in colours. Dated 1925. 160 x 122cm. Foto: Corbis/Christies Image[12]

Und der Tanz ließ an Wildheit nichts zu wünschen übrig. Aus einer zeitgenössischen begeisterten Kritik:

„Verquetscht und Fratzen schneidend schielt sie, bläst die Backen auf, verrenkt sich, macht Spagat und läuft schließlich auf allen Vieren davon, mit steifen Beinen, den Hintern höher als den Kopf wie eine junge Giraffe. … Und jetzt das Finale. Josephine ist völlig nackt, mit einem kleinen Kranz von blau und roten Federn und einem ebensolchen um den Hals. …. Ein barbarischer Tanz, getanzt von den Girls und von Josephine Baker. Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit….“[13]

Foto: Lorenzo Ciniglio/Corbis/Getty Images[14] 

Hier sieht man Josephine Baker mit ihrem Tanzpartner Joe Alex bei ihrem Pas de deux, den die beiden (im Wesentlichen nur mit Perlen und Federn bekleidet) als Höhepunkt der Revue nègre auf der Bühne hinlegten. 

Kein Wunder also, dass „die Männer ihrer Zeit überwältigt“ sind.[15] Es war dies ja auch die Zeit der Kolonialausstellungen, wo „Eingeborene“ in menschlichen Zoos ausgestellt wurden und sich wie Wilde zu gebärden hatten. Eine Gruppe von Ureinwohnern Neukaledoniens (kanaks) wurde 1931 am Rande der Pariser Kolonialausstellung -und einige von ihnen dann auch im Frankfurter und Hamburger Zoo und auf dem  Münchner Oktoberfest-  als „die letzten Kannibalen der Südsee“  präsentiert und mussten die entsprechenden Rollen spielen.[16]  Aber es war auch die Zeit, wo avantgardistische Künstler -wie der Baker-Bewunderer Picasso-  bei den sogenannten Primitiven Quellen ursprünglicher Ausdruckskraft suchten und fanden.

Im Herbst 1926 lernte Josephine Baker Pepito Abatino kennen, einen sizilianischen Steinmetz, der sich als Graf Di Albertini ausgab. Abatino wurde ihr Geliebter und Manager. Offiziell geheiratet hat sie ihn zwar nicht, bezeichnete ihn aber als ihren Ehemann.[17]

Als Manager war Abatino auch für das Marketing zuständig. Ihm verdankt Josephine Baker ihren internationalen Erfolg.[18]  Systematisch wurde nun das Bild der wilden exotischen Schönheit entwickelt und verbreitet. Dazu gehörte auch der legendäre Auftritt mit dem Bananengürtel in der Revue „Un Vent de Folie“ in den Folies Bergère;

Dazu passte auch Josephine Bakers Haustier, der Gepard „Chiquita“, den das Casino de Paris für sie bei Hagenbeck in Hamburg gekauft hatte.[19]  

© Éditions Assouline[20]  

Der begleitete sie manchmal in Paris bei Fahrten in ihrem Cabrio (mit Schlangenleder-Sitzen) und gehörte auch zu ihren Bühnen-Auftritten. Dann allerdings auch gerne mit einem Edelstein-besetzten Halsband….

Auch das exotische Straußengespann, mit dem sie 1926  anlässlich ihres Gastspiels durch Berlin kutschierte, passte zu diesem von ihr gepflegten  Image.

Foto: General Photographic Agency/ Getty Images[21]

Bereitwillig bediente Josephine Baker rassistische Phantasien ihres Publikums und präsentierte sich als ungezügelte exotische Schönheit. Zwar amüsierte sie sich insgeheim darüber:  „Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“, wird sie von ihrer Biografin Phyllis Rose zitiert; kein Wunder allerdings, wenn sie auf der Bühne auch die letzten Hüllen fallen ließ. Und kein Wunder auch, wenn das Gegenreaktionen provozierte:  In Wien wurden 1928 anlässlich ihres Gastspiels Sondergottesdienste „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ abgehalten. Die Wiener Nationalsozialisten forderten ein Auftrittsverbot für Baker. Das erteilte dann 1929 die Stadt München wegen einer zu erwartenden „Verletzung des öffentlichen Anstands“: Ein schöner Beitrag zur Publicity…. [22]

Zeichnung von Thomas Theodor HEINE (1867-1948) für den Simplicissimus vom 4. März 1929. Credit Coll. Dixmier/KHARBINE-TAPABOR.

Zur Prominenz Josephine Bakers trugen auch ihre Lieder bei: 1930 sang sie ihr wohl berühmtestes chanson: «“J’ai deux amours, mon pays et Paris“, das sie 23 Jahre später veränderte in:  “J’ai deux amours, mon pays c’est Paris“- mein Land ist Paris.

Und ein Leinwandstar wurde sie auch: Hier ein Bild aus dem Film  Zouzou von Marc Allégret (1934)  an der Seite von Jean Gabin.

  © Photo12[23]

Die Liste ihrer Bewunderer, Liebhaber und Liebhaberinnen[25] dieser Zeit ist denn auch lang.

Charlie Chaplin begrüßt und beglückwünscht Josephine Baker nach einem Auftritt. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben. Foto: AP [26]

© Apic/Getty Images[27]

Hier sieht man sie um das Jahr 1828 in ihrem Restaurant und Nachtklub Chez Joséphine, das sie mit  Pepito Abatino gegründet hatte. Der sitzt auf ihrer Linken, rechts von ihr Georges Simenon, nach dem Urteil der ZEIT der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Simenon war ein Jahr lang sogar mit ihr liiert, trennte sich dann aber: Im Jahr ihres Zusammenseins hatte er nur vier Bücher zustande gebracht, was für den Autor der Maigret-Romane und Vielschreiber zu wenig war. Das Bild suggeriert allerdings eine etwas trügerische Harmonie. Eifersuchtsdramen waren  im Hause Baker/Abatino an der Tagesordnung;  wie anders auch bei einem echten Sizilianer und seiner vielgeliebten Partnerin. [28]   

Zu ihren Bewunderern gehörten auch Cocteau, Colette,  Desnos,  Le Corbusier,  Man Ray, Modigliani, Picabia und Hemingway. Der nannte sie “the most sensational woman anyone ever saw“; Picasso rühmte ihre „paradiesischen Beine“.[29]  Die sieht man auch auf einer der Zeichnungen, die Le Corbusier 1929 von ihr anfertigte. Da hatte er in São Paulo eine Aufführung der Tänzerin besucht und war so begeistert, dass er ihr an Bord eines Schiffes nach Montevideo folgte. Man lernte sich kennen. Und da Le Corbusier auch ein guter Zeichner war, saß bzw. stand ihm Josephine Baker bald schon Modell in seiner Kabine. Nackt. [30]

Auch der Maler Foujita zeichnete sie[31] und Kees van Dongen malte sie 1925 gleich zweimal: Hier als Tänzerin in der Revue nègre[32]

Henri Laurens gehörte zum Kreis der Kubisten um Picasso und Braque und stellte die tanzende Josephine Baker auf seine Weise dar.[33]

Auch Alexander Calder, der in den 1920-er Jahren zur künstlerischen Avantgarde von Paris gehörte, war von der tanzenden Josephine Baker, dem Star der Folies Bergère, fasziniert. Calder  erregte damals Aufsehen, weil er meist mit einer Rolle Draht um die Schulter und zwei Zangen in der Tasche herumlief. „I think best in wire“, sagte er einmal. Die heute im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) ausgestellte lebensgroße Drahtfigur der Josephine Baker war eines seiner ersten Werke aus diesem Material. [34]

Und Draht war da ein besonders geeignetes Material. Denn, wie Calder erklärte,  it „moves of its own volition . . . jokes and teases,“ is „deliberately tantalizing,“ and „goes off into wild scrolls and tight tendrils“- was alles wunderbar zur tanzenden Josephine Baker passte.  Kleine Bemerkung am Rande: Die Drahtfiguren Calders entstanden damals in dem von ihm mitbewohnten Pariser Atelier Arno Brekers, des späteren Starbildhauers von Adolf Hitler….

Josephine Baker machte auch Mode: Ihre kurz geschnittenen Haare à la garçonne waren nicht nur ihr Markenzeichen, sondern wurden in den 1920-er Jahren Kult, den sie auch mit ihrer Haarpomade Bakerfix vermarktete.[35]

Sogar der Gepard als Begleiter wirkte als modisches Accessoire nach, wie dieses 1956 entstandene Gemälde Robert Humblots aus dem Musée Carnavalet in Paris zeigt.

Dargestellt ist die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit.[36]

Insgesamt also höchst turbulente Jahre, in denen das Mädchen aus dem Slum von St. Louis zum gefeierten Weltstar wurde. Präsident Macron hat bei seiner Würdigung Josephine Bakers diese Phase ihres Lebens ausführlich gewürdigt. Sie sei eine Amerikanerin, die nach Paris geflohen sei (l’Américaine réfugiée à Paris): Flucht?  Auch wenn Baker später selbst dieses Wort verwendet hat und von Frankreich als einem „märchenhaften Land“ spricht[37]:  Da übertreibt sie und Macron mit ihr; da feierte sie Frankreich und Frankreich feiert sich mit ihr selbst. Und wenn Macron Baker als „le symbole d’une époque“ bezeichnet, dann meint er damit die „Années folles. Années de danse et de musique“, eine sehr verklärende und Paris-zentrierte Sicht auf die Epoche der Zwischenkriegszeit, die ja keinenfalls nur von „Tanz und Musik“ geprägt war.  Und was ist mit den Nackttänzen Josephine Bakers? Mit ihren Gesten und ihren Grimassen habe sie deren Erotik relativiert. Im Geiste der Aufklärung habe sie die kolonialistischen Vorurteile lächerlich gemacht: Esprit des Lumières ridiculisant les préjugés colonialistes.[38] Das mag ja ihre Absicht gewesen und von kritischen Geistern auch verstanden worden sein.  Colette sah in ihren Tänzen eine sublimierte Erotik.[39] Die von der rassistischen und sexistischen Werbung angezogenen und ihr zujubelnden Zuschauermassen- und erst recht ihre sittenstrengen Gegner-   haben die Auftritte Josephine Bakers aber offensichtlich anders wahrgenommen.

Bemerkenswert ist auch, wie offen und deutlich Macron in seiner Würdigung die Bisexualität Bakers anspricht:  Aux côtés d’un homme une nuit, aux bras d’une femme une autre, elle qui a deux amours. An der Seite eines Mannes habe sie in der einen Nacht gelegen, in den Armen einer Frau in einer anderen. Als Regis Debray 2013 Josephine Baker für das Pantheon vorschlug, gehörten diese „deux amours“ wohl eher noch zu den Hinderungsgründen für eine Pantheonisierung.  2021 dienen diverse sexuelle Orientierungen dagegen als wichtiges Aufnahmekriterium. Das zeigt auch die Initiative zur Pantheonisierung des homoxexuellen Dichter-Paares Rimbaud/Verlaine.[40] Auch damit kann sich Frankreich seiner Liberalität rühmen.

Im Krieg und im Widerstand

Es gab gute Gründe dafür, dass  Josephine Baker sich während des Krieges dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland anschloss:

  • Seit ihrer Heirat 1937 mit dem jüdischen Geschäftsmann Jean Lion besaß sie die französische Staatsbürgerschaft.[41] Jetzt war die Gelegenheit, dem Land, das sie aufgenommen hatte und das sie so liebte, etwas zurückzugeben.
  • Als Farbige, die auch noch mit einem Juden verheiratet war, gehörte sie zu den Menschen, die vom Rassismus der Nazis besonders viel zu befürchten hatten.
  • Als Tänzerin, Sängerin mit internationalem Renommee konnte sie sich für ihr neues Heimatland durchaus nützlich machen.

So sind Josephine Bakers Jahre zwischen 1939 und 1945 vom politischen Engagement bestimmt. Jacques Abtey, der Chef der Gegenspionage des französischen Generalstabs, warb sie für Zwecke der Informationsbeschaffung  und -übermittlung an. Zwischen September 1939 und Frühjahr 1940, während des drôle de guerre,  trat sie -zusammen mit Maurice Chevalier- vor Truppen an der Maginot-Linie und im Casino de Paris auf. Ihre besondere Stellung sollte es ihr ermöglichen, Kontakte mit Vertretern der italienischen Botschaft zu knüpfen, um Informationen über die Absichten Mussolinis zu erhalten.

Der leidenschaftliche Aufruf General de Gaulle vom Juni 1940 aus London bewegte sie dazu, sich -zusammen mit ihrem Führungsoffizier Abtey- für das Freie Frankreich zu engagieren: Konzerttourneen und Reisen nach Spanien, Portugal und Nordafrika dienten der Beschaffung und Weiterleitung von Informationen und als Deckmantel, Mitgliedern des Widerstands den Weg nach London zu eröffnen.  Genesen von schwerer Krankheit unternahm sie weitere Tourneen bis in den Nahen Osten und trat  – nun im Rang eines Unterleutnants der Luftwaffe des Freien Frankreichs–  vor alliierten und französischen Soldaten auf als „Symbol einer künstlerischen Szene Frankreichs, die sich niemals mit den deutschen Besatzern kompromittiert hat“.[42]

Portrait von Joséphine Baker in ihrer Uniform. Aufgenommen am 1.1.1948  (STUDIO HARCOURT / MINISTERE DE LA CULTURE / AFP)[43]

Bei einem ihrer Auftritte in Algier war auch de Gaulle anwesend, der die Gelegenheit nutzte, ihr ein kleines goldenes Lothringer Kreuz zu überreichen – für Josephine Baker einer der größten Momente ihres Lebens. Sie ließ es bei einem Auftritt in Beyrouth versteigern. Der beträchtliche Erlös war  -zusammen mit den Erlösen zahlreicher Benefiz-Veranstaltungen- für de  Gaulle/das Freie Frankreich bestimmt.[44]

Nach der deutschen Kapitulation sang sie auch in Deutschland vor französischen Kriegsgefangenen, die auf ihre Heimkehr warteten, und in Buchenwald für befreite, aber noch nicht transportfähige Häftlinge des Konzentrationslagers. Im September 1945 wurde sie demobilisiert. Für ihre Verdienste erhielt sie 1946 die Medaille der Résistance. Bei der Verleihung war auch die Tochter de Gaulles anwesend, die Josephine Baker einen handgeschriebenen Brief ihres Vaters überreichte. De Gaulle beglückwünschte darin Baker zur Ordensverleihung, dankte ihr für ihre „großen Verdienste“ und übermittelte seine „respectueux hommages.“ Mit Enthusiasmus habe sie in schwierigen Umständen ihr großes Talent in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt.[45]

1961 erhielt sie dann auch das Croix de guerre avec palme, einen Orden mit einem Palmenzweig aus vergoldetem Silber, der für ganz besondere Verdienste verliehen wird, und die Légion d’honneur.[46]

In seiner Würdigungsrede im Pantheon hob Präsident Macron natürlich Bakers „Kampf für das freie Frankreich“ hervor und zählte die ihr verliehenen Auszeichnungen auf, die ja auch auf dem im Pantheon aufgebahrten symbolischen Sarg drapiert waren.  Und er schloss diesen  Abschnitt seiner Würdigung mit den  Worten:

„C’est cela Joséphine. Un combat pour la France libre. Sans calcul. Sans quête de gloire. Dévouée à nos idéaux.“ [47]

Bei einem solch hymnischen Lob erstaunt allerdings, warum das Kriegskreuz und die Légion d’Honneur ihr erst 1961 verliehen wurden. Immerhin hatte schon im Juli 1946 der damalige  Armeeminister Edmond Michelet die Absicht gehabt, Josephine Baker zum Ritter der Ehrenlegion à titre militaire, also für ihre militärischen Verdienste, zu machen.[48] Allerdings hatte die Armeeführung offensichtlich erhebliche Vorbehalte gegen eine solche Auszeichnung („beaucoup de réticence“) und verweigerte sie 1947 und 1949. Josephine Baker wiederum weigerte sich, die ihr zwischen 1947 und 1957 vorgeschlagene Auszeichnung à titre civil anzunehmen. Erst aufgrund des Insistierens zahlreicher Persönlichkeiten des Freien Frankreichs wurde ihr schließlich  -mit einer ausführlichen Würdigung- im Dezember 1957 die Légion d’Honneur zuerkannt. Überreicht wurde ihr allerdings  merkwürdiger Weise die Auszeichnung erst im August 1961 (!) im Park ihres Schlosses des Miliandes.[49]  

Die große Wertschätzung Josephine Bakers, die Macron bei der Pantheonisierung zum Ausdruck brachte,  wurde ihr also  lange Zeit -warum auch immer- versagt. Vielleicht hat da  ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt, wie ihre Vorgesetzte es vermutete, vielleicht waren es auch von ihr gesammelte Nachrichten, wie Emmanuel Bonini vermutet.[50] Es gab ja durchaus politisch einflussreiche Personen, die sich nicht so früh und so eindeutig auf die Seite des Freien Frankreichs gestellt hatten wie sie…

Der Kampf gegen Rassendiskriminierung

Es war der Kampf gegen die Rassendiskriminierung, der nach dem Krieg das politische Engagement Josephine Bakers bestimmte. Die hatte sie ja als Kind und Jugendliche in den USA am eigenen Leibe erfahren – und dann wieder 1935 bei ihrer USA-Tournee. Da war sie ein internationaler Star, aber die Diskriminierung von Farbigen machte auch vor ihr nicht Halt: In ihrem feinen New Yorker Hotel wurde ihr vom Direktor signalisiert, doch bitte den Bediensteteneingang zu benutzen und sich nicht in der Hotelhalle aufzuhalten.[51]

Nach dem Krieg machte sie erneut ähnliche Erfahrungen: Diesmal bei ihrem ersten Besuch in Cuba, wo sie mehrere Auftritte hatte. Da konnte sie nicht in dem vorgesehenen Hotel übernachten, weil dort -angeblich- kein einziges Zimmer frei war: natürlich eine Ausrede.[52]  Und dann wieder in den Vereinigten Staaten: Da kehrte sie nach einem Auftritt in New York mit ihren Begleitern im exklusiven Storck Club ein. Doch aufgrund ihrer Hautfarbe wurde ihr nichts zu essen serviert.  Grace Kelly war damals Augenzeugin der demütigenden Szene. Die beiden schlossen Freundschaft, die andauerte, als Grace Kelly Fürstin von Monacco wurde.[53]

Ihr Engagement in der Liga gegen Antisemitismus und Rassismus (LICRA) lag unter solchen Umständen nahe. 1953 trat sie bei einer Versammlung der LICRA in der Pariser Mutualité auf: Sie bekämpfe, so sagte sie damals, die rassische, religiöse oder soziale Diskriminierung. Sie könne nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Unglück derjenigen, die sich nicht selbst verteidigen könnten.[54]

Und ihre Stimme hat sie deutlich erhoben. Am eindrucksvollsten wohl am 28. August 1963, bei der großen Kundgebung am Ende des Marschs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington.[55]

Bevor Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt, sprach Josephine Baker zu den mehr als 200 000 Teilnehmern der Kundgebung- in ihrer Uniform und mit ihren Orden: ganz links das Abzeichen der Ehrenlegion, daneben das Kriegskreuz, die ihr zwei Jahre zuvor verliehen worden waren;  und in der Mitte die Médaille de la Résistance.  Für sie war es einer der bewegendsten Tage ihres Lebens und dem wurde auch bei der Pantheonisierung Josephine Bakers Rechnung getragen, als ihr Portrait neben dem Martin Luther Kings auf die Wand des Pantheons projiziert wurde.[56]

Präsident Macron rühmte in seiner Ansprache, dass es Josephine Baker in ihrer Rede nicht um die Verteidigung einer bestimmten Hautfarbe gegangen sei, sondern um das Recht und die Freiheit eines jeden: „Infiniment juste. Infiniment fraternelle. Infiniment de France.“[57] Auch hier wieder: Mit der Pantheonisierung Josephine Bakers feiert Frankreich auch sich selbst bzw. sein ideales Selbstbild.

Im Namen universeller Brüderlichkeit: Die Regenbogen-Familie im Schloss von Milandes

1938 besuchte Josephine Baker den Arzt des Überseedampfers „Normandie“, mit dem sie 1935 in die USA gefahren war.  So lernte sie im Périgord das Renaissance- Schloss des Milandes kennen:  über der Dordogne gelegen, im Kern aus der Renaissance stammend,  über 30 Zimmer, umgeben von 400 Hektar Land; kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung. Baker mietete das Schloss spontan an, 1947 kaufte sie es.[58] Sie ließ die Innenausstattung erneuern und veranlasste einen Strom- und Wasseranschluss, auch für das angrenzende Dorf, das damit als erstes Dorf im Périgord über diese Annehmlichkeiten verfügte.  

Nach dem Krieg beschloss Baker, die selbst keine Kinder haben konnte, das Schloss für ihr neues  Projekt zu nutzen: eine „Regenbogen-Familie“  aufzubauen mit adoptierten Kindern unterschiedlicher Hautfarbe aus aller Welt.  Allerdings benötigte sie dafür auch einen männlichen Partner, den sie in dem Musiker und Dirigenten Jo Bouillon fand. Den kannte sie schon seit längerem als ernsthaften und vernünftigen Menschen. Und seine Homosexualität war in diesem Zusammenhang kein Hinderungsgrund. Jo Bouillon seinerseits, der in den Kriegsjahren mit dem Radio des Vichy-Regimes zusammengearbeitet hatte, sah ebenfalls Vorteile einer Liaison mit der „Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts“: So konnte er hoffen, sich von der Schmach eines Kollaborateurs zu befreien[59]. Am  3. Juni 1947 wurde auf Les Milandes Hochzeit gefeiert.

1954 begann Josephine Baker ihren Regenbogen-Traum der Adoption von  Kindern mit gelber,  schwarzer, weißer und roter Hautfarbe zu verwirklichen. Zunächst sollten es nur vier oder fünf Kinder sein -von den fünf Kontinenten- aber dann wurden es immer mehr.  Josephine Baker war ständig auf Tournee, und fast von jeder Reise brachte sie ein neues Kind mit. Sie taufte die neue Familie rainbow tribe/tribu arc-en-ciel, Regenbogenstamm, der der ganzen Welt präsentiert werden sollte als Beweis dafür, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft gemeinsam wie Brüder und Schwestern aufwachsen können, dass der Rassenhass also nicht naturgegeben ist, sondern eine Erfindung von Menschen.[60] Das Schloss von Milandes wurde nun in eine Touristenzentrum verwandelt. Auf den Straßen der Umgebung wurden Schilder angebracht, die dazu einluden, das „Dorf der Welt“ oder die „Hauptstadt der Brüderlichkeit“ zu besuchen. Ende der 1950-er  Jahre waren es 300 000 Menschen pro Jahr, die dieser Einladung folgten.

Sonntags, wenn Josephine Baker mal da war, zog sie den Kindern weiße Sachen an und ließ sie auf dem Schlossplatz aufmarschieren, hinter dem Zaun warteten Touristen und Presseleute auf Bilder, ständig klickten die Kameras. Eines der Kinder sagte später, sie hätten sich manchmal wie Affen gefühlt[61].

Es war Jo Bouillon, der sich während der häufigen Abwesenheiten seiner Frau um die Kinder  kümmerte und das  Anwesen mit dem großen Landbesitz und über hundert Angestellten am Laufen hielt. Seine Arbeit als Dirigent hatte er dafür aufgegeben.

Josephine Baker, Jo Bouillon und acht ihrer Adoptivkinder am 12. Dezember 1956 in Les Milandes,  (L. Berzioli/AF/Leemage via AFP) [62]

Aber er sah auch die sich auftürmenden finanziellen Probleme, die die immer mehr anwachsende Regenbogen-Familie und der große Schloss-Betrieb mit sich brachten.  Aber Josephine Baker wollte das nicht wahrhaben und schlug alle Warnungen in den Wind.  „Nach Jahren der Eskapaden und des Streits verlässt Jo Bouillon das Schloss, 1963 geht er nach Buenos Aires. Ohne ihn und sein wirtschaftliches Geschick ist das Anwesen dem Bankrott geweiht. Die Kinder verlieren ihre Vaterfigur, den einzigen Menschen, der ihnen im Chaos Halt gab. 1964, Nummer zwölf, das letzte Kind: ein kleines Mädchen aus Marokko. Baker reist mit den Kindern um die Welt, sie treffen den Papst und machen Urlaub bei Fidel Castro. Das Schloss gerät außer Kontrolle. All die Angestellten, Privatlehrer, all die Affen und anderen Tiere, die sie angeschleppt hat, verzehren Josephine Bakers Vermögen.“[63] Sie aber lebte beharrlich und starrsinnig ihren Traum weiter,  adoptierte noch ein zwölftes Kind, das letzte des „tribu arc-en-ciel“. Und den regierte sie wie „eine eine alternde Regentin, die keine Widerworte duldet und die Kinder wie Untertanen behandelt. Sie legt Reports an über sie, detailliert beschreibt sie jeden Charakter und fasst Pläne für ihre Zukunft.“[64] Der eine soll Diplomat werden, der andere  Hotelier, ein dritter Mediziner. Aber keiner soll Künstler werden. Musikunterricht ist auf Les Miilandes verboten. Schon in ihren Memoiren  von 1928 hatte sie geschrieben, sollte eines ihrer (leiblichen) Kinder, von denen sie damals noch träumte, zum Kabarett gehen wollen, würde sie es „mit (ihren) eigenen Händen erdrosseln.“[65] 

Als alleinerziehende Mutter mit 12 in die Pubertät kommenden, ihre eigenen Wege suchenden Jugendlichen war Josephine Baker überfordert. „Wir durften uns nicht entwickeln, wie wir wollten“, urteilte 2009 einer ihrer Söhne, den sie aus dem Regenbogen-Stamm verstieß, weil er schwul war. „Sie hatte Angst, dass er seine Brüder anstecken könnte. Josephine Baker, bisexueller Revuestar, Darling der Schwulen und Transen, Kämpferin für eine tolerante Welt, verbannte ihren Sohn, weil er Männer liebte.“[66]

Seit 1964 drohte das Unternehmen  von Les Milandes unter seiner Schuldenlast zusammenzubrechen. Hilfe wurde ihr von verschiedenen Seiten angeboten: Brigitte Bardot rief dazu im Fernsehen auf. König Hassan II. von Marokko bot ihr ein Anwesen in seinem Land an, General de Gaulle seine Unterstützung für eines im Allier; es gab sogar zwei Angebote, das Schloss zu kaufen, ihre Schulden zu übernehmen und ihr ein unbegrenztes Wohnrecht einzuräumen. Aber das lehnte Josephine Baker ab. Offenbar ertrug sie nicht die Vorstellung, nicht mehr die alleinige Herrscherin von Les Milandes zu sein.[68]  So wurde das Anwesen zwangsversteigert und zu einem Siebtel seines Wertes verkauft, um die Gläubiger zu bedienen.  Die Schlossherrin und ihre Adoptivkinder wurden aufgefordert, das Anwesen zu verlassen. Baker weigerte sich, verbarrikadierte sich in ihrer Küche und wurde schließlich mit Gewalt herausgezerrt. Auf diesem Foto, das um die Welt ging, sieht man sie auf den Stufen des Schlosses, das nun nicht mehr ihr eigenes ist.

Foto: AFP[67] 

Grace Kelly, inzwischen Prinzessin von Monacco, kam ihr zu Hilfe und ermöglichte es ihr, sich mit ihrem Tribu in einem Haus in der Nähe von Monacco niederzulassen. Josephine Baker ging nun auch wieder auf Tournee und trat mit der Revue „Josephine Baker, 50 ans de music-hall“ mit großem Erfolg in der Carnegie Hall in New York auf, im Sporting-Club von Monacco und in Paris Dort sang sie das Lied, das mit den Worten „Me revoilà Paris“ beginnt und mit den Worten „Je finirai ma vie sur les planches“ endete– ich werde mein Leben auf der Bühne beenden. Und fast kam es auch so: Am 8. April 1975 war die Galavorstellung im Pariser Bobino vor vielen illustren Gästen, am 12. April starb sie im Krankenhaus Pitié-Salpetrière. Als zweite Frau nach Colette erhielt sie ein nationales Begräbnis mit der Tricolore auf dem Sarg, Kanonenschüssen und einer Trauerfeier in der Kirche La Madeleine. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof von Monte Carlo und dort verbleiben auch ihre sterblichen Überreste. Da ist man inzwischen etwas großzügiger: An der von der Familie abgelehnten Exhumierung war 2010 noch die Pantheonisierung von Albert Camus gescheitert. Bei Josephine Baker enthielt der im Pantheon aufgebarte Sarg Erde aus vier Orten, die in ihrem eine besondere Rolle gespielt haben:

  • von St Louis, wo sie 1906 geboren wurde
  • von Paris, wo sie zum gefeierten Star wurde
  • von dem Château des Milandes, wo sie mit ihrer „Regenbogen“-Familie lebte
  • und schließlich von Monaco, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte und begraben ist

Die politische Botschaft der Pantheonisation Josephine Bakers

Präsident Macron hat in seiner Rede im Pantheon Josephine Baker überschwänglich gefeiert, ja gewissermaßen in den Himmel gehoben: Er bezeichnete die Regenbogen-Familie als  „Epiphanie des Universalismus“ und für das Élysée war die Pantheonisierung ein großer Moment der „communion nationale“.[69] Da sind die religiösen Anklänge unüberhörbar.

Josephine Baker war vielleicht eine Heldin – in Deutschland geht man aus guten Gründen mit diesem Ausdruck zurückhaltender um als in Frankreich-  aber eine Heilige war sie gewiss nicht. Sie verkörpert aber, wie Macron betonte, Frankreich als eine große, kämpferische, furchtlose und brüderliche Nation. Macron wolle, so schrieb Le Monde am 27. Augustin einem Leitartikel, angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen an ein von Spaltungen zerrissenes und von der Gesundheitskrise zermürbtes Land eine Botschaft der Einheit, des Stolzes und der Entschlossenheit richten. Und genau diesen Tag wählte der rechtsradikale Publizist Eric Zemmour , um seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen zu erklären.[70]  Der vertritt die xenophobe Theorie eines „grand remplacement“, eines von den herrschenden Eliten herbeigeführten oder zumindest geduldeten Verlusts der kulturellen Identität Frankreichs. Das ist genau das Gegenteil des von Macron beschworenen offenen, brüderlichen Frankreichs der Bürgerinnen und Bürger, der citoyens, jenseits von Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Wenn aber die die republikanischen Ideale Frankreichs bekräftigende Pantheonisierung Josephine Bakers nicht nur eine Selbstbeweihräucherung sein soll, dann bedarf es, wie Le Monde fordert, auch entsprechender Konsequenzen. Die republikanischen Versprechen würden zu oft durch soziale und geographische Ungleichheiten und Diskriminierung verraten.  „Über die Rhetorik hinaus bleibt es an Frankreich, die Lehren aus den Verpflichtungen der großen Tänzerin zu ziehen und ihre Botschaft zu würdigen, indem es sich entschlossen der Vielfalt öffnet, um jedem eine Chance zu geben, unabhängig von seiner Hautfarbe.“[71] 

Dass da in Frankreich noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, ist offenkundig. Und ein Sehnsuchtsort für Flüchtlinge, wie zu Zeiten Josephine Bakers, ist Frankreich schon lange nicht mehr….

Der Sarkophags Josephine Bakers in der Krypta des Pantheons

Der Sarkophag Josephine Bakers befindet sich in dem Gewölbe XIII zusammen mit dem von Maurice Genevoix. [72]

Zum Weiterlesen:

Gérard Bonal, Joséphine Baker. Paris:  Tallandier 2021

Mona Horncastle, Josephine Baker – Weltstar. Freiheitskämpferin. Ikone.“ Molden

Der Film: „Josephine Baker – Ikone der Befreiung“, bis 15.6.22 in der Arte-Mediathek


Anmerkungen

[1] „Osez Joséphine“: une pétition pour panthéoniser Joséphine Baker. https://www.francemusique.fr/emissions/au-fil-de-l-actu/osez-josephine-une-petition-pour-pantheoniser-josephine-baker-94666

Siehe auch: Laurent Seitmann, appel pour l’entrée de Josephine Baker au Panthéon.  31.7.2020 https://www.licra.org/licra-bergerac-appel-pour-lentree-de-josephine-baker-au-pantheon

[2] © Reuters/Sarah Meysonnier https://www.letemps.ch/monde/cause-etait-luniversalisme-josephine-baker-pantheon#&gid=1&pid=1

[3] Der Wortlaut der Rede bei: https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[4] https://www.lemonde.fr/idees/article/2013/12/16/josephine-baker-au-pantheon_4335358_3232.html

[5] Man spricht zwar in Frankreich von dem „Panthéon de la chanson française“, zu dem sie alle gehören, aber das entspricht eben nicht der offiziellen Aufnahme in den republikanischen Ruhmestempel. Zumindest für Edith Piaf gab/gibt es auch Vorschläge für eine Pantheonisierung. Siehe:  https://blogs.mediapart.fr/vingtras/blog/240913/edith-piaf-au-pantheon   Ayant fait partie des anonymes inombrables qui ont accompagné sa dépouille au Père Lachaise, je me plaisais à rêver hier soir après avoir vu l’émission que l’Etat serait bien inspiré s’il prenait la décision de faire transférer les cendres de la „Môme“ au Panthéon …  Georges Brassens würde sich allerdings wohl im Grabe umdrehen, wenn der französische Präsident seine sterblichen Überreste aus Sète ins Pantheon überführen wollte.

[6] Foto: https://twitter.com/Eric_Anceau/status/1429731419765592071/photo/2

Bakers Unterstützung de Gaulles veranlasste den Humoristen Jean Yanne zu dem folgenden Bonmot/Wortspiel: „Elle a commencé avec des bananes, elle continue avec le régime“.

[7] Diesen Ausdruck von Regis Debray hat auch France Culture in ihrer Sendung vom 24. August 2021 in den Titel einer Sendung über die Aufnahme von Baker ins Pantheon übernommen.

[8] Michaela Wiegel, Ich bin wieder da, Paris. Josephine Baker hat ihren Platz im Panthéon. FAZ vom 2.12.21

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/East_St._Louis_riots  Siehe auch: https://www.les-crises.fr/1917-quand-l-echo-des-manifestations-anti-racisme-de-east-st-louis-resonne-encore-aujourd-hui/   

[10] Zitate aus: https://www.lepoint.fr/societe/la-pantheonisation-de-josephine-baker-envoie-valser-le-wokisme-28-11-2021-2454158_23.php  und https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php

[11] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[12] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 6/22

Später  lief die Révue nègre auch im Pariser „Théâtre de l’Étoile“ und gastierte  im Ausland, so ab Silvester 1925/26 für mehrere Wochen im Nelson-Theater auf dem Kurfürstendamm in Berlin.

[13] Pierre de Regnier, Aux Champs Elysées. Die Neger-Revue. Zitiert in: Josephine Baker, Memoiren. München 1928, S. 16/24  Zuerst erschienen in Candide  vom 12. November 1925

[14] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html

[15] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[16] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/06/01/die-kolonialausstellung-von-1931-teil-2-der-menschliche-zoo-im-jardin-dacclimatisation-und-der-tausch-von-teutonischen-krokodilen-und-men-sche/

[17] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/18/

[18] Bild aus: https://www.metalocus.es/en/news/a-house-black-venus  Zu Abatino und seine Bedeutung für die Josephine Baker siehe: Bonal, Josephine Baker, S. 74 ff

[19]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.129

[20] Bild aus: https://espritjoaillerie.wordpress.com/2015/08/04/cartier-panthere/

[21] Foto in: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html  9/22 und Josephine Baker: Mehr als ein Showgirl – [GEO]

[22] https://www.dhm.de/lemo/biografie/josephine-baker

Nachfolgendes Bild: Karikatur von Thomas Theodor Heine aus dem Satire-Blatt Simplizissimus.  Aus: https://www.la-croix.com/Culture/Josephine-Baker-mille-vies-Phenix-2021-11-26-1201187202

[23] Bild aus:  https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

[24] https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

https://www.geo.de/wissen/josephine-baker–mehr-als-ein-showgirl_30969226-30969270.html

[25] Dass Josephine Baker auch zahlreiche Beziehungen mit Frauen hatte, ist wohl erwiesen. Das bestätigte auch ihr Sohn Jean-Claude: „Jean Claude Baker, the French-born son of Josephine, confirms that his mother had several affairs with women, referred to at the time as „lady lovers.“ Jean Claude explained that many of the girls in the show business would often live together, to save on costs. Most of these girls suffered abuse from producers, directors, and so on. Maude Russell, a fellow performer of Josephine’s, stated, „The girls needed tenderness, so we had girl friendships, the famous lady lovers. But lesbians weren’t well accepted in show business—they were called bull dykers. I guess we were bisexual, is what you would call us today.” https://owlcation.com/humanities/When-Frida-Kahlo-Set-Her-Eyes-on-Josephine-Baker  Im Internet wird oft kolportiert, auch Frida Kahlo, die1939 in Paris war, habe eine Beziehung mit Josephine Baker gehabt, wofür es aber offenbar keine Belege gibt. Siehe: https://queerasfact.tumblr.com/post/166037603842/josephine-baker-and-frida-kahlo-did-they-actually

[26] Bild aus: https://www.derstandard.de/story/2000131496298/josephine-baker-hoechste-ehre-fuer-ein-leben-im-widerstand

[27] Bild aus:  https://www.nytimes.com/2016/10/16/books/review/when-paris-sizzled-mary-mcauliffe.html 

    (Buchbesprechung von Mary McAuliffe, Sex, Booze und Jazz in the 1920s Paris.)

[28] https://www.deutschlandfunk.de/georges-simenon-wuerdigung-erst-nach-dem-tod-100.html

Siehe dazu Bonal, Joséphine Baker,  S. 150

[29] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/13/ und https://www.culture.gouv.fr/en/Actualites/Josephine-Baker-une-source-d-inspiration-pour-une-nouvelle-generation-d-artistes

[30] https://www.nzz.ch/folio/was-ware-wenn-le-corbusier-josephine-baker-geheiratet-hatte-ld.1619981

Bild aus: https://www.kettererkunst.de/result.php?kuenstlernr=5050&auswahl=vk&shw=1

[31] https://parisienneries.fr/dessin/foujita-peindre-annees-folles/

[32] https://www.pinterest.de/pin/466263367652975268/  van Dongens Portrait von Josephin Baker: https://www.wikiart.org/en/kees-van-dongen/josephine-baker-1925

[33] https://dianedepolignac.com/en/home-gb/the-newsletters/newsletter-art-comes-to-you-no-9-jean-miotte-painting-and-movement/henri-laurens-josephine-baker-1915-newsletter-art-comes-to-you-9/ Das heute im Centre Pompidou in Paris ausgestellte Bild ist auf das Jahr 1915 datiert, was natürlich unzutreffend ist.

[34] https://www.moma.org/collection/works/81896  Josephine Baker (III) Paris, c. 1927

[35] Bild (und weitere entsprechende Bilder) aus: https://thehairhalloffame.blogspot.com/search/label/Josephine%20Baker

[36] Siehe: https://paris-blog.org/2021/11/03/le-musee-carnavalet-das-museum-der-pariser-stadtgeschichte-ist-wieder-eroffnet-ein-erster-rundgang/

[37]  „ Par la suite, j’ai fui encore plus loin. Jusqu’à un endroit qui s’appelle la France“  Quand Joséphine Baker prononçait un discours aux côtés de Martin Luther King – Le Point

In der Zeitschrift Emma wird die entsprechende Passage der Washingtoner Rede so übersetzt: Letztendlich bin ich sehr weit weg gerannt in ein Land namens Frankreich. Das passt besser zum Kontext der Rede und ihres Lebens.  Josephine Baker: Ihr Traum | EMMA

[38] elysee-module-18840-fr.pdf

[39] Le Monde, 26.11.2021:  Paris ira voir Joséphine Baker, nue, enseigner aux danseuses nues la pudeur“, s’extasiait Colette en 1936. 

[40] Siehe z.B. https://www.change.org/p/pr%C3%A9sident-de-la-r%C3%A9publique-pour-l-entr%C3%A9e-au-panth%C3%A9on-d-arthur-rimbaud-et-paul-verlaine und https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-in-frankreich-duerfen-rimbaud-und-verlaine-ins-100.html

[41] Die Ehe hielt allerdings nur 14 Monate und wurde 1941 offiziell beendet. Bonet, Joséphine Baker , S. 184  und https://www.wikitree.com/wiki/Lion-68

[42] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[43] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/societe/debats/pantheon/entree-de-josephine-baker-au-pantheon-comment-la-star-des-annees-folles-a-combattu-le-nazisme-durant-la-seconde-guerre-mondiale_4813463.html

[44] Bonal, Joséphine Baker S. 234/235 s.a. https://www.history.com/news/josephine-baker-world-war-ii-spy

[45] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.239/240

[46] http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und http://www.france-phaleristique.com/croix_guerre_1939-1945.htm

[47] https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[48] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[49]  Im Einzelnen dazu siehe: http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und Bonal, Joséphine Baker,  S.239f  

[50] https://www.lepoint.fr/livres/josephine-baker-au-pantheon-gare-a-la-recuperation-25-08-2021-2440136_37.php

[51] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.166

[52] https://www.cubaheadlines.com/josephine_baker_a_great_a_friend_of_cuba.html

[53] Michaela Wiegel, “Ich bin wieder da, Paris“. Josephine Baker hat ihren Platz im Pantheon. FAZ 2.12.21

[54] https://www.tagblatt.ch/leben/bewegende-lebensgeschichte-josephine-baker-wird-in-paris-die-hoechste-ehre-zu-teil-ihr-ganzes-leben-war-unwillentlich-von-ihrer-hautfarbe-gepraegt-ld.2219531

[55] https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php  und https://www.emma.de/artikel/josephine-baker-ihr-traum-338995 Dort auch der deutsche Wortlaut der Rede.

[56] https://www.lesoir.be/409555/article/2021-11-30/france-les-images-de-la-pantheonisation-de-josephine-baker

[57] elysee-module-18840-fr.pdf

[58] Zum Schloss siehe den Beitrag von Hilke Maunder: https://meinfrankreich.com/les-milandes-das-schloss-von-josephine-baker/

[59] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.238

[60] « Ça ne sert à rien d’adopter des enfants de toutes les couleurs et de les garder pour soi ! Il faut les montrer, que les gens voient que c’est faisable, que des enfants de races différentes, élevés ensemble, comme des frères, n’ont pas d’animosité, que la haine raciale n’est pas naturelle. C’est une invention des hommes. » Zitiert in: Yves Denéchère, Joséphine Baker et sa « tribu arc-en-ciel », au nom de la fraternité universelle. The Conversation. 22. November 2021  https://theconversation.com/josephine-baker-et-sa-tribu-arc-en-ciel-au-nom-de-la-fraternite-universelle-171858

[61] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[62] https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[63] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[64] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[65] Joesphine Baker, Memoiren. Herausgegeben und eingeleitet von Marcel Sauvage. München 1928, S. 173

[66]https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009  

[67] Foto aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 16/22

[68]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.254 und https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[69] https://www.lejdd.fr/Societe/josephine-baker-au-pantheon-la-ceremonie-sera-tres-politique-4079463

[70] https://www.france24.com/fr/france/20211130-l-annonce-de-candidature-d-%C3%A9ric-zemmour-un-agenda-strat%C3%A9gique

[71] Le Monde, 27. August 2021. Siehe dazu z.B.: https://www.ipp.eu/actualites/note-ipp-n76-discrimination-a-lembauche-des-personnes-dorigine-supposee-maghrebine-quels-enseignements-dune-grande-etude-par-testing/: De nombreuses études montrent que les Français issus de l’immigration maghrébine se heurtent à des difficultés importantes sur le marché du travail, …  La discrimination à l’embauche selon l’origine supposée reste élevée et un élément majeur du marché du travail en France. En moyenne, à qualité comparable, les candidatures dont l’identité suggère une origine maghrébine ont 31,5 % de chances de moins d’être contactées par les recruteurs que celles portant un prénom et nom d’origine française.

[72] Zu Genevoix siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

Aktueller Hinweis (Mai 2022):

Dans le cadre du festival “Quartier du Livre”, organisé dans tout le 5e arrondissement, une fresque géante en hommage à Joséphine Baker sera réalisée le 2 et 3 juin par l’artiste Gwendoline Finaz de Villaine !

Le jour de l’anniversaire de la grande militante, son portrait de 1000 mètres carrés sera dévoilé au public sur l’esplanade du Panthéon. Un beau cadeau pour celle qui a rejoint le monument en novembre dernier !

Pour admirer le tableau urbain éphémère, retenez bien les dates : il sera exposé pendant deux jours seulement, le 2 et 3 juin ! Après 20h, l’oeuvre sera découpée en plusieurs morceaux de 100 centimètres sur 80 centimètres afin d’être redistribuée aux habitants du quartier, aux amateurs d’art ou aux curieux ! L’artiste signera tous les morceaux pour nous offrir un souvenir mémorable…

https://vivreparis.fr/une-fresque-geante-en-hommage-a-josephine-baker-va-etre-devoilee-au-pantheon/ 

Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

angk8 Kolonialausstellung

Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal: insgesamt eines  der schönsten Bauwerke im Stil des Art déco in Paris. (1a)

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen  Vergangenheit  https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris (2018)   https://paris-blog.org/2018/11/01/die-malerei-des-franzoesischen-kolonialismus-eine-ausstellung-im-musee-branly-in-paris/

Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt  https://paris- blog.org/?s=Die+Kolonialausstellung+von+1931+%28Teil+2%29+ 

Die Résidence Lucien Paye in der Cité universitaire  (ursprünglich Maison de la France d’outre-mer)https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

Der Garten der tropischen Landwirtschaft im Bois de Vincennes – ein „romantisches“  Überbleibsel der Kolonianlausstellung von 1907.  https://paris-blog.org/2020/09/20/der-garten-der-tropischen-landwirtschaft-jardin-dagronomie-tropicale-im-bois-de-vincennes-ein-romantisches-uberbleibsel-der-kolonialausstellung-von-1907/

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(1a) s. Le Monde vom 12. September 2019: Le Palais de la Porte-Dorée ‚en déshérence‘. La Cour des comptes s’alarme du défaut d’entretien du monument.

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris