Die Marseillaise: Vom Straßburger Kriegslied zur Nationalhymne. Eine Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg

Die Ausstellung „La Marseillaise“ ist eine Koproduktion dreier Museen: Des Musée de la Révolution française in Vizille , des Musée d’histoire de Marseille und des Musée Historique de la Ville de Strasbourg.

Blick von dem MAMCS über die Ponts Couverts und La Petite France auf das Münster

Vom 5. November 2021 bis zum 20. Februar 2022 wird die Ausstellung im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMCS)  in Straßburg gezeigt, danach vom 18. März bis zum 3. Juli 2022 in Marseille.

Ausstellungsplakat am Pont du Corbeau/Rabenbrücke in Straßburg

Auf dem Plakat und auch am Eingang zur Ausstellung im MAMCS ist der Genius des Vaterlandes abgebildet. Es ist das Bild einer wild entschlossenen, kämpferischen Frau mit zum Schrei aufgerissenem Mund, revolutionärer phrygischer Mütze und einem angriffslustigen Hahn als Kopfschmuck: Eine Allegorie des von seinen Feinden bedrohten und siegreichen Vaterlandes. Es handelt sich um die Abbildung einer Gipsreplik, die 1898 von Jean Pouzadoux für die Pariser Cité de l’Architecture hergestellt wurde.

Das der Gipsreplik zugrunde liegende Original ist François Rudes monumentale Skulptur „Auszug der Freiwilligen von 1792“, auch „La Marseillaise“ genannt.[1] Es befindet sich auf der den Champs – Elysées zugewandten Ostseite des Arc de triomphe de l’Étoile in Paris.

Foto: Wolf Jöckel

Dieser von Napoleon projektierte und im Empire begonnene gewaltige Triumphbogen, der größte weltweit, wurde 1836 während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe fertiggestellt. Er sollte die Legitimität des Königs manifestieren durch den doppelten Bezug auf das Reich Napoleons und die Französische Revolution. In diesem Kontext ist der hervorgehobene Platz der „Marseillaise“ auf dem Triumphbogen zu erklären.[2]

Gipsmodell des Arc de triomphe de l’Étoile von Georges-Paul Chedanne. (um 1938/1939) Foto: Wolf Jöckel, Ausstellung Marseillaise. Auf dem rechten Pfeiler die „Marseillaise“ Rudes, links der „Triumph Napoleons“.

Entstanden ist die Marseillaise im April 1792. Am 20. April hatte das revolutionäre Frankreich dem „König von Böhmen und Ungarn“, also dem österreichischen Kaiser, den Krieg erklärt. Die Kriegserklärung wurde am 24. April in Straßburg, einer wichtigen Garnisonsstadt, verkündet.  An diesem Tag hatte es zu den Klängen des Ça ira und der Carmagnole einen offiziellen Umzug durch die Stadt gegeben.  Der Straßburger Bürgermeister, der liberale Baron de Dietrich,  und seine Freunde aus der wohlhabenden Bourgeoisie der Stadt, alles revolutionsfreundliche  gemäßigte Patrioten, fanden diese populären Gesänge reichlich vulgär. So erließen sie am 25. April im Namen der „Gesellschaft der Straßburger Verfassungsfreunde“ einen Aufruf in „weit noblerem Ton“ an alle Mitbürger:

„Zu den Waffen, Bürger! Wir haben die Fahne des Krieges entrollt. …. Es gilt zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben. … Wie sehr erzittern schon diese gekrönten Despoten … Eilt zum Sieg … Voran, voran! Wir wollen frei bleiben bis zum letzten Atemzug…“

Gleichzeitig beauftragte Dietrich den musikalisch ambitionierten Pionierhauptmann  Rouget de Lisle, wie er ein Gegner der radikalen Straßburger Jacobiner, ein Lied zu komponieren, das den besonderen Umständen der Zeit besser entsprechen sollte als das Ça ira und die Carmagnole . So entstand in der Nacht vom 25. auf den 26. April, als die Losungen der Marseillaise bereits in aller Munde waren, das für die Rheinarmee bestimmte Kriegslied.[3]

Stefan Zweig fasst das  in seinen „Sternstunden der Menschheit in diese Worte:

„Eine Nacht ist es dem Kapitänleutnant Rouget de Lisle gegönnt, Bruder der Unsterblichen zu sein: aus den übernommenen, der Straße, den Journalen abgeborgten Rufen des Anfangs formt sich ihm schöpferisches Wort und steigt empor zu einer Strophe, die in ihrer dichterischen Formulierung so unvergänglich ist wie die Melodie unsterblich.

Amour sacré de la patrie,
Conduis, soutiens nos bras vengeurs,
Liberté, liberté chérie,
Combats avec tes défenseurs.“

Isidore Pils, Rouget de Lisle chantant la Marseillaise pour la première fois. 1849 (Historisches Museum Straßburg)

Dieses 57 Jahre später entstandene Gemälde, das im Mittelpunkt der Ausstellung steht, zeigt  Rouget de Lisle, der im Salon des Bürgermeisters  sein Kriegslied zum ersten Mal vorträgt.  De Lisle ist in die Farben der Tricolore gekleidet und effektvoll vor einem weißen Paravent postiert.

Bürgermeister Dietrich, im Sessel sitzend, hört aufmerksam zu, eine junge Dame -vielleicht Dietrichs Tochter- begleitet am Piano, eine andere wischt sich mit einem Tuch Tränen der Rührung ab. Das entspricht der Darstellung Lamartines aus in seiner „Geschichte der Girondisten“ von 1847, in der er schrieb: „Eines der jungen Mädchen begleitete. Rouget sang. Bei der ersten Strophe erbleichten die Gesichter, bei der zweiten flossen die Tränen.“[4]

Das Bild wurde vielfach kopiert und reproduziert und hat die populäre Vorstellung der Entstehung der Marseillaise nachhaltig geprägt. Die historischen Fakten waren allerdings etwas anders. Denn das Lied wurde zum ersten Mal von Dietrich selbst angestimmt, der sich sofort dafür begeisterte und -zusammen mit seiner Frau-  seine Verbreitung beförderte. Das half ihm allerdings nicht: Zu Zeiten des jacobinischen Terrors wurde er, Anhänger einer konstitutionellen Monarchie,  auf Betreiben Robespierres verhaftet und am 29. Dezember 1793 in Paris guillotiniert.[5]  

Le Génie de la Patrie mit gezücktem Schwert vor Speeren und römischen Feldzeichen à la française

Die sechs Strophen des Liedes sind zuerst ein „Kriegslied, das mit einer Schärfe und Heftigkeit, die manchmal sogar als blutrünstig bezeichnet wurden, den Patriotismus einer Nation im Kampf auszudrücken vermag“. Das wird vor allem im Refrain deutlich:

Aux armes, citoyens,
Formez vos bataillons,
Marchons, marchons !
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons !

Unser Feld! [6]

Bestimmt war das Lied für die in der Pfalz und dem Elsass stationierte Rheinarmee, die damals von Nicolas Luckner kommandiert wurde. Luckner stammte aus Bayern, hatte im 7-jährigen Krieg unter dem Preußenkönig Friedrich II. gedient und war danach in französische Dienste getreten. Als letzter General war er unter dem Ancien Régime in den Rang eines Marschalls erhoben worden, hatte aber die Ideen der Revolution begrüßt.  Ihm widmete de Lisle sein Kriegslied.

Partitur des Chant de Guerre für die Rheinarmee. 1792. Der Name Luckner ist hier falsch geschrieben.

Dass das Kriegslied für die Rheinarmee, also eigentlich eine „Strasbourgeoise“, zur Marseillaise wurde, ist einem Bataillon von Freiwilligen aus Marseille zu verdanken, die im Juli 1792 nach Paris marschierten, um das Vaterland gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen.

Jean Julien, Départ du bataillon des Marseillais en 1792. (1923)

Auf allen Stationen ihres Weges nach Norden gehörte das gemeinsame Singen des Liedes von Rouget de Lisle zum Programm der Truppe. In Paris wurden sie am 30. Juli zunächst im revolutionären Faubourg Saint-Antoine empfangen und dann im Triumphzug zum Rathaus begleitet. An den  nachfolgenden Tagen traten Angehörige des Bataillons mehrfach in Paris auf, forderten die Absetzung des Königs und sangen immer wieder als „neue Barden“, wie sie genannt wurden, ihr Marschlied. Auch an dem Sturm auf das Königsschloss der Tuilerien am 10. August, der zur Absetzung und Gefangennahme Ludwigs XVI. führte, waren sie beteiligt.

Jacques Bertaux, La prise des Tuileries, 1793[7]

Der Sturm auf die von Schweizer Garden verteidigten Tuilerien endete in einem von den Klängen der Marseillaise begleiteten blutigen Gemetzel, dem „massacre des gardes suisses“.  Gefangene oder sich ergebende Schweizer wurden brutal ermordet. „Ich habe an diesem Tag gesehen, was Barbaren sind“, wird sich später Napoleon erinnern, der damals Augenzeuge war und daraus die Konsequenz ableitete, den revolutionären Furor gewissermaßen zu bändigen.[8]

Mit dieser zweiten Revolution (Albert Soboul) wurde aus dem Kriegslied der Rheinarmee ein Revolutionslied, die „Hymne der Marseillais“.  Das war jetzt nicht mehr das Lied der gemäßigten Revolutionäre und Vertreter der konstitutionellen Monarchie um Rouget de Lisle und Dietrich, sondern die Hymne der Nation und der kämpferischen Republik.

Diese Hymne wurde auf Vorschlag des Kriegsministers von den Truppen des Generals Kellermann statt des traditionellen „Te Deum“ gesungen, um den Sieg der Revolutionsarmee bei Valmy am 20. September 1792 zu feiern. Und bei der Eroberung Belgiens im November 1792 ersetzte die Marseillaise, wie Michelet später schrieb, den Schnaps- was ihn allerdings nicht daran hinderte, die Marseillaise auch „ein Lied der Brüderlichkeit“ zu nennen, das im Krieg den Geist des Friedens bewahre.[9]  Die Marseillaise war, wie Vovelle schreibt, „der Gesang des tief gestaffelten Massenangriffs von Soldaten, die ihre mangelnde Erfahrung durch Begeisterung ersetzten.“[10]

Auch in der Heimat erfreute sich die Marseillaise größter Verbreitung und Beliebtheit.  Am 4. September 1792 schrieb André Gréty an Rouget de Lisle: „Ihre Verse des Marseillais, Allons, enfants de la patrie werden bei allen Veranstaltungen und in allen Ecken von Paris gesungen. Die Melodie wird von jedermann gut aufgenommen, weil man sie jeden Tag von guten Sängern hört“.[11]

Dominique Doncre, Chanteurs patriotes. 1794  (Musée Carnavalet, Paris)

Und auch im intimen häuslichen Kreis wurden patriotische Lieder -und darunter sicherlich auch die Marseillaise- angestimmt, wie dieses Bild der „patriotischen Sänger“ zeigt. Es wird aus voller Kehle gesungen, die Frau hat ihre Hand aufs Herz gelegt, der Sänger rechts trägt die zum Himmel  weisende Partitur fest umschlossen in seiner Rechten.  

Wie populär die Marseillaise damals auch in Kreisen der „besseren Gesellschaft“ war, zeigt auch dieser Fächer von 1793, der revolutionäres und freimaurerisches Gedankengut verbindet.[12] Links ist Der Jehova der Franzosen zu sehen, die Anbetung eines freimaurerischen Symbols – ursprünglich ein Druck von Benoît-Louis Prévost; rechts Der Albtraum der Aristokraten, eine zusammengebrochene Frau als Personifizierung der beseitigten Aristokratie.

Fächer aus dem Musée de la Révolution française in Vizille

Auf der anderen Seite des Fächers ist der Marche des Marseillais mit Noten und seinen sechs Strophen abgebildet.[13]

Am 26. Messiodor des Revolutionsjahres III, dem 14. Juli 1795, dekretierte der Nationalkonvent, dass die „Hymne der Marseillais“, jetzt auch „Hymne der Republik“ genannt,  bei der täglichen Wachablösung im Palais-National gespielt werden sollte. Es war dies die Vorstufe zur offiziell am 14. Februar 1879 vollzogenen Bestimmung der Marseillaise als „chant national français.“[14]

Bis dahin war es allerdings noch eine weiter Weg. Napoleon liebte die Hymne nicht. Sie erinnerte ihn zu sehr an das beim Sturm auf die Tuilerien vom 10. August 1792 verübte Massaker an den Schweizer Garden. Verboten war das Singen der Marseillaise aber während seiner Herrschaft nicht[15] und Napoleon soll sogar beim tragischen Übergang über die Beresina das Lied selbst angestimmt haben, um den Truppen Mut zu machen.

In der Zeit der Restauration, der Bourbonen-Herrschaft, war die Marseillaise aber schlicht und einfach verboten und man versuchte, sie in Vergessenheit geraten zu lassen. Für Rouget de Lisle waren Empire und Restauration, zu denen er in Opposition stand, schlimme Zeiten, geprägt von Krankheit, Armut und Verzweiflung. So war es auch eine philanthropische Geste, dass der ebenfalls Bourbonen-kritische Bildhauer David d’Angers 1827 ein großformatiges Medaillon und eine Büste von Rouget de Lisle anfertigte – beide in Subskription mit einem Verkaufstermin im Juni 1830.[16]   

David d’Angers, Entwurf für das Medaillon Rouget de Lisles. 1827

Nur einen Monat später wurde dann an den „Drei Glorreichen Tagen“ der Julirevolution von 1830 die Marseillaise auf den Barrikaden gesungen und die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet.

Druck zur Feier der drei Tage der Julirevolution. La Marseillaise, 27., 28. und 29. Juli 1830 (Bildausschnitt)

Und der verarmte Rouget de Lisle erhielt nun von dem neuen „Bürgerkönig“ eine-wenn auch bescheidene- Pension, die er allerdings nicht mehr lange genießen konnte: 1836 starb de Lisle. Die revolutionäre Renaissance seiner inzwischen von dem Komponisten Charles Gounot instrumentierten Marseillaise war damals allerdings  schon beendet. Seit 1835 galt die Hymne der Marseiller wieder als aufrührerischer Gesang. Immerhin konnte Rude seine Skulpturengruppe des Aufbruchs der Freiwilligen von 1792 am Arc de Triomphe fertigstellen, die sich eindeutig auf die Marseillaise bezieht.

Das weitere Schicksal der Marseillaise ist ein Auf und Ab: Da wurde sie wieder in Zeiten nationalistischer und chauvinistischer Aufwallungen wie 1840 als aggressives Kriegslied zelebriert, dann wieder als Hymne der Freiheit gesungen wie in der Revolution von 1848 oder zum Schweigen verurteilt wie im 2. Kaiserreich Napoleons III. von 1852 bis 1870.  Während der Pariser Commune  von 1871 erklang sie dann erneut als Freiheitslied und während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 kriegerisch-imperial auf den Schlachtfeldern von Gravelotte, Rezonville und Mars-la-Tour[17]. Beim Abzug der geschlagenen Garnison von Sedan wurde sie sogar von der preußischen Militärmusik intoniert: höhnischer Ausdruck des Triumphs und der Erniedrigung des Gegners, die ja dann in der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles kulminierten.

In der Dritten Republik, aber erst nach der Niederlage der reaktionären Kräfte, kam dann die große Stunde der Marseillaise: Am 14. Februar 1879 wurde ihr von der Abgeordnetenkammer offiziell der Status der Nationalhymne zuerkannt. Damit wurde sie in der Hochzeit des Nationalismus und Imperialismus vom Bürgertum der Dritten Republik beschlagnahmt, aber auch als offizielles Lied für alle Gelegenheiten banalisiert.

Damit einher ging eine weit verbreitete Verehrung Rouget de Lisles. Hier sieht man ihn, wie er „seine“ Marseillaise mit Soldaten der Republik singt.

Henri Gervex/Alfred Stevens, Rouget de Lisle et soldats de la République. Etwa 1887/1888 Musée de la Révolution française, Vizille

Diese Darstellung ist Teil eines großen Panoramas, das für die Pariser Weltausstellung von 1889 angefertigt wurde. Diese Weltausstellung, der ja auch der Eiffelturm seine Entstehung verdankt, markierte den 100. Jahrestag der Französischen Revolution. Aus diesem Anlass wurde im Jardin des Tuileries ein großer Rundbau errichtet, an dessen Wänden 100 Jahre französischer Geschichte seit 1789 präsentiert wurden. Und selbstverständlich wurde Rouget de Lisle hier wie auch sonst  als Republikaner vereinnahmt. Das Panorama war von 1889 bis 1896 zu sehen, danach wurde es in Einzelteile zerlegt und zugunsten der Aktionäre verkauft, die dieses kommerzielle Projekt finanziert hatten.  

An mehreren Beispielen wird in der Ausstellung demonstriert, wie die Marseillaise im weiteren Verlauf der Geschichte verwendet und auch vereinnahmt wurde. Hier ein Plakat des Films von Jean Renoir, der zu Zeiten der französischen Volksfront im Auftrag der kommunistischen Gewerkschaft CGT gedreht wurde. Erstaufführung war am 10. Februar 1938.

War für den Sozialistenführer Jean Jaures noch 1903 die Internationale „die proletarische Nachfolgerin der Marseillaise“[18] so stimmten im Zeichen der Volksfront die Kommunisten Marseillaise und Internationale gleichberechtigt an.[19] Eine der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg trug den Namen „La Marseillaise“.

Auch im État Français von Vichy, der französischen Regierung von Hitlers Gnaden, wurde die Marseillaise regelmäßig und intensiv bei offiziellen Anlässen neben bzw. vor dem Maréchal, nous voilà  angestimmt. Schon als am 17. Juni 1940 Pétain in einer Radioansprache den Waffenstillstand verkündete, also die Kapitulation gegenüber dem Dritten Reich, endete die Rede mit dem Abspielen der Marseillaise; für manche Zuhörer ein Sakrileg- eine „Marseillaise boche“. [20]

Dies ist ein Aufruf der Regierung von Vichy zur Bildung einer französischen Legion zum Kampf auf Seiten  des Dritten Reichs „gegen den Bolschewismus, für Frankreich, für Europa“. (Juni- Dezember 1942) Bemerkenswert, dass für diesen kurzzeitigen Versuch nicht nur die Marseillaise vom Arc de triomphe, sondern auch der napoleonische Adler und die Bourbonen-Lilie mitsamt Krone eingespannt wurden.

Aber selbstverständlich bezog sich auch das Freie Frankreich de Gaulles auf die Marseillaise.

Hier ein Flugblatt der Forces françaises libres (FFL): Aux armes citoyens (Ausschnitt).  Das 1942 in London gedruckte Flugblatt rief zum Kampf gegen die deutschen Besatzer auf.[21]
Deckblatt einer von la France libre 1943 herausgegebenen Broschüre mit einem Zitat aus der Marseillaise. Sie war dazu bestimmt, über Frankreich abgeworfen zu werden.

Deportierte singen die Marseillaise bei ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau. (Ende April/Anfang Mai 1945)

Dies ist ein Propagandaplakat der OAS (Organisation de l’Armée Secrète) von 1961. Die rechtsextreme OAS versuchte mit militärischen Mitteln die Ablösung Algeriens vom Mutterland zu verhindern.  Der Aufruf, zu den Waffen zu greifen, war die Reaktion auf die Verhandlungen zwischen Frankreich und der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN in Evian, die 1962 zur Unabhängigkeit führten. Von der OAS wurde die Marseillaise für die Perpetuierung des Kolonialismus in Anspruch genommen. Den hatte übrigens -heftigen Widerspruch provozierend- Emmanuel Macron 2017, kurz vor seiner Wahl zum französischen Präsidenten,  bei einem Besuch in Algerien als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt…

Heute gehört die Nationalhymne mit ihrer bewegten Geschichte und ihren vielfältigen Dimensionen und ihrem unterschiedlichen Gebrauch und Missbrauch zu dem, was die französische Identität ausmacht.  So hat die Marseillaise auch ihren legitimen Platz in Pierre Noras Sammlung der „Erinnerungsorte Frankreichs“. Bei den Demonstrationen nach dem islamistischen Anschlag auf die Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris hat sie ihre identitätsstiftende Bedeutung auch wieder nachdrücklich bestätigt. Wir waren damals von dem spontanen Anstimmen der Marseillaise durch die Demonstrierenden sehr beeindruckt. In Deutschland sind solche Manifestationen kaum vorstellbar…. [22]

Kritische Stimmen zur französischen Nationalhymne gibt es aber nach wie vor. Am deutlichsten und prominentesten wohl die des ehemaligen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der ließ während seiner Präsidentschaft das Tempo, mit dem die Marseillaise damals gespielt wurde, verlangsamen, um so etwas ihren militärisch-marschmäßigen Charakter abzumildern.[23] Und nach seiner Amtszeit schreckte er sogar nicht davor zurück, den Text der Marseillaise als lächerlich zu qualifizieren. Während sein Nachfolger Nicolas Sarkozy und Angela Merkel sich unter dem Arc de triomphe träfen, „tränken wir unsere Felder mit unreinem Blut…“[24] Das ist schon fast ein Sakrileg!

Ein wirkliches Sakrileg war dann allerdings die Erstürmung des Arc de triomphe durch die Gelbwesten am 1. Dezember 2018, die Verwüstung seiner Inneneinrichtung und dabei auch die Beschädigung eines Abgusses der Marseillaise, der Skulptur von Rude – eine der letzten Abbildungen der Ausstellung.

Zu der Ausstellung gehören auch zwei Kabinette: In dem einen werden Ausschnitte verschiedener Filme gezeigt, in denen die Marseillaise eine Rolle spielt, z.B. die Szene in Casablanca, wo in einem Café mit der Marseillaise eine Gruppe grölender deutscher Offiziere übertönt wird. In dem anderen Kabinett gibt es Hörproben von Musikstücken mit Marseillaise- Zitaten. Angeboten werden dabei auch die Vertonungen von Heinrich Heines Ballade Die beiden Grenadiere von Richard Wagner und Robert Schumann. In dem Gedicht des Napoleon-Verehrers Heine aus dem Jahr 1822  geht es um zwei geschlagen aus Russland zurückkehrende Soldaten der Grande Armee, die die Nachricht von der Gefangennahme ihres Kaisers erhalten und betrauern. Schumann teilte als junger Mann Heines Begeisterung für Napoleon: Der herrliche Napoleon sei der größte Mann aller Jahrhunderte.[25] Schumanns Vertonung entstand 1838 als Reaktion auf die Nachricht von der Rückführung der sterblichen Überreste Napoleons von Sankt Helena nach Frankreich, Wagner schrieb sein Lied zwei Jahre später in französischer Übersetzung während seines Paris-Aufenthalts und seinem Versuch, dort musikalisch Fuß zu fassen. Die Marseillaise-Zitate boten sich da geradezu an, werden aber bei beiden in unterschiedlicher Weise in die Komposition eingebettet.[26]  

Aus deutscher Sicht ist allerdings schade, dass nicht auch Ferdinand Freiligraths Lied „Frisch auf zur Weise von Marseille“ in die Beispielsammlung aufgenommen wurde. Freiligrath war einer der Dichter des deutschen Vormärz und war tief enttäuscht von der Niederschlagung der 1848-er Revolution.  „Am 19. März 1849 fand in Köln ein Bankett zur Erinnerung an die Berliner Barrikadenkämpfe vom März 1848 statt. Veranstaltet vom Kölner Demokratischen und Arbeiter-Verein, nahmen über 5.000 Menschen an dieser Feier im Gürzenich teil. Bei Reden, Bier und Musik wurde dort – wie Der Wächter am Rhein berichtete – das Verlangen für eine zweite Volkserhebung zum Ausdruck gebracht. Für diese Feier hatte Ferdinand Freiligrath (1810–1876) einen neuen Text zur Marseillaise verfasst, der dem revolutionären Geist der Veranstaltung entsprach und von den Teilnehmern mit donnerndem Beifall begrüßt wurde (Neue Rheinische Zeitung). Die demonstrative Verwendung von Symbolen der Französischen Revolution ist bei diesem Festakt auch auf anderen Ebenen praktiziert worden: die Saalordner trugen beispielsweise Phrygiermützen und diese Jakobinertracht zierte neben einer großen roten Fahne auch die Bühne (Neue Kölnische Zeitung). In diesem Rahmen fand die erste Aufführung von Freiligraths Lied mit großem Publikum statt und kurz danach erschien es in Zeitschriften der oppositionellen Kreise im Rheinland.“[27] 

Zu der Ausstellung gibt es einen ausführlichen Katalog, der neben der Entstehungsgeschichte der Marseillaise und ihrer Entwicklung zur französischen Nationalhymne auch ihre internationale Ausstrahlung ausführlich behandelt (Belgien, Polen, Großbritannien, Spanien, Indochina, Lateinamerika, China etc ) 

Im Katalog der Ausstellung wird auch ein vergleichender Blick auf andere Nationalhymnen geworfen[28], vor allem auf die englische (God save the King), die kaiserliche österreichische Hymne (Gott erhalte Franz den Kaiser) und die amerikanische (Star-Spangled Banner). Dabei wird eher beiläufig auf das Deutschlandlied hingewiesen, das nach dem Ersten Weltkrieg das Heil dir im Siegerkranz als Nationalhymne  ersetzt habe. Dazu gibt es noch den Hinweis, dass  das Deutschlandlied unter seiner ersten Zeile Deutschland über alles bekannt sei und der Text 1841 von dem „poète nationaliste Hoffmann von Fallersleben“ geschrieben worden sei. Diese Darstellung finde ich ausgesprochen verkürzt und missverständlich. Hoffmann von Fallersleben war ja ein Demokrat, und seine Forderung nach Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche  Vaterland war zu seiner Zeit des Vormärz, also der Zeit vor 1848,  revolutionär.   Fallersleben erhielt deshalb auch Berufsverbot und wurde ins Exil getrieben. Auch wenn das Deutschlandlied später nationalistisch missbraucht wurde: Es ist eine Liebeserklärung an das eigene Land und braucht sich hinter der blutgetränkten -und wie oft doch auch missbrauchten-  Marseillaise nicht zu verstecken.

Erinnerungsorte an Rouget de  Lisle und die Marseillaise in Straßburg

In der Grande Rue in Straßburg gibt es eine Plakette an dem Haus, in dem Rouget de  Lisle in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 das Kriegslied für die Rheinarmee, die spätere  Marseillaise komponierte.

Eine weitere Plakette gibt es am Gebäude der Banque de France (Place Brogie Nummer 3). Dort stand früher das Stadtpalais des Bürgermeisters Dietrich, in dem -nach der traditionellen Überlieferung- Rouget de Lisle am 26. April 1792 zum ersten Mal die Marseillaise anstimmte.

An der Hauswand sind auch Medaillons von Bürgermeister Dietrich und Rouget de Lisle  angebracht. Dietrich wurde immerhin 1795 vom Nationalkonvent posthum rehabilitiert.[29]

Die Medaillons stammen von einem Straßburger Denkmal für die Marseillaise, das zum 130. Geburtsjahr des Chant der guerre pour l’armée du Rhin am 14. Juli 1922 unter großer öffentlicher Anteilnahme vor dem Eingang des Rathauses an der Place Broglie eingeweiht wurde.

Allerdings zerstörten die deutschen Besatzer am französischen Nationalfeiertag 1940 das Denkmal. Lediglich die beiden am Sockel angebrachten Medaillons mit den Konterfeis von Rouget de Lisle und dem ehemaligen Bürgermeister de Dietrich konnten gerettet werden und haben heute ihren Platz am Gebäude der Banque de France.[30] Das jetzige Denkmal wurde von den Steinmetzen der Straßburger Dombauhütte hergestellt und 1980 eingeweiht.

Literaturangaben:

La Marseillaise. Ausstellungskatalog. Hrsg von den éditions des Musées de Strasbourg. 2021

Jean-Louis Panné, Marseillaises. Paris 2018

Michel Vovelle, Die Marseillaise. Krieg oder Frieden. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. Mit einem Vorwort von Etienne François. München: Beck 2005, S. 63-112

Stefan Zweig, Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25. April 1792. In: Sternstunden der Menschheit. Projekt Gutenberg https://www.projekt-gutenberg.org/zweig/sternstu/chap005.html


Anmerkungen

[1] Nach David d’Angers war es Rude selbst, der seinem Auszug der Freiwilligen diesen Beinamen  gab. Ausstellungskatalog, S. 118

[2] Mehr dazu im Blog-Beitrag über den Arc de triomphe: https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

[3] Vovelle, S. 67/68

[4] Ausstellung Marseillaise. Aus dem Begleitmaterial zum Bild

[5] https://www.wikiwand.com/en/Philippe_Friedrich_Dietrich und https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Dietrich

[6] Text aus: https://www.mayenne.gouv.fr/content/download/24162/186396/file/PAROLES%20DE%20LA%20MARSEILLAISE.pdf

Übersetzung:  Vovelle, S. 68: Die Waffen in die Hand! Auf Bürger, aufgestellt! Marschiert, marschiert, Und böses Blut soll tränken Unser Feld (Eigentlich: unreines Blut… W.J.)

Deutsche Version aller Strophen: https://www.frankreich-info.de/themen/politik/marseillaise

Die Charakterisierung „blutrünstig“ findet sich beispielsweise auch in einem Artikel des Tagesspiegels vom 18.11.2015, in dem der Frage nach der anhaltenden Popularität der Nationalhymne nachgegangen wird:  „Eigentlich ist sie ein blutrünstiger Gesang“. https://www.tagesspiegel.de/kultur/warum-jetzt-alle-die-marseillaise-singen-herzschlag-der-nation/12607936.html

[7] Bild aus:  https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Jacques_Bertaux_-_Prise_du_palais_des_Tuileries_-_1793.jpg

Siehe auch Bildanalyse in L’histoire par l’image:  https://histoire-image.org/de/etudes/chute-royaute  

[8] Zit.: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag6824.html; Xavier Mauduit, l’homme qui  voulait tout. Flammarion 2921. siehe auch: https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/revolution-francaise-journee-du-10-aout-1792-bonaparte-assistant-a-la-prise#infos-principales

[9] „C’est un chant de fraternité. … C’est un chant qui, dans la guerre, conserve un esprit de paix.“ Zitiert im Ausstellungskatalog, S. 146

[10] Zu Valmy siehe den  Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2018/06/19/auf-dem-weg-nach-paris-die-muehle-von-valmy-das-fanal-einer-neuen-epoche/ ; Vovelle, S. 73/74

[11] Wandaufschrift der Ausstellung. Übersetzung W.J.  

[12] Bild aus: https://www.fandeventails.fr/fr/eventails-historiques/2393-le-geova-des-francais-eventail-franc-macon-vers-1793.html

[13] Siehe dazu: https://www.coutaubegarie.com/lot/77847/6498074

[14] Katalog Marseillaise, S. 70f

[15] So Thierry Lentz, Napoléon et la Marseillaise. April 2020  https://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/napoleon-et-la-marseillaise/  Die These vom Verbot der Marseillaise unter Napoleon ist aber weit verbreitet.  So z.B. in einem Artikel von La Tribune über den chant national:  „le Consulat et l’Empire l’interdisent purement et simplement.“  https://www.latribune.fr/economie/france/la-marseillaise-un-hymne-a-l-histoire-tourmentee-524332.html

[16] Vovelle, S. 85; Ausstellungskatalog, S. 117; siehe auch: https://actualites.musee-armee.fr/expositions/rouget-de-lisle-la-marseillaise-episode-7/

[17] Zu der Schlacht, die von den Franzosen zwar nicht gewonnen wurde, in der sie sich aber doch bravourös geschlagen haben, siehe: https://paris-blog.org/2021/01/01/gravelotte-bei-metz-ein-einzigartiger-erinnerungsort-des-deutsch-franzosischen-kriegs-1870-1871/

[18] Vovelle, S. 94f

[19] Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf die programmatische Rede des Parteivorsitzendden Maurice Thorez in Choisy-le-Roi, anlässlich des Jahrestages des Todes von Rouget le Lisle: „La Marseillaise a exprimé et exprimera toujours, comme L’Internationale, la grande cause de l’emanzipation humaine.“ Zit. bei Panné, S. 74

[20] Dazu: Nathalie Dompnier, Le succès de La Marseillaise, une ruse de l’histoire?. In: Vichy à travers chants. 1996  https://www.cairn.info/vichy-a-travers-chants–9782091778334-page-55.htm  und https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/  

[21] Nachfolgende Abbildung aus: Marseillaises

Zur Rolle der Marseillaise bei der Kollaboration und dem Widerstand siehe:   https://www.charles-de-gaulle.org/blog/2020/09/02/la-marseillaise-entre-occupation-resistance-et-liberation-1940-1945-par-bernard-richard/; Robert Mencherini, La Marseillaise, Vicha Résistance et les Marseillais pendant la Seconde Guerre mondiale. In: Ausstellungskatalgo, S. 100 ff

[22] Siehe/höre z.B. https://www.youtube.com/watch?v=fC92nzeKW7w

[23] Der langsamere Rhythmus entsprach  auch der ursprünglichen Konzeption, weil zu Zeiten des Rouget de Lisles  auch das Marschtempo langsamer war.  Siehe: https://www.ladepeche.fr/2020/12/12/quand-vge-remaniait-la-marseillaise-9253369.php

[24] https://www.lexpress.fr/actualite/indiscret/giscard-d-estaing-critique-la-marseillaise_836450.html

[25]  In einem Brief an Clara von 9. Juni 1828. Zit. bei: Andreas Lüning, „Ein Katzenfrühling der Poesie“. Heine-Vertonungen im Romantiker-Streit. 2005, S. 41   https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf  

[26] Siehe dazu:  Lüning a.a.O. ; Ausstellungskatalog, S. 156/157; https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/34376/1/MA_Luening_143499.pdf S. 33 ff und Markus Winkler, Die Grenadiere. Heine und Schumann. In: Henriette Herwig, Übergänge. Zwischen Künsten und Kulturen. Dokumentation des Heine-Schumann-Kongresses 2006, S. 275 – 288

[27] David Robb/Eckhard John, Frisch auf zur Weise von Marseille (Reveille). In: Populäre und traditionelle Lieder- Historisch-kritisches Liederlexikon. Juni 2013   http://www.liederlexikon.de/lieder/frisch_auf_zur_weise_von_marseille

[28] Esteban Buch, L’hymne national: un genre musical et son histoire. In: Ausstellungskatalog, S. 182ff

[29] Bilder aus: https://www.kuriocity.fr/la-marseillaise-est-strasbourgeoise/

[30] https://www.inreiselaune.de/strasbourg-marseillaise-rouget-de-lisle/

Weitere geplante Blog-Beiträge:

Beeindruckende und bedrückende Monumentalität: Anselm Kiefer im Pariser Grand Palais Éphémère

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen, Teil 2: Der Kult der großen Männer

Der Elefant der Bastille

Das Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont Neuf

Die Tiere des Königs (Les animaux du roi): Eine Ausstellung im Schloss von Versailles

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch-französischen Verständigung

Der nachfolgende Beitrag ist Ludwig Börne gewidmet, dem Zeitgenossen Heinrich Heines, mit dem er viel gemeinsam hat, von dem ihn aber auch Wichtiges trennt. Obwohl Börne zu seinen Lebzeiten „die zentrale Figur“  war und Heine „überstrahlte“, und obwohl er heutzutage vielfach gerühmt wird z.B. als eine der „hervorragenden Figuren der deutschen Literaturgeschichte“,  als „Schöpfer des deutschen Feuilletons“ oder als „Apostel der Freiheit“[1], ist er „kaum bekannt“, „leider ein vergessener Autor“.[2]

Mein Interesse an Ludwig Börne beruht unter anderem auf seiner deutsch-französischen Biographie: Börnes Leben verläuft nämlich zwischen zwei Polen: Dem heruntergekommenen, überfüllten jüdischen Ghetto in Frankfurt am Main, wo er 1786 geboren wurde, und Paris, der glänzenden „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“ (Walter Benjamin), in der er 1837 starb und beerdigt wurde.

Damit gehört er zu einer Reihe von deutschsprachigen Autoren, für die und die für Paris bedeutsam waren.  Man denke nur an Heinrich Heine, über  den es schon einen Beitrag auf diesem Blog gibt, an Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig, Josef Roth….

Zur Konzeption dieses Blogs gehört, dass die Beiträge möglichst auf bestimmte  Orte bezogen sind, die  im Zentrum des jeweiligen Beitrags stehen oder für das jeweilige Thema interessant sind. Es gibt,  bezogen auf  deutschsprachige Autoren, zahlreiche solcher Orte in Paris : Für Heinrich Heine   –unter anderem- zwei Erinnerungstafeln an Häusern , die er bewohnte, sein Grab auf dem cimetière de Montmartre, dazu auch noch das deutsche Haus in der Cité Universitaire Internationale, das nach ihm benannt ist[3];  für Joseph Roth ein Portrait in dessen „Stammkneipe“, dem Café Tournon, für Stefan Zweig ein schönes Denkmal  im Jardin du Luxembourg, für Rainer Maria Rilke eine nach ihm benannte Bibliothek, für Heinrich Mann das Hotel Lutétia…

Und für Börne: Da gibt es lediglich ein wenig bekanntes, etwas abgelegenes  Grabmal mit bedrohlich wirkender Schlagseite auf dem Friedhof Père Lachaise, das allerdings aus künstlerischen und politischen Gründen besondere Aufmerksamkeit verdient – zumal es von einem der bedeutendsten französischen  Bildhauer des 19. Jahrhunderts  gestaltet wurde und weil es, worauf der Titel dieses Beitrags hinweist, nicht nur Ludwig Börne allein gewidmet ist, sondern der deutsch-französischen Verständigung insgesamt.

Im Anschluss an die Vorstellung dieses Grabmals  wird auf die Bedeutung von Paris im Leben und Wirken Börnes und auf seine auf dem Grabmal hervorgehobene Rolle als Vorkämpfer der deutsch-französischen Freundschaft eingegangen. Und es wird das ebenfalls auf dem Père Lachaise liegende Grab von Jeanette Wohl vorgestellt, der „Muse“ Börnes und Adressatin seiner Pariser Briefe.

Das Grabmal Börnes auf dem Père Lachaise

Das  Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise gehört nicht zu den „prominenten“ Gräbern des Friedhofs, die auf den Übersichtstafeln an den Eingängen verzeichnet sind. Es liegt ein wenig abseits in der 19. Abteilung, fällt –eher bescheiden in seinen Ausmaßen-  dem zufällig Vorbeigehenden nicht unmittelbar ins Auge, zumal die Grabstele, was Lage und Größe angeht,  nicht unübersehbar ist–anders als das am gleichen Friedhofsweg liegende Grabmal  von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, oder das monumentale Mausoleum der russischen Baronin Stroganoff.

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Die Grabstele Börnes hat dagegen bescheidenere Ausmaße und liegt auch nicht direkt am Weg. Dazu erscheint der Erhaltungszustand etwas bedenklich:  „Der Grabstein neigt sich gefährlich zur Seite“, wie das Deutschlandradio  2012 berichtete. Die Schlagzeile damals:  „Das Grab des Schriftstellers Ludwig Börne verkommt“.[4]  Seitdem hat sich die deutsche Botschaft in Paris des Grabes angenommen und seine Restaurierung veranlasst. Allerdings konnte die Neigung des Grabmals dabei nicht beseitigt werden. Ihre Ursache liegt nämlich im „desolaten Zustand des Nachbargrabs … das nicht mitsaniert werden konnte“ – dazu hätte es nach französischem Recht der Zustimmung der Erben bedurft, die man aber offenbar nicht ermitteln konnte.[5]  Eine gefährlich anmutende Neigung hat  der Grabstein also trotz Restaurierung nach wie vor- und das ausgerechnet bei dem immer aufrechten Börne! Aber windschief sind viele Grabsteine auf dem Père Lachaise, auch das also wird  kaum die Aufmerksamkeit zufällig vorbeikommender Friedhofs-Flaneure erregen.

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Es sind hier auch nicht –wie an anderen Gräbern des Friedhofs- Blumen deponiert, und man wird kaum Besucher treffen, die das Grab aufgesucht haben, um dem Verstorbenen ihre Reverenz zu erweisen.

Aber vielleicht wird man doch aufmerksam auf die in eine Nische der Grabstele eingefügte bronzene Büste des Verstorbenen: Ein Portrait mit schönen, scharf geschnittenen Gesichtszügen und klarem Blick – Tatkraft und Energie ausstrahlend.

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Durch die Grabinschrift erfährt man, dass hier Ludwig Börne begraben ist, der am 22. Mai 1786 in Frankfurt am Main  (hier: sur le Mein) geboren wurde und am 12. Februar 1837 in Paris starb.  Börne war also ein etwas älterer Zeitgenosse Heinrich Heines: wie er wurde er in Deutschland (als Juda Löb Baruch im jüdischen Ghetto Frankfurts) geboren, wie er konvertierte er zum Protestantismus. Und  wie auch Heine  verbrachte er die letzten Jahre seines Lebens in Paris und starb dort- so wie er es sich schon in seiner Jugend erträumt hatte:

„Es ist nichts Angenehmeres auf der Welt, als in Paris zu sterben; denn kann man dort sterben, ohne auch dort gelebt zu haben?“[6]

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Unterhalb dieser Grabinschrift gibt es ein Bronzerelief von bescheidenem Ausmaß (40 mal 60 cm), das man, neugierig geworden, nun vielleicht doch etwas näher betrachtet.

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Abgebildet sind drei Frauen: In der Mitte eine Frau mit phrygischer Mütze, also ganz offensichtlich eine Allegorie der Freiheit. Ihr zur Seite zwei weitere Frauengestalten, die Frankreich und Deutschland verkörpern.

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Frankreich ist mit einem Lorbeerkranz dargestellt, das  schöne deutsche Fräulein (natürlich) mit einem Kranz aus Eichenlaub.

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Die beiden  Nationen reichen sich die Hände über dem Herzen der Freiheit, die ihrerseits die Hände Frankreichs und Deutschlands umschlingt. Rechts und links ist die Figurengruppe von Freiheitsbäumen flankiert.  Zu deren Füßen liegen Waffen und Trophäen, die auf eine kriegerische Vergangenheit zwischen beiden Nationen verweisen, jetzt aber, wo sie sich die Hände reichen, nicht mehr gebraucht werden. Auf den Sockeln liegen Stapel von Büchern und Schriften, deren Autoren  darunter eingraviert sind:

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Auf der linken  Seite, neben  Marianne, sind es Voltaire, Rousseau, Lamennais und Béranger, auf der rechten, neben  Germania, Lessing, Herder, Schiller und Jean Paul.

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Es sind also Schriftsteller, die –wie Börne-  zu einer Annäherung der beiden Kulturen beigetragen und/oder der Sache des Fortschritts gedient haben. Zu einigen dieser Autoren hatte Börne eine  besonders enge Beziehung: Zu Jean Paul, den er verehrte und auf den er 1825 in Frankfurt eine „Denkrede“ hielt:  „Er war der Dichter der Niedergeborenen, er war der Sänger der Armen, und wo Betrübte weinten, da vernahm man die süßen Töne seiner Harfe“[7] ; zu Lessing, mit dem er zu seinen Lebzeiten oft verglichen wurde[8]; zu Rousseau, dessen bronzene Büste über dem Arbeitspult in seiner Wohnung in der rue Laffitte Nr. 44 stand – deutlich zu erkennen auf Daniel Oppenheims weiter unten abgebildetem Börne-Portrait-[9], zu Voltaire, dessen Spuren in Fernay, Voltaires letztem Wohnort, Börne 1833 auf einer Reise in die Schweiz folgte[10]; zu Béranger, der um 1830 ein äußerst populärer sozialkritischer Lyriker war – er wurde damals auf eine Stufe mit Victor Hugo und Lamartine gestellt. Börne publizierte 1836 den in französischer Sprache verfassten Artikel Béranger et Uhland, ein konkretes Beispiel für sein Bemühen um deutsch-französischen Kulturaustausch. Friedrich Schiller darf unter diesen Autoren natürlich nicht fehlen. Immerhin wurden seine „Räuber“ während der Französischen Revolution in Paris mit großem Erfolg aufgeführt und 1792 wurde Schiller von der Nationalversammlung (mit der Unterschrift Dantons) zum „citoyen français“ ernannt. Auf diese Ehre wollte Schiller im Blick auf seine Nachkommen auch dann nicht verzichten, als er sich angesichts des jacobinischen Terrors  von der revolutionären Entwicklung in Frankreich distanzierte. Für Börne war Schiller der engagierte Schriftsteller, den er –ähnlich wie Jean Paul- gegen den von ihm als aristokratisch-abgehoben kritisierten Goethe auszuspielen versuchte.[11] Besonders wichtig war für Börne auch die Beziehung zu Lamennais,  von dem weiter unten noch die Rede sein wird.

« Bei dem Grabmal handelt es sich somit nicht nur um eine Ehrung Börnes, sondern um eine frühe Würdigung des deutsch-französischen Dialogs »[12]. Und dass auf dem Grabmal über der Verkörperung der Freiheit die Büste Börnes angebracht ist, darf als Hinweis darauf verstanden werden, dass Börne als deutscher Patriot und Wahlfranzose Zeit seines Lebens für die Vision gestritten hat, die David d’Angers auf dem Relief in Bronze gegossen hat.

Dass es nämlich der berühmte Pierre Jean David, genannt David d’Angers, war, der das Bronzerelief –und auch die Büste Börnes- geschaffen hat, ist der Signatur « J. David 1842 » zu entnehmen.

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David d’Angers war einer der prominentesten französischen Bildhauer der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf diesem Blog war schon von ihm die Rede als dem Schöpfer der Monumentalplastik im Giebelfeld des Pantheons (siehe: https://paris-blog.org/2018/04/01/das-pantheon-der-grossen-und-der-weniger-grossen-maenner-und-der-wenigen-grossen-frauen-1-das-pantheon-der-frauen/) und des Grabmals für den General Gobert auf dem Friedhof Père Lachaise (siehe: https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/), auf dem auch David d’Angers selbst bestattet ist.  Uns Deutschen ist David d’Angers vielleicht auch bekannt als der Schöpfer der großen Goethe-Büste in der Anna-Amalia- Bibliothek von Weimar, die David d’Angers nach seinem ersten Deutschland-Besuch Goethe als Geschenk übersandt hatte. Ein zweites Exemplar ist im musée d’Orsay ausgestellt. Die Goethe-Büste war Teil der Bemühungen David d’Angers, die großen Geister und Künstler seiner Zeit zu verewigen, also gewissermaßen ein eigenes übernationales bildhauerisches Pantheon zu schaffen- entweder in Form großer Büsten oder wenigstens von Medaillons, deren vollständige Sammlung –insgesamt 550- sich im Louvre befindet.

Dass zu den « großen Männern »  David d’Angers auch Ludwig Börne gehörte, ist kein Zufall, hatten doch beide ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während Börne diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.[13]

So schickte David d’Angers 1836 Ludwig Börne, dessen « Genie und noblen Charakter » er bewundere, ein bronzenes Medaillon mit den Worten :   „À l’homme dont j’admire le génie et le noble charactère, j’offre cette esquisse en bronze faite d’après son profil, en le priant de recevoir favorablement l’assurance de mon profond respect.“[14]

DSC00720 Börne Hist. museum FFM (32)

       Das Medaillon Börnes aus dem Historischen Museum Frankfurt[15]

So lag es nahe, dass David d’Angers nach Börnes Tod von einer dafür eigens gebildeten Kommission beauftragt wurde, das Grabmal für den Verstorbenen zu gestalten. Das erforderliche Geld dafür brachte das Ehepaar Jeanette Wohl/Salomon Strauss auf, bei dem Börne die letzten Jahres seines Lebens in Wohngemeinschaft verbrachte. 1842 wurde das Grabmal auf dem Friedhof enthüllt: Die Stele mit der Bronzebüste und der Bronzeplastik mit dem Titel „La France et l’Allemagne unies par la Liberté“.

David d’Angers hat also wesentlich dazu beigetragen, das Bild Ludwigs Börne der Nachwelt  zu übermitteln- neben dem Maler Moritz Daniel Oppenheim, der von Börne ein Gemälde und einen Kupferstich anfertigte- ausgestellt im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt bzw., was die Graphik angeht, u.a. im Jüdischen Museum von Berlin und  im Museum Schloss Philippsruhe in Hanau.[16]

Die Beerdigung Börnes war ein gesellschaftliches Ereignis: Ein beeindruckender Trauerzug von Schriftstellern, Kaufleuten, aber auch Arbeitern, geleitete  Börnes Leichnam von seiner Wohnung in der Rue Laffitte zum Père Lachaise. „Die nächsten Freunde trugen den Sarg bis zum Grab. Der politische Flüchtling Venedey und ein Frankfurter Kaufmann sprachen am Sarge.“ Die große Grabesrede hielt François-Vincent  Raspail, ein bedeutender Chemiker und  Armenarzt, gleichzeitig aber auch ein engagierter Mann der Opposition gegen die  Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippes. Seine Zeitschrift  Réformateur, in der Börne „als französischer Schriftsteller geschrieben hatte, war ein Forum des Kampfs gegen die „Bankokratie“ und für die Sache  der Armen. Der Grabredner Raspail sah sich als Vertreter des republikanischen, freiheitlichen Frankreichs und rühmte Börne als den großen Mittler zwischen Deutschland und Frankreich.    

 „Il voyait le colosse du progrès enjamber les deux rives du fleuve qui coule entre la France et l’Allemagne, en leur tendant une main conciliatrice, qu’ils appartiennent à la même espèce et qu’ils sont soumis aux mêmes devoirs.“ [17]

Ist es bei David d’Angers die Verkörperung der Freiheit, die Deutschland und Frankreich zusammenführt, so ist es bei Raspail der „Koloss des Fortschritts“, der mit seinen beiden Beinen rechts und links des Rheins steht und den beiden Ländern die Hand zur Verständigung reicht.

Selbst Heinrich Heine, seit Anfang der 1830-er Jahre mit Börne in inniger Feindschaft verbunden, konnte sich den eindrucksvollen Bekundungen der Trauer über den Tod Börnes nicht entziehen, als er im ersten Entwurf seines bösartigen  Börne-Pamphlets schrieb :

 «Ludwig Börne hat glücklich vollendet, und die Freunde warens,  welche über seinem Sarge die männliche Thräne vergossen und das trauernde Wort gesprochen. Der Glückliche ! Er ruht auf dem  blühenden Gräberhügel, im Kreise seiner Liebesgenossen, auf dem Père-la-Chaise, und ihm zu Füßen liegt das Jerusalem seines Glaubens, das ewige Paris…  schöner kann man nicht sterben ! schöner nicht begraben seyn ! »[18]

Unmittelbar nach Börnes Tod setzte eine « Verehrungswelle » des Schriftstellers ein, wie sein Verleger Julius Campe dem –ebenfalls von ihm verlegten- Heinrich Heine schrieb :

« Börne ist zu guter Stunde gestorben. Alles achtet und ehrt ihn, sieht in ihm einen Apostel der Freiheit, der als Blutzeuge gestorben ist ; als Verbannter. »[19]

Dass der deutsche Patriot Ludwig Börne in « fremder Erde » bestattet wurde, war ein Thema zahlreicher Gedichte, die im reimfreudigen  deutschen Vormärz, der Zeit vor der Revolution von 1848, entstanden sind. (20)   Sie weisen auch auf die große Popularität hin, die Börne damals bei den liberalen Kräften in Deutschland hatte, die für « Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Valterland » stritten.

Ein für mich nahe liegendes Beispiel dafür ist Friedrich Stoltze, der Frankfurter Freiheitsfreund, satirische Zeitkritiker und Mundartdichter.  In dem Stoltze Museum in der neuen Frankfurter Altstadt (im Haus zum Weißen Bock und dem Haus zur Goldenen Waage)  ist ein Portrait Börnes zu sehen, ein Druck nach dem Ölgemälde Moritz Daniel Oppenheims, das aus dem Arbeitszimmer Friedrich Stoltzes stammt. Dazu folgende Erläuterung: „Die Begegnung mit dem  Frankfurter Freiheitsdichter und Feuilletonisten Ludwig Börne wirkte als Initialzündung für Friedrich Stoltzes eigenen Weg als zeitkritischer Schriftsteller.“  Und selbstverständlich hat Börne auch einen Ehrenplatz in der von Stoltze herausgegebenen Frankfurter Latern. Zum Beispiel mit einem Gedicht „An Börnes Grabe auf dem Père La Chaise in Paris“ von W. Nolte, der Börne auferstehen und -ganz im Sinne der Bronzetafel auf dem Grab-   sprechen lässt:

„Wenn der Deutsche sich vertiefte, herrscht im Reiche der Gedanken,             

 Dann durchbrach des Zwingherrn Schranken oft das kühne Volk der Franken, (…)           

Volk der Denker, Volk des Freistaats, lasst das Hadern, lasst das Grollen!           

Lasst die Wunden jetzt vernarben, uns einander Achtung zollen!                     

Reicht in Freundschaft Euch die Hände, schließt den schönsten Bund auf Erden!“ 

Und Stoltze selbst schrieb zum 100. Geburtstag Börnes am 6. Mai 1886 in der Frankfurter Lantern 18/1886 ein Gedicht, in dem er  zur Feier des „von Gott gesandten“  Börne die Errichtung eines Freiheitsbaums auf dem alten Börneplatz fordert, wenn – wie es ironisch am Ende heißt-  „die Polizei im freien Deutschland nichts dagegen hat. “  Und auch das Symbol des Freiheitsbaums spielt ja auf der Bronzetafel des David d’Angers auf der Grabstele Börnes eine wichtige Rolle.  (20a)

Frankfurt, das ihn hat geboren,  Vaterstadt, nun schmücke dich!

Lasse seinen Ruhm ertönen  Weit hinaus gen Nord und Süd;

Unter deinen großen Söhnen,  Wer war edler von Gemüth?

Auch ein ödes Plätzchen lasse  Schmücken, wie es sich gebührt,

In der eh’mals Judengasse,  Die nun seinen Namen führt.

Jenes Plätzchen, das getragen  Seines Vaterhauses Raum,

Darauf pflanz‘ und lasse ragen  Einen schönen Freiheitsbaum.

Denn geheiligt ist die Stelle,  Wo ein edler Geist entstand

Und betreten hat die Schwelle,  Denn er war von Gott gesandt.

Mit dem Freiheitsbaume weihen   Soll das Plätzchen uns’re Stadt,

Wenn die Polizei im freien   Deutschland nichts dagegen hat.

Ludwig Börne in und über Paris

Es ist hier nicht der Ort für eine umfassende Würdigung Ludwig Börnes. Die findet man zum Beispiel in der abschließend „zum Weiterlesen“ angegebenen Literatur- ebenso wie nähere Informationen und Interpretationen zum „deutschen Zerwürfnis“ zwischen Heine und Börne. Aber die Betrachtung des Grabdenkmals  regt doch dazu an, wenigstens auf zwei Aspekte seines Lebens und Denkens noch etwas einzugehen: Die Bedeutung, die Paris für Börne hatte – von Heine immerhin als dessen Jerusalem bezeichnet- und sein auf der Grabstele hervorgehobenes Engagement für den deutsch-französischen Kulturaustausch und die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland.

Börne hatte schon als junger Mann Paris besucht und war von der Stadt begeistert, obwohl Frankreich damals noch/wieder von den verhassten Bourbonen beherrscht wurde. Am 21. Oktober 1819,  während seines ersten Aufenthalts, schrieb er an Jeanette, seine Vertraute:

Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft.“[21]

1830 wurden dann in drei glorreichen Julitagen, den „trois glorieuses“, die Bourbonen gestürzt.  Der revolutionäre Enthusiasmus der Franzosen strahlte weit über die Grenzen hinaus nach Belgien, Italien, Polen und auch Deutschland. „Die französische Juli-Revolution wirkte in Europa“, so Ludwig Marcuse, „wie ein Fanal des Jüngsten Gerichts.“ [22]

Heinrich Heine feierte  damals die „heiligen Julitage von Paris mit diesen Worten, die  auch von Börne hätten sein können:

„Heilige Julitage von Paris! Ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerstört werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den  alten Gräbern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der Völker. Heilige Julitage, wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris.“[23]

Börne erhielt die Nachricht vom Sturz Karls X., des verhassten Bourbonenkönigs, während eines Kuraufenthalts in Bad Soden. „Von einem Tag zum anderen sind seine Schmerzen, die körperliche Schwäche und Resignation überwunden. Nur wenige Wochen später ist er mit der Postkutsche unterwegs nach Paris“,[24] wo er mit kurzen  Unterbrechungen bis zu seinem Tode blieb.[25]

In seinen „Briefen aus Paris“, gerichtet an seine Freundin und Vertraute Jeanette Wohl in Frankfurt und auf deren Anregung hin mit großem Erfolg publiziert,  schrieb er über seine Ankunft in Paris:

„Das moralische Klima von Paris tat mir immer wohl, ich atme freier, und meine deutsche Engbrüstigkeit verließ mich schon in Bondy.[26] Rasch zog ich alle meine Bedenklichkeiten aus und stürzte mich jubelnd in das frische Wellengewühl. Ich möchte wissen, ob es andern Deutschen auch so begegnet wie mir, ob ihnen, wenn sie nach Paris kommen, wie Knaben zumute ist, wenn an schönen Sommerabenden die Schule geendigt und sie springen und spielen dürfen!“ (5. Brief)

Und über sein Lebensgefühl in Paris schrieb er:

 „Manchmal, wenn ich um Mitternacht noch auf der Straße bin, traue ich meinen Sinnen nicht, und ich frage mich, ob es ein Traum ist. Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch je eine solche Lebensart vertragen könnte. Aber nicht allein, daß mir das nichts schadet, ich fühle mich noch wohler dabei. Ich war seit Jahren nicht so heiter, so nervenfroh, als seit ich hier bin. Die Einsamkeit scheint nichts für mich zu taugen, Zerstreuung mir zuträglich zu sein …. hier erst bekam ich wieder Herz zu leben. Die geistige Atmosphäre, die freie Luft, in der man hier auch im Zimmer lebt, die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der ewig wechselnde Stoff wirken vorteilhaft auf mich. Ich esse zweimal soviel wie in Deutschland und kann es vertragen.“ (13. Brief)

In Paris wartete Börne voller Ungeduld auf die große Revolution. In seinen „Briefen aus Paris“ prophezeite er, „dass im Jahre 1831 ein Dutzend Eier teurer sein werden als ein Dutzend Fürsten„.

Börne hoffte,  dass der revolutionäre Funke auch nach Deutschland überspringen werde. Genährt wurde diese Hoffnung durch das  Hambacher Fest 1832, das  große Treffen der deutschen Liberalen auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz, in der damals noch die staatsbürgerlichen Freiheiten aus der Napoleon-Ära fortbestanden. Das Fest, zu dem Börne als Ehrengast eingeladen war, wurde für ihn „ein rauschähnliches Erfolgserlebnis“.[27] Am  28. Mai schrieb er Jeanette Wohl:

„Auch wenn ich  Zeit hätte, könnte ich Ihnen nicht schildern, wie bedeutend das Fest war und in seinen Folgen werden wird. Ich habe mich nach meiner Art zurückgezogen und fast versteckt. Half aber alles nichts. Ich werde als ein Napoleon angesehen. Gestern abend brachten mir die Heidelberger Studenten unter Anführung des Herolds ein Vivat mit Fackelzug vor meine Wohnung. Schon früher zog mir auf den Straßen alles nach mit dem Geschrei: es lebe Börne, es lebe der deutsche Börne! Der Verfasser der Briefe aus Paris. (…)“[28]

Aber mit den sogenannten Juli-Ordonnanzen folgte die Repression in den Ländern des Deutschen Bundes auf dem Fuß. Der erhoffte „Mai der Völker“ blieb aus. Auch in Frankreich:  Börne musste erkennen, dass  in Paris nur ein Übel aufs andere gefolgt war: Der Bourbone Karl X. war zwar  gestürzt, aber unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe hatte sich die „Geldaristokratie“ oder „Bankokratie“, wie Proudhon sie taufte, etabliert. [29]

Börne, der aufgrund dieser Erfahrungen vom Anhänger der konstitutionellen Monarchie zum Republikaner wurde, sah –besonders nach dem Aufstand der Weber von Lyon im November/Dezember 1831- einen Krieg der Armen gegen die Reichen voraus, und wendete sich in seinen journalistischen Arbeiten nun auch an die sehr umfangreiche „deutsche Kolonie“, damals die größte Gruppe von Ausländern in Paris: Als Börne 1830 in Paris eintraf, lebten dort etwa 7000 Deutsche, 1848 waren es  60000, die aus vielfältigen Gründen nach Paris gekommen waren.  Ein wichtiger Bestandteil waren die politischen Emigranten, die bei weitem größte Gruppe allerdings bildeten Arbeiter und  Handwerker, die zum Beispiel in den Werkstätten des Faubourg Saint-Antoine arbeiteten, oder Armutsflüchtlinge aus Nordhessen, die die Pariser Müllabfuhr betrieben.[30]   Einen großen Einfluss auf Börne hatte in dieser zeit der Priester Hugues Filicité Robert de Lamennais, dessen Name ja auch auf dem Grabmal Börnes eingraviert ist:  Lamennais war Vertreter eines christlichen, sozialrevolutionären Sozialismus. Obwohl der vom Vatikan 1832 in einer Enzyklika ausdrücklich verurteilt wurde, fanden  seine 1834 erschienenen  Paroles d’un croyant  (Worte des Glaubens) damals eine breite Leserschaft, zu der auch Börne gehörte.  Der war von der Schrift  tief beeindruckt,  bezeichnete sie sogar als „das dritte Testament“ und  übersetzte sie ins Deutsche.  Als Honorar für die schweizerische „Volksausgabe“  der deutschen Übersetzung erhielt er auf seinen Wunsch hin 500 Freiexemplare, die er  unter den deutschen Handwerkern und Arbeitern in Paris verteilen ließ.[31]

Für Börne war die religiöse Terminologie in dieser Zeit  ein Mittel, sich –nach dem Scheitern der direkten  politischen Agitation-  über den engen Kreis der Intellektuellen hinaus Gehör zu verschaffen. Der Gedanke an Georg Büchners Hessischen Landboten, der von dem Butzbacher Pfarrer Weidig entsprechend überarbeitet wurde, liegt dabei nahe. Börne sah im Bezug zum Christentum auch eine Chance, „vor allem bei den Unterschichten neues, auf ethisch gesichertem Boden stehendes politisches Bewusstsein“ heranzubilden[32], eine Antriebskraft für sozialen Fortschritt und einen gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen kulturellen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Heinrich Heine hat in seinem Börne-Pamphlet  Börne vorgeworfen, „er fraternisier(t)e mit dem Pfaffen Lamennais“, aber für Börne war der Kampf für die Freiheit nicht ein Kampf gegen die Kirche, sondern gegen die Bourgeoisie, und wenn  Vertreter eines engagierten Christentums auch an diesem Kampf teilnehmen wollten:  tant mieux…. [33]

Börne war in dieser Zeit in Kreisen der in Paris lebenden, politisch engagierten Deutschen eine zentrale Figur. In einem Spitzelbericht aus dem  Jahr 1836 liest sich das so:

 „Die Bemühung, zu Paris das revolutionäre Zentrum der deutschen Refugierten und sogenannten Patrioten zu gründen und die Leitung einem Komitee zu übertragen, ist seit vergangener Woche vollkommen ausgeführt. Börne als der reichste, älteste und berühmteste Schriftsteller ist jetzt die revolutionäre Autorität und bei ihm werden jetzt Zusammenkünfte gehalten. (…) Börne besitzt ungefähr 50.000 Reichstaler Privatvermögen, lebt sehr angenehm in Paris und verdient durch die stets wiederholten Auflagen seiner Werke bedeutend. Die deutschen Republikaner gehen seit Wochen zu Börne.“[34]

Allerdings haben die Spitzel hier Börnes Rolle sicherlich etwas übertrieben, übrigens auch was seine finanziellen Verhältnisse angeht. Börne hatte zwar nach dem Tod seines Vaters einen Erbteil erhalten und dazu eine regelmäßige Rente, wozu auch noch eine von ihm erstrittene Pension für seine Dienstzeit als Polizeiaktuar in Frankfurt kam, aber er war, „um seinen großbürgerlichen Lebensstandard  erhalten zu können, auf regelmäßige Autorenhonorare angewiesen“[35]. Angesichts der damals  in weiten Teilen  Deutschlands herrschenden Zensur war das  durchaus nicht garantiert.

Adressat von Börnes publizistischer Aktivität war neben den Deutschen in der Heimat und in Paris auch das französische Publikum: 1835 wurde er Mitarbeiter des  von Raspail herausgegebenen „Réformateur“, in der er auch Artikel in französischer Sprache veröffentlichte. 1835 musste die Zeitschrift eingestellt werden, so dass Börne nun keine Plattform  mehr hatte für seine Bemühungen um die deutsch-französische Kulturvermittlung. So griff er seinen alten Plan wieder auf, eine eigene deutsch-französische Zeitschrift herauszugeben mit dem schönen Titel  „Balance. Revue allemande et française“ – der Titel der Zeitschrift schlägt damit eine Brücke zur „Waage“, der „Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und Kunst“, die der junge Börne herausgegeben hatte, bis sie 1821 nach ständiger Auseinandersetzung mit der Zensur von Metternich verboten wurde. In der Balance  erschien auch Börnes letzte große Arbeit über den „Franzosenhasser Wolfgang Menzel“: „Gallophobie de M. Menzel“. Die an die Zeitschrift geknüpften Hoffnungen erfüllen sich aber nicht: Die Auflage kam nie über 250 Exemplare hinaus und musste schon in ihrem Gründungsjahr 1836 auch wieder ihr Erscheinen einstellen.[36]

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Der Tuberkulose – kranke Börne verbrachte seinen letzten Lebensabschnitt treu umsorgt im Haushalt des Ehepaares Jeanette Wohl und Salomon Strauss: Beide verehrten Börne, waren wegen ihm auch von Frankfurt nach Paris übergesiedelt und engagierten sich sehr  für die Publizierung von Börnes Arbeiten. Die Sommer verbrachten die drei  in Auteuil, die Winter in Paris in der rue Laffitte. Dort starb  er am 12. Februar 1837  und von dort aus wurde dann auch sein Leichnam zum Père Lachaise geleitet. Die Konzession des Grabes- „à perpétuité“, wie es damals üblich war- hatte Salomon Strauss erworben.[37]

Börnes Vision der deutsch-französischen Verständigung

Schon 1808 schrieb Börne in einer Abhandlung „Über die geometrische Gestalt des Staatsgebiets“, in Europa gäbe es einen Kern, „der nicht zerstückelt werden kann“, und der bestehe vor allem aus Deutschland und Frankreich: „die hängen so fest zusammen, dass sie sich schwerlich werden trennen können. Hier sieht man aber auch deutlich den Fingerzeig des Schicksals, das beide Länder nur einen Staat bilden sollen. Und welch ein glücklicher Staat müsste das nicht werden, wenn sich die deutsche Natur mit der französischen vermählte…“[38]

Im 6. Brief aus Paris aus dem Jahr 1830 scheibt Börne anlässlich einer Soiree im gleichen Sinne:  „Es war da ein Gemisch von Deutschen und Franzosen, wie es mir behagt. Da wird doch ein gehöriger Salat daraus. Die Franzosen allein sind Öl, die Deutschen allein Essig…“

Und dann nutzt er die Gelegenheit für einen großen historischen Rück-  und Ausblick:

„In wenigen Jahren wird es ein Jahrtausend, dass Frankreich und Deutschland, die früher nur ein Reich bildeten, getrennt wurden. Diese dumme Streich wurde, gleich allen dummen Streichen in der Politik, auf einem Kongresse beschlossen, zu Verdun im Jahre 843. (…) Ich hoffe, im Jahr 1843 endigt das tausendjährige Reich des Antichrists, nach dessen Vollendung die Herrschaft Gottes und der Vernunft wieder eintreten wird. Wir haben nämlich den Plan gemacht, Frankreich und Deutschland wieder zu einem großen fränkischen Reiche zu vereinigen. Zwar soll jedes Land seinen eigenen König behalten, aber beide Länder eine gemeinschaftliche Nationalversammlung haben. Der französische König soll wie früher in Paris thronen, der deutsche in unsrem Frankfurt und die Nationalversammlung jedes Jahr abwechselnd in Paris oder in Frankfurt gehalten werden.“ (6. Brief aus Paris)

Das „tausendjährige Reich des Antichrists“, von dem Börne hier spricht, war dann doch noch nicht 1843 zu Ende, wie er es erhofft hatte. Es mussten erst noch drei weitere Kriege und das „tausendjährige Reich“ der Nazis kommen, bis sich Franzosen und Deutsche auf den gemeinschaftlichen Gräbern umarmen konnten, so wie es Börne gewünscht hatte:

„Die altersreifen Männer beider Länder sollten sich bemühen, die junge Generation Frankreichs mit der jungen Generation Deutschlands durch eine wechselseitige Freundschaft und Achtung zu verbinden. Wie schön wird der Tag sein, wo die Franzosen und die Deutschen auf den Schlachtfeldern, wo einst ihre Väter sich untereinander gewürgt, vereinigt niederknien und, sich umarmend, auf den gemeinschaftlichen Gräbern ihre Gebete halten werden!“[39]

Hoffte Börne in der julirevolutionären Begeisterung von 1830, dass 1000 Jahre nach dem Teilungsvertrag von Verdun, also 1843, Deutschland und Frankreich endlich wieder vereint seien, so war er zwei Jahre später deutlich skeptischer:

Wir gewähren“, so schreibt er da, „noch ein Jahrhundert, bis die Völker Europens, bis besonders die Franzosen und Deutschen zur Einsicht gelangen, dass von ihrer Einigkeit ihr Glück und ihre Freiheit abhängen.“[40]  Sicher war er aber, dass Deutschlands und Frankreichs Schicksale nicht voneinander zu trennen seien. In seiner letzten Schrift, „Menzel, der Franzosenfresser“ von 1837, gewissermaßen seinem politischen Testament, schreibt er:

Die Geschichte Frankreichs und Deutschlands ist seit Jahrhunderten nur ein beständiges Bemühen, sich zu nähern, sich zu begreifen, sich zu vereinigen, sich ineinanderzuschmelzen, die Gleichgültigkeit war ihnen immer unmöglich, sie müssen sich hassen oder lieben, sich verbrüdern oder sich bekriegen. Das Schicksal weder Frankreichs noch Deutschlands wird nie einzeln festgesetzt und gesichert werden können.“

Der Wunsch nach einer Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Leitmotiv des Börneschen Denkens und Handelns. Und dabei war er sich einig mit seinem Antipoden Heinrich Heine. Malte sich aber Börne, wie es seinem politischen Denken entsprach, die Zukunft beider Länder schon ganz konkret  in seiner politischen Konstruktion aus, so bezog der Ästhet Heine auch die Dimension des Genusses ein:

 „Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten für die zwey größten Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft, für gutes Essen und bürgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die größten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gäste, das große Versöhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, […] dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. […] sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versöhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kämpfen vereinigt gegen andere Weltübel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod“ (DHA VII, 70)

Damit ergänzen sich, wie ich meine, Börne und Heine auf  wunderbare und ganz aktuelle Weise: Die deutsch-französische Verständigung ist –wie die europäische Einheit insgesamt- nicht nur eine politische Notwendigkeit nach vielen Kriegen und Katastrophen, sondern sie ist auch etwas – bzw. sollte auch etwas sein, das die Völker mit Leib und Seele, mit Freude und Lust verbindet, und vor allem: mit der animierenden Perspektive eines gemeinsamen Kampfes für eine bessere Zukunft.

Das Grab von Jeanette Wohl auf dem Père Lachaise

Nach dem Besuch von Ludwig Börnes Grabmal lohnt es sich, noch ein paar Schritte weiter zu gehen zu dem ebenfalls von David d’Angers gestalteten Grabmal des Generals Gobert.[41] Und bevor man von dort aus wieder zum Ausgang zurückgeht –am besten über den malerischen chemin des chèvres, bietet es sich an, am Grab von Jeanette Wohl vorbeizugehen, das sich auch auf diesem Friedhof befindet, und zwar neben dem Gebäude der Friedhofsverwaltung (Conservation)  am Seiteneingang der Rue du Repos  in der 7. Division. Hier befinden  sich überwiegend jüdische Gräber, darunter auch das Grab des französischen Zweiges der Rothschild-Dynastie- übrigens auch eine Frankfurt und Paris verbindende Geschichte… [42]

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Jeanette Wohl war für Börne  „Mutter, Schwester, Tochter, Freundin, Geliebte, Frau und Braut.“[43] In den 1820-er Jahren gab es bei Börne und Jeanette Wohl Heiratspläne, die aber scheiterten- unter anderem an der Konvertierung Börnes zum Protestantismus. Für das orthodox-jüdische Milieu, aus dem Jeanette Wohl stammte, war das kaum akzeptabel. Das Scheitern der Heiratspläne tat allerdings der Freundschaft zwischen den beiden keinen Abbruch. Der Schmerz, nicht mit Börne zusammenleben zu können, wurde nach den Worten Norbert Altenhofers „durch das Bewusstsein kompensiert, ihm als Briefpartnerin unersetzlich zu sein.“[44]  Das war sie in der Tat: 1932 lieferte Börne im Brief vom 6. November eine saloppe, „in ihrem  tiefen Wahrheitsgehalt aber nicht zu unterschätzende Begründung für das Scheitern der Heiratspläne: ‚Es fragte mich hier einer,  warum wir uns nicht verheiratet hätten.  Da erinnerte ich mich der Antwort, die einst auf die gleiche Frage ein Franzose gegeben: où passerois-je mes soirées?  und ich erwiderte: an  wen sollte ich dann Briefe schreiben?“ (zit. Walz, 72)

Und es war Jeanette Wohl Verdienst, dass auf der Grundlage von Börnes Korrespondenz mit ihr die „Pariser Briefe“ entstanden, Börnes bekannteste und bedeutendste Publikation.[45] In seiner Börne- Denkschrift schreibt Heine „an der einzigen Jeanette Wohl gewidmeten Stelle, die nicht denunziatorischen Charakter trägt:

‚Die Pariser Briefe waren nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet (..) Wenn sich in Briefen nicht bloß der Charakter des Schreibers,  sondern auch des Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Person, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gemüt und Begeisterung…‘“[46]

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1832 heiratete Jeanette Wohl den zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauss, ebenfalls ein Frankfurter Verehrer Börnes und wie Jeanette Wohl engagiert in der Aufarbeitung und Verbreitung der Werke Börnes.  Bedingung für die Ehe mit Strauss war für Jeanette Wohl aber die Fortdauer der engen Beziehung zu Börne. In einem Brief machte sie dies ihrem künftigen  Ehemann klar:

 „Der Doktor hat niemanden auf der Welt als mich, ich bin ihm Freundin, Schwester, alles was  sich mit diesem Namen  Freundliches, Theilnehmendes, Wohlwollendes im Leben  geben, bezeichnen  lässt.  …. Der Doktor muss bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will. (…)  Solange ich lebe, bis zum letzten Athemzuge werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem  Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben.“[47]

In der zweiten Novemberhälfte siedelte das Ehepaar Wohl/Strauss nach Paris über, wo es bis zu Börnes Tod mit diesem in ungetrübter Harmonie zusammenlebte.“ Durch die Ehe mit Strauss und den Umzug nach Paris schafft sie Börne,  „dem Freund ihres Lebens einen neuen Freund, eine neue Heimat, ein letztes Asyl.“[48] In Frankfurt wäre „die merkwürdige Ehe zu dritt“ angesichts des konservativen Umfelds Jeanettes vermutlich kaum möglich gewesen. Dass  Jeanette sich auf eine solche –von Heinrich Heine geschmähte- Beziehungsform eingelassen hat, ist vielleicht auch damit zu erklären, dass ihr Vater, ein durch Finanzgeschäfte äußerst wohlhabend gewordener Frankfurter Wechselmakler und Schutzjude, als angeblich „gottloser Freigeist“ von dem jüdischen  Gemeindevorstand  verstoßen worden war und er „wie ein Vieh“ fern vom Grab seiner Vorfahren verscharrt wurde, bis die Mutter in einem langjährigen, letztlich von Kaier Franz II. entschiedenen Rechtsstreit, doch noch eine Umbettung und eine Bestattung in der Nähe seiner Vorfahren  erreichte.[49]

Nach Börnes Tod  wurde Jeanette  von Börne zur „Erbin seiner sämtlichen literarischen Eigentumsrechte“ eingesetzt. Mit Unterstützung von Strauss gab sie zwischen 1844 und 1850 bei einem Mannheimer Verlag sechs Bände mit nachgelassenen Schriften Börnes heraus.  Die erste große Gesamtausgabe von Börnes Schriften erschien aber erst 1862, ein Jahr nach Jeanettes Tod: Grund dafür waren  Kompetenzstreitigkeiten mit dem Verleger Campe, zu dem Jeanette das Vertrauen verloren hatte, nachdem er 1840 Heines Pamphlet gegen Börne verlegt hatte.

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Das Grab von Jeanette Strauss-Wohl befindet sich leider in einem lamentablen Zustand. Immerhin hat jemand die den Grabstein überwuchernden und ihm schwer zusetzenden dicken Efeuranken teilweise entfernt, so dass wenigstens die Aufschrift (noch) lesbar ist.  Jeanette  Wohl hätte es angesichts ihrer Verdienste um das Werk  Börnes wohl verdient, dass ihr Grab nicht dem Verfall preisgegeben wird. Zuständig wären eigentlich Erben, falle es die noch gibt…  Oder vielleicht die Stadt Frankfurt? Aber das Kulturdezernat der Stadt, das ich in dieser Sache angeschrieben habe, hüllt sich in Schweigen.  Und die von mir ebenfalls kontaktierte prominente Frankfurter Börne-Stiftung, deren Aufgabe es ist, „an den großen Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne zu erinnern“, die den Prestige-trächtigen Börne-Preis vergibt und in der auch der Oberbürgermeister Frankfurts vertreten ist, hat dafür jedenfalls, wie sie mir mitteilte, „keine Mittel“… [50]

(Juli 2018)

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Das Portrait von David d’Angers, aufgenommen von Wolf Jöckel am 4. Oktober 2022

Etwa zur gleichen Zeit wie das Relief David d’Angers‘ entstand in den 1840-er Jahren in Berlin ein ganz entzückendes Wunschbild deutsch-französischer Vereinigung. Es ist eine im romantisch-biedermeierlichem Arabesken-Zeichnung aus dem Kreis der Töchter Bettine von Arnims. Also ganz anders als das -Börne angemessene- politisch-programmatische Relief. Aber beide ergänzen sich und man darf sie als Vision der -leider erst nach drei verheerenden Kriegen- endlich Wirklichkeit gewordenen deutsch-französischen Verständigung ansehen.

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Mehr dazu im Blog-Beitrag:   https://paris-blog.org/2022/11/17/frankreich-und-deutschland-ein-romantisches-wunschbild-deutsch-franzosischer-vereinigung-aus-den-1840-er-jahren/

Benutzte Literatur/Zum Weiterlesen

Ludwig Börne,  Das große Lesebuch. Herausgegeben von Inge Rippmann, FFM 2012

Ludwig Börne, Briefe aus Paris: http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-aus-paris-1678/1

Ludwig Börne, Menzel der Franzosenfresser und andere Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Walter Hinderer. Sammlung insel 45 FFM 1969

Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

Über Ludwig Börne/Sekundärliteratur:

Rachid l’Aoufir, Ludwig Börne un parisien pas comme les autres. Paris: L’Harmattan  2004

Alfred Estermann (bearbeitet von), Ludwig Börne 1786-1837. Zum 200. Geburtstag des Frankfurter Schriftstellers. Freiheit, Recht und Menschenwürde. FFM: Buchhändler –Vereinigung 1986

Anne Hardy, Ein Frankfurter Publizist und seine Muse. Der Briefwechsel zwischen Ludwig Börne und Jeanette Wohl. In: Forschung Frankfurt 1/2008  http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050628/Frankfurter_Publizist.pdf

Heinrich Heine, Über Ludwig Börne   http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/1

Willi Jasper, Keinem Vaterland geboren. Ludwig Börne. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann und Campe 1989

Ludwig Marcuse, Ludwig Börne. Aus  der Frühzeit der deutschen Demokratie. Diogenes TB 21/VII 1977

Inge Rippmann, Jeanette Strauß-Wohl (1783-1861) »Die bekannte Freyheitsgöttinn“ Versuch eines Porträts der Freundin Ludwig Börnes. https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-476-02790-0_4

Schnapper-Arndt, G., „Wohl, Jeanette“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 707-709  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html

Frank Stern/Maria Gierlinger (Hg), Ludwig Börne.  Deutscher, Jude, Demokrat. Berlin 2003

Christa Walz, Jeanette Wohl und Ludwig Börne: Dokumentation und Analyse des Briefwechsels. Frankfurt: Campus 2001  https://books.google.fr/books?id=qX-vAHx5_ZgC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise:

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

Anmerkungen:

[1]  Willi Jasper, S. 255, Marcel Reich-Ranicki In: Estermann, S, 169, Frank Stern , in: Stern /Gierlinger , S. 7 und entsprechend: https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_B%C3%B6rne;  Walter Hinderer im Vorwort zu:  Börne, Menzel der Franzosenfresser,  S. 7

[2] Alfred Grossser in: Estermann, S. 157 und  Marcel Reich-Ranicke .a.a.O.

[3] La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale    https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/

[4] http://www.deutschlandradio.de/das-grab-des-schriftstellers-ludwig-boerne-verkommt.331.de.html?dram:article_id=204997

[5] Auskunft der deutschen Botschaft vom 19.6.2018

[6] Gesammelte WerkeII, 88f. Zitiert in Stern/Gierlinger, S. 106

[7] Börne-  Lesebuch S. 115f; „Denkrede auf Jean Paul“: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Schriften/Aufs%C3%A4tze+und+Erz%C3%A4hlungen/Denkrede+auf+Jean+Paul

[8] Siehe Heine: Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sich zuerst Gotthold Ephraim Lessing, mit welchem Börne sehr oft verglichen worden. http://gutenberg.spiegel.de/buch/uber-ludwig-borne-373/4

[9] Michael Werner, Börne in Paris. In: Estermann, S. 262

[10] s. Jasper, S. 222

[11] Siehe Marcel Reich- Ranicki. In: Estermann, Ludwig  Börne, S. 171. S.a. Alfred Grosser a.a.O., S. 164

[12] marianne und germania 1789 – 1889. Frankreich und Deutschland. Zwei Welten-  Eine Revue. Katalog der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin vom 15. September 19996-5. Januar 1997, S.324/325

[13] Philip Molderings, Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf. Blog des Historischen Museums Frankfurt 2016 https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/

[14] Brief vom 9. Juni 1836. Zitiert in: M. de Cormenin, Fragments politiques et littéraires par Ludwig Boerne. Paris 1842 https://books.google.de/books?id=NHY6AAAAcAAJ&pg=PR25&lpg=PR25&dq

[15] Nicht korrekt ist übrigens – jedenfalls in einem Punkt- die Erläuterung zu dem Medaillon in der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ des neuen Historischen Museums. Dort heißt es: „Nach Börnes Tod fertigte der französische Künstler David d’Angers für seinen Freund und Gesinnungsgenossen dessen Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise sowie das Bronzemedaillon an.“ Allerdings wurde das Bronzemedaillon ja schon 1836 angefertigt, als Börne noch lebte und diesem übersandt. (Siehe oben das entsprechende Begleitschreiben David d’Angers an Börne).  Börne starb am 12.2.1837. (Identisch auch in: Jan Gerchow/Nina Gorgus (Hrsg), 100 mal Frankfurt. Geschichten aus (mehr als) 1000 Jahren. FFM 2017, S. 150/151

Korrekt dafür: https://blog.historisches-museum-frankfurt.de/ludwig-boerne-und-der-bildgewordene-freiheitskampf/ 

Im oben angegebenen Informationstext heißt es übrigens weiter zu Börnes Medaillon: „Es kam erst Jahrzehnte später in die Münzsammlung der Stadtbibliothek Frankfurt. Vorher wäre ein Erinnerungsstück an den ‚Aufrührer‘ durch die vom Frankfurter Rat verwaltete Bibliothek undenkbar gewesen.“ (a.a.O., S. 152). Leider wird hier kein Datum angegeben. Aber Salomon Strauss, in dessen Besitz  vermutlich nach Börnes und Jeanette Wohls Tod das Medaillon war, starb 1866, also genau in dem Jahr, in dem Frankfurt seinen Status als Freie Reichsstadt verlor. Damit waren wichtige Voraussetzungen für eine Ausstellung des Medaillons in Bernes Heimatstadt erfüllt.

[16] http://objekte.jmberlin.de/object/jmb-obj-91417;jsessionid=2D1924CEF1D706B3870D449A2F43F995

s.a. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

David d’Angers fertigte auch eine Marmorbüste Börnes an, die im Treppenhaus der alten Frankfurter  Stadtbibliothek am Obermaintor ausgestellt war. Sie wurde der Stadt 1866 von Salomon Strauss geschenkt, dem Mann von Jeanette Wohl, mit denen Börne in Paris in einer ménage à trois zusammenlebte. Die Büste ging im Krieg verloren,  „wohl kriegszerstört 1944“. http://frankfurter-personenlexikon.de/node/1823

[17] Discours prononcé par M. Raspail, sur la tombe de Ludwig Bœrne le 15 février 1837  https://www.persee.fr/doc/r1848_1155-8806_1916_num_12_69_1577 S. 195

[18] Heinrich Heine, Erster Entwurf zu Ludwig Börne. Eine Denkschrift. (1837). In: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger. FFM 1997, S.96

[19] siehe Jasper, 262/3

[20]

Als Beispiel wird hier ein 1844 veröffentlichtes Gedicht von Otto Lünig wiedergegeben:

Klagend greif ich in die Saiten,  Mitternächt’ge Schatten gleiten

Still im Mondlicht hin und her.

Heilig Grab, dich möcht ich schmücken,   Möcht an dich die Stirne drücken,

Ach das Herz ist mir so schwer.

Fern vom trauten Vaterlande  Siechte er auf fremder Erde,

Trauernd um sein Vaterland.

Der so  treu mit uns gelitten,  Der so kühn für uns gestritten

Deutsche haben ihn verbannt !

Frankreich reichte deinem Sohne,  Vaterland, die Lorbeerkrone,

Frankreich hat sein Grab geschützt !

Sahst du denn sein Herz nicht bluten,  Wenn des Edlen Zornes Gluten

Gegen dich so stolz geblitzt ?

Grollend greif ich in die Saiten,  Und die Schatten zürnend schreiten

Sie daher im Mondenlicht.

Ach, sein heilig Grab zu schmücken,  Ihm den Kranz auf’s Haupt zu drücken :-

Deutsche, ihr verdient es nicht.

Bleibe bei den Fremden liegen,  Bis der Freiheit Fahnen fliegen,

Bis zum Kampf die Freiheit ruft.

Wenn der Schlachtruf mächtig brauset,  Wenn das Schwert, die Lanze sauset,

Holen wir dich aus der Gruft.

Hörst Du’s in den Lüften  rauschen ?  Bald wirst du dein Grab vertauschen,

Ruhn im freien deutschen Land.

Wie so stolz die Augen glühen !  Sieh, an Deinem Grabe knien

Deutschland, Frankreich Hand in Hand.

Donnernd greif ich in die Saiten,  Und die Schatten lächelnd gleiten

Sie im Mondlicht hin und her.

Bald, ja bald wird es uns glücken,  Würdig ihm das Grab zu schmücken-

Herz, nun traure auch nicht mehr.         

Otto Lünig, Börne’s Grab. Veröffentlicht in: Der Sprecher. Wesel. Nr. 30/1844. Wiedergegeben in: Alfred Estermann: Die Eiche Börne… Gedichte der Zeitgenossen. . In: Estermann, S. 348

(20a) Die Kopien der beiden Gedichte aus der Frankfurter Latern habe ich von Frau Petra Breitkreuz, der Leiterin des Museums erhalten, wofür ich herzlich danke. Mit ihr kann man auch Führungen vereinbaren, zu denen der Zugang zu dem sonst nicht zugänglichen „Belvedersche“ des Hauses  gehört: petra.breitkreuz@frankfurter-sparkasse.de

[21]  II,16. Zitiert bei Stern/Gierlinger, S. 106

[22] Marcuse, S 175

[23] zit. Marcuse, S. 178

[24] Jasper, S. 145

[25] Zur Biographie Börnes siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%B6rne,+Ludwig/Biographie

[26] Bondy ist eine Vorstadt im Norden von Paris – im heute verrufenen 93. Departement gelegen. Reisende aus Deutschland –wie danach auch Heine- kamen damals aus dem Norden in die Stadt.

[27] Jasper, S. 179

[28] Zit. bei Jasper 179/180

[29] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46169324.html und Marcuse, Ludwig Börne S. 181

[30] Siehe dazu: Jacques Grandjonc/Michael Werner, Deutsche Auswanderungsbewegungen im 19. Jahrhundert (1815-1914). In:  Deutsche Emigranten in Frankreich. Französische Emigranten in Deutschland 1685-1945. Ausstellungskatalog. Paris 1983, S. 82ff. Siehe auch die Texte über den Faubourg Saint-Antoine auf diesem Blog: Der Faubourg Saint-Antoine (1): Das Viertel des Holzhandwerks: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/32 und Der Faubourg Saint-Antoine (2): Das Viertel der Revolutionäre: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/102

[31] L’Aoufir, S. 177,  s.a. S. 74;  Michael Werner, Börne in Paris. A.a.O., S. 265/266

[32] Michael Werner, Börne in Paris 265

[33]  Alfred Grosser, In. Estermann, Ludwig Börne, S. 163/165

[34] zit. Enzensberger, 83 und  https://d-nb.info/1017360421/34,  S. 46

[35] Jasper, S. 92

[36] Jasper, S. 183/184.  Bild aus: l’Aoufir, S. 164

[37] Ein entsprechendes Dokument konnte ich in der Friedhofsverwaltung des Père Lachaise einsehen.

[38] Zit. in: Ludwig Börne. Das große Lesebuch, S. 249/250

[39] Zitiert in Ludwig Börne, Das große Lesebuch, S. 251/252

[40] III,919. Zit. l’Aoufir, S. 168

[41] Siehe dazu: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[42] Die Friedhofsverwaltung war übrigens weder auf mündliche noch auf schriftliche Nachfrage  in der Lage, mir Informationen zu dem Grabmal zu geben. Da dafür allerdings vor allem die 7. Division infrage kam, haben wir auf eigene Faust gesucht und es schließlich auch gefunden: Vom Verwaltungszentrum des Friedhofs aus (Conservation) geht man die Avenue Rachel entlang bis fast zur Friedhofsmauer. Kurz davor befindet sich das Grab auf der rechten Seite in der zweiten Reihe.

Zu dem Rothschild-Grab: z.B.: http://francerevisited.com/2013/12/the-rothschilds-in-france-a-19th-century-riches-to-riches-story/

[43] https://www.zeit.de/1990/02/man-muss-auch-mut-zeigen–/seite-3

[44] Norbert Altenhofer, Henriette Herz und Louis Baruch- Jeanette Wohl und Ludwig Börne. In: Ludwig Börne zum 200. Geburtstag, S. 220

[45] Siehe G. Schnapper-Arndt 1898,  https://www.deutsche-biographie.de/sfz85997.html   „Besonderen Dank sind ihr die Litteratur- wie die Freiheitsfreunde dafür schuldig, daß sie zu den Pariser Briefen die Anregung gegeben hat. Erst auf ihr Drängen nämlich benutzte Börne jene durchaus nicht im Hinblick auf eine Veröffentlichung begonnene Correspondenz, um unter der Eingebung des Moments die Gedanken und Empfindungen in ihr niederzulegen, welche ihn in jener bedeutungsvollen Zeit bewegten.“

[46] Norbert Altenhofer a.a.O., S. 221

[47] Zit. Walz, S. 78

[48] Rippmann, zit. bei Walz, S. 85)

[49] Siehe Jasper, S. 87

[50] http://boerne-stiftung.de/  und Mail vom 23.6.2018

Das Pantheon der großen (und der weniger großen) Männer und der wenigen großen Frauen (1): Das Pantheon der Frauen

Der Blog-Beitrag über das Pantheon besteht aus zwei Teilen: in dem einem geht es um die wechselhafte Geschichte des Baus und die großen und weniger großen Männer, die dort von dem dankbaren Vaterland geehrt werden; in dem anderen um die wenigen Frauen, denen die Ehre zu Teil wurde, ins Pantheon aufgenommen zu werden,, und um die möglichen weiteren, die für eine solche Ehrung infrage kommen könnten. Was die Reihenfolge betrifft: Wenn man es schon beklagt, dass Frauen im Pantheon sträflich zu kurz kommen, dann sollen sie auf diesem Blog wenigstens den Vortritt haben. Beginnen wir also mit den Frauen im Pantheon!

Dass das Pantheon ein Frauenproblem hat, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Statistik: In der aktuellen Liste (Stand Anfang 2018) der im Pantheon von Paris bestatteten Personen findet sich folgende Angabe:

 Il y a à ce jour 76 Grands Hommes (72 hommes et 4 femmes) panthéonisés.[1]

Diese Angabe ist nicht nur in geschlechtsspezifischer Hinsicht bezeichnend, sondern auch sprachlich bemerkenswert. Mit den „Grands Hommes“ sind hier nicht nur Männer gemeint, sondern geschlechtsneutral Personen, wie die anschließende Differenzierung zeigt. Das ist politisch korrekt, historisch weniger. Denn als die Nationalversammlung 1791 beschloss, die der heiligen Genovefa geweihte Kirche zu einer Ehrenhalle für die „grands hommes“ umzuwandeln, hatte man dabei an Frauen  keineswegs gedacht.[2]

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Dass einmal Frauen ins Pantheon einziehen könnten, lag auch noch außerhalb der damals vorherrschenden Vorstellungen, als David d’Angers von 1830 – 1837 das Relief im Giebeldreieck des Pantheons schuf. Es gibt dort zwar drei Frauengestalten: In der Mitte stehend die Allegorie Frankreichs, die Lorbeerkränze verteilt, und rechts und links von ihr die Personifizierungen der Freiheit (la Liberté) und der Geschichte, die auf ihrer Tafel die Namen der „grands hommes“  einschreibt, von denen einige auf dem Relief  zu sehen sind– eine Frau ist allerdings nicht dabei.[3]

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Gipsmodell aus dem Museum Angers

Immerhin hat es nach dem Gründungsbeschluss von 1891 noch 116 Jahre, also bis 1907,  gedauert, bis die sterblichen Überreste einer Frau ins Pantheon überführt wurden. Die erste Frau, der diese Ehre zu Teil wurde, war Sophie Berthelot. Als ich vor einigen Jahren das Pantheon besuchte, wurde sie noch auf einer neben dem Grabmal beigefügten Informationstafel als Scientifique bezeichnet. Allerdings war sie keineswegs Wissenschaftlerin, sondern sie hat die  Pantheonisierung ihrem Mann, dem Chemiker Marcellin Berthelot, zu verdanken, der nun in der Tat ein bedeutender Wissenschaftler war. Die beiden Ehegatten hatten aber darum gebeten, nicht im Tode voneinander getrennt zu werden und diesem Wunsch wurde stattgegeben[4]. Verständlich ist das, wenn man bedenkt,  dass Marcellin Berthelot verstorben ist, kurz nachdem er vom Tod seiner Frau  erfuhr.

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Inzwischen wurden die Tafeln an den Grabmälern durch Bildschirme ersetzt und da wird der wahre Grund für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot genannt. (Auf der Wikipedia-Liste der im Pantheon bestatteten Menschen wird sie allerdings weiterhin als „scientifique“ geführt.[5])

Marie Curie im Pantheon

Dass allerdings Sophie Berthelot nicht wirklich „zählte“, wurde aus dem ebenfalls inzwischen geänderten Begleittext zum Grabmal von Marie Curie deutlich. Dort stand noch Anfang der 1990-er Jahre,  sie sei auf Antrag des Präsidenten François Mitterrand am 20. April 1995 als erste Frau unter die „grands hommes du Panthéon“ aufgenommen worden.[6] Das stimmte und stimmt so natürlich nicht, so dass das auf dem modernen Bildschirm nicht mehr zu lesen ist. Aber es  stimmt, dass es sage und schreibe 204 Jahre gedauert hat,  bis eine Frau aufgrund ihrer eigenen Verdienste ins Pantheon aufgenommen wurde: Und dafür musste man dann offenbar schon doppelte Nobelpreisträgerin sein![7]

Marie Curie braucht man hier nicht vorzustellen. Sie ist bekannt und wird –wie auch Chopin- von Frankreich und auch von Polen geehrt, wie das Blumengesteck auf ihrem Sarkophag im Pantheon zeigt.

Pantheon Curie Juli 2010 034

Durch eine von November 2017 bis März 2018 im Pantheon gezeigte Ausstellung über Marie Curie –Anlass war ihr 150. Geburtstag- habe ich allerdings Interessantes und für mich Neues über ihre Persönlichkeit, ihre Arbeit und ihr Engagement erfahren.

DSC01804 Marie Curie Ausst. pantheon (1)

So meldete sie trotz vieler wegweisender Entdeckungen kein einziges Patent an. Sie war nämlich davon überzeugt, dass die Fortschritte der Wissenschaft ungehindert der ganzen Menschheit zu Gute kommen sollten. Und in den 1920-er Jahren engagierte sie sich im Rahmen des Völkerbunds für den internationalen wissenschaftlichen Austausch.  Auch ihr Engagement für die Menschen bestimmte zeitlebens ihre Arbeit: Die Möglichkeiten einer medizinischen Nutzung ihrer Forschungen interessierten und motivierten sie sehr. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sie  einen Röntgenwagen und erwarb den Führerschein, um ihn zu den Verwundeten hinter die Front zu bringen. Und in ihrem Radium-Institut förderte sie in den 1920-er Jahren ganz bewusst Frauen und ausländische Studierende und Forscher. Die Widerstände, die sie zu überwinden hatte, waren  aber auch beträchtlich: Sie kam ja nur deshalb nach Frankreich, weil  sie als Frau nicht zum Studium an der Warschauer Universität zugelassen wurde.

DSC02483 Pantheon Marie Curie Februar 2018 (30)

Zwar durfte sie als „Madame Pierre Curie“  am 12. Februar 1910 das Titelblatt der Zeitschrift „Les Hommes du Jour“ (No 180) zieren, aber ein Jahr später wurde ihr nach einer heftigen „bataille académique“ die Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften verweigert, weil dort –nach Auffassung der Mehrheit der Akademiker- eine Frau keinen Platz  hatte, wie in der Ausstellung dokumentiert wird.[8] Insofern konnte es kaum eine geeignetere Wahl für eine große Frau unter den großen Männern geben als sie.

Das Musée Curie

Wenn die Ausstellung m Pantheon auch schon beendet ist: Ein Besuch im dem kleinen Musée Curie lohnt auf jeden Fall. Es ist im ehemaligen Laboratorium der Curies untergebracht und liegt nur wenige Gehminuten vom Pantheon entfernt in der rue Pierre et Marie Curie.[9]  Man kann dort  das (einem Außenstehenden wie mir äußerst bescheiden erscheinende) Labor und den Schreibtisch sehen, an dem Marie Curie von 1914- 1934 arbeitete.

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Es gibt auch eine Reihe von interessanten  Ausstellungsstücken. Zum  Beispiel den Behälter aus Blei und Akazienholz und die 10 Glasröhrchen (en verre de Thuringe de 0,27 mm d’épaisseur), die das 1 Gramm Radium enthielten, das Marie Curie 1921 von dem amerikanischen Präsidenten Warren G. Harding  überreicht wurde.

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Ziemlich bizarr sind einige Ausstellungsstücke aus den „années folles du radium“ (aus dem Begleittext), als das  Radium in zahlreichen Gebrauchsgegenständen verwendet wurde, zum Beispiel von der Uhrenindustrie als Leuchtmittel für Uhrzeiger (bis in die 1950-er Jahre) oder von der pharmazeutischen Industrie für Salben gegen Sonnenbrand und als Schönheitsmittel. Besonders verbreitet war offenbar die Kosmetik-Marke „Tho-Radia“, deren Salben und Seifen „auf der Basis von Thorium und Radium“ (Eigenwerbung) hergestellt wurden, und zwar „nach den Rezepten des Dr. Alfred Curie“. Dieser Name war sicherlich ein höchst wirksames, gleichzeitig aber auch unverschämtes Marketing-Instrument:  Dieser Arzt hatte nämlich mit Marie und Pierre Curie nicht das Geringste zu tun, es gab also keinerlei verwandtschaftliche, geschweige denn professionelle Beziehungen. Das wurde in der Werbung natürlich verschwiegen.

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Zu dem Museum gehört auch der kleine Garten, den Marie Curie  selbst als  Ort der Erholung und des Austauschs hinter ihrem Institut eingerichtet hat. Der Garten wurde aus Anlass des 150. Geburtstages  im November 2017 als „Jardin Marie Curie“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu gehört auch ein Denkmal mit den Büsten von Marie und Pierre Curie.

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Gewohnt hat übrigens Marie Curie auf der Südseite der Île  Saint Louis (Quai de Béthune 36) im Blick auf das Pantheon. Später hat dort auch der (Mit-)Initiator und (Mit-)Autor der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 und Friedensnobelpreisträger René Cassin gewohnt, dessen sterbliche Überreste ebenfalls im Pantheon ruhen. Wie wunderbar das zusammenpasst!

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Des femmes au Panthéon!/Frauen ins Pantheon!

Dass es bei Marie Curie als einziger ihrer Verdienste wegen pantheonisierten Frau nicht bleiben kann, war allerdings schon 1995 klar. Und es bedurfte ja auch nicht erst der Frauenbewegung, um die einseitig männliche Ausrichtung des Pantheons zu kritisieren.  Karl Gutzkow, ein prominenter Vertreter der vorrevolutionären jungdeutschen Bewegung, veröffentlichte 1842 seine Briefe aus Paris. Darin bezieht er sich auch auf das Pantheon. Er schreibt:

 „Ich wollte … heute das Pantheon sehen, das die Franzosen der Unsterblichkeit gewidmet haben. Aux grandes hommes la patrie reconnaissante. Man muss bergaufsteigen, um in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen. … Auch aux grandes femmes hätte man es der Genoveva zu Liebe widmen sollen. Die heilige Dulderin würde Charlotte Corday mit ihrem Geisterkuss begrüßt haben.[10]

Gutzkow macht also  gleich einen Vorschlag, welche Frau er des Pantheons würdig erachtet, nämlich Charlotte Corday, die mit der Ermordung Marats der jacobinischen Schreckensherrschaft ein Ende zu machen versuchte, die aber unter der Guillotine endete.

Es dauerte allerdings noch sehr lange, bis eine breite und lautstarke Bewegung für eine Aufnahme von Frauen ins Pantheon entstand. Eine wichtige Stimme in diesem Sinne war die von Simone Veil, einer Frau des Widerstands und der ersten Präsidentin den Europarlaments. 1992 – damals war sie französische Ministerin- sagte sie in einer Rundfunksendung:

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Dass es keine Frau im Pantheon gibt, heißt zu leugnen, was Frauen in der Vergangenheit zum Vaterland beigetragen haben.

Die drei Jahre später erfolgte  und längst überfällige Pantheonisierung  einer Frau (aufgrund eigener Verdienste), nämlich von Marie Curie, durch Präsident Mitterand war dann gewissermaßen ein Meilenstein, weil sie  zeigte, dass tatsächlich zu den „grands hommes“ auch Frauen gehören könnten. Und es entwickelte sich nun auch eine Debatte, welche weiteren Frauen ins Pantheon aufgenommen werden sollten.

Es waren vor allem feministische Gruppen, die entsprechende Vorschläge unterbreiteten.  Unter der Überschrift Aux grandes femmes la patrie reconnaissante schlug zum Beispiel  das  Collectif femmes au Panthéon insgesamt 16 Frauen für eine Pantheonisierung vor.[11] Darunter waren die Schriftstellerinnen Simone de Beauvoir, Colette und George Sand, die Bildhauerin Camille Claudel, die Pilotin Hélène Boucher, die 1934 zur „schnellsten Frau der Welt“ wurde, und mehrere Widerstandskämpferinnen gegen den Faschismus, u.a.  die Ethnologin Germaine Tillon.  Bemerkenswert waren in dieser Liste auch –und vor allem-  drei Namen von Frauen, deren politisches Engagement besonders umstritten war und die dafür einen hohen Preis bezahlen mussten:

  • Louise Michel, die Heldin der Pariser Commune, die nach deren Niederschlagung nach Neu-Caledonien verbannt wurde.

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  • die Mulattin Solitude, eine Streiterin gegen die Sklaverei in Guadeloupe. Sie wurde 1802 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ihr Vergehen: Sie hatte sich gegen die von Napoleon verfügte Wiedereinführung der Sklaverei in den karibischen Kolonien Frankreichs zur Wehr gesetzt.[12]

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  • Olympe de Gouges, die es gewagt hatte, 1791 eine „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“, also eine Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin, zu verfassen und – auch deswegen- 1793, im Jahr des jacobinischen Terrors,  guillotiniert wurde.[13]

crqps6qumaa2_vw Olympe de Gouges

Die Frau hat das Recht,  das Schafott zu besteigen; sie muss ebenso das Recht erhalten,

auf die Rednertribüne steigen.

Ein entscheidender Schritt zu einer weiteren Öffnung des Pantheons erfolgte unter der Präsidentschaft François Hollandes. Hollande beauftragte nämlich 2013 das Centre des monuments nationaux (CMN), zu dessen Zuständigkeiten auch das Pantheon gehört, Vorschläge zur Pantheonisierung zu machen und  den Franzosen die Möglichkeit zu geben, sich an entsprechenden Überlegungen zu beteiligen.[14] Im Oktober 2013 legte der Präsident des CMN, Belaval,  dem Staatspräsidenten den angeforderten Bericht mit dem anspruchsvollen Titel „Pour faire entrer le peuple au Panthéon“ vor.

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Das Volk im Pantheon. Installation während der Bauarbeiten an der Kuppel

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Es sollte, wie der Titel anzeigt, darum gehen, das Pantheon zu einem Ort zu machen,  mit  dem „das Volk“ sich identifizieren kann, den es also –trotz aller Sterilität und Monumentalität des Baus- auch gerne betritt. Und natürlich sollten die anstehenden Pantheonisierungen solche Identifikationen ermöglichen und fördern. Allerdings verzichtete Bélaval darauf, eine „top-10-Liste“ oder dergleichen zu erstellen.  Aber er gab doch eine deutliche Richtung vor: Als nächstes sollten „Frauen des 20. Jahrhunderts“ ins Pantheon aufgenommen werden, die sich durch ihren Mut und ihr republikanisches Engagement ausgezeichnet hätten. Bélaval schlug also  ausdrücklich vor, dass Hollande aufgrund des starken Ungleichgewichts von Männern und Frauen während seiner Amtszeit nur Frauen pantheonisieren sollte. Und es sollte sich um Frauen des 20. Jahrhunderts handeln: Man brauche für das Pantheon Frauen, die sich vorbildlich verhalten hätten in schwierigen, nicht zu weit zurückliegenden Zeiten wie dem Krieg 1914-1918 und dem Zweiten Weltkrieg mit der Résistance und der Deportation der Juden. Und schließlich solle es sich nicht um Opfer handeln. Er fände es gut,  wenn es bei den Ausgewählten auch ein Leben nach diesen Prüfungen gegeben habe. Diese Frauen sollten daraus gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen herausgekommen sein, „um danach die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern.”[15]

Außerdem schlug Bélaval vor, im Innenraum des Pantheons ein gemeinschaftliches Monument für alle Heldinnen der Frauenemanzipation („un monument collectif à toutes les héroïnes de l’émancipation féminine„) zu errichten. Dort könne dann auch die  „Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne“ von Olympe de Gouges gewürdigt werden.

Es war nun interessant zu sehen, wie François Hollande sich gegenüber all diesen Forderungen und Vorschlägen positionieren würde. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für ihn sicherlich das Bestreben, dabei möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten, so wie es in einer Karikatur von Le Monde zum Ausdruck kam.

Karikatur Le Monde DSC02380

Le Monde 20.4.2013:  Diderot, Pierre Brossolette, Marc Bloch, Stephane Hessel, Olympe de Gouges….    Pfff, die Aufgabe ist knifflig…. Es geht darum, niemanden zu verärgern

Der Einzug von zwei Widerstandskämpferinnen ins Pantheon 2015

Hollandes Wahl fiel schließlich auf vier Persönlichkeiten des Widerstands, und zwar geschlechtsparitätisch auf zwei Männer,  Pierre Brossolette und Jean Zay, und zwei Frauen, Geneviève de Gaulle-Anthonioz und Germaine Tillon.

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Die Entscheidung für Widerstandskämpfer/innen zielte auf einen möglichst breiten Konsens, denn der Widerstand gegen die deutsche Besatzung ist ja gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner des französischen historischen Selbstverständnisses. Da konnte man einer breiten Zustimmung sicher sein, auch wenn es dann doch ein paar kritische Stimmen gab, die meinten, durch die Wahl von Brossolette würde das Licht von Jean Moulin in den Schatten gestellt, oder die unter Hinweis  auf ein pazifistisches und angeblich unpatriotisches Gedicht des jungen Jean Zay aus dem Jahr 1924 ihn für Pantheon-inkompatibel hielten.[16] Dass zwei Frauen dabei waren, entsprach zwar nicht dem weitergehenden Vorschlag des CMN- Präsidenten und den Forderungen der Frauenbewegung, aber immerhin erhöhte Hollande damit die Zahl der im Pantheon vertretenen Frauen um glatte 100%.

Am 27. Mai 2015 wurden die vier Auserwählten in einem Festakt ins Pantheon überführt. Hier der Sarg mit den sterblichen Überresten von Germaine Tillon.

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Für den eher umstrittenen und wenig populären Präsidenten[17] eine gute Gelegenheit, die Einheit der Nation zu beschwören und sich ein „Bad in der (handverlesenen) Menge“ zu gönnen.[18]  Ist doch eine Pantheonisierung, wie le Monde damals schrieb, „l’une des rares gloires que peut encore s’offrir un président de la République.“[19] 

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Ich war zunächst von der Entscheidung François Hollandes etwas enttäuscht. Dass der Präsident weder Olympe de Gouges noch Louise Michel und (natürlich) schon gar nicht Solitude berücksichtigt hatte, fand ich wenig mutig.  Nachdem ich mich aber etwas mit Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle Anthonioz beschäftigt habe, denke ich, dass es sich um eine gute Entscheidung gehandelt hat. Der CMN- Präsident Bélaval hatte ja in seiner Eingabe angeregt, es sollten Frauen ins Pantheon aufgenommen werden, die sich in schwierigen Zeiten wie der Résistance oder der Déportation bewährt hätten, danach aber, gestärkt in ihren republikanischen Überzeugungen, bestrebt gewesen seien, die Welt mit ihrer politischen, sozialen, erzieherischen und humanitären Arbeit zu verändern. Germaine Tillon und Geneviève de Gaulle- Anthonioz entsprechen, wie in der parallel zur Pantheonisierung gezeigten Ausstellung belegt wurde[20], dem genau und machen damit dem  Pantheon alle Ehre. Das soll im Folgenden etwas erläutert werden.

Germaine Tillon (1907-2008) und Geneviève de Gaulle Anthonioz (1920-2002)

Als junge Ethnologin beschäftigte sich Germaine Tillon vornehmlich mit Berberstämmen im Süden Algeriens: Sie lernte deren Sprache und erforschte ihre Sitten, ihre familiären und sozialen Beziehungen, ihre religiösen Vorstellungen. Der „Bezugspunkt“ Tillons in Frankreich war das Musée de l’Homme in Paris, das während der deutschen Besatzung zu einem Zentrum des Widerstands wurde. Germaine Tiillon schloss sich diesem Kreis von résistants an. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen des Widerstands und mit der Leitung von France libre in London herzustellen. 1942 wurde sie denunziert und 1943 ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Die Zustände im Konzentrationslager beobachtete Germaine Tillon mit den Augen einer Ethnologin: Konfrontiert mit der erbärmlichen Lage ihrer Mithäftlinge und der Unerbittlichkeit der Aufseherinnen, sammelte sie alle ihr zugänglichen Informationen, versuchte ihre Beobachtungen zu ordnen und  das Geschehen im Lager zu verstehen.[21]

Um ihre Informationen festzuhalten, wendete sie raffinierte Mittel an: Dass Häftlinge angesichts ihrer Entbehrungen sich in Traumwelten -beispielsweise der haute cuisine-  flüchten, werden wohl auch die Aufseherinnen verstanden und akzeptiert haben. Dass das Rezept Tillons für die Zubereitung von escrevisses basquaises allerdings ein Akrostichon aufweist, die Anfangsbuchstaben jeder Zeile also eine Botschaft vermitteln, nämlich den Namen des SS-Arztes Dr. Helinger, werden sie kaum durchschaut haben.  Tillon wird ihre  Erfahrungen und Beobachtungen später in einem Buch über Ravensbrück zusammenfassen.

Ganz außergewöhnlich und auf den ersten Blick vielleicht befremdlich ist, dass Germaine Tillon im KZ das Libretto einer Operette über das Lager schrieb: „Le Verfügbar aux Enfers“, (Der ‚Verfügbar‘ in der Unterwelt). Der Begriff „Verfügbar“ im Titel bezieht sich auf die Häftlingskategorie derjenigen Gefangenen, die von der SS keinem bestimmten Arbeitskommando zugeordnet waren und in den Augen der SS als frei disponibel, eben verfügbar,  galten. In dem Stück geht es um einen Wissenschaftler, der sich für die neue Spezies der „Verfügbaren“ interessiert und dem diese in Liedern, deren Melodien u.a. aus bekannten Operetten übernommen waren, ihre Situation schildern: Ein Versuch, etwas Abwechslung, ja Lachen in das Lagerdasein der Häftlinge zu bringen, aber auch wichtige Informationen zu vermitteln.  Tillon übte das Stück 1944/1945 mit ihren Mitgefangenen ein – eine Aufführung fand 2007 zum 100. Geburtstag von Tillon im Théâtre du Châtelet in Paris statt. [22]

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Choeur des jeunes.

On m’a d’abord pris mes bijoux,
Ma valise et mon sac en cuir roux,
Mes petites provisions,
mon bout de saucisson,
Ma chemise et mon pantalon…
Je croyais qu’on m’avait tout pris,
Et j’espérais que c’était fini…
Comme un bébé naissant j’étais nue
Et c’est alors qu’ils m’ont tondue!

Choeur des vieux.

On t’a pris tes cheveux,
Pour serrer des moyeux,
Mais ça ne suffit pas!
Tu travailleras,
Tu ne mangeras pas…
Quand tu succomberas,
On t’achèvera,
On te brûlera,
Et ta graisse encore servira…

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz war ein Jahr lang, vom Februar 1944 bis Februar 1945,  Häftling  im Konzentrationslager Ravensbrück. Aus Empörung über das Waffenstillstandsgesuch des Marschalls Pétain und ermutigt von dem Appell ihres Onkels, des Generals und späteren Staatspräsidenten de Gaulle, zur Fortführung des Kampfes schloss sie sich schon im Juni 1940 dem Widerstand an.  Zunächst waren es nur isolierte Widerstandshandlungen in Rennes, wo sie studierte, wie beispielsweise das Abreißen von Propagandaplakaten der Vichy-Regierung, die sie durch das lothringische Kreuz, das Zeichen des gaullistischen Widerstands, ersetzte.  Die Arbeit im Widerstand intensivierte sie seit ihrer Übersiedlung nach Paris im Herbst 1941. Am 14. Juli 1943 verteilte sie auf offener Straße das Widerstandsblatt Défense de la France, dessen Redaktionssekretärin sie war und in dem sie auch, als einzige Frau, Artikel veröffentlicht hatte. Von einem in die Zeitung eingeschleusten Agenten Vichys verraten, wurde sie wenige Tage später von französischen Milizionären verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. In Ravensbrück lernte sie Germaine Tillon kennen und schloss Freundschaft mit ihr. Die letzten Monate in Ravensbrück verbrachte sie, die auch „le petit de Gaulle“ genannt wurde, auf Befehl Himmlers in Einzelhaft, um sie  ggf. als „Zahlungsmittel“ für einen Gefangenenaustausch verwenden zu können.

Die Kontinuität des Widerstands von Tillon und de  Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg

Nach der Befreiung sah es  Germaine Tillon als ihre erste Aufgabe an, die in Ravensbrrück begonnene analytische Arbeit fortzusetzen und Grundlagen für eine Geschichte des Widerstands und des KZ-Systems zu schaffen. Zusammen mit de Gaulle-Anthonioz wurde sie beauftragt, als Beobachterin und Zeugin an einem Prozess gegen Mitglieder des KZ-Personals von Ravensbrück teilzunehmen. Als dort eine Aufseherin fälschlich beschuldigt wurde, entschieden sich die beiden –trotz allem, was  sie im KZ erlitten hatten-  für die Wahrheit: Bei ihr müsse man auch dann bleiben,  wenn es etwas koste. So protestierte Tillon auch –anders als viele Stalin-treue ehemalige Widerstandskämpfer- gegen die Weiterverwendung nationalsozialistischer Konzentrationslager durch die Sowjets und gegen das Gulag-System.[23]

Eine entscheidende neue Wende erfuhr ihr Leben durch die „Ereignisse in Algerien“, wie der Algerien-Krieg in der offiziellen französischen Sprachregelung genannt wurde. Dort hatte sie ja  als junge Ethnologin gearbeitet und so verfolgte sie die Zuspitzung des Konflikts zwischen den algerischen Aktivisten und Kämpfern  der Unabhängigkeitsbewegung und der französischen Verwaltung, Polizei und Armee mit großer Aufmerksamkeit. 1957, auf dem Höhepunkt der „Schlacht um Algier“ reiste sie nach Algerien. Sie verurteilte die Angriffe der Unabhängigkeitskämpfer auf Zivilisten, gleichzeitig aber auch die von der Armee völlig außerhalb jeden gesetzlichen Rahmens angewandten Foltermethoden und willkürlichen summarischen Erschießungen.  Dabei wurde sie an  ihre  eigenen Erfahrungen im Widerstand  erinnert:

Aus einer Tafel  der Pantheon-Ausstellung:

„Sie hat die Taschen voll von kleinen Zetteln mit  Hilferufen von Gefangenen. Sie schreibt Brief auf Brief an diejenigen, die die Macht haben, gegen die Hinrichtung von Unschuldigen vorzugehen. Erschrocken denkt sie: ‚Man tötet sie, wie die Nazis meine Kameraden getötet haben.‘ Jedes Mal wenn ein algerischer Widerstandskämpfer hingerichtet wird,  kommt wieder das Leid in ihr hoch, das sie verspürte, wenn einer ihrer Freunde auf dem Mont Valérien erschossen  wurde.“[24]

Heimlich und verkleidet trifft sie sich mit dem in der Kasbah untergetauchten für Algier zuständigen Chef des Widerstands, Yacef Saâdi. Sie kann ihn davon überzeugen, Angriffe auf Zivilpersonen zu unterlassen. Im Gegenzug verspricht Germaine Tillon, im Bewusstsein ihrer Aura als Widerstandskämpferin und ihrer engen Kontakte zur französischen Administration, auf ein Ende der Exekutionen durch die Armee hinzuwirken. Während  Saâdi Wort hält und die Angriffe auf französische Zivilisten aufhören, wird von der Armee weiter guillotiniert. Saâdi  wird verhaftet und in drei Prozessen, in denen Germaine Tillon für ihn aussagt, mehrfach zum Tode verurteilt. Als kurz danach de Gaulle an die Regierung kommt und dem Algerienkrieg ein Ende macht, wird Saâdi wie alle anderen zum Tode verurteilten Algerier begnadigt. Und bei der Beerdigung von Germaine Tillon und ihrer Pantheonisierung erweist Yacef Saâdi, der algerische Widerstandskämpfer, Germaine Tillon, der französischen Kämpferin gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die letzte Ehre. Was für eine Geschichte! Quelle histoire![25]

Auch im Leben der  Geneviève de Gaulle-Anthonioz gibt es nach Widerstand und Gefangenschaft ein neues Engagement. Wendepunkt ist bei ihr 1958 die Begegnung mit dem Priester Joseph Wresinski. Dieser hatte 1957 für und mit Familien, die in dem Barackenlager Noisy-le-Grand in der Pariser banlieue lebten, die Bewegung ATD Quart Monde gegründet. Das Lager aus Wellblech-Iglus war 1954 von Abbé Pierre eingerichtet worden, um Obdachlosen wenigstens ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Über ihren ersten Besuch in dem Lager schreibt  Geneviève de Gaulle Anthonioz:

„Kein Zweifel. Was ich auf den Gesichtern dieser Männer und Frauen las, entsprach dem, was ich vor langer Zeit auf den Gesichtern meiner deportierten Kameraden im Lager von Ravensbrück gelesen hatte: Die Erniedrigung und die Verzweiflung eines menschlichen Wesens, das um die Erhaltung seiner Würde kämpft. (…) Ich war erschüttert von dem, was ich entdeckte, weil ich es selbst erlitten hatte. (…) Ich wusste was Erniedrigung heißt … Ich wusste was es heißt, keine Hoffnung mehr zu haben. In den Lagern war es ähnlich.[26]

Und weiter:

„Ich hatte nicht gewusst, dass es eine solche Marginalisierung eines Teils der Bevölkerung gab. (…) Diese Marginalisierung und die Zurückweisung, die die Familien erlitten, erschienen mir sehr ungerecht. Das war genau das Gegenteil dessen, wofür ich in der Résistance und während der Deportation gekämpft hatte. Wir hatten für die Würde jedes einzelnen Menschen gekämpft, damit sein Wert und seine Rechte anerkannt würden. Ich entdeckte nun eine Welt im Abseits, die nichts mit meinem täglichen Leben zu tun hatte.[27]

Geneviève de Gaulle- Anthonioz zog daraus die Konsequenz, sich in ATD Vierte Welt zu engagieren.  Von 1964 bis 2001 war sie Präsidentin dieser Organisation.

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Hier sieht man sie bei einer Rede 17. Oktober 1989 auf dem Trodadéro-Platz gegenüber dem Eiffel-Turm.  Dort waren zwei Jahre vorher über 100 000 Menschen einem Aufruf von Joseph Wresinski gefolgt, um für die Einhaltung der Menschenrechte auch gegenüber den Ärmsten der Gesellschaft einzutreten. Der Ort war bewusst gewählt worden, weil im Palais de Chaillot, zwischen dessen Flügeln er liegt,  die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948  die Allgemeine Erklärung  der Menschenrechte verabschiedet hatte.  1985 hatte der Platz auf Initiative François Mitterands  den Namen parvis des droits de l’homme  erhalten. Seit 1987 ist dort das Emblem von ATD Quart Monde eingraviert und an  jedem 17. Oktober wird dort der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut begangen.

DSC01874 Trocadéro 10. Dez 2017 (29)

Dazu der Aufruf Wresinskis:

« Là où des hommes sont condamnés à vivre dans la misère, les droits de l’homme sont violés. S’unir pour les faire respecter est un devoir sacré ».[28]

Tillon wie de Gaulle-Anthonioz engagieren sich also nach dem Krieg erneut, leisten weiter Widerstand, weil sie erschrocken und entsetzt Parallelen zwischen erlebter Vegangenheit und neu entdeckter Gegenwart erkennen:   Bei Tillon war es der Algerien-Krieg und das Erschrecken über Untaten der französischen Armee,  bei de Gaulle-Anthonioz die Entdeckung der Vierten Welt im eigenen Land.[29] Eine beeindruckende Kontinuität des Widerstands im Leben dieser des Pantheons würdigen Frauen!

Aus Anlass der Pantheonisierung von de Gaulle-Anthoniaz und Tillon wurden die Rollgitter der Buchhandlung in der rue de Taillandier in Belleville mit den Portraits der beiden Frauen geschmückt.

Ausblick 2018 

Am 1. Juli 2018 wird eine weitere Frau ins Pantheon aufgenommen werden, und zwar Simone Veil. Sie war Auschwitz-Überlebende, als zweite Frau Ministerin in einem französischen Kabinett und als erste Frau Präsidentin des Europäischen Parlaments.  Simone Veil starb am 30. Juni 2017 in Paris. Zu ihrer Ehre wurde in den Invalides ein Staatsakt veranstaltet, bei dem Staatspräsident Emmanuel Macron ihren Einzug und den ihres Mannes, Antoine Veil, ins Pantheon ankündigte.  Termin der feierlichen Pantheonisierung ist der 1. Juli 2018.[30]

Macron wird sich wohl kaum mit dieser Pantheonisierung begnügen, und dabei  wird er sicherlich auch auf die  „Frauenquote“ bedacht sein. Man darf also gespannt sein.

Ausblick 2021: 

Die nächste von Präsident Macron vorgenommene Pantheonisierung betraf allerdings keine Frau, sondern Maurice Genevoix, Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs und Autor des Romans „Ceux de 14“, in dem er das Schicksal der Kriegsgeneration beschrieb, die nach dem Willen Macrons gewissermaßen kollektiv ebenfalls am 11.11.2020  ins Pantheon aufgenommen wurde. Mehr dazu in dem Blog-Beitrag:

https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Am 30.11.2021 wird es dann aber wieder ein Frau sein, die ins Pantheon aufgenommen wird: Josephine Baker, die erste schwarze Frau im Pantheon. Baker erfüllt in besonderem Maße alle Anforderungen, die gemeinhin an eine Pantheonisierung gestellt werden,  und ihre Auswahl ist auch als eine politische Botschaft des französischen Präsidenten zu verstehen wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen.

Dazu ist für Dezember 2021 oder Januar 2022 ein weiterer Bog-Beitrag geplant.

Weitere Beiträge zum Pantheon: 

Die Aufnahme von Maurice Genevoix und der (französischen) Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs ins Pantheon:   https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Zwei besondere Jahrestage: Der 8.und 9. Mai 2020 und das auf 2021 verschobene Pantheon-Projekt   https://paris-blog.org/2020/05/01/zwei-besondere-jahrestage-der-8-und-9-mai-2020-und-das-pantheon-projekt-vom-18-und-19-september/

Zum Weiterlesen :

Geneviève de Gaulle Anthonioz, La Traversée de la Nuit. Paris: Seuil 1998

Germaine Tillon, Ravensbrück. Paris: Seuil 1988

Germaine Tillon, La Traversée du Mal. Paris 2000

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz, une résistante au Panthéon.  Paris: Plon 2015

Armelle Mabon (ed), L’engagement à travers la vie de Germaine Tillon. 2013

Germaine Tillon, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Play Film  (DVD mit Gesprächen zwischen beiden Frauen aus dem Jahr 2000)  http://www.film-documentaire.fr/4DACTION/w_fiche_film/10507_1

Jeanne-Marie Martin, Portraits de Résistants. 10 vies de courage. Paris 2015

Claire Lemonnier, Elles, ces Parisiennes. Promenades à la rencontre des femmes d’exeption. Paris: Parigramme

Anmerkungen:

[1] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_personnes_inhum%C3%A9es_au_Panth%C3%A9on_de_Paris

[2] Entsprechend war es ja auch mit den Menschenrechten, den „droits de l’homme“, die zunächst ja eher Männerrechte waren. Immerhin hat es –beispielsweise- bis nach dem 2. Weltkrieg gedauert, bis Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhielten.

[3] http://musees.angers.fr/collections/uvres-choisies/galerie-david-d-angers/david-d-angers-fronton-du-pantheon-detail/index.html

[4] Jacqueline Lalouette,   Amour et chimie au Panthéon. In: mensuel 326, Dezember 2007

http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[5] siehe Anmerkung 1. Zugriff 20. Januar 2018

[6] zit. in: http://www.lhistoire.fr/amour-et-chimie-au-panth%C3%A9on

[7]  In der offiziellen Ankündigung der nachfolgend kurz  angesprochenen Ausstellung zu Marie Curie im Pantheon heißt es richtig:  „Marie Curie devient la première femme à entrer au Panthéon pour ses propres mérites.http://www.paris-pantheon.fr/Actualites/Marie-Curie-une-femme-au-Pantheon

[8] http://www.lhistoire.fr/exposition/marie-curie-la-passionn%C3%A9e

[9] http://musee.curie.fr/

[10] Karl Gutzkow, Im Pantheon. Aus: Briefe aus Paris, Leipzig 1842. Zit. In: Karsten Witte (Hrsg.): Paris. Deutsche Republikaner reisen. FFM 1980, S.138f.  Das Pantheon war ursprünglich eine nach  der heiligen  Geneviève (Genofeva) benannte Kirche.

[11] https://collectiffemmespantheon.wordpress.com/galerie-de-femmes-a-pantheoniser/

[12] Siehe dazu den Blog-Bericht: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (1. November 2017)

https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9077

[13] Bild aus:  https://sanscompromisfeministeprogressiste.wordpress.com/2016/11/04/le-3-novembre-1793-olympe-de-gouges-1748-1793-etait-guillotinee/

[14]le chef d’état m’a demandé d’associer les Françaises et les Français à la réflexion qui pourrait conduire à de nouveaux hommages.“

[15] „Il faut des femmes qui ont eu un comportement exemplaire dans des périodes d’épreuves encore proches comme la Guerre de 1914-1918, la Deuxième guerre mondiale avec la Résistance et la déportation„. „J’aime l’idée qu’il y a eu une vie après cette épreuve. Ces femmes ont été renforcées par l’épreuve dans leurs convictions républicaines pour transformer le monde via l’action politique, sociale, éducative, humanitaire

http://www.huffingtonpost.fr/2013/10/10/pantheon-femmes-xx-siecle-rapport-hollande_n_4076249.html

(10/10/2013 | Actualisé 05/10/2016- Zugriff Februar 2018)

[16]  http://www.telerama.fr/television/pierre-brosselette-un-resistant-au-pantheon-et-sur-les-ecrans,126765.php In dem Artikel ist von einer absurden „concurrence mémorielle“ zwischen Jean Moulin und Jean Zay die Rede.

http://www.bfmtv.com/politique/l-entree-de-jean-zay-au-pantheon-fait-grincer-des-dents-a-droite-889261.html

[17] Siehe Blog-Beitrag: François Hollande, Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dezember 2016):    https://paris-blog.org/2016/12/06/francois-hollande-abgesang-auf-einen-allzu-normalen-praesidenten/

[18] Über eine Pariser Freundin erhielt ich auch eine Einladung und damit die Erlaubnis, als Zaungast an der Zeremonie teilzunehmen.

[19] Le Monde, 20.4.2013

[20] http://www.quatreviesenresistance.fr/

[21] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014. http://www.lemonde.fr/idees/article/2014/02/21/les-valeurs-de-la-resistance_4371071_3232.html?xtmc=pantheon&xtcr=2

[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Verf%C3%BCgbar_aux_Enfers

http://www.resistances-morbihan.fr/temoignage-de-germaine-tillion-sur-ravensbruck/

und Tzvetan Todorov a.a.O.

[23] Tzvetan Todorov, Les valeurs de la Résistance. In: Le Monde 21.2.2014.

[24]  Der Mont  Valérien im Westen von Paris war eine Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzungsmacht im  Zweiten Weltkrieg. Über 1000 Menschen wurden dort zwischen 1941 und 1944 erschossen.

[25] https://www.franceculture.fr/histoire/germaine-tillion-mediatrice-de-la-guerre-dalgerie Dort wird auch aus einem offenen Brief von Germaine Tillon an Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1964 zitiert:

« Il se trouve » que j’ai connu le peuple algérien et que je l’aime ; « il se trouve » que ses souffrances, je les ai vues, avec mes propres yeux, et « il se trouve » qu’elles correspondaient en moi à des blessures ; « il se trouve », enfin, que mon attachement à notre pays a été, lui aussi, renforcé par des années de passion. C’est parce que toutes ces cordes tiraient en même temps, et qu’aucune n’a cassé, que je n’ai ni rompu avec la justice pour l’amour de la France, ni rompu avec la France pour l’amour de la justice.“

[26] Zit. in: Caroline Glorion, Geneviève de Gaulle Anthonioz. Paris: Plon 2015, S. 78 und 80 (Übersetzung von W.J.)

[27] Zit. in: Caroline Glorion, S. 79

[28] http://www.atd-quartmonde.org/pere-joseph-wresinski-1917-1988/

[29]  Tillon engagierte sich übrigens auch in diesem Bereich: Zum Beispiel unterstützte sie die  sans-papiers, die sich 1986 in der Kirche Saint-Bernard in Belleville versammelt hatten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und die von der Polizei gewaltsam vertrieben wurden. (Siehe Blog-Bericht über das Goutte d’Or)

In dem Buch von Martin (siehe Lit.Angabe) wird übrigens das Engagement von de Gaulle-Anthonioz nach dem Krieg kurz angesprochen, das von Tillon überhaupt nicht. Über die Gründe kann man nur spekulieren.

[30]  http://www.lemonde.fr/mort-de-simone-veil/article/2018/02/19/simone-veil-entrera-au-pantheon-le-1er-juillet_5259379_5153643.html#2ZUhrlg4ex4puiy0.99

Dieser Beitrag wurde auch veröffentlicht im „KNOTEN“, dem Organ des RÊVE. Réunir l’Europe/Europa Verbinden e.V. Heft 2018/2019 , S. 39 f

Geplante Beiträge:

  • Die Seineufer in Paris: Der schwere Abschied vom (Alp-)traum einer autogerechten Stadt
  • Street-Art in Paris (2):  Mosko, Jef Aérosol und Jerôme Mesnager
  • 50 Jahre Mai 1968: Plakate der Revolte. Eine Ausstellung in der École  des Beaux- Arts in Paris
  • Street-Art in Paris (3):  Der Invader
  • Auf dem Weg nach Paris: Die Mühle von Valmy, ein Fanal der Französischen Revolution
  • Street-Art in Paris (4): M Chat, Miss Tic und Fred le Chevalier