Mit der Association Triangle de Weimar (Weimarer Dreieck) auf den Spuren Napoleons in Fontainebleau

Vor 30 Jahren, und zwar genau am 29. August 1991, schlossen die damaligen Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens den Vertrag „Weimarer Dreieck“, benannt nach dem Ort der Vertragsunterzeichnung. „Parallel zum staatlichen Engagement gründete sich zur Beteiligung der Zivilgesellschaft der Verein Weimarer Dreieck e.V. am 27.8.2010 im Weimarer Rathaus. Es ist eine Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft.“[1] 2015 folgte die Association „Triangle de Weimar“ in Frankreich.

Foto: Inès Duhesme

Aus Anlass des 30. Jahrestags der Vertragsunterzeichnung und des 200. Todestages Napoleons schrieb die Association „Triangle de Weimar“ einen Wettbewerb unter Studenten der drei Länder aus: Es sollte ein Essai über das napoleonische Erbe in den jeweiligen Ländern eingereicht werden.

Am 22. November 2021 fand im Pariser Goethe-Institut die Preisverleihung statt.

Foto: Inès Duhesme

Margarte Riegler-Poyet, die Präsidentin der Association Triangle de Weimar, mit den drei Preisträgern, Hubert Korzeniowski (Polen), Eymeric Job (Frankreich) und Attila Philipp Saadaoui (Deutschland)

Foto: Inès Duhesme

Im Anschluss an die Preisverleihung fand eine Podiumsdiskussion statt, an der neben den Preisträgern auch Napoleon-Spezialisten aus den drei Ländern des Weimarer Dreiecks teilnahmen: Aus Frankreich Thierry Lentz, der Direktor der Fondation Napoléon, aus Deutschland der Napoleon-Biograph Johannes  Willms und aus Polen der Historiker Prof.Dr. Jarosław Czubaty von der Universität Warschau.  Moderator war Mathieu Schwarz, Regisseur des von Arte gezeigten Dokumentarfilms „Napoleon-Metternich: Der Anfang vom Ende“ (2021). [2] Dabei wurden die unterschiedlichen Rezeptionen Napoleons deutlich: In Polen dominiert offenbar eine hohe Wertschätzung, weil Napoleon durch die Schaffung eines Großherzogtums Warschau eine -wenn auch beschränkte- Vorform nationaler Einheit geschaffen habe. Dass Napoleon eine polnische Geliebte hatte und mit ihr seine Zeugungsfähigkeit beweisen konnte, schmeichelte sicherlich auch dem Nationalgefühl. In Deutschland dagegen nimmt Napoleon im nationalen Geschichtsbewusstsein keine besondere Rolle ein und sein 200. Todestag wurde kaum wahrgenommen. Ganz anders  in Frankreich, wo dieser Tag eine große Debatte über die Rolle Napoleons auslöste. Immerhin gehört er -mit de Gaulle und Ludwig XIV.- zu den populärsten Figuren des Landes. Aber es gibt eben die „beiden Napoleons“, den Napoleon des Code civil und der Modernisierung Frankreichs, aber auch den Napoleon der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Kolonien. Und des gibt den Napoleon der ständigen Kriege: Also einerseits der grandiosen Siege, an die die „Grande Nation“ noch heute gerne erinnert – die rue d’Iéna, in der das Pariser Goethe-Institut liegt, ist ein kleines Beispiel dafür; aber diese andauernden Kriege beförderten nicht nur den nationalen Ruhms, sondern forderten auch viele Opfer und führten zur rücksichtslosen Ausbeutung der eroberten oder „protegierten“ Länder.[3]  Als Thierry Lentz, da ganz napoleonischer Lobbyist, im napoleonischen Empire eine Vorform des vereinten Europas der Sechs sah, war es gut, dass  Johannes Willms Einspruch erhob: Napoleon habe doch nur -ganz im Sinne Ludwigs XIV.- eine Dominanz Frankreichs über den europäischen Kontinent angestrebt und in den europäischen Verbündeten eher Vasallen als Partner gesehen. Mit unseren heutigen Vorstellungen eines vereinten demokratischen Europas hat das wenig gemein.

Insgesamt jedenfalls eine sehr gelungene, anregende Veranstaltung und eine würdige Feier des 30. Jahrestags des Weimarer Dreiecks.

Der Besuch der Napoleon-Ausstellung im Schloss Fontainebleau

Teil des Rahmenprogramms dieses Jubiläums war passender Weise auch ein Besuch von Schloss Fontainebleau. Immerhin hatte Bonaparte kurz vor seiner Krönung im Jahr 1804 beschlossen, Fontainebleau zu einer seiner Residenzen zu machen: architektonischer Ausdruck der von ihm beanspruchten Legitimität. Dort quartierte er auch zweimal Papst Pius VII. ein: Von 1812 bis 1814, als nach der Annexion des Kirchenstaates der Kirchenführer in Fontainebleau gefangen gehalten wurde,  und zuerst 2004, als Napoleon den Papst für die Kaiserkrönung kommen ließ und dort einquartierte.

Davor allerdings musste das Schloss, das in den Revolutionstagen eines Großteils seiner Einrichtung beraubt worden war,  in kürzester Zeit wieder hergerichtet und möbliert werden: Das geschah innerhalb von 19 Tagen, was noch heute – nicht nur auf der homepage des Schlosses- mit Stolz verbreitet wird.

Foto: Inès Duhesme

Hier das neu eingerichtete ehemalige Schlafzimmer der Könige, das Napoleon zu seinem Thronsaal machte.[4] Von nun an existierten in dem Schloss die Symbole des Kaisers und der großen früheren Schlossherren nebeneinander.

Detail des von Napoleon installierten repräsentativen Schlosshof-Gitters.

Wappen von François Ier (der Feuer-Salamander)  in der nach ihm benannten Galerie. François Ier repräsentiert das erste Goldene Zeitalter von Fontainebleau.

Das gekrönte H steht für Heinrich IV. Henri Quatre, der erste König der Bourbonen, erneuerte nach den  Religionskriegen den alten Glanz des Schlosses. Sein Sohn, der spätere Ludwig XIII., wurde hier geboren.

Und dann war es Napoleon, der ehemalige Artillerieleutnant, der  in die Fußstapfen der großen Könige treten wollte, indem er sich in Fontainebleau niederließ. Er betrachtete diese immense Residenz als einen Schlüsselort, um seine Legitimität zu begründen. 

Dies wird unter anderem in der langen Galerie der großen Gemälde anschaulich, die -angeführt von François Gerards klassischem Portrait Napoleons im Krönungsornat (siehe Titelbild des Beitrags)[5]– die Mitglieder der kaiserlichen Familie zeigen. Hier zwei Beispiele:

Marie-Guillemine Benoist, Marie—Louise, Kaiserin der Franzosen (Ausschnitt) 1812. Marie-Louise steht vor dem Thron Napoleons und demonstriert so die Stabilität des Reichs auch während kriegsbedingter Abwesenheiten ihres  Mannes.

Eindrucksvoll sind auch die lebensgroßen Portraits der Familienmitglieder, die Napoleon auf den Thronen Europas platziert hatte. Hier das Portrait seiner Lieblingsschwester Caroline, der Königin von Neapel:

François Gerard, Caroline, Königin von Neapel (Ausschnitt). Nach 1808. Der Sohn Carolines, Achille, trägt die Uniform eines Obersten der kaiserlichen Garde seines Onkels; dessen Portrait zeigt das Amulett der Tochter Laetitia.  Der Kaiser ist also überall präsent…

Die besondere Rolle, die Napoleon für Fontainebleau -und Fontainebleau für Napoleon- spielte, ist der Grund dafür, dass in einem Flügel des Schlosses ein dem ersten Kaiserreich gewidmetes Museum eingerichtet wurde.

Dort fand/findet aus Anlass des 200. Todestags Napoleons eine spezielle Ausstellung statt: Ein Palais für den Kaiser. Napoleon I. in Fontainebleau. (15. September 2021 bis 3. Januar 2022) [6] Es war eine besondere Ehre, dass der Leiter des Museums, Herr Chrstophe Beyeler, extra an einem Sonntag aus Paris anreiste, um die Gruppe des Vereins Weimarer Dreieck durch die Ausstellung zu führen.

Herr Christophe Beyeler während seiner Führung

Er beschränkte sich dabei dankenswerter Weise auf die Präsentation einiger für den europäischen Kontext besonders aussagekräftiger Stücke, die er in ihren historischen Zusammenhang einordnete. Zum Beispiel das Portrait Napoleons in seinem Arbeitskabinett in den Tuilerien, gemalt von Jacques Louis David im Auftrag eines englischen Adligen- und dies mitten im erbitterten Krieg Frankreichs und Großbritanniens!

Napoleon wird in der Uniform eines Obersten der Garde dargestellt, die wir schon von dem kleinen Achill auf dem Portrait von Napoleons Schwester Caroline kennen. Die Uniform ist mit Orden geschmückt, dabei natürlich -mit rotem Band- der von Napoleon selbst gestiftete Orden der Ehrenlegion.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Auf dem Tisch liegt der Code Napoleon, dazu sein Degen: Der Kaiser wird als weiser Staatsmann und -darauf deutet auch die kleine sternenbesetzte Kugel hin- als Kriegsheld und Herr der Welt präsentiert. Und er ist Herrscher über die Zeit: Es ist früh am Morgen, vier Uhr! Auch die Bienen auf dem samtenen Stoff weisen ihn als unermüdlichen Arbeiter aus.

David, Napoleon in seinem Arbeitszimmer (1812) Detail

Bevor das Gemälde nach Schottland geschickt wurde, stellte es David öffentlich in seinem Atelier aus. Es wurde allgemein bewundert, auch von Napoleon selbst, der denn auch umgehend eine Kopie bestellte: David hatte, ohne dazu offiziell beauftragt zu sein, ein Stück Propaganda ganz im Sinne Napoleons produziert.[7]

Napoleon stellte ja schon früh die Kunst in den Dienst politischer Zwecke. Ein außergewöhnliches Beispiel ist diese Druckplatte, die uns Herr Beyeler mit einigem Stolz präsentierte. Das Motiv ist nicht ganz leicht zu erkennen, und ohne den Hinweis des Museumsdirektor hätte man dieses Ausstellungsstück wohl kaum beachtet.

Abgebildet ist -halbrechts in der Mitte- der junge, ungestüme General Bonaparte. Er zeigt, den Säbel in der Hand, den Italienern, wie er gerade zwei links auf einer Wolke sitzende und Bonaparte sehnsüchtig die Arme entgegenstreckende Figuren befreit: Es sind die Verkörperungen der Freiheit und der Wahrheit. Die tyrannische Monarchie und der von der katholischen Kirche repräsentierte Aberglauben dagegen flüchten sich, von der Armee  der Revolution geschlagen und gebeugt,  ins Abseits… Mit dieser Kartusche wurde eine Karte des italienischen Kriegsschauplatzes verziert, die  Bonaparte 1798 anlässlich seines Italien-Feldzugs in Mailand drucken ließ.

© Imperial Art | Bas-relief, Jean-Martin Renaud (1746-1821)

Auch dies ist ein außergewöhnliches Ausstellungsobjekt: Es handelt sich um ein aus Bienenwachs gefertigtes Relief auf einer Unterlage aus Schiefer. Außergewöhnlich ist auch die Darstellung: Die geflügelte Allegorie des Friedens ist dabei, die Pferde des Mars vom Wagen des Sieges auszuspannen. Und dann führt sie „Bonaparte zur Unsterblichkeit“, wie es in dem Titel des Reliefs heißt.[8] Es wurde 1802 von Jean-Martin Renaud, der später auch an den Reliefs der Vendôme-Säule arbeitete, auf dem Salon präsentiert; zu einer Zeit also, als Bonaparte als Erster Konsul auf Lebenszeit schon Alleinherrscher Frankreichs war. Und was die ausgespannten Pferde des Mars angeht: 1801 hatten Österreich und Frankreich in Lunéville Frieden geschlossen und damit den 2. Koalitionskrieg  beendet. Und am 27. März schlossen England und Frankreich den Frieden von Amiens. Die Hoffnung auf andauernden Frieden wurden aber bald enttäuscht: Denn knapp 14 Monate später spannte Mars seine Pferde wieder an….

Der Aufstieg Bonapartes ging aber -ob Frieden oder Krieg- unaufhaltsam weiter. Dieses Medaillon entstand zu einer Zeit (1807-1813), als Napoleon sich schon zum Kaiser gekrönt hatte., und hat als künstlerisches Modell die Gemmen der römischen Kaiserzeit.  Caesar und die römischen Kaiser waren Vorbilder für Napoleon, ja er versuchte sie noch zu übertreffen. An den ihre römischen Vorgänger noch in den Schatten stellenden Pariser Bauten des Kaisers wie dem Arc de Triomphe oder der Vendôme-Säule lässt sich das ablesen.[9] Und während die römischen Kaiser sich noch bei der Feier ihrer Triumphe an ihre Vergänglichkeit erinnern ließen, galt dies für den französischen Kaiser nicht: Der wurde schon, wie wir gesehen haben, zu Lebzeiten als „unsterblich“ überhöht.[10]  

Der politischen Propaganda diente natürlich auch das kaiserliche Tafelgeschirr, das in Fontainebleau verwendet wurde und jetzt dort ausgestellt ist.

Hier ein Teller mit den Wasserspielen der Wilhelmshöhe bei Kassel, hergestellt von der Manufacture de Sèvres. Kassel war 1806 von den französischen Truppen erobert worden. Es wurde Sommerresidenz des Königreichs Westphalen, zu dessen Herrscher Napoleon seinen Bruder Jerôme Bonaparte machte. Der Name Wilhelmshöhe passte da natürlich nicht mehr und wurde verändert, und zwar in  -wie könnte es anders sein- Napoleonshöhe….

In der Ausstellung wird auch diese Zeichnung von Benjamin Zix aus dem Jahr 1807 präsentiert. Zix war der Zeichner des napoleonischen Kunstkommissars und Kunsträubers Vivant Denon, der Napoleon bei seinen Feldzügen auf dem Fuß folgte.[11] Hier sieht man ihn bei der Sichtung und Plünderung der Kunstschätze des Kasseler Museums. Etwa 60 Gemälde, die aus der reichen Kasseler Sammlung entfernt wurden, dienten dazu, das Schloss Fontainebleau neu auszustatten.

Auf diesem Teller ist der Canal de l’Ourq abgebildet (Auf dem Stadtgebiet von Paris ist das der Canal Saint – Martin). Seine Entstehung geht zurück auf eine Anweisung Bonapartes aus dem Jahr 1802. Ziel der Anlage war es vor allem, die Versorgung von Paris mit frischem Wasser zu verbessern und die von Napoleon angelegten oder geplanten Brunnenanlagen mit Wasser zu versorgen. Aber auch für den Warentransport wurde der Kanal genutzt, wie auf dem Teller zu erkennen ist. 

Am 2. Dezember 1808, dem Jahrestag der kaiserlichen Krönung, wurde der Kanal eingeweiht. Um dieses für Napoleon so wichtige Datum einhalten zu können, wurden auch 300 preußische Kriegsgefangene für den Bau eingesetzt….

Die waren 1806 im Vierten Koalitionskrieg bei der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Jena und Auerstedt in die Hände der siegreichen Franzosen gefallen. Während der vorherigen beiden Koalitionskriege gegen Frankreich hatte sich Preußen neutral verhalten. Aus dieser Zeit stammt eine große Uhr in Form eines „Denkmals zur Erinnerung an  Friedrich den Großen“, das eigentlich als Geschenk an den preußischen König gedacht war, dann aber wegen der preußischen Kriegserklärung in Paris verblieb.

Die von Louis Duguers 1800-1805 hergestellte Uhr ist ein „monument à la mémoire de Frédéric le Grand“ (Ausschnitt): In der Mitte  der sterbende preußische König, links ein -römisch gekleideter- Veteran, der ihm den Lorbeerkranz reicht, rechts die Muse der Geschichte. Und unten der stolz aufgerichtete preußische Adler – das Emblem, das auch Napoleon für sein Empire gewählt hatte.

Die Uhr ist Ausdruck der Verehrung Friedrichs des Großen durch Napoleon. Der sah in Friedrich II. den großen, kühnen Feldherrn und gleichzeitig den Staatsmann, der Preußen weise verwaltete und regierte.  Nur wegen dieses genialen Monarchen und Feldherren sei Preußen zur Großmacht aufgestiegen, so wie das Frankreich nun ihm zu verdanken habe. Zehn Tage nach dem Sieg über Preußen besuchte Napoleon die  Gruft Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonskirche. Und als „Souvenir“ nahm er die Totenmaske, den Schwarzen Adlerorden und den Potsdamer Säbel nach Paris mit….

Dass die preußische Bevölkerung die Franzosen weniger schätzte, zeigt dieser von der Königlich-preußischen Porzellanmanufaktur hergestellte Teller: Die französischen Soldaten werden als eine ziemlich wilde Truppe dargestellt- die Rotweinflaschen fehlen wohl nur deshalb, weil sie schon leergetrunken sind. Es handelt sich um das seltene Beispiel eines Porzellantellers, der für eine Karikatur genutzt wurde. Die Realität war allerdings, dass die tadellos uniformierten, in Reih und Glied aufmarschierenden preußischen Grenadiere von diesen Franzosen vernichtend geschlagen wurden…

Zu der Exkursion der Gruppe des „Weimarer Dreiecks“ nach Fontainebleau gehörte auch eine Besichtigung der „kleinen Appartements“, die nur im Rahmen einer Führung möglich ist. Sie dienten Napoleon und Josephine -und danach seiner zweiten Ehefrau Marie-Louise- als Rückzugsräume. Die beanspruchte Napoleon – im Gegensatz zu Ludwig XIV., der 24 Stunden am Tag eine öffentliche Person war. Napoleon habe sie, wie uns unser Führer erläuterte, auch für sein Familienleben genutzt: Die eigenen Räume und die seiner (jeweiligen) Frau lagen direkt nebeneinander. Hier spielte er auch mit seinem Sohn, dem kleinen König von Rom. Der habe zwar manchmal das Tischtuch mit allen Tellern runtergerissen, aber das habe der Vater als Zeichen des Selbstbewusstseins seines lang ersehnten Thronfolgers verstanden: ganz der Papa…..

Zu den Einrichtungsgegenständen gehört auch der Toilettentisch Josephines:

Auf ihr Erscheinungsbild legte Josephine allergrößten Wert. Ihr Hang zu Pracht und Luxus ist berüchtigt. 400 Schuhe und 600 Kleider soll sie besessen haben! Aber Napoleon akzeptierte das: Immerhin machte sie auf diese Weise Reklame für das französische savoir-faire im Bereich der Luxusproduktion- bis heute eine Säule der französischen Wirtschaft.

Josephine musste dann allerdings Marie-Louise Platz machen, die Napoleon den ersehnten  Thronfolger schenkte, der in diesen privaten Räumen aufwuchs.

Seine Mutter hatte hier auch einen Rahmen zur Anfertigung von Stickereien installiert – verziert mit dem kaiserlichen Symbol der arbeitsamen Biene.

Als unermüdlicher Arbeiter ist auch Napoleon in den Räumen des Schlosses präsent. Hier sein Arbeits- und Schlafzimmer mit dem dominanten Grün- seiner Lieblingsfarbe. [12] Bett und Schreibtisch stehen eng beieinander, und rechts von dem Bett befindet sich eine verdeckte Tür, durch die Napoleon schnell in die darunter liegende Bibliothek in den Petits Appartements gelangen konnte.

Foto: Inès Duhesme

Im Wohnzimmer neben seinem Schlaf- und Arbeitszimmer unterschrieb Napoleon am 18.4.1814 seine Abdankung.[13]

Danach nahm er am Fuß  der berühmten Hufeisentreppe des Schlosses seinen Abschied von der Alten Garde. Hier küsst er, umringt von Offizieren der Garde und Soldaten mit präsentiertem Gewehr, die Siegesfahne der Schlacht von Marengo.[14]

Der Hof wird seitdem auch „Abschiedshof“ genannt (La Cour des Adieux) Im Hintergrund sieht man die berühmte Hufeisentreppe. Die ist allerdings derzeit hinter Gerüsten und Planen verborgen, weil dringende Restaurierungsarbeiten vorgenommen werden. Im April 2022 soll sie aber „dans toute  sa splendeur“ wieder sichtbar sein, also strahlender als auf diesem schon etwas älteren Foto (wo die Treppe noch nicht im Rahmen einer Marketing-Aktion der Firma Kärcher gesäubert ist) . [15]

Dann werden zwar einige jetzt in Fontainebleau gezeigte Stücke der Napoleon-Ausstellung nicht mehr zu sehen sein, dafür allerdings andere prominente, die derzeit für die (bis 24. Dezember 2021 verlängerte) große Napoleon-Ausstellung in Paris/La Villette ausgeliehen sind:

Dort ist der Degen des Ersten Konsuls und späteren Kaisers ausgestellt, den Napoleon auch bei seiner Krönung zum Kaiser getragen hatte (deshalb auch épée du sacre genannt). [16]– Sein Griff war ja schon auf dem oben in Ausschnitten abgebildeten Portrait Napoleons in seinem Arbeitszimmer zu sehen.

Auch der berühmte Zweispitz (bicorne),  die charakteristische Kopfbedeckung Napoleons, gehört zu den noch ausgeliehenen Ausstellungsstücken des Napoleon-Museums in Fontainebleau[17]:

ALO02-060. Musée Napoleon. Salle 4. N290 Bicorne de Napoléon 1°

Anmerkungen

[1] Zitat aus einem  Flyer des Vereins. Mehr zum Verein Weimarer Dreieck siehe: https://www.weimarer-dreieck.org/

Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Weimarer Dreiecks gab es eine gemeinsame Erklärung des Präsidenten des Bundesrates, des Präsidenten des französischen Senats und des Marschalls des polnischen Senats: https://www.bundesrat.de/SharedDocs/texte/21/20210218-gemeinsame-erklaerung-weimarer-dreieck.html

Wie in allen Blog-Beiträgen sind die Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel gemacht.

[2] https://www.arte.tv/de/videos/098381-000-A/napoleon-metternich-der-anfang-vom-ende/

[3] Siehe dazu meine Blog-Beiträge über den Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/ und https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (letzter Abschnitt: Der verhüllte Triumph Napoleons)

[4]https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3f/La_salle_du_Tr%C3%B4ne_%28Ch%C3%A2teau_de_Fontainebleau%29.jpg

[5] Bild aus: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/gemaelde-erzaehlen-geschichte/

[6] Ein Überblick über die Ausstellung bei: https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf

[7] Zu dem Bild siehe auch: https://www.chateaudefontainebleau.fr/5-mai-2021-napoleon-de-retour-a-fontainebleau/

[8] « La Paix fait dételer les chevaux de Mars du char de la Victoire, et conduit Bonaparte à l’immortalité ». Text und Bild aus: https://galerieimperialart.com/2021/08/25/don-dune-oeuvre-au-chateau-de-fontainebleau/

[9] Siehe die  Blog-Beiträge zur Vendôme-Säule und zum Arc de Triomphe: https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und zum Arc de Triophe:  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/ (Letzter Teil: Der verhüllte Triumph Napoleons) und: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[10] Siehe: Gérard Gengembre, L’empereur immortel. Éditions du chêne 2002

[11] Siehe dazu die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/  Siehe auch: https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/ und -anhand eines Bildes im Museum Fabre in Montpellier- speziell zu der Plünderung der Kasseler Kunstschätze: https://paris-blog.org/2021/06/24/das-musee-fabre-in-montpellier-soulages-courbet-houdon-und/

[12] Bild aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[13]  Bilder aus: The Apartment of Emperor Napoleon Ist Château de Fontainebleau (chateaudefontainebleau.fr)

[14] Siehe dazu:  https://www.napoleon.org/magazine/livres/les-vingt-jours-de-fontainebleau-la-premiere-abdication-de-napoleon-31-mars-20-avril-1814/

[15] https://www.chateaudefontainebleau.fr/wp-content/uploads/2021/09/www.chateaudefontainebleau.fr-dp-expo-palais-napoleon-2021.pdf S. 11  Foto aus: https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/bilder-schloss-fontainebleau-1482.htm

https://www.kaercher.com/de/inside-kaercher/unternehmen/sponsoring/kultursponsoring/schloss-fontainebleau-hufeisentreppe-fontainebleau-frankreich.html

[16] Bild aus: https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/objets/epee-du-sacre-de-napoleon/

[17] Bild aus: https://www.chateaudefontainebleau.fr/en-2021-rencontrez-napoleon-ier-au-chateau-de-fontainebleau/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/  

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/  

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

J’ai deux amours: Mon pays et Paris. Josephine Baker im Pantheon

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Champigny-sur-Marne: Die letzte große Schlacht des deutsch-französischen Krieges 1870/1871 und ein deutsch-französischer Erinnerungsort

Dies ist der zweite Beitrag auf diesem Blog zum deutsch-französischen Krieg on 1870/1871. Im ersten Beitrag ging es um die Schlacht von Gravelotte, die erste dieses Krieges, die eine wesentliche Voraussetzung für den späteren deutschen Sieg war:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Die Schlacht von Champigny war die letzte große und vorentscheidende Schlacht dieses unseligen Krieges. Hier versuchte die französische Armee mit etwa 60.000 Mann, den Belagerungsring deutscher Truppen um das eingeschlossene Paris zu durchbrechen. Dieser Versuch misslang, was diese Schlacht zu einer entscheidenden Etappe auf dem Weg zum deutschen Sieg machte. Es folgte das Ende des Krieges und die Proklamation des Deutschen Reichs im Spiegelsaal von Versailles.

Allerdings war die Schlacht eine der seltenen Situationen, wo -nach dem Sturz Napoleons III.- die republikanische Armee sich mit Bravour schlug. Deshalb nahm Champigny in der Erinneerungskultur der 3. Republik eine besondere  Rolle ein. Das dort zur Erinnerung an die Schlacht errichtete Monument diente bis zu dem von ihnen ersehnten erneuten deutsch-französischen Krieg, also dem Ersten Weltkrieg,  als Wallfahrtsort französischer Revanchisten.

Und schließlich wurde unter dem Denkmal von Champigny ein Beinhaus (Ossarium) errichtet, in dem die sterblichen Überreste von deutschen und französischen Soldaten nebeneinander bestattet und so im Tod vereint sind. Es wird von Deutschland und Frankreich gemeinsam unterhalten.

Champigny ist damit ein Ort erbitterter deutsch-französischer Feindschaft, aber dann auch ein Ort der aus den unseligen Kriegen der Vergangenheit erwachsenen deutsch-französischen Freundschaft.

Der nachfolgende Text stützt sich wesentlich auf eine sehr beeindruckende Ausstellung über die Schlacht, die 2021 in dem bei Champigny gelegenen Bry-sur-Marne stattfand.[1]

Der Ablauf der Schlacht

Am 4. September 1870 dankte Napoleon III. nach seiner Niederlage bei Sedan ab. Die neu proklamierte Dritte Republik mit der Regierung der Nationalen Verteidigung setzte aber den  Krieg fort und beschwor den Erfolg der revolutionären Truppen gegen eine feindliche Koalition 1792. Allerdings konnte die durch die Niederlage bei Sedan geschwächte Armee der Republik den Vormarsch der deutschen Truppen nicht aufhalten. Ab dem 19. September wurde Paris belagert, in dem zwei Millionen Menschen, darunter 500 000 Soldaten, eingeschlossen waren. Es waren dies gut ausgebildete und ausgerüstete Linientruppen, also Berufssoldaten der ehemaligen kaiserlichen Armee, aber auch Mitglieder der nicht professionellen Garde Nationale.

Die Regierung, die nach Tour ausgewichen war, beauftragte den General Trochu, die Verteidigung von Paris zu organisieren. Der übertrug dem General Ducrot den Oberbefehl über die Linientruppen und beauftragte ihn, einen Plan zur Durchbrechung der Blockade der Stadt zu entwickeln („La Grande Sortie“). Die Absicht war, im Südosten von Paris den Belagerungsring zu sprengen und sich mit einer an der Loire neu aufgestellten Armee zu vereinigen.

Allerdings gelang der für den 28. November vorgesehene Übergang über die Marne nicht. Ein unerwartetes Hochwasser zerstörte die erste Pontonbrücke und Ducrot verschob den Angriffstermin auf den 30. November. Den württembergischen und sächsischen Truppen auf der anderen Seite der Marne waren die Angriffsvorbereitungen der Franzosen nicht entgangen, und sie konnten ihre Positionen auf den Marneanhöhen entsprechend verstärken.[2]

Das zweite französische Armeekorps überquert bei Joinville-le-Pont die Marne. Museum von Bry

Am 30. November überquerten 60.000 französische Soldaten mit 400 Kanonen auf mehreren Pontonbrücken die Marne und besetzten Bry-sur-Marne und Champigny-sur Marne, in denen sächsische und württembergische Vorposten stationiert waren.

Charles Brunei, À Bry-sur-Marne, le 30 novembre 1870. (Ausschnitt). Musée d’art moderne André Malraux (Le Havre)

Das Gemälde von Charles Brunei veranschaulicht die Heftigkeit der Kämpfe Haus um Haus. Es gelang den französischen Truppen aber nicht, die deutschen Truppen aus ihren Stellungen auf den strategisch wichtigen Marneanhöhen zu werfen.

Auf diese Karte sind die Positionen der französischen und deutschen Truppen am Abend des 30. November eingezeichnet.[3]  Die französischen Armee hat die Marne auf den markierten Pontonbrücken überschritten und  Brückenköpfe  in Champigny-sur Marne und Bry-sur-Marne eingerichtet. Die Württemberger und die Sachsen mit dem Schwerpunkt bei Villiers-sur-Marne konnten aber die heftigen Angriffe abwehren und ihre Stellungen halten. Die übliche deutsche Bezeichnung für die Schlacht ist deshalb auch Schlacht von Villiers oder Schlacht von Villiers-Champigny.

Da es auf beiden Seiten hohe Verluste gegeben hatte, vereinbarten Franzosen und Deutsche für den 1. Dezember eine Waffenruhe, um die Toten zu begraben und Verwundete zu bergen. Der kampffreie Tag wurde  auch genutzt, um die jeweiligen Stellungen zu befestigen und Verstärkungen heranzuführen- auf deutscher Seite waren das vor allem preußische Soldaten.  

Schlacht von Champigny (Ausschnitt). Aquarell von Karl Schott (Maler und Offizier in der württembergischen Armee). Landesmuseum Stuttgart

Am 2. Dezember begann im Morgengrauen ein deutscher Gegenangriff. Ziel war es, die Franzosen über die Marne zurückzudrängen und ihre Pontonbrücken zu zerstören. Es gab heftige Straßenkämpfe in Champigny und Bry, aber das Ziel der Angriffe wurde nicht erreicht: Der Status quo blieb erhalten.

Die beiden Abbildungen -es sind Bilder von deutscher und französischer Seite- veranschaulichen, wie erbittert diese Kämpfe waren. Auf zeitgenössischen Abbildungen ist im Schlachtgetümmel teilweise nur schwer zu erkennen, wer zu welcher Seite gehört. Klar ist nur: Die Soldaten mit den roten Hosen gehören zu den französischen Linientruppen….

François-Constant Mès, Bataille de Champigny (Ausschnitt). Musée Carnavalet (Paris)

Trotz ihres relativen Erfolgs in den Kämpfen vom 2. Dezember unternahm die französische Armee keinen weiteren Durchbruchsversuch. Die Truppe war völlig erschöpft, sie litt unter der außerordentlichen Kälte: Es waren 14 Grad unter 0, die Soldaten hatten mehrere Nächte im Freien oder in den Ruinen der eingenommene Dörfer verbracht und die Armeeführung hatte, um das Marschgepäck zu erleichtern, darauf verzichtet, die Soldaten auch mit Decken auszustatten…  General Ducrot befahl also den Rückzug, womit die Kapitulation von Paris unvermeidlich war. Am 28. Januar 1871 beendete ein Waffenstillstand den deutsch-französischen Krieg.

Die Opfer auf beiden Seiten waren erheblich. Die diesbezüglichen Angaben schwanken allerdings. Im Katalog der Ausstellung ist die Rede von ungefähr 9500 Toten, Verletzten und Vermissten bei den Franzosen und etwa 5500 bei den Deutschen.[4]

Paul-Émile Boutigny, Der Tag nach der Schlacht in Bry-sur-Marne (Musée Adrien Mentienne, Bry-sur-Marne

Seit dem Beginn der Kämpfe versorgten die Frères de la doctrine chrétienne und die Ambulances de la Presse im Kampf Verwundete und brachten besonders  schwer Verletzte in Krankenhäuser nach Paris. Nach Beendigung der Kämpfe waren die Frères de la doctrine chrétienne mehrere Tage lang damit beschäftigt, die Toten auf dem Schlachtfeld zu bergen und in großen Massengräbern (fosses communes)  zu bestatten.

Auguste Lançon, Champigny, 8. Dezember 1870. Musée de Nogent-sur-Marne

Zu erkennen ist auf beiden Bildern das Rote Kreuz, das seit der Ersten Genfer Konvention von 1864 Spitäler und Ambulanzen schützt und in diesem Krieg seine erste große Bewährungsprobe bestand.

Der Feigling und der Held

Der für die französischen Truppen insgesamt unglückliche Verlauf der Schlacht machte vor allem den für den Ausbruchsversuch verantwortlichen Kommandeur, General Ducrot, zur Zielscheibe von Kritik, wofür sich die Form der Satire besonders anbot.

Ducrot hatte nämlich  am Beginn der Operation, dem 28.November 1870, einen flammenden Aufruf an die Soldaten erlassen, denen die Ehre zuteil werde, den „eisernen Ring“ um Paris zu durchbrechen. Er wünsche den Soldaten den gleichen Rachedurst und die gleiche Wut, die ihn antreibe und die sie veranlassen sollten, allen Gefahren zu trotzen. Er jedenfalls lege vor ihnen und der ganzen Nation den Eid ab, nach Paris nur tot oder siegreich (mort ou victorieux) zurückzukehren. „Ihr könnt mich fallen sehen, aber ihr werdet nicht sehen, wie ich zurückweiche.“

Aber dann kam es ganz anders: Alle Welt konnte sehen, wie General Ducrot im Widerspruch zu seinem pathetischen Eid zurückwich. Hier ist er abgebildet, wie er sich in einem Paket versteckt, um dem Tod, der ihn sucht und dem er eine lange Nase macht, zu entgehen. Bei dem 8. Büro, der Aufschrift auf dem Paket, handelt es sich um eine Instanz der Nationalversammlung, vor der sich Ducrot am 28.Februar 1871 zu seinem Verhalten während der Belagerung von Paris äußerte. Immerhin war die Armeeführung, nach fachkundiger Einschätzung, wesentlich für das Scheitern des geplanten Durchbruchs verantwortlich.[5] Insofern geht die Karikatur eher milde mit Ducrot um.

Sie nennt nicht nur seinen Namen, sondern auch seinen Spitznamen, den er seit der Schlacht von Champigny erhielt: Trompe-la-Mort, also einer, der dem Tod ein Schnippchen schlägt. Das weckt hier aber, anders als in dem so betitelten Lied von Georges Brassens, keine Gefühle der  Sympathie…

Auf dieser Karikatur werden die Worte von Ducrot aus seinem Tagesbefehl vom 28.11. „mort ou victorieux“ zitiert. Ducrot sitzt träumend über der Karte mit dem  eingeschlossenen Paris und sinnt darüber nach, wie er die Commune, die dort herrscht (ces misérables insurgés),  zur Raison bringen kann. Jetzt geht es für ihn nicht mehr um den Ausbruch aus dem belagerten Paris, sondern um den Angriff aus dem gemeinsamen Belagerungsring von Truppen der Republik (den sogenannten Versaillais) und der deutschen Armee auf das Paris der Commune. Der Lorbeer hängt welk herunter.

Der Titel der Karikatur: Ducrot, genannt Trompe la mort, und seine Verlobte. Die Verlobte ist der Tod, dem er sich versprochen hat, wovon er aber nun nichts mehr wissen will. Der Tod/die Verlobte kommentiert das entsprechend: Und dein Versprechen, du treulose Tomate!

Die Schlacht von Champigny hatte aber auch – und hat bis heute noch- seinen Helden. Und das war der aus dem  Elsass stammende Sergent Hoff.

Béatrice und Gilles Bataille-Winterhalter, Un héros de 1870: Sergent Hoff.  Straßburg 2005

Ignace Hoff gehörte während der Belagerung von Paris zu den dort eingeschlossenen Truppen. Dabei zeichnete er sich durch tollkühne nächtliche Operationen gegen deutsche Vorposten aus, bei denen er -zusammen mit seiner Truppe von Freischärlern- zahlreiche preußische und sächsische Soldaten überraschte und tötete. Durch eine seiner Aktionen sollen sogar die deutschen Soldaten von der kleinen schönen Marneinsel Île des Loups vertrieben worden sein. Für die belagerte, demoralisierte und hungernde Bevölkerung wurde Hoff zum Helden, der die Ehre des gedemütigten Landes wahrte. Die Armee ehrte ihn durch die Auszeichnung mit dem Kreuz der Ehrenlegion, die Presse sorgte dafür, dass seine Taten gebührend und noch entsprechend ausgeschmückt verbreitet wurden.[6]

Während der Schlacht von Champigny geriet Hoff in deutsche Kriegsgefangenschaft, verbarg aber aus Angst vor Repressalien seine eigentliche Identität  -die Preußen hatten 2000 Taler auf seine Ergreifung ausgelobt. Nach seiner Entlassung wurde Hoff schließlich auf Veranlassung von Mac Mahon, dem Präsidenten der Republik, zum Chefaufseher des Arc de  Triomphe ernannt, ein ehrenvolles Amt, das er bis zu seinem Tod 1902 bekleidete.[7]

Beerdigt wurde Hoff auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Die Statue auf seinem Grab ist das letzte Werk seines elsässischen Landsmanns Frédéric-Auguste Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue. [8] Die gemeinsame elsässische Herkunft erklärt auch die Mahnung, die das Mädchen auf den Sockel des Standbilds schreibt: Frankreich, erinnere dich! Es ist die Mahnung, das 1871 an Deutschland verlorene Elsass-Lothringen nicht zu vergessen.

Insofern war Hoff auch eine Verkörperung des damals in Frankreich gepflegten Revanche-Gedankens, der gerade auch in Champigny seinen „Wallfahrtsort“ hatte.

Die Schlacht von Champigny als Gegenstand französischer und deutscher Panoramen

Panoramen erfreuten sich in Frankreich und seit Beginn des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Es waren monumentale Gemälde, die in extra dafür gebauten runden Ausstellungsräumen präsentiert wurden. Ein erstes Beispiel waren die Landschaftspanoramen in Montmartre, die der passage des Panoramas ihren Namen gegeben haben. Sehr geschätzt bei einer gut betuchten Kundschaft waren damals auch die Panoramatapeten wie die Chasse de Compiègne, die Gegenstand eines früheren Beitrags auf diesem Blog war.[9]

Mehrtägige Schlachten waren natürlich auch geeignete Gegenstände für das Panorama-Medium. So entstanden Anfang der 1880-er Jahre zwei Panoramen über die Schlacht bei Gravelotte/Rezonville zu Beginn des deutsch – französischen Krieges[10] und eine weitere über die Schlacht von Champigny. Um diese Panoramen zu präsentieren, wurde in der rue de Berry, einer Seitenstraße der Champs-Élysées,  ein spezieller Rundbau errichtet.

Gemalt wurden die beiden 120 Meter langen und 9 Meter hohen Panoramen von zwei damals bekannten Malern, Édouard Detaille und Alphonse de Neuville. Beide konnten sich dabei auf als Kriegsteilnehmer auf  eigene  Erfahrungen beziehen:  Detaille nahm sogar an der Schlacht von Champigny teil.[11]

Es ist bemerkenswert, wie es den beiden Malern mit ihren Panoramen gelang, ein großes Publikum anzuziehen, obwohl die beiden Schlachten ja mit Niederlagen der französischen Armee endeten und obwohl den Besuchern mit großem Realismus die Grausamkeit des Krieges keineswegs erspart wird.[12]

Infanteristen in einem Hohlweg. Fragment des Panoramas von Champigny (Musée de l’Armée)

Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der in Frankreich der „Schmerz der Niederlage“ kultiviert wurde, in der patriotische Skulpturen wie der Löwe von Belfort oder La Défense, die dem heutigen Hochhausviertel von Paris ihren Namen gegeben hat, entstanden, und in der von Männern wie Paul Déroulède oder Maurice Barrès  der Geist der Revanche beschworen wurde. Dazu passte die „der Ehre des unglücklichen Muts“ französischer Soldaten gewidmete Militär-Malerei Alphonse de Neuvilles und Edouard Detailles.[13] Hier wurden nicht mehr triumphierende Generale, sondern „les uniformes simplifiés (…), l’officier et le soldat confondu dans l’égalité de la défaite“ gezeigt, wie es in einem zeitgenössischen Pressebericht heißt. Dem Bild der kriegsgeschundenen Nation, die nun in ihrer gleichmacherischen Zerrüttung egalitär erschien, wurde so ein würdevoll-stolzer Ausdruck verliehen.[14]

Hier das zentrale Motiv des Champigny-Panoramas. Detaille hatte die eine Hälfte gemalt, Neuville die andere: Die beiden mit den entsprechenden Namen versehenen Soldaten markieren die Mitte, in der sie sich treffen. Und sie bezeichnen auch die beiden Seiten der Schlacht: Den Tod und das siegreiche Voranstürmen.

Fragment des Panoramas von Champigny. Musée de l’Armée

Nach der Präsentation in Paris wurde das Panorama der Schlacht von Champigny von 1887 bis 1891 in Wien gezeigt, danach von Detaille selbst in 65 Teile zerschnitten und 1896 versteigert.  Das Museum von Gravelotte konnte immerhin einige Teile aus einer Sammlung des Milliardärs Forbes erwerben, die zusammen mit Teilen des Rezonville-Panoramas dort zu sehen sind.[15]

Ein Fragment – Soldaten mit Mauleseln einer Ambulanz- ist auch im Museum Carnavalet ausgestellt.[16]

Württembergische und sächsische Panoramen

Auch in Deutschland erfreuten sich Panoramen mit Motiven des deutsch-französischen Krieges und seiner siegreichen Schlachten großer Beliebtheit. Die Schlacht von Champigny war besonders in Württenberg und Sachsen populär, denn immerhin waren es ja württembergische und sächsische Truppen, die dort eingesetzt waren. Für die  Württemberger war Champigny sogar der bedeutendste militärische Einsatz im gesamten deutsch-französischen Krieg.

Dies erklärt, warum es in Stuttgart 1890 sogar zwei Champigny-Panoramen gab: Die  Württemberger bei Champigny-Villiers hatte den ersten  Tag der Schlacht, den 30. November 1870, zum Gegenstand, das zweite Panorama Sturm auf Champigny konzentrierte sich auf den Sturm württembergischer Truppen auf das Dorf Champigny und die dortigen Straßenkämpfe  am 2. Dezember.

Auch auf vielfältige andere Weise wurde die Erinnerung an  die Schlacht wachgehalten. Im Park der Stuttgarter Villa Berg wurde zum Beispiel ein Kriegerdenkmal aus Granit-Blöcken errichtet mit einer Inschrift, einem krönenden Bronzeadler und einer Wappentafel über der Inschrift. Adler und Wappentafel wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.[17]

Und Champigny-Straßen gibt es auch heute noch in Stuttgart und Reutlingen.[18]

Der Mut der sächsischen Soldaten in der Schlacht von Champigny wurde ebenfalls in einem Panorama gefeiert. Das von Eugen Bracht und Georg Koch gemalte Panorama Die Sachsen vor Paris wurde zunächst 1887 in Leipzig und 1890 in Dresden präsentiert.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren es dann noch weitere deutsche Städte, die diese Panoramen zeigten. Allerdings ist von ihnen -anders als von den Panoramen Detailles und de Neuvilles-  nichts mehr erhalten.[19]

Das Denkmal und das Beinhaus (ossuaire) von Champigny: Ein Ort der Erinnerung, der Revanche und des Friedens

Seit 1871 wurden in Bry-sur- Marne und in Champigny-sur-Marne jeweils am 2. Dezember Veranstaltungen zum Gedenken an die Schlacht organisiert. Am 2. Dezember 1873 wurde ein auf einem breiten Sockel postierter Obelisk errichtet, der fünf Jahre später durch eine Krypta ergänzt wurde, in der die sterblichen Überreste von 1400 in der Schlacht getöteten französischen und deutschen Soldaten ruhen, die zunächst provisorisch in Massengräbern bestattet worden waren.[20]

Einweihung des Erinnerungsdenkmals an die Kämpfe von Champigny vom 30 November und 2. Dezember 1870.[21] 10 000 Menschen waren damals dabei, bei der Einweihung des Beinhauses 20 000.

                                             Einweihung des Beinhauses am 2. Dezember 1878

Das Denkmal von Champigny wurde nun zum Mittelpunkt einer offiziellen und auch sehr lebendigen populären Erinnerungskultur an den Krieg 1870/1871. Dies fand auch seinen Ausdruck in der Umänderung des Ortsnamens: Champigny-sur-Marne wurde nämlich umbenannt in Champigny-la-Bataillle.  Auch wenn die Schlacht mit einem Rückzug der französischen Truppen endete, galt sie doch als eine der wenigen Erfolge in diesem Krieg. Vor allem aber wurde die Schlacht als moralischer Sieg der Verteidiger von Paris gesehen, die durch ihren Opfertod der Idee der Vaterlandsliebe wieder zu ihrem Recht verholfen hätten.

„Damit war bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Topos entstanden, der bis zum Ersten Weltkrieg den öffentlichen Diskurs über den Krieg von 1870/71 in allen politischen Lagern gleichermaßen prägen sollte: Durch die extreme Akzentuierung der moralischen Qualität, die man im Akt der Verteidigung begründet sah, konnte der Krieg als ein Ereignis dargestellt werden, mit dem eine positive Identifizierung möglich war. Die Niederlage wurde auf eine „höhere“ Ebene transzendiert, auf der die Ereignisse von 1870/71 als ein moralischer Sieg darstellbar waren, den es für alle Ewigkeit festzuhalten galt.“[22]

Deutlich ist diese Botschaft in dem „Bericht der Schlacht von Champigny“, einer Broschüre,  die seit 1873 an dem Denkmal verkauft wurde: [23]

In den Tagen dieser Schlacht sei mit großer Bravour gekämpft worden und viel Blut geflossen, auch wenn die grauenhaften Opfer nicht den gewünschten Erfolg mit sich gebracht hätten. Immerhin seien die Soldaten in dem Glauben gefallen, für einen siegreichen Kampf ihr Leben gegeben zu haben. Wie auch immer: Soldaten und Offiziere hätten „le salutaire exemple de leur patriotisme“ gegeben und ihres heldenhaften Muts. Sie verdienten -wie die Sieger- die Dankbarkeit ihrer Mitbürger, den Respekt ihrer Feinde und die Wertschätzung der unparteiischen Geschichte.

Das Beinhaus von Champigny ist -wie auch Gravelotte und das Ehrental in Saarbrücken[24]– einer der wenigen Orte, wo miteinander die sterblichen Überreste französischer und deutscher Soldaten bestattet sind. Und wie auch in Gravelotte von deutscher Seite werden hier von französischer Seite die Gefallenen beider Seiten gleichberechtigt geehrt.

Insofern ist Champigny ein Ort der Erinnerung, aber auch ein Symbol des Friedens.[25] Seit 1882 wurde allerdings Champigny auch zum Schauplatz nationalistischer Kundgebungen der antiparlamentarischen und antisemitischen „Ligue des Patriotes“ und zu einem „Symbol der Revanche“ für die Niederlage im deutsch-französischen Krieg.  Am 3. Dezember 1908 beschwor deren Vorsitzender Paul Déroulède den „unvermeidlichen Krieg“, der viel schneller kommen werde als das „die Herren Pazifisten“ glauben machten.[26]  

Mit dem Beginn des Weltkrieges und dem Tod Déroulèdes 1914 erhielten die revanchistischen Strömungen neuen Auftrieb, und es war Maurice Barrès, der die Tradition der chauvinistischen Kundgebungen in Champigny fortsetzte.[27] Jetzt ging es nicht mehr nur um die Rückgewinnung von Elsass-Lothringen, sondern um die linksrheinischen Gebiete Deutschlands….   Am 1. Dezember 1918 stattete dann der französische Präsident Raymond Poincaré, dem Denkmal von Champigny einen Besuch ab, um nach dem gewonnenen Krieg zu demonstrieren, dass nun die Niederlage von 1871 gerächt sei.[28]

Allerdings hatten die revanchistischen Strömungen, so lautstark sie auch sein mochten, in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Kriegsausbruch keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die französische Politik und Gesellschaft. So konnte auch 1910 in Champigny ein Denkmal für die 1870 dort gefallenen  württembergischen Soldaten eingeweiht werden, das von württembergischen Veteranen gestiftet worden war.[29]

Württemberg seinen tapferen Söhnen/Le Wurtemberg à ses braves fils

Für die Württemberger war Champigny nach zeitgenössischem Urteil immerhin das, was Sedan für die preußische Armee war.  Es gab zwar damals in Frankreich einige kritische Stimmen wegen des Eisernen Kreuzes, das den Obelisken krönte, aber das hinderte nicht, dass das Denkmal in einer gemeinsamen feierlichen Zeremonie von Deutschen und Franzosen der Stadt übergeben wurde. Es unterstrich damit, wie es auf der homepage von Champigny heißt, den Wunsch nach Befriedung zwischen den ehemaligen Gegnern.[30]

Das Denkmal heute[31]

Ein Monument der Versöhnung ist vor allem das Beinhaus (ossuaire) von Champigny.   

Dies nicht nur, weil dort Deutsche und Franzosen Seite an Seite bestattet sind und damit in ihrem Tod ein Symbol des Friedens sind, sondern weil Frankreich und Deutschland gemeinsam Verantwortung für seine Unterhaltung übernommen haben.[32]

Und die ist dringend von Nöten. Denn das Gewölbe ist höchst baufällig, ja sogar einsturzgefährdet. Schon 1939 hätte es renoviert werden sollen, was kriegsbedingt aber unterblieb. 2016 wurde es in Anwesenheit des damaligen deutschen Botschafters Meyer-Landruth nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sehr nachhaltig waren die aber offenbar nicht, denn inzwischen ist die Krypta schon wieder gesperrt….[33] Es ist zu hoffen, dass diesem traurigen Zustand bald ein Ende gemacht wird und es nicht erneut -wie 2010 Le Monde- Anlass gibt,  von dem „ossuaire oublié de Champigny“ zu sprechen….


Anmerkungen:

[1] Ausstellung in Bry-sur-Marne: La Bataille de Champigny, 30 novembre et 2 décembre  1870.  Vincent Roblin, Katalog zur Ausstellung, Bry-sur-Marne 2021. Siehe auch: http://memoiredhistoire.canalblog.com/archives/2021/06/04/39000833.html

[2] Oft wird in französischen Darstellungen von preußischen Truppen  gesprochen, die auf deutscher Seite an der Schlacht von Champigny beteiligt waren. Siehe z.B. Le Monde  vom 17. Dezember 2010:   La ville a célébré, le 4 décembre, la plus grande bataille du siège de Paris qui, il y a 140 ans, opposa pendant trois jours 60 000 Français à 70 000 soldats prussiens. (L’ossuaire oublié de Champigny-sur-Marne (lemonde.fr)   Dabei wurde der Belageerungsring an dieser Stelle von sächsischen und württembergischen Truppen gebildet. Nach dem französischen Angriff vom 30. November wurden dann  allerdings preußische Verstärkungen herangeführt.

[3] Karte aus der Ausstellung in Bry. Siehe auch die Karte bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[4] Ausstellungskatalog, S. 24. Eine vom Office National des Anciens Combattants et Victimes de Guerre herausgegebene Broschüre über La Bataille de Champigny spricht von etwa 6000 Verlusten bei der fanzösischen Armee, darunter 400 Offizieren. Die Opfer bei den Preußen, den Sachsen und Württembergern seien noch höher gewesen. Bei Wikipedia folgende Angabe:  „Die Franzosen verloren an Toten und Verwundeten über 9.500 Mann, die Deutschen über 3.500 Soldaten und Offiziere.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Villiers

[5] „Le commandement français est essentiellement responsable de l’échec de cette percée. Kes effectifs engagés ont été notamment insuffisants quand beaucoup de troupes, à l’arrière, sonst restées inemployées.“ (Broschüre  La Bataille de Champigny a.a.O., S.5). Außerdem waren die für Entlastungsangriffe vorgesehenen Truppen nicht über die Verschiebung des Angriffstermins informiert worden, so dass sie sinnlos eingesetzt wurden und hohe Verluste erlitten.

[6] Nachfolgendes Titelbild der Zeitschrift L’Eclipse vom 19. Januar 1873

[7] Zu Hoff siehe: https://fr.wikipedia.org/wiki/Ignace_Hoffhttps://amismuseearmee.fr/en-marge-de/1215-2021-le-sergent-ignace-hoff  und  Lucien Louis-Lande, Le sergent Hoff: Épisode du siège de Paris. 2018  

[8] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[9] https://paris-blog.org/2021/10/21/die-einzigartige-historische-jagdtapete-la-chasse-de-compiegne-in-paris-und-im-wurttembergischen-datzingen/

[10] Siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[11] Marina Taravella, Le panorama animé: La bataille de Champigny. 25.1.2021. https://www.champigny94.fr/article/le-panorama-anime-la-bataille-de-champigny

[12] Nachfolgendes Bild aus: Fichier:Fantassins dans un chemin creux, fragment du panorama de La Bataille de Champigny.jpg — Wikipédia (wikipedia.org) Siehe auch:

https://basedescollections.musee-armee.fr/ark:/66008/01143.locale=fr

[13] [29] https://www.lemonde.fr/centenaire-14-18-decryptages/article/2014/04/08/1914-la-revanche-de-1870-pas-si-simple_4397706_4366930.html

[14] Siehe: Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. Pariser Historische Studien, Band 70, herausgegeben vom Deutschen Historischen Institut Paris. München: R.Oldenbourg Verlag 2006, S. 448

[15] Einen Überblick über das gesamte Panorama bietet: Version animé https://www.youtube.com/watch?v=k4GGopuUyKk

[16] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/scene-militaire-mobiles-conduisant-des-mulets-d-ambulances-fragment-du#infos-secondaires-detail

[17] https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/DOKUMENT/lmz_bilddatenbank_02/LMZ992506/Stuttgart+Champigny-Denkmal+im+Park+der+Villa+Berg+um+1930  Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Villa_Berg,_Champigny-Denkmal.jpg

[18] Zur Geschichte einer ehemaligen Champigny-Straße in Stuttgart siehe: https://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=509

[19] Siehe Ausstellungskatalog Bry-sur-Marne, S. 40/41

[20] L’ossuaire, où reposent 1 000 Français et 400 Prussiens, (Le Monde vom 17.12.2010)  http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99 Natürlich sind es vor allem Württemberger und Sachsen, die dort bestattet sind, und nicht Preußen. Aber das entspricht einer gängigen französischen Darstellungsweise, nach der es sich 1870/1871 um einen französisch-preußischen Krieg handelte. Siehe zum Beispiel: https://www.herodote.net/Introduction_la_guerre_en_bref-synthese-543.php : Artikel mit der Überschrift: La guerre franco-prussienne (1870-1871);  https://www.histoire-pour-tous.fr/guerres/5601-la-guerre-franco-prussienne-de-1870.html und http://archives.paris.fr/r/280/guerre-franco-prussienne-de-1870-1871-150-ans-/

[21] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[22] Andreas Metzing, Kriegsgedenken in Frankreich (1871 – 1914). Studien zur kollektiven Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 187071871.  Diss. Uni Freiburg 1995 https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:418/datastreams/FILE1/content

[23] Bild und Zitat aus: Récit Champigny (laguerrede1870enimages.fr)

[24] Zu Gravelotte siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/  Zum Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken -am Fuß der zu Beginn des deusch-französischen Krieges erbittert umkämpften  Spicherer Höhen siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/  In Bry-sur-Marne gibt es  in der Rue du 2 décembre noch ein weiteres Denkmal und Mausoleum mit den sterblichen Überresten  von etwa 500 französischen und deutschen Soldaten.

[25] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

[26] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[27] Nachfolgendes Bild aus: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Discours_de_Barr%C3%A8s_%C3%A0_Champigny.jpg

[28] http://www.lemonde.fr/societe/article/2010/12/17/l-ossuaire-oublie-de-champigny-sur-marne_1454796_3224.html#EgBgxrjtWrTUzYCA.99

[29] https://monumentsmorts.univ-lille.fr/monument/78969/champigny-sur-marne-rueroute/ Siehe auch: https://oldthing.de/AK-Ansichtskarte-Champigny-sur-Marne-Monument-eleve-a-la-memoire-des-Soldats-Wurtembergeois-morts-a-la-Bataille-du-Nov-et-Dec-1870-0038464722

[30] https://www.champigny94.fr/article/monument-des-wurtembergeois-la-presse-en-parle

[31] Bild aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Monument_des_Wurtembourgeois_(Champigny-sur-Marne)#/media/File:Monument_Wurtembourgeois_Champigny_Marne_5.jpg

[32] Vorhergehendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/l-ossuaire-de-la-bataille-de-1870-ferme-au-public-a-champigny-19-02-2020-8263128.php

Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/val-de-marne-94/champigny-sur-marne-94500/champigny-l-ossuaire-renove-devoile-ses-sepultures-de-soldats-30-03-2016-5673295.php  Dort wird auch die damalige deutsche Botschafterin zitiert, die 2013, bei Beginn der Renovierungsarbeiten Champigny als Symbol des Friedens bezeichnete.

[33] https://www.champigny94.fr/article/lossuaire-franco-allemand

Le musée Carnavalet, das Museum der Pariser Stadtgeschichte, ist wieder eröffnet. Ein erster Rundgang

Photo: Juni 2021

Wie das Plakat verheißt, ist „La vie Parisienne“ mit dem Ende des Corona- Lockdowns zurückgekehrt und damit auch „sein Museum“, das nach gut vierjähriger Renovierungszeit wieder geöffnete Musée Carnavalet.

In dieser Zeit ist viel geschehen:

  • Das Museum ist jetzt viel besucherfreundlicher geworden. Es umfasst ja zwei ehemalige Stadtpalais, das hôtel Carnavalet aus dem 16. (mit späteren Erweiterungen) und das hôtel du Peletier de Saint-Fargeau aus dem 17. Jahrhundert. Die Verbindung zwischen beiden Gebäuden wurde nun verbessert, der Ausstellungsparcours wurde einfacher und übersichtlicher, wozu elegante neue Treppen wesentlich beitragen.
  • Die Ausstellungsräume wurden im wahrsten Sinne entstaubt, zum Teil -prosaisch ausgedrückt- auch etwas entrümpelt- und das war auch wirklich nötig: Die erste Frage eines Pariser Freundes, dem wir von unserem Museumsbesuch erzählten: Ist das Carnavalet immer noch so vollgeräumt? Vielleicht hätte man da noch mehr tun können und müssen (zum Beispiel in der Abteilung über die Französische Revolution), aber den Konservatoren wird es ja so ähnlich gehen wie einem Bücherfreund, der sich -auch wenn die Regale überquellen- nur schwer von Stücken trennen kann, zu denen er doch alle eine persönliche Beziehung hat.
  • Das Museum hat den Anspruch, sich für breite Besucherschichten zu öffnen, speziell auch für Kinder: Etwa 10% der Ausstellungsobjekte sind besonders für sie positioniert und aufbereitet.

Insgesamt sind es 3700 Ausstellungsstücke, mit denen die Geschichte der Stadt illustriert wird. Der Überblick reicht von der Vorgeschichte …..

Reste einer über 4500 Jahre alten neolithischen Piroge aus Bercy (heute 12. Arrondissement)

bis zur Gegenwart…

Überdimensionaler Bleistift, der 2015 auf einer Solidaritätsdemonstration für die von islamistischen Terroristen ermordeten Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mitgeführt wurde.

Dies ist nur eine kleine Auswahl aus den Beständen des Museums, die aber nach der Vorstellung von Valérie Guillaume, der Leiterin des Museums, geeignet sein soll, bei einem ersten Besuch bewältigt zu werden. Ein Museum, so meint sie, müsse an einem Tag entdeckt werden können.[1]  Mit diesem Anspruch ist ein Besucher, der zum ersten Mal dieses Museum besucht, sicherlich überfordert. Realistischer ist es, einen ersten groben Überblick zu gewinnen. Dann kann man sich je nach Zeit und Interesse später die eine oder andere Abteilung oder besonders interessierende Ausstellungstücke noch einmal genauer ansehen.

Hier einige erste Eindrücke. Ich habe für diesen Beitrag Ausstellungsstücke ausgewählt, die ich besonders interessant, wichtig, kurios oder schön finde. Es sind auch viele Stücke dabei, die auf Themen verweisen, die schon Gegenstand dieses Blogs waren. Entsprechende Hinweise/Links finden sich in den jeweiligen Anmerkungen. Insgesamt soll damit ein Überblick über das große und vielfältigeAngebot des Museums entstehen und das Interesse geweckt werden, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Blick aus dem Eingangsbereich in den Ehrenhof (cour d’honneur) des Museums mit der Statue Ludwigs XIV. Sie ist ein Werk von Antoine Coysevox und wurde 1689 für das Rathaus von Paris geschaffen und steht seit 1890 im Ehrenhof des Museums.

Der Rundgang beginnt mit dem sehr einladenden Saal der Firmen- und Werbeschilder (salle des enseignes).

Dort sind zahlreiche alte und besonders kunstvolle Schilder von Restaurants, Geschäften und Werkstätten ausgestellt. Zum Beispiel das Schild mit der schlafenden Katze und der Maus…

Es gehörte zu einer Weinhandlung in der rue Mouffetard

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00272ccarnavalet-11-kopie.jpg.

Ausgestellt ist auch das heftig umstrittene Bild „Au nègre joyeux“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts machte es Reklame für eine Café an der place de Contrescarpe.[2]

2017 wurde es auf Beschluss des Pariser Stadtrats entfernt und hängt nun in einer abseitigen Ecke des Museums. Beigefügt ist eine Informationstafel mit dem Text eines nicht näher bestimmten „comité scientifique“. Danach ist das Bild Ausdruck „rassistischer Stereotype“, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts üblich gewesen seien: Deshalb seine Verbannung aus dem öffentlichen Raum. Es gibt allerdings auch ganz andere, gegenteilige Deutungen des Bildes.  Immerhin zeigt es einen „homme de couleur“ nicht als Diener, sondern als Kunden, der gerade von einer Angestellten des Cafés bedient wird. Aber die Bemühungen der betroffenen Hausgemeinschaft, von Bürgerinitiativen und der mairie des 5. Arrondissements, das Bild mit einer Erläuterung des historischen Kontextes an seinem angestammten Platz zu lassen, waren vergebens.[3] In einem späteren Blog-Beitrag vielleicht mehr zu diesem grotesken Schauspiel politischer correctness.

Bei einem ersten Besuch des Museums wird man dann weitergehen zu den  Galeries d’introduction mit ihren einführenden Informationen und Ausstellungsobjekten zur Geschichte der Stadt Paris und den hôtels Carnavalet und Le Peletier de Saint-Fargeau, die heute als Museum dienen.

Dort gibt es beispielsweise einen großen Plan der Stadt Paris aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts oder diese Eichenholztür des Pariser Rathauses: Die alte wurde 1652 während der Fronde, der Revolte gegen die königliche Herrschaft des jungen Ludwig XIV., zerstört und durch die neue Tür mit den Medusen-Häuptern ersetzt. Sie überlebte den von der Pariser Commune gelegten Brand des Rathauses am 24. Mai 1871.

Überlebt hat den Brand des Rathauses auch die Reiterstatue Statue Heinrichs IV. im cour Henri Quatre, in den man von hier aus einen Blick werfen kann. Es gibt dort auch einige ruhige Sitzplätze.

Die Statue schmückte ursprünglich den Tympanon des Haupteingangs des Pariser Rathauses. Dort ersetzte sie eine 1606 aufgestellte und 1792 zerstörte Vorgängerstatue. Am Hals des Pferdes ist noch die Einschussstelle einer Kugel aus dem semaine sanglante 1871 zu sehen

Man kann dann  die Ausstellungsräume im 1. und 2. Stock besuchen, in denen die Geschichte der Stadt vom 16. bis zum 20. Jahrhundert präsentiert wird. Wir folgen hier aber dem am historischen Ablauf orientierten Rundgang, der mit Objekten zur vorgeschichtlichen, römischen und mittelalterlichen Entwicklung der Stadt beginnt. Sie sind im Keller des hôtel Carnavalet ausgestellt, den man über einen originalen Zugang erreicht.

Hier ein Kapitellfragment aus dem römischen  Lutetia

Modell der dichten mittelalterlichen Bebauung der Île de la Cité rund um Notre-Dame:

Kopf und Hand Abélards aus dem Grabmal von Abélard und Héloise auf dem Friedhof Père Lachaise (1814-1818). Das Gegenstück von Héloise gibt es natürlich auch. Als der Père Lachaise zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde, überführte man die sterblichen Überreste des mythischen mittelalterlichen Liebespaares dorthin. Wie auch die damals eingerichteten Gräber von Molière und La Fontaine sollten sie dazu dienen, den neuen Friedhof für die Pariser Bourgeoisie attraktiv zu machen. Bei der Gestaltung der Köpfe soll sich der Bildhauer Pierre-Nicolas Beauvallet an den exhumierten Schädeln von Abélard und Héloise orientiert haben.

Der Rundgang geht weiter im ersten Stockwerk des hôtel Carnavalet. Dort wird natürlich  Madame de Sévigné, die berühmte Briefschreiberin, gebührend gewürdigt. Immerhin war sie fast 20 Jahre lang Hausherrin im hôtel Carnavalet.

Hier ihr Portrait (Claude Levèbvre, ca 1665) über dem aus China stammenden Schreibtisch, an dem sie viele ihrer Briefe an die Tochter in der Provence schrieb. Auch die Adresse des Museums erinnert an Madame de Sévigné: 23, rue  de  Sévigné.  Ihr Geburtshaus befindet sich ganz in der Nähe, an der place des Vosges.

Ein altes Straßenschild: Dort wurde 1610 Heinrich IV. von einem religiösen Fanatiker ermordet. An Ort und Stelle ist -an den Arkaden zur Fontaine des Innocents – eine Erinnerungsplakette angebracht. Und in den Boden ist eine Platte eingelassen mit dem Wappen des Königs, das Frankreich und Navarra (sein Herkunftsland mit seinen Geburtsort Pau) verbindet.

Detail eines Paravant aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit einem Imitationslack der Familie Martin (vernis Martin) hergestellte Lackarbeit mit chinesischen Motiven. Diese Lackarbeiten erfreuten sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit. Der Faubourg Saint-Antoine war bis Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion. Im Ancien Régime wurden dort von den Kunsttischlern des Viertels, den ébénistes, die exquisiten Möbel des französischen Adels hergestellt. [3a]

Eine besondere Attraktion des Museums sind die sogenannten „period rooms“. Ein Beispiel ist dieser Salon de musique mit Holzvertäfelungen aus einem hôtel particulier, einem Stadtpalais, das im 19. Jahrhundert zerstört wurde.

Im Museum hat auch der prächtige Salon de compagnie des hôtel d’Uzès aus der rue de Montmartre seinen Platz gefunden. Gestaltet wurde er von Claude-Nicolas Ledoux. Es gibt im Museum mehrere Räume, die Ledoux gewidmet sind. Immerhin hat er die neoklassizistische Architektur vor der Französischen Revolution entscheidend mitgeprägt und seine utopischen architektonischen Entwürfe haben großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Architektur gehabt. Ausgestellt sind auch die von ihm entworfene Ausstattung des berühmten Café militaire und Modelle der ebenfalls von ihm entworfenen „Barrieren“ der berüchtigten Zollmauer um Paris. Vier dieser klassizistischen Torhäuser und Zollstationen sind heute noch erhalten.[4]

Ein Schwerpunkt des Museums ist die Abteilung zur Französischen Revolution im zweiten Stock des hôtel du Peletier de Saint-Fargeau.

Dabei werden natürlich auch Rousseau und Voltaire als geistige Väter der Revolution gebührend gewürdigt.

Hier ein Bild des Sarkophags von Jean-Jacques Rousseau, der nach seiner Überführung aus dem Grabmal von Ermanonville am 11. Oktober 1794 vor dem Pantheon aufgebahrt wurde, bevor die sterblichen Überreste – zusammen mit denen Voltaires- im Gewölbe des Pantheons ihre letzte Ruhestätte erhielten. [5]

© Paris Musées / Musée Carnavalet – Histoire de Paris

Ein berühmtes Ausstellungsstück des Museums ist das Gemälde von Jacques-Louis David, das den Ballhausschwur vom 20. Juni 1789 zeigt – hier ein Ausschnitt. Der Ballhausschwur war sozusagen der Gründungsakt der Französischen Revolution: Die im Ballhaus (jeu de paume) von Versailles versammelten Vertreter des Dritten Standes schworen, nicht eher auseinander zu gehen, bevor nicht eine Verfassung verabschiedet worden sei.

Im Zentrum des Bildes steht Bailly, der Bürgermeister von Paris, der gerade den Eid vorspricht. Deutlich hat David die Begeisterung der Abgeordneten in Szene gesetzt, die -mit einer Ausnahme- den Beschluss mit ihrem Eid besiegeln: Er zeigt die große Menge, aber auch einzelne, detailgenau portraitierte Abgeordnete: Das Volk, dessen Souveränität hier beschworen  wird, ist nicht eine anonyme  Masse, sondern es konstituiert sich aus einer Vielzahl von Individuen. Durch die geöffneten Fenster des Ballhauses scheint das Licht (der Aufklärung), und der leichte Vorhang wird von dem frischen Wind bewegt, der durch den Saal und symbolisch auch durch ganz Frankreich weht.[6]

Hier ein Modell der Bastille, hergestellt aus einem Steinquader der abgerissenen Bastille. Schon am 15. Juli 1789, einen Tag nach der Erstürmung der Bastille, erhielt der Unternehmer Pierre-François Palloy den Auftrag, die Bastille abzutragen, womit etwa 800 Arbeiter beschäftigt waren. Während der größte Teil der Steine für Pariser Bauten wiederverwendet wurde, nutzte Palloy einen Teil davon gewinnbringend für die Herstellung von Souvenirs[7] – so wie das später dann ja auch mit Bruchstücken der Berliner Mauer geschah…. Jedes der neuen Départements erhielt ein solches Bastille-Modell.

Nicht fehlen darf in dem Museum natürlich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 (hier ein Ausschnitt). Frankreich versteht sich ja gerne als das „Vaterland der Menschenrechte“. Aber von Anbeginn an gab es immer eine gewisse Diskrepanz zwischen dem hehren Anspruch und einer mehr oder weniger dahinter zurückbleibenden Realität.[8] Nur ein Beispiel: So forderte am 14. September 1791 Olympe de Gouges in ihrer Deklaration  „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ die Gleichstellung von Mann und Frau.  Zwei Wochen davor war die Verfassung der konstitutionellen Monarchie mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als Präambel proklamiert worden, die -wie auch der spätere Code Napoléon- den Frauen die rechtliche Gleichstellung mit dem Mann verweigerte. Am 3. November 1793 wurde die mutige Vordenkerin der Rechte der Frau von den jakobinischen Machthabern guillotiniert – sie habe vergessen, was sich für ihr Geschlecht ziemt, hieß es.[9] Und auch heute noch gibt es genug Bereiche und Fälle, wo die Beachtung der Menschen- und Bürgerrechte zu wünschen übrig lässt. So wurde Frankreich seit 2012 acht mal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen eines inhumanen bzw. unwürdigen Umgangs mit Asylsuchenden verurteilt.[10] Aber leider fehlt es da in dem Museum an einer beigefügten historischen Einbettung und Problematisierung.

Diese Schreibgarnitur aus der Revolutionszeit trägt die Parole „Frei Leben oder Sterben“ (Vivre Libre ou Mourir), die auch Untertitel des Vieux Cordelier, einer von Camille Desmoulins herausgegebenen Zeitschrift war. Sie bezieht sich auf Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte: Die freie Mitteilung der Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte. Jeder Bürger kann also frei schreiben, reden und drucken unter Vorbehalt der Verantwortlichkeit für den Missbrauch dieser Freiheit in den durch das Gesetz bestimmten Fällen.

Diese Figur eines Soldaten aus Holz und Metall entstand zwischen 1789 und 1800 und stand vor einem Rekrutierungsbüro für die 1789 in Paris geschaffene und von La Fayette befehligte Nationalgarde.  Es handelte sich um eine Miliz von Freiwilligen, die dazu dienen sollte, im Frieden Ruhe und Ordnung vor Ort zu sichern und im Krieg die reguläre Armee zu unterstützen.

Das sind die Möbel der königlichen Familie während der Gefangenschaft im Tour du Temple an der Rue du Temple im Marais. Das war der -heute nicht mehr existierende-  Rest einer befestigten Anlage  der Tempelritter, die zu Beginn der Französischen Revolution von der Stadt Paris in ein Hochsicherheitsgefängnis umgewandelt worden war.   Am 10. August 1792 stürmten Revolutionäre das Tuilerien-Schloss, in dem die königliche Familie nach der gescheiterten Flucht arrestiert war. Die Zeit bis zur Hinrichtung Ludwigs XVI./Louis Capets  am 21. Januar 1793 verbrachte die Familie im Temple-Gefängnis.

Den Abschied des zum Tode verurteilten Ludwigs XVI. von seiner Familie am 20. Januar 1793 hielt der Maler Jean-Jacques Hauer in diesem im Museum ausgestellten Ölgemälde fest. Es ist auch wegen des Malers bemerkenswert. Der wurde nämlich als Johann Jacob Hauer im rheinhessischen Gau-Algesheim geboren. 1769 ließ sich Hauer in Paris nieder, wo er an der Kunstakademie Schüler von Jacques-Louis David wurde.

Im Sommer 1789 diente Jean Jacques Hauer, wie er sich inzwischen nannte,  als Kommandant im 2. Bataillon der Garde Nationale. 1792 wurde er als Kapitän der Nationalgarde Kommandant des Bataillons der Section des Cordeliers. Der nach dem Cordeliers-Kloster in der Rue de l’École-de-Médecine benannte Club des Cordeliers  zählte mit Georges Danton und Jean Paul Marat zu den radikalen Clubs unter den Revolutionären. Hauer überstand aber als Maler der Revolution und dann der Restauration die Umbrüche seiner Zeit unbeschadet.[11]

Ohrringe „à la guillotine“ mit phrygischer Mütze oben, an denen die Köpfe von Ludwig XVI. und Marie – Antoinette mit umgedrehter Königskrone baumeln (um 1880): Ein delikater Schmuck. Offensichtlich handelt es sich ein „republikanisches“  Ohrgehänge, mit dem die Guillotinierung  von Ludwig XVI. begrüßt wurde.

Natürlich wird auch das Zeitalters Napoleons ausführlich in dem Museum berücksichtigt – um so mehr,  als die Stadt ja wesentlich von seinen Bauten wie dem Arc de Triomphe, der Madeleine, der Rue de Rivoli etc geprägt wurde.

„Le cortège du Sacre de Napoléon I le 2 décembre 1804″ (Der Krönungszug am 2.Dezember 1804 auf dem Pont Neuf auf dem Weg nach Notre-Dame).  Gemälde von Jacques Bertaux (1745-1818). Ausschnitt

Das Bild zeigt die Kutsche mit Napoleon und Josephine bei der Überquerung des Pont Neuf auf dem Weg zur Kathedrale von Notre-Dame de Paris, wo die Krönung zum Kaiser und zur Kaiserin stattfand. Der mit der Initiale N versehene Wagen wurde speziell für diese Zeremonie gebaut. Insgesamt bestand der von Kavallerie gesäumte und begleitete Zug der Hochzeitsgäste aus über 40 luxuriösen Wagen. Die Balkone und Zimmer vor allem in der Nähe von Notre-Dame wurden an Zuschauer vermietet, die nichts von dem grandiosen Schauspiel verpassen wollten.[12]   

Dieses Ölgemälde von Robert Lefèvre zeigt Napoleon in der Uniform eines Obersten der Garde. Das Bild wurde 1809 von der Stadt Paris für den kaiserlichen Salon des Rathauses bestellt. Bemerkenswert ist übrigens, dass die Hand Napoleons auf eine Landkarte deutet, die Europa und Nordafrika abbildet. Immerhin hatte  Napoleon in diesem Jahr nach dem entscheidenden Sieg bei Wagram dem Kaiserreich Österreich den Frieden von Schönbrunn diktiert und damit den 5. Koalitionskrieg beendet. Napoleon wird damit als siegreicher Stratege und Feldherr gefeiert.

Mit einem großen Sprung geht es jetzt weiter zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der Pariser Commune.

Dies ist ein Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Jules Didier und Jacques Gulaud. Es zeigt den Abschied des jungen Kriegsministers Léon Gambetta, der am 7. Oktober 1870  von Montmartre aus mit dem Ballon L’Armand-Barbès das von deutschen Truppen eingeschlossene Paris verlässt, um von Tours und dann von Bordeaux aus den Widerstand zu organisieren. Rechts oben im Bildausschnitt sieht man  übrigens einen Käfig mit Brieftauben, die einen wesentlichen Beitrag zur Nachrichtenübermittlung mit der belagerten Stadt leisteten.  Im November marschierte dann die Loire-Armee Richtung Paris und am 30. November versuchten 70 000 Soldaten aus Paris den Belagerungsring an der Marne zu durchbrechen und sich mit der Loire-Armee zu vereinigen. Dieser Versuch scheiterte allerdings in der Schlacht von Champigny.[13]

Dies sind die Trümmer der Säule auf der place Vendôme. Errichtet wurde sie von Napoleon zur Feier seiner Siege und der „Grande Armée“. Am 16. Mai 1871 wurde die Säule mit der Napoleon-Statue an ihrer Spitze als ein Monument des Militarismus niedergerissen. Der Maler Gustave Courbet wurde dafür verantwortlich gemacht und nach der Niederschlagung der Commune dazu verurteilt, die Kosten für die Wiederaufrichtung zu zahlen. Da er dazu nicht in der Lage war, musste er Frankreich verlassen und den Rest seines Lebens im Schweizer Exil verbringen.[14]

Dieses Gemälde von Victor Darbaud zeigt die von dem Elsässer Bartholdi entworfene Freiheitsstatue, die in den Werkstätten Gaget-Gauthier in der rue de Chazelles in Paris hergestellt wurde. Zunächst wurden Einzelteile angefertigt, die dann neben der Werkstatt vorläufig zusammengefügt wurden. Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli 1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“. Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt, in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft.[15] 

Auch zu diesem Bild gibt eine spezielle Informationstafel für Kinder. Das bietet sich wohl auch deshalb an, weil es immerhin in Paris drei -natürlich kleinere- Versionen der Freiheitsstatue gibt…So kann an Vorkenntnisse der Kinder angeknüpft oder ihr Interesse geweckt werden.[16]

Für die glanzvolle Zeit der „belle époque“ steht das Bild von Louis Beroud, von dem hier ein Ausschnitt zu sehen ist.

Gezeigt wird der zentrale Kuppelbau der für die Weltausstellung von 1889 errichteten „galerie des Machines“, die auf dem Champ de Mars zwischen der Ecole militaire und dem  Eiffelturm errichtet wurde, der ebenfalls seine Entstehung der Weltausstellung verdankt.  Der Kuppelbau war kein Ort der Präsentation von Maschinen, sondern zentraler Begegnungsort der ganzen Weltausstellung.  Bewusst wird hier die Diversität des Publikums in Szene gesetzt: Die eleganten Damen und Herren der Bourgeoisie, der Offizier, die in landestypischer Tracht präsentierten Besucher aus den Provinzen und den Kolonien.  Die Konstruktion aus Metall und Glas und die reichlichen Vergoldungen sollen die Modernität und Prosperität Frankreichs vor Augen führen.[17]

 Le Chat Noir (Der schwarze Kater) war von 1881 bis 1897 ein berühmtes Pariser Kabarett in Montmartre.  Es war Ende des 19. Jahrhunderts ein Treffpunkt vieler Chanson- Sänger, Künstler, Schriftsteller und Schauspieler und wurde zu einem Inbegriff der Parise Bohème. Im Musée Carnavalet ist natürlich das berühmte Plakat des Kabaretts von Théophile Alexandre Steinlein zu sehen, ausgestellt ist aber auch das Werbeschild aus Blech, das sich am Eingang befand.

Dies ist eine Spardose der Firma Chocolat Menier, die um 1900 eine der bedeutendsten Schokoladenfabriken der Welt war. Der Sitz der Firma war in Noisiel an der Marne, heute residiert dort Nestle/France – ein außerordentliches, das Loire-Schloss Chenonceau aufgreifende Monument der Industriearchitektur. Der Erfolg der Menier-Schokoladen beruhte ganz wesentlich auch auf der damaligen revolutionären Werbestrategie, zu der auch diese Spardosen gehörten.[18]

Es muss schon eine besondere Bewandtnis mit einem unscheinbaren rohen Stück Kork haben, wenn es im Carnavalet-Museum ausgestellt ist. So ist es auch: Denn es handelt es sich um einen Teil der  „phonetischen Isolation“, die die Wände des Zimmers von Marcel Proust  im ersten Stock des Hauses 102, boulevard Haussmann bedeckte. Dort wohnte der Autor von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von 1907 bis 1919.

Proust hatte etwas ungewöhnliche Arbeitsgewohnheiten: Er stand gegen 13 oder 14 Uhr auf und legte sich bei Morgengrauen schlafen. Die Korkplatten sollten den hochgradig lärmempfindlichen Proust von den  Geräuschen der Straße und der Nachbarn abschotten. Im Carnevalet-Museum ist aber von Proust nicht nur dieses Stück Kork zu sehen, sondern es gibt auch das Bett und weitere seiner Einrichtungsgegenstände.[19]

Hier ein Plakat aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Wein für die Soldaten, die „poilus“, zu reservieren.

Das hat schon etwas sympathisch Folkloristisches. Wenn man aber am Pariser Père Lachaise an der langen Mauer mit den nicht enden wollenden Namen der im Krieg Gefallenen vorbeigeht oder auf der Autoroute de l’Est an den vielen Schildern mit Hinweisen auf blutige Schlachten dieses Krieges vorbeifährt,  dann wird direkt erfahrbar, wie schrecklich dieser in Frankreich „La Grande Guerre“ genannte Krieg war und wie tief er noch immer noch in das kollektive Gedächtnis  der Nation eingebrannt ist.[20]

Die „Goldenen Zwanziger“ von Paris werden glanzvoll repräsentiert durch den Ballsaal des hôtel Wendel. Es handelt sich hier nicht um ein Hotel im deutschen Sinne, sondern um das Stadtpalais einer reichen Industriellenfamilie, das am Quai de New York in Paris lag. Die Wandmalereien des katalanischen Künstlers José Maria Sert bedeckten die Decke und Wände des großen Saales, mit Ausnahme der drei Fenster, die sich zur Seine hin öffneten.

Hier ein kleiner Ausschnitt mit der Geburt der Venus aus einer Muschel. Insgesamt ein grandioses Ensemble, das sich seit 1989 im musée Carnalvalet befindet.

Zu der Zeit der Okkupation gibt es einige zeitgenössische Zeitungsausschnitte der offiziellen Vichy-Presse. Sie wurden regelmäßig dem Museum übergeben, um auch dort Propaganda für das Regime und Pétain zu machen. Hier ein Foto von dem Besuch Pétains in Paris am 26. April 1944. Anlass waren die alliierten Bombardements vom 21. April, die -in Vorbereitung der Landung in der Normandie- der Verkehrsinfrastruktur galten, aber auch zahlreiche zivile Opfer forderten. Pétain wurde zunächst in allen Ehren von dem Pariser Kardinal Suhart empfangen und nahm an einer Messe zur Erinnerung an die Opfer teil. Danach hielt er vom Balkon des Pariser Rathauses eine Ansprache an die große dort versammelte Menge.[21]

Natürlich ist hier auch die Vichy-Propaganda am Werk, aber für die alliierten Bombardements von 1943 und 1944 hatte die französische Bevölkerung wenig Verständnis und nach dem Urteil seriöser Historiker hatte Pétain, der Sieger von Verdun, sich bis zuletzt eine erhebliche Popularität bewahrt, die sich gerade bei diesem Besuch von Paris noch einmal zeigte.[22]  Es ist immerhin bemerkenswert, dass das Museum diese gerne übergangene und eher peinliche Episode nicht ausspart, widerspricht sie doch dem weitverbreiteten Mythos vom im Kampf gegen den Besatzer geeinten Frankreich. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass eine große Menschenmenge noch am 26. April 1944 Pétain zujubelte. Genau vier Monate später, am 26. August 1944, jubelte eine große Menschenmenge dann de Gaulle zu, anlässlich der Befreiung von Paris.[23]

Teller zur Erinnerung an die Befreiung von Paris
Schuh in den Farben der alliierten Flaggen. Gestiftet der Stadt Paris von der Schuhmacherei Manoukian „in Erinnerung an die Befreiung von Paris 19-26 August 1944. Vive la France et ses Alliés“

Dieses Gemälde Robert Humblots von 1956 zeigt die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit. 1947 eröffnete sie Le Tabou, einen Keller im Quartier Latin, in dem Cocteau, Gaston Gallimard, François Mauriac, Jean Genet, Simone Signoret, Marlene Dietrich,  Orson Welles, Truman Capote und viele andere verkehrten. Die Texte ihrer ersten Lieder stammten von Jean-Paul Sartre, Jacques Prévert und Raymond Queneau, die Musik von Joseph Kosma, der besonders als Komponist von Filmmusiken erfolgreich war. Gréco erreichte zwar nie die Popularität von Edith Piaf, aber sie verkörpert wie kaum jemand sonst das intellektuelle Frankreich der Nachkriegszeit.

                                     Cartier-Bresson: Brasserie Lipp, Saint-Germain-des-Prés, 1969

Wie wunderbar hat der Fotograf Henri Cartier-Bresson mit diesem Foto den Generationenbruch von 1968/69 im Bild festgehalten! Cartier-Bresson war auch die Eröffnungsausstellung des renovierten  Museums gewidmet: Henri Cartier-Bresson- Revoir Paris (bis 31. Oktober 2021).

Plakate der Revolte von 1968 aus dem Atelier populaire in der von Studenten besetzten Pariser Kunsthochschule[24]

Zwischendurch und/oder zum Abschluss bietet sich eine Ruhepause in den Höfen des hôtel Carnavalet an. Dort wurde ein weitläufiges Café (Les jardins d’Olympe) eingerichtet.

Bild von Veronique Delacroix aus: http://blogpdj.info/2021/10/01/la-reouverture-de-carnavalet/

Bei entsprechender Witterung ist das ein wunderbarer Ort der Ruhe im quirligen Marais.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc00762-carnavaoet-17-1.jpg.

Es herrscht Selbstbedienung. Sein Essen erhält man in kleinen Blechgefäßen, die mich ein wenig an die Quäkertöpfe der Nachkriegszeit erinnern. Aber zwischen dem, was darin damals und jetzt hier geschmacklich und ästhetisch enthalten war/ist, liegen Welten….  


Anmerkungen

[1] https://twitter.com/ltdla/status/1353676110618308618 In der anlässlich der Neueröffnung herausgegebenen Sonderbeilage von Le Point (Carnavalet. Renaissance d’un musée) ist von 3800 Ausstellungsstücken und 625000 Objekten im Depot die Rede.

[2] Nachfolgendes Bild aus: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-bras-de-fer-autour-de-la-plaque-au-negre-joyeux-31-05-2019-8083749.php

[3] Siehe u.a.: Didier Rykner, Enseigne « Au Nègre Joyeux » : la Mairie de Paris réarrange l’histoire à sa façon.In: La tribune de l’art vom 7.1.2020. Allgemein zu diesem Thema:  Ortwin Ziemer und Séverine Maillot,  Postkolonialer Bildersturm https://dokdoc.eu/politik/5869/postkolonialer-bildersturm/

[3a] Siehe dazu den Blog-Beitrag „Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks“ https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

[4] Zu Ledoux siehe auch: https://paris-blog.org/2020/06/01/ledoux-lavoisier-und-die-mauer-der-generalpaechter/ und  https://paris-blog.org/2020/06/15/die-mauer-der-generalpaechter-2-die-vier-erhaltenen-barrieren-von-ledoux/ und https://paris-blog.org/2019/07/14/die-grosse-saline-von-salins-les-bains-und-die-koenigliche-saline-von-arc-et-senans-unesco-weltkulturerbe-im-jura/

[5] Zu Rousseau siehe auch: https://paris-blog.org/2020/09/10/die-rousseau-sammlung-des-museums-jacquemard-andre-im-ehemaligen-koniglichen-kloster-chaalis/v und https://paris-blog.org/2020/09/01/der-park-jean-jacques-rousseau-in-ermenonville-der-erste-landschaftspark-auf-dem-europaeischen-kontinent-und-die-erste-begraebnisstaette-rousseaus/  Dazu auch den geplanten Bericht über den Kult der großen Männer im Pantheon.

[6] https://histoire-image.org/fr/etudes/serment-jeu-paume-20-juin-1789

[7] Siehe:  https://www.paris.fr/pages/5-oeuvres-incontournables-a-decouvrir-au-musee-carnavalet-17279

[8] Siehe z.B.  https://www.lemonde.fr/idees/article/2020/12/03/la-france-peu-coherente-patrie-des-droits-de-l-homme_6062003_3232.html

[9] https://www.deutschlandfunk.de/vor-225-jahren-olympe-de-gouges-tritt-fuer-die-rechte-der.871.de.html?dram:article_id=365657

[10] Siehe zum Beispiel: https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/07/22/la-france-condamnee-par-la-cedh-pour-la-retention-d-une-malienne-et-de-son-bebe_6089236_3224.html und https://www.lacimade.org/la-france-condamnee-par-la-cour-europeenne-des-droits-de-lhomme/ und https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-07/menschenrechte-migranten-frankreich-urteil-europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Hauer

[12] https://www.napoleon.org/jeunes-historiens/napodoc/43085/

Nachfolgendes Napoleon-Portrait aus: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carnavalet_-_Napol%C3%A9on,_by_Lefevre_01.jpg

[13] Siehe dazu den Blog-Beitrag https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/  Ein spezieller Blog-Beitrag über die Schlacht von Champigny und ihre Rezeption in Frankreich und Deutschland ist geplant.

[14] Mehr zum  Sturz der Vendôme-Säule und der Rolle Courbets auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[15] https://paris-blog.org/2017/02/23/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-in-paris-teil-2-die-vaeter-von-miss-liberty/

[16] https://paris-blog.org/2017/03/01/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-teil-3-die-freiheitsstatuen-von-paris/

[17] Nicolas Courtin, Le dôme central à l’exposition universelle de 1889. In: L’histoire par l’image, September 2004.   https://histoire-image.org/de/etudes/dome-central-exposition-universelle-1889

[18] Zur Schokoladenfabrik Menier siehe auch: https://paris-blog.org/2019/05/23/le-chocolat-menier-1-die-schokoladenfabrik-in-noisiel-an-der-marne-repraesentative-fabrikarchitektur-und-patriarchalischer-kapitalismus-im-19-jahrhundert/ und https://paris-blog.org/2019/06/01/le-chocolat-menier-2-die-villen-der-familie-im-8-arrondissement-von-paris-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise/

[19] Siehe: https://www.liberation.fr/culture/2010/07/30/dans-le-bordel-de-marcel_669289/

[20] Siehe dazu: https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/ und https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ und https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/

[21] https://www.youtube.com/watch?v=508EWoNE4fM

[22] Siehe z.B. Jean-Jacques Becker, Pétain. In:  Dictionnaire historique de la vie politique française au XXe siècle.  Paris, PUF, 1995, Seite 787. Zu der Reaktion auf die alliierten Bombardements Frankreichs siehe: Robert O. Paxton, La France de Vichy 1940-1944. Paris: Éditions du Seuil 1973, S. 289

[23] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

[24] Siehe dazu auch: https://paris-blog.org/2018/05/01/50-jahre-mai-1968-plakate-der-revolte-eine-ausstellung-im-musee-des-beaux-arts-in-paris/

Es gibt auch eine französische Übersetzung des Beitrags:

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Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie: Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem Buch Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen  von  Zora del Buono.  Die Autorin hat ein Jahr lang eine Reise „zu fünfzehn der ältesten und größten Individuen der Erde“ unternommen, außergewöhnlichen Bäumen, deren Portraits in diesem Buch versammelt sind.  Es sind ganz unterschiedliche Baumarten –Eibe, Sumpfzypresse, Kiefer, Pappel, Riesenmammutbaum, Esskastanie, Eiche, Arve, Linde- und sie befinden sich in mehreren Ländern:  Schweden, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Italien und den USA.

Die von Zora del Buono ausgewählten Bäume sind einzigartig. Sie haben eine eigene Persönlichkeit, befinden sich in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, haben oft eine aufregende Geschichte. Einer dieser Bäume ist so mächtig, dass er sogar eine Kapelle und die Behausung eines Eremiten beherbergen konnte.  Es ist die Stiel-Eiche von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ich bin sehr froh darüber, dass der Verlag Matthes&Seitz zugestimmt hat, das Portrait dieses Baumes in den Paris- und Frankreich-Blog aufzunehmen.  Die Normandie war schon wiederholt Schauplatz von Beiträgen in diesem Blog, aber die bezogen sich auf den Zweiten Weltkrieg und darauf, wie aus früheren Feinden Freunde geworden sind.[1] Hier geht es nun um einen sehr alten und immer noch sehr lebendigen Baum, den wohl ältesten Frankreichs.  Er hat schon viel erlebt und überlebt, „Wikinger, Freibeuter, exaltierte Kleriker und mistgabelschwenkende Bauern“. Zora del Buono stellt ihn uns vor. Bonne lecture!

Le Gros Chêne- Die Eiche von Allouville-Bellefosse.

Quercus robur  Stiel-Eiche

  • rund 1200 Jahre/ Höhe: 18 Meter/ Stammumfang:  15 Meter
  • Allouville-Bellefosse, Haute-Normandie, Frankreich / 49⁰ 59’ N,  0⁰ 67’ O/ 135 Meter ü.M.

„Ganz schön phallisch“, bekommt meist zu hören, wer ein Bild der Eiche von Allouville-Bellefosse herumreicht. Und in der Tat, wenn man vor ihr steht, sieht sie aus, als sei ihrem Hauptstamm ein grüngestricktes Kondom übergestülpt worden, einem Stamm ohne Äste, gerade deswegen aber von kräftiger, geradezu viriler Statur, aufrecht aus buschigem Laubwerk ragend, von einem Hütchen bedeckt und einem Kreuz gekrönt.

Und weil wir uns in Frankreich befinden, wird der Eindruck noch ergänzt durch eine andere Assoziation, jene Verlockung, die Gustave Courbet 1866 in seinem wunderbaren Gemälde L’Origine du monde verewigt hat: den Schoß einer Frau, eine Vulva, im Fall unserer Stiel-Eiche in Form eines wohlgeformten Schlitzes im Stamm, durch den sich hineinzwängen kann, wer der Verheißung im Innern nachspüren will,

…..  und den dort eine Marienstatue empfängt und ein Blumentopf auf dem Altar, vom Licht einer Lampe beschienen, die aufglimmt, sobald man die intarsienverkleidete Höhle betritt. Es duftet nach feuchtem Holz und ein wenig nach Muff, und wenn jemand vor einem darin war, vielleicht auch nach Parfüm.

Dass ein Baum eine Kapelle beherbergt, ist ungewöhnlich. Dass ein Baum mit Schindeln verkleidet wurde, nicht minder. Dass ein Baum drüber hinaus eine Kammer für einen Eremiten birgt, im Obergeschoss gewissermaßen, ist eine Stilblüte besonderer Art. Zu verdanken sind diese Kapriolen zwei Männern von ausgeprägter Fantasie, einem Pfarrer und einem Abt, Père de Cerceau und Abbé du Détroit.

Die Eiche war schon achthundert Jahre alt, als die beiden 1696 auf die Idee kamen, aus dem Friedhofsbaum von Allouville das exaltierteste Kirchenmonument Frankreichs zu machen. Allouville-Bellefosse ist heute ein blumengeschmücktes Dorf voller Fachwerkhäuser, gut tausend Menschen leben hier. Auffällig in der gesamten Gegend sind die in strenger Linie dicht nebeneinander gepflanzten Bäume, meist Buchen, die auf eigens geschaffenen Wällen ein oder zwei Meter höher stehen; manchmal umzingeln sie die Gehöfte, auch in doppelter Reihe und schützen diese so vor dem Westwind, der vom Meer her über die flache Landschaft peitscht; clos-masure  wird diese eigenwillige Pflanzung genannt. Allouville-Bellefosse liegt auf einem Plateau, unten fließt die Seine in großen Schleifen, es ist nicht weit bis nach Le Havre und zur Mündung in den Atlantik, die Seine ist breit und bei Flut strömt sie in die verkehrte Richtung. An ihrem Ufer hat Victor Hugo gewohnt und William Turner die Flusslandschaft  gemalt, vier Mal kam er hierher, sein englischer Auftraggeber war der Verleger einer damals neuen Buchgattung, des Reiseführers. An Herbstmorgen wie diesem wabern Nebelschwaden über dem Fluss, aber in Allouville oben scheint die Sonne, kaum ein Mensch ist zu sehen, nur selten hält ein Auto und jemand stürzt in ein Geschäft, den Motor lässt er laufen. Am zentralen Platz im Dorf gibt es neben der Kirche zwei Kneipen, den Fleischer, die Charcuterie, den Coiffeur, die Apotheke und natürlich die dicke Eiche, Le Gros Chêne.

Die einen sagen, sie sei im Jahr 911 gepflanzt worden, zur Feier der Gründung der Normandie, als Karl der Einfältige, der auf Französisch den etwas ansprechenderen Namen Charles le Simple trägt, mit dem Normannen Rolle, der den letzten Wikingereinfall auf Frankreich kommandierte, einen Vertrag abschloss und dem Mann aus dem Norden die Grafschaften und Bistümer, die heute der Region Haute-Normandie entsprechen, abtrat. Der heidnische Rolle ließ sich taufen, nannte sich Robert und heiratete Gisela, eine uneheliche Tochter Karls. Andere, Botaniker vor allem, glauben, die Eiche sei hundert Jahre älter, habe also um das Jahr 80 gekeimt. Auf jeden Fall stand sie schon als mächtiges Wahrzeichen da, als der berühmteste Bürger Allouvilles 1585 neben ihr in der damals noch hölzernen Kirche St. Quentin getauft wurde: Pierre Belain d’Esnambouc. Dessen wegen Kriegsturbulenzen hochverschuldete Eltern waren gezwungen, sein Erbe, die Herrschaft Esnambouc, zu verkaufen. Der Achzehnjährige heuerte in Le Havre an, auf einem kleinen Schiff, das in die Karibik segelte. Pierre Belin d’Esnambouc wurde einer der bekannten Freibeuter Frankreichs, Kapitän eines mit einem für die „Küsten von Guinea und Brasilien und andere Orte“ geltenden Kaperbrief ausgestatteten Segelschiffs, der mit Vorliebe spanische Geleonen überfiel. Auf der Insel St. Kitts lernte er ehemalige Piraten kennen, die Tabak anpflanzten, segelte nach Frankreich und überzeugte Kardinal Richelieu, ins Tabakgeschäft einzusteigen. Nach allerlei Auseinandersetzungen mit Engländern und einheimischen Kalinago gründete d’Esnambouc auf Martinique die erste französische Kolonie der Karibik. Während dieser verwegenste Bürger Allouvilles in tropischen Gefilden in unzählige Abenteuer und Gemetzel verwickelt war, hatte auch die Eiche seines Heimatdorfes Gewalteinwirkungen zu verkraften. Sie wurde durch Blitzeinschläge und Unwetter mehrerer Hauptäste beraubt und auch gekappt, war nun kein hoher Baum mehr, sondern nur noch einer mit einem dicken Stamm.

Der Jesuit Jean-Antoine de Cerceau verwaltete als Priester Ende des 17. Jahrhunderts nicht nur Friedhof und Kirche der Gemeine Allouville, sondern auch die dazugehörige Eiche. Er und sein lustiger Freund du Détroit wollten eines Tages wissen, wie viele Kinder wohl in den hohlen Stamm passen würden. Die beiden Geistlichen trommelten die Schulkinder des Dorfes zusammen und stopften sie gewissermaßen in den Baum, hintereinander, ineinander, übereinander. Vierzig Kinder fanden angeblich Platz, das Experiment war ein voller Erfolg und das Baumumfunktionierungsprojekt geboren: Unten sollte eine öffentlich zugängliche Kapelle eingebaut werden, oben eine private Kammer, eine Klausurzelle für Père du Cerceau, die er über eine sich um den Stamm windende Treppe erreichen konnte.

Denn du Cerceau war nicht nur Priester, sondern auch Dichter, er schrieb vor allem Komödien, die in Jesuitenschulen aufgeführt wurden; die beiden Herren müssen viel Spaß gehabt haben, während sie über ihren Plänen saßen, womöglich war auch Rotwein mit im Spiel.

Man darf die Eremitenkammer nicht geräumig denken, kaum vorstellbar, dass hier neben einer Schreibstelle ein Bett Platz gefunden haben soll. Auch die Kapelle ist winzig, 1,75 auf 1,20 Meter, die Raumhöhe allerdings liegt bei angenehmen 2,30 Mtern, und blick man nach oben, sieht man nicht nur die rissige Innenseite des Baumes, sondern auch all die Metallverstrebungen, die im Laufe der Zeit eingebaut wurden, um dem eigenwilligen Raum Stabilität zu verleihen und den Boden der darüberliegenden Kammer abzusichern.

An diesem Baum kann man sehr deutlich erkennen, dass das Leben der Bäume in den äußersten Schichten steckt, auf das tote Kernholz kann getrost verzichtet werden, wichtig ist allein, dass das teilungsaktive Kambiumgewebe intakt ist und nach innen Splintholz bildet und nach außen Bast, damit Wasser und Mineralien aus dem Boden durch die Kapillaren der neu gebildeten Splintholzzellen von der Wurzel in die Krone und die in den Blättern gebildeten Zucker und andere Nährstoffe durch den Bast von der Krone in die Wurzeln gelangen können. Dass auf der Borke Quadratmeter um Quadratmeter Holzschindeln angebracht wurden, scheint der Eiche nicht allzu sehr geschadet zu haben, sie ist eine der ältesten Stiel-Eichen überhaupt; keine der sogenannten Tausendjährigen Eichen, derer Deutschland sich rühmt, hat das Alter dieses doch recht malträtierten Exemplars erreicht. Seit der Abt und der Pfarrer die Kapelle gesegnet und der Jungfrau Maria geweiht haben, finden hier Gottesdienste statt, noch heute zweimal im Jahr. Historische Fotos zeigen den Pfarrer im Talar neben dem geschlitzten Eingang, der immer schmaler wird, weil die Eiche weiter wächst, die Kirchgemeinde steht in Sonntagskleidung bis auf die Straße hinaus.

 Nachdem Père du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

ère du Cerceau Allouville verlassen hatte, um am Hof von Versailles Lehrer zu werden, blieb die Eremitenkammer leer. Sein Ende übrigens war so spektakulär wie sein Leben: Einer seiner Schüler spielte an einer Waffe herum und erschoss ihn aus Versehen.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Es ist aber nicht so, dass mit dem Umbau der Kapelle Ruhe eingekehrt wäre in Allouville, zu viele originelle Geister leben in dieem Dorf, Roger Devaux ist einer. Weißhaarig, langbärtig und verwildert wie ein alter Wikinger oder Appenzeller- Devaux nämlich liebt das Appenzell, was eine eher ungewöhnliche Vorliebe für einen Nordfranzosen sein dürfte-, ist er nicht nur der Lokaljournalist, sondern auch der Organisator des Vélosolexclubs, des jährlichen Oldtimerrennens, der Heiligenausstellung mit tausendzweihundert Heiligenstatuen aus fünfundachtzig Ländern, des Vereins zur Förderung der Trachtenkultur für Jugendliche, des Rentnerausflugs zum Münchner Oktoberfest, und vor allem ist er der Fürsprecher der Eiche. Er hat mehrere Bücher über den Baum veröffentlicht, auch eine Postkartensammlung mit Lithografien und historischen Fotos: spielende Kinder, Hündchen natürlich, Nonnen, Damen in eleganten Roben, die aus Kutschen steigen, und sogar traditionell arabisch gekleidete Spahi, nordafrikanische Kavalleristen, die im Ersten Weltkrieg für Frankreich kämpften. Am Abend wird Roger Devaux anlässlich der Preisverleihung zum schönsten Baum der Nation im Fernsehen zu sehen sein, neulich sprach er im japanischen Fernsehen, und ihm ies es zu verdanken, dass Le Gros Chêne bei den Koreanern einen Kultstatus erreicht hat, sie reisen in Bussen an.

Devaux sitzt oft nach der Arbeit im Le Pousserdas, einer mit Holz verkleideten und Fototapete geschmückten Bar gegenüber der Eiche. Die Bar ist auch der Tabakladen des Dorfes, am Tresen stehen Männer vor ihren Schnapsgläsern. Als Reporter des Courrier Cauchois müsse er aufpassen, was er über die Leute schreibe, ein Fünkchen Wahrheit könne einen Flächenbrand entfachen, sagt Devaux. Und so gehen wir sicherheitshalber zu den historischen Wahrheiten über und er zückt die Lithografie eines anderen wahnwitzigen Baumes, einer Rotbuche, die in direkter Nachbarschaft der Eiche gelebt hatte: Auch ihre Krone ist nicht mehr naturbelassen, sondern zu einem raumhohen, messerscharfen Zylinder geschnitten, eine Leiter führt zur türgroßen Öffnung im Blattwerk, ein Mann steigt hinauf, ein weiterer nimmt ihn oben in Empfang, unterhalb der Leiter liegt ein anderer lasziv im Gras, die quadratischen Baumfenster sorgen für Licht im Inneren, sechzehn Menschen sollen in der Buche um einen runden Tisch herum getafelt haben. Dieser Baum hat die Französische Revolution nicht überlebt, er war wohl zu dekadent, die Revolutionäre haben ihn angezündet.

Le Gros Chêne hätte beinahe das gleiche Schicksal ereilt, zumal sie ein religiöser Ort war und man ihr allerlei magische Kräfte angedichtet hatte. „Weg mit dem mystischen Unsinn!“, lautete das aufklärerische Credo, doch als 1793 eine Gruppe „von Alkohol und demagogischer Wut trunkener“ Revolutionäre die Eiche abfackeln wollte, soll der Lehrer Jean Baptiste de Bonheur in Windeseile die Jungfrau Maria entfernt und eine Tafel mit der Aufschrift Temple de la raison an dem Baum montiert haben, der die Furiosen wie durch ein Wunder von der Zerstörung abhielt, vielleicht lag es auch an den Bauern, die ihren geliebten Baum mit Mistgabeln verteidigten. Andere Kirchhofbäume brannten lichterloh, diese Eiche blieb unbeschadet stehen.

Was den Aufklärern nicht gelang, hätten 1988 beinahe die Behörden geschafft. Der alte Baum war in Schieflage geraten, eine unerfreuliche Neigung zur Straße hin. Experten wurden angefragt, ein englischer Professor plädierte dafür, die Eiche zu fällen, sein französischer Kollege hielt dagegen. Der Stamm war zudem von Moos überwuchert, die Rinde beschädigt, der Baum litt unter Pilzbefall. Die Gemeinde stellte sich auf die Seite des einheimischen Experten, ein aufwändige Sanierung wurde veranlasst und seither wird der Baum gestützt und gehalten, er ist das Herz von Allouville-Bellefosse.

In der Kirche selbst sei nicht mehr viel los, sagt Devaux, sie hätten einen engagierten jungen Pfarrer aus Afrika hiergehabt, aber die Einheimischen hatten ihn loswerden wollen, ein fremder Schwarzer, unmöglich. Jetzt komme einmal im Monat ein Pfarrer aus dem Nachbarort und halte die Messe, ansonsten verwaise die Kirche, das hätten sie nun davon, diese guten Katholiken, schimpft Devaux. Der vertriebene Pfarrer ist nach Kamerun zurückgekehrt, die Geschichte sei, so Devaux, die Schande des Dorfes, darüber könnten auch die hübschen Rabatten nicht hinwegtäuschen. Er höre auf keinen Fall damit auf, die Welt nach Allouville-Bellefosse zu holen, gerade stehe er mit Baumfreunden aus Singapur im Gespräch. Aber all diese chasseurs d’arbres, die Baumjäger, fänden sowieso ihren Weg in die Normandie, so wie Rob McBride, der in der internationalen Baumszene berühmte Engländer, der sich offiziell treehunter nennt, oder der Italiener, der für die Mailänder Gaswerke arbeitet und in seiner freien Zeit dicke Eichen vermisst, nicht dicke Bäume, nein, nur dicke Eichen.

Vor lauter Wikingern, Freibeutern, exaltierten Klerikern und mistgabelschwenkenden Bauern, vor lauter Schindeln, Metallstreben, Treppen und Treppchen, Trockenblumen, Phalli und anderen Obszönitäten mag man fast vergessen, wer hier eigentlich vor einem steht: ein sehr, sehr alter Baum. Ein sehr lebendiger alter Baum zudem, der wächst und gedeiht und seine Form verändert, der Schindeln sprengtr und gegen Metallklammern kämpft, die in seine Äste einzuwachsen drohen. Ein Baum, der, falls er gesund bleibt und man ihn lässt, den Venusschlitz in seinem Stamm immer mehr zusammenziehen wird, bis kein Mensch sich mehr in sein Inneres zwängen kann und die Jungfrau Maria einsam im Dunkeln steht, um irgendwann verschlungen zu werden.

Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen

Erschienen in der Reihe Naturkunden, herausgegeben von Judith Schalansky

© 2015 MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Alle Rechte vorbehalten.

Anmerkung:

[1] https://paris-blog.org/2016/04/29/normandie-teil-1-die-allgegenwaertige-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2016/05/08/normandie-teil-2-schattenseiten-der-vergangenheit/ 

https://paris-blog.org/2019/06/07/6-juni-1944-aus-feinden-werden-freunde/ 

https://paris-blog.org/2021/04/14/himmlische-freundschaft-ein-gastbeitrag-von-michaela-wiegel/

Bildnachweise:  

Zora del Buona, S. 96 und 103;

https://de.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%E2%80%99Allouville

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Chnedallouville7.jpg

Le vieux chêne d’Allouville-Bellefosse (Seine-Maritime) – Krapo arboricole (wordpress.com)

https://fr.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%27Allouville  (Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert. Abgedruckt  in: René Dumesnil, La Seine normande, 1938, S. 62

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„Nous la Commune“: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

2021 werden/wurden in Frankreich zwei Jahrestage begangen, die beide Anlass zu teils heftigen Kontroversen waren: Der 200. Todestag Napoleons und der 150. Jahrestag der Pariser Commune. In Paris gab es eine Fülle von Aktionen und Aktivitäten, die an die Pariser Commune erinnerten.

Dazu gehört/e auch die Ausstellung „Nous la Commune“ an der Place de la Bastille.

Der Bastille – Platz bietet sich für eine solche Ausstellung natürlich besonders an, denn damit wird die Commune in die revolutionäre Tradition Frankreichs gestellt: In den vorausgegangenen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 spielte die place de la Bastille ja eine zentrale Rolle. Und auch in der Zeit der Commune war der Bastille-Platz ein „épicentre de la mobilisation populaire“. [1]

Dazu zeigt sich der Platz nach mehreren Jahren der Umgestaltung in neuem Glanz: Etwas verkehrsberuhigt wird er nicht mehr allein von dem Autoverkehr beherrscht und völlig zerschnitten. Dazu hat er durch einen direkten Zugang vom und zum Arsenal-Hafen zusätzliche Attraktion gewonnen.

Die neue Treppe zwischen  der place de  la Bastille und dem Arsenal-Hafen. Im Hintergrund die Säule zur Erinnerung an die Opfer der Juli-Revolution von 1830

Insgesamt sind an dem Zaun zur Metro-Station und zum Arsenal-Hafen 50 „Pappkameraden“ mit den Portraits von Kommunarden befestigt: Es sind Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, sozialer Zugehörigkeit, nationaler bzw. geographischer Herkunft, unterschiedlicher politischer Tendenzen und mit ganz verschiedenem beruflichem Hintergrund.  Teils findet man hier prominente Gestalten der Commune wie Louise Michel, Jules Vallès oder Gustave Courbet, teils kaum bekannte Männer und Frauen, die sich auf unterschiedliche Weise in der Commune engagiert haben. Sie hier aufzunehmen war den Machern der Ausstellung besonders wichtig: „Nous la Commune“ soll gerade die breite Anhängerschaft der Commune in der Pariser Bevölkerung aufzeigen. Eine Beschränkung auf die „Prominenz“ wäre diesem Anspruch kaum gerecht geworden.  Vielen der Abgebildeten wurde deshalb, weil entsprechende zeitgenössische Darstellungen fehlen, hier vielleicht zum ersten Mal visuelle Gestalt gegeben.  Unterschiedlich ist auch das Schicksal der in die Ausstellung aufgenommenen Personen: Manche sind im Kampf getötet worden, andere wurden in oder nach der „Blutwoche“, der  semaine sanglante,  erschossen oder deportiert, wieder andere gingen ins Exil. Einige wenige konnten aber auch ihr voriges Leben fortsetzen. Den Figuren der Ausstellung sind jeweils entsprechende Informationen beigegeben: zum Beispiel ein Rednerpult für gewählte Mitglieder der Commune, eine phrygische Mütze für Anhänger des Jacobinismus, ein Schiff für die Deportierten, ein Totenkopf für die im Kampf Gefallenen….  Dazu gibt es jeweils einen kleinen biographischen Text. Insgesamt eine anschauliche und anregende Präsentation am passenden Ort: Nicht nur wegen der revolutionären Tradition des Bastille-Platzes, sondern auch wegen seiner Belebt- und neuerdings auch gesteigerten Beliebtheit. So müssen die Menschen nicht Barrieren überwinden, um zur Ausstellung zu kommen, sondern diese kommt zu ihnen.

Die nachfolgende Zusammenstellung ist keine Dokumentation der Ausstellung, Es wird nur eine Auswahl von 18 Personen vorgestellt, dabei aber versucht, entsprechend dem Anspruch der Ausstellung einen Eindruck von der großen Vielfalt zu vermitteln, die für die Pariser Commune charakteristisch ist. Diese Vielfalt ist ein wesentlicher Grund für die Dynamik und die Ausstrahlung dieser 72 Tage. Die ausgewählten Personen sind in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Die beigefügten Texte orientieren sich weitgehend an den Informationen, die den Figuren der Ausstellung beigegeben sind.

Mohamed Ben Ali

Mohamed Ben Ali war tirailleur algérien, also einer von 9000 aus Algerien stammenden Soldaten, die am deutsch-französischen Krieg teilnahmen. Sie wurden auch wegen ihrer Aufmachung „turcos“ genannt.

Die meisten wurden im März 1871 nach dem Vorfrieden zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich repatriiert. Einige wenige wie Mohamed Ben Ali schlossen sich der Commune an. Er wurde Ordonanz bei Maxime Lisbonne (s.u.) und kam bei den Kämpfen in der semaine sanglante ums Leben.[2]

Henry Champy

Während der Belagerung von Paris herrschte ein großer Mangel an Lebensmitteln, von deren Zufuhr die Stadt abgeschnitten war. Die Elefanten Castor und Pollux im Jardin d’acclimatation wurden getötet, und in den feinen Restaurants wurden Kamelschnitzel und Antilopenragout angeboten. Für die armen Leute blieben Katzen, Hunde und Ratten. Henry Champy wurde von der Commune beauftragt, die Versorgung der Bevölkerung zu organisieren und zu verbessern. Städtische Kantinen wurden eingerichtet, der Zwischenhandel unterdrückt und die Preise reglementiert.

Die Abbildung Champys in der Ausstellung lehnt sich an ein Bild Narcisse Chaillous an[3]:

Es zeigt einen Verkäufer von Ratten während der Belagerung von Paris 1870: Der Metzger krempelt seine Ärmel hoch, als ginge es darum, ein großes Stück Fleisch zu zerlegen… Beim Champy-Bild der Ausstellung ist die Ratte mit einer preußischen Pickelhaube ausgestattet: Die  Niederschlagung der Commune erfolgte zwar durch die offiziellen Truppen der Französischen Republik, den sogenannten Versaillais, allerdings „mit freundlicher Unterstützung“ von deutscher Seite. 

Jean-Baptiste Clément

Der Sänger und Liedermacher Jean-Baptiste Clément aus Montmartre  war wegen seines politischen  Engagements unter dem Kaiserreich Napoleons III. verurteilt worden. Mit dem Sturz des Kaisers erhielt er seine Freiheit zurück und engagierte sich in der Nationalgarde. Während der Commune wurde l’artiste, wie er auch genannt wurde, zum Vertreter Montmartres gewählt und Bürgermeister des Stadtviertels. Nach der Niederschlagung der Commune wurde er zur Deportation verurteilt.

Seine Prominenz verdankt Clément vor allem seinem schon 1866 geschriebenen Liebeslied Le temps des cérises, das zur Hymne der Commune wurde. Clément widmete es 1885  «à la vaillante citoyenne Louise»,  der wachsamen Bürgerin Louise Michel (s.u.).[4]

In dem Lied singt auch die merle moqueur, die Spottdrossel, die hier auf seinem Arm sitzt. Eine schöne deutsche Version des Liedes, gesungen während der Zeit der deutschen Wende, stammt von Wolf Biermann:                                                                                                                                                                     http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Gustave Courbet

In einer solchen Ausstellung darf natürlich der Maler Gustave Courbet nicht fehlen. Noch während der Belagerung von Paris wurde er von der republikanischen Regierung beauftragt, den Schutz der Museen zu organisieren, während der Commune wurde er gewissermaßen  zum Kultusminister gewählt. Als Anhänger von Proudhon setzte er sich besonders für das Prinzip der Selbstverwaltung und für die Unabhängigkeit der Kunst von staatlicher Bevormundung ein.

Verhängnisvolle Konsequenzen hatte für  Courbet die Zerstörung der von der Statue Napoleons gekrönten Säule auf der place Vendôme, die den Sieg der Grande Armée in der sogenannten 3-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz gegen Österreicher und Russen feierte. Courbet hatte zwar gefordert, die Säule als Ausdruck der Kriegsverherrlichung zu entfernen und in den Hof des Hôtel des Invalides zu verlegen; als aber die Commune am 12. April 1871 ihre Zerstörung beschloss, war Courbet noch nicht deren Mitglied, also auch nicht beteiligt.  Trotzdem wurde er nach Niederschlagung der Commune  dazu verurteilt, die Kosten für den Wiederaufbau der Säule zu tragen. Da er dazu nicht in der Lage war, blieb ihm nur das Exil in der Schweiz, wo er auch starb.[5]

Gaston Crémieux

Die Aufnahme von Gaston Crémieux in die Ausstellung weist darauf hin, dass es neben der Commune von Paris auch entsprechende Bewegungen in anderen Städten Frankreichs gab, so u.a. in Lyon, Marseille, Toulouse und Saint-Étienne.  Der Rechtsanwalt und Dichter Gaston Crémieux war  Repräsentant der Commune von Marseille, deren Ziel die Unterstützung der Pariser Commune und  eine regionale Eigenständigkeit gegenüber der Zentralmacht war.

Allerdings wurde die Bewegung schon nach 14 Tagen niedergeschlagen. Crémieux wurde gefangen genommen, konnte aber vor seiner Hinrichtung noch ein von Victor Hugo gelobtes Theaterstück über Robbespierre schreiben – darauf verweisen die rote Jacobinermütze an seinem Revers und wohl auch die Blume im Gewehrlauf, die auch in dem Gewehrlauf von Rimbaud  in dieser Ausstellung steckt. (s.u.) Am 30 November 1871 wurde Crémieux mit dem Ruf „Vive la République“ auf den Lippen erschossen.

Elisabeth Dimitrieff

Elisabeth Dimitrieff war 19 Jahre alt, als sie im Auftrag von Karl Marx, den sie 1870 in London traf,  nach Paris kam. Sie stammte aus einer russischen Adelsfamilie, verließ aber wegen ihres revolutionären Engagements das Land und  wurde 1868 in der Schweiz Mitherausgeberin der Zeitschrift La Cause du peuple.  1870 reiste sie nach London, wo sie Karl Marx traf. Der interessierte sich sehr für die Zustände in Frankreich und veröffentlichte ja auch 1871 einen Bericht über den „Bürgerkrieg in Frankreich“. Er beauftragte Dimitrieff, die Entwicklung vor Ort zu beobachten. Damit begnügte sie sich aber nicht. Sie setzte sich während der Commune, die sie als eine Etappe auf dem Weg zur Weltrevolution sah, für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse ein: Recht auf Arbeit, Begrenzung der Arbeitszeit, gleiche Entlohnung von Männern und Frauen. Gemeinsam mit Nathalie Lemel gründet sie die Union des femes für die Verteidigung der Stadt Paris und für die Versorgung von Verwundeten – deshalb auch die Armbinde mit dem roten Kreuz. Im Faubourg Saint-Antoine kämpfte sie auf den letzten Barrikaden der Commune[6], kehrte dann zunächst in die Schweiz und anschließend nach Russland zurück, wo sich ihre Spuren verlieren.

Elisabeth Dimitrieff wird als eine äußerst attraktive, elegant gekleidete Person beschrieben- umgeben von einer roten Schärpe, an der sie ihre Pistolen befestigte: offenbar ein passendes Motiv für ein Erinnerungsfoto. Erkennbar sind am unteren Bildrand die Barrikaden-Steine und ein rotes Exemplar von „Das Kapital“- ein Hinweis auf die Beziehung zu Marx.

Jaroslaw Dombrowski/Dabrowski

Jaroslaw Dombrowski ist Ausländer, stammt aus einem polnischen Adelsgeschlecht und engagiert sich in der Pariser Commune -insofern eine Parallele zu Elisabeth Dimitrieff.   Dombrowski (ursprünglicher Name: Dabrowski), Offizier in der russischen Armee, hatte 1863 an dem sogenannten Januaraufstand gegen die russische Teilungsmacht teilgenommen, der blutig niedergeschlagen wurde. Verurteilt zu Zwangsarbeit, konnte er entkommen und gelangte nach Frankreich, wo er sich in der Arbeiterbewegung engagierte.

In Anbetracht der wenigen professionellen Militärs und ihres internationalistischen Ansatzes machte die Commune Dombrowski zum Oberbefehlshaber ihrer Kämpfer. Wenige Tage danach gelang es den Versaillais-Truppen in Paris einzudringen. Dombrowski wurde von einigen seiner Mitstreiter verdächtigt, gegen eine Bestechungssumme Verrat begangen zu haben. Spätestens bei seinem Tod auf einer Barrikade verstummten aber diese Vorwürfe.[7] Dombrowski wurde in seiner Uniform und in eine rote Fahne gehüllt auf dem Père Lachaise bestattet, wo sich sein Grab allerdings nicht mehr befindet. 

Léo  Frankel

Wie Dimitrieff und Dombrowski gehörte auch Léo Frankel zur „internationalen Fraktion“ der Commune. Er stammt aus Ungarn, kam über Deutschland nach Frankreich. Als führendes Mitglied der Ersten Internationale engagierte er sich in der Commune vor allem in der Commission de Travail. Als „Arbeitsminister der Commune“ hatte er wesentlichen Anteil an der Abschaffung der Nachtarbeit für Bäcker und an dem Verbot von Lohneinbehalten der Arbeitgeber. Während der semaine sanglante wurde er beim Barrikadenkampf verwundet.  Seine Geliebte, Elisabeth Dimitrieff rettete ihn und er konnte in die Schweiz entkommen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück, wo er 1896 starb. Sein Leichnam, zunächst auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet, ruht inzwischen auf einem Budapester Friedhof.

Nathalie Lemel

Nathalie Lemel war gelernte Buchbinderin. 1861 siedelte die Bretonin nach Paris über und beteiligte sich aktiv an Arbeitskämpfen ihres Berufszweiges, wobei die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern erreicht werden konnte.

Während der Commune gründete sie zusammen mit Elisabeth Dimitrieff die Union des femmes pour la défense de Paris. Sie setzte sich ein für die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, für eine anerkannte Berufsausbildung von Frauen, für die allgemeine gleiche Bezahlung von Männer und Frauen  und für die Organisation von kooperativen Werkstätten. Am 21. Juni 1871 wurde sie verhaftet und zur Deportation verurteilt. Mit der Fregatte La Virginie wurde sie nach Neu-Kaledonien deportiert – zusammen mit Louise Michel.  

Maxime Lisbonne

Maxime Lisbonne, Sohn eines aus Portugal stammenden jüdischen Malers, war in seiner Jugend Schiffsjunge, Soldat und Schauspieler, bevor er sich in der Commune engagierte.

Als Oberst der Nationalgarde erhielt er den Beinamen  D’Artagnan de la Commune. Während der semaine sanglante wurde er verwundet und anschließend zur Verbannung verurteilt. Nach der Amnestie wurde Lisbonne Direkter des Theaters Bouffes du Nord in Paris, wo er Theaterstücke von Louise Michel und Victor Hugo in das Programm aufnahm. Ordonanz von Lisbonne war Mohamed Ben Ali – ein spektakuläres Duo….

Anne-Marie Ménand

Wie viele alleinstehende Frauen ihrer Zeit schlug sich Anne-Marie Ménand mit mehreren kleinen Beschäftigungen durchs Leben. Sie arbeitete unter anderem als Köchin und Zeitungsverkäuferin, aber auch als Prostituierte. Nach der Niederschlagung der Commune wurde sie als „pétroleuse“ zum Tode verurteilt. Die siegreichen Versaillais beschuldigten sie,  an den Bränden in der rue Royale teilgenommen zu haben, obwohl es dafür keine Zeugen gab. Schließlich wurde die Strafe in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Zur Verbüßung dieser Strafe wurde Ménand nach Guyana deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Louise Michel

Unübersehbar ist mit ihrer roten Fahne und der blauen Uniform der Nationalgardisten Louise Michel, die wohl bekannteste Kommunardin, in der Ausstellung platziert. Ihr Portrait ist ja auch auf dem als Beitragsbild gewählten Plakat zum 150. Jahrestag der Commune abgebildet. Vorgestellt wird sie in der Ausstellung auf dem Bastille-Platz als Lehrerin, Anarchistin, Kämpferin für die Frauenrechte und als Sanitäterin (ambulancière) der Nationalgarde.

Am 18. März 1871 war Louise Michel dabei, als der Versuch der Versailler scheiterte, die auf dem Hügel von Montmartre postierten Kanonen zu erbeuten. Als unerschrockene Kämpferin wurde ihr nach der Niederschlagung der Commune der Prozess gemacht, wo sie sich voll und ganz zu ihren Positionen bekannte. Dies beeindruckte auch Victor Hugo, mit dem sie einen ausführlichen Briefwechsel unterhielt und der ihr, die auch schriftstellerisch hervortrat, das Gedicht Viro Major widmete. Louise Michel wurde nach Neu-Kaledonien verbannt und engagierte sich dort -damals völlig außergewöhnlich- für die Rechte der Ureinwohner.

Le portrait de Louise Michel réalisé par le street-artiste trône sous la basilique du Sacré-Cœur (XVIIIe) ce mercredi, le temps d'une journée. LP/Christine Henry

Am 11. August hing übrigens ein großes Portrait von Louise Michel, gemalt von Henri Marquet, am Aufgang zur Kirche Sacré Coeur (7a) – an einem beziehungsreichen Ort also, weil diese Kirche ja als Sühne für die (angeblichen) Verbrechen der Commune errichtet worden war.

Nadar/Félix Tournachon

Das Bild von Félix Tournachon, bekannter unter seinem Künstlernamen Nadar, ist mit zwei Attributen versehen: Einem Fotoapparat und einem Fesselballon mit der Aufschrift: Vive la Commune!

Nadar war nämlich -neben seiner Tätigkeit als Karikaturist- ein bedeutender Fotograf, der ab 1854 eine Vielzahl von zeitgenössischen Persönlichkeiten portraitierte: Baudelaire, Berlioz, Courbet, Dumas, Victor Hugo, Émile Zola, Franz Liszt, Rossini, Jules Verne, Richard Wagner – um nur einige zu nennen. Seine besondere Leidenschaft aber galt der Ballonfahrt, die er auch für seine Arbeit als Fotograf nutzte:  Die ersten jemals gemachten Luftaufnahmen stammen von ihm.

 Lithographie von Honoré Daumier 1863[8]

Während der Belagerung von Paris war Nadar Mitbegründer eines Unternehmens der Ballonfahrt: Seine Ballons dienten vor allem der militärischen Aufklärung und dem Transport von Post aus der belagerten Stadt. An Bord eines seiner Ballons verließ der Innenminister Léon Gambetta in einer spektakulären Aktion am 7. Oktober 1870 die Stadt, um den Widerstand gegen die deutschen Truppen zu organisieren.

Nadar stellte dann auch der Commune seine Ballons zur Verfügung, etwa um Flugblätter über den feindlichen Linien abzuwerfen und die Versorgung der von den Versailler Truppen eingeschlossenen Stadt zu verbessern- ein Engagement, das den wirtschaftlichen Ruin Nadars zur Folge hatte.

Élisée Reclus

Elisée Reclus war ein bedeutender Geograph, gleichzeitig aber auch lebenslang engagierter Anarchist. Anarchie war für ihn Ausdruck von Menschlichkeit und universeller Solidarität; sie sollte das Ende von Krieg, Elend und der Herrschaft von Menschen über Menschen bedeuten.  Während der Belagerung von Paris wandte sich Reclus an Nadar, der ihn in sein Ballonfahrer-Bataillon aufnahm und dessen enger Freund er wurde.  Seine geographischen Kenntnisse stellte Reclus in den Dienst der Verteidigung von Paris und der Commune. Im April 1871 geriet er in die Gefangenschaft der Versaillais, die ihn zur Deportation nach Neu-Kaledonien verurteilten. Nach einer internationalen Solidaritätskampagne von Wissenschaftlern, der sich u.a. auch Charles Darwin anschloss, wurde die Strafe in eine zehnjährige Verbannung umgewandelt. Ab 1876 veröffentlichte Reclus seine 20-bändige Nouvelle Géographie universelle, die zu einem internationalen Standardwerk wurde.

Arthur Rimbaud

Es ist umstritten, ob der junge Rimbaud zur Zeit der Commune in Paris war. Klar ist aber, dass „der junge Vagabund“ Ende Februar bis Anfang März sich dort aufhielt. Im Begleittext der Ausstellung heißt es dazu: „Der Legende nach ist Rimbaud nach Paris zurückgekehrt und hat sich bei den Tirailleurs de la Révolution engagiert.  Mythos? Wahrheit? Jedenfalls weiß man, dass ihn das aufständische Paris, das er in seinen Versen gefeiert hat, begeisterte.“  Und man weiß auch, wie sehr er den Horror der Semaine sanglante und den Sieg der Gegenrevolution verabscheute.[9]

Das Bild in der Ausstellung lässt offen, ob hier reale Präsenz oder geistige Nähe bezeichnet werden:  Rimbaud in der Uniform der Nationalgarde, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Händen. Die Blume im Gewehrlauf und die Schreibfedern in der umgehängten Tasche weisen ihn -und dies ganz unzweifelhaft- als Schriftsteller aus.

Louis Rossel

Louis Rossel war der einzige hochrangige Offizier der französischen Armee, der sich 1871 der Pariser Commune anschloss. Wendepunkt war für ihn die Kapitulation der in Metz eingeschlossenen Rheinarmee unter Marschall Bazaine. Daraufhin schloss sich Rossel denen an, die den Kampf fortsetzen wollten, also zunächst der neuen 3. Republik, dann der Commune. Wenn er nach den Gründen gefragt wurde, antwortete er:

„Aus Hass gegen diejenigen, die mein Vaterland ausgeliefert haben, aus Hass gegen die alte soziale Ordnung habe ich meinen Platz unter der Fahne der Arbeiter von Paris gefunden“.

Rossel wird aufgrund seiner großen militärischen Fähigkeiten Anfang April Generalstabschef der Commune und Ende April délégué à la Guerre, also gewissermaßen Kriegsminister. Allerdings tritt er weniger Tage später wieder zurück, weil er keine Aussicht sieht, die wenig disziplinierten und ausgebildeten Truppen der Commune in die angesichts der Bedrohung durch die Versaillais unabdingbare Kampfbereitschaft zu versetzen. Er wird daraufhin von der Commune verhaftet, kann aber mit der Hilfe von Freunden entkommen und sich in Paris verstecken. Anfang Juni wird er dann von den Versaillais gefangen genommen. Ministerpräsident Thiers bietet ihm das Exil an, was Rossel ablehnt. So wird er am 28. November erschossen.

Jules Vallès

Jules Vallès war seit seiner Jugend begeisterter Anhänger des Sozialismus, vor allem der Ideen Proudhons. Im Januar 1871 gehörte er zu den vier Verfassern des berühmten roten  Plakats „Affiche rouge“, das mit den Aufruf endete: „Place au peuple, Place  à la Commune!“.[10]

In der Ausstellung ist Vallès abgebildet mit dem roten Flugblatt unter dem linken Arm und der von ihm gegründeten Zeitung „Le Cri du Peuple“ in der rechten Hand. Sie erschien zwischen dem 22. Februar und dem 23. Mai 1871 in 83 Ausgaben und war mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren zusammen mit dem Père Duchêne das am weitesten verbreitete Presseorgan der Commune-Zeit. Daneben engagierte sich Vallès auch direkt in der Commune, in der er als Abgeordneter das 15. Arrondissement vertrat. Er gehörte dabei -ebenso wie Courbet- zu der Minderheit, die diktatorische Vollmachten für das comité de Salut public ablehnten.

In der Semaine sanglante konnte sich Vallès verstecken und dann nach London in Exil gehen. Nach der Amnestie kehrte er nach Paris zurück und ließ den Cri du Peuple wieder aufleben.

Charles Delescluze

Abweichend von der alphabetischen Reihenfolge steht Charles Delescluze am Ende dieses Überblicks: Immerhin ist er auch die letzte in der Ausstellung vorgestellte Person  – vielleicht weil sein Tod auf einer Barrikade am Ende der Commune steht und ihren Anspruch verkörpert, heroisch unterzugehen.[11]  

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune.  Als Vertreter des 11. Arrondissement – dort gibt es seit 1924 eine nach ihm benannte Straße-   war er ein einflussreiches Mitglied des Conseil de la Commune und ab 9. Mai auch des Comité de Salut public, das von den föderal orientierten Kommunarden um Vallès und Courbet als diktatorisch abgelehnt wurde. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Versaillais wurden damit die ideologischen Spannungen innerhalb der Commune offenkundig.

Am 21. Mai -beim Einmarsch der gegenrevolutionären Truppen- ließ Delescluze einen Aufruf plakatieren, der mit den Worten endete:

„Place au Peuple, aux combattants, aux bras nus! L’heure de la guerre révolutionnaire a sonné!“ – ein Aufruf, der allerdings durchaus kritisch gesehen werden kann bzw. muss. Denn er beförderte die Opposition einer wenig strukturierten Truppe gegen ihre Offiziere und eine Aufsplitterung der Verteidigung. Eine einheitliche Strategie wurde damit verhindert. [12]

Aber dieser revolutionäre Krieg fand nicht statt: In der semaine sanglante wurde die Commune blutig niedergeschlagen. Delescluze, der nicht in die Hände der Versaillais fallen wollte, suchte und fand den Tod auf einer Barrikade. Die wird auf dem Bild der Ausstellung durch die Steine zu seinen Füßen veranschaulicht. Aufrecht steht Delescluze da und erwartet und begrüßt  seinen Tod…. Mit dieser heroischen Geste endet die Ausstellung.

(Zum Grabmal Delescluzes auf dem Père Lachaise siehe den Blog-Beitrag: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Pariser Commune).

Hier die letzten Portraits der Ausstellung –  Delescluze ganz rechts. Darunter haben sich Obdachlose ein Lager errichtet….

In dem Begleittext zu dem Bild Delescluzes wird allerdings nicht seine problematische Rolle als „Kriegsminister“ in den letzten Tagen der Commune angesprochen. Da beantragte er nämlich, alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug symbolisch aufgeladene öffentliche Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm u.a. ) in Brand zu setzen.  Dass dies in der Ausstellung nicht berücksichtigt wurde, entspricht einer generellen Tendenz, mögliche kontroverse Themen und Aspekte zu übergehen bzw. „weichzuzeichnen“.[13] Im Fall von Delescluze steht die Ausstellung damit nicht allein: Seine Rolle bei der in der Commune durchaus umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude wird zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt. [14] Vielleicht ein Hinweis darauf, wie ideologisch aufgeladen auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.[15]


Zum Thema der Pariser Commune gibt es einen weiteren Blog-Beitrag:

Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune.

https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

Anmerkungen

[1] Siehe: La Commune, à l’assaut du ciel. I’insurrection du peuple de Paris pour une République sociale. Histoire, lieux de mémoire et figures des la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. Herausgegeben von der Mairie du 11e. Paris. Im Titel dieser offiziellen Broschüre wird eine gewisse Überhöhung und Idealisierung der Commune deutlich,: Immerhin hat nicht das „Volk von Paris“ in seiner Gesamtheit die Commune mitgetragen. Und bei aller unbestreitbaren Fortschrittlichkeit und revolutionären Weitsicht der Commune-„Himmelsstürmer“ gibt es auch dunkle Seiten, die in dieser Broschüre und auch in der Ausstellung nicht berücksichtigt sind.

[2] Dass Ben Alis linke Hand verbunden ist, verweist auf ein Gemälde von Jules Monge, das den Turco Ben-Kadour zeigt, der im deutsch-französischen Krieg noch trotz seiner Armverletzung weiterkämpft. https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Fichier:Le_turco_Ben-Kadour_%C3%A0_Lorcy.jpg

[3] iBild aus: https://artuk.org/discover/artworks/a-rat-seller-during-the-siege-of-paris-71634

[4] Mehr zu Clément siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

[5] Zur Geschichte der Vendôme-Säule und zur Rolle Courbets in der Commune siehe die beiden Blog-Beiträge:

https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/ und

https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[6] Zum revolutionären Faubourg Saint Antoine siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2016/04/06/der-faubourg-saint-antoine-teil-2-das-viertel-der-revolutionaere/

[7] Dass Dombrowski als Verräter verdächtigt wurde, wird in dem Text der Ausstellung nicht mitgeteilt. Das entspricht einer gewissen Tendenz, Schattenseiten der Commune eher zu übergehen.

[7] Bild von LP/Christine Henry aus Le Parisien vom 11. August 2021

[8] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Nadar#/media/Fichier:Brooklyn_Museum_-_Nadar_%C3%89levant_la_Photographie_%C3%A0_la_Hauteur_de_l’Art_-_Honor%C3%A9_Daumier.jpg

[9] Siehe dazu: Frédéric Thomas, Rimbaud à l’heure de la Commune de Paris. In: Libération 12. April 2021 https://www.liberation.fr/idees-et-debats/tribunes/rimbaud-a-lheure-de-la-commune-de-paris-20210412_4R7DGS5YQVHDRA77DI7JANC2WA/ ; ; Steve Murphy, Rimbaud et la Commune. Garnier 2010;       Daniel A. de Graaf, Rimbaud et la Commune. Revue belge de Philologie et d’Histoire. (1952)  https://www.persee.fr/doc/rbph_0035-0818_1952_num_30_1_2132

[10] Siehe dazu:   https://ahavparis.com/laffiche-rouge-du-7-janvier-1871/

[11] Siehe François Jourde,  La Mort de Delescluze:  „La Révolution voulait mourir héroïque et tomber ensevelie dans les plis de son drapeau.“

https://fr.wikisource.org/wiki/Souvenirs_d%E2%80%99un_membre_de_la_Commune/La_Mort_de_Delescluze

[12]  „c’est entraîner une opposition contre les officiers et un morcellement de la défense. Cela ne fait que renforcer l’esprit de quartier et les formes locales de combat, empêchant ainsi toute vue d’ensemble.“ https://www.commune1871.org/la-commune-de-paris/histoire-de-la-commune/illustres-communards/535-charles-delescluze

[13]   Siehe auch Anmerkung 1. In der dort genannten Broschüre des 11. Arrondissement wird Delescluze ausführlich gewürdigt, seine Rolle im Comité de salut public alllerdings ebenfalls nicht angesprochen.

Im Begleittext der Ausstellung zu der (angeblichen) pétroleuse Anne-Marie Menard wird zu den Bränden offizieller Gebäude in der semaine sanglante vermerkt, man wisse heute, dass Bomben der Versaillais die Mehrheit der Feuer verursacht hätten  oder sie das Ergebnis einer „strategischen Wahl“ der Nationalgarde gewesen seien….

[14] Auch in der Präsentation der „figures emblématiques“ des 11. Arrondissements durch die Mairie dieses für die Zeit der Commune besonders bedeutsamen Arrondissements wird die Rolle Delescluzes im Comité de Salut publique nicht erwähnt.

https://mairie11.paris.fr/pages/les-150-ans-de-la-commune-les-figures-emblematiques-du-11e-17344

[15] Das wurde auch wieder deutlich angesichts einer Prozession von Katholiken zu Ehren von Geiseln, die während der Commune erschossen wurden:

Siehe: https://www.leparisien.fr/paris-75/a-mort-les-fachos-a-paris-une-procession-catholique-attaquee-30-05-2021-O5VRLYJHABG6ND2KTOETUBOFVY.php «A mort les fachos» : à Paris, une procession catholique attaquée Des pèlerins qui défilaient ce samedi en hommage aux ecclésiastiques tués voici 150 ans rue Haxo (20e arrondissement) durant la Commune ont été agressés et certains blessés, selon le service d’ordre, par des groupes d’extrême gauche. Le diocèse va porter plainte.

Besonders von Seiten der politischen Rechten wurde dieser Vorfall natürlich entsprechend herausgestellt. Siehe:  https://www.lefigaro.fr/paris-une-procession-en-memoire-des-martyrs-catholiques-de-la-commune-attaquee-par-des-antifas-20210530

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Erste Eindrücke

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Die Villa Carmignac ist ein exquisiter Ort auf der wunderbaren Insel Porquerolles/Var, die zu der zwischen Toulon und Saint Tropez gelegenen Inselgruppe der Îles d’Or gehört. Über die Insel, die Villa Carmignac und die Kunstaustellungen von 2018 und 2019 habe ich in dem Blog-Beitrag Die Insel Porquerolles: Natur und Kunst berichtet:

https://paris-blog.org/2018/10/15/die-insel-porquerolles-natur-und-kunst/  

Nachdem es 2020 nur eine Corona-bedingte bescheidene Version der Jahresausstellung gab, präsentiert die Stiftung Carmignac in diesem Jahr wieder eine sehr aufwändige Ausstellung zum Thema La mer imaginaire.

Die Ausstellung wurde konzepiert von dem Amerikaner Chris Sharp.  Sie ermöglicht es dem Besucher, „in ein von den Künstlern erträumtes, aber auch bedrohtes Meer einzutauchen.“ [1]

Für eine solche Ausstellung ist die Villa Carmignac ein Idealer Ort. Wasser und Meer sind hier allgegenwärtig. Das Meer ist in Sichtweise,

Das Glasdach des Souterrains ist mit Wasser bedeckt, was bei Sonne wunderbare Spiegelungen erzeugt.

Und innen gibt es zwei dauerhafte Installationen zum Thema Wasser, wie gemacht für das Ausstellungsthema 2021.

Das ist einmal der 100-Fische-Brunnen von Bruce Nauman: Das sind insgesamt 97 Fische, aufgehangen in einem eigens dafür reservierten Raum über einem Wasserbecken.

Jeder Fisch ist ein kleiner eigener Springbrunnen, aus dem es sprudelt und plätschert. Und dazwischen gibt es auch Pausen: Ein reizvolles Wechselspiel, dem man sich in aller Ruhe überlassen kann. Und glücklicherweise ist die Zahl der Besucher in der Villa Carmignac begrenzt, so das kein Besucherstrom das ruhige Sehen und Hören stört.

Dauerhaft ist auch das große, 16 Meter lange und eigens für diesen Raum geschaffene Unterwasser-Panorama von Miguel Barceló.

 Es zeigt seltsame Tintenfische und Quallen, wie sie –so oder so ähnlich- der Künstler im Mittelmeer angetroffen haben mag.

Schade allerdings, dass es die Polster nicht mehr gibt, auf die man sich 2019 setzen oder auch legen konnte, um in diese phantastische Unterwasserwelt abzutauchen.

Mittelpunkt und Prunkstück der Ausstellung ist die Installation „the fall and rise“ der südafrikanischen Künstlerin Bianca Bondi.[2]

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist d4s0746-1024x682-1.jpg.

Am Boden ist eine kleine Unterwasserlandschaft aus Salz aufgebaut, darüber das Skelett eines Wals. Das Walskelett ist überzogen mit Salzkristallen.

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Teilweise haben sich schon andere Organismen an dem Skelett angesiedelt.

Insofern ist auch der Name der Installation zu erklären: Es geht um Tod – das Sterben des Wals- und gleichzeitig auch um neues Leben: Der Kadaver eines Wals gibt, wie in der beigefügten Information erläutert wird, vielen anderen Lebewesen eine Nahrungsgrundlage, er wird die Grundlage neuen Lebens.

Ein besonderer Reiz der Installation beruht auf seiner Lage unterhalb des Wasserbassins mit seinem Glasboden.

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Das erzeugt, wie Bianca Bondi erläutert und wie man bei entsprechenden Wetterverhältnissen erleben kann, zu einem Spiel des Lichts auf den Kristallen. Der Eindruck entsteht, als bewegten sich die Dinge, als sei das Kunstwerk nie das gleiche, als sei es in ständiger Bewegung.[3]

In den angrenzenden Räumen sind -neben dem schon vorgestellten 100-Fische Brunnen Bruce Naumans und dem Unterwasser-Panorama Barcelós- zahlreiche Bilder, Installationen und Filme zum Thema der Ausstellung zu sehen- ein breites Spektrum. Nachfolgend eine kleine persönliche Auswahl:

Koralle Costa Brava von Herbert Duprat (rote Mittelmeerkoralle, Brotkrumen. Ausschnitt)[4]

 Leidy Churchman, Untitled 2018 (Öl auf Leinwand)

Miquel Barceló, Enzephalogram des Meeres (2006)

Bruno Pelassy, Ohne Titel 2000- 2001  (Seide, Silikon, Spitze, Perlen).  Dieses phantastische  Gebilde bewegt sich langsam und elegant in dem Aquarium hin und her.

Dies sind die Quallen von Micha Laury (2000-2005, Silikon). Ihnen in der Villa Carmignac zu begegnen ist jedenfalls viel sympathischer als im Meer…

Und hier der Akrobat von Jeff Koons (2003-2009), hergestellt aus bemaltem Aluminium, der auf den ersten (und zweiten) Blick allerdings eher wie ein aufblasbares Wasserspielzeug für Kinder aussieht. 2008 hatte Koons im Rahmen seiner Ausstellung im Schloss von Versailles einen solchen Pop-Hummer von der Decke baumeln lassen- und zwar ausgerechnet in dem Salon des Sonnenkönigs, der dem Kriegsgott Mars gewidmet ist.[5] Ich bin zwar kein Freund der Arbeiten von Koons, aber diese Anordnung hat mir dann doch gefallen. Und vielleicht kann man Koons ja aus deutscher Sicht auch mildernde Umstände zubilligen, weil seine aufwändigen und aufgeblasenen Aluminium-Kreationen in einem thüringischen Familienbetrieb produziert werden.[6]

Es gibt aber auch einige „Klassiker“ in der Ausstellung. So zum Beispiel ein Aquarium Paul Klees aus dem Jahr 1921

… oder den Wandteppich Polynesien, Der Himmel 1964 hergestellt nach einem Entwurf von Henri Matisse aus dem Jahr 1946 und in der Ausstellung in einem „intergenerationellen Dialog“ kombiniert mit den phantastischen Vögeln von Gabriel Orozco. [7]

Zu dem Thema angeregt hatte Matisse seine Reise nach Polynesien im Jahr 1930. Die bei dem Entwurf verwendete Technik des Scherenschnitts war bedingt durch seine Krankheit, aufgrund derer er in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr mit dem Pinsel arbeiten konnte. Matisse machte aber gewissermaßen aus der Not eine Tugend: Seine Scherenschnitte gelten als ein Höhepunkt seines Schaffens. Hergestellt wurde der Teppich von der Manufacture de Beauvais, der von Colbert gegründeten „Schwester“ der Manufacture des Gobelins in Paris.[8] Kombiniert ist das Werk von Matisse mit den Spumes von Gabriel Orozco, Gebilden, von denen man nicht sagen kann, ob es sich um Lebewesen des Himmels oder des Meeres handelt, der Natur nachgebildete oder erfundene….

Die Grotte von Miquel Barceló

Miquel Barceló ist gewissermaßen der Hauskünstler der Villa Carmignac. Von ihm stammt das Unterwasserpanorama im Souterrain, und am Eingang zur Villa wird man von Barcelós Bronzeplastik des Alycastre empfangen, einem Ungeheuer, das  der Legende nach Angst und Schrecken auf der Insel verbreitete. Barceló stellt den Alycastre halb als Totenkopf, halb als Meeres-Ungeheuer dar, das über den Ort und seine Besucher wacht.

In diesem Jahr hat Barceló eine carte blanche erhalten, er konnte das gesamte Erdgeschoss der Villa nach seinen Vorstellungen gestalten. Er hat daraus eine riesige Höhle aus Gips und Ton gemacht, die man, wie die gesamte Villa, mit nackten Füßen begehen kann. Nach Barcelós Konzept handelt es sich um eine von einer riesigen Welle überschwemmte Höhle, deren Wasser sich aber nun wieder zurückgezogen hat, so dass ein „Pompéi marin“ entstanden ist: Ein Thema, das durch die Flutkatastrophen der Vergangenheit, aber dann auch ganz besonders unserer Gegenwart eine besondere und tragische Aktualität gewonnen hat.

Wie die Menschen des im Ascheregen des Vesuv untergegangen antiken Pompei sind es Tiere des Meeres, Schwertfische und Quallen, aber auch Menschen und ein Bison, deren farbige Abdrücke im Lehm erhalten geblieben sind. Insofern hat man die Höhe Barcelós auch ein „Altamira sous-marin“ genannt…[9]

Ein besonderer Reiz dieser Installation liegt auch darin, dass man sie -wie die gesamte Ausstellung- mit nackten Füßen betritt: Die Schuhe muss man am Anfang des Rundgangs ablegen. Die Füße müssen sich also an die besondere Bodenbeschaffenheit gewöhnen und die Augen an die Dunkelheit. Zeit und Ruhe dafür hat man aber: Am Eingang der Höhle wird die Zahl der Eintretenden noch besonders begrenzt.

Nach dem Besuch der Höhle kehrt man gerne wieder zurück in das Licht und in die schöne und unversehrte Natur des die Villa umgebenden Parks …

Die an der Ausstellung beteiligten Künstlerinnen und Künstler : 

Yuji Agematsu, Gilles Aillaud, Jean-Marie Appriou, Miquel Barceló, Bianca Bondi, Cosima von Bonin, Leidy Churchman, Julien Discrit, Hubert Duprat, Nicolas Floc’h, Camille Henrot, Adam Higgins, David Horvitz, Allison Katz, Paul Klee, Yves Klein, Michael E. Smith, Jeff Koons, Jennifer J. Lee, Jochen Lempert, Micha Laury, Dora Maar, Henri Matisse, Mathieu Mercier, Bruce Nauman, Kate Newby, Melik Ohanian, Alex Olson, Gabriel Orozco, Jean Painlevé, Bruno Pelassy, Lin May Saeed, Shimabuku.

Praktische Hinweise:

Vom 2o. Mai bis zum 17. Oktober
montags bis sonntags
10 bis 18 Uhr

Weitere Hinweise und erforderliche Vorab – Reservierung:

https://billetterie.villa-carmignac.com/fr


Anmerkungen

[1] https://artetcommunication.com/2021/05/19/fondation-carmignac-la-mer-imaginaire-a-porquerolles-le-20-mai-2021/

[2] Bild aus: https://www.mor-charpentier.com/fr/artist/bianca-bondi/

[3]  https://www.mor-charpentier.com/fr/artist/bianca-bondi/

[4] Siehe dazu: https://slash-paris.com/fr/evenements/hubert-duprat-1  

[5] Siehe: https://www.nicematin.com/culture/koons-matisse-dora-maar-klein-les-oeuvres-cultes-quil-faut-voir-a-la-villa-carmignac-a-porquerolles-688817  und https://controverses.sciences-po.fr/archive/versailles/index.php/artistes/koons-expo/index.html

[6] https://www.zeit.de/2019/23/kunst-metall-skulpturen-jeff-koons-arnold-ag

[7] Bild aus:  https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/la-mer-quon-voit-danser-a-la-fondation-carmignac-de-porquerolles-11157125/   Zur Vorlage von Matisse siehe: https://www.centrepompidou.fr/fr/ressources/oeuvre/c8bj4R

[8] Zur Manufacture de Beauvais siehe:  https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/teppichmanufaktur-beauvais-587.htm  Zur Manufacture des Gobelins in Paris siehe den  Beitrag auf diesem  Blog: https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/  Der Polynesien- Wandteppich wurde allerdings in Paris hergestellt, weil die Manufaktur in Beauvais 1940 deutschen Bomben zum Opfer fiel und die Webstühle bis zur Wiedereröffnung 1989 nach Paris verlegt wurden. Beide Manufakturen produzieren inzwischen auch Wandteppiche nach Vorlagen bedeutender moderner Künstler.

[9] https://www.fondationcarmignac.com/programmation/miquel-barcelo-ressac/ Dort auch das vorangegangene Bild.  https://www.connaissancedesarts.com/arts-expositions/la-mer-quon-voit-danser-a-la-fondation-carmignac-de-porquerolles-11157125/

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune auf dem Bastille-Platz

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ist nach jahrelanger Renovierung wieder eröffnet: Erste Eindrücke

Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte. Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims bis Meaux/Paris

Dies ist der zweite Teil eines Beitrags, in dem anhand der touristischen Hinweisschilder (panneaux marron) Orte an der autoroute de l’Est (A 4)  beschrieben werden, die im Zusammenhang mit der deutsch-französischen Geschichte stehen.  Meist beziehen sich diese Schilder auf die Kriege, die Deutsche und Franzosen miteinander geführt haben: Die Koalitionskriege zur Zeit der Französischen Revolution, den Krieg 1870/1871, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg.

Im vorausgehenden ersten Teil des Beitrags ging es anhand der entsprechenden Schilder um  folgende Orte:

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  
  3. Das Museum von Gravelotte (1870 und 1871 bis 1918)    
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)   
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)        
  6. Saint Mihiel  (1914-1918)                                         
  7. Verdun, Ville de Paix                                                    
  8. Die Voie Sacré (1916)                                                         

https://paris-blog.org/2021/07/09/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-1-von-saarbrucken-uber-verdun-bis-zur-voie-sacree/ 

Gegenstand dieses Beitrags sind danach folgende Orte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte, auf die entsprechende panneaux marron hinweisen. Wieder sind es meist Orte, die an Kriege erinnern, vor allem an den Ersten Weltkrieg, darunter drei amerikanische Soldatenfriedhöfe. Die habe ich einbezogen, weil Amerikaner eine wesentliche, ja kriegsentscheidende  Rolle als Alliierte Frankreichs gespielt haben. Aber es gibt auch positive Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte. Dafür stehen die Etappen 11, wo es auch um die Rolle von Deutschen bei der Herstellung und der Vermarktung des Champagners geht, und die Etappe 12, deren Gegenstand die Kathedrale von Reims ist. Und die  ist ja nicht nur ein Symbol deutsch-französischer Feindschaft, sondern auch ein Ort deutsch-französischer Freundschaft und Versöhnung

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  und Varennes

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792) 

11. Die Champagne: Der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)         

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962)                                   

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)   

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)       

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

und dazu: Das Mausoleum und Beinhaus von Champigny-sur-Marne  (1870)                

9.  km 235: Der amerikanische Soldatenfriedhof  Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918) und Varennes  

Wie das touristische  Schild anzeigt, handelt es sich um einen amerikanischen Soldatenfriedhof.  Während der Friedhof von St Avold (Nummer 2) der größte amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs ist, so ist der Friedhof von Romagne – sous – Monfaucon der größte des Ersten Weltkriegs. Insgesamt sind dort 14.246 amerikanische Soldaten bestattet. Auf dem Schild ist die Kapelle abgebildet mit den beiden seitlichen Kolonnaden.[1]

Die Kapelle ist im romanischen Stil gestaltet. Auf dem Tympanon über dem Eingangsportal befinden sich Allegorien des Leids und der Erinnerung. In den seitlichen Kolonnaden sind die Namen von 954 amerikanischen Soldaten verzeichnet, die verschollen sind oder nicht identifiziert werden konnten.[2]

Eingerichtet wurde der Friedhof auf dem Hügel von Montfaucon, der 1914 von der deutschen Armee besetzt und Ende 1918 von amerikanischen Soldaten im Zuge der Maas-Argonnen- Offensive wieder erobert worden war.

Einen kleinen deutschen Soldatenfriedhof gibt es in Romagne – sous – Monfaucon übrigens auch. Aber auf den touristischen Hinweisschildern sind –verständlicher Weise- die vielen deutschen Soldatenfriedhöfe entlang der A 4 nicht berücksichtigt.[3]

Praktische Informationen

Adresse:
Monument américain Meuse-Argonne
55110 Romagne-sous-Montfaucon

Der Friedhof ist zu erreichen ab der Abfahrt 29,1 (Clermont en Argonne) auf der D998 und der D946. (ca 30 km). 

Deutscher Soldatenfriedhof: 3, rue de l’Europa

Varennes

Auf dem Weg nach Romagne-sous- Montfaucon kommt man auch durch den Ort Varennes. Der wurde im Ersten Weltkrieg fast völlig zerstört- die feste Front im Stellungskrieg verlief vier Jahre lang ganz in der Nähe des Ortes. Daran erinnern noch Reste einer deutschen Bunkeranlage. Sie trägt den Namen „Abris du Kronprinz“. 

In der Bunkeranlage, die auch gegen Geschosse größten Kalibers geschützt war, hat zwar nie ein Kronprinz Quartier genommen, ihr Komfort muss allerdings wohl eines Kronprinzen würdig gewesen sein: Es gab elektrische Beleuchtung, Kühlschränke, feine Weine und Zigarren, Badewannen mit warmem und kaltem Wasser; draußen Blumenrabatte, Gemüsebeete, Boules-Anlagen… Die amerikanischen Soldaten, die dort 1918 einzogen, trauten kaum ihren Augen… Auch das gab es wenige Meter hinter der Front und den mörderischen Schützengräben…[4]

In dem Ort selbst gibt es auch ein amerikanisches Denkmal, das Pennsylvania Memorial, das an die Kriegsfreiwilligen aus Pennsylvania erinnert. Pennsylvania war das weitaus wichtigste Siedlungsgebiet deutscher Einwanderer in den USA. Und so sind auch die vielen deutschen Namen auf den Grabkreuzen des amerikanischen Soldatenfriedhofs von  Romagne-sous-Montfaucon zu erklären.

Bekannt ist Varennes allerdings vor allem durch „die Flucht nach Varennes“, auf die das entsprechende touristische Schild an der Autobahn verweist. Mit dem Begriff der Fuite à Varennes wird der Versuch Ludwigs XVI. bezeichnet, mit seiner Familie aus Paris, wo er in den Tuilerien festgehalten wurde, zu fliehen. Geplant war,  sich im grenznahen und königstreuen Gebiet um Montmédy in Sicherheit zu bringen, von wo aus  bei Gefahr das österreichische Exil in Luxemburg gut erreichbar gewesen wäre.

Die Flucht war zwar minutiös geplant, aber bei der Ausführung  gab es eine ganze Reihe von unvorhergesehenen Zwischenfällen und Pannen. So wurden der König und seine Familie in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 1791 in Varennes verhaftet und nach Paris zurückgebracht – eine entscheidende Etappe auf dem Weg Ludwigs XVI. und seiner Frau Marie Antoinette zum Schafott. [5]

Eine Marmortafel erinnert an dieses Ereignis. Sie ist an einem 1793 auf dem Ort der Verhaftung errichteten Glockenturm befestigt, „der am 14. September 1914 vom Feind in Brand gesetzt und nach dem Krieg restauriert wurde.“[6] Der Feind: Das ist natürlich Deutschland.  Die deutsch-französischen Kriege sind im Osten Frankreichs allgegenwärtig…

10. km 207: Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)  

Dieses Schild illustriert die „Kanonade von Valmy“, auf die nicht nur die Jahreszahl, sondern auch die auf dem Hügel von Valmy stehende berühmte Mühle verweist. Hier siegten im September 1792 die französischen Revolutionstruppen über die verbündeten „alten Mächte“ Preußen und Österreich: Ein Wendepunkt der Geschichte der Französischen Revolution. Ein Tag später wurde in Paris die Republik ausgerufen.

Johann Wolfgang von Goethe, eher dem Evolutionären als dem Revolutionären zugeneigt, erkannte gleichwohl die Bedeutung des Gefechts bei Valmy, das er als Begleiter des in preußischen Diensten stehenden Weimarer Herzogs beobachtete.  In seinem autobiographischen Text „Campagne in Frankreich“ berichtet er, wie er am Abend danach die deprimierten Begleiter mit diesen Worten getröstet habe: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“[7]ein legendärer Satz, der in keiner Darstellung der Kanonade von Valmy fehlen darf.

Die Mühle von Valmy sieht man schon von der Autobahn aus.

Es lohnt sich aber, einen kleinen Abstecher zu machen und sich den Ort des Geschehens aus der Nähe anzusehen; zumal es seit 2014 dort auch ein  „centre historique“ gibt, also ein Ausstellungszentrum, in dem man am historischen Schauplatz sehr anschaulich über die Kanonade von Valmy informiert wird.  Es  ist völlig in den Hügel versenkt, so dass die Topographie des Schlachtfelds und seine Monumente nicht beeinträchtigt werden.

Es gibt eine Nachbildung des Schlachtfelds, auf dem die Positionen und Bewegungen der verschiedenen Truppenteile  veranschaulicht  werden- sogar mit Pulverdampf.

Ein Glanzstück (im wahrsten Sinne des Wortes) der Ausstellung ist eine französische Kanone –  effektvoll in Richtung Mühle postiert.

Es  handelt sich um das sehr effiziente Gribeauval- Modell, das schon im  Ancien Régime in den 1770-er Jahren eingeführt wurde.  Auch nach 1789  wurde es –versehen mit der Devise der Revolution- weiter produziert. Es war die Grundlage die für Überlegenheit der französischen Artillerie in der Kanonade von Valmy und den Kriegen Napoleons.[8] 

Teller zur Erinnerung an die Kanonade, ausgestellt im Centre Historique

Und natürlich darf in dem Centre Historique auch Goethe nicht fehlen.

Wenn man sein elektronisches Portrait berührt –ein Ausschnitt des Gamäldes von Joseph Karl Stieler aus der Münchner Neuen Pinakothek- spricht er über die Wirkung des Kanonendonners, die er gewissermaßen mit wissenschaftlicher Distanz an sich beobachtet. 

Zahlreiche Teilnehmer und Beobachter der Schlacht haben den von dem Artilleriefeuer verbreiteten Schrecken bestätigt. Auch in dieser Hinsicht ist Valmy der Beginn einer das Grauen noch vielfach potenzierenden neuen Epoche: eine distanzierte Beobachtung wie die Goethes kann man sich von einem Soldaten in den Schützengräben  vor Verdun kaum noch vorstellen. 

Neben der Mühle sieht man schon von der Autobahn aus ein hochaufragendes Denkmal. An seiner Spitze ein Soldat mit wehendem Rock, Säbel und hocherhobenem Arm. In seiner Hand hält er einen mit den Farben der Tricolore geschmückten Hut.  Die Statue zeigt den General  und späteren Marschall und Herzog von Valmy, François-Christophe Kellermann, wie er seine Truppen zum Gegenangriff führt. Die Statue erinnert damit an eine entscheidende Situation der Schlacht: Nicht nur wird damit der Angriff der preußischen Truppen abgewehrt, sondern es wird auch der revolutionäre Patriotismus deutlich,  der die französischen Truppen inspiriert. Auf Kellermanns Ruf „Vive la Nation!“ antworten die französischen Soldaten  mit dem Ruf „Vive la Nation! Vive la France! Vive notre général!“ und sie stimmen das Revolutionslied „ça ira“ an.[9]  Das erscheint allerdings insofern etwas merkwürdig, als darin gleich zweifach den  Aristokraten der Tod angekündigt wird. (Les aristocrates à la lanterne!… Les aristocrates on les pendra).  Für ihren Kommandeur,  der immerhin altem sächsisch-elsässischem Adel entstammt, galt das aber  offensichtlich nicht.

Vor dem Denkmal befindet sich ein Obelisk, unter dem –entsprechend dem Wunsch Kellermanns- sein Herz bestattet ist.  Der übrige Leichnam ruht im Familiengrab auf dem Friedhof  Père Lachaise in Paris.

Weitere Informationen zu Valmy im entsprechenden Blog-Beitrag:  https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ 

 11. km 174:   Die Champagne: der Champagner und der Erste Weltkrieg  (1914-1918)         

Dieses touristische Hinweisschild zeigt unübersehbar –und ohne dass es dazu noch einer entsprechenden zusätzlichen Angabe bedürfte- dass wir uns jetzt in der Champagne und damit der Heimat des Champagners befinden. Und immerhin gibt es nach so vielen Stationen zu deutsch-französischen Kriegen endlich auch einmal einen positiven deutsch-französischen Bezug. Denn Deutsche haben bei der Entwicklung und Verbreitung des Champagners eine große Rolle gespielt. Pierre Sommet hat das am Beispiel des Hauses Veuve Cliquot eindrucksvoll belegt, dessen Aufstieg auch zwei Deutschen zu verdanken ist, Georg Christian Kessler aus Heilbronn und Eduard Werle aus Wetzlar.

Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

Kessler war zunächst Lehrling bei der Veuve Cliquot in Reims, arbeitete sich dann hoch und übernahm die Leitung des Büros und die Buchhaltung. Schließlich wurde er sogar aufgrund seiner Verdienste Teilhaber des Champagner- Hauses. 1826 trat er aus der Firma aus und brachte die Kunst der Champagner-Herstellung nach Esslingen am Neckar, wo er die älteste Sektkellerei Deutschlands gründete.

Sein Nachfolger als Teilhaber war ein weiterer Deutscher, Eduard Werle.  Werle begann seine Karriere als Kellermeister. Während der Wirtschaftskrise 1827 rettete er mit seinem eigenen Vermögen das Maison Clicquot vor dem Ruin. Vier Jahre später machte ihn die Witwe zum neuen Teilhaber. Schließlich bekleidete der eingebürgerte Édouard Werlé, durch die Protektion der Witwe, das Amt des Bürgermeisters von Reims und wurde sogar 1862 zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt.[10]

Dass  in der Geschichte des Champagners die Deutschen generell eine wichtige Rolle gespielt haben, spiegelt sich bis heute in den Etiketten großer französischer Champagnerhäuser wie Heidsieck, Koch, Taittinger, Mumm, Bollinger, Deutz, Krug oder Piper wider.[11] Und dass diese Häuser bis heute einen teilweise exzellenten Ruf haben, illustriert eine kleine Notiz aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21.1.2011:  Da wird davon berichtet, dass Diebe „mit Kennerblick“ aus dem Weinkeller eines Nobelrestaurants im Rheingau etwa 500 Flaschen Wein im Wert von rund 300 000 Euro (!) „entwendet“ hätten: Das waren französische Weine der berühmtesten Châteaux und von besonders gesuchten Jahrgängen, aber auch „einige Flaschen Champagner herausragender Erzeuger“[12],  darunter des Hauses Krug aus Reims, der laut Champagner-Welt „von vielen Kennern als bester aller Champagner bezeichnet wird.“[13] Gründer des Hauses war  1843  Johann-Joseph Krug aus Mainz….

Die Champagne war und ist aber nicht nur die Heimat des Champagners, zu dessen Erfolg viele Deutsche beigetragen haben, sondern sie ist auch –vor allem im Ersten Weltkrieg- ein Feld des Grauens gewesen. Schon am Anfang des Kriegs tobten hier im Zuge des deutschen Vormarsches heftige Kämpfe und am Ende des Krieges noch einmal, als die deutsche Armeeführung vergeblich versuchte, den Krieg doch siegreich zu Ende zu führen. Dazwischen liegen die Jahre des Stellungskrieges, die aber in der Champagne keineswegs ohne Kämpfe abliefen. 1915 gab es zwei massive französische Angriffe, mit dem Ziel, die deutsche Front zu durchbrechen, um den Feind aus dem besetzten Ostfrankreich zu werfen: Es waren dies die sogenannte Winterschlacht in der Champagne vom Januar bis März 1915 mit insgesamt 60.000 Toten und dann die Herbstschlacht in der Champagne vom September bis November 1915 mit insgesamt 400.000 Toten – überwiegend Franzosen, die die vergeblichen Angriffe mit ihrem Leben bezahlen mussten.[14]

Die Champagne ist denn auch übersät mit Soldatenfriedhöfen und Erinnerungsstätten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Friedhof La Crouée in den im Krieg heftig umkämpften und weitgehend zerstörten Gemeinden Souain-Perthes-lès-Hurlus.

Die Heftigkeit der Kämpfe und der Verwüstungen veranschaulicht das Aquarell von Alexandre Miniac, der an den Kämpfen dort teilgenommen hat. Es zeigt das Schlachtfeld da, wo einmal das Dorf Hurlus stand, das nach dem Krieg nicht mehr wieder aufgebaut wurde.[15]

Das Gräberfeld La Crouée besteht aus zwei säuberlich voneinander getrennten Teilen- einem deutschen (im Vordergrund des Bildes) und einem französischen. 13 790 deutsche Soldaten sind dort bestattet, davon 11 324 in einem Sammelgrab. Von ihnen sind nur 1 907 namentlich bekannt.[16] Einer von ihnen ist der Maler August Macke.

In seiner Person wird die Tragik dieses Krieges besonders deutlich: Die französische Malerei des Impressionismus und der Fauves, die er auf drei Reisen nach Paris 1907, 1908  und 1909 (seiner Hochzeitsreise) kennenlernte, beeinflussten Macke stark. Besonders bewunderte er  Édouard Manet und Henri Matisse; Robert Delaunay lernte er persönlich kennen. Mit seinem Freund Franz Marc besuchte er am 2. Oktober 1912 Delaunay in dessen Atelier. „Die Begegnung mit dem französischen Maler gab entscheidende Impulse für Mackes künstlerische Eigenständigkeit.“ Seine Farbkomposition von 1913 zeigt deutlich den Einfluss Delaunays.[17]

Mackes Bilder wirken heiter und leicht, alles Tragische ist ihnen fremd. Sie „befriedigen die Sehnsucht nach positiven Bildern einer intakten Welt, dem Gleichklang des Menschen mit den Dingen, die ihn umgeben.“[18]  

Im April 1914 unternahm er mit Paul Klee und dem Schweizer Maler  Louis Moilliet eine Reise nach Tunesien- ein „Schlüsselereignis in der Kunst des 20. Jahrhunderts“.[19]  Der Ertrag waren Aquarelle von einer bewundernswerten Farbigkeit und Leichtigkeit.

Blick auf eine Moschee (1914) Kunstmuseum Bonn

Aber kurz danach kam die Katastrophe: Schon Anfang  August 1914 wurde Macke zum Kriegsdienst eingezogen und musste nun gegen das ihm so nahe Frankreich – das Land seiner Freunde Delauney, Apollinaire und  Matisse – kämpfen. Der verbreitete Hurra- Patriotismus jedenfalls war ihm fremd, und die Stimmung im Hause Macke war nach den Erinnerungen seiner Frau Elisabeth bei Kriegsausbruch bedrückt bis verzweifelt.

Auf der Staffelei in seinem Bonner Atelier hinterließ er ein Bild, auf das es das tunesische Licht nicht mehr geschafft hat. 

Elisabeth taufte es „Abschied“: [20] Etwas ist passiert, die Personen auf diesem Bild  unterbrechen ihren Spaziergang, stehen bewegungslos da, lauschen oder kommentieren. Vielleicht wird gerade der Krieg ausgerufen. Die Frau links im Bild hat einen weißen Zettel in der Hand, vielleicht den Marschbefehl für ihren Mann oder Sohn.  Die Personen auf diesem Bild sind bedrückt, hoffnungslos- anonym, die Farben kraftlos- ohne das berühmte Macke’sche Sonnengelb. Ein paar Monate früher hätte Macke die Personen in dem Bild bei Sonnenlicht flanieren oder einkaufen lassen.[21]

Am 9. September schrieb Macke seiner Frau von der Front in Frankreich:

„Seit drei Tagen liegen wir hier in einem Gefecht, das sich von Paris bis Verdun hinzieht. Von frühmorgens bis in die Nacht tobt der Kanonendonner. Es ist alles so grauenhaft, dass ich Dir nichts darüber schreiben mag. Unser aller Gedanke ist Friede.“

Und  zwei Tage später:

„Aus einer außergewöhnlich schweren Schlacht, die uns viele Verluste kostete, bin ich bis jetzt unversehrt  herausgekommen. Ich führe jetzt die 5. Komp.160. Es ist alles sehr grausig und ich mag Dir nichts über Einzelheiten schreiben. Ich denke viel an Dich und die Kleinen. Die Leute, die in Deutschland im Siegestaumel leben, ahnen nicht das Schreckliche dieses Krieges.“

Am 21. 9. schreibt er seinen vorletzten Brief an seine Frau:

„Seit 14 Tagen liegen wir nun immer in solchen Gefechten und Schützengräben und beobachten durch Gläser, wie sich französische Verwundete aufrichten, schreien und wieder hinlegen. Ab und zu hat sich einer von uns vorgewagt und solch einem armen Kerl Wasser gebracht.“

Und am 24.9.:

„Es geht mir noch immer gut. …. Die Schlacht tobt hier weiter.“[22]

Am 26. September 1914 fiel August Macke Im Alter von 27 Jahren bei Perthes-lès-Hurlus, wo er in dem Sammelgrab des deutschen Soldatenfriedhofs bestattet ist.

In einem ausliegenden Totenbuch sind alphabetisch geordnet die  Namen der Gefallenen mit ihrem Dienstgrad und dem Datum ihres Todes verzeichnet. Macke gehörte zu den ersten deutschen Soldaten, deren junges, hoffnungsvolles Leben in der Champagne jäh und sinnlos endete.

Franz Marc schrieb in seinem Nachruf:

„Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war.“

Auf der daneben liegenden Nécropole nationale de La Crouée sind 30 734 französische Soldaten bestattet.  Die sterblichen Überreste von  21 688 Gefallenen, die nicht identifiziert werden konnten, sind in 8 Beinhäusern zusammengetragen.[23]

Die hohe Zahl der Gefallenen auf beiden Seiten, die allein hier bestattet sind, vor allem aber die hohe Zahl der Toten, die nicht identifiziert werden konnten, weisen auf die Heftigkeit der Kämpfe hin. So begann die  Herbstoffensive der Franzosen 1915 mit einem dreitätigen Trommelfeuer aus 1650 Geschützen.  Man braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, welche Folgen das hatte. Aber das Anrennen auf gut befestigte deutsche Stellungen forderte ebenfalls –und sogar noch deutlich höhere- Opfer; eine Bilanz, die von deutscher militärischer Seite zynisch kommentiert wurde: „Eine schöne und wohltuende Blutabfuhr“![24]

Ein Lichtblick in all dem Grauen: Die  Installation am Ortseingang von Souain  zur deutsch-französischen Versöhnung zwischen den ehemaligen Feinden, die sich hier die Hände reichen. (Foto von 2017)

Ein wichtiges Symbol deutsch-französischer Versöhnung und Zusammenarbeit war auch das gemeinsame Defilee deutscher und französischer Soldaten – das erste in der Geschichte beider Staaten- auf dem ganz in der Nähe von Souain/Perthes-lès-Hurlus gelegenen Truppenübungsplatz Mourmelon. Abgenommen wurde es von Staatspräsident de Gaulle –in Paradeuniform- und Bundeskanzler Adenauer am  8. Juli 1962.  Und es war de Gaulle, der darauf bestand, dass nicht nur die Trikolore, sondern auch die schwarz-rot-goldene Fahne zu diesem Anlass gehisst werden sollte.[25]

.Foto: AP/dapd

Nach dieser Truppenparade fuhren de Gaulle und Adenauer nach Reims, wo sie in der Kathedrale von Notre-Dame feierlich die deutsch-französische Versöhnung beschworen. Dazu mehr auf der nachfolgenden Etappe unserer Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte auf der Autoroute de l’Est.  

     

 12. km 148: Notre Dame de Reims  (1914, 1962, 2011/2015)

Zur Kathedrale im Einzelnen siehe den Beitrag auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/01/reims-die-konigin-der-kathedralen-als-ort-deutsch-franzosischer-feindschaft-versohnung-und-freundschaft/  Nachfolgend nur ein knapper Überblick.

Die Kathedrale von Reims gilt als Königin unter den Kathedralen Frankreichs. Dies beruht auf ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als eines Höhepunktes der Gotik, zum anderen aber auf ihrem Status als Krönungskirche der französischen Könige: Bis 1825 sind nahezu alle französischen Herrscher  in der Reimser Kathedrale gekrönt worden. Es gab nur zwei Ausnahmen, nämlich Heinrich IV., der sich für Chartres entschied, und Napoleon, der sich in Notre-Dame de Paris zum Kaiser krönen ließ.

Dreimal in ihrer Geschichte war die Kathedrale von Reims ein Ort, an dem die Spannweite der deutsch-französischen Beziehungen zwischen „Erbfeindschaft“, Versöhnung  und Freundschaft in ganz besonderer Weise zum Ausdruck kam:

1914 wurde die Kathedrale von der deutschen Artillerie beschossen und in Brand gesetzt. Als Begründung dafür wurde die (angebliche) militärische Nutzung des Nordturms als Beobachtungsposten angeführt. Der Turm war damals wegen einer geplanten Renovierung mit einem Holzgerüst umgeben, das Feuer fing. Die Folgen waren verheerend: Der Fassadenschmuck wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen, darunter der auf dem Autobahnschild abgebildete „lächelnde Engel“, der herunterstürzte,  zerbrach und zum Symbol der zerstörten Kathedrale und der verwüsteten Stadt wurde.

Für die Franzosen war die Bombardierung der Kathedrale ein barbarischer Akt  der deutschen „Hunnen“ und „Vandalen“, Ausdruck der tief verwurzelten Feindschaft zwischen beiden Völkern.

Ein Beispiel dafür ist diese Postkarte mit dem Titel „Die Wilden“.[26] Abgebildet ist ein vierschrötiger, halbnackter Riese, der in der rechten Hand eine Keule hält.  „Mit der Linken wirbelt er einen Soldaten in die Luft, der allerdings miniaturhaft klein, dem Ungeheuer völlig hilflos ausgeliefert ist.  Blutflecken überziehen den Körper des Wilden und Blutlachen bedecken den Boden. Im Hintergrund ist die brennende Kathedrale von Reims deutlich sichtbar. Der Wilde trägt eine Kette mit Zähnen erlegter Opfer um den Hals und sein Gesicht und Bart erinnern an den deutschen Kaiser Wilhelm II.“ [27]

Nachdem sie von der Militärparade in Mourmelon zurückgekommen waren, feierten Staatspräsident de Gaulle (der inzwischen seine Uniform abgelegt hatte) und Bundeskanzler Adenauer 1962  gemeinsam eine Messe in der Kathedrale, um damit die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland zu besiegeln.

In der Kathedrale wurden sie vom Erzbischof von Reims, Monseigneur Marty, empfangen.  Die Kathedrale sei glücklich, beide gemeinsam „mit dem Lächeln seines Engels“ (avec le sourire de son ange) zu empfangen. 

Hier das „offiziöse“ Bild des Fotografen Egon Steiner vom Versöhnungsgottesdienst in der Kathedrale von Reims. Der Dualismus Frankreich-Deutschland wird durch die solitären Säulen-Staatsmänner inszeniert, repliziert durch das Paar der kräftigen Pfeiler. Im rechten Pfeiler sind noch deutlich Einschüsse zu erkennen. Ein Foto auf der Höhe des bedeutsamen symbolischen Aktes, um den es sich damals handelte.

2011 wurden anlässlich der 800-Jahrfeier der Kathedrale  in deren Apsis  Glasfenster des deutschen Künstlers Imi Knoebel geweiht. Nach der feierlichen Versöhnungs-Messe von de Gaulle und Adenauer ist die Verständigung  und Freundschaft zwischen beiden Ländern nun auch in der Kathedrale sichtbar zum Ausdruck gebracht. 2015 kamen  noch drei weitere Fenster  dazu. Sie sind eine Schenkung des Künstlers, der Bundesrepublik Deutschland und der Kunststiftung NRW. „Sie stehen“, wie es in dem Begleittext heißt, „als ein Zeichen der Versöhnung und der Wiedergutmachung für die Zerstörung der Kathedrale im Ersten Weltkrieg, ein Zeichen des Friedens und einer gemeinsamen Zukunft für Europa, für Kunst und Kultur zwischen den beiden Völkern.“  Und diese Fenster schmücken nun einen hochsymbolischen Ort, nämlich die Kapelle der Jeanne d’Arc.

Knoebel entwickelte seine „kraftvolle, kaleidoskopische Komposition aus hunderten von Papierschnitten, einer Technik, die in der Kunstgeschichte untrennbar mit Henri Matisse verbunden ist. In einer der wenigen Aussagen, die Knoebel zu seinem Werk gegeben hat, verweist er zudem auf seine eigenen Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg, die er 1945, als Fünfjähriger, miterlebte und die sich ihm nachdrücklich ins Gedächtnis eingebrannt hat.[28]

Dass die Fenster Knoebels –zusammen mit denen Chagalls- jetzt die Apsis der Kathedrale von Reims schmücken und zum Leuchten bringen, ist ein wunderbarer Ausdruck der deutsch-französischen Freundschaft, deren Symbol die Kathedrale von Reims schließlich auch geworden ist.

13. km 115: Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)

Der eigentliche Name des amerikanischen  Soldatenfriedhofs Seringes et Nesle  ist Oise Aisne American Cemetery. Er liegt in der Nähe des Ortes Fère-en-Tardenois, 23 Kilometer nordöstlich von Château-Thierry- von Saarbrücken kommend erreichbar über die Abfahrt Dormans der Autoroute de l’Est. Der Friedhof liegt in einem Gebiet, das im Rahmen der großen deutschen Frühjahrsoffensive 1918 von deutschen Truppen erobert worden war. Die Oberste Heeresleitung unternahm hier –nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk und der entsprechenden Entlastung an der Ostfront- einen letzten Versuch, dem Krieg eine entscheidende Wendung zu geben.[29]

Es wurden auch erhebliche Geländegewinne entlang der Marne erzielt und man rückte bis auf 92 Kilometer an Paris heran. Während der Offensive kam auch das sogenannte Paris-Geschütz mit einer Reichweite von 130 Kilometern zum Einsatz, mit dem Paris beschossen wurde.  Insgesamt wurden 256 Zivilisten getötet und 620 verwundet, davon gab es allein 88 Tote und 68 Verwundete bei einem Treffer auf die Pfarrkirche Saint-Gervais-Saint-Protais im Marais während des Karfreitags-Gottesdienstes am 29. März 1918 nachmittags. Die deutsche Propaganda nutzte diese angeblichen Erfolge jedoch, um die Moral der Heimatfront  zu stärken.[30]

Die deutsche Offensive scheiterte letztendlich. Im Juli 1918 begann eine große alliierte Gegenoffensive, bei der zum ersten Mal 310 000 Mann des amerikanischen Expeditionskorps eingesetzt wurden. 67 000 amerikanische Soldaten kamen dabei ums Leben, von denen 6012 im Friedhof von Seringes et Nesles bestattet sind.

Der Friedhof hat auch einen ganz außergewöhnlichen, abseits gelegenen Abschnitt, den sogenannten Plot E – der als fünfter Teil des Friedhofs so benannt ist. Er liegt auf der anderen Straßenseite, ist von Hecken umgeben, also nicht einzusehen,  und nur über einen speziellen Zugang erreichbar. Hier sind 94 amerikanische Soldaten bestattet, die von amerikanischen Kriegsgerichten wegen Mord und/oder Vergewaltigung  hingerichtet wurden. Die Verbrechen und Exekutionen fanden in verschiedenen Ländern statt, England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Italien und Algerien. 1949 wurden die sterblichen Überreste der Hingerichteten dann in dem Plot E zusammengefasst.[31]

Anders als auf dem beiliegenden Friedhof für die ehrenhaft Gefallenen gibt es hier nur kleine in den Boden eingelassene Steinplatten mit den Serial Numbers, den militärischen Identifikationsnummern, der Hingerichteten. Eine amerikanische Flagge ist hier untersagt.

Insgesamt wurden 98 amerikanische Soldaten des Zweiten Weltkriegs wegen Mordes und/oder  Vergewaltigung hingerichtet. Wegen Vergewaltigung wurden in 904 Fällen amerikanische Soldaten verurteilt, allerdings nur wenige hingerichtet. Über die Dunkelziffer der nicht gesühnten Verbrechen kann nur spekuliert werden. Schätzungen gehen von über 10 000 Vergewaltigungen allein in Deutschland aus.[32]

14. km 114: Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)      

Das Mémorial von Dormans ist eine der vier großen französischen nationalen Gedenkstätten des Ersten Weltkriegs, zu denen auch die Gedenkstätte auf dem Hartmannsweilerkopf im Elsass, Douaumont bei Verdun und Notre Dame de Lorette in Nordfrankreich (Pas-de-Calais) gehören.[33]

Das Mémorial von Dormans erinnert an die beiden kriegsentscheidenden Marneschlachten von 1914 und 1918: Die erste bedeutete das Scheitern der Kriegsplanung des deutschen Generalstabschefs Schlieffen, der einen schnellen Sieg an der Westfront vorsah; die zweite bedeutete das Scheitern der letzten Versuchs der Deutschen Heeresleitung, 1918 einen entscheidenden Durchbruch an der Westfront zu erzielen. Errichtet wurde es 1922 auf einer Anhöhe über der Marne  „aus Dankbarkeit an Gott und in Erinnerung an all die Opfer dieses Krieges“.[34]  

„Hier hat das Bewusstsein der Franzosen, einen heiligen Krieg zur Verteidigung des Vaterlands zu führen, seine eindrucksvollste Form gefunden. Wie eine zweite Sacré-Cœur ragt die doppelgeschossige Gedenkbasilika im neoromanischen Stil über dem Marnetal auf. In der unteren Kapelle lädt ein Marienaltar zum Gebet für die Toten der Schlachten von 1914 und 1918 ein. Im Obergeschoss stellen Reliefs an den Pfeilern des Querschiffs den Kampf gegen das Deutsche Reich in eine Reihe mit der Hunnenschlacht auf den Katalaunischen Feldern, dem Triumph Karl Martells über die Araber und den Zügen der Jungfrau von Orléans gegen die Engländer.“[35]

Es gibt auch ein kleines Museum mit üblichen Erinnerungsstücken.

Dazu gehört auch ein Plakat mit den 10 Geboten des Soldaten. Das beginnt mit der Aufforderung, den französischen Kommandeur Joffre anzubeten und endet mit dem Gebot, möglichst viele Boches (verächtlich: Deutsche) zu töten und so zu siegen.

Auf dem Vorplatz  befindet sich die Totenleuchte, wie sie auf manchen Friedhöfen im Mittelalter üblich waren. Dort sind die lateinischen Worte „Et lux in tenebris lucet“ eingraviert – ein Wort aus dem Johannesevangelium und auch der Wahlspruch der Waldenser….[36]

In einem Beinhaus werden in 130 Särgen die sterblichen Überreste von 1500 Soldaten aufbewahrt…, von denen nur 11 identifiziert werden konnten.

So wird in Dormans –wie auch in den anderen großen Erinnerungsstätten des Ersten Weltkriegs – nicht nur der Sieg gefeiert, sondern auch der Toten gedacht, die diese Sieg mit ihrem Leben bezahlt haben.

Praktische Informationen  (https://de.memorialdormans14-18.com/praktische-informationen/): 

Adresse: Parc du Château Avenue des victoires  51700 DORMANS

Ausfahrt A 4  Dormans

Öffnungszeiten  Täglich vom 1. April bis zum 31. Oktober:

  • von 14 bis 18 Uhr im April, Mai, September und Oktober
  • von 10.30 bis 18.30 Uhr im Juni, Juli und August
Blick vom „Kreuzgang“

15. km 90:  Der amerikanische Soldatenfriedhof Belleau/Aisne-Marne American Cemetery (1918)    

Auf dem amerikanische Soldatenfriedhof von Belleau sind Gefallene des Kampfes um den Wald von Belleau bestattet. Dieser dichte Wald war von den deutschen Truppen im Zuge der Frühjahrsoffensive und des Vormarschs auf Paris 1918 besetzt worden. Wegen seiner strategischen Bedeutung erhielten die U.S. Marines den Auftrag, den Wald zurückzuerobern, was in einem dreiwöchigen erbitterten Kampf auch gelang.[37]

Es war der erste Einsatz der Marines und die Verluste waren dramatisch hoch: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Soldaten wurde getötet oder verwundet- so viele wie nie mehr später bei einem Einsatz. Für die Marines ist der Wald von Belleau deshalb ein ganz besonderer Erinnerungsort, weil dort the prestige and reputation for bravery of the Marine Corps overseas ihren Ursprung hatten. Natürlich wurde 2018, am 100. Jahrestag des Kampfes, der dort bestatteten Gefallenen in einer besonders aufwändigen Zeremonie gedacht.[38]

. (AP Photo/Virginia Mayo)

Eigentlich hätte auch der damalige amerikanische Präsident Donald Trump, der sich damals anlässlich der Feiern zum Ende des 1. Weltkriegs in Paris aufhielt, an dieser Zeremonie teilnehmen sollen – geradezu ein Pflichttermin.  Trump lehnte aber ab. Die 1800 Marineinfanteristen, die in der Schlacht im Wald von Belleau starben, waren für ihn „Trottel“ (suckers), weil sie getötet wurden. Er wolle, wie es damals aus seiner Umgebung hieß,  den Friedhof nicht besuchen, weil der „voller Verlierer“ (losers) sei.[39] Da ist es nur allzu verständlich, dass der in seiner Selbstwahrnehmung größte amerikanische Präsident aller Zeiten nicht anerkennen will und kann, selbst ein  loser zu sein….

Einen knappen Kilometer entfernt gibt es auch einen deutschen Soldatenfriedhof in der üblichen Schlichtheit.[40]  Auf diesem Friedhof liegen die sterblichen Überreste von  8630 Soldaten, von denen die große Mehrheit während der 2. Marneschlacht 1918 gefallen ist. 4308, die mit wenigen Ausnahmen identifiziert werden konnten, ruhen in Einzelgräbern, die anderen in zwei Sammelgräbern.

16. Km 44: Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918) 

 

Kurz nachdem man auf der A 4 die Marne überquert hat, verweist ein Schild auf das Museum des „Großen Krieges“ in Meaux. Abgebildet sind vier Soldaten, ein deutscher, ein franösischer, ein englischer und ein amerikanischer: Die Internationalität des Kampfes an der Westfront wird damit veranschaulicht.

Das Museum befindet sich in unmittelbarer Nähe des 1932 errichteten monumentalen amerikanischen Kriegerdenkmals „The Tearful Liberty/La Liberté éplorée“.[41]

Es handelt es sich um das größte dem Ersten Weltkrieg gewidmete Museum. Seine Existenz verdankt es dem passionierten Historiker Jean-Pierre Verney, der fast 50 Jahre lang Gegenstände und Dokumente zur Geschichte des Ersten Weltkriegs gesammelt hat. 2005 erwarb Le Pays de Meaux die über 50 000 Stücke umfassende Sammlung und beschloss, ein eigenes Museum für sie zu erbauen.[42] Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch der damalige Bürgermeister von Meaux, der gleichzeitig Abgeordneter der Nationalversammlung und Generalsekretär der konservativen UMP war, der sich damit gewissermaßen selbst ein Denkmal setzte. Eingeweiht wurde das Museum am 11.11.2011, dem an das Ende des Ersten Weltkrieg erinnernden nationalen Gedenk- und Feiertag.[43]

Es gibt in der Ausstellung viele interessante Exponate, wie zum Beispiel dieser patriotische Teller….

… oder dieser mit dem berühmten „wir kriegen sie“ des Generals Pétain, als er das Kommando der französischen Truppen bei Verdun übernahm.

Insgesamt kultiviert aber die Ausstellung, wie Le Monde in ihrem Beitrag zur Eröffnung des Museums schrieb, „le spectaculaire. Zwei Flugzeuge sind an der Decke aufgehangen, ein Renault-Panzer fährt einen Abhang hoch, die Rohre von Kanonen und Maschinengewehren sind überall hin ausgerichtet.“[44]

Natürlich darf auch ein Pariser Taxi nicht fehlen, hier das Ausstellungsstück vom Typ Renault Taxi AG.[45] Es ist „ein Symbol der Schlacht an der Marne, die zum Teil rund um Meaux stattfand. Am 6. und 7. September 1914 wurden auf Befehl von General Gallieni etwa 600 Pariser Taxis beschlagnahmt, um Verstärkung an die Front zu schicken. … Wenngleich nur ein kleiner Teil der Soldaten auf diese Weise befördert wurde, – die meisten kamen mit dem Zug an die Front- wurden die Taxis schnell zum Symbol des französischen Kampfgeistes und der landesweiten Mobilmachung für den Sieg.“?

Bei aller beeindruckenden Fülle und Größe der Ausstellungobjekte: Man kann, wie Le Monde schrieb, befürchten, dass viele Besucher die so glänzend restaurierten und lackierten Waffen bewundern, die makellosen Uniformen auf den Schaufensterpuppen, die nicht bluten und nicht schreien. Die Militaria-Freunde seien sicherlich begeistert, aus nächster Nähe und ganz in Ruhe die technischen Details der Waffen studieren zu können, aber sei das alles nötig, um bestätigt zu finden, dass dieser Krieg zu schnellen und mörderischen technischen Fortschritten geführt habe? Und bestehe nicht die Gefahr, die Realität des gegenseitigen Abschlachtens aus dem Blick zu verlieren? [46] Diesen rhetorischen Fragen -und damit dieser Einschätzung- kann ich mich nur anschließen.

Musée de la Grande Guerre, route de Varreddes, 77100, Meaux

Praktische Informationen (Anfahrt, Öffnungszeiten, Preise): https://www.museedelagrandeguerre.eu/de

Und zum Abschluss noch ein persönlicher und aktueller Hinweis:

Das Beinhaus von Champigny-sur-Marne

Von Meaux ist es nicht mehr weit auf der autoroute de l’Est nach Paris. Weitere Hinweisschilder mit deutsch-französischen historischen Bezügen gibt es nicht mehr. Bedauerlich ist allerdings aus meiner Sicht, dass es bei Champigny-sur-Marne, an dem die Autobahn vorbeiführt, nicht einen Hinweis auf das Beinhaus der Stadt gibt. In Champigny –das dann auch Champigny-la-Bataille genannt wurde-  fand nämlich eine der blutigsten Schlachten des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 statt.

Lithographie nach einer Zeichnung von Max Henze. Dresden/New York 1895

Bei dem verzweifelten Versuch, die Einkesselung von Paris zu durchbrechen, kämpften hier Ende November/Anfang Dezember 1870 auf beiden Seiten über 100 000 Soldaten. Viele der Gefallenen konnten nicht identifiziert werden. Und so sind im Beinhaus von Champigny –ohne Unterschied der Nationalität- die sterblichen Überreste von 1384 Soldaten Seite an Seite bestattet.[47] Sie kämpften gegeneinander und ruhen hier nun gemeinsam in Frieden.

Mit dem ossuaire von Champigny wird damit gewissermaßen ein Bogen geschlagen zu Spichern, dem ersten deutsch-französischen Erinnerungsort an der Autoroute de l’Est. Nachdem vor einigen Jahren das Beinhaus in Champigny –mit nicht unwesentlicher deutscher Beteiligung- renoviert und wieder zugänglich gemacht wurde, hätte es auch ein Hinweisschild/panneau marron verdient…. [48]


Vom 25, Mai bis zum 4. Juli und vom 7. September bis zum 22. Oktober fand/findet in Bry-sur-Marne im Hôtel de Malestroit eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Schlacht von Champigny statt.

Mehr über die Schlacht von Champigny-sur-Marne und das Monument und Beinhaus: https://paris-blog.org/2021/11/25/champigny-sur-marne-die-letzte-grose-schlacht-des-deutsch-franzosischen-krieges-1870-1871-und-ein-deutsch-franzosischer-erinnerungsort/

Siehe auch die Information des Deutschen Historischen Instituts Paris:  https://guerre1870.hypotheses.org/2867


Anmerkungen:

[1] Nachfolgendes Bild aus: https://www.klassenfahrt-verdun.de/tag/militaerfriedhof/

[2] Bild aus: http://dansmabonjotte.canalblog.com/archives/2015/11/10/32891877.html

[3] Bild aus: https://www.blumenspenden.de/dk/romagne/kriegsgraeberstaette.html Siehe auch:   https://www.dffv-verdun.de/de/aktivitaeten/verdun_romagne_sous_montfaucon.php 

[4] Infos und Bild: http://www.varennesenargonne.fr/pages/le-tourisme.html 

[5] Eine übersichtliche Darstellung der Flucht der königlichen Familie und ihrer Folgen siehe: https://www.wikiwand.com/de/Flucht_nach_Varennes

[6] Bild aus: Fichier:Varennes-en-Argonne La plaque commémorant l’arrestation de Louis XVI.JPG — Wikipédia (wikipedia.org)

[7] Campagne in Frankreich, S 235

[8] Bertaut, S. 44. Siehe auch . https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Vaquette

[9] Bertaud, S. 36/37

[10] Siehe den Gastbeitrag von Pierre Sommet auf diesem Blog: https://paris-blog.org/2021/02/13/reims-der-champagner-und-die-deutschen-die-ungekronte-konigin-von-reims-ein-gastbeitrag-von-pierre-sommet/ 

[11] Siehe https://www.facebook.com/artekarambolage/videos/champagner-karambolage-arte/548244399062495/   

[12] FAZ vom 21. Januar 2021, S. 40  (Rhein-Main). Solche exquisite Flaschen werden offenbar nicht einfach gestohlen, sondern „entwendet“….

[13] http://www.champagnerwelt.com/krug/ 

[14] Siehe: https://de.france.fr/de/champagne/artikel/1-weltkrieg-wege-der-erinnerung-champagne-ardenne

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg/kriegsverlauf/champagne-1915.html

[15] MINIAC_Alexandre,_aquarelle_des_Hurlus_(Marne),_lors_de_la_première_guerre_mondiale..jpg (2138×1533) (wikimedia.org)

[16] https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/souain

[17] Bild aus: https://www.art-galerie-shop.de/august-macke-farbkomposition-thuner-see-1913.html?gclid=EAIaIQobChMIy5iMvIDi8AIVFYTICh1QhAzUEAQYASABEgJdbfD_BwE Das vorhergehende Zitat ist dem Begleittext zu dem in der Macke-Ausstellung des Museums Wiesbaden ausgestellten Bild entnommen. (Paradies! Paradies? Oktober 2020 bis Mai 2021)

[18] Mathias T. Engels, August Macke. Monographien zur rheinisch-westfälischen Kunst der Gegenwart 1. Recklinghausen: Bongers 1958. Zitiert bei: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tunisreise Nachfolgendes Bild: https://www.kunstkopie.de/a/august-macke/blick-auf-eine-moschee.html

[20] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/August_Macke#/media/Datei:August_Macke_001.jpg

[21] Christa Blenk, Werkbetrachtung: Abschied von August Macke. https://www.kultura-extra.de/kunst/spezial/werkbetrachtung_Abschied_AugustMacke.php

[22] August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde. Herausgegeben von Werner Frese und Ernst-Gerhard Güse. München: Bruckmann 1987

[23] Bild aus: https://www.wikiwand.com/fr/Liste_de_n%C3%A9cropoles_nationales_en_France

[24] Franz Sontag (Hrsg.): Ein Armeeführer erlebt den Weltkrieg – Persönliche Aufzeichnungen des Generalobersten v. Einem, Leipzig 1938, S. 163 zitiert in: https://de.wikipedia.org/wiki/Herbstschlacht_in_der_Champagne

[25] Bild aus: https://jhmcohen.com/2014/02/12/k-adenauer-c-de-gaulle-1962-a-reims-un-surprenant-message-de-paix/  Zu der Militärparade von Mourmelon siehe auch: Jean-François Boulanger, Hervé Chabaud, Jean-Pierre Husson, De la capitulation à la réconciliation. La rencontre de Gaulle –Adenauer à Reims en 1962.  http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/enseigner/memoire_2gm/degaulle_adenauer.htm

[26] Bild aus Thomas W. Gaethgens, Die brennene Kathedrale. Eine Geschichte aus dem Ersten Weltkrieg. München 2018, Farbtafel 35  (wiedergegeben in der Amazon-Vorschau).

[27] Gaethgens, S. 106/107

[28]  Gaethgens, S. 281

[29] Karte aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Fr%C3%BChjahrsoffensive_1918#/media/Datei:Mai-Angriff_1918.jpg

[30] https://de.wikipedia.org/wiki/Paris-Gesch%C3%BCtz Zur Bombardierung von Saint-Gervais siehe auch den Blog-Beitrag über das Marais: https://paris-blog.org/2020/04/20/grosse-maenner-und-frauen-des-marais-eine-ortsbesichtigung-anhand-der-portraits-des-street-art-kuenstlers-c-215-teil-1-grosse-maenner/ 

[31] Bild aus: https://en.wikipedia.org/wiki/Oise-Aisne_American_Cemetery_Plot_E#/media/File:Plot_%22E%22,_Oise-Aisne_American_Cemetery.jpg       

[32]https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg#:~:text=Soldaten%20der%20US%2DArmy%20vergewaltigten,1945%20sch%C3%A4tzungsweise%2011.040%20deutsche%20Frauen.

https://en.wikipedia.org/wiki/Rape_during_the_liberation_of_France#:~:text=U.S.%20soldiers%20were%20reported%20committing,the%20end%20of%20the%20war Siehe auch: Mary Louise   Roberts, What Soldiers Do: Sex and the American GI in World War II FranceThe University of Chicago Press 2013

[33]  Zur Gedenkstätte Hartmannswillerkopf siehe: https://paris-blog.org/2019/08/01/der-hartmannswillerkopf-das-franzoesische-nationaldenkmal-und-das-deutsch-franzoesische-historial-zum-ersten-weltkrieg/  Zur Gedenkstätte Douaumont siehe:  https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

[34] Aus dem Informationsblatt des Memorials.

[35] Andreas Kilb, Es ist vorbei, vorbei für immer. Hundert Jahres Erster Weltkrieg. FAZ vom 26.7.2014 https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/erster-weltkrieg-die-schlachtfelder-der-marne-13059447-p4.html 

[36] https://paris-blog.org/2018/12/02/von-lyon-nach-dornholzhausen-die-waldenser-eine-franzoesisch-italienisch-deutsche-fluechtlingsgeschichte-teil-1-lyon-luberon-piemont/ 

[37]   Saving Paris: U.S. Marines at Battle of Belleau Wood (warhistoryonline.com)

[38] https://www.gazettenet.com/US-Marines-bravery-celebrated-100-years-after-French-battle-17800182

[39] Süddeutsche Zeitung 4.9.2020  Blog zur US-Wahl  und Süddeutsche Zeitung 5. September 2020

[40] Bild aus: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Belleau_-_Soldatenfriedhof_-_entr%C3%A9e.jpg

[41] Bild aus: https://tourisme.seine-et-marne-attractivite.fr/4673215-monument-americain

[42] https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/das-groesste-europas-zum-zeitraum-14-18.html

[43] Zum 11. November siehe die Blog-Beiträge: https://paris-blog.org/2016/10/01/der-11-november-ein-franzoesischer-feiertag-im-wandel/ und https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

[44]Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[45] Bild und nachfolgendes Textzitat aus:  https://www.museedelagrandeguerre.eu/de/besuch-des-museums/unbedingt-sehenswert/marne-1914.html

[46] Philippe Dagen,  La Grande Guerre s’expose à Meaux, sans sang, sans cris, sans larmes. Le Monde vom 10.11.11

[47] Bild aus: http://www.mehrow.de/Aktuelles/2016/Champigny-sur-Marne/DSC02237_Plakette_640.jpg

[48] Bild aus: Champigny : l’ossuaire rénové dévoile ses sépultures de soldats – Le Parisien

Weitere geplante Beiträge:

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Auf der A 4/Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte (Teil 1: Von Saarbrücken über Verdun bis zur Voie Sacrée)

Im Allgemeinen benutzen wir für unsere Fahrten nach Paris nicht das Auto: Mit dem Zug kann es –jedenfalls wenn man aus der Nähe von Frankfurt kommt wie wir- nicht konkurrieren. Was die Fahrzeit, den Komfort und –bei frühzeitiger Buchung- die Kosten angeht, ist die schnelle Zugverbindung über Saarbrücken oder Straßburg einfach unschlagbar. Außerdem ist das Auto in Paris wegen des Parkproblems eher eine Last.

Aber manchmal benutzen wir dann doch das Auto. Vor allem, wenn Paris eine Zwischenstation ist auf einer Fahrt in den Westen oder Südwesten Frankreichs. Dann geht es mit dem Auto über Saarbrücken auf der Autoroute de l’Est nach Paris. Am Rand dieser Strecke sind zahlreiche braune Hinweisschilder (panneaux marron) angebracht, die auf besondere Sehenswürdigkeiten hinweisen: eine Kirche, ein Schloss, einen malerischen Ort. Es sind die sogenannten Panneaux d’animation culturelle et touristique, deren Ziel es nach Auskunft des Autobahnbetreibers Sanef ist, „den Reichtum des kulturellen und touristischen Erbes“ zu veranschaulichen und die Autofahrer zu motivieren, den Charme der Regionen Frankreichs zu entdecken. Dabei sollten die angegebenen Orte nicht mehr als 30 km von der nächsten Abfahrt entfernt sein. [1] Ein ganz erheblicher Teil dieser Hinweisschilder bezieht sich auf Orte und Ereignisse, die einen historischen Bezug haben. Und das sind , wie auf dieser Strecke kaum anders zu erwarten, vor allem Bezüge zur deutsch-französischen Geschichte, ganz konkret zu den vielen Kriegen, die beide Länder miteinander geführt haben und in denen die Gegenden entlang der Autoroute de l’Est eine wesentliche und leidvolle Rolle gespielt haben. Das erste Hinweisschild nach Saarbrücken und letzte vor Paris sind denn auch die passende Einführung und der markante Schlusspunkt:

Schon kurz hinter der Grenze gibt es das erste historische Hinweisschild (Km 14 der A 320, die zur A 4 führt). Es bezieht sich auf  den Kampf um die Spicherer Höhen  im deutsch-französischen Krieg von 1870/1871.

Schlusspunkt ist kurz vor Paris  das Hinweisschild auf das „Museum des Großen Krieges“ in Meaux, nahe der großen und kriegsentscheidenden Marneschlachten am Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs.

Insgesamt gibt es an der Autoroute de l’Est 16 solche  Hinweisschilder mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte: Und diese Schilder beziehen sich meist explizit auf Kriege: die Koalitionskriege während der Französischen Revolution, den deutsch-französischen Krieg 1870/1871, den Ersten Weltkrieg und den Zweiten Weltkrieg.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)    
  2. Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)  km 364
  3. Das Museum von Gravelotte (1870)    km 303                           
  4. Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)     km 293 
  5. Das Schlachtfeld von Les Esparges (1914-1918)  km 274
  6. Saint Mihiel  (1914-1918) km 258   
  7. Verdun, Ville de Paix km 256 
  8. Die Voie Sacré (1916) km 243  
  9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235
  10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207
  11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)  
  12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148
  13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114
  14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113
  15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)  km 90                 
  16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Diese Hinweisschilder markieren unübersehbar die Autofahrt nach Paris. Sie erinnern an Bekanntes,  wecken Assoziationen, machen vielleicht auch neugierig. Ich habe sie zum Anlass genommen, jeweils –mehr oder weniger ausführlich- etwas zu den Orten mitzuteilen, auf die da verwiesen wird. Das sprengt zwar das-sowieso schon beträchtliche  übliche Format der Beiträge dieses Blogs. Aber es entsteht so ein wie ich hoffe anschaulicher und  informativer Begleiter für die Fahrt auf der Autoroute de l’Est. Und vielleicht regt er ja auch dazu an, auf dieser faszinierenden Reise durch die Geschichte an dem einem oder anderen der bezeichneten Orte anzuhalten  und sich selbst ein Bild zu machen. Interessante und geeignete Alternativen zu einer Fahrtpause in einer Autobahnraststätte bieten sich -angefangen mit Spicheren- damit auch an.

Dieser deutsch-französische Autobahn-Reiseführer ist in zwei Abschnitte aufgeteilt. Nach diesem über Verdun bis zur Voie Sacrée führenden ersten Teil wird in dem nachfolgenden Blog-Beitrag die weitere Fahrt bis über Reims nach Paris behandelt.

  1. Das Schlachtfeld von Spicheren  (1870, 1940, 1945)

Die Spicherer Höhen bei Saarbrücken hatten im Krieg von 1870/71 und im Zweiten Weltkrieg eine strategische Bedeutung, weil von da aus das umliegende Gebiet von Saarbrücken bis Forbach kontrolliert werden konnte.  Die französische Armee, die am Anfang des Krieges von 1870/71  Saarbrücken besetzte, hatte sich auf dem festungsartigen „Roten Berg“ von Spicheren festgesetzt. Anfang August 1870 begannen deutsche Truppen den Angriff und eroberten mit hohen Verlusten die Spicherer Höhen.

Theodor Fontane, damals offizieller Kriegsberichterstatter der preußischen Armee, schreibt dazu: „Wichtiger als die strategische Bedeutung der Erstürmung der Spicherer Höhe war ihre moralische; wir hatten einen …. durch Zahl und Artillerie uns erheblich überlegenen Feind aus einer Stellung geworfen, die er selbst für uneinnehmbar angesehen hatte.“ [2]

Heute erinnern zahlreiche Ehrenmale an deutsche und französische Gefallene der damaligen Kämpfe.

Besonders herausgestellt wird dabei der –offensichtlich von französischen Hugenotten abstammende-  preußische Generalmajor Bruno von François, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen ums Leben kam. Am Fuße des Ehrenmals für das Hohenzollernsche Füsilier-Regiment Nr. 40 befindet sich ein Gedenkstein mit seinem –eingedeutschten- Namen.

Im Wald unterhalb der Anhöhe befindet sich sein umzäunter Sterbeort mit einem Gedenkstein. Dahinter das Ehrenmal für das von ihm kommandierte 1. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 74.[3]

Heute sind die Spicherer Höhen ein beliebtes Ausflugsziel, das sich auch für eine historisch angereicherte  Rast auf dem Weg nach Paris anbietet.

Eine Tafel am Parkplatz erleichtert die Orientierung. Daneben liegt das traditionsreiche Restaurant Woll, von dessen großer Terrasse aus man einen schönen Blick auf die Erinnerungsstätte an die Schlacht vom 6. August 1870 und das Forbacher Becken hat.

Eine übersichtliche aber gute Karte. - Picture of Restaurant Woll, Spicheren  - Tripadvisor

Wenige Meter davon entfernt liegt ein kleiner deutscher Soldatenfriedhof mit Gefallenen aus den ersten Tagen des „Westfeldzugs“ und den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Auch da wieder waren die Spicherer Höhen umkämpft.

Praktische Informationen: Autoabfahrt Saarbücken/Goldene Bremm. Von dort aus erreicht man über die B 41/N3 Richtung Forbach und die Straße Zum Zollstock (beschildert) in wenigen Minuten die Spicherer Höhen

Das Ehrental im Deutsch-Französischen Garten von Saarbrücken

Am Fuß der hart umkämpften Spicherer Höhen liegt das Mockental.  Dort wurde unmittelbar nach der Schlacht auf Beschluss der Saarbrückener Stadtverwaltung eine gemeinsame Ruhestätte für die Gefallenen beider Nationen geschaffen, die den Namen „Ehrental“ erhielt. Bereits einen Tag nach der Schlacht wurden die ersten Kriegstoten  beigesetzt, denen bis April 1871 457 weitere folgten.  Später kamen noch Gräber für weitere ehemalige Kriegsteilnehmer hinzu.

Dies waren allerdings nicht die ersten Soldaten, die man im Mockental beigesetzt hatte. Bereits 1813  hatten französische Soldaten, die auf  dem Rückzug aus Russland in Saarbrücken verstorben waren,  hier ihre letzte Ruhe gefunden.

In Artikel 16 des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 verpflichteten sich die Regierungen Frankreichs und Deutschlands gegenseitig, die Gräber der auf ihren Gebieten beerdigten Soldaten zu respektieren und unterhalten zu lassen. Mit der Anlage des Ehrentals nahm die Stadt Saarbrücken diese Regelung bereits vorweg.

Insgesamt bietet der Friedhof ein sehr heterogenes Bild, das weniger militärisch-kriegerisch bestimmt ist. Üblich sind ja bei Gefallenenfriedhöfen, von denen wir auf der Fahrt nach Paris noch mehreren begegnen werden, strikte Regelungen in der Anordnung und einheitlichen Gestaltung der Gräber.  Auch im Tod liegen da die Soldaten meist übersichtlich geordnet auf offenen Feldern in Reih und Glied. Das ist im Ehrental ganz anders. Alte Bäume wie Eichen, Buchen, Winterlinden, Zypressen und Tulpenbäume, dazu natürlich das Efeu, und die Topografie des Wäldchens mit seiner ovalen Form tragen zum parkähnlichen Charakter bei.  Und dadurch, dass Hinterbliebene ihren Angehörigen individuelle Grabmale setzen konnten, trat ihr persönliches Gedenken gegenüber dem offiziellen bzw. militärischen in den Vordergrund: Das Ehrental ist der erste Friedhof für Gefallene des deutsch-französischen Krieges, möglicherweise sogar der erste Soldatenfriedhof in Deutschland.  Verbindliche Konzeptionen für eine solche Anlage gab es damals noch nicht.   Natürlich erinnern einzelne Symbole daran, dass hier Soldaten ihre letzte Ruhe fanden, wie dieses verwitterte Eiserne Kreuz mit Eichenlaub.

Daneben wurden aber auch die in der zivilen Grabgestaltung gebräuchlichen Formen und Symbole verwendet., die dem damaligen Zeitgeschmack entsprechen, aber auch damals eher ungewöhnlich waren..[3a]

Bestattet sind adlige Offiziere wie Maximilian Reichsfreiherr Roth von Schreckenstein, der Kommandeur des Rheinischen Ulanenregiments No 7, dem seine Familie das aufwändigste Grabdenkmal des kleinen Friedofs bauen ließ.

Es gibt aber auch Gräber einfacherer Soldaten wie das des Lehrers (nicht Gymnasialprofessors!) August Engler, der bei der Erstürmung der Spicherer Höhen am 6. August schwer verwundet wurde.

Im Ehrentag endgültig bestattet ist auch der General von François, der beim Sturm auf die Spicherer Höhen gefallen war.  

Sein Grabmal hat die damals beliebte Form einer abgebrochenen Säule, die sich wenige Schritte weiter auch bei einem französischen Grab: findet.

Bestattet ist hier der Lieutenant Achille St. Victor Fourcade, der am 6. August in Spicheren von einer Kugel in die Brust getroffen wurde, wie die Grabinschrift ausweist („a reçu une balle dans la poitrine“)

Dies ist ja auch eine Besonderheit dieses kleinen Friedhofs, dass deutsche und französische Soldaten, die auf den Spicherer Höhen gegeneinander gekämpft haben, hier gemeinsam bestattet sind.

Dieses große französische Grabkreuz in prominenter Lage erinnert insgesamt an die 1970/1871 gefallenen französischen Soldaten. Errichtet wurde es „parleurs Compatriotes“- aber offenbar war da ein deutscher Steinmetz am Werk, worauf die etwas eigenwillige französische Schreibweise hindeutet….

Auch eine Frau fand hier ihre letzte Ruhe: Katharine Weißgerber, genannt nach der „Herrschaft“, bei der sie als Dienstmagd beschäftigt war, ‚Schultze Kathrin‘. 

Zu Beginn des Deutsch-Französischen Krieges half sie,  verwundete Soldaten aus der Gefechtslinie zu bergen und zu versorgen. Das waren zunächst Opfer des französischen Angriffs auf Saarbrücken unmittelbar nach der Kriegserklärung Napoleons III.  vom 19. Juli 1870, dann Opfer des preußischen Gegenangriffs und des Kampfes um die Spicherer Höhen.[3b]

Briefmarke der Saar-Post von 1956. (Erst am 1.1.1957 wurde das Saarland Bundesland der BRD)

Für ihr humanitäres Engagement wurde Katharine Weißgerber mit einem „Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen“ ausgezeichnet, starb aber am 6. August 1886, dem Jahrestag der Schlacht,  arm und weitgehend vergessen. Immerhin erhielt sie einen Grabstein – den einzigen einer Frau im Ehrental- finanziert durch den Spendenaufruf einer Zeitung.

In der Nähe des kleinen Friedhofs für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 gibt es noch eine weitere Erinnerung an die unselige militärische Vergangenheit beider Länder: Einen Bunker des sogenannten Westwalls. Seit 1936 zog sich auch eine Höckerlinie durch das Gelände, das der Abwehr von Panzerangriffen dienen sollte.

Die Höcker wurden in der Nachkriegszeit beseitigt. Bunker und Friedhof sind heute Teil des Deutsch-Französischen Gartens, der aus der Bundesgartenschau von 1960 hervorging. Diese Bundesgartenschau firmierte als binationale
Veranstaltung. Die neue Park- und Freizeitanlage entstand als bleibendes Symbol einer dauerhaften Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.


2. Km 364: Der amerikanische Soldatenfriedhof von St. Avold (1944/45)      

Das Hinweisschild bei Kilometer 364 macht unübersehbar deutlich, dass es hier um einen amerikanischen Soldatenfriedhof geht: Die wohlgeordnete Menge der weißen Kreuze, die amerikanische Flagge und die Silhouette des amerikanischen Wappentiers.  Und in der Tat: Der Friedhof von Saint Avold (englisch: Lorraine American Cemetery and Memorial), um den es sich handelt, ist ein  amerikanische Soldatenfriedhof, und zwar sogar mit 10 489 Gräbern der größte US-amerikanische Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkrieges in Europa.[4]

Von dem  Belvedere mit dem im Vergleich zum Autobahnschild nicht ganz so imposanten Adler hat man einen eindrucksvollen Blick über das Gräberfeld mit den für die amerikanischen Militärfriedhöfe typischen Kreuzen aus weißem Marmor- manchmal sind es auch Davidsterne, die es übrigens auf den amerikanischen Soldatenfriedhöfen für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges noch nicht gibt.

Wie auf allen von der American Battle Monuments Commission (ABMC), dem Pendant zum Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge,  gebauten und betreuten Anlagen gibt es auch eine überkonfessionelle Kapelle, die hier dem Kampf um die Freiheit gewidmet ist.

Praktische Informationen: American Cemetery Saint-Avold – Fayetteville Avenue – 57500 Saint-Avold. Öffnungszeiten täglich von 9-17 Uhr. Über die Autobahnabfahrt Saint Avold und die D 633 in wenigen Minuten zu erreichen.

Ein paar hundert Meter weiter gibt es auf dem ebenfalls auf der linken Seite gelegenen Gemeindefriedhof ein  bescheidenes „carrée militaire allemande“   mit den Gräbern deutscher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.[5]

3. km 303:  Gravelotte, der deutsch-französische Soldatenfriedhof, das Mausoleum  und das Museum (1870, 1905, 2014)   

Vom 14.- 18. August 1870 fand bei den westlich von Metz gelegenen Orten Gravelotte/Saint-Privat/Mars-la-Tour eine Schlacht zwischen französischen und deutschen Truppen statt. Der  deutsche Sieg, der zur Einkesselung der französischen Rheinarmee in der Festung Metz führte und deshalb eine erhebliche strategische Bedeutung hatte, war mit hohen Opfern erkauft. Theodor Fontane, der die preußischen Truppen als Kriegsberichterstatter begleitete, schrieb:

„Unser Gesamtverlust belief sich auf 904 Offiziere und 19,058 Mann, davon todt 310 Offiziere und 3905 Mann. Seit Leipzig war keine Schlacht geschlagen worden, die größere Opfer gekostet hätte.“[6]

 Am Tag darauf telegrafierte der preußische König Wilhelm –und spätere Kaiser Wilhelm I.-  an Königin Augusta: „Meine Garde fand vor Saint-Privat ihr Grab.“[7]  Wilhelm legte deshalb auch großen Wert darauf, dass im Friedensvertrag von Frankfurt das von Soldatengräbern übersäte Schlachtfeld dem Deutschen Reich einverleibt wurde.

1895 wurde dort ein Aussichtsturm errichtet, von dem aus man das Schlachtfeld überblicken konnte. 1905 wurde er abgerissen und ein Mausoleum im neoromanischen Stil errichtet, das Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich einweihte.

Umgeben ist das Mausoleum von einem deutsch-französischen Soldatenfriedhof. Es gibt dort zahlreiche Grabstätten deutscher Offiziere, aber auch Massengräber unbekannter deutscher und französischer Soldaten. Zahlreiche Denkmale von dem Schlachtfeld wurden nach und nach dort hin verlegt.

Das Museum des deutsch- französischen Krieges 1870/1871 und der Annexionszeit wurde von dem Pariser Architekten Bruno Mader entworfen und  2014 eröffnet.

Der Stahl als hauptsächliches Baumaterial ist bewusst gewählt:  Es ist das Metall, aus dem auch die in der Schlacht verwendeten Säbel, Geschosse, Gewehre und Kanonen hergestellt wurden. Und die Patina entspricht der Zeit, die seitdem vergangen ist.

Das Museum zeichnet sich aus durch eine  konsequente deutsch-französische Perspektive. Für die dementsprechende ausgewogene Darstellung  bürgt allein schon der hochkarätig besetzte internationale wissenschaftliche Beirat mit französischer, deutscher und englischer Beteiligung.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch die sprachliche Gestaltung der Informationstafeln:  Handelt es sich um den Krieg und seine Vorgeschichte, steht am Anfang der französische Text, gefolgt von der deutschen Version (und einer englischen Kurzfassung). Sobald es allerdings um die Zeit zwischen 1871 und 1918 geht, als das Elsass und das Département  Moselle als Reichsland Elsaß-Lothringen Teil des Deutschen Reiches waren, ist das umgekehrt: zunächst der deutsche, dann der französische Text. Und inhaltlich ausgewogen ist sowohl die Darstellung der Vorgeschichte, wo das Interesse beider Seiten an dem Krieg herausgestellt wird, als auch die der „Annexionszeit“: Da werden auch soziale Fortschritte wie die Einführung des Bismarckschen Versicherungssystems angesprochen, auf die die Bewohner des Reichslands nach 1918 nicht verzichten wollten; genauso wenig wie auf das im Reichskonkordat geregelte Verhältnis zum Vatikan, das bis heute noch eine im zentralisierten laizistischen Frankreich außergewöhnliche regionale Besonderheit darstellt.

Sehr eindrucksvoll sind die deutschen und französischen Gemälde, in denen die Schlacht dargestellt wird, wobei  auch die schrecklichen Opfer auf beiden Seiten nicht ausgeblendet werden.

Hier ein Ausschnittaus dem  1897 entstandenen Gemälde Carl Röchlings  Schlacht von Gravelotte. Tod des Majors von Hadeln am 18. August 1870:

Der schon verletzte Major führt mit der Fahne in der Hand einen Trupp Soldaten des Rheinischen Infanterieregiments Nr.  69 gegen verschanzte Franzosen an. Wenige Augenblicke später wird er durch einen Schuss ins Herz getötet. Die Darstellung entspricht einerseits dem damals üblichen Heldenkult, andererseits wird aber auch in aller Deutlichkeit der Schrecken des Krieges gezeigt.

Auch der französische Maler Georges Jeanniot stellt in seinem Gemälde „Ligne de feu, souvenir du 16 août 1870  die Schrecken de Krieges dar, die er auf dem Schlachtfeld von Gravelotte am eigenen Leib erfahren hatte.

Eindrucksvoll sind auch die in dem Museum gezeigten Fragmente des Schlachten- Panoramas von Rezonville (Gravelotte). Es wurde in den 1880-er Jahren mit großem Erfolg in Paris präsentiert und diente dazu, die Erinnerung an die Opfer des Krieges und die verlorenen Provinzen  wachzuhalten. Wie sehr die blutigen Kämpfe in den Kämpfen um Gravelotte die Menschen in Deutschland und Frankreich bewegt haben, veranschaulichen zwei Gedichte, die in dem Museum vorgestellt werden: Ferdinand Freiligraths  Die Trompete von Gravelotte und Arthur Rimbauds  Der Schläfer im Tal (Le dormeur du val).

Insgesamt ein außergewöhnlicher Erinnerungsort des deutsch-französischen Krieges. Mehr dazu in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

Praktische Informationen: 

Musée départemental de la guerre de 1870 et de l’annexion   11, rue de Metz, 57130 Gravelotte

Gravelotte liegt westlich von Metz an der D 603

Öffnungszeiten des Museums 2020: Vom 8. Februar bis 13. Dezember
Dienstag bis Sonntag 10-13 Uhr und 14-18 Uhr. Montags und am 1. Mai  geschlossen.

4. km 293: Das Fort de Fermont an der Maginot-Linie  (1931-1940)      

Dass auf  das Fort de Fermont hingewiesen wird, ist etwas ungewöhnlich, weil es etwa 45 Kilometer von der nächstgelegenen Autobahnabfahrt entfernt liegt, also die eigentlich gesetzte Obergrenze deutlich überschreitet.  Zu erklären ist das wohl damit, dass es sich um ein ganz besonderes Bauwerk handelt: Es ist nämlich eines der sogenannten „gros ouvrages“, der großen Festungsbauwerke, der Maginot-Linie, die in den Jahren zwischen den Weltkriegen errichtet wurde. Das Fort Fermont rühmt sich zudem damit , „unbesiegt“ zu sein, also den Angriffen der Wehrmacht standgehalten zu haben[8], und schließlich ist das Fort zusammen mit einem neuen Museum  für Besucher zugänglich.

Eingang der Festung

Ein Besuch ist allerdings nicht nur wegen der Entfernung zur Autobahn etwas kompliziert, sondern er muss auch genau geplant werden, weil er nur im Rahmen einer  Führung möglich ist, für die eine vorherige Anmeldung sinnvoll ist. Was die Besucher erwartet, skizziert das zuständige Tourismus-Büro:  „Während der zweistündigen Besichtigung des Forts Fermont können die Besucher die sieben, durch unterirdische Gänge verbundenen Kampfblöcke, die Ausstattungen und Waffenausrüstungen entdecken. Nach dem Munitionslager steigen Sie an Bord einer kleinen elektrischen Feldbahn, um eine 30 Meter unter der Erdoberfläche liegende Artilleriekasematte zu entdecken.“

 „Anschließend erreichen Sie das Krankenrevier, die Kaserne oder auch die elektrische Fabrik mit den rekonstruierten Szenen. In den Oberbauten kann man die anderen Blöcke mit einem 75-mm-Geschützturm in Block 1 und auf einer Fläche von mehr als 1.000 m² ein Museum über das Armeematerial der Maginotlinie erkunden, sowie eine einzigartige Ausstellung mit versenkbaren Geschütztürmen und zahlreichen Artilleriestücken.“[9]

So eindrucksvoll diese Festungsanlage auch ist: Der militärische Nutzen der mit großem Aufwand errichteten Maginot-Linie war minimal.  Die meisten Festungsanlagen wurden 1940 beim Angriff der deutschen Wehrmacht auf Frankreich umgangen, so dass die dort stationierten Soldaten fest saßen und tatenlos zusehen mussten, wie ihre Armee überrannt wurde. Die Maginot-Linie war insofern ein Schlüssel der französischen Niederlage: Ein Großteil der französischen Divisionen verharrte an der Maginot-Linie und konnte nicht in die entscheidenden Kämpfe eingreifen. [10]

Praktische Informationen:

Das Fort liegt an der D 174 zwischen Beuveille und Fermont. Von der Autoroute de l’Est Abfahrt 34 St. Marie aux Chênes. Auf der D 643 bis Beuveille, von dort auf der D 174 Richtung Fermont.  Allerdings sind das knapp 45 Kilometer.  Statt dieselbe Strecke wieder zurückzufahren, bietet sich die Weiterfahrt über Etain, Verdun und die Voie sacrée bis zur Autobahnauffahrt 30 an.

Öffnungszeiten: siehe https://www.fort-de-fermont.fr/ 

Telefon: 0033 (0)3 82 39 35 34

5. km 274: Das Schlachtfeld von Les Éparges (1914-1918)   

Bei Kilometer 274 steht neben friedlich grasenden Kühen dieses Schild, das auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges hinweist. Kurz danach ein weiteres Schild:

Les Éparges bezeichnet einen Höhenzug südöstlich von Verdun, der im September 1914 im Zuge des dann gescheiterten Angriffs auf die Festung Verdun von deutschen Truppen besetzt wurde. Der Höhenzug dominiert die Ebene von Woëvre die sich zur (damals deutschen) Festung hinzieht und damit strategische Bedeutung hat. Les Éparges ist Teil des Frontbogens (le saillant) von Saint Mihiel, um den es im nachfolgenden Abschnitt geht. [11]

Aufgrund dieser besonderen Lage des Höhenzuges  beschloss die französische Armeeführung seine Rückeroberung. Vom Angriffsbeginn am 17. Februar bis zum  April 1915 tobten heftigste Kämpfe:  Ständige Angriffe und Gegenangriffe, kleine Geländegewinne, die dann wieder verloren wurden, Hunger, Kälte, völlig verschlammte Schützengräben, pausenloser Artilleriebeschuss und Tausende und Abertausende Tote, Verwundete und Vermisste auf beiden Seiten.

Deutscher Schützengraben von Les Éparges[12]

Es war „schlimmer als die Hölle. All das ohne entscheidenden Sieg und mit keiner anderen Konsequenz als die Anhäufung von Leichen, von entstellten Gesichtern, von im Schlamm vergrabenen Köpfen, zerschossenen Bäumen, verwüsteten Landschaften.“[13]

Es gibt verschiedene Denkmäler, die im Andenken an die Kämpfe und Kämpfer errichtet wurden. Das Denkmal auf dem Point X, dem besonders umkämpften Punkt des Höhenzuges von Les Éparges, ist denen gewidmet, „die kein Grab haben“. Insgesamt wurden die Körper von 10 000 der in Les Éparges gefallenen 50 000 Männer nicht gefunden.[14]

Einer der Kämpfer auf französischer Seite war Maurice Genevoix, der  am 25. April 1915 verwundet wurde und seine Kriegserfahrungen in mehreren Büchern niederschrieb, die er unter dem Titel „Ceux de 14“ (Die von 14) zusammenfasste. Eines dieser Bücher trägt den Titel Les Éparges.

 Vor dem Rathaus von Les Èparges wurde dem Schriftsteller ein Denkmal errichtet.

Auf dem Sockel folgendes Zitat: „Ce que nous avons fait c’est plus qu’on ne pouvait demander à des hommes et nous l’avons fait.“   („Das, was wir gemacht haben, ist mehr als das,  was man von Menschen erwarten konnte, und wir haben es gemacht.“)

Am 11. November 2020 wurden die sterblichen Überreste von Genevoix in das Pariser Pantheon überführt und mit ihm –in einem symbolischen Akt- auch Ceux de 14.

Mehr zu Genevoix und seiner Pantheonisierung  in dem entsprechenden Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

 Am selben Tag wie Genevoix wurde auch –auf der anderen Seite der Front-  Ernst Jünger in Les Éparges verwundet, der seine Erfahrungen in dem Buch In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers verarbeitete.  Ein Abschnitt darin ist mit Les Eparges überschrieben. Obwohl Jünger den Kampf heroisierte  und er die Aura des todesmutigen und kaltblütigen Truppenführers pflegte, hat er angesichts der mörderischen Kämpfe von Les Èparges doch auch Schwäche gezeigt:

Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen. Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen. Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz einfach Angst, blasse, sinnlose Angst.[15]

Der Höhenzug ist noch heute von den Spuren der Kämpfe gezeichnet, vor allem von den großen Kratern der Minen, die bis zum Kriegsende dort auf beiden Seiten eingesetzt wurden. [16]

Le saillant de Saint Mihiel, Les Eparges, Site de la crête de Les Eparges. Cratères de mines et terre labourée par les milliers d’obus tombés ici.

Am Fuß des Höhenzuges von Les Éparges liegt der Cimetière Militaire du Trottoir, wo französische Opfer der Kämpfe bestattet sind. Dazu gehört auch Robert Porchon, der Kampfgefährte von Maurice Genevoix, der ihm „Sous Verdun“, den ersten Teil von „Ceux de 14“,  gewidmet hat und durch den Robert Porchon zum „bekanntesten Soldaten des Großen Krieges“ geworden ist.[17] Der Name des Friedhofs stammt aus der Kriegszeit: Die Toten wurden, solange sie in dem Morast nicht bestattet werden konnten, zunächst auf Holzrosten abgelegt, die sonst als Gehsteige (trottoir) genutzt wurden.

Praktische Informationen:

Von der A 4 Abfahrt 32.  D 908. Ab Fresnes en Woevre  auf der D 203 nach Les Éparges (ca 10 km).  Von dort über die D 203 A und den Cimetière Militaire du Trottoir  zum Point X

6. km 258:   Saillant de Saint – Mihiel  (1914-1918)    

Saillant de Saint-Mihiel: Das ist ein nach Westen vorspringender Frontbogen, der 1914 entstanden war, als die deutsche Armee vergeblich versuchte, die Festung Verdun einzuschließen.  1915 versuchte  die französische Armee durch die Angriffe bei Les Éparges vergeblich, diesen Frontbogen zu begradigen.  So blieb der von bayerischen Truppen eroberte Brückenkopf von Saint – Mihiel auf der westlichen Seite der Marne noch bis September 1918  in deutscher Hand.                   

Hier eine Karte der Westfront nach dem Beginn des Stellungskrieges. In der Mitte ist der Frontbogen von Saint-Mihiel deutlich zu erkennen.[18]  Das Gebiet um Saint-Mihiel wird von deutschen und französischen Schützengräben und Stellungen durchzogen. Hier ein Bild der Tranchée du saillant de Saint-Mihiel  auf französischer Seite….



und Reste vom „Schützengraben des Hungers. Die dort eingesetzten französischen Soldaten mussten sich im Mai 1915 aus Wassermangel ergeben: Sie waren nahe daran zu verdursten.

…. und ein von bayerischen Pionieren errichteter befestigter Unterstand beim bayerischen Schützengraben.

1918 nahmen amerikanische Truppen den schon teilweise geräumten Frontbogen ein. Ihnen zu Ehren wurde 1937 auf einem Hügel in der Nähe des Lac de Madine das Montsec American Monument errichtet.[19]

7. km 256: Verdun, Ville de la Paix  

Auf diesem Schild wird Verdun als „Stadt des Friedens“ vorgestellt.  Unter dem Regenbogen und der Friedenstaube ist das Weltzentrum des Friedens, der Freiheit und der Menschenrechte (Centre Mondial de la Paix, des Libertés et des Droits de l’Homme) abgebildet, das sich im prächtigen Bischofspalast von Verdun befindet.[20]

Zu dem Programm des Zentrums gehören Ausstellungen zur kriegerischen Vergangenheit, aber auch Veranstaltungen wie die deutsch-französische und europäische Woche im Oktober 2020, die einen Beitrag zur europäischen Verständigung leisten.

Praktische Informationen:

Weltzentrum des Friedens:

Palais épiscopal,  Place Monseigneur Ginisty
55105 VERDUN   Tel.  +33 (0)3 29 86 55 00

Öffnungszeiten siehe  https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

Dass es gerade Verdun ist, das seine Rolle als  Stadt des Friedens sieht, hängt natürlich mit seiner ganz und gar nicht friedlichen Vergangenheit zusammen. Verdun steht ja, wie kaum ein anderer Ort, für die Grauenhaftigkeit des Ersten Weltkrieges, seine Materialschlachten und die unermesslichen Opfer, die dieser Krieg auf beiden Seiten verursacht hat.

Das wird auf dem Autobahnschild auf der anderen Seite der Autoroute de l’Est angesprochen,  wobei –wie auch auf dem schon abgebildeten Schild zum Frontbogen von Saint-Mihiel  (Nummer 6) auf der Südseite- Verdun zusammen mit dem Argonnen-Wald genannt wird.  Der Wald der Argonnen war nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans und dem Rückzug der deutschen Truppen an der Marne ein während der gesamten Kriegszeit umkämpft bis hin zu der hauptsächlich von den amerikanischen Interventionstruppen vorgetragenen großen Maaß-Ardennen-Offensive vom September bis zum Waffenstillstand am 11. November 1918.  

Zu den Kriegsschauplätzen in diesem mittleren Abschnitt der Westfront gehörten auch die Kämpfe von Les Éparges, des Frontbogens von Saint-Mihiel und vor allem von Verdun.[21] Diese Festung wurde von der deutschen Heeresleitung als Angriffsziel ausgewählt, um die französischen Truppen entscheidend zu schwächen und damit ein Kriegsende unter Wahrung der deutschen Interessen zu erzwingen. Vom Februar bis Dezember 1916 wurde gekämpft- Inbegriff der industrialisierten Materialschlachten des Weltkriegs: Mit rund 1200 Kanonen, darunter den überschweren 42-cm-Geschützen vom Typ „Dicke Bertha“ verschossen die Deutschen weit über eine Million Tonnen Stahl auf die französischen Stellungen- und die Franzosen etwa die gleiche Menge gegen die deutschen Positionen. Eine solche Konzentration an Feuerkraft hatte es in der Kriegsgeschichte bis dahin nicht gegeben. Das vom deutschen Generalstabschef von Falkenhayn geplante „Ausbluten“ oder „Weißbluten“  der französischen Armee fand aber nicht statt: Die Verluste auf beiden Seiten waren immens.  So wurde die  „Hölle“ oder „Knochenmühle von Verdun“ zum Inbegriff eines letztlich sinnlosen Kampfes.[22] 

Für Frankreich wurde Verdun nach dem Krieg zum wichtigsten nationalen Erinnerungsort, zu einem Symbol für den erfolgreichen Widerstand gegen einen Aggressor. Verdun bot sich aus mehreren Gründen dafür an: Hier gibt es –anders als bei der Marneschlacht- einen geographisch begrenzten und durch eindrucksvolle Monumente wie die umkämpften Forts und anschauliche Spuren des Krieges gekennzeichneten Raum. Dazu kommt,  dass es sich bei der Verteidigung  Verduns um eine rein französische Angelegenheit handelte, an der keine Verbündete beteiligt waren. Und schließlich trug auch das  von General Pétain, dem Verteidiger und „Sieger Verduns“,  eingeführte System der Truppenrotation zur Ausnahmestellung Verduns bei:  Dieses  von ihm als Noria (Schöpfrad) bezeichnete System bedeutete, dass  jede große Einheit nur einmal für eine begrenzte Zeit in Verdun eingesetzt werden sollte, um die Belastung der Truppen zu reduzieren und ihre Moral aufrecht zu erhalten. So war die Mehrheit der französischen Armee an der Verteidigung Verduns beteiligt, und damit auch indirekt ein großer Teil der französischen Bevölkerung insgesamt.

Es gibt zahlreiche Erinnerungsorte an diese mörderischen Kämpfe um Verdun. Da ist vor allem das Beinhaus von Douaumont (Ossuaire de Douaumont).  Es liegt  etwa 5 km nordöstlich von Verdun auf dem Gelände der im Krieg völlig zerstörten gleichnamigen Ortschaft und in der Nähe der ebenfalls gleichnamigen Festung, die während der Kämpfe um Verdun heftig umkämpft war. Das Beinhaus besteht aus einem wuchtigen Sockel, einem sinnbildlichen Damm, den die Verteidiger gegen die Eindringlinge in ihr Land errichtet hatten, ähnelt aber tatsächlich eher einem Bunker. Der 46 Meter hohe Glockenturm, der das ganze Plateau dominiert, ist „eine riesige Grabstele: Das Beinhaus ist ein ungeheures Totenmal.“[23]

Auf dem Friedhof ruhen 16.142 französische Soldaten, die in den Kämpfen um Verdun umgekommen sind.  In dem Beinhaus sind die sterblichen Überreste von 130 000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt. Dass so viele Tote nicht identifiziert und weder der eigenen oder der feindlichen Armee zugeordnet werden konnten, veranschaulicht eindringlich das Ausmaß der Kämpfe. So musste man notgedrungen die sterblichen Überreste von Franzosen und Deutschen hier zusammen aufbewahren.

In der Umgebung sind die Spuren der Kämpfe  – Bombentrichter, Schützengräben und Befestigungsanlagen- immer noch sichtbar; und die Reste der in der „zone rouge“ zerstörten und nicht wiederaufgebauten Dörfer wie Fleury-devant-Douaumont.

Im September 1984  trafen sich der damalige Staatspräsident François Mitterand und der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Douaumont, um an diesem symbolischen Ort  die deutsch-französische Versöhnung und Freundschaft zu bekräftigen.

Vor dem Beinhaus wurde eine Gedenkplatte mit folgender Inschrift (in französischer und deutscher Sprache)  installiert. Sie trägt folgende Inschrift[24]:

Auf diesem französischen Soldatenfriedhof trafen sich am 22. September 1984 zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Völker der französische Staatspräsident und der deutsche Bundeskanzler. Sie legten im gemeinsamen Gedenken an die Toten beider Weltkriege Kränze nieder und erklärten:

„Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden.“

François Mitterrand und Helmut Kohl

Zu den Spuren der Kämpfe gehört auch der ebenfalls in der Nähe gelegene sogenannte Bajonettgraben (Tranchée des baïonettes) und die entsprechende Gedenkstätte, die  ein anschauliches Beispiel für den Erinnerungskult von Verdun ist.[25]

Zur Erinnerung an die französischen Soldaten, die aufrecht mit dem Gewehr in der Hand in diesem Schützengraben ruhen.

Am Ursprung dieser Gedenkstätte steht ein ganz konkretes Ereignis: Es handelt sich um einen Grabenabschnitt, der vom 10.-12. Juni 1916 unter heftigem Artilleriefeuer verteidigt wurde, wobei die meisten Männer fielen. „Zuerst wurde dieser Schützengraben unter dem Namen Tranchée des fusils bekannt, entweder weil einige am Grabenrand abgestellte Gewehre trotz der vom Artilleriebeschuss aufgewühlten Erde auch danach noch sichtbar blieben, oder weil einige Soldaten sie aufgestellt hatten, um in aller Eile ein Gemeinschaftsgrab zu kennzeichnen.“  Daraus entwickelte sich dann aber schnell die Legende, die Soldaten seien lebendig und aufrecht stehend begraben worden, während sie mit aufgepflanztem Bajonett auf einen Angriff des Feindes warteten.[26]

Dass es sich bei der Legende um den Bajonett-Graben um eine „fromme Lüge“ handelt, ist inzwischen unbestritten: Granaten können einen Schützengraben nicht zuschütten, und Bajonette kamen höchstens bei einem Angriff zum Einsatz. Aber die heroische Version der Geschichte passte zu dem Bild, das viele im Hinterland und die Kriegs-Touristen der Nachkriegszeit  sich von Verdun machten.  So vereinigten sich hier Legende und Geschichte.[27]

In der Nähe des Beinhauses von Douaumont liegt das Mémorial de Verdun.  Die Gedenkstätte wurde 1967 auf Initiative von Maurice Genevoix, des  2020 pantheonisierten Autors des Kriegsromans „Ceux de 14“ eingerichtet.[28]

2016  wurde es nach längerer Umbauphase zum 100. Jahrestag des Beginns der Schlacht um Verdun neu eröffnet. Es ist nicht mehr, wie vorher, eine „nationale Weihestätte“, sondern eine beeindruckende Präsentation der historischen Hintergründe und Ereignisse in deutsch-französischer Perspektive.

Mehr dazu im Blog-Beitrag über Verdun und die neue Gedenkstätte: 

https://paris-blog.org/2016/05/21/verdun-1916-2016-und-die-neue-gedenkstaette/ 

Praktische Informationen:

Adresse: 1, avenue du Corps européen. Fleury-devant-Douaumont

Anreise von Paris A 4, Ausfahrt 30: Voie sacrée Richtung Verdun. Ab: Beschilderung Richtung  Champ de Bataille/Vaux-Douaumont

Anreise von Metz: Ausfahrt 31, Richtung Verdun und dann s.o.

Öffnungszeiten und weitere Informationen:   http://memorial-verdun.fr/de/ 

8. km 243: Die Voie Sacrée (1916)   

Für die  Voie Sacrée (Der Heilige Weg) gibt es an der Autobahn kein touristisches Hinweisschild, sondern nur ein Schild an der Ausfahrt 30 mit der entsprechenden  Bezeichnung.  Das ist außergewöhnlich, weil hier ja nicht wie sonst üblich Orte angegeben sind, die man über die jeweilige Ausfahrt erreicht,  sondern eine mit einem religiös überhöhten Namen versehene Straße. Die allerdings ist wohl den meisten Franzosen bekannt, denn sie war während der Kämpfe um Verdun die einzige Verbindung zwischen der Festungsanlage und dem Hinterland. [29]

Die Straße, die Bar-le-Duc mit Verdun  (bzw. dem  kurz davor liegenden Moulin Brûlé) verband,  war somit eine überlebenswichtige Verkehrsader, über die während der sechsmonatigen Kämpfe Tag und Nacht wie am Fließband im 13-er Sekunden-Takt hunderttausende Soldaten und tausende Tonnen Munition und anderer Nachschub an die Front und die erschöpften Bataillone  und die Verwundeten wieder in die Etappe zurück transportiert wurden. Fast 9000 Lastwagen waren dazu im Einsatz.

Um die Straße auch im Frühjahr für diesen massiven Verkehr tauglich zu halten, waren tausende Arbeiter und Soldaten im Einsatz und mehrere Steinbrüche  wurden in ihrer Nähe angelegt.

Nach dem Krieg wurde die Straße  in das Netz der französischen Nationalstraßen aufgenommen- allerdings nicht wie üblich mit einer Nummer, sondern – in Anlehnung an die römische Via sacra- mit dem auf den nationalistischen Schriftsteller Maurice Barrès zurückgehenden  Namen Voie Sacrée,  und es wurden an jedem Kilometer Gedenksteine  errichtet.

Heute ist die Straße eine Route Départementale (RD), die nun eine Nummer hat, allerdings eine  auf die Geschichte der Straße verweisende, nämlich 1916.

8 Kilometer vor Verdun endete die Voie Sacrée auf der Anhöhe  des Moulin Brûlé, die noch außerhalb der Reichweite der deutschen Artillerie lag. Den Weg zur Front legten die Soldaten dann zu Fuß zurück.  An dieser Stelle wurde 1967 das  Mémorial de la Voie sacrée errichtet.  

Es erinnert an all die, die während der Schlacht um Verdun die Verbindung zwischen Front und Hinterland sichergestellt haben. [30]

Im nachfolgenden Blog-Beitrag werden die weiteren auf dem Weg nach Paris angezeigten Erinnerungsorte mit Bezug zur deutsch-französischen Geschichte vorgestellt:

9. Der amerikanische Soldatenfriedhof Romagne –sous- Monfaucon (1917-1918)  km 235

10. Die Mühle und die Kanonade von Valmy (1792)      km 207

11. Die Champagne, der Champagner und der Erste Weltkrieg (1914-1918)    km 174

12. Reims: die Kathedrale (1914, 1962, 2011 und 2015)   km 148

13. Der amerikanische Soldatenfriedhof Seringes et Nesle  (1918)    km 114

14. Das französische Mémorial von Dormans (Marneschlachten)   km 113

15. Der amerikanische Soldatenfriedhof  Belleau (1918)                   

16. Meaux und das Musée de la Grande Guerre (1914-1918)     km 44

Teil 2:   https://paris-blog.org/2021/07/21/auf-der-a-4-autoroute-de-lest-von-saarbrucken-nach-paris-eine-fahrt-durch-die-deutsch-franzosische-geschichte-teil-2-von-der-voie-sacree-uber-reims-bis-meaux-paris/


Anmerkungen:

[1] https://www.groupe.sanef.com/sites/default/files/2020-06/Communiqu%C3%A9%20de%20presse%20Sanef%20_%20panneaux%20culturels%20Bas%20Rhin_%20juin%202020.pdf

Quels sont les secrets des pannaux ‚marrons‘?  Quest-France, 28. Juli 2017  https://www.ouest-france.fr/leditiondusoir/data/5261/reader/reader.html#!preferred/1/package/5261/pub/7227/page/7

[2] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S. 219

[3] Sein Grab befindet sich auf dem Ehrenfriedhof des Deutsch-Französischen Gartens in Saarbrücken. Die Grabinschrift lautet: „Er fiel von fünf feindlichen Kugeln getroffen im siegreichen Vorgehen bei Erstürmung der Spichernberge am 6. August 1870. Rosse werden zum Streittage bereitet aber der Sieg kommt vom Herrn. Spr. Salm. 21,31“

[3a] Siehe dazu:  Bernd Loch, Der Deutsch-Französische Garten in Saarbrücken. Geschichte und Führer. Saarbrücken 2000 und Gerhild Krebs, Deutsch-Französischer Garten. In: http://www.memotransfront.uni-saarland.de/pdf/dtfrz_garten.pdf

[3b] Bild der Briefmarke aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharine_Wei%C3%9Fgerber#/media/Datei:Saar_1956_370_Historischer_Verbandsplatz_bei_Saarbr%C3%BCcken.jpg

[4] Nachfolgendes Bild aus: https://www.tourismus-lothringen.de/gedenken/1939-1945-und-die-maginotlinie/statten-und-denkmaler/892140128-cimetiere-militaire-americain-saint-avold

[5] Bild aus: https://www.verdunbilder.de/friedh%C3%B6fe-einzelgr%C3%A4ber/st-avold/

[6] Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870/11871. Band 1 der Gesamtausgabe in drei Bänden: Der Krieg gegen das Kaiserreich. Bad Langensalza 2004. Nachdruck der Ausgabe von 1873. (Berlin: Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei). Gewidmet Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm. S.328

[7] https://histoire-image.org/de/etudes/der-friedhof-von-saint-privat

[8] Festungswerk fermont maginot-linie – Lorraine Tourisme (tourismus-lothringen.de)Fermont, das unbesiegte Festungswerk

[9] https://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/fort-fermont-522.htm   Siehe auch:  https://www.reisen-in-die-geschichte.de/archiv/archivtxt/fermont.htm  Fotos  zum  Fort bei: http://danoize-pics-n-arts.de/?gallery=gros-ouvrage-de-fermont und https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Vorausgehendes Bild von dem touristischen Zug  https://www.photos-alsace-lorraine.com/album/4616/Photos+du+Fort+de+Fermont  Nachfolgendes Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Maginot-Linie#/media/Datei:Fort_de_Fermont_-_Ligne_Maginot_%C3%A1_Longuyon_(F).JPG

[10] Siehe: Kersten Knipp, Paris unterm Hakenkreuz. Darmstadt: wbg 2020, S. 129/130 und https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article141926739/Der-ruhmlose-Untergang-der-Maginot-Linie.html https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/aussenpolitik/maginot-linie.html

[11] Karte aus: https://www.morthomme.com/st-mihiel.html

[12] http://memorial-verdun.fr/de/bildungsbereich/die-themenbesichtigungen-in-les-eparges

[13] Bruno Frappa, La Croix, 9. Okt 2013. Nachdruck: https://www.la-croix.com/Culture/Livres-et-idees/Maurice-Genevoix-temoin-saisissant-Grande-Guerre-2018-11-04-1200980706. Siehe die ausführliche Darstellung bei https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_des_%C3%89parges und das dortige Résumée: „pour des résultats quasi nul“. Das Ziel, die Deutschen zurückzuschlagen und auf dem Höhenzug französische Artillerie zu stationieren, wurde jedenfalls nicht erreicht.

[14] Bilder aus:  https://www.maas-tourismus.com/de/100-jahre-erster-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas/die-schlachtfelder-von-saint-mihiel-les-eparges-und-der-woevre.html

[15] https://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm

[16] https://www.maas-tourismus.com/de/entdecken/in-die-geschichte-eintauchen/der-erste-weltkrieg-im-departement-maas.html                                      

[17] Siehe: Robert Porchon, Carnet de Route . La Table Ronde 2008

[18] https://www.wikiwand.com/de/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

[19] https://en.wikipedia.org/wiki/Montsec,_Meuse#/media/File:Montsec_monument.jpg

[20] Bild aus: https://de.tourisme-verdun.com/decouverte/post/weltfriedenszentrum-centre-mondial-de-la-paix

[21] Aus der unübersehbaren Literatur zu Verdun siehe Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs . München 2005, S. 252- 278 und für den Gesamtzusammenhang: Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin: Rosohlt 2013, S. 413ff,  auf die vor allem ich mich im Folgenden beziehe.

[22] Über die Höhe der Verluste auf beiden Seiten variieren die Angaben  völlig.  Winkler nennt  320 000 französische  und  280 000 deutsche Opfer.  Nach Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte  Bd 4 (Stuttgart 1965, S. 34) waren die Verluste auf beiden Seiten „ungeheuer und etwa gleich hoch“.

[23] Prost, S. 268

[24] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Beinhaus_von_Douaumont

[25] Bild aus:  http://douar-nevez.eklablog.com/verdun-la-tranchee-des-baionnettes-a79044393

[26] Prost, S. 263/264  Bild des Grabens: https://de.wikipedia.org/wiki/Tranch%C3%A9e_des_Ba%C3%AFonnettes

[27] Prost, S. 263

[28] Siehe dazu den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

[29] https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)     

[30] Bilder aus:  https://www.wikiwand.com/fr/Voie_sacr%C3%A9e_(Verdun)  und https://www.tourism-lorraine.com/remembrance/world-war-1-centenary/sites-and-monuments/750000492-la-voie-sacree-nixeville-blercourt

Weitere geplante Beiträge:

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims nach Meaux/Paris

Die alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

La mer imaginaire: Die Jahresausstellung 2021 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Nous la Commune: Eine Ausstellung zum 150. Jahrestag der Pariser Commune. Place de la Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Das musée Fabre in Montpellier: Soulages, Courbet, Houdon und …

 Im April 2021 habe ich in diesen Blog einen Beitrag über den Maler Pierre Soulages in Rodez und Conques eingestellt:

:https://paris-blog.org/2021/04/01/der-maler-pierre-soulages-in-rodez-und-in-conques/

In Rodez, der Heimatstadt des Malers, gibt es ein speziell ihm gewidmetes Museum, das den größten Bestand der Werke Soulages‘ besitzt; in Conques hat er das bedeutende, auf dem Jacobsweg nach Santiago de Compostella gelegene Kloster mit wunderbaren Glasfenstern ausgestattet. 

Es gibt aber noch einen dritten für Soulages-Freunde wichtigen Ort, nämlich das Museum Fabre in Montpellier. 2005 haben Ihm Soulages und seine Frau 20 Bilder geschenkt, wozu später noch weitere Leihgaben kamen. Inzwischen besitzt das Museum insgesamt 34 Werke von Soulages, die sein Schaffen von 1951 an repräsentieren. Im Folgenden soll eine kleine Auswahl dieser Sammlung vorgestellt werden.

Daneben werden in dem nachfolgenden Text auch zwei andere Künstler berücksichtigt, die im Museum Fabre (und auf diesem Blog) eine wichtige Rolle spielen und die dazu auch noch enge Beziehungen zu Deutschland hatten, nämlich der Maler Gustave Courbet und der Bildhauer Jean-Antoine Houdon. Zum Schluss wird dann noch ein Blick auf ein interessantes Stück des napoleonischen Kunstraubs in Kassel geworfen, das nach einem Zwischenaufenthalt in Malmaison schließlich nach Montpellier gelangt ist….


Soulages

Das Museum Fabre in Montpellier war für Soulages das erste Museum, in dem er begann, sich intensiv Bilder anzusehen. Es seien vor allem die Portraits von Courbet gewesen, die ihn besonders beeindruckt hätten, aber auch Bilder von Zurbaran und Veronese. Um sie zu betrachten, sei er so oft wie möglich in das Museum gegangen.[1]

Gang zu den Soulages-Sälen

Die enge Beziehung des Künstlers zum Museum Fabre wird deutlich in seiner Schenkung und in der hervorgehobenen Stellung, die die Sammlung Soulages in dem Museum einnimmt: Sie ist nämlich in einem modernen Anbau in eigenen Räumen auf 600 qm2 ausgestellt (2. Stock, Säle 46 und 47). Die Arbeiten des Künstlers, vor allem die großen Formate der sogenannten outrenoir-Phase kommen hier optimal zur Geltung.

Manche dieser Bilder erscheinen zunächst einfach nur schwarz, beim näheren Betrachten gewinnen sie aber an Leben. Wie alle Farben wirkt auch, wie Soulages betonte, das Schwarz durch seine physikalischen Eigenschaften: „Transparenz, Trübung, Glanz, Dumpfheit, Textur, Form, Ausmaße usw.“

Durch Rillen wird die Oberfläche der großformatigen Bilder zusätzlich dynamisiert.[2]

Die großen Formate sind teilweise frei im Raum aufgehängt, wie es Soulages besonders liebte.

Man kann um sie herumgehen und auch die Rückseiten betrachten, auf denen die Rahmen, teilweise auch die Struktur der Vorderseiten zu erkennen sind.

Neben späten outrenoir- Bildern gibt es auch Beispiele früherer Arbeitsphasen des Künstlers. So eines seiner ersten großen Formate, die ein Kunstkritiker auch als „Makrographiken“ bezeichnet hat.[3]

Peinture 162×434 cm   27. März 1961

Hier ein Bild -und danach ein Ausschnitt-   bei dem Soulages wie bei vielen frühen Arbeiten die Nussbeize verwendet hat. 

Peinture 130×97 cm   28. September 1977

Besonders stolz war das Museum, als wir es im Juni 2021 besuchten, das folgende, einen Tag vor seinem 40. Geburtstag entstandene Bild präsentieren zu können:

Peinture 186×143 cm  23.12.1959

Es markiert nämlich einen Wendepunkt im Werk von Soulages, der hier seine neue Maltechnik der „raclage“ (Schabetechnik) meisterhaft verwendet hat, wie im nachfolgenden Ausschnitt  zu erkennen ist.

Der Stolz beruhte dazu auch darauf, dass das Bild, das am 15. November 2018 bei Christie’s in New York für einen Rekordpreis von einem privaten Sammler ersteigert wurde, bis Mitte 2021 im Museum Fabre ausgestellt werden darf/ durfte.[4]

Immerhin bleibt dem Museum, wenn Peinture 186×143 cm  23.12.1959 in einer privaten Sammlung oder einem Tresor verschwunden sein wird, noch das nachfolgende verwandte Bild erhalten:

Peinture 81×65 cm   21. September 1961

Dass Bilder von Soulages auch im Kontext mit anderen Werken ihren Platz haben können, zeigt das Museum übrigens in einem Saal mit Plastiken von Germaine Richier, einer Bildhauerin, die in den 1920-er Jahren in Montpellier studiert hatte und dort 1959 starb.

Germaine Richier, Loretto I vor einem Gemälde von Soulages in Saal 45

Courbet 

Wir wissen von Soulages, wie wichtig für ihn die Bilder Courbets im musée Fabre gewesen sind. Und in der Tat verfügt das Museum ja über einen großen Bestand von Werken Courbets. Dazu gehört auch sein Selbstportrait mit Pfeife, auf das Soulages sich auch direkt bezogen hat.[5]

Es handelt sich um ein undatiertes Selbstportrait, Ausdruck eines „romantischen Narzismus“. [6] 1850 erregte  es die Aufmerksamkeit von Louis Napoleon, dem späteren Kaiser Napoleon III. , der es kaufen wollte, was Courbet aber ablehnte. Erworben wurde es drei Jahre später von Alfred  Bruyas, dem Sammler und Mäzen Courbets.  Dieser war darüber glücklich, denn so sei das Bild „den Barbaren“ entkommen, wie er in einem Brief vom 3. Mai 1853 an „mon cher ami“ Bruyas schrieb.

1854 besuchte Courbet Bruyas in Montpellier. Dort entstand auch das Bild Bonjour Monsieur Courbet, ursprünglich betitelt La Rencontre, die Begegnung. Dargestellt ist der Maler mit seinen Malerutensilien auf dem Rücken, der auf dem Weg nach Montpellier von Bruyas begrüßt wird.[7]

Mit stolz erhobenem Haupt, den Stock voraus, tritt der damals 34-jährige Courbet seinem Mäzen, aber gleichzeitig auch seinem Publikum -und seinem Schicksal- entgegen. Courbet inszeniert sich als Bohemien, als „artiste bohème“. Er kommt nicht mit der bequemen Kutsche, die im Hintergrund zu sehen ist, sondern als Wanderer.  Bruyas dagegen, der sich auch gerne „Le Médicis“ nannte, wird als Inkarnation des Bourgeois dargestellt, mit dickem Siegelring am Finger, beflissen-untertänigem Diener und folgsamem Hund. Courbet ist hier aber nicht der Kritiker sozialer Verhältnisse und schon gar nicht Revolutionär: Er und Bruyas begegnen sich auf gleicher Höhe: Der eine hat das Geld, der andere die Kunst, und beides kommt hier in Montpellier auf glückliche Weise zusammen.[8]

Während seines Aufenthaltes in Montpellier lernte der aus dem Jura stammende Courbet das Meer kennen. In Palavas, dem Strand von Montepellier, begrüßt der Maler auf diesem Bild mit großer Geste das Meer, das dann zu einem seiner bevorzugten Motive wurde.[9] Courbet schrieb damals begeistert an Jules Vallès, der 10 Jahre später während der Pariser Commune einer seiner Mitstreiter wurde, die Stimme des Meeres sei großartig, aber sie erreiche nicht die des Ruhms, die seinen Namen in der ganzen Welt verkünden werde.[10]  Mit einem hohen Maß an Selbst- und Sendungsbewusstsein war schon der junge Courbet ausgestattet….

Jean-Antoine Houdon

Houdon ist einer der bedeutendsten französischen Bildhauer des 18. Jahrhunderts.  Man hat ihn auch den Bildhauer der Aufklärung genannt[11]: Sein künstlerisches Potential wurde gerade an den thüringischen Höfen früh erkannt, wo er bedeutende Aufträge erhielt. So besitzt das herzogliche Museum von Gotha heute die weltweit größte Sammlung seiner Werke  außerhalb Frankreichs. [12] Houdn hat erheblich dazu beigetragen, den Kult  der „großen Männer“ seiner Zeit zu befördern. Er fertigte Büsten großer Aufklärer wie Diderot, Condorcet, ja sogar  Benjamin Franklin, George Washington an; allerdings auch Büsten der russischen Zarin Katharina II., Ludwigs XVI. und Napoleons I. Mit der Feststellung, er sei der „erste Bildhauer der Welt“, hatte Thomas Jefferson, damals Pariser Gesandter der um die Unabhängigkeit ringenden Amerikaner, Houdon an George Washington empfohlen. Vor allem waren es aber Rousseau und Voltaire, deren Bild Houdon für die Zeitgenossen und die Nachwelt geprägt hat.

Von Voltaire fertigte er eine ganze Reihe von Büsten an, von denen eine aus dem Jahr 1778 im Museum zu sehen ist – neben einer Büste Rousseaus à l’antique.

Der Tod Voltaires veranlasste Houdon zu einer Vielzahl weiterer Darstellungen des Philosophen. Einen Ehrenplatz im Museum nimmt das zwischen 1780 und 1790 entstandene Terrakotta-Modell  des sitzenden Voltaire ein.

Houdon stellt ihn als alten, melancholisch gewordenen Mann dar, so wie er ihn 1778 getroffen hatte. Um sein Haar trägt er in antiker Manier ein Band – Zeichen seiner Würde.  Die wird auch durch die ausladende Kleidung und den freundlichen, schon leicht entrückten Blick von seinem Podest herunter auf die Betrachter unterstrichen.

Die Marmorversion dieser Plastik befindet sich im Foyer der Comédie Française in Paris. Houdon war es dann ja auch, der die Statue Voltaires für das Pantheon geschaffen hat – eine einzigartige Ehre für den Bildhauer wie für Voltaire. Und für Houdon war es auch eine Ehre, die Totenmaske von Rousseau anfertigen zu dürfen.[13]

Franz Grillparzer hat 1836 bei seiner Reise nach London und Paris auch Houdons Voltaire in der Comédie Française gesehen. Er schreibt dazu (Tagebuch aus dem Jahr 1836):

„Man hat ihn mit Recht in einen Imperatorsessel gesetzt, denn er hat die Welt beherrscht und gemacht, der einflussreichste Mensch aller Zeiten…. er war der Pflug, der die Erde aufriss, in die die Zeit ihren Samen legte.“ Welch eine Hommage – und welch ein hoffnungsvoller Blick auf ein erhofftes Zeitalter der Aufklärung und Vernunft…

Im musée Fabre ist auch die 1783 entstandene „Frileuse“ (Der Winter) ausgestellt, eine der berühmtesten Skulpturen des 18. Jahrhunderts.

(c) Musée Fabre, Montpellier Agglommération – photographie Fréderic Jaulmes

Dargestellt ist ein junges Mädchen, nur mit einem um Kopf und Oberkörper geschlungenen Tuch bekleidet, dessen Ende die Scham gerade bedeckt und das am Rücken kurz über dem Po aufhört. Die Arme sind über der Brust verschränkt, die angewinkelten Beine schamhaft zusammengepresst, der Blick ist gesenkt. Houdons Zeitgenossen haben sich über Pose und Drapierung der „Frileuse“ erregt. Tout Paris fand die junge Schöne, die vorgab, eine Personifikation des Winters zu sein – doch zugleich und im Wortsinn unverhüllt ein „gefallenes“ Mädchen darstellte, das seine Unschuld verloren hatte –, entschieden zu anstößig. Die Beigabe einer antiken Vase, die durch das darin gefrorene Wasser zerbrochen ist, ließ an dieser Sichtweise keinen Zweifel. Der zerbrochene Krug, man kennt das aus Kleists gleichnamigem Lustspiel, steht für verlorene Unschuld. Houdons Fingerzeig war überdeutlich, in der später entstandenen Bronzefassung verzichtete er auf den Krug. Die Empfindung des Frierens, der Schutzlosigkeit und des sich ausgeliefert Fühlens angesichts einer feindlichen Umwelt sind jedenfalls -mit oder ohne zerbrochenem Krug- mit großer Eindringlichkeit gestaltet. [14]

La souricière (Die Mausefalle) von Gerrit Dou

Gerrit Dou, ein bedeutender Genremaler des holländischen „goldenen“ 17.  Jahrhunderts  und Schüler Rembrandts, hat dieses kleine Bild gemalt, das in der Abteilung „Peinture nordique“ des Museums ausgestellt ist. Ein kleiner Junge -vielleicht der Sohn des Malers – zeigt – vermutlich seiner Mutter- eine Mausefalle. Eine Maus, vom Speck -oder vom leckeren holländischen Käse- angelockt, ist darin gefangen.  In der anderen Hand hält er Palette und Pinsel, wird damit also als junger Maler gekennzeichnet.

 Auf den ersten Blick handelt es sich um eine einfache Küchenszene- das Bild wurde auch in diesem Sinn als schlichte „scène de cuisine“ tituliert- ein Interieur, wie es in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts sehr beliebt war. Aber wie bei vielen holländischen Darstellungen von Alltagsszenen liegt auch eine symbolische Bedeutung der Darstellung nahe. Die bezieht sich auf die Mausefalle, die ja inzwischen auch dem Bild seinen Namen gegeben hat. Deren Hintersinn ist allerdings nicht eindeutig.  Nach dem kurzen Begleittext des Museums kann es sich bei der Mausefalle in der Hand des jungen Malers um ein Symbol des beherrschten Instinktes handeln oder auch – für mich etwas weit hergeholt- um ein „Symbol des trügerischen Illusionismus der Kunst“, die eben eine Wirklichkeit vortäuscht, die es gar nicht gibt.[15] In der holländischen Genremalerei hat die Mausefalle aber oft auch eine erotische Bedeutung:  Da dient sie in der Nähe oder  der Hand einer jungen Frau als Anspielung auf ihre erotischen Ambitionen. Es gibt ein anderes Interieur von Dou, bei dem die Mausefalle ganz eindeutig so zu verstehen ist.[16]

File:'The Wine Cellar' ('An Allegory of Winter') by Gerard Dou.jpg

Gerrit Dou, Der Weinkeller

Im Hintergrund des Bildes wärmt sich ein alter Mann am Kamin. Es hat deshalb auch den Untertitel „Allegorie des Winters“. Im Vordergrund sieht man aber ein junges Paar in einer typischen Verführungsszene, deren erotische Ingredienzen aus der holländischen Malerei dieser Zeit wohlbekannt sind: Das ist vor allem der Wein, der in vielen Verführungsszenen dieser Zeit eine entscheidende Rolle spielt und der hier -überdeutlich- auch noch mit dem Zapfhahn in die bereit gehaltene Kanne eingefüllt wird. Auch die Haltung und Aufmachung der jungen Frau und die hoch lodernde Kerze zeigen deutlich, worum es hier geht. Dazu kommt dann noch- gewissermaßen als Quintessenz- die Mausefalle am linken unteren Bildrand. Aber die Vergänglichkeit – typisch für die Malerei dieser Zeit- ist eben auch präsent.

Auch der Mausefalle auf dem Bild in Montpellier hat man – mit dem zusätzlichen Hinweis auf das von der Frau geschabte „phallische Gemüse“ – eine erotische Botschaft zugeschrieben[17] – ohne allerdings zu erläutern, worin die in diesem Falle denn genau bestehen könnte. Aber vielleicht geht es dabei ja – im konkreten Sinne der vom Museum angebotenen Deutung- um die „Beherrschung der Instinkte“ als Voraussetzung künstlerischer Meisterschaft.

Das Bild ist aber vor allem wegen seiner Provenienz besonders  interessant. 1750 wurde es vom  Landgrafen von Hessen-Kassel erworben. Auf der kleinen Informationstafel, die neben dem Gemälde angebracht ist, wird dann als nächste Besitzerin Joséphine de Beauharnais, also die  erste Gemahlin Napoleons I.,  angegeben. Wie das Gemälde von Kassel in das Schloss Josephines nach Malmaison gelangte, wird allerdings nicht mitgeteilt.  Es handelt sich um den sogenannten „Lagrange’schen Kunstraub“, eine abenteuerliche Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.[18]

Als Kurfürst Wilhelm von Hessen-Kassel  im September 1806 den heraufziehenden Krieg kommen sah, brachte er sich in Sicherheit, gleichzeitig aber auch –wie er hoffte- die „werthvollsten Kunstschätze seiner herrlichen Kasseler Galerie“: Denn es gab ja schon hinreichend Anzeichen dafür, dass mit siegreichen Franzosen auch die „Kunstsammler“ einrücken würden. So traf er eine Auswahl von 48 Gemälden, die er  zusammen mit dem Staatsschatz in 42 Kisten verstauen und mit Hilfe von Tagelöhnern und Bauern in das nördlich von Kassel gelegene Jagdschloss Sababurg  transportieren ließ. Dort wurden sie in einem ehemaligen Verließ so versteckt und die schmale Tür so vermauert, dass kein Unterschied  zu den umliegenden Steinen zu erkennen war. Der Maurermeister verwendete die gleichen Steine wie in der umliegenden Wand, staubte sie ein und zündete ein Feuer an, um die Fugen zu trocknen und die Steine mit Ruß ›altern‹ zu lassen. Aber alle Mühe war vergebens. Denn der französische Gouverneur von Kassel, General Joseph Lagrange, hatte Wind von der Sache bekommen und nach entsprechenden drakonischen Strafandrohungen  von dem Versteck erfahren und die 48 Bilder konfisziert. Vermutlich um sich beim kaiserlichen Hof einzuschmeicheln, ließ er sie nach Mainz transportieren, wo sich gerade Kaiserin Josephine aufhielt. Die begutachtete die 36 dort eingetroffenen Bilder -12 waren auf dem Weg abhanden gekommen – und entschied, dass sie in ihrem Schloss Malmaison ausgestellt werden sollten.

Nach ihrem Tod erwarb der russische Zar Alexander den größten Teil von Josephines Kasseler Gemäldesammlung – diese Bilder sind noch heute in Sankt Petersburg zu sehen. Einen Teil des Langrange’schen Kunstraubs hatte Josephine aber schon vorher verschenkt oder verkauft.  Diese Gemälde sind heute in alle vier Winde zerstreut oder verschollen. Aber eines hat über den in Montpellier geborenen Kunstsammler Antoine Valledau seinen Weg ins musée Fabre gefunden….


Anmerkungen

[1] « Le premier musée où j’ai commencé à regarder vraiment de près les tableaux, c’est le musée Fabre à Montpellier. Il y a là des couleurs qui m’ont fortement impressionné, Courbet, des portraits surtout, L’Homme à la pipe et L’Autoportrait au col rayé […], je me souviens de Zurbaran, Véronèse. J’allais le voir le plus souvent possible. » Soulages à Montpellier au Musée Fabre (enrevenantdelexpo.com) 

[2] Siehe: Charles Juliet, Gespräche mit Pierre Soulages, aus dem Französischen von Werner Meyer. Zitiert in: https://www.galerie-boisseree.com/images/artists/Soulages/Soulages_2014.pdf

[3] Siehe  https://fabre.montpellier3m.fr/Soulages-a-Montpellier

[4] https://www.montpellier3m.fr/actualite/pret-dune-oeuvre-de-pierre-soulages-au-musee-fabre

[5] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Courbet_Autoportrait.jpg

[6] Musée Fabre, L’homme à la pipe 

[7] Bild aus: https://snobinart.fr/culture/arte-va-diffuser-un-film-sur-gustave-courbet-et-montpellier/

[8]  Siehe: https://www.beauxarts.com/grand-format/bonjour-monsieur-courbet-ou-les-dessous-dune-rencontre/

[9] Bild aus: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Bord_de_mer_%C3%A0_Palavas

[10]O mer, ta voix est formidable, mais elle parviendrait pas à couvrir celle de la Renommée criant mon nom au monde toute entier“.  Die Allegorie des Ruhms wird traditionsgemäß mit Trompete dargestellt. Zit. in: Les Chefs-d’Œuvre du Musée de Montpellier. Musée de l’Orangerie 1939. Mit einem Vorwort von Paul Valéry

Zu Courbet und Vallès in der Commune siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2021/06/14/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-2-der-fall-der-saule-und-der-fall-courbets/

[11] Siehe: Katalog der Ausstellung  Houdon, sculpteur des Lumières : 1741-1828, Musée national du château de Versailles 2004  

[12] https://www.yumpu.com/de/document/read/21192596/jean-antoine-houdon-schatzkammer-thuringen

[13] Zu Houdons Büsten von Voltaire und Rousseau siehe auch: https://paris-blog.org/2020/09/10/die-rousseau-sammlung-des-museums-jacquemard-andre-im-ehemaligen-koniglichen-kloster-chaalis/  

[14] https://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/kultur/kunst/expo/houdon/winter.htm

Text in Anlehnung an:  https://www.tagesspiegel.de/kultur/ausstellungen/wille-trifft-wahnsinn-die-aufregenden-skulpturen-von-jean-antoine-houdon/1630972.html  und https://www.welt.de/welt_print/kultur/article5609058/Verfuehrerische-Scham.html Beide Texte beziehen sich auf eine wunderbare, 2009 im Liebieghaus in Frankfurt gezeigte Houdon-Ausstellung

Auch das etwas konventionellere und nicht anstößige Gegenstück der Frileuse, der Sommer, ist im musée Fabre zu sehen.

[15] „symbole de l’instinct maîtrisé ou de l’illusionnisme trompeur de l’art“

[16] Gerrit Dou, Der Weinkeller: https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:%27The_Wine_Cellar%27_(%27An_Allegory_of_Winter%27)_by_Gerard_Dou.jpg 

[17] https://www.paperblog.fr/7388241/la-souriciere/

Der erotische Bedeutungsgehalt der Mausefalle war übrigens nicht auf das 17. Jahrhundert beschränkt. Ich erinnere mich noch gut an „Pigalle“, den Schlager Bill Ramsays von 1961: Pigalle, Pigalle/ Das ist die große Mausefalle/ Mitten in Paris/ Pigalle, Pigalle/ Der Speck in dieser Mausefalle schmeckt so zuckersüß… Das Lied war damals Nummer 1-Hit in Westdeutschland und hat auch -neben dem Wunsch, unbedingt Notre-Dame sehen zu wollen- dazu beigetragen, dass ich damals -Unterprimaner- mit einem Freund auf abenteuerliche Weise nach Paris getrampt bin…. https://de.wikipedia.org/wiki/Pigalle_(Die_gro%C3%9Fe_Mausefalle ) und https://www.youtube.com/watch?v=hR2FnLodERM

[18] Der nachfolgende Text ist im Wesentlichen übernommen aus dem Blog-Beitrag über den Kunstraub Napoleons in Deutschland: https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

siehe zu den Grundlagen vor allem: https://www.academia.edu/20316260/Der_Lagrangesche_Kunstraub_von_1806_in_Kassel_historischer_Kontext_und_juristische_Aspekte

In dem in Anmerkung 10 zitierten Katalog der Meisterwerke des musée Fabre von 1939 wird die Provenienz des Bildes etwas genauer verfolgt. Da heißt es lakonisch: auf Seite 82: „Envoyé en 1806 à l’Impératrice Joséphine, pour Malmaison, par le comte Lagrange, le gouverneur de Cassel“. Als nächster Eintrag wird mitgeteilt, das Bild sei von Valedeau den „héritiers Grandpré“ abgekauft worden. Wie und wann das Bild in den Besitz der „Erben Grandpré“ gelangte, bleibt allerdings offen.

Weitere geplante Beiträge:

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont NeufDie alte Eiche (Le Gros Chêne) von Allouville-Bellefosse in der Normandie. Ein Gastbeitrag von Zora del Buono

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 1: Von Saarbrücken über Verduh zur Voie Sacrée

Auf der Autoroute de l’Est von Saarbrücken nach Paris: Eine Fahrt durch die deutsch-französische Geschichte, Teil 2: Von der Voie Sacrée über Reims nach Meaux/Paris

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule durch die Commune. Teil 2: Der Fall der Säule und der Fall Courbet(s)

Im Geröll, in einer Wolke von Staub,

lag der Imperator, mit Toga und Lorbeerkranz.

Sein Betrug an der Revolution

war gesühnt worden.

Peter Weiß, Die Ästhetik des Widerstands[1]

Place Vendôme, Paris, 16. Mai 1871:  „Alles begann mit ganz profanen Handgriffen, denn selbst die Weltgeschichte muss so organisiert werden, dass sie Sinn ergibt. Am frühen Morgen bis in den Vormittag hinein klappern die Fuhrwerke der Pferdedroschker und karren Stroh und Mist heran, mit denen der Platz um die Colonne ausgestreut wird. Man will die Pflastersteine nicht beschädigen, was der unregelmäßige Sturz des Bauwerks unweigerlich verursachen würde. Es gilt, behutsam und überlegt vorzugehen, auch wenn die Zeiten nicht danach sind.“[2]

Aus Sicherheitsgründen ist der Platz abgesperrt. Für die, die ihn betreten dürfen, Vertreter der Commune,  Einheiten der Nationalgarde und natürlich die mit dem Abriss betrauten Personen, Ingenieure und Handwerker, werden Passierscheine ausgestellt[3]:

Um 15.30 beginnt die offizielle Zeremonie: Das 172. und das 190. Bataillon der Nationalgarde stimmen den Chant du Départ, ein Revolutions- und Kriegslied aus dem Jahr 1794, und die Marseillaise an. Die galt im Zweiten Kaiserreich Napoleons III. als subversiv und war verboten, während die Commune sie demonstrativ in revolutionärer Absicht reaktiviert hatte.[4]  Dazu wurde ein zu diesem Anlass entstandener Vierzeiler, adressiert an die Napoleon-Statue auf der Spitze der Säule, skandiert:

Tireur juché sur cette échasse,

Si le sang que tu fis verser,

Pouvait tenir sur cette place,

Tu le boirais sans te baisser.

könnte das von ihm vergossene Blut auf diesem Platz gesammelt werden, könne er es trinken ohne sich bücken zu müssen….   [4a] 

Und es werden erste Erinnerungsfotos gemacht wie dieses: Nationalgardisten und Kommunard/innen in Festtagskleidung, die für ein Gruppenfoto  posieren und sich stolz portraitieren lassen.

Prosper Lissagaray,  aktiv an den Kämpfen der Commune beteiligt und Augenzeuge,  berichtet:

 „Ein an die Spitze der Säule geknüpftes Tau rollte sich um eine Winde, die am Eingang der Straße (der Rue de la Paix, W.J.) befestigt ist. Der Platz ist von Nationalgardisten erfüllt, die Fenster, die Dächer sind von Neugierigen besetzt.  (…)  die Winde dreht sich, die Scheibe zerbricht, ein Mensch wird verwundet. Schon spricht man von Verrat, aber eine zweite Winde ist in Bälde hergestellt. Um 5 ¼ Uhr erscheint ein Offizier auf der Balustrade, schwenkt lange eine dreifarbige Fahne und befestigt sie am Gitter. Um 5 ½ Uhr dreht sich die Winde aufs Neue. Einige Minuten später bewegt sich die Säulenspitze langsam. Der Schaft neigt sich allmählich, zerbricht plötzlich in der Luft in blitzähnlichem Zickzack und fällt mit dumpfem Dröhnen. Der Kopf Bonapartes rollt auf den Boden, sein verruchter Arm liegt vom Rumpf abgelöst da.“ [5]

 Und weiter Lissagaray:

„Ein ungeheures Jauchzen wie aus dem Munde eines befreiten Volks steigt aus tausend Kehlen auf. Man erklettert die Trümmer, und von begeisterten Zurufen begrüßt flattert die rothe Fahne auf dem gereinigten Sockel, der an jenem Tag der Altar des Menschengeschlechts wurde.“ [6]

…und dann werden Erinnerungsfotos mit der umgestürzten Napoleon-Figur  gemacht:  

Hier posieren Nationalgardisten stolz mit ihren Gewehren.[7]

Commune de Paris (1871). La statue de Napoléon, par Antoine-Denis Chaudet (1763-1810), renversée, place Vendôme, à Paris (Ier arr.), le 16 mai 1871

Für dieses Foto haben sich hinter der am Boden liegenden Statue Honoratioren der Commune versammelt.[8]  Es ist auch deshalb so interessant –und höchst umstritten- weil darauf eventuell  Gustave Courbet zu sehen ist. Courbet hat wie noch genauer dargelegt werden wird, bei dem Sturz der Vendôme-Säule eine gewisse Rolle gespielt. Er wurde sogar, als angeblicher Verantwortlicher für den Säulensturz,  nach der Niederschlagung der Commune dazu verurteilt, für die Kosten der Neuaufrichtung der Säule aufzukommen. Dazu würde es natürlich gut passen, dass er sich zusammen mit den Honoratioren  hier stolz hätte portraitieren lassen.  Meist ist es der Mann in der zweiten Reihe Mitte/rechts mit dem dichten  Bartwuchs, manchmal auch der Mann mit dem Zylinder links daneben, in dem (möglicherweise) Courbet gesehen wird, aber sicher ist das keinen Falls. Die Quellenlage lässt hier offenbar keine eindeutige Antwort zu.[9]  Gegner Courbets und der Commune haben aber diese Version besonders gerne als Untermauerung der Schuld Courbets  verbreitet.

Der Tag endete damit, dass die „démolisseurs“ zum Hôtel de Ville zogen und ankündigten, dass die Place Vendôme künftig den Namen „place internationale“ tragen solle.[10]

Courbets Vendôme-Initiative

Wie es zu der Entscheidung kam, die Vendôme-Säule niederzureißen und welche Rolle Courbet dabei spielte, wird im Folgenden skizziert.

Courbet war am 4. September 1870,  unmittelbar nach der der Niederlage Napoleons III. bei Sedan, dessen Gefangennahme und dem Ende des Second Empire vom Präsidenten der neu gebildeten Regierung der nationalen Verteidigung  gebeten worden, Vorsitzender einer Kommission von Künstlern zu werden (zu denen u.a. auch Honoré Daumier gehörte). Deren Aufgabe sollte es sein, die vom Krieg bedrohten Kunstwerke zu schützen. Courbet verdankte diese ehrenvolle Nominierung sicherlich seiner großen Popularität und seinem entschiedenen Eintreten für die republikanischen Ideen. Und Courbet nahm diese Aufgabe durchaus ernst: Am 11. September engagierte er sich für die Sicherung der bedrohten Schätze der Porzellanmanufaktur in Sèvres. Er erwirkte einen Kredit für die Herstellung von Schutzbehältern und ein Dekret zur Requisition von ehemaligen Bergwerksstollen, die inzwischen für die Champignonzucht verwendet wurden.[11] Dort sollten die Kunstschätze gesichert  und gleichzeitig Schutzräume für die Bevölkerung im Falle von Artilleriebeschuss geschaffen werden.

Am 14. September 1870 richtete Courbet in seiner neuen Funktion eine Petition zur Zukunft der Colonne Vendôme an die provisorische Regierung, in der er darum bat, „à déboulonner cette colonne“ (diese Säule abzuschrauben[12]). 

Dass die Vendôme-Säule mit dem Kaiser und Kriegshelden Napoleon an der Spitze im Widerspruch stand zu den Idealen der Französischen Revolution, war  nicht erst und allein Courbet aufgefallen. Schon in der Zweiten Republik, also zwischen der Revolution von 1848 und dem Staatstreich Napoleons 1851, hatte der Philosoph Auguste Comte vorgeschlagen, Napoleon an der Spitze der Säule, europäisch verbindend, durch Karl den Großen zu ersetzen.  Und Courbet hatte schon vorher wie der Dichter Lamartine gegen die Initiative des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe protestiert, wieder eine Napoleon-Figur auf die Spitze der Vendôme- Säule zu stellen. Am 14. September 1871, am Beginn der von ihm mit großen Erwartungen begleiteten und ihn zu einer offiziellen kunstpolitischen Instanz befördernden Dritten Republik,  nun also der „Déboulonnement“-Antrag:   Es sei an der Zeit, dass  Paris, die „métropole humaine“, sich von diesem „monument oppressif“ reinige. [13] Die Vendôme-Säule sei ein Bauwerk ohne jeden künstlerischen Wert, das die dem Kaisertum eigenen Ideen des Krieges und der Eroberung propagiere. Es stehe deshalb im Widerspruch zu dem Geist der Republik und zu der universellen Brüderlichkeit, die von nun an die Beziehungen zwischen den Völkern bestimmen solle. Es verletze damit auch die Gefühle anderer Völker und mache in deren Augen Frankreich lächerlich bzw. hassenswert. Nach ihrer Demontage solle das Metall der Säule zur Münze  (Hôtel de la Monnaie)  gebracht werden. Außerdem beantragte Courbet, dass  Straßennamen, die die einen an Siege, andere aber an Niederlagen erinnerten, ersetzt werden sollten durch die Namen von Wohltätern der Menschheit.[14]

Courbets Denkmalsturz- Petition entsprach nicht nur alter revolutionärer Tradition, sondern auch  der offiziellen Politik der Regierung der nationalen Verteidigung: Die hatte beispielsweise ein Relief am Triumphbogen des Carousels entfernen lassen, das Napoleon III. darstellte, es hatte eine Statue des Prinzen Eugen ersetzt durch eine andere Voltaires und eine Statue Napoleons III. von der Brücke von Neuilly in die Seine werfen lassen. So wurde denn auch Courbets Initiative zum Sturz der Vendôme-Säule von zwei führenden Regierungsmitgliedern, Jules Ferry und Jules Simon, begrüßt.  Dass Jules Simon allerdings die Bronze der Vendôme-Säule für eine Straßburg-Statue auf der Place de la Concorde verwenden wollte, veranlasste Courbet, seine Vorstellungen zur Zukunft der Säule am 5. Oktober in einer Eingabe an die Regierung zu präzisieren. Er habe durchaus nicht gefordert, die Säule zu zerstören, sondern sie von ihrem Platz zu entfernen. Sie passe als Monument der Eroberung, des Raubs und des Mordens nicht zu der „rue de la Paix“, an der sie stehe, und auch nicht zu dem Platz mit seinen Seidenroben, Spitzen, Tüchern  und  Diamanten. Er sei damit einverstanden, die Reliefs in einem  historischen Museum oder im Hof des Hôtel des Invalides auszustellen: Die Kriegsveteranen dort hätten die Kanonen mit ihren Gliedern bezahlt und die Reliefs könnten sie an das erinnern, was man ihre Siege nenne, was aber in Wirklichkeit ihre Leiden seien. Eine Straßburg-Statue aus Stein gäbe es schon auf der Place de la Concorde; die Bronze für eine weitere Statue benötige man dringender für Kanonen.

Das wieder zur Republik, der dritten, gewordene Frankreich befand sich ja immer noch in einem- wenn auch –nach der entscheidenden Niederlage von Sedan-  wenig aussichtsreichen Krieg  gegen Preußen und seine Verbündeten. Dies veranlasste Courbet,  am 29.Oktober einen offenen Brief an die deutsche Armee und die deutschen Künstler, die „chers amis d’outre-Rhin“, zu richten. Er erinnerte an seine Aufenthalte in Deutschland –in Frankfurt und München-  an die er die besten Erinnerungen habe. Mit den deutschen Künstlern, die er dort getroffen habe, habe es viele Übereinstimmungen in künstlerischen und politischen Fragen gegeben.  „In Eurer Mitte fühlte ich mich zu Hause, wie bei meinen Brüdern. Wir stießen damals an auf Frankreich und eine künftige europäische Republik.“  Noch im letzten Jahr hätten die Münchner Freunde geschworen, sich niemals Preußen zu unterwerfen, was aber jetzt geschehen sei. Nachdem sie aber ihre Rechnung mit Bonaparte beglichen hätten, was hätten sie noch mit der Republik zu schaffen? „Ihr wollt die Republik in Ketten legen.“ Damit würden sie sich selbst einen Strick um den Hals legen.

Ganz in diesem Sinne hatte der aus seinem Exil in Guernsey zurückgekehrte Victor Hugo einen Appel aux Allemands gerichtet, in dem er sie als Freund aufforderte, den Bruderkrieg zwischen den beiden Nationen, die Europa gemacht hätten, zu beenden. Gustave Courbet hatte dazu aber auch noch einen konkreten Vorschlag:

„Überlasst uns Eure Krupp-Kanonen, wir schmelzen sie mit unseren zusammen ein“.  Die letzte Kanone, Mündung mit phrygischer Mütze nach oben („gueule en l’air, coiffé du bonnet phrygien“), solle auf der place Vendôme auf den Säulen-  Sockel  gestellt werden. Dieses gewaltige gemeinsame Monument werde „Eure und unsere Säule sein, die Säule der Völker, die Säule Deutschlands und Frankreichs à jamais fédérées“. Es komme darauf an, hatte er schon zu Beginn des Krieges geäußert, auf den Chauvinismus zu verzichten und die „États-Unis d’Europe“ zu schaffen.[15]

Courbet war also zu Beginn der Dritten Republik ein populärer, hoch angesehener Künstler, der sich nun auch im öffentlichen Leben engagierte, der, wie er seinen Eltern stolz mitteilte, „président des arts de la capitale“ war, eine Art Kultusminister der Commune, [16] und  der unüberhörbar für die Ideen der künstlerischen und politischen Freiheit und für die europäische Verständigung auf der Grundlage der deutsch-französischen Freundschaft eintrat. Er befand sich auf dem Zenith seines Lebens.

Courbet, Proudhon und die Commune

Und dann die Commune: Am 17. Januar war Aldolphe Thiers von der in Bordeaux tagenden Nationalversammlung zum Ministerpräsidenten gewählt worden, am 26. Februar unterzeichnete Thiers den Vorfrieden von Versailles und deutsche Truppen rückten für einige Tage in den Westen der Hauptstadt ein. Auslöser des Aufstandes war dann am 18. März der –gescheiterte-  Versuch von Thiers, die  in Montmartre stationierten Kanonen gewaltsam in die Hände der Versailler Regierungstruppen zu bringen. Eine dieser teilweise durch öffentliche Sammlungen finanzierten Kanonen trug übrigens den Namen Courbet: Sie war durch den Erlös eines Bildes finanziert worden, das Courbet –auch wenn er Pazifist war-  für eine Lotterie zur Verfügung gestellt hatte. Dass aber die Republik sich dem kaiserlichen Deutschland unterwarf, wollten er und weite Teil der Pariser Bevölkerung nicht hinnehmen.

Auch unter der Commune behielt Courbet seine Funktion als Präsident der  „Commission des artistes“. Als solcher veröffentlichte er am 6. April 1871 im Journal officiel der Commune einen Brief an die Künstler von Paris. Darin begrüßte er begeistert die Commune: Paris habe Frankreich von der Entehrung und der Erniedrigung gerettet. Heute sei Paris frei und gehöre nur sich selbst. Die Künstler hätten nun die Aufgabe, zur moralischen Aufrichtung des Landes und zur Wiederherstellung der Künste beizutragen. Deshalb müssten auch möglichst rasch die Museen wieder geöffnet werden. Und abschließend: „Ah Paris, die große Stadt Paris hat den Staub von jeglichem Feudalismus abgeschüttelt. … Die Revolution ist umso gerechter, als sie vom Volk ausgeht. Seine Apostel sind Arbeiter, sein Christus ist Proudhon.“[17]

Prouhhon als „Christus“ der Commune? Das war jedenfalls die Vorstellung und Hoffnung Courbets. Proudhon und Courbet, Landsleute aus der Franche-Comté, waren seit 1847 eng befreundet und es gab einen regen intellektuellen und künstlerischen Austausch zwischen den beiden. Das wird auch im Werk Courbets deutlich. 1854/55 malte er sein monumentales Bild „L’Atelier du Peintre“, eine –wie es im Untertitel heißt- „wirkliche Allegorie, die sieben Jahre meines Künstlerlebens zusammenfasst.“ Courbet hat das Bild so beschrieben:

„Alle Welt kommt in mein Atelier, um sich malen zu lassen. Rechts die Teilhabenden, das heißt die Freunde, Mitarbeiter und Liebhaber der Welt der Kunst. Links dagegen die andere Hälfte der Welt, das alltägliche Leben, das Elend, die Armut, der Reichtum, die Ausgebeuteten, die Ausbeuter, die Menschen, die vom Tode leben”.[18]

Zu den Freunden, Mitarbeitern und Liebhabern der Kunst auf der rechten Seite des Bildes gehört natürlich auch Proudhon, portraitiert als dritter  von links in der Männergruppe an der Wand des Ateliers  hinter dem Modell. (Ganz rechts übrigens, in seine Lektüre versunken, Baudelaire, der Freund, mit dem Courbet die Ablehnung und Verachtung der herrschenden Konventionen teilte.[19]

1865 malte Courbet außerdem ein Portrait Proudhons nach dessen überraschendem Tod. Es zeigt Proudhon, umgeben von seinen kleinen Töchtern,  im  Hof der Wohnung in der Rue d’Enfer in Paris. In der endgültigen Fassung des Bildes fehlt Madame Proudhon, die dann ihr eigenes Porträt erhielt. „In seiner Bescheidenheit hielt es Proudhon der Mühe nicht wert, sein Porträt malen zu lassen“, schrieb Courbet, „für mich aber ist dies extrem wichtig, denn er ist der einzige Mensch, der sowohl mein Land als auch das, was ich denke, repräsentierte.“[20]  In einem Brief schrieb Courbet unter dem Eindruck von Proudhons Tod: 

„Das 19. Jahrhundert hat seinen Piloten verloren, und den Mann, der es hervorgebracht hat. Wir bleiben ohne Kompass zurück, und die Menschheit und die Revolution, die ohne seine Autorität dahintreiben, werden von neuem in die Hände der Soldaten und der Barbaren fallen.“[21]

Wie sehr die Ideen Proudhons Courbets Denken und Handeln prägte, zeigt sich besonders deutlich in der Zeit der Commune: Courbet trat hier für die Idee der Selbstverwaltung in allen Bereichen ein. Als „Président de la Fédération des artistes“ konnte er  immerhin im Bereich der Kunst entsprechende Weichenstellungen vornehmen: Wahl von Delegierten aus allen Arrondissements, die dann die Direktoren der Museen und die Konservatoren berufen; Wahl der Professoren der École des Beaux Arts durch die Studenten. Am 16. April wurde Courbet dann als Delegierter des 6. Arrondissements zum Mitglied der Commune gewählt. In seiner Bewerbung hatte er sich ausdrücklich zu „mon camarade Proudhon“ bekannt und wie dieser „alle Formen autoritärer Regierung und göttlichen Rechts“ abgelehnt. Stattdessen solle der Mensch sich selbst regieren, entsprechend seinen Bedürfnissen und seinen eigenen Vorstellungen.

Mit solchen Vorstellungen befand sich allerdings Courbet innerhalb der Commune in einer Minderheit gegenüber der jacobinischen Mehrheit,  erst recht, als am 30. April ein Comité du salut public geschaffen wurde. Diesen Wohlfahrtsausschuss betrachtete eine Minderheitenfraktion, der auch Vallès angehörte, als eine „diktatorische Institution“, die mit dem demokratischen Prinzip der Commune unvereinbar sei. Von den „ultras de la Commune“, die diesen Ausschuss trugen, sagte Courbet, sie spielten die Rollen des abscheulichen Repertoires von 1793 – also der Zeit des terreur…[22]

An dem Beschluss der Commune vom 12. April 1871, die Vendôme-Säule niederzulegen, war Courbet nicht beteiligt – und er konnte da auch gar nicht beteiligt sein, weil er erst am 16. April zum Stadtrat gewählt und damit Mitglied der Commune wurde.

Das Dekret zur Colonne Vendôme hatte nur einen Artikel: „Die Säule des Vendôme-Platzes“ wird zerstört (La colonne de la place Vendôme sera démolie“).  Als Begründung wurde angeführt, die kaiserliche Säule sei ein Monument der Barbarei, ein Symbol der nackten Gewalt und des falschen Ruhms, eine Bejahung des Militarismus, eine Negation des internationalen Rechts, eine permanente Beleidigung der Besiegten durch die Sieger und ein beständiger Anschlag auf eines der drei großen Prinzipien der französischen Republik, die Brüderlichkeit.[23]

Die Kommunarden blieben damit nicht bei der republikanischen und liberalen napoleonischen Antilegende stehen, die ambivalent verfahren war, weil sie die gloire française als napoleonische Errungenschaft hochhielt und daher nie gegen die Säule als deren substantielle Repräsentation zu Felde gezogen war. „Statt dessen betrieben die Denkmalstürzer eine definitive Umwertung“: Die alten Werte dieser gloire waren für sie Ausdruck des Militarismus und ein Verrat an den revolutionären Idealen. [23a]

Vorgesehen war der Abriss für den 5. Mai, dem Todestag Bonapartes, er verzögerte sich aber bis zum 16. Mai.

Die Reaktionen auf den Fall der Säule waren sehr unterschiedlich. Victor Hugo prangerte die Zerstörung der Colonne als „acte de lèse-nation“ und „crime de lèse-civilisation“ an und forderte ihre Restaurierung. Von konservativer und reaktionärer Seite war die Kritik natürlich besonders heftig: Die Niederreißung der Säule sei ein Angriff auf die französische Ehre und spiele nur den äußeren Feinden in die Hände. So wurde sogar der zynische Rat laut, doch gleich dem deutschen Kaiser ein Denkmal in Paris zu errichten. Ganz anders natürlich die radikale Linke: Sie feierte den Denkmalsturz als Akt der Befreiung, als sinnfälligen Bruch mit dem Militarismus und als Abkehr von der napoleonischen dictature.

Gleichzeitig wurden schon Pläne für eine positive monumentale Aneignung des durch den Sturz frei gewordenen Vendôme-Platzes entwickelt. Gefordert wurde die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die ruhmreichen Märtyrer der Commune und der Nationalgarden, die für die Republik gestorben seien. Ihre Namen sollten -ähnlich wie die der Opfer der Juli-Revolution auf der Bastille-Säule- inschriftlich erwähnt und so an die Nachwelt weitergegeben werden.

Auch Courbet stellte solche Überlegungen an: Auch wenn der Beschluss nun weiter ging als sein ursprünglicher Vorschlag: Gegen die Zerstörung der Säule hatte er keine Einwände, wie das Protokoll der Commune-Sitzung im Journal officiel von 27. April zeigt: „Courbet beantragt die Ausführung des Dekrets der Commune zur Zerstörung der Vendôme-Säule“. Man könne allerdings vielleicht die Säulenbasis erhalten, weil es dort Reliefs zur Geschichte der Republik gäbe. Und einen Vorschlag für die Zukunft hatte auch er: nämlich -auch dies eine Anlehnung an die von einem Genius der Freiheit gekrönte Bastille-Säule- auf der Basis der zerstörten Vendôme-Säule einen Genius der Revolution des 18. März, also der Commune, aufzustellen. [24]

Die Rache der siegreichen Republik

Courbet gelang es, während der semaine sanglante der blutigen Rache der siegreichen Versaillais zu entkommen. Am 7. Juni wurde er aber verhaftet, zunächst  in die Conciergerie gebracht und von dort nach Versailles in die Pferdeställe, wo gefangene Kommunarden unter unsäglichen Bedingungen zusammengepfercht waren. Courbet  -bis dahin nicht als Zeichner hervorgetreten- konnte immerhin einige Zeichnungen anfertigen, seltene Zeugnisse der damaligen Repression.[25]

Am 14. August wurde ihm in Versailles der Prozess gemacht und am 2. September das Urteil gesprochen: Sechs Monate Gefängnis, dazu eine Geldbuße von 500 Francs und die Übernahme der Gerichtskosten; verglichen mit den gegen seine Mitangeklagten verhängten Strafen (Tod, lebenslange Zwangsarbeit, Verbannung nach Neu-Kaledonien) eine äußerst milde Strafe. Zu verdanken hatte er dies einer sehr geschickten Verteidigung, die Courbets Engagement während der Commune als ein rein auf die Kunst beschränktes darstellte und seine Bemühungen zum Schutz und zur Rettung von Kunstwerken in dieser Zeit herausstellte. Besonders engagiert hatte sich Courbet auch bei der Rettung der Kunstsammlung von Adolphe Thiers, als dessen Stadtpalais zusammen mit der Colonne Vendôme zerstört wurde. So wurde er lediglich verurteilt, weil er als Mitglied der Commune die Zerstörung der Vendôme-Säule provoziert habe.[26]

Seine Strafe verbüßte Courbet in der Haftanstalt Sainte-Pélagie in Paris, das seit der Französischen Revolution speziell für politische Gefangene bestimmt war.

Courbet portraitiert sich hier im braunen Dress der politischen Gefangenen. Allein der als Krawatte gebundene rote Schal sticht farblich hervor. Man kann dies als Bekenntnis zu seinem Engagement in der Commune verstehen.[27] Entstanden ist das Bild vermutlich in der Klinik des Doktor Duval, in der Courbet sich schon während der Abbüßung seiner Strafe einer Operation unterzog.

Wieder auf freiem Fuß reist Courbet am 20. Mai 1872 zurück in seine Heimatstadt Ornans, wo es ja ein stattliches landwirtschaftliches Gut der Familie gab. Allerdings hatte Courbets politisches Engagement auch dort Wellen geschlagen. So hatte der bonapartistische Bürgermeister der Stadt die Figur des Fischerjungen (le pêcheur de chavots), die Courbet 1862 der Stadt für den Brunnen auf der „Place des Îles Basses“ (heute: Place Courbet) geschenkt hatte, entfernen lassen.

Erst 1881, anlässlich der Rehabilitierung Courbets, wurde ein neuer Abguss der Figur angefertigt und wieder installiert. Und auch sonst war Courbets Situtation nicht so unbeschwert, wie er es zunächst einschätzte: Für das offizielle Frankreich war er eine Unperson geworden[28]: Zwei seiner Bilder wurden –entgegen der Satzungen- für den Salon von 1872 zurückgewiesen, was sogar den prominenten Puvis de Chavannes zum Rücktritt vom Komitee des Salons veranlasste.

Andererseits gab es aber auch eine große Nachfrage nach Bildern des Künstlers mit entsprechenden Wertsteigerungen. Großmäulig dröhnte Courbet, die Commune werde ihn noch zum Millionär machen.[29] Diese Nachfrage wurde durch die mediale Präsenz noch begünstigt, die Courbet seit jeher hatte, die durch sein Engagement in der Commune und den Prozess vor dem Militärgericht aber noch einmal verstärkt wurde. Besonders für Karikaturisten war Courbet ja ein ideales Objekt.

Hier eine Karikatur noch aus der Zeit der Commune, erkennbar an der „revolutionären“ Datumsangabe, auf dem Titelblatt  einer damals weit verbreiteten Zeitschrift:

Courbet ist  dabei,  alle Säulen von Paris umzustürzen, also auch die Pissoirs….

Bissiger, ja bösartig, werden dann die Karikaturen nach der Niederschlagung der Commune:

Hier wird Courbet, typischer Weise übertrieben beleibt und mit roter Commune-Schärpe um den Bauch, auf die Vendôme-Säule gestützt in Herrscherpose dargestellt. Und die „Pariser Bronze-Männer“, unverkennbar Henri Quatre und Louis Quatorze, bitten „untertänigst“ darum, nicht eingeschmolzen zu werden.[30]  Im Hintergrund werden auch Engelsfiguren zum Einschmelzen gebracht – dabei hatte Courbet, überzeugter Antiklerikaler,  als Kunstbeauftragter der Commune verhindert, dass aus der Kirche Saint Sulpice Gegenstände entfernt wurden- Teil seines allgemeinen Engagements für die Bewahrung der Kunst.

Auch die nachfolgend abgebildete Karikatur thematisiert Courbets (angebliche) Verantwortung für den Abriss der Vendôme-Säule.[31]

In einer Sternzeichen-Serie wird Courbet – lächerlich kostümiert- als Stier dargestellt. Er balanciert  mit der Vendôme- Säule und dem Palais des Adolphe Thiers an der Place St. Georges, mit dessen Zerstörung er ja nicht das Geringste zu tun hatte – ganz im Gegenteil. Aber darauf kommt es in der Kampagne gegen Courbet auch gar nicht mehr an. Ironisch wird in der Unterschrift vor der sehr gefährlichen Balance-Übung gewarnt: Achtung vor „Courbet—ures“- ein Wortspiel mit courbatures/Muskelkater. Courbet, so die Aussage, habe sich also übernommen.

Ganz direkt wird diese Botschaft in der nachfolgend abgebildeten Karikatur von Cham aus Le Monde illustré vom 6. April 1872 zum Ausdruck gebracht. Da sitzt Courbet bei Regen und Wind vor seiner auf dem Sockel der Vendôme-Säule aufgestellten Staffelei.[32]

Gustav Courbet, so die Erläuterung, sei gezwungen, jeden Tag dort hinzukommen, um Bilder für die Rekonstruktion der Säule zu malen. Dies bezieht sich auf einen Vorschlag, den Courbet unvorsichtiger Weise im Vorfeld seines Prozesses vor dem Militärgericht selbst gemacht hatte – ohne dass dies allerdings zunächst irgendwelche Konsequenzen nach sich zog. [33]

Aber dann kam der Absturz: Am 24. Mai 1873 wurde die bisherige republikanische Regierung abgewählt, in der es noch wichtige, Courbet wohlgesonnene Vertreter der provisorischen Regierung von 1871 gab. Damit war es unter dem neuen reaktionären Staatspräsidenten Mac Mahon aus. Courbet wurde erneut wegen der Zerstörung der Vendôme-Säule angeklagt. Es ging nun darum, dass er die Kosten für ihre Wiederaufrichtung zu übernehmen habe.

Auch dies wieder ein gefundenes Fressen für Karikaturisten.

Hier sieht man Courbet vor dem Hintergrund der fallenden Säule. Er,  der einmal  dazu berufen gewesen sei, die Vendôme-Säule zu zerstören, muss  nun, erniedrigt vor den Augen der hier auch noch durch eine Frau repräsentierten Öffentlichkeit,  Steine klopfen.[34] Courbets Palette liegt am Boden, und damit auch er als Maler. Er ist zum Steineklopfer (casseur de pierres) geworden, sein Lebensinhalt besteht nun darin, die Vendôme-Säule wieder aufzubauen.  Wenn Courbet im Begleittext der Karikatur als Steineklopfer bezeichnet wird, bezieht sich das auf sein  berühmtes  Bild „Die Steineklopfer“, das als ein wegweisendes Werk des Realismus gilt.[35] Jetzt malt Courbet nicht mehr die Steineklopfer, er ist nun selbst einer  geworden.

Die Summe, die Courbet bezahlen sollte,  323 091,68  Francs, war so immens, dass er sie unmöglich aufbringen konnte, zumal sein gesamter Besitz einschließlich seiner Bilder vom Staat beschlagnahmt worden war. So blieb ihm nur das Exil in der Schweiz. Ein halbes Jahr vor seinem Tod erreichte ihn die Nachricht seiner endgültigen Verurteilung. Die erste Jahresrate von 5000 Franc hat er wohl nicht mehr gezahlt: Am 31. Dezember 1877 starb er in seinem Schweizer Exil und wurde dort begraben. 1919 durfte dann das Grab auf Wunsch der Familie nach Ornans verlegt werden. Der „verlorene Sohn“ der Stadt kehrte damit wieder in seine Heimatstadt zurück.

Inschrift auf dem Grabstein Courbets auf dem Friedhof von Ornans [36]

Und seit 2011 gibt es in Ornans ein an der Loue gelegenes erweitertes und modernisiertes Musée Courbet. Ein Teil des Museums ist das alte Hôtel Hébert, das Geburtshaus Courbets, wo der Künstler auch einen Teil seiner Jugend verbracht hatte[37]. Aus dem verfemten Künstler ist jetzt das Markenzeichen der Stadt geworden….

PS. Die wieder aufgerichtete Vendôme- Säule wurde am 28. Dezember 1875  feierlich eingeweiht und steht seitdem unangefochten in der Mitte des noblen Platzes.

Literatur

Paul d’Abrest: Courbet und die Vendôme-Säule. In: Die Gartenlaube. Heft 9, 1878, S. 148–150   https://de.wikisource.org/wiki/Courbet_und_die_Vend%C3%B4me-S%C3%A4ule  

Jules-Antoine Castagnary, Gustave Courbet et la colonne Vendôme. Plaidoyer pour un ami mort. Paris 1883 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k109100z?rk=21459;2

Stéphane Guégan/Michèle Haddad, l’ABCdaire de Courbet et le réalisme. Paris 2019

Werner Jpf,amm. Das Atelier. Courbets Jahrhundertbild. München: C.H.Beck 2010

Marie Louise Kaschnitz, Gustave Courbet. Roman eines Malerlebens. FFM/Leipzig 1993

Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871. Edition suhrkamp 577. Ffm 1971

Louise Michel, Die Pariser Commune. Wien: Mandelbaum 2021-04-28

Thankmar Freiherr von Münchhausen, 72 Tage. München: dva 2015

Alfred Normand/Charles Normand, La colonne Vendôme. Bulletin de la Société des amis des monuments parsiens. 1.1.1897  https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6125169w/f125.item.zoom

Michel Ragon, Gustave Courbet. Peintre de la liberté. Paris: fayard 2004

Helke Rausch, Kultfigur und Nation. Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914. München: R. Oldenbourg 2006

Dieter Redlich, Die Pariser Commune  und der französisch-deutsche Krieg 1870/71.  Odlib-Verlag 2020.  Darin vor allem Kapitel II.9: Kultur, Courbet und Commune, S 257ff

Bernd Schuchter, Gustave Courbet und der Blick der Verzweifelten. Wien 2021

Helmut Swoboda (Hrsg), Die Pariser Commune 1871. München 1971

Anmerkungen


[1] Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands. Zit. in Redlich, Die Pariser Commune, S. 257

[2] Schuchter, Gustave Courbet, S. 9  Es geht bei den Schutzmaßnahmen allerdings nicht zuerst um die Pflastersteine, sondern um die Abwasserleitungen darunter.

[3] Nachfolgende Abbildung und die Informationen zum Ablauf der Zeremonie aus: https://raspou.team/1871/destrction-de-la-colonne-vendome/ 

[4] Helke Rausch, Kultfigur und Nation, S. 263

[4a]  Zitiert von Louise Michel in ihrem Commune-Buch (Paris: Ink Book 2012)

[5] Prosper Lissagaray, Geschichte der Commune, S. 279/280  Bild aus: Colonne-vendôme-Illustration – La Chute de la colonne Vendôme — Wikipédia (wikipedia.org) luciendescaves.fr/xmedia/Commune/Colonne-vendome.jpg, Domaine public

[6]  Lissagaray, Geschichte der Commune, S. 280   Nachfolgendes Bild aus: https://raspou.team/1871/destrction-de-la-colonne-vendome/ 

[7] Foto von Eugène Disderi Mai 1871. (La colonne Vendôme renversée durant la Commune de Paris)

[8] Foto aus https://www.paris.fr/pages/les-150-ans-de-la-commune-les-lieux-emblematiques-2-5-16972

[9] 2009 wurde das Bild im Rahmen der Ausstellung „Controverses“ in der BNF gezeigt. Dazu wurde auch ein kleiner Film präsentiert, in dem der Kunsthistoriker Bertrand Tillier der Frage nachgeht, ob auf diesem Bild auch Courbet zu sehen sei. Für Tillier kommt dafür –wenn überhaupt- der Bärtige in der zweiten Reihe in Frage. Für https://macommunedeparis.files.wordpress.com/2016/10/courbetplacevendome.png ist es der Zylinder Mann daneben. Nach Marie-Louise Kaschnitz „sah man den Maler unter den Zuschauern, einen Strohhut auf dem Kopf….“ (S. 143)  Nach der derzeit maßgeblichen Biographie von Ragon ist jedenfalls ungewiss, ob Courbet beim Abriss der Säule anwesend war. „Assista-t-il aux opérations? Nous n’en savons rien.“ (S. 382)

[10] Helke Rausch, Kultfigur und Nation, S. 263

[11] Siehe dazu auch den Blog-Beitrag über die Bergwerke und Steinbrüche von Paris

[12] So die Übersetzung Thankmar von Münchhausens, Die Pariser Kommune 1871, S. 309

[13] Ragon, Gustave Courbet, S. 365.

[14] Der Wortlaut der Petition bei Ragon, Gustave Courbet, S. 363/364

[15] Der Wortlaut ist zitiert bei Ragon, Gustave Courbet, S. 367/368 und S. 361  Der Spiegel  spricht von einer „bizarren Denkmals-Verwandlung“, die Courbet ausgeheckt habe…  https://www.spiegel.de/kultur/zur-kanaille-gemacht-a-19f410ac-0002-0001-0000-000040606932

[16] Zit. bei Ragon, Gustave Courbet, S. 361

[17] Zit. bei Ragon, S. 372/3

[18] Zit: https://www.musee-orsay.fr/de/kollektionen/werkbeschreibungen/suche/commentaire_id/das-atelier-des-malers-9027.html  Bild aus: http://deartibussequanis.fr/xix/courbet_atelier.php Dort auch eine ausführliche Beschreibung und Interpretation des Bildes. Siehe auch: Werner Hofmann, Das Atelier. Courbets Jahrhundertsbild, München 2010, Verlag C.H.Beck

[19] Siehe: Gustave Courbet: Et ses compagnons de route, Alfred Bruyas et Charles Baudelaire – Essai d’analyse relationnelle. Paris: Harmattan 2013

[20] https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article194968913/Ich-wuerde-mich-hueten-mich-von-ihm-malen-zu-lassen.html Bild aus: Pierre-Joseph Proudhon et ses enfants en 1853 | Paris Musées

[21] Zit bei Hofmann, Das Atelier, S. 56

[22] Zit. bei Ragon, S. 380 und 383

[23] La Commune de Paris considère que la colonne impériale de la Place Vendôme est un monument de barbarie, un symbole de force brute et de fausse gloire, une affirmation du militarisme, une insulte permanente des vainqueurs aux vaincus, un attentat perpétuel à l’un des trois grands principes de la République : la fraternité ! »  

 Siehe Redlich, Die Pariser Commune, S. 259/300. Originaltext zitiert  bei Ragon, S. 275 und  https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Chute_de_la_colonne_Vend%C3%B4me

[23a] siehe Rausch, Kultfigur und Nation, S. 263. Rausch verurteilt allerdings ausdrücklich den Beschluss der Commune und spricht von „einer tiradenartigen Reihung programmatischer Verwerfungen“ – eine -vorsichtig augedrückt- merkwürdige Formulierung….. Und die napoleonische gloire als Ausdruck des Militarismus zu verstehen, ist für ihn eine Diffamierung. Auf Rausch S. 265f beziehe ich mich auch bei der nachfolgenden Darstellung der Reaktionen auf den Säulensturz.

[24] Courbet demande que l’on exécute le décret de la Commune sur la démolition de la colonne Vendôme. On pourrait peut-être laisser subsister le soubassement de ce monument, dont les bas-reliefs ont trait à l’histoire de la République; on remplacerait la colonne par un génie représentant la Révolution du 18 mars. Aus: https://macommunedeparis.com/2016/10/28/gustave-courbet-dans-les-proces-verbaux-de-la-commune/ 

[25] Bild aus: https://histoire-image.org/de/etudes/repression-commune Dort auch eine Erläuterung des Kunsthistorikers Bertrand Tillier.

[26] Siehe Ragon, S. 400 Rausch schreibt dagegen, offenbar in Verkennung der üblichen Urteilspraxis: „Courbets Rückzug auf eine gänzlich entpolitisierte Argumentation vor dem Militärgericht verfing nicht.“ (Anm. 34, S. 268). Doch! Allerdings sicherlich auch begünstigt dadurch, dass sein Verteidiger jeglicher Commune-Affinität völlig unverdächtig war. Die Verteidigungsstrategie war durchaus erfolgreich, man kann sie aber als moralisch/politisch fragwürdig bezeichnen, ja, wie Manet kritisierte, als feige. Manet hatte den Prozess verfolgt und schrieb am 22. August 1871 an einen Freund: „Vous me parlez de Courbet. Il s’est conduit comme un lâche devant le Conseil de guerre et n’est digne maintenant d’aucun intérêt.“ (Zit. Ragon, S. 399)

[27] Bild: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gustave_Courbet_-_Self-Portrait_at_Sainte-P%C3%A9lagie_-_WGA05498.jpg  Erläuterungen dazu: Fabrice Masanés,  Courbet à Sainte-Pélagie  Histoire par l’image.   http://histoire-image.org/de/etudes/courbet-sainte-pelagie

[28] S. Werner Hofmann, Das Atelier, S. 94

[29] Siehe Ragon, S. 415

[30] Bild aus: https://www.parismuseescollections.paris.fr/de/node/728154#infos-principales  

[31] Bild aus:  https://collections.vam.ac.uk/item/O1029409/les-signes-du-zodiaque-par-print-xiat-h/ 

[32] https://macommunedeparis.com/2016/10/13/gustave-courbet-place-vendome/  

[33] Siehe Ragon S. 391/392

[34] Bild aus: https://collections.vam.ac.uk/item/O187491/souvenirs-de-la-commune-par-print-scherer-leonce/souvenirs-de-la-commune-par-print-sch%C3%A9rer-l%C3%A9once/

[35] https://fr.wikipedia.org/wiki/Les_Casseurs_de_pierres#/media/Fichier:Gustave_Courbet_018.jpg (Reproduktion. Das in der Galerie alter Meister in Dresden ausgestellte Bild wurde beim Bombardement der Stadt im Februar 1945 zerstört). 

[36] Das Geburtsdatum Courbets ist auf dem nachfolgend abgebildeten originalen Grabstein aus der Schweiz falsch angegeben: 10. August statt 10. Juni 1819. Wie gut, dass man das nicht verändert hat!

[37] Bild aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Mus%C3%A9e_Courbet#/media/Datei:Mus%C3%A9e_Courbet_Ansicht.jpg

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