Das Palais de la Porte Dorée und die Kolonialausstellung von 1931

1931 fand in Paris eine große Kolonialausstellung  statt, mit der sich Frankreich als weltumspannende Kolonialmacht präsentierte. Sie war dazu bestimmt, den imperialen Anspruch des Landes zu popularisieren. Es war die größte  und – mit geschätzten 6-8 Millionen Besuchern- die populärste Veranstaltung dieser Art im 20. Jahrhundert.

19a2 Plan der Exposition

Für die verschiedenen Kolonien wurden rund um den Lac de Daumesnil am östlichen Rand der Stadt Pavillons errichtet, die sich an der jeweiligen lokalen Tradition orientierten: Der spektakuläre Pavillon des französischen Indochinas beispielsweise an dem Tempel von Angkor Vat.[1]

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Anders als diese Pavillons war das Palais de la Porte Dorée auf Dauer angelegt. Es war zunächst gewissermaßen das Verwaltungszentrum der Ausstellung mit repräsentativen Büros für den damaligen Kolonialminister, Paul Reynaud, und den Kommissar der Ausstellung, Marschall Lyautey,  und mit einem ebenso repräsentativen Fest- und Versammlungssaal: insgesamt eines  der schönsten Bauwerke im Stil des Art déco in Paris. (1a)

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Nach der Kolonialausstellung sollte das Gebäude als Kolonialmuseum dienen, seit 2007 ist es Museum für die Geschichte der Einwanderung.

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Auf den Reliefs der Fassade wird der Beitrag der Kolonien für das Mutterland dargestellt: Auf der linken Seite des Eingangs -hier im Bild- (2) der der afrikanischen und amerikanischen Kolonien, auf der rechten Seite der der asiatischen und ozeanischen Kolonien.

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Abgebildet sind nachfolgend Baumwolle, und Seide.

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Geführend werden Reichtum und die Vielfalt der Natur  gewürdigt.

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Die Darstellungen der „Eingeborenen“ betonen -wie damals üblich- in teilweise geradezu grotesker Weise ihr „exotisches“ Aussehen- Ergebnis einer anthropologischen Sichtweise, die aufgrund morphologischer Charakteristika die Existenz und die Rangfolge verschiedener Rassen nachweisen wollte.  Kolonialistischer und nationalsozialistischer Rassismus haben hier ihre Wurzeln. (3)

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Über der Eingangtür thront –im Gegensatz zu den „Eingeborenen“ nicht im Profil, sondern frontal dargestellt- eine Frankreich symbolisierende Frauenfigur.  Der Stier hinter ihr steht wohl nicht nur für (göttliche) Kraft und Macht, sondern auch für Europa, dessen Zivilisation Frankreich in der Welt verbreitet:   Frieden (La Paix zu ihrer Rechten),  Freiheit  (La Liberté zu ihrer Linken) und Wohlstand ( verkörpert durch Ceres und Pomone, römische Fruchtbarkeitsgöttinnen).[4]  Damit ist der ideologische Hintergrund der Kolonialausstellung unzweideutig bezeichnet.

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Betritt man das Gebäude, so befinden sich rechts und links der Eingangshalle repräsentative Salons. Einer war bestimmt für Paul Reynaud, den damaligen Kolonialminister, der andere für Marschall Lyautey, den verantwortlichen Kommissar der Kolonialausstellung. Der Salon Reynauds war Afrika gewidmet und mit entsprechend kostbaren Materialien des Kontinents wie Elfenbein und Edelhölzern gestaltet.

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Auf den Fresquen wird das schwarze Afrika entsprechend der damaligen verbreiteten Sichtweise dargestellt. Kennzeichen sind Nacktheit, Tanz, Spiel – das Stadium von Kindern, die –das ist die dahinterliegende Botschaft- von Frankreich erzogen und an die Zivilisation herangeführt werden müssen. Der Empfangsraum Lyauteys ist Asien gewidmet – auch er ist  mit entsprechenden Materialien gestaltet. Hier wird  der künstlerische, religiöse und ökonomische Reichtum des Kontinents herausgestellt.[5]

Im zentralen Festsaal präsentiert sich Frankreich als große über fünf Kontinente ausstrahlende zivilisatorische Macht.[6]  Hier fällt der Blick zunächst auf das zentrale Wandgemälde von 8 Metern Höhe und 10 Metern  Breite.

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Die Frau in der Mitte –als einzige Frauengestalt des Gemäldes übrigens vollständig und nobel bekleidet- repräsentiert Frankreich, die in der einen Hand eine weiße Taube trägt, Symbol des Friedens, an der anderen Hand hält sie Europa. Um diese beiden Figuren herum sind vier ebenfalls von Frauengestalten symbolisierte Kontinente gruppiert: Links Asien in Gestalt der auf einem weißen Elefanten reitenden indischen Göttin Vischnu, rechts Afrika auf einem grauen  Elefanten, unten –jeweils auf Wasserpferden reitend- Ozeanien und Amerika, dessen Verkörperung erstaunlicher Weise neben einem Wolkenkratzer gelagert ist.

Auch auf den weiteren Wandgemälden des Festsaals werden die Segnungen des französischen Kolonialismus in Szene gesetzt, zum Beispiel anhand der Figuren  des Ingenieurs, des Arztes und der Krankenschwester, des Archäologen, dem der einheimische Ausgräber freudig seinen  kostbaren Fund überreicht, oder des Missionars, der den Eingeborenen die Ketten löst und ihnen die Freiheit schenkt.

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 Ziel war es, ein idealisiertes Bild der französischen  Kolonialpolitik zu entwerfen und sie dadurch zu verbreitern und zu rechtfertigen.Dagegen ist, nach den Worten des Immigrations-Museums, nie die Rede „von Gewalt, von begangenen Exzessen oder Zwangsarbeit“.  Die Zwangsarbeit wurde immerhin erst 1946 abgeschafft, fast 100 Jahre später als die Sklaverei.  Noch kurz vor Eröffnung der Kolonialausstellung kamen beim Bau einer Eisenbahnlinie im französischen Kongo, die als zivilisatorische Großtat gerühmt wurde, 17 000 zwangsrekrutierte eingeborene Arbeitskräfte ums Leben, eine Todesrate von 57%.  (6a) Aber für solche unangenehmen Wahrheiten war auf der Kolonialausstellung kein Platz.

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Ein Kontrapunkt ist immerhin die Plastik des Schwimmers vor dem Palais- die vor dem Hiintergrund der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer besondere und traurige Aktualität hat.

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Demonstration von Flüchtingen in Paris (die zeitweise zu Tausenden unter der Hochbahn von La Chapelle hausten). Aufschrift auf dem hochgehaltenen Karton: We can’t swim….

Die Statue der Athena

Schräg gegenüber dem Palais steht unübersehbar, in der Verlängerung der Avenue Daumesnil, eine goldene Statue. Gekleidet in griechischer Tracht, mit Helm, Schild und Speer, kann sie als Verkörperung der Athena durchgehen, als die sie jetzt firmiert.

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 Bei genauerem Hinsehen kann man allerdings feststellen, dass es sich bei dem Helm der Athena nicht um den typischen hohen griechischen Helm der Athena handelt, wie man ihn beispielsweise von der wunderbaren Athena-Statue im Libieg-Museum in Frankfurt kennt,  sondern um einen völlig anderen Helmtypus, nämlich einen gallischen. Und in der Tat war die Statue ursprünglich als Verkörperung von „La France colonisatrice“ konzipiert und stand während der Kolonialausstellung unmittelbar vor dem Eingang des Palais de la Porte Dorée.  In ihrer linken Hand trägt sie eine Weltkugel;  darauf steht ein Engel mit Füllhorn, die Segnungen des französischen Kolonialismus symbolisierend. Ein Gegenbild also zur republikanischen Marianne, die  für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit steht.

Das Denkmal für die Mission Marchand

Gegenüber dem Palais befindet sich auf einer Grünanlage das Denkmal für die sogenannte Mission Marchand. Es handelt sich um eine kleine Truppe von französischen Offizieren und sogenannten „tiralleurs sénégalais“, also schwarzafrikanischen Hilfstruppen, deren Auftrag es war, am Ende des 19. Jahrhunderts die Quellen des Nils zu entdecken und eine durchgehende Verbindung des französischen Kolonialreichs zwischen West- und Ostafrika herzustellen. Allerdings stieß Frankreich damit auf britischen Widerstand und musste sich angesichts der militärischen Überlegenheit des damaligen imperialistischen Rivalen bei Fachoda, im Sudan,  zurückziehen.

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Damit ebnete Frankreich aber den Weg für einen kolonialen Interessenausgleich zwischen beiden Ländern und für die spätere „entente cordiale“. Auf einer großen Plakette des Denkmals sind die Namen der französischen Offiziere verzeichnet, aber nur die Zahl der afrikanischen Hilfstruppen. Auch auf den Reliefs ist der Unterschied deutlich auszumachen…

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 Die Westfassade des Palais: Ein Pantheon des französischen Kolonialismus

Auf der Westfassade des Palais sind 159 Namen von Franzosen eingraviert: „À ses fils qui ont étendu l’empire de son génie et fait aimer son nom au-delà  des mers, la France reconnaissante“. Versammelt sind hier die Namen von Kreuzrittern, Entdeckern und Eroberern, überwiegend aus der Zeit vor der Französischen Revolution. Die Namensliste ist zeitlich geordnet und es ist noch genug freier Platz gelassen, sie in die Zukunft zu verlängern… Mit der Inschrift und der Namensliste ist die Westfassade des Palais gewissermaßen ein Gegenentwurf zur republikanischen Konzeption des Pantheons, in dem „la patrie reconnaissante“ die großen Männer (und Frauen) ehrt, die sich um die Werte von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ verdient gemacht haben.

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Hier werden zwei unterschiedliche Konzeptionen der Republik deutlich, eine koloniale, die sich in der Tradition von Monarchie und Kaiserreich sah, und eine andere, die den Kolonialismus eher als problematisch in Bezug auf die republikanischen Werte betrachtete.[7] Dieser Widerspruch ist ja auch heute noch im französischen Geschichtsverständnis virulent. Gerade kürzlich ist das wieder deutlich geworden, als Emmanuel Macron die Kolonialzeit in Algerien als „Verbrechen gegen  die Menschlichkeit“ bezeichnete und damit heftigste Reaktionen provozierte. Die Präsidentin der Region Ile-de-France, Valérie Pecresse (LR), warf daraufhin Macron vor, Jules Ferry mit Hitler verglichen zu haben.[8] Dass sie aus der langen Namensliste des „kolonialen Pantheons“ gerade Jules Ferry herausgriff, hängt sicherlich damit zusammen, dass Ferry nicht nur „der Initiator der Kolonialpolitik der Dritten Republik“ war (siehe Foto), sondern auch Erziehungsminister, dem die Einführung einer Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren und ihre Kostenfreiheit zu verdanken war (loi Ferry von 1882). Es gibt also auch Personen, die die koloniale und die republikanische Konzeption Frankreichs in sich vereinigen.

 

Die  Kolonialausstellung von 1931: Eine Verherrlichung des französischen Kolonialismus

Kolonialausstellungen haben in Frankreich eine lange Tradition. Schon 1854 gab es im Rahmen einer allgemeinen Ausstellung einen eigenen Teil, der den Kolonien gewidmet war und von dem sich sogar noch ein Bauwerk erhalten hat: Die meteorologische Station im Park Montsouris im Süden von Paris. Die in der Zeit der Dritten Republik veranstalteten Weltausstellungen hatten –bezeichnend in dieser Zeit des Imperialismus-  koloniale Abteilungen, es gab aber auch eigenständige Präsentationen, die der Popularisierung des Kolonialismus dienten.[9] Auch nach dem Ersten  Weltkrieg wurde die Tradition der Kolonialausstellungen fortgesetzt. 1922 gab es eine nationale Kolonialausstellung in Marseille, gleichzeitig wurde aber eine große internationale Ausstellung für 1925 geplant. Deren Funktion definierte der damalige Kolonialminister Albert Sarraut so:

„L’exposition doit constituer la vivante apothéose de l’expansion extérieure de la France sous la IIIe République et de l’effort colonial des nations civilisées, éprise d’un même idéal de progrès et d’humanité. Si la guerre a largement contribué à réléver les ressources, considerables que peuvent fournir les colonies au pays, l’Exposition de 1925 sera l’occasion de compléter l’éducation coloniale de la nation par une vivante et rationelle leçon des choses. A l’industrie et au commerce de la Métropole, elle montrera les produits qu’offre notre domaine colonial ainsi que les débouchés infinis qu’il ouvre à leurs entreprises.“

Das Projekt einer internationalen Kolonialausstellung konnte dann allerdings erst 1931 verwirklicht werden. Der verantwortliche Kommissar für diese Ausstellung, der pensionierte Marschall Lyautey, setzte für sie eigene Akzente: Er betonte unter anderem, wie das ja auch an Westfassade des Palais de la Porte Dorée erkennbar ist, die umfassende zeitliche Dimension des französischen Kolonialismus, der in eine mit den Kreuzzügen beginnende Traditionslinie gestellt wurde. Darüber hinaus sah er, gerade nach dem Ersten  Weltkrieg, im  Kolonialismus eine Europa verbindende Mission. Er wollte zeigen, „qu’il y a pour notre civilisation d’autres champs d’action que les champs de bataille.“  In diesem Punkt war Lyautey allerdings nicht erfolgreich, wozu sicherlich auch das schwierige wirtschaftliche Umfeld –die Weltwirtschaftskrise- beitrug. Nur fünf Länder beteiligten sich an der Ausstellung, wichtige Länder wie Großbritannien und Spanien fehlten- wie auch das ebenfalls eingeladene Deutschland. Aber das war nach dem Versailler Vertrag wohl auch zu erwarten. Die Konsequenz war, dass es sich, wie ursprünglich geplant,  im Kern eher um eine vor allem den französischen Kolonialismus präsentierende und ihn propagierende, ja verherrlichende Veranstaltung handelte- ganz im Sinne der Kolonial-Propagandisten: Bei aller zur Schau gestellten Exotik ging es im Kern darum, den wirtschaftlichen und militärischen Nutzen der Kolonien für Frankreich zu demonstrieren und das Kolonialreich als Ausweg aus der Wirtschaftskrise herauszustellen.

Für die zahlreichen Besucher war die Kolonialausstellung aber vor allem ein Freizeitpark mit vielen Attraktionen: Kamelritte um den Lac Daumesnil, Fahrten mit afrikanischen Einbäumen auf dem See, folkloristische Tanz- und Ballettvorführungen, die Präsentation religiöser Riten aus Afrika und Ostasien, Musik aus aller Welt, koloniales Kunsthandwerk, dessen Herstellung durch heimische Handwerker man beobachten konnte und das dann z.B. im großen marokkanischen Souk verkauft wurde,  ein breites kulinarisches Angebot u.v.m. In Anlehnung an Jules Verne versprach man eine Reise um die Welt in vier Tagen, ja sogar an einem Tag.

Völlig ausgeblendet wurden in der Ausstellung die Schattenseiten des Kolonialismus, die angewendete Gewalt und der Widerstand  gegen den Kolonialismus, der sich in dieser Zeit schon vor allem in den südostasiatischen französischen Kolonien regte. Es war vor allem die kommunistische Partei Frankreichs, die in der Veranstaltung ein Werk des internationalen Imperialismus sah und dagegen agitierte. Eine Gruppe von Künstlern, unter anderem Louis Aragon, Paul Eluard und André Breton,  veranstaltete eine Gegenausstellung mit dem Titel „Die Wahrheit über die Kolonien“, die aber wenig Zuspruch fand.[10] Auch Aufrufe zum Boykott der Ausstellung liefen ins Leere. Dafür war die Anziehungskraft der Veranstaltung offensichtlich doch zu groß, auch wenn andererseits die Veranstalter beklagten, dass sie nicht so intensiv und nachhaltig wie erhofft das imperiale Bewusstsein der Franzosen  gefördert habe.

Der Pavillon von Togo der Kolonialausstellung: heute ein bouddhistisches Zentrum

Von den zahlreichen Gebäuden der Kolonialausstellung, die im Bois de Vincennes errichtet worden waren, haben nur zwei überdauert: Die Pavillons von Togo und Kamerun, zwei ehemaligen deutschen Kolonien, die im Friedensvertrag von Versailles Frankreich übertragen wurden.[11]

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Der Pavillon von Kamerun ist sich selbst überlassen und verfällt langsam. Es ist eine überdimensionierte landestypische Hütte, die besonders wegen ihrer geometrischen Ornamente Anklang fand.

Der ehemalige Pavillon Togos, den –natürlich wesentlich bescheidener dimensionierten-  Häusern von Stammeshäuptlingen  der Kolonie nachempfunden, ist dagegen erhalten, renoviert und dient seit 1977 als internationales buddhistisches Zentrum.

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Das Zentrum beherbergt, wie immer wieder stolz vermerkt wird, den größten Buddha Europas.

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Ein Besuch ist aber nur entweder nach Anmeldung mit Gruppen oder –besser- anlässlich von bouddhistischen Feiertagen möglich, wie beispielsweise dem Neujahrsfest der Khmer.[12]  An diesem Feiertag mit Volksfestcharakter wurden die nachfolgenden Fotos aufgenommen.

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Ob die im Pavillon aufgestellten Elefanten noch aus der Zeit der Kolonialausstellung stammen, weiß ich nicht. Möglich wäre es aber schon.

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Der Salon des Outre Mers im Rathaus des 12. Arrondissements

In der Mairie des 12. Arrondissement, zu dem auch das Gelände der Kolonialausstellung gehörte, wurde anlässlich dieser Ausstellung auch ein „Salon des Outre Mers“ eingerichtet, der repräsentative Vorraum des „salle des fêtes“.

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Ziel war es ganz offensichtlich, im Sinne der Kolonialausstellung den Reiz  und die Exotik des überseeischen Imperiums zu veranschaulichen und damit den Kolonialismus zu popularisieren.

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Jeder Besucher von öffentlichen Veranstaltungen im Rathaus oder von Hochzeiten, die im Rathaus offiziell vollzogen werden, geht durch diesen Saal und erhält einen anschaulichen Eindruck des kolonialen Erbes Frankreichs, das bis heute noch lebendig und umstritten ist.

Ausblick: 

Zu der Kolonialausstellung gehörte nicht nur ein folkloristisches Angebot von Bewohnern der französischen Kolonien, sondern –wenn auch im gebührenden Abstand, im jardin d’acclimatisation auf der anderen Seite von Paris- eine „Völkerschau“ mit Kanaks, Eingeborenen der Kolonie Neukaledonien, die als Menschenfresser präsentiert wurden. Einige davon wurden nach Deutschland transferiert, wobei auch der Zoo Frankfurt eine wichtige Rolle spielte. Eine ziemlich abenteuerliche Geschichte. Darüber mehr in einem späteren zweiten Teil.

Praktische Hinweise:

Musée national de l’histoire de immigration

Die in dem Bericht vorgestellten Räume des Palais sind unabhängig vom Besuch des Museums frei und kostenlos zugänglich.

Adresse des Palais de la Porte Dorée:

293, avenue Daumesnil  75012 Paris

Mit Metro 8 oder Straßenbahn 3a erreichbar.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag 10h bis 17.30h

Samstag und Sonntag 10h bis 19h

Es gibt ein sehr schönes Café du Palais im Innern bzw. bei  schönem Wetter unter den Arkaden:

Di und Mi 11-17h

Sa und So 11-18.30

Es gibt  außerdem ein Aquarium und die schöne, auf Themen  der Migration spezialisierte  Médiathèque Abdelmalek Sayad.

Thematisch verwandte Blogbeiträge:

Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei: Der schwierige Umgang mit einem düsteren Kapitel der französischen  Vergangenheit  https://paris-blog.org/2017/11/01/der-schwierige-umgang-mit-einem-duesteren-kapitel-der-franzoesischen-vergangenheit-die-erinnerung-an-sklavenhandel-und-sklaverei/

Die Malerei des französischen Kolonialismus. Eine Ausstellung im Musée Branly in Paris (2018)   https://paris-blog.org/2018/11/01/die-malerei-des-franzoesischen-kolonialismus-eine-ausstellung-im-musee-branly-in-paris/

Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatation und der Tausch von „teutonischen Krokodilen“ und          „Menschenfressern“  zwischen Paris und Frankfurt  https://paris- blog.org/?s=Die+Kolonialausstellung+von+1931+%28Teil+2%29+ 

Die Résidence Lucien Paye in der Cité universitaire  (ursprünglich Maison de la France d’outre-mer)https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

Der Garten der tropischen Landwirtschaft im Bois de Vincennes – ein „romantisches“  Überbleibsel der Kolonianlausstellung von 1907.  https://paris-blog.org/2020/09/20/der-garten-der-tropischen-landwirtschaft-jardin-dagronomie-tropicale-im-bois-de-vincennes-ein-romantisches-uberbleibsel-der-kolonialausstellung-von-1907/

Anmerkungen

[1] Plan der Kolonialausstellung bei: https://de.pinterest.com/explore/zoo-humain/        Bild des südostasiatischen Pavillons auf der Kolonialausstellung: https://nyuflaneur.wordpress.com/2010/11/01/exposition-coloniale-1931/

(1a) s. Le Monde vom 12. September 2019: Le Palais de la Porte-Dorée ‚en déshérence‘. La Cour des comptes s’alarme du défaut d’entretien du monument.

(2) Bild von commons.wikimedia

(3) http://jardindacclimatation.fr/150-ans-dhistoire/  Abschnitt: Le temps des colonies

(4) Bild aus dem Beitrag von Wikipedia über das Palais de la Porte Dorée

[5] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-salons-historiques

und Broschüre des musée de l’histoire de l’immigration: Images des Colonies au palais de la porte dorée.

[6] http://www.palais-portedoree.fr/fr/les-fresques-du-forum

(6a) Info aus einem Mediapart-blog wiedergegeben in:  http://www.liberation.fr/france/2017/05/09/cecile-duflot-depose-deux-propositions-de-loi-sur-le-passe-colonial-de-la-france_1568337

[7] Siehe Broschüre: Traces de l’histoire coloniale dans le 12e Arrondissement de Paris. Hrsg. vom Musée de l’immigration. S. 7

Im Internet zugänglich: http://www.histoire-immigration.fr/sites/default/files/musee-numerique/documents/bat-68724-cnhi-brochure-traces-histoire-coloniale.pdf

Immerhin ist auf der Westfassade des Palais auch der Name von Victor Schoelcher enthalten, der 1848 die endgültige Befreiung der Sklaven in den französischen Kolonien durchsetzte. Die Konfrontation des kolonialistischen  und des republikanischen Pantheons ist also nicht absolut zu setzen, wie auch das nachfolgend genannte Beispiel von Jules Ferry zeigt.

[8] http://lelab.europe1.fr/colonisation-valerie-pecresse-accuse-emmanuel-macron-davoir-compare-jules-ferry-a-hitler-2982944

[9] Im Folgenden stütze ich mich auf den Beitrag von Charles-Robert Ageron  über die Kolonialausstellung von 1931 in: Les lieux de mémoire. La République. Paris 1997, S. 493-515. Auch im Internet zugänglich: http://etudescoloniales.canalblog.com/archives/2006/08/25/2840733.html

[10] http://www.palais-portedoree.fr/fr/decouvrir-le-palais/lhistoire-du-palais/lexposition-coloniale-de-1931

http://archives.valdemarne.fr/content/la-contre-exposition-des-surr%C3%A9alistes-ou-la-remise-en-cause-du-colonialisme-2

siehe dazu auch den Abschnitt „la propagande anticolonialiste“ in dem Aufsatz von Ageron.

[11] Postkarte aus: http://www.cparama.com/forum/paris-exposition-coloniale-internationale-1931-t5660-20.html

[12) Einen Kalender mit den entsprechenden Veranstaltungen findet man unter: http://www.bouddhisme-france.org/activites/activites-a-la-pagode/article/grande-pagode-calendrier-2017.html

Weitere  geplante Beiträge:

  • Die Kolonialausstellung von 1931 (Teil 2): Der „menschliche Zoo“ im Jardin d’acclimatisation und der  Tausch von Krokodilen und „Menschenfressern“   zwischen Paris und Frankfurt
  • Zu Fuß zum Mont-Saint-Michel: La traversée de la baie
  • Die  Kirche Saint-Sulpice in Paris

Napoleon in den Invalides: Es lebe der Kaiser !/Vive l’empéreur (3)

 „Von oben herab sprach Bonapart“…

Im „Datterich“, einer Biedermaier-Komödie des Darmstädter Schriftstellers Ernst Elias Niebergall, spielt beim Skat  der Held des Stückes mit diesen Worten seine Trümpfe aus und zieht damit seinen Mitspielern das Geld aus der Tasche.

Daran muss ich –in Darmstadt aufgewachsen- denken, wenn  ich den von oben herab auf die  Besucher des  Hôtel des Invalides blickenden monumentalen Bonaparte sehe.

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Ein vier Meter hoher Napoleon aus Bronze steht  nämlich gegenüber dem Eingang zum Ehrenhof des Hôtel des Invalides über dem Portal der Soldatenkirche:- ganz eindeutig und unverkennbar mit seinem charakterischen Zweispitz, dem Mantel  und der  unter die Weste geschobenen linken Hand: „une main de fer dans un gant de velours“,  wie es in einer Veröffentlichung des musée de l’armée über die Restaurierung  der  von Crozatier gegossenen Statue heißt.

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Zunächst -seit 1833-  stand diese von Charles Émil Seurre geschaffene Statue auf der Triumphsäule der Place Vendôme, sie wurde aber 1863 auf Veranlassung von Napoleon III. ersetzt durch den auch heute noch dort stehenden  imperialen Napoleon in römischer Tracht und Pose.

Der Seurre’sche Napoleon erhielt jedoch einen anderen hervorgehobenen Platz- er wurde in der Verlängerung der großen Pariser Ost-West Achse dort aufgestellt, wo jetzt das Hochhaus- und Geschäftsviertel La Défense  steht und der Große Torbogen (Grande Arche), der zum 200. Jubiläum der Französischen Revolution errichtet wurde.

Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen 1870 sollte die Statue Napleons vorsichtshalber in Sicherheit gebracht werden, versank dabei allerdings in der Seine: vielleicht, weil das Schiff kenterte, vielleicht in einem Akt „antibonapartischen Vandalismus“, vielleicht auch in voller Absicht, um ein Höchstmaß an  Sicherheit zu gewährleisten.

Wie auch immer: Nach seiner Bergung aus der Seine und Jahren im Abseits eines Depots begrüßt  Napoleon seit 1911 huldvoll die Besucher der Invalides, die sein Grab im Dôme des Invalides und die Präsentation seiner militärischen Heldentaten im Musée de l’Armée besuchen und meistens wohl auch bewundern wollen. (0)

Die Rückkehr der Asche/Le retour des cendres

Ein riesiger Sarkophag  aus russischem Quarzit/Porphyr auf einem rechteckigen Sockel aus Granit  in der Krypta des Invalidendoms, direkt unter der Kuppel, umrahmt von einem Lorbeerkranz und den Namen siegreicher Schlachten; umgeben  von einer Galerie mit  zwölf Siegesgöttinnen:  Ein beeindruckendes Bild, wenn man von oben herunterblickt, aber beeindruckend auch die  Umrundung des Sarkophags auf Augenhöhe: Eine monumentalere, repräsentativere Grablege ist kaum vorstellbar.  

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Aber für Napoleon war das Beste gerade gut genug.  Der Leichnam hätte ja auch in Sankt Helena bleiben können, wo Napoleon am 15. Mai 1821 gestorben war. Aber Napoleon wollte gerne in Paris beerdigt werden, „an den Ufern der Seine, inmitten des französischen Volkes, das ich so sehr geliebt habe“.

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1840 war England bereit, einer Überführung der sterblichen Überreste des Kaisers nach Frankreich zuzustimmen. Und die Julimonarchie des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe ergriff die Gelegenheit, Napoleon und damit vor allem sich selbst in Szene zu setzen.

Das war auch dringend geboten, denn von Louis-Philippe erwartete man, anders als von den durch die Siegermächte wieder eingesetzten und 1830 gestürzten Bourbonen,  eine Revanche für die Niederlagen von 1814 und 1815. Sein Ministerpräsident Adolphe Thiers startete auch einige entsprechende Initiativen  –z.B. im Nahen Osten oder in Richtung Rheingrenze und ließ sicherheitshalber Paris auch von einem Festungsgürtel umgeben. Nie war der Krieg nach 1815 so nahe.[1] Aber Louis Philippe schreckte dann doch vor einem Krieg und der Gefahr einer Niederlage zurück und Thiers wurde entlassen. Was blieb, war die Demütigung des Landes.[2]

Da kam nun die von den Engländern 1840 genehmigte Rückführung der sterblichen Überreste des Kaisers als Ausgleich zum enttäuschten nationalen Selbstbewusstsein genau zum richtigen Zeitpunkt. Wie Tulard feststellt: Louis Philippe vereinnahmte die siegreichen Schlachten Napoleons von Austerlitz, Jena und Wagram und rettete damit sein Regime.

Die Frage war jetzt allerdings, wo Napoleon bestattet werden sollte. Dafür boten sich verschiedene Orte an: Das Pantheon, in dem schon Voltaire und  Rousseau, aber auch sehr viele Militärs, Politiker und Wissenschaftler des Empire ruhten; die Madeleine,  die von Napoleon als Tempel des Ruhms seiner Armeen geplant war; der Arc de Triomphe de l’Étoile, der die napoleonischen Armeen und ihre Siege verherrlichte[3] oder die Vendôme-Säule, das hervorragende Symbol der kaiserlichen Epoche. Napoleon selbst hatte sich gewünscht, in der Basilika von Saint-Denis begraben zu werden, an der Seite der französischen Könige. Aber dagegen gab es –verständliche- Einwände von rechts und links.

Napoleon könne, wie es der damalige Innenminister im Parlament formulierte, nicht in einem „gewöhnlichen Königsgrab“ bestattet werden – also in St. Denis. Er müsse weiter herrschen und kommandieren, wo die  Soldaten des Vaterlandes ruhten und wo diejenigen sich inspirieren ließen, die künftig zur Verteidigung des Vaterlandes zu den Waffen gerufen würden.[4] Damit war das Hôtel des Invalides als Bestimmungsort der sterblichen Überreste Napoleons festgelegt, was uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Invalides waren immerhin ein Ort gewesen, der in der Selbstdarstellung Napoleons und des Kaiserreichs eine wesentliche Rolle gespielt hatte: 1800 hatte Bonaparte, damals Erster Consul, die Überführung der sterblichen Überreste des Marschalls Turenne, einer der berühmtesten Heerführer Frankreichs, in den Marstempel, wie der Invalidendom zu Zeiten der Revolution hieß, angeordnet. 1804 verteilte er hier die ersten  Orden der von ihm geschaffenen Ehrenlegion. Napoleon veranlasste auch die Bestattung der Herzen des Festungsbaumeisters Vauban und des Napoleon besonders nahe stehenden Marschalls Lannes im Invalidendom.

Sein Ziel war es, aus den Invalides einen Ort der Versöhnung der Franzosen mit ihrer Vergangenheit zu machen und die Kontinuität der Armeen Ludwigs XIV., der Revolution und seines Kaiserreichs zu demonstrieren. Indem die Julimonarchie den Invalidendom als Bestattungsort Napoleons wahlte, schuf sie einen gemeinsamen Erinnerungsort an die beiden bedeutendsten Herrscher, die Frankreich im öffentlichen Bewusstsein der damaligen Franzosen je gehabt hatte, also Napoleon und Ludwig XIV. Es war ja der „Sonnenkönig“  gewesen, der  zur Unterbringung seiner Veteranen und Invaliden  den Anstoß zum Bau des Hôtel des invalides gegeben hatte, zu dem der Invalidendom gehört.

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Ludwig XIV. wird  gleich über dem Eingang in römischer Tracht hoch zu Roß abgebildet – und über ihm strahlt die Sonne. Damit ist die riesige Anlage gewissermaßen mit seinem Stempel versehen. [5] Und der Bürgerkönig Louis Philippe präsentierte sich mit der Wahl des Invalidendoms für die „cendres“ des Kaisers  als  legitimer Nachfolger der französischen Könige, allen voran Ludwigs  XIV.,  der Französischen Revolution und  Napoleons.

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Beauftragt mit der Rückführung Napoleons wird der General Gourgaud. Er war einer der Getreuen, die Napoleon nach Sankt Helena begleitet hatten, also hinlänglich legitimiert. Gourgaud schrieb dann auch einen Bericht über seine Mission.Am 15. Oktober 1840  wird der Leichnam Napoleons  in Sankt Helena  exhumiert.  Auch mehr als 19 Jahre nach dem Tod soll er  „dans un excellent état de conservation et parfaitement identifiable“ gewesen sein. [6]

Auf der französischen Fregatte mit dem schönen Namen „Belle Poule“  wird der Leichnam nach Cherbourg gebracht und erreicht dann via Rouen und die Seine den Hafen von Courbevoie. Von dort aus geht es zum fahnengeschmückten Arc de Triomphe, wo der Zug mit Böllern empfangen wird.[7]

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Dann fährt der von 16 Pferden gezogene, 13 Tonnen schwere  und 10 Meter hohe Wagen mit goldenen Rädern durch den Arc de Triomphe und über die mit Statuen geschmückten Champs Elysées  zum Hôtel des Invalides. Dort wird der Sarg von der königlichen Familie, Vertretern der Kirche, Abgeordneten, dem diplomatischen Korps mit allen politischen, geistlichen und auch musikalischen Ehren empfangen: Neben der obligatorischen Militärmusik wird auch das Requiem von Mozart dargeboten. Allerdings sind aufwändige Umbauarbeiten erforderlich,  und erst  1861 ist das monumentale Grabmal  fertiggestellt  und kann von Napoleon III., dem Neffen Napoleons I., eingeweiht werden.

Etwa 1 Million Zuschauer  sehen dem Leichenzug Napoleons zum Hôtel des Invalides zu. Napoleon ist zum Volkshelden geworden,  sein Despotismus ist in Vergessenheit geraten zugunsten des Ruhms, „le despotisme est oublié au profit de la gloire[8]. Selbst kritische Geister wie Heinrich Heine oder Victor Hugo feiern den großen Kaiser, auch wenn Hugo die Zeremonie selbst für eher abgeschmackt hält.[9]

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Und natürlich ließ es sich Louis Philippe nicht nehmen, gleich ein 12-teiliges Porzellan-Service in Auftag zu geben, in dem die Überführung Napoleons von Sankt Helena nach Paris dargestellt ist. [9a]

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Übrigens kehren nicht nur die sterblichen Überreste Napoleons aus Sankt Helena zurück, sondern auch die Steinplatten (dalles), die sein Grab in Sankt Helena bedeckten.  Seit 1978 liegen sie in dem  Garten seitlich der Kirche.

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Der Invalidendom ist ein grandioser lichtdurchfluteter Raum. Anders  als in anderen Kirchen, etwa dem  Pantheon, ist die Krypta nach oben geöffnet. Man steigt zwar zum Grabmal Napoleon herab, hat aber immer über sich den strahlenden Kirchenraum und seine Kuppel.

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 Der Umgang  um das Grabmal ist mit Reliefs von Charles Simart versehen. Hier wird das segensreiche Wirken Napoleons im Innern Frankreichs dargestellt, wobei  zum Teil  auch seine eigenen Worte aus dem Mémorial de Saint Hèlène zitiert werden.  Bei diesem Werk handelt es sich um eine Niederschrift von Gesprächen,  Kommentaren und Monologen von und mit Napoleon auf Sankt Helena, niedergeschrieben von einem der Begleiter Napoleons, Las Cases.  Emmanuel-Augustin-Dieudonné-Joseph de Las Cases war zunächst  Marineoffizier und avancierte unter Napoleon zum Reichsbaron. Nach Napoleons zweiter Abdankung bat er darum, zusammen mit seinem Sohn  seinen geliebten Kaiser  nach Sankt Helena begleiten zu dürfen, wo er 18 Monate blieb. In dieser Zeit entstand das Mémorial de Saint-Hélène.

Das Werk war zunächst dazu bestimmt, Mitleid mit dem von den Engländern auf einen Felsen verbannten  und unwürdig behandelten Kaiser zu erzeugen.  Und es solllte auch   -im Sinne der napoleonischen Strategie seit seinem Italienfeldzug- die Legende des Kaisers befördern.  Zu dem leidenden Napoleon kam der glorreiche Napoleon als romantischer Held par excellence hinzu, der die europäischen Könige hinweggefegt und Europa erobert hatte, aber wie Prometheus auf einem kargen Felsen angekettet endete.  Das Werks von Las Cases war, wie Tulard urteilt, „une machine de propagande“ :

„La légende napoléonienne trouve dans le Mémorial son principal évangile.“[10]

Und so war es geradezu selbstverständlich, wenn sich Charles Simart bei der Gestaltung des der Reliefs auch auf das Mémorial bezieht.

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Gründung  des Cour des Comptes  1807

Zitat von Napoleon:

„je veux que   par une surveillance active que l’infidélité soit reprimée et l’emploi légal des fonds publics garanti“

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Liste von Infrastrukturmaßnahmen, die von Napoleon angestoßen wurden

Zitat Napoleons:

„Partout où mon règne a passé il a laissé des traces durables de son bienfait“

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 Der Code Civil oder Code Napoléon: Gleichheit vor dem Gesetz

Zitat Napoleon:

„Mein einheitlicher Code hat für Frankreich mehr Gutes  bewirkt als sämtliche früheren Gesetze“

(„Mon seul Code par sa simplicité, a fait plus de bien en France que la masse de toutes les lois qui m’ont précédé“.)

Und dann wird, im Zusammenhang mit der von Napoleon eingeführten zentralisierten Verwaltung –mit der Frankreich heute noch seine Probleme hat- noch einmal zusammenfassend Napoleon zitiert: Er habe, selbst mitten im Krieg, nicht die staatlichen  Institutionen und „le bon ordre“ im Innern vernachlässigt…

Hier liegt ja auch in der Tat das bleibende Verdienst Napoleons:Nämlich Frankreich, Elemente der Revolution aufgreifend,  grundlegend reformiert und mit den Institutionen eines modernen Staates ausgestattet zu haben. Und es ist bemerkenswert, dass hier im Invalidendom, umgeben von der Crème de la crème der französischen militärischen Elite, vor allem der Napoleon des „oeuvre civil“ gefeiert wird.

Eine  Kuriosität in der Krypta des Invalidendoms ist das Grabmal des einzigen legitimen Sohns Napoleons: Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte,  der „Aiglon“.  Gleich nach seiner Geburt 1811 mit dem Titel „König von Rom“ ausgestattet, wurde er von Napoleon nach seiner erzwungenen Abdankung 1815 zu seinem Nachfolger ausgerufen. Wirkung hatte das nicht, weil bereits kurz danach wieder die Bourbonen die Herrschaft in Frankreich übernahmen. Aber immerhin gab es für kurze Zeit einen Napoleon II., so dass dann der Kaiser des zweiten empire zum dritten Napoleon wurde.

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Nach 1815 und der Rückkehr der Bourbonen war für Franz natürlich kein Platz mehr in Frankreich. Er  siedelte zu seiner Familie mütterlicherseits nach Wien um, wo er 1832 starb. Bestattet wurde sein Leichnam in der kaiserlichen Grablege, der Kapuzinergruft (Herz und Eingeweide  entsprechend dem Habsburger Begräbniszeremoniell an anderer Stelle.)

Mehrere Versuche, den Leichnam neben seinem Vater im Invalidendom zu bestatten, scheiterten. Es war pikanterweise Adolf Hitler, der dies ermöglichte – so dass 1940, 100 Jahre nach der Überführung des Leichnams Napoleons I., der Leichnam seines Sohnes  im Invalidendom seine letzte Ruhe fand.

Hitler selbst besuchte kurz nach dem Sieg über Frankreich Ende Juni 1940 Paris.Er  kam gewissermaßen als Tourist, begleitet von Albert Speer und Arno Breker, seinem Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris gelebt hatte. Natürlich sah er sich die Oper an, ließ sich medienwirksam vor dem Eiffelturm  ablichten, besuchte die Madelaine, den Arc de Triomphe, der Albert Speer als Vorbild für einen viermal so großen Triumphbogen in Berlin dienen sollte, und schließlich als End- und Höhepunkt den Invalidendom. „Fast wirkt es, als sei sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab Friedrichs des Großen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Napoleons enormer Sarkophag … ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. …Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.[11] Der profunde Napoleon-Kenner Steven Englund  stellt zwar fest,  Hitler habe nicht zu den Bewunderern Napoleons gehört, und der französische Historiker Jean Tulard sieht in dem Besuch Hitlers im Invalidendom einen bewussten „Akt der Demütigung der feindlichen Franzosen“ , aber ich denke, dass da auch eine andere Lesart möglich ist….[12]

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An jedem 5. Mai, dem  Todestag Napoleons, sollen sich übrigens bonapartistische Nostalgiker am Grab im Invalidendom versammeln…. Vielleicht werde ich mich in diesem Jahr einmal als  interessierter „teilnehmender Beobachter“ darunter mischen.

Napoleon im Musée de l’Armée

Das Musée de l’Armée ist ein äußerst weitläufiger, um den großen Hof der Invalides-Anlage gruppierter  Komplex. Es beherbergt auch die  bedeutendste  historische Sammlung zum napoleonischen Kaiserreich.[13]  Dazu gehört das berühmte Gemälde von Ingres „Napoleon auf dem kaiserlichen Thron“:  Das Portrait eines mit den Insignien seiner Macht ausgestatteten Kaisers – in feierlicher, strenger und  unnahbarer Pose. Hier ein Ausschnitt:

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In den Napoleon betreffenden  Räumen der Ausstellung wird den Besuchern dann aber Napoleon doch näher gebracht. Eine ganze Reihe von Napoleon-Reliquien ist ausgestellt. Unter anderem einer der typischen Hüte Napoleos,  ein Zweispitz (bicorne), der natürlich den höchstselbigen kaiserlichen Kopf bedeckt hat…

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…. eine Tasche, die er als Erster Consul trug….

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…. die Uniform, die  der General Bonaparte bei der Schlacht von Marengo am 14. Juni 1800 trug…

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… der Degen, den er bei der Schlacht von Austerlitz trug und der bei der Überführung  seiner sterblichen Überreste in den Invalidendom auf seinen Sarg gelegt worden war …

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…. und vieles mehr….

Ausgestellt ist sogar das konservierte Pferd Napoleons, „Le Vizir“.

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Es habe, wie eine beigefügte Informationstafel  erläutert, „unter dem Sattel des Kaisers bei den Schlachten von Iena und Eylau gekämpft.“  Zwölf Jahre lang sei es ein  treuer Begleiter Napoleons gewesen und habe ihn auch in sein Exil auf der Insel Elba begleitet. Nach seinem Tod 1826 habe man  seine Haut erhalten und -wir befinden uns in der Regierungszeit der Napoleon-feindlichen Boubonen- vor dem königlichen Zugriff versteckt. 1839 wurde die Haut nach England gebracht und dort „naturalisiert“.  1868 sei Vizir nach Frankreich zurückgekehrt und werde seit 1905 im Musée de l’Armée ausgestellt, nicht weit entfernt vom Invalidendom, „où repose son ancien maître.“ 2016 wurde das Pferd einer Generalüberholung unterzogen. Innerhalb kürzester Zeit waren mittels „crowdfunding“ die erforderlichen 26 000 Euro aufgebracht. Jetzt ist Vizir in einer Glasvitrine mit Temperatur- und Feuchtigkeitsregelung und dezent beleuchtet zu bewundern. (13a)

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Es lohnt sich, mit offenen Augen und etwas Muße durch die Räume zu gehen. Sie lassen etwas von der Faszination spüren, die Napoleon bis heute auf viele Menschen –und Museumsmacher- ausübt.

Wird  im Invalidendom Napoleon als Mann des Friedens und der grundlegenden inneren Reformen gefeiert, so geht es im Musée de l’Armée  natürlich um seine Rolle als Feldherr. Und die wird vor allem durch zahlreiche Gemälde herausgestellt, die Napoleon vor oder nach siegreichen Schlachten zeigen:

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General Bonaparte. Gemälde von Édouard Detaille (um 1900)

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Napoleon am Abend der Schlacht von Jena 8. Oktober 1806 oder: La victoire est à nous! Gemälde von Édouard Detaille 1894

Dass  manche dieser Napoleon verherrlichenden Gemälde aus der Zeit zwischen der französischen Niederlage von 1871 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stammen, ist kein Zufall.  Napoleon hatte immerhin bei Jena die Preußen vernichtend geschlagen. Dieses Vorbild hatte höchste Aktualität in einer Zeit, in der Léon Gambetta –bezogen auf Elsass-Lothringen und die angestrebte Revanche- die berühmte Parole ausgegeben hatte:

penser toujours, n’en parler jamais.

Und die Botschaft solcher Bilder war eindeutig – da waren keine erklärenden Worte notwendig.

Lohnend ist es auch, sich die informierenden Begleittexte (französisch und englisch) anzusehen unter dem Gesichtspunkt, was gesagt und was nicht gesagt wird und auf welche Weise Sachverhalte  dargestellt werden – überraschend für mich zum Beispiel die Darstellung der „Grande Armée“ des Russlandfeldzugs (mit seinen immerhin eine Million Opfern).  Dass die „Grande Armée) gebührend gewürdigt wird, ist in diesem Rahmen und in dieser Stadt zu erwarten, in der immerhin die  Fortsetzung der Champs Ellysées über den  Arc de Triomphe hinaus den Namen der „Grande Armée“ trägt: Avenue de la Grande Armée.  Für mich neu und überraschend ist allerdings die Bezeichnung „Armee der 20 Nationen“..

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Auf eine Zahl von 20 beteiligten Nationen kommt man natürlich nur, wenn man die beteiligten deutschen Staaten einzeln als unterschiedliche Nationen einbezieht: Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Westfalen usw. – in dieser Zeit des durch die Politik Napoleons angeheizten deutschen Nationalismus eine nicht ganz unproblematische Rechnung. Es wird dann auch noch auf weitere Kontingente, z.B. preußische, schweizerische, belgische, holländische, portugiesische, italienische und kroatische  verwiesen, so dass die 20 „Nationen“ tatsächlich zusammenkommen.

Und dann wird im Begleittext zusammenfassend festgestellt:

Jede Nationalität des großen napoleonischen Reiches ist vertreten. Sie  bilden die erste europäische Armee der Geschichte, die Armee der zwanzig Nationen.“ (Übersetzung von W.J.)

 Aber was  ist das für eine „europäische Armee“, in der  beispielsweise bei Preußen und Österreichern  -die ja übrigens gar nicht zu dem „großen napoleonischen Reich“ gehörten – wenig Begeisterung herrschte, an der Seite des ehemaligen Feindes Frankreich gegen den ehemaligen Verbündeten Russland ins Feld zu ziehen?  Oder in der  die deutschen  Kontingente überwiegend von französischen Generälen kommandiert und oft als Kanonenfutter missbraucht wurden – von dem westfälischen Kontingent von 17000 Mann haben nur 700 den Russlandfeldzug überlebt![14]  Aber es gehört offenbar zu dem vorherrschenden französischen Geschichtsverständnis, Napoleon als „überzeugten Europäer“ zu sehen und selbst die Besetzung zahlreicher europäischer Throne durch Familienangehörige als Mittel der europäischen Einigung zu verstehen.[15] Wenn heute in Frankreich unisono von ganz rechts und ganz links (mit freundlicher Unterstützung von Herrn  Trump) das Schreckbild eines angeblich von Deutschland beherrschten Europas verbreitet wird, so gilt andererseits ein ganz unzweifelhaft von Napoleon eroberter und beherrschter Kontinent offenbar  vielfach als historische Sternstunde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass im Begleittext zur Aussstellung über den dt-franz. Krieg von 1879/1871 im musée de l’armée (April bis Juli 2017) die Niederlage Napoleons in Leipzig als „Ende der französischen Idee Europas“ bezeichnet wird und damit die Herrschaft Napoleons über Europa ins hehre Reich der Ideen erhoben wird.(15a)

Kein Wunder also, dass an der Kasse des Armeemuseums Napoleon-Mützen erhältlich sind, die von den Schülerinnen und Schülern –und ihren Lehrern- für das Abschlussfoto auf den Stufen des Invalidendoms stolz aufgesetzt werden. Obwohl vielleicht unter den Vorfahren des einen oder anderen dunkelhäutigen  Schülers auch solche waren, die unter der Wiedereinführung der Sklaverei in den französischen Karbikbesitzungen  gelitten haben, die  Napoleon  1802 verfügte….

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Wie lebendig die Verehrung Napoleons im heutigen Frankreich ist, konnte ich auch im Herbst 2016 bei einer Veranstaltung der Fondation Napoléon miterleben. Dort stellte Alain Pigeard sein Buch mit dem bemerkenswerten Titel: „L’oeuvre de paix de Napoléon 1800 -1815″ vor. Und bemerkenswert ist auch das Vorwort dieses Buchs. Es ist nämlich in der 1. Person Singuar geschrieben. Und hinter dem „ich“ verbirgt sich niemand anderes als „Napoléon Bonaparte“ höchstpersönlich, aus dessen Memoiren entsprechende Passagen für das Vorwort zusammengestellt sind. In dem Buch sind 200 Maßnahmen Napoleons „pour reconstruire la France“ zusammengetragen. Kein Wunder, dass in der anschließenden Diskussion gefragt wurde, was denn Napoleon wohl heute tun würde, um Frankreich wieder aufzurichten. Da hielt sich der Referent eher bedeckt. Aber allgemeine Einigkeit und allgemeines Bedauern bestand darin, dass ein „homme providentiel“ wie Napoléon heute nicht in Sicht sei, dass Frankreich also noch etwas auf seine Wiederaufrichtung waren müsse….

 Anmerkungen

(0) https://fr.wikipedia.org/wiki/Statue_de_Napol%C3%A9on_(Seurre)

Plan der gesamten  Anlage: http://www.musee-armee.fr/plan-interactif.html (Die Napoleon-Statue genau bei No 3 des Plans)

Napoléon 1er de retour aux Invalides. In: L’écho du dôme. Le Magazin du musée de l’armée. juin-sept. 2015, p. 12

[1] Siehe dazu den Blogbeitrag zum Arc de Triomphe (November 2016)

[2] Jean Tulard, Le Retour des Cendres. In. Les Lieux de Mémoire. Sous la direction de pierre Nora. II. La Nation, Bd 2, S. 92/93.  Der  Blog-Beitrag stützt sich in hohem Maße auf diesen Beitrag des hervorragenden Napleon-Spezialisten Jean Tulard.

[3] Siehe den Blog-Beitrag zum Arc de Triomphe, November 2016

[4] Tulard, Le retour des cendres, S. 81

[5] Im Moment (Oktober/November 2016) wird die nördliche Front des Hôtel des Invalides allerdings renoviert, da ist die Statue Ludwigs XIV hinter Gerüsten verborgen.

„Invalidendom“ ist übrigens eine missverständliche Bezeichnung. Denn es handelt sich ja nicht um einen Dom im eigentlichen Sinne, also eine Bischofskirche, sondern um eine Kapelle der Kirche Saint-Louis des Invalides. Die deutsche Bezeichnung „Dom“ ist eine Übernahme des  französischen Wortes „dôme“, also Kuppel, und in der Tat ist der „Invalidendom“ ja ein grandioser Kuppelbau.

[6] http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/39624/  Tulard zitiert dazu ausführlich den Bericht von der Öffnung des Sargs. Retour des Cendres, S. 99/100

[7] http://www.napoleonprisonnier.com/postmortem/invalides.html

[8] Tulard, Le retour des cendres, S. 86

[9] Tulard, Le retour des cendres, S. 85 und 103

Zu Hugo auch sehr ausführlich und fundiert:  http://groupugo.div.jussieu.fr/groupugo/00-09-16laurent.htm. Dort u.a.: „Hugo (…) ignore ou minore volontairement tout ce qui dans l’aventure napoléonienne relève de la restauration monarchique.“

[10] Tulard, Le retour des cendres, S. 88

[11] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkr/article142984191/Nur-zwei-Stunden-hielt-es-Hitler-im-eroberten-Paris.html

[12] Steven Englund, Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562

http://www.zeit.de/online/2006/34/zeitgeschichte-jean-tulard

[13] Jean Tulard u.a., l’ABCdaire de Napoléon de l’Empire. Paris 2013, S. 75

(13a) Écho du dôme. Hrsg. Musée de l’Armée. oct. 2016/jan 2017

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbund und janhttps://www.welt.de/kultur/history/article945036/Die-vergessenen-Deutschen-in-Napoleons-Armee.html

[15] L’ABC-daire de Napoléon de l’Empire, S. 8: „un européen convaicu“… „Même la politique familiale de  l’Empereur va dans le sens de l’unification européene.“

(15a) Der Gerechtigkeit halber soll aber auch erwähnt werden, dass 2013 im musée de l’armée eine Ausstellung zum Thema „Napoléon et l’Europe“ gezeigt wurde, die auch die Schattenseiten der napoleonischen Herrschaft über Europa und den Widerstand gegen sie nicht aussparte.

 

 Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 2): Bartholdi und Eiffel, die Väter von Miss Liberty

Anlass des ersten Teils dieses Beitrags war die Rolle, die die Freiheitsstatue von New York in der Darstellung und Beurteilung des neuen US-Präsidenten und seiner Administration spielte: Das Bild der weinenden „Miss Liberty“, die Freiheitsstatue hinter Gittern bzw. von Trump in Stücke gehauen. Ein Aspekt  dabei war die mögliche „Repatriierung“ der Statue nach Paris, dorthin also, wo Miss Liberty entstanden ist.

https://paris-blog.org/2017/02/01/die-weinende-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-drei-schwestern-in-paris-teil-1/

In diesem zweiten Teil wird erläutert, wieso ausgerechnet Paris Geburtsort von Miss Liberty ist und wer ihre Väter waren – zu denen übrigens auch niemand Geringeres als Gustave Eiffel gehört. In einem  nachfolgenden dritten und letzten Teil werden schließlich ihre kleineren Pariser Schwestern vorgestellt.

https://paris-blog.org/2017/03/01/die-freiheitsstatue-von-new-york-und-ihre-schwestern-teil-3-die-freiheitsstatuen-von-paris/

 Man muss also gar nicht nach New York fahren, um eine „echte“ Freiheitsstatue zu sehen…

Die Idee für das Projekt der Freiheitsstatue geht auf eine Bemerkung zurück, die der französische Jurist und Politiker Édouard René de Laboulaye im Jahr 1865 machte:  „Sollte ein Denkmal in den Vereinigten Staaten errichtet werden, das an ihre Unabhängigkeit erinnert, dann denke ich, dass es nur natürlich ist, wenn es durch vereinte Kräfte entsteht – ein gemeinschaftliches Werk unserer beiden Nationen.“[1] 

Eine solche Überlegung war auch Ausdruck der Gegnerschaft des Republikaners Laboulaye zum  Seconde Empire, dem Kaiserreich Napoleons III. Und im monarchistischen Frankreich, das  -anders als Loboulaye-  im Sezessionskrieg auf Seiten der Südstaaten gestanden hatte, bestand natürlich keine Chance auf Umsetzung eines solchen Projekts. Allerdings inspirierte Laboulayes Idee den mit ihm befreundeten jungen elsässischen Bildhauer Auguste Bartholdi zu einem anderen Projekt, gewissermaßen der Vorgängerin der Statue of Liberty.  Bartholdi schlug nämlich dem osmanischen Statthalter von Ägypten vor, zur Eröffnung des Suez-Kanals an dessen nördlichem Ende einen riesigen Leuchtturm zu errichten.  Er sollte die Gestalt  der römischen Göttin Libertas im Gewand einer ägyptischen Fellachin haben und so wie einst der Koloss von Rhodos  mit einer Fackel in der erhobenen Hand. Auch einen Namen hatte Bartholdi schon vorgesehen: „La liberté éclairant l’Orient“. Allerdings blieb dieses Projekt sozusagen im Sand stecken.

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Dann kamen der deutsch-französische Krieg 1870/71, das Ende des zweiten Kaiserreichs und die Annexion des Elsaß und eines Teils von Lothringen durch das Deutsche Reich. Bartholdi, der im Krieg auf Seiten der republikanischen Truppen und Garibaldis gegen die deutschen/badischen Truppen gekämpft hatte, gehörte zu den Elsässern, die nach 1871 das zum „Reichsland“ gewordene Elsass-Lothringen verließen. Die junge Dritte Republik war in dem damaligen, überwiegend monarchischen Europa eher isoliert, beste Voraussetzungen  für eine französisch-amerikanische, die gemeinsame republikanische Tradition und die Waffenbrüderschaft von Washington und Lafayette im Unabhängigkeitskrieg verkörpernde Freiheits-Statue in New York. Dazu konnte die monumentale Statue –wie schon der geplante Suez-Leuchtturm- der Welt  „le génie français“ vor Augen führen.[2]

Die Freiheitsstatue in New York sollte ja auch Ausdruck des technischen Erfindungsgeistes und des Fortschritts sein. Es gab in diesen Jahren in Frankreich eine Revue mit dem Titel „le génie français“, in der 1883 der Ingenieur Charles Talandier einen ausführlichen Artikel über die Konstruktion der Freiheitsstatue veröffentlichte.[3] Und da konnte durchaus auch ein gewisser nationalistischer Beigeschmack dabei sein  – so wie das ja auch das schöne Kalligramm  Apollinaires verdeutlicht, auf dem der Eiffelturm die Welt grüßt und den Deutschen –die so ein grandioses Bauwerk eben nicht hinbekommen- die Zunge rausstreckt.[4]

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Für die Einweihung der New Yorker Freiheitsstatue konnte es keinen besseren Zeitpunkt geben als den 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1876. Bartholdi reiste also in die USA und warb für sein Projekt: Franzosen sollten die Statue finanzieren, Amerikaner den Sockel.  Bartholdi erhielt  zwar schon die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten, die Statue auf Bedloe’s Island in der Bucht von New York zu errichten, aber eine breite Spendenkampagne auf beiden Seiten des Atlantiks lief erst 1875 an– viel zu spät also für das geplante Einweihungsdatum.  Zur amerikanischen Kampagne gehörte, wie in Teil 1 berichtet, das Gedicht von Emma Lazarus. In Frankreich wurde das endgültige Modell der Statue, das sogenannte „Komitteemodell“ 200-fach verviefältigt und numeriert, von Bartholdi eigenhändig  retuschiert und signiert,  zum Verkauf angeboten. (4a)

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Zur Propagierung und Finanzierung des Projekts ließ das Comité de l’Union franco-américaine auch ein Diorama oder Panorama herstellen. Das war ein damals sehr populäres und modisches Medium, woran noch heute der Name der Passage des Panorama in Paris erinnert. Unter der Aufsicht von Bartholdi wurde ein 11 Meter langes Gemälde angefertigt. Es vermittelte dem Besucher den Eindruck, auf dem Heck eines Ozeanriesens zu stehen, der gerade den Hafen von New York verläasst und die fertige Freiheitsstatue an sich vorbeiziehen sieht. Ein kleines Modell dieses Dioramas ist im musée des arts et métiers in Paris zu sehen. (siehe dazu den dritten Teil des Beitrags über die Freiheitstatuen von Paris: https://wordpress.com/posts/my/paris-blog.org)

Teil der  französischen Kampagne war auch die Aufführung einer Kantate von Charles Gounod in der Pariser Oper am 25. April 1876 mit dem Titel „La Liberté éclairant le monde“  – dies  auch der offizielle Name der New Yorker Statue.[5]

La  Liberté éclairant le Monde            

J’ai triomphé! J’ai cent ans! Je m’appele la Liberté!

Mais un nom c’est trop peu:

Le monde a fait, me voulant forte et belle,

Mon corps de bronze et mon âme  de feu!

Je port au loin dans la nuit sombre,

Quand tous me feux sont allumés,

mes rayons aus vaissaux qui sombre

Et ma lumière aux opprimés!

J’ai triomphé! Wahington, Lafayette

Sont mes sauveurs qu’on bénit à genoux…. 

Der Entwurf Bartholdis für die Freiheitsstatue von New York entspricht in hohem Maße seinem Entwurf für den Suez-Kanal. Miss Liberty ist vollständig bekleidet, sie steht ruhig auf ihrem Podest – ganz anders also als die Darstellung der revolutionären Freiheit im Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix. Dort stürmt die halbentblößte Verkörperung der Freiheit wild voran, in der einen Hand die Trikolore, in der anderen ein Gewehr mit Bajonett.

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Miss Liberty dagegen hält in der erhobenen Hand die Fackel des Fortschritts. Das revolutionäre Pathos widersprach ja auch den politischen Tendenzen von Bartholdi und Laboulaye, die beide keine Sympathisanten von Revolutionen waren und auch der Pariser Commune kritisch gegenüberstanden.[6] Im Grunde war und ist die Darstellung der Freiheit, wie sie Bartholdi konzipierte, höchst konventionell und banal. Bartholdi bekannte selbst, dass es sich „nicht um ein großes Kunstwerk“ handelte.[7] Die Bedeutung lag in ihrer politischen Botschaft und  ihrer, den Glauben an den technischen Fortschritt verkörpernden Monumentalität, die dem damaligen Zeitgeist entsprach.  „Im Kolossalen steckt Anziehung, ein spezieller Reiz, auf den die Theorie des Gewöhnlichen kaum anwendbar ist. Glaubt man etwa, daß die Pyramiden die Vorstellungskraft der Menschen wegen ihres ästhetischen Werts angeregt haben?“ schrieb  Gustave Eiffel 1880[8]. Gustav Eiffel wird hier nicht nur deshalb zitiert, weil ihn mit Bartholdi der gleiche Hang zur Monumentalität und der gleiche Glaube an den technischen Fortschritt verbindet – insofern sind in gewisser Weise auch die Freiheitsstatue und der Eiffelturm Schwestern; Eiffel wird auch deshalb hier genannt und darf nicht fehlen, weil er am Bau der Freiheitsstatue ganz direkt beteiligt war.

Eine solche monumentale Statue von über 45 Metern Höhe konnte ja keinen Falls aus massivem Metall gegossen werden. Außerdem sollte die Statue von innen zugänglich sein. Man benötigte also ein Gerüst, das so stand- und wetterfest war, dass es die „Außenhaut“ aus 300 gehämmerten Kupferplatten mit einem Gewicht von 80 Tonnen tragen konnte. Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde zunächst der renommierte Architekt Viollet-le-Duc betraut, berühmt geworden u.a. durch die Renovierung bzw. gotische Renaissance von Notre Dame de Paris. Viollet-le-Duc hatte eine traditionelle Holzkonstruktion im Auge. Nach seinem Tod erhielt das Ingenieurbüro Gustave Eiffels  den Auftrag. Eiffel war damals noch ein jüngerer Mann – den nach ihm benannten Turm in Paris gab es noch nicht.  Er konstruierte ein –wesentlich weniger gewichtiges- neuartiges Trägersystem mit vier massiven gusseisernen Pfeilern, von denen aus ein feines Fachwerk aus Eisenstangen die kupferne Außenhaut so stabilisiert, dass die elastischen Verbindungen große Temperaturschwankungen ebenso aushalten wie kräftige Windstöße.[9]

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Kein Wunder also, dass die Statue zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung noch lange nicht  fertiggestellt war. Immerhin konnte Bartholdi ihren rechten, die Fackel haltenden Arm von 12,80 m Länge 1876 auf einer Ausstellung in Philadelphia präsentieren und  den Kopf  1878 auf der Pariser Weltausstellung.[10]

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Die Herstellung der Statue dauerte noch bis zum Sommer 1884. Bei der Werkstatt handelte es sich um die Firma Gaget- Gauthier, die sich schon vorher durch mehrere prominente Großaufträge  einen entsprechenden Ruf und ein großes know-how erworben hatte. Beispielsweise wurde dort der (beim Brand der Kathedrale 2019 zerstörte) neugotische Dachreiter von Notre Dame hergestellt und die Säule der place de Vendôme restauriert, die 1871 von den Kommunarden umgestürzt worden war.  Außerdem war Gaget-Gauthier auch geschäftstüchtig. So vertrieben sie zur Finanzierung des Projekts kleine Ausgaben der Statue, vielleicht ähnlich wie die  Eiffeltürmchen, die heute überall in Paris angeboten werden. Und daraus soll sich dann –so die schöne etymologische Anekdote- entsprechend der amerikanischen Aussprache von Gaget  das Wort „gadget“ entwickelt haben.[11]

Die Räume der Firma in der Rue de Chazelles waren so hoch, dass selbst der Kopf der Statue dort an einem Stück gefertigt werden konnte.

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Herstellung der linken Hand der Freiheitsstatue in der Firma Gaget

Als dann alle Einzelteile fertig waren, fand  neben der Werkstatt die vorläufige Endmontage statt.  Die über die Dächer der Stadt hinauswachsende Statue wurde zu einem bevorzugten Ausflugsziel der Pariser. „C’est une des curiosités les plus intéressantes de Paris“, schrieb ein Journalist im Juli  1883. Auch Victor Hugo ließ es sich nicht nehmen, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten und die Treppen in ihrem Inneren hochzusteigen. Er nahm sogar ein kleines Stück der Statue mit  „en souvenir de sa glorieuse visite“, hinterließ dafür aber die starken Worte:   „Das ist der Freiheitsengel, das ist der Aufklärungsriese“.[12]

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Victor Darbaud, La statue de la Liberté de Bartholdi dans les ateliers Gaget-Gauthier, rue de Chazelles. Musée Carnavalet, Paris.

Die fertige Statue wurde dann aber wieder zerlegt,  in zweihundert Kisten verpackt und über den Atlantik verschifft. Ihre bevorstehende Ankunft wurde auch in Amerika publik gemacht. Die Zeitschrift The Scientific American veröffentlichte im Mai 1884 eine Radierung der zur Verschiffung bereiten Statue – mit der gleichen Perspektive und vielen Details wie bei dem Bild von Darboud. Allerdings fehlt in der amerikanischen Version das Gerüst um Kopf, Arm und Fackel. Das ist kaum realistisch, aber der Gesamteindruck ist damit sicherlich eindrucksvoller, und es ging ja hier darum, die Amerikaner auf die Ankunft der Statue einzustimmen.

Paris monuments
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Das musée Bartholdi in Colmar

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Das musée Bartholdi in der rue des Marchands 

Einen schönen Überblick über die Geschichte der Freiheitsstatue erhält man im Bartholdi-Museum im Zentrum von Colmar.

Es wurde 1922 im Geburtshaus des Bildhauers eingerichtet.

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Im Hof des Anwesens befindet sich die große Figurengruppe Les trois soutiens du monde: Die Weltkugel wird von drei Atlanten getragen, Allegorien der Arbeit, der Gerechtigkeit und des Patriotismus.

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Die Figurengruppe Bartholdis wurde 1902 auf dem Salon in Paris ausgestellt und 1909 hier aufgestellt, eine bemerkenswerte demonstrative Geste: Der heimatverbundene Elsässer und französische Patriot Bartholdi, der sich 1871 geweigert hatte, deutscher Untertan zu werden und der deshalb nach Paris übergesiedelt war, fertigte gleichwohl für seine nun zum Deutschen Reich gehörende Heimat Arbeiten an.  Und man kann wohl davon ausgehen, dass die Allegorie des Patriotismus, ein junger Mann mit gezücktem Schwert und Fahne, von Bartholdi als Aufruf zur Rückgewinnung des „Reichslandes“ verstanden wurde

Ausgestellt werden zahlreiche Dokumente,  Entwürfe und kleinere Nachbildungen von Arbeiten des Bildhauers wie zum Beispiel des berühmten Löwen von Belfort. Im zweiten Stock, der den amerikanischen Denkmälern Bartholdis gewidmet ist, steht natürlich die Freiheitsstatue im Mittelpunkt.

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Wenn man sich also für die Freiheitsstatue und ihre Geschichte interessiert, ist das musée Bartholdi genau der richtige Ort.

Bartholdis Freiheitsstatue  ist aber nicht nur in dem  ihm gewidmete Museum in Colmar präsent. Unübersehbar thront eine mächtige Nachbildung der Statue auf einem rond point am nördlichen Ortseingang.

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Und der vom office de tourisme vorgeschlagene Stadtrundgang ist mit kleinen in den Boden eingelassenen Dreiecken mit der Abbildung der Freiheitsstatue markiert…

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Bartholdi in Paris

Auch in Paris gibt es Orte, die an Bartholdi erinnern:

  • Der Friedhof Monparnasse, wo sich sein Grabmal befindet
  • Der Friedhof Père Lachaise mit dem Denkmal für den Serganten Hoff
  • und der Platz Donfert-Rocherau mit einer verkleinerten Nachbildung des Löwen von Belfort.

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Der Löwe von Belfort ist nach der Freiheitsstatue sicherlich das bekannteste Werk Bartholdis. Es handelt sich um eine riesige Skulpur aus rotem Vogesensandstein, das an den Widerstand der von Colonel Denfert-Rocherau befehligten französischen Truppen während der Belagerung der Stadt im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert. In Paris steht eine auf ein Drittel verkleinerte, aber immer noch imposante Version des Belforter Löwen aus getriebenem Kupfer mitten auf dem Platz Denfert-Rocherau im 14. Arrondissement. Der Platz hieß ursprünglich place d’enfer und erhielt 1878 den Namen des „heldenhaften Obersten“.[13] Insofern war es nur konsequent, dass das Standbild Bartholdis dort aufgestellt wurde.

1880, als zum ersten Mal der 14. Juli offiziell als Nationalfeiertag begangen wurde, spielten der Platz und der Löwe ein wichtige Rolle. In dem offiziellen Festprogramm hieß es ausdrücklich, dass vor allem der Bastille-Platz und der Platz Denfert geschmückt werden sollten, „wo man den berühmten Löwen von Belfort sehen wird, der dieses Jahr auf dem Salon ausgestellt war, ein zur glorreichen Erinnerung an den Obersten Denfert-Rocherau errichtetes Denkmal“.[14]

Zu dem offiziellen Festprogramm gehörte auch eine große Militärparade. Es sollte damit die Einheit der Nation ausgedrückt und die Schmach der Niederlage von 1870/1871 ausgelöscht werden. Die Symbolik von Militärparade und  des Pariser Löwen von Belfort bei der Einführung des 14. Juli als Nationalfeiertag ist unverkennbar:  Frankreich wollte, wie es in einem Artikel von Libération heißt, seine wiedergewonnene militärische Macht demonstrieren und seine Nachbarn, vor allem natürlich das Deutsche Reich beeindrucken, das nun Elasss-Lothringen besaß[15]– ganz im Sinne der berühmten Devise Gambettas: „Pensons-y toujours, n’en parlons jamais“denken wir immer daran, sprechen wir niemals davon.

Auf dem Friedhof Père Lachaise befindet sich die Statue von Ignace Hoff, eine bemerkenswerte Arbeit von Bartholdi. Während der Belagerung von Paris durch preußische Truppen im deutsch-französischen Krieg hatte sich der „sergent Hoff“ mehrfach ausgezeichnet. Bei dem Ausbruchsversuch der eingeschlossenen französischen Truppen im Gefecht von Champigny an der Marne geriet er in deutsche Gefangenschaft. Nach dem Frankfurter Friedensschluss vom Mai 1871 wurde er aber entlassen, in die Armee der Versailler aufgenommen und beteiligte sich an der blutigen Niederschlagung der Pariser Commune.[15] Aufgrund seiner zahlreichen Verletzungen und seines bravourösen Einsatzes im Krieg gegen die Preußen entwickelte sich noch zu seinen Lebzeiten der Mythos des sergent Hoff als des patriotischen Elsässers, der die Ehre des durch die Abtretung Elsass-Lothringens erniedrigten Frankreichs rettet.

So ist es zu erklären, dass ein einfacher Unteroffizier ein von der Stadt Paris finanziertes lebensgroßes Standbild erhielt. Und so ist es auch zu erklären, dass zu Füßen des Sergeanten Hoff ein Mädchen mit elsässischer Haartracht kniet, das Frankreich -und den  Betrachter-  auffordert, sich zu erinnern: an die Tapferkeit des Verstorbenen im Kampf gegen die Preußen und natürlich auch an die Schmach der Abtretung von Elsass-Lothringen- ganz im Sinne der berühmten Devise Gambettas: „Pensons-y toujours, n’en parlons jamais“denken wir immer daran, sprechen wir niemals davon

                      Grabmal Bartholdis auf dem Friedhof Montparnasse   (28. Division)                                und Modell aus dem musée Bartholdi

Der 1904 in Paris verstorbene Bartholdi hat selbst sein Grabmal entwurfen:  einen Obelisken mit einem weiblichen Genius, die rechte Hand -wie die Freiheitsstatue- zum Himmel emporgestreckt. Auf dem Obelisken befindet sich ein Portrait Bartholdis und die Inschrift

Auteur/ du lion de Belfort/ et de la statue de la Liberté/éclairant le monde

Gustave Jundt div. 17 petit

Bartholdi hat auch noch ein weiteres Grabmal auf dem Friedhof Montparnasse gestaltet, nämlich das des Malers und Grafikers Gustav Jundt, der wie Bartholdi aus dem Elsass stammte und die Rückgewinnung der verlorenen Provinzen erhoffte. (17. Division). Das macht verständlich, dass Bartholdi nicht nur eine  Büste des verstorbenen Künstlers anfertigte, sondern darunter auch hier eine junge Elsässerin mit dem landestypischen Kopfschmuck.

Anmerkungen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

[2] http://www.statue-de-la-liberte.com/Origine-de-la-statue-de-la-Liberte.php

Sehr sehenswert ist  übrigens das Musée Bartholdi in Colmar. (30, rue des Marchands). Die Geschichte der Freiheitsstatue von New York wird jedenfalls, folgt man der FAZ, „nirgendwo schöner nacherzählt als hier“. (FAZ 8. Juni 2017, Reiseblatt R 4. Michael Bengel, Comar, drei Tage, zwei  Nächte).

[3] http://www.statue-de-la-liberte.com/Construction-de-la-statue-de-la-Liberte.php

[4] http://www.plume-escampette.com/de-la-tour-eiffel-a-apollinaire-quand-la-modernite-touche-le-ciel/   Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, dass  es  nur französische Wissenschaftler und Ingenieure sind, deren Namen in den Eiffelturm  eingraviert sind – und übrigens auch keine Frauen….

(4a) Marianne und Germania 1789-1889. Frankreich und Deutschland. Ausstellungskatalog Berlin 1996, S. 468/469

[5] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[6] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsstatue

Was den Bezug zu Delacroix angeht, stimme ich übrigens mit der schönen Darstellung  Rudolf Walthers  nicht überein, der ich ansonsten viel verdanke. („und sein Pathos orientierte sich an Eugène Delacroix‘ berühmtem Freiheitsbild“) In: Rudolf Walther:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? Die ZEIT vom 30.9.2004 und in: R.W.:  „Aufgreifen, angreifen, begreifen“ , Bd 3 , Münster 2013, S. 96 ff.

[7]  S. Edward Berenson, La statue de la Liberté: Histoire d’une icône franco-américaine. 2012. Zuerst, ebenfalls 2012,  englisch bei Yale University Press: The Statue of Liberty. A Transatlantic Story.

[8] Zit. von Rudolf Walther in:  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

[9] Siehe Rudi Walther,  Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O.

Allerdings wird z.T. die Konstruktion auch Maurice Koechlin,  dem leitenden Ingenieur Eiffels, zugeschrieben. Siehe  https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Koechlin  oder beiden gemeinsam.

Was das Gewicht der Kupferplatten angeht, schwanken die Angaben. Bei Walther sind es 80 Tonnen, an anderer Stelle  werden 100 Tonnen genannt: https://blogs.mediapart.fr/agnes-kerr/blog/261016/miss-liberty-130-ans

[10] http://www.laplanteduval.com/Bruno_Laplante/fr_Bruno_Gounod_Liberte.shtml

[11] https://fr.wikipedia.org/wiki/Rue_de_Chazelles  Dort auch das Foto des Bildes von Darbaud.

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html   https://de.wikipedia.org/wiki/Gadget

[12] Zitiert von Rudolf Walther,   Frédéric Auguste Bartholdi – ist die Freiheitsstatue eine Ägypterin? a.a.O. und  im hervorragenden Blog des Le Monde-Journalisten Denis Cosnard über das industrielle Paris:

http://lafabriquedeparis.blogspot.fr/2013/04/la-liberte-eclairant-la-rue-de-chazelles.html

[13] http://www.paris1900.fr/paris-rive-gauche/place-denfert-rochereau-lion

[14] https://www.gouvernement.fr/les-14-juillet-emblematiques-1880-1890-1919-1945

[15] Insofern müsste bei dem Rundgang über den Père Lachaise auf den Spuren der Commune auch das Standtbild des Sergent Hoff berücksichtigt werden – zumal es ganz in der Nähe des bombastischen Mausoleums seines Versailler Oberkommandierenden Adolphe Thiers aufgestellt ist. Siehe: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/2912

Zum Weiterlesen

Jacques Betz,, Bartholdi. Paris 1954

La statue de la Liberté. L’exposition du centenaire. Musée des Arts décoratifs. Paris 1986

Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 1): Trump und die weinende Freiheitsstatue (2016, aktualisiert 2020 und 2024/5/6)

Karikatur von Janson Januar 2017

Schlägt man derzeit die Zeitungen auf oder hört die Nachrichten, bin ich –und sind unsere Freunde in Frankreich und Deutschland- stets von Neuem entsetzt und fassungslos über das, was man von dem  neuen amerikanischen Präsidenten und seinen Mitarbeitern erfährt. Man musste zwar schon auf einiges gefasst sein, aber dass Trump mit einer solchen fanatischen Entschlossenheit, einem solchen wahnwitzigen Tempo und ohne jede taktisch-politischen, juristischen –geschweige denn moralischen- Rücksichten sein Wahlprogramm exekutiert, haben sich wohl die wenigsten vorstellen können.

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Liberty Trumped. South Sydney Harold. Januar 2017

Ein vorläufiger Höhepunkt der Trump’schen  Dekret-Kaskaden sind die  Einreiseverbote für Muslime aus bestimmten (ziemlich willkürlich) ausgewählten Ländern und die weitestgehende Schließung der US-amerikanischen Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die die bisherige Zurückhaltung der Obama-Administration in diesem Punkt noch deutlich übertrifft.

Cartoon: America first (medium) by Erl tagged usa,präsidentschaftswahl,wahl,präsident,republikaner,nominierung,donald,trump,rede,amerika,zuerst,america,first,populismus,rechtspopulismus,nationalismus,weltlage,explosiv,pulverfaß,lunte,feuer,fackel,freiheit,freiheitsstatue,liberty,karikatur,erl,usa,präsidentschaftswahl,wahl,präsident,republikaner,nominierung,donald,trump,rede,amerika,zuerst,america,first,populismus,rechtspopulismus,nationalismus,weltlage,explosiv,pulverfaß,lunte,feuer,fackel,freiheit,freiheitsstatue,liberty,karikatur,erl

Erl: America first!   22. Juli 2016

Diese Maßnahmen, die in völligem Widerspruch stehen zur amerikanischen Tradition und zum amerikanischen Selbstverständnis, haben nun allerdings eine breite Widerstandsbewegung ausgelöst. Der haben sich inzwischen auch  prominente Unternehmer angeschlossen, während die Wallstreet ja zunächst im Vollrausch war wegen des versprochenen und begonnenen Abbaus von Steuern, Umweltschutzauflagen, Anti-Trust- und sonstigen Regulierungen…

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Dass in der amerikanischen Presse sogar der Text Martin Niemöllers über die Notwendigkeit des Widerstands im Nationalsozialismus auf Trump bezogen wird, ist bezeichnend genug. Der Text Martin Niemöllers:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;

ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;                                                               ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.[1]

In den „Daily News“ sind es die Mexikaner, dann die Muslime – und man kann sich leicht ausmalen, welche weiteren Bevölkerungsgruppen betroffen sein könnten…

Man kann und muss sicherlich –wie Le Monde- Trump als „gefährlichen Menschen“ und „gefährlichen  Präsidenten“ bezeichnen,  und  Vergleiche  zwischen dem Aufstieg Trumps und dem Hitlers und zwischen den Persönlichkeiten beider Männer haben derzeit Konjunktur, wie auch das nachfolgende Bild aus dem Courrier International und der dazu gehörende Artikel zeigen.

Trump holds a campaign rally in Grand Junction, Colorado

 Der Historiker Timothy Snyder von der renommierten Yale-Universität gibt den USA in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem Wahlsieg Trumps maximal ein Jahr, „um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Er sieht „unheimliche“ Parallelen zum Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und „das Playbook der Dreißiger“. In zwei großen Debattenbeiträgen in  Le Monde 7. März 2017 betrachten Timothy Snyder und der Faschismusforscher Robert O. Paxton, Autor des grundlegenden Werks über das Frankreichs Vichys,  die Präsidentschaft Trumps unter dem Blickwinkel des europäischen Faschismus.

Snyder zitiert hier einen Ausspruch  Trumps aus dem Jahr 1989, wonach die bürgerlichen Freiheiten dann ihr Ende fänden, wenn die Sicherheit des Landes in Gefahr sei. Und er erinnert in diesem Zusammenhang an den Reichstagsbrand, der den Nazis als Vorwand gedient habe, eben diese bürgerlichen Freiheiten abzuschaffen. Und er leitet darauus eine Warnung für die Gegenwart ab:

Si nous avons à affronter encore une attaque terroriste- ou ce qui semble être une attaque terroriste -ou ce que le gouvernement appelle une attaque terroriste- , c’est l’administration Trump qui sera tenue responsable de notre sécurité. Alors, dans ce moment de peur et de deuil, quand le pouls de la politique risquera soudainement de s’emballer, il faudra aussi être prêts à se mobiliser our nos droits constitutionels. Le feu du Reichstag a longtemps servi de modèle aux tyrans; il doit aujourd’hui servir d’avertissement aux citoyens.“ [2]

Paxton sieht  durchaus faschistische Motive bei Trump:

„Trump reprend plusieurs motifs typiquement fascistes: déploration du déclin national, imputé aux étrangers et aux minorités; mépris des règles juridiques; caution implicite de la violence à l’encontre des opposants; rejet de tout ce qui est international, que ce soit le commerce, les institutions ou les traités en place.“

In dem Bestreben Trumps und seiner engsten Berater, exekutive Befugnisse ohne juristische Beschränkungen und mediale Kontrolle zu etablieren, sieht Paxton  Anzeichen einer „dictature en général“, aber er sieht auch grundlegende Unterschiede zum Faschismus. Trump sei kein Ideologe, eher ein Plutokrat.  [2]

Allerdings meine ich, dass gerade aus deutscher Sicht allzu wohlfeile Verbindungen zwischen Trump und Hitler fehl am Platze sind. Und die deutsche Situation von 1933 und die amerikanische von heute sind doch wohl -bei allen Parallelen im Einzelnen- sehr unterschiedlich.

Die weinende Freiheitsstatue

Wenn in den (amerikanischen) Medien illustriert werden soll, wie Trump mit der Axt auf das Amerika der Freiheit und Weltoffenheit einschlägt, wird  -wie oben in den Daily  News-  oft das Bild der Freiheitsstatue von New York herangezogen.

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Am 4.2.  ist auch der „Spiegel“  mit einem  entsprechenden Titelbild erschienen, das in den USA für einige Kontroversen gesorgt hat. „Gestaltet hat die Titelseite der aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez, der 1980 als politischer Flüchtling in die USA gekommen war. In der „Washington Post“ sprach er  mit Blick auf den von Trump verhängten Einreisestopp für Menschen aus sieben islamischen Ländern von einer „Enthauptung der Demokratie, Enthauptung eines heiligen Symbols“.

Ähnlich äußerte sich „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. „Auf unserem Titelbild enthauptet der amerikanische Präsident jenes Symbol, das seit 1886 Migranten und Flüchtlinge in den USA willkommen heißt, und damit Demokratie und Freiheit„, teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit.“  (2a)

Weit verbreitet wurde in den sozialen Medien  das Bild der Miss Liberty, die vor Schreck  ihr Gesicht bedeckt: „Was haben sie getan?

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Serguei in Le Monde vom 1. Februar 2017 verwandelt die stripes der amerikanischen Fahne in Gitterstäbe, hinter denen die Freiheitsstatue gefangen ist:  Die Demokratie Version Trump

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Am gleichen Tag veröffentlichte Le Monde auf der ersten Seite der Ausgabe eine weitere Karikatur zu Trump, gezeichnet von  Plantu, dem „Hauptkarikaturisten“ des Blattes.

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Plantu war am Abend des 31. 1 zu einer Veranstaltung über „die Rolle der Pressse- Karikatur in der Demokratie“ in der Fondation Jean Jaurès –dem französischen Pendant der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung-  eingeladen.[3]

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Dabei berichtete er über die Redaktionssitzung vom Vormittag, auf der unter anderem auch über die Karikatur der ersten Seite der Ausgabe vom 1.1.  beraten wurde. Plantu hatte nämlich noch eine Alternative vorbereitet:

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„Wenn ihr einen symbolischen Akt vollbringen wollt, verbrennt nicht die Fahne, sondern reinigt sie“

Norman Thomas, von dem diese Worte stammen, war ein amerikanischer demokratischer Sozialist und dazu auch ein engagierter Befürworter eines vereinten Europas. Also ein Vertreter völlig gegensätzlicher Positionen zu denen Trumps. Dass Plantu ihn hier zitiert, hat also seine volle Berechtigung, ebenso wie das Bild der traurigen Freiheitsstatue. Aber die Redaktion hat sich dann doch lieber für die Klu-Klux-Klan-Karikatur entschieden, die an Eindeutigkeit auch nichts zu wünschen übrig lässt. (3a)

An Eindeutigkeit ließen es übrigens auch nicht die Wagen auf den  Rosenmontagszügen am Rhein fehlen, die sich Trump als Motiv ausgesucht hatten – und das waren ganz offensichtlich einige:

In  Köln  greift der „Neue“, der Erstklässler Donald, gleich mal der Freiheitsstatue, seiner Lehrerin, in den Schritt – und als Einschulungsgeschenk hat er die Verfügung über die Atomwaffen erhalten. Aber außer Putin will niemand neben ihm auf der Bank sitzen.

Entsprechend auch die Karikatur von Lennart Gäbel:

Karikatur: Trump und die Freiheitsstatue (L. Gäbel)

Dies bezieht sich auf ein vor dem Wahlkampf veröffentlichtes Interview von Trump aus dem Jahr 2005, in dem der damalige Immobilienmogul sich brüstete, wie er sich schönen Frauen gegenüber verhalte:

 „Ich fange einfach an, sie zu küssen (…). Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu. Du kannst alles machen.“ Er könne sogar Frauen zwischen die Beinen grapschen (und sie ließen es geschehen). „Grab them by the pussy, you can do anything“, ist im englischen Original zu hören. (zitiert in der FAZ vom 8.10.2016)

Damals gab es viele Beobachter, die meinten, damit habe Trump seine Chancen als Präsidentschaftskandidat verspielt. Weit gefehlt….

Auf  dem Düsseldorfer Karevalszug  wird die  Freiheitsstatue von einem brutalen  Präsidenten  Trump schlichtweg vergewaltigt (3b):

Dass sich Trump öffentlich seiner sexuellen „Heldentaten“ brüstet, ist Thema der nachfolgenden Karikatur:

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Um ihre Empörung über die Maßnahmen Trumps zum Ausdruck zu bringen, haben die demokratischen Fraktionsführer im Senat und im Repräsentantenhaus, Chuck Schumer und Nancy Pelosi, ein dazu passendes Bild verwendet, nämlich die weinende Freiheitsstatue:

„Tears are running down the cheeks of the Statue of Liberty tonight,“ Sen. Chuck Schumer of New York said on Friday, „a grand tradition of America, welcoming immigrants, that has existed since America was founded, has been stomped upon.“

House Democratic Minority Leader Nancy Pelosi offered similar expressions in her own statement: „As the Statue of Liberty holds her torch of welcome high, there are tears in her eyes as she sees how low this Administration has stooped in its callousness toward mothers and children escaping war-torn Syria.“[4]

Nach 100 Tagen Regierung Trump zeichnete Harm Bengen die nachfolgende Karikatur:

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Hoffentlich bleibt es dann wenigstens bei diesen 1361 Tagen….

Und dann bitte nicht so – wie auf dieser Karikatur von Reinhard Mohr vom 5.11.2020…

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….. sondern so….! 

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Und was die Folgen der vier schrecklichen Regierungsjahre Trumps angeht: Ganz so schlimm wie auf der Karikatur von Theo Moudakis im Toronto Star vom November 2020 wird es dann wohl doch nicht werden:

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„The New Colossus“ von Emma Lazarus

Die „große Tradition Amerikas“, Einwanderer und Flüchtlinge willkommen zu heißen, findet ja in der Tat ihren sinnfälligsten Ausdruck in der im Hafen von New York aufgebauten Freiheitsstatue. Und in dem Gedicht „The New Colossus“ der amerikanischen Schriftstellerin Emma Lazarus, deren letzte Zeilen 1903 auf eine Bronzetafel im Sockel der Statue eingraviert wurden:

„Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!“

Die deutsche Übersetzung:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“[5]

 

Die  Huffington Post berichtete am 18.11. 2016 über eine Pressekonferenz Trumps, in der er gefordert habe, die Freiheitsstatue aus dem Hafen von New York zu entfernen, weil sie die Einwanderung in die Vereinigten Staaten ermutige. Und das entspreche nicht dem Willen der amerikanischen Bevölkerung:

„President-elect Donald Trump called for the removal of the Statue of Liberty from New York harbor because it encourages immigration to the United States.

Trump said he was elected president because he promised to secure the American borders. This, he said, meant the country had to stop the flow of unwanted immigrants, whether they came from Mexico, Canada, or Europe.

“It makes no sense to tell the world you can’t come here unless we invite you and then you have this frumpy old woman standing outside our country and telling people to come and stay as long as you want,” Trump said during a press conference at the Trump Tower in New York City. “Does this make any sense?”

Trump said the words on the Statue of Liberty run contrary to everything his supporters believe — although, he admitted, he couldn’t remember the words.

“What does the Statue of Liberty say? I don’t know. To be honest, I’ve lived in New York City my whole life and I’ve never been there,” Trump said. “Why would anyone go? Nobody goes there.”

A reporter told him that the Statue of Liberty said, “Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, the wretched refuse of your teeming shore. Send these, the homeless, tempest-tossed to me, I lift my lamp beside the golden door!”

“Is that right? Really? Your tired? Your poor? Your wretched refuse? Homeless? So that’s how they all got here? When Europe sends its people, they’re not sending the best,” Trump said, rolling his eyes. “Who needs those people? It might as well say, `Give us your rapists, your criminals, your drug dealers …. your coddled terrorists.’ “

Als ich –im Zuge der Beschäftigung mit diesem Blog- Beitrag-  diesen Text gelesen habe, habe ich Trumps Ansinnen einen Moment lang für authentisch gehalten- Trump ist derzeit ja (fast) alles zuzutrauen. Und symbolisch hat Trump  die Freiheitsstatue schon, wie die Karikaturen zeigen, nicht nur versetzt, sondern sogar in Stücke gehauen oder hinter Gefängnisgitter verbannt. Aber es handelt sich hier- in guter Tradition der Huffington Post- (noch) um die Fiktion eines amerikanischen Journalistik-Professors.[6]

Die wird dann in einem weiteren  Beitrag der Huffingtonpost vom 29.1. 2017 noch auf weiter zugespitzt. Trump habe, wie sein Pressesprecher Spicer mitgeteilt habe, verfügt, das Gedicht auf dem Sockel der Freiheitsstatue den neuen Zeiten entsprechend zu verändern.[7]

„White House Press Secretary Sean Spicer said, “The President has also ordered that the words of the poem on the Statue be changed to:

“Give me your oil tycoons, your rich,
Your women (10s only and under 35) yearning to be groped,
The oligarchs who surround Putin.
Send these, those with multiple mansions, to me,
I lift my middle finger beside the golden door of Trump Tower!”

“People are saying this is the greatest idea in the history of America—no, the world,” said Spicer, relaying Trump’s words.“

Damit wird der Bruch Trumps mit dem amerikanischen Ideal satirisch auf den Punkt gebracht.  Und wenn hier sein Pressesprecher Spicer die Neufassung des Freiheitsstatuen-Gedichts als die größte  Idee in der Geschichte Amerikas, ja der Welt bezeichnet, dann bezieht sich das auf die tatsächliche  Diktion dieses Pressesprechers, die –wie ich kürzlich in Le Monde gelesen habe- an die Lobpreisungen des nordkoreanischen Diktators  Kim jong-un erinnert.

Aber die Begeisterung des amerikanischen Pressesprechers für die Politik seines Präsidenten hat ihren Grund: Für Trump und seine Anhänger geht es immerhin darum, die Freiheit des amerikanischen Volks vor islamistischen Terror zu schützen. – so wie nach dem Ersten Weltkrieg vor europäischen Anarchisten…. (7a)
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Miss Liberty back home?

Allerdings wird bei  Trumps Kampagne zum Schutz der Freiheit ziemlich bedenkenlos auf Freiheits- und Menschenrechten  herumgetrampelt. Insofern ist es nur allzu verständlich, wenn -in satirischer Form- schon Überlegungen zur Repatriierung der Statue of Liberty angestellt werden.

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„Was machen wir, wenn Donald Trump Präsident wird?“ „Vielleicht wird mich Frankreich        zurücknehmen“

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Und hier fragt die „Trump Deportation Task Force“:Wohin mit ihr?“

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… das fragt sich auch Laby Liberty…

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Eine Karikatur von Greser & Lenz aus der ihnen gewidmeten Ausstellung im Caricatura-Museum Frankfurt Oktober 2021

Die Freiheitsstatue: Ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten

Dass die Freiheitsstatue die Worte von einer Rücknahme durch Frankreich in den Mund gelegt werden und Paris  Ziel einer „Deportation“ durch das Trump-Kommando ist, hat seinen Grund darin, dass die Statue ja ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, in Paris hergestellt und von dort aus nach New York transportiert wurde. Eigentlich sollte sie am 4. Juli 1876, dem 100. Jahrestag der amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung, eingeweiht werden. Allerdings gab es auf beiden Seiten des Atlantiks Finanzierungsprobleme: Die USA waren für die Errichtung des Sockels zuständig, für dessen  Finanzierung ja auch das Gedicht von Emma Lazarus beitragen sollte, Frankreich lieferte die Statue.

Auch deren Herstellung verzögerte sich. Noch 1878 wurde der Kopf auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.  Dann wurde die Statue in 350 Teile zerlegt und in 214 Kisten  über den Atlantik transportiert.

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Die Füße und der Aufsatz der Fackel bei der Ankunft in New York

Innerhalb von vier Monaten wurde sie wieder zusammengebaut. Vor tausenden Zuschauern weihte der damalige US-Präsident Grover Cleveland die „Liberty Enlightening the World“, wie die Freiheitsstatue mit vollem  Namen heißt,  am 28. Oktober 1886 im Hafen von New York ein. Seitdem steht sie auf „Liberty Island“ im Hafen von New York.[9] 

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Lady Liberty nach 4 Jahren Trump-Albtraum

Uncle Sam und die Freiheitsstatue liegen im Bett, Sam hat einen Revolver in der Hand und fragt: Kann man es wagen aufzustehen? (HarmBengen@Cartoon Toonpool)

Friedo Manns Rückblick 2021

2021 veröffentlichte Frido Mann, der Enkel Thomas Manns, das Buch „Democracy will win“, das auch einen Rückblick auf die traumatischen Trump Jahre enthält.. Dieser Rückblick erfolgt auch im Blick auf die Freiheitsstatue, „Lady Liberty“, die er lange nicht mehr besucht hat. Nachdem die zum Albtraum gewordenen Trump-Jahre aber vorüber seien, werde er es sich bei einem Besuch von New York nicht nehmen lassen, „Lady Liberty nach so langer Zeit wieder aufzusucchen“ und sich „am neu aufkeimenden Strahlen des Antlitzes zu erfreuen.“  Mit seiner bitteren Bilanz der Trump-Jahre bestätigt  Frido Mann manche der Karikaturen, aus dem Beginn von Trumps Amtszeit. Immerhin: Ganz zerstört wurde Lady Liberty nicht und sie hielt standhaft an ihrem Platz aus….

Zu den Trump-Jahren schreibt Frido Mann:

„Ich bewundere Lady Liberty dafür, dass sie bis zur Präsidentenwahl am 3. November 2020 ihre übermütterliche Leuchtaufgabe durchgehalten hat. Nach all den erduldeten Tiefschlägen muss sie sich doch, zusätzlich zu ihrer Wächter- und Lichtbringerrolle, eher wie Atlas vorgekommen sein, der Titan aus der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt zu stützen hat. Und es ist allerhand, dass sie unter dem sich ins Unerträgliche seigernden Druck nicht schon lange zusammengebrochen oder gar zerschellt ist.

(…)

Und dann geschah das Unfassliche, was in dem trotz allem demokratisch gebliebenen Land noch nie geschehen war: Der Verlierer griff die Wahl an, erklärte sie für gefälscht und daher ungültig und kündigte, ohne die geringsten Belege für seine Behauptung und zu seiner eigenen fürchterlichen Blamage, an, deswegen vor Gericht zu ziehen. Es mutet geradezu tragisch an, was für eine Armee von Anwälten sich als treue Kampfhunde für ihren Präsidenten dazu hergab, in Pressekonferenzen gemeinsam mit ihrem Herrchen in den Abgrund der irrwitzigsten, längst  widerlegten Anschuldigungen und Verschörungstheorien abzutauchen. Die Absicht des abgewählten Präsidenten und seiner Handlanger, das Ergebnis einer Wahl zu kippen, die die Behörden bereits als die sicherste in der amerikanischen Geschichte bezeichnet hatten, war nicht nur eine beispiellose Attacke auf den demokratischen  Prozess, sondern gefährdete auch in vielerlei Hinsicht die nationale Sicherheit.

Und es kam noch schlimmer. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 2021, rief der abgewählte Fake President einen zehntausendköpfigen, vor dem Kapitol versammelten Mob grölend zum Sturm auf das Herz und wichtigste Wahrzeichen der amerikanischen Demokratie, den Sitz des Kongresses, auf, um so zwei Wochen vor der Vereidigung des gewählten Präsidenten Joe Biden das Steuer herumzureißen. Ziel war es, die am selben Tag im Kongress vorzunehmende Bestätigung der Präsidentenwahl zu verhindern.“

Vielen Menschen habe dies „an Mussolinis Marsch auf Rom 1922 und Hitlers Putschversuch mit dem Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle“ erinnert. 

„Was blieb, war (….) Bilanz zu ziehen, um sich innerlich frei zu machen für Perspektiven auf eine zu erhoffende bessere politische Zukunft unter dem neuen Amtsínhaber. Der sicher Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigende Vorgang der Enttrumpifizierung wird vor allem darin bestehen, die Köpfe von Hunderten Millionen Amerikanern von den böswilligen Lügen, Verschwörungstheorien und brutalen Vorurteilen zu entrümpeln, die ihnen der jetzt überfällig abgetretene Fake President vier Jahre lang täglich eingetrichtert hat. (…)

Wir wissen  heute, dass das Virus von Lügen und ideologischer Hetze in das menschliche Gehirn rascher und bereitwilliger eindringt als die Wahrheit, weil Lüge einfacher und eingängiger ist als unsere komplexe Wirklichkeit und weil es sich mit schlichten Lösungen si bequem lebt – ganz nach der bekannten Losung aus Erika Manns gegen den frühen Hitler gerichteten politschen Kabarett ‚Die Pfeffermühle‘: ‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wer immer lügt, dem wird man glauben.'“

Aber Frido Mann ist vorsichtig optimistisch, was ja auch der Titel seines in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienenen Buches ausdrückt: Democracy will win.

Nachtrag 2024 nach Trumps Wahlsieg

Für uns und unsere Freunde ist es nur schwer verständlich, wie ein Politiker wie Trump erneut und mit deutlicher Mehrheit zum Präsidenten gewählt werden konnte. Und angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress und im Supreme Court muss man schon sehr optimistisch sein, um an Frido Manns Botschaft „democracy will win“ festzuahlten. Vielleicht steht den Amerikanern und uns ja auch eine „Exekutivdiktatur“ bevor – ein Ausdruck, den ich in einem Kommentar zu Wahl gefunden habe…

Karikaturen zu Trump und der Freiheitsstatue gab und gibt es sicherlich auch diesmal. 

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Zum Beispiel diese…

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… eine ergänzte Wiederaufnahme einer früheren Karikatur… das bot sich ja auch an…

oder diese

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                                                         Karikatur von Barry Blitt 

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               Trump as lady Liberty by Bart van Leeuwen, PoliticalCartoons.com

Das war noch vor der Wahl….Vor der gab es aber auch das: 

Trump 2024 Statue Of Liberty Election USA Premium T-Shirt

Und nach der Wahl:

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oder drastischer: 

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Da gibt es zum Beispiel diese Karikatur aus dem Guardian vom 6. November 2024:  Die Freiheitsstatue mit amputierter Hand,  allerdings zu einem etwas tröstlichen Artikel von Aaron Glantz: Trump’s victory is not the end of the world…  Und da hat er gewiss Recht. 

Allerdings haben dann die ersten Wochen der Trump-Ära die schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen. Das Titelbild des SPIEGEL vom 7.3. hat das entsprechend illustriert… Es ist ja bedrückend, dass inzwischen schon vielfach die aktuelle Situation in den USA mit der in Deutschland nach der Machtübernahme der Nazis verglichen wird: Eingriffe in Verwaltung, Justiz, Kultur, Wissenschaft, Militär, Presse,, die auf Regierungskurs gebracht werden (sollen). Die französische Tageszeitung Le Monde verwendet dafür das Verb mettre au pas, das bisher eher für die Gleichschaltungspoltiik Hitlers reserviert war…

Der französische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann hat angesichts dieser Entwicklungen unter der Präsidentschaft Donald Trumps die USA  aufgefordert, die Freiheitsstatue an Frankreich zurückzugeben: Die Vereinigten Staaten hätten »sich entschieden, auf die Seite der Tyrannen zu wechseln«, sagte Glucksmann am Sonntag. Er sprach anlässlich des Parteitags seiner Mitte-links-Partei Place publique (PP) vor rund 1.500 Delegierten. (Der Spiegel 17.3.2025)

Und leider ist ja keine Mäßigung Trumps in Sicht – weder in der Außen- noch Innenpolitik. Da passt die Karikatur von Greser und Lenz auf der ersten Seite der FAZ vom 11.12.2025 – da gibt Trump auf seine Weise die Freiheitsstatue an Europa zurück….

Auch 2026 ist im Trump’schen Amerika immer weniger Platz für die Freiheitsstatue:

ICE = United States Immigration and Customs Enforcement, die gerade in den USA wütet, aber jetzt auch Widerstand provoziert. Vielen Dank, Franz, für die Zusendung der Karikatur.

Ausblick

Im zweiten Teil dieses Blog-Beitrags geht  es um die französischen „Väter“  von „Miss Liberty“, neben Auguste Bartholdi  übrigens niemand Geringeres als Gustave Eiffel

Im dritten Teil werden die  fünf  kleineren Pariser Schwestern  der New Yorker Freiheitsstatue vorgestellt

  • Die beiden Statuen im Musée des Arts et Métiers
  • Die Statue auf der Île aux Cygnes in der Seine
  • Die Statuen  im Jardin du Luxembourg/im Musée d’Orsay

Abgeschlossen am 1.2.2017 und ergänzt am 4.2.2017

Anmerkungen

[1] Zur Entstehung und zum historischen Hintergrund des Textes siehe: http://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/was-sagte-niemoeller-wirklich#more-212

[2]   http://www.courrierinternational.com/article/polemique-peut-comparer-lascension-de-trump-celle-de-hitler#&gid=1&pid=1

Robert O. Paxton; Trump est un ploutocrate, pas un idéologue. Le Monde, 7.3.2017

Timothy Snyder, Les populistes d’aujourd’hui on retenu la lecon de 1933. In: Le Monde, 7.3.2017

http://www.sueddeutsche.de/politik/timothy-snyder-wir-haben-maximal-ein-jahr-zeit-um-amerikas-demokratie-zu-verteidigen-1.3365852

siehe auch: . https://www.gmx.net/magazine/politik/donald-trump-vergleiche-adolf-hitler-schraeg-alarmierend-32183448

Der amerikanische Historiker Philip Zelikow bezeichnet in einem Interview  mit der FAZ vom 29.1.2018 Trump aufgrund seiner Geringschätzung des Rechts und der demokratischen Institutionen, seiner Vorstellung der Rolle des Staates und seines nationalen/völkischen Ausrichtung als nationalen Sozialisten:

http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/faz-net-interview-trump-ist-ein-nationaler-sozialist-15416457.html

(2a) https://www.gmx.net/magazine/politik/spiegel-cover-donald-trump-henker-sorgt-usafuer-kontroverse-32151810

dazu auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/spiegel-cover-zu-trump-der-praesident-als-killer-14842639.html

[3] Fotos von Frauke Jöckel.

Plantu stellte auf der Veranstaltung seine neue Karikaturen-Sammlung vor: Debout! Édition du Seuil 2016

Ein Bericht und ein Video über die Veranstaltung:

(3a) Die Karikatur bezieht sich auf die Unterstützung Trumps durch den Ku Klux Klan: siehe: https://www.washingtonpost.com/news/post-politics/wp/2016/11/01/the-kkks-official-newspaper-has-endorsed-donald-trump-for-president/?utm_term=.f7cda7b2b4bb

(3b) http://img.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/karneval-rosenmontag-umzug-bilder/karneval-rosenmontag-umzug-14.jpg/imagegroup/original__827x620__desktop

und: http://www1.wdr.de/unterhaltung/karneval/rosenmontag-wagen-100.html

[4] http://uk.businessinsider.com/trump-extreme-vetting-refugees-lawmakers-respond-2017-1?r=US&IR=T

[5] http://time.com/4652666/statue-of-liberty-give-me-your-tired-poor/

Die deutsche Übersetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/The_New_Colossus Der Titel des Gedichts bezieht sich auf den Koloss von Rhodos. Geschrieben hat es die sich für jüdische Flüchtlinge engagierende Emma Lazarus im Rahmen einer Geldsammlung für den Sockel der Statue.

[6] http://www.huffingtonpost.com/christopher-lamb/presidentelect-trump-call_b_13077746.html

[7] http://www.huffingtonpost.com/robert-s-mcelvaine/trump-orders-raised-middl_b_14481080.html

(7a) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

[8] Die beiden nachfolgenden  Karikaturen sind abgedruckt im Blog des Etats Unis von Agnes Kerr vom 28. Oktober 2016:

[9] http://www.t-online.de/reisen/usa/id_79350268/13-kuriose-fakten-ueber-die-freiheitsstatue.html Dieser Quelle sind auch die beiden Fotos zur Freiheitsstatue entnommen.

Stolpersteine in Frankfurt am Main, eine Buchempfehlung

Im Juni 2016 habe ich in diesen Blog einen Bericht über die Verlegung von zwei Stolpersteinen in Frankfurt am Main eingestellt: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. Am Anfang stand eine Begegnung in Paris mit dem in Frankfurt geborenen und bis zur sog. „Kristallnacht“ dort aufgewachsenen Pariser Arzt Dr. Pierre Adler – ein im Blog beschriebenes,  für alle Frankfurter Lokalpatrioten und Stoltze-Freunde wahrhaft anrührendes Zusammentreffen. Daraus entstanden mehrere Projekte:

  • ein Interview mit Dr. Adler, das dem Projekt „jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung gestellt wurde;
  • von meiner ehemaligen Kollegin Frau Doris Stein erstellte Portraits von Recha und Dr. Leo Koref sowie von Dr. Pierre Adler, die demnächst  auf der Website des Projekts veröffentlicht werden.
  • ein Besuch von Dr. Adler und seiner Frau in Frankfurt im Mai 2016 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt für  jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“
  • und im Rahmen dieses Besuchsprogramms die Verlegung von zwei Stolpersteinen in der Frankfurter Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref, zwei Verwandte von Dr.  Adler, die Opfer des Holocausts geworden sind.

Zwar hatte ich bis dahin schon einige Stolpersteine gesehen und auch einiges darüber  gelesen, aber mich noch nicht intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Stolperstein-Projekt für die Verwandten Dr. Adlers mit der bewegenden kleinen Verlegungs- Zeremonie vor dem Haus Westendstraße 98 als Abschluss und Höhepunkt veranlasste mich aber, bei einem Besuch der Stadt gewissermaßen mit Stolperstein-Blicken durch die Straßen zu gehen und machte mich neugierig –hatte ich wieder einen entdeckt- mehr über die Menschen zu erfahren, an die hier erinnert wird.

Diesem Bedürfnis kommt jetzt ein gerade erschienenes kleines Buch entgegen. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main schlägt es zehn Rundgänge durch Frankfurter Stadtteile  vor.  Sie führen zu Orten, aus denen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus herausgerissen wurden und man erfährt dabei etwas über ihr Schicksal. Und es wird auch auf Orte jüdischen Lebens in Frankfurt aufmerksam gemacht, an denen man sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würde.

stolpersteine

Dass ich  dieses Buch hier empfehle, hat mehrere Gründe:

In Frankfurt gibt es inzwischen weit mehr als 1000 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes – nach Berlin, Hamburg und Köln ist Frankfurt damit die vierte deutsche Stadt mit mehr als 1000 Stolpersteinen. Immerhin hatte Frankfurt ja auch in den 1920-er Jahren nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und war die deutsche Stadt mit dem größten Anteil jüdischer Bevölkerung (6,3%).  Alle Stolpersteine in einem Buch zu dokumentieren, würde wohl in vielerlei Hinsicht abschrecken. Aber sich ab und zu unter Anleitung eines handlichen kleinen Buches einen eng umgrenzten Spaziergang von 1 bis 3 km Länge durch einen Frankfurter Stadtteil vorzunehmen: Das wirkt einladend. Zumal Anfangs- und Endpunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind. Diese praktischen Informationen stehen gleich am Anfang der beschriebenen Rundgänge. Und eine Übersichtskarte gibt es auch.

Das Projekt der Stolpersteine ermöglicht einen konkret erfahrbaren Einblick „in jene umfassende Kartographie (….), welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen“, wie die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai schreibt. „Die Toten  des Holocaust haben keine eigenen  Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität- kurz eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten oder Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhandenen ‚Siedlungsschichten‘ gibt es -und wird es immer geben- die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben.“ (1)

Ein wichtiges Verdienst des Bucches ist es, dass hier nicht nur eine Kartographie jüdischen Lebens und jüdischen Leidens und Sterbens deutlich wird, sondern dass zusätzlich zu den auf den Stolpersteinen genannten Namen viele oft mit Bildern versehene nähere Informationen gegeben werden. Diese biographischen Angaben enden meist mit den Worten  „verhaftet“, „erschossen“, „deportiert“, „vergast“, „ermordet“.  Es geht hier um unermessliche, schreckliche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen  wurden. Aber es sind hier keine abstrakten und sowieso kaum fassbaren Zahlen, sondern einzelne Menschen, mit einem Namen, einer Familie, einer eigenen Geschichte und einem konkreten Ort, wo sie gelebt haben, aber auch, wo sie zu Tode gekommen sind.  Dabei wird auch deutlich, was die Stadt mit der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger verloren hat.  Da ist die Opernsängerin Magda Spiegel, die 18 Jahre lang dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte. Sie übernahm Rollen in Opern von Wagner und Verdi, wurde aber auch von zeitgenössischen Komponisten wie  Hindemith, Schreker und Richard  Strauß geschätzt. Theodor W. Adorno bezeichnete sie noch Anfang 1933 als „eine der größten Sängerinnen im deutschsprachigen Operntheater“. (S. 83)  1935 wurde ihr Vertrag nicht mehr verlängert. Ihr weiteres Leben in Frankfurt war von großer Not und mehreren erzwungenen Umzügen geprägt. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch bei Opernabenden sang.  1944 verlor sich ihre Spur in Auschwitz… Da gibt es den Kaufmann Julius Wertheimer, dem ein großzügiges Mietshaus am Bethmannpark gehörte. Die Nazis machten daraus ein Ghettohaus oder –wie sie es nannten- ein „Judenhaus“, in dem andernorts vertriebene Juden zusammengepfercht wurden. Julius Wertheimer überlebte die NS-Herrschaft in einem Versteck in Amsterdam – anders als Anne Frank, die natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen darf und der ein eigener Rundgang gewidmet ist. Man kommt dabei an ihrem Geburtshaus vorbei und an dem  Haus, in dem die Familie Frank von 1931 bis zur Übersiedlung nach Amsterdam 1933 wohnte. Anne Franks Vater wurde dort Direktor der Opekta-Niederlassung. Ab 1942 wurden Anne und ihre Familie von holländischen Angestellten der Firma im Hinterhaus des väterlichen  Geschäfts in der Prinsengracht versteckt, wo das weltberühmte Tagebuch entstand. Im August 1944 wurde das Versteck verraten und die Bewohner verhaftet und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen wurde Anne Frank ermordet. Der Rundgang auf den Spuren  Anne Franks beginnt übrigens an der Bildungsstätte Anne Frank, einem schönen Beispiel des in den 1920-er Jahren in Frankfurt sehr lebendigen Bauhaus-Stils. Das Gebäude war zunächst Jugendherberge, nach dem Krieg Theater der amerikanischen  Armee (American Playhouse); seit 1990 ist es ein Ort, an dem pädagogische Bildungsarbeit zu historischen und aktuellen Themen für Jugendliche und Pädagogen betrieben wird. (In meiner Zeit als Lehrer und Ausbilder in Frankfurt war ich öfters  dort mit Gruppen von Schülern oder angehenden Lehrkräften zu Gast).

Die meisten Geschichten, die in dem Buch anhand der Stolpersteine erzählt werden, enden tragisch wie die beiden nachfolgenden, die ich hier aufgreife,  weil sie zu diesem Frankreich- Blog und dem dort zu findenden Text über „Exil in Frankreich“ (Frankreich/Geschichte 18. April 2016) passen:  Der kleine  Kurt Joseph Marx (Stolperstein von der Eysseneckstraße 33) ist durch seine musikalische Begabung so bekannt, dass er  im Frankfurter Radio Akkordeon spielt. Schon 1933 entscheidet sich die Familie zur Großmutter ins Elsass zu ziehen. Mit Kriegsbeginn werden Kinder und Eltern zunächst als feindliche Ausländer interniert, dann aber wieder freigelassen. Kurt arbeitet als Knecht bei Bauern und kann so die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen. Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich gelangt die Familie in das noch unbesetzte Südfrankreich, wird auch dort interniert, aber unter abenteuerlichen Umständen erneut freigelassen. 1943 wird Kurt dann aber endgültig verhaftet und über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen und das Durchgangslager Drancy bei Paris –heute endlich eine würdige Gedenkstätte- nach Majdanek in den Tod geschickt. Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Joseph Strauß, dessen Eltern in der Fahrgasse 44-46 eine koschere Metzgerei betrieben. (heute 18-20. Dort liegen die Stolpersteine für ihn und seinen Bruder Robert, der ebenfalls –mit Frau und Kindern deportiert und ermordet wurde).  Joseph konnte 1937 über Italien und die Schweiz nach Frankreich flüchten, wo er im Lager Rivesaltes bei Perpignan als „unliebsamer Ausländer“ interniert wurde – neben spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen, Juden, Kommunisten und „Zigeunern“. Im Dezember 1942, also kurz nach der Besetzung der von Vichy verwalteten sogenannten „freien Zone“,  wurde auch er über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Wichtig und gut ist, dass bei den Stolpersteinen und den Rundgängen nicht nur jüdische Opfer des NS-Regimes berücksichtigt sind. Es sind auch  Euthanasie-Opfer oder die 1940 ins KZ  Ravensbrück eingelieferte und dann ermordete Sinti- und Roma- Frau Kunigunde Klein. Ihren Nachkommen wurde noch 1962 eine „Wiedergutmachung“ –ein „Unwort“ der 1950-er Jahre-  verweigert, weil doch angeblich erst 1943 „die Verfolgung der Zigeuner aus rassischen Gründen“ begonnen habe. Dies entsprach der damals geltenden Urteilspraxis, nach der die Verfolgung der Sinti und Roma bis 1943 allein auf die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe zu „Asozialität“, „Kriminalität“ und „Wandertrieb“ zurückzuführen, also insoweit nicht entschädigungsrelevant sei. Der Stolperstein für Kunigunde Klein  wirft damit ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte nach 1945.

Die Darstellung der Rundgänge beginnt mit einer allgemeinen Einführung in den entsprechenden Stadtteil – natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Rolle, die dort vor 1933 jüdische Mitbürger/innen gespielt haben. Insgesamt wird in dem Buch viel von dem alten  Frankfurt lebendig, wozu entsprechende Illustrationen, zum Beispiel der Judengasse und  des Stammhauses der Rothschilds in der Börnestraße, beitragen. Aber dazu kommen auch viele eher private Fotos – vermutlich aus Familienbesitz-  so dass insgesamt ein  facettenreiches Bild jüdischen Lebens in Frankfurt entsteht.

Bei den Rundgängen erfährt man auch  viel Schlimmes, Bedrückendes über geschäftstüchtige, schamlose Profiteure, die in der Vertreibung ihrer  Mitbürger eine Chance für sich sahen, indem sie zum Beispiel „nicht-arischen Besitz“ billig ersteigerten, jüdische Immobilien zum Schnäppchenpreis aufkauften oder ihren Nachbarn, die die Wohnung verlassen mussten, weil sie deportiert wurden,  ein paar Kartoffeln für ein  Möbelstück anboten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen“. An Vertreibung und Vernichtung erinnern die neue Gedenkstätte an der Großmarkthalle/der EZB oder die Gedenkstätte am Börneplatz mit dem Alten Jüdischen Friedhof, die auch bei den Rundgängen angesteuert werden: An der Außenmauer des Alten Jüdischen  Friedhofs sind auf 12.780 kleinen hervorgehobenen Stahlblöcken Name, Geburtstag, Todestag und Deportationsort aller Frankfurter Juden verzeichnet, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden.

Aber auf den Rundgängen wird auch die Civilcourage nicht ausgespart, die es immerhin gab; Da ist die „arische“ Haushaltshilfe, die von dem jüdischen Ehepaar,  bei dem sie arbeitete, aufgrund der Nürnberger Gesetze entlassen werden  musste; die aber nachts ins Haus schlich, um Lebensmittel zu bringen, während ihre Tochter Schmiere stand… oder der  katholische  Pfarrer, der sich weigerte, am 9. November 1935 –dem Gedenktag an den Hitlerputsch von 1923- seine Kirche mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen und der deshalb mehrere Monate in Haft gehalten  wurde… oder der in dem Buch „Portier“ genannte „Hauswart“,  der am 10. November 1938 den gewalttätigen Nazimob abwehrte, indem er im gespielten Brustton der Überzeugung erklärte, in diesem Haus gäbe es keine Juden: Davon haben zum Teil die berichtet,  denen solche Akte der Menschlichkeit galten. Und es sind gerade solche Akte der Menschlichkeit und der Civilcourage, die hochgehalten werden müssen, wenn man das „Nie wieder!“  als Auftrag ernst nimmt.

Man kann das Buch gut in die Tasche stecken und mit seiner Anleitung dem einen  oder anderen  Rundgang folgen. Man kann aber das Buch oder das eine oder andere Rundgang-Kapitel einfach auch nur in Ruhe lesen. Eine abwechslungsreiche, spannende, beschämende, bereichernde Lektüre. Das liegt auch an den vielen verwendeten persönlichen Dokumenten, die die Initiative Stolpersteine aufgespürt und verwendet hat: Das ist Geschichte von unten  im besten Sinne.  Das Buch enthält dazu eine Reihe von aufschlussreichen Anhängen: u.a. eine Liste der Deportationen aus Frankfurt von 1941- 1945; ein Glossar, in dem im Buch verwendete Begriffe wie „Heimeinkaufsvertrag“,  „Mischehe“ oder eben „Judenhaus“ erklärt werden; eine Übersicht über Opfergruppen (Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, politischer Widerstand, „Euthanasie“-Opfer) mit der Angabe, wie viele Stolpersteine bisher für Angehörige der jeweiligen Gruppen verlegt wurden, und eine ausführliche,  auch auf die einzelnen Stadtteile bezogene Bibliographie.

 

Stolpersteine  holen, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann in dem Grußwort zu dem Buch schreibt, „Opfer aus ihrer Anonymität und geben uns und ihnen ihre persönliche Geschichte zurück. Sie führen uns zu den Orten, wo sie gelebt, gearbeitet, gelitten haben.“  Sie sind Anlass  und Ergebnis einer engagierten Forschungsarbeit, wie sie unter anderem von der Initiative Stolpersteine Frankfurt oder vom Projekt jüdisches Leben in Frankfurt geleistet wird. Oft waren es die Stolpersteine, die dazu anregten, Erinnerungen an die dort genannten Menschen zu erzählen und aufzuschreiben und sie so vor dem  Vergessen zu bewahren. Stolpersteine sind auch Anlass für Begegnungen zwischen überlebenden Opfern und ihren Nachkommen einerseits, die oft von weither anreisen, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein, und den (i.a.) Frankfurter/innen, die die Patenschaft für einen Stein übernommen haben. Und sie sind – um noch einmal Peter Feldmann zu zitieren, „eine Form der aktiven Annäherung an die Geschichte“, die „durch ihre Anschaulichkeit auch besonders geeignet (erscheint) für Schulklassen, Jugendgruppen und für junge Menschen überhaupt.“ Dies umso mehr, als es kaum noch Zeitzeugen gibt, die selbst noch berichten können. Und es gibt  immer mehr junge Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in Deutschland, die auch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vertraut gemacht werden sollten und von denen manche, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten,  ganz persönliche Bezüge zu denen finden können, deren  Namen auf den Stolpersteinen verzeichnet sind.  In diesem  Sinne verstehe ich übrigens auch das Bild, das die Initiative  Stolperstein für das Foto auf der Umschlagseite ausgewählt hat.

Ich wünsche dem Buch also die Verbreitung, die es verdient. Und wenn dann einmal eine zweite  Auflage notwendig sein wird, dann wünsche ich mir, dass darin auch ein Rundgang durch das südliche Westend aufgenommen wird. Lohnende Anlaufpunkte gäbe es da mehr als genug: Zum Beispiel die Bettinaschule, die sich sehr engagiert mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus und dem Schicksal ehemaliger jüdischer Mitschüler/innen auseinandergesetzt hat; oder in der Westendstraße 92 den Stolperstein des Mediziners und Mitbegründers der Frankfurter Stiftungsuniversität Karl Herxheimer, der den eminenten Beitrag  jüdischer Mitbürger zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung Frankfurts veranschaulicht – und ein paar Häuser weiter befinden sich vor der Nr. 98 natürlich die Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref….

 

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg.): Stolpersteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2017. 196 Seiten, 14.90 €

 

Vorstellung der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (S.195):

Die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine verlegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Dokumentationen sind in gedruckter Fassung erhältlich sowie als PDF-Dateien auf der Homepage der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main herunterzuladen. Auf der Homepage der Initiative befindet sich auch die Liste der bisher verlegten Stolpersteine in alphabetischer Reihenfolge sowie nach Stadtteilen sortiert und unter dem Menüpunkt Dokumentationen ein Link zur Kartendarstellung aller in Frankfurt verlegten Stolpersteine. Auch die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine.“

Kontakt:

info@stolpersteine-frankfurt.de

www.stolpersteine-frankfurt.de

Dort findet man auch die Daten und Orte weiterer Stolperstein-Verlegungen, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.

Die Website des Projekts „jüdisches Leben in Frankfurt“:

http://www.juedisches-leben-frankurt.de/home/biographien-und-begegnungen.html

Die Informationen  zu Stolpersteinen auf der Website der Stadt Frankfurt am Main:

http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=1945549

 

Anmerkung:

(1) Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Günter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ 25. Januar 2018, S. 12. Noga-Banai kritisiert mit guten Argumenten das Münchner Verbot, in der Stadt Stolpersteine zu installieren, das auf Betreiben der langejährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von Stadtrat 204 beschlossen und 2015 erneuert wurde. „Die Stolpersteine, so Knoblochs Argumentation, seien keine würdige Form des Gedenkens, das  sie ‚bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt‘ werden könnten.“  Das Frankfurter Stolperstein-Buch könnte aber eher dazu dienen, das Projekt Demnigs mit anderen Augen zu sehen und die  Gedenkdebatte in München wieder aufzunehmen, wie es Noga-Banai anregt.

 

Noch eine Empfehlung zum Thema Stolpersteine  (September 2019):

Es gibt dazu jetzt nämlich (für mich ganz überraschend)  ein beeindruckendes Lied von Trettmann, einem deutschen Rapper, zu diesem Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=ErAeAJhOgG4

Dazu ein Kommentar aus dem Internet:

„Endlich mal ein STAR aus der Rapszene, der öffentlich an den Holocaust erinnert“.

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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 Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons (Vive l’empéreur Teil 1)

Neben dem Eiffelturm,  Notre Dame und Sacre Coeur gehört der Arc de Triomphe zu den bekanntesten  Sehenswürdigkeiten von Paris.  Immerhin ist er der größte aller Triumphbögen und er ist „dans le monde entier une image symbolique de Paris“ und nicht zuletzt „das berühmteste napoleonische Monument.“[1]

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Dass der Arc de Triomphe nicht nur für Paris steht, sondern für ganz Frankreich, haben wir übrigens bei einer Reise auf die Seychellen festgestellt. Dort haben sich die Promoter der  französischen Milch neben einer Kuh in den Nationalfarben ausgerechnet den Triumphbogen ausgesucht, um die Herkunft des Produkts augenfällig zu machen.

Der Triumphbogen verdankt seine Prominenz  sicherlich vor allem seiner exponierten Lage an der voie Triomphale zwischen dem Louvre und der Place de l‘ Étoile, die inzwischen noch verlängert ist bis zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense mit der anlässlich der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution errichteten Grande Arche.

Dazu kommt die große  Rolle, die er bei besonderen Anlässen spielte und noch heute spielt:

  • Am 14. Dezember 1840 beispielsweise empfingen mehr als 400 000 begeisterte Menschen mit dem Ruf „Vive l’empereur!“ die Asche Napoleons, die auf einem  riesigen Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt wurde, bevor sie dann im Invalidendom ihre letzte Ruhe fand.[2]
  • Am 22. Mai 1885 starb Victor Hugo in seiner Wohnung in der Nähe des Arc de Triomphe. Sein Leichnam wurde auf einem Katafalk von 22 Metern Höhe unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt, bis er am 31. Mai in die Kirche Saint-Geneviève gebracht wurde- die damit endgültig ihre Bestimmung als Pantheon der „großen Männer“ erhielt.
  • Am 13. und 14. Juli 1919 fand rund um den Arc de Triomphe die Siegesfeier Frankreichs statt. Eine riesige Militärparade, angeführt von 1000 Kriegsversehrten und danach den  Marschällen Frankreichs hoch zu Ross, an der Spitze ihrer Truppen, marschierte durch den Arc de Triomphe – was damals noch möglich war,  weil das Grab des unbekannten Soldaten und die ewige Flamme unter dem Triumphbogen  erst später installiert wurden.

Natürlich nahm auch die französische Luftwaffe an der Parade teil, musste dies aber zum Leidwesen der Piloten wie die Infanterie zu Fuß tun. Eine Gruppe von Piloten entschloss sich deshalb, ohne den Segen oder auch nur die Information ihrer Vorgesetzten eine besondere Demonstration zu veranstalten. Ausgewählt dafür wurde Charles Godefroy, der am 7. August 1919 in einer spektakulären Aktion unter der Öffnung des Triumphbogens hindurch flog. Einige Bildreporter waren  informiert, so dass das Geschehen für die Nachwelt festgehalten ist. Die  völlig überraschten Fahrgäste in der gerade vorbeifahrenden Trambahn gerieten allerdings in Panik… Aber Frankreich war dann doch so  stolz auf seinen tollkühnen Piloten, dass er mit einer einfachen Abmahnung davon kam…

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  • Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 paradierten deutsche Truppen vor dem Arc de Triomphe und Hitler erwies Napoleon im Invalidendom seine Reverenz. Viereinhalb Jahre später war diese Schmach beendet:  Am 11. November 1944 fand–nach der Befreiung von Paris und des größten Teils Frankreichs- eine große Militärparade, angeführt von General de Gaulle, Winston Churchill und Anthony Eden,  vor dem Arc de Triomphe statt.

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Auch heute noch steht der Arc de Triomphe immer wieder und regelmäßig im Zentrum großer Veranstaltungen:

  • bei Gedenktagen wie dem 8. Mai und dem 11. November, an dem der Staatspräsident unter dem  Arc de Triomphe die Flamme des unbekannten Soldaten erneuert.[3]

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  • beim 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wo auf den Champs-Elysées zwischen Arc de Triomphe und der Place de la Concorde die große Militärparade stattfindet, die von der Patrouille de France eröffnet wird. Sie überfliegt  den Arc de Triomphe und zeichnet die Farben der Tricolore in den Himmel.

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Der Arc de Triomphe ist aber auch Schauplatz anderer Veranstaltungen: Das nachfolgende Foto zeigt eine Demonstration vom  18.3. 2014: Damals wurde an das Ende des Algerien-Krieges durch die Verträge von Évian erinnert.  Demonstrationen  am Arc de Triomphe sind  eher außergewöhnlich, in diesem Fall aber wohl der Tatsache zu verdanken, dass das Ende des Algerienkriegs vor allem de Gaulle zu verdanken ist, nach dem ja auch die Place de l’Étoile benannt ist.

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In ganz besonderer Weise zeigte im Januar 2015 Paris seine Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charly Hebdo“.[4]

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Und traditionell endet die Tour de France, indem die Fahrer  noch mehrmals die Champs Elyssées hinauf- und herunterfahren  und dabei den Arc de Triomphe umrunden –  eine eher rituelle Veranstaltung, weil der Sieger der Tour schon vorher feststeht.

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Lliterarischen  und filmischen Ruhm hat der Arc de Triomphe natürlich auch erlangt….[5]

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Napoleon wäre sicherlich stolz auf die Prominenz dieses Monuments gewesen, dessen Bau er selbst angestoßen  hat.  Ziel Napoleons war es, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Schon auf der Überfahrt nach Ägypten 1798 sann er: „Wenn ich Herrscher Frankreichs wäre, dann würde ich aus Paris nicht nur die schönste Stadt machen, die es je gegeben hat, sondern die schönste Stadt, die es jemals geben kann.“ [6]

Zahlreiche monumentale Projekte dienten diesem Ziel:

  • So der Säulengang vor dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung,  südlich der Seine, als dessen  Gegenstück die antikisierende Madeleine nördlich der Place de la Concorde fungierte, aus der Napoleon ein Pantheon zum Ruhm seiner Armeen machen wollte[7] :  So entstand  eine monumentale, die Seine überspannende  Nord-Süd- Achse mit der Place de la  Concorde als Mittelpunkt.
  • Das größte urbanistische Projekt der Napoleonzeit war die Ost-West-Verbindung mit der neu angelegten Rue de Rivoli. Bonaparte hatte sich von den Arkaden inspirieren lassen, die er in Norditalien gesehen hatte, und ließ identische Wohn- und Geschäftshäuser mit genau reglementierten  Säulengängen anlegen.  (Die für Paris eigentlich untypischen Arkaden gab es bis dahin nur rund um die Place Royal/Place des Vosges- einem Projekt Henri Quatres, der sich ebenfalls –wie bei dem pont neuf- von der italienischen Architektur anregen ließ.)
  • Und immer ging es Napoleon auch um die Verherrlichung seiner Taten und der seiner grande armée. Diesem Zweck diente nicht nur  die Madeleine,  sondern auch die auf der Place Vendôme  errichtete, aus der Bronze erbeuteter Waffen hergestellte und mit seinem Standbild gekrönte Säule.
  • und natürlich und vor allem dienten die beiden  auf der großen Ost-West-Achse gelegenen Triumphbögen dem Ruhm Napoleons und seiner Truppen:  der kleine arc de triomphe du Carrousel und der große auf der place de l’Étoile, dessen Vollendung Napoleon aber nicht erlebt hat.

Die Vorliebe Napoleons für die Antike und das imperiale Rom ist bei all diesen Plänen offenkundig:  Antike Tempel (für die Attika des  Palais Boubon und für die Madeleine), die Trajan-Säule in Rom (für die Vendôme-Säule) und die Triumphbögen des Septimius Severus (für den arc de triomphe  de la Carrousel) und des Titus (für  den arc de triomphe de l’étoile) sind eindrucksvolle Belege dafür.  Diese städtebauliche Vorliebe Napoleons hat auch einen politischen Hintergrund: denn  hatte nicht auch Rom sich von einer Republik zu einem Kaiserreich entwickelt, konnte also auch insofern als Vorbild dienen?[8]

Geschichte des Baus

Den Anstoß für den Bau des Arc de Triomphe gab Napoleon im Februar 1806 – auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ursprünglich hatte er dafür den damals noch leeren Platz im Osten von Paris ausersehen, auf dem einmal die Bastille gestanden hatte. Dieser Platz war damals in einem ziemlich lamentablen Zustand. Den Triumphbogen  dort zu errichten hätte nicht nur eine erhebliche symbolische Bedeutung gehabt, sondern er hätte auch Katalysator für ein weiteres städtebauliches Großprojekt Napoleons sein sollen: Eine Achse vom Louvre bis zum Bastille-Platz zu schlagen, der dann übrigens auch die Kirche St.  Germain l’Auxerrois zum Opfer gefallen wäre. Die mit der Planung beauftragte Architektengruppe plädierte dann aber für die Place de l’Étoile als Standort. Auf dem  dortigen Hügel war schon im 18. Jahrhundert ein étoile (Stern) genannter  zentraler Platz eingerichtet worden, von dem Wege in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Es waren im 18. Jahrhundert auch schon diverse Pläne entwickelt worden, wie man den Hügel besonders ins Blickfeld rücken könnte. Beispielsweise durch einen riesigen Elefanten: Dessen Bauch sollte Konzert- und Theatersäle enthalten. Der Zugang sollte über eine Treppe erfolgen, die in eines der vier Beine des Elefanten eingebaut war.   Im Kopf des Elefanten sollte ein Orchester platziert werden; die Ohren sollten als Lautsprecher dienen und der Rüssel als Fontaine. Diese Pläne wurden  allerdings nicht verwirklicht und das  Elefantenprojekt wurde eine Zeit lang auf den Bastille-Platz verschoben. So war der étoile frei und wurde dem Kaiser vom Innenminister Champigny auch entsprechend angepriesen:  Ein Triumphbogen an dieser Stelle ziehe auf äußerst majestätische Weise den Blick vom kaiserlichen Schloss der Tuilerien auf sich. Der Reisende, der Paris betrete, werde von dem Anblick überwältigt; wer Paris verlasse, behalte so einen unvergesslichen Eindruck und eine Erinnerung an die unvergleichliche Schönheit der Stadt. So bleibe er –auch aus der Ferne- immer mit dem „Triomphateur“ verbunden.[9]

Dieser Argumentation konnte sich der Kaiser nicht verschließen.  Am 15. August 1806, dem Tag des kaiserlichen Festes, wurde der Grundstein gelegt. Auch wenn als Vorbild der Titusbogen in Rom diente: Der Triumphbogen Napoleons sollte alle bisherigen Triumphbögen  an  Größe weit übertreffen und den Ruhm des Kaisers  und seiner Truppen eindrucksvoll in Szene setzen.

Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen, bis schließlich 1808 der Architekt Jean-François-Thérèse Chalgrin mit der alleinigen weiteren  Planung beauftragt wurde. Zwei Jahre später war zwar der Bau des Triumphbogens noch nicht sehr weit gediehen, aber Chalgrin hatte Gelegenheit, das Ergebnis seiner Planung in voller Größe zu zeigen: Anlässlich der Hochzeit von Napoleon mit Marie-Louise von Habsburg im Jahr 1810 wurde an Ort und Stelle aus Holz und bemaltem Stoff ein Modell des zukünftigen  Arc de triomphe errichtet, durch das das kaiserliche Paar mit Gefolge nach Paris einziehen konnte.

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Auf der zeitgenössische Abbildung  („Das kaiserliche Gefolge verlässt den Arc de Triomphe[10]) sieht man übrigens  rechts und links des Bogens noch die beiden Zollhäuser von Ledoux- Teile der Paris umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux, die 1860 geschleift wurde.[11]

Die weiteren Bauarbeiten ließen  allerdings  aus nur allzu verständlichen Gründen auf sich warten: Zunächst aufgrund der pausenlosen Kriege und der leeren Staatskassen, dann durch die Rückkehr der Bourbonen: Ihnen galt Napoleon als Emporkömmling, als illegitimer Parvenü, der kein Recht auf einen Arc de Triomphe hatte.  Nach der Julirevolution von 1830, also dem Sturz der Bourbonen und der Regierung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe,  wurden die Arbeiten  am Arc de Triomphe aber wieder aufgenommen und ihr Ende von vielen Zeitgenossen mit Ungeduld erwartet, wie das nachfolgend zitierte Gedicht von Victor Hugo zeigt.

Arc triomphal, la foudre en terrassant ton maître
Semblait avoir frappé ton front encore à naître.
Pour nos exploits nouveaux te voilà relevé!
Car on n’a pas voulu, dans notre illustre Armée,
Qu’il fût de notre renommée
Un monument inachevé !
Dis aux siècles le nom de leur chef magnanime
Qu’on lise sur ton front que nul laurier sublime
A des gloires françaises ne peut se dérober.
Lève-toi jusqu’aux cieux, portique de victoire !
Que le géant de notre gloire
Puisse passer sans s’y courber !

Victor Hugo.[12]

Am  29. Juli 1836 konnte schließlich  der  Arc de Triomphe von dem damaligen Regierungschef Adolphe Thiers eingeweiht werden.

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Die Einweihung fand zwar  unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, aber doch in relativ bescheidenem Maße. Louis Philippe fürchtete nämlich nicht nur Attentate, sondern er wollte auch Reibungen mit dem Ausland vermeiden, das sich ja möglicherweise irritiert zeigen könnte durch die Erinnerung an napoleonische Siege, die durch den Arc de Triomphe gefeiert wurden: Siege  gegen Österreicher, Deutsche, Osmanen, Italiener, Spanier, Holländer, Russen…

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Die wichtigsten Schlachtenorte und Siege sind auf vier Friesen  auf den Innenseiten der Pfeiler noch besonders hervorgehoben.

Die Siege der Revolutionsheere im Westen (Belgien) in den Jahren  1792 und 1794:

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Die Siege im Süden gegen Österreich: Der Italienfeldzug Napoleons in den Jahren 1796/7 begründete seinen militärischen Ruf und Ruhm. Dementsprechend wird seine Büste auf dem  Fries mit einem  Lorbeerkranz versehen – Der  Podest der Büste ist mit den  kaiserlichen Insignien versehen.  Kaiser war Bonaparte damals aber noch nicht, sondern erst ein „einfacher“ General. (12a)

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Die Siege im Osten: Damit ist der  ägyptische Feldzug in den Jahren zwischen 1798 und 1800 gemeint – erkennbar auch an den exotischen Früchten (Datteln, Ananas) und Palmwedeln. Der von Bonaparte hervorragend vermarktete Feldzug  – Archeologen waren publikumswirksam „embedded“- steigerte über Frankreich hinaus  seinen Ruhm  noch weiter – und war eine Grundlage für den  erfolgreichen Staatsstreich des  18. Brumaire (9. November 1799), womit sich Napoleon zum Ersten Consul und Alleinherrscher machte.  Wenn auf  diesem Fries übrigens auch der Name Aboukir aufgeführt ist, dann ist damit sicherlich nicht die vernichtende Niederlage der französischen  Flotte durch die von Admiral Nelsen kommandierte englische Flotte bei Aboukir gemeint (an der Napoleon ja auch gar nicht beteiligt war), sondern der ebenfalls nach diesem Ort benannte Sieg Bonapartes gegen die Osmanen ein Jahr später:

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Die Siege im Norden (zwischen  1805 und 1809)  errang Napoleon, der sich inzwischen zum Kaiser ausgerufen  hatte, gegen Österreich, Russland und Preußen. Mit diesen Siegen wurde er Herrscher über den europäischen  Kontinent und  erreichte den Höhepunkt seiner Macht.

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Diese Zurschaustellung französischer Eroberungen mag befremdlich erscheinen. Denn Völker zögern, wie Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“ [12b] Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht verspürt….

Neben den Schlachtenorten sind auch etwa 600 Namen von kaiserlichen Marschällen, Admiralen und Generälen in die Pfeiler des Arc de Triomphe eingraviert.  Ursprünglich waren „nur“ 383 Namen ausgewählt worden, aber dann gab es erhebliche Debatten und Beschwerden von Nicht-Berücksichtigten bzw. deren Angehörigen, so dass bis  1895, als die Eingravierungen abgeschlossen wurden, noch etwa 200 Namen hinzukamen…

Und die Opfer? Die gab es unzweifelhaft ja auch. Thierry Lentz, Direktor der Fondation Napoleon, von dem  in diesem Punkt kaum Übertreibungen  zu erwarten  sind,  schätzt die Zahl der in den napoleonischen Kriegen  umgekommenen  französischen  Soldaten  auf etwa 700 000 –  und dazu kommen dann noch erhebliche zivile Opfer und die  Opfer unter den –oft sehr unfreiwilligen- ausländischen, überwiegend deutschen,  Hilfstruppen Napoleons. Nimmt man die militärischen und zivilen Opfer auf Seiten der Gegner hinzu, bewegen sich die Schätzungen zwischen 3 und 6 Millionen Menschen, die in den napoleonischen Kriegen ihr Leben verloren haben. [13]

Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe durchaus auch: Es sind Feinde, die am Boden  liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von  Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem  Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise  auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und  der österreichische  Erzherzog  legt eine Krone auf  seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

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Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“ das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“ sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“ und noch süßer und ehrenvoller waren  natürlich die Siege, deren Orte und Strategen auf dem Arc de Triomphe verewigt wurden.

Der Arc de Triomphe ist monumentaler Ausdruck  einer  Verherrlichung von Krieg, Eroberung und Heldentod. Da ist es nur allzu verständlich, dass die Linke in der französischen Nationalversammlung 1919 heftig – und vergeblich-  gegen den Arc de Triomphe als Ort des Grabmals für den  unbekannten Soldaten stritt.[15] Die Verherrlichung von dem auf dem Schlachtfeld erworbenen  Ruhm und  Heroismus  wurde, wie Patrice Gueniffey in einem Aufsatz über das Napoleon-Verständnis von François Furet schrieb, lange als Bestandteil einer Erziehung zu Tugend und Tapferkeit verstanden. Aber, Tatsache oder Wunsch…?: „Toute cette magie guerrière est morte avec les hécatombes du XXe siècle.“[16]

Wenn in den 1830-er Jahren die Siege Napoleons und die Namen seiner Generäle  in die  Wände des Arc de Triomphe eingemeißelt wurden, so war das Ausdruck einer damals gängigen Idealisierung und Verherrlichung des Kaisers und des heroischen napoleonischen Zeitalters. 1835 erschien das Buch von Alfred de Vigny „Servitude et grandeur militaires“, das noch den Pulverdampf atmen lässt und in dem „die Liebe zu den Waffen“ und der „Traum der Schlachten“  lebendig sind.[17] Der Arc de Triomphe war aber nicht nur Ausdruck einer Nostalgie, sondern  er hatte auch einen Aufforderungscharakter: Etwas Glanz von dem Ruhm Napoleons sollte auf das Frankreich des Bürgerkönigs fallen und es sollte sich des napoleonischen Ruhms würdig erweisen.

Die damaligen Möglichkeiten Frankreichs, in die Fußstapfen Napoleons zu treten und sich den „Traum der Schlachten“ zu erfüllen,  waren allerdings begrenzt. Immerhin bezeichnete sich der Bürgerkönig Louis Philippe schon mal etwas großmäulig als „Kaiser der Franzosen“ – so jedenfalls 1845 in einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit China, der gerade (Okt/Nov 2016) in einer Ausstellung des Petit Palais zum Thema „L’art de la paix“ gezeigt wird.

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Aber wie groß wäre doch der Ruhm des Louis Philipps, wenn es ihm gelänge,  die  in den 1790-er Jahren eroberten, dann annektierten, aber im  Wiener Kongress wieder verlorenen linksrheinischen Gebiete Deutschlands „zurückzugewinnen“, an deren Eroberung schon  Ludwig XIV.  -eine verbrannte Erde zurücklassend- gescheitert war. Regierungschef Adolphe Thiers, ein großer Bewunderer Napoleons, betrachtete den Rhein als natürliche Ost-Grenze Frankreichs und befand sich damit im Einklang mit der öffentlichen Meinung seines Landes und sogar  mit  Victor Hugo. Der vertrat nämlich in seinem 1842 veröffentlichten Reisebericht „Le Rhin, récit de voyage“ die Auffassung, man  müsse  Frankreich zurückgeben, was Gott ihm gegeben habe, („rendre à  la  France ce que Dieu lui a donné.“), also den Rhein als Grenze. [17a]  Und in seinem Arc de Triomphe-Gedicht hatte er ja ausdrücklich festgestellt, der Arc de Triomphe solle nicht nur die Ruhmestaten der napoleonischen Armeen verherrlichen, sondern auch die neuen, noch folgenden (nos exploits nouveaux)…  Thiers forderte also in der sogenannten Rheinkrise die Herausgabe der linksrheinischen Gebiete und  drohte dem Deutschen Bund mit Krieg. Nach den sogenannten  Freiheitskriegen gegen Napoleon war dies  ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft.  Die Verherrlichung des Eroberers Napoleon war also in den 1830-er Jahren keine ganz harmlose geschichtliche Reminiszenz. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens bemerkenswert, dass bis heute  „outre Rhin“ eine übliche französische Bezeichnung für Deutschland ist – so als sei der Rhein tatsächlich durchgängig die deutsch-französische Grenze….

 

Napoleon als Triumphator

Auf der nach Osten zu den Champs-Elysées ausgerichteten Schauseite des Arc de Triomphe gibt es zwei große Reliefs, die damit besonders hervorgehoben werden: Auf dem linken Pfeiler „der Triumph Napoleons“, rechts „der Auszug der Freiwilligen von 1792“, ein Relief, das im Allgemeinen unter der Bezeichnung „die Marseillaise“  firmiert.

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Der triumphierende Napoleon ist mit römischer Tunika bekleidet dargestellt, in seiner rechten Hand hält er ein Schwert. Eine Siegesgöttin bekränzt ihn gerade mit einem  Lorbeerkranz.  Auf der  linken Seite schreibt die Muse der Geschichte die Ruhmestaten Napoleons auf eine Tafel.

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Die dargestellte Szene illustriert das Jahr 1810,  als sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Nach dem Sieg über Habsburg bei Wagram war Napoleon uneingeschränkter Herrscher über den  europäischen Kontinent, die Heirat mit Marie-Louise von Österreich sollte die Annäherung an Habsburg besiegeln- und den ersehnten  Nachkommen bringen.  Frankreich umfasste damals 130 Departements. 1790, als Frankreich in Departements eingeteilt wurde, waren  es 83 gewesen.  Zu den  130 Departements gehörten –aus französischer Sicht selbstverständlich-  die Departements „Sarre“ (Trèves/Trier),  „Roer“ (Aix-la-Chapelle/Aachen)  „Mont-Tonnere“ (Donnersberg)  mit der Präfektur Mayence/Mainz,  Rhin-et-Moselle (Coblence/Koblenz). Und dazu kamen –als annektierte deutsche Territorien- auch die Departements „Bouches-du-Weser“ und „Bouches de l’Elbe“ mit Bremen und Hamburg  bzw. natürlich: Brême et Hambourg als Präfekturen und  die Departements Ems-Supérieur und Ems-Oriental mit Osnabrück und Aurich als Präfekturen. Diese annektierten Gebiete Deutschlands  wurden –wie die weiteren Annexionen –  von Napoleon noch nach dem Rückzug aus Russland als untrennbare Bestandteile Frankreichs betrachtet, so dass er Friedensangebote der Alliierten ausschlug, die Frankreich sogar- wenigstens-  „seine“ Rheingrenze eingebracht/erhalten hätten. Napoleon und seine Generäle brannten darauf weiterzukämpfen und glaubten noch an den Sieg – une victoire totale (Englund) – es fällt fast schwer, in diesem Zusammenhang nicht das Wort „Endsieg“ zu verwenden…[18]

Die Karte mit den 130 französischen Departements wird in französischen Schulbüchern  gerne gezeigt, zum Beispiel hier in dem Lehrbuch Histoire für die seconde, also die vorletzte Klasse des französischen Gymnasiums.[19]

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Bemerkenswert ist bei dieser Karte, dass die großen Siege Napoleons mit einem roten Stern eingezeichnet sind: Ulm, Iena, Austerlitz, Wagram und Friedland- Siege, die, wie wir gesehen haben, in den  Arc de Triomphe eingemeißelt sind und die auch in der Topographie von Paris eine wichtige Rolle spielen- wie ja auch die Namen der napoleonischen Marschälle. Nicht berücksichtigt ist auf der Karte –und natürlich auch nicht auf dem Arc de Triomphe- die entscheidende Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Mit ihr war ja immerhin der Plan einer Eroberung Großbritanniens gescheitert und die auf dem Arc der Triomphe verzeichneten weiteren Siege waren damit im Grunde nur vergebliche Siege.[20]  Aber auf dem Arc de Triomphe ist Napoleon ohne wenn und aber der Sieger und Triumphator, Zweifel und Kritik haben da keinen Platz.

Die Marseillaise: Napoleon als legitimer Erbe der Französischen Revolution?

Auf dem rechten Pfeiler der den Champs-Elysées zugewandten „Schauseite“ des Arc de Triomphe befindet sich die große Plastik des Auszugs  der Freiwilligen 1792, im Allgemeinen „Die Marseillaise“ benannt. Gegenstand ist die sogenannte  „levée en masse“, die Aushebung von 200 000 Soldaten im Jahre 1792, die von der Gesetzgebenden Versammlung angeordnet wurde,  um Frankreich gegen die gegenrevolutionäre  Koalition des Auslands zu verteidigen.

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Diese levée en masse ermöglichte dem revolutionären Frankreich seinen ersten großen Sieg über eine ausländische Macht: den Sieg über die preußisch-österreichischen Truppen  bei Valmy in der Champagne im September 1792. Goethe erlebte im Gefolge des Herzogs von Weimar die sogenannte „Kanonade von Valmy“ mit und berichtete in seiner dreißig Jahre später niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ davon. Am Abend der Niederlage sei er von den bedrückten Landsleuten  nach seiner Meinung befragt worden und er habe sie mit den Worten getröstet:

„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und  ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Goethe hat damit den revolutionären Aufbruch Frankreichs mit  einem dem Anlass und dem Autor angemessenen „geflügelten Wort“ auf den Punkt gebracht. Flügel hat auch die Allegorie der Freiheit, die Marianne,  im oberen Teil der Plastik- das kompositorische Gegenstück zur Allegorie des Ruhms auf dem linken Pfeiler. Accessoire des Ruhms ist die Trompete, die blanke Waffe die der Freiheit.  Ihre wilde Entschlossenheit wird besonders deutlich im Modell des Kopfes, den man  in der Attika des Arc de Triomphe aus der Nähe ansehen kann. Eher eine Furie, deren furchterregender Gesichtsausdruck noch gesteigert wird durch die Ungeheuer auf ihrer Jacobinermütze. Sie scheint die in den Kampf Ziehenden anzufeuern mit dem Ruf der Marseillaise:  Aux armes citoyens…..

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Während die Darstellung des Triumphators Napoleon auf dem linken Pfeiler als zwar handwerklich korrekte, aber eher uninspirierte, seelenlose Darstellung gilt, ist das mit der „Marseillaise“  anders. Sie wird allgemein als künstlerischer Höhepunkt der gesamten  plastischen  Ausgestaltung des Arc de Triomphe angesehen. Ob sie wirklich „one of best-known sculptures in the world“ ist,  kann ich nicht beurteilen,  aber sicherlich gehört sie zu den künstlerischen Werken, „qui ont fait la France.“[21]

Das im Arc de Triomphe ausgestellte Modell der Marianne wurde übrigens am 2. Dezember 2018 von gewalttätigen Demonstranten (gilets jaunes) beschädigt. Das wurde in Frankreich als besonderes Sakrileg empfunden – noch nicht einmal die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg hätten Derartiges gewagt….

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Schöpfer der „Marseillaise“ vom Arc de Triomphe  ist der Bildhauer François Rude, der mit diesem Werk berühmt wurde. Rude war auch ein großer Verehrer Napoleons.

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Für das Museum und den Parc  Noisot bei Dijon, von einem Mitglied der kaiserlichen Garde geschaffen „à la gloire de Napoléon“ , hat Rude einen auf dem (für ihn natürlich viel zu kleinen) Felsen von St. Helena liegenden lorbeerbekränzten Napoleon geschaffen, der gerade zur Unsterblichkeit erwacht.[22] Und Rude zog nach dem Sturz seines verehrten Kaisers das  belgische Exil einem Leben unter dem bourbonischen Restaurations-Regime vor. Damit repräsentieren das Werk Rudes und der  Arc de Triomphe den „roman national“, also das historisch gegründete Selbstverständnis des „offiziellen“ Frankreich der 1830- Jahre:  Es ging darum, eine Synthese herzustellen zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Kaiserreich Napoleons und um die Selbstdarstellung Louis Philippes als aktuellem  Repräsentanten dieser Synthese.

Wenn  die Armeen der Revolution und die Grande Armee auf dem  Arc de Triomphe also gemeinsam verherrlicht werden und Napoleon  als Triumphator gefeiert wird, dem ewiger Ruhm sicher ist, so hat  das programmatischen  Charakter: Napoleon wird  als legitimer Erbe, als „fils de la Révolution“ in Szene gesetzt, so wie  auch der Bürgerkönig Louis Philippe als rechtmäßiger Erbe der Französischen Revolution (und des empire) angesehen werden wollte.  Dazu passt ja  auch das Schicksal  der Tricolore, der Fahne der Französischen Revolution:  Sie wurde  -Symbol der proklamierten Einheit zwischen erster Republik und Empire-  von Napoleon übernommen,  von den Bourbonen 1814 aber wieder  verbannt, bevor sie  seit der Julirevolution von 1830 und dem Herrschaftsbeginn Louis Philippes erneut und endgültig zur offiziellen Fahne Frankreichs erhoben wurde.

Die „Marseillaise“ und der triumphierende Napoleon: Diese Kontinuität ist Teil der napoleonischen Legende, an der er selbst kräftig und kontinuierlich gearbeitet hat – bis zu seinem Exil in St. Helena, wo er seine Memoiren diktiert. Napoleon sagte und wiederholte, dass er die Verkörperung der Revolution sei, er stellte sich als Erbe von Aufklärung und Revolution dar, auf die er sich allerdings in sehr strategischer, d.h. opportunistischer und selektiver Weise bezog.[23]

Ob bzw. inwieweit  Napoleon tatsächlich legitimer Erbe der Französischen Revolution ist, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Der Streit darüber dauert nun schon mehr als 200 Jahre an. Immerhin gibt es gewichtige Argumente, die gegen die Kontinuität von Republik und Kaiserreich sprechen[24]:

  • Zuerst und vor allem: Napoleon beseitigt am 9. November 1799, dem 18. Brumaire „mit dem ersten Militärputsch der Moderne“[25] die Republik, macht sich zum Kaiser und etabliert eine Erbmonarchie.
  • Durch die Heirat mit einer Habsburgerin, Großnichte von Marie-Antoinette, verbindet er sich mit den alten, von der Revolution und anfänglich auch von ihm selbst bekämpften alten Mächten: Er knüpft damit ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Herrscherpaar des Ancien Régime, das von der Revolution guillotiniert worden war.[26]
  • Die aus Wahlen hervorgegangenen Institutionen werden beseitigt zugunsten eines autoritären Regimes.
  • Die revolutionäre Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ wird von der Fassade des Pariser Rathauses entfernt.[27]
  • Napoleon macht seinen Frieden mit der von der Republik bekämpften katholischen Kirche.
  • Die von der Republik bekämpften Emigranten können im Kaiserreich wieder zurückkehren und werden stillschweigend rehabilitiert.
  • Die von der Republik abgeschaffte Sklaverei in den französischen Kolonien der Karibik wird wieder eingeführt. (27a)
  • Die neue republikanische Zeitrechnung wird wieder beseitigt zugunsten des römischen Kalenders.
  • Freiheiten wie die Pressefreiheit werden eingeschränkt – an ihre Stelle treten Zensur und offizielle Sprachregelungen.[28]
  • Das Schloss des „Sonnenkönigs“ in Versailles sollte zur Residenz des Kaisers ausgebaut werden.(28a)
  • Napoleon wünschte sich, neben den französischen Königen in der Basilika von Saint Denis begraben zu werden.

Insofern erscheint die Zusammengehörigkeit von Revolution und Empire, wie sie auf dem Arc de Triomphe präsentiert wird, als eher problematisch.

Es war übrigens Ludwig van Beethoven, der diese Problematik deutlich gesehen hat: Seine dritte Sinfonie, die „Eroica“ war ursprünglich Bonaparte, dem „Befreier Europas“,  gewidmet. Beethoven hoffte, dass Napoleon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Leben erfüllen würde – als würdiger Erbe der Französischen Revolution. Aufgrund von Napoleons selbstinszenierter Kaiserkrönung änderte Beethoven den Titel der Sinfonie. Er ersetzte den Triumphmarsch durch einen Trauermarsch und nahm die Widmung an Napoleon mit den Worten zurück: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“.(28b)

Aber  natürlich sind die Verdienste Napoleons für Frankreich ganz unbestreitbar: Die Herstellung des sozialen  Friedens nach den langen Wirren der Revolutionszeit, die Sanierung der Staatsfinanzen, der Aufbau eines effizienten Staatswesens, der Code Civil, „Prototoyp jedes Bürgerlichen Gesetzbuches“.[29] Diese Verdienste beziehen sich vor allem auf die Phase des Consulats zwischen dem 18. Brumaire und der Etablierung des Kaiserreichs, die man auch die „poule-au-pot“ Phase Napoleons genannt hat – in Anlehnung an den „guten König“ Henri Quatre, der 200 Jahre zuvor jedem Franzosen  sein sonntägliches Huhn im Topf versprochen hatte.[30]

Auch in Deutschland hat Napoleon tiefgreifende Reformen angestoßen und einen erheblichen Modernisierungsschub ausgelöst.  Er hat, was Friedrich Engels ausdrücklich anerkannte,  wesentlich zur Umwandlung der ständisch-agrarischen in eine egalitär-bürgerliche Gesellschaftsordnung  in Deutschland beigetragen  – ganz direkt in den von Frankreich beherrschten Gebieten, aber auch indirekt: Die „defensiven“ preußischen  Reformen wären  ohne die vernichtenden Niederlagen Preußens wohl kaum erfolgt. Und die Beseitigung des deutschen territorialen „Flickenteppichs“  wurde ja selbst von dem ansonsten der Restauration verpflichteten Wiener Kongress gut geheißen.

Aber Napoleon war nicht nur grenzüberschreitender Herold der Freiheit und des Fortschritts. Er war auch Eroberer und Unterdrücker. Seine Kriege und Siege überspannten die Ressourcen des Landes- da mussten neue Kriege und Siege her. Die benötigte er auch zur Dotierung der  von ihm geschaffenen neuen  Führungsschicht und zur Versorgung seiner Familie in bester Tradition des korsischen Klientilismus.  So knüpfte er  „mit der Eroberung und Unterwerfung fast des gesamten europäischen Kontinents an jene Praktiken an, die seit alters her zu den Zielen  oder Folgen von Eroberungszügen gehörten.“[31] „Die imperialistische Besatzungspolitik Napoleons“ – zu der Plünderungen, massive Kontributionen und Zwangsaushebungen gehörten-   „bedeutete das Ende des  von den Ideen der Revolution gespeisten Kosmopolitismus als normativer politischer Kraft und die Notwendigkeit, die nationale Freiheit gegen den Usurpator zu erkämpfen. Unter Napoleon eskalierte die weltpolitische Mission des revolutionären Frankreichs zur  Herrschaft der französischen Nation über die Völker Europas.“[32] Freiheitsliebe und Patriotismus, die den Impetus der „Marseillaise“ begründeten, wendeten sich nun gegen Napoleon. Sein Bild als lorbeerbekränzter Triumphator und legitimer Erbe der Französischen Revolution ist damit, gerade wenn man  seine Eroberungspolitik einbezieht,  ein einseitiges ideologisches Produkt der 1830-er Jahre, aber auch des bis heute noch andauernden Napoleon-Kults. Allerdings ist es  völlig unangemessen und geschichtsblind, die den Kontinent beherrschenden Eroberer Napoleon und Hitler auf eine Stufe zu stellen, wie gerade kürzlich wieder auf einem Buchcover.

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Gerade  britische Historiker haben öfters solche Parallelen hergestellt, was sicherlich kein Zufall ist. Und  der ehemalige  Londoner Oberbürgermeister und jetzige britische  Außenminister Johnson  hat  ja sogar  Napoleon und Hitler – auf eine Stufe gestellt- bemüht, um den Austritt aus der EU zu begründen.[33]

Wie man die Frage nach dem Zusammenhang von Französischer Revolution und napoleonischer Herrschaft beantwortet, hat übrigens auch politische Relevanz:  Immerhin gibt es ja in Frankreich eine bonapartistische Tradition, also eine politische Richtung, die, skeptisch bis feindlich gegenüber den demokratischen Institutionen und Prozeduren, von einem den Volkswillen unmittelbar repräsentierenden „starken Mann“ an  der Spitze das Heil erhofft. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., und General Boulanger im 19. und der Marschall Pétain im 20. Jahrhundert waren  Adepten eines solchen Bonapartismus. Und bei allen gravierenden Unterschieden: In der die Größe und Unabhängigkeit Frankreichs betonenden Politik de Gaulles und der von ihm  geschaffenen „monarchie républicaine“ lassen sich Elemente des Bonapartismus beobachten.[34] Die gibt es nach dem Urteil kundiger Beobachter  auch in der aktuellen französischen Politik und ihrem Personal:   Für den Journalisten Alain Duhamel ist Nicholas Sarkozy ein Bonapartist und in einer kürzlich von Le  Monde  publizierten Vorstellung der potentiellen Präsidentschaftskandidaten  der französischen Rechten wird Sarkozy als „jacobinischer Bonapartist“ vorgestellt[35], eine interessante  und aus Sicht von Le Monde sicherlich nicht sehr schmeichelhafte Ahnenreihe. Es ist dies eine Kombination, in der Elemente der Französischen Revolution und die Herrschaft Napoleons zusammengeführt sind. Und je weitgehender und umfassender man Napoleon als legitimen Erben, als Sohn der Revolution versteht, desto mehr wird man geneigt sein,  auch spätere bonapartistische Tendenzen oder Nachfolger gutzuheißen.

Der Blick von oben

Aber kehren wir nach diesem  Exkurs zum Arc de Triomphe zurück beziehungsweise klettern wir endlich die Stufen hinauf zu seiner grandiosen Aussichtsplattform. Hier hat man einen wunderbaren Rundblick über die ganze Stadt, auf die Champs Elysées und das Louvre (Foto von Bernd Kursawe)..

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und auch auf das Hochhausviertel La Défense und die Grande Arche, unter der  genau am Tag  der Sommersonnenwende die Sonne untergeht.

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Und es gibt in der Attika  eine Kamera, die das Geschehen unter dem Arc de Triomphe aufnimmt: So kann man –ohne Ehrengast zu sein-  direkt von oben die tägliche  Flammen-Zeremonie am Grabmal des unbekannten  Soldaten beobachten.  Auf dem nachfolgenden, um 18. 20 Uhr aufgenommenen Foto stehen schon die Ehrenformationen bereit und warten, dass der feierliche Akt (um 18.30 Uhr) beginnt.

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Nach dem Heruntergehen sollte man sich  auf der „Rückseite“ des Triumphbogens  das Relief des Friedens ansehen, das es immerhin doch auch gibt. Hier ein Ausschnitt:

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„Minerve,casquée et armée de sa lance domine la composition comme déesse de la victoire et inspiratrice  des arts et des travaux de la paix.“ [36]  Der Frieden, der hier propagiert wird, ist also ein „Siegfrieden“ – so wie ihn Napoleon bis zuletzt immer anstrebte; ein scheinbarer Frieden, der den Keim künftiger Konflikte und Kriege schon in sich trägt.

Praktische Informationen:

Öffnungszeiten:

Vom 1. April bis 30. September täglich von 10 – 23 Uhr

Sonst: täglich von 10 – 22.30 Uhr

Eintrittspreise:

Kostenlos bis zum Alter von 25 Jahren, wenn man aus einem Land der EU kommt.

Sonst: 12 Euro.

Karten kann man sich von der Website des Arc de Triomphe herunterladen und ausdrucken. Sie sind ein Jahr lang gültig. Man muss sich damit nicht in die Schlange vor dem Kartenhäuschen stellen.

Es gibt ein Faltblatt mit Informationen in verschiedenen Sprachen, das man auch  auf Deutsch von der website  des Arc de Triomphe herunterladen kann

http://www.paris-arc-de-triomphe.fr/  Dort unter der Rubrik „approfondir“ der grün unterlegte Kasten:  Lire le document de visite.

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

In der Buchhandlung des Arc de Triomphe kann man auch viele schöne Napoleon- Devotionalien bewundern und erwerben:

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Für 95 Euro gibt eine Figur Napoleons auf dem Schlachtfeld von Jena, 225 Euro kostet Napoleon hoch zu Ross in Berlin….

Und natürlich sollen auch die Kleinen den großen  Napoleon kennen und lieben lernen….

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Anmerkungen:

[1] Centre des Monuments Nationaux (Hrsg): L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014, S. 1 und http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

siehe dazu auch: L’Arc de Triomphe, vu par le écrivains. Nouvelles éditions Scala 2017

[2] Siehe  dazu: Jean Tulard, Le retour des cendres. In: Les lieux de mémoire.  Sous la direction de Pierre Nora. II. La Nation, Band 2, S. 81ff

[3] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober 2016)

[4] http://images.google.de/imgres?imgurl=https://igeekart.files.wordpress.com/2015/01/09-paris-est-charlie-arc-du-triomphe-w529-h352-2x.jpg&imgrefurl=https://igeekart.wordpress.com/tag/arc-de-triomphe/&h=681&w=1024&tbnid=Xt7-0np_PuXllM:&tbnh=90&tbnw=135&docid=Ax2kcTLVUVbF7M&usg=__D0pwy4Afgum6e1J802XQ8FyvNrc=&sa=X&ved=0ahUKEwj9hJ65lsnPAhUJEiwKHY8OAoYQ9QEIIzAB

[5] http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.htm&h=551&w=376&tbnid=7tRDLoO4gsKtgM%3A&docid=PR0lbjyhVEdxlM&hl=de&ei=2P_3V-X-Ecqv6ATux7vYCA&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=11624&page=0&start=0&ndsp=28&ved=0ahUKEwjlyojdvsnPAhXKF5oKHe7jDosQMwgpKAswCw&bih=613&biw=1366

[6] https://beta.welt.de/kultur/article142645109/So-monumental-wollte-Napoleon-Paris-sehen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&betaredirect=true

[7]  Am 2. Dezember 1806 unterzeichnete Napoleon in seinem Lager in Posen (mitten  im Krieg gegen Preußen) eine Dekret zur Errichtung eines Tempels zum Ruhm der französischen Armeen: « Le Monument dont l’Empereur vous appelle aujourd’hui à tracer le projet sera le plus auguste, le plus imposant de tous ceux que sa vaste imagination a conçus et que son activité prodigieuse sait faire exécuter. C’est la récompense que le vainqueur des Rois et des Peuples, le fondateur des empires, décerne à son armée victorieuse sous ses ordres et par son génie. La postérité dira : il fit des héros et sut récompenser l’héroïsme. […] À l’intérieur du monument, les noms de tous les combattants d’Ulm, d’Austerlitz et d’Iéna seront inscrits sur des tables de marbre, les noms des morts sur des tables d’or massif, les noms des départements avec le chiffre de leur contingent sur des tables d’argent. »

[8]http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe

[9] Zitiert in: http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

« Un arc de triomphe y fermerait de la manière la plus majestueuse et la plus pittoresque le superbe point de vue que l’on a du château impérial des Tuileries… Il frapperait d’admiration le voyageur entrant dans Paris… Il imprimerait à celui qui s’éloigne de la capitale un profond souvenir de son incomparable beauté… Quoique éloigné, il serait toujours en face du Triomphateur. Votre Majesté le traverserait en se rendant à la Malmaison, à Saint-Germain, à Saint-Cloud et même à Versailles »

[10] http://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/de-la-fresque-louis-pierre-baltard_le-cortege-imperial-quitte-l-arc-de-triompheé

[11] Es sind in Paris  noch einige wenige Zollhäuser erhalten, so die Rotonde de  la Villette oder die Zollhäuser neben der Place de la Nation. Dazu soll es bei Gelegenheit einen Blogbeitrag geben.

[12] http://reflexionsettemoignages.20minutes-blogs.fr/tag/triomphe

(12a) Auf dem Relief sieht man auch den Namen Arcole – womit die von Bonaparte gewonnene entscheidende Schlacht bei Arcole (bataille de pont d’Arcole) von 1796 gemeint ist. In einem Kommentar des Wirtschaftsteils von Le Monde vom 16. März 2018 habe ich einen Bezug zu dieser Schlacht gefunden. Er zeigt, wie sehr die napoleonischen  Schlachten noch heute im allgemeinen Bewusstsein der Franzosen und sogar in der französischen Sprache verankert sind. Es geht um den gescheiterten Versuch einer Unternehmensübernahme durch den französischen Geschäftsmann Bolloré:

Unter der Überschrift „Le retrait du général Bolloré“ heißt es da: „Ce devrait être son pont d’Arcole.  Une conquête éclair en terre italienne pour renforcer son pouvoir en France. Cela a toutes les chances de se transformer en bérézina….“  berezina steht dabei für ein totales Scheitern – abgeleitet von der vernichtenden Niederlage Napoleons an der Berezina bei de Rückzug der grande  armée aus Russland.

[12b] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[13]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Pertes_humaines_lors_des_guerres_napol%C3%A9oniennes

[14] Englund, Napoleon, S. 566

[15] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober2016/Rubrik Geschichte)

[16] http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html

[17] https://fr.wikisource.org/wiki/Servitude_et_grandeur_militaires/I/1 siehe dazu auch Englund, Napoleon 566/7

[17a]  Siehe folgenden Auszug aus Hugos Rhein-Buch:

… Man mag sich daran erinnern, dass vor etwa sechs oder acht Monaten eine erregte Debatte über die Rheinfrage entbrannte. Rühmliche und edle Geister erhitzten sich damals in Frankreich aufgebracht und heftig. Dabei bildeten sich, wie fast immer, zwei gegnerische Parteien, zwei extreme Positionen. Die einen betrachteten die Verträge von 1815 als vollendete Tatsache und überließen auf dieser Grundlage das linke Rheinufer Deutschland – als Gegenpfand für dessen Freundschaft; die andere Seite protestierte mehr denn je – und unserer Meinung nach zurecht – gegen 1815, forderte heftig, wenn nötig mit Gewalt, das linke links: Le Charivari, Paris, 1835, Abb. Maison Victor Hugo rechts: Victor Hugo (1802–1885) fotografiert von Étienne Carjat, 1876 / aus Wikicommons ©Markt1 // 2020 Rhein-Main Urban Sketchers Rheinufer und wies die Freundschaft Deutschlands zurück. Die Einen opferten den Rhein dem Frieden, die Anderen opferten den Frieden dem Rhein. Nach unserer Auffassung hatten beide Recht und Unrecht zugleich. Zwischen diesen beiden ausschließlichen und diametral entgegengesetzten Haltungen erschien uns Raum für eine versöhnliche Position. Frankreichs Anspruch aufrecht zu erhalten, ohne die deutsche Nation zu verletzen, das war das delikate Problem, für das derjenige, der diese Zeilen schreibt, in seinem Ausflug an den Rhein eine Lösung zu erblicken glaubte.   Zitat aus: https://www.markt1-bacharach.de/pdf/sketcher/1_Handout_DE.pdf

Auch Victor Hugo betrachtete also den Rhein als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, lehnte aber eine gewaltsame Annexion ab, sondern strebte eine -wie auch immer zu erreichende- Lösung mittels einer friedlichen Verständigung im europäischen Kontext an.

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_d%C3%A9partements_fran%C3%A7ais_de_1811

Siehe dazu: Steven Englund, Napoléon, Paris 2004, S. 481/484 und 496

[19] Histoire. Classe de seconde. Paris: Hatier 1990,  S. 114

[20]  http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html „ les guerres napoléoniennes sont l’épilogue de la nouvelle Guerre de Cent ans qui a opposé depuis la fin du XVIIe siècle la France et l’Angleterre pour la domination mondiale, et que la France devait perdre dès lors que les difficultés financières du règne de Louis XVI, puis la Révolution, l’avaient privée de la marine qui lui eût permis de rivaliser avec les Anglais sur les mers. Napoléon accompagne une défaite inéluctable en lui donnant un tour flamboyant.“

[21] https://www.khanacademy.org/humanities/becoming-modern/romanticism/romanticism-in-france/a/rude-la-marseillaise

Siehe: http://www.abcfrancais.com/le-depart-des-volontaires-en-1792-ou-la-marseillaise/

http://www.cndp.fr/crdp-dijon/IMG/pdf/doc_pedagogique_exporude.pdf

Die Darstellung als Bestandteil der „identité nationale“: http://identitenational.canalblog.com/archives/2008/09/20/10677717.html  Das Relief gehört auch zu dem Bildmaterial, das gerne in französischen Geschihtsbüchern verwendet wird. Z.B. Europes d’hier et aujourd’hui. 4ième. Paris: magnard, 1983, S. 177

[22] https://www.google.fr/webhp?sourceid=chrome-instant&ion=1&espv=2&ie=UTF-8#q=Noisot+Parc+et+Musee

http://salon-litteraire.linternaute.com/fr/beaux-livres/review/1800081-bertrand-tillier-napoleon-rude-et-noisot-hidoestoire-d-un-monument-d-outre-tombe

[23] Steven Englund, Napoleon. Paris 2004, S. 439

Wiedergabe der Memoiren unter:: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6151195z/f433.image

Analyse: siehe https://ahrf.revues.org/1871

[24] Ich beziehe mich hier vor allem auf die Zusammenstellung von Maurice Agulhon, Professor am Collège de France: http://www.archivesdefrance.culture.gouv.fr/action-culturelle/celebrations-nationales/recueil-2004/1804-l-empire/napoleon-fils-de-la-revolution

[25] Der Fall Napoleon. Der Spiegel 5.8.2013, S. 113

[26] Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 437

[27] A.a.O. S. 438

(27a) siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (November 2017) 

[28] „La période de 1811 au début de 1813 fut l’apogée de la pire suppression de la liberté de la presse en France jusqu’à Vichy“. Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 383                                                                           siehe auch  http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

(28a) s. Gerald van der Kemp und Pierre Lemoine, Versailles et Trianon, 1979, S.20: „1806/1807: Napoléon 1er fait étudier des projects de restauration et d’agrandissement du château dont il compte faire sa résidence. 1810: début d’importants traveaux…“

(28b) http://1.brf.be/sendungen/klassikzeit/667693/  Im Beiheft zur Aufführung der Eroica in der Pariser Philharmonie am 7.12.2016 durch das Orchestre de Paris findet sich die Information, dass Beethoven den ursprünglich zu Ehren Bonapartes geplanten „marche triomphale“ durch den „marche funèbre“ ersetzt habe: „la Troisième Symphonie est donc tout à la fois une oeuvre de protestation contre le despotisme et une sorte de requiem pour l’idéal démocratique bafoué“. 

[29] Der Spiegel, 32/2013, S. 113

[30] Dazu Laurent Joffrin, Herausgeber von „Liberation“ zu dieser Phase Napoleons: „. S’il était mort en 1805, il serait comme Washington : on trouverait sa statue partout dans Paris ; il aurait sa tête sur les billets. Mais après, il est devenu un peu fou, sa volonté de puissance était sans limite. Il voulait dominer l’Europe parce qu’il avait une capacité militaire supérieure à celle de ses contemporains. Et la France comptait à l’époque un réservoir d’hommes énorme.“ http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

[31] „l’Empereur manque de fonds. Il compte sur la victoire contre l’Angleterre et ses alliés pour résoudre tous les problèmes.“  http://www.larousse.fr/encyclopedie/personnage/Napol%C3%A9on_I_er/134747

Und:  https://books.google.fr/books?id=ak-a7_HnGk0C&pg=PA11&lpg=PA11&dq=napoleonisches+zeitalter+kritik&source=bl&ots=LmxdVEoUUc&sig=6poFzmDtoh9IiUxIKyxhOFnpyQ&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA2vSyxcXOAhUInBoKHQx3Bg8Q6AEITzAJ#v=onepage&q=napoleonisches%20zeitalter%20kritik&f=false

[32] Hans-Walter Krumwiede in:  Kirchengeschichte Niedersachsens:  Vom Deutschen Bund 1815 bis zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland

Siehe auch Götz Aly: http://www.berliner-zeitung.de/kolumne-zweihundert-jahre-voelkerschlacht-i-3826436

[33] siehe: http://www.napoleon.org/magazine/revues-de-presse/la-revue-des-deux-mondes-avril-2005-napoleon-vu-dallemagne-lhomme-du-destin-et-le-non-destin-de-hitler-si-lhabit-ne-sied-pas-la-comparaison-napoleon-hitler-au-rebut/

http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555  Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562. Nicht ganz nachvollziehen kann ich allerdings die Feststellung Englunds, Hitler habe –ebenso wenig wie Stalin und Mussolini- zu den Bewunderern Napoleons gehört – dagegen steht immerhin der spektakuläre Besuch Hiters des Napoleon-Grabes im Invalidendom im Juni 1940.

[34] Michel Winnock: De Napoléon à de Gaulle: la tentation bonapartiste. In. mensuel 124, 1989

Auch unter: http://www.lhistoire.fr/de-napol%C3%A9on-%C3%A0-de-gaulle-la-tentation-bonapartiste

http://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/la-tentation-recurrente-du-bonapartisme

[35] Alain Juppé und Nathalie Kosciusko-Morizet werden dagegen der politischen  Familie der „modérés girondins“ zugeordnet. Le Monde 22. Sept. 2016, S.8

(36)  Éditions du Patrimoine, L’arc de triomphe de l’Étoile, S. 33

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der 11. November: Ein französischer Feiertag im Wandel

Der 11. November ist in Frankreich ein Feiertag, der an den Waffenstillstand von 1918 erinnert. Die zentralen Feierlichkeiten an diesem Tag finden –natürlich- in Paris statt und folgen einem bestimmten Ritual: Zunächst legt der Staatspräsident ein Blumengebinde in den Farben der Tricolore vor der Statue von Georges Clemenceau an der Place Clemenceau zwischen Grand und Petit Palais nieder. Clemenceau war als französischer Vertreter an der Aushandlung der Waffenstillstandsbedingungen mit Deutschland beteiligt und wurde von seinen Landsleuten als Vater des Sieges gefeiert.  Nach dieser ersten Kranzniederlegung fährt der Präsident in Begleitung von Reitern der Garde républicaine in einem offenen  Wagen die Champs –Élysées hinauf zum Arc de Triomphe, wo  er dem Grab des unbekannten Soldaten seine Ehrerbietung erweist. „Avec sa minute de silence, version laïque de la prière, la sonnerie aux morts et l’appel aux morts, la tombe du Soldat inconnu et la flamme du souvenir deviennent les lieux d’un rituel national patriotique“, wie es in einer Sendung von Karambolage über das Ritual des 11. November heißt. [1]

Vom Freudentag zum Gedenk- und  Feiertag

Schon vor dem 11. November 1918 hatte es  Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand gegeben – deren Wahrheitsgehalt bei vielen Menschen  auch für völlig irreal gehalten wurde: Immerhin schien der Feind ja noch lange nicht besiegt, die Front verlief noch quer durch Ostfrankreich.  Als dann am Montag, dem 11. November, der Waffenstillstand offiziell verkündet wurde,  verfiel  Paris  in einen Freudentaumel,  den,  wie der Historiker Jean-Jacques  Becker schrieb, manche Zeitgenossen schon fast als irrsinnig (démente) charakterisierten.[2]

Die erste große Siegesfeier fand zwar am 14. Juli 1919 statt[3], aber dass auch und gerade der 11. November  einen gebührenden Platz in der französischen Erinnerungskultur erhalten müsste und würde, war selbstverständlich. Dies geschah in mehreren Schritten:

  • Am 11. November 1919 wurde zum ersten Mal eine Schweigeminute zur Erinnerung an den Waffenstillstand und die Toten des Krieges eingeführt.
  • Am 11. November 1920 wird unter dem Arc de Triomphe das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht
  • Ab 1922 ist der 11. November offizieller Feiertag in Frankreich
  • Am 11. November 1923 wird zum ersten Mal die ewige Flamme  am Grab des unbekannten Soldaten  entzündet.

Der  Arc de Triomphe als Ort des Grabmals

Die Idee, die Soldaten des „Großen Krieges“ in besonderer Weise zu ehren und einen Ort des Andenkens an sie zu schaffen, entstand in Frankreich schon während des Krieges.  Die  Frage war allerdings, in welcher Form und an welchem Ort.

Am 20. November 1916 stellte der Präsident der Vereinigung  Souvenir français, François Simon, die  Frage, warum man denn nicht die Tore des Panthéons öffne für einen der  vergessenen Soldaten, die für das Vaterland gefallen seien:

Pourquoi la France n’ouvrirait-elle pas les portes du Panthéon à l’un de nos compatriotes oubliés, mort bravement pour la patrie ? pour inscription sur la pierre, deux mots : « un soldat » ; deux dates : « 1914-1917 » [4]

In der Folgezeit werden  viele Ideen diskutiert: Vielleicht doch  besser ein goldenes Buch mit den  Namen aller Opfer des Krieges? – vielleicht eine Kapelle? Die Diskussionen ziehen sich hin bis weit über das Kriegsende hinaus, und es sieht fast so aus, als würde nicht ein unbekannter Soldat beerdigt werden, sondern die Idee überhaupt, ihn in besonderer Weise  zu ehren.

Der entscheidende  Anstoß kommt dann aus Großbritannien. Dort wird Ende Oktober 1920  beschlossen, die sterblichen Überreste eines unbekannten britischen  Soldaten in der Kathedrale von Westminster  neben den Gräbern der Monarchen  zu bestatten- und zwar am ersten Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November 1920. Frankreich fühlt sich erniedrigt und verraten. „Und was macht Frankreich? Nichts!“ empört sich der Abgeordnete André Paisant in einem Zeitungsartikel.[5]  Frankreich mit fast 1,5 Millionen gefallener Soldaten  darf doch nicht hinter den Briten zurückstehen!  Und das Pantheon kann es als würdevoller Ort mit Westminster ja durchaus aufnehmen!  Aber da gibt es zwei Probleme: Am 11. November 1920 ist das Pantheon gewissermaßen schon „ausgebucht“- da soll nämlich dort  -anknüpfend an eine feudale Tradition der Totenbestattung-  das Herz von Gambetta aufgenommen  werden – in der Erinnerung an die 50 Jahre vorher ausgerufene 3. Republik und den Sieg von 1918 gleichermaßen. Zwar könnte man neben dem Herz Gambettas auch den unbekannten  Soldaten pantheonisieren, aber dagegen läuft  die Rechte Sturm: Für sie ist das Pantheon eher eine entweihte Kirche und eine  republikanische Einrichtung. Außerdem sei der unbekannte Soldat kein dem Pantheon angemessener „großer Mann“, sondern „le peuple tout entier„. Die Rechte plädiert also für  den Arc de Triomphe, der allerdings von den Linken als kaiserliches Symbol und „trop militaire“ abgelehnt wird.

(Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Am 8. November 1920 debattiert  die Nationalversammlung   heftig und lautstark über die beiden Alternativen und die Rechte setzt sich durch: Der unbekanne Soldat soll also unter dem  Arc de Triomphe seine letzte Ruhestätte erhalten.[6]

Die Auswahl des unbekannten Soldaten

Jetzt gilt es, in kürzester Zeit den unbekannten  Soldaten auszuwählen. Der 21-jährige Soldat Auguste Thin erhält den ehrenvollen Auftrag, diese Auswahl vorzunehmen. Dafür werden die Reste von 8 nicht identifizierten, aber eindeutig französischen Soldaten  aus 8 französischen Regionen ausgewählt, in denen die schwersten Kämpfe des Weltkriegs stattgefunden hatten. Eigentlich hatte man für die Auswahl 9 Soldaten aus 9 Regionen vorgesehen, aber in einem Fall bot keiner der exhumierten Körper die Garantie, dass es sich auch tatsächlich um einen französischen Kombattanten  handelte. Die Särge der 8 Soldaten werden nach Verdun gebracht – für Frankreich Symbol für die Leiden des Krieges und für die Größe des Sieges.[7]  Auguste Thin wählt den 6. Sarg aus – weil er zum 6. Korps und zum 123. Regiment (zusammengezählt also auch 6) gehörte.

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Der Sarg wird danach zum Bahnhof von Verdun gebracht, so dass er –auf einem fahnengeschmückten Panzer   installiert- rechtzeitig  zu den Feierlichkeiten des 11. November unter dem Arc de Triomphe eintrifft- zusammen mit dem Herz Gambettas.

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Während dies  seinen Weg fortsetzt zum Pantheon, werden die sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten unter dem Arc  de Triomphe bestattet.  Darüber eine Granitplatte mit der Inschrift:

„Ici repose un soldat français mort pour la patrie. 1914-1918.

4 septembre 1870, proclamation de la République.

11 novembre 1918: retour de l’Alsacce-Lorraine à la France“

(Hier ruht ein für das Vaterland gefallener französischer Soldat. 1914-1918

4. September 1870, Ausrufung der Republik

11. November 1918: Rückkehr von Elsass-Lothringen nach Frankreich)

Der Maler Ernest Jules Renoux hat den Augenblick der Bestattung des unbekannten Soldaten in einem  im Petit Palais ausgestellten Bild verewigt und ihm sakrale Weihe verliehen.

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In der Attika des Arc de Triomphe ist die Skulptur eines unbekannten Soldaten  ausgestellt mit brozenen Siegespalmen….

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Die Flamme der Erinnerung

Sakralen Charakter hat auch die ewige Flamme der Erinnerung, die der damalige Kriegsminister André Maginot „–der „Erfinder“ der sogenannten Maginot-Linie- am 11. November 1923 unter den Klängen des Marche funèbre von Chopin zum ersten Mal entzündet. Der Schriftsteller Roland Dorgelès, 1919 berühmt geworden mit dem Kriegsroman  Les Croix de bois, schrieb damals:  «ce sera l’enfant de tout un peuple en deuil et chaque mère pourra dire, s’inclinant sur la dalle : “C’est peut-être le mien…”[8]

Seitdem organisiert die Vereinigung  „La Flamme sous l’Arc de triomphe“ jeden Abend um 18.30 Uhr eine Zeremonie, während derer nach einem sehr feierlichen Ritual die Flamme mit neuem Leben erfüllt wird. Es lohnt sich, schon gegen 18 Uhr an Einmündung der Champs-Elysées in die Place d’Étoile zu sein- da versammeln sich die Teilnehmer der Zeremonie, die i.a. gerne für Erinnerungsfotos posieren.

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An der Zeremonie unter dem Arc de triomphe  „patriotische Organisationen“, vor allem natürlich Veteranen, aber auch Vertreter ganz  verschiedener Organisationen  aus ganz Frankreich und dem Ausland beteiligt – für sie gewissermaßen eine patriotische Wallfahrt.

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Es werden Kränze niedergelegt, die Flamme wird symbolisch neu entzündet und zum Abschluss die Marseillaise gespielt und von vielen Anwesenden auch mitgesungen.

„Diese Flamme, mit der die Nation alle diejenigen ehrt, die für Frankreich gestorben sind, brennt  ununterbrochen seit dem 11. November 1923“ und zwar selbst während der deutschen Besatzung von Paris.[9]

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Die Bodenplatte mit der Inschrift und der ewigen Flamme ist die sogenannte „dalle sacrée“-  sie wird also als heilig bezeichnet. Das ist –gerade in einem laizistischen Land- bezeichnend für die religiöse Überhöhung des Patriotismus rund um den Ersten Weltkrieg: Geheiligt war da schon 1914 die von Clemenceau ausgerufene nationale Einheit, die union sacrée. Diese  französische Variante des Wilhelminischen „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ wird in Krisensituationen wie den terroristischen Anschlägen in Paris heute noch gerne beschworen.[10] Geheiligt war auch der Nachschubweg nach Verdun, der voie sacré, und für viele Kriegsteilnehmer war auch der Krieg insgesamt geheiligt.  Romain Rolland zitiert  in Au-dessus de la mêlée  den Brief eines Freundes aus dem Jahr 1914:

„Quelle race admirable! Si vous voyiez comme moi notre armée, vous seriez enflammé d’admiration pour ce peuple. C’est un élan de la Marseillaise, un élan heroïque, grave, un  peu religieux…. On parlera de nous dans l’histoire. Nous aurons ouvert une ère dans le monde…. La France n’est pas prête de  finir. Nous voyons sa résurrection. Toujours la même: Bouvines, croisades, cathédrales, Révolution, toujours les chevaliers du monde, les paladins de Dieu.“

Philippe Contamine bezeichnet in seinem Artikel Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle, der in der Reihe Les Lieux de Mémoire  veröffentlicht ist, den Patriotismus, wie er sich hier äußert, geradezu als eine neue Religion:

„La nouvelle religion eut ses mystiques et ses dévots, zélateurs convaicus de l’amour de la patrie dont ils se persuadaient, sans trop de peine, qu’il était un sentiment naturel et éternel. Elle eut aussi ses sceptiques, ses agnostiques, ses athées, ses hérétiques.“[11]

Anhänger eines solchen übersteigerten Patriotismus empfanden sicherlich auch die nachfolgenden Gedanken als häretisch, die  einem Besucher des Grabmals des unbekannten Soldaten 1925 durch den Kopf gingen:

‚Mort pour la patrie‘ steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie. Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“ (11a)

Der das schrieb war der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, ein Häretiker dann natürlich auch für die Nazis, vor denen er sich -wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und andere- gerade noch rechtzeitig durch die Flucht über die Pyrenäen retten konnte. (11b)

Die Demonstration des 11. November 1940: Ein Akt des Widerstands

Die Feiern  des 11.  November waren allerdings in den 20-er und 30-er Jahren in Frankreich nicht unumstritten. Das Gedenken an die Toten war es weitgehend, auch wenn es Pazifisten gab, die sich –vereint unter dem Slogan „À bas la guerre“ weigerten, an den offiziellen Zeremonien des 11. November teilzunehmen. Vor allem aber versuchten Extremisten von links und rechts dem 11. November einen anderen  Sinn zu geben, und nahmen den Feiertag zum Anlass, ihre Ideen zu propagieren: Da  ist die 1920 gegründete KPF, die die bourgeoise Republik und den zum Profit der Kapitalisten geführten Krieg  unter der Parole „guerre à la guerre“ ablehnten. Und es waren die Vertreter der extremen Rechten, die,  Republik, Kapitalismus und Kommunismus bekämpfend,  den 11. November nutzten, um ihre Vorstellung eines autoritären, ethnisch reinen und kämpferischen Frankreich zu propagieren- ein Konzept, das dann auch die Neuorientierung des 11. November durch das Regime von Vichy und Pétain prägte: Ihm ging es vor allem um  einen „männlichen Heroismus und den Mythos des vergossenen Blutes“:  So wurde der 11. November  von den Vertretern  der „Révolution Nationale“  in einer Weise gefeiert, dass es auch für die deutsche Besatzungsmacht akzeptabel war.[12]

Die „maréchalistische“ Konzeption des 11. November und die Besatzungsmacht wurden aber am  11. November 1940  in Paris herausgefordert:

Mehrere tausend junge Menschen, überwiegend Schüler/innen und Student/innen kamen  am 11. November 1940  zum Arc de  Triomphe, legten am Grabmal des unbekannten Soldaten Blumen nieder und schmückten sie mit den französischen Nationalfarben. Nach einer gewissen Zeit griffen deutsche Soldaten und französische Polizisten ein und „zerstreuten“ die Menge. Viele Demonstranten wurden verletzt und verhaftet (die Zahlen schwanken zwischen 105 und 143); sie wurden nach wenigen Tagen entlassen.
Es war das erste kollektive Aufbegehren gegen Besatzung und Kollaboration. Vorausgegangen war die Empörung über die Verhaftung des international renommierten Physikprofessors Paul Langevin  am 30. Oktober 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Nach einer ersten Protestaktion am 8. November vor dem Collège de France, wo Langevin unterrichtete, wurde die Parole durch Mund-zu-Mund-Propaganda und vereinzelte Flugblätter verbreitet, sich am 11. November am Arc-de-Triomphe zu treffen. Die Behörden hatten dekretiert: „Öffentliche Verwaltungen und Betriebe arbeiten normal; Gedenkzeremonien finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen werden nicht geduldet.“[13]

Es gibt vier Gedenkplaketten, die an diese Demonstration erinnern:  eine am 11. November 1954 vom damaligen Staatsspräsidenten René Coty enthüllte Tafel an der Einmündung der Champs-Elysées (Nr.  156) in die Place de l’Étoile.[14]

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Die Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 massenhaft vor dem Grabmal des unbekannten  Soldaten  demonstrierten, waren die ersten, die dich dem  Besatzer widersetzten.

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Eine weitere Gedenktafel wurde am  11. November 2010 von Staatspräsident Sarkozy unter dem Arc de Triomphe eingeweiht:

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« En hommage aux lycéens et étudiants de France qui défièrent l’armée d’occupation nazie le 11 novembre 1940 au péril de leur vie »[15].

Weitere  Gedenktafeln  wurde an  dem Maison d’Arrêt de la Santé an der Ecke zwischen dem Boulevard Arago und der Rue  de la Santé (siehe Bild)  und an dem Ort des ehemaligen  Gefängnisses Cherche Midi  angebracht, in die die  verhafteten Studenten und Schüler eingeliefert wurden.

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 Dass sie schnell wieder entlassen wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass weder die deutschen Besatzungsbehörden noch die Regierung von Vichy wenige Tage nach dem historischen Treffen von Montoire zwischen Hitler und Pétain (24. Oktober 1940)  die Politik der Collaboration beeinträchtigt sehen wollten.[16]

Die Feiern des  11. November  1944 und 1945

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 Am 11. November 1944 – Frankreich war damals noch nicht wieder vollständig befreit-  nehmen de Gaulle und Winston Churchill gemeinsam an der Feier des  11. November teil – auch wenn beide ansonsten eher durch „relations tumultueuses“ verbunden waren, wie es selbst auf der offiziellen Website der Organisation heißt, die das Andenken de Gaulles hoch hält.[17] Für Gaullisten und Sozialisten ist diese britische Präsenz bedeutsam, weil für sie damit symbolisiert werden soll, dass die beiden Weltkriege für die demokratischen Werte geführt wurden, die auch von den westlichen Alliierten repräsentiert sind: Hier kündigt sich schon der Kalte Krieg an  und der Gegensatz zu den Kommunisten, die den 11. November in eine Linie mit der russischen Revolution rücken.  Aber dieser sich ankündigenden Auseinandersetzungen über die Zukunft Frankreichs zum Trotz ist der 11. November 1944 in Paris vor allem ein allgemeines Volksfest, in dessen Mittelpunkt ein fünfstündige Zug von mehr als einer Million Menschen die Champs-Elysées hoch zum Arc de Triomphe ist.[18]

Am 11. November 1945 wird besonders die Résistance geehrt:  Die sterblichen Überreste von 15 Männern und Frauen des Widerstands, von Kriegsgefangenen und Deportierten werden an diesem Tag am Arc de Triomphe aufgebahrt, bevor sie dann in der an diesem Tag eröffneten Krypta auf dem  Mont Valérien bestattet werden  – womit eine Brücke zwischen 1914 und 1945 geschlagen wird, dem, wie de Gaulle es formulierte, 30-jährigen Krieg.[19]

Dass die Auseinandersetzungen zwischen rechts und links auch weiter in die Feierlichkeiten des 11. November hineinwirken, sei nur am Rande vermerkt und an einem Beispiel veranschaulicht: Am 11. November 1971 legen 20 Studenten der École Normale der rue d’Ulm in Paris – dem „Tempel der republikanischen Meritokratie“ – einen Kranz nieder für die  normaliens, die (ehemaligen) Angehörigen dieser Eliteschule also, die „victimes des marchands de canons“ geworden seien, und sie singen  die Internationale, während ihre rechten  Kommilitonen  mit der Marseillaise dagegen  halten.[20]

 

Das Gedenken  des 11. November verändert sich

Die 1944 und 1945 praktizierte  Ausweitung des Gedenkens an die Toten beider Kriege  erhält schließlich in einem  Gesetz von 2012  offiziellen Charakter:

« Le 11 novembre, jour anniversaire de l’armistice de 1918 et de commémoration annuelle de la victoire et de la Paix, il est rendu hommage à tous les morts pour la France. Cet hommage ne se substitue pas aux autres journées de commémoration nationales.« [21]

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Die Karikatur aus der Tageszeitung La Croix vom 9.11. 2011[22] zeigt eine Abordnung vor einem Denkmal für die „tapferen Kämpfer“ des Krieges von 1914/18;  und darunter einen Bildschirm mit der Aufschrift

Algerien  und –Libyen

und der Aufforderung, für die weiteren Kriege -und ihre Opfer-  auf diesen Bildschirm zu klicken. Damit wird  veranschaulicht, dass am 11. November nicht nur der Toten des Großen Kriegs gedacht wird, sondern der Toten aller Kriege, an denen französische Soldaten beteiligt waren und noch sein werden: Dazu gehören dann auch die Toten in den Kolonialkriegen wie den Kriegen in Indochina oder Algerien und es gehören dazu die bei internationalen Kriegseinsätzen wie in Afghanistan, Libyen oder dann auch Mali gefallenen französischen Soldaten.  Dass damit eine nicht ganz unproblematische Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege vorgenommen bzw. ihr zumindest Vorschub geleistet wurde, ist kritisch angemerkt worden (zum Beispiel von Rémi Dalisson).  Immerhin ist es ja ein  deutlicher Unterschied, ob ein Krieg  dem Land aufgezwungen wurde  (wie der 2. Weltkrieg) oder bewusst und in höchst problematischer Weise  betrieben wurde (wie der Kriegseinsatz in Libyen[23]), ob er  im Namen der Freiheit geführt wurde (wie der Kampf gegen die deutsche Besatzung) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft, wie der Krieg in Indochina. Aber das scheint im öffentlichen Bewusstsein wohl durchaus vereinbar zu sein, wie das mich sehr irritierende Straßenschild zeigt, auf das ich kürzlich gestoßen bin.

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Jedenfalls ist die Erweiterung des Gedenkens  inzwischen parteiübergreifend Grundlage der Feiern des 11. November. Immerhin wurde  diese Erweiterung von Präsident Giscard d’Estaing initiiert, unter der Präsidentschaft Sarkozys in Gesetzesform gebracht und von Präsident Hollande in seiner ersten  11. November – Rede  2012 zum ersten Mal umgesetzt.

Wenn ausdrücklich von „tous les morts pour la  France“  die Rede ist, dann gehören dazu natürlich auch die Kolonialtruppen, die in den Feiern des 11. November lange keine oder eine eher marginale Rolle spielten. Immerhin wurden im Ersten Weltkrieg etwa 700 000 Mann Kolonialtruppen ausgehoben und besonders  die sogenannten tirailleurs sénégalais haben in den großen Schlachten  des 1. Weltkriegs einen außerordentlich hohen Blutzoll entrichtet.  Auch im Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Kolonialsoldaten auf französischer Seite gekämpft und sie wurden bei der großen Truppenparade des 11. November 1944 bejubelt. Aber das Versprechen, den Kolonialsoldaten des Großen  Krieges nach Kriegsende die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wurde schnell vergessen und die ihnen gezahlte Rente entsprach nur einem Viertel oder gar einem Zwölftel dessen, was  ein Soldat mit französischer Nationalität erhielt.[24] Es hat lange gedauert, bis auch diese Soldaten bei den Feierlichkeiten des 11. November angemessen gewürdigt wurden.[25]

Und es stellt sich,  wenn von allen Toten die Rede ist, auch die Frage, ob in das Gedenken nicht auch die französischen Soldaten einbezogen werden müssen, die –unter manchmal heute kaum noch nachvollziehbaren Umständen- demonstrativ und zur Abschreckung erschossen wurden. In der neuen Gedenkstätte von Verdun wird auch an Ihr Schicksal erinnert.[26]

Und ganz aktuell gehören zu allen Kriegstoten auch die Opfer terroristischer Anschläge in Paris, Nizza und andernorts, denn nach offiziellem Verständnis befindet sich Frankreich ja in einem Krieg mit dem Terrorismus – was unter anderem ja auch bedeutet, dass die Nachkommen der Opfer wie Kriegshinterbliebene behandelt werden, also eine  vom Staat garantierte entsprechende Unterstützung erhalten. (26a)

Einer Erweiterung des Gedenkens hat auch insofern  stattgefunden, dass es nicht mehr ausschließlich/hauptsächlich auf Verdun konzentriert ist: Ein Zeichen  dafür ist die am  11. November 2014 eingeweihte internationale  Gedenkstätte Notre Dame de Lorette: Dort sind auf einen  Ring von 345 Metern  Umfang die Namen von 580 000 Soldaten  eingraviert, die in Flandern  zwischen 1914 und 1918 gefallen sind – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Trennung nach Rang,  Religion oder Nationalität.

Besonders Präsident Sarkozy hat den Feiern des 11.  November neue Akzente verliehen. In der Zeitung Le  Monde wurde sogar von einem Traditionsbruch, einer „rupture“ gesprochen. [27]  Vor allem natürlich für die von ihm angestoßene Ausweitung des Gedenkens an alle für Frankreich gestorbenen Franzosen. Dann durch die Einführung einer Rede unter dem Arc de Triomphe: Hatten sich die Präsidenten  bis 2007 darauf beschränkt, am Grabmal des unbekannten Soldaten ein Gebinde niederzulegen, nutzt er jetzt diese Gelegenheit für eine große  Rede – zentriert um die gemeinsame nationale Erfahrung des Krieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen: wesentliche Bestandteile des französischen „roman national“.

2009 gibt es eine weitere bedeutsame Neuerung: Sarkozy lädt zum 11. November Bundeskanzlerin Merkel ein – gemeinsam verneigen sie sich vor den Opfern  der Kriege und beide halten unter dem Arc de Triomphe eine Rede. Sarkozy verbindet darin den gemeinsamen deutsch-französischen Auftritt mit dem Händedruck zwischen Mitterand und Kohl am 22. September 1984 in Verdun/Douaumont.

Bemerkenswert finde ich an seiner Rede besonders zwei Aspekte: einmal das Eingeständnis, dass Versailles nicht geeignet war,  nach dem schrecklichen Krieg den Weg in  eine friedliche Zukunft zu eröffnen. Allerdings wird das sehr vorsichtig, fast euphemistisch formuliert: Die  Sieger hätten sich geweigert, die Gemeinsamkeit des tragischen Schicksals zu sehen, die sie  mit den Besiegten verbindet, und  es habe ihnen an Großzügigkeit gefehlt[28]: Hier wird immerhin die unnachgiebige Haltung gerade  der französischen Nachkriegspolitik in dem Plural „die Sieger“ aufgelöst, und es wäre doch wohl  selbstverständlich gewesen und hätte kaum besonderer Großzügigkeit bedurft, -beispielsweise-  das demokratisch gewordene Deutschland nach Abschluss des Friedensvertrags in den Völkerbund der Nationen aufzunehmen…  Aber dass in einer solchen Rede an diesem Ort überhaupt eingeräumt wird, dass  1918 zwar der Krieg gewonnen, aber danach der Frieden verloren wurde,  ist wohl schon etwas Besonderes.

Und wichtig ist m.E. auch der Hinweis Sarkozys, dass 2008 der letzte poilu, der letzte französische Soldat des 1. Weltkriegs,  gestorben war. Jetzt sei niemand mehr da, der aus eigenem Erleben und Leiden   „Nie mehr das!“  ausrufen könne.

„Avec le dernier poilu, s’est éteint le dernier témoin qui pouvait encore crier avec la force si grande qu’ont les vrais cris de souffrance : « plus jamais cela ! ».

C’est quand tous les témoins ont disparu qu’il faut prendre garde que l’Histoire ne tue pas le souvenir.[29]

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In der Tat ist es eine große Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem aber auch für Europa, dass  die Kriegserfahrungen der Gründerväter für die Menschen  heute kaum noch nachvollziehbar sind, dass der Frieden in unserem Teil Europas so selbstverständlich geworden  ist, so dass er als zentrale raison d’être für das vereinte Europa nicht mehr ausreicht.  Umso wichtiger ist es deshalb in der Tat, die gemeinsame Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten – aber natürlich und vor allem auch zukunftsweisende  und die Lebensqualität der Menschen betreffende,  überzeugende Perspektiven für das gemeinsame Europa zu eröffnen.

Verwandte Beiträge:

Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)  https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevoix und der (französischen) Teilnehmer des 1. Weltkriegs (Ceux de 14) ins Pantheon am 11. 11. 2020    https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Zum Weiterlesen:

Centre des monuments nationaux: L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014

Rémi Dalisson, 11 Novembre. Du souvenir à la mémoire. Paris: Armand Colin 2013

Rémi Dalisson, Le 11 Novembre tend à devenir une fête de paix. Interview mit Le Monde vom 10.11.2014.

www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/11/10/remi-dalisson-le-11-novembre-tend-a-devenir-une-fete-de-paix_4521409_3448834.html#h6odiMfJOcYkB1co.99

Anette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire ? In: Vingtième Siècle, revue d’histoire  Année 1996  Volume 49  Numéro 1  pp. 31-44  Auch unter: http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

http://centenaire.org/fr/tresors-darchives/fonds-publics/bibliotheques/archives/les-ceremonies-du-11-novembre-entre-les-deux

http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html

Anmerkungen

[1] So der französische Text der Arte-Serie Karambolage von 2006, die dem 11. November in Frankreich gewidmet ist und das dortige Ritual beschreibt:  http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-symbole-le-soldat-inconnu-karambolage.  Die deutsche Variante der Sendung liefert nur eine sehr abgespeckte Version des Rituals:

Der französische Staatpräsident begibt sich unter den Triumphbogen in Paris und legt während einer sehr feierlichen Zeremonie einen Kranz vor die ewige Flamme, die über das Grab des unbekannten Soldaten wacht.“ http://sites.arte.tv/karambolage/de/das-symbol-der-unbekannte-soldat-karambolage

Ein Jahr später ging es dann um den 11. November in Deutschland: Den Beginn der Faschingssaison – was für ein Kontrast!

http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-rite-le-11-novembre-karambolage

[2] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[3] Annette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire? http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombe_du_Soldat_inconnu_(France)  Offenbar ging Simon damals davon aus, dass der Krieg  1917 siegreich beendet sein würde. Souvenir français ist eine 1887 gegründete Einrichtung, die das Andenken an die französischen Soldaten wachhält – zunächst die die des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71

[5] Le pays tout entier se sent humilié et trahi. «Et la France, que fera-telle ? Rien !» s’emporte le député de l’Oise André Paisant dans les colonnes du quotidien «Le Journal » http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

[6] 10 novembre 1920 : un soldat inconnu pour dire l’horreur d’une guerre

FRANCE INFO Y ÉTAIT  dimanche 13 juillet 2014

http://www.franceinfo.fr/emission/france-info-y-etait/2013-2014/10-novembre-1920-un-soldat-inconnu-pour-dire-l-horreur-d-une-guerre-07-13-2014-10-00

In einem 2016 neu aufgelegten Paris-Reiseführer von Waltraud Pfister-Bläske und norbert Kustos (Bruckmann-Verlag)  fand ich übrigens folgende absurde  Information: „Unter dem Bogen liegen die Gebeine von fast 10 Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs“. (S.156) Wie eine angeblich profunde Paris-Kennerin so einen offensichtlichen Unsinn schreiben und wie ein Verlag das durchgehen  lassen kann, ist mir ein Rätsel.

[7] siehe auch den Beitrag über die neue Gedenkstätte in Verdun auf diesem Blog. Und natürlich immer noch grundlegend: Antoine Prost, Verdun. In: Les lieux de mémoire. Sous la direction de Pierre Nora. II. Nation, Bd 2, S. 111-141

[8] http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

Norhttp://www.laflammesouslarcdetriomphe.org/la-ceremonie-du-ravivage/deroule-type-dune-ceremonie/

Siehe auch den Bericht  einer Schulklasse, die an der Flammen-Zeremonie teilgenommen hat:

http://www.ladepeche.fr/article/2016/03/31/2315125-raviver-la-flamme-sous-l-arc-de-triomphe.html

http://memoire1418.free.fr/histoires/histoiresarticle33.html

[10] 13-Novembre: union sacrée après les attentats, les partis suspendent la campagne électorale

http://www.slate.fr/story/109893/13-novembre-union-sacree

[11] Philippe Contamine, Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle  In: Pierre Nora (dir), II, La Nation. Gallimard 1986, p.39  Dort wird auch die  Textstelle von  Romain Rolland zitiert.

(11a) Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902,  München 1990, S. 189/190

(11b) siehe Blog-Text über Sanary, Les Milles und Marseille: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[12] Dazu im Einzelnen: Rémi Dalisson, 11 novembre, Kapitel 2 und 3, S. 76ff

[13] http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

Siehe auch. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[14] Heute Botschaft von Quatar (1, Rue de Tilsit)

[15] „Zu Ehren der Schüler und Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 unter Lebensgefahr die Nazi-Besatzungsarmee als erste herausforderten.“  http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

[16]  „Militärgefängnis Cherche-Midi, 11. November 1940. Hier wurden Schüler und Studenten eingekerkert, die sich nach dem Appell vom 18. Juni 1940 als erste gegen die Besatzer erhoben haben“. Bei dem Appell vom 18. Juni handelt es sich um den berühmten Aufruf de Gaulles zur Fortsetzung des Widerstands. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[17] http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/les-acteurs-de-l-histoire/de-gaulle-et-churchill/reperes/de-gaulle–churchill-des-relations-tumultueuses.php

[18] Im Einzelnen: Dalisson, 11 novembre, S. 116f     Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in dem Andenkenladen der Monuments nationaux im Arc de Triomphe eine Postkarte von der  Parade verkauft wird, die de Gaulle direkt nach der Befreiung von Paris unter dem Arc de Triomphe abgenommen hat, aber keine von der großen Demonstration mit Churchill am 11. November.

[19] http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/onze-novembre-histoire-dune-commemoration-nationale

[20] Dalisson, 11 novembre, S. 166

[21]https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do;jsessionid=5A7B51413B56FAF5DE47F2F351400344.tpdila15v_2?cidTexte=JORFTEXT000025413468&idArticle=&dateTexte=20160309 siehe auch:

http://parhei.hypotheses.org/116

[22] abgedruckt bei Dalisson, 11 novembre, S. XV

[23] Nach einem britischen Parlamentsbericht vom September 2016 war das Frankreich Sarkozys „le principal moteur“ der Militärintervention in Libyen (Mediapart, 15.9.2016). Danach war ein Beweggrund für die Intervention, die Schlagkraft des französischen Militärs –und da vor allem des Kampfflugzeugs Rafale-  zu beweisen. Der französische Staat war nämlich eine Verpflichtung zur kontinuierlichen Produktion des Flugzeugs eingegangen, die er aber –allein schon aus finanziellen Gründen- nicht übernehmen konnte. Man war also dringend auf Exportaufträge angewiesen. Und die „démonstration concrète des possibilités du Rafale en conditions de combat réel“ war erfolgreich. Nach der Libyen-Intervention  kamen endlich die Aufträge: Quatar, Ägypten und im September 2016 der allgemein bejubelte Großauftrag aus Indien. Insofern hat sich –zynisch formuliert- die Intervention in Libyen für Frankreich gelohnt. (http://www.opex360.com/2016/09/16/rapport-parlementaire-britannique-critique-severement-lintervention-en-libye-de-2011/ )

[24] https://blogs.mediapart.fr/gilles-manceron/blog/101114/les-soldats-coloniaux-de-14-18-eternels-oublies

http://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/09/09/verdun-comble-ses-trous-de-memoire_4484577_3448834.html

https://www.herodote.net/1830_a_1962-synthese-43.php

http://www.islamophobie.net/articles/2010/11/10/11-novembre-hommage-aux-soldats-musulmans-morts-pour-la-france

[25] http://www.najat-vallaud-belkacem.com/2014/11/11/rendons-hommage-ensemble-aux-combattants-de-la-1ere-guerre-mondiale/

[26] Zu den drakonischen und z.T. demonstrativen Erschießungen im Ersten Weltkrieg siehe: Nicolas Offenstadt, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914 – 1999) Paris 1999

(26a) http://www.sos-attentats.org/aide-victimes-victime-civile.asp    Insofern war es auch folgerichtig, dass die Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Nizza im Hôtel national des Invalides stattfand.

[27] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[28] „Cette paix nous n’avons pas su la faire en 1918, non seulement parce que les vainqueurs manquèrent de générosité mais aussi parce qu’ils refusèrent de voir le destin tragique qui les liait aux vaincus et que l’indicible horreur de la guerre venait de révéler.“ http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html

[29]Die Rede von Präsident Sarkozy:  http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html  (Um Missverständnissen  vorzubeugen: Ich bin wahrhaftig kein Fan  Sarkozys und finde sein Vorhaben, noch einmal französischer Präsident zu werden, geradezu peinlich und politisch schädlich).

Die Rede von Bundeskanzlerin Merkel: http://www.france-allemagne.fr/Bundeskanzlerin-Merkel-nimmt-an,4962.html

Die Corrèze (Teil 1): Besatzung und Widerstand/ occupation et résistance

In diesem Beitrag geht es um das  im Südwesten Frankreichs gelegene Gebiet der Corrèze. Franzosen ist die Corrèze wohl vor allem bekannt als Heimat des ehemaligen Präsidenten Chirac, der dort auch ein nach ihm benanntes Museum eingerichtet hat, und als politische Heimat von François Hollande, beides ausgemachte Lokalpatrioten, deren gemeinsame Verbundenheit mit der Corrèze manchmal sogar schwerer wiegt als ihre politischen Gegensätze. Das hat sich vor der letzten Präsidentschaftswahl gezeigt, als Chirac zum Befremden seiner rechten Parteifreunde für den Sozialisten Hollande Partei ergriff.  

Und dann gibt es natürlich –wie auf diesem Blog nicht anders zu erwarten- ein spezifisch historisches Interesse an der Corrèze, gerade auch aus deutscher Sicht. Denn die Corrèze war ein Zentrum der Résistance während des Zweiten Weltkriegs und sie war auch Schauplatz besonders schlimmer mörderischer Aktionen deutscher Truppen: Auf dem Weg zur Invasionsfront verübte die SS-Division „Das Reich“ in Tulle, der Hauptstadt des Département Corrèze,  ein grauenhaftes Massaker, bevor sie dann auf ihrem weiteren  Weg nach Norden den Ort Oradour- sur- Glane und seine Bewohner auslöschte. Das Interesse an diesem historischen Hintergrund ist nicht nur „professionell“, sondern hat einen ganz persönlichen Grund: Die Corrèze wurde und wird uns nahe gebracht durch unsere Pariser Freundin Marie-Christine, die aus Marcillac-la-Croisille stammt und die wir kürzlich wieder dort besuchten. Am Eingang ihres (Eltern-)hauses  ist eine Erinnerungstafel für ihren Vater, Marcel Fieyre, und ihren Onkel, Lucien Fieyre, angebracht, beides engagierte und führende  Mitglieder der Résistance in der Corrèze.

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Da liegt es nahe, sich etwas für die Résistance in der Corrèze zu interessieren und dabei vor allem auch für die beiden Brüder Fieyre und an ihrem  Beispiel zu erfahren, was es konkret  bedeuten konnte, ein „résistant“ der ersten Stunde zu sein.

Es geht dabei nicht darum, ein umfassendes Panorama des Widerstands in der Corrèze zu entwerfen. Es sollen nur einige Aktionen angesprochen werden, an denen die beiden Brüder, bzw. einer von ihnen, beteiligt waren – einmal sogar auch die Mutter Marie-Christines. Und vor allem wird es um das abenteuerliche Schicksal von Marcel Fieyre  gehen, der 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, dem es aber auf gerade märchenhafte Weise gelang, im Winter 1942/43 zu entkommen und sich von seinem Arbeitskommando in Schleswig-Holstein bis in die Corrèze durchzuschlagen, wo er dann in ganz besonderer Weise für den Maquis tätig war… Ein Schicksal, das nur aus Bruchstücken rekonstruiert werden kann, das es aber wert ist, erzählt und festgehalten  zu werden….

Überblick:

  • Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze
  • Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement
  • Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle
  • Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Und dann gibt es auch noch einen zweiten Teil über die Corrèze – mit touristischen Impressionen: Immerhin hat die Corrèze gerade auch in dieser Hinsicht viel zu bieten….     https://paris-blog.org/2016/09/11/die-correze-teil-2-touristische-impressionen/

 

 

Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze

In der Corrèze ist, wie auch in anderen Gegenden Frankreichs, die Geschichte  allgegenwärtig:  An der Somme und in und um Verdun ist das der Erste Weltkrieg, in der Normandie der Zweite Weltkrieg bzw. konkret die Landung der Alliierten und die nachfolgenden Kämpfe[1]; in der Corrèze sind das die deutsche Besatzung und der Widerstand.  An ganz vielen  Stellen stößt man auf Denkmäler oder plaques commémoratives, die an diese Zeit erinnern. Hier nur eine kleine  und völlig zufällige Auswahl:

Auf dem Weg zum Musée Jacques Chirac zwischen Égletons und Sarran liegen am  Rand der Straße zwei Grabmäler von getöteten Widerstandskämpfern:

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(Ausschnitt)

An einem Haus in Gros-Chastang an der D 18 zwischen Argentat und Égletons, gibt es gleich  zwei Gedenktafeln:

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Eine erinnert daran,  dass hier der 1942 in Compiègne von den Deutschen erschossene Leopold Rechaussière geboren wurde; die andere, dass im März 1943 in den Gorges de la Dordogne ein großes Lager von Maquisards der F.T.P.F.,  das seinen Namen trug, aufgebaut wurde.

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Die französischen Feriengäste, die in dem Haus wohnten und mich neugierig beim Fotografieren beobachteten, hatten  die Gedenktafeln übrigens noch nicht bemerkt. Sie fanden es aber dann sehr erhebend, in einem solchen Haus zu wohnen, und waren voll Anerkennung für den deutschen Touristen, der sich für diese Geschichte interessiert.

Das nid d’aigle (Adlershorst) genannte Lager liegt völlig abgelegen am Abhang der Dordogne-Schlucht. Bei schönem Wetter ist das ein wunderbarer malerischer Platz und man kann sich nur mit Mühe vorstellen, wie die Maquisards dort gelebt haben…

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Auch hier gibt es inzwischen eine plaque commemorative, auf der mitgeteilt wird, dass zwischen Februar und Juni 1943 „Le Nid d’Aigle“ einer der ersten bewaffneten Gruppen der F.T.P.F. als Lager mit dem Namen „Léopold Rechossière“ gedient hat.

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Allerdings konnte sich der Widerstand noch vor der Befreiung 1944 im Untergrund administrative Strukturen  aufbauen – mit Büros, Druckereien, Krankenstationen. Es gab dann sogar schon -in dem kleinen abgelegenen Ort  Nougein in den Gorges de la Dordogne- eine Präfektur des Widerstands und ein Befreiungskomitee des Département Corrèze. Marcel Fieyre wird damals als „chef départmental des renseignements généraux de la  Corrèze“ möglicherweise öfters  dort gewesen  sein, wenn er nicht mit auswärtigen Aufgaben betraut war.

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Die hier vorgestellten Tafeln und Grabmäler weisen nicht nur auf die starke  Verbreitung der Résistance hin, sondern auch darauf, dass der Widerstand durchaus nicht einheitlich war. Es gab verschiedene Richtungen: Vor allem die  Francs-tireurs et partisans français, der militärische Arm der KPF- abgekürzt FTPF  bzw. oft auch nur FTP. Dies waren  zum Teil Maquisards,  also im Untergrund –zum Beispiel in Lagern  wie dem an der Dordogne- lebende Widerstandskämpfer, aber auch sogenannte „légaux“, also „ordentliche“ Bürger, die den Widerstand unterstützten. Dann gab es die  Armée secrète (AS),  den gaullistischen Zweig des Widerstands, der in der Corrèze aber eine weniger wichtige Rolle spielte als die FTP. Allerdings hatte die AS  gute Kontakte nach London und eine ihrer wichtigsten Aufgaben war die Bereitstellung von Plätzen, über denen  Waffen und anderes Material für den Widerstand von den Alliierten  abgeworfen wurden. Aus der  Verbindung –allerdings nicht der Integration-  der verschiedenen Widerstandsgruppen, also vor allem der FTP und der AS, entstanden am 1. Februar 1944 die  FFI (forces françaises de l’intérieur). Durch eine verbesserte Organisation und Koordination sollte die Schlagkraft des Widerstands erhöht und ihm ein legaler Rahmen gegeben werden. Es ist  in diesem Zusammenhang  bezeichnend, dass auf dem abgebildeten Grabstein Baptiste Gibiat als „Soldat FFI“ bezeichnet wird. Er hat damit also, anders als die von Vichy und den Deutschen als „Terroristen“ bezeichneten maquisards, einen offiziellen militärischen Status.

In Marcillac-la-Croisille gibt es Tafeln, die an ganz besondere Ereignisse aus dieser Zeit erinnern:

Eine Granittafel an der Schule erinnert daran, dass in dem Ort dank des mutigen Schutzes der Bevölkerung mehrere jüdische Familien  gerettet wurden. „Drei Kinder, die in dieser Schule unterrichtet wurden, werden das nicht vergessen“.

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Diese Gedenktafel wurde am 14. Juli 2014 in Anwesenheit der drei darauf genannten Personen – aus Rumänien stammenden  Juden- angebracht als Dank für die Bürger von Marcillac:  Jeder wusste, dass es sich um Juden handelt, aber alle hüteten es als Geheimnis, es gab keine Denunziation. Die Kinder, deren  Eltern in der Schweiz überlebten, wurden von Lucien Fieyre nach Marcillac gebracht, wo sie von einer Frau aufgenommen wurden, „qui leur apporta leur tendresse.[2]

Gleich nebenan, in Clergoux,  wird daran erinnert, dass die Gemeinde und ihre Umgebung sich zwischen Juni 1940, der französischen Kapitulation, und der Befreiung der Corrèze am 21. August 1944, einhellig („unanimes“) gegen das Regime von Vichy und die Besatzung durch die Nazis aufgelehnt hätten.

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Clergoux war im Zweiten Weltkrieg in der Tat ein „haut lieux de la Résistance du Limousin. On l’appelait la ‚capitale du Maquis Corrézien.‘“  In der Umgebung des Ortes kamen 62 Widerstandskämpfer ums Leben: Franzosen, Deutsche, Spanier,  Polen, Nordafrikaner, Italiener, Russen und Tschechen…[3]  Allerdings war durchaus nicht die ganze Bevölkerung der Corrèze ausnahmslos vereint im Widerstand gegen Vichy und die Besatzer. Anfang Juli 1942 wurde der Staatschef des État français,  Marschall Pétain,  bei einem  Besuch in der Corrèze vom sozialistischen Bürgermeister der Stadt Ussel herzlich begrüßt: „Ici, on vous aime, Monsieur le Maréchal, et cela depuis longtemps déjà!“  Selbst die engagierten Widerstandskämpfer mussten zur Kenntnis nehmen, dass  ihre  Aktionen- zumindest bis  zur Einführung des obligatorischen  Arbeitsdienstes S.T.O., oft nicht viel Widerhall fanden bei einer Bevölkerung „qui restait indifférente, souvent hostile.“[4]

Ein kurioser Beleg dafür, dass  Pétain auch in der Corrèze seine Anhänger hatte, ist ein 1940/41 entstandenes Fenster in der Kirche Saint-Barthélemy in Lamazière-Basse, das Maria, der „Königin des Friedens“ gewidmet ist. Im unteren Teil wird die Niederlage von 1940 dargestellt:

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Ein Zug wird von einem deutschen Flugzeug bombardiert, Frauen fliehen mit ein paar Habseligkeiten, hinter ihnen liegt ein Toter, davor detoniert gerade eine Bombe.

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Im oberen Teil des Fensters, über der Darstellung der Maria, sieht man auf der linken Seite eine Mutter mit ihren vier Kindern, rechts –vor der Kirche von Lamazière- einen Bauern mit seinem Ochsengespann. Und darüber in der Mitte –gewissermaßen als Motto des Fensters-  ein Wappen in den Farben der Tricolore  mit den Worten: Travail, Famille, Patrie – Arbeit, Familie, Vaterland: Das Programm des Marschalls Pétain. Umrahmt wird die Darstellung von den Namen der Spender, die zur Finanzierung des Fensters beigetragen haben, vielen Ortsansässigen, aber auch Flüchtlingen aus dem besetzten Frankreich.[5]

Bemerkenswert ist, dass auf dem Denkmal in Clergoux Vichy und Nazi-Besatzer (übrigens nicht: deutsche Besatzer) im gleichen Atemzug genannt werden. Und in der Tat hatten es die Widerstandskämpfer ja –selbst nach der Besetzung der sogenannten „zone libre“  durch deutsche Truppen-  vor allem mit französischen Gendarmen  oder fanatischen Milizionären zu tun. Die deutschen Besatzungstruppen dagegen seien, wie sich ein Résistant erinnert,  oft schon etwas älteren Semesters und eher kriegsmüde gewesen:

„Les ‚pépères‘ de la Wehrmacht ne manquent … aucune occasion de se lamenter en cette fin d’année 1943, et murmurent même aux Français qu’ils ont la  charge d’arrêter ‚Krieg nicht gut, Krieg gross malheur‘“.

Und ein anderer résistant berichtet von der anschließend thematisierten Sabotageaktion im Eisenbahndepot von Brive, das von zwei deutschen Soldaten bewacht wurde:

Les deux soldats âgés, qui ont fait la guerre de 14-18, sont abasourdis et paraissent plus occupés de leur sort que de celui du grand Reich. Ils expliquent. ‚Nous avons petits enfants… nous pas hitlériens.‘“[6]

Ganz anders allerdings die SS-Division „Das Reich“, die im Juni 1944 durch die Corrèze zog, um an den Kämpfen gegen die alliierten Invasionstruppen teilzunehmen. Auf ihrem Weg lag auch Tulle.  Dessen deutsche Garnison und die dort stationierten französischen Milizen waren am 6./7. Juni von Einheiten des bewaffneten  Arms der KPF, den FPTF,–parallel mit der Landung der Alliierten- angegriffen worden war.  Bei der Vorbereitung dieser Aktion hatte übrigens auch wieder Lucien Fieyre als Chef des Nachrichtendienstes der FPTF erheblichen  Anteil.[7]  Jedenfalls war die Aktion zunächst erfolgreich. Der größte Teil der Stadt wurde erobert, die Bevölkerung feierte die Befreier. Als am 8. Juni –für die Résistants unerwartet- Einheiten der Division „Das  Reich“ anrückten, zogen sich die Widerstandskämpfer mangels ausreichender Bewaffnung, Stärke und Koordination zurück, so dass die Bevölkerung schutzlos der brutalen Vergeltung durch die SS ausgeliefert war. Die Stadt erlebte „un drame hors du commun, qui fait de Tulle une ‚ville martyre‘“.[8] 99 Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden öffentlich und demonstrativ an Straßenlaternen und Strommasten erhängt, 18 für die Überwachung und Sicherung von Transportwegen zuständige Arbeiter werden erschossen, 149 Menschen  deportiert, von denen 101 nicht überlebten.

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Die zur Deportation bestimmten Menschen werden willkürlich aus einer Gruppe von zunächst 3000 zusammengetriebenen Einwohnern der Stadt ausgewählt. Unter denen, die deportiert werden sollten, war auch Marie-Christines Großvater. Er saß schon auf einem Lastwagen, der auf das Kommando zum Losfahren wartete. Dabei wurde den Angehörigen aber noch einmal die Gelegenheit zum Verabschieden gegeben. Unter ihnen ist auch die damals 17-jährige Tochter Georgette, also die spätere Mutter Marie-Christines. Einer der zur Deportation bestimmten Männer flüstert Georgette zu, bei diesem Lastwagen sei keine Zählung vorgenommen worden. Er habe ein Messer dabei, um die seitliche Befestigung der Plane aufzuschneiden. Sie solle auf das Trittbrett des Wagens steigen, um mit ihrem weiten Rock für Ablenkung der Deutschen und Deckung zu sorgen. So gelingt es dem Großvater und zwei, drei anderen, unbemerkt vom Lastwagen zu springen und ihr Leben zu retten. Was für eine wunderbare Episode in diesem grauenhaften Geschehen!

Es ist auffällig und merkwürdig, dass die Erinnerung an das Massaker in Tulle in Frankreich eher wenig ausgeprägt ist. Während Oradour sur Glane, wo die SS-Division „Das Reich“ auf ihrem weiteren Weg zur Front anschließend wütete, „un symbole de la barbarie nazie“ geworden ist und zum festen Bestand des französischen Schulunterrichts gehört, ist das  mit Tulle anders.  Es spielt in der nationalen  Erinnerungskultur keine Rolle: „Tulle a échappé à  la mémoire nationale.[9] In Tulle allerdings wird an zahlreichen Stellen an das Massaker erinnert, die in einer u.a. von der Stadt herausgegebenen Broschüre in einem „Chemin de Mémoire“ zusammenfassend vorgestellt werden. Am eindrucksvollsten ist wohl der „Champ de Martyrs“, eingezwängt zwischen dem Fluss Corrèze und der Straße von  Tulle nach Brive.

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Auf dieser ehemaligen Müllkippe wurden die Leichen der 99 Erhängten von Tulle verscharrt.

Die Namen der Gehängten und Deportierten sind auf Bronze-Tafeln verzeichnet und es  wird ausführlich über das Geschehen zwischen dem 6. Juni und dem 17. August –Datum der Kapitulation der deutschen Garnison- informiert.

Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement

Dass der Widerstand in der Corrèze besonders stark war,  hat seine Ursache vor allem darin, dass das Département traditionell politisch links eingestellt war und dass es dort eine ganze Reihe von kommunistischen Bastionen gab.  Einen besonderen Aufschwung erfuhr der Widerstand durch die Einführung des S.T.O. (Service de Travail Obligatoire) im Februar 1943. Damit wurden junge Männer der Jahrgänge 1920-1922 verpflichtet, in Deutschland zu arbeiten – z.T. aber auch  in Frankreich für die Organisation Todt (da vor allem Teilnahme am  Bau des sog. Atlantikwalls). Für junge Männer, die nicht für die Besatzungsmacht arbeiten wollten, die sogenannten „réfractaires“, bot sich der Untergrund, der maquis, als patriotische Alternative an.

Zur Bedeutung der Corrèze für den Widerstand trug auch die große strategische Bedeutung als wichtige Durchgangsstation für die Eisenbahn von Toulouse nach Paris und als Standort der Waffenproduktion bei. So waren denn auch das Eisenbahndepot von Brive la Gaillarde und die Waffenfabrik von Tulle besonders wichtige Ziele der Résistance. Bei solchen Sabotageaktionen gab es teilweise eine enge Kooperation mit den Alliierten bzw. mit den Vertretern  des Freien Frankreich in London. Die Zerstörung des großen Eisenbahndepots in Brive zum Beispiel wurde, wie ein Mitglied des Widerstands berichtet, vom englischen Geheimdienst lanciert. Mitte Februar 1944 habe er einen englischen Hauptmann  des I.S. (Intelligence service) getroffen, der ihm erklärt habe, die Invasion stehe bevor und dafür müssten  die wichtigen Transportwege der Wehrmacht zerstört werden. Der Eisenbahnknotenpunkt von Brive gehöre zu den strategischen Zielen.

Et il n’y va pas par quatre chemins pour dire: ‚Ou bien une unité armée opèrera un sabotage massif capable de paralyser longuement l’activité ferroviaire, ou bien il faudra décider un bombardement aérien. La première solution me paraît de beaucoup supérieure, car le bombardement comporte de gros risques pour la  population.“[10]

Den Einheiten der FTP werden auch Waffen und Sprengmaterial von den Alliierten zur Verfügung gestellt, die sie für diese Aktion benötigen: Eine sehr bemerkenswerte Kooperation zwischen dem kommunistischen Widerstand  und den Alliierten und eine ebenso bemerkenswerte, Menschleben schonende Alternative zu einem ansonsten angekündigten Bombardement der Stadt.[11]

Der französische Widerstand wurde –nicht nur in diesem Fall- von den Alliierten  mit Waffen versorgt.  Sie wurden –an Fallschirmen befestigt-  nachts aus großer Höhe abgeworfen,  landeten deshalb aber nicht immer an den vorgesehenen und der Résistance mitgeteilten Landeplätzen. Dann mussten sie auch über eine größere Entfernung dorthin transportiert werden, wo  sie einigermaßen sicher gelagert werden konnten, z.B. in der am Rand von Marcillac gelegenen Scheune der Familie Fieyre, in der große Stapel Holz gelagert waren, die sich als Versteck gut eigneten.

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 Es gibt dazu eine im Ort gerne erzählte Geschichte dazu:

Die  Résistance war wieder einmal informiert worden, dass von amerikanischen Flugzeugen Waffen abgeworfen würden. Die gingen in einiger Entfernung und in großen Mengen an Fallschirmen nieder, so dass die Männer des Widerstands ein Ochsengespann für den Transport organisierten,  ohne allerdings –verständlicher Weise- die Besitzer über den genauen Zweck der Aktion zu informieren. Die Waffen wurden dann auch gefunden und –einigermaßen getarnt- auf dem Gespann verstaut. Allerdings hatten inzwischen auch die deutschen Besatzungstruppen von dem Waffenabwurf erfahren und sich auf die Suche gemacht. Die Résistants brachten sich  also in Sicherheit und ließen ihr waffenbeladenes Ochsengespann im Wald zurück. Die guten Tiere kannten aber ihren Weg und fanden alleine zurück zu ihren  Besitzern. Die waren allerdings kaum stolz auf ihre Ochsen, sondern eher empört über die Männer des Widerstands, die sie in große Gefahr gebracht hatten: Denn hätten die deutschen Soldaten das Gespann entdeckt, wäre deren Besitzern ihre Ahnungslosigkeit kaum abgenommen worden…

Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle am 1./2. März 1944 

Eine Aktion der Résistants ist die Befreiung von Widerstandskämpfern, die im Winter 1943/1944 im Gefängnis von Tulle einsaßen. Lucien Fieyre -Deckname Séverin-, dessen Erinnerungstafel zu Beginn gezeigt wurde, bereitete diese Aktion genau vor. Zwei Wochen lang erkundete er das Gefängnis, seinen Grundriss und vor allem seine Zugänge, seine Besatzung   Ziel war es, eine Gruppe von Widerstandskämpfern, darunter drei wichtige F.T.P.- Verantwortliche, zu befreien, die vom Tod oder zumindest von der Deportation bedroht waren. Alles wird peinlichst genau vorbereitet. Zwei lange Leitern und Seile werden beschafft, ein alter ausgedienter Bus wird reaktiviert . „Comme il n’a pas roulé depuis trois ans, le mécanicien, Marcel Agnoux, le mettra en état et le conduira le jour ‚J‘“.  Dann gibt es aber noch „un point inquiétant: le chien-loup de la prison. S’il aboie, il faut le tuer pour ne pas  donner  l’alerte, mais comment? Maurice Chassagnard s’en occupera: d’une main un gros bifteck et de l’autre une hache bien aiguisée.“

Zunächst müssen die Angreifer über die hohe Gefängnismauer die zum Gefängnis führende Telefonleitung kappen und in den Innenhof gelangen:

„Par malheur, en levant la première échelle pour couper les fils téléphoniques, la ligne électrique est touchée et pendant quelques secondes un magnifique feu d’artifice illumine la prison et aussi les assaillants.“

Aber die Gefängniswärter bekommen von all dem nichts mit, und auch der Gefängnishund erweist sich bald  als ungefährlich:

„Pendant qu’il descend, Chassagnard  laisse malencontreusement tomber sa hache qui tinte au  sol de la cour. Le chien-loup s’approche sans aboyer en  trottinant et remuant la queue. A-t-il flairé  l’odeur du bifteck? On le lui donne volontiers et il aura la vie  sauve pour sa gentillesse.“

Die französische Besatzung des Gefängnisses ist also völlig überrascht und  Lucien Fieyre ist kaltblütig genug zu bluffen: Das ganze Gebäude sei  umstellt und vermint, ruft er den Bewachern zu – Widerstand sei zwecklos. Als Beweis könne er ihnen auch gerne sein Gewehr überlassen, er brauche das nämlich gar nicht. Da ergibt sich die Besatzung lieber der scheinbaren Übermacht und lässt sich widerstandslos in Gewahrsam nehmen. Die gefangenen Widerstandskämpfer werden freigelassen, während die „détenus de droit commun“ wieder in ihre Zellen zurück müssen. Insgesamt werden 20 Résistants befreit und mit dem Bus nach Clergoux in Sicherheit gebracht.  Dort warten auch schon drei Delegierte von „France libre“ aus London, die am Vortag mit dem Fallschirm angekommen waren…  Man singt die Internationale und die Marseillaise. „Nous pleurons de joie“.[12]

Bemerkenswert ist, wie schonend hier mit den Gefängniswärtern und den Polizisten umgegangen wird:  „Les armes sont confisquées, les policiers et les gardiens sont rapidement enfermés“.[13]

Das Gefängnis gibt es heute nicht mehr. An seiner Stelle wurde -wie schön!-  eine Schule errichtet, die école Turgot. Dort wird im März 2014 eine plaque commemorative angebracht, die an die Gefangenenbefreiung vom März 1944 erinnert. Dabei wird die besondere Rolle Lucien  Fieyres und der unblutige Verlauf der Aktion  besonders hervorgehoben.

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Inspiriert wurde die  Aktion von dem Chant des Partisans. Eine Strophe  des Liedes:

« C’est nous 
qui briserons 
les barreaux 
des prisons »

(La Montagne, 5.3.2014 und http://l-echo.info/article/11551/un-hommage-solennel-rendu-d-audacieux-r-sistants-ftpf)

Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Luciens Bruder, Marcel, kann sich erst im Januar 1943 dem Maquis Correzien anschließen, auch wenn er- wie auf der Gedenktafel zu lesen ist- ein Résistant der ersten Stunde war. Die Erklärung dieses Widerspruchs ist einfach – aber dahinter verbirgt sich eine abenteuerliche Geschichte, die leider nirgends so aufgezeichnet ist, wie sie es verdient hätte. Sie muss also aus Bruchstücken rekonstruiert werden:

Marcel war im Mai 1940 in Lille als französischer Soldat in deutsche  Kriegsgefangenschaft geraten und in ein Gefangenenlager in Schleswig-Holstein gebracht worden (PG- prisonnier de guerre No 66099).  Und  damit begann auch seine Tätigkeit als Résistant „der ersten Stunde.“

Aus seinen nach dem Krieg angefertigten Aufzeichnungen:

„J’insistais près de mes camarades sur les devoirs d’un prisonnier de guerre français qui, à l’exemple du Général de Gaulle, n’acceptait pas la défaite: Travailler le moins possible, saboter, s’évader…. Principes que je mis moi-même toujours en application.“

Die Selbstverpflichtung zur Sabotage setzt er auch gleich um:

„j’ai saboté successivement 3 botteleuses et fait disparaître une grande quantité d’outillage et d’instruments aratoires.“

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Portrait von Marcel Fieyre als Kriegsgefangener (Zeichnung eines Kameraden)

 Offenbar gab es einen regelmäßigen Postverkehr zwischen dem französischen Kriegsgefangenen und den Angehörigen in der Corrèze. Jedenfalls gibt es in den Unterlagen Marcel Fieyres mehrere Postquittungen von französischer und deutscher Seite.

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Marcel  unternimmt im August 1941  –offenbar mit einem Kameraden- einen ersten Ausbruchsversuch, der aber nach 4 Tagen und 120 km in Hamburg Altona endet. Dabei wird er, wie er seiner Mutter zu deren Beruhigung schreibt, von der Polizei gut behandelt. Man bietet den flüchtigen Kriegsgefangenen sogar Kaffee und Zigaretten an und ein verständnisvoller Schupo erzählt, er habe im Ersten  Weltkrieg drei Ausbruchsversuche unternommen:

„La police a été très gentille à notre égard et nous a offert café, cigarettes.  Un schupo (policier) nous a dit  qu’il s’était évadé 3 fois pendant la  dernière guerre. En général, les évadés sont très bien traités. Ne crains rien, pas de risque de coup de feu: nous ne risquons que d’être repris et renvoyés au camp“.

Dies schreibt er allerdings nicht für die offizielle Gefangenenpost, sondern (nur schwer zu entziffern) auf einem kleinen engst und beidseitig beschriebenen Zettel aus dünnem Papier , und er kündigt  auch gleich seinen nächsten Fluchtversuch an.

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Dabei nennt er den Kameraden aus St. Etienne, mit dem er fliehen will, mit Name und Adresse und bittet seine Mutter, Kontakt mit dessen Frau aufzunehmen. Außerdem gibt er ihr genaue Instruktionen, was sie ihm schicken und auf welche Weise sie ihm heimlich zurück schreiben soll:

Er benötige eine Uhr mit Leuchtziffern und einen Kompass, außerdem wenn möglich Schokolade. Briefe solle sie in eine Aspirin-Tube stecken und die dann auf dem Boden eines Honig- oder Buttergefäßes befestigen.

„Mon copain vous tiendra au courant  pour m’écrire clandestinement. Mettre les lettres dans un tube d’aspirine et ceux-ci dans un pot de miel ou beurre. Prevenir Mme Arnaud …. que son mari est avec moi et que nous nous évaderons ensemble – pas avant mars. L’espoir d’être bientôt près de vous nous fait vivre.“

Es ist schon außerordentlich, wie dieser so sensible Brief an die Mutter aus dem Gefangenenlager in Norddeutschland in die tiefste Corrèze gelangen konnte. Marcel musste sich ja ganz sicher sein, dass der Brief nicht in unbefugte Hände fallen würde. Die Folgen  wären für ihn und seinen  Kameraden sicherlich verheerend gewesen.

Nach seiner Wiedereinlieferung in ein Gefangenenlager in Schleswig wird er allerdings durchaus bestraft- er spricht in seinen Aufzeichnungen von einer „cellule“ und einer „diète forcée“. „Considérablement affaibli“ wird er der Werkstatt des Lagers  (cordonnerie, Schuhmacherei) zugeteilt.

„Je rassemblai là une documentation sérieuse sur les possibilités d’évasions qui s’offraient à un prisonnier. Avec la complicité d’un interprète… je pus interroger tous les évadés malchanceux et obtenir d’eux une foule de renseignements. Ma baraque fut vite l’office de renseignements pour évasion et pour distribution de  chaussures aux évadés.“

Nach einer Denunziation und einem erneuten Ausbruchsversuch wird er dem Arbeitskommando 2015 auf einem abgelegenen Bauernhof in Schleswig-Holstein zugeteilt (Boel/Schleswig). Möglicherweise will man so einen potentiellen Rädelsführer und Unruhestifter isolieren und einen erneuten Fluchtversuch unmöglich machen. Die Bauern  waren offenbar umgängliche Leute: Dass Marcel sich heimlich im Hühnerstall an den Eiern gütlich tut, bemerken sie und weisen ihn aber lediglich darauf hin, möglichst –auch im eigenen Interesse-  das Porzellanei auszusparen.

Auch in dieser Zeit gibt es regelmäßigen, offiziellen Postverkehr zwischen dem  Kriegsgefangenen und den Angehörigen, der jetzt offenbar über die Adresse des Bauern abgewickelt wird, dem er zugewiesen ist.

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In dieser Zeit nun lernt Marcel, wie auch immer,  den Schneider Peter Schmidt kennen. Der ist überzeugter Hitler-Gegner und stellt dem Kriegsgefangen sein Radio und sein Haus zur Verfügung:

„Ayant  appris l’allemand, je fis la  connaissance d’un démocrate allemand qui farouchement anti-nazi mis sont poste de radio et sa maison à ma disposition.“

Von der ersten Begegnung mit Peter Schmidt hat Marcel später oft erzählt: Wie erschrocken er  gewesen sei, als er beim ersten Besuch im Flur eine SS-Uniform  gesehen habe. Die habe dem Sohn der zweiten Frau von Peter Schmidt gehört, der gerade zu Besuch gewesen sei. Aber die Frau habe ihn beruhigt: Der Sohn würde bald wieder gehen, und  es bestehe keine Gefahr für ihn.

Peter Schmidt und seine Frau – und nun wird die Geschichte völlig abenteuerlich, ja geradezu  märchenhaft-  unterstützen den französischen Kriegsgefangenen bei einem erneuten  Fluchtversuch: Er wird –es ist tiefer Winter- mit einem Mantel  ausgestattet, der ihn eher als Gestapo-Mitglied denn als flüchtigen Kriegsgefangenen erscheinen lässt.  Er erhält Geld, und zwar offenbar so viel, dass er sich die notwendigen Fahrkarten und Verpflegung kaufen kann. Marcel hat inzwischen so viel Deutsch gelernt, dass er sein jeweiliges Reiseziel nennen und auf die Frage  „hin und zurück?“ –aus Tarnungsgründen- grundsätzlich mit einem überzeugenden „Ja!“ antworten kann. Frau Schmidt beobachtet aus der Ferne, wie Marcel in den Zug einsteigt und der Freiheit entgegenfährt. Und tatsächlich gelingt die abenteuerliche Flucht:

„Le 17/12/42 je m’évadai du petit village de Boel près de Suderbrarup (Schleswig) et le 15 Janvier 1943 j’entrai dans le Maquis Corrézien.“

Einen Monat lang war Marcel also auf der Flucht. Wie kann man sich das vorstellen? Wie war sein Fluchtweg? Der Familie hat er  erzählt, er sei über Mannheim gekommen. Aber wie kam er dorthin und wie ging es weiter? Wie viele Tage hat die Flucht in Deutschland gedauert? Hat er vielleicht gleich eine Fahrkarte  nach Saarbrücken oder Straßburg gekauft? Doch eher unwahrscheinlich.  Wo hat er übernachtet? In Hotels oder anderen „offiziellen“ Unterkünften kann das ja nicht gewesen sein. Draußen im Freien?  Mitten im Winter….  Wie hat er es geschafft, sich neue Fahrkarten zu kaufen ohne aufzufallen? – so perfekt war sein Deutsch ja ganz und gar nicht, auch wenn er sich in sein Gefangenenlager eine deutsche Grammatik hatte schicken lassen? Ist er nie bei Fahrkartenkontrollen aufgefallen oder bei möglichen Gesprächsangeboten von Mitreisenden? Oder beim Einkauf von Proviant? Wovon hat er während der Flucht gelebt? Supermärkte, in denen man gewissermaßen sprachlos sich hätte versorgen können, gab es noch nicht…  Viele Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, aber dafür ist es jetzt zu spät. Marcel Fieyre ist 1988 gestorben. Die  „Medaille des évadés“ hat er sich jedenfalls reichlich verdient.

Über eine wichtige Information zur Flucht verfügen wir immerhin. Es gibt einen handschriftlichen Brief von Marcel Fieyre aus dem Jahr 1985 an einen ehemaligen Résistant, der sich bemüht, diejenigen Menschen zu würdigen, die Flüchtlingen geholfen haben, die deutsch-französische Grenze zu passieren. In diesem Brief nennt er die Namen seiner „passeurs“: z.B. den Friseur, Monsieur Jalabert aus Thionville, der ihn –ohne ihn zu kennen- weitervermittelt habe an Monsieur Fliss, der ihn zu einem Hotel gegenüber der deutschen Kommandantur gebracht habe, wo er ohne Personenkontrolle übernachten konnte- das  war am 23. 12. 1942. Am 24. 12. fuhr er mit dem Zug nach Ancy-sur-Moselle. Dort wurde er von einem weiteren „passeur“ abgeholt und  zur Grenze gebracht, die er am 24.12 überquerte. Mit Bedacht hatte er den Weihnachtsabend als Datum gewählt, weil da die Chancen für einen unerkannten Grenzübertritt am größten waren.

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Marcel Fieyre auf der Flucht (Foto nach glücklicher Ankunft in der Corrèze)

Als Marcel schließlich in seinem Heimatort angekommen war, war die Freude der Familie natürlich riesengroß. Als er den Bürgermeister trifft, fragt der ihn allerdings, warum er denn nicht beim S.T.O. sei. Wenn die Deutschen kämen, würde er ihn melden, also denunzieren. Die Antwort Marcels, die er gerne seiner Familie weitergab: „Tun Sie, was Sie meinen tun zu müssen. Aber wenn wir gesiegt haben, dann werde ich wieder zu Ihnen kommen….“ (Bemerkenswert übrigens, dass der Bürgermeister die drei in seiner Gemeinde aufgenommenen jüdischen  Kinder  nicht verrät!)

Marcel schließt sich also dem Maquis an, in dem schon sein Bruder aktiv ist. Als Deckname wählt er –eine hommage an Romain Rolland- den Namen „Jean Christophe“.  Allerdings ist Marcel eher selten  in der Corrèze: Er wird beauftragt, Kontakt mit Organisationen des Widerstands in Paris aufzunehmen und ein Netz zur Rekrutierung von Freiwilligen und von „réfractaires au S.T.O“ aufzubauen. Es werden auch Kontakte mit Kriegsgefangenen geknüpft, denen die Flucht  aus deutschen Gefangenenlagern geglückt war.[14] Einer davon ist der russische Offizier und Chirurg Yvan Boguinski, der von Marcel in die Corrèze gebracht wird. Dort  (in Gros Chastang) war im März 1944 in einer von Marcels Bruder Lucien „requirierten“ leer stehenden Villa ein „Untergrund-Krankenhaus“ mit 40 Betten  eingerichtet worden.

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Dort praktiziert Boguinski zusammen mit einem rumänischen  jüdischen  Arzt und einem Arzt aus Brive mit teilweise primitivsten Mittel, allerdings dann auch mit medizinischem Material, das von englischen Flugzeugen abgeworfen worden war. In der Klinik werden –auch mit Hilfe eines deutschen Arztes- verletzte Mitglieder des Widerstandes untergebracht, die sonst womöglich Repressalien der Division „Das Reich“ zum Opfer gefallen wären.

Im Frühjahr 2016 –also 72 Jahre später- wird an der Scheune des Hauses eine plaque commemorative angebracht.[15]

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Nach dem Krieg absolvierte Marcel Fieyre eine  Lehrerausbildung und wurde dann in St. Etienne Lehrer. Man kann sich gut vorstellen, dass er gerade in der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen eine gute Figur machte. Mit seiner Lebenserfahrung, seinem Engagement und seiner Führungsstärke war er ganz offensichtlich ein gutes Vorbild für Jugendliche, die Schwierigkeiten hatten, ihren Weg zu finden.

Anfang der 1960-er Jahre hat Marcel Fieyre mit seiner 13-jährigen Tochter Marie-Christine den damals schon über 80-jährigen Peter Schmidt, inzwischen Witwer, in Schleswig-Holstein besucht. Danach ist aber die Verbindung zu dem Fluchthelfer abgerissen. Auch da bleiben viele Fragen offen: Wusste dessen Familie von seinem Engagement? Vielleicht auch Nachbarn?  Wie haben die Nazi-Behörden auf die Flucht reagiert? Haben sie Verdacht geschöpft? In der Familie Marcels kursierte jedenfalls die Nachricht, Frau Schmidt sei auf grauenhafte Weise von den Nazis umgebracht worden: Sie sei eingegraben worden und man habe Hunde auf sie gehetzt. Aber das ist offensichtlich falsch – immerhin fand sich in den Unterlagen Marcel Fieyres  –merkwürdiger Weise- ein 1952 ausgestellter Personalausweis von Anna Schmidt…

2001 wurde am Eingang des Hauses in Marcillac, in dem Lucien und Marcel Fieyre wohnten, die  Erinnerungstafel angebracht und feierlich eingeweiht, die zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde.

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Bei dieser Gelegenheit hat unsere  Freundin Marie-Christine eine kleine Rede gehalten, aus der ich einige Sätze zitieren  möchte:

Une pensée pour mon père, Marcel, Jean-Christophe dans la Résistance. Nous sommes fiers qu’il ait combattu le camp de la collaboration et que la victoire sur le fascisme ait été pour lui une question  de vie ou de mort. Nous sommes fiers que les souffrances qu’il avait endurées lui-même et vu endurer par tant d’autres, en captivité et dans le maquis, ne l’aient pas conduit à  enseigner la haine à  ses enfants.  

Je n’ai pas oublié le jour où nous sommes partis pour le nord de l’Allemagne, dans le Schleswig-Holstein, rendre visite à un vieux monsieur. Un vieux monsieur qui en 1942 avait risqué sa vie pour l’aider à  s’évader. Tailleur de profession, il lui avait confectionné un costume, lui avait appris les mots nécessaires pour acheter un billet de train et l’avait conduit à la gare. Cette rencontre émouvante n’est pas étrangère à l’envie que j’ai eue par la  suite  d’apprendre la  langue  allemande, et de l’enseigner avec passion.“

So haben wir übrigens auch Marie-Christine  kennenglernt: Sie machte einen Austausch mit einem deutschen Kollegen und unterrichtete ein Jahr lang an dem Frankfurter Gymnasium, an dem ich damals Lehrer war. Das war zu Beginn der 1980-er Jahre, politisch bewegte  Zeiten: Gemeinsam nahmen  wir an  einer der größten Demonstrationen teil, die es jemals in Deutschland gab – gegen die sogenannte  Nachrüstung, die Aufstellung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik. Eine Gruppe von Kollegen meiner Schule hatte einen Bus gechartert, um gemeinsam nach Bonn zu fahren….

Seitdem kennen wir uns. Und ohne Marie-Christines Unterstützung wäre wohl nichts aus unseren Paris-Plänen geworden: Sie  stellte uns für einen Monat ihre Wohnung in Paris zur Verfügung,  so dass wir über Telefon und Internetanschluss verfügten und uns in Ruhe auf die Suche machen konnten. Am vorletzten Tag hat es dann geklappt…..

Anmerkungen

[1] Siehe dazu die Beiträge auf diesem Blog über Verdun und Normandie, Teil 1:  die allgegenwärtige Vergangenheit auf diesem Blog (jeweils unter den Rubriken Geschichte und Frankreich)

[2] „Marcillac ravive la mémoire“, „L’hommage de trois enfants au village qui les a protégés pendant la guerre. Un acte  de transmission. In: La Montagne, Tulle, 15.7.2005, S. 1 und 2

[3] Aus einer von der Mairie de Clergoux herausgegebenen Broschüre

[4] Maquis de Corrèze, S. 242. In der Unterlagen von Marcel Fieyre findet sich auch eine Denunziation mehrerer Personen der Ortschaft Eyrein vom 7. Oktober 1943:

„Une bande de terroristes est en formation dans les bois de la Gadie….. (des voyous, des bandits et même on peut dire des assassins), où ceux-ci dans la nuit du 4  au 5 octobre ont avec barbarie et sauvagerie attaqué plusieurs maisons dont particulièrement une où il n’y a que trois femmes où celles-ci ont subits les plus mauvais traitements de sauvagerie et de vol. Nous demandons messieurs de vouloir faire votre effort pour que  cette bande qui fait tant de mal…. soit punie sévèrement.“  Dann werden einzelne Personen namentlich genannt und das, was ihnen zugeschrieben wird: „poseur de tractes“, „aide ravitaillement“, „chercheur de munitions“, „voleur d’essence“, „tout à fait contre Messieurs les Allemands“….  Abschließend wird noch einmal die Bestrafung der „Bande“ gefordert: „Nous demandons que cette bande soit punie et traitée de la façon dont ils ont traité de bons français et des françaises qui font leur devoir honnête. Ces êtres bandits ont  promis la mort à ceux qui les dénoncent.“

[5] Jean-Loup Lemaitre und Michelle et Stéphane Vallière: Corrèze, 100 lieux pour les curieux. Paris 2010, S. 38/39

[6]  150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 160/161 und 206

[7] Maquis de Corrèze, S. 342 Die AS hatte bei der Aktion die Aufgabe, Tulle nach außen hin abzusichern.

[8] Ville de Tulle: Tulle, Resistante et Martyre. Chemin de Mémoire. Es gibt unterschiedliche Darstellungen, was genau und im Einzelnen den schrecklichen Taten der Division „Das Reich“ vorausging.   Darauf einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen – und ein intensiveres Literatur- und Quellenstudium voraussetzen.

[9] http://peupleetculture.fr/Site/niveau1/juin44.htm

Entsprechend auch Fabrice Grenard in seinem Buch: Tulle, Enquête sur un massacre. 9 juin 1944. Paris 1944: http://historicoblog3.blogspot.fr/2015/02/fabrice-grenard-tulle-enquete-sur-un.html

[11]  Umso fraglicher ist deshalb für mich, warum z.B. St Lô in der Normandie durch alliierte Bombardements völlig zerstört wurde:  War da die Einschaltung der Résistance nicht erwünscht oder möglich? Siehe dazu den Beitrag: Normandie, Teil 2: Schattenseiten der Vergangenheit  auf diesem  Blog

[12]  L’attaque de  la prison de Tulle. In: 150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 198-204

[13] Macquis de Corrèze, S.203

[14] In einem nach dem Krieg erhobenen Personalfragebogen (Fiche individuelle de officier) finden sich im Abschnitt „Action das la clandestinité“ u.a. folgende Angaben: „organisation et ravitaillement des  premier groupes clandestins du plateau corrèziens. Liaisons avec Paris: organisation du recrutement à Paris, aide aux évadés et aux emprisonnés. Transport des prisonniers évadés….“

[15] „L’hôpital des FTP recconnu 72 ans après“.  Zeitungsbericht Le Montagne 2016