Der Ruhm Calders beruht vor allem auf seinen wunderbaren von der Luft bewegten Skulpturen, den Mobiles, einer von ihm erfundenen neuen Kunstform.

.Und natürlich ziert eines dieser Mobiles das Ausstellungsplakat und ist dann in der Eingangshalle der Fondation Louis Vuitton auch im Original und in leicht beschwingter Form zu sehen. [1] Und in der Ausstellung sind dann zahlreiche andere dieser beweglichen Skulpturen zu sehen und zu bewundern.

Black Widow 1948
Dieses Mobile fertigte Calder für eine Ausstellung in Brasilien an. Trotz seiner Größe ist es von außerordentlicher Feinheit. Drei der Elemente sind durchbrochen: Öffnungen für Licht, Luft und Blicke.

Schattenspiele


Arc of petals, 1941 (Peggy Guggenheim Collection, Venedig)

Yucca, 1941

Blizzard, 1950 (Sprengel Museum, Hannover)
Dass in diesem Jahr eine Calder-Ausstellung in Paris stattfindet, hat seinen Grund in einem Jubiläum: Genau vor 100 Jahren, am 24. Juli 1926, kam Calder in Paris an. Hier erhielt er entscheidende Impulse für sein Schaffen. Paris wurde zu seiner „ville de coeur“, und Calder wurde in Paris zum „französischsten der amerikanischen Künstler“. [2] Über dreihundert Werke Calders sind in der Fondation Vuitton ausgestellt, in dem Bau Frank Gehrys, der, wie Le Monde (16.4.26) schrieb, geradezu konstruiert zu sein scheint, um Calder zu präsentieren: „Die scheinbare Leichtigkeit und die latente Instabilität seiner Werke stehen im Dialog mit der Architektur.“
Calder in Paris
Calder fügt sich in das kreative und pulsierende Umfeld der Künstler von Montparnasse ein. Die Stadt ist zu dieser Zeit das weltweite Zentrum des künstlerischen Schaffens und der Avantgarde. (6) Es sind -analog zu den Berliner „goldenen zwanziger Jahren“- die „années folles“ von Paris. In Montparnasse trifft Calder Künstler wie Foujita, Man Ray, Kiki de Montparnasse, Robert Desnos und schließt Freundschaften mit anderen wie Hans Arp, Piet Mondrian, Joan Miro, Fernand Léger…

Kiki de Montparnasse II, (Centre Pompidou)
Alice Prin, genannt Kiki de Montparnasse, war Sängerin, Tänzerin, „Muse“ von Man Ray. Calder fertigt 1930 ein erstes Drahtportrait von ihr an. Das zweite, in der Ausstellung präsentierte, betont die charakteristische spitze Nase Kikis. „Sie hatte eine wunderschöne Nase, die sich in den Raum zu erheben schien“, erinnert sich Calder in seiner Autobiographie.
Eine weitere zentrale Figur dieser wilden Pariser Jahre war Josephine Baker . Calder war von ihr offenbar so fasziniert, dass er gleich eine ganze Reihe von Draht-Portraits anfertigte. Josephine Baker erregte ja vor allem Aufsehen durch ihren Tanz, und dazu passen die schwebenden, sich im Luftzug bewegenden und unterschiedliche Schatten an die Wand werfenden Drahtfiguren ganz besonders gut.

Josephine Baker IV (um 1928)

Calder mit einem Portrait aus Eisendraht. Foto von Ewald Hoinkis. Berlin 1931
Wie andere Künstler dieser Zeit war Calder besonders fasziniert von der Welt des Zirkus.

Circus-Szene 1929
Daraus entsteht allmählich das Konzept seines Cirque miniature, der zu einer Attraktion der Pariser Avantgarde wird. Er besteht aus mehr als 160 Figuren und Accessoires, hergestellt aus Eisendraht, Fäden, Knöpfen und allerlei alltäglichen Fundstücken, bearbeitet „dans l’esprit d’une recyclage ingénieux et d’art modeste.“(12) Alles, was zu einem Zirkus gehört, ist hier versammelt: Akrobaten, Clown, Tänzerin, Dompteur, dressierte Tiere, Zirkusdirektor….

Two Acrobats, Catapults and Platform structure (Ausshnitt) Whitney Museums in New York.
Ein zeitgenössischer Film zeigt Calder, wie er sehr konzentriert die Figuren bewegt, begleitet von einer zum Zirkus passenden Musik, die seine Frau von einem Grammophon abspielt.
Bei den Präsentationen im privaten Rahmen lernt er Fernand Léger, Le Corbusier und Theo van Doesburg kennen, die seine Freunde werden. Auch Léger ist von dem Thema Zirkus fasziniert.

Fernand Léger, Les Perroquets (Les Acrobates), 1933
Hier versucht Léger Bewegung bildnerisch darzustellen. Dieses Ziel verbindet Léger und Calder, auch wenn sie dafür unterschiedliche künstlerische Mittel verwenden.

Calders Drahtportrait von Fernand Léger- mit Schattenwurf- 1930 (Privatsammlung)
Ein entscheidender Wendepunkt seines Schaffens, der „moment charnière“, wie es es nannte, war 1930 in Paris die Begegnung mit Piet Mondrian. Der Besuch in Mondrians Atelier habe ihn erschüttert und sein Werk in eine neue Richtung gelenkt, schreibt Calder im Rückblick. (8)

Mondrian: Composition in Colours/Composition No. I with Red and Blue 1931 (Museo National Thyssen-Bornemisza, Madrid)
Calder ist fasziniert von der abstrakten Kunst Mondrians, von der er sich zunächst in eigenen Bildern anregen lässt.

Calder: Untitled 1930
Allerdings übernimmt Calder nicht die strengen geometrischen Formen Mondrians: neu ist zwar die Abstraktion, aber das gerade für seinen Zirkus zentrale Element der Bewegung behält er bei. Und das für Calder so wichtige Arbeitsmaterial, der Draht, wird auch Gegenstand eines Bildes.

Untitled, 1930
1931 stellt Calder erste bewegliche Skulpturen her, die von Marcel Duchamp den Namen mobiles erhalten. Zunächst sind es von Motoren angetriebene Konstruktionen.

Machine motorisée (1933)
Bei dem Mobile Small Sphere and Heavy Sphere von 1932/33 ersetzt Calder die Maschine durch den Menschen. Das Mobile besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: einer heavy sphere aus rotem Metall und einer kleinen Holzkugel, der small sphere. Wenn man die große vorsichtig anstößt, setzt sich die kleine Kugel in Bewegung und schwingt durch den Raum. Dabei stößt sie ab und zu und unvorhersehbar an sieben auf dem Boden verteilte Gegenstände des Alltags (Flasche, Konservenbüchse, Holzkiste, aber auch einen Gong), die auf dem Boden und in den möglichen Flugbahnen der kleinen Kugel stehen.


Ursprünglich waren es die Zuschauer selbst, die die große Sphäre anstoßen und die Objekte auf dem Boden nach ihren Vorstellungen anordnen konnten – entsprechend einer Idee von Duchamp, nach der 50% der Kunst ein Werk des Zuschauers sind. In der Ausstellung sind es allerdings nicht die Zuschauer, die die große Sphäre anstoßen, sondern ein Mitarbeiter der Ausstellung, der allerdings die Anordnung der Objekte auf dem Boden nicht verändert.

Trotzdem ist das Schauspiel der durch den Raum schwebenden und ab und zu anstoßenden und Klänge erzeugenden kleinen Kugel ein faszinierendes visuelles, akustisches und emotionales Schauspiel das man dreimal täglich (12, 15 und 17 Uhr) beobachten und bewundern kann.
Schließlich aber verzichtet Calder auf menschliche oder maschinelle Einwirkung, sondern vertraut, wie er es formulierte, den „freien und natürlichen“ Kräften, dem Wind, dem Luftzug, von denen die auf einer festen Unterlage stehenden oder an den Decke aufgehängten Mobiles beweget werden.

Object with red discs, 1931

Untitled, um 1932

Cône d’ébène, 1933
Alexander Rower, Calders Enkel und Gründer der New Yorker Fondation Calder, von der der Großteil der in Paris gezeigten Werke stammen, hat den Schaffensprozess seines Großvaters beschrieben: „Wenn man ihm bei der Herstellung eines Mobiles zusah, bestand sein Vorgehen darin, verschiedene Formen auszuschneiden, sie auf einem Tisch anzuordnen und zwei Teile näher zusammen- oder weiter auseinander zu schieben, bis er genau den Moment der energetischen Resonanz im Zwischenraum gefunden hatte. Die Kunst liegt ganz und gar im Raum zwischen den Elementen, nicht in den Metallstücken. Anschließend ordnete er diese beiden Teile im Raum an und fügte dann das nächste und das übernächste hinzu.“
Rower sieht hier eine Parallele zu den Papierschnitten von Matisse: Dessen Arbeitsprozess habe ja auch aus zwei Phasen bestanden: dem Ausschneiden von Formen, einem fließenden spontanes Prozess, und dann der Anordnung dieser Formen auf einem Papierbogen oder einer Wand. Bei Matisse wie Calder gebe es da eine unglaubliche Freiheit und alles erscheine leicht und einfach, in Wirklichkeit sei das aber das Ergebnis großer, lebenslanger Erfahrung. [3]
1933 kehrt Calder unter dem Eindruck der europäischen faschistischen Bewegungen in die USA zurück. Aber er bleibt Frankreich verbunden. Er nimmt Teil an den Aktivitäten der 1940 gegründeten Gruppe France Forever, die den französischen Widerstand gegen Nazi-Deutschland unterstützt. Ihr schenkt er 1942 ein großes Mobile, gewidmet den Widerstandskämpfern von France Libre.

France Forever, 1942 (musée de l’Armée, Paris)
Im oberen Teil symbolisieren drei Metallplättchen in den französischen Nationalfarben und das strahlend sonnengelbe Lothringische Kreuz de Gaulles die Résistance. Sie triumphieren über die dunklen Mächte des Faschismus im unteren Teil des Mobile.
Calder darf also nicht auf das Spielerische reduziert werden. Er war ein durchaus politischer Künstler. Das zeigt auch seine Fontaine au mercure, der Quecksilber-Brunnen, aus dem Jahr 1937, zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Es war sein erster öffentlicher Auftrag, geschaffen für die Eingangshalle des Pavillons der spanischen Republik auf der Weltausstellung von 1937, und dort präsentiert zusammen mit Picassos Guernica. Der Brunnen ehrt die Bergleute der Quecksilber-Minen von Almaden, die bei der Belagerung der Stadt den Truppen Frankos erfolgreich Widerstand leisteten. [4]

Das Original ist in Barcelona in der Fondation Joan-Miro ausgestellt, wobei die Zuschauer durch einen Glaskasten von den giftigen Dämpfen geschützt werden. Deshalb ist in der Ausstellung nur ein Modell zu sehen.
Calder XXL
Calder stellte aber nicht nur mobiles her, sondern auch die fest auf dem Boden stehenden mit Stahl gefertigten sogenannten stabiles, wie Hans Arp sie nannte..

Stabile mit Jean Arps Femme, 1927)


Das Mobile The S-Shaped Vine von 1946 hinter dem Stabile La Grande Vitesse von 1969

Sabot, 1963

In der „cathédrale“, dem höchsten Ausstellungssaal der Fondation Louis Vuitton ist neben dem Stabile Sabot auch Southern Cross von 1963 aufgestellt: Das giraffenähnliche Southern Cross, eine Mischung von Mobile und Stabile, hat eine Höhe von 6 Metern!
1963 hatte Calder auch wieder in Frankreich Fuß gefasst nnd neben seinem Atelier in den USA ein weiteres in dem im Tal der Indre gelegenen Saché (Tourraine) aufgebaut. Calder erhielt damals auch aus Europa zahlreiche Aufträge für monumentale Skulpturen im öffentlichen Raum. [5] In der Ausstellung ist eine eindrucksvolle Bilderserie der XXL-Stabiles aus aller Welt zu sehen.
Zwei dieser Arbeiten sind auch auf dem Außengelände der Fondation Vuitton aufgebaut – eine Premiere in der Geschichte des Baus.

Five Swords von 1976 und Black Flag von 1974

Die Wiese, auf denen die beiden Stabiles stehen, ist ein Eldorado für Kaninchen.

Es gibt aber auch Pfauen, die sich gerne in ihrem Federschmuck präsentieren. passend zu Calders Pfauen-Mobile drinnen.

Insgesamt „eine Ausstellung, die zu sehen viel Freude macht, gerade in Zeiten, in denen wir das besonders brauchen.“ So das treffende Schlusswort der Zeitung Le Monde zu ihrem Ausstellungsbericht. Dem kann ich mich nur anschließen. Wir waren jedenfalls ganz beschwingt, als wir uns auf den Rückweg machten.
Aber um Calder noch ein wenig nachwirken zu lassen, mit einem kleinen Abstecher zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense. (Leicht zu erreichen mit der Metro-Linie 1)

Blick aus dem vordersten Wagen der Metro 1 auf die Grande Arche
In dessen zentraler Achse, der Esplanade de la Défense, ist neben einer ganzen Reihe von Kunstwerken auch ein weiteres monumentales Stabile Calders aufgestellt.

Calders Grand Stabile Rouge oder l’Araignée Rouge auf der Esplanade de la Défense. Im Hintergrund La Grande Arche.[6] Dieses 35 Meter hohe und 75 Tonnen schwere Stabile wurde 1976 hier installiert, dem Todesjahr Calders, an das 50 Jahre später die Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton auch erinnert.
Anmerkungen:
[1] Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel
Titelbild: Four Leaves and Three Petals, 1939 (Centre Pompidou)
Lesedauer 5 Minuten
[2] connaissance des arts, Calder, Rêver en équilibre. Fondation Louis Vuitton 2026, S. 4. Weitere Zitate mit Seitenangaben sind diesem Heft entnommen
[3] Alexander S.C. Rower im Gespräch mit Harry Bellet in Le Monde vom 16. April 2026)
[4] Abbildung aus: https://calder.org/works/unusual-project/mercury-fountain-1937/ Zur politischen Dimension des Werks siehe u.a. Calder, Connaissance des arts S. 58/59 Im Wikipedia-Eintrag zu Calder https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Calder wird dieser politische Bezug nicht genannt. Dort heißt es, der Brunnen ehre die Todesopfer des Quecksilber-Abbaus.
[5] https://www.atelier-calder.com/alexander-calder
[6] Bild aus: https://de.pinterest.com/pin/9710955432338989/
Zur Fondation Louis Vuitton siehe auch den Blog-Beitrag:
J'ai raté les lapins et
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