Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune

Der Friedhof Père-Lachaise  ist auf dreifache Weise ein ganz besonderer Erinnerungsort an den „Bürgerkrieg in Frankreich“, die  Pariser Commune von 1871[1]:

  • Hier fanden am Ende der semaine sanglante die letzten Gefechte statt zwischen den fédérés, also den Kämpfern der Commune,  und den Regierungstruppen, den Versaillais.
  • An der mur des fédérés wurden die letzten überlebenden Kämpfer der Commune erschossen und weitere Aufständische verscharrt
  • Und schließlich gibt es auf dem Père -Lachaise zahlreiche Gräber von Kommunarden oder von Personen, deren Leben und Werk bedeutsam für die Commune waren.

In dem nachfolgenden Text sollen einige dieser Erinnerungsorte vorgestellt und Anregungen zu einem historisch orientierten Spaziergang über den Friedhof  gegeben werden. Nirgendwo sonst  ist in dieser Dichte und Intensität ein wichtiges Kapitel der – nicht nur- französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts erfahrbar. Der Spaziergang weicht etwas von der Route ab, die von der Mairie de Paris vorgeschlagen  wird. Er ist deutlich konzentrierter- er umfasst 11 „Stationen“ innerhalb des Friedhofs statt 35, aber zu diesen 11 Stationen gehören auch zwei, die auf der Commune-Karte der Mairie nicht berücksichtigt sind: Dies sind eindrucksvolle Zeugen des Triumphs der Gegenrevolution, die meines Erachtens unbedingt auch zu einem Commune-Rundgang gehören: Die Commune ist bis heute eine eher unbekannte und umstrittene Phase der französischen Geschichte. Nicht zuletzt soll der Rundgang auch einen Eindruck von der Größe, Vielfalt und Schönheit des Père-Lachaise vermitteln. Empfehlenswert ist es, sich den von der Mairie de Paris herausgegebenen Plan des Père-Lachaise als „haut lieu de la Commune de Paris“ auszudrucken: Er ist eine gute Grundlage für die Orientierung.

https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

 

Prolog:  Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Übersicht des Spaziergangs:

  1. Jules Vallès, der Autor des Insurgé
  2. Charles Delescluze und der Ort der letzten Kämpfe der Commune
  3. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort
  4. Auguste Blanqui (mit einem Exkurs über Jules Dalou, den Schöpfer der Grabmäler von Noir und Blanqui)
  5. Eugène Pottier, der Autor der „Internationale“
  6. Die Mauer der erschossenen Communarden (le mur des fédérées) und die Gräber von
  • Jean-Baptiste Clément, Autor der Commune-Hymne „Le Temps des Cérises“
  • Valéry Wrobleswsky, Verteidiger der Buttes aux Cailles
  • Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx und Autor von „Das Recht auf Faulheit“
  1. Das Mausoleum von Adolphe Thiers, monumentaler Ausdruck des Triumphs der Gegenrevolution
  2. Das Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas mit der zertretenen Schlange der Commune

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen Friedhofsmauer und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ de Maximilien Luce im Musée d’Orsay

 

 

Prolog: Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Wie kam es dazu, dass gerade auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfe  in der semaine sanglante stattfanden? Der Pariser Osten war eine Hochburg der Commune – wie auch schon aller anderen vorausgegangenen Revolutionen. Und das 11. Arrondissement, an das der Père-Lachaise angrenzt, tat sich auch in der Commune besonders hervor: Am 6. April 1871 beispielsweise verbrannten Nationalgardisten an der Place Voltaire in einem demonstrativen Akt vor einer Büste Voltaires zwei  Guillotinen aus dem nahe gelegenen Gefängnis de la Roquette, um damit gegen die Todesstrafe zu demonstrieren.[2] Und nachdem die Communarden das Hôtel de Ville im Zentrum von Paris aufgegeben und in Brand gesteckt hatten, richteten sie  am 24. Mai  in der Mairie des 11. Arrondissements an der Place Voltaire ihr letztes Hauptquartier ein, „ultime cellule de la Commune agonissante.“ (Bourgin).

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Genau 140 Jahre später fand hier – in der Eingangshalle des Rathauses-  eine Feierstunde statt, in der eine Gedenktafel enthüllt wurde: „Nachdem die Commune de Paris das Hôtel de Ville verlassen hatte, tagte sie vom 24. bis zum 26. in diesem Rathaus, von wo aus sie den Widerstand gegen die Versailler Truppen während der letzten Kämpfe der ‚blutigen Woche‘ organisierte“.

Im 11. Arrondissement gab es auch eine der letzten Barrikaden der Commune – es war auch die letzte   der vielen Barrikaden, die im Laufe der vier französischen Revolutionen des „langen 19. Jahrhunderts“ auf dem Faubourg-St-Antoine errichtet wurden. Sie stand an der Einmündung der Rue de Charonne und sollte im Mai 1871  den Vormarsch der Versailler Regierungstruppen in die Rückzugsgebiete der Commune in den östlichen Arbeiter- und Handwerkervierteln verhindern.

Download Barricade Rue de Charonne

Bei der Verteidigung dieser  Barrikade wurde am 25. Mai der aus Ungarn stammende Leo Fränkel, der –u.a. Vertreter der deutschen Sektion der Internationale in Paris und ein führender Vertreter der Commune war, verletzt. Als „Arbeitsminister“ der Commune  hatte Fränkel unter anderem das Nachtarbeitsverbot erlassen. Gerettet wurde er von Elisabeth Dmitrieff, einer russischen Sozialistin und Feministin, die von Karl Marx nach Paris entsandt worden war und dort während der Commune die „Union des Femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés“ gründete. Fränkel und Dmitrieff: Zwei grandiose Gestalten der internationalen Arbeiterbewegung mit abenteuerlichen Lebenswegen, wie sie ein Romanschriftsteller nicht besser hätte erfinden können. An  diese Barrikade an dem Faubourg-St-Antoine erinnert aber immer noch keine Gedenktafel.

Ganz versteckt ist auch ein faszinierendes Relikt der Commune, das Kommunarden bei ihren Rückzugsgefechten auf dem Weg in den Faubourg-St-Antoine und zum Père-Lachaise hinterlassen haben: Es befindet sich in der Jesuitenkirche St. Paul in der Rue St. Antoine (Métro St. Paul). Dort hatten sich offenbar einige Kommunarden in der semaine sanglante verschanzt und in hoffnungsloser Situation in einen Pfleiler der Kirche (1. Pfeiler vom Eingang aus rechts) die Parole „République Française ou la Mort“ geritzt. (Obwohl der Klerus später versucht hat, diese Spur der verteufelten Commune zu beseitigen, ist ihm das –wie man sieht- glücklicherweise nicht ganz gelungen).

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Das Graffiti zeugt von der äußersten Entschlossenheit der Communarden und lässt etwas von der extremen, ja verzweifelten Situation ahnen, in denen sie sich angesichts der Übermacht der anrückenden Versailler Truppen befanden. Für mich ist dies einer der intensivsten Erinnerungsorte der Pariser Commune außerhalb des Père-Lachaise, dem wir uns nun zuwenden.

Der Rundgang:

Der vorgeschlagene Rundgang beginnt an der Porte des Amandiers an der südwestlichen Ecke des Friedhofs, direkt an der Métro-Station Père-Lachaise (Linie 2)

  1. Das Grab von Jules Vallès

Zunächst geht es zum Grab von Jules Vallès. Er war ein führendes Mitglied der Commune, Journalist und Schriftsteller, engagierte sich besonders für eine Erziehungsreform, war Herausgeber der Zeitschrift „Le Cri du peuple“, entschiedener Vertreter der Pressefreiheit,  und er hat in dem autobiographisch gefärbten Roman „L’insurgé“ der Commune ein literarisches Denkmal gesetzt.

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 1885 starb er, nach langem Exil,  in Paris und wurde, von tausenden Menschen begleitet,  auf den Père- Lachaise gebracht und dort bestattet. Als am Grab deutsche Sozialisten einen Kranz niederlegten, kam es zu vereinzelten deutschfeindlichen Reaktionen, die aber schnell mit Sprechchören zur internationalen Solidarität beendet wurden.

Verehrer hat Vallès jedenfalls noch bis heute….

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2016 startete die Mairie  des 11. Arrondissements eine Aktion, den Menschen/Männern, nach denen Straßen  des Arrondissements  benannt sind, ein  Gesicht zu geben. So auch Jules Vallès, dessen  Protrait am Square R. Nordling -vor der Kirche Ste Marguerite – in der Nähe „seiner“ Straße- ausgestellt wurde. Schade allerdings, dass  nicht über ihn mitgeteilt wurde: So hat er für die  Menschen  den Viertels zwar ein Gesicht erhalten, aber leider bleibt er damit wohl für die meisten ein  Unbekannter….

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(66. Division an der Avenue des Peupliers. Nummer 2 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris).

  1. Das Grab von Charles Delescluze und die letzten Kämpfe der Commune (49. Division)

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune, deren „Kriegsminister“ er in den letzten  Maiwochen  war. Als solcher beantragte er,  alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug die öffentlichen Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm[3] u.a. ) in Brand zu setzen. Am 25. Mai suchte er den Tod auf einer Barrikade an der place Château d’Eau, weil er, wie er in einem letzten Brief an seine  Schwester schrieb,  unter keinen Umständen „der siegreichen Reaktion als Opfer oder Spielzeug dienen“ wollte:     « Ma bonne sœur. Je ne puis ni ne veux servir de victime et de jouet à la réaction victorieuse… Mais je ne me sens pas le courage de subir une nouvelle défaite après tant d’autres. »  [4] 

Sein Leichnam wurde einen Tag später von den siegreichen Versaillais gefunden und in Montmartre in einem Massengrab verscharrt. Es sollte verhindert werden, dass das Grab von Delescluze zu einer Gedenkstätte oder gar einem Wallfahrtsort werden könnte. 1883 wurde sein Leichnam dann in dem Massengrab identifiziert und  in den Père Lachaise überführt.

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An der Spitze der Grabstele befinden sich -kaum noch identifizierbar- Auszüge aus dem schon zitierten Brief an seine -hier ebenfalls bestattete Schwester Azema, den Delescluze am Vorabend seines selbstgewählten Todes schrieb.

Die Inschrift auf der Grabstelle ist kaum noch entzifferbar, was das offizielle Bulletin municipal der Stadt Paris schon 1913 bemerkte. Sie lautet:

A la mémoire de Charles Delescluze, Commissaire général de la République, 1848 ; Rédacteur en chef du Réveil en 1868 ; Député de Paris à l’Assemblée nationale, 8 février 1871 et de sa sœur Azéma, décédée le 31 oct. 1876, leurs amis.

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Bemerkenswert ist hier, dass die Rolle Delescluzes während der Cummune nicht berücksichtigt ist:  Das ist auch kaum anders zu erwarten, denn als das Grabmal errichtet wurde, war die Commune immer noch geächtet.  Heute gehört sie zwar zum weithin anerkannten historischen Erbe und sie wurde ja auch anlässlich ihres 150. Jahrestags entsprechend gefeiert (siehe den Blogbeitrag zur Commune-Ausstellung „Nous la Commune“ 2021), aber auch dort hat man sich schwer getan, die problematischen Seiten der Commune offen zu thematisieren.

Bezeichnend ist ja auch, dass die Rolle Delescluzes bei der in der Commune umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt ist. Ein zusätzlicher Hinweis  darauf, wie delikat auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.

(49. Division,  Nr. 6 auf dem Commune- Plan der Mairie  de Paris)

In diesem Bereich des Père Lachaise fanden am 28. Mai 1871 die letzten Kämpfe der semaine sanglante statt. Einschüsse von Kugeln sind noch auf dem Sockel des  Grabes von Charles Nodier zu sehen, das etwas oberhalb und gegenüber dem Grab  von Honoré de Balzac liegt.

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Der Zeitzeuge Prosper Lissagaray schreibt zu den lezten Kämpfen:

„Seit 4 Uhr Nachmittags belagern  die Versailler den Père la Chaise.  Derselbe enthält nur zweihundert Föderierte, entsclossene Leute, aber ohne Disciplin, ohne Umsicht; die Officiere hatten sie nicht dazu bringen können, Schießscharten in die Mauer zu machen. Fünftausend Versailler greifen die Enceinte zugleich von allen Seiten an, während die Artillerie  von der Bastion das Innere durchwühlt. Die Geschütze der Commune haben seit Nachmittg beinah keine Munition mehr. (…) Jetzt beginnt ein verzweifelter Kampf. Hinter den Gräbern  gedeckt, vertheidigen  die Föderierten Schritt für Schritt ihren Zufluchtsort. Man  kämpft grauenvoll Mann an Mann. In den Grüften finden  Gefechte mit blanken Waffen statt. Freund und Feind rollt sterbend in dieselben Gräber. Die früh einbrechende Dunkelheit macht dem Verzweiflungskampf ein Ende.“[5]

Mit dieser letzten Schlacht „des Volks von Paris“ gegen  die von Thiers kommandierten Versailler Truppen wird der Père-Lachaise, wie es auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris heißt, „ein Symbol des Kampfs und des Opfers der Kommunarden.“

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Kampf der Fédérés  und der Versaillais auf dem Pére-Lachaise. Gravur von Amédée Daudenarde.      Veröffentlicht in „Le Monde illustré“ vom 24. Juni 1871

 Ein eindrucksvolles Panorama dieser Kämpfe von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux ist  im Musée d’art et d’histoire de Saint-Denis zu sehen.

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 Gemalt ist es aus der Perspektive der Föderierten, die trotz ihrer verzweifelten Lage noch die rote Fahne hochhalten. Geschwenkt wird die Fahne übrigens von einer Frau. Eine weitere Frau im Vordergrund versorgt einen Verletzten: Hinweise auf die wichtige Rolle der Frauen in der Commune.  Im Hintergrund sieht man die Stadt Paris mit der Kuppel des Pantheons und den Türmen von Notre Dame. Die Rauchsäulen markieren wohl die Gebäude, die von den Kommunarden auf ihrem Rückzug in Brand gesteckt wurden. Allerdings ist damit nicht- wie bei vielen anderen Darstellungen der 1870-er Jahre- eine Anklage der Commune verbunden, sondern es wird dadurch –wie durch die Rauchwolken der einschlagenden Granaten- die  Heftigkeit der Kämpfe illustriert.  Bei diesem Bild handelt es sich gewissermaßen um eine Antwort auf den Schriftsteller Alphonse  Daudet. Der hatte 1871 eine Geschichte mit dem Titel „La bataille du Père-Lachaise“ veröffentlicht. Auf der ausgezeichneten und höchst empfehlenswerten Internet-Seite „L’histoire par l’image“ findet sich dazu folgende Erläuterung:

Par le truchement du gardien du cimetière, l’écrivain présente son récit comme une démythification : « ― Une bataille ici ? Mais il n’y a jamais eu de bataille. C’est une invention des journaux. » En niant la bataille, le témoin-narrateur nie l’existence de combattants : face aux troupes régulières de Versailles, il n’y aurait eu dans le cimetière qu’un « ramassis » sacrilège d’ivrognes et de femmes de mauvaise vie faisant bombance au milieu des tombes. Avec cette œuvre, Philippoteaux semble contredire les allégations de l’écrivain anticommunard.“[6]

 

  1. Grab von Louis-Auguste Blanqui

Blanqui war ein Theoretiker der sozialistischen Revolution und ein praktischer Revolutionär. Seit der Revolution von 1830 war er eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung.  Fast die Hälfte seines Lebens, insgesamt 37 Jahre!- verbrachte er wegen „revolutionärer Umtriebe“ in Gefängnissen. Am spektakulärsten war seine Haft in den „cachots noirs“ auf dem Mont –Saint- Michel, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene diente. Verantwortlich dafür war übrigens Adolphe Thiers, von dem später noch die Rede sein  wird. Er hatte, als Staatssekretär während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe eine neue Form der Strafe eingeführt, nämlich die Festungshaft. Und eine dieser Festungen war der Mont-Saint-Michel.

Die Haftbedingungen dort –Dunkel- und Einzelhaft, Nahrungsentzug- waren derart katastrophal, dass sich sogar eine Kommission der Nationalversammlung damit beschäftigte. Berichterstatter war übrigens Alexis de Tocqueville. Blanqui unternahm mit seinem Mitgefangenen Armand Barbès einen Fluchtversuch, der aber scheiterte.[7]

Ein  erneuter Aufstandsversuch am 31. Oktober 1870, bei dem kurzzeitig das Hôtel de Ville von Paris besetzt wird  –Vorbote der Commune- scheitert. Blanqui kann untertauchen und wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 17. März 1871 wird er auf Betreiben von Adolphe Thiers verhaftet, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte. Thiers war sich (darin übrigens in voller Übereinstimmung mit Karl Marx) der Bedeutung Blanquis für die sozialen Bewegungen in Frankreich und für den Widerstand der Commune bewusst. Deshalb weigerte er sich, auf das Angebot der Commune einzugehen, die von ihr festgehaltenen Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, freizulassen, wenn im Gegenzug Blanqui freigelassen werde.  Thiers‘ Sekretär kommentierte das zynisch: „Die Geiseln! Pech für sie! Les otages ! Les otages, tant pis pour eux !».   So werden am 24. Mai in dem Gefängnis La Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter Erzbischof Darboy, erschossen.[8]

1879 fällt Blanqui unter die Generalamnestie und kehrt nach Paris zurück. Dort gibt er seine Zeitschrift „Ni Dieu ni maître“ heraus. 1881 stirbt er und wird auf dem Père-Lachaise beigesetzt. 100 000 Menschen sollen an seiner Beerdigung teilgenommen haben.

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(91. Division, Nr. 14 auf dem Commune Plan der Mairie de Paris)

Jules Dalou, der große republikanische Bildhauer, erhält nach einer öffentlichen Subskription den Auftrag für die Gestaltung des Grabmals. Er stellte Blanqui auf dem  Totenbett liegend dar, sein Kopf ist nach der  Totenmaske modelliert. „Tout comme pour le gisant de Victor Noir, Dalou a doté Blanqui d’une virilité „généreuse et polie“, source de commentaires infinie.“[9] Zu einem Wallfahrtsort –entsprechend dem Grab von Victor Noir- ist die Grabstätte von Blanqui allerdings nicht geworden. Vielleicht liegt es an dem weniger zugänglichen Platz in einem Seitenweg des Friedhof und an dem Podest, auf dem Blanqui aufgebahrt ist, so dass die entsprechenden anatomischen Besonderheiten weniger ins Auge fallen. Umso deutlicher dafür allerdings die Hand Blanquis- vielleicht ein Hinweis auf die vielen Schriften des Revolutionärs und Theoretikers.

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Exkurs: Dalou, der große republikanische Bildhauer und Schöpfer der Grabmäler von Victor Noir und Blanqui

Bevor es weiter geht zum Grab von Louis-Auguste Blanqui ein paar Worte zu Jules Dalou, dem Schöpfer der beiden Grabmäler von Victor Noir und Blanqui. Dies erscheint auch deshalb angebracht, weil es sich um zwei der bedeutendsten Kunstwerke auf dem Père-Lachaise handelt und weil der Name Dalou untrennbar verbunden ist mit der Pariser Commune und dem Stadtbild von Paris – immerhin hat Dalou u.a. auch die repräsentative Figurengruppe – Der Triumph der Republik– auf der Place de la Nation geschaffen.

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Auguste Rodin : Büste von Jules Dalou (im Musée Rodin in Paris und im Musée de la  piscine in Roubaix)

Dalou war am Vorabend des deutsch-französischen Krieges ein junger, aufstrebender Bildhauer. Von ihm war schon einmal auf diesem Blog die Rede, und zwar in dem Beitrag über das Hôtel Païva, das deutsch-französische Märchenschloss auf den Champs-Élysées, zu dessen Skulpturenschmuck auch Dalou beitrug (Rubrik Stadtviertel Paris, 8. Arrondissement). 1871 wurde Dalou vom « Kultusminister » der Commune, Gustave Courbet, beauftragt, als « administrateur provisoire adjoint » das Louvre vor einem eventuellen Vandalismus zu schützen. Obwohl es sich dabei um eine noble Aufgabe im Sinne des Gemeinwohls handelte, wird Dalou nach der Niederschlagung der Commune bedroht und ins Exil gezwungen. 1874 verurteilt ihn ein Kriegsgericht in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit. Erst 1879 – im Zuge einer allgemeinen Amnestie-  kann Dalou aus Großbritannien, das ihm Asyl gewährt hatte, nach Frankreich zurückkehren. Sein Wettbewerbsbeitrag für eine monumentale Statue auf der Place de la République wird zwar zurückgewiesen, aber von der Stadtverwaltung für die Place de la Nation ausgewählt, wo sie heute steht. Dalou erhält nun weitere bedeutsame Aufträge, unter anderem für die beiden « politischen Grabmäler »  von Victor Noir und Blanqui auf dem Père-Lachaise. 1902 stirbt Dalou, er ist auf dem  Friedhof Montparnasse begraben.

  1. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort

Victor Noir war kein Communarde, konnte es auch nicht sein, denn er wurde schon vorher, am 11. Januar 1870, ermordet. Trotzdem gehört sein Gab (Commune- Plan der Mairie de Paris Nummer 17) zu den unverzichtbaren Stationen eines Commune-Rundgangs auf dem Père-Lachaise, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Umstände seines Todes und der darauf folgenden politischen Konsequenzen (9a):

Noir war Journalist und hatte den Auftrag, als Sekundant eines Zeitungsverlegers die Modalitäten von dessen geplantem Duell mit Prinz Pierre Napoleon Bonaparte, einem Verwandten Napoleons und des damaligen Kaisers Napoleon III. auszuhandeln. Dabei kam es zum Streit und Victor Noir wurde von Pierre Napoleon erschossen. An dem Begräbnis nahmen über 100 000 Menschen teil.  Auf dem Commune-Plan der Mairie ist (wohl etwas übertrieben) von 200 000 zum Aufruhr entschlossenen Parisern die Rede: Ein Vorbote der Commune.[10] Die revolutionäre Stimmung wurde noch dadurch verstärkt, dass Pierre Napoleon freigesprochen wurde, was einen Sturm öffentlicher Entrüstung gegen die ungeliebte Monarchie auslöste.

1891 wurde der zum republikanischen Symbol gewordene Leichnam Victor Noirs von Neuilly-sur-Seine, wo er zunächst begraben war, auf den  Père Lachaise umgebettet.  Der Bildhauer Jules Dalou erhielt den Aufrag, eine Grabplastik zu gestalten, die mit den  Mitteln einer öffentlichen Subskription finanziert wurde- ein Gegenmodell zur Finanzierung des Denkmals für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas aus öffentlichen Mitteln.

Dalou stellte Victor Noir in der Situation dar, als er –gerade erschossen- rücklings auf dem Boden lag: mit leicht geöffnetem Mund, im Ausgehanzug mit sichtbarem Einschussloch und auf die Seite gerolltem Zylinder.

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Auffällig sind an dem Grabmal die durch vielfache  Berührungen von der Patina ausgenommenen glänzenden Stellen der Bronze-Plastik am Gesicht, an den Füßen und vor allem an der unter der Hose deutlich zu erkennenden Schwellung des Geschlechtsorgans. „Nur der große Zeh des heiligen Petrus im Petersdom glänzt genauso schön durch all die Küsse und all das Gestreichel“, wie Cees Nooteboom schreibt, für den das Grab des Victor Noir das schönste auf dem Père Lachaise ist. (10a)  Der Grund für die glänzenden Stellen:  „La légende veut qu’en frottant le gisant, surtout à l’endroit de son sexe, on retrouve la fécondité ou la virilité.[11]„Tausende von Mädchenhänden und Frauenmündern müssen“ -so noch einmal Nooteboom- hier am Werk gewesen sein, bei dieser letzten Fruchtbarkeitsfigur der westlichen Welt.“

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So wurde seit Ende der 1960-er Jahre das Grabmal von einem politischen Manifest zu einem Symbol der Fruchtbarkeit und zu einem Wallfahrtsort für „sexual worship“, wie es Emelyanova-Griva formuliert. Auch Deutsche haben dazu in gewisser Weise einen  Beitrag geleistet: War das Grab zunächst von einer bronzenen Kette umgeben, wurde diese während der occupation an die Deutschen ausgeliefert: Kanonen statt Kunst.[12] Damit war der Weg frei…  Inzwischen gehört das Grabmal zu den  Kultstätten des Père-Lachaise wie die Gräber von Héloïse und Abelard, Jim Morrison, Oskar Wilde oder wie das immer blumengeschmückte Grab von Allan Kardec, dem französischen Spiritisten, dessen Büste zu berühren angeblich Wünsche wahrwerden lässt….

(92. Division, Nr. 17 auf dem Commune-Plan der Mairie)

 

  1. Grabmal von Eugène Pottier, dem Autor der „Internationale“

(96. Division, Nr. 20 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris)

Das Grabmal Eugène Pottiers ist ein aufgeschlagenes Buch.

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Die Aufschrift auf der linken Buchseite (vom Betrachter aus gesehen):
Au Chansonnier
EUGÈNE POTTIER
MEMBRE DE LA COMMUNE
DE PARIS
1816 – 1871 – 1887
SES AMIS & ADMIRATEURS
– 1905 –

Pottier, der schon an der Revolution von 1848 teilgenommen hatte, engagierte sich 1871 in der Commune und nahm an den Kämpfen der Semaine sanglante teil. Nach der Niederschlagung der Commune konnte er nach Großbritannien fliehen, dann in die USA. 1873 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte –wie viele andere Kommunarden- infolge der Amnestie von 1879 nach Paris zurückkehren, wo er 1887 starb.

Die Aufschrift auf der rechten Buchseite:

L’Insurgé.
Jean Misère.
La Toile d’Araignée.
Ce que dit le Pain.
La mort d’un Globe.
L’internationale.

Den Text des ersten auf der rechten Buchseite aufgeführten Liedes hat Pottier zu Beginn der 1880-er Jahre zu Ehren Blanquis und der Kommunarden geschrieben- der Titel ist von dem autobiographischen Roman von Jules Vallès übernommen.

Der Text der „Internationale“ stammt aus den Tagen unmittelbar nach der gewaltsamen Niederschlagung der Pariser Commune. Er bezog sich auf die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), den ersten übernationalen Zusammenschluss von verschiedenen, politisch divergierenden Gruppen der Arbeiterbewegung, der 1864 von Karl Marx  initiiert worden war.

Der ursprüngliche französische Text hat sechs Strophen. Die bekannteste und bis heute verbreitete deutschsprachige Nachdichtung schuf Emil Luckard  1910. Seine Version ist an den französischen Originaltext lediglich angelehnt und beschränkt sich auf die sinngemäße, dabei in der Radikalität etwas abgeschwächte und romantisierte Übersetzung der ersten drei Strophen des französischen Liedes.[13]

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

die stets man noch zum Hungern zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht. 😐

Es rettet uns kein höh’res Wesen,

kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!

Leeres Wort: des Armen Rechte,

Leeres Wort: des Reichen Pflicht!

Unmündig nennt man uns und Knechte,

duldet die Schmach nun länger nicht!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.

  1. Le mur des fédérés – die Mauer der erschossenen Kommunarden

Höhepunkt (auch im topographischen Sinn des Wortes)  eines Rundgangs über den Père-Lachaise auf den  Spuren der Commune ist natürlich le Mur des fédérés in der nord-östlichen Ecke des Friedhofs. Am 28. Mai 1871 wurden an dieser Stelle 147 Kommunarden erschossen, die in die Hände der Versaillais gefallen waren. Sie wurden in einem Massengrab verscharrt ebemso wie weitere Kämpfer der Commune, die auf dem Père Lachaise oder schon vorher im Laufe der semaine sanglante getötet worden waren.[14]

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Zeichnung von Alfred Darjou (1832-1874) im Musée Carnavalet in Paris

Wie sehr das brutale Vorgehen der Versaillais in der semaine sanglante viele Zeitgenossen aufwühlte und empörte, wird auch am Beispiel des Malers Edouard Manet deutlich. Edouard Manet hat zwei Lithographien zum Thema Commune angefertigt. Die Lithographie, „Guerre civile“, zeigt einen toten Nationalgardisten bzw. Kommunarden. Der Bezug zu Manets berühmtem Bild des toten Torreros von 1864/65 ist offenkundig. Während aber der im Stierkampf getötete Torero ein rotes Tuch in der Hand hat, ist es bei dem getöteten Kommunarden  ein weißes Tuch: Manet will hier wohl das brutale, rücksichtslose Vorgehen der Versailler Truppen veranschaulichen.

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Eine zweite Lithographie zeigt die Erschießung von Kommunarden, wie sie am Ende der semaine sanglante auf dem  Père-Lachaise stattgefunden hat.  Dabei stand eines der berühmtesten Bilder Manets Pate, nämlich die Erschießung des mexikanischen Kaisers Maximilian.  Manet hat also zwei seiner erfolgreichsten Bilder zum Ausgangspunkt genommen, den Toten der Commune ein Denkmal zu setzen.

Der Platz an der Friedhofsmauer entwickelte sich, trotz aller Verbote, zu einem Wallfahrtsort von Sozialisten aus aller Welt. 1908 wurde für die getöteten Fédérés eine große Erinnerungstafel an die Opfer der „Semaine sanglante“ angebracht. Das Original befindet sich übrigens in den Räumen der Amis de la Commune auf der Butte aux Cailles.

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Jedes Jahr findet seit 1880 am letzten Maiwochenende ein großer Demonstrationszug statt- die sogenannte Montée au Mur des Fédérés, gewissermaßem  eine „pèlerinage laïque“. An ihr nehmen Menschen und Gruppen teil, die sich mit der Commune und ihrem Erbe verbunden fühlen und die darauf hoffen, dass das, was die Kommunarden vom März 1891 vergeblich anstrebten, noch erreicht werden kann: Mitglieder und Anhänger linker Parteien, Gewerkschaftler, Freimaurer.[15]

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Am 24. Mail 1936, wenige Wochen nach dem Sieg des Front Populaire, waren es 600 000 Menschen, an der Spitze die Führer der Sozialisten und Kommunisten, Léon Blum und Maurice Thorez, die an der monté au mur teilnahmen. So viele sind es heute nicht mehr und das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist heute wohl auch deutlich höher als damals: Eine eindrucksvolle Demonstration der linken Bewegungen ist die monté au mur aber nach wie vor.

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Gegenüber der Mauer der Föderierten sind mehrere Kommunarden oder für die Commune wichtige Persönlichkeiten bestattet. Auf drei dieser Gräber möchte ich besonders hinweisen:

Das Grabmal von Clément, dem Autor von „Le Temps des Cerises“

Clément war während der Commune Bürgermeister des Montmartre-Arrondissements, aber vor allem  ist er  Autor des Liedes „Le Temps des Cerises“. Es ist ein Liebeslied, schon 1866, zur Zeit Napoleons III. geschrieben und von Anfang an populär. In diesem Lied wird die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen:

Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.

Das Lied erhält in der semaine sanglante  auf tragische Weise neue Aktualität. Dem besungenen Liebeslied wird eine politische Dimension verliehen. Es wird zur Hymne der Commune und ihrer Anhänger, während der Blütezeit der Commune,  „au temps des cerises“, aber auch danach, als die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Clément unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 «à la vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

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Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine schöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum. Mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Am besten gleich anklicken! Dauert 6 Minuten:

http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Das Grabmal von Wroblewski, dem Verteidiger der Butte –aux- Cailles

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus.[16]

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Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehört zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Das Grab von Wróblewski ist –wie auch das von Chopin auf dem Père-Lachaise- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind wohl auch ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

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Das Grab von Paul Lafargue, dem  Schwiegersohn von Karl Marx und dem Autor von „Das Recht auf Faulheit“

Der Sozialist Paul Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx und Autor der 1880 erstmals erschienenen Schrift „Das Recht auf Faulheit“. Darin kritisiert er die „seltsame Arbeitssucht“ seiner Zeitgenossen. Lafargue plädiert stattdessen für eine radikale Reduktion der Lohnarbeit und damit für mehr Muße und Zeit für selbstbestimmte Tätigkeit. Damit knüpft er an den frühen Marx an, der eine Gesellschaft entwarf, die es dem Individuum ermöglichen sollte, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Solche Ideen wurden später –auch von Sozialisten- als romantischer Utopismus diffamiert und dagegen das Recht auf Arbeit oder gar ein puritanischer Laborismus proklamiert. Lafargues marxistische Apologie des Nichtstuns ist aber immer noch aktuell, stellt er doch die einfache Frage, warum Menschen immer mehr arbeiten sollen, auch wenn ihre Arbeitsleistung durch den ständigen Produktivitätsfortschritt immer größer werde.[17]

In Bordeaux, wo Lafargue 1870 mit seiner Frau lebte, verbreitete er die Ideen der Commune. Nach einem kurzen Besuch in Paris im April 1871 schrieb er begeistert an Karl Marx: „Paris devient invincible“. 1911, im Alter von 69 Jahren, wählte Paul Lafargue zusammen mit seiner Frau den Freitod: Jetzt sei er noch gesund an Geist und Körper, und er wolle nicht erleben, dass das Alter seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten und seinen Willen zerstöre. Fast 20 000 Menschen sind bei der Bestattung auf dem Père – Lachaise zugegen. Die Rede auf den Verstorbenen hält Jean Jaurès.[18]

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Für den Weg zurück bietet sich der Chemin des Chèvres (zwischen der 19. und der 30.und 18. Division und den Chemin Talma (zwischen der 11. und 12. Division)  an. Dieser Weg ist malerisch eingebettet in den Hügel, der zum neueren (rechtwinklig angelegten) Teil des Père-Lachaise hinauf führt. Eine ganze Reihe schöner Art-Déco-Gräber gibt es hier, ebenso wie das spektakuläre Grabmal der russischen  Aristokratin Elisabeth Demidoff.

  1. Das Mausoleum von Thiers (rechts neben der Friedhofskapelle, 55. Division)

Das Mausoleum des 1877 verstorbenen Adolphe Thiers ist leider nicht im Commune-Rundgang der Marie de Paris enthalten. Ich finde das äußerst bedauerlich, weil es, ebenso wie das anschließend betrachtete Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas in sehr eindrucksvoller Weise den Triumph über die verhasste Commune zum Ausdruck bringen. Damit gehören sie meines Erachtens unbedingt zu einem entsprechend thematisch orientierten Rundgang über den Père-Lachaise. Zu übersehen ist das Mausoleum von Thiers ja kaum – es ist „une colossale chapelle“ direkt neben der zentralen Friedhofskapelle.[19] Thiers ist hier mit seiner Frau, Élise Dosne, und seinen beiden Geliebten, der Mutter und der Schwester von Élise [20], bestattet.

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Wie beim Monument für die beiden Generäle Lecomte und Clément-Thomas, das wir uns anschließend ansehen,  ist die christliche Symbolik sehr deutlich: das doppelte verschränkte D steht für Deo Domino, den Dank an Gott, den Herrn- das T natürlich für Thiers.   Thiers war ein entschiedener Freund der katholischen Kirche und ihres Einflusses auf das Bildungswesen. Paul Lafargue, dessen Grab auf dem Père-Lachaise schon besucht wurde, zitiert in seiner Schrift „Das Recht auf Faulheit“ eine Erklärung von Thiers vor einem Parlamentsausschuss aus dem Jahr 1849. Darin spricht sich Thiers dafür aus, dass die gesamte Erziehung im Grundschulbereich von der katholischen Kirche übernommen werden solle. Er, Thiers rechne darauf, dass der Klerus „die gute Philosophie“ propagiere, nach der der Mensch zum Leiden geboren sei.[21]  Auch insofern war Thiers  also ein entschiedener Gegner der laizistischen Commune. Vor allem aber war er der Hauptverantwortliche für  das Gemetzel der Versailler Truppen in der semaine sanglante. Thiers gab den Befehl, den Aufstand der Commune mit größter Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit niederzuschlagen.

Auf seinem Grabmal allerdings wird er als Staatsmann gepriesen, der das Vaterland liebte und die Wahrheit verehrte …

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Wie verhasst Thiers bei den Communarden und ihren Anhängern war,  wird auch daran deutlich, dass das noble Hôtel Dosne-Thiers an der Place St Georges, das die reiche Élise in die Ehe einbrachte, eines der symbolträchtigen Gebäude war, das die Commune auf ihrem Rückzug in den Osten  von Paris in Brand setzte. Anlässlich des 100. Jahrestages der Commune 1971 wurde das Grabmal, Symbol des Sieges  der bourgeoisen Republik“ über die“soziale Republik“  stark beschädigt und es soll auch schon öfters mit „inscriptions vengeresses“ wie „Assassin du peuple“ versehen worden sein.[22]  Inzwischen erstrahlt es aber wieder im alten Glanz und man kann, wenn man es betrachtet, an den schönen Satz denken, den Victor Hugo ausgerufen haben soll, als er an dem Grabmal vorbeikam: „Un si grand monument pour un homme aussi petit!“ [23] – eine Anspielung sicherlich nicht nur auf die geringe körperliche Größe von Adolphe Thiers, den Marx als „Zwergmissgeburt“ verhöhnte.

(neben der Kapelle, 55. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris  nicht berücksichtigt)

  1. Grabmal für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas

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An ebenso prominentem Ort wie das Mausoleum von Thiers und ebenso auffällig präsentiert sich  auf der Nordseite der zentralen Avenue Principale und  kurz vor dem Monument aux morts  ein merkwürdiges Grabmal: Im Zentrum steht eine mächtige Marianne. Trotz entblößter rechter Brust entspricht sie so ganz und gar nicht dem gewohnten Idealbild einer attraktiven Marianne, sondern erinnert eher an manche Darstellungen der wehrhaften Germania aus dem 19. Jahrhundert.

Der Lorbeerkranz in der Hand Mariannes steht für den Triumph der Republik über die verhasste Commune. Sie wird durch eine mehrköpfige Schlange symbolisiert, die von Marianne zertreten wird.

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Oben ist das Grabmal mit einem großen Kreuz dekoriert, womit deutlich gemacht wird, dass die von der Commune verfügte Trennung von Kirche und Staat wieder aufgehoben ist- auch in diesem Punkt war die Commune übrigens ihrer Zeit voraus, denn die strikte Trennung von Kirche und Staat gehört ja seit 1905 zu den fundamentalen Prinzipien der französischen Republik.

Es handelt sich hier um das Grabmal der beiden  Generäle Lecomte und Clément-Thomas, deren Geschichte zu erzählen sich lohnt, denn ihr Tod markiert den Beginn der Commune, deren Entstehung untrennbar verbunden ist mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71[24]. Nach dem Sturz des schmählich in Sedan besiegten und kapitulierenden Napoleon III.  war die  im Februar 1871 gewählte und provisorisch in Bordeaux installierte Nationalversammlung bereit, sich den preußischen Friedensbedingungen zu unterwerfen und dem am 28. Februar 1871 zwischen der provisorischen Regierung der Republik unter Adolphe Thiers und dem Deutschen Reich abgeschlossenen Vorfrieden von Versailles zuzustimmen.  Die mehrheitlich republikanische bzw. sozialistische Bevölkerung von Paris war nicht bereit, diese Schmach hinzunehmen, zumal angesichts der preußischen Provokation einer Militärparade auf den Champs-Elysées und rund um den Arc de Triomphe. Immerhin standen in Paris fast 180 000 Nationalgardisten unter Waffen, Freiwilligenverbände, die vorwiegend aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft stammten.[25] Und in Belleville und Montmartre standen 227 Kanonen, die durch eine Subskription der Bevölkerung finanziert und vor den preußischen Truppen in Sicherheit gebracht worden waren. Der Konflikt zwischen Paris und der Nationalversammlung eskalierte, als am 10. März 1871 die Nationalversammlung  einem möglichen „Druck der Straße“  vorbeugen wollte und ihren Umzug nach Versailles beschloss. Dazu beschloss die Nationalversammlung eine Reihe diskriminierender Maßnahmen gegen die Nationalgarde, deren Bataillione sich zu den „fédérés“ zusammenschlossen. Zum Eklat kam es, als Adolphe Thiers, der „chef du pouvoir exécutif de la République française“, am 18. März den General Lecomte beauftragte, sich der Kanonen von Montmartre zu bemächtigen. Das Vorhaben scheiterte aber völlig. Gerade noch rechtzeitig schlägt Louise Michel, die „louve rouge“ der Commune, Alarm.  Die Nationalgardisten und die Bevölkerung von Montmartre  verteidigen „ihre“ Kanonen. Ein Teil der Versailler Truppen verweigert den Befehl, auf die eigenen Landsleute zu schießen und fraternisiert mit den Verteidigern. General Lecomte wird von den Aufständischen gefangen genommen. Am gleichen Tag wird auch der General Clément-Thomas von aufständischen Parisern festgesetzt.  der bei der Niederschlagung der Revolution von 1848 „eine der niederträchtigsten Henkerrollen“ übernommen hatte, wie es Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ ausdrückte. Mit beiden Generälen wird kurzer Prozess gemacht und sie werden –unter dem Beifall einer „entfesselten Meute“ (Promenades, S. 132) von ihren eigenen Leuten erschossen, auch wenn der  Bürgermeister von Montmartre, der junge Clemenceau, vergeblich versucht das zu verhindern.  Die Gegenrevolution hat nun ihre Märtyrer und Adolphe Thiers seine Legitimation, das aufsässige Paris, die Commune also –mit freundlicher Unterstützung der preußischen Truppen- zu belagern  und dann zu erobern und blutige Rache zu nehmen.

Die Generäle Lecomte und Clément-Thomas erhalten auf dem Père-Lachaise eine kostenlose Grab-Konzession an einem zentralen Platz des Friedhofs und mit einer souscription nationale wird für sie das imposante und triumphale Grabmal errichtet.  Und in Montmartre, wo sie beiden Generäle erschossen wurden (in der heutigen Rue du Chevalier de la Barre) und wo die Kanonen der Nationalgarde stationiert waren, wird  als Zeichen der Sühne für die „horreurs de la Commune“ die Basilique Sacré- Coeur errichtet und der Bau wird auf Beschluss der Nationalversammlung mit staatlichen Mitteln gefördert.[26] Es ist -wie das Grabmal auf dem Père-Lachaise- ein ostentativer gegenrevolutionärer Akt.

Dazu passt die Darstellung der Commue als mehrköpfige Schlage: Für die Dritte Republik waren die Kommunarden ja nichts anderes als „criminels“,  „eine Handvoll von Fanatikern und Spitzbuben“, die Paris zum „Sammelpunkt der Perversitäten der ganzen Welt“ machten- so Jules Favre, der für die Versailler Regierung die Bedingungen des Friedens von Frankfurt mit Bismarck verhandelte.

(Avenue Latérale du Nord, 57. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris nicht berücksichtigt).

 

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen  Friedhofsmauer des Père- Lachaise und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ von  Maximilien Luce im Musée d’Orsay

Das letzte Wort soll aber nicht die triumphierende Gegenrevolution haben! Sondern das Gedenken an die vielfachen  Opfer der Commune. Für sie gibt es ein eindrucksvolles Denkmal auf der anderen Seite des Père- Lachaise, an der äußeren Friedhofsmauer am Square Samuel de Champlain, zwischen den Métro-Stationen Gambetta und Père- Lachaise.

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Georg Stefan Troller weist in „Paris geheim“, auf dieses Denkmal hin  – und das ist auch wirklich der angemessene Platz, denn in unseren anderen Reiseführern  ist dieses Denkmal nicht erwähnt. Schade, denn es handelt sich wirklich um „ein ergreifendes Denkmal“, aus dem Jahr 1909: „Aus der Mauer kaum hervortretend wie Gespenster: ein Arbeiter, ein Pfarrer, ein Soldat, eine Mutter mit Kind. Rundherum Einschüsse. Errichtet aus demselben Stein, gegen den die letzten Kommunarden 1871 … füsiliert wurden.“[27]

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„Das, was wir von der Zukunft fordern, und das, was wir von der Zukunft wollen, ist Gerechtigkeit, es ist nicht  Rache“. Victor Hugo

Maximilien Luce: Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune

Bei früheren Besuchen im Musée d’Orsay war mir dieses Biild noch nicht aufgefallen. Erst als ich mich etwas näher mit der Pariser Commune beschäftigte, entdeckte ich : „Une rue de Paris en mai 1871 ou La Commune“ von Maximilien Luce.[28]  Luce war zusammen mit Seurat und Signac „Gründer“ des Neo-Impressionismus. 1894 wurde er als „gefährlicher Anarchist“ verurteilt und ging nach Belgien ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er Präsident der Gesellschaft unabhängiger Künstler, trat aber 1940 –ein Jahr vor seinem Tod- aus Protest gegen die Diskriminierung jüdischer Künstler durch die Vichy-Regierung zurück. Ein bewegtes Leben also und ein eindrucksvolles, zwischen 1903 und 1906 gemaltes Bild.

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Die Toten sind an den roten Hosen-Litzen als Nationalgardisten, also Communarden, zu identifizieren. Dass auch eine Frau dabei ist, weist auf den großen Anteil hin, den Frauen an der Verteidigung von Paris gegen die anrückenden Truppen hatten. Rechts unten sieht man noch einige Pflastersteine, die offenbar für den Bau einer Barrikade bestimmt waren. Die ist aber nicht gezeigt, der Kampf ist vorbei, man sieht nur die tote Stadt und  die Gefallenen- einige der über 20.000, die in der „Semaine sanglante“ dem Wüten der Versailler Truppen zum Opfer fielen. Am 29. Mai telegraphiert Ministerpräsident Thiers, der „Schlächter der Commune“, triumphierend an die Präfekten: „Der Boden ist bedeckt mit ihren Leichen. Dieses schreckliche Schauspiel wird eine Lehre sein“. Luce erinnert an dieses „spectacle affreux“, aber nicht im obszönen Gestus des Triumphators, sondern im Mitgefühl mit den Opfern und den Verlust veranschaulichend, den die Niederschlagung der Commune für die Stadt Paris bedeutete.

Praktische Informationen:

Einen kostenlosen Übersichtsplan mit dem Verzeichnis der am  meisten besuchten Gräber  gibt es kostenlos bei der Friedhofsverwaltung (vom Haupteingang –porte principale am Boulevard de  Ménilmontant-  leicht erreichbar über die Avenue Principale, dann rechts abbiegen in die Avenue du Puits. Es gibt den Plan auch im Internet unter:

https://api-site.paJuleis.fr/images/142836.pdf[29]

Im Allgemeinen nur im Internet gibt es auch einen speziellen Plan der Mairie  de Paris zum Père Lachaise als „haut lieu de la Commune“: https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

Öffnungszeiten:

Vom 6. November bis 15. März:

  • Mo bis Fr: 8 h bis 17.30 h
  • Sa: 8.30 bis 17.30h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Vom 16. März bis 5. November:

  • Mo bis Fr: 8h bis 18h
  • Sa: 8.30h bis 18h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Zum Weiterlesen:

Les Amis de la Commune de Paris 1871: Histoire de la Commune de Paris. 18 mars- 28 mai 1871 und weitere Broschüren über die Commune (Rolle der Frauen, der Ausländer, der Kunst, der Erziehung etc)

Braire,  Jean: Sur les traces des communards. Guide de la commune dans le Paris d’aujourd’hui

Courbet et la Commune. Katalog der Ausstellung im musée d’Orsay vom 13.3.-11.6.2000. Hrsg. von der Réunion des musées nationaux. Paris 2000

Lissagaray, Prosper: Geschichte der Commune von 1871. Unveränderter Nachdruck der deutschen Übersetzung von 1877. Edition suhrkamp 577. FFM 1971

Philip Nord: Les Impressionistes et la politique. 2009

La mairie du 11e; La Commune, à l’assaut du ciel. Histoire, lieux de mémoire et  figures de la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. (Mai 2011)

Karl Marx (als Polemiker in Hochform): Bürgerkrieg in Frankreich: http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm

Rebérioux, Madeleine,  Le Mur des Fédérés : Rouge, “sang craché” . In: Nora (Hrsg): , Les Lieux de mémoire, vol. 1 : La République, Paris, Gallimard

Thoraval, Anne: La Commune de Paris. In: Promenades sur les lieux de l’histoire. Paris 2004, S. 124-139

Troller, Georg Stefan: Paris geheim. Artemis und Winkler Sachbuch 2008

Jules Vallès:  L’insurgé (3. Band einer autobiographischen Roman-Trilogie) Taschenbuch folio classique

Watkins, Peter: La Commune (Paris 1871). (Schwarz-Weiß-Film,  franz/engl. DVD)

Das Pariser Stadtmuseum Carnavalet ist für die Commune weniger ergiebig. Umso mehr das musée d’art et histoire in Saint-Denis. www.musee-saint-denis.fr   Métro Linie 13 Richtung Saint-Denis-Université. Station Porte de Paris, Ausgang 4

Zum 150. Jahrestag der Commune 2021 gibt es natürlich zahlreiche Publikationen und Sendungen: 

Zum Beispiel eine vierteilige Reihe in France Culture:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-cours-de-lhistoire/la-commune-150-ans-14-la-commune-un-chantier-transnational

 Anmerkungen

[1] Es war nicht nur Karl Marx, der den Begriff „Bürrgerkrieg“ für die Commune verwendete. Z.B. gibt es eine eindrucksvolle Lithographie von Edouard Manet zur Commune mit dem Titel „guerre civile“:  https://www.histoire-image.org/etudes/repression-commune

[2] Zu den Gefängnissen der Grande und der Petite Roquette und zur dort stationierten Guillotine siehe den Blog-Beitrag: Wohnen auf historischem Boden:  La Grande et la Petite Roquette in der Rubrik Geschichte oder Wir in Paris.

[3] Zum Hôtel de Salm siehe auch den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Charles_Delescluze

Bei Lissagary liest sich das so: „Delescluze setzte allein seinen Weg fort. Hier das Schauspiel, wie wir es mit angesehen  haben; möge es der Erinnerung erhalten bleiben! Der alte Geächtete schritt, ohne sich umzusehen, ob ihm Jemand folge, gleichmäßig weiter. Er war das einzige leende Wesen auf der Chaussée. Als er an der Barrikade angekommen war, wendete er sich nach links und erstieg die Pflastersteine. Zum letztenmale  erblickten wir dieses ernste, vom weißen Barte umrahmte Gesicht, das  dem  Tode zugewandt war. Plötzlich verschwand Delescluze. Er war wie vom Blitzstrahl getroffen auf dem Platze von Château d’Eau gefalllen.“ Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S.342

[5] Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S. 356

[6] https://www.histoire-image.org/etudes/pere-lachaise-derniers-combats-commune  Hierbei handelt es sich übrigens um eine ganz hervorragende Fundgrube: Bildmaterial zur französischen Geschichte wird vorgestellt und interpretiert.

[7] https://www.histoire-image.org/etudes/armand-barbes-prisonnier-mont-saint-michel-1839-1843

https://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui . Hier findet sich übrigens die falsche Information, Blanqui sei  „nach der blutigen Niederschlagung der Kommune …. erneut ins Gefängnis“ gekommen. Dort befand er sich schon vorher.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

zum Mont-Saint-Michel als Staatsgefängnis: http://images.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fsites%2Fdefault%2Ftil1_luce_001f.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fetudes%2Fecrasement-commune&h=931&w=1400&tbnid=GOTA9-INsTCKLM%3A&docid=lUfYslQKMJUoaM&ei=aA6nV9SzJ-yRgAavnLr4Dw&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=953&page=1&start=0&ndsp=15&ved=0ahUKEwjUh_Gcja_OAhXsCMAKHS-ODv8QMwgcKAAwAA&bih=623&biw=1366

[8] siehe dazu den Blog-Text: Wohnen auf historischem Boden: La Grande et la Petite Roquette. (Rubriken Geschichte und Wir in Paris

[9] http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=231

(9a) Ausführlich zu zum Grabmal und seinen geschichtlichen Hintergründen: Michel Dansel, Les lieux de culte au cimetière de Père Lachaise. Paris 1999, S. 172-186

[10] „Le 10 janvier 1870, ses funéraillles réunirent deux cent mille Parisiens, décidés à l’emeute, signe avant-coureur de la Commune.“  https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf   Allerdings stimmt das Datum nicht: Noir wurde ja am 11. Januar erschossen und die Beerdigung fand am 12. Januar statt.

(10a) Cees Nooteboom, Eine Totenglocke läutet. In: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, FFM 1999, S. 97/98. Dort auch das nachfolgende Zitat von Nooteboom

[11] Sehr lesenswert:  Marina Emelyanova-Griva, La tombe de Victor Noir au cimetière de Père-Lachaise. In: Archives de sciences sociales des réligions, 149, 2010. https://assr.revues.org/21870?lang=en  Auf der Internetseite von „Herodot“ ist das etwas kryptisch formuliert: „On dit que des jeunes filles et des femmes en mal d’amour viennent sur la tombe de Victor Noir caresser certaine protubérance de son gisant dans l’espoir qu’elle leur portera chance.“ https://www.herodote.net/tombes6.php

[12] Ein ähnliches Schicksal erlitten in Paris auch zahlreiche andere Kunstwerke aus Bronze: so wurde ein Teil des  „Triomphe de la République“ von Dalou (s.u.) ausgeliefert, ebenso die Statue von Baudin im Faubourg Saint-Antoine (siehe Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel  der Revolutionäre.  Rubrik Stadtviertel Paris, 11. Arrondissement)

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale

[14] Ici, au pied du mur qui porte leur nom, furent inhumés les “fédérés” retranchn:és dans le cimetière le 27 mai 1871 et tués lors de cet ultime combat. Le 28 mai, au cours de la répression, 147 fédérés y sont exécutés et ensevelis à la hâte. Dans les jours suivants, de nombreux corps provenant des prisons parisiennes ou des dernières barricades sont également mis en terre en bordure de ce mur.“ (Aus dem Plan der Mairie de Paris)

[15] Franck Frégosi: La „montée“ au Mur des Fédérés  du Père-Lachaise. Pèlerinage laïque partisan. In:  Archives des sciences sociales des religions, No  155,  2011  https://assr.revues.org/23359

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Walery_Antoni_Wr%C3%B3blewski

https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_la_Butte-aux-Cailles

[17] http://www.zeit.de/1967/03/lob-der-faulheit

http://www.laika-verlag.de/mbp/stephan-lessenich-zu-paul-lafargue-das-recht-auf-faulheit

[18] « Sain de corps et d’esprit, je me tue avant que l’impitoyable vieillesse (…) me dépouille de mes forces physiques et intellectuelles, ne paralyse mon énergie et ne brise ma volonté (…) »  Zitiert in: http://www.humanite.fr/tribunes/paul-lafargue-1842-1911-pas-de-dieu-mais-un-maitre%E2%80%A6-46-479033

[19]https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

[20] http://www.lepoint.fr/societe/plus-fort-que-hollande-le-president-thiers-et-ses-trois-femmes-02-05-2015-1925729_23.php#xtor=RSS-221

[21] Text von Paul Lafargue: http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Originalversion der Stellungnahme von Thiers: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Droit_%C3%A0_la_paresse : „ Je suis prêt à donner au clergé tout l’enseignement primaire. Je demande formellement autre chose que ces instituteurs laïques, dont un trop grand nombre sont détestables ; je veux des Frères, bien qu’autrefois j’aie pu être en défiance contre eux ; je veux rendre toute-puissante l’influence du clergé ; je demande que l’action du curé soit forte, beaucoup plus forte qu’elle ne l’est, parce que je compte beaucoup sur lui pour propager cette bonne philosophie qui apprend à l’homme qu’il est ici pour souffrir.“

[22] Michel Ragon, L’espace de la mort. Essai sur l’architecture, la décoration et l’urbanisme funéraires. Albin Michel 1981

https://books.google.de/books/about/L_Espace_de_la_mort.html?id=a9ZY3Kv0jtYC&redir_esc=y

[23] https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

Zum „Sündenregister“  von Thiers gehört –aus deutscher Sicht- unbedingt seine treibende Rolle in der Rheinkrise von 1840, als die französische Regierung forderte, den  Rhein  (in seiner ganzen Länge) zur deutsch-französischen Grenze zu machen- ein wichtiger Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalismus und der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeinschaft“.  Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in Frankreich sehr häufig und sicherlich ganz naiv von Deutschland als „outre Rhin“- also dem Land jenseits des Rheins gesprochen wird.

[24] „C’est le début de l’insurrection que l’on appellera la Commune“. http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=373

[25] Eine Parallele zur Fortsetzung des Widerstands durch de Gaulle 1940 bietet sich da natürlich an, so z.B. in einer Rede vor der mur des fédérés aus dem Jahr 2007:

La Commune est donc un acte de résistance sociale et patriotique, (…) c’est le peuple en armes qui a mis en déroute les monarchies coalisées contre la révolution. C’est le peuple de Paris qui a voulu continuer le combat plutôt que de pactiser avec l’occupant, c’est le peuple de l’ombre qui a choisi la Résistance, et ce furent les anonymes, les sans-grades qui rejoignirent de Gaulle à Londres“. Zit von Frégosi:  https://assr.revues.org/23359

[26] http://www.paris-tourisme.com/monuments/sacrecoeur/index.html

[27] Troller, S. 295

[28] https://www.histoire-image.org/sites/default/til1_luce_001f.jpg

[29] Bilder und Infos zu  bedeutenden  Gräbern:  http://www.linternaute.com/sortir/monument/cimetiere-pere-lachaise/

Hinweis: 

Dieser Blog-Beitrag wurde von der Internet-Seite Europa verbinden  ( https://europaverbinden.de/)  übernommen und ins Internet eingestellt, was mich natürlich sehr freut.

https://europaverbinden.de/wp-content/uploads/W.J.-Brgerkrieg-in-Frankreich.-Der-P%C2%BFre-Lachaise-ein-Erinnerungsort-der-Commune.pdf

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise und zur Commune:

Wohnen, wo einmal die Guillotine stand: La Grande et la Petite Roquette

In diesem Beitrag geht es um die Geschichte unseres Viertels, das nach der Straße benannt ist, die es durchquert, der Rue de la Roquette. Und diesen Namen trugen auch die großen Gefängnisse, die hier einmal standen. In ihnen spiegeln sich 100 Jahre französischer Geschichte, spektakuläre Hinrichtungen wurden hier vollzogen, an die heute noch die  Fundamente der Guillotine erinnern….  

Der Eingang unserer neuen Wohnung liegt in der Rue Maillard.  Namensgeber der Straße, in der unsere frühere Wohnung lag, war der französische General Chancy aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871. Der Name Rue Maillard weckt dagegen angenehmere Assoziationen: Gleich nach Verbreitung unserer neuen Adresse wurden wir auf Louis Camille Maillard aufmerksam gemacht, den Entdecker der nach ihm benannten chemischen Reaktion, die u.a. dafür sorgt, dass ein Braten bei entsprechender Zubereitung eine leckere Bräunung und ein geschmackvolles Aroma erhält. Also Bratenduft statt Pulverdampf.

Allerdings kommen dann doch noch weniger angenehme Assoziationen hinzu, wenn man sich etwas  näher mit unserem  neuen Viertel beschäftigt: Nämlich der Knall des Fallbeils, der Guillotine, die hier einmal stand. Darauf wird man hingewiesen, wenn man von der Rue de la Roquette in die Rue du Croix Faubin einbiegt, an der unsere Wohnung liegt. Dort steht eine der Erinnerungstafeln „Histoire de Paris“, mit denen Passanten auf die historische Vergangenheit eines Ortes und –soweit vorhanden- entsprechende sichtbare Spuren hingewiesen werden, an denen sie sonst vielleicht eher achtlos vorübergegangen wären. So sicherlich an diesem Ort: Denn hingewiesen wird auf fünf eher  unscheinbare Steinplatten (aus Granit), die vom Asphalt der Straße ausgespart sind. Es sind, wie die Tafel erläutert, die Fundamente einer Guillotine, die hier –bei Bedarf- aufgebaut wurde, um den Aufprall des Fallbeils aufzuhalten.[1]

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Die Guillotine  gehörte zu dem Gefängnis La Grande Roquette, das -1836 errichtet- auf diesem Areal stand und in dem zu Zwangsarbeit Verteilte gefangen gehalten wurden, die auf ihren Abtransport in die Strafkolonien von Ĭle  de Ré, nach Neu-Kaledonien  oder nach Cayenne warteten- dahin also, wo der Pfeffer wächst… Und zum Tode Verurteilte warteten dort auf die Guillotine.  Im Volksmund hieß das Gefängnis  „Abbaye des Cinq-Pierres“ – eine Anspielung auf die fünf Steine des Fundaments der Guillotine und auf ein Kloster, das sich an gleicher Stelle befunden hatte, bis es zur Zeit der Französischen Revolution aufgelöst wurde.

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Nach der Angabe im unteren Teil der städtischen Erinnerungstafel wurden über 200 Todesurteile mit der hier aufgestellten Guillotine öffentlich vollstreckt.[2]  Obwohl die Hinrichtungen im Allgemeinen in aller Frühe vollzogen wurden, kamen immer Schaulustige zu der am Eingang des Gefängnisses gelegenen Place de la Roquette, um dem „Schauspiel“ beizuwohnen. (1a)

Wie populär solche  Hinrichtungen waren, wird auch daran deutlich, dass der durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec bekannte Kabarettist Aristide Bruant hat die letzten Momente eines Gefangenen der Roquette auf seine Weise besungen hat. Sein Publikum muss das wohl lustig gefunden haben:

220px-Lautrec_ambassadeurs,_aristide_bruant_(poster)_1892

Tout ça, vois-tu, ça n’me fait rien

C’qui m’paralyse

C’est qu’i faut qu’on coupe, avant l’mien,

L’col de ma ch’mise;

En pensant au froid des ciseaux,

A la toilette,

J’ai peur d’avoir froid dans les os,

A la Roquette.

Aussi j’vas m’raidi pour marcher

Sans qu’ça m’émeuve,

C’est pas moi que j’voudrais flancher

Devant la veuve;

J’veux pas qu’on dis’que j’ai l’trac

De la lunette,

Avant d’éternuer dans l’sac,

A la Roquette.“

Die Grande Roquette war –wie bei einem Bauwerk dieser Art nicht anders zu erwarten-  Schauplatz spektakulärer und tragischer Ereignisse. Die Erinnerungstafel verweist ausdrücklich auf die Exekution der beiden Anarchisten Auguste Vaillant und Emile Henry. Auguste Vaillant hatte 1893 von der Zuschauertribune der Assemblée Nationale eine Bombe auf die dort versammelten Parlamentarier geworfen, wobei 50 Menschen verletzt wurden. Vaillant wurde am 5. Februar 1894 vor der Roquette guillotiniert- mit den letzten Worten: „Es lebe die Anarchie! Mein Tod wird gerächt“.[3]

220px-Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre Auguste Vaillant

Die Rache ließ auch nicht lange auf sich warten. Am 12. Februar 1794 verübte der Anarchist Emile Henry einen Anschlag auf das Café Terminus im Gare St. Lazare, bei dem 20 Besucher verletzt wurden, einer davon tödlich. Der Prozess gegen Henry erregte erhebliches Aufsehen wegen des unerschrockenen Auftretens des jungen hochgebildeten Anarchisten und der sozialkritischen Rechtfertigung seiner Tat. Auf den Vorwurf des Richters, er habe einen Anschlag auf Unschuldige verübt, antwortete er: „Il n’y a pas de bourgeois innocents“. Die Erklärung, die er vor Gericht abgab, wurde berühmt.[4]

Am 21. Mai 1894 wurde Henry vor der Roquette guillotiniert- im Beisein übrigens  von Georges Clemenceau und Maurice Barrès- beide alles andere als Sympathisanten des Anarchismus, die aber von dem Schicksal des jungen Manns angerührt waren.

Nicht hingewiesen wird auf der städtischen Hinweistafel auf zwei Ereignisse, die die Grande Roquette in ganz  besonderem  Maße in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückten und dazu –wenn auch in verschiedener Weise- zu ihrer  Bedeutsamkeit beitrugen, und zwar die Hinrichtung des Mörders Troppmann 1870 und die Geiselerschießung der Commune 1871.

Die Hinrichtung Troppmanns

Die Hinrichtung des Mörders Troppmann in der Roquette am 19. Januar 1870 war ein außerordentlich spektakuläres Ereignis.  Troppmann hatte aus Geldgier 8 Mitglieder einer Familie nach und nach auf sehr heimtückische Weise umgebracht.

Von der Entdeckung der Leichen über die Jagd nach dem Täter bis hin zum Prozess und der Hinrichtung verfolgten Moritatensänger und insbesondere die noch junge  Presse den Fall.  Besonders hervor tat sich das 1863 gegründete Le Petit Journal. Dieses konnte die Auflage von dem ersten Bericht über diesen Mord am 23. September von 357.000, drei Tage später auf 403.950, am Tag der Hinrichtung Troppmanns bis auf 594.000 Exemplare steigern. Das Blatt versorgte seine Leser hierbei mit Details; beispielsweise dass Troppmann angeblich seinen Bruder um Blausäure und Äther gebeten habe, um seine Wärter zu vergiften und dass er versucht habe seinen Henker zu beißen. Der mediale  Erfolg der Troppmann-Berichterstattung war Wasser auf die Mühlen der Sensationspresse und trug generell  zur bevorzugten Behandlung der „faits divers“ in den Massenmedien bei, die ja gerade in Frankreich besonders auffällig ist: Noch heute beginnen die Nachrichtensendungen in den großen französischen Fernsehprogrammen, selbst in dem öffentlich-rechtlichen TV 2, sehr oft mit einer ausführlichen Berichterstattung über solche „faits divers“, einen Mord in der Provinz, einen plötzlichen Wintereinbruch in den französischen Alpen oder einer Warnung vor einem Stauwochenende, bevor dann auch das politische Tagesgeschehen –mehr oder eher weniger- zu seinem Recht kommt.

Welches Aufsehen der Fall Troppmann in Frankreich erregte, beschreibt übrigens kein Geringerer als Iwan Turgenew in seinem ausführlichen, zeitnah verfassten Bericht L’exécution de Troppmann, der in der Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe mündet- wie sie damals von vielen aufgeklärten Geistern –in Frankreich etwa von Victor Hugo und später dann im Zusammenhang mit der Hinrichtung Henrys auch von Clemenceau- erhoben wurde. Turgenew hielt sich 1870 in Paris auf und wurde eingeladen, als einer der wenigen „Ehrengäste“ der Hinrichtung des Mörders aus nächster Nähe beizuwohnen.  Schon Tage davor seien in allen Schaufenstern Fotos von Troppmann ausgestellt worden und Tausende von Schaulustigen seien jede Nacht zur Roquette gekommen, um nicht den Aufbau der Guillotine zu versäumen. Die damals äußerst spannungsreiche und bewegte politische Situation in Frankreich (kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges) sei demgegenüber völlig in den Hintergrund des öffentlichen Interesses geraten.

70536893 Execution de Troppmann

Die Nacht vor der Hinrichtung mussten die privilegierten Zuschauer im Zimmer des Gefängnisdirektors verbringen, weil befürchtet wurde, dass am nächsten Morgen die erwarteten Massen der Schaulustigen den Zutritt zur Roquette unmöglich machen würden. So kann Turgenew aus nächster Nähe den Aufbau der Guillotine beobachten, dem Henker die Hand schütteln –nach Troppmann immerhin die wichtigste Figur des bevorstehenden Spektakels-  und die zahlreiche Post betrachten, die Troppmann von allen Seiten erhalten, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte- auch nicht die Billets von Frauen, denen teilweise Blumen wie Margueriten und Immortellen beigegeben worden waren. Schon mitten in der Nacht versammelten sich, wie die Polizei dem Gefängnisdirektor berichtete,  über 25 000 Schaulustige vor dem mit der Überschrift „Dépot des Condamnés“ versehenen Eingang der Roquette.

grande roquette portail

Turgenew beschreibt anschaulich, was von dieser erwartungsvollen Menschenmenge an das Ohr der Ehrengäste im Gefängnis dringt:

„Ce brouhaha m’étonnait par sa ressemblance avec les mugissements lointains du flux et du reflux de la mer, le même crescendo Wagnérien infini qui ne monte pas régulièrement, mais avec de grands chuchotements et des déversements gigantesques. Les notes aiguës des voix des femmes et des enfants jaillissaient comme des éclaboussures fines sur le bourdonnement colossal. La puissance brutale d’une force de la nature se montrait dans tout cela. Tantôt elle s’apaise pour un instant comme si elle était couchée et ramassée… et la voilà encore qui grandit, s’enfle et gronde comme toute prête à s’élancer et à tout déchirer, qui recule encore et peu à peu se calme, puis de nouveau grandit… et cela n’a pas de fin. Que veut dire ce bruit ? pensai-je. Impatience ? Joie ? Haine ?… Non, il ne sert d’écho à aucun sentiment individuel humain. Tout simplement le bruit et le brouhaha de la nature.“

„Tout d’un coup, lentement, comme une gueule, s’ouvrirent les deux battants des portes accompagnés en même temps d’un grand rugissement de la foule réjouie, satisfaite. Soudain, le monstre de la guillotine nous regarda avec ses deux poteaux noirs et le couperet suspendu.

Als Troppmann aufs Schaffott geführt wird:  Totenstille unter den  vielen Tausenden Zuschauern:

„J’eus le temps de remarquer qu’à l’apparition de Troppmann le bruit de la foule se tut comme un monstre qui s’endort. Un silence sans respiration.“

Dann die Vollstreckung des Urteils:

„Enfin retentit un bruit léger de bois qui se heurtent. C’était la chute de la lunette supérieure avec la découpure transversale pour laisser passer le tranchant, la lunette qui prend le cou du criminel et rend sa tête immobile ; puis quelque chose gronda sourdement, roula et éructa comme si un grand animal eût craché. Je ne puis trouver une comparaison plus exacte.

Tout se couvrit d’un brouillard.“

Und danach?

„Je me sentais très fatigué, et je n’étais pas le seul. Tous paraissaient épuisés, quoique tous, apparemment, se sentissent mieux, comme si leurs épaules fussent débarrassées d’un grand poids.

Mais personne de nous, absolument personne, n’avait l’air d’un homme qui a assisté à l’exécution d’un acte de justice sociale. Chacun tâchait de se détourner de cette idée et de rejeter la responsabilité de cet assassinat. … Nous parlions de la barbarie inepte et superflue de toute cette procédure du moyen-âge, grâce à laquelle l’agonie d’un criminel dure trente minutes, de six heures vingt-huit à sept heures….., du dégoût de tous ces travestissements, de cette coupe de cheveux, des voyages par les escaliers et les corridors…..

De quel droit fait-on tout cela ? Comment soutenir cette routine révoltante ? La peine de mort elle-même pouvait-elle être justifiée ?“

 Turgenew sieht keinerlei –wie auch immer gearteten- Nutzen, den eine solche „Nacht der Schlaflosigkeit, der Trunkenheit und der Perversion“ auf die Zuschauer haben  könnte. Und er zieht aus all dem den Schluss, dass die Todesstrafe unabweisbar auf der Tagesordnung der humanité contemporaine stehe. Er hoffe, dass er mit seinem Bericht einen Beitrag zu ihrer Abschaffung, mindestens jedoch zur Beendigung ihrer öffentlichen Zurschaustellung leisten würde.[5]

 Allerdings  hat es noch fast 70 Jahre gedauert, bis in Frankreich auf das Schauspiel öffentlicher Hinrichtungen verzichtet wurde: Am 17. Juni 1939 wurde der Deutsche Eugen Weidmann, der in Frankreich 6 Menschen ermordet hatte, vor 10000 Schaulustigen in Versailles hingerichtet. Dabei kam es zu volksfestartigen Szenen, Champagnerkorken knallten, Frauen tauchten ihre Taschentücher in das Blut des mit Clark Gable verglichenen Frauenhelden.[6] Danach verzichtete man in Frankreich auf weitere Spektakel dieser Art. Aber die Guillotine blieb weiter in Betrieb, auch in der Roquette: So wurde am 30. Juli 1943 die Engelmacherin („faiseuse d’ange“) Marie-Louise Giraudin  in der Petite Roquette guillotiniert. Das Regime des Marschalls Pétin hatte am 15. Februar 1942 die Abtreitung per Gesetz als „Verbrechen gegen die Staatssicherheit“ erklärt. Es wurde hier exekutiert, nachdem Pétin ein Gnadengesuch Giraudins abgelehnt hatte. [6a]

Aber es dauerte dann noch einmal fast 40 Jahre, bis  in Frankreich –mit der Lex Badinter von 1981- die Todesstrafe endlich abgeschafft wurde. In Russland –Turgenjew richtete sich mit seinem Text ja in erster Linie an eine russische Leserschaft- geschah das erst 2009- und in vielen anderen Ländern hat sich –nicht einmal in diesem Punkt- die „humanité contemporaine“ immer noch nicht durchgesetzt…

Die Geiselerschießung in der Roquette 1871

Ein besonders tragisches Ereignis war sicherlich die Erschießung von sechs Geiseln durch die Commune in der Grande Roquette. Sie fand statt am 24. Mai 1871, während der blutigen Niederschlagung der Commune in der semaine sanglante[7], durch die Versaillais, also die Truppen der nach Versailles geflüchteten Regierung unter Adolphe Thiers.

Grundlage der Geiselerschießung war ein Dekret der Commune vom 5. April 1871, dem gemäß alle mit der Regierung in Versailles zusammenarbeitenden Personen Geiseln des Volks von Paris seien. Jede Erschießung von Kriegsgefangenen oder Anhängern der sich als  rechtmäßige  Regierung betrachtenden Commune habe die Erschießung einer dreifachen Anzahl von Geiseln zur Folge- ein auch in den Reihen der Commune und ihrer Sympathisanten umstrittenes Dekret.[8] Allerdings handelte es sich bei der Geiselerschießung in der Roquette um keine automatische  Replik auf die unbeschreiblichen und massenhaften Gräueltaten der Versailler in der semaine sanglante. Die Commune hatte nämlich zunächst angeboten, den von ihr festgehaltenen Erzbischof von Paris, Mgr Darboy, gegen den von den Versaillern gefangenen gehaltenen Revolutionär Auguste Blanqui auszutauschen. Und als dieses Angebot unbeantwortet blieb, schlug die Commune sogar vor, im Gegenzug zur Befreiung Blanquis alle von ihr festgehaltenen 64 Geiseln freizulassen. Blanqui war seit der Revolution von 1830 eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung in Frankreich. Mehrfach wurde er wegen  seiner revolutionären Aktivitäten und Überzeugungen verhaftet. So auch im März 1871 auf Befehl von Adolphe Thiers, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte und der deshalb auch unter gar keinen Umständen auf das Angebot der Commune eingehen wollte. Sein Sekretär kommentiert das zynisch: « Les otages ! Les otages, tant pis pour eux ! »[9]

So werden am 24. Mai in der Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter der Pariser Erzbischof, erschossen.

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Gedenktafel in der Kirche La Madeleine für den Priester J.G. Deguerry, der zu den am 24. Mai 1871 erschossenen Geiseln gehörte.

Dass Blanqui auch heute noch Verehrer hat, zeigt sein Grab mit der von Dalou geschaffenen eindrucksvollen Bronzefigur auf dem Père Lachaise. (91. Division)[10]

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Die Geiselerschießung vom 24. Mai war ein wesentliches  Element in der 1871 einsetzenden groß angelegten Diffamierungskampagne der Commune und ihrer „Verbrechen“, bei der die junge Fotografie systematisch eingesetzt wurde. Fotos vom zerstörten Pariser Rathaus oder der umgestürzten Vendôme-Säule gehörten dazu.[11] Und die Erschießung der Geiseln in der Roquette wurde propagandistisch nachgestellt, fotografiert und verbreitet. Das hatte gleichzeitig auch die Funktion, von dem systematischen Terror der eigenen Seite –mit etwa 30 000 Opfern- abzulenken.

Crimes de la Commune              

 „Crimes de la Commune : Assassinat des otages dans la prison de la Roquette“

 Die Zelle, in der Erzbischof Darboy seine letzten Tage auf dieser Welt verbracht hatte, wurde übrigens beim Abriss der Grande Roquette Stein für Stein abgetragen und in der Krypta des Priesterseminars Saint Sulpice von Issy-les-Moulinaux wieder aufgebaut- zusammen  mit einem  Stück der Mauer, vor der die sechs Geiseln erschossen wurden.[12]

Allerdings haben die Sieger nach Niederschlagung der Commune in der sogenannten „semaine sanglante„, der blutigen  Woche, mit aller Brutalität zurückgeschlagen. Dabei hat wiederum die Grande Roquette eine Rolle gespielt, wie  Prosper Lissagaray in seiner „Geschichte der Commune von 1871“  (es 577, S. 362) berichtet:

Nach beendigtem Kampfe verwandelte sich die Armee in ein ungeheures Executions-Peleton. Am Sonntag wurden mehr als 5000 Gefangene, die in der Umgegend des Père La Chaise aufgegriffen waren, in das Gefängniß la Roquette geführt. Ein Bataillonschef stand am Eingang und musterte die Gefangenen, ohne an einen  Einzigen  eine Frage  zu stellen, indem er nur „rechts“ oder „links“ sagte. Die zur Linken wurden sogleich erschossen. Man leerte ihnen die Taschen, lehnte  sie an eine Mauer und machte sie nieder. Der Mauer gegenüber hielten zwei oder drei Pfaffen  sich die Breviere vor die Nase und murmelten die Gebete der Sterbenden.“

Die Petite Roquette

Auf der anderen Seite der Rue de la Roquette gibt es den Square de  la Roquette, eine kleine hübsche Parkanlage mit einem Springbrunnen, Blumen, Bänken, Spiel- und (in Paris eher selten) Bolz- und Basketballplätzen  für Jugendliche. Davor sogar auch noch einen Boule-Platz, der allerdings von den zahlreichen Hunden des Viertels eher anderweitig genutzt wird.

Dass man sich auch hier auf geschichtsträchtigem Grund befindet, ist noch deutlicher als auf der anderen Seite der Straße: Da gibt es unübersehbar das übliche grüne Schild der Parkverwaltung, das am Eingang aller Pariser Grünanlagen über den Namen  und die Geschichte des Ortes informiert. So auch hier:

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Der Name der Anlage (und der Straße) sei abgeleitet von einer Pflanze, die zwischen den Steinen des Klosters wuchs,  das  sich hier befunden  habe : die roquette, lateinisch eruca, italienisch rucola, die im Mittelalter schon als Salatpflanze genutzt wurde, dann in Vergessenheit geriet und inzwischen wieder über Italien ihren Weg in die deutsche Küche gefunden hat.[13]  1836 habe ein Gefängnis für Frauen, Kinder und junge Straftäter das Kloster ersetzt, dessen Bau sich an der Festungsarchitektur orientiert habe. In der Tat erinnert das Gefängnis, wie der Plan seines Architekten Louis- Hippolyte Lebas zeigt, in seinen Ausmaßen und seinem Grundriss an eine Festungsanlage Vaubans.(13a)

Lebas war damals ein prominenter Architekt, der gerade die Pariser Kirche Notre-Dame de la Lorette im 9. Arrondissement fertiggestellt hatte. Bei seinem Gefängnisentwurf bezog er sich aber weniger auf Vauban, sondern auf das Modell  des britischen Philosophen Jeremy Bentham  und verwirklichte damit ein für Frankreich damals avantgardistisches Projekt.[14] Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept zum Bau von Fabriken und Gefängnissen, das eine möglichst effektive Überwachung und Kontrolle der Arbeiter bzw. Gefangenen ermöglichen sollte, das sogenannte Panopticon.  Von einem zentralen Ort sollten danach alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden. Im Mittelpunkt eines nach dem Panopticon-Prinzip konzipierten Gefängnisses steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in der sogenannten Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen die Gefangenen nicht, ob sie gerade überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter  Überwachungsdruck  regelkonform verhalten (also abweichendes  Verhalten vermeiden, da sie immer davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, sei sehr günstig.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Wirkung des Panopticons als „Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen“ beschrieben, „der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.“ (Frankfurt 1977, S. 258)  Er sieht hier das „kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage“ (253), in der die  Machtausübung immer weniger auf die Ausübung körperlicher Gewalt angewiesen ist. Insofern stehe das Panopticon für das  Herrschaftsprinzip liberaler Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt.

Nach dem Panopticon-Prinzip wurden im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zahlreiche Gefängnisse errichtet- in Deutschland z.B. das ursprünglich als preußisches Mustergefängnis gebaute, aber besonders im Dritten Reich berüchtigte Gefängnis in Berlin-Moabit. Auch das Kölner Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz wurde in den 1830-er Jahren als Panopticum-Bau errichtet. .[14a]

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Und in Frankreich war es eben das mächtige sechseckige La Roquette, das in Abgrenzung zu der für die Schwerverbrecher bestimmten Grande Roquette auf der anderen Straßenseite Petite Roquette genannt wurde, weil es für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 20 Jahren und für Frauen  bestimmt war. Eine Zeit seines jungen Lebens verbrachte hier übrigens in den 1920-er Jahren ein aus schwierigsten Verhältnissen stammender  15- jähriger Jugendlicher- Beginn einer langen Gefängnis-Odyssee: Es war Jean Genet- der mit dem 1942 im Gefängnis geschriebenen eindrucksvollen Gedicht „Le Condamné à mort“ (Der zum Tode Verurteilte) seine literarische Karriere begann.[15]

Keine Fotobeschreibung verfügbar.

Der Eingang zur Petite Roquette

Alle Gefangenen in der Petite Roquette wurden isoliert und voneinander fern gehalten- selbst bei dem überwachten einstündigen täglichen Aufenthalt im Freien, der in getrennten Pferchen stattfand, oder bei einem Besuch des Erzbischofs (s. Anm. 11). Die entsprechenden zeitgenössischen Bilder aus der Petite Roquette lassen für mich Assoziationen an schlimmste Massentierhaltung aufkommen.

La petite Roquette

Die von totaler Isolation und Überwachung geprägten Haftbedingungen waren schon damals nicht unumstritten: Kaiserin Eugénie, die durchaus  sozial engagierte Frau Napoleons III., war bei einem Besuch in der Petite Roquette offenbar ziemlich entsetzt und forderte einen alternativen Strafvollzug für Jugendliche. Es wurden dann zwar auch landwirtschaftliche Kolonien eingerichtet, in denen jugendliche Strafgefangene arbeiten und auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden sollten, aber die Petite Roquette blieb doch auch weiterhin zumindest eine obligatorische Durchgangsstation.

Nachdem 1939 öffentliche Hinrichtungen in Frankreich verboten worden waren, wurde die  Petite Roquette als Ort künftiger Hinrichtungen von Frauen  in Paris bestimmt. Zweimal wurde dieses Gesetz dann angewendet: Am 6. Februar 1942 wurde Georgette Monnerot hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hatte, am 30. Juli 1943 Marie-Louise Giraud wegen der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen– da sind wir in der Ära Vichys und Pétains.

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1974 wurde das Gefängnis abgerissen, um das weitläufige Gelände freundlicheren Verwendungen zuzuführen. Erhalten wurden aber die beiden Eingangstore des Gefängnisses, durch die man nun die neue Park- und Freizeitanlage betritt. An dem linken der beiden  Eingangstore weist eine Erinnerungstafel darauf hin, dass hier zwischen dem 18. Juni 1940, dem berühmten Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand,  bis zum 28. August 1944, der Befreiung von Paris, 4000 Mitglieder der Résistance inhaftiert waren.

Während bei den an allen Schulen angebrachten Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Occupation immer auch auf die Rolle der französischen Polizei hingewiesen wird[16], werden hier zwar die Opfer, aber nicht die Täter und ihre Helfer benannt. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“[17] ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Durant la Seconde Guerre mondiale, 4000 femmes sont emprisonnées à la Roquette par la police française pour faits de résistance.“ Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie ja auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand.[18] Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

Unter den inhaftierten Frauen waren übrigens auch Ausländerinnen, die wegen ihrer antifaschistischen Überzeugung verhaftet worden  waren. So auch die deutsch-tschechische Literatin Lenka Reinerová, in deren Biographie sich die Tragik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll niederschlägt: Zu ihren Freunden der Zwischenkriegszeit in Prag gehörten Franz Werfel, Egon Erwin Kisch und Max Brod, der Herausgeber der Werke von Franz Kafka. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag Flucht nach Frankreich, dort ein halbes Jahr Einzelhaft in der Petite Roquette, danach in einem Frauenlager der Vichy-Zone interniert, Flucht über Casablanca nach Mexiko, wo sie das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera  und natürlich die ebenfalls nach Mexiko emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers trifft. 1948 Rückkehr nach Prag, wo ihr im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“ der Prozess gemacht wird. Erst 1964 rehabilitiert, wird sie  nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der KPC ausgeschlossen.  2008 starb sie – die letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur.[19]

Während die Petite Roquette erst 1974 abgerissen wurde, was das auf der anderen Seite mit der Grande Roquette schon 1900 geschehen. Da platzte Paris aus allen Nähten, die Grande Roquette wurde abgerissen, das Gelände zwischen der Rue de la Roquette, der Rue de la Folie Régnault und der Rue la Vacquerie wurde durch kleine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen in sechs Rechtecke eingeteilt, die nach und nach mit 6- bis 7-stöckigen Häusern bebaut wurden. In einem davon wohnen wir jetzt..

Anmerkungen

[1] Die Angaben für das Gewicht des Fallbeils schwanken zwischen 7 und 200 kg (Turgenew). Übrigens werden auch heute noch Guillotines hergestellt- mit denen allerdings nicht mehr Köpfe abgeschnitten werden, sondern Baguette-Rohlinge aus der Teigmasse: http://rinaldin.it/fra/Cat_fra/34_Guillotines.pdf

(1a) Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/histoire-insolite-paris/une-guillotine-a-paris

[2] Nach Wikipedia waren es 69: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnisse_von_La_Roquette

[3](http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Vaillant)

[4] Zitiert in : http://fr.wikipedia.org/wiki/Émile_Henry_(anarchiste) 

[5] http://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Tourgueniev%20-%20L’Execution%20de%20Troppmann.htm

[6] http://www.welt.de/geschichte/article129139943/Letzte-oeffentliche-Hinrichtung-in-Frankreich.html

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69859512/frankreich-deutscher-serienmoerder-wurde-1939-enthauptet.html

[6aégime de Vichy : quand l’extrême droite était au pouvoir. In: Geo histoire vom 17.6.2024

[7] Siehe dazu Bericht 15: 140 Jahre Commune

[8] Z.B. auch von Victor Hugo in seinem Gedicht Pas  de représailles (In: L’Année terrible, 1871)

[9] http://www.histoire-image.org/pleincadre/index.php?i=71

[10] Zu Dalou s. den 33. Bericht über das Hotel Païva. Zum Père Lachaise vielleicht später einmal mehr.

[11] In der aktuellen großen  Monet-Ausstellung im Frankfurter Staedel-Museum werden entsprechende Fotos von Jules Andrieu und Franck gezeigt.

[12] http://www.sulpissy.info/spip.php?

[13] Ein freundlicher Leser des Berichts hat mich darauf hingewiesen, dass die Rauke sogar im Hessenpark im Taunus  angebaut und gezeigt wird. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola

(13a) Die Federzeichnung aus den 1830-er Jahren ist auch zu sehen in der Dauerausstellung der Architekturgeschichte von Paris im Pavillon d’Arsénal in Paris

[14] Anaïs Guérin, La Petite Roquette, la  double vie d’une prison Parisienne,  1836 – 1974. 2013

[14a] Vielen Dank, Ulrich Schläger, für diesen Hinweis!

[15] Vollständige französische Version und englische Übersetzung:  http://www.sptzr.net/Translations/prisoner.htm  Auf youtube gibt es eine eindrucksvolle (gekürzte) Chanson-Version von Marc Ogeret

Nachfolgendes Bild vom Eingang der Petite Roquette aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=6008082149278211&set=pb.100044544064752.-2207520000&locale=fr_FR

Einen Bericht über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten in der Grande Roquette gibt es übrigens auch von Jules  Valls in seinem Le Tableau de Paris, 1882/1883

[16] Siehe dazu den Blog-Beitrag über Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1) 

[17] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[18] Die Gestapo hatte in Paris ein  eigenes Gefängnis, das Cherche-midi im Boulevard Raspail, das  allerdings nicht der Internierung diente, sondern dem Verhör und damit natürlich auch der Folter.

[19] Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt haben 1982 im Spiegel (30.9.2002) ein sehr lesenswertes Interview mit Lenka Rainerowa  veröffentlicht.   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25327110.html

Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße

  1. Die Stolpersteine in der Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref

Am Freitag, dem 20. Mai 2016,  wurden vor dem Haus Westendstraße 98 in Frankfurt am Main zwei Stolpersteine installiert:  Einer für Dr. Leo Koref und einer für Frau Recha Koref.

Stolpersteine sind, wie wir bei  Wikipedia lesen können,  „ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen  erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Diese quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenem Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Mittlerweile gibt es über 56.000 Steine (Stand: Dezember 2015) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.“ 

Die Stolpersteine ermöglichen es, „ein Empfinden für das Ausmaß des Schreckens zu bekommen (…). Man muss kein Konzentrationslager besuchen, um an die Ereignisse und ihre mörderischen Folgen erinnert zu werden, man ist mit ihnen jeden Tag konfrontiert, wenn man zum Bahnhof oder zur Arbeit geht.“ Für das Frankfurter Westend,  in dem die Stolpersteine für Dr. Leo und Recha Koref installiert wurden, gilt das in ganz  besonderer Weise: Das Westend war ein Frankfurter Viertel, das in ganz besonderer Weise von jüdischer Präsenz geprägt war, und das bezeugen heute die vielen Stolpersteine, auf die man dort gewissermaßen auf Schritt und Tritt trifft. (1)

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Wer waren Recha und Dr. Leo Koref? Warum wurden die Stolpersteine für sie gerade an dieser Stelle installiert?  Welche Rolle spielt dabei Paris? Und was haben wir damit zu tun?

Wenn ich versuche, diese Fragen zu beantworten, wird es um unvorstellbare Grausamkeit gehen, um das finsterste Kapitel deutscher Geschichte, aber auch um großes Glück, um Hilfsbereitschaft, um bewundernswerte Energie, sich nicht unterkriegen zu lassen, und  -ganz am Anfang:  um eine erstaunliche Begegnung in Paris, ohne die es die Stolpersteine in der Westendstraße nicht geben würde…

  1. Die Begegnung mit dem Ehepaar Dr. Adler in Paris

Vor etwa zwei Jahren fand im Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus der Cité Universitaire in Paris, eine Podiumsdiskussion zum Thema Europa statt. Unter anderem ging es um –schon damals verbreitete- Vorbehalte gegen den europäischen Einigungsprozess, vor allem gegen „die da oben in Brüssel“. In der anschließenden Diskussion meldete ich mich, „outete“ mich als Hesse und berichtete von einem früheren Versuch der Kommission, das Wort „Apfelwein“ zu verbieten, weil „Wein“ aus Trauben hergestellt sein müsse. Da habe es einen Sturm der Entrüstung gegeben und der Angriff auf eine regionale Institution sei erfolgreich abgewehrt worden.

Nach dem Ende der Veranstaltung lud –wie immer- das Maison Heinrich Heine zu einem „pot d’amitié“ ein,  also einem Glas –echtem- Wein und einem kleinen Buffet: Die Möglichkeit zu einem ungezwungenen Gespräch mit den „Intervenants“ auf dem Podium und zwischen  den Besuchern. Da kam  nun ein älterer Herr auf mich zu und sprach mich auf Französisch  an. Er habe meinen  Beitrag sehr gut gefunden, müsse mich aber in einem Punkt korrigieren: Es heiße doch nicht „Apfelwein“, sondern  „Äppelwoi“! Meine Überraschung und mein Erstaunen  kann man sich wohl vorstellen. Wir kamen natürlich ins Gespräch und ich erfuhr, dass der alte Herr in Frankfurt aufgewachsen war und  nach der Kristallnacht –als Jude- gerade noch rechtzeitig nach Paris emigrieren konnte, wo er heute lebt und – im Alter von 88 Jahren!- noch als Arzt praktiziert.

Er erzählte auch etwas von seiner Verbundenheit mit der Heimatstadt. Sein Vater habe ihm zum Beispiel abends, wenn er krank gewesen sei, Gedichte von Friedrich Stoltze vorgelesen. Kleine Erläuterung für Nicht-Frankfurter: Stoltze war Lokalpatriot im besten Sinne, stolzer Bürger der Freien  Reichsstadt Frankfurt, überzeugter Demokrat und 1848-er Revolutionär und nicht zuletzt der –nach Goethe- wohl bedeutendste Frankfurter Dichter. Im Gegensatz zu Goethe, bei dem der sprachliche Lokalkolorit höchstens einmal kaum merkbar durchschlägt, schrieb Stoltze gerne auch in Frankfurter Mundart. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist die  „Blutblas“: Die Geschichte eines ungezogenen Schülers, dem es auf sehr raffinierte und spektakuläre Weise gelingt, aus den Prügeln seines Lehrers noch besten Nutzen zu ziehen.

Friedrich Stoltze, Die Blutblas 

Farrnschwänz* odder Hasselstecke
Soll kaa weiser Lehrer fihrn!
Statts e Bess’rung zu bezwecke,
Kann em Schlimmes mit bassirn.
De Herr Diehl hat deß erfahr’n, ach,
An sich selwer wunnerbar,
Der vor so un so viel Jahrn, ach,
Hie in Franfort Lehrer war.
Dann der Diehl war aach so Aaner:
Gleich uff Prichel stann sei Sinn,
Un sei Farrnschwanz war kaa klaaner,
Un sei Stecke warn net dinn.
Schlechte Buwe gibbt des wea freier Mann,
wahre Deiwel sicher,
Dene wir können nicht heilig
in der Schule ist ein Farrnschwanz.
So e Schüler schlimmster Rass’ach,
Namens Mohr, e Mexterschsoh,
Unfug triew err in der Klass‘, ach,
Merr hat kaan Begriff derrvo.
Dem Herr Diehl sein neue Stecke
Hatt‘ err’m haamlich sehr beschmiert;
Der Herr Diehl dhat’s ehrscht entdecke,
Als err sich die Händ lackiert.
„Waart nor, Mohr’che! Kimmste de morje!
– Dann kaa Annrer hat’s gedhaa,-
Wern ich Ebbes derr besorje,
Lumpebub! Da denkstde draa!“
Mohr von Ahnunge belästigt,
Dann er war von feiner Nas,
Hatt‘ derr sich wohi befestigt,
Blutgefillt e Schweineblas.
  
So begaw err in die Schul sich,
Setzt sich sittsam uff sein Blatz.
Diehl erhub da von seim Stuhl sich!
„Komm doch emal her, mei Schatz;
So. Jetzt haw ich dich! Bereue
Sollst de jetz dein Frevel schnell!“-
Lehrer Diehl ließ sich en neue
Farrnschwanz hole bei’m Pedell.
Hat den Mohr dann flugs gezoge
Iwwern Stuhl. – „Wart Satanas!“
Hui! wie sin die Schmiß gefloge
Uff dem Mohr sei Schweineblas!
Bis se blatzt! – Un ausgestoße
Hat en dumpfe Ton der Mohr;
Aus de Baa von seine Hose
Quoll e Blutstrom, ach, evor.
Lehrer Diehl gewahrt’s mit Schrecke,
Ihm entfiel der Farrenschwanz.
Sterwend dhat der Mohr sich strecke.
„Mörder!“ krisch die Klass‘, die ganz.
Gar net war des Blut ze stille
In de bääde Hosebaa.
„Liewer Mohr! um Gotteswille“,
Rief der Diehl, „ach sterb net! Naa!
Da! Da hast de aach drei Batze,-
kaaf der driwwe bei dem Kitz
Aeppelranze odder Mazze,
Odder bei dem Steitz Lakritz!
Nemm se Mohrche! Guck mei Threne!
Haag dich aach gewiß net mehr!“
Da begann der Mohr zu stehne:
„No, so gewwe Se se her!“
 

* Farrnschwanz = Farre: landsch. für junger Stier (Duden), also ein Ochsenziemer

Mazze= Matze,  „ungesäuertes Brot“ genannt, ist ein dünner Brotfladen, der von religiösen und traditionsverbundenen Juden während des Pessach gegessen wird. Dass der Händler gegenüber neben getrockneten Apfelringen auch Matzen im Angebot hat, weist  auf die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Frankfurt des 19. Jahrhunderts hin.

Gerade wenn man selbst einmal  in Frankfurt Lehrer war, gehört die Blutblas natürlich auch zu den besonders geliebten Gedichten. Und da ich es im Kopf habe, sah ich jetzt die Möglichkeit, dem alten Frankfurter Juden und Stoltze-Freund damit eine Freude zu machen. Ich begann also, im Foyer des Maison Heinrich Heine „die Blutblas“ zu rezitieren.  Ganz offensichtlich mit dem erhofften Ergebnis, dem freudigen Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Umso erstaunter, ja erschrockener war ich dann allerdings, dass ich nach einigen Versen ziemlich energisch unterbrochen wurde. Hatte ich etwa falsch zitiert? Erschien die Situation peinlich?  Nein, ganz anders: Der alte Herr hatte mich unterbrochen, um in bestem Frankforterisch das Gedicht weiter zu rezitieren, das ihm zuletzt wohl vor über 75 Jahren von seinem Vater vorgetragen worden war! Einfach unglaublich.

  1. Die Geschichte von Dr. Adler: Von Frankfurt nach Paris

Wir vereinbarten in Kontakt zu bleiben. Im Sommer war meine ehemalige Kollegin Doris Stein zu Besuch in Paris- wir hatten während unserer gemeinsamen Schulzeit eine ganze Reihe von fächerübergreifenden Projekten durchgeführt, auch zur jüdischen Geschichte Frankfurts. Doris schlug vor, ein Gespräch mit Dr. Adler  über seine Geschichte zu führen, es aufzunehmen, zu protokollieren und dem Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung zu stellen. Auf der Website des Projekts werden die Biographien vertriebener Frankfurter Juden „mit ihrer Familiengeschichte und ihren  Leiden in der NS-Zeit vorgestellt“. Ziel ist es, mit der Dokumentation von „Biographien  aus der Nachbarschaft“ das Interesse von Schülern an der Geschichte ihrer Stadt und der bedeutenden Rolle von Juden „für das Wohl und das Gedeihen der Stadt“ zu wecken und damit einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. [1a]

Wir luden also Dr. Adler und seine Frau zu einem „Frankfurter Abend“ ein- natürlich mit importiertem Äppelwoi/Ebbelwoi zum Apéro, echten Frankfurter Würstchen, Gref-Völsings Rindswurst, Kartoffelsalat und einem Gespräch über seine Geschichte.

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Und die ist es wirklich wert, erzählt zu werden[2]:

Dr. Pierre Adler wurde als Peter Adler 1927 in Frankfurt geboren. Sein Vater war Vertreter einer großen Textilfirma, seine Mutter, die Literatur und Philosophie studiert hatte, Hausfrau. Man lebte in ruhigen, gesicherten Verhältnissen, zunächst in Niederrad, dann in der Taunusstraße. „Wir wohnten in einer sehr schönen 5-Zimmer-Wohnung. Ich weiß heute noch, wie groß das Herrenzimmer war: zehn auf acht, also 80 qm.“ Der Junge besuchte das Philanthropin und dann das eigentlich nur für Mädchen reservierte Heinemannsche Institut im Westend.

Den Antisemitismus der Nazis bekam Peter Adler nach der sogenannten „Machtergreifung“ am eigenen Leibe zu spüren. Er berichtet:

„Ich hatte ein Abonnement in einer Bibliothek, in der ich regelmäßig jede Woche einige Bücher auslieh. Eine Bibliothekarin beriet mich dabei immer sehr freundlich und hilfreich. Dann wurde aber, ich weiß nicht mehr genau ob es 36 oder 37 war, ein Gesetz herausgebracht, nach dem Juden nicht mehr das Recht hatten, städtische Büchereien  zu benutzen und dort Bücher auszuleihen. Ich bin also nach Hause gegangen, holte die ausgeliehenen Bücher, die ich dort noch hatte, und gab sie  zurück. Beim Verlassen der Bibliothek fragte mich der am Ausgang sitzende Sekretär;

„Kommst du nächste Woche wieder, um Bücher zu holen?“

Ich antwortete: „Nein, ich komme nicht mehr“.

„Und warum nicht?“

„Weil ich das nicht mehr darf“.

„Ja, ganz richtig, weil du nämlich ein dreckiger Jude bist!“.                                                            Und das brüllte er durch die ganze Bücherei- für einen kleinen Jungen, der damals 8 oder 9 Jahre alt war, ziemlich eindrucksvoll.“

Über die sogenannte Kristallnacht und die Verhaftung seines Vaters berichtet Pierre Adler:

„Die Kristallnacht, die von Goebbels als „spontane Volkswut“ bezeichnet wurde, war für 18 Uhr angekündigt worden und sie begann dann auch pünktlich um 18 Uhr, ganz spontan also. Ich war an diesem Abend nicht draußen und habe nicht gesehen, was sich da abspielte. Erst am nächsten Vormittag. Aber ich muss sagen, dass meine Eindrücke da völlig überlagert wurden von einem Ereignis, das an diesem Vormittag des 10. November um 7 Uhr stattfand, der Verhaftung meines Vaters. Zwei Männer in Zivil kamen, haben meinen Vater verhaftet und abgeführt. Für mich war es völlig klar, dass ich keineswegs sicher sein konnte, ihn wiederzusehen. An diesem Tag hat der kleine Junge von 11 Jahren, der ich damals war, einen Sprung ins Erwachsenenalter gemacht. Als ich nach der Verhaftung meines Vaters auf der Straße war, habe ich zerbrochene Scheiben gesehen und eine in Brand gesetzte Synagoge, aus der es noch rauchte. Aber bezogen auf das persönliche Ereignis war  alles weniger bedeutsam für mich.

Als ich gegen 10 oder 11 Uhr nach Hause kam, erschienen zwei weitere Männer in Zivil, um unsere Wohnung zu inspizieren und nach Waffen und verbotenen Büchern zu suchen. Dabei kam es zu folgender Szene: Mein Großvater war auch gekommen, von meiner Mutter per Telefon gerufen. Sie hatte ihm ein verbotenes Buch eines –ich glaube- österreichischen Sozialisten gegeben mit dem  Titel „Der Hunger“, das das Leid der Arbeiterklasse beschrieb. Mein Großvater hatte dieses Buch in der Hand, als die beiden Männer in die  Wohnung kamen. Er behielt es ruhig in der Hand, wir haben vor Angst gezittert, die beiden Männer fanden nichts in unserer Bibliothek, merkwürdigerweise  auch keine Waffen. Sie haben dann die Wohnung wieder verlassen, ohne etwas zu zerschlagen, wie es in vielen anderen Wohnungen gemacht wurde.

Mein Vater war also in Buchenwald, ist aber nach 4 Wochen  wieder zurückgekommen dank der französischen  Visa, die wir erhalten hatten. Das hatten  wir meinem  Onkel zu verdanken, der schon 1933 nach Paris emigriert war. Er war aus seiner Universität geworfen worden und setzte sein Jura-Studium in Paris fort. Dort hatte er schon zahlreiche Kontakte zu seinen Professoren geknüpft und auch schon erfolgreich die notwendigen Prozeduren für unsere Visaerteilung in Gang gesetzt. Als mein Vater am Tag nach der Kristallnacht verhaftet wurde, schickte meine Mutter ihrem  Bruder ein Telegramm mit der dringenden Bitte die Visaerteilung zu beschleunigen. Und tatsächlich wurden die Visa auch innerhalb von vier Wochen ausgestellt. Das war der Grund für die Entlassung meines Vaters aus Buchenwald.“

 Die Familie machte sich damals übrigens einige Sorgen wegen der Entlassungsformalitäten. Dazu gehörte nämlich eine Verpflichtungserklärung, Deutschland innerhalb von vier Wochen zu verlassen. Und der Vater konnte ja nicht wissen, dass die französischen Visa schon auf dem  Weg waren. Würde der Vater also als „typisch deutscher Jude – „un juif typiquement allemand réglo- réglo à tout point de  vue“ eine Verpflichtung eingehen, deren Einhaltung er ja nach seinem  Wissensstand keinen Falls garantieren konnte?

Dazu Pierre Adler:

„Als mein Vater zu Hause ankam und wir ihm von unserer Sorge berichtete, sagte er: „Wisst Ihr, wenn man da rauskommt, wo ich rauskomme, unterschreibt man alles, egal was“.

Die Abschiedsrede des SS-Mannes von Buchenwald an die paar Männer, die an diesem Tag entlassen wurden, enthielt folgende Worte:

„Meine Herren, Sie  werden jetzt  entlassen und Sie werden emigrieren. Ich rate Ihnen, soweit weg wie möglich. Wir werden Sie immer aufspüren. Und ich rate Ihnen auch, nicht über das zu sprechen, was Sie hier gesehen  haben. Denn wenn wir das erfahren, werden wir Sie holen und Sie werden hierher zurückkommen. Aber dann werden Sie nicht mehr befreit, das wird dann lebenslänglich sein. Aber seien Sie sicher, das wird dann nicht für so lange sein.“

Als die Familie die französische Grenze erreicht hatte, war die Erleichterung groß, und auch der kleine Peter war sich der Veränderung bewusst: „Kann ich jetzt alles sagen?“, fragte er seinen Vater. In Deutschland, vor der Ausreise, hatte man bei sensiblen Gesprächen die Schnur des Telefons aus der Wand gezogen und die Steckdose mit einem Kissen abgedeckt…

Über die ersten  Jahre in Paris berichtet Pierre Adler:

„Der Anfang in Paris war für die Familie recht schwierig.“ Pro Person habe man nur 10 Mark mitnehmen dürfen, sonst nichts. „Obwohl die Großmutter mehrere Jahre in Belgien gelebt hatte, sprach sie kaum Französisch. „Die Großmutter war kein Sprach-genie. Sie hatte große Schwierigkeiten, sowohl mit der französischen Sprache als solcher, als auch mit der Aussprache. Man hat ihr die Ausländerin 10 Kilometer gegen den Wind ange-hört.  Zu Anfang sind wir bei einem Cousin meines Vaters untergekommen, bei dem wir eine Zeitlang gewohnt haben. Mein Vater hat mit diesem Cousin zusammen ein bisschen gearbei-tet. Dieser Cousin machte Schmuckstücke und handgemachte Knöpfe für die haute couture. Nach der Zeit bei dem Cousin haben wir gegenüber in einem winzig kleinen Hotel gewohnt, bis wir dann schließlich 1939 eine Wohnung gefunden haben im 20. Arrondissement, einem Viertel, in dem die Mieten nicht so hoch waren. Denn an Geld war nicht viel vorhanden. Aber über die finanziellen Verhältnisse aus dieser Zeit weiß ich eigentlich nichts. Da hab ich keine Ahnung. Ich weiß, dass mein Vater versucht hat, Arbeit zu finden. Er ist zu verschiedensten Pariser Grossisten für Kleiderstoffe, für Frauenkleider, gegangen und hat denen gesagt: ‚Ich bring euch eine Kundschaft aus dem Balkan, aus der Türkei, aus Griechenland, aus Italien, aus der Schweiz. Das sind alles Leute, die sehr gerne wieder mit mir arbeiten. Gebt mir eine Kollektion. Ich reise für euch‘. Und er erhielt als Antwort: ‚Ach, das ist nicht nötig. Die Firmen schicken alle ihre Repräsentanten hierher nach Paris. Die kommen zu uns. Wir brauchen niemanden, der zu denen reist‘.  Er kam mit seinem Beruf nirgends an. Nirgends. Also hat er zum Teil bei seinem Cousin gearbeitet“.

Die Verhältnisse änderten sich 1939 mit Ausbruch des Krieges. „Und dann kam die Kriegszeit. Das heißt, mein Vater wurde innerhalb kürzester Zeit interniert. Er war ja ein ‚feindlicher Aus-länder‘.  Vorläufig wurde nur der Vater interniert. Später auch die Mutter. Sie kam dann nach Gurs. Und er in die verschiedensten Lager.“

Pierre Adler wurde wegen der Furcht vor Bombardements  mit einer Gruppe der jüdischen Pfadfinder Frankreichs aus Paris  evakuiert. Und schließlich fand sich die ganze  Familie, Großmutter, Mutter, Vater und er, sich im sogenannten freien, vom Collaborations-Regime Vichys regierten Frankreich zusammen.

In  Sicherheit fühlte sich die Familie dort aber keineswegs:

Es war uns klar, dass irgendwann Frankreich ganz besetzt würde. Und dass dann wahrscheinlich Deportationen losgehen, war auch klar. … Der Glaube, dass wir Juden in den Osten umgesiedelt werden  und dass es da Arbeit für uns gibt und es uns besser geht, dieser Glaube war anfangs da. Aber es wurde sehr schnell bekannt, dass da Dinge vorgehen, die mit Arbeit nichts zu tun haben. Ich bin monatelang mit einer Rasierklinge in der Tasche herumgelaufen. Mit 14 oder 15 Jahren. Ich hab mir gesagt: ‚Lebendig kriegen sie mich nicht‘.“

Die Deportationen begannen sogar schon vor der Besetzung Südfrankreichs durch die Wehrmacht:  „Im August 1942 warnte ein Angestellter der Präfektur von Limoges meine  Eltern, sie müssten so schnell wie möglich den Ort verlassen, weil sie ganz obenan  auf einer Liste der zur Deportation bestimmten Personen stünden. Das war im August 1942, in der sogenannten freien  Zone!

Wir haben einen Freund alarmiert,  der in der Résistance organisiert war, und sind so schließlich in die Schweiz gekommen. Meine Erfahrungen in der Schweiz waren äußerst menschlich. Zum Beispiel schon gleich bei unserer Ankunft: Mein Vater, meine Großmutter,  meine Mutter und ich kamen mit Hilfe von Fischern über den Genfer See in die Schweiz. Die Fischer forderten uns auf, sich an dem Felsen, an dem wir angekommen waren, so lange ruhig zu verhalten, bis sie außer Sichtweite  seien. Denn wenn wir vorher entdeckt würden, müssten wir damit rechnen, wieder nach Frankreich zurückgebracht zu werden. Wir sind also ruhig in einer kleinen Bucht geblieben, bis wir die Fischer nicht mehr sahen und haben uns dann an den Aufstieg zur darüber liegenden Straße gemacht. Als wir einige Zeit die Straße zum nächsten Ort entlanggegangen waren, tauchte ein Fahrradfahrer in Uniform  hinter uns auf. Es war ein Polizist, er hielt an und  stieg von seinem Fahrrad. „Messieurs- dames, wo kommen Sie her?“ Mein Vater sagte ihm die Wahrheit. Wir haben  ihn also in seine Polizeidienststelle begleitet. Dort sagte er uns: „Warten Sie bitte einen Moment auf mich, ich werde Sie zum Polizeikommissariat des Kantons begleiten.“ Es handelte sich um den Kanton Vaux und das Kommissariat befand ich in Lausanne. 10 Minuten später kam er wieder, er hatte  sich Zivilkleidung angezogen, um deutlich zu machen, dass  wir keine Häftlinge sind. Das ist eine menschliche Geste, die ich nie  vergessen  werde. Wir wurden schließlich im Kommissariat von Lausanne empfangen, wo wir befragt und schließlich zu einem Haus der Heilsarmee gebracht wurden…. Wir  waren mehrere Wochen bei der Heilsarmee. Zuerst in Lausanne selbst. Und dann später in einem Ferienheim der Heilsarmee, oberhalb von Montreux. Da haben wir mehrere Wochen verbracht. Das war herrlich, absolut herrlich. Stellen Sie sich mal vor, für mich als Jungen! Ich war noch nicht 15 Jahre alt. …Mit furchtbaren Lebensmittelbedingungen in Frankreich. Schokolade, das gab es überhaupt nicht! Und als erstes, als wir zur Heilsarmee in Lausanne kamen, gab es ein petit déjeuner, mit frischen Brötchen, Butter, Konfiture, Honig, mit Kaffee, Kakao. Es war unglaublich. So was gab‘s doch nicht mehr!“

Insgesamt waren Pierre Adlers Erfahrungen in der Schweiz sehr positiv:

„Wir hatten sehr viel Glück. Denn die Schweiz ist ja auch teilweise sehr rabiat mit Flüchtlingen umgegangen, hat sie zurückgeschickt oder gar direkt an die Deutschen ausgeliefert. Uns ist nichts passiert. Wir haben Glück gehabt.“ – der menschliche Kommissär, die Heilsarmee,  dann eine Bauernfamilie im Berner Oberland, die ihn aus Menschlichkeit aufnimmt, nicht um seine Arbeitskraft auszunutzen und die dafür sorgt,  dass  er die Schule besuchen kann,  dann der Englischlehrer, der seine Begabung sieht und dafür sorgt, dass er das Gymnasium in Bern besuchen kann und eine Gastfamilie für ihn findet, dann diese Familie eines protestantischen Pfarrers, die den  kleinen Pierre gewissermaßen  als ihr siebtes Kind aufnimmt…[3]

Im September 1945 kehrt Pierre Adler nach Frankreich zurück – verbunden mit einem erneuten schwierigen Schulwechsel.  „Nachdem ich in der Schweiz die Sekunda besucht hatte, wurde ich in Frankreich gnadenvoll in einem Gymnasium in die Terzia aufgenommen. Der Direktor begründete diese Rückstufung:  ‚Schweizer Schulen sind nicht gut‘. Nationalismus gibt es überall. Selbst bei Schuldirektoren.“ Aber dann hat es Pierre Adler dem verbohrten Proviseur doch gezeigt…   Insgesamt war es der 12. – und letzte- Schulwechsel: „Ich habe meine 12 Schuljahre in 13 verschiedenen Schulen, in 3 verschiedenen Ländern und in 3 verschiedenen Sprachen gemacht.“

Und dann kann er auch endlich Medizin studieren! Den Berufswunsch, Mediziner zu werden, hat der kleine Peter Adler sehr früh gefasst. „Im Alter von 4 Jahren. Da hab ich meinen Teddybär seziert. Und hab ihm seinen Brummer  herausgeholt und meiner Mutter gezeigt und gesagt: ‚Das war seine Gallenblase‘. Zur gleichen Zeit ist nämlich meiner Großmutter, die an fürchterlichen Gallenkoliken litt, die Gallenblase entfernt worden. Das hat mich sehr beeindruckt. Denn nach der Operation hatte sie keine Koliken mehr. Und da hab ich meinen  Bär operiert. Meine Mutter kam gerade dazu, als ich ihn zugenäht habe. Also, mit 4 Jahren hab ich das beschlossen. Und dann war und blieb der Wunsch konstant. Kein Lokomotivführer, kein Baggerfahrer, kein Trambahn- oder Autobusfahrer zwischendurch. Nichts. Arzt.“

Auf den Arzt Dr. Pierre Adler warten bald neue Herausforderungen: Er wird 1958 Gutachter in sogenannten „Wiedergutmachungs“-Verfahren, in denen es darum ging, jüdischen Verfolgten des Nazi-Regimes wenigstens eine kleine finanzielle Entschädigung für die ihnen zugefügten  Leiden und auch materiellen Verluste zukommen zu lassen –  Das Wort „Wiedergutmachung“ ist dafür ein peinlicher Euphemismus- passend zum Geist der 1950-er Jahre. Dr. Adler führte mit den  Betroffenen ausführliche Gespräche, die protokolliert wurden, und schrieb dann entsprechende Gutachten. Dabei wurde er von deutschen Sekretärinnen unterstützt, die zu diesem Zweck nach Paris kamen. Sie waren von den Aussagen der Betroffenen sehr erschüttert – umso mehr, als sie dabei oft zum ersten  Mal mit den Verbrechen der Nazis konfrontiert waren- auch das übrigens typisch für die 1950-er und beginnenden 1960-er Jahre.

Jetzt ist Dr. Adler mit der Herausforderung des Alters konfrontiert, aber auch die meistert er mit Bravour:  Mit 88 Jahren praktiziert er immer noch als Arzt!  Was für ein Leben!

Nach dem Ende des Interviews und bevor wir uns verabschiedeten, baten  wir Herrn Dr. Adler und seine Frau, uns doch ein kleines Wort in das Buch zu schreiben, das sie uns mitgebracht hatten: Sur les épaules de Darwin  von Jean Claude Ameisen.

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In diesem Buch geht es, so der Waschzettel, um eine Reise. „Eine Reise selbst zu treffen. Entdecken Sie, wie wir die Welt träumen und zu entschlüsseln. Auf der Suche nach unserem Gedächtnis, das Beharren auf uns von dem, was weg ist. „   Mir Scheint, Dass das auch für diesem“ emotionalen Abend „mit Herrn und Frau Adler passt.

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  1. Von Paris nach Frankfurt mit dem Besuchsprogramm der Stadt und zur Verlegung der Stolpersteine

Die Niederschrift des Interviews übermittelte Doris Stein an das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Gleichzeitig leitete sie die Aufnahme von Dr. Adler und seiner Frau in das Besuchsprogramm ein, das die Stadt Frankfurt jährlich für „jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern“ veranstaltet. Meine Kollegin hatte sich schon seit langem in diesem Programm engagiert und wir beide hatten früher auch schön öfters Teilnehmer/innen des Besuchsprogramms zum Gespräch mit Schüler/innen in unser Frankfurter Gymnasium eingeladen. Inzwischen hat sich der Adressatenkreis des Besuchsprogramms offenbar ausgeweitet bzw. auf die nachfolgenden Generationen verlagert: Das Anmeldungsformular bezieht sich jetzt ausschließlich auf Kinder und Enkel….  Umso schöner, dass  mit Dr. Adler und seiner Frau jetzt noch einmal ehemalige Frankfurter der ersten  Generation eingeladen sind und beide auch nach Frankfurt kommen wollten und konnten – schließlich auch noch in Begleitung der beiden Töchter.

Herr Dr. Adler hatte in dem Interview, das wir in Paris mit ihm führten,  auch auf Verwandte hingewiesen, die in Deutschland zurückgeblieben waren:  „Der Vater meines Vaters war noch in Deutschland. Er ist 1942 an einem Herzinfarkt gestorben. In seinem Bett. Und das war gut. Dann waren  da noch meine Urgroßmutter und ihr ältester Sohn. Die Urgroßmutter hatte 10 Kinder, davon sind mehrere schon im Kindesalter gestorben. Ihr ältester Sohn war Anwalt. Der hatte mit 3 Jahren Kinderlähmung, konnte sich also nur im Rollstuhl fortbewegen. Das hat ihn nicht daran gehindert, Anwalt zu werden. Die haben zum Schluss nicht mehr in Hanau, sondern in Frankfurt gewohnt.“

Damit bezieht er sich also auf Recha  und Dr. Leo Koref. Es war wieder Doris Stein, die die Installierung von Stolpersteinen für beide anregte, die die Verbindung zur Stolperstein-Initiative herstellte und uns vorschlug, zusammen mit ihr die Patenschaft für die beiden Stolpersteine zu übernehmen. Eine wunderbare Idee!

Am 20. Mai wurden vor dem Haus in der Frankfurter Westendstraße 98 die beiden Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref installiert, zwei von insgesamt 80, die in diesen Tagen in Frankfurt verlegt wurden. Die meisten  erinnern an jüdische Opfer, vier Stolpersteine wurden für Zwangsarbeiter, sechs für Zeugen Jehovas und zwei für Personen des Widerstandes verlegt. Insgesamt gibt es schon über 1000 solcher Steine in Frankfurt, die man auch Erinnerungssteine nennen könnte – ein Zeichen dafür, wie bedeutend die jüdische Gemeinde in Frankfurt einmal wie und wie groß das Engagement der Initiative Stolpersteine in Frankfurt ist.[4]

IMG_6739Doris Stein, Benno Jöckel, Dr. Adler und der Rabbi der Westend-Synagoge, der abschließend ein Gebet für Recha und Dr. Leo Koref sprach und sang

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Sehr schön, dass auch Corinne Adler, eine Tochter der Adlers, an der sehr bewegenden Zeremonie teilnehmen konnte. Einige Personen, die auch dabei waren, sind auf dem abschließenden Foto nicht abgebildet: Unter anderem ein 12-jähriger Junge aus dem Haus: Die Bewohner werden bei solchen Verlegungen vorher informiert und dazu eingeladen. Dass gerade eine Junge kam, der etwa so alt war wie Peter Adler, als er Deutschland verlassen musste, war sehr bewegend.

IMG_6748Und zum Schluss das Gruppenfoto: Von links nach rechts: Ellen Holz von der Stolperstein-Initiative, Doris Stein, Herr Dr. Adler, Dr. Wolf Jöckel, Corinne Adler,  Frau Adler und Frauke Jöckel

  1. Das Schicksal von Dr. Leo und Recha Koref

Wer waren nun Recha und Dr. Leo Koref, für die die Stolpersteine in der Westendstraße verlegt wurden?[5]

Leo Koref wurde am 30. Januar 1876 in Rawitsch in der damaligen preußischen Provinz Posen als Sohn des Rabbiners Dr. Markus Koref und seiner Frau Recha  geboren. Mit 4 Jahren erkrankte er an Kinderlähmung, die eine bleibende Beinlähmung und Gehbehinderung zur Folge hatte. 1884 zog die Familie nach Hanau um, wo Leos Vater das Rabbinat übernahm. Leo besuchte die Hohe Landesschule, die er 1894 mit dem Reifezeugnis verließ.

Hinter dieser sachlichen Aufzählung der ersten Stationen seines Lebens verbirgt sich allerdings eine unglaubliche und wohl ziemlich einzigartige Energieleistung. Aus den Erinnerungen des tschechischen Arztes Dr. Edmund Hadra,  der Dr. Koref im Konzentrationslager Theresienstadt traf, erfahren wir Einzelheiten: Der junge Leo sei wegen seiner Kinderlähmung nicht nur im Wachstum zurückgeblieben, sondern zunächst auch nicht in der Lage gewesen, die Schule zu besuchen. Sein Vater habe ihn zu Hause unterrichtet – aufgrund der Begabung des Jungen auch in allen humanistischen Disziplinen. So habe er schließlich –auf einem Rollstuhl gefahren und dann getragen- das humanistische Gymnasium absolvieren können, sogar als einer der besten Schüler. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sogar als primus omnium.“  Während des anschließenden Studiums der Rechtswissenschaften  habe der Vater, der sich in beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten befand, seinen Sohn nicht unterstützen  können. Er habe ihm am Beginn des Studiums 200 Mark gegeben mit der Aufforderung: „Sieh zu, wie weit du damit reichst; du weißt ja, ich habe nicht viel. Aber wenn du etwas brauchst, so schreibe eben.“ Leo habe von diesem Angebot aber nie Gebrauch gemacht, im Gegenteil: Nach dem ersten Semester habe er dem Vater die 200 Mark zurückgegeben: Durch Nachhilfestunden verdiene er das für das Studium erforderliche Geld…

Nach dem „mit Glanz“ abgeschlossenen Studium und der Promotion wurde Dr. Koref 1903 als Rechtsanwalt beim Landgericht Hanau zugelassen und 1920  zum Notar ernannt.

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Dr. Koref an seinem 50. Geburtstag  © Hanauer Geschichtsverein[6]

Der ehemalige Hanauer Kulturstadtrat Oskar Schenck würdigte Dr. Koref als einen ausgesprochen angesehenen Juristen, der sich „durch seine Aufgeschlossenheit, sein  faires Verhalten sowie seine Menschenfreundlichkeit eine ansehnliche Praxis geschaffen“ habe. „Seine Klienten waren  gut bei ihm aufgehoben. Er widmete  sich ihnen auch dann mit aller Kraft, wenn sie nicht in der Lage waren, die ihm zustehenden Anwaltsgebühren zu zahlen…. Bei den Hanauer Richtern erfreute er sich wegen seiner ausgezeichneten Schriftsätze und seines taktvollen honorigen Verhaltens in Prozessen großer Achtung und Wertschätzung.“

Dr. Hadra berichtet auch von den Reisen, die Dr. Koref trotz seiner massiven Behinderung unternommen hatte: In die Schweiz, nach Italien, ja selbst in die USA! „Es  war der Triumph des Geistes, des Willens, dem gegenüber es keinerlei Schwierigkeiten gibt“ – eine Einschätzung, die sicherlich auch für Dr. Adler gelten kann.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch die Entrechtung und Verfolgung der Familie Koref: Am 7.  Juni 1933 wurde Dr. Koref aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus seinem Amt als Notar entlassen, am 30. November 1938 wurde ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. In seiner Privatwohnung in der Corniceliusstraße 12 war er vom 1. November 1938 bis 31. März 1939 als Rechtskonsulent von Juden für die Landgerichtsbezirke Hanau und Marburg tätig. Am 13. November 1938 drangen mehrere maskierte Nationalsozialisten in den Abendstunden in die in der ersten Etage gelegene Wohnung ein. Sie bedrohten die Mutter mit einer Pistole und hielten  sie im Schlafzimmer fest.  Dr. Leo Koref traktierten sie mit Faustschlägen, zerschlugen eine Flasche auf seinem Kopf, zerbrachen seine Krücken, zerstörten und plünderten die Einrichtung, stahlen Schmuck, mehrere Tausend Reichsmark und eine Schreibmaschine, zerschnitten Teppiche und Polstermöbel. Trotz sofortiger Anzeige wurden die Täter nie ermittelt.

Dr. Koref wurde in das Jüdische Krankenhaus Frankfurt gebracht. Das Haus musste verkauft werden, die Mutter wurde zunächst in einem jüdischen Altersheim in der Gagernstraße in Frankfurt untergebracht. Am 1. April 1939 siedelte Dr. Leo Koref nach Frankfurt am Main in die Westendstraße 98 über. Dies war auch der letzte gemeinsame Wohnort von Dr. Leo Koref und seiner Mutter.  In Frankfurt wurde Dr.  Leo Koref zum  Abschluss  sogenannter „Heimeinkaufverträge“ gezwungen. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren. Für die Eltern musste Dr. Leo Koref einen „Heimeinkauf“ in Höhe von 3.200 Reichsmark, entrichten, für sich selbst 22.831 Reichsmark! „Heimeinkauf“ entrichten. Am 18. August 1942 wurde Dr. Leo Koref im Alter von 66 Jahren bei der siebten großen Deportation aus Frankfurt zusammen mit seiner 88-jährigen Mutter in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie getrennt wurden. „Er kam  gleich in die Krankenstube und die Mutter in ein Privatquartier. Ehe es ihm noch glücken konnte, die alte Frau aufzufinden, war sie schon den Strapazen der ersten  Tage in Theresienstadt erlegen. Vermutlich hatte sie es auch nicht ertragen können, auf dem nackten Fußboden, und ohne eine Decke zum Zudecken zu besitzen, die Nächte zu verbringen“.

Dabei weist Dr. Adler ausdrücklich darauf hin, dass seine Urgroßmutter, solange sie noch im Altersheim in der Gagernstraße wohnte und ihren Sohn in der Westendstraße besuchen wollte, die Distanz von genau 5 Kilometern  zu Fuß zurücklegte – zurücklegen musste, weil Juden öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen durften. Und dann musste sie auch noch die Treppen bis in den vierten Stock hinaufsteigen in die Wohnung ihres Sohnes: Da muss sie also trotz  ihrer 88 Jahre  noch ausgesprochen vital gewesen sein, als sie  nach Theresienstadt verschleppt wurde. Zwei Monate nach der Ankunft in Theresienstadt starb dann auch Dr. Leo Koref.[7]

  1. Gemeinsamer Besuch in Hanau

Während der Besuchswoche der Familie Adler durfte natürlich auch ein Besuch in Hanau nicht fehlen: Immerhin hatten dort Recha und Dr. Leo Koref bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt gewohnt und auch Ruth Adler stammt aus Hanau – aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der in Hanau das repräsentative Kaufhaus Berlizheimer  gehörte. Solche privaten Unternehmungen sind in dem allgemeinen Besuchsprogramm  natürlich nicht enthalten, sondern  müssen besonders organisiert  werden. Und da kam uns nun ein ganz besonderer Glücksfall zu Hilfe. Ich bin ja im Rahmen von „Parisien d’un jour“ – dem  Pariser Ableger der sogenannten „Greeters“, ehrenamtlicher Stadtführer in Paris. Und dabei hatte ich vor einiger Zeit ein deutsches Paar durch den  Faubourg St. Antoine geführt. Bei der Verabschiedung gab sich die Dame als Kollegin zu erkennen, nämlich auch als ehrenamtliche Stadtführerin, und zwar –ausgerechnet: in Hanau! Und sie lud mich ein, bei Gelegenheit doch einmal zu einer Stadtführung nach Hanau zu kommen. Als nun der Besuch der Familie  Adler in Frankfurt geplant wurde, erinnerte ich mich an diese Einladung, und Frau Schwabe und Herrn Kievel organisierten für die Adlers –inzwischen war auch die zweite  Tochter Marion aus Paris  angereist-  einen ganz intensiven Stadtausflug.

Engagiert hatten sie dafür auch noch den  Leiter des Fachbereichs Kultur, Herrn Martin Hoppe, und Herrn Dr. Eckhard Meise, den ausgewiesenen  Kenner des jüdischen Friedhofs[8], den  wir zunächst besuchten.

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Der jüdische Friedhof hat seine Ursprünge zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Er ist außerordentlich malerisch mit einer Fülle alter Grabsteine mit plastischen Hauszeichen.

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Nazi-Vandalen haben ihm zwar schwer zugesetzt, aber  ihn nicht in seiner Substanz zerstört.

An den Grabsteinen lässt sich auch die Assimilation der Hanauer Juden erkennen: Zunächst waren die Grabinschriften rein hebräisch gehalten, dann auf der Rückseite zusätzlich auch deutsch oder auf der Vorderseite hebräisch und deutsch, und schließlich nur noch auf Deutsch. Wie sehr sich die Juden integriert hatten, zeigen Gräber wie die von Frau Röschen, die als „Ehegattin des Justizraths Julius Hamburger“ präsentiert wird oder  das Grab der Familie Berberich: Für ihren kurz nach Kriegsausbruch 1914 gefallenen und  „in fremder Erde“ ruhenden Sohn Isidor lassen seine  Eltern eine Inschrift  anbringen, die mit den Worten beginnt: „Er starb den Heldentod…“. Wären Deutschland nationalsozialistische Herrschaft und Antisemitismus erspart geblieben, hätte eine Grabplatte Dr. Korefs auf dem Hanauer Friedhof sicherlich darauf hingewiesen, dass hier ein erfolgreicher und anerkannter Rechtsanwalt und Notar begraben ist- immerhin eine der angesehensten Positionen, die die bürgerliche Gesellschaft zu vergeben hat.

IMG_4950Corinne und Marion Adler, Frau und Herr Dr. Adler, Herr Dr. Meise                                            In der zweite Reihe unsere Hanauer Führer: Herr Kievel und halb verdeckt: Frau Schwabe

Besonders interessierten sich die Adlers natürlich für das Grabmal des Mordechai/Markus Koref, des Mannes von Recha Koref und Vaters von Dr.  Leo Koref.  Markus Koref war, erkennbar an den segnenden Priesterhänden auf dem Grabmal, Rabbiner zunächst in der damaligen preußischen Provinz Posen, dann in Hanau. 1833 als Sohn eines Rabbiners in Prag geboren, starb er im Februar 1900 in Hanau. Das Grabmal fällt auf durch seine exponierte Größe und Lage und unterstreicht damit die besondere Stellung der Korefs in Hanau.[9]

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Und mit Hilfe der dicken Monographie über den jüdischen Friedhof und von Herrn Hoppe fanden wir schließlich auch ein Grab der Familie Berlizheimer.

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Natürlich besuchten wir auch das Haus der Korefs in der Corniceliusstraße, das die Bombardierung Hanaus in den letzten Kriegstagen unbeschädigt überstanden hat.

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Frau Adler erzählte uns dabei auch, wie die alte Dame auf dem Balkon ihrer Wohnung im ersten Stock gestanden und die in der Nähe vorbeifahrende Straßenbahn abgepasst habe. Habe die sich genähert, habe Frau Koref mit einer Trillerpfeife signalisiert, dass sie in die Stadt fahren wolle und die Straßenbahn habe so lange gewartet, bis sie eingestiegen  sei.

IMG_6716                                               Portrait Recha Koref (Foto aus Familienbesitz)

Ein weiteres Ziel auf unserem  Stadtrundgang waren die Reste der früheren  Ghettomauer, die 1806,  in der „Franzosenzeit“, mit der Einführung des Code Civil geöffnet wurde.

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An der Mauer sind Erinnerungstafeln für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus angebracht, also auch für Recha und Dr. Leo Koref.[10]

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Und schließlich natürlich auch noch die Ecke Neustädter Markt/Hammerstraße, an der früher das Kaufhaus Berlizheimer stand, das der Familie von Frau Adler gehörte. In den letzten Kriegstagen wurde das repräsentative Gebäude aus dem 17. Jahrhundert völlig zerstört, der nichtssagende Neubau der Nachkriegszeit steht derzeit leer.

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Das Kaufhaus Berlizheimer am Marktplatz um 1900 (Foto aus Familienbesitz)

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Bericht aus der Hanau-Post vom 27.5.:  Auf den Spuren der Ahnen. . .
Besuch von Familie Adler aus Paris in Hanau

Mitglieder der Familien Adler und Koref aus Paris besuchten dieser Tage Hanau, um die Spur ihrer Ahnen aufzunehmen. Die Nachfahren von Rabbiner Markus Koref,   Rechtsanwalt Leo Koref und Familie Berlitzheimer, die bis zur Verfolgung im sogenannten Dritten Reich angesehene jüdische Bürger Hanaus waren und im Holocaust ermordet wurden, leben heute in Paris. In Hanau wurden sie von Dr. Eckhard Meise und Claudia Schwabe vom Hanauer Geschichtsverein zum Jüdischen Friedhof am Mühltorweg begleitet. Dort besuchten sie die Gräber ihrer Familien. Auch ein Besuch der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer am Freiheitsplatz stand auf dem Programm.

Martin Hoppe, Fachbereichsleiter Kultur, erläuterte den Gästen das Denkmal für den jüdischen Künstler Moritz Daniel Oppenheim. „Moritz und das tanzende Bild“ fand besonderes Gefallen bei Ruth Adler, geborene Berlitzheimer, die selbst als Bildhauerin tätig ist. Eine Visite im Museum Großauheim mit den Tierplastiken von August Gaul war demnach ein besonderer Wunsch, der leicht erfüllt werden konnte. Ihr Mann Dr. med. Peter Adler, Neffe von Korefs, praktiziert mit beinahe 90 Jahren noch heute. Die Töchter Corinne und Marion sind als Hebamme und Ärztin ebenfalls in Paris tätig.

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Familie Adler am Oppenheim-Denkmal während der Stadtführung mit Claudia Schwabe und Martin Hoppe.
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Zum Abschluss dieses ereignisreichen Hanau-Tages besuchten wir dann auf Wunsch von Frau Adler die dem aus Großauheim stammenden Bildhauer August Gaul gewidmete Abteilung des Museums Hanau- Großauheim. Gaul war, wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr,  ein Tierbildhauer „im Übergang vom Historismus zur Moderne“. Mit Max Liebermann und Käthe Kollwitz war er auch Gründungsmitglied der Berliner Secession, die sich „gegen den vorherrschenden akademischen Kunstbetrieb“ wandte (Wikipedia). Mit seinen Tierplastiken wurde er so bekannt, dass er eine davon sogar auf der Pariser Weltausstellung von 1900 zeigen konnte.

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Frau Adler, die als Bildhauerin auch Tierplastiken herstellt, war jedenfalls eine sehr aufmerksame und begeisterte Betrachterin der ausgestellten  Werke Gauls. Und wir Anderen waren froh, ihn auf diese Weise kennenzulernen.

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Ruth Adler: Taureau (2007/2008) acier soudé

zu Frau Adler: http://www.commanderiedelavilledieu.agglo-sqy.fr/les-artistes/residant/ruth-adler/

 

Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt

Das Programm der Stadt Frankfurt für die Besuchswoche war außerordentlich vollgepackt – Stadtrundfahrt, Empfang der Stadt im Palmengarten, Vorstellung des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“, Besuch des Museums Judengasse , der Ausstellung im Ostend-Bunker, des alten jüdischen Friedhofs, der Westend-Synagoge, des Anne Frank- Zentrums, des Philanthropin….. abschließender Empfang mit Abendessen im Kaisersaal des Römers…

Umso schöner, dass Herr Dr. Adler und seine Frau trotzdem noch bereit waren zu einem Gespräch mit Schüler/innen und Schülern der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt, der früheren Schule von Doris Stein und mir. Aber dass Dr. Adler bereit ist, seine Erfahrungen und Erlebnisse auch an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, zeigt der Bericht von drei Schweizer Schülerinnen über ein Gespräch, das sie mit Pierre Adler führten. Unter dem  Titel „Am Kopf der Deportationsliste“  wurde er am 15. März 1999 auf der Seite „Jugend schreibt“ von der FAZ veröffentlicht.

An dem Gespräch nahmen etwa 30 Schülerinnen und Schüler von zwei Ethik-Kursen der Jahrgangsstufen 9 und 11 mit ihrer Lehrerin, Frau Catherine Janssen, teil. Die Gruppe hatte sich sehr intensiv auf das Gespräch vorbereitet. Die Schülerinnen und Schüler wussten schon einiges vom Lebensweg Dr. Adlers und konnten deshalb sehr gezielt Fragen stellen, so dass man viele interessante biographischen Details erfuhr. Die Schülerinnen waren außerordentlich konzentriert und interessiert und Dr. Adler beantwortete alle Fragen sehr offen, auch wenn es dabei um persönliche Einstellungen und Gefühle ging.

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Eine kleine Auswahl:

  • 1945 nach Kriegsende habe er die Schweiz verlassen müssen. Er sei nach Frankreich zurückgekehrt, vor allem, weil er in Deutschland keine Angehörigen mehr hatte. Allerdings habe er das Glück gehabt, dass keine nahen Verwandten von den Nazis umgebracht worden seien. Frankreich sei aber, aufgrund des Antisemitismus der Vichy-Regierung des Marschalls Pétain, kein idealer Ort für eine Emigration gewesen.
  • Er sei nach dem Krieg in seiner Funktion als Lufthansa-Arzt öfters in Deutschland gewesen. Außerdem habe er mit seiner Frau mehrfach Installationen des mit ihnen befreundeten israelischen Künstlers Dany Karavan in Deutschland besucht, z.B. in Berlin das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma oder die Straße der Menschenrechte in Nürnberg. Es sei ihm jedenfalls wichtig gewesen, die Verbindung nach Deutschland lebendig zu halten.
  • Er habe sich schon im Krieg Gedanken über die Zukunft Deutschlands gemacht und dazu in der Schweiz eine Veranstaltung für eine zionistische Jugendgruppe organisiert. Er sei immer überzeugt gewesen, dass man nicht die ganze deutsche Bevölkerung verurteilen könne und schon gar nicht die nachfolgenden Generationen. Da gebe es keine Schuld.
  • Deutschland habe sich vorbildlich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und Schlüsse daraus gezogen- im Gegensatz zu Österreich, das diese Auseinandersetzung umgehe, indem es sich fälschlicherweise als Opfer des Nationalsozialismus verstehe.

Deutschland ist seiner Auffassung nach sogar „die solideste Demokratie in Europa“.

  • Er fühle sich „eigentlich nirgendwo zu Hause“, obwohl er ja seit langem Franzose sei. „Irgendwo gehöre ich doch nicht ganz dazu“. Es gebe „eine kleine Differenz“, eine „Entwurzelung, die nicht wiedergutzumachen ist“.

Die Frage, wo sich Dr. Adler denn nun zu Hause fühle, hatte für die Schülerinnen und Schüler wohl eine ganz besondere Bedeutung. Denn die meisten  von ihnen haben, wie eine Vorstellungsrunde am Schluss deutlich machte, ihre Wurzeln nicht in Deutschland: Sie selbst, ein Elternteil oder auch beide Eltern stammen aus vielen verschiedenen Ländern: Albanien, Frankreich, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Marokko, Montenegro, Nepal, Russland, Ungarn, Ukraine, Türkei…. Auch einige jüdische  Schüler waren dabei. Sicherlich wird es vielfältige Gründe geben, warum die Eltern ihre Heimat verlassen haben: In vielen Fällen wird es kaum ganz freiwillig gewesen sein und die Frage, wie sehr sie sich in der neuen  Heimat zu Hause fühlen, wird sich auch für viele dieser Schülerinnen und Schüler stellen.

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Insofern war das  ein die Generationen verbindender Abschluss dieser Stolperstein-Woche, wie er besser nicht hätte sein können.

Nachtrag November 2017

Am 9. November 2017, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wurde im Justizzentrum Hanau von der Präsidentin des Landgerichts, Susanne Wetzel, und dem Oberbürgermeister der Stadt, Claus Kaminsky, eine Plakette feierlich enthüllt „in Erinnerung an die während der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 verfolgten, entrechteten, vertriebenen, ermordeten jüdischen Juristen in Hanau“. (11)

Aufgeführt sind insgesamt 11 jüdische Juristen, die meisten von ihnen geboren in Hanau bzw. der näheren Umgegung der Stadt, alles angesehen Persönlichkeiten. Einer von ihnen, Dr. Felix Lesser, wurde nach dem Krieg erster Präsident des Hessischen Staatsgerichtshofes. Die Daten und die Orte, wann und wo sie verstorben, umgebracht oder umgekommen sind, lassen ein wenig die Schicksale dieser Menschen und ihrer Familien erahnen: Frankfurt, Wiesbaden, London, New York, Guatemala, Tel Aviv, Ghetto Lodz, Ghetto Theresienstadt, Vernichtungslager Auschwitz.

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Zweiter von links der Hanauer Oberbürgermeister, in der Mitte  zwei aus London angereiste Enkelinnen des Rechtsanwalts Dr. Ernst Julius Nelkenstock. Er konnte nach England emigrieren, dort aber nicht weiter als Jurist arbeiten, so dass er seine Familie als Metzger ernährte. Rechts das Ehepaar Dr.  Adler mit Tochter Marion. 

Einer der auf der Tafel verzeichneten  Juristen ist Dr. Leo Koref, für den 2016 ein Stolperstein in der Frankfurter Westendstraße gesetzt wurde.

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Deshalb waren auch Herr Dr. Adler und seine Frau aus Paris eingeladen worden, an der feierlichen Enthüllung der Tafel und außerdem einer – unter anderem von Schülern gestalteten- abendlichen Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht teilzunehmen.

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In einem Presse-Bericht des Hanauer Anzeigers vom 10.11.2017 wurde „der 90-jährige vitale, in Paris noch immer praktizierende Arzt“ Dr. Adler mit den Worten zitiert:

Die Enthüllung der Gedenktafel zeigt mir, dass ich Recht habe. Man kann den Deutschen keine Volksschuld anlasten.“  Gedenkveranstaltungen wie die im Landgericht mit dem Wunsch, die Erinnerung an das geschehene Unrecht wachzuhalten, sprächen ein deutliche Sprache.

Die Erinnerung wachzuhalten gehört in der Tat, das betonte auch die Gerichtspräsidentin in ihrer Ansprache, zu der Verantwortung der nachfolgenden Generationen, gerade auch im Blick auf  Gegenwart und Zukunft. Die Enthüllung der Gedenktafel im Justizzentrum Hanau war ein sehr eindrucksvolles Zeichen dafür, dass diese Verantwortung nicht nur beschworen, sondern mit Leben erfüllt wird.

Anmerkungen

(1) Zitat aus: Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Gunter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreitßen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ, 25.1.2018, S. 12. Zu den Stolpersteinen im Frankfurter Westend siehe auch den Blog-Beitrag vom 18.12.2016 : Stolpersteine in Frankfurt am  Main- Eine Buchempfehlung,

In München gibt es einen 2015 auf Betreibung der dortigen jüdischen Gemeinde gefassten Beschluss des Stadtrats von 2004, die Installierung von Stolpersteinen zu verbieten. Sie seien keine würdige Form des Gedenkens. Die Jerusalemer Kunsthistorikern Noga-Banai sieht das in dem o.g. Beitrag auf der Grundlage von  -wie ich meine sehr überzeugenden Argumenten- ganz anders.

Noch eine Empfehlung zum Thema Stolpersteine  (September 2019):

Es gibt dazu jetzt nämlich (für mich ganz überraschend)  ein beeindruckendes Lied von Trettmann, einem deutschen Rapper, zu diesem Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=ErAeAJhOgG4

Dazu ein Kommentar aus dem Internet:

„Endlich mal ein STAR aus der Rapszene, der öffentlich an den Holocaust erinnert“.

[1a]   http://www.juedisches-leben-frankurt.de/

Hans Riebsamen: Biographien aus der Nachbarschaft. In: Rhein-Main-Zeitung der FAZ vom 20.12.2014

[2] Grundlage sind vor allem das Transkript der Aufzeichnung des Gesprächs mit Dr. Adler und seiner Frau am 9.6.2015 sowie die Aufzeichnung eines Beitrags von Dr. Adler zu einer Konferenz im Memorial de la Shoah in Paris zum Thema: Erinnerungen an die Kristallnacht aus dem Jahr 2009.

In der Serie „Jugend schreibt – Zeitung in der Schule mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gibt es auch einen sehr schönen Bericht von drei Schülerinnen, die 1999 Dr. Adler in Paris interviewt haben.:

Christine Kaeser, Mirija Lagerström, Natalie Ortner: Am Kopf der Deportationsliste. FAZ vom 15. März 1999, S. 54

[3] Über seine Zeit in der Schweiz berichtete Dr. Adler auch in einem Artikel in der Neuen  Züricher Zeitung vom 13.2.1997: „Ich vergesse Euch alle nicht“. Als Flüchtlingskind während der Kriegsjahre in der Schweiz.

Dies ist auch die Überschrift des sehr intensiv recherchierten Artikels von Doris Stein über Dr. Adleer für das Projekt jüdischen Lebens in Frankfurt am Main: http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-a-f/pierre-adler.html

[4] Zur Initiative: www.stolpersteine-frankfurt.de

2016 veröffentlichte die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main  ein Buch mit 10 Stolperstein- Rundgängen in Frankfurt am Main. Siehe die Buchempfehlung in diesem Blog: https://paris-blog.org/2016/12/18/stolpersteine-in-frankfurt-am-main-eine-buchempfehlung/

[5] Ich beziehe mich im Folgenden vor allem auf: Martin Hoppe und Monika Rademacher, Eine bedeutende Fotoschenkung- Dr. Leo Koref im Bild. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2012, S. 251-262 (Dort sind auch die Erinnerungen von Dr. Hadra wiedergeben)

[6] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[7] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[8] Eckhard Meise: Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Hanau. In: Der jüdische Friedhof in Hanau. Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXI./Hanauer Geschichtsblätter Bd 42. Hanau/Wiesbaden 2005, S. 23 – 187

[9] Bild und Grabinschrift –mit deutscher Übersetzung- in: Der jüdische Friedhof in Hanau, S. 418/419. Siehe auch zu den Lebensdaten: S. 543

[10] Reden zur Einweihung der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer  und Liste der aus Hanau Deportierten in: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2011, S. 181-212 und:

http://www.hanau.de/lih/portrait/geschichte/33/065585/index.html

http://www.hanau.de/mam/cms01/lih/portrait/geschichte/dokumente/opferliste-inet.pdf

(11) Die Enthüllung der Gedenktafel  für die „Hanauer jüdischen Juristen in der Zeit des Dritten Reichs“ ist Ausgangspunkt und Anlass für einen entsprechenden Aufsatz von Gerhard Lüdecke, in dem auch auf Dr. jur. Leo Koref eingegangen wird: Gerhard Lüdecke, Hanauer jüdische Juristen in der Zeit des Dritten Reichs. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2018, S.206- 252

Verdun 1916 – 2016: die neue Gedenkstätte/le nouveau mémorial

Im Februar dieses Jahres wurde – zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun das neu gestaltete  Museum eröffnet. Die offizielle Eröffnung findet am 29. Mai In Anwesenheit von Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel statt. Wir haben  es uns angesehen. Es gibt Bilder und  Eindrücke von unserem Besuch und dazu  einen Beitrag über das neue Mémorial aus dem Deutschland-Radio.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun veröffentlichte die Zeitung  Libération  einen Leitartikel ihres Chefredakteurs Laurent Joffrin:  „Verdun, le crime nationaliste“ – „Verdun, das  nationalistische Verbrechen“. Ich finde diesen Text ganz hervorragend, unter anderem,  weil er die einzig richtigen Konsequenzen aus dem damaligen Gemetzel zieht: nämlich die unbedingte Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Leider muss und kann man diese  Wahrheit ja derzeit gar nicht oft und intensiv genug verbreiten

Ich habe schließlich noch ein  kleines Referat angefügt, das ich im Mai 2014 auf einer Veranstaltung in Paris gehalten  habe, auf der es um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ersten  Weltkriegs in Deutschland und Frankreich ging.

Die regards croisés sur la première guerre mondiale, aber nicht nur über ihn, sind ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das auch 100 Jahre nach Verdun wieder besondere Aktualität hat. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die gleichzeitig in Deutschland und Frankreich publizierten Bücher eines bewährten deutsch-französischen Autorentandems zum 100. Jahrestag von Verdun:

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Die Texte dieses Beitrags sind zum Teil in deutscher, zum Teil in französischer Sprache geschrieben. Das passt meines Erachtens gut zu einem solchen lieu de mémoire franco-allemande.

(21. Mai 2016)

 

Das neue Memorial von Verdun       

                                                                                                                                                              Am 29. Mai 2016 wurde  anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Verdun das neu gestaltete Mémorial von Staatspräsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel  offiziell eröffnet. Die Schlacht von Verdun war keinen Falls die blutigste des Ersten  Weltkrieges- An der Somme im Norden Frankreichs starben allein auf alliierter Seite 620 000 Soldaten (vor allem Briten) – in Verdun starben weniger Menschen: etwa 160 000 Franzosen und 143 000 Deutsche, und sie starben –auch nach Maßstäben des militärischen Kalküls- einen sinnlosen Tod: Der Frontverlauf vor und nach der Schlacht war fast unverändert.  Aber Verdun ist für die Franzosen ein Mythos: des heldenhaften Soldaten, des poilu,  der sein Vaterland verteidigt, und seien die Opfer auch noch so groß. Und nirgends sonst war der Schrecken der Materialschlachten, der „Stahlgewitter“, so ungeheuerlich wie in Verdun: Das kleine Bauerndorf Fleury im Festungsgürtel von Verdun wurde mit Bomben einer Sprengkraft beschossen, die der von zehn Atombomben entsprechen. Und es wurde 16 Mal –von der einen oder anderen Seite- hin und her- erobert![1]

Verdun ist aber auch ein markanter Ort der deutsch-französischen Freundschaft, der Versöhnung der sogenannten „Erbfeinde“. In Verdun reichten sich 1984 François Mitterand und Helmut Kohl die Hand – eine wunderbare symbolische Geste, ähnlich der des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Und kein Ort wäre dazu besser geeignet gewesen als Verdun: In dem Ossuaire von Douaumont liegen die Gebeine von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Eine Trennung der Nationalitäten wie auf den Soldatenfriedhöfen der Normandie aus dem zweiten Weltkrieg war hier vielfach nicht mehr möglich. Auch wenn das eindrucksvolle Beinhaus von Douaumont dem Andenken und der Erhöhung der französischen Gefallenen gewidmet war: Der Blick durch die verstaubten Fensterchen ins Innere, in das Gewirr der zusammengeworfenen Knochen, zeigt: Im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich und vereint.

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Blick auf das Beinhaus von Douaumont von der Dachterrasse des Mémorial

Die neue Konzeption des Mémorial macht das deutlich. Es ist nicht mehr –wie bisher- ein patriotischer“ lieu franco-français“, sondern er versteht sich als „lieu de mémoire franco-allemand“ (Lorrain). Dass Merkel und Hollande gemeinsam dieses neue Mémorial eröffnen, ist also nur konsequent. Ebenso, dass an dieser Einweihungsfeier auch 4000 deutsche und französische Jugendliche aus allen Départements und Bundesländern teilnehmen werden. Und es wird auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra  dabei sein, in dem junge Musiker aus der nahöstlichen Konfliktregion gemeinsam musizieren. Ein starkes Symbol – und Ausdruck der Hoffnung, dass so, wie die Versöhnung der „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland möglich war, in Zukunft auch einmal Israel und Palästina, Juden und Moslems, friedlich neben- und miteinander werden leben können- auch wenn das derzeit kaum noch vorstellbar ist.   

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Der neue Eingang des Mémorial- neben dem Geschütz im Kellergeschoss

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Der frühere monumentale Eingang des Mémorial

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Nicht nur im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich:  Auch „im Feld“. Das wird in der Ausstellung vielfach veranschaulicht. Etwa am Beispiel der Verpflegung durch die  Feldküchen, von denen eine französische und eine deutsche (im Bild) ausgestellt sind.

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Und dazu gibt es einen typischen Wochenspeiseplan für beide Seiten:

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Montags:

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Mittwochs:

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Freitags:

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In dem Mémorial wird auch versucht, akustisch und visuell die Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. Man sieht auf dem virtuellen Schlachtfeld Soldaten beim Sturmangriff, man hört die Explosionen der Granaten und die Schreie der Verwundeten.

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Ich weiß allerdings nicht, ob das heutige Jugendliche mit virtuellen Kriegsspiel-Erfahrungen noch beeindrucken kann. Vielleicht hätte man ihnen –und uns- Bilder der verstümmelten Gesichter von Soldaten nicht ersparen  sollen, die die Hölle von Verdun als Krüppel  überlebt haben. Damit haben Pazifisten in der Weimarer Republik ja schon einmal versucht, ihrem Ruf „Nie wieder Krieg!“ mehr Resonanz zu verleihen– damals allerdings vergeblich.[3]

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Sehr eindrucksvoll sind allerdings die ausliegenden Blätter mit Zeugnissen französischer und deutscher Soldaten: Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen, die in Französisch, Deutsch und Englisch wiedergegeben sind.

Einige Beispiele:

Lieutenant J.-P. (France 1916): „Le bombardement dans les journées du 25 et du 26 février, a atteint une violence qui a dépasée peut-1etre celle des plus mauvais jours. Le front d’attaque s’était, en effet, rétréci; toute la force de l’artillerie ennemie pouvais se porter sur l’obstacle restreint dont elle voulait triompher: le fort de  Douaumont d’abord, puis le village de Douaumont. Les obus tombent, tombent, les tranchées s’effondrent, les cadavres s’entassent, le tumulte des éclatements martèle les cerveaux, le sol bout, le ciel se disloque. Qui pourra jamais fixer sur la plaque photographique le tourbillon des pensées, des craintes, des espoirs fous, des terreurs, des regrets, des projets, des détresses dans le cerveau du dondamné coduit à l’échafaud? Ce martyre de quelques minutes, multipliez-le par des heures, multipliez-le  par des jours, et vous aurez une idée de ce que fut la vie  des défenseurs de Douaumont sous cette artillerie saisie de delirium tremens.“

 

8. April 1916 (Unbekannter Oberleutnant aus Deutschland. Getötet am nächsten Tag):„Meine liebe Schwester, mein lieber Schwager, ich bin bei guter Gesundheit, auch wenn ich vor Müdigkeit und Schrecken halb tot bin. Ich kann Euch nicht alles beschreiben, was ich hier erlebt habe, es überstieg bei weitem alles, was bisher passiert war. In drei Tagen hat die Kompanie mehr als hundert Mann verloren. Und viele Male habe ich nicht gewusst, ob ich noch am Leben oder bereits tot bin. Und wir sind noch nicht beim Feind angekommen, doch wir gehen morgen hin, und dies ist keine einfache Sache. Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Euch wiederzusehen…. Ich habe Euer Paket erhalte, wie ich Euch bereits per Postkarte geschrieben habe, und ich habe den Inhalt sofort verzehrt, denn ich wusste nicht, ob ich es später noch tun könnte. Ich habe meinen Sold nach Hause geschickt, denn hier findet man nichts mehr zu kaufen.“

 

Karl Fritz 16. August 1916: Liebe Eltern, liebe Schwester, am 2. haben wir in Saint-Laurent das Alarmsignal gehört. Man hat uns mir Fahrzeugen abgeholt und uns zu einem Ort gebracht, der nur einige Kilometer von der Front von Verdun entfernt war. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, was wir dort gesehen  haben. Wir befanden uns am  Ortsausgang von Fleury…. Wir haben 3 Tage in Granattrichtern liegend verbracht, dem Tod ins Auge gesehen, ihn in jedem Augenblick erwartet. Und dies ohne einen einzigen  Tropfen Wasser zum Trinken und in einem furchtbaren  Leichengestank Eine Granate bedeckt die Leichen mit Erde, eine andere gräbt sie wieder aus. Wenn man sich einen Unterstand graben will, stößt man sofort auf die Toten. …

 

Henri Tourbier (France) Extraits de ses souvenirs. Novembre 1916: „La boue, ah! Cette boue liquide! Dans les boyaux, on en avait parfoir jusqu’aux mollets. Pour s’en protéger, si l’on peut dire, on avait des espèces de bottes, en toile bitumée et semelles de bois qu’on mettait en plus des souliers. Un matin, au sortir du boyau dans lequel on évitait de glisser en jouant des coudes sur les parois, sur le plat sans appui, je mes suis étalé à plat ventre et transformé en homme de boue.

J’allais oublier les rats. Gros comme des lapins, ils couraient entre les lignes. Lors d’un cantonnement, dans un baraquement, nous couchions sur des treillages en fil de fer qui nous séparaient du sol. Les rats pullulaient. Ils vous passaient sur le corps la nuit, on se cachait la figure sous sa couverture pour s’en  protéger. On suspendait les boules de pain par des ficelles attachées aux poutres supérieures. Les rats essayaient d’atteindre les pains en desendant le long des ficelles, mais presque  toujours, ils tombaient sur le  ventre des dormeurs et s’enfuyaient…

(PS: Weitere sehr eindrucksvolle kurze Erfahrungsberichte von deutschen und französischen Verdun-Kämpfern: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-schlacht-um-verdun-erster-weltkrieg-so-furchtbar-kann-nicht-einmal-die-hoelle-sein-1.2839558-7)

 Welche Diskrepanz zu der auf beiden Seiten weit verbreiteten anfänglichen Kriegsbegeisterung, wie sie von Bildern ausrückender Truppen veranschaulicht wird:

waggon Mir juckt die  säbelspitze

2939890435_1_19 A Berlin

Aber die Hoffnung auf einen kurzen erfolgreichen Krieg hat sich nicht nur im Ersten Weltkrieg als Illusion erwiesen. Beispiele dafür liefert die Geschichte in Fülle – bis auf unsere heutige Zeit….


Drei  deutsch-französische Texte zum Thema

1. Gedenken in neuem Kleid:

Wiedereröffnung des Mémorial von Verdun

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent Paris[2]

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun, die zum Symbol des Massentötens im ersten Weltkrieg wurde. 1969 wurde die Gedenkstätte, das „mémorial“, auf Initiative der Veteranen gegründet. Nun ist das Museum restauriert, erweitert und umgebaut worden.

In modernem Gewand kommt das neue „Mémorial de Verdun“ daher – sein monumentaler, auf Wunsch der Veteranen 1967 errichteter  Vorgängerbau  war vor allem Gedenkstätte gewesen – nicht zum Andenken an „die Gefallenen“, sondern zum Andenken an die gefallenen Franzosen, von einer „nationalen Weihestätte“ zu sprechen, ist nicht übertrieben. Thierry Hubscher, der Direktor des „Mémorial de Verdun“:

„In Verdun haben ungefähr drei Viertel der französischen Truppen gekämpft… Diese Schlacht hat sich bei allen Familien eingeschrieben, jeder hat irgendwie in Verdun gekämpft. Und: Verdun war im 1. Weltkrieg die erste… industrielle Schlacht.“

Materialschlacht, Stellungskrieg, von exzessiver Gewalt, unglaublicher Brutalität und dabei militärisch, schaut man auf das Ergebnis: sinnlos. 310.000 Tote  – schätzt man –  167.000 auf der französischen, 143.000 auf der deutschen Seite, etwa 400.000 Verwundete, insgesamt wurden fast vier Millionen Soldaten in die Schlacht geschickt.

Vieles erhalten, Entscheidendes verändert

 Verdun – ein mythischer Ort für Frankreich – umso mutiger die Entscheidung, den alten Bau zugunsten eines neuen fast völlig verschwinden zu lassen. Im Inneren blieben nur die Betonkonstruktion und der Haupteingang stehen, letzteren ließ das Architektenbüro Brochet-Lajus-Pueyo in einem Erdwall verschwinden: man betritt das Mémorial von unten, wie durch einen Schützengraben, darüber, den Umriss des Vorgängerbaus aufgreifend, ein gläserner Neubau. Man habe, so Thierry Hubscher, den Geist des Mémorial von 1967  unbedingt erhalten wollen – wenn auch etwas Entscheidendes sich geändert habe:

„Das Mémorial war und bleibt ein Ort, dafür bestimmt, der Kämpfer von Verdun zu gedenken. Aber wir sprechen heute von den Kriegsteilnehmern, den Kämpfern von Verdun, es ist egal, welcher Nationalität sie waren. Das ist der rote Faden: „die“ Kämpfenden von Verdun. Und insofern ist das Mémorial von heute auch ein Instrument, um die Schlacht von Verdun darzustellen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, Verdun ist Geschichte geworden  – und also ist es wichtig, der jungen Generation die Schlacht von Verdun zu erklären und zwar mit Mitteln, die sie auch verstehen.“

Die Ausstellungsräume der Szenographen Christian Le Conte und Geneviève Noirot sind schwarz gehalten:

„Man muss die Einzelheiten herausstellen, um ein Nachdenken zu ermöglichen, ein gutes, ruhiges Lesen; man muss mit den Objekte Gruppen bilden, da ist alles französisch, hier ist alles deutsch – um so einen Blick zu ermöglichen auf die eine, wie auf die andere Seite – und so eben auch: einen Parcours durch das Ganze zu schaffen.“

Man folgt den Schritten der Kämpfenden – Granatsplitter, Menschenknochen,  Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Alltagsgegenstände. Erst Uniformen und Gewehre, dann Geschütze, deutsche wie französische, ebenso: Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer – die Schlacht wird „industrieller“:  im Zentrum des Gebäudes: eine von Schaukästen eingefasste 3D-Karte des Schlachtfeldes, Fotos kämpfender  Soldaten mosaikartig auf Bildschirmen, Filme. Im ersten Stock wird das Hinterland der Schlacht erfahrbar gemacht. Fotos, Dokumente, Schautafeln: Der Alltag des Führungsstabes, Grundzüge der Gefechtsführung, die Arbeit der Ärzte in den Lazaretten, das Leben der Zivilisten, die schwierige Kommunikation, die mühsame Nachschubbeschaffung. Leihgaben kommen auch aus deutschen Museen; wahrlich beeindruckend dieses Mémorial de Verdun: eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Im zweiten Stock dann steht man ganz oben und sieht rundherum: das Schlachtfeld – einhundert Jahre danach, hügelig, bewaldet, unendlich groß.


2. Leitartikel von Libération vom 21.2.2016

Laurent Joffrin:  Verdun, le crime nationaliste

Témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû, c’est rappeler les dangers du souverainisme et la nécessité de continuer à construire une Europe unie.

ÉDITO  Verdun ? Le symbole même de l’absurdité de la guerre ! Trois cents jours de bataille, quelque 300 000 morts, des souffrances sans nom et une débauche d’héroïsme pour revenir, un an plus tard, aux mêmes positions, dans une boue de terre, de sang et d’ossements. En Allemagne et en France, on célèbre le centenaire d’un carnage aberrant, né de la sanglante folie des hommes, décuplée par la puissance meurtrière de l’industrie. Pourtant, cette lecture édifiante ne suffit pas. A beaucoup d’égards, elle est même trompeuse et peut endormir une vigilance politique dont nous avons plus que jamais besoin.

D’abord parce que l’invocation de la simple folie n’épuise en rien les explications du massacre. Les soldats qui sont morts à Verdun n’étaient pas des fous, pas plus que les généraux qui les ont conduits à l’abattoir dans le fracas des canons et le crépitement des mitrailleuses. Les historiens ont longuement analysé la motivation des combattants. Ils ont écarté les interprétations bien-pensantes, de droite ou de gauche. Les poilus de Verdun, pas plus que les «Feldgrau» allemands, ne sont pas allés se faire tuer dans l’enthousiasme patriotique qu’on a décrit. Mais leur courage sous le feu n’est pas seulement né de la contrainte imposée par des ganaches ivres de gloire et de revanche. Le sacrifice a été largement consenti, comme un devoir civique qu’on estimait légitime et inévitable, sans joie mais sans colère. Ni fanatiques ni simples marionnettes… Les «mutins» eux-mêmes, justement réhabilités par Lionel Jospin, Jacques Chirac et François Hollande, n’étaient ni des lâches, ni des déserteurs, ni des objecteurs de conscience. Ils refusaient de monter à l’assaut pour rien. Mais ils ne fuyaient pas le champ de bataille.

Et surtout, tous ces soldats sacrifiés pensaient se battre pour un idéal. Les Français se croyaient engagés dans une «guerre du droit» que les exactions allemandes du début de la guerre semblaient justifier ; les Allemands étaient mus par la peur de l’encerclement que l’alliance franco-russe avait matérialisée. Des deux côtés, la cause semblait juste. Pour ces raisons, les combattants de Verdun méritent le respect dû au sacrifice, et non la commisération désinvolte accordée aux victimes ou aux simples d’esprit.

Un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie

L’affaire, en fait, est bien plus politique. Verdun, comme la Somme ou le Chemin des Dames, n’est pas né de la folie mais de l’idéologie. Verdun, c’est le paroxysme infernal du nationalisme. La montée en puissance des Etats-nations, qu’aucune sagesse internationale n’a réussi à dompter au XIXsiècle, a créé le nationalisme, le militarisme, la volonté de conquérir, la domination de la raison d’Etat sur les droits universels, la paranoïa des gouvernants qui pensent que l’ennemi veut les détruire à la première occasion, parce qu’ils remuent envers lui des pensées analogues. La peur de Poincaré et des généraux russes face à la puissance allemande a pour pendant la panique de Guillaume II ou des généraux autrichiens devant l’impérialisme russe ou l’esprit de revanche des Français. Ces logiques sont irrésistibles, comme le montre le formidable livre de Christopher Clark (1). Volontaires ou non, conscients ou irresponsables, les leaders européens ont conduit comme des somnambules le continent à l’abîme, ruinant des nations entières, tuant des millions d’hommes et de femmes, brutalisant les sociétés modernes, annonçant d’autres carnages de masse, faisant naître dans la convulsion les deux totalitarismes, nazi et stalinien, qui ont ensanglanté le XXe siècle.

Or, on n’a trouvé qu’un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie, qui écarte pour des générations le spectre de la guerre. Cette Europe même qui se défait aujourd’hui sous la poussée des souverainistes, impuissante devant la crise migratoire, incapable de rassurer les peuples et de contenir l’effrayante renaissance des fanatismes identitaires. On dira que nous sommes loin d’un conflit armé, que les populismes européens ne sont pas militarisés, qu’aucune volonté de conquête n’anime les sociétés européennes. On dira en un mot que nul ne songe à se battre. C’est faire preuve d’un aveuglement stupide. L’Histoire, dont la cruauté éclate à Verdun comme dans tant de lieux, montre qu’une fois le diable nationaliste sorti de sa boîte, il n’y rentre pas sans de grands massacres. On croit la paix établie, on vit dans l’oubli de la guerre. Pourtant, sous nos yeux, à quelques centaines de kilomètres de Paris, le nationalisme soudain ressuscité par la chute du communisme a ravagé les Balkans il y a vingt ans et il a déclenché une guerre en Ukraine qui est toujours en cours. La guerre impossible ? Dangereuse naïveté à l’échelle de l’Histoire ! C’est donc une irresponsabilité insigne que de laisser dépérir l’idéal européen sous prétexte de difficultés transitoires à l’échelle du temps long, comme les migrations ou la crise de l’euro. Le souverainisme est criminel. Il faut le rappeler inlassablement : l’union du continent est notre seule parade contre la violence constitutive des sociétés et des nations. C’est la seule manière de témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû.

  • Christopher Clark, «Les Somnambules, comment l’Europe a marché vers la guerre», Flammarion

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3. Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis in Deutschland und in Frankreich

Contribution de Wolf Jöckel  à la réunion de la GIAA du 24.5.14

La première guerre mondiale ne joue pas –contrairement à la France- un grand rôle dans notre mémoire. Pour moi c’est frappant et touchant, de voir avec quelle intensité on se souvient de cette guerre-là en France. Il n’y a  rien de comparable en Allemagne.

L’historien Nicolas Offenstedt, un des spécialistes   français de la première guerre mondiale, a établi une typologie des différentes formes de mémoire de la première guerre mondiale.  D’après lui il s’agit en France d’une  mémoire sociale, c’est à dire une mémoire bien ancrée dans la société. En Allemagne par contre c’est une mémoire occultée.

La différence est déjà visible dans la terminologie. En France on parle de la Grande Guerre, en Allemagne on utilise uniquement l’expression  la première guerre mondiale.

Cette  différence  devient évidente si l’on compare les lieux de mémoire: En France les monuments aux morts sont  implantés au milieu de toutes les villes et tous les villages, en Allemagne ils se trouvent  plutôt installés dans les cimetières ou dans les églises, en tout cas ils sont moins visibles. (Lors de ma visite récente dans la ville allemande, où j’habite/j’ai habité 30 ans -Oberursel, près de Francfort-, j’ai découvert qu’il y a aussi un monument pour les morts de la première guerre mondiale : Une grande colonne avec un Jésus grandeur nature près de l’église protestante- donc pas un lieu très centrale,  parce que la ville était jusqu’à la deuxième guerre mondiale une ville presque exclusivement catholique. Jusqu’à maintenant je n’ai pas remarqué la destination de cette colonne ni l’inscription : Pour honorer la mémoire des morts, pour que les vivants se souviennent et que la jeunesse comprenne/apprenne.  1914- 1918. (Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung, der Jugend zur Lehre.)

Il y a plusieurs explications pour cette différence:

  • L’Allemagne a perdu la guerre- donc aucune vénération de l’héroîsme victorieux des combattants était
  • La guerre ne se déroulait pas sur le sol allemand – à quelques exceptions- contrairement en France où la guerre s’est creusée dans le paysage et où elle a laissée d’ innombrables lieux de mémoire– comme à Verdun, dans la Marne ou dans la Somme.
  • Mais surtout et c’est décisif : pour nous, Allemands, la seconde guerre mondiale  c’est la grande guerre –même si on n’emploie pas cette expression. Parce qu’elle a eu des conséquences atroces et énormes: les provinces à l’est de l’ Oder furent  annexées par la Pologne et l’Union soviétique (la Silésie, la Poméranie, la Prusse orientale, dont la population fut expulsée), il y a eu un nettoyage ethnique en Europe centrale et en Europe de l’Est –au total plus de 12 millions d’Allemands ont dû fuir ou furent expulsés; toutes les grandes villes allemandes furent détruites par les bombardements, le pays fut occupé et divisé, des familles déchirées, l’Allemagne était devenue  le théâtre d’une éventuelle troisième guerre mondiale et les Allemands ont dû vivre avec la culpabilité pour cette guerre terrible et pour l’extermination des juifs.

Mais qu’est-ce qui reste quand même de la première guerre mondiale dans la mémoire collective allemande, qu’est-ce qui est encore présent de cette guerre dans le débat public allemand?

A mon avis ce sont trois aspects:

  1. La réserve de l’Allemagne quant aux engagements militaires
  2. Le traumatisme de l’inflation
  3. La question de savoir où sont les responsabilités  pour le déclenchement de cette guerre

Ad 1:  L’anti-interventionnisme militaire allemand  est certainement surtout un produit de la seconde guerre mondiale. Mais la première guerre mondiale a aussi   contribué à cette réticence allemande. Les deux guerres sont souvent mises en relation  sous le titre d’une autre  guerre de trente ans,  à l’origine de laquelle il y aurait  l’impérialisme allemand et le  militarisme prussien. Le changement radical de cette tradition allemande était un but primordial des alliés et on peut dire qu‘il fut internalisé par les Allemands et surtout par les jeunes Allemands d’après-guerre grâce à une éducation antifasciste et démocratique.

Donc  il est bien compréhensible que l’Allemagne soit  très réservée au sujet des actions militaires par ex. en Irak, en  Libye,  au Mali ou en Centrafrique.  Contrairement à la France où le  président  Sarkozy s’enorgueillit d’envoyer  des avions Mirage à la Libye et où le président  Hollande parle d’une „belle mission” en Centrafrique. Un discours pareil serait totalement impossible en Allemagne. Pour nous la mission de la Bundeswehr était longtemps limitée à la stricte défense  des frontières allemandes où de l’OTAN.  Pour justifier le premier  engagement extérieur de la Bundeswehr,  dans les Balkans,  le ministre des affaires étrangères de cette époque, Joschka Fischer, a parlé de la nécessité d’empêcher un nouvel  Auschwitz! Donc  un „plus jamais ça“  allemand –celui de plus jamais Auschwitz- était appliqué pour contourner  le principe de la stricte réticence militaire allemande.  (En France la situation est bien différente  à cause de la tradition coloniale de la « grande nation », de la conception française de l’intervention humanitaire et, bien-sûr, du traumatisme de « Munich »)

Ad 2:  Deuxième aspect: Le traumatisme allemand de l’inflation: L’inflation a déjà commencée pendant la guerre, mais elle était surtout une conséquence; conséquence du financement de la guerre (le slogan allemand : J’ai donné de l’or pour le fer) les réparations énormes dictées par les vainqueurs et l’occupation de la Ruhr par les troupes françaises 1923.  Mon grand -père n’a jamais parlé de la première guerre mondiale. Mais il a souvent parlé de l’inflation de 1923, et cela m’a beaucoup impressionné: Au début de l’année,  il  touchait son salaire chaque mois comme d’habitude. En novembre il était payé chaque jour et c’étaient tellement de billets  que mon grand-père  devait prendre un caddie pour les transporter.  Et, après avoir reçu l’argent,  il s’est précipité dans le magasin le plus proche, pour acheter hâtivement quelque chose, avant que l’argent reçu n’ ait déjà perdu sa valeur.  Quand j’étais enfant  je collectionnais des timbres et je pouvais très bien voir combien le coût d’une lettre a évolué: Au début de l’année c’était un Reichsmark, puis cent, puis mille, puis dix mille, et en novembre enfin un milliard!  Il faut s’imaginer ça!

La conséquence de ce processus était l’expropriation et la paupérisation des couches moyennes surtout, qui ont perdu toutes leurs économies, ce qui a favorisé l’essor de Hitler. Et cette inflation joue un rôle majeur dans la mémoire allemande.  Parmi les angoisses des Allemands  – d’après des sondages d’opinions actuels-  la première place est tenue par la peur de l’inflation, après c’est la peur de l’endettement de l’Etat même si  le budget de l’Etat allemand est équilibré et  si l’endettement de l’Etat  diminue. Et c’est encore plus étonnant  parce qu’on parle actuellement en Europe beaucoup d’un danger de déflation. Mais les Allemands ont depuis 1923 peur d’une nouvelle inflation… tellement cet événement et ses conséquences sont ancrées dans la mémoire.  (En France  par contre- la peur primordiale est la peur de chômage et au deuxième rang  la peur d’une dégradation de la situation économique). La traumatique peur allemande de l’inflation explique aussi  le statut spécifique de la BCE: La France  avait demandé l’introduction de l’Euro en échange de son consentement à la réunification. Pour l’Allemagne une condition sine qua non pour renoncer au Deutsche Mark  était que la BCE soit construite d’après le modèle de la Bundesbank – et au lieu de la Bundesbank, à Francfort-  avec la tache primordiale de garantir la stabilité des prix. (Et par conséquence  le financement des états membres était exclue – parce que potentiellement source d’inflation).

Ad 3: Troisième aspect: La question de la responsabilité pour la première guerre mondiale. S’ il y a quelque chose, qui joue un rôle dans cette année de commémoration en Allemagne, c’est cette question. Elle était déjà posée pendant la guerre elle-même et surtout après la guerre, à cause de l’article 231 du Traité de Versailles, qui a attribué à l’Allemagne et l’Autriche la seule culpabilité pour cette guerre.  Les Allemands ont dans leur grande majorité vécu cette article comme une des injustices du „diktat de Versailles“. Pour la plupart des Allemands,  cette guerre était une guerre défensive, d’où  l’approbation des crédits de guerre par la majorité des socialistes dans le Reichstag. Et l’historiographie allemande a vu dans les années vingt son devoir –plutôt politique- de prouver, que l’Allemagne n’était pas le seul responsable de la guerre. Mais c’était similaire dans d’autres pays, que l’historiographie était au service de la politique. On sait par ex., qu’ en France même des documents furent retouchés pour soutenir le rôle strictement défensif du pays  et que le grand historien français de la Grande Guerre dans les années vingt, Pierre Renouvin,  a reçu des moyens du gouvernement français pour prouver la justesse de l’article 231.

Au début des années 60,  il y eut en Allemagne une polémique très vive sur les thèses du professeur Fritz Fischer, qui a voulu prouver la seule responsabilité de l’Allemagne pour la première guerre mondiale. D’après lui l’Allemagne a déclenché la guerre pour devenir une puissance mondiale comme la Grande Bretagne ou même en la dépassant.  Cette thèse était pour nous jeunes étudiants très appropriée pour nos discussions avec la génération de nos pères. Mais Fischer s’était  totalement concentré sur l’Allemagne et s’est appuyé seulement sur des documents allemands. Aujourd’hui on sait, qu’aussi l’Autriche-Hongrie,  la Russie, la Serbie, même la Grande Bretagne  et bien-sûr la France ont joué un rôle important dans le déclenchement de la première guerre mondiale. Maintenant il y a des monographies sur ces sujets. Et il y a „Les Somnambules“, le grand exposé de l’historien australien Clark sur les responsabilités partagées. Le livre de Clark, publié l’année dernière, était et reste un succès énorme en Allemagne.

L’intérêt actuel pour les origines de la Grande Guerre en Allemagne n’est pas seulement une conséquence du centenaire de 1914. Et non plus seulement de la volonté, de libérer l’Allemagne d’un complexe de culpabilité pour toutes les catastrophes du siècle dernier. Mais ce succès a ses origins aussi dans  la crise ukrainienne, où on parle déjà d’une troisième guerre mondiale. On sait que John F. Kennedy a lu pendant la crise des missiles à Cuba le livre de Barbara Tuchman “August 1914”. Et maintenant en lisant le livre de Christopher Clark on peut se demander s’ il n’y pas parmi les acteurs de la crise pas mal de somnambules, qui n’ont pas assez de conscience de ce qu’ils font.  Et je crois, que le très fort engagement allemand d’encourager une solution pacifique de cette crise, vient aussi de la volonté de n’être pas en 2014 un somnambule comme cent ans avant.

Anmerkungen:

[1] François-Guillaume Lorrain:  Un mythe français. Pourquoi et comment cette bataille a si vite marqué nos mémoires? In: Le Point 1916. Mémorial de Verdun, 100 ans après. Édition spéciale

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/gedenken-in-neuem-kleid-wiedereroeffnung-des-memorial-von.2165.de.html?dram:article_id=34606

[3] Aus: Weimarer Republik. Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln. Berlin 1977

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum Ersten Weltkrieg:

Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist der zweite Teil des Normandie-Berichts. Im ersten ging es um die  „allgegenwärtige Vergangenheit“ und die touristische Vermarktung des D-day. In diesem Teil werden Aspekte angesprochen, die sich dafür wenig eignen und die –immer noch- eher ein Schattendasein  fristen:  Es geht um die zivilen Opfer, die es vor, während und nach der Landung der Alliierten in der Normandie gab.

  • Am Beispiel der französischen „Runinenhauptstadt“ St. Lô berichte ich davon, wie nach unseren Beobachtungen dort an die französischen zivilen Opfer der alliierten Bombardements erinnert wird. 
  • Das Denkmal in Grandcamp für die „groupes lourds“ ist für mich Anlass, auch etwas zur Rolle der französischen Bomberbesatzungen in der RAF und ihre Beteiligung an den alliierten Landungsoperationen zu schreiben.
  • Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Mont-de-Huisnes hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass unter den zivilen Opfern  dieser Zeit auch deutsche Säuglinge und Kinder waren, die unter ungeklärten Umständen in französischen Internierungslagern ums Leben 

Das sind alles sehr sensible Themen –für mich auch aus ganz persönlichen Gründen- aber es ist sehr schön und ermutigend, dass man inzwischen darüber mit französischen Freunden und in der Normandie mit Einheimischen offen reden kann. Das hat diesen zweiten Teil des Normandie-Berichts sehr bereichert. Aber es  soll auch ganz klar gesagt werden: Ich schreibe als interessierter Besucher und Freund der Normandie, nicht als Historiker. Es handelt sich also nicht um einen Text mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern um einen durch etwas ergänzende Lektüre und Gespräche fundierten persönlichen Erfahrungsbericht.

 

  1. Die Opfer der Bombardements. Der Fall St. Lô

In einer  Broschüre des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge findet sich folgende Information: „Weit über 100000 Menschen starben im Sommer 1944 während der Kämpfe nach der alliierten Landung in der Normandie – Amerikaner,  Briten, Deutsche, Franzosen, Kanadier, Polen und Angehörige vieler anderer Nationen. 14 000 französische Zivilpersonen fielen den Kämpfen, vor allem den schweren alliierten Bombenangriffen, zum Opfer.“

Vor, während und nach der Landung war die Normandie Ziel massiver alliierter Bombenangriffe. Bombardiert wurden nicht nur deutsche Militäranlagen; auch strategische Anlagen wie Straßen, Brücken, Bahnhöfe und Hafenanlagen wurden angegriffen, um die Verlagerung deutscher Truppen in die Landungszonen zu erschweren bzw. zu verhindern. Und es traf auch ganze Städte wie St. Malo, Le Havre, Rouen, Lisieux, Caen oder  St. Lô.

Das Schicksal dieser Städte und der betroffenen Menschen ist von der offiziellen französiscchen Erinnerungspolitik lange ausgeblendet worden. Erst am 6. Juni 2014, 70 Jahre nach der Landung in der Normandie, hat Francois Hollande in seiner Rede im Mémorial de Caen dieses offizielle Schweigen beendet und das „trou noir de la mémoire“ geschlossen, in das die zivilen französischen Opfer der alliierten Bombardements gefallen waren.(0)

Wenn ich im Folgenden den Fall von St. Lô exemplarisch darstelle, weiß ich also, dass ich mich mit diesem Thema auf historisch und politisch sensibles Gelände begebe. Aber es handelt sich hier um einen für mich aus ganz persönlichen Gründen sensiblen Gegenstand. Denn ich bin in Darmstadt aufgewachsen, das am 11.9.1944 von britischen Bomberverbänden fast vollständig zerstört wurde. Ziel waren nicht die Industriegebiete der Stadt, sondern  –im Sinne der sogenannten „moral-bombing“- Strategie des Luftmarschalls Harris – das historische Stadtzentrum und die dicht besiedelten Wohngebiete. 12.300 Menschen kamen allein in dieser Nacht in Darmstadt ums Leben. Hier setzte das bomber command zum ersten Mal eine neue Strategie des  Flächenbombardements ein, die dann in Dresden erneut ihre grausige Effizienz bewiesen hat. Am 11.9. 1944 hat Darmstadt seine „Brandnacht“ erlebt –so wie St. Lô schon drei Monate davor seine „nuit de feu“. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als Kind durch die Trümmerwüste Darmstadts gelaufen bin und in Trümmern gespielt habe. Und wenn ich Bilder des zerstörten St. Lô sehe, dann denke ich auch an die Trümmer Darmstadts.[1]

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© http://www.samuel-beckett.net/StLo.htm

Dass der Landung der Alliierten ein massiver Einsatz der Luftwaffe vorausgehen und sie begleiten sollte, war ein wesentlicher Bestandteil der Planungen. Die Luftüberlegenheit der Alliierten war überwältigend und diese Trumpfkarte sollte voll ausgespielt werden. Die alliierten Bombardement französischer Ziele hatten im März 1942 begonnen: Da waren die Produktionsanlagen  von  Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris das Ziel. Und bei diesen und den  folgenden Bombardements gab es erhebliche zivile Opfer, so dass z.B. André Gide sich fragte, was der Nutzen dieser Bombardements sei, die das Leben vieler Tausender Franzosen kosteten, „et ne causent guère de dommages aux Allemands… à quoi riment ces saccages inutiles?“ (zit. von Robert A. Paxton in: La France de Vichy, 1973 p. 289) Und Paxton schreibt dazu: „Les Americains, passés maîtres dans la technologie de la destruction, règlent le problème en faisant pleuvoir des tonnes d’explosifs du haut du ciel. Derrière la poignée de partisans que conserve Vichy en 1943 et 1944, il y a  des milliers et des milliers de Francais qui souhaitent être débarrassés des Allemands, mais pas au prix d’un tel massacre.“  

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Und für die deutsche Propaganda waren  diese Bombardements ein willkommener Anlass Ressentiments gegen die Alliierten zu schüren. (Abbidung bei Roberts, What Soldiers do, S. 22).

Auch die alliierten Strategen sahen durchaus das  Problem, dass bei  den im Zuge der Landungsoperationen geplanten intensiven Luftangriffe sehr wahrscheinlich auch viele Zivilpersonen getötet würden, die zu befreien das Kriegsmotto war. Zu den Kritikern  eines massiven Luftwaffeneinsatzes in den zu befreienden Staaten  gehörte  sogar der Chef der US-Luftstreitkräfte in Europa, General Spaatz. „Viele tausend Franzosen“, schrieb er anlässlich der Invasionsangriffe an seinen Vorgesetzten Eisenhower, „werden  in diesen  Operationen  getötet werden und viele Städte verwüstet. Ich fühle mich in einer gemeinsamen Verantwortung mit Ihnen und sehe mit Schrecken eine Militäroperation, die Vernichtung und Tod breit in  Länder hineinträgt, die nicht unser Feinde sind, insbesondere, wo  die aus diesen Bombardements zu erzielenden  Resultate noch gar nicht als ein entscheidender Faktor nachgewiesen  sind.“[2]

Die alliierten Oberkommandierenden setzten sich aber über diese Bedenken hinweg. Das im Süden der Landungsstrände gelegene St. Lô bekam die Konsequenzen mit aller Wucht zu spüren. St. Lô galt den Alliierten als „Schlüsselstadt der deutschen Armee“, deren Zerstörung sie deshalb für erforderlich hielten – auch wenn der militärische Nutzen gering war: In der Stadt befanden sich während des Bombenangriffs offenbar keine deutschen Truppen, und es waren nicht die Ruinen der Stadt, die die Heranführung deutscher Truppenverbände be- bzw. verhinderten, sondern deren gezielte Bombardierung.  Wie auch immer:  In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni –also gleichzeitig mit der Landungsaktion- wurde die Stadt in zwei Angriffswellen  amerikanischer und britischer Bomber fast völlig zerstört.  Bodentruppen griffen die Stadt  Ende Juni an, deren Eroberung und Befreiung erst am 24. Juli abgeschlossen  war. Die Stadt galt danach als „capitale des ruines“, wie der damalige Staatspräsident Vincent Auriol St. Lô bei einem Besuch 1948 nannte.[3]  Übernommen hat er diesen Begriff allerdings von Samuel Becket. Becket verbrachte zwischen August 1945 und Januar 1946 als freiwilliger Helfer des Irischen Roten Kreuzes sechs Monate in St. Lô. Im Juni schickte er  an den Irischen Rundfunk  einen  Text mit der  Überschrift  „The capital of ruins“, wo er den  Zustand der „in einer Nacht von der Landkarte gestrichenen“ Stadt beschreibt, aber auch die Hoffnung auf ihren Wiederaufbau – übrigens, wie er mitteilt- auch mit Hilfe des Einsatzes deutscher Kriegsgefangener.[4] Dass zunächst übrigens ein Wiederaufbau der Stadt durchaus umstritten war, ist verständlich angesichts ihres Zustandes nach den Bombenangriffen, der von einem amerikanischen Beobachter sehr anschaulich so beschrieben wurde:

The city looked as though ist had been pulled up by its roots, put through a giant mixmaster then dumped back out again.“ (cit. bei Mary Louise Roberts: What Soldiers do. Chicago/London. o.J., S. 25)

In der von mir konsultierten Literatur gibt es unterschiedliche Angaben zu den Opferzahlen (zwischen 450 und 1500). Das kann und will ich auch gar nicht beurteilen. Interessant für mich ist die Art und fund  wie es heute  beschrieben wird,  – es war ja immerhin sogenanntes friendly fire, durch das  viele Bewohner von St. Lô umkamen.

In dem Bericht eines Zeitzeugen, den ich im Internet gefunden habe, wird die damalige Reaktion auf die ersten gezielten Angriffe auf den Bahnhof so beschrieben:

Appuyés sur la rambarde de la fenêtre nous sommes au spectacle. Nous voyons ces chasseurs-bombardiers fondre sur la gare, se redresser au dernier moment, monter en chandelle, faire un grand tour et revenir sur l’objectif. Comme au cinéma. Pour un peu nous aurions applaudi nos amis pour leur courage, leur sang-froid, et sifflé les Allemands si maladroits ! Ces aviateurs amis nous confortent dans l’idée que les Alliés ne bombardent pas à l’aveuglette les objectifs où des civils courent des risques. Ce rodéo nous [conforte] dans l’idée que les journaux et la radio mentent en présentant les aviateurs alliés comme ne se souciant pas des civils, lors des opérations du genre. Décidément, « Radio-Paris ment, Radio-Paris est allemand » Ce sentiment de totale  sécurité, de confiance absolue, faillit nous coûter la vie 48 heures plus tard.[5]

Es gab also offenbar bei der Bevölkerung ein Gefühl „totaler Sicherheit“, es war unvorstellbar, dass diese „befreundeten Flieger… blindlings Ziele bombardieren würden, die die Zivilbevölkerung gefährden könnten.“ Dieses „absolute Vertrauen“ habe „uns“ 48 Stunden später das Leben gekostet.

Allerdings sollte die Bevölkerung der Stadt offensichtlich vorher gewarnt werden. Aber, wie es bei Wikipedia heißt: Der Flugblattabwurf durch Lufteinheiten zur Warnung der Bevölkerung gelang nicht. In der französischen Darstellung von Wikipedia heißt es etwas präziser: Des tracts d’avertissement largués la veille furent dispersés par le vent sur les communes voisines.[6]  Es gab offenbar auch eine Warnmeldung des BBC, die aber nicht empfangen  werden konnte, weil die deutschen Truppen alle Radiosender konfiskiert hatte.[7] Erstaunlich aber, dass es anscheinend keine Verbindung zur Résistance gab, die gerade in dieser Gegend durchaus aktiv gewesen ist.[8]

In der Nacht des Débarquement wird die Stadt und werden  ihre Bewohner also völlig unerwartet erneut und massiv bombardiert. Der Angriff habe sich –so noch einmal Wikipedia- auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk konzentriert. „De la prison, plus de 200 prisonniers dont 76 patriotes périrent enfermés (de nos jours, seule subsiste la porte de l’édifice). On compte plus d’un millier de morts.“ [9] Diese Darstellung ist etwas widersprüchlich: Auf der einen Seite wird mitgeteilt, der Angriff habe sich auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk  konzentriert- dazu passt allerdings nicht, dass auch das davon weit entfernte Gefängnis getroffen wurde und es passen dazu auch nicht die hier angegebenen hohen Opferzahlen. Der Widerspruch ist wohl so zu erklären, dass es zwei Angriffswellen gab[10]; zunächst eine amerikanische, die auf strategische Ziele konzentriert war, und danach eine britische, die dann der Stadt insgesamt galt – eine Form militärischer Kooperation, die es auch bei der Bombardierung deutscher Städte gab.

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Denkmal für durch die Bombardements im Gefängnis ums Leben gekommenen Widerstandskämpfer

Auf der offiziellen Website der Stadt St. Lô werden die  damaligen Ereignisse so  dargestellt:

„A l’aube du 6 juin, les Alliés débarquent. Vers 20 heures, la ville est bombardée. La nuit du 6 au 7 juin sera « la nuit du feu ».   …
Le 18 juillet, à 18 heures, la Task Force C de la 29e division U.S. entre dans Saint-Lô.  …  La ville restera sous le feu de l’artillerie ennemie jusqu’au 24, laissant près de 500 victimes et une cité détruite à 95%.“[11]

Ich finde diese Darstellung sehr bemerkenswert:  Da wird mitgeteilt, dass die Stadt am 6. Juni bombardiert wird. Das erinnert mich an meine Zeit als Deutschlehrer, als ich im Mittelstufenunterricht das Passiv unter dem Stichwort „Täterverschweigung“ behandelt habe, ein  spannender Gegenstand für einen fächerübergreifenden Unterricht. Beispiele dafür lieferten jedenfalls  Darstellungen zur deutschen Geschichte leider reichlich: Da wurden Bücher verbrannt, da wurden  jüdische Geschäfte boykottiert und zertrümmert, Juden in Deutschland und im besetzten Europa wurden erfasst, wurden in die Todeslager transportiert und dort umgebracht, da wurden die Männer des 20. Juli zum Tode verurteilt usw….  Und keine Täter weit und breit…

In St. Lô wird also die Stadt –ebenfalls „täterlos“- bombardiert. Mag sein, dass vielen Besuchern der Website klar ist, wer da bombardiert hat. Ich erinnere mich allerdings noch an frühere  Zeiten, als ich in alten Reiseführern von sozusagen anonymen Bombardements normannischer Städte  im Sommer 1944  gelesen habe und selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass das die deutsche Luftwaffe gewesen sein müsse.[12] Gewundert habe ich mich damals allerdings etwas darüber,  wozu die Luftwaffe 1944 angesichts der totalen alliierten Lufthoheit angeblich noch in der Lage gewesen ist….

Aber noch einmal zurück zur Website der Stadt  St. Lô: Ganz „täterlos“  geht es dort dann  doch nicht zu: Denn man erfährt, dass die Stadt, nachdem sie am 18. Juli  von amerikanischen Truppen erobert worden war, bis zum 24. Juli „unter dem Feuer der feindlichen Artillerie“ lag, „die  fast 500 Opfer und eine zu 95% zerstörte Stadt zurückließ.“  Sehe ich das falsch, dass hier bewusst oder zumindest fahrlässig eine falsche Fährte gelegt und nahe gelegt wird, dass die deutsche Artillerie St. Lô in Schutt und Asche gelegt hat?

Bei unserem Besuch in St. Lô im April 2016 hat uns auch interessiert, wie die Stadt  heute an die zivilen Opfer der Bombardements erinnert. Die Erinnerung an die zivilen Opfer der alliierten Bombardements ist ein heikler Gegenstand. In einem Bericht von Paris Match über die „villes martyres“  (13.-18. August 2015) heißt es dazu: „C’est l’autre face de la victoire, celle qu’on ensevelit… sous le silence.“  Die Bewohner des völlig zerstörten Le  Havre würden heute noch auf eine Gedenkstätte für die Opfer der Bombardements warten.[13] Zu St. Lô hatte ich allerdings gelesen, dass es irgendwo ein entsprechendes Denkmal geben musste. Wir stellten unser Auto am Marktplatz ab, an dem sich auch die erhaltene Eingangstür des ehemaligen Gefängnisses befindet mit dem Denkmal für die Widerstandskämpfer. Dort waren gerade zwei städtische Angestellte beschäftigt, die wir fragten. Sie konnten uns allerdings keine Auskunft geben und verwiesen und auf das Touristenbüro. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die im Krieg ebenfalls zerstörte Kirche St Paul, in der eine sehr eindrucksvolle lange Liste der zivilen Opfer St. Lôs „in der Schlacht der Normandie vom 1. April bis 30. September 1944“ ausgestellt ist, von der hier nur ein kleiner Teil wiedergegeben ist.

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In einem benachbarten Café und Tabac fragten wir nach einem Stadtplan und nach dem Ort des Denkmals. Auch hier große Ratlosigkeit, aber auch große Hilfsbereitschaft: Der Besitzer verwies uns zunächst auf das Résistants- Denkmal auf dem Marktplatz und war dann sichtlich betroffen, dass er keine richtige Auskunft geben konnte.  Er holte  ein dickes Buch über die Geschichte St. Lôs herbei und suchte darin –vergeblich- nach Informationen zu dem Denkmal. Auch eine Kollegin wusste keinen Rat. Auf dem Stadtplan, den er uns gab, fand ich schließlich die Markierung eines –nicht näher bezeichneten- Monuments: Wir machten uns auf den Weg und hatten auch wirklich Glück: Am Rand des Felsens, auf dem die Altstadt von St. Lô liegt, ist in einiger Höhe das Denkmal angebracht „zur Erinnerung an die Opfer des Bombardements, das die Stadt St. Lô am 6. Juni 1944 zerstörte.“ Hier wird also –anders als in der Kirche- ganz konkret an die Opfer der nuit de feu erinnert.

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Und gleich nebenan befindet sich der Eingang zu den –„von den Besatzungstruppen zwischen 1943 und 1944 gegrabenen“ unterirdischen  Stollen, in denen nach Angaben der Erinnerungsplakette am 6. Juni 1944 mehrere hundert Personen Zuflucht fanden – wäre die Bevölkerung gewarnt worden, hätten es sicherlich noch viel mehr sein können….

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Und es gibt schließlich gleich daneben eine Informationstafel über die Kriegszeit St.  Lôs mit Informationen über die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt, über den französischen Widerstand, die alliierten Befreier, aber auch –exemplarisch- über einen deutschen  Soldaten, der in einem Bild mit Frau und Kind abgebildet ist und der in einem Brief an seine Frau vom 22. Juni bedauert, dass er nicht am Geburtstag seines kleinen Sohnes Fred zu Hause sein  kann. „Vielleicht das nächste Mal“. Das nächste Mal gab es aber nicht. Bei den Kämpfen  um St. Lô wurde er getötet und ist seitdem vermisst. Auf unserer Erkundung der Spuren der Vergangenheit in der Normandie war dieser Blick auf die „andere Seite“ eher außergewöhnlich und hat uns sehr berührt.

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  1. Die Rolle der französischen groupes lourds

Ich habe nicht herausbekommen, welche britischen Bomberverbände St. Lô bombardiert haben. Ich kann deshalb auch nicht ausschließen, dass es nicht nur die Bomben der Amerikaner und Briten waren, sondern auch die  eigener Landsleute, die an der Zerstörung der Stadt beteiligt waren.  Und damit komme ich zu einem weiteren höchst sensiblen Thema, nämlich der Rolle der französischen groupes lourds, die im Rahmen des bomber comand eingesetzt wurden. Auch dieses Thema geht mir aus persönlichen Gründen sehr nahe, weil wir in unserem Pariser Bekanntenkreis zwei liebe Menschen haben, deren  Väter bei den groupes lourds engagiert waren. Die Besatzungen dieser Halifax-Bomber haben in einer eigenen Einheit, aber im Rahmen des Bomber Command der RAF, ihren Beitrag zum Kampf gegen das faschistische Deutschland geleistet. Dass dazu vor allem „destruction de l’Allemagne nazie“ gehörte, versteht sich von selbst. In der Selbstdarstellung der Veteranen und Angehörigen der groupes lourds wird das dann weiter erläutert: Zerstörung „de ses ports, de ses voix ferrées, des ses usines. Ils avaient réduit le potentiel industriel de l’ennemi.“ Dass ganz unbestreitbar zu den Einsätzen der groupes lourds -zumindest: auch- Flächenbombardements deutscher Städte gehörten, ist hier allerdings ausgeblendet.

In Jules Roys autobiographisch gefärbtem Erfolgsroman „La vallée heureuse“, „das glückliche Tal“ von 1946 ist das noch anders. Roy hatte sich 1942 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika vom überzeugten Anhänger Pétains zum Anhänger des Freien Frankreichs gewandelt und wurde Flugzeugkommandant der groupes lourds.  Mit dem „glücklichen Tal“ ist im zynischen Jargon der Bomberbesatzungen das Ruhrgebiet gemeint, an dessen Bombardierung Roy sehr intensiv und offenbar mit einiger Genugtuung teilgenommen hat. In einem Selbstgespräch während eines Rückflugs von einem Einsatz über den Städten des Ruhrgebiets denkt er an die Menschen, die zu töten sein Ziel ist:

diese Menschen sind die Feinde der Menschheit, und wenn es Gerechte unter ihnen gibt, kann ich auch nichts machen. Mich ermüdet nicht die Schlächterei, denn die Schlächterei hat für uns den Anblick eines himmlischen Sternenfests; aber was mich ermüdet, ist die Mühe, sie abzuschlachten. Im Grunde meines Herzens schreie vor Freude über den Brand, der ihre Städte in Asche verwandelt und ihre Gebeine in Staub, aber das ist mein gutes Recht, denn ich könnte ja zu ihnen ins Feuer herunterstürzen…“[14]

Aber die groupes lourds haben auch Einsätze im Rahmen des Débarquement  geflogen. Daran erinnert ein Denkmal in Grandcamp an der normannischen Küste.

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Dass dieses Denkmal gerade dort steht, ist damit zu erklären, dass, wie auf dem  Denkmal in goldenen Lettern eingraviert ist, die groupes lourds am 6. Juni hier eingesetzt waren: Der Einsatz galt einem größeren deutschen Bunkerkomplex in Grandcamp-Maisy. Die Bedeutung dieser Anlage scheint sehr umstritten zu sein[15] – einerseits wird von dem heutigen Besitzer der Anlage, einem englischen Militaria-Fan, ihre eminente strategische Bedeutung herausgestellt, was natürlich auch die Bedeutung des Einsatzes der groupes lourds unterstreicht, andererseits wird die Rolle aber auch eher relativiert, z.B mit Hinweis darauf, dass die dortigen Geschütze – französische Exemplare aus dem Ersten Weltkrieg- durchaus nicht so effizient waren. Umstritten ist auch die Wirksamkeit des Bombardements durch die groupes lourds– zumal die Anlage das Bombardement weitgehend unbeschadet überstanden hat. Tatsache ist allerdings, dass bei dem  Einsatz zahlreiche Bewohner von Grandcamp-Maisy ums Leben kamen, woran eine Gedenktafel in der Stadt erinnert.

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Wenn ich diese Gedenktafel betrachte, stellen sich mir zwei Fragen:

  • Hier ist ganz allgemein von den „Bewohnern von Maisy“ die Rede. Warum werden nicht –wie auf den Gedenktafeln für die Gefallenen beider Weltkriege üblich- auch deren  Namen aufgeführt? (Wie ich nach unserem Besuch von Kennern des Ortes erfuhr, gibt es eine Namenstafel der zivilen Opfer in der Kirche – also so wie auch in St. Lô, was in einem laizistischen Staat wie Frankreich allerdings keine gleichwertige Alternative ist).
  • Und warum wurde diese Gedenktafel für die zivilen Opfer der Stadt erst im Jahr 2004 angebracht? Die Denkmäler für die militärischen Opfer der Kriege wurden schließlich umgehend errichtet. Und das repräsentative Denkmal am Hafen von Grandcamp für die groupes lourds wurde immerhin schon im Juni 1988 eingeweiht.

Vielleicht erklären diese offenbar erst zögerlich erinnerten zivilen Opfer, warum die französischen Bomberbesatzungen in der Royal Air Force –trotz ihres auf dem  Denkmal hervorgehobenen  hohen Blutzolls (un sur deux perirent) nach Auffassung von Angehörigen nicht die Anerkennung erhalten, die ihnen gebührte. Hauptsächlich verantwortlich ist aber für diese offensichtlich vergleichsweise geringe Wertschätzung, dass diese in Nordafrika stationierten Soldaten erst ab 1942 nach England gelangt sind – also lange nach de Gaulles berühmtem Aufruf zum Widerstand vom 18. Juni 1940.  Ab 1943 wurden sie sogar ganz „offiziell“ von Engländern und Amerikanern rekrutiert, um am Kampf  gegen Nazi-Deutschland teilzunehmen. Für die Vichy-Regierung galten sie deshalb als Deserteure, für De Gaulle als „planqués“, als Drückeberger also und nicht als wirkliche Français libre“,  weil sie zu spät zum Freien Frankreich in London gekommen seien. Die „Résistants de la dernière heure“ in Frankreich, die ihr Herz für den Widerstand erst kurz vor dem  Ende des Nazi-Regimes entdeckten, hatten es da leichter….

Einmal im Jahr treffen sich in Grandcamp Veteranen und ihre Angehörigen und es findet am Denkmal eine würdige Feier mit militärischen Ehren statt. Und in der örtlichen Presse wird berichtet, dass sich zwölf französische Einheiten der groupes lourds der Royal Air Force besonders im Juni 1944 ausgezeichnet hätten bei der Bombardierung der Batterien von Maisy.

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© http://halifax346et347.canalblog.com/tag/M%C3%A9morial%20Grandcamp

Ich stelle mir vor, dass sich diese französischen Soldaten in ihren Halifax-Bombern in einem schweren Konflikt befunden haben: Einerseits wollten sie sicherlich an der Befreiung ihrer Heimat von der Nazi-Besatzung teilnehmen. Andererseits musste ihnen  auch klar sein, dass sie –anders als bei einem  gezielten Jagdbomber-Einsatz-  erhebliche „Collateral-Schäden“ verursachen könnten, konkret: den Tod von Landsleuten, die sie doch eigentlich befreien wollten.  Krieg ist aber kaum vorstellbar, ohne dass Soldaten aller Seiten moralischen Dilemmata unterschiedlichster Art ausgesetzt sind.[16]

 

  1. Die Kinder von Mont-de-Huisnes

 Der deutsche Soldatenfriedhof von Mont-de-Huisnes  liegt, anders als der von La Cambe,  ruhig auf einem Hügel- mit wunderbarem Blick auf den Mont St. Michel.

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Es ist eine Gruftanlage für 11 956 Gefallene und Tote des Zweiten Weltkriegs.  Zwanzig dieser Toten sind  „in der Internierung verstorbene Kinder“ – das kann man der Grabplatte in der Eingangshalle entnehmen.

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Es sind Säuglinge und kleine Kinder, die zwischen 1943 und 1945 geboren wurden und offenbar nach der Befreiung Frankreichs –wo und warum auch immer- in ein Internierungslager gesteckt wurden und dort –wie auch immer- zu Tode kamen. Gerne hätte  ich da mehr gewusst und erfahren, aber ein französischer Reiseführer,  den wir in Huisnes trafen, konnte (oder wollte) uns dazu nichts sagen. Im Internet habe ich einen Artikel über ein Veteranentreffen in Huisnes 2014 gefunden, das –dem Motto des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge folgend- der Versöhnung zwischen den Völkern und vor allem der Befestigung der deutsch-französischen Freundschaft diente. [17]  Dort findet man einige nähere Informationen:

Des hommes de guerre, mais pas seulement. Ici reposent aussi des femmes, des adolescents, des enfants, morts des suites de mauvais traitements dans les camps d’internement des lendemains libérateurs. Edmund Baton est de ceux-là. Originaire de la Sarre, il est, à 14 ans, mort de faim dans le camp de Poitiers. C’était un certain 14 juillet 1945…

Zu ihm gibt es eine nähere Information im Informationsblatt des Volksbunds:

Mont-de-Huisnes: Une victime parmi 11 956 En février 1945, Edmund Baton, originaire de Lauterbach (Sarre) fut évacué, à l’approche de la ligne de front, à Bad-Reichenhall avec d’autres élèves de son lycée. A l’insu de sa famille, il repartit chez lui en compagnie d’un camarade de classe. Ils arrivèrent à Ludwigsburg, près de Stuttgart où ils durent se cacher pendant huit jours, à cause des violents combats qui y avaient lieu. Edmund réussit à persuader des soldats américains de les emmener à Strasbourg, de l’autre côté du Rhin. Là, ils voulurent prendre le train pour rentrer chez eux mais ils furent arrêtés sur le chemin qui les menait à la gare (probablement par des Français ou la police militaire américaine). Ils furent conduits à Poitiers après avoir traversé toute la France. C’est dans le camp d’internement de Poitiers que Edmund Baton, alors âgé d’à peine 14 ans, mourut de faim le 14 juillet 1945. Sa tombe se trouve dans la crypte 59, au caveau 90.[18]

Und die kleinen Kinder und Säuglinge: Waren es vielleicht die Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen, also gewissermaßen Zeugnisse sogenannter nationaler Schande, nationalen Verrats?

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Für die Vermutung, dass es sich um Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen handelte, spricht, dass viele dieser in der Internierung zu Tode gekommenen Kinder französische Vornamen haben.

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Dass es französische Frauen gab, die Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten, ist ja bekannt: Es gibt genug Bilder, wie sie kahlgeschoren durch die Straßen getrieben und an den Pranger gestellt wurden. Und da wird es auch Kinder aus diesen Beziehungen gegeben haben, zumal die  Soldaten des Atlantikwalls in ihrer dienstfreien Zeit bei Bauern der Umgebung einquartiert waren. Die stark voneinander abweichenden Schätzungen gehen von immerhin zwischen 100 und 200 000 solcher so genannter «têtes de boches» oder «bâtards» aus, die während der deutschen Besatzung gezeugt wurden. Sowohl die Nazis wie auch Vichy oder die Provisorische Regierung des befreite  Frankreichs hatten –aus unterschiedlichen Gründen- ihre Probleme mit diesen Kindern. Unter der Vichy-Regierung wurde beispielsweise die Institution eines „accouchement soux X“ geschaffen, also eine „anonyme Geburt“ ohne Angabe des Vaters, und die Kinder, die als Franzosen galten, konnten dann öffentlichen oder privaten Einrichtungen übergeben werden. [19]

Aber was war mit den in Husines, also auf einem deutschen Soldatenfriedhof, bestatteten Kindern? Sie haben ja alle deutsche Nachnamen, galten  also offenbar nicht als Franzosen.

Welche tragischen Geschichten verbergen sich hinter diesen Namen? Evelyne Diesser zum Beispiel, die im Sommer 1945 geboren wurde und im Alter von nur 5 Wochen gestorben ist?

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Warum hat man diesen Säugling in ein  Internierungslager gebracht? Wo war ihr Vater? Wer war ihre Mutter? Welches „mauvais traitement“  hat zum Tod dieses Mädchens geführt? War es krank und man hat ihm die ärztliche Versorgung verweigert?  Oder hat man es –wie Edmund Baton- verhungern  lassen? Und wer verbirgt sich hinter dem vielfachen „man“?  Unbekannte, unerzählte Geschichten…

(Mai 2016)

PS: Inzwischen  habe ich eine Auskunft vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge erhalten: Es handelt sich um elsässische Kinder, die mit ihren der Kollaboration beschuldigten Müttern interniert worden waren.

 

Anmerkungen

(0) Wortlaut der Rede Hollandes:  http://www.normandie-heritage.com/spip.php?article982

s. Jean-Marc Bastière, Quand les alliés ciblaient la Normandie. In: Le Figaro, 9.3.2017. Buchbesprechung von: Jean-Charles Foucrier: La Stratégie de la Destruction. Vendémiaire 2017

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Darmstadt

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-historisch/brandnacht/augenzeugenbericht-das-grauen-starrte-aus-den-fensterloechern_15511307.htm

Klaus Schmidt, Die Brandnacht. Dokumente von der Zerstörung Darmstadt am 11. September 1944. Darmstadt 1964

Bericht von einer Gedenkfeier 1964 mit Fotos vom zerstörten Darmstadt: https://www.youtube.com/watch?v=T-L3E7IPk7E

[2] Zitiert in: Jörg Friedrich: Der Brand. Bombenkrieg in Deutschland 1940 -1945. München 2002

[3]  „La ville a subit dans la nuit du 6 au 7 juin 1944 un bombardement tellement massif ques es habitants ont pu se considérer comme citoyens de la capitale des ruins.“  (V. Auriol)

[4] http://beaucoudray.free.fr/samuebeckett.htm (franz. Übersetzung von The Capital of the Ruins) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Capital_of_the_Ruins

[5] http://www.memoires-de-guerre.fr/?q=fr/archive/saint-l%C3%B4-sous-les-bombes/3903

[6] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[7] http://www.patrimoine-normand.com/index-fiche-42255.html

[8] Zu den  Aktivitäten der lokalen Résistance: http://www.webring.org/l/rd?ring=ww2;id=167;url=http%3A%2F%2Fbeaucoudray%2Efree%2Efr%2F

[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[10] http://www.liberation.fr/grand-angle/2004/07/23/saint-lo-immole_487264

[11] http://www.saint-lo.fr/Decouvrir-Saint-Lo/Histoire-et-patrimoine/Histoire/La-seconde-guerre-mondiale

[12] Z.B. Michelin Reiseführer Normandie von 1975 zur Zerstörung von Le Havre: „ La bataille de Normandie était terminée, Paris déjà libéré, mais le Havre, toujours occupé, fut voué à l’écrasement totale“.   Von wem? Warum?  Übrigens hatten die Alliierten, als Le Havre zerstört wurde, schon die Mosel erreicht. Die amerikanische Wissenschaftlerin Mariy Louise Roberts schreibt zu Le Havre: „In Le Havre, French officials angrily pointed out that some three thousand civilians had been  killed while fewer than ten  German bodies had been found.“ (What Soldiers du. The University of Chicago Press, S.24)

Militärisch zweifelhafte Bombardements gab es auch an anderer Stelle. Von einer französischen  Bekannten erhielt ich ein Büchlein über „Bombardement et Libération de la Poche de Royan“ (Marie-Anne Bouchet-Roy/Société des Amis du Musée des Royan, 2015. Darin wird u.a. das Bombardement der Stadt durch die RAF vom 5. 1. 1945 beschrieben, das die Stadt weitgehend zerstörte und etwa 500 zivile Opfer verursachte. „L’ennemi ne compte que  35 victime et aucun ouvrage militaire allemand n’a été touché.“ (S. 38). Während die deutschen Truppen -wie in La Rochelle- zur Kapitulation bereit sind, wird die Stadt am 15. April noch einmal mit 1350 Flugzeugen angegriffen -u.a. mit Napalm-Bomben- und total zerstört. Eine Übergabe der Stadt wird von den französischen Truppen abgelehnt: „il serait bien difficile de priver d’un combat ardemment désiré et d’une victoire certaine, l’armée du Sud-Ouest qui piaffe, l’arme  au  pied depuis des mois„. (cit. S. 62)

[13] Am 8. Mai 2016 wurde übrigens in der 1944 stark umkämpften normannischen Stadt Falaise ein Museum für die zivilen Kriegsopfer eingeweiht: ein einzigartiges Novum.

http://www.falaise-tourisme.com/patrimoine-culturel/nouveaute-2016-le-memorial-des-civils-pendant-la-guerre/

[14]Zit. In: http://www.zeit.de/1949/13/mittel-oder-zweck

[15] http://www.dday-overlord.com/batterie-de-maisy-debat

[16] Nach meinen Informationen gibt es übrigens noch keine wissenschaftliche Literatur zu den groupes lourds.

[17] http://www.ouest-france.fr/normandie/huisnes-et-la-chapelle-enjuger-amitie-franco-allemande-renforcee-2537617

[18]http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/BereichInfo/BereichInformationsmaterial/KGS/Themenhefte/Normandie_F_2013.pdf

[19] Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la seconde guerre mondiale, Paris, Payot, 2009, 376 p., ISBN : 978-2-228-90399-8

Jean-Paul Picaper et Ludwig Norz: Les enfants maudits, 2004. Deutsch:  Die Kinder der Schande. 2005

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/214055-mon-grand-pere-etait-un-soldat-allemand-et-ma-mere-une-enfant-de-la-honte.html

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2009/11/30/01016-20091130ARTFIG00413-200000-enfants-de-soldats-allemands-seraient-nes-en-france-.php

Normandie (Teil 1): Die allgegenwärtige Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist ein ganz spezieller Reisebericht. Es geht –im ersten Teil- um die allgegenwärtige Vergangenheit des 6. Juni 1944, also des Débarquement bzw. des  D-day, und der darauf folgenden Kämpfe zur Befreiung Frankreichs von der nationalsozialistischen Besatzung. Auf Spuren dieser Vergangenheit stößt man  auf Schritt und Tritt, ja man wird, teilweise  geradezu aufdringlich, darauf hingewiesen, gehören  sie doch, eher mehr noch als der Teppich von Bayeux, sozusagen zur touristischen Grundausstattung der Region.

In zwei nachfolgenden Teilen soll dann auf Schattenseiten dieser Vergangenheit eingegangen werden, die es auch gibt, die sich aber weniger für ein touristisches Marketing eignen:  Die Erinnerung an die  zivilen Opfer, vor  allem der Bombardements vor, während und nach dem  Débarquement (Teil 2) und schließlich:  Der „Atlantikwall“ als steinernes Zeugnis der Collaboration und  die Rolle der alliierten Truppen, die nicht durchweg dem gerne gepflegten Bild der heroischen und selbstlosen Befreier entsprach (Teil 3).  

Seit wir uns in Paris niedergelassen haben, verbringen wir öfters einige Tage im Jahr in der Normandie: Da wohnen wir im Maison de campagne unserer Freunde Marc und Marie-Hélène: ein altes  Bauernhaus, deren frühere Besitzer offenbar Cidre hergestellt haben: Eine Tür in der Scheune hat eine bauchige Form, damit die Fässer gut hindurch passten. Die Lage ist wunderbar:  gleich daneben die romanische Kirche mit einem alten Friedhof, wo wir abends manchmal hingehen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und den Blick auf die weiten Felder und auf den Turm der Klosterkirche von Cérisy. Die Ruhe ist –wenn man  von Paris kommt- besonders eindrucksvoll – was man hört sind das Zwitschern  der Vögel, das Muhen der Kühe und morgens und abends die Kirchenglocken. Im Frühjahr freuen wir uns über die Primeln und Orchideen am Wegesrand, dann über die blühenden  Apfelbäume, im Sommer und Herbst über das nahe gelegene Meer und lange Strandspaziergänge. Überall in der Umgebung gibt es Wochenmärkte, in denen die Bauern ihre Produkte anbieten, Fischhallen, in denen man frisch angelandeten  Fisch kaufen kann, Cidre- Bauern, die auch naturreinen Apfelsaft und Calvados verkaufen. Natürlich scheint  nicht immer die Sonne, worüber sich Bewohner aus anderen Regionen Frankreichs gerne mokieren, aber in „unserem“ Bauernhaus gibt es einen riesigen offenen Kamin, um den  herum man sich es abends gemütlich machen kann. Insgesamt: Idylle pur.

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Aber es gibt dahinter auch die  überall präsente Vergangenheit, und das gilt selbst in der beschriebenen Idylle: Der Wetterhahn auf dem Kirchturm der alten Kirche ist von Kugeln durchsiebt. Und es gibt überall in der Landschaft und in den Ortschaften des Bessin Denkmäler die daran erinnern, was dort 1944 geschah. Besonders eindrucksvoll in Trevières, der ersten befreiten Stadt der Normandie: Im ehemaligen und nicht wiederaufgebauten  Zentrum des Städtchens steht eine bronzene Marianne zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkrieges, deren Gesicht 1944 durch eine Granate abgerissen wurde.

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Vor allem aber gibt es  –hier wie an vielen anderen Stränden Frankreichs-  die vielen Bunker und ehemaligen Geschützstellungen des sogenannten Atlantikwalls, manchmal  noch halb versteckt im Boden vergraben, manchmal mit brutaler Präsenz an markanten Positionen sich präsentierend, manchmal als zersprengte Ruinen über die Strände verstreut.

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Omaha Beach

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Bei unseren Normandie-Ausflügen ist diese Vergangenheit aber in besonderem Maße allgegenwärtig, befinden wir uns doch im Bereich der „Landungsstrände“, der 5 normannischen Strände also, an denen am 6. Juni 1944, dem sogenannten D-Day,  alliierte Truppen landeten. Und der uns am nächsten liegende – und wie wir finden: schönste- Strand ist der Omaha-Beach, auch bloody Omaha genannt, an dem das Débarquement die meisten Opfer unter den Landungstruppen forderte.

Da gibt es denn eine ganze Reihe von Museen, zum Beispiel das  repräsentative Overlord-Museum in Colleville (Overlord ist der Deckname für das Landungsunternehmen) mit seinen herausgeputzten Erinnerungsstücken, aber auch –wie in Vierville auf der anderen Seite von Omaha-Beach-  kleinere Ausstellungen mit verrostetem Landungsschrott am Straßenrand.

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Und es gibt am Omaha-Beach überall, manchmal protzig und unübersehbar, manchmal bescheiden, Denkmäler für einzelne Einheiten der amerikanischen Landungstruppen, die an deren jeweiligen Beitrag zur Landung erinnern und an die dabei erbrachten Opfer.

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Und schließlich befindet sich am Strand das künstlerisch gestaltete zentrale Denkmal, an dem sich 2014 zum 70. Jahrestag der Landung Repräsentanten der damals beteiligten Staaten versammelten, Obama, Putin, Hollande, Merkel, Elisabeth II. – eine Gelegenheit über aktuelle Krisen zu sprechen und auch Gelegenheit für ein erstes Gespräch zwischen  Putin und dem ukrainischen  Präsidenten Poroschenko. Da hat die Geschichte immerhin einmal –im Ansatz- zu den daraus zu ziehenden Konsequenzen Anlass gegeben.

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Ganz nahe dabei und ganz  unscheinbar ist an der Mauer der Uferpromenade eine Tafel angebracht, die an die Operation „Aquatint“ erinnert,  ein englisches Kommandounternehmen vom September 1942, das aber scheiterte und mit dem Tod oder der Gefangenschaft des gesamten Kommandos endete- darunter auch einem Polen, einem Holländer und einem Sudetendeutschen…

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Manchmal wird man übrigens auch noch auf andere Weise an die blutige Vergangenheit dieser Strände erinnert: Vor einigen Jahren verspürte ich beim Schwimmen am Omaha-Beach plötzlich einen heftigen Schmerz im Bein. Ich hatte es mir an einem der noch im Sand steckenden rostigen  Überreste der Landung aufgerissen, die nur bei Ebbe sichtbar sind. Und obwohl noch bis in die 1950-er Jahre hinein die Aufräumarbeiten am Strand andauerten, gibt es noch genug solcher Erinnerungsstücke im Meer: Reste von Landungsbooten, von „Rommel-Spargeln“ und des auch an  diesem Strand eingerichteten künstlichen Hafens Mulberry A,  der aber zwischen dem 19. und dem 21. Juni 1944 in einem Sturm zerstört wurde. Wenn man bedenkt, dass er allein 15 km stählerne, auf dem  Meer schwimmende Straßen umfasste, kann man sich vorstellen, wie viel Schrott -150.000 Tonnen-  dabei entstand….

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Die Landungsstrände sind schon seit langem –und immer noch- ein touristischer Anziehungspunkt ersten Ranges, auch oder vor allem für amerikanische, britische oder kanadische Touristen. Früher waren das oft noch Veteranen, jetzt sind es eher Verwandte auf den Spuren ihrer Vorfahren. Für sie gibt es eine Fülle von spezialisierten Angeboten. Da gibt es die Albion Voyages, die „personalisierte und exklusive Rundfahrten mit gebildeten Historikern für die Betreuung von Familien und Veteranen“ anbietet,  Around Europe Battlefield Tours, denen wir schon einmal im belgischen Ypern begegnet sind, laden zu einer 8-stündigen Privattour an die beiden amerikanischen Landungsstrände ein  (500-800 Euro je nach Teilnehmerzahl), aber es geht auch billiger mit Overlordtour, Churchill Shuttle oder Gold Beach Évasion.  Der besonder Tipp: “Lassen  Sie Geschichte lebendig werden an Bord eines authentischen und mythischen Jeeps aus der damaligen  Zeit.“

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Und Souvenirs gibt es natürlich unzählige und in jeder nur denkbaren Form:

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T-Shirts, Uniformen, Aufkleber, Puzzles, sogar einen deutschen Wehrmachtsteller für 58 Euro und eine deutsche Geschosshülse (vielleicht als Blumenvase verwendbar ?) für 45 Euro. Und damit die Sinne nicht zu kurz kommen: Caramel-Bonbons aus Isigny und den D-day Camembert, von uns auch „Kampfkäse“  genannt, der aber wirklich gut schmeckt und bei unseren Besuchen in der Normandie nie fehlen darf. Die GIs an den Landungsstränden dürften zwar kaum Karamellbonbons gelutscht und normannischen Camembert verzehrt haben, aber offenbar eignet sich der D-day immer noch als marketing-Strategie.

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Lecker ist auch der Normandy- D-day Honig mit der flotten Biene am Maschinengewehr des amerikanischen Panzers:

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Als Schaufensterpuppen dienen schmucke Soldaten, wie hier im Buch- und Presseladen in Trevières:

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Und  es gibt auch  propere, leichtgeschürzte American Pin- up Girls mit Patronengurt…

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Zu den Zielen der D-day-Rundfahrten gehört auch der amerikanische Soldatenfriedhof oberhalb des Omaha Beach. Es ist der zentrale  Soldatenfriedhof für die in der Normandie gefallenen amerikanischen Soldaten, eine grandios gelegene, sehr eindrucksvolle Anlage.

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In dem dazu gehörenden Besucherzentrum werden –wie an anderen alliierten Erinnerungsorten an den Landungsstränden- Geschichten von „competence, courage and sacrifice“ der hier beerdigten  Männer und Frauen und ihrer Kameraden erzählt. Das ist sehr konkret und anschaulich – und geeignete Beispiele gibt es ja auch mehr als genug. Beispielsweise die Erkletterung und Eroberung des 30 Meter über dem Meer auf einer Klippe gelegenen Pointe du Hoc mit seinen strategischen deutschen Artilleriestellungen, der ja auch in dem Film „Der längste Tag“ eine wichtige Rolle spielt. Ein Besuch dort lohnt sich unbedingt: Es ist ein wunderschöner Ort mit Rundumblick, übersät allerdings von den Resten der weitläufigen Befestigungsanlagen und von tiefen, jetzt mit blühenden Primeln und Ginster bewachsenen Kratern,  die –ähnlich wie  in Verdun-  die  Massivität  der Kämpfe anschaulich machen.

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Oder die geniale Idee der Einrichtung künstlicher Häfen, mit denen die deutsche Wehrmachtsführung nicht gerechnet hatte. Die hatte eher mit einem Angriff auf einen der großen Häfen gerechnet, weil ein leistungsfähiger Hafen unabdingbare Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg des Landungsunternehmens war. Aber nach der gescheiterten „Generalprobe“ von Dieppe hatten die Alliierten  erkannt, dass die Eroberung der gut gesicherten Kanalhäfen zu risikoreich war. Stattdessen entwickelten sie das Konzept künstlicher Häfen, das am Omaha Beach zwar scheiterte, sich in Arromanches aber hervorragend bewährte. Sehr lohnend ist eine Klippen- Wanderung von der weiter westlich gelegenen ehemaligen deutschen Geschützstellung von Longues-sur-Mer nach Arromanches, wo man bei Ebbe noch am Strand und in einem  riesigen  Halbrund im Wasser die massiven Reste von Mullberry B sehen kann.

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Dass an solchen  Orten oft auch von heroischen Taten gesprochen  wird, ist verständlich. Umso mehr, als die alliierten Soldaten bei ihrem Einsatz 1944  sicher sein konnten, ihr Leben für eine gute Sache einzusetzen, für die Befreiung Westeuropas und Deutschlands von der deutschen Besatzung bzw. der Hitler-Diktatur – anders als bei  vielen weiteren vorausgegangenen  und nachfolgenden Militäraktionen, wo die Berufung auf hehre Ideale nur Ausdruck ideologischer Verblendung oder Propaganda waren.

Das Gedenken an die zahlreichen deutschen Soldaten, die bei den Kämpfen in der Normandie ihr Leben  gelassen haben, ist da  ungleich schwieriger. Competence, courage und sacrifice ist sicherlich auch ihnen zuzuschreiben, aber wenn die für ein verbrecherisches System und dessen Eroberungskrieg erbracht werden, ist eine Ehrung wie auf alliierter Seite unmöglich. Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, der die drei deutschen Soldatenfriedhöfe in der Normandie betreut, hat aber gewissermaßen aus dieser Not eine Tugend gemacht. Am Beispiel des ganz in unserer Nähe liegenden Friedhofs von La Cambe ist das sehr eindrucksvoll zu erleben: Dort sind 21.300 deutsche Soldaten bestattet –in einer Anlage mit schlichten Steinkreuzen von kleinen in den Rasen eingelassenen Steinplatten mit Namen, Dienstgrad, Geburts- und Todesdaten der hier Bestatteten, so wie auch auf den beiden anderen deutschen Soldatenfriedhöfen.

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Es ist sehr bewegend, durch die Reihen der Grabplatten zu gehen und  sich die Namen und Daten der hier Bestatten anzusehen.

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Da gibt es Kasimir Janiczki, dessen Todesdatum offenbar nicht bekannt ist und von dem, wie sonst immer, kein Dienstgrad angegeben ist: Vermutlich ein Mitglied der sogenannten  „Osttruppen“, Männern aus Osteuropa, die –Rassenlehre hin oder her- gegen Ende des Krieges in der Wehrmacht –und besonders auch am Altlantikwall – Dienst taten. Unterscharführer Fodor Szislawky dürfte wohl auch ein Osteuropäer gewesen sein, allerdings –wie sein Dienstgrad anzeigt- als Mitglied der Waffen-SS – vielleicht in einer der „Fremdenlegionärs“-Einheiten, die die Waffen-SS im Laufe des Krieges aufbaute (wie ja zum Beispiel auch die SS-Division Charlemagne, für die Franzosen zum Kampf gegen den Bolschewismus angeworben wurden). Und da ist auch noch das Grab des Fliegers Hans Martin, der mit noch nicht einmal 18 Jahren in den Tod geschickt wurde- aber vielleicht  hat er sich freiwillig an die Front gemeldet, weil er an den „Führer“ und den „Endsieg“ glaubte. Der Grenadier Fritz Preusser, dessen sterbliche Überreste im Ossuarium von Huisnes-sur-mer liegen, könnte übrigens –vom Alter her- fast der Großvater des jungen Hans Martin sein: Er war 60 Jahre alt, als er im November 1945 –vermutlich als Kriegsgefangener- in Frankreich verstarb: Teil des letzten Aufgebots und auch ein Aspekt des verbrecherischen Charakters des Kriegs.

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Vor all diesen einzelnen Gräbern und unzähligen Grabreihen steht man oft ratlos, immer beschämt und  fassungslos. Und man versteht umso mehr das Wort Albert Schweitzers, das der Volksbund als Mahnung und Auftrag für die von ihm betreuten Friedhöfen versteht: Die  Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens. Auf diese Weise wird die Problematik des Gedenkens an die toten Soldaten des Hitler-Regimes positiv gewendet: Als Auftrag zur Verständigung, zum Frieden- vor allem an die Jugend, für die die Kriege im Herzen Europas nur noch Kapitel in den Geschichtsbüchern sind.

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Besonders deutlich und anschaulich wird dieses Konzept im Friedenspark, der dem Soldatenfriedhof von La Cambe angegliedert ist. Er  besteht aus über 1200 Ahornbäumen, gestiftet von Privatleuten und jeweils versehen  mit einem  kleinen Schild zur Erinnerung an einen nahen Menschen, der im Krieg gefallen ist, manchmal auch mit einer Friedens-Botschaft.

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Und dazwischen stehen Stelen, auf denen in deutsch, französisch und englisch Opferzahlen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und der Kriege nach 1945 aufgeführt sind- und das Wort Albert Schweitzers und ein  weiteres von Karl Jaspers: „Die Frage des Friedens ist keine Frage an die Welt, sondern eine Frage an jeden selbst.“ Stoff zum Nachdenken.

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Sehr störend und ärgerlich ist allerdings, dass dieser Ort der Besinnung und des Gedenkens direkt an der vielbefahrenen vierspurigen Europastraße von Caen nach Cherbourg und einem großen Verkehrskreisel gelegen ist. Von „letzter Ruhe“ kann man da kaum sprechen, wenn die Lastwagen vorbeidonnern. Eine ganze Reihe der Friedensbäume sind sogar direkt an den Rand der Schnellstraße zwischen dem Hain auf dem Hügel und dem Friedhof gepflanzt. Der Soldatenfriedhof von Huisnes, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Mont Saint Michel hat, wäre da ein viel besserer Ort gewesen. Warum also ausgerechnet in La Cambe an der Autobahn? Das fragt man sich -und es ist nur eine von vielen Fragen, die sich aufdrängen-  wenn man mit  historischem Interesse und offenen Augen diese wunderbare Region besucht. Doch dazu mehr im Teil 2.

Eingestellt am 29.4.2016

Das Beitragsbild -die brennenden Kerzen mit der Aufschrift: we will remember for peace- ist aufgenommen in der Kathadrale von Bayeux

 

Ergänzung 2019:

Frankreich hat im Januar 2018 die Aufnahme der Landungssträne in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes beantragt. Der Schauplatz der alliierten Landng „erinnert an den Kampf für Freiheit und Frieden“, heißt es in dem französischen Antrag. Nach Angaben der Region unterstützen ihn mehr als 60.000 Menschen, darunter auch der US-Milliardär Christopher Forbes, dessen Vater Malcolm im Juni 1944 am Utah Beach landete. Die Aufnahme der Strände in die Welterbeliste wäre eine Premiere. Die UNESCO hat noch nie einen Kriegsschauplatz ausgezeichnet. Allerdings wird sie sich nach eigenen Angaben „nicht vor 2021“ mit dem französischen Antrag befassen. (https://science.orf.at/stories/2985601/)

Dessen ungeachtet wurde aber der 75. Jahrestag  der alliierten Landung in der Normandie aufwändig und mit großer politischer Prominenz gefeiert. Noch im September 2019 waren im Bereich des Omaha-Beachs die Spuren der Feierlichkeiten überall zu sehen, wie die nachfolgenden Bilder zeigen.

Natürlich gibt es immer noch die üblichen kulinarischen D-Day-Andenken wie die Karamell-Bonbons von Isigny.

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Oder -etwas merkwürdig- den Landungswein in weiß, rot und rosé – der landesübliche Cidre wäre da sicherlich passender gewesen, aber für die überwiegend amerikanischen Landungs- Touristen wohl weniger überzeugend.

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Auffällig waren aber besonders die allgegenwärtigen Stars und Stripes.

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Hier am Kino von Trevières, einem Städtchen unweit des Omaha-Beachs

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Auch die ortsansässige Grundschule trug zu den Feierlichkeiten bei.

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Und vor allem hatten sich fast alle Geschäfte für das Jubiläum herausgeputzt:

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Der Buchhändler von Trevière, bei dem wir während unserer Aufenthalte in der Normandie immer die Zeitung kaufen, hatte sich natürlich besonders auf das Jubiläum eingestellt:

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Eine kritische Anmerkung zu den Bildern der die GIs herzenden jungen Frauen und den anfliegenden Befreiungs-Flugzeugen kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Gerade Trevière wurde tagelang von den amerikanischen Truppen bombardiert und es gab zahlreiche zivile Opfer.

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Vier im Krieg gefallenen französischen Soldaten des Ortes stehen, wie die Tafel neben der Kirche und der  Marianne mit der „geule cassée“ aufführt, 20 zivile Opfer des „friendy fire“ gegenüber. Für deren Familien ist der 6. Juni sicherlich nicht ein ungetrübter Feiertag mit Volksfestcharakter.

Und was mir auch aufgefallen ist:

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Überall im Bereich des  Omaba-Beachs waren an den Laternenmasten  Bilder amerikanischer Soldaten befestigt, „Helden des Zweiten Weltkriegs“. Ich habe aber unter den vielen Portraits keinen einzigen farbigen Soldaten entdecken können. Das scheint ein generelles Phänomen zu sein. In einem Bericht von Associated Press zum 75. Jahrestag heißt es:  „while portrayals of D-Day often depict an all-white host of invaders, in fact it also included many African Americans.“ Die waren allerdings  -aufgrund der auch in der Armee herrschenden Rassentrennung- in eigenen Verbänden organisiert. Sie hatten also einen doppelten Feind:   „African Americans fougt both segregation and Nazi Germans.“ ( https://www.nbcnews.com/news/nbcblk/fighting-germans-jim-crow-role-black-troops-d-day-n1013716 )  Und es wird in dem Artikel auf ein Buch verwiesen über  „The Untold Story of D-Day’s Black Heroes, at Home and at War.”  Vielleicht werden die vergessenen schwarzen Helden des D-Day  ja dann zum 100. Jahrestag der alliierten Landung gewürdigt werden. Aber das werde ich sicherlich nicht mehr erleben….

 

 

 

 

 

Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

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Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

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Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

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Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

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Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

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Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

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Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

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Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

Zu Franz Hessel siehe: Gelebte Nonchalance. Zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und einzigartigen Feuilletonisten Franz Hessel. In: Frankfurter Rundschau vom 6.1.2021

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

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Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

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Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

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Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

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Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Download (1) Apatrides Download ( Max Ernst

Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

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In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

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Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

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Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

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 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

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Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

Ein Beitrag von Le Monde vom 13.3.2022 zum Lager von Les Milles als Ort politischer Bildung: : https://www.lemonde.fr/le-monde-evenements/article/2022/03/13/au-camp-des-milles-vous-etes-la-pour-comprendre-comment-on-peut-etre-trompe_6117317_4333359.html

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Lagers als offiziellem Erinnerungsmort besuchte Staatspräsident Macron im Dezeumber 2022 Les Milles und bezeichnete es als einen Ort des Staatsverbrechens des État français von Vichy:  https://www.lemonde.fr/politique/article/2022/12/05/emmanuel-macron-denonce-les-crimes-de-l-etat-francais-au-camp-de-deportation-des-milles_6153052_823448.html

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

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„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

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Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

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Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

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Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

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Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

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Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

Anmerkungen:

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Bad Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Siehe auch: https://danares.wordpress.com/2023/07/19/wir-mussen-uns-wie-richtige-verbrecher-benehmen-lisa-fittko-und-varian-fry-fluchthilfe-1940-1941/

Es gibt einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

„Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940  https://paris-blog.org/2018/11/19/dadurch-dass-ich-zum-glueck-die-kinder-habe-ist-alles-doppelt-schwer-anna-seghers-im-pariser-exil-1933-1940/

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung  https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

Mit Heinrich Heine in Paris  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité 1935 https://paris-blog.org/2019/04/15/das-haus-der-mutualite-in-paris-2-der-erste-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-von-1935/

Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke) https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte  https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Von der „Notre-Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben der Luise Straus-Ernst.  https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50:  ein Anlass zum Feiern (2012)

Der Text ist auch erschienen in:  Europäische Erziehung, Halbjahreszeitschrift des EBB-AEDE     ISSN: 0423-6238
42 (2012) 2 (Oktober) ; S./ p.: 5 – 17.

http://ebb-aede.eu/zeitschrift-europaeische-erziehung.html

 

 

  1. Von der „Erbfeindschaft“……

Maurice Barrès, einer der lautstärksten Verkünder eines übersteigerten französischen Nationalismus, berichtet in seinem Tagebuch, „dass er mit seinem kleinen Sohn an der Grenze stand. ‚Dort wohnen die Deutschen‘, sagte er. ‚Haben die auch eine Seele?‘ fragte der Kleine zurück. ‚Nein‘, antwortete der Vater und notiert dazu in seinem Tagebuch: ‚Ich wusste wohl, dass es eine Idiotie war, aber solche Idiotien erzeugen Energien…‘ [1]. Das war zwischen 1871 und 1914, als die angebliche deutsch-französische „Erbfeindschaft“ als fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins beiderseits des Rheins Hochkonjunktur hatte. Wäre es nach dem Willen von Friedrich Ludwig Jahn, dem frisch-fromm-fröhlichen „Turnvater“ gegangen, hätte es die Grenzerfahrung des kleinen Barrès nicht geben können. Denn Jahn plädierte dafür, eine undurchdringliche Wildnis zwischen Deutschland und Frankreich anzulegen, damit zum Wohle des Vaterlandes auch nicht die geringste Verbindung zwischen beiden Völkern stattfinden könne. So schlägt denn Jahn vor, Sümpfe anzulegen, Täler durch Wall und Mauern zu Seen zu stauen und die Natur ungehindert ihr Werk tun zu  lassen:  „Aus alten Klöstern entstehen dann Eulenschläge, Adlerhorste aus ausgebrannten Turmzinnen… unterirdisch aufgebaute Irrgebäude dienen gleich Schneckenbergen zu Werken für Giftschlangen. Die mit einer Doppelreihe von Verwallungen und Dornhecken eingezäunte Wüste ist wenigstens ein Grad breit, kein Leichtfuß kann sie ohne Rast durchhüpfen. Hungrige Wölfe, Bären und dergleichen passen Einschleichern, Kundschaftern und Landstreichern auf den Dienst… und der beständige Kampf, den die in der Wüste wohnenden Leute mit ihnen zu führen genötigt, ist die beste Vorschule zur Landwehr.“[2]  Dies alles erschien Jahn erforderlich, weil die Franzosen –neben Polen, Juden und Junkern- für ihn „Deutschlands Unglück“ bedeuteten. Und so war es auch nur konsequent, dass er jeden kulturellen Kontakt mit den Nachbarn im Westen unterbinden wollte: „ Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren lässt, ist ein Irrender, wer darin beharrt, sündigt gegen den heiligen Geist. Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren lässt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren lässt.“ Damit ist die moralische Verkommenheit Frankreichs als Stereotyp des deutschen nationalistischen Diskurses angesprochen, während umgekehrt Deutschland für rohe Gewalt und Barbarei steht.[3]

 

  1. …zur „Erbfreundschaft“ : Der Elysée-Vertrag als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung

Betrachtet man aus dieser Perspektive den Elysée-Vertrag, kann man die deutsch-französische Versöhnung nur als ein „bien inestimable“[4] bezeichnen, als „eine der herausragenden Leistungen der Nachkriegszeit“[5], und den Vertrag als „Winter- und Wundermärchen“, das das Ende einer jahrzehntelangen sog. Erbfeindschaft und den Beginn einer „Erbfreundschaft“ (Ritzehofen) besiegelte.[6] Die historische Dimension des Vertrags wird zusätzlich deutlich vor dem Hintergrund der französischen Deutschlandpolitik nach dem 2. Weltkrieg, deren Ziel zunächst „die völlige Zerstückelung Deutschlands“ war.[7] Für den legendären Ernst Reuter der Berliner Luftbrücke, einen ausgewiesenen Antikommunisten, stand jedenfalls die französische Deutschlandpolitik der Nachkriegszeit der sowjetischen in nichts nach und auch die deutsche Bevölkerung insgesamt stufte in der Rangfolge der Besatzungsmächte die Franzosen an dritter Stelle ein, nur knapp vor der Sowjetunion.[8] De Gaulles Haltung gegenüber Deutschland war in dieser Zeit von großer Ambivalenz geprägt: Einerseits schwebte ihm eine „entente réelle“ zwischen dem deutschen und dem französischen Volk vor[9], andererseits begleitete er die Gründung der Bundesrepublik mit großem Misstrauen: Er befürchtete, ein westdeutscher Staat werde zu einer „Wiederauferstehung des deutschen Imperialismus“ führen und noch 1953 bezeichnete er Adenauer wenig schmeichelhaft als „Reichskanzler“.[10] Eine „abrupt einsetzende Eiszeit“ war denn auch die Folge der Regierungsübernahme de Gaulles am 1. Juni  1958, denn Adenauer brachte ihm –verständlicherweise- „abgrundtiefes Misstrauen“ entgegen. Das erste Treffen der beiden im September 1958 in Colombey-les-deux-Eglises wurde dann aber für beide Staatsmänner zum „Damaskus-Erlebnis“[11] und es war der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zur deutsch- französischen Verständigung, wie sie in den Jahren 1962 und 1963 besiegelt wurde. Zuerst am 8. Juli 1962, als de Gaulle und Adenauer in der geschichtsmächtigen Kathedrale von Reims eine gemeinsame Messe feierten. Vor dem Hauptportal der Kathedrale sind –auf Deutsch und Französisch- die Worte eingemeißelt, die de Gaulle an den Bischof von Reims richtete, der die beiden Politiker empfing: „Eure Exzellenz, der Kanzler Adenauer und ich suchen Ihre Kathedrale auf, um die Versöhnung von Deutschland und Frankreich zu besiegeln.“ Und in den Seitenschiffen wird auf großen Schautafeln die Geschichte der Kathedrale dargestellt: Im Ersten Weltkrieg von deutschen Granaten schwer beschädigt und 1962 Ort der gemeinsamen Messe, ist sie auch ein Erinnerungsort deutsch-französischer Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“.

 

Der zweite Schritt war de Gaulles historische Rede an die deutsche Jugend am 9. September 1962 in Ludwigsburg, dem „umjubelte(n) Höhepunkt einer sechstägigen Reise durch Deutschland“[12].  Höhepunkt dieser auf deutsch gehaltenen Rede war de Gaulles kühner Glückwunsch an die im Schlosshof versammelten Jugendlichen: „Ich beglückwünsche Sie… junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes! das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen…“[13]

Der dritte entscheidende Schritt war dann der Elysée-Vertrag, der allmählich zum  Symbol der deutsch-französischen Versöhnung wurde.  Und deshalb ist es nur allzu berechtigt, ihn mit einem « Année franco-allemande : cinquantenaire du traité de l’Élysée » vom September 2012 bis zum Juli  2013 gebührend herauszustellen und  zu feiern. Im Zentrum der Feierlichkeiten, deren roter Faden die Jugend ist, stehen bzw. standen z.T. schon drei große Veranstaltungen: Am 22. September 2012 in Ludwigsburg, aus Anlass von de Gaulles Rede, am 22. Januar, dem Tag der Unterzeichnung des Vertrags, in Berlin, und am 5. Juli 2013, dem 50. Jahrestag der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks, in Paris.[14]

 

  1. Die Rose eines Sommers: Der Elysée-Vertrag als Mythos

Allerdings besteht keinerlei Anlass zur Idealisierung dieses Vertrags, auch wenn er, so Lappenküper, immer wieder Anlass zur Legendenbildung war und ist. Der Vertrag ist also nicht nur zum Symbol, sondern auch zum Mythos geworden.  Aus europäischer Sicht war der Vertrag nämlich durchaus problematisch, so dass Jean Monet noch am Vorabend des Vertragsabschlusses versuchte, Adenauer von der Unterzeichnung abzubringen.[15] Denn eine vertiefte europäische Einheit „hätte einen solchen zweiseitigen Vertrag eigentlich überflüssig machen müssen; jetzt aber erhielt er den Anflug einer etwas hochmütigen Ausschließlichkeit, die bei den anderen Ländern leicht als ‚Sonderbündelei‘ missverstanden werden konnte.“[16] Aber selbst auf die deutsch-französische Perspektive beschränkt, bot der Vertrag Anlass zur Skepsis und Kritik.  So stellte Alfred Grosser in einem Artikel im Express vom 2.1.2003 fest, der Elysée-Vertrag  sei keineswegs als Geburtsstunde einer neuen deutsch-französischen Geisteshaltung zu verstehen. Er habe nichts geschaffen und nichts geregelt.  Und Gilbert Ziebura bezeichnete schon 1970 den Vertrag  schlicht als überflüssig.[17]  Aus gutem Grund: Hatte doch der Vertrag selbst in den Augen de Gaulles durch die ihm vom Bundestag vorangestellte Präambel schon mit der Ratifizierung seine Substanz verloren. In dieser Präambel werden in schematischer Weise alle Ziele der deutschen Außenpolitik aufgezählt, womit das angestrebte Sonderverhältnis zwischen beiden Ländern eingeebnet wurde.[18] Vor allem diente die Präambel aber der Klarstellung, dass  „die transatlantischen Beziehungen der Bundesrepublik sowie ihre Integrationsbestrebungen auf europäischer Ebene“ durch den Vertrag nicht beeinträchtigt werden sollten.[19] Hier wird das große Missverständnis deutlich, das dem Elysée-Vertrag zugrunde lag: de Gaulles Ziel war es, Europa „unter französischer Führung zu einem eigenständigen Akteur in der Weltpolitik“ zu machen.[20] Der Vertrag mit der Bundesrepublik hatte damit für ihn die doppelte Funktion, den deutschen „Nachbarn einzubinden und zu kontrollieren“ und gemeinsam mit Deutschland „die von den USA dominierte NATO auszubalancieren.“[21] Entsprechend hatte schon der erste französische Nachkriegspräsident, Vincent Auriol, am 26.9.51 festgestellt, das entstehende Europa könne zugleich eine Kontrolle über Deutschland ausüben und Schiedsrichter zwischen Russland und Amerika sein.[22] Nicht von ungefähr werden in dem Vertrag ja –vor der Jugend und der Erziehung- die Außen- und Verteidigungspolitik als Felder der Zusammenarbeit angesprochen. De Gaulles Vision war ein eigenständiges Europa der Nationen unter Führung Frankreichs als europäischer Großmacht, eine Rolle, die in der ständigen Mitgliedschaft Frankreichs und ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat der UNO und in der nach allen Richtungen („tous azimuts“) einsatzbereiten Force de frappe zum Ausdruck kam. In dieser europäischen Vision hatte Großbritannien keinen Platz, dem de Gaulle vorwarf, „amerikanische Interessen eher zu fördern als europäische“[23], weshalb er Großbritannien wenige Tage vor Unterzeichnung des Elysée-Vertrags die Tür zur beantragten Mitgliedschaft in der EWG zugeschlagen hatte. Deutschland sollte in diesem Konzept der Juniorpartner sein und die französisch-deutsche Allianz Kern eines unabhängigen Europas. Adenauer dagegen ging es 1962 vor allem um seine Lebensaufgabe der Integration Westdeutschlands in die westliche Gemeinschaft zur Sicherung der Freiheit der Bundesrepublik im Kalten Krieg. Ihm war die Verständigung mit Frankreich so existentiell, dass er den französischen Affront gegen England  hinnahm und froh war, dass  – anders als zunächst vorgesehen- die deutsch-französische Verständigung als sein politisches Vermächtnis den Rang eines Staatsvertrages erhielt.

 

 

Vereinbart wurde dies übrigens erst ganz kurzfristig am Tag der Vertragsunterzeichnung zwischen de Gaulle und Adenauer, so dass man bei der Ausfertigung der deutschen Version improvisieren musste: Da kein amtlicher dunkelblauer Lederdeckel mit Bundeswappen in Paris verfügbar war, wurde der Text „in einer am Vormittag schnell in der rue du Faubourg-St-Honoré bei Hermès erstandenen Ledermappe“  -immerhin!- eingeheftet.[24] (Die französische Ausfertigung entspricht immerhin allen protokollarischen Anforderungen).

 

Da es sich nun aber um einen offiziellen Vertrag handelte, musste ihm der Bundestag zustimmen. Und der versah den Text –gegen den Willen Adenauers- mit der Präambel, die  de Gaulle  tief enttäuschte und die den Vertrag für ihn zu einer verpassten Gelegenheit und einer „aimable virtualité“ (zitiert von Bled) machte. Sollte die deutsch-französische Freundschaft nach der Vorstellung de Gaulles und des Rosenzüchters Adenauer ein „Rosengarten“ sein, der lange blüht und gedeiht, wenn man es nur will[25], so schien die Rose des deutsch-französischen Vertrags –kaum aufgeblüht- auch schon wieder zu verwelken.

Zu dieser Einschätzung trug auch die Politik Ludwig Erhards bei, dem Nachfolger Konrad Adenauers.  Erhard, ein bekennender Atlantiker, hielt wenig von einem deutsch-französischen Sonderverhältnis, was er durch seine Abwesenheit bei der Verabschiedung des Vertragsentwurfs durch das Bundeskabinett zum Ausdruck brachte. Bei den ersten Konsultationen nach dem Kanzlerwechsel wiederholte de Gaulle zwar noch einmal sehr nachdrücklich sein Angebot einer engen Zweierbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Ohne darauf auch nur im Geringsten einzugehen, rief, wie einer der Anwesenden berichtet, der neue Bundeskanzler „nach einer endlos erscheinenden Sekunde des Schweigens“  einfach den nächsten Tagesordnungspunkt auf.  Das war –ein halbes Jahr nach seiner Unterzeichnung- aus dem sogenannten „Jahrhundertvertrag“,  geworden, der deshalb auch „zunächst als gescheitert galt.“[26]„Je suis resté vierge“, beklagte sich de Gaulle bei Adenauer.[27] Drei Jahre nach seiner Unterzeichnung hatte der Elysée-Vertrag Geist und Substanz verloren, und lediglich die Pflicht zur Konsultation war von ihm noch übrig geblieben, was immerhin den völligen Bruch verhinderte.[28] Vor diesem Hintergrund muss man die Stilisierung des Elysée-Vertrages zum „Jahrhundertvertrag“ als Teil der Mythenbildung bezeichnen, die von Akteuren und Interpreten der deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit gepflegt wurde.[29] Zu dieser Überhöhung des Elysée-Vertrags gehört dann übrigens auch, dass –wenn von deutsch-französischer Aussöhnung die Rede ist- oft etwas in den Hintergrund gerät, dass es immerhin schon einmal zwei Friedensnobelpreisträger gab, die die deutsch-französische Aussöhnung zu ihrem Lebenswerk gemacht hatten, nämlich der französische Außenminister Aristide Briand und der deutsche Außenminister Gustav Stresemann 1926, und dass am 9. Mai 1950, also gerade einmal 5 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  der damalige französische Außenminister Robert Schumann eine wegweisende Rede hielt, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug und in der er gleich zu Beginn feststellte: „La paix mondiale ne saurait être sauvegardée sans des efforts créateurs à la mesure des dangers qui la menacent. … Le rassemblement des nations européennes exige que l’opposition séculaire de la France et de l’Allemagne soit éliminée.“[30]

13 Jahre später wurde im Elysée-Vertrag diese Jahrhunderte alte Gegnerschaft Deutschlands und Frankreichs dann endgültig und offiziell beendet und überwunden. Den blühenden Rosengarten deutsch-französischer Freundschaft, von dem Adenauer und de Gaulle träumten, schuf der Vertrag allerdings zunächst nicht. Dass er dann trotz aller anfänglicher Probleme schließlich doch noch gedieh und blühte, ist auch – um im Bild zu bleiben- engagierten Gärtnern auf beiden Seiten zu verdanken: Brandt und Pompidou, Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterand und zuletzt Merkel und Sarkozy.  Aber bezeichnet das Duo Merkozy einerseits die Enge der gegenseitigen Beziehungen und Kooperation gerade in Krisenzeiten, so andererseits auch die Schwierigkeiten der Partnerschaft 50 Jahre nach Abschluss des Elysée-Vertrags.

 

  1. Der Elysée-Vertrag heute: Der stotternde deutsch-französische Motor

Schon Ende 2011 hat der französische Deutschlandexperte und deutschlandpolitische Berater François Hollandes, Jacques-Pierre Gougeon, konstatiert, der deutsch-französische Motor sei ins Stottern geraten und es bestehe eine beunruhigende und wachsende „Malaise“ zwischen den beiden Ländern.[31] Und diese Malaise hat sich unter der Präsidentschaft Francois Hollandes eher noch verstärkt. Le Monde spricht am 22.6.2012 in diesem Sinne davon, Deutsche und Franzosen redeten aneinander vorbei[32] oder der Express stellt fest, man müsse Deutschland und Frankreich wieder versöhnen.[33] Gougeon hat seinem neuesten Buch den Titel gegeben: „France-Allemagne: une union menacée?“ Ob die deutsch-französische Partnerschaft bedroht ist, wird hier als Frage formuliert. In seinem Fazit spricht dann Gougeon allerdings durchaus von der Gefahr eines Bruches.[34]  Belege dafür finden sich problemlos auf verschiedenen Politikfeldern, in denen es fundamentale Dissonanzen zwischen beiden Ländern gibt:

Dies gilt vor allem für die Position beider Länder in der Euro-Schuldenkrise. Die Kritik an der deutschen Haltung in der Schuldenkrise ist auch in Frankreich heftig. Darüber hinaus gibt es massive Tendenzen, Deutschland zum Sündenbock der europäischen Finanz- und Schuldenkrise zu machen.  Da ist es schon eine Ausnahme, wenn die konservative Zeitschrift Le Point Verständnis dafür hat, dass sich Deutschland sträube, für die „hemmungslose Schuldenpolitik“ seiner Partner aufzukommen. Unter der Überschrift „Justice pour Angela Merkel“ schreibt die Zeitschrift: „Mais Clemenceau est mort depuis longtemps et, avec lui, le traité de Versailles et le mythe de ‚L’Allemagne paiera‘“.[35] Dieser Verweis auf den Versailler Vertag, der nach inzwischen immerhin gängiger französischer Überzeugung einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Hitlers geleistet hat, lässt sich auch als Replik auf den ebenso gängigen Vorwurf verstehen, Deutschland wiederhole mit seiner rigiden Sparpolitik die desaströse Deflationspolitik in der Weltwirtschaftskrise mit ihren bekannten Konsequenzen. Hier wird deutlich, mit welch harten geschichtspolitischen Bandagen die französische Auseinandersetzung um die Rolle Deutschlands in Europa geführt wird und wie groß hier der Graben zwischen beiden Ländern ist.

Die Euro-Krise hat eine weitere entscheidende Dissonanz in der europapolitischen Konzeption beider Länder deutlich gemacht. Im Kern geht es ja darum, dass (in welchem Ausmaß und auf welche Weise auch immer) die Schulden der Euro-Länder vergemeinschaftet werden sollen,  was aber aus (nicht nur) deutscher Sicht nur möglich ist gegen einen (weiteren) Souveränitätsverzicht. Denn man kann deutschen (und anderen) Steuerzahlern kaum zumuten, dass sie den Staaten, die über ihre Verhältnisse lebten und leben, großzügig einen Blankoscheck ausstellen – auch wenn die entsprechende Position, die der Bundesbankpräsident so griffig formuliert hat, in Frankreich teilweise als Zeichen des Egoismus und der fehlenden Solidarität verstanden wird. Wobei bemerkenswert und erstaunlich ist, dass in der französischen Diskussion der Schuldenkrise – trotz extrem angespannter Haushaltslage-  nur ganz ausnahmsweise darauf hingewiesen wird, dass -und welche- Kosten bzw. Risiken auch für den französischen Steuerzahler mit den bisherigen und möglichen künftigen Stützungsmaßnahmen verbunden sind. Und was die Abgabe von Souveränität an die Gemeinschaft angeht, tut sich Frankreich schwer. Dies gilt sowohl für große Teile der Rechten wie der Linken – ein für Frankreich seltener Bereich parteiübergreifender Einigkeit- und es hat eine lange Tradition, die weit über de Gaulle hinausreicht. Einem geflügelten Wort Cardin Le Brets aus der Zeit Ludwigs XIV.  entsprechend ist die Souveränität genauso wenig teilbar wie der Punkt in der Geometrie.[36]  Das ist Absolutismus pur, aber nicht von vorgestern: Der von deutscher Seite als europäische Perspektive ins Spiel gebrachte europäische Föderalismus ist für die französische politische Klasse eher ein Tabu bzw. gehört zu den sogenannten „f-words“, die tunlichst vermieden werden. François Hollande spricht also lieber von einer „intégration solidaire“, womit dann wohl eher das gemeint ist, was in Deutschland –oder zumindest der FAZ- gerne als „Haftungs- und Transferunion“ bezeichnet wird.[37]  Nach der Ablehnung der europäischen Verfassung durch die Franzosen im Referendum von 2005 und den erbitterten Auseinandersetzungen um diese Verfassung in der Sozialistischen Partei fürchten die Sozialisten den europäischen Föderalismus wie der Teufel das Weihwasser.[38] Hier befindet sich Frankreich ganz in der Tradition  Charles de Gaulles. Dessen erklärtes Ziel war ja,  wie Klaus Schwabe am 13.7.12 in der FAZ schrieb, ein Europa der in jeder Hinsicht souveränen Nationen, also etwas ganz anderes als das, was europäischen Visionären wie Schuman, Monnet und de Gasperi vorschwebte. Was dagegen de Gaulle wollte, „war genau das Europa, das heute an der Aufgabe einer gemeinsamen Finanz-, Wirtschafts- und Innenpolitik zu scheitern droht. De Gaulles Verdienste um ein enges Bündnis mit der Bundesrepublik passten in seine nationalstaatliche Orientierung und sollen in keiner Weise geschmälert werden. Trotzdem ist er an erster Stelle für die Fehlentwicklung verantwortlich, welche die europäische Einigung unter seinem Einfluss eingeschlagen hat.“ Für de Gaulle war ein föderales Europa unvorstellbar. Man könne kein föderales Omelette mit  harten Eiern machen, also den alten europäischen Nationen.[39]  Völlig entgegengesetzte Wege haben Deutschland und Frankreich auch in der Energiepolitik eingeschlagen:  In Deutschland wurde beschlossen, die Atommeiler abzuschalten, was in Frankreich mit Unverständnis, z.T. auch mit Häme kommentiert wurde- frei nach Asterix: „Die spinnen, die Deutschen“.  In Frankreich hat der neue Präsident zwar als längerfristiges Ziel vorgegeben, den Anteil des Atomstroms mittelfristig von 75% auf 50% zu reduzieren. Aber auch die Grünen als Koalitionspartner  konnten nicht ein Regierungsprogramm verhindern, nach dem die nukleare Kapazität Frankreichs am Ende der fünfjährigen Amtszeit Hollandes noch höher sein wird als am Anfang!  Die Atomenergie ist- auch dies ein Erbe de Gaulles- in ihrer Verflechtung von militärischem und zivilem Bereich ein nationaler Mythos, wie die Zeitung Libération schrieb, über den man nicht diskutiert, sondern vor dem man sich verneigt.[40] Und damit es auch allen klar ist, hat der (linkssozialistische) Minister Montebourg – in vollster Übereinstimmung mit der entsprechenden Politik Sarkozys- gerade wieder bestätigt, dass es sich bei der Atomindustrie um eine Zukunftstechnologie handele, auf die  Frankreich unter keinen Umständen verzichten könne und wolle.[41]

Le Monde spricht im  Leitartikel zum Jubiläumstreffen Hollandes und Merkels in Reims am 8. Juli  auch die außenpolitische und militärische Zusammenarbeit an, die im Elysée-Vertrag ja eine zentrale Rolle spielt und fragt – unter anderem- kritisch, warum 50 Jahre nach Abschluss des Vertrags die militärische Zusammenarbeit nicht vorankomme; warum es keine gemeinsame Botschaft gäbe; warum die beiden Länder unfähig seien,  in der UNO und der G20 mit einer Stimme zu sprechen…[42] Die unterschiedlichen Positionen zu einer militärischen Intervention in Libyen haben die Dissonanzen in diesem Bereich wieder sehr deutlich gemacht.

  1. Der Verlust der französischen Dominanz

Diese Dissonanzen-Liste soll –was problemlos möglich wäre- hier nicht noch verlängert werden. Stattdessen soll eine Antwort auf die Frage versucht werden, was letztendlich die Beziehungen beider Länder zunehmend schwierig macht. Nach Auffassung Gougeons, die mir sehr plausibel erscheint,  ist es die völlige Umkehr des Gewichts beider Länder seit Abschluss des Elysée-Vertrags. Damals waren die Verhältnisse ganz eindeutig und unbestritten.[43]  Und Deutschland machte bis hin zur Wiedervereinigung Frankreich den ersten Rang auch nicht streitig. Bezeichnend dafür die Mahnung Helmut Schmidts aus dem Jahr 1990: „Jedermann in Bonn muss wissen: Wir dürfen keinen Schritt ohne Frankreich tun, immer Paris den Vortritt lassen, der den Franzosen gebührt.“[44] Inzwischen hat sich das Machtgefüge zwischen Frankreich und Deutschland verschoben, vor allem, wie Gougeon schreibt, durch die zunehmenden ökonomischen Unterschiede und dadurch, dass Deutschland seine Rolle als Machtfaktor inzwischen wahr- und in Anspruch nehme.[45] Dieses Ungleichgewicht zuungunsten Frankreichs drücke sich auch in dem größeren Stimmengewicht im europäischen Ministerrat aus, das Deutschland im Vertrag von Lissabon erhalten habe. Als eine Konsequenz dieses verschobenen Machtgefüges diagnostizieren Beobachter einen französischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland.[46] Und wenn auch der neue Präsident am Anfang Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland demonstriert habe (Eurobonds, Fiskalpakt), so habe er sich dann schließlich doch kleinlaut den Vorgaben Merkels angepasst. Und dass Hollande (zunächst) den Schulterschluss mit Italien und Spanien suchte  und gegenüber Griechenland eher zu Konzessionen bereit ist bzw. war als die Bundesregierung, wurde zumindest von konservativer Seite nicht als Ausdruck von neuem Selbstbewusstsein gesehen: Frankreich stelle sich damit schon darauf ein, selbst einmal zu den Rettungskandidaten der Eurozone zu gehören.  Allerdings sei, so die linke „Marianne“,  die Anlehnung an den „Club Med diplomatique“ keine Alternative zur deutsch-französischen Allianz. Das wäre ja so, als würde ein Fußballklub darum bitten, in die zweite Liga absteigen zu dürfen.[47]

Die französische Schwäche, die der fast schon obsessive Vergleich mit Deutschland immer wieder vor Augen führt,  wird dann zwar zeitweise durch markige Worte oder durch Großmacht-Interventionen wie in Libyen überspielt, die aber im Grunde über die eigenen Kräfte gehen. Denn die sind begrenzt und eher noch am Schwinden: Die Arbeitslosigkeit steigt -besonders bei Jugendlichen- in besorgniserregende Höhen, ebenso das Außenhandelsdefizit und die Staatsverschuldung, Frankreich verliert an industrieller Substanz und an internationaler Konkurrenzfähigkeit –im aktuellen Ranking des Weltwirtschaftsforums Davos wird Frankreich zum ersten Mal nicht mehr unter den top-20 geführt,[48] das triple A (das AAA) verlor Frankreich schon am Ende der Ära Sarkozy, und wie 2013 die immer wieder versprochene 3% – Grenze der Staatsverschuldung eingehalten werden soll, steht trotz angekündigter einschneidender Maßnahmen in den Sternen:   Harter Tobak für die Grande Nation.[49]

Dagegen vergeht  fast kein Tag, an dem nicht in den Medien die entsprechenden deutschen Zahlen zum Vergleich herangezogen werden.  Deutschland dient hier als Maßstab und wird als Modell den eigenen Landsleuten vorgehalten.[50] Wer aber die Rolle eines Klassenprimus einnimmt und lautstark, wie Herr Kauder,  beansprucht, dass am deutschen Wesen Europa genesen soll, muss damit rechnen, neben Bewunderung auch negative Emotionen auf sich zu ziehen.

Besonders hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht  Arnaud Montebourg, ein führender Sozialist, der inzwischen zum ministre du redressement productif, also zum Minister für „produktiven Wiederaufbau“(!), also die Reindustrialisierung Frankreichs,  avanciert ist. Deutschland, so verkündete er 2011 lautstark,  mache sein Glück  „sur notre ruine“[51], die alte deutsche Politik der territorialen Expansion kehre nun wieder als Politik der „domination économique“.[52]

Und was bleibt da für Frankreich angesichts solcher tatsächlicher oder zugeschriebener deutscher Dominanz?  Natalie Kosciusko-Morizet, die frühere Sprecherin Sarkozys und jetzige Kandidatin für den Vorsitz der UMP, sieht vor allem zwei französische Trumpfkarten, die den deutschen in vielerlei Hinsicht überlegen seien: Und zwar vor allem die demographische Dynamik, durch die Frankreich in der Mitte des Jahrhunderts Deutschland an Bevölkerungszahl überholen werde. Das sei eindeutig ein Schlüssel der Zukunft. Und zweitens die Kreativität der französischen Ingenieure, die vor allem in der Atom- und der Luft- und Raumfahrtindustrie sichtbar werde.[53]

Hier wird der historische deutsche Topos vom demographischen Niedergang Frankreichs  von französischer Seite gegen Deutschland gewendet, eine in Frankreich derzeit sehr verbreitete, trostreiche Verheißung auf bessere Zeiten.[54]  Und wenn als eine der weiteren Trumpfkarten Frankreichs die Luft- und Raumfahrtindustrie genannt wird, dann gehören dazu auch die deutsch-französischen Projekte Ariane und Airbus, also  -trotz mancher nationaler Personalquerelen- Erfolgsgeschichten deutsch-französischer Zusammenarbeit, die vom Elysée-Vertrag beflügelt wurden.

 

  1. Und dennoch: Der Elysée-Vertrag, eine Erfolgsgeschichte!

Und in der Tat: Bei allen aktuellen Problemen und historischer Relativierung ist der Elysée-Vertrag  doch eine ganz außerordentliche Erfolgsgeschichte.

Dabei wird an erster Stelle oft die Intensität der politischen Zusammenarbeit genannt:  „Auf der Basis des Elysée-Vertrags ist 1963 ein Netz von Kontakten entstanden, das unter souveränen Staaten einmalig sein dürfte.“[55] Die damals vereinbarten Konsultationsverpflichtungen halfen dabei, schwierige Phasen der deutsch-französischen Beziehungen zu überbrücken, vor allem aber waren sie eine wichtige Voraussetzung für den deutsch-französischen Motor auf europäischer Ebene. Ein weiterer unbestreitbarer Pluspunkt des Vertrags war die Vereinbarung über die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks, das gerne als „das schönste Kind des Elysée-Vertrags“ bezeichnet wird, und waren und sind die zahlreichen Initiativen im Bereich von Schulen und Universitäten (Erasmus, Comenius, bilinguale Angebote, Schüleraustausch, universitäre Kooperationen etc).  Mit dem Elysée-Vertrag setzte auch ein großer Aufschwung deutsch-französischer Städtepartnerschaften ein, von denen es inzwischen etwa 2200 gibt. Die Kultur ist in dem Vertrag zwar aufgrund damaliger innerfranzösischer Querelen nicht berücksichtigt, aber das wurde später etwas ausgeglichen durch die Gründung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte, ebenfalls eine international einmalige Einrichtung. All das bewirkte, dass die deutsch-französische Versöhnung und Zusammenarbeit nicht auf die politischen Eliten beschränkt blieb, sondern weit in die Zivilgesellschaft hineinwirkte.

Der Prozess der deutsch-französischen Versöhnung und die Etablierung einer „strukturierten Zusammenarbeit“, die im Elysée-Vertrag besiegelt wurden, ist –gerade wenn man sie in ihrer historischen Dimension sieht- so einzigartig, dass sie inzwischen sogar als mögliches Modell für andere Staaten ins Auge gefasst wird, ja geradezu zum „Exportschlager“ stilisiert wurde.[56] Erleichtert wurde das „Wunder“ aber dadurch, dass Deutschland und Frankreich immerhin gemeinsame Wurzeln im fränkischen Reichs Karls des Großen haben, dessen Statue eben nicht nur vor Notre Dame in Paris steht, sondern auch an der „Furt der Franken“, also  in Frankfurt vor dem Historischen Museum.[57] Und neben der sogenannten Erbfeindschaft gab es ja auch eine intensive kulturelle Verschränkung: Man denke nur –im Jubiläumsjahr- an Friedrich den Großen, der besser französisch als deutsch sprach, oder an Goethe, dessen Werther gerade auch in Frankreich zum Bestseller wurde und der ein glühender Verehrer Napoleons war. So leicht wird es für andere also nicht immer sein, die Erfolgsgeschichte der deutsch-französischen Versöhnung auf sich zu übertragen.

 

  1. Und vor uns die Mühen der Ebene

Wenn heute die deutsch-französischen Beziehungen statt mit dem Begriff der Erbfeindschaft mit dem der „Erbfreundschaft“ (Ritzenhofen) charakterisiert werden können, dann wird damit  die einzigartige Entwicklung der letzten 50 Jahre auf den Begriff gebracht. Gleichzeitig  aber ist in diesem Begriff auch eine Schwierigkeit der aktuellen Beziehungen impliziert. Was die Gründungsväter der europäischen Einigung und des Elysée-Vertrags beseelte, waren die Erfahrungen zweier grauenhafter Weltkriege und das entschlossene „Nie wieder!“.  In der gemeinsamen Messe de Gaulle und Adenauers von 1962 und in der Verneigung Kohls und Mitterands –Hand in Hand- vor den Opfern von Verdun 1984[58]– wurde dies in unnachahmlicher Weise zum Ausdruck gebracht.

 

 

Das ist heute nicht mehr wiederholbar. Das unprätentiöse Treffen Merkels und Hollandes in Reims 50 Jahre später hat dies deutlich gezeigt, und auch die historische Dimension der Rede de Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg lässt sich nicht wieder erreichen.

Dass Deutschland und Frankreich Freunde sind, gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten des öffentlichen Bewusstseins beiderseits des Rheins. 2011 waren immerhin 55% der befragten Deutschen der Meinung, dass Frankreich das Land sei, mit dem man am engsten zusammenarbeiten müsse.[59] 82% der befragten Franzosen haben nach einer Untersuchung vom Januar 2012  ein positives Bild von Deutschland.[60] Und in dem  aktuellen Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, bei dem im Sommer 2012  junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren befragt wurden, bezeichneten 68,5 der Franzosen und 78% der Deutschen die beiderseitigen Beziehungen als gut.  Und das trotz akuter Eurokrise und „stotterndem deutsch-französischem Motor“![61] Hier wird in der Tat deutlich, dass die deutsch-französische Freundschaft nicht einfach eine politische Konstruktion, sondern tief in den beiden Gesellschaften verankert ist.

Allerdings müssen diese Befunde durch die Tatsache relativiert werden, „dass die deutsch-französischen Beziehungen vielen jungen Menschen weder als ausschließlich noch als bevorzugt erscheinen“ – und zwar mit steigender Tendenz.[62] Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch das altersspezifisch aufgeschlüsselte Ergebnis der ifop-Frage nach dem bevorzugten Partner: Während 64% der befragten Franzosen ab 65 Jahre Deutschland in dieser Rolle sehen, sind es bei der Altersgruppe bis 35 Jahre nur 38%.[63]

Die Einzigartigkeit der deutsch- französischen Beziehungen war für die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration eine Selbstverständlichkeit, für heutige Jugendliche ist die Normalität dieser Beziehungen selbstverständlich und der Bezugspunkt ist eher Europa insgesamt. Deshalb fehlt auch vielen deutsch-französischen Initiativen der Nachwuchs[64] und das Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes hat heute bei weitem nicht den Stellenwert, der ihm vor 50 Jahren zugeschrieben wurde. Französische Deutschlehrer/innen, die teilweise von Schule zu Schule hetzen müssen, um auf das erforderliche Stundendeputat in ihrem dahindümpelnden Fach zu kommen, können davon ein (trauriges) Lied singen.[65]

Man muss deshalb aber nicht gleich, wie der Le Monde-Journalist Arnaud Leparmentier am 12.9.2012 in Versailles, von einer „Katastrophe“ sprechen und den Elysée-Vertrag als überlebt abtun. Es erscheint mir auch zweifelhaft, ob man, wie im Leitartikel von Le Monde zum Treffen Hollandes und Merkels in Reims gefordert, einen neuen Elysée-Vertrag braucht.[66] Eher geht es darum, wie  Berechtigung und Notwendigkeit spezifischer deutsch-französischer Beziehungen auch unter den –vor allem seit 1990- grundlegend veränderten Bedingungen erklärt werden können  und wie der Vertrag gerade im Blick auf die Jugend mit ständig neuem Leben erfüllt werden kann.

Überlegungen und Vorschläge gibt es dafür mehr als genug: Beispielsweise die „99 Ideen für die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen“ vom Herausgeber des Magazins ParisBerlin, Oliver Breton.  Anlässlich des 40. Jahrestags des Elysée-Vertrags haben Chirac und Schröder beispielsweise die im Vertrag vorgesehenen Konsultationen noch einmal wesentlich intensiviert und haben damit die Grenze des Sinnvollen und Machbaren erreicht. Angesichts der leeren Haushaltskassen ist allerdings Bescheidenheit angesagt. Sinnvolles,  Mach- und Bezahlbares gibt es aber noch in vielen Bereichen.  Mal seh‘n, was sich Merkel und Hollande anlässlich des 50. Jubiläums einfallen lassen! Am wichtigsten ist jedenfalls ein gesellschaftliches Klima, das Frankreich, seiner Kultur und Sprache förderlich ist, und sind  Eltern und Lehrer, die Jugendlichen dabei helfen, unser Nachbarland kennen- und vielleicht sogar lieben zu lernen.

September 2012

 

  1. 15. Literatur:

Bled, Jean-Paul, Aux origines du traité franco-allemand du 22 janvier 1963, Espoir n°116, 1998. Auch in: http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/de-gaulle-et-le-monde/de-gaulle-et-l-allemagne/analyses/aux-origines-du-traite-franco-allemand.php

Defrance, Corine und Pfeil, Ulrich: Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005 – in Frankreich erschienen unter dem Titel Le traité de l’Élysée et les relations franco-allemandes (CNRS)

Fischer, Per: Ein Start mit Hindernissen. Wie der „Jahrhundertvertrag“ entstand und aufgenommen wurde. 1992, DFI online-Bibliothek  https://fiv.sydneyplus.com/FIVDB1/Portal/dfi_de.aspx?lang=de-DE&g_AAAAAP_AAAD=FIVDB1+%7CCatalog+%7CaggBasic+%3D+%27Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen%27&p_AAAX=AAAACV&query=Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen&submit=Suche

Gougeon, Jacques: France-Allemagne: une union menacée? Paris 2012

Grosser, Alfred, Deux siècles de haine et de passion. L’Express 2.1.2003

Linsel, Knut, Charles de Gaulle und Deutschland 1914 – 1919. Beihefte der Francia, Bd 44 1998

Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992

Lappenküper, Ulrich: Die deutsch-französischen Beziehungen von 1949 – 1963. Von der „Erbfeindschaft“ zur „Entente élémentaire“ (2 Bde) München 2001

Lappenküper, Ulrich: Les cinquante ans du traité de l’Élysée. Vortrag im DHI Paris vom 24.5.2012. Französisches Redemanuskript

Lappenküper, Ulrich: Das „Wunder“ von Colombey. Konrad Adenauer bei Charles de Gaulle im September 1958. In: Dokumente/Documents. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog. 3/2012

Leenhardt, Jacques und Picht, Robert:  Esprit/Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen.  München 1989

Linsel, Knut: Charles de Gaulle und Deutschland 1914-1969. Beihefte der Francia Bd 44. Sigmaringen 1998

Lipping, Alexander und  Grabendorff,Björn: 1848- Der Deutsche macht in Güte Revolution. FFM 1982

Martens, Stefan, Zwischen Demokratisierung und Ausbeutung. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Beihefte der Francia Bd. 27, 1993

Martens, Stephan, De l’Erbfeindschaft à la Reconciliation. Le Traité de l’Elysée. Portée et limites.  In: Allemagne d´aujourd´hui hors série, mai 2006, S. 36-50. (Sonderheft  8 mai 1945 – 8 mai 2005 France et Allemagne : de la guerre au partenariat européen. )

Miard-Delacroix, Hélène und Hudemann, Rainer (Herausgeber): Wandel und Integration: Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre/ Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante. München 2005

Montferrand, Bernard de und Thiériot, Jean-Louis: France-Allemagne. L’Heure de vérité. Paris 2011

Ritzenhofen, Medard:  Deutschland – Frankreich. Die Erbfreundschaft.  Ein Winter-, ein Wundermärchen. In: Dokumente / Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (Bielefeld), 58 (Dezember 2002) 6, S. 6-43

Seidendorf, Stefan (Hrsg): Deutsch-Französische Beziehungen als Modellbaukasten? Zur Übertragbarkeit von Aussöhnung und strukturierter Zusammenarbeit. Nomos 2012

Vogel, Wolfram, Die deutsch-französischen Beziehungen. In: Kimmel, Adolf/Uterwedde, Henrik: Länderbericht Frankreich. Band 462 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung. 2005

Zibura, Gilbert: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. 1997

http://www.lefigaro.fr/international/2012/05/15/01003-20120515ARTFIG00718-le-couple-franco-allemand-60-ans-d-histoires.php  (Retour sur les grandes dates de la relation franco-allemande.)

 

Auf diesem Blog gibt es auch einen Text über den Aachener Vertrag von 2019, die Fortschreibung und Konkretisierung des Elysée-Vertrags:

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen (Februar 2019)   https://paris-blog.org/2019/02/13/fake-news-nostalgischer-nationalismus-und-antideutsche-ressentiments-der-deutsch-franzoesische-freundschaftsvertrag-von-aachen-schlaegt-in-frankreich-wellen/

 

Anmerkungen

[1] Picht in Leenhardt/Picht, 127

[2] zit. bei Lipping/Grabendorff, 18/19

[3] Siehe dazu: Ennemi/ami héréditaire. Les relations franco-allemandes entre 1870 et 1945 à travers la littérature contemporaine. Dfi 2008 und das Buch von  Jeismann.

[4] Martens, 2006, 50

[5] Vogel, 419

[6] de Gaulle bezeichnete selbst die deutsch-französische Verständigung als „miracle historique“. Zit. bei Lappenküper 3/2012, 49. Der Vertrag selbst ist allerdings eine eher geschäftsmäßig-spröde Vereinbarung „über die Organisation und die Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten“ (Vertragstext). Dem Vertrag ist aber eine gemeinsame Erklärung vorangestellt, in der Adenauer und de Gaulle auf die historische Dimension der „Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk“ verweisen, „die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet“ und „das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet.“ (Text der gemeinsamen Erklärung).

[7] Vogel, 419

[8] Martens,1993, 10

[9] Linsel, 135

[10] Pressekonferenz 29.3.1949: „résurrection de l’imperialisme germanique“; Pressekonferenz 25.2.1953: „Chancelier du Reich“. Zit. bei Linsel, S. 135 und 140

[11] Lappenküper 3/2012, 45 und 49

[12] http://www.tagesspiegel.de/politik/de-gaulle-rede-in-deutschland-vor-50-jahren-grosse-worte-grosse-gesten/7166590.html

[13] Wortlaut der Rede auf: http://www.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Internet/get/1105080/REDE-de_gaulle.pdf.  Zu hören und zu sehen ist die Rede auf:  http://www.europa-nur-mit-uns.eu/charles-de-gaulle-die-rede.html. Dort auch Links zu zeitgenössischen Reaktionen.

[14] Nähere Informationen zu dem deutsch-französischen Jahr 2012-2013 bei: www.deutschland-frankreich.diplo.dewww.elysee50.de bzw.  www.elysee50.fr Zusätzlich gibt es auch ein année franco-allemande en milieu scolaire, das am 9. September in Saarbrücken von George Pau-Langevin, ministre déléguée à la réussite éducative, und der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eingeläutet wurde.  Kramp-Karrenbauer ist  auch Bevollmächtigte für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.

[15] Bled: „La veille au soir, Jean Monnet, inspiré par d’autres intérêts, a tenté de dissuader le Chancelier de conclure“

[16] Curt Gasteyger, Europa zwischen Spaltung und Einigung 1945 bis 1993. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 321, 1994, S. 225

[17] Diese und weitere Belege für die Relativierung der Bedeutung des Vertrags  bei Martens, 2006,45/46

[18] Fischer, 467

[19] Vogel, 423

[20] Vogel, 419; entsprechend stellt Insel, 155, fest, de Gaulle habe den Großmachtanspruch Frankreichs „zum ausschließlichen Bezugspunkt der französischen Politik“ gemacht. In diesem Zusammenhang sei auch seine Deutschlandpolitik zu sehen.

[21] Vogel, 419, 420.

[22] Siehe Gougeon, France-Allemagne, 184

[23] Fischer, 465

[24] Fischer, 466

[25] zit. bei Martens, 2006, 45

[26] Fischer, 467 und Vogel, 424; Fischer a.a.O.  spricht etwas zurückhaltender von einem „Start mit Hindernissen“ und einer von Erhard verursachten „Sackgasse“.

[27] „Ich bin Jungfrau geblieben“. Zit. Lappenküper 2012, 4

[28] Lappenküper 2012,4

[29] s. Corinne Defrance in einem vom Arbeitskreis Deutschland-Frankreich der Uni Kassel organisierten Vortrag vom 24.1.2012 über „Le mythe de la réconciliation franco-allemande“:  „Die Konstruktion des Mythos anhand verschiedener offizieller Inszenierungen setzte spätestens zu Beginn der 1960er Jahre ein: noch vor der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963. Stets standen die Bundesrepublik und Frankreich unter dem Druck der Vergangenheit, stets ging es darum, sich vom gescheiterten Versuch einer Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit abzugrenzen, der doch immerhin einen Friedensnobelpreis für Aristide Briand und Gustav Stresemann mit sich gebracht hatte.“  S.a. Defrance: Construction et déconstruction du mythe de la reconciliation franco-allemande au XXe siècle. In: Mythes et tabous des relations franco-allemandes au XXe siècle. Bern 2012

[30] Zit. in einem Leserbrief von Jacques-René Rabier in La Croix vom 1.10.12, der bedauert, dass in der Ausgabe der Zeitung vom 21. Sept. 2012, deren Schwerpunkt die deutsch-französischen Beziehungen waren, die Initiative Schumans und ihre Bedeutung nicht gewürdigt wurden.

[31] (Revue d’analyses (financières) Publié le 8 novembre 2011,  s. auch den Artikel Gougeons in Le Monde vom 1.11.2011).

[32] „les débats franco-allemands tournent au dialogue de sourds“. (http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/06/22/paris-berlin-le-dialogue-de-sourds_1723264_3232.html)

[33] (“ il faudra d’abord réconcilier la France et l’Allemagne” (http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48).

[34] Gougeon, 2012,188: „risque de fracture“

[35] Le Point 21.6.2012, S. 8; diese Verbindungslinie zieht auch Le Monde am 22.6.: „Les Allemands entendent les propositions françaises comme une nouvelle édition du slogan ‘L’Allemagne paiera’, qui avait rythmé la vie politique française après la première guerre mondiale.“

[36] „La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“. Kardinal Le Bret zit.in: Lous XIV Figaro hors-série 2009, S.96

[37] FAZ, 22.9.12. Bezeichnend dazu die Position des französischen Wirtschaftsministers Moscovici, vor einer Abgabe von Souveränität müssten konkrete Maßnahmen der Solidarität erfolgen, beispielsweise eine europäische Arbeitslosenversicherung. : « Les Français ne sont pas prêts à concéder des abandons de souveraineté sans avancées concrètes de solidarité. C’est pour cela que j’ai évoqué l’idée d’une assurance chômage européenne. » Le Monde  1.10.12. Zur franz. Diskussion um den europäischen Föderalismus s. z.B. Figaro vom 13.9.12: L’Europe face au tabou du fédéralisme“ und Libération 12.9.12

[38] siehe Marianne, 16.-22. Juni 2012, S. 28; entsprechend http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html  Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48: Die Deutschen widersetzten sich der Vergemeinschaftung von Schulden, „car ils veulent au préalable une garantie budgétaire suffisante. Or celle-ci pose la question des transferts de souveraineté, un point sur lequel la France freine des quatre fers.”. s.a. Libération: “ Paris n’a plus aucune raison, vu les gestes allemands, de bloquer la route vers le fédéralisme, même si  Hollande préfère encore parler «d’intégration solidaire»… http://www.liberation.fr/economie/2012/06/29/la-nuit-ou-le-sud-a-fait-flancher-merkel_830240

[39] „On ne peut pas faire une omelette fédérale avec des oeufs durs que sont les vieilles nations d’Europe.” Zit. In Le Monde 15.9.12, S. 11

[40] Libération, 25.3.2011

[41] http://www.lemonde.fr/politique/article/2012/08/27/pourquoi-montebourg-defend-la-filiere-nucleaire_1751629_823448.html

[42] „Pourquoi, cinquante ans après le traité de l’Elysée, la coopération militaire entre les deux pays reste-t-elle balbutiante ? Pourquoi n’y a-t-il aucune ambassade commune ? Pourquoi, à l’ONU et au G20, les deux pays sont-ils incapables de parler d’une seule voix ? Pourquoi se font-ils concurrence au Maghreb et au Proche-Orient?…“ Editorial, 8.7.12

[43] siehe Bled: „Bien entendu, il ne s’agissait pas de laisser l’Allemagne s’y assurer une influence dominante.“

[44] Die Deutschen und ihre Nachbarn. Berlin 1990, 332

[45] „par le creusement des différences économiques et par une réapprobation par l’Allemagne de son statut de puissance“. Gougeon, 2012, 188; Nach der ifop-Untersuchung vom Januar 2012 über das Bild Deutschlands in Frankreich stimmen 81% der Befragten der Feststellung zu, dass sich mit der Eurokrise die Rolle Deutschlands als „le pays dominant“ weiter gefestigt habe. Zur unterschiedlichen Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Frankreichs siehe auch: Bermard de Montferrand und Jean-Louis Thiériot: France-Allemagne. L’heure de vérité. Paris 2011)

[46] Le Figaro 24.8.12: „De toute évidence La  France souffre d’un complexe d’infériorité vis-à-vis de l’Allemagne.” Das wird zwar aus dem Spiegel übernommen, aber vom Figaro groß herausgestellt.  Siehe auch DIE ZEIT vom 19.4.2012 Nr. 17: „Seit dem Blitzsieg der Wehrmacht 1940 leidet Frankreich mit Blick auf den Nachbarn unter einem technischen Minderwertigkeitskomplex, der sich mit dem deutschen Stolz auf die Wertarbeit von Mercedes, BMW und Porsche kongenial ergänzt. »Made in Germany« versus »Merde in France« ….,  wie Jacques Dutronc 1984 in einem Chanson dichtete.“

[47] Marianne 802, 1.-7. Sept.2012, S. 28

[48] Le Monde 7.9.2012

[49] siehe Le Monde, 12.9.2012 S. 1 und 8. Ein Trost ist immerhin, dass es die Finanzmärke derzeit gut mit Frankreich meinen, obwohl ihnen Hollande im Wahlkampf den Krieg erklärt hatte. Aber, so Pierre-Antoine Deshommais in Le Point vom 30.8.2012, S. 30: „Leur irrationalité atteint même parfois la hauteur des bonus des opérateurs qui y travaillent.“ Und eine Sommerliebe könne auch schnell wieder enden.

[50] siehe dazu z.B. Patrick Artus: L’Allemagne, un modèle pour la France. Paris 2009 und das Kapitel 3 in Gougeon 2012. Entsprechende aktuelle Pressebelege  beispielsweise in  Le Monde vom 6.9.12, wo als Aufmacher S. 1 im Großformat die altersbezogenen taux d’emploi-Zahlen Frankreichs mit den –wesentlich günstigeren- deutschen verglichen werden. Oder Les Echos 7./8.9.12: La France doit-elle copier l’Allemagne?

[51] Le Monde, 2.12.11

[52] Libération 1.12.11 Dazu passt auch, dass Montebourg ruhig zusah, wie einer seiner Mitarbeiter dem Chef des  französischen Pharmazie-Konzerns Sanofi  vorwarf, kein Franzose zu sein (sondern Deutsch-Kanadier) und (deshalb) die Forschungskapazitäten seiner Firma in Frankreich unpatriotisch abwürgen zu wollen.  Le Monde, 4.10.12, S. 16 (Die Pharmazie-Sparte der verblichenen « Farbwerke Hoechst » ist übrigens in diesem Konzern aufgegangen).

[53] „Pourtant les atouts de la France sont, à maints égards, supérieurs à ceux de nos partenaires allemands –notamment deux: notre dynamisme  démographique, qui fera passer la population française devant la populataion allemande avant le milieu du siècle: c’est évidemment une clé de l’avenir; notre créativité, ce génie hérité de nos ingénieurs, si visible dans l’aéronautique ou l’énergie. Il a conduit au succès d’entreprises de rang mondial“. Le Point 2085 vom 30.8.2012, S. 42

[54] siehe z.B. auch Editorial le Monde 8.7.12: “Pour des raisons démographiques, l’Allemagne se prépare à des lendemains difficiles.“

[55] Lappenküper 3/2012, 50; entsprechend Fischer, 464

[56] siehe dazu den von Seidendorf herausgegebenen Sammelband .  s.a. Corinne Defrance am 24.1.2012 an der Uni Kassel:  „Dabei hegt und pflegt das deutsch-französische Tandem diesen Mythos im Rahmen seines bilateralen Verhältnisses und dokumentiert diesen derart bereitwillig nach außen, dass das Modell der Versöhnung zu einem „Exportschlager“ werden konnte.“

[57] Gougeon beginnt sein Buch über die bedrohte deutsch-französische Union denn auch mit einem Hinweis darauf, „combien les deux espaces des deux côtés du Rhin ont très longtemps constitué une seule sphère culturelle et politique“ S. 9

[58] Zur Genese dieser symbolischen Geste s. Ulrich Wickert in der FAZ vom 25.9.2009. Ihr allerdings die gleiche außerordentliche Bedeutung  zuzuerkennen wie dem Kniefall Willy Brandts in Warschau, erscheint mir doch arg übertrieben. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kohl-und-mitterrand-in-verdun-warum-reichten-sie-sich-die-hand-1857470.html

[59] Gougeon, 10

[60] ifop: L’image de l’Allemagne en France. Hrsg. von der deutschen Botschaft in Paris/Cidal

[61] ParisBerlin. Magazine pour l’Europe. September 2012, S.21

[62] a.a.O.,S.18

[63] ifop, S. 25

[64] s. Sarah Hasse in der Veranstaltungsinfo zur ersten dt-franz.Begegnung in Versailles am 12.9.2012, S.10

[65] Immerhin geben im aktuellen Baromètre 54,5% der befragten jungen Deutschen an, Französisch zu sprechen –„und sei es auch nur ein wenig“; in Frankreich sind das allerdings nur 27,3%- und damit liegt das Deutsche dort weit abgeschlagen hinter dem Spanischen auf Platz 3. In beiden Ländern steht natürlich das Englische unangefochten an der Spitze. In: ParisBerlin, Sept.2012, S. 20

[66] « Célébrer le passé ne suffit pas pour entrer dans l’Histoire. Il faut un nouveau traité de l’Elysée » (Editorial, 8.7.12 http://www.lemonde.fr/a-la-une/article/2012/07/08/pour-un-nouveau-traite-franco-allemand_1730654_3208.html  )

Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel der Revolutionäre

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese  glanzvolle Periode des Viertels.

Der Faubourg Saint-Antoine, das Viertel des Holzhandwerks: https://paris-blog.org/?s=Faubourg+Saint+Antoine+Holzhandwerk

Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels:  In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel  eine wesentliche Rolle.

Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.

Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen  der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja  auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:

Émeute qui éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.

Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst  mit in dem ersten  Montgolfière, der  am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.

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Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet

Reveillons Manufaktur litt aber  am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen  mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das  Überleben der Betriebe zu ermöglichen.  Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren  Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie  ein Lauffeuer verbreitete.  So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)

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Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous,  verbrannten Stoffpuppen mit  den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude  an und verjagten den Besitzer.

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Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.

In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese  historische Parallele verwiesen.  Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2)  Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.

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Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern

Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.

Hubert Robert

Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür:  Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben.  Die Befreier waren denn auch  etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)

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Und  dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen  Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:

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Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten  Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de  la Bastille einmündet,  sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt.  Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel  auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.

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Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden  eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:

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Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….

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In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.

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Auf  ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe  in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die  auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.

Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem  Batille-Platz dient.

324 Bude Place de la Bastille

Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).

Ein eindrucksvolles Bild  einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich  im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘  bekanntem  Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.

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In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels,  erinnert.

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Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….

…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass  dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.

Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.

Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren  allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten  vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals  beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.

IMG_3560 Pichio

Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.

Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:

„La barricade était livide dans l’aurore.   Et comme j’arrivais elle fumait encore;

Rey me serra la main et dit:   Baudin est mort.

Il semblait calme et doux comme    Un enfant qui dort;  Ses yeux étaient fermés,

Ses bras pendaient, sa bouche    Souriait d’un sourire héroique     Et farouche.

Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”

Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine  historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:

„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“ 

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Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…

Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber  in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:

Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“

Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen  Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen  Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue  Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine  Methode, die Haussmann  auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.

Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.

Schließlich  stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).

Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.

20555-7 Barricade

Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:

C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de  Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la  fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…

Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse  ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la  Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre  les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!

Anmerkungen

(1) Le saccage de la Folie Titon-Pillage de la maison Réveillon au faubourg Saint-Antoine le 28 avril 1789. Um 1789.  Zugeschrieben Laurent Guyot    https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/musee-carnavalet/oeuvres/le-saccage-de-la-folie-titon-pillage-de-la-maison-reveillon-au-faubourg#infos-principales

(2) Eric Vuillard, 14 juillet. Actes Sud 2016, S. 10 (Das erste Kapitel dieses sehr lesenswerten Buches heißt „La folie Titon“.

(3)  Les légendes révolutionaires: Le comte de Lorges http://www.vendeensetchouans.com/archives/2014/07/14/30254227.html

s.a. http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6479943r.r=bastille.langFR

Erster Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:

Der Faubourg Saint- Antoine, Das Vierel des Holzhandwerks   https://paris-blog.org/2016/04/04/der-faubourg-saint-antoine/

Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine

In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel  über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.

POUR EN SAVOIR PLUS:

Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010

Diwo, Jean:  249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006

Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984

Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998

Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php  (26.4.2020)

Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000

Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f

André Larané, 27-28 avril 1789. Pillage de la manufacture Réveillon. https://www.herodote.net/27_28_avril_1789-evenement-17890427.php