Wenn einer eine Reise tut…(2): Bahnabenteuer von Paris nach Frankfurt… und zurück…

Es begann alles ziemlich harmlos: Am 18. Juni 2026 erhielten wir um 18.15 Uhr eine Nachricht von der DB Reisebegleitung, dass die Ankunft des von uns gebuchten ICE von Paris-Est nach Frankfurt sich um eine Viertelstunde verspäten würde, statt 23.03 also 23.08. Abfahrtszeit aber unverändert 19.06

Das war ja nun wirklich kein Drama und wir machten uns danach guter Dinge auf zum Gare de l’Est. Gegen 18.45 dort angekommen wunderten wir uns, dass auf der Anzeigentafel der abfahrenden Züge „unser“ Zug nach Frankfurt überhaupt nicht aufgeführt war, dass aber mehrere Züge, die schon längst hätten abgefahren sein müssen, immer noch auf der Anzeigetafel und im Bahnhof standen. Kurz darauf neue Meldung der DB: „Ihre Ankunft in Frankfurt (Main) Hbf verspätet sich um 47 Minuten“. Ankunftszeit statt 23.03 also 23.50. Die angegebene Zeit für die Weiterfahrt mit der S-Bahn; 23.34. Das soll einer verstehen…

19.31: Dritte DB-Nachricht: „Änderung Ihrer Ankunft“. Nun waren schon 67 Minuten Verspätung in Frankfurt angekündigt. (Ankunft 00.10) Aber immer noch unveränderte Abfahrtszeit – grün unterlegt: 19.06. Da steht also der ICE, der schon längst hätte unterwegs sein sollen, noch nicht einmal im Bahnhof, aber die DB Reisebegleitung hält unverdrossen an der ursprünglichen Abfahrtszeit fest (und entsprechend auch an der ursprünglichen Abfahrtszeit der S-Bahn). Und wie kommt die DB zu diesen exakten Verspätungszeiten? Erst 15, dann 47, dann absurde 67 Minuten?!

Absurd deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt im Gare de l’Est schon das Chaos ausgebrochen war: Seit ca 18 Uhr fuhr dort kein Zug mehr ab und es kam auch kein Zug mehr an. In einem fortlaufenden Text auf den Anzeigetafeln war zu lesen, dass die Stromversorgung unterbrochen sei, man aber hoffe, gegen 22 Uhr wieder den Betrieb aufzunehmen. Der Bahnhof war überfüllt mit wartenden Fahrgästen, für deren Versorgung auch nichts vorgesehen war: Die Geschäfte im Bahnhof hatten schon -wie üblich- zugemacht, wer sich bei der tropischen Hitze nicht rechtzeitig mit genug Wasser versorgt hatte, hatte eben Pech gehabt. Und Plätze zum Sitzen gab es natürlich viel zu wenige für die vielen wartenden Menschen.

Bild aus Libération. Eine Filmsequenz über die abendliche Lage am Gare de l’Est: https://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-trafic-interrompu-au-depart-de-la-gare-de-lest-au-moins-jusqua-22-heures-en-raison-dune-panne-electrique-18-06-2026-FLYUJRIFBRBTRH7UA6MFX3YND4.php

Aber unverdrossen informierte die DB Reisebegleitung im bisherigen Stil: 4. Meldung: Abfahrt 19.06, Ankunft in Frankfurt 00.40 (S-Bahn immer noch Abfahrt 23.34)

Dann aber um 20.04 die fünfte Meldung: „Änderung Ihrer Abfahrt“: 21.06 (rot unterlegt). Da war also offenbar bis zur DB Reisebegleitung durchgedrungen, dass der Zug noch gar nicht abgefahren war. Aber dass im Gare de l’Est für alle sichtbar angekündigt worden war, dass der Zugverkehr erst gegen 22.00 wieder aufgenommen werden würde – das war offenbar der Reisebegleitung noch unbekannt … Und es war ja sowieso völlig unrealistisch, dass der Zug nach Frankfurt dann gleich losfahren würde. Die Gleise des Bahnhofs waren doch noch blockiert mit den Zügen, die schon seit 18 Uhr auf ihre Abfahrt warteten und die natürlich zuerst an der Reihe waren!

Und was war überhaupt mit dem Frankfurt-ICE? Üblicherweise kam der von uns gebuchte 19.06-Zug ja direkt aus Frankfurt, hatte einen kurzen Aufenthalt im Gare de l’Est zum Aus- und Einsteigen der Fahrgäste, zur Reinigung und zur Versorgung des Speisewagens und fuhr dann gleich wieder zurück nach Frankfurt. Aber vermutlich war ja auch dieser Zug – und entsprechend auch andere- von dem Stromausfall betroffen – stand also irgendwo in Frankreich auf dem Gleis… Aber vielleicht war dies -mangels Strom- nicht zur DB-Reisebegleitung durchgedrungen.. . Da fragt man sich: Haben die ICE-Zugführer und/oder Zugbegleiter vielleicht kein Dienst-Handy?

Dann um 21.18 die 6. Meldung: Jetzt wurde die Abfahrt für 22.26 angekündigt. Das erschien immerhin realistisch, und motivierte uns auszuharren bzw. zum Bahnhof zurückzufahren. Wir hatten nämlich schon aufgegeben und uns auf den Rückweg in unsere Wohnung gemacht. Diese Nachricht bewog uns dann aber, umzudrehen und es doch noch zu versuchen. Zumal die auf die Minute angekündigte Ankunftszeit von 00.38 nachvollziehbar war und auch noch einen S-Bahn-Anschluss für die Weiterfahrt ermöglicht hätte. Das war jedenfalls problemlos der homepage des Rhein-Main-Verkehrsverbundes zu entnehmen- wir hatten ja ein Handy. Auf der DB-Meldung war allerdings, bizarr wie bisher, immer noch die S-Bahn Abfahrtszeit von 23.34 angegeben…

Dann aber um 21.31 die 7. Meldung – die erste mit der Angabe eines Grundes für das Bahnchaos: „Reparatur der Oberleitung“, aber auch mit argen Zeitangaben: Abfahrtszeit 23.06 und Ankunft Frankfurt 02.55. Das hätte garantierte 4 Stunden Wartezeit bedeutet – und wer weiß, ob da nicht vielleicht auch noch eine weitere Nachricht nachkommen würde…Ich fand auch endlich in dem Menschengewühl einen freundlichen Mitarbeiter der französischen Eisenbahn, der uns empfahl, in Paris zu bleiben, wenn wir die Möglichkeit dazu hätten. Wir entschieden uns also endgültig, in unsere Pariser Wohnung zurückzufahren. Inzwischen war auch die Zugbindung aufgehoben worden, so dass man hoffen konnte, am nächsten Vormittag unter günstigeren Umständen die Rückfahrt anzutreten.

In unserer Wohnung angekommen, erfuhren wir dann aus dem Internet -hier eine Meldung von Libération– das ganze Ausmaß des Problems: Tausende Fahrgäste in überheizten Zügen blockiert: Panne der Elektrizitätsversorgung im Netz des Ostbahnhofs, notwendige Reparatur der Oberleitung, schrittweise Wiederaufnahme des Verkehrs ab 22 Uhr…

Wir hatten also noch Glück gehabt, zur Zeit des Stromausfalls nicht schon im Zug, sondern immerhin im Bahnhof zu sein. Und ausgefallen waren nicht nur die Fernzüge, sondern auch der Nahverkehr im Bereich des Bahnhofs Paris-Est, und das gerade in einer Zeit mit hohem Verkehrsaufkommen. Deshalb waren Tausende Fahrgäste betroffen, die dann zum Teil -selbst in Tunneln- aus den Zügen aussteigen durften und zu Fuß entlang der Gleise zum nächsten Bahnhof liefen.

Bild aus Libération

Irritierend war dabei, dass in den Meldungen immer wieder auf die Hitze als mögliche Ursache für den Stromausfall hingewiesen wurde. Zwar also offenbar kein Cyber-Angriff oder ein terroristischer Anschlag, aber die Hitze! Da macht man sich ja so seine Gedanken. Dass es auch im französischen Bahnsystem öfters zu Pannen kommt und Generalsanierungen dringend erforderlich sind, haben wir in unseren Pariser Jahren reichlich mitbekommen. Dabei war bisher von der Hitze meines Wissens noch nicht die Rede. Aber jetzt umso mehr. Die Bahninfrastruktur -die französische wie auch die deutsche- ist, wie man jetzt erfährt, kaum länger andauernden Hitzephasen gewachsen. (1) Was kommt da mit dem vorhersehbaren weiteren Anstieg der Temperaturen noch auf uns zu?!? (2)

Ein Mitglied unserer Familie, die ich von unserer verschobenen Ankunft informierte, hatte immerhin einen Trost parat: „Beruhigend, dass sowas auch in Frankreich vorkommt“. Aber die Bundesbahn bleibt doch unübertroffen: Ein paar Tage danach zog nämlich die Bundesbahn nach: zweistündiger Stillstand gleich im gesamten deutschen Streckennetz….

Natürlich: In Frankreich war offensichtlich „höhere Gewalt“ (eine Oberleitung!) am Werk, und die genauen Ursachen werden sicherlich gefunden werden. Die Menschen am Gare de l’Est haben jedenfalls sehr ruhig und besonnen reagiert. Während man in Frankreich ja gerne und schnell „en colère“ ist, war es hier ganz anders.

Zurück in unserer Wohnung haben wir die weiteren Meldungen der DB Reisebegleitung zur Kenntnis genommen. Bis hin zur krönenden 12. Meldung von 23.41: Ankunft in Frankfurt .wie bei Meldung 11- um 03.08. (!). Aber jetzt neu: „Die Ankunft Ihrer heutigen Reise mit S 5 (eigentlich müsste es ja heißen: Ihrer morgigen Reise) verspätet sich um 5 Minuten.“ Ankunft also 23.57 statt 23.52!!! Schön wär’s gewesen, aber absurder geht es nicht. Dass es eine zeitaufwändige Herkulesaufgabe ist, die jahrelang heruntergewirtschaftete Bundesbahn wieder fit zu machen, ist völlig klar, und da kann man keine Wunderdinge erwarten. Die Bundesbahn ist auch nicht für die französische Oberleitung zuständig und verantwortlich. Aber dass die Information der Fahrgäste derart katastrophal ist, müsste doch -nach meinem naiven Verständnis- nicht sein und sich durch eine Verbesserung der Kommunikation/der Software (?) doch wohl abstellen lassen. Oder verlange ich da zu viel?

Patricia und Klaus, Freunde aus der Heimat, die auch ein paar Tage in Paris waren und zufällig mit demselben Zug nach Frankfurt zurückfahren wollten, entschieden sich, trotz aller Probleme nicht wie wir aufzugeben. Für sie war das Abenteuer noch nicht zu Ende. Patricia hat für ihre Enkelin darüber eine Geschichte geschrieben:

Wenn einer eine Reise tut- oder: Wie ich lernte, die Deutsche Bahn zu lieben

Eigentlich fahre ich gern Zug. Ehrlich. Ich mag es, aus dem Fenster zu schauen, einen Kaffee zu trinken und mich entspannt von A nach B bringen zu lassen. Heute allerdings wollte das Universum offenbar testen, wie belastbar ich wirklich bin.

19.07 sollte mein Zug von Paris nach Frankfurt losfahren. Also war ich pünktlich am Bahnhof, reiste geschniegelt mit der Metro an und gönnte mir bei schlanken 32 Grand noch einen Kaffee. Ganz entspannt beobachtete ich die Anzeigentafel. Die beobachtete allerdings lieber mich. Zuerst verschob sich die Abfahrt um eine Viertelstunde, dann nochmal um eine halb mehr, dann um über eine Stunde…Nach 4 Stunden Wartezeit hatte ich das Gefühl, ich gehöre inzwischen zum Inventar des Bahnhofs. Die Tauben nickten mir schon vertraut zu, und das Café hätte mir beinahe einen Stammplatz eingerichtet, wenn es nicht schon längst geschlossen gewesen wäre. Irgendwann hieß es sogar: „Vielleicht fahrt der Zug heute gar nicht mehr“.

Ich überlegt bereits, in Paris ein neues Leben zu beginnen. Doch um 23.55 geschah das Unfassbare: Auf der Anzeigetafel erschien tatsächlich neben unserem ICE nach Frankfurt ein Gleis. Plötzlich verwandelten sich hunderte erschöpfte Reisende in olympiareife Sprinter. Wer jemals behauptet hat, Zugfahren sei gemütlich, hat noch nie erlebt, wie Rentner mit Rollkoffern einen 100-Meter-Sprint hinlegen.

Endlich an meinem reservierten Platz angekommen, setzte ich mich erleichtert ans Fenster. Platsch. Mein Sitz war so nass, dass ich innerhalb weniger Sekunden aussah, als hätte ich beschlossen, die Seine zu durchqueren. Die Jeans waren komplett durchweicht. Also suchte ich mir einen anderen trockenen Platz in der Nähe. Der war allerdings reserviert. Und eine junge Dame, die jetzt auch im Abteil ankam, machte mir klar, dass ich dort ungefähr so willkommen war wie eine Möwe beim Frühstück. Also weiter. Nach dem dritten Umzug hatte ich endlich einen freuen Platz gefunden. Der war wenigstens trocken, aber die Wagen waren verdreckt, die Toiletten nicht oder kaum benutzbar, das Bordrestaurant hatte seinen Dienst eingestellt und die Klimaanlage auch. Der Zug hatte sich in eine Sauna verwandelt. Alle wedelten mit Zeitungen, tickets oder ihren letzten Hoffnungen. Der Duft war eine Mischung aus Fitnessstudio, Marathon und gereiftem Camembert.

Nach einer Stunde Fahrt meldete sich die Zugbegleitung. „Liebe Fahrgäste, wir müssen den Zug leider wechseln.“ Irgendwelche Funktionen seien ausgefallen. Welche genau wurde nicht mitgeteilt. Aber das hatten wir ja am eigenen Leibe mitbekommen. Jetzt hoffen wir also auf einen neuen Zug..

Ich habe aufgehört zu fragen, wann wir in Frankfurt ankommen. Im Moment wäre ich schon zufrieden, wenn wir bis Weihnachten Deutschland erreichen. Aber eines muss man dem Tag lassen: Langweilig war er wirklich nicht…

Soweit Patricias Geschichte…

Wir hatten eine ruhigere Nacht und am nächsten Morgen war das Glück uns hold. Zunächst allerdings sah es gar nicht danach aus: Als wir rechtzeitig für den 9 Uhr-Zug zum Gare de l’Est kamen: Fehlanzeige. Aber der 7 Uhr-Zug war offenbar noch nicht abgefahren. Also im Spurt zum Bahnsteig! Freundliche Bahnbedienstete wollten gar nicht unsere Fahrkarten sehen, ohne deren Kontrolle man sonst in Paris gar nicht auf den Bahnsteig kommt. Sie trieben uns an, schnell in den ersten Wagen einzusteigen. Hinter uns schloss sich die Tür, und der Zug fuhr ab, als hätte er extra auf uns noch gewartet…

Die anteilige Erstattung des Fahrpreises für die Verspätung kam übrigens postwendend. Das soll immerhin anerkennend vermerkt werden!

Gerne hätten wir auch anerkennend vermerkt, dass unsere für den 2.7. gebuchte Rückfahrt nach Paris unproblematisch verlaufen wäre. Das war aber nicht der Fall. Erste Meldung der DB-Reisebegleitung: Wegen Verspätung bei der S-Bahn kann der ICE mit der planmäßigen Abfahrt 18.53 vom Hauptbahnhof Frankfurt nicht erreicht werden. Dann aber die Korrektur: Der Zug kann doch erreicht werden, weil der ICE erst mit 15 Minuten Verspätung bereitgestellt werden kann. Das ist ja nochmal gut gegangen!

Nächste Meldung 19.04 Uhr: Jetzt sind es 30 Minuten Verspätung bei der Abfahrt, aber immerhin nur 16 Minuten Verspätung bei der Ankunft in Paris. Da kann der ICE zwischendurch also offenbar etwas Gas geben, sozusagen. Aber das kann er dann doch nicht: Denn nur 5 Minuten später (!), also 19.09 Uhr, verkündet die Bahn das Aus für den Zug;

Da bleiben nur Ärger und Enttäuschung und der Weg zurück nach Hause. Immerhin müssen wir uns nicht in die lange Warteschlange vor dem Info-Schalter der Bahn einreihen, um einen Hotelgutschein zu erhalten. Neuer Anlauf morgen. Da versuchen wir es vielleicht besser mal mit einem TGV…

Anmerkungen

(1) Siehe: https://www.bfmtv.com/economie/entreprises/transports/des-rails-qui-peuvent-monter-jusqu-a-70-degres-30-minutes-d-autonomie-pour-la-clim-en-cas-de-coupure-de-courant-pourquoi-la-canicule-fragilise-les-trains-de-la-sncf_AV-202605290215.html)

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/hitzeprobleme-der-bahn-haben-zu-lange-an-vielen-stellen-gespart/vi-AA26wusd

(2) Ein paar Tage später berichtete die Zeitung Le Républicain Lorrain: „Fast 380 Fahrgäste des ICE Frankfurt-Paris waren während mehr als 3 Stunden ohne Klimatisierung in der Nähe von Stiring-Wendel in ihrem Zug blockiert.“ Der 18.53 in Frankfurt gestartete Zug hatte kurz hinter der deutsch-französischen Grenze eine Panne. Nach gut 3 Stunden wurde er von einem französischen Nahverkehrszug (TER) zum Bahnhof Forbach abgeschleppt. Schließlich konnten die Fahrgäste in zwei TGVs die Fahrt nach Paris fortsetzen. Statt um fahrplanmäßige 22.53 kamen sie dort am nächsten Morgen um halb 6 an….https://www.republicain-lorrain.fr/transport/2026/06/27/pres-de-380-voyageurs-de-l-ice-francfort-paris-bloques-pendant-plus-de-trois-heures-sans-climatisation-a-hauteur-de-stiring-wendel

Siehe auch diesen Blog-Beitrag vom Dezember 2025:

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