Andrea Reidt, Paula in Paris. Paula Modersohn-Becker in der Welthauptstadt der Kunst

2026 wurde und wird der 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker gebührend gewürdigt, einer „mutigen Avantgarde-Künstlerin, die gegen alle Widerstände ihren Weg geht und heute zu den gefeierten Ikonen der Moderne gehört.“ Eine solche Würdigung ist auch Andrea Reidts Buch über die vier Aufenthalte der Malerin in Paris, der damaligen „Welthauptstadt der Kunst.“ .[1]

Nachfolgend werden einige Passagen des Buchs über den vierten Aufenthalt Paula Modersohn-Beckers in Paris wiedergegeben, von ihr selbst als „die intensiv glücklichste Zeit meines Lebens“ bezeichnet. Die Aufenthalte in Paris waren entscheidende Etappen auf diesem Weg.

Paula Modersohn-Becker hat ihre Pariser Eindrücke vor allem in zahlreichen Skizzen festgehalten. Einige davon sind in die nachfolgenden Auszüge aus dem Buch eingestreut.[2] Dazu kommen Abbildungen von Bildern, die Andrea Reidt in ihrem Buch angesprochen hat. Wolf Jöckel


Die Vollendung: Paris IV Februar 1906 bis März 1907

Am 22. Februar 1906 begeht Otto Modersohn mit Paula und Elsbeth in Worpswede seinen 41. Geburtstag. Herma Becker schreibt ihrer Mutter an diesem Tag, der Schwager sei sicher froh, seine Frau bei sich zu haben »und daß sie nicht wie letztes Jahr in Paris rumhuppt«. Paula scheine »im dreißigsten Jahr« solche Pläne jetzt aufgegeben zu haben. Da irrt Herma gewaltig. Noch in der Nacht nach dem Geburtstag verlässt Paula Mann, Stieftochter und Worpswede und fährt mit der Postkalesche nach Bremen, mit Ziel Paris. „Nun habe ich Otto Modersohn verlassen und stehe zwischen meinem alten Leben und meinem neuen Leben.“ Die Abreise hat den Charakter einer taktisch klug geplanten Flucht – Otto hat keine Ahnung, Mutter und Bruder befinden sich außer Reichweite auf einer Italienreise und können nicht intervenieren. (S.107)

Passanten und Hunde auf dem Pont des Arts. Im Hintergrund der Pont Neuf [3]

Notre – Dame

Der Pont au Double. Im Hintergrund Notre-Dame

Das Jahr 1906 stellt eine bedeutende Schaffensperiode für ihr Werk dar. Diesen Aufenthalt hat sie im Bewusstsein und Vorhaben möglicher Selbstständigkeit ohne finanziellen Schutzschirm durch Ehe und Familie angetreten (was nicht funktioniert, denn es mangelt an äußeren Erfolgen). Sie steht enorm unter Druck und malt daher wie im Fieber Tag und Nacht. Sie spart sich so viel wie möglich vom Munde ab, geht seltener aus als früher – hin und wieder ein Konzertbesuch mit Schwester Herma, das ist alles. Schließlich gibt sie (auf Anraten ihres neuen Fans, des Bildhauers Bernhard Hoetger, und aus Geldmangel) sogar die bis dahin geradezu heiligen Weiterbildungskurse auf. Es gefällt ihr jedoch ungemein und erfüllt sie mit tiefer Befriedigung, zwischen ihren Bildern zu schlafen und morgens zwischen ihnen zu erwachen, wie sie Martha Vogeler am 21. Mai 1906 mitteilt. „Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen“. (S.109)

Paula Modersohn-Becker – Drei Männer am Seinekai, gegenüber das Institut de France [4]

Obst- und Gemüsehändlerin mit ihrem Stand. Im Hintergrund der Eiffelturm

Das Pariser Straßenleben, das sie schon bei früheren Aufenthalten während langer Spaziergänge auf sich wirken ließ und in Briefen und Tagebuchnotizen kommentierte, schlägt sich in ihrem zeichnerischen Werk erst während dieser vierten Station nieder – vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie sich nun ernsthaft in dieser Stadt niederlassen wollte. Sie skizziert spielende Kinder, Kutschen und Marktbetrieb. Jetzt entstehen ihre wichtigsten Porträts von Schwester Herma, dem Soziologen Werner Sombart, Rainer Maria Rilke und Lee Hoetger sowie Kinderbilder, ebenso farbenprächtige Stillleben.

Portrait Werner Sombart,1906 (Kunsthalle Bremen) [5]

Paula Modersohn-Becker, Stillleben mit Tomaten, Apfelsine und Zitrone, 1906 [6]

Portrait der Schwester Herma (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris) Foto: Wolf Jöckel


Vor allem ihre Selbstbildnisse nehmen als erste weibliche Selbst-Akte, die in ihrer Zeit deutlich Konventionen verletzten, einen bedeutenden Platz in der Kunstgeschichte ein.
Spätestens ab 1906 spielte die Künstlerin, wenn auch fast unerkannt, eine Rolle auf der Profibühne der modernen Kunst; in dieser Zeit vollendete sie eine eigene Bildsprache. Während dieses längsten Paris-Aufenthaltes schuf sie 80 Gemälde, avantgardistische Werke, »die noch nie einer sehen und malen konnte«, wie Rilke bereits in der Weihnachtszeit in Worpswede staunend bemerkt hatte. Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede bewertet diese Zeit als »Wende ins Bedeutsame«, die sich mit den Eigenporträts und vor allem mit dem »Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag« offenbart. Über die Symbolik des beinahe lebensgroßen Dreiviertelaktes der Künstlerin als Schwangere, den sie noch dazu mit P. B. signierte –ohne das eheliche Kürzel M. –, wurde viel spekuliert, schließlich war sie zu diesem Zeitpunkt nicht schwanger. Wunschdenken, Enttäuschung, Sublimierung – also schwanger mit der Kunst statt mit einem Kind? Tatsache ist, dass dieses Selbstporträt eine Zäsur markiert, die Verletzung eines Tabus in der prüden wilhelminischen Entstehungszeit. Lange verschwand das Bild in der Versenkung, gelangte erst Jahrzehnte nach Paulas Tod an die Öffentlichkeit und wurde selbst dann noch von Kritikern geschmäht. (S.109/110) [7]

Rainer Maria Rilke, seit den Weihnachtstagen in Worpswede wieder ein wichtiger Freund für Paula, mit dem sie manchen Abend verbringt, den Louvre besucht oder auf der Terrasse des Restaurants Jouven am Boulevard du Montparnasse etwas trinkt, berichtet Clara: »Sie ist mutig und jung und, wie mir scheint, auf gutem aufsteigendem Wege, allein wie sie ist und ohne alle Hilfe.« Am 21. April begleitet Paula Rilke zur Enthüllung des Rodin’schen »Denkers« vor dem Panthéon, an dem auch der Bildhauer Aristide Maillol, ein Gegenspieler Rodins, dessen Werk Paula bewundert, teilnimmt. Am 10. Mai, nach einem Zerwürfnis mit Rodin, packt Rilke in Meudon seine Sachen in Kisten und zieht in die Cité zurück; er schlägt seine Zelte in Paulas Übergangsquartier Rue Cassette 29 auf. Im selben Monat sitzt er Paula Modell. Das Porträt wird die bedeutendste Darstellung des Dichters werden, obwohl die Meinungen darüber auseinandergehen, ob man es als vollendet betrachten soll: Denn Rilke bricht die Sitzungen am 2. Juni nach dem unerwarteten Erscheinen Otto Modersohns in Paris abrupt ab und lässt sich später für weitere Sitzungen brieflich entschuldigen.

Portrait Rainer Maria Rilke (1906) [8]

Nach dieser Episode gab es keine Gelegenheit mehr für ein Wiedersehen zwischen Rilke und Modersohn-Becker, ihr früher Tod im November 1907 verhinderte das. (S.113/115)

Frau auf Hocker, vor einer vergitterten Ladenfront

An einem Flussufer lagernde Menschen

Einen äußerst nützlichen und emotional berührenden neuen Kontakt, zugleich eine tiefe Freundschaft, knüpft sie mit dem deutschen Bildhauer Bernhard Hoetger. Da seine in Bremen ausgestellten Skulpturen sie beeindruckt haben, darunter vor allem der »Große Elberfelder Torso«, begibt sie sich zu ihm und seiner frisch angetrauten Frau, der Pianistin Helene, genannt Lee, in die Atelierwohnung Rue du Vaugirard. (S.108)

Drei Männer auf der „Impériale“ (d.h. dem Oberdeck eines von Pferden gezogenen Omnibus. W.J.)

Sowohl menschlich als auch künstlerisch springt sofort ein Funke gegenseitigen Verständnisses über. Paula zieht wichtige Impulse aus der bildhauerischen Kunst für ihre eigene Arbeit, empfindet tiefe Bewunderung für Rodin und entdeckt in Hoetgers Werk Parallelen zu ihrer eigenen Entwicklung. Auch ihn beschwingt die Bekanntschaft mit dem Werk der Kollegin. Sein Gegenbesuch bei ihr am 4. Mai ist von großer Tragweite sowohl für die Malerin selbst als auch für ihren Nachruhm. »Dort erlebte ich still und ergriffen ein Wunder. Sie hing an meinen Lippen. Ich konnte ihr nur sagen: Es sind alles große Werke, bleiben Sie sich selbst treu, geben Sie den Besuch der Schule auf«, so erinnert sich Hoetger später. Paula jubelt brieflich: „Sie haben mir Wunderbares gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. (…) Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit. (…) Ich war ein bißchen einsam.“ (S. 116/117)

Pariser Straße mit Kapuzenkind

Männer, Frauen und Kinder zwischen Bäumen

Reiterspielende Kinder zwischen Bäumen

Im Herbst begleitet Paula Bernhard Hoetger in das Musée de l’Homme, wo afrikanische Masken gezeigt wurden, die sie vielleicht zu dem intensiv maskenhaften »Selbstbildnis nach halbrechts« inspirierten. Auch das Atelier von Henri Rousseau am Montparnasse besuchen sie gemeinsam. Rousseau ist ein unangepasster Künstler, der dem Postimpressionismus, der Naiven Malerei und dem Magischen Realismus zugerechnet wird, von den Dichtern André Breton und Guillaume Apollinaire als Wegbereiter des Surrealismus gefeiert. Paulas drittes Porträt von Lee Hoetger, das beinahe einen Meter große Halbfigurenbild »Lee Hoetger vor Blumengrund«, verweist auf den Einfluss von Henri Rousseau. Später erwirbt Hoetger mehrere Werke von Rousseau. Die überschwänglich formulierte tiefe Freude und ihr angedeutetes Eingeständnis von Einsamkeit in Paulas Reaktion auf die Anerkennung durch Bernhard Hoetger könnte – neben den oben genannten Gründen – auch psychologische Rückschlüsse auf eine anerzogene weibliche Zurückhaltung bei der Selbstvermarktung zulassen, eine Schüchternheit, die sie trotz ihres hohen künstlerischen Selbstbewusstseins wahrscheinlich verspürt und die sich durch ihre Bremer Erfahrung der rabiaten Fitger-Kritik 1899 vertieft hat. Bei ihrer ersten Begegnung mit Hoetger verschweigt sie zunächst, selbst Künstlerin zu sein, und imitiert quasi Rilkes einstiges Empfehlungsschreiben für »Modersohns Frau« an Auguste Rodin. Man darf nicht vergessen, dass Frauen um die Jahrhundertwende 1900 Männern rechtlich nicht gleichgestellt waren, kein politisches Wahlrecht hatten und als Ehefrauen sehr selten einer Berufstätigkeit nachgehen konnten. Lehrerinnen wurden bei Heirat entlassen, Ehefrauen durften ihr eigenes Vermögen nicht selbst verwalten, ihre häuslichen Aufgaben waren gesetzlich verankert. Zwar bot die Metropole Paris vermögenden Frauen ein freieres Leben und einen größeren Bewegungsradius, jedoch gelang es nur wenigen, das zu realisieren. Kein Wunder also, wenn das gesellschaftliche Selbstbewusstsein einer jungen, nicht vermögenden Frau, die noch dazu von ihrer Familie als »egoistisch« angesehen wird und bislang überwiegend Ablehnung erfahren hat, schwach ausgeprägt ist.

Fressender Karrengaul nach rechts, vor einer Laterne

Der Pont Neuf, seineaufwärts, im Hintergrund das Gebäude der Münze (La Monnaie)

Gegen Ende des Jahres 1906 scheint Paula immerhin zu überlegen, im Frühjahr 1907 selbstinitiativ an einer Ausstellung in dem juryfrei zugänglichen »Salon des Indépendants« teilzunehmen, an der sich auch andere internationale Künstlerinnen mit eigenen Exponaten beteiligen. Vermutlich will sie das Bild »Lee Hoetger vor Blumengrund« dort präsentieren. [9]

Dazu wird es nicht kommen, denn im März 1907 ist sie schwanger und kehrt mit Otto Modersohn nach Worpswede zurück. (S.120-122)

Selbstbildnis mit Hand am Kinn. 1905 (Kunsthalle Bremen)

Anmerkungen

[1] Paula Modersohn-Becker Ausstellungen 2026 – Paula 150 https://www.artinfo24.com/kunst/news-1847.html

Zitat: Verlagstext zu Andrea Reidt, Paula in Paris ISBN: 978-3-86915-328-5 Preis 20,00 Euro

[2] Alle Fotos von Zeichnungen aus der Ausstellung Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900- Von Cézanne bis Picasso. Ausstellung in der Kunsthalle Bremen vom 13. Oktober 2007 bis 24. Februar 2008. Siehe dazu: Anne Röver-Kann, „Oft wenn ich oben auf dem Omnibus saß, hat mir das Herz gelacht über diese schöne Stadt“. Pariser Stadtlandschaften- gezeichnet. In: Katalog der og. Ausstellung. Hirmer Verlag München 2007, S. 86ff

Titelfoto: Paula Modersohn-Becker, bridges in Paris (1905). aus: https://www.artchive.com/artwork/bridges-in-paris-paula-modersohn-becker-1905/#

[3] https://www.artchive.com/artwork Die Titel der Zeichnungen sind von Paula Modersohn-Becker

[4] https://www.lempertz.com/en/catalogues/lot/943-1/154-paula-modersohn-becker.html

[5] https://bremen.museum-digital.de/data/bremen/resources/images/202505/500w_681cdfa70ba5b.jpg

[6] Neue Dauerleihgabe: Stillleben von Paula Modersohn-Becker » Museen Böttcherstraße

[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Self-Portrait_at_6th_Wedding_Anniversary

[8] https://www.wikiwand.com/en/Rainer_Maria_Rilke

[9] Nachfolgendes Bild aus: https://paulamodersohnbeckerstiftung.de/Bildarchiv_data/WV_685.html

Siehe auch den nachfolgenden Beitrag von Andrea Reidt auf diesem Blog:

Le Souffle, die monumentale und filigrane Fächerkoralle von Saint-Eustache

Seit 9, Juli ist in der Kirche Saint-Eustache für 3 Monate eine monumentale Fächerkoralle installiert: 7 Meter hoch, 6 Meter breit und 450 kg schwer, scheint sie doch leicht und luftig im mächtigen Mittelschiff der Kirche zu schweben. Lydie Arickx hat ihrem Werk den Namen „Le souffle“ gegeben: Hauch, Luftzug, Atem.

Es ist ein aus Aluminium gefertigtes Kunstwerk in Form einer Fächerkoralle (Gorgonie), ein wunderbares, steile Riffkanten bewohnendes und höchst verletzliches Lebewesen. Taucher nähern sich ihnen nur höchst vorsichtig, denn ein unbedachter Flossenschlag kann die filigrane Struktur leicht verletzen oder gar zerstören.

Diese Verletzlichkeit hat Lydie Arickx auch in ihrer Installation veranschaulicht.

Die Form von Le souffle ist die eines Baumes mit seinen sich verzweigenden Ästen. Aber man denkt auch, zumal angesichts der roten Farbe, an eine Lunge oder ein Herz: Symbole des Lebens und -wir sind in einer Kirche- der Schöpfung, ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit. Und für die Gefährdung dieser Schöpfung sind gerade die unter dem Klimawandel und dem Temperaturanstieg der Weltmeere massiv leidenden Korallen ein trauriger Gradmesser.

In der „Wurzel“ des Korallenfächers/des Lebensbaums erkennt man ineinander verschlungene menschliche Körper. Die symbolische Bedeutung dieser anthropomorphen Gestaltung ist unverkennbar.

Saint Eustache ist aus drei Gründen ein idealer Ort für Le souffle:

  • Die Installation fügt sich hervorragend ein in die großartige Architektur der Kirche aus Gotik und Renaissance. Mit den Tageszeiten und dem durch die bunten Kirchenfenster einfallenden Licht verändert sich le souffle. Man sollte also Zeit und Ruhe mitbringen.
  • Die Kirche engagiert sich als „église verte“ besonders für die Bewahrung der Natur/der Schöpfung. Sie steht damit in der Tradition der vor allem Klima- und Umweltfragen gewidmeten Enzyklika Laudato si‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015.
  • Saint- Eustache ist eine Kirche, die sich seit langem durch ihre Offenheit gegenüber moderner Kunst auszeichnet. Siehe dazu den -Blog-Beitrag über die Himmelsleiter:

ÉGLISE SAINT-EUSTACHE
Le Souffle Vom 10 Juli bis zum 29 September 2026
146 rue Rambuteau, 75001
Täglich geöffnet von 10h-19h – freier Eintritt

Sonntags 17 h finden in Saint-Eustache einstündige Orgelkonzerte statt: Eine wunderbare Gelegenheit, die Kirche zu besuchen und Le souffle in Ruhe zu betrachten. https://www.saint-eustache.org/musique-a-st-eustache/

Alle Fotos von Frauke und Wolf Jöckel Ein Interview mit Lydia Arickx: https://www.arts-in-the-city.com/268319-le-souffle-a-saint-eustache-entretien-exclusif-avec-lydie-arickx

Die Installation soll auch die Arbeit der NRO Coral Guardian unterstützen, die sich seit 2012 für den Schutz der Korallenriffe engagiert. https://www.coralguardian.org/en/news/

Bilder des Monats Juli 2026: Die Flugzeugparade des 14. Juli

Wie immer findet am französischen Nationalfeiertag auf den Champs-Elysées eine große Militärparade statt. So auch in diesem Jahr. Und wie immer, wenn wir an diesem Tag in Paris sind, können wir von unserer kleinen Terrasse aus die abfliegenden Flugzeuge sehen und hören.

Einen direkten Blick auf den Himmel über den Champs-Élysées haben wir leider nicht, aber den verwehten Rauch der von der Patrouille de France in den Himmel gesprühten Tricolore können wir noch sehen. (Das „Titelbild“ des Beitrags hat freundlicherweise Herr Biermann-Zeitler zur Verfügung gestellt. Merci beaucoup!)

Die diesjährige Militärparade sollte mehr als üblich militärische Stärke demonstrieren.

Auf den Champs-Elysées und in der Luft bot die französische Armee ein breites Arsenal schweren militärischen Geräts auf.

In den letzten Jahren der Präsidentschaft Macrons hat sich ein fundamentaler strategischer Wechsel vollzogen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem erzwungenen Rückzug der französischen Armee aus Afrika ist jetzt die Landes- und Bündnisverteidigung in Europa in den Mittelpunkt gerückt.

Sichtbarer Ausdruck waren die Teilnahme ukrainischer Truppen und des ukrainischen Präsidenten an der diesjährigen Militärparade.

Ein Problem ist dabei allerdings die eklatante Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwar wurde in den letzten Jahren trotz großer Budget-Probleme auch in Frankreich das Militärbudget erhöht, aber inzwischen ist das deutsche -auch dank massiver Verschuldung- etwa doppelt so hoch, und die Diskrepanz wird sich in den nächsten Jahren wohl noch vergrößern. Und auch was die Unterstützung der Ukraine angeht, bleibt Frankreich hinter seinen Ansprüchen weit zurück: Während Deutschland nach dem Rückzug der USA mit Abstand größtes Geberland ist, liegt Frankreich, selbst was die absoluten Zahlen angeht, noch hinter Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Norwegen zurück – und dies, obwohl das Land zweitgrößter Waffenexporteur der Welt ist.

Aber Frankreich bleibt -allein schon als einzige Atommacht der EU- ein unverzichtbarer Partner.

Und Macron ist hoch anzurechnen, dass er schon früh erkannt hat, wie wichtig eine europäische Souveränität auch im Militärischen ist. Damals wurde ihm aber in Deutschland von Merkel und Co die kalte Schulter gezeigt. Umso bedauerlicher, dass jetzt das Projekt eines gemeinsamen deutsch-französischen Kampfflugzeugs – unter wechselseitigen Schuldzuweisungen- gescheitert ist.

Aber es ist zu hoffen, dass man daraus lernt. Und vor allem, dass ein selbstbewusstes und selbstständiges Europa nicht länger von den Launen und Drohungen eines amerikanischen Präsidenten abhängig ist und auch stark genug, einem russischen Expansionismus zu widerstehen. Und es wird hoffentlich auch wieder eine bessere, friedlichere Zeit nach Trump und Putin geben, wo sogar -man darf ja noch träumen- russische Soldaten gemeinsam mit französischen, ukrainischen und deutschen an einem 14. Juli auf den Champs-Élysées friedlich miteinander defilieren.

Weitere Blog-Beiträge zum 14. Juli in Paris:

Das traditionelle Feuerwerk am Eiffelturm fand in diesem Jahr schon am 13. Juli statt. So wurde die Konkurrenz mit dem WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien vermieden. Wir drücken natürlich der französischen Mannschaft die Daumen. Allez les bleus….

Paris im Hitzestress: Ab ins Wasser!

Paris ächzt unter der Hitze. Die Canicule ist Thema Nummer 1.

Ab 11.7. und voraussichtlich noch über den 14. Juli hinaus gilt für Paris sogar die höchste Hitzewarnstufe, die Vigilance rouge.

Paris gehört also zu den Teilen Frankreichs, in denen „absolute Vorsicht“ geboten ist. (Le Parisien vom 11.7.) Jede Erfrischung und Abkühlung ist da willkommen.

Le Parisien, 10.7.26  LP/Arnaud Journois. Alle weiteren Fotos, soweit nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

Einer der über 1300 Pariser Trinkbrunnen. Hier ein moderner mit einem Wasserzerstäuber (brumatiseur) vor dem Rathaus des 11. Arrondissements- eine große Freude vor allem für Kinder

Auch die Tauben freuen sich über Abkühlung, für die die Pariser Straßenreinigung sorgt…

http://www.timeout/fr/Paris

Und vor allem gibt es ja wieder die Badegelegenheiten im Pariser Flusswasser, das aufgrund der immensen Investitionen für die Olympischen Spiele 2024 inzwischen (meistens) Badequalität hat.

Wie im letzten Jahr ist es seit Anfang Juli wieder möglich, an drei Stellen in der Seine zu schwimmen:

Eine kleine Neuerung ist, dass die letztjährige Badestelle vom Pont Marie ein paar hundert Meter weiter flussabwärts verlegt wurde und jetzt zwischen dem Pont Marie und dem Pont Louis Philippe liegt. Dort ist ein fester Schwimm-Ponton in der Seine installiert worden, so dass der Schiffsverkehr nicht mehr beeinträchtigt wird.

Foto: Le Parisien

Ein erheblicher Nachteil dieser Seine-Badegelegenheiten ist allerdings, dass man nur mit prallgefüllten gelben Luftkissen ins Wasser gelassen wird. Man kann damit herumpaddeln, aber an ein etwas sportlicheres Schwimmen ist so nicht zu denken. Dafür sind auch die Becken zu klein.

Mehr Platz zum Schwimmen, und dies auch noch ohne Luftkissen, hat man bei der Badestelle am Canal Saint-Martin.

Der Zugang ist frei, die Badestelle nicht streng abgegrenzt. Ein paar Sonnenschirme und Liegestühle sorgen für eine ungezwungene Strandatmosphäre.

Das Bad am Quai de Jemmapes ist allerdings nur mittwochs zwischen 12 und 15.30 und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr gestattet. Duschen und Kabinen zum Umziehen gibt es -ziemlich umständlich- nur auf der anderen Straßenseite im Centre sportif Jemmapes, aber keine Möglichkeit, Wertsachen sicher unterzubringen.

Optimal ausgestattet ist dagegen die große Badestelle im Bassin de la Villette, früher einmal Teil eines Hafens, der zu den größten Frankreichs gehörte…

Heute wird er im Sommer vor allem von Tret- und Elektrobooten und Badenden genutzt.

Die Badeanlage besteht 2026 aus insgesamt 4 Schwimmbecken: von einem kleinen für Kleinkinder -hier im Bild vorne- bis zu einem 50 Meter-Becken für eher sportliche Schwimmer- oben im Bild. Das Foto entstand Anfang Juli vormittags. Nachmittags ist bei großer Hitze der Andrang wesentlich größer.

Gelbe Luftkissen gibt es hier nicht , dafür aber die gesamte Infrastruktur eines Schwimmbads., einschließlich einer wachsamen Badeaufsicht. Am Eingang werden sogar -on est en France- die Taschen kontrolliert!

Die Stadt Paris garantiert hier, wie auch für die Seine-Badestellen, dass die Wasserqualität den sanitären Anforderungen entspricht. Sollte das einmal nicht der Fall sein -wie zum Beispiel im letzten Jahr nach starken Regenfällen- dann würden die Badestellen umgehend geschlossen. Das war allerdings während unseres diesjährigen Paris-Aufenthalts nicht der Fall. Das Wasser schimmert natürlich-grünlich, die Oberfläche ist nicht von einem Ölfilm überzogen, wie in unserem heimischen Schwimmbad an heißen Sommertagen. Hier tummeln sich höchstens die Wasserläufer und kurz unter ihnen huschen kleine Fischchen vorbei. So ist das Bad im Bassin de la Villette hochwillkommener und erfrischender Bestandteil unseres Tagesablaufs…

Das Bassin de la Villette erreicht man in wenigen Minuten Fußweg von der Haltestelle Jaurès der Metro 2. Dabei passiert man Ledoux’s klassizistische Rotunde, Teil der ehemaligen Zollmauer, mit der Paris bis zur Französischen Revolution umgeben war….

Bei großer Hitze ist auch das Baden im Bassin des Recollets, einem 100 Meter langen Teilstück des Kanals Saint-Martin im 10. Arrondissement, zwischen 15 und 21 Uhr freigegeben- eine von der Pariser Mairie und dem zuständigen Arrondissement beschlossene Maßnahme. Das „wilde“ Baden im Kanal, dem die Polizei nicht mehr Herr geworden war, soll durch diese Maßnahme im wahrsten Sinne des Wortes kanalisiert werden. Und nach den Worten des neu gewählten Pariser Bürgermeisters Grégoire ist so „das größte Schwimmbad von Paris entstanden“. (Le Parisien 16.6.)

Besonders beliebt ist es offensichtlich bei jungen Männern, von der Passerelle Emanuelle (auf der Höhe der Avenue Richerand) möglichst effektvoll ins Wasser zu springen.

So jedenfalls lässt sich die Hitze ertragen…

Öffnungszeiten:

Pont Louis-Philippe/Bras Marie : 8h-18h. Bercy : 11h-21h. Grenelle : 10h-17h30 (Samstags 16h45). Canal Saint-Martin, Jemmapes: Sonntags von 14h-18h. Canal Saint-Martin, Recollets: bei großer Hitze täglich von 15-21 Uhr

Bassin de la Villette : 11h-21h. Bei großer Hitze (Warnstufe orange und rot) sind die Badezeiten allerdings stark reglementiert. Es gibt vier Zeitfenster (crénaux), in denen das Bad geöffnet ist und an deren Ende es geschlossen wird. Auf diese Weise wird die Nutzung zwar eingeschränkt, aber einer größeren Zahl von Menschen der Zugang ermöglicht. Sehr empfehlenswert ist die Nutzung des ersten Zeitfensters. An Nachmittagen kann es sehr voll werden.

Frühere Beiträge zum Thema:

Wenn einer eine Reise tut…(2): Bahnabenteuer von Paris nach Frankfurt… und zurück…

Es begann alles ziemlich harmlos: Am 18. Juni 2026 erhielten wir um 18.15 Uhr eine Nachricht von der DB Reisebegleitung, dass die Ankunft des von uns gebuchten ICE von Paris-Est nach Frankfurt sich um eine Viertelstunde verspäten würde, statt 23.03 also 23.08. Abfahrtszeit aber unverändert 19.06

Das war ja nun wirklich kein Drama und wir machten uns danach guter Dinge auf zum Gare de l’Est. Gegen 18.45 dort angekommen wunderten wir uns, dass auf der Anzeigentafel der abfahrenden Züge „unser“ Zug nach Frankfurt überhaupt nicht aufgeführt war, dass aber mehrere Züge, die schon längst hätten abgefahren sein müssen, immer noch auf der Anzeigetafel und im Bahnhof standen. Kurz darauf neue Meldung der DB: „Ihre Ankunft in Frankfurt (Main) Hbf verspätet sich um 47 Minuten“. Ankunftszeit statt 23.03 also 23.50. Die angegebene Zeit für die Weiterfahrt mit der S-Bahn; 23.34. Das soll einer verstehen…

19.31: Dritte DB-Nachricht: „Änderung Ihrer Ankunft“. Nun waren schon 67 Minuten Verspätung in Frankfurt angekündigt. (Ankunft 00.10) Aber immer noch unveränderte Abfahrtszeit – grün unterlegt: 19.06. Da steht also der ICE, der schon längst hätte unterwegs sein sollen, noch nicht einmal im Bahnhof, aber die DB Reisebegleitung hält unverdrossen an der ursprünglichen Abfahrtszeit fest (und entsprechend auch an der ursprünglichen Abfahrtszeit der S-Bahn). Und wie kommt die DB zu diesen exakten Verspätungszeiten? Erst 15, dann 47, dann absurde 67 Minuten?!

Absurd deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt im Gare de l’Est schon das Chaos ausgebrochen war: Seit ca 18 Uhr fuhr dort kein Zug mehr ab und es kam auch kein Zug mehr an. In einem fortlaufenden Text auf den Anzeigetafeln war zu lesen, dass die Stromversorgung unterbrochen sei, man aber hoffe, gegen 22 Uhr wieder den Betrieb aufzunehmen. Der Bahnhof war überfüllt mit wartenden Fahrgästen, für deren Versorgung auch nichts vorgesehen war: Die Geschäfte im Bahnhof hatten schon -wie üblich- zugemacht, wer sich bei der tropischen Hitze nicht rechtzeitig mit genug Wasser versorgt hatte, hatte eben Pech gehabt. Und Plätze zum Sitzen gab es natürlich viel zu wenige für die vielen wartenden Menschen.

Bild aus Libération. Eine Filmsequenz über die abendliche Lage am Gare de l’Est: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-trafic-interrompu-au-depart-de-la-gare-de-lest-au-moins-jusqua-22-heures-en-raison-dune-panne-electrique-18-06-2026-FLYUJRIFBRBTRH7UA6MFX3YND4.php

Aber unverdrossen informierte die DB Reisebegleitung im bisherigen Stil: 4. Meldung: Abfahrt 19.06, Ankunft in Frankfurt 00.40 (S-Bahn immer noch Abfahrt 23.34)

Dann aber um 20.04 die fünfte Meldung: „Änderung Ihrer Abfahrt“: 21.06 (rot unterlegt). Da war also offenbar bis zur DB Reisebegleitung durchgedrungen, dass der Zug noch gar nicht abgefahren war. Aber dass im Gare de l’Est für alle sichtbar angekündigt worden war, dass der Zugverkehr erst gegen 22.00 wieder aufgenommen werden würde – das war offenbar der Reisebegleitung noch unbekannt … Und es war ja sowieso völlig unrealistisch, dass der Zug nach Frankfurt dann gleich losfahren würde. Die Gleise des Bahnhofs waren doch noch blockiert mit den Zügen, die schon seit 18 Uhr auf ihre Abfahrt warteten und die natürlich zuerst an der Reihe waren!

Und was war überhaupt mit dem Frankfurt-ICE? Üblicherweise kam der von uns gebuchte 19.06-Zug ja direkt aus Frankfurt, hatte einen kurzen Aufenthalt im Gare de l’Est zum Aus- und Einsteigen der Fahrgäste, zur Reinigung und zur Versorgung des Speisewagens und fuhr dann gleich wieder zurück nach Frankfurt. Aber vermutlich war ja auch dieser Zug – und entsprechend auch andere- von dem Stromausfall betroffen – stand also irgendwo in Frankreich auf dem Gleis… Aber vielleicht war dies -mangels Strom- nicht zur DB-Reisebegleitung durchgedrungen.. . Da fragt man sich: Haben die ICE-Zugführer und/oder Zugbegleiter vielleicht kein Dienst-Handy?

Dann um 21.18 die 6. Meldung: Jetzt wurde die Abfahrt für 22.26 angekündigt. Das erschien immerhin realistisch, und motivierte uns auszuharren bzw. zum Bahnhof zurückzufahren. Wir hatten nämlich schon aufgegeben und uns auf den Rückweg in unsere Wohnung gemacht. Diese Nachricht bewog uns dann aber, umzudrehen und es doch noch zu versuchen. Zumal die auf die Minute angekündigte Ankunftszeit von 00.38 nachvollziehbar war und auch noch einen S-Bahn-Anschluss für die Weiterfahrt ermöglicht hätte. Das war jedenfalls problemlos der homepage des Rhein-Main-Verkehrsverbundes zu entnehmen- wir hatten ja ein Handy. Auf der DB-Meldung war allerdings, bizarr wie bisher, immer noch die S-Bahn Abfahrtszeit von 23.34 angegeben…

Dann aber um 21.31 die 7. Meldung – die erste mit der Angabe eines Grundes für das Bahnchaos: „Reparatur der Oberleitung“, aber auch mit argen Zeitangaben: Abfahrtszeit 23.06 und Ankunft Frankfurt 02.55. Das hätte garantierte 4 Stunden Wartezeit bedeutet – und wer weiß, ob da nicht vielleicht auch noch eine weitere Nachricht nachkommen würde…Ich fand auch endlich in dem Menschengewühl einen freundlichen Mitarbeiter der französischen Eisenbahn, der uns empfahl, in Paris zu bleiben, wenn wir die Möglichkeit dazu hätten. Wir entschieden uns also endgültig, in unsere Pariser Wohnung zurückzufahren. Inzwischen war auch die Zugbindung aufgehoben worden, so dass man hoffen konnte, am nächsten Vormittag unter günstigeren Umständen die Rückfahrt anzutreten.

In unserer Wohnung angekommen, erfuhren wir dann aus dem Internet -hier eine Meldung von Libération– das ganze Ausmaß des Problems: Tausende Fahrgäste in überheizten Zügen blockiert: Panne der Elektrizitätsversorgung im Netz des Ostbahnhofs, notwendige Reparatur der Oberleitung, schrittweise Wiederaufnahme des Verkehrs ab 22 Uhr…

Wir hatten also noch Glück gehabt, zur Zeit des Stromausfalls nicht schon im Zug, sondern immerhin im Bahnhof zu sein. Und ausgefallen waren nicht nur die Fernzüge, sondern auch der Nahverkehr im Bereich des Bahnhofs Paris-Est, und das gerade in einer Zeit mit hohem Verkehrsaufkommen. Deshalb waren Tausende Fahrgäste betroffen, die dann zum Teil -selbst in Tunneln- aus den Zügen aussteigen durften und zu Fuß entlang der Gleise zum nächsten Bahnhof liefen.

Bild aus Libération

Irritierend war dabei, dass in den Meldungen immer wieder auf die Hitze als mögliche Ursache für den Stromausfall hingewiesen wurde. Zwar also offenbar kein Cyber-Angriff oder ein terroristischer Anschlag, aber die Hitze! Da macht man sich ja so seine Gedanken. Dass es auch im französischen Bahnsystem öfters zu Pannen kommt und Generalsanierungen dringend erforderlich sind, haben wir in unseren Pariser Jahren reichlich mitbekommen. Dabei war bisher von der Hitze meines Wissens noch nicht die Rede. Aber jetzt umso mehr. Die Bahninfrastruktur -die französische wie auch die deutsche- ist, wie man jetzt erfährt, kaum länger andauernden Hitzephasen gewachsen. (1) Was kommt da mit dem vorhersehbaren weiteren Anstieg der Temperaturen noch auf uns zu?!? (2)

Ein Mitglied unserer Familie, die ich von unserer verschobenen Ankunft informierte, hatte immerhin einen Trost parat: „Beruhigend, dass sowas auch in Frankreich vorkommt“. Aber die Bundesbahn bleibt doch unübertroffen: Ein paar Tage danach zog nämlich die Bundesbahn nach: zweistündiger Stillstand gleich im gesamten deutschen Streckennetz….

Natürlich: In Frankreich war offensichtlich „höhere Gewalt“ (eine Oberleitung!) am Werk, und die genauen Ursachen werden sicherlich gefunden werden. Die Menschen am Gare de l’Est haben jedenfalls sehr ruhig und besonnen reagiert. Während man in Frankreich ja gerne und schnell „en colère“ ist, war es hier ganz anders.

Zurück in unserer Wohnung haben wir die weiteren Meldungen der DB Reisebegleitung zur Kenntnis genommen. Bis hin zur krönenden 12. Meldung von 23.41: Ankunft in Frankfurt .wie bei Meldung 11- um 03.08. (!). Aber jetzt neu: „Die Ankunft Ihrer heutigen Reise mit S 5 (eigentlich müsste es ja heißen: Ihrer morgigen Reise) verspätet sich um 5 Minuten.“ Ankunft also 23.57 statt 23.52!!! Schön wär’s gewesen, aber absurder geht es nicht. Dass es eine zeitaufwändige Herkulesaufgabe ist, die jahrelang heruntergewirtschaftete Bundesbahn wieder fit zu machen, ist völlig klar, und da kann man keine Wunderdinge erwarten. Die Bundesbahn ist auch nicht für die französische Oberleitung zuständig und verantwortlich. Aber dass die Information der Fahrgäste derart katastrophal ist, müsste doch -nach meinem naiven Verständnis- nicht sein und sich durch eine Verbesserung der Kommunikation/der Software (?) doch wohl abstellen lassen. Oder verlange ich da zu viel?

Patricia und Klaus, Freunde aus der Heimat, die auch ein paar Tage in Paris waren und zufällig mit demselben Zug nach Frankfurt zurückfahren wollten, entschieden sich, trotz aller Probleme nicht wie wir aufzugeben. Für sie war das Abenteuer noch nicht zu Ende. Patricia hat für ihre Enkelin darüber eine Geschichte geschrieben:

Wenn einer eine Reise tut- oder: Wie ich lernte, die Deutsche Bahn zu lieben

Eigentlich fahre ich gern Zug. Ehrlich. Ich mag es, aus dem Fenster zu schauen, einen Kaffee zu trinken und mich entspannt von A nach B bringen zu lassen. Heute allerdings wollte das Universum offenbar testen, wie belastbar ich wirklich bin.

19.07 sollte mein Zug von Paris nach Frankfurt losfahren. Also war ich pünktlich am Bahnhof, reiste geschniegelt mit der Metro an und gönnte mir bei schlanken 32 Grand noch einen Kaffee. Ganz entspannt beobachtete ich die Anzeigentafel. Die beobachtete allerdings lieber mich. Zuerst verschob sich die Abfahrt um eine Viertelstunde, dann nochmal um eine halb mehr, dann um über eine Stunde…Nach 4 Stunden Wartezeit hatte ich das Gefühl, ich gehöre inzwischen zum Inventar des Bahnhofs. Die Tauben nickten mir schon vertraut zu, und das Café hätte mir beinahe einen Stammplatz eingerichtet, wenn es nicht schon längst geschlossen gewesen wäre. Irgendwann hieß es sogar: „Vielleicht fahrt der Zug heute gar nicht mehr“.

Ich überlegt bereits, in Paris ein neues Leben zu beginnen. Doch um 23.55 geschah das Unfassbare: Auf der Anzeigetafel erschien tatsächlich neben unserem ICE nach Frankfurt ein Gleis. Plötzlich verwandelten sich hunderte erschöpfte Reisende in olympiareife Sprinter. Wer jemals behauptet hat, Zugfahren sei gemütlich, hat noch nie erlebt, wie Rentner mit Rollkoffern einen 100-Meter-Sprint hinlegen.

Endlich an meinem reservierten Platz angekommen, setzte ich mich erleichtert ans Fenster. Platsch. Mein Sitz war so nass, dass ich innerhalb weniger Sekunden aussah, als hätte ich beschlossen, die Seine zu durchqueren. Die Jeans waren komplett durchweicht. Also suchte ich mir einen anderen trockenen Platz in der Nähe. Der war allerdings reserviert. Und eine junge Dame, die jetzt auch im Abteil ankam, machte mir klar, dass ich dort ungefähr so willkommen war wie eine Möwe beim Frühstück. Also weiter. Nach dem dritten Umzug hatte ich endlich einen freuen Platz gefunden. Der war wenigstens trocken, aber die Wagen waren verdreckt, die Toiletten nicht oder kaum benutzbar, das Bordrestaurant hatte seinen Dienst eingestellt und die Klimaanlage auch. Der Zug hatte sich in eine Sauna verwandelt. Alle wedelten mit Zeitungen, tickets oder ihren letzten Hoffnungen. Der Duft war eine Mischung aus Fitnessstudio, Marathon und gereiftem Camembert.

Nach einer Stunde Fahrt meldete sich die Zugbegleitung. „Liebe Fahrgäste, wir müssen den Zug leider wechseln.“ Irgendwelche Funktionen seien ausgefallen. Welche genau wurde nicht mitgeteilt. Aber das hatten wir ja am eigenen Leibe mitbekommen. Jetzt hoffen wir also auf einen neuen Zug..

Ich habe aufgehört zu fragen, wann wir in Frankfurt ankommen. Im Moment wäre ich schon zufrieden, wenn wir bis Weihnachten Deutschland erreichen. Aber eines muss man dem Tag lassen: Langweilig war er wirklich nicht…

Soweit Patricias Geschichte…

Wir hatten eine ruhigere Nacht und am nächsten Morgen war das Glück uns hold. Zunächst allerdings sah es gar nicht danach aus: Als wir rechtzeitig für den 9 Uhr-Zug zum Gare de l’Est kamen: Fehlanzeige. Aber der 7 Uhr-Zug war offenbar noch nicht abgefahren. Also im Spurt zum Bahnsteig! Freundliche Bahnbedienstete wollten gar nicht unsere Fahrkarten sehen, ohne deren Kontrolle man sonst in Paris gar nicht auf den Bahnsteig kommt. Sie trieben uns an, schnell in den ersten Wagen einzusteigen. Hinter uns schloss sich die Tür, und der Zug fuhr ab, als hätte er extra auf uns noch gewartet…

Die anteilige Erstattung des Fahrpreises für die Verspätung kam übrigens postwendend. Das soll immerhin anerkennend vermerkt werden!

Gerne hätten wir auch anerkennend vermerkt, dass unsere für den 2.7. gebuchte Rückfahrt nach Paris unproblematisch verlaufen wäre. Das war aber nicht der Fall. Erste Meldung der DB-Reisebegleitung: Wegen Verspätung bei der S-Bahn kann der ICE mit der planmäßigen Abfahrt 18.53 vom Hauptbahnhof Frankfurt nicht erreicht werden. Dann aber die Korrektur: Der Zug kann doch erreicht werden, weil der ICE erst mit 15 Minuten Verspätung bereitgestellt werden kann. Das ist ja nochmal gut gegangen!

Nächste Meldung 19.04 Uhr: Jetzt sind es 30 Minuten Verspätung bei der Abfahrt, aber immerhin nur 16 Minuten Verspätung bei der Ankunft in Paris. Da kann der ICE zwischendurch also offenbar etwas Gas geben, sozusagen. Aber das kann er dann doch nicht: Denn nur 5 Minuten später (!), also 19.09 Uhr, verkündet die Bahn das Aus für den Zug;

Da bleiben nur Ärger und Enttäuschung und der Weg zurück nach Hause. Immerhin müssen wir uns nicht in die lange Warteschlange vor dem Info-Schalter der Bahn einreihen, um einen Hotelgutschein zu erhalten. Neuer Anlauf morgen. Da versuchen wir es vielleicht besser mal mit einem TGV…

Auf meinen Rückerstattungsantrag hat das Servicecenter Fahrgastrechte übrigens wieder postwendend reagiert: Allerdings anders als erwartet. Eine Entschädigung sei leider nicht möglich. Die Verspätung am Zielort habe nur 9 Minuten betragen. Schön wärs gewesen! Aber vielleicht werde ich so etwas ja noch einmal auf unseren Fahrten zwischen Paris und Frankfurt erleben…

Also Anruf bei dem Servicecenter in Frankfurt: Nach gebührender Warteschleife Reklamation mit Hinweis auf die entsprechende Mail der DB- Reisebegleitung und auf das Zugausfall-Foto im Frankfurter Hauptbahnhof. Oh Pardon, ein Fehler im „account“ (?)… Die Reklamation werde neu bearbeitet und der Antrag neu bearbeitet… Das geschah dann immerhin auch und einige Tage später erhielt ich die fällige Rückerstattung… Aber wer weiß, wie viele betroffene Reisende sich diesem nervigen Procedere unterzogen haben ….

So hat die Bundesbahn noch das I-Tüpfelchen dieses Beitrags geliefert…

Anmerkungen

(1) Siehe: https://www.bfmtv.com/economie/entreprises/transports/des-rails-qui-peuvent-monter-jusqu-a-70-degres-30-minutes-d-autonomie-pour-la-clim-en-cas-de-coupure-de-courant-pourquoi-la-canicule-fragilise-les-trains-de-la-sncf_AV-202605290215.html)

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/hitzeprobleme-der-bahn-haben-zu-lange-an-vielen-stellen-gespart/vi-AA26wusd

(2) Ein paar Tage später berichtete die Zeitung Le Républicain Lorrain: „Fast 380 Fahrgäste des ICE Frankfurt-Paris waren während mehr als 3 Stunden ohne Klimatisierung in der Nähe von Stiring-Wendel in ihrem Zug blockiert.“ Der 18.53 in Frankfurt gestartete Zug hatte kurz hinter der deutsch-französischen Grenze eine Panne. Nach gut 3 Stunden wurde er von einem französischen Nahverkehrszug (TER) zum Bahnhof Forbach abgeschleppt. Schließlich konnten die Fahrgäste in zwei TGVs die Fahrt nach Paris fortsetzen. Statt um fahrplanmäßige 22.53 kamen sie dort am nächsten Morgen um halb 6 an….https://www.republicain-lorrain.fr/transport/2026/06/27/pres-de-380-voyageurs-de-l-ice-francfort-paris-bloques-pendant-plus-de-trois-heures-sans-climatisation-a-hauteur-de-stiring-wendel

Siehe auch diesen Blog-Beitrag vom Dezember 2025: