Sie passte in kein Schema: Die republikanische Heiligsprechung Josephine Bakers

2019 lancierte der französische Essayist Laurent Kupfermann die Petition „Osez Joséphine“.[1] Es  war eine Aufforderung an den französischen Präsidenten, den Mut aufzubringen, Josephine Baker ins Pantheon, die französische Ruhmeshalle, aufzunehmen. Am 30.11. 2021 war es dann so weit:  Das Portal des Pantheons war in den Farben der Tricolore angestrahlt und der Name und Portraits von Josephine Baker wurden auf die Fassade projiziert.

Josephine Baker - Ikone mit politischer Botschaft

Dann wurde der Sarg von sechs Soldaten der Luftwaffe in das Pantheon getragen, wo sich Präsident Macron vor ihm verneigte[2] und in seiner Würdigungsrede Baker als Verkörperung des esprit français rühmte.[3] Im Elysée-Palast konnte man zufrieden bilanzieren, die Pantheonisierung Josephine Bakers sei auf einhellige, ja begeisterte Zustimmung gestoßen.

Mut brauchte der französische Präsident aber durchaus, diese Entscheidung -die ihm allein zukam- zu treffen. Immerhin ist Josephine Baker die erste schwarze Frau im Pantheon; erst 1937 wurde sie durch ihre Heirat mit einem Franzosen französische Staatsbürgerin; und berühmt wurde sie als gewagte Varieté-Tänzerin und extravagante Repräsentantin der wilden Pariser 1920-er und 1930-er Jahre: In einem Pantheon, in dem fast ausschließlich gesetzte Männer, und zwar vor allem Politiker, Militärs und Wissenschaftler, vertreten sind, eine exotische Ausnahmeerscheinung.

Schon 2013 hatte Regis Debray in einem Meinungsbeitrag der Tageszeitung Le Monde die Idee einer Aufnahme von Josephine Baker ins Pantheon lanciert: Et si Joséphine Baker entrait au Panthéon?[4] Auch ihm war bewusst, dass dies ein mutiger, ja  geradezu revolutionärer Akt sein würde. Denn damit würden dort zum ersten Mal künstlerische Formen repräsentiert sein, die bisher als des republikanischen Ehrentempels unwürdig erachtet wurden: der Tanz, der Jazz, die Musik, auch das so Frankreich-typische  chanson. Selbst dessen herausragendste und populärste Interpreten wie etwa Edith Piaf, Charles Aznavour, Juliette Gréco oder Georges Brassens  -sicherlich doch auch würdige Vertreter des  esprit français-  hatten da  (bisher jedenfalls) keine Chance[5].

Dass Macron es gewagt hat und wagen konnte, Josephine Baker zu pantheonisieren, ist vor allem ihrem Engagement im Zweiten Weltkrieg auf der Seite des „freien  Frankreichs“ des Generals de Gaulle zu verdanken: Das ist zwar nicht so bekannt und populär wie ihr Tanz im Bananen-Röckchen, aber es ist gewissermaßen ein offizieller Türöffner des Pantheons. Engagement in der Résistance ist in den letzten Jahren immer wieder eine entscheidende Grundlage für Pantheonisierungen gewesen.

Insofern ist es nur konsequent, dass Macron  bei seiner feierlichen Würdigung Josephine Bakers durch die Nation von einem Portrait Bakers in der Uniform  eines Unterleutnants der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ flankiert war.

© Sarah Meyssonnier/Reuters

Josephine Baker ist eine faszinierende Frau. Darauf deuten schon die vielen Beinamen hin, die man ihr gegeben  hat- wie, um nur einige zu nennen:  die schwarze Venus, die Muse der Kubisten, eine Ikone der Befreiung (Arte), die Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts,  eine Kriegsheldin und antirassistische Kämpferin (Macron) , eine Humanistin (Le Figaro),  die „schwarze Mata Hari“ (Die ZEIT 1948), la maman du monde, die sensationellste Frau aller Zeiten, die Nofretete der Jetztzeit (beides stammt von Picasso, der immerhin einen  gewissen Überblick hatte).

Aber sie ist auch eine widersprüchliche Frau: In ihren Tänzen bediente sie, wenn auch ironisch gebrochen, rassistische Phantasien und wurde damit zur reichsten schwarzen Frau der Welt; einen ihrer Söhne verstieß sie wegen seiner Homosexualität aus ihrer „Regenbogen-Familie“, obwohl sie doch selbst intensive Beziehungen mit Männern  und Frauen gepflegt hatte. Und ihr Eintreten für internationale Solidarität -auch im Cuba Fidel Castros- hinderte sie nicht daran, sich im Mai 68 auf die Seite de Gaulles und nicht auf die Seite der diese Solidarität einfordernden Pariser Studenten zu stellen.

Bild

Josephine Baker bei der Großkundgebung für de Gaulle und gegen die Revolte von Studenten und Arbeitern am 30. Mai 1968[6]

Regis Debray, ein Kampfgenosse Che Guevaras, hat sie trotzdem für das Pantheon vorgeschlagen: Josephine Baker ist eben, wie er in seinem Plädoyer schrieb, keine Heilige, sondern „une irregulière“, eine, die nicht in die gängigen Schemata passt.[7] Und die spektakulären Höhen und Tiefen ihres Lebens und seine Widersprüche tragen zur Faszination bei, die sie bis heute ausübt.

Man hat von den „1000 Leben“ der Josephine Baker gesprochen. In bitterster Armut und Ausbeutung begann dieses Leben, in Paris wurde sie zum gefeierten Weltstar, engagierte sich dann im Kampf gegen Faschismus, Antisemitismus und Rassismus, und nach dem Krieg gab sie mit ihren in aller Welt adoptieren 12 Kindern ein Beispiel internationaler Solidarität. Aber am Ende ihres Lebens verarmte sie wieder und wäre fast in Obdachlosigkeit geendet. Aber sie erhielt Hilfe und mit ihrer letzten Revue feierte sie ein triumphales come-back auf der Bühne.

Ich möchte im Folgenden die Etappen ihres Lebens nachzeichnen und dabei jeweils auch darauf eingehen, welche Rolle sie jeweils bei der offiziellen Würdigung gespielt haben. Abschließend soll kurz auf die politischen Implikationen dieser Pantheonisierung eingegangen werden. In Frankreich steht ja eine Präsidentenwahl bevor, und da hat die Auswahl einer Person, die ins Pantheon aufgenommen werden soll – eine der exklusiven präsidialen Befugnisse- eine besondere Bedeutung. Die hat Macron auch deutlich unterstrichen, als er seine Würdigungsrede mit den folgenden Worten abschloss: „Mein Frankreich, das ist Josephine. Es lebe die Republik, es lebe Frankreich.“

rue Piat Paris 20. Arrondissement. Foto von Kathrin Rousseau

Die Jugend in den Südstaaten der USA: arm, ausgebeutet, diskriminiert;  Paris: die Erfahrung von Freiheit

Geboren wurde Josephine am 3.6. 1906 als uneheliche Tochter einer schwarzen Wäscherin und eines Spaniers in Saint-Louis.  „Sie wuchs in einer Hütte auf, durch dessen Wellblechdach der Regen tropfte“. Mit acht Jahren musste sie als Dienstmädchen in einer Familie reicher Weißer arbeiten. „Als sie versehentlich einen Teller zerbracht, wurde ihr zur Strafe kochendes Wasser über die Hände gegossen. Sie wurde geschlagen und misshandelt und mit 13 Jahren verheiratet.“[8]  Eine zweite Heirat folgte im Jahr darauf, mit Willie Baker, dessen Namen sie ihr Leben lang behielt. „Sie erlebte eines der schlimmsten Pogrome gegen Schwarze in der Geschichte der USA“, die  East St. Louis riots vom Mai/Juni 1917.[9]  Bei einer Theatertruppe half sie als Ankleidemädchen aus und sprang dort mit 16 Jahren ein, als eine Tänzerin krank wurde. Sie verließ ihren Mann, trat in New Orleans und Philadelphia auf und machte schließlich Karriere auf dem Broadway. Von einer Produzentin von Revuen in Europa ließ sie sich 1925 überzeugen, alle Brücken hinter sich abzubrechen und in Paris ihr Glück zu suchen.

Josephine Baker hat mehrfach ihre ersten Erfahrungen in Paris beschrieben: Wie glücklich sie gewesen  sei, in der Straße ein  Taxi zu rufen, ohne fürchten zu müssen, es würde sie  -wegen  ihrer Hautfarbe- nicht nehmen; wie glücklich sie auch gewesen  sei, in jedes beliebige Restaurant gehen zu können, um etwas  zu essen oder zu trinken; dass sie nicht mehr auf eine für Schwarze reservierte Toilette habe gehen müssen und nicht mehr habe fürchten müssen, angeherrscht zu werden, sie habe sich als Schwarze hinten in der Reihe anzustellen:  “Toi, la Négresse, tu vas au bout de la queue.” Und wie völlig verblüfft sie gewesen sei, als ihr am Bahnhof Saint-Lazare ein weißer Mann die Hand hingestreckt habe, um ihr beim Aussteigen zu helfen und sie angelächelt habe.  [10]

Josephine Baker verließ ihre Heimat, die doch seit der Unabhängigkeitserklärung die Gleichheit aller Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hat, in der sie aber die Erfahrung alltäglicher Diskriminierung machen musste. Und sie kommt nach Frankreich und erlebt Gleichberechtigung und Anerkennung.  Was für eine Genugtuung für das „Land der Menschenrechte“!  Indem Frankreich Josephine Baker ehrt, feiert und ehrt Frankreich auch sich selbst und die idealen Ansprüche der Französischen Revolution.   

Der Aufstieg zur Ikone der wilden 1920-er Jahre

Josephine Bakers  Pariser Karriere begann am 2. Oktober 1925 auf der Bühne des Théâtre des Champs-Élysées, als die 19-Jährige mit ihrem danse sauvage für Furore sorgte.  „Ihre Auftritte in der „Revue nègre“ oben ohne mit Bananenröckchen oder auch gänzlich nackt befriedigten während der Kolonialzeit Stereotype. Baker sei die Fantasie einer Afrikanerin gewesen, nicht die einer schwarzen Amerikanerin, erklärt die Sprecherin des Théâtre des Champs-Elysées, Ophélie Lachaux. Daher sei von ihr gewünscht worden, etwas „Wildes“, „Afrikanisches“ zu tanzen, etwas, das an Stammestänze erinnern sollte.“[11] Kolonialistischen und rassistischen Sterotypen entsprach auch die Werbung für die Revue:

La Revue Negre. Orsi (1889-1947). Lithograph in colours. Dated 1925. 160 x 122cm. Foto: Corbis/Christies Image[12]

Und der Tanz ließ an Wildheit nichts zu wünschen übrig. Aus einer zeitgenössischen begeisterten Kritik:

„Verquetscht und Fratzen schneidend schielt sie, bläst die Backen auf, verrenkt sich, macht Spagat und läuft schließlich auf allen Vieren davon, mit steifen Beinen, den Hintern höher als den Kopf wie eine junge Giraffe. … Und jetzt das Finale. Josephine ist völlig nackt, mit einem kleinen Kranz von blau und roten Federn und einem ebensolchen um den Hals. …. Ein barbarischer Tanz, getanzt von den Girls und von Josephine Baker. Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit….“[13]

Foto: Lorenzo Ciniglio/Corbis/Getty Images[14] 

Hier sieht man Josephine Baker mit ihrem Tanzpartner Joe Alex bei ihrem Pas de deux, den die beiden (im Wesentlichen nur mit Perlen und Federn bekleidet) als Höhepunkt der Revue nègre auf der Bühne hinlegten. 

Kein Wunder also, dass „die Männer ihrer Zeit überwältigt“ sind.[15] Es war dies ja auch die Zeit der Kolonialausstellungen, wo „Eingeborene“ in menschlichen Zoos ausgestellt wurden und sich wie Wilde zu gebärden hatten. Eine Gruppe von Ureinwohnern Neukaledoniens (kanaks) wurde 1931 am Rande der Pariser Kolonialausstellung -und einige von ihnen dann auch im Frankfurter und Hamburger Zoo und auf dem  Münchner Oktoberfest-  als „die letzten Kannibalen der Südsee“  präsentiert und mussten die entsprechenden Rollen spielen.[16]  Aber es war auch die Zeit, wo avantgardistische Künstler -wie der Baker-Bewunderer Picasso-  bei den sogenannten Primitiven Quellen ursprünglicher Ausdruckskraft suchten und fanden.

Im Herbst 1926 lernte Josephine Baker Pepito Abatino kennen, einen sizilianischen Steinmetz, der sich als Graf Di Albertini ausgab. Abatino wurde ihr Geliebter und Manager. Offiziell geheiratet hat sie ihn zwar nicht, bezeichnete ihn aber als ihren Ehemann.[17]

Als Manager war Abatino auch für das Marketing zuständig. Ihm verdankt Josephine Baker ihren internationalen Erfolg.[18]  Systematisch wurde nun das Bild der wilden exotischen Schönheit entwickelt und verbreitet. Dazu gehörte auch der legendäre Auftritt mit dem Bananengürtel in der Revue „Un Vent de Folie“ in den Folies Bergère;

Dazu passte auch Josephine Bakers Haustier, der Gepard „Chiquita“, den das Casino de Paris für sie bei Hagenbeck in Hamburg gekauft hatte.[19]  

© Éditions Assouline[20]  

Der begleitete sie manchmal in Paris bei Fahrten in ihrem Cabrio (mit Schlangenleder-Sitzen) und gehörte auch zu ihren Bühnen-Auftritten. Dann allerdings auch gerne mit einem Edelstein-besetzten Halsband….

Auch das exotische Straußengespann, mit dem sie 1926  anlässlich ihres Gastspiels durch Berlin kutschierte, passte zu diesem von ihr gepflegten  Image.

Foto: General Photographic Agency/ Getty Images[21]

Bereitwillig bediente Josephine Baker rassistische Phantasien ihres Publikums und präsentierte sich als ungezügelte exotische Schönheit. Zwar amüsierte sie sich insgeheim darüber:  „Die Fantasie der Weißen hat es wirklich in sich, wenn’s um Schwarze geht“, wird sie von ihrer Biografin Phyllis Rose zitiert; kein Wunder allerdings, wenn sie auf der Bühne auch die letzten Hüllen fallen ließ. Und kein Wunder auch, wenn das Gegenreaktionen provozierte:  In Wien wurden 1928 anlässlich ihres Gastspiels Sondergottesdienste „als Buße für schwere Verstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ abgehalten. Die Wiener Nationalsozialisten forderten ein Auftrittsverbot für Baker. Das erteilte dann 1929 die Stadt München wegen einer zu erwartenden „Verletzung des öffentlichen Anstands“: Ein schöner Beitrag zur Publicity…. [22]

Zeichnung von Thomas Theodor HEINE (1867-1948) für den Simplicissimus vom 4. März 1929. Credit Coll. Dixmier/KHARBINE-TAPABOR.

Zur Prominenz Josephine Bakers trugen auch ihre Lieder bei: 1930 sang sie ihr wohl berühmtestes chanson: «“J’ai deux amours, mon pays et Paris“, das sie 23 Jahre später veränderte in:  “J’ai deux amours, mon pays c’est Paris“- mein Land ist Paris.

Und ein Leinwandstar wurde sie auch: Hier ein Bild aus dem Film  Zouzou von Marc Allégret (1934)  an der Seite von Jean Gabin.

  © Photo12[23]

Die Liste ihrer Bewunderer, Liebhaber und Liebhaberinnen[25] dieser Zeit ist denn auch lang.

Charlie Chaplin begrüßt und beglückwünscht Josephine Baker nach einem Auftritt. 1500 Heiratsanträge soll sie erhalten haben. Foto: AP [26]

© Apic/Getty Images[27]

Hier sieht man sie um das Jahr 1828 in ihrem Restaurant und Nachtklub Chez Joséphine, das sie mit  Pepito Abatino gegründet hatte. Der sitzt auf ihrer Linken, rechts von ihr Georges Simenon, nach dem Urteil der ZEIT der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Simenon war ein Jahr lang sogar mit ihr liiert, trennte sich dann aber: Im Jahr ihres Zusammenseins hatte er nur vier Bücher zustande gebracht, was für den Autor der Maigret-Romane und Vielschreiber zu wenig war. Das Bild suggeriert allerdings eine etwas trügerische Harmonie. Eifersuchtsdramen waren  im Hause Baker/Abatino an der Tagesordnung;  wie anders auch bei einem echten Sizilianer und seiner vielgeliebten Partnerin. [28]   

Zu ihren Bewunderern gehörten auch Cocteau, Colette,  Desnos,  Le Corbusier,  Man Ray, Modigliani, Picabia und Hemingway. Der nannte sie “the most sensational woman anyone ever saw“; Picasso rühmte ihre „paradiesischen Beine“.[29]  Die sieht man auch auf einer der Zeichnungen, die Le Corbusier 1929 von ihr anfertigte. Da hatte er in São Paulo eine Aufführung der Tänzerin besucht und war so begeistert, dass er ihr an Bord eines Schiffes nach Montevideo folgte. Man lernte sich kennen. Und da Le Corbusier auch ein guter Zeichner war, saß bzw. stand ihm Josephine Baker bald schon Modell in seiner Kabine. Nackt. [30]

Auch der Maler Foujita zeichnete sie[31] und Kees van Dongen malte sie 1925 gleich zweimal: Hier als Tänzerin in der Revue nègre[32]

Henri Laurens gehörte zum Kreis der Kubisten um Picasso und Braque und stellte die tanzende Josephine Baker auf seine Weise dar.[33]

Auch Alexander Calder, der in den 1920-er Jahren zur künstlerischen Avantgarde von Paris gehörte, war von der tanzenden Josephine Baker, dem Star der Folies Bergère, fasziniert. Calder  erregte damals Aufsehen, weil er meist mit einer Rolle Draht um die Schulter und zwei Zangen in der Tasche herumlief. „I think best in wire“, sagte er einmal. Die heute im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) ausgestellte lebensgroße Drahtfigur der Josephine Baker war eines seiner ersten Werke aus diesem Material. [34]

Und Draht war da ein besonders geeignetes Material. Denn, wie Calder erklärte,  it „moves of its own volition . . . jokes and teases,“ is „deliberately tantalizing,“ and „goes off into wild scrolls and tight tendrils“- was alles wunderbar zur tanzenden Josephine Baker passte.  Kleine Bemerkung am Rande: Die Drahtfiguren Calders entstanden damals in dem von ihm mitbewohnten Pariser Atelier Arno Brekers, des späteren Starbildhauers von Adolf Hitler….

Josephine Baker machte auch Mode: Ihre kurz geschnittenen Haare à la garçonne waren nicht nur ihr Markenzeichen, sondern wurden in den 1920-er Jahren Kult, den sie auch mit ihrer Haarpomade Bakerfix vermarktete.[35]

Sogar der Gepard als Begleiter wirkte als modisches Accessoire nach, wie dieses 1956 entstandene Gemälde Robert Humblots aus dem Musée Carnavalet in Paris zeigt.

Dargestellt ist die Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco anlässlich einer Gala der Union des artistes im selben Jahr. Sie ist eine Ikone des französischen Existentialismus der Nachkriegszeit.[36]

Insgesamt also höchst turbulente Jahre, in denen das Mädchen aus dem Slum von St. Louis zum gefeierten Weltstar wurde. Präsident Macron hat bei seiner Würdigung Josephine Bakers diese Phase ihres Lebens ausführlich gewürdigt. Sie sei eine Amerikanerin, die nach Paris geflohen sei (l’Américaine réfugiée à Paris): Flucht?  Auch wenn Baker später selbst dieses Wort verwendet hat und von Frankreich als einem „märchenhaften Land“ spricht[37]:  Da übertreibt sie und Macron mit ihr; da feierte sie Frankreich und Frankreich feiert sich mit ihr selbst. Und wenn Macron Baker als „le symbole d’une époque“ bezeichnet, dann meint er damit die „Années folles. Années de danse et de musique“, eine sehr verklärende und Paris-zentrierte Sicht auf die Epoche der Zwischenkriegszeit, die ja keinenfalls nur von „Tanz und Musik“ geprägt war.  Und was ist mit den Nackttänzen Josephine Bakers? Mit ihren Gesten und ihren Grimassen habe sie deren Erotik relativiert. Im Geiste der Aufklärung habe sie die kolonialistischen Vorurteile lächerlich gemacht: Esprit des Lumières ridiculisant les préjugés colonialistes.[38] Das mag ja ihre Absicht gewesen und von kritischen Geistern auch verstanden worden sein.  Colette sah in ihren Tänzen eine sublimierte Erotik.[39] Die von der rassistischen und sexistischen Werbung angezogenen und ihr zujubelnden Zuschauermassen- und erst recht ihre sittenstrengen Gegner-   haben die Auftritte Josephine Bakers aber offensichtlich anders wahrgenommen.

Bemerkenswert ist auch, wie offen und deutlich Macron in seiner Würdigung die Bisexualität Bakers anspricht:  Aux côtés d’un homme une nuit, aux bras d’une femme une autre, elle qui a deux amours. An der Seite eines Mannes habe sie in der einen Nacht gelegen, in den Armen einer Frau in einer anderen. Als Regis Debray 2013 Josephine Baker für das Pantheon vorschlug, gehörten diese „deux amours“ wohl eher noch zu den Hinderungsgründen für eine Pantheonisierung.  2021 dienen diverse sexuelle Orientierungen dagegen als wichtiges Aufnahmekriterium. Das zeigt auch die Initiative zur Pantheonisierung des homoxexuellen Dichter-Paares Rimbaud/Verlaine.[40] Auch damit kann sich Frankreich seiner Liberalität rühmen.

Im Krieg und im Widerstand

Es gab gute Gründe dafür, dass  Josephine Baker sich während des Krieges dem Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland anschloss:

  • Seit ihrer Heirat 1937 mit dem jüdischen Geschäftsmann Jean Lion besaß sie die französische Staatsbürgerschaft.[41] Jetzt war die Gelegenheit, dem Land, das sie aufgenommen hatte und das sie so liebte, etwas zurückzugeben.
  • Als Farbige, die auch noch mit einem Juden verheiratet war, gehörte sie zu den Menschen, die vom Rassismus der Nazis besonders viel zu befürchten hatten.
  • Als Tänzerin, Sängerin mit internationalem Renommee konnte sie sich für ihr neues Heimatland durchaus nützlich machen.

So sind Josephine Bakers Jahre zwischen 1939 und 1945 vom politischen Engagement bestimmt. Jacques Abtey, der Chef der Gegenspionage des französischen Generalstabs, warb sie für Zwecke der Informationsbeschaffung  und -übermittlung an. Zwischen September 1939 und Frühjahr 1940, während des drôle de guerre,  trat sie -zusammen mit Maurice Chevalier- vor Truppen an der Maginot-Linie und im Casino de Paris auf. Ihre besondere Stellung sollte es ihr ermöglichen, Kontakte mit Vertretern der italienischen Botschaft zu knüpfen, um Informationen über die Absichten Mussolinis zu erhalten.

Der leidenschaftliche Aufruf General de Gaulle vom Juni 1940 aus London bewegte sie dazu, sich -zusammen mit ihrem Führungsoffizier Abtey- für das Freie Frankreich zu engagieren: Konzerttourneen und Reisen nach Spanien, Portugal und Nordafrika dienten der Beschaffung und Weiterleitung von Informationen und als Deckmantel, Mitgliedern des Widerstands den Weg nach London zu eröffnen.  Genesen von schwerer Krankheit unternahm sie weitere Tourneen bis in den Nahen Osten und trat  – nun im Rang eines Unterleutnants der Luftwaffe des Freien Frankreichs–  vor alliierten und französischen Soldaten auf als „Symbol einer künstlerischen Szene Frankreichs, die sich niemals mit den deutschen Besatzern kompromittiert hat“.[42]

Portrait von Joséphine Baker in ihrer Uniform. Aufgenommen am 1.1.1948  (STUDIO HARCOURT / MINISTERE DE LA CULTURE / AFP)[43]

Bei einem ihrer Auftritte in Algier war auch de Gaulle anwesend, der die Gelegenheit nutzte, ihr ein kleines goldenes Lothringer Kreuz zu überreichen – für Josephine Baker einer der größten Momente ihres Lebens. Sie ließ es bei einem Auftritt in Beyrouth versteigern. Der beträchtliche Erlös war  -zusammen mit den Erlösen zahlreicher Benefiz-Veranstaltungen- für de  Gaulle/das Freie Frankreich bestimmt.[44]

Nach der deutschen Kapitulation sang sie auch in Deutschland vor französischen Kriegsgefangenen, die auf ihre Heimkehr warteten, und in Buchenwald für befreite, aber noch nicht transportfähige Häftlinge des Konzentrationslagers. Im September 1945 wurde sie demobilisiert. Für ihre Verdienste erhielt sie 1946 die Medaille der Résistance. Bei der Verleihung war auch die Tochter de Gaulles anwesend, die Josephine Baker einen handgeschriebenen Brief ihres Vaters überreichte. De Gaulle beglückwünschte darin Baker zur Ordensverleihung, dankte ihr für ihre „großen Verdienste“ und übermittelte seine „respectueux hommages.“ Mit Enthusiasmus habe sie in schwierigen Umständen ihr großes Talent in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt.[45]

1961 erhielt sie dann auch das Croix de guerre avec palme, einen Orden mit einem Palmenzweig aus vergoldetem Silber, der für ganz besondere Verdienste verliehen wird, und die Légion d’honneur.[46]

In seiner Würdigungsrede im Pantheon hob Präsident Macron natürlich Bakers „Kampf für das freie Frankreich“ hervor und zählte die ihr verliehenen Auszeichnungen auf, die ja auch auf dem im Pantheon aufgebahrten symbolischen Sarg drapiert waren.  Und er schloss diesen  Abschnitt seiner Würdigung mit den  Worten:

„C’est cela Joséphine. Un combat pour la France libre. Sans calcul. Sans quête de gloire. Dévouée à nos idéaux.“ [47]

Bei einem solch hymnischen Lob erstaunt allerdings, warum das Kriegskreuz und die Légion d’Honneur ihr erst 1961 verliehen wurden. Immerhin hatte schon im Juli 1946 der damalige  Armeeminister Edmond Michelet die Absicht gehabt, Josephine Baker zum Ritter der Ehrenlegion à titre militaire, also für ihre militärischen Verdienste, zu machen.[48] Allerdings hatte die Armeeführung offensichtlich erhebliche Vorbehalte gegen eine solche Auszeichnung („beaucoup de réticence“) und verweigerte sie 1947 und 1949. Josephine Baker wiederum weigerte sich, die ihr zwischen 1947 und 1957 vorgeschlagene Auszeichnung à titre civil anzunehmen. Erst aufgrund des Insistierens zahlreicher Persönlichkeiten des Freien Frankreichs wurde ihr schließlich  -mit einer ausführlichen Würdigung- im Dezember 1957 die Légion d’Honneur zuerkannt. Überreicht wurde ihr allerdings  merkwürdiger Weise die Auszeichnung erst im August 1961 (!) im Park ihres Schlosses des Miliandes.[49]  

Die große Wertschätzung Josephine Bakers, die Macron bei der Pantheonisierung zum Ausdruck brachte,  wurde ihr also  lange Zeit -warum auch immer- versagt. Vielleicht hat da  ihre Hautfarbe eine Rolle gespielt, wie ihre Vorgesetzte es vermutete, vielleicht waren es auch von ihr gesammelte Nachrichten, wie Emmanuel Bonini vermutet.[50] Es gab ja durchaus politisch einflussreiche Personen, die sich nicht so früh und so eindeutig auf die Seite des Freien Frankreichs gestellt hatten wie sie…

Der Kampf gegen Rassendiskriminierung

Es war der Kampf gegen die Rassendiskriminierung, der nach dem Krieg das politische Engagement Josephine Bakers bestimmte. Die hatte sie ja als Kind und Jugendliche in den USA am eigenen Leibe erfahren – und dann wieder 1935 bei ihrer USA-Tournee. Da war sie ein internationaler Star, aber die Diskriminierung von Farbigen machte auch vor ihr nicht Halt: In ihrem feinen New Yorker Hotel wurde ihr vom Direktor signalisiert, doch bitte den Bediensteteneingang zu benutzen und sich nicht in der Hotelhalle aufzuhalten.[51]

Nach dem Krieg machte sie erneut ähnliche Erfahrungen: Diesmal bei ihrem ersten Besuch in Cuba, wo sie mehrere Auftritte hatte. Da konnte sie nicht in dem vorgesehenen Hotel übernachten, weil dort -angeblich- kein einziges Zimmer frei war: natürlich eine Ausrede.[52]  Und dann wieder in den Vereinigten Staaten: Da kehrte sie nach einem Auftritt in New York mit ihren Begleitern im exklusiven Storck Club ein. Doch aufgrund ihrer Hautfarbe wurde ihr nichts zu essen serviert.  Grace Kelly war damals Augenzeugin der demütigenden Szene. Die beiden schlossen Freundschaft, die andauerte, als Grace Kelly Fürstin von Monacco wurde.[53]

Ihr Engagement in der Liga gegen Antisemitismus und Rassismus (LICRA) lag unter solchen Umständen nahe. 1953 trat sie bei einer Versammlung der LICRA in der Pariser Mutualité auf: Sie bekämpfe, so sagte sie damals, die rassische, religiöse oder soziale Diskriminierung. Sie könne nicht gleichgültig bleiben gegenüber dem Unglück derjenigen, die sich nicht selbst verteidigen könnten.[54]

Und ihre Stimme hat sie deutlich erhoben. Am eindrucksvollsten wohl am 28. August 1963, bei der großen Kundgebung am Ende des Marschs der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Washington.[55]

Bevor Martin Luther King seine berühmte „I have a dream“-Rede hielt, sprach Josephine Baker zu den mehr als 200 000 Teilnehmern der Kundgebung- in ihrer Uniform und mit ihren Orden: ganz links das Abzeichen der Ehrenlegion, daneben das Kriegskreuz, die ihr zwei Jahre zuvor verliehen worden waren;  und in der Mitte die Médaille de la Résistance.  Für sie war es einer der bewegendsten Tage ihres Lebens und dem wurde auch bei der Pantheonisierung Josephine Bakers Rechnung getragen, als ihr Portrait neben dem Martin Luther Kings auf die Wand des Pantheons projiziert wurde.[56]

Präsident Macron rühmte in seiner Ansprache, dass es Josephine Baker in ihrer Rede nicht um die Verteidigung einer bestimmten Hautfarbe gegangen sei, sondern um das Recht und die Freiheit eines jeden: „Infiniment juste. Infiniment fraternelle. Infiniment de France.“[57] Auch hier wieder: Mit der Pantheonisierung Josephine Bakers feiert Frankreich auch sich selbst bzw. sein ideales Selbstbild.

Im Namen universeller Brüderlichkeit: Die Regenbogen-Familie im Schloss von Milandes

1938 besuchte Josephine Baker den Arzt des Überseedampfers „Normandie“, mit dem sie 1935 in die USA gefahren war.  So lernte sie im Périgord das Renaissance- Schloss des Milandes kennen:  über der Dordogne gelegen, im Kern aus der Renaissance stammend,  über 30 Zimmer, umgeben von 400 Hektar Land; kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung. Baker mietete das Schloss spontan an, 1947 kaufte sie es.[58] Sie ließ die Innenausstattung erneuern und veranlasste einen Strom- und Wasseranschluss, auch für das angrenzende Dorf, das damit als erstes Dorf im Périgord über diese Annehmlichkeiten verfügte.  

Nach dem Krieg beschloss Baker, die selbst keine Kinder haben konnte, das Schloss für ihr neues  Projekt zu nutzen: eine „Regenbogen-Familie“  aufzubauen mit adoptierten Kindern unterschiedlicher Hautfarbe aus aller Welt.  Allerdings benötigte sie dafür auch einen männlichen Partner, den sie in dem Musiker und Dirigenten Jo Bouillon fand. Den kannte sie schon seit längerem als ernsthaften und vernünftigen Menschen. Und seine Homosexualität war in diesem Zusammenhang kein Hinderungsgrund. Jo Bouillon seinerseits, der in den Kriegsjahren mit dem Radio des Vichy-Regimes zusammengearbeitet hatte, sah ebenfalls Vorteile einer Liaison mit der „Jeanne d’Arc des 20. Jahrhunderts“: So konnte er hoffen, sich von der Schmach eines Kollaborateurs zu befreien[59]. Am  3. Juni 1947 wurde auf Les Milandes Hochzeit gefeiert.

1954 begann Josephine Baker ihren Regenbogen-Traum der Adoption von  Kindern mit gelber,  schwarzer, weißer und roter Hautfarbe zu verwirklichen. Zunächst sollten es nur vier oder fünf Kinder sein -von den fünf Kontinenten- aber dann wurden es immer mehr.  Josephine Baker war ständig auf Tournee, und fast von jeder Reise brachte sie ein neues Kind mit. Sie taufte die neue Familie rainbow tribe/tribu arc-en-ciel, Regenbogenstamm, der der ganzen Welt präsentiert werden sollte als Beweis dafür, dass Kinder unterschiedlicher Herkunft gemeinsam wie Brüder und Schwestern aufwachsen können, dass der Rassenhass also nicht naturgegeben ist, sondern eine Erfindung von Menschen.[60] Das Schloss von Milandes wurde nun in eine Touristenzentrum verwandelt. Auf den Straßen der Umgebung wurden Schilder angebracht, die dazu einluden, das „Dorf der Welt“ oder die „Hauptstadt der Brüderlichkeit“ zu besuchen. Ende der 1950-er  Jahre waren es 300 000 Menschen pro Jahr, die dieser Einladung folgten.

Sonntags, wenn Josephine Baker mal da war, zog sie den Kindern weiße Sachen an und ließ sie auf dem Schlossplatz aufmarschieren, hinter dem Zaun warteten Touristen und Presseleute auf Bilder, ständig klickten die Kameras. Eines der Kinder sagte später, sie hätten sich manchmal wie Affen gefühlt[61].

Es war Jo Bouillon, der sich während der häufigen Abwesenheiten seiner Frau um die Kinder  kümmerte und das  Anwesen mit dem großen Landbesitz und über hundert Angestellten am Laufen hielt. Seine Arbeit als Dirigent hatte er dafür aufgegeben.

Josephine Baker, Jo Bouillon und acht ihrer Adoptivkinder am 12. Dezember 1956 in Les Milandes,  (L. Berzioli/AF/Leemage via AFP) [62]

Aber er sah auch die sich auftürmenden finanziellen Probleme, die die immer mehr anwachsende Regenbogen-Familie und der große Schloss-Betrieb mit sich brachten.  Aber Josephine Baker wollte das nicht wahrhaben und schlug alle Warnungen in den Wind.  „Nach Jahren der Eskapaden und des Streits verlässt Jo Bouillon das Schloss, 1963 geht er nach Buenos Aires. Ohne ihn und sein wirtschaftliches Geschick ist das Anwesen dem Bankrott geweiht. Die Kinder verlieren ihre Vaterfigur, den einzigen Menschen, der ihnen im Chaos Halt gab. 1964, Nummer zwölf, das letzte Kind: ein kleines Mädchen aus Marokko. Baker reist mit den Kindern um die Welt, sie treffen den Papst und machen Urlaub bei Fidel Castro. Das Schloss gerät außer Kontrolle. All die Angestellten, Privatlehrer, all die Affen und anderen Tiere, die sie angeschleppt hat, verzehren Josephine Bakers Vermögen.“[63] Sie aber lebte beharrlich und starrsinnig ihren Traum weiter,  adoptierte noch ein zwölftes Kind, das letzte des „tribu arc-en-ciel“. Und den regierte sie wie „eine eine alternde Regentin, die keine Widerworte duldet und die Kinder wie Untertanen behandelt. Sie legt Reports an über sie, detailliert beschreibt sie jeden Charakter und fasst Pläne für ihre Zukunft.“[64] Der eine soll Diplomat werden, der andere  Hotelier, ein dritter Mediziner. Aber keiner soll Künstler werden. Musikunterricht ist auf Les Miilandes verboten. Schon in ihren Memoiren  von 1928 hatte sie geschrieben, sollte eines ihrer (leiblichen) Kinder, von denen sie damals noch träumte, zum Kabarett gehen wollen, würde sie es „mit (ihren) eigenen Händen erdrosseln.“[65] 

Als alleinerziehende Mutter mit 12 in die Pubertät kommenden, ihre eigenen Wege suchenden Jugendlichen war Josephine Baker überfordert. „Wir durften uns nicht entwickeln, wie wir wollten“, urteilte 2009 einer ihrer Söhne, den sie aus dem Regenbogen-Stamm verstieß, weil er schwul war. „Sie hatte Angst, dass er seine Brüder anstecken könnte. Josephine Baker, bisexueller Revuestar, Darling der Schwulen und Transen, Kämpferin für eine tolerante Welt, verbannte ihren Sohn, weil er Männer liebte.“[66]

Seit 1964 drohte das Unternehmen  von Les Milandes unter seiner Schuldenlast zusammenzubrechen. Hilfe wurde ihr von verschiedenen Seiten angeboten: Brigitte Bardot rief dazu im Fernsehen auf. König Hassan II. von Marokko bot ihr ein Anwesen in seinem Land an, General de Gaulle seine Unterstützung für eines im Allier; es gab sogar zwei Angebote, das Schloss zu kaufen, ihre Schulden zu übernehmen und ihr ein unbegrenztes Wohnrecht einzuräumen. Aber das lehnte Josephine Baker ab. Offenbar ertrug sie nicht die Vorstellung, nicht mehr die alleinige Herrscherin von Les Milandes zu sein.[68]  So wurde das Anwesen zwangsversteigert und zu einem Siebtel seines Wertes verkauft, um die Gläubiger zu bedienen.  Die Schlossherrin und ihre Adoptivkinder wurden aufgefordert, das Anwesen zu verlassen. Baker weigerte sich, verbarrikadierte sich in ihrer Küche und wurde schließlich mit Gewalt herausgezerrt. Auf diesem Foto, das um die Welt ging, sieht man sie auf den Stufen des Schlosses, das nun nicht mehr ihr eigenes ist.

Foto: AFP[67] 

Grace Kelly, inzwischen Prinzessin von Monacco, kam ihr zu Hilfe und ermöglichte es ihr, sich mit ihrem Tribu in einem Haus in der Nähe von Monacco niederzulassen. Josephine Baker ging nun auch wieder auf Tournee und trat mit der Revue „Josephine Baker, 50 ans de music-hall“ mit großem Erfolg in der Carnegie Hall in New York auf, im Sporting-Club von Monacco und in Paris Dort sang sie das Lied, das mit den Worten „Me revoilà Paris“ beginnt und mit den Worten „Je finirai ma vie sur les planches“ endete– ich werde mein Leben auf der Bühne beenden. Und fast kam es auch so: Am 8. April 1975 war die Galavorstellung im Pariser Bobino vor vielen illustren Gästen, am 12. April starb sie im Krankenhaus Pitié-Salpetrière. Als zweite Frau nach Colette erhielt sie ein nationales Begräbnis mit der Tricolore auf dem Sarg, Kanonenschüssen und einer Trauerfeier in der Kirche La Madeleine. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof von Monte Carlo und dort verbleiben auch ihre sterblichen Überreste. Da ist man inzwischen etwas großzügiger: An der von der Familie abgelehnten Exhumierung war 2010 noch die Pantheonisierung von Albert Camus gescheitert. Bei Josephine Baker enthielt der im Pantheon aufgebarte Sarg Erde aus vier Orten, die in ihrem eine besondere Rolle gespielt haben:

  • von St Louis, wo sie 1906 geboren wurde
  • von Paris, wo sie zum gefeierten Star wurde
  • von dem Château des Milandes, wo sie mit ihrer „Regenbogen“-Familie lebte
  • und schließlich von Monaco, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte und begraben ist

Die politische Botschaft der Pantheonisation Josephine Bakers

Präsident Macron hat in seiner Rede im Pantheon Josephine Baker überschwänglich gefeiert, ja gewissermaßen in den Himmel gehoben: Er bezeichnete die Regenbogen-Familie als  „Epiphanie des Universalismus“ und für das Élysée war die Pantheonisierung ein großer Moment der „communion nationale“.[69] Da sind die religiösen Anklänge unüberhörbar.

Josephine Baker war vielleicht eine Heldin – in Deutschland geht man aus guten Gründen mit diesem Ausdruck zurückhaltender um als in Frankreich-  aber eine Heilige war sie gewiss nicht. Sie verkörpert aber, wie Macron betonte, Frankreich als eine große, kämpferische, furchtlose und brüderliche Nation. Macron wolle, so schrieb Le Monde am 27. Augustin einem Leitartikel, angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen an ein von Spaltungen zerrissenes und von der Gesundheitskrise zermürbtes Land eine Botschaft der Einheit, des Stolzes und der Entschlossenheit richten. Und genau diesen Tag wählte der rechtsradikale Publizist Eric Zemmour , um seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen zu erklären.[70]  Der vertritt die xenophobe Theorie eines „grand remplacement“, eines von den herrschenden Eliten herbeigeführten oder zumindest geduldeten Verlusts der kulturellen Identität Frankreichs. Das ist genau das Gegenteil des von Macron beschworenen offenen, brüderlichen Frankreichs der Bürgerinnen und Bürger, der citoyens, jenseits von Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Wenn aber die die republikanischen Ideale Frankreichs bekräftigende Pantheonisierung Josephine Bakers nicht nur eine Selbstbeweihräucherung sein soll, dann bedarf es, wie Le Monde fordert, auch entsprechender Konsequenzen. Die republikanischen Versprechen würden zu oft durch soziale und geographische Ungleichheiten und Diskriminierung verraten.  „Über die Rhetorik hinaus bleibt es an Frankreich, die Lehren aus den Verpflichtungen der großen Tänzerin zu ziehen und ihre Botschaft zu würdigen, indem es sich entschlossen der Vielfalt öffnet, um jedem eine Chance zu geben, unabhängig von seiner Hautfarbe.“[71] 

Dass da in Frankreich noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, ist offenkundig. Und ein Sehnsuchtsort für Flüchtlinge, wie zu Zeiten Josephine Bakers, ist Frankreich schon lange nicht mehr….

Der Sarkophags Josephine Bakers in der Krypta des Pantheons

Der Sarkophag Josephine Bakers befindet sich in dem Gewölbe XIII zusammen mit dem von Maurice Genevoix. [72]

Zum Weiterlesen:

Gérard Bonal, Joséphine Baker. Paris:  Tallandier 2021

Mona Horncastle, Josephine Baker – Weltstar. Freiheitskämpferin. Ikone.“ Molden

Der Film: „Josephine Baker – Ikone der Befreiung“, bis 15.6.22 in der Arte-Mediathek


Anmerkungen

[1] „Osez Joséphine“: une pétition pour panthéoniser Joséphine Baker. https://www.francemusique.fr/emissions/au-fil-de-l-actu/osez-josephine-une-petition-pour-pantheoniser-josephine-baker-94666

Siehe auch: Laurent Seitmann, appel pour l’entrée de Josephine Baker au Panthéon.  31.7.2020 https://www.licra.org/licra-bergerac-appel-pour-lentree-de-josephine-baker-au-pantheon

[2] © Reuters/Sarah Meysonnier https://www.letemps.ch/monde/cause-etait-luniversalisme-josephine-baker-pantheon#&gid=1&pid=1

[3] Der Wortlaut der Rede bei: https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[4] https://www.lemonde.fr/idees/article/2013/12/16/josephine-baker-au-pantheon_4335358_3232.html

[5] Man spricht zwar in Frankreich von dem „Panthéon de la chanson française“, zu dem sie alle gehören, aber das entspricht eben nicht der offiziellen Aufnahme in den republikanischen Ruhmestempel. Zumindest für Edith Piaf gab/gibt es auch Vorschläge für eine Pantheonisierung. Siehe:  https://blogs.mediapart.fr/vingtras/blog/240913/edith-piaf-au-pantheon   Ayant fait partie des anonymes inombrables qui ont accompagné sa dépouille au Père Lachaise, je me plaisais à rêver hier soir après avoir vu l’émission que l’Etat serait bien inspiré s’il prenait la décision de faire transférer les cendres de la „Môme“ au Panthéon …  Georges Brassens würde sich allerdings wohl im Grabe umdrehen, wenn der französische Präsident seine sterblichen Überreste aus Sète ins Pantheon überführen wollte.

[6] Foto: https://twitter.com/Eric_Anceau/status/1429731419765592071/photo/2

Bakers Unterstützung de Gaulles veranlasste den Humoristen Jean Yanne zu dem folgenden Bonmot/Wortspiel: „Elle a commencé avec des bananes, elle continue avec le régime“.

[7] Diesen Ausdruck von Regis Debray hat auch France Culture in ihrer Sendung vom 24. August 2021 in den Titel einer Sendung über die Aufnahme von Baker ins Pantheon übernommen.

[8] Michaela Wiegel, Ich bin wieder da, Paris. Josephine Baker hat ihren Platz im Panthéon. FAZ vom 2.12.21

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/East_St._Louis_riots  Siehe auch: https://www.les-crises.fr/1917-quand-l-echo-des-manifestations-anti-racisme-de-east-st-louis-resonne-encore-aujourd-hui/   

[10] Zitate aus: https://www.lepoint.fr/societe/la-pantheonisation-de-josephine-baker-envoie-valser-le-wokisme-28-11-2021-2454158_23.php  und https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php

[11] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[12] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 6/22

Später  lief die Révue nègre auch im Pariser „Théâtre de l’Étoile“ und gastierte  im Ausland, so ab Silvester 1925/26 für mehrere Wochen im Nelson-Theater auf dem Kurfürstendamm in Berlin.

[13] Pierre de Regnier, Aux Champs Elysées. Die Neger-Revue. Zitiert in: Josephine Baker, Memoiren. München 1928, S. 16/24  Zuerst erschienen in Candide  vom 12. November 1925

[14] Bild aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html

[15] https://www.welt.de/geschichte/plus235370362/Josephine-Baker-Mit-Sex-kaschierte-sie-ihre-Spionage-fuer-die-Alliierten.html

[16] Siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2017/06/01/die-kolonialausstellung-von-1931-teil-2-der-menschliche-zoo-im-jardin-dacclimatisation-und-der-tausch-von-teutonischen-krokodilen-und-men-sche/

[17] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/18/

[18] Bild aus: https://www.metalocus.es/en/news/a-house-black-venus  Zu Abatino und seine Bedeutung für die Josephine Baker siehe: Bonal, Josephine Baker, S. 74 ff

[19]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.129

[20] Bild aus: https://espritjoaillerie.wordpress.com/2015/08/04/cartier-panthere/

[21] Foto in: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html  9/22 und Josephine Baker: Mehr als ein Showgirl – [GEO]

[22] https://www.dhm.de/lemo/biografie/josephine-baker

Nachfolgendes Bild: Karikatur von Thomas Theodor Heine aus dem Satire-Blatt Simplizissimus.  Aus: https://www.la-croix.com/Culture/Josephine-Baker-mille-vies-Phenix-2021-11-26-1201187202

[23] Bild aus:  https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

[24] https://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/le-destin-extraordinaire-de-josephine-baker-1367877

https://www.geo.de/wissen/josephine-baker–mehr-als-ein-showgirl_30969226-30969270.html

[25] Dass Josephine Baker auch zahlreiche Beziehungen mit Frauen hatte, ist wohl erwiesen. Das bestätigte auch ihr Sohn Jean-Claude: „Jean Claude Baker, the French-born son of Josephine, confirms that his mother had several affairs with women, referred to at the time as „lady lovers.“ Jean Claude explained that many of the girls in the show business would often live together, to save on costs. Most of these girls suffered abuse from producers, directors, and so on. Maude Russell, a fellow performer of Josephine’s, stated, „The girls needed tenderness, so we had girl friendships, the famous lady lovers. But lesbians weren’t well accepted in show business—they were called bull dykers. I guess we were bisexual, is what you would call us today.” https://owlcation.com/humanities/When-Frida-Kahlo-Set-Her-Eyes-on-Josephine-Baker  Im Internet wird oft kolportiert, auch Frida Kahlo, die1939 in Paris war, habe eine Beziehung mit Josephine Baker gehabt, wofür es aber offenbar keine Belege gibt. Siehe: https://queerasfact.tumblr.com/post/166037603842/josephine-baker-and-frida-kahlo-did-they-actually

[26] Bild aus: https://www.derstandard.de/story/2000131496298/josephine-baker-hoechste-ehre-fuer-ein-leben-im-widerstand

[27] Bild aus:  https://www.nytimes.com/2016/10/16/books/review/when-paris-sizzled-mary-mcauliffe.html 

    (Buchbesprechung von Mary McAuliffe, Sex, Booze und Jazz in the 1920s Paris.)

[28] https://www.deutschlandfunk.de/georges-simenon-wuerdigung-erst-nach-dem-tod-100.html

Siehe dazu Bonal, Joséphine Baker,  S. 150

[29] https://historycollection.com/40-fascinating-facts-about-the-fabulous-josephine-baker/13/ und https://www.culture.gouv.fr/en/Actualites/Josephine-Baker-une-source-d-inspiration-pour-une-nouvelle-generation-d-artistes

[30] https://www.nzz.ch/folio/was-ware-wenn-le-corbusier-josephine-baker-geheiratet-hatte-ld.1619981

Bild aus: https://www.kettererkunst.de/result.php?kuenstlernr=5050&auswahl=vk&shw=1

[31] https://parisienneries.fr/dessin/foujita-peindre-annees-folles/

[32] https://www.pinterest.de/pin/466263367652975268/  van Dongens Portrait von Josephin Baker: https://www.wikiart.org/en/kees-van-dongen/josephine-baker-1925

[33] https://dianedepolignac.com/en/home-gb/the-newsletters/newsletter-art-comes-to-you-no-9-jean-miotte-painting-and-movement/henri-laurens-josephine-baker-1915-newsletter-art-comes-to-you-9/ Das heute im Centre Pompidou in Paris ausgestellte Bild ist auf das Jahr 1915 datiert, was natürlich unzutreffend ist.

[34] https://www.moma.org/collection/works/81896  Josephine Baker (III) Paris, c. 1927

[35] Bild (und weitere entsprechende Bilder) aus: https://thehairhalloffame.blogspot.com/search/label/Josephine%20Baker

[36] Siehe: https://paris-blog.org/2021/11/03/le-musee-carnavalet-das-museum-der-pariser-stadtgeschichte-ist-wieder-eroffnet-ein-erster-rundgang/

[37]  „ Par la suite, j’ai fui encore plus loin. Jusqu’à un endroit qui s’appelle la France“  Quand Joséphine Baker prononçait un discours aux côtés de Martin Luther King – Le Point

In der Zeitschrift Emma wird die entsprechende Passage der Washingtoner Rede so übersetzt: Letztendlich bin ich sehr weit weg gerannt in ein Land namens Frankreich. Das passt besser zum Kontext der Rede und ihres Lebens.  Josephine Baker: Ihr Traum | EMMA

[38] elysee-module-18840-fr.pdf

[39] Le Monde, 26.11.2021:  Paris ira voir Joséphine Baker, nue, enseigner aux danseuses nues la pudeur“, s’extasiait Colette en 1936. 

[40] Siehe z.B. https://www.change.org/p/pr%C3%A9sident-de-la-r%C3%A9publique-pour-l-entr%C3%A9e-au-panth%C3%A9on-d-arthur-rimbaud-et-paul-verlaine und https://www.deutschlandfunkkultur.de/kontroverse-in-frankreich-duerfen-rimbaud-und-verlaine-ins-100.html

[41] Die Ehe hielt allerdings nur 14 Monate und wurde 1941 offiziell beendet. Bonet, Joséphine Baker , S. 184  und https://www.wikitree.com/wiki/Lion-68

[42] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[43] Bild aus: https://www.francetvinfo.fr/societe/debats/pantheon/entree-de-josephine-baker-au-pantheon-comment-la-star-des-annees-folles-a-combattu-le-nazisme-durant-la-seconde-guerre-mondiale_4813463.html

[44] Bonal, Joséphine Baker S. 234/235 s.a. https://www.history.com/news/josephine-baker-world-war-ii-spy

[45] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.239/240

[46] http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und http://www.france-phaleristique.com/croix_guerre_1939-1945.htm

[47] https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-18840-fr.pdf  und   https://www.bfmtv.com/politique/elysee/le-discours-d-emmanuel-macron-pour-l-entree-de-josephine-baker-au-pantheon_VN-202111300458.html

[48] https://www.servicehistorique.sga.defense.gouv.fr/dossier-individuel/josephine-baker-1906-1975

[49]  Im Einzelnen dazu siehe: http://histoire-vesinet.org/jbaker-resistante.htm und Bonal, Joséphine Baker,  S.239f  

[50] https://www.lepoint.fr/livres/josephine-baker-au-pantheon-gare-a-la-recuperation-25-08-2021-2440136_37.php

[51] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.166

[52] https://www.cubaheadlines.com/josephine_baker_a_great_a_friend_of_cuba.html

[53] Michaela Wiegel, “Ich bin wieder da, Paris“. Josephine Baker hat ihren Platz im Pantheon. FAZ 2.12.21

[54] https://www.tagblatt.ch/leben/bewegende-lebensgeschichte-josephine-baker-wird-in-paris-die-hoechste-ehre-zu-teil-ihr-ganzes-leben-war-unwillentlich-von-ihrer-hautfarbe-gepraegt-ld.2219531

[55] https://www.lepoint.fr/politique/quand-josephine-baker-prononcait-un-discours-aux-cotes-de-martin-luther-king-27-11-2021-2454066_20.php  und https://www.emma.de/artikel/josephine-baker-ihr-traum-338995 Dort auch der deutsche Wortlaut der Rede.

[56] https://www.lesoir.be/409555/article/2021-11-30/france-les-images-de-la-pantheonisation-de-josephine-baker

[57] elysee-module-18840-fr.pdf

[58] Zum Schloss siehe den Beitrag von Hilke Maunder: https://meinfrankreich.com/les-milandes-das-schloss-von-josephine-baker/

[59] Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.238

[60] « Ça ne sert à rien d’adopter des enfants de toutes les couleurs et de les garder pour soi ! Il faut les montrer, que les gens voient que c’est faisable, que des enfants de races différentes, élevés ensemble, comme des frères, n’ont pas d’animosité, que la haine raciale n’est pas naturelle. C’est une invention des hommes. » Zitiert in: Yves Denéchère, Joséphine Baker et sa « tribu arc-en-ciel », au nom de la fraternité universelle. The Conversation. 22. November 2021  https://theconversation.com/josephine-baker-et-sa-tribu-arc-en-ciel-au-nom-de-la-fraternite-universelle-171858

[61] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[62] https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[63] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[64] https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009

[65] Joesphine Baker, Memoiren. Herausgegeben und eingeleitet von Marcel Sauvage. München 1928, S. 173

[66]https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/67036834  Die Weltmutter. Spiegel 40/2009  

[67] Foto aus: https://www.spiegel.de/fotostrecke/josephine-baker-in-berlin-fotostrecke-133339.html 16/22

[68]  Bonal, Gérard. Joséphine Baker, S.254 und https://www.lejdd.fr/Societe/enquete-le-chateau-des-milandes-ou-le-paradis-perdu-de-josephine-baker-4078224

[69] https://www.lejdd.fr/Societe/josephine-baker-au-pantheon-la-ceremonie-sera-tres-politique-4079463

[70] https://www.france24.com/fr/france/20211130-l-annonce-de-candidature-d-%C3%A9ric-zemmour-un-agenda-strat%C3%A9gique

[71] Le Monde, 27. August 2021. Siehe dazu z.B.: https://www.ipp.eu/actualites/note-ipp-n76-discrimination-a-lembauche-des-personnes-dorigine-supposee-maghrebine-quels-enseignements-dune-grande-etude-par-testing/: De nombreuses études montrent que les Français issus de l’immigration maghrébine se heurtent à des difficultés importantes sur le marché du travail, …  La discrimination à l’embauche selon l’origine supposée reste élevée et un élément majeur du marché du travail en France. En moyenne, à qualité comparable, les candidatures dont l’identité suggère une origine maghrébine ont 31,5 % de chances de moins d’être contactées par les recruteurs que celles portant un prénom et nom d’origine française.

[72] Zu Genevoix siehe den Blog-Beitrag: https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/ 

Aktueller Hinweis (Mai 2022):

Dans le cadre du festival “Quartier du Livre”, organisé dans tout le 5e arrondissement, une fresque géante en hommage à Joséphine Baker sera réalisée le 2 et 3 juin par l’artiste Gwendoline Finaz de Villaine !

Le jour de l’anniversaire de la grande militante, son portrait de 1000 mètres carrés sera dévoilé au public sur l’esplanade du Panthéon. Un beau cadeau pour celle qui a rejoint le monument en novembre dernier !

Pour admirer le tableau urbain éphémère, retenez bien les dates : il sera exposé pendant deux jours seulement, le 2 et 3 juin ! Après 20h, l’oeuvre sera découpée en plusieurs morceaux de 100 centimètres sur 80 centimètres afin d’être redistribuée aux habitants du quartier, aux amateurs d’art ou aux curieux ! L’artiste signera tous les morceaux pour nous offrir un souvenir mémorable…

https://vivreparis.fr/une-fresque-geante-en-hommage-a-josephine-baker-va-etre-devoilee-au-pantheon/ 

Das Hotel Lutetia (1): Ein Bauwerk zwischen Art Nouveau und Art Déco im neuen Glanz

In einem Bericht über das nach vierjähriger Renovierung 2018 wieder eröffnete Hotel Lutetia in Paris schreibt die Süddeutsche Zeitung:

„Könnte man alle Gäste des vergangenen Jahrhunderts hier versammeln, dann stünden nicht nur Charles de Gaulle, Pablo Picasso und Heinrich Mann gemeinsam an der Bar,“ dann träfen in der Lobby auch deutsche Offiziere des militärischen Geheimdienstes, der von 1940-1944 das Hotel requirierte, auf Überlebende deutscher Vernichtungslager, die dort 1945 aufgenommen wurden.[1]

Das Hotel Lutetia, das einzige Grand Hotel  auf der linken Seine-Seite, ist, das wird schon hier deutlich, nicht nur ein „Hotel der großen Namen“[2] – die drei von der Süddeutschen Zeitung Genannten sind nur eine sehr kleine Auswahl- sondern auch ein Hotel voller Geschichte – und Geschichten.

Und es ist ein herausragendes Bauwerk  zwischen  Art-Nouveau (Jugendstil) und Art Déco, das nach längerer Renovierung und Umgestaltung jetzt wieder in neuem/alten Glanz erstrahlt.[3]

Dementsprechend  gibt es auch zwei Beiträge zum Hotel Lutetia. Den nachfolgenden über das Bauwerk und einen weiteren über seine hundertjährige wechselhafte Geschichte, in dessen Zentrum der cercle Lutetia stehen wird. Damit ist der Versuch deutscher Hitler-Gegner  bezeichnet,  in den 1930-er Jahren eine deutsche Volksfront nach französischem Vorbild zu schaffen. Schauplatz dieses von Heinrich Mann präsidierten Versuchs  war das Hotel Lutetia – eines der vielen faszinierenden Kapitel der Geschichte dieses Hotels.

Zunächst also zum Bau:

Einen schönen Blick auf das Lutetia hat man von dem  Denkmal der Madame Boucicaut  aus, das sich in der kleinen gegenüber liegenden Grünanlage, dem Square Boucicaut,  befindet.

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Diese ist benannt nach Aristide Boucicaut, der im 19. Jahrhundert zusammen mit seiner Frau Marguerite das auf der anderen  Seite der Anlage gelegene Kaufhaus  Bon Marché zum ersten großen und damals weltweit führenden Warenhaus entwickelte.[4] Mit dem Bon Marché wollten sie ihre damals revolutionären Verkaufsideen in großem Stil verwirklichen: Auf 7 Etagen gab es, bei offenen Türen und fest ausgezeichneten Preisen,  rund um Einrichtung und Kleidung alles zu kaufen, was damals neu und modisch war. Es gab Rabattaktionen, Sammelbildchen und Bon-Marché-Luftballons für Kinder, die damit zu Werbeträgern wurden….  Und ein großer Fuhrpark mit Pferdegespannen stand bereit, die erworbenen Waren den Käufern nach Hause zu liefern: Eine „cathédrale de commerce pour un peuple de clients“, wie es Emile Zola in seinem Roman „Au bonheur des dames“ nannte. Zu diesem quasi sakralen Charakter des Kauf-Tempels trug natürlich auch seine Architektur bei, und die hatten die Boucicauts Louis-Charles Boileau, einem Schüler des großen Viollet-le-Duc anvertraut, und für die Metallkonstruktionen war niemand Geringeres als Gustav Eiffel verantwortlich!  Marguerite Boucicaut  setzte nach dem Tod  ihres Mannes dessen Arbeit  fort und  unterstützte eine Vielzahl karitativer Einrichtungen, vor allem aber  ihre Angestellten, deren soziale Fürsorge ihr in bestem paternalistischen Sinne sehr am Herzen lag, Dieses Engagement  wird durch das Denkmal gewürdigt.

Zwischen dem Kaufhaus Bon Marché und dem Hotel Lutetia gibt es aber nicht nur die räumliche Nähe und die Verbindung durch den Square Boucicaut:  Das  1910 eingeweihte Hotel verdankt nämlich seine Entstehung dem Kaufhaus: Es war vor allem für wichtige auswärtige Kunden und Lieferanten bestimmt, die in der Nähe des Kaufhauses  ihrem Lebensstil entsprechend logieren konnten: „Le MAXIMUM du confort et du bien-être pour le MINIMUM de dépense“, wie es 1919 in einer Werbung für das Hotel hieß. Es war deshalb auch nicht ganz so protzig ausgestaltet wie das Ritz, das Carlton, das Majestic oder das George V auf der anderen Seite der Seine.[5]

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Ducken oder gar verstecken brauchte und sollte sich das Lutetia aber durchaus nicht. Betrachtet man vom Square Boucicaut  aus die Fassade des Hotels,  bekommt man einen Eindruck von der Bedeutung und dem Selbstbewusstsein der Bauherren.  Außergewöhnlich ist allein schon die stark rhythmisierte Fassade, vor allem  aber die einem Schiffsbug nachempfundene Rundung an der Ecke von Boulevard Raspail und Rue de Sèvres. Von daher wurde der Bau ja auch gerne „célèbre paquebot parisien“ genannt.[6]

Mit dieser Architektur grenzt sich das Hotel  demonstrativ ab von der Gradlinigkeit und teilweisen Uniformität der Haussmann‘schen Fassaden.  Und die Assoziation mit dem Schiffsbug ist sicherlich gewollt: Das Hotel trägt immerhin den Namen Lutetia, der  in großen Lettern und unübersehbar auf die Fassade gemeißelt ist. Es ist der Name der römischen Siedlung auf der linken Seine-Seite, bevor die Stadt dann den Namen des keltischen Stamms der Parisii übernahm. Das Hotel hat dann auch gleich ziemlich auftrumpfend  das Wappen der Stadt als ihr Logo übernommen: Ein unsinkbares Schiff auf hoher See mit dem Leitspruch: Fluctuat nec mergitur. (Sie wird von den Wellen hin und her geworfen, aber sie sinkt nicht). Das gilt für Paris, aber es soll auch für das Hotel gelten.

017 Lutetia Schild mit Schiff

Dem Schiff auf hoher See begegnet man gleich  im Eingangsbereich des Hotels hinter dem Portal: Ein großes Mosaik, das noch aus der Entstehungszeit des Hotels stammt, aber dann lange verdeckt war.

 DSCN4338 Hotel Lutetia Frauke (22)

Dass das Hotel –wie schon das benachbarte Kaufhaus-  architektonisch auf der Höhe der Zeit war, dafür bürgten der Architekt Louis-Hippolyte Boileau, der Sohn des Architekten des Bon Marché, und der Bildhauer Paul Belmondo, der Vater des Schauspielers Jean-Paul Belmondo, der für die reichen Verzierungen der Fassade verantwortlich zeichnete.

Eine besondere Rolle spielen bei der Ausschmückung der Fassade Weinlaub und -trauben, Blumen und Vögel. Das erinnert an die Geschichte, als an den Hängen des Montparnasse noch Wein angebaut wurde und an die Gärten, die es einmal dort gab, wo jetzt das Hotel steht. Die Ornamente sind aber auch ein wichtiges Element des in Paris  ja sehr lebendigen Baustils des Art Nouveau, der hier gewissermaßen seinen Abschluss findet.[7]

DSCN4338 Hotel Lutetia Frauke (10)

Seit 2018 erstrahlt die Fassade wieder in altem Glanz. In den Jahren davor war sie teilweise mit Netzen verhangen, um Passanten vor möglicherweise herabstürzenden Fassadenteilen zu schützen. Dann war sie vier Jahre lang mit einer Attrappe und einem Werbeplakat verdeckt.

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Foto der Fassade aus dem Jahr 2016

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Der Haupteingang des Hotels  Boulevard Raspail und sein mit Jugendstilelementen verziertes Vordach

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Vor allem aber wurde das Hotel innen grundlegend renoviert, saniert und –zum Beispiel durch den Einbau  eines Marmor-Schwimmbads- auf das Niveau eine 5-Sterne-Hotels gehievt. Allerdings betonen die Verantwortlichen des Hotels  seine Sonderstellung unter den Luxushotels der Stadt:  Immerhin ist es das einzige rive gauche, also des Universitäts- und Künstlerviertels. Und es ist –nach Einschätzung von Le Monde-  „l’hôtel le plus ‚intello‘ de Paris“.  Angesprochen werden sollen nicht Geschäftsreisende und russische oder nahöstliche Milliardäre,  sondern –sicherlich wohlhabende- Besucher aus aller Welt, die von dem Flair der Kulturmetropole Paris und der rive gauche angezogen werden.  Das Hotel soll nach den Worten seines Direktors ein Hotel bleiben, in dem nicht Unternehmen die Rechnung bezahlen, sondern die Kunden selbst, und das sollen Menschen sein, die nicht nur Luxus wollten, sondern Authentizität.[8]

Die Bewahrung der besonderen Authentizität des Lutetia war –wie auch schon bei der Renovierung des Hauses der Mutalité[9]– ein besonderes Anliegen des verantwortlichen Architekten, Jean- Michel   Wilmotte.[10] Allerdings war die Aufgabe beim Lutetia besonders delikat: Denn zunächst einmal wurde vor der Renovierung gewissermaßen tabula rasa gemacht: Das Hotel wurde leer geräumt, über 3000 Objekte wurden versteigert, darunter die noch erhaltenen Möbel der Erstausstattung – natürlich damals geliefert vom Bon Marché-  dazu Kunstgegenstände, die im Verlauf der 100-jährigen Geschichte zusammengekommen waren, oft von Künstlern wie César (César Baldaccini) oder Arman (Armand Pierre Fernandez) gestaltet, die dem Lutetia in besonderer Weise verbunden waren.  So beherbergte das Lutetia gewissermaßen eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Damit war es mit der vorläufigen Schließung des Hotels 2014 vorbei – ebenso mit der  der etwas verstaubt- altertümlichen,  aber anheimelnden Salon-Atmosphäre aus Plüsch und noblem Nippes.

Zwei Objekte aus der früheren Einrichtung des Lutetia

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Hier der Salon vor der Renovierung  mit der Skulptur „Clarté“  von Max le Verrier.[11] Für diese  Frauenfigur mit dem Licht in den ausgestreckten Händen standen gleich drei Frauen Modell: eine für den Kopf, eine für die Brust und eine dritte für die Beine.

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Sie wurde 1985 in der Ausstellung „Lumières“ im Centre Pompidou gezeigt. Der  Wikipedia-Artikel über Max le Verrier gibt noch an, zwei Exemplare der Skulptur seien im Hotel Lutetia zu sehen. Aber das war einmal….[12]

Authentizität hat das Hotel mit seiner neuen Sachlichkeit sicherlich verloren. Es hat aber Authentizität hinzugewonnen, indem bei der Neugestaltung durch Wilmotte ursprüngliche Elemente von Jugendstil und Art Déco besonders  zur Geltung gebracht wurden.

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so die originale Drehtür und Lampen im Foyer mit seinen schon von der Fassade bekannten Stuck aus Wein und Vögeln.

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… oder die zentrale Halle mit ihren Jugendstilornamenten und dem –noblesse oblige- Lutetia-Wappen ….

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und dem weiß verputzten Tonnengewölbe mit seinen Stuck- Olivenzweigen nachempfundenen Stuckelementen.

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Von der zentralen Halle aus erreicht man unter anderem die Bar. Sie ist nach Josephine Baker benannt, die früher zu den Stammgästen des Hauses gehörte. Vielleicht hat sie dort auch –nur mit Bananen bekleidet- einen ihrer legendären Tänze aufgeführt.[13]

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Es  steht auch schon –wie früher- das Klavier bereit – auch wenn es wohl nicht mehr das aus dem von Jacques Dutronc geschriebenen Song des französischen Sängers Eddy Mitchell Au bar du Lutetia ist.[14] Das  Lied erinnert an Serge Gainsbourg,  „der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete.“ [15]

Er setzte sich dann, so singt es Mitchell, einfach ans Klavier, das seine Stimme schon kannte, sang  As time goes by oder spielte vierhändig mit den Musikern. Der Kellner brachte ihm, je nachdem, ob  er gut oder schlecht gelaunt aussah, einen „102“ (doppelter Pastis) oder einen Bloody Mary.

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Um ihn herum leicht bekleidete Top- Model- Frauen, die darauf warten, dass sich der Mann mit dem Wuschelkopf in einen Wolf verwandelt. Und  die schicken Gäste finden all das amüsant. Jetzt –das Lied ist 2003 nach dem Tod Gainsbourgs geschrieben-  spiele der Pianist des Lutetia  alleine, während der Freund mit den Engeln trinke.

Maintenant, ça n’est plus ça 
Au bar du Lutetia.

Donnerstags, freitags und samstags  gibt  es  im neuen Lutetia zwischen 19.30 und 22.30 kleine Jazzkonzerte in der Bar Joséphine (15a) – ein idealer Ort für einen Apéro…

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Das Ambiente ist nämlich einzigartig:  Bei der Renovierung wurden  Jugendstil-Fresken von Adrien Karbowsky aus der Entstehungszeit des Hotels entdeckt, freigelegt und sehr aufwändig restauriert.

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Sie sind inspiriert von den Klostergärten, auf deren  Boden das Hotel  1910 erbaut wurde.[16]

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Die großen Fenster zur Straße lassen viel Licht in den Raum und stellen nach dem Selbstverständnis des Hotels gewissermaßen ein demokratisches Element dar:  Sie ermöglichen den Blick der Gäste nach draußen und der Passanten nach innen- anders übrigens als in anderen Pariser Hotels dieser Kategorie.

Einziger Schönheitsflecken nach Ansicht der Zeitung Le Parisien, der ich mich nur anschließen kann: Der nicht gerade einladende Preis für ein Tässchen Kaffee:, nämlich 7 Euro[17], der dann vielleicht doch die Pariser des Viertels abschrecke …

Einen Blick zumindest sollte man auch in das Restaurant „Saint Germain“ werfen. Die ursprüngliche Glasdecke des Raums wurde übernommen, allerdings von dem Maler Patrice Hyber bunt bemalt, so dass  sich bei Sonne die Farben an den Wänden spiegeln.

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Und die Motive passen zu dem ursprünglichen Konzept des Hotels- es  könnten ja gewissermaßen die Puppen und Spielzeuge sein, die die Gäste 100 Jahre zuvor im Kaufhaus Bon Marché gekauft haben. Anders als in der Brasserie des Hotels, die im Januar 2019 in Betrieb geht und von dem 3-Sterne Koch Gérald Passédat geleitet wird, soll das Essen in dem Restaurant einigermaßen erschwinglich sein: Von Montag bis Freitag wird ein déjeuner für 28 Euro angeboten (Fleisch, Fisch und vegetarisch zur Auswahl). Und man hat, wie der Parisien in seiner Ausgabe vom 2. November 2018 mitteilt, dabei gute Aussichten, als Zugabe „têtes connues“  wie Isabelle Huppert, Claude Lelouche oder den früheren Ministerpräsidenten Lionel Jospin zu sehen….

Ein Gewinn für das neue Lutetia ist sicherlich auch der Innenhof.  Bei den Renovierungsarbeiten wurde die bisherige Decke entfernt, so dass jetzt gewissermaßen eine offene innere Terrasse entstanden ist.

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Und die schönen Verzierungen der Wände –und natürlich auch das Lutetia- Wappen- sind jetzt sichtbar.

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Und dann gibt es natürlich noch den wunderbaren Salon Cristal – früher Salon Président-  in dem sich in den 1930-Jahren deutsche Antifaschisten versammelten, um eine deutsche Volksfront zu bilden. Aber dazu mehr im zweiten Teil dieses Beitrags.

Versuch einer Bilanz

Das Hotel hat durch die Renovierung zwar einiges an sympathisch-verstaubtem  Charme eingebüßt, aber es hat auch einiges dazugewonnen. Die Absicht Wilmottes war es, diesem  „außergewöhnlichen und legendären Ort“ seinen alten Glanz zurückzugeben und es den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Dazu seien die Architekturelemente von Art Nouveau und Art Déco eine Verbindung mit modernem Design eingegangen.[18]  Pierre Assouline, immerhin Autor eines schönen Romans über das Hotel Lutetia und Jury-Mitglied des Prix Goncourt, findet jedenfalls die Renovierung „wirklich gelungen. Es war höchste Zeit, dass man das Lutetia ein bisschen auffrischt. Natürlich gibt es immer die Nostalgiker, nur hatte das Hotel ja so, wie es zuletzt war, sowieso nichts mehr mit dem  Ursprung zu tun. Es war wahnsinnig dunkel, Fresken waren übermalt, Glasüberdachungen zugemauert. … Es wirkte langsam wirklich heruntergekommen.“[19]

Nach einem Rundgang durch die „Gemeinschaftsräume“ des Hotels im Erdgeschoss kann man sich diesem Urteil anschließen. Aber dann gibt es natürlich –wir befinden uns ja in einem Hotel- auf 7 Etagen  137 luxuriöse Zimmer und 47 Suiten, von denen einige über eine private Panorama-Terrasse verfügen und für die die Nacht bis zu 25 000 Euro kostet. Ein „normales“ Zimmer ist laut booking.com  „schon“ ab 750 Euro zu haben. Dazu neuerdings auch ein marmornes Schwimmbad mit Spa-Abteilung, was wohl notwendig ist, wenn man ein 5-Sterne-Hotel sein und sogar in die exquisite und exklusive Gruppe der „palace“-Hotels aufsteigen will.[20]  Die Zimmer verbreiten nach unserem Eindruck allerdings eher den  Eindruck eines etwas beliebigen aseptischen Luxus, aber wahrscheinlich gab es da –anders als im Erdgeschoss- keine verborgenen architektonischen Schätze aus Jugendstil und Art Déco zu heben. (Die Suiten mit grandiosem Blick auf Eiffelturm und Invalidendom konnten wir leider nicht sehen, da waren noch die Renovierungsarbeiten in vollem Gang).

Es wird sich zeigen, ob Assouline recht behält oder die Nostalgiker, ob Catherine Deneuve und Milan Kundera, die ein Gang von nur fünf Minuten vom „Lutetia“ trennt,  bereit sein werden,  sich mit dem  neuen Lutetia „in alter Treue zu verbinden“[21] und ob es noch einmal eine  solche Liebeserklärung an das neue  Lutetia geben wird wie die von Juliette Gréco[22]:

Je vais au Lutetia!

D’accord retrouvons-nous là.

Nous y sommes tous allés

Nous y retournons tous

Toujours avec au cœur

Ou au corps des raisons diverses

La plus importante étant la ‚Rencontre‘

Il y a toujours un visage, une voix, une musique

qui fait que nous sommes plus heureux, plus

riches, plus fous qu’ailleurs.

J’y ai retrouvé ma mère, ma sœur, survivantes.

J’y retrouve ceux que j’aime aujourd’hui

Autour d’un verre, d’un plat, d’un gâteau…

C’est bon et c’est vivant, chaleureux et élégant.

Merci

À tout de suite 

Juliette Gréco

 

Literatur:

Willy Jasper, Hotel Lutetia. Ein deutschen Exil in Paris. München/Wien 1994

Pierre Assouline, Lutetia. Roman. Paris: Gallimard 2005. Deutsche Ausgabe: Lutetias Geheimnisse. München 2006

Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

 Anmerkungen

[1] https://www.sueddeutsche.de/reise/frankreich-pariser-chic-1.4058103

[2] http://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/lutetia-das-hotel-der-grossen-namen-feiert-wiedereroeffnung-15687572.html (FAZ vom 12.7.2018)

[3] Ein Dank an Mme Servat-Moscovici, die sich die Zeit genommen hat, uns das neue Lutetia zu zeigen. Merci!

[4] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geschichte-der-warenhaeuser-kathedralen-des-handels/1797958.html

[5] http://www.leparisien.fr/paris-75/l-hotel-lutetia-ressuscite-les-traces-de-son-glorieux-passe-20-09-2016-6134055.php

Bild aus: http://foodandsens.com/made-by-f-and-s/chefs-on-parle-de-vous/le-nouvel-hotel-lutetia-paris-a-ouvert-ses-portes-cette-semaine/

[6] http://lartnouveau.com/belle_epoque/architectes_paris/lutecia.htm

[7] Siehe die beiden Beiträge über Hector Guimard auf diesem Blog: Hector Guimard, Jugendstil in Paris. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/9873 und Hector Guimard in Paris (2): Die Synagoge in der rue Pavée und das Grabmal auf dem Père Lachaise. https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10036

[8] https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/04/12/lifting-cinq-etoiles-pour-le-lutetia_4400212_3234.html

[9] Siehe den entsprechenden Blog-Beitrag über das Haus der Mutualité: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/10658

[10] http://www.wilmotte.com/fr/projet/388/Le-Lutetia-hotel-5

[11] Bild aus: Pascaline Balland d’Almeida, Hôtel Lutetia. L’esprit de la Rive Gauche. Paris 2009

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Le_Verrier

[13] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[14] https://www.paroles.net/eddy-mitchell/paroles-au-bar-du-lutetia

[15] Zitiert und nachfolgend zum Teil übernommen von: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

(15a) Das jeweils aktuelle Programm auf der homepage des Hotels unter der Rubrik „le Jazz auf Lutetia“:   https://www.hotellutetia.com/fr/bar-josephine

[16] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[17] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-au-bar-josephine-on-redecouvre-le-lutetia-27-08-2018-7866162.php

[18] https://inthemoodforhotelsdeluxe.com/2018/01/11/ouverture-de-lhotel-lutetia-au-printemps-2018-premieres-informations/

[19] Zitiert in: https://www.zeit.de/entdecken/2018-07/hotel-lutetia-saint-germain-des-pres-wiedereroeffnung

[20] https://www.france.fr/fr/paris/article/dans-les-coulisses-de-la-renovation-de-lhotel-lutetia-a-paris

[21] https://www.welt.de/kultur/article127401146/Hier-wohnten-Hitlers-Gegner-dann-seine-Spione.html

[22] Hôtel Lutetia Paris, S. 7

Zum Hotel Lutetia siehe auch die weiteren Blog-Beiträge:

https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

https://paris-blog.org/2020/01/01/keine-erinnerungsplakette-fuer-den-lutetia-kreis-eine-verpasste-chance/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum art nouveau und zur Art Deco:

Hector Guimard:  Jugendstil in Paris https://paris-blog.org/2018/02/01/__trashed-3/

Die Synagoge Hector Guimards im Marais: https://paris-blog.org/2018/03/01/hector-guimard-in-paris-2-die-synagoge-in-der-rue-pavee-4-arrondissement-und-das-grabmal-auf-dem-pere-lachaise-20-arrondissement/

Das Haus der Mutualité: Die Geschichte eines Mythos: https://paris-blog.org/2018/09/01/das-haus-der-mutualite-in-paris-und-der-internationale-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-1935/

Das Institut Giacometti  https://paris-blog.org/2020/08/19/lhomme-qui-marche-der-schreitende-mann-von-alberto-giacometti-eine-exquisite-ausstellung-in-einem-exquisiten-pariser-ambiente/

Das Palais de la Porte Dorée:  https://paris-blog.org/2017/05/10/das-palais-de-la-porte-doree-und-die-kolonialausstellung-von-1931/