Notre – Dame, wie es war und hoffentlich bald wieder sein wird

Die schrecklichen Bilder der brennenden Kathedrale Notre- Dame haben wir nur im Fernsehen gesehen, aber sie gehen uns sehr nahe – so wie 9/11 die Bilder der brennenden Türme in New York.  Von unserer kleinen Terrasse im 11. Arrondissement aus kann man die Glockentürme der Kirche und  konnten wir auch den spitzen Dachreiter sehen, der jetzt eingestürzt ist.  Seit ich  als Schüler (per Anhalter) zum ersten Mal in Paris war und bis heute ist Notre Dame für mich immer ein magischer Ort gewesen.

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Ein Blick -wie es war-  von unserer Terrasse: rechts die Türme von Notre -Dame, in der Mitte der jetzt umgestürzte Dachreiter Viollet-le-Ducs aus dem 19. Jahrhundert, dazwischen und dahinter ein Turm von Saint Sulpice. Links die Kuppel von Saint Paul. 

Nachfolgend sind einige Bilder zusammengestellt, in wir in den letzten Jahren aufgenommen haben: Bilder als Ausdruck der Trauer und der Hoffnung, dass Notre Dame -trotz aller unwiederbringlicher Verluste-  sich möglichst bald wieder im alten Glanz zeigen wird.

(Eingestellt in der Nacht vom 15./16. April)
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Die Fassade von Notre- Dame im Glanz der Abendsonne

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Weihnachtsbäume vor Notre- Dame

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Son et Lumière

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Während der Französischen Revolution abgeschlagene Köpfe der Königsgalerie.  Die dortigen Statuen wurden irrtümlich für französische Könige gehalten und deshalb geköpft und als Baumaterial verkauft. 1977 wurden bei Bauarbeiten 21 Königsköpfe entdeckt. Sie sind heute im Musée Cluny ausgestellt.

Die Darstellung des jüngsten Gerichts vom Mittelportal der Kathedrale

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Die apokalyptischen Reiter kündigen sehr drastisch das nahende Weltende an.  Hier der Krieg mit Schwert und verbundenen Augen, der einen Toten mit heraushängenden Därmen mit sich schleppt.

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Die Seelen werden gewogen

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Das Jüngste Gericht verschont weder Adel noch das geldgierige Bürgertum. Und auch nicht die sündigen Kleriker.

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Eva (vom linken Hauptportal)  bemerkt nicht die Kralle und den Schlangen-Unterleib der Verführerin

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Dieses Teufelchen lieben wir besonders. Wenn wir im Abendlicht mit den Fahrrädern an Notre Dame vorbei fahren, betrachten wir es immer mit großer Freude.

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Prozession der peruanischen Gemeinde am Hauptportal

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Fensterrose des südlichen Querschiffs

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Haben die hier weitgehend noch original erhaltenen wunderbaren Glasfenster den Brand überlebt?

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Reliefs vom Nordportal

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2013 wurde das 850-jährige Jubiläum der Kirche gefeiert. Das Motto war ein Satz des Augustinus: Via viatores quaerit.  Ich bin der Weg, der Menschen sucht, die ihn beschreiten.

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Blick ins Mittelschiff und den Chor. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Chor leicht nach links abknickt. Von dem rechten oberen Chorfenster ist deshalb, steht man genau in der Mitte der Kirche, mehr zu sehen als vom linken Chorfenster.  Notre- Dame ist also gewissermaßen eine „cathédrale tordue“.  Vielleicht sollte  damit der geneigte Kopf des sterbenden Christus am Kreuz symbolisiert werden. Aus der Luft gegriffen ist diese Erklärung jedenfalls  nicht. Immerhin gibt es ein  Traktat von Pierre de Roissy aus dem Jahr 1200 über die Form von Kirchen, in dem betont wird, Christus habe „seine Seele ausgehaucht, indem er seinen Kopf geneigt habe“.

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Das Blau ist die Farbe Marias, der die Kirche geweiht ist.

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Marienfigur in der Vierung, in der Querhaus und Mittelschiff sich kreuzen. Sie gab den Anstoß für die Hinwendung Paul Claudels zum Katholizismus.

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Konzert der Maîtrise Notre- Dame de Paris mit gregorianischer Musik

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Ausstellung der neuen Glocken im Mittelschiff von Notre -Dame  (2013)

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Und jetzt wieder am angestammten Platz im Nordturm

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Szenen der biblischen Geschichte im Chorumgang

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Alle diese wilden Kerle, „die katholischen Samurai“ (Peter Handtke),   die dem Bösen wehren sollen, konnten den Brand nicht verhindern.

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Blick vom Pont de Sully bei Sonnenuntergang

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                            Samstags gab es immer kostenlose Orgelkonzerte in Notre -Dame.                            Wann wird es sie wieder geben?

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Die 2012/2014 restaurierte Cavaillé-Coll- Hauptorgel auf der Westempore. Ob sie beschädigt wurde, ist noch unklar.

 

Nachfolgender Beitrag:

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre- Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs    https://wordpress.com/post/paris-blog.org/12149

 

 

Das Labyrinth von Chartres

Einen Ausflug nach Chartres zu empfehlen, ist sicherlich nicht sehr originell. Die Bedeutung und Schönheit der Kathedrale sind hinlänglich bekannt: Das Königsportal im Westen ist „l’une des merveilles de l’art roman“ (eines der Wunderwerke der Romanik; Michelin, Ile de France 1998, S. 81), und die Glasfenster mit ihrem unnachahmlichen Blau und insgesamt 5000 Abbildungen sind selbst im Land der Kathedralen einmalig. Rodin nannte Chartres „l’acropole de la France“, und als vor Jahren einmal Pepsi Cola ein begehrliches Auge auf den französischen Lebensmittelkonzern Danone geworfen hatte, machte dessen Vorstandsvorsitzender unmissverständlich klar: „Danone, c’est la cathédrale de Chartres. On n’achète pas la cathédrale de Chartres“.  (Le Monde, 26.10.2010. Danone ist die Kathedrale von Chartres. Man kauft nicht  Chartres). Damit war die Unantastbarkeit seiner Firma gewissermaßen in Stein gemeißelt.

Dass ich trotzdem Chartres in die kleine Sammlung meiner Ausflugsempfehlungen aufnehme, hängt mit einer Entdeckung zusammen, die wir gemacht haben, als wir auf der Rückfahrt von ein paar Tagen am Meer (St. Malo)  in Chartres Station machten. Es war ein Freitag  Nachmittag, die Stühle im vorderen Teil des Kirchenschiffes waren weggeräumt. Einige Besucher –manche mit einer Kerze in der Hand- gingen langsam herum, manchmal nebeneinander, manchmal in entgegengesetzter Richtung, aber ohne sich zu berühren,  manchmal drehten sie sich, aber es waren immer kreisförmige Bahnen, eine eigentümliche ruhige Choreographie.

Als wir näher kamen, sahen wir auf dem Boden die kreisrunden schwarzen und hellen Bänder, denen die Besucher vorsichtig folgten und entdeckten das Labyrinth von Chartres.

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Ich war schon mehrfach in Chartres gewesen,  zuerst vor  50 Jahren mit meinem Schulkameraden Winfried – (Paris per Anhalter!) – aber das Labyrinth war mir nie aufgefallen. Wohl nicht nur, weil man in der Kirche eher nach oben zu den Fenstern blickt: Außer freitags ist das Labyrinth immer mit Kirchenbänken zugestellt, so dass man es kaum sehen kann- und diesmal hatten wir –zufällig- gerade einen Freitagnachmittag erwischt. Auch in dem großen Bildband über französische Kathedralen, den ich mir nach meiner ersten Frankreich-Fahrt von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht hatte, ist kein Bild eines Labyrinths enthalten. Und selbst in meinem Reiseführer, der auf mehreren Seiten die Kathedrale beschreibt und rühmt, ist das Labyrinth mit keiner Zeile erwähnt.

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Das Labyrinth von Chartres: Aus dem  Skizzenbuch des Villard de Honnecourt (um 1232)

Das ist nur allzu bedauerlich, denn das Labyrinth von Chartres ist –wie die Kathedrale insgesamt- ganz einzigartig. Es ist mit einem Durchmesser von fast 13 Metern das größte und älteste französische Labyrinth, um 1200 entstanden, Vorbild für viele nachfolgende. Dass  das Labyrinth von Chartres ein architektonisches Vorbild war, wird auch daran  deutlich, dass es von dem mittelalterlichen Archtekten Villard de Honnecourt in sein Skizzenbuch aufgenommen wurde.

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Das Labyrinth in der Kathedrale von Amiens – in der Nachfolge des Labyrinths von Chartres

Das Labyrinth von Chartres  befindet sich im Langhaus direkt hinter dem großen Eingang im Westen. Die kreisrunden Wege des Labyrinths bestehen aus 20-30 cm großen grauen Steinen, die Trennlinien –Mauern- dazwischen aus dunkleren. Insgesamt ist der Weg, den die Gläubigen in dem Labyrinth zurücklegen müssen, 294 Meter lang. Um ihn, wie es im Mittelalter üblich war, knieend und betend zurückzulegen, brauchte man etwa eine Stunde, soviel wie man zu Fuß für eine Meile (lieue) brauchte, deshalb auch der Name La Lieue für das Labyrinth von Chartres. In der Mitte des Labyrinths befand sich eine Kupferplatte, auf der der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus abgebildet war.

Der Anklang an den antiken Mythos ist also deutlich, allerdings verändert das Labyrinth von Chartres –wie die anderen christlichen Labyrinthe- die antike Bedeutung völlig: Folgt man in der Kirche dem vorgezeichneten Weg kann man sich nicht verirren. Der Weg ist zwar verschlungen, manchmal erscheint das Zentrum schon ganz nahe, dann entfernt man sich wieder: Der Weg zum Heil ist verschlungen, auf ihm sind Reue und Buße für die begangenen Sünden gefordert. Nicht von ungefähr umfasst der Weg insgesamt 11 Kreise- und 11 ist die Zahl des Irrtums: 10 Gebote plus 1 oder 12 Apostel weniger 1.  Schließlich gelangt man aber doch zum Ziel.  Der Ariadne-Faden ist hier der Glaube, der einen, wenn man nur geduldig genug ist, unweigerlich ins „himmlische Jerusalem“ führt. Danach geht man den Weg zurück und kann als neuer, geläuterter Mensch vor den Altar treten.

Die spirituelle Bedeutung dieses irdischen Wegs zum Heil wird noch dadurch unterstrichen, dass das Labyrinth die gleiche Größe hat wie die große Fensterrose im Westen, die das Jüngste Gericht zum Thema hat. Und das ist kein Zufall: Der Architekt Villard de Honnecourt hat 1230 den Plan der Rosette und den des Labyrinths gleichzeitig gezeichnet. Und nicht nur das: Würde man die Westfassade ins Kirchenschiff absenken, so würde die Rosette des Jüngsten Gerichts genau das Labyrinth bedecken. Aber der Gläubige ist auf dem Weg zum

Heil/zum Licht nicht alleine: Am 15. August jeden Jahres, dem Fest der Jungfrau Maria, strahlt die Sonne genau durch das Marienbild im großen mittleren Fenster der Westfassade und erleuchtet die Kupferplatte in der Mitte des Labyrinths!

Ich muss gestehen, dass ich mich  schon beim Weg durch das Labyrinth von Chartres und danach bei der weiteren Beschäftigung mit ihm seiner Faszination nicht entziehen konnte. Und was für ein Glück, dass es –bis auf die zentrale Platte- unverändert durch die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Andernorts war das nicht so: In der Kathedrale von Reims beispielsweise wurde das große Labyrinth kurz vor der Französischen Revolution zerstört. Man hatte die religiöse Bedeutung der Labyrinthe vergessen, sie wurden als Orte des Aberglaubens verstanden, auch für Tanzvergnügungen und dergleichen zweckentfremdet, so dass  sie vielfach auf Veranlassung des Klerus beseitigt wurden.

Übrigens gibt es in der Kathedrale von Chartres auch noch weitere geometrische (und sicherlich auch arithmetische) Besonderheiten. Beispielsweise lässt sich der Grundriss auf drei flächengleiche geometrische Figuren zurückführen: ein Rechteck mit dem Seitenverhältnis 2:1, das die Größe des Chores bestimmt; ein Quadrat, das mit seinen Ecken die Breite des Langhauses festlegt; und ein Kreis, der am Hauptportal endet und damit die Länge des Langhauses bestimmt. Zufall? Symbol der Dreieinigkeit? Es gibt sicherlich noch viel zu entdecken! Und noch viele offene Fragen!

 

Praktische Information: Nach Chartres gelangt man mit dem Auto, aber auch gut in ca. einer Stunde vom Bahnhof Montparnasse aus. Das Labyrinth ist zugänglich jeden Freitag, beginnend vom ersten Freitag der Fastenzeit bis zum letzten Freitag im Oktober.