„Die Himmelsleiter ist eine Lichtinstallation, die die Verbindung zwischen der Erde auf der einen Seite und dem Himmel und dem Göttlichen auf der anderen Seite darstellt und sich als Symbol des Friedens versteht.“[1]
So die offizielle Erläuterung zu dem Projekt, das im Rahmen der Olympiade culturelle am 16. Juni 2024 in der Pariser Kirche Saint-Eustache eingeweiht wurde. Es ist -sozusagen- die dritte kirchliche „Etappe“ der Himmelsleiter.
2021 war sie für anderthalb Jahre am Stephansdom in Wien installiert: Ausgehend von der Taufkapelle hatte sie das Gewölbe „durchstoßen“ und dann außen ihren Aufstieg bis an die Spitze des Südturms fortgesetzt.[2]
Von 2022 bis Anfang 2024 hatte die Kunstinstallation dann in der Lambertikirche von Münster Station gemacht.[3]
Inzwischen ist in Münster -mit Hilfe österreichischer Kletterer- die Himmelsleiter am Turm wieder abgebaut, die Leiter im Inneren bleibt aber erhalten.
Jetzt also Saint-Eustache.
Foto: Wolf Jöckel
Dass die Himmelsleiter (vor allem [4] ) in Kirchen installiert wurde und wird, beruht auf ihrem alttestamenarischen biblischem Hintergrund, der Jacobsleiter. Sie ist danach die Verbindung zwischen Erde und Himmel, zwischen den Menschen und Gott. Und im Mittealter wurde sie auch als eine Tugendleiter verstanden, über deren Stufen der Mensch zu Gott aufsteigt.[5]
Als die Leiter mitten im Ukraine-Krieg in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens (Ende des 30-jährigen Krieges 1648) installiert war, lag es für den Münsteraner Oberbürgermeister nahe, die Himmelleiter als eine Friedensleiter zu deuten. [6] Diese Definition wurde nun auch ganz offiziell bei dem Pariser Projekt aufgenommen. Und das bietet sich ja auch -gerade im laizistischen Frankreich- an. Zumal die neongelb leuchtende Leiter im nördlichen Querschiff der Kirche installiert wurde, direkt über der Inschrift: pax hominibus bonae voluntatis, Friede auf Erden den Menschen guten Willlens.
Insofern versteht sich die Himmelsleiter (échelle céleste) zugleich als Friedensleiter (échelle de la paix). Sie „soll auch in Paris ein Zeichen für den Frieden in der Welt setzen.“[7] Und in den Reden bei der Einweihung wurde dementsprechend mehrfach auf die aktuelle Situation hingewiesen: Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten und die immense Schwierigkeit, einen derzeit nicht absehbaren Frieden (wieder)herzustellen.
Die 21 Stufen der Friedensleiter können als symbolischer Ausdruck dieser schwierigen Perspektive verstanden werden. Auch während der Olympischen Spiele wird es -im Gegensatz zur olympischen Idee- keinen Frieden geben. Insofern passt die Friedensleiter mit ihrem erst in beträchtlichem Abstand zum Boden beginnenden Anfang und ihren in schwindelerregende Höhe führenden Stufen gut zu der aktuellen Weltlage und zu der Pariser Kulturolympiade, zu deren Projekten sie gehört.
Getragen wird die Kunstinstallation von dem österreichischen Kulturforum und der Botschaft Österreichs in Paris: Die „Erfinderin“ der Himmels- und Friedensleiter, Billi Thanner, ist nämlich Österreicherin.[8]
Billi Thanner mit Mitgliedern der Tanz-Compagnie CUBe, die bei der Eröffnungsveranstaltung auftrat. Foto: Wolf Jöckel
Dass die Pariser Himmels-/Friedensleiter gerade in Saint-Eustache installiert wurde, kommt nicht von ungefähr. St. Eustache ist eine der größten und bedeutendsten Kirchen von Paris. Sie liegt zentral im 1. Arrondissement zwischen dem Centre Pompidou und der Bourse de Commerce in Nachbarschaft zu den ehemaligen Hallen und dem heutigen Verkehrs- und Einkaufszentrum (Canopé). Der 1532 begonnene heutige Bau geht auf König François I. zurück, der im Zentrum der Stadt eine repräsentative Kirche im Stil der Renaissance errichten wollte.
Foto: Wolf Jöckel. Aufgenommen 2021 vom Café der Bourse de Commerce/Pinault Collection
Die Kirche hatte einerseits königlichen Rang (paroisse royale), was nicht nur an ihren Ausmaßen, sondern auch an der Beziehung vieler bedeutender Persönlichkeiten der französischen Geschichte und Kultur zu der Kirche ablesbar ist. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, der bedeutendste Minister des Sonnenkönigs, Colbert, dort bestattet.
Detail des monumentalen, von Ludwigs Hofmaler Le Brun entworfenen Grabmals für Colbert. Foto: Wolf Jöckel
Andererseits war Saint-Eustache aber auch die Kirche der einfachen Menschen im geschäftigen Herzen von Paris. Und so ist auch die verarmte und vereinsamte Mutter Mozarts, die ihren Sohn 1778 auf dessen gescheiterter Reise nach Paris begleitet hatte, in Saint-Eustache bestattet worden. Ein Grabmal hat sie dort natürlich nicht erhalten, aber immerhin eine neuere Erinnerungsplakette in der chapelle Sainte-Cécile.[9]
In diesem Jahr feiert die Kirche ihr 800-jähriges Jubiläum.[10] Und in diesem Jahr wurde auch die Restaurierung der an antiken Vorbildern orientierten monumentalen Westfassade der Kirche abgeschlossen. (Auf dem obigen Foto sind die Säulen noch mit Gerüsten gestützt.)
Schon dies sind Gründe genug, die Himmelsleiter gerade in dieser Kirche zu installieren. Es gibt aber noch einen weiteren ganz wichtigen Aspekt, nämlich das Engagement von Yves Trocheris, des Curé von Saint-Eustache, für zeitgenössische Kunst.[11]
So steht in einer Seitenkapelle der Kirche ein Triptychon des amerikanischen Künstlers Keith Haring. Foto: Wolf Jöckel
Aber auch ganz aktuelle und durchaus umstrittene Werke haben in der Kirche ihren Platz, wie derzeit ein von der Collection Pinault ausgeliehenes Gemälde des aus Guadeloupe stammenden Künstlers Pol Tabouret, das neben einer Beweinung Christi aus dem 17. Jahrhundert in der Kapelle der heiligen Agnes zu sehen ist.
Und ein frühes Meisterwerk von Peter Paul Rubens gehört auch zur kirchlichen Ausstattung… Desgleichen finden regelmäßige Orgelkonzerte hier statt. Und natürlich steht dort auch öfters Mozarts Requiem auf dem Programm. Immerhin soll Mozart Anregungen zu diesem Werk von einer französischen Totenmesse erhalten haben, die anlässlich der Beerdigung seiner Mutter in Saint-Eustache aufgeführt wurde…[12]
Es gibt also viele Gründe, der Kirche Saint-Eustache einen Besuch abzustatten…
Praktische Informationen
Die Himmel-/Friedensleiter ist bis zum 15. September 2024 17 Uhr in Saint-Eustache zu sehen.
[4] Es gibt allerdings auch eine Himmelsleiter-Version am Luxushotel Schloss Seefels am Wörther See. Als dauerhafte Installation dient sie als „Landmark“ und soll das Hotel „zu einem ganz besonderen energetischen und spirituellen Ort magischer Augenblicke und unvergesslicher Momente“ machen. https://www.seefels.at/kunst-design/himmelsleiter/
Zur Seefelser Himmelsleiter siehe den anschließenden Beitrag von Ulrich Schläger.
Ulrich Schläger, Autor mehrerer Artikel zum deutsch-französischen Pariser Stadtbaumeister Hittorff, hat zu diesem Blog-Beitrag die nachfolgende „Anmerkung“ geschrieben, die ich den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten möchte. W.J.
Anmerkung zur „Himmelsleiter“ am Hotel Schloss Seefeld
Mit dem Décor, Accessoire, meinetwegen Kunstobjekt „Himmelsleiter“ soll dem Luxus-5-Sterne-Hotel Schloss Seefeld (siehe dessen Web-site) eine höhere Weihe, eine besondere Aura verliehen werden, ganz so wie es Rüdiger Safranski für das Romantisieren in seinem Buch Romantik. Eine deutsche Affäre (München, Hanser-Verlag, 2007) beschrieben hat: »Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ Nach Novalis bedeutet Romantisieren die qualitative Potenzierung des Tatsächlichen, die Verbesserung eines ursprünglichen Zustandes mit den Mitteln der Imagination und der Poesie.«
In diesem Sinn wird die „Himmelleiter“ in der Hotelwerbung zum Mittel des Zwecks: „Mit der HIMMELSLEITER von Billi Thanner wird das Hotel Schloss Seefels zu einem ganz besonderen energetischen und spirituellen Ort magischer Augenblicke und unvergesslicher Momente.“ Aus dem ursprünglichen Sinnzusammenhang herausgerissen und vereinnahmt, wird die Himmelsleiter zum bloßen Werbeobjekt und auf die gleiche Ebene gestellt wie das „Interieur-Design und die Bilder aus der Familiensammlung Haselsteiner bis zum Augarten-Porzellan und die Kunst am Teller aus der Haubenküche“.
Diese Vereinnahmung kann Billi Thanner nicht verborgen geblieben sein bzw. sie hat daran bewusst teilgehabt. Das wirft ein fragwürdiges Bild auf die ganze Aktion „Himmelsleiter“.
Die eigentliche Bedeutung der Jakobsleiter oder Himmelsleiter
»Die Jakobsleiter oder Himmelsleiter ist ein Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel, den Jakob laut der biblischen Erzählung in Genesis 28,11 während seiner Flucht vor Esau in einer Traumvision erblickt. Sie stand auf der Erde und ihre Spitze reichte in den Himmel. Auf ihr sieht er Engel Gottes, die auf- und niedersteigen, oben aber steht der Herr (JHWH) selbst, der sich ihm als Gott Abrahams und Isaaks vorstellt und die Land- und Nachkommen-Verheißung erneuert. (…) Im Johannesevangelium wird das Bild der Jakobsleiter typologisch auf Jesus Christus übertragen. Das Johannesevangelium bezieht die Jakobsleiter auf die Christusoffenbarung mit dem Höhepunkt am Kreuz: „Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (Joh 1,51 ). Im Markusevangelium wird gleich im 3. Vers Isaias 40,3 zitiert: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Steige!“ Der christliche Choral Näher, mein Gott, zu dir bezieht sich auf die biblische Geschichte von Jakobs Traum und der Leiter. Auch in Spirituals wird das Motiv verwendet, zum Beispiel in den Liedern We are climbing Jacob’s ladder und Climb up(Jacob dreamed, he saw a ladder).
Die Kirchenväter deuteten das Kreuz als die Leiter zum Himmel oder zum Paradies (scala paradisi). Dieses spirituelle Verständnis der Kirchenväter greift die Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Mariendonk, Christiana Reemts, auf: „Das Kreuz ist aufgerichtet als eine wundervolle Leiter, auf welcher wir zum Himmel hinaufgeleitet werden. Durch die Geburt des Sohnes Gottes stiegen die Engel zu den Menschen herab und konnten zugleich die Menschen aufsteigen aus der Tiefe zum Himmel. Durch das Kreuz wurden Himmel und Erde wieder vereinigt, die zuvor verfeindet waren, und es herrschte wieder Friede zwischen beiden Teilen, die zuvor getrennt waren. (…) Wie eine Leiter aus zwei Holmen besteht, so das Kreuz Christi aufgrund der beiden Testamente. (…)Im Kreuz hat Christus alle Mysterien zur Vollendung und zur Zusammenfassung gebracht, hat auch Adam zum Vater zurückgeführt und den Weg zum Himmel erschlossen. « (Text aus Wikipedia)
»In der christlichen Theologie wiederum steht Jakob mit seiner Leiter als Vorbote Christi, als Vermittler zwischen Mensch und Gott. Die einzelnen Stufen können aber auch als moralische Besserung der Seele auf ihrem Weg zu Gott gedeutet werden (Stefanie Oswalt: „Wohin die Himmelsleiter führt“, Deutschlandfunk, 09.10.2019).«
Diesen Sinn hat die Himmelsleiter an der Westfassade der Bath Abbey:
In diesem Sinn finden wir das Bild der Himmel- oder Jakobsleiter auch in den Handschriften und späteren Drucken der Heilsspiegel, eine seit dem Spätmittelalter verbreitete Art christlicher Erbauungsbücher: Die ursprüngliche, in lateinischer Reimprosa gedichtete Version Speculum humanae salvationis (lat. „Spiegel des menschlichen Heils“ bzw. der deutschen Übersetzung: Spiegel menschlicher behaltnis ) verfasste mutmaßlich ein Mönch in Italien am Anfang des 14. Jahrhunderts.
Grundgedanke ist die schon im Evangelium vertretene Vorstellung, dass das Neue Testament im Alten vorgezeichnet sei und die alttestamentlichen Heilsversprechen erfüllt. Der Zweck des Buches wird in der lateinischen Version genannt, nämlich die „eruditio indoctorum“, d.h. die religiöse Unterweisung eines theologisch nicht vorgebildeten Laienpublikums.
Wir sehen hier schon in dieser Vielfalt der Deutungen – die Jakobsleiter als Tugendleiter, als Aufstieg in den Wissenschaften, als kosmologischer Aufstieg, aber auch als politischer Aufstieg der verschiedenen Weltreiche –, dass die Leiter, von der Jakob träumt, als Denkmodell in ganz verschiedenen Bereichen Anwendung findet.
Die Judaistin [Hanna Zoe Trauer] sieht hierbei auch eine enge Verknüpfung mit der Frage nach Krise und Hoffnung. „Jakob auf der Flucht, der von Gott wieder Versicherung erhält, spiegelt sich in der politischen Deutung von den unterdrückten Juden, die anhand der Jakobsleiter die Versicherung erhalten, wieder zur Herrschaft aufzusteigen, wieder in Sicherheit zu kommen.“
Selbstverständlich taucht die Jakobsleiter auch in den Krisensituationen des 20. Jahrhunderts immer wieder auf – besonders prominent etwa in Arnold Schönbergs unvollendet gebliebenem, gleichnamigem Oratorium, das er während des ersten Weltkriegs schrieb. Doch zurück zu Michael Willmanns Gemälde:
Auch Ende des 17. Jahrhunderts stand es für die Hoffnung nach der Krise: Es zierte das Refektorium des niederschlesischen Klosters Leubus, das nach den Zerstörungen im 30-jährigen Krieg wieder aufgebaut worden war (Stefanie Oswalt: „Wohin die Himmelsleiter führt“, Deutschlandfunk, 09.10.2019).
„Hoffnung nach der Krise“ – das gibt Sinn für die Installation der Himmelsleiter in Wien, Münster und Paris, aber nicht beim Hotel Schloss Seefeld. Hier ist die Installation der Himmelsleiter eine (leider keine ungewollte) Profanierung und bloße Effekthascherei, verbrämt mit modischem Blablabla!
Heute finden in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Wahlen für das Europaparlament statt. Ein guter Anlass, wie ich meine, an den leidenschaftlichen Europäer Heinrich Mann und die Begegnungen von Pontigny zu erinnern, bei denen schon vor ca 100 Jahren der Geist der europäischen Verständigung gepflegt wurde.
Wolf Jöckel, 9. Juni 2024
1114 wurde die Abtei von Pontigny als zweites Tochterkloster der zisterziensischen Mutterabtei von Cîteaux gegründet. Es ist, auch wenn viele Klostergebäude nicht mehr existieren, ein imposanter Bau: zwar von der bei den Zisterziensern üblichen Schlichtheit, aber mit einer Grundfläche von 4000 qm2 und einer Länge von 120 Metern – kaum weniger als Notre-Dame von Paris- die größte Zisterzienserkirche der Welt.
Dass ich der Abtei von Pontigny einen Blog-Beitrag widme, hat zwei Gründe: Einmal wegen der Geschichte und Architektur des Baus -die Zisterzienser haben mich schon immer fasziniert- zum anderen wegen der Décades de Pontigny, einem Treffen internationaler Intellektueller in den Jahren zwischen 1910 und 1939. An ihnen hat als einer der ersten Deutschen 1923 Heinrich Mann teilgenommen, mit dem zu beschäftigen ich vor vielen Jahren bei einem Studienaufenthalt in Besançon angeregt wurde…
Die Abtei von Pontigny
Die imposante Größe der Abteikirche ist Ausdruck der großen Bedeutung, die Pontigny einmal hatte.
Klosterportal mit Blick auf die Fassade der Kirche mit dem Vorraum (Paradies)
Begünstigt wurde die Entwicklung des Klosters durch seine Lage an der Grenze zwischen drei Bistümern (Auxerre, Sens und Langres) und drei Grafschaften. Dies ist der Ursprung der Legende, nach der sich auf der Brücke von Pontigny drei Bischöfe, drei Grafen und ein Abt treffen konnten, ohne ihr Territorium zu verlassen. Deshalb auch die Brücke im Wappen des Klosters.
Pontigny war nicht nur die zweite Tochter von Cîteaux (Clairvaux folgte als dritte Tochter), was ihr einen besonderen Rang verlieh, es gründete auch selbst wieder weitere Klöster. Wenn eine Zisterzienserabtei ausreichend etabliert war, wurden, in Erinnerung an Christus und die 12 Apostel, ein Abt und zwölf Mönche ausgesandt, um eine Tochterabtei zu gründen. Diese Entwicklung war bei Pontigny sehr dynamisch: Bald gehörten zu seiner „Familie“ 43 Klöster, von denen 16 direkt dem Abt des Mutterhauses unterstellt waren. Und wer Abt von Pontigny wurde, hatte Aussicht, in höchste kirchliche Ämter aufzusteigen.
In dem blühenden Pontigny suchten im 12. und 13. Jahrhundert drei Erzbischöfe aus Canterbury Zuflucht. Der erste war Thomas Becket, der aufgrund seiner Verbannung durch den englischen König 1164 nach Pontigny ins Exil ging. Der dritte war Edmond von Abingdon, der 1240 in Pontigny bestattet und 1246 heiliggesprochen wurde. So entwickelte sich Pontigny zum Zentrum der Verehrung des heiligen Edmund (Saint Edme), die den Wohlstand des Klosters erheblich förderte.
Sein prächtiges Grabmal gehört zu dem insgesamt sparsamen Inventar der Kirche. Der Schrein wird von vier muskulösen Engeln getragen.
Vom Baldachin steigt ein weiterer Engel herab, um eine Krone auf das Grab zu legen:
Das Grabmal stammt aus dem 18. Jahrhundert – aus einer Zeit neuer Blüte nach dem von Hungersnöten, Pest und Kriegen verursachten Niedergang vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Vor allem waren es die Hugenotten, die im 16. Jahrhundert dem Bau arg zusetzten, die Kirche anzündeten und die Gräber profanierten – die Reliquien des heiligen Edmund hatten die Mönche allerdings rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
Hier ein Grundriss der Klosteranlage aus der Zeit des Neuanfangs im 17. Jahrhundert:
Eine solche weitläufige Klosteranlage an dieser Stelle zu errichten, war ein äußerst schwieriges Unterfangen: Das sumpfige Gelände in der Niederung des Flüsschens Serein musste trockengelegt und urbar gemacht werden; ein Kanal musste gebaut werden, um die Wasserkraft für Mühle und Schmiede zu nutzen, Fischteiche zu füllen, Brunnen zu alimentieren und das Abwasser einzuleiten.
Für die Klostergebäude und die Kirche wählte man den höchsten Punkt des Geländes, das allerdings nicht eben war: eine zusätzliche Herausforderung. Dazu kam während der Bauarbeiten der Einfluss des neuen gotischen Stils, was Umplanungen, aber auch Abriss und Neubau alter romanischer Teile zur Folge hatte.
Das nördliche Seitenschiff. Blick nach Osten.
Entstanden ist so ein eindrucksvoller Kirchenraum von ungeheurer Weite und einem blendend weißen Inneren: Die cremeweiße Farbe des hellen Kalksteins ist wunderbar erhalten und wird durch die Fenster entsprechend beleuchtet: Zum ersten Mal in Burgund wurde das Kreuzrippengewölbe verwendet, das aufgrund seiner größeren Leichtigkeit eine Erhöhung des Kirchenraums und eine Vergrößerung der Fenster ermöglichte. So tägt -neben dem hellen Kalkstein- auch das Licht zur festlichen Helligkeit des Raums bei und erfüllt ihn mit Leben; zumal es bei den Zisterziensern keine bunten Glasfenster gab, sondern nur solche aus farblosem Grisailleglas, durch die das Licht ungehindert den Raum erhellen konnte.
Die modernen Fenster sind von den weitgehend verlorenen Originalen inspiriert und wurden nach der Explosion eines deutschen Munitionszuges in der Nähe der Abtei 1943 eingesetzt. Die originalen Fenster gab es allerdings schon vorher nicht mehr.
Über der hohen Vierung, wo sich Langhaus und Querschiff kreuzen, wurde das erste Kreuzrippengewölbe errichtet.
Blick vom Langhaus in den Chorraum der Mönche mit dem Chorgestühl. Das Gewölbe über der Vierung ist deutlich zu erkennen, hervorgehoben auch durch die kreisrunde Öffnung, die für das Heraufziehen von Baumaterial bestimmt war.
Das Vierungsgewölbe ist mit vier Wappen geschmückt, darunter das Wappen des Mutterklosters Cîteaux: Bischofsstab und Mitra über einem Schild mit acht Lilien…
… und natürlich das von Pontigny: Mitra und Bischofsstab über einer Brücke mit Baum:
Im Chor der Kirche ist in den Boden ein Stein eingelassen mit einem Kreuz und drei Lilien in blauer Farbe. Er markiert das Grab der Adèle de Champagne.
Adèle war die Mutter des Königs Philippe Auguste – in Paris vor allem bekannt aufgrund der während seiner Regierungszeit errichteten Stadtmauer, von der noch einige Reste erhalten sind. Adèle wurde 1205 vom damaligen Abt während zweier Tage mit ihrem Gefolge im Kloster empfangen, was einen Skandal auslöste. Keine Frau, auch keine Königin, war in einem Zisterzienserkloster zugelassen. Sogar der Papst griff ein und der Abt wurde entsprechend gerügt. Allerdings hatte der, wie Kinder in ihrem Kirchenführer schreibt, seinen Ruf nicht umsonst riskiert: Adèle hat nämlich wahrscheinlich den Bau eines neuen monumentalen Chorabschlusses mit Altarraum, Chorumgang, Kapellenkranz und den neuartigen gotischen Strebebögen finanziert…
Dort wurde sie dann auch 1206 beigesetzt.
Blick auf das südliche Querschiff, das noch im romanischen Stil gebaut wurde: Es ist niedriger und es gibt noch keine Strebebögen. Auffällig ist aber die für einen romanischen Bau außergewöhnlich große Fensterrose: Da deutet sich der Übergang zur Gotik schon an.
Heinrich Mann und die Décade de Pontigny 1923
In der Französischen Revolution wurde das Kloster aufgelöst, seine Besitzungen versteigert. Einige Klostergebäude wurden abgerissen, die Steine benutzte man für den Bau von Häusern im Dorf. Die Kirche blieb aber als Gotteshaus für die örtliche Gemeinde erhalten. 1906, nach der Trennung von Kirche und Staat, kaufte Paul Desjardins die Klosteranlage und machte sie zwischen 1910 und 1939 zum Ort zehntägiger Treffen von Intellektuellen und Künstlern aus ganz Europa, darunter André Gide, François Mauriac, Raymond Aron, Jean-Paul Sartre, André Malraux, T.S. Elliot, H.G. Wells, Ernst-Robert Curtius, Heinrich und Thomas Mann, Martin Buber … Insgesamt fanden über 70 Dekaden in Pontigny statt.
Desjardins war Lehrer und Professor, Schriftsteller und Journalist. Er war der Auffassung, dass Frankreich an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von einer moralische Krise befallen sei, deren wesentliche Ursache für ihn der Materialismus war. Notwendig seien grundlegende Reformen, eine breit angelegte „weltliche Missionsarbeit“ und der Zusammenschluss aller Menschen guten Willens, vor allem von gleichgesinnten Intellektuellen. Zu diesem Zweck gründete er 1892 die Union pour l’Action morale. Im Zuge der Dreyfus-Affaire spaltete sich die Gruppe auf: Die Dreyfus -Gegner gründeten die ultranationalistische und antisemitische Action française, die Dreyfus-Verteidiger mit Desjardins die Union pour la vérité. 1910 initiierte Desjardins die vom Geist des Humanismus und der internationalen intellektuellen Zusammenarbeit geprägten Décades von Pontigny: Dass die gerade in einem ehemaligen Kloster stattfanden, passte sehr gut zum quasi religiösen Ansatz des Agnostikers Desjardins.[1]
Das von Desjardins entwickelte Konzept der Décades sah vor, dass sich mehrmals im Jahr jeweils eine Gruppe ausgewählter Künstler und Intellektueller für 10 Tage in Pontigny treffen sollte, um in einer ungezwungenen Atmosphäre über einen festgelegten Themenschwerpunkt aus den Bereichen der Literatur, der Religion, der Gesellschaft, der Erziehung oder der internationalen Beziehungen zu debattieren. Jede Dekade wurde von einem von Desjardins bestimmten Direktor vorbereitet und geleitet.
Die Décades wurden 1914 durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen und 1922 wieder aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgten die Décades einen kosmopolitischen Ansatz, um das gemeinsame europäische Fundament des Geistes zu betonen. Es war vor allem André Gide, der dabei eine wesentliche Rolle als aktiver „recruteur“ und Organisator der literarischen Dekaden spielte und der sich besonders für die Wiederaufnahme des deutsch-französischen Dialogs einsetzte. Für die erste literarische Dekade der Nachkriegszeit standen Rainer Maria Rilke, der große Romanist Ernst Robert Curtius und der mit Gide befreundete Bernhard Groethuysen, ein Spezialist der französischen Philosophie des Ancien Régime und Diderots auf Gides „Wunschzettel“. Es war dann Curtius, der als erster Deutscher 1922 nach Pontigny kam: Deutsche einzuladen bzw. einer Einladung Folge zu leisten war ein beiderseitiges Wagnis in einer Zeit, in der der Krieg und der Versailler Vertrag das Denken in Kategorien der „Erbfeindschaft“ noch einmal bestärkt hatten.
1923 folgte dann Heinrich Mann als zweiter deutscher Teilnehmer einer literarischen Dekade. Die Einladung verdankte er dem französischen Germanisten Felix Bertaux, vor allem aber seinem Renommee als frankophilem, politisch engagiertem Schriftsteller. 1918 wurde Heinrich Manns „Untertan“ veröffentlicht, seine schon vor Kriegsbeginn abgeschlossene Abrechnung mit dem wilhelminischen Deutschland. Kurt Tucholsky nannte das Buch „das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit.“[2]
Heinrich Mann, gleichermaßen französisch wie deutsch gebildet, war auch ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber Frankreichs, seiner Philosophie und Literatur. Das bezeugen zahlreiche Essays, die er schon damals geschrieben hatte (weitere folgten in den 1920-er Jahren), z.B. über Rousseau, Voltaire, Choderlos de Laclos, Flaubert, Georges Sand, Talleyrand… Besonders bedeutsam war der 1915 veröffentlichte programmatische Essay über Zola, den kämpferischen Schriftsteller des „J’accuse“. Klaus Mann, Heinrichs Neffe, schrieb später dazu: „Während die ganze Nation sich an den Heldentaten unserer unbesiegbaren Armee begeisterte, wagte Heinrich Mann, dem unbesiegbaren Geist des französischen Kämpfers und Dichters ein literarisches Denkmal zu setzen.“[3] Gleichzeitig war der Essay eine leidenschaftliche Kampfschrift gegen den Krieg. In seinem einleitenden Worten zu einem Vortrag über den Zola-Essay schrieb Heinrich Mann 1916 über die Zeit Zolas, das Zweite Kaiserreich Napoleons III., aber gleichzeitig damit auch über seine Gegenwart, das Kaiserreich Wilhelms II.:
„Das zweite Kaiserreich nämlich hat schlimm geendet, mit einer Niederlage, einem Zusammenbruch, einer Katastrophe von seltener Vollständigkeit. Da aber die Reiche doch nicht zufällig zusammenbrechen, musste dieses viel gesündigt haben, es musste mit viel Unrecht beladen sein und mit viel Lüge. (…) dies Reich aber war ein Militär- und Klassenstaat, in dem der Volkswille nur gefälscht zur Geltung kam. Das Reich bestand also eigentlich entgegen dem besseren Wissen der Zeit, entgegen ihrem Gewissen. Und nicht anders war es mit dem Reichtum der Wenigen und der Armut der Vielen…“[4]
Und dazu und vor allem war Heinrich Mann ein überzeugter Europäer, tief durchdrungen auch von der gemeinsamen europäischen Mission Frankreichs und Deutschlands „mit ihren ähnlichen und ineinander verschlungenen Schicksalen“, wie er 1923 in einem Essay über die „Anfänge Europas“ schrieb:
„So feindlich verbrüdert waren immer nur wir. Will Europa denn eins werden: zuerst wir beide! Wir sind die Wurzel. Aus uns der geeinte Kontinent, die anderen können nicht anders als uns folgen. Wir tragen die Verantwortung für uns und für den Rest.“[5]
Mit diesem politisch-literarischen Opus hatte Heinrich Mann gewissermaßen die Eintrittskarte für die Décade von 1923 erworben und die Einladung dieses deutsch wie französisch gebildeten Schriftstellers war gewissermaßen schon eine Antwort auf das Thema der Dekade: „Gibt es in der Poesie eines Landes einen für Fremde undurchdringlichen Schatz?“.[6a] – aber trotzdem gab es Bedenklichkeiten auf französischer Seite.[6] Und Umgekehrt gab es auch eine „deutsche Missbilligung, wenn ich mit Frankreich verkehrte“, wie Heinrich Mann in seinem Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ schrieb.[7] Es war ja gerade die Zeit des Ruhrkampfs, französische Truppen hatten das Ruhrgebiet besetzt, die junge Republik antwortete mit einem Generalstreik, die Inflation erreichte astronomische Höhen. Die Einladung nach Pontigny erhielt Heinrich Mann in Heringsdorf an der Ostsee: „Um dorthin zu gelangen, hatte ich einen Sack Inflationspapier im Schweiß meines Angesichts von der Bank nach Haus getragen. Schon in Berlin war er leer. Aber damit drei Personen (HM, seine Frau und seine Tochter. W.J.) ein Badehotel bewohnten, genügte ein Dollar täglich: den hatte ich bei einem amerikanischen Korrespondenten erschrieben. Dennoch waren dies nicht die Umstände, unter denen man leichten Herzens ein reicheres Land besuchte. Überdies war es den meisten Deutschen ein feindliches, wie im Krieg: eher mehr.“[8]
Wie große die Feindseligkeiten damals waren, wird auch -im Jahr der Olympischen Spiele von Paris- daran deutlich, dass Deutschland nicht nur 1920, sondern auch noch 1924 von den damaligen Olympischen Spielen von Paris ausgeschlossen war. Carl Diem, damals Generalsekretär des Deutschen Reichsausschussen für Leibesübungen, kommentierte das trotzig so: „Welcher Deutsche würde zu einem weltoffenen Fest nach Paris wollen, solange Neger in französischer Soldatenuniform am deutschen Rhein stehen!“ [8a]
Zunächst sagte Heinrich Mann die Fahrt nach Pontigny ab, nahm aber schließlich -dringlich von seinem Freund Felix Bertaux gebeten- doch an. Mit dem Zug gelangte er von Berlin aus „über eine Strecke, die zwischen Kehl und Straßburg glatt abbrach, in das nahezu verbotene Land.“[9] Weiter ging es nach Paris, wo er von Bertaux empfangen wurde, der ihn auch nach Pontigny begleitete.
Ein für die Décades als Gästehaus genutztes Gebäude im Klostergelände von Pontigny
In einer großen Rede aus dem Jahr 1927 über „Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung“ hat Heinrich Mann ausführlich über seine Zeit in Pontigny berichtet:
„Tags darauf ging es nach Pontigny. Man fährt mehrere Stunden in Richtung von Lyon, dann kurz mit einer Kleinbahn und landet in einem Dorf, das eine große alte Abtei hat. Als die Mönche sie … räumen mussten, zog Herr Paul Desjardins dort ein.. …. Seine Gäste, deren er in jedem Sommer drei Gruppen einlädt, sind jedesmal vierzig oder fünfzig, so viele das große Haus fasst. Sie gehören einigen Nationen an, sie bilden eine pädagogische, eine diplomatische und eine literarische Gruppe. Diese letzte kam diesmal mit demselben Zug vollzählig bei ihm an. … Von meiner Nationalität war ich der einzige, blieb es die ganze Zeit, stellte daher eine Art repräsentativen Musters dar und hatte Haltung zu zeigen. …
Das Innere des Gästehauses
Die Gäste kommen an. Sie beziehen ihre, auf die Gebäude des großen Grundstückes verteilten Zimmer, treffen sich beim Tee in dem gewölbten Refektorium des einstigen Klosters, unterhalten sich weiter in dem langen Laubengang des Gartens und dinieren zusammen. …
Man rechnete ein wenig ab mit mir und meinem Lande, ich bekam Gelegenheit, Erklärungen zu liefern. … Es wurde als mutig anerkannt, dass ich hier sei. …
Blick aus dem Gästehaus auf den Kanal, der das Kloster mit Wasser versorgte
Die Vormittage war man frei, draußen oder in der reichen Bibliothek zu verbringen. Ein halbe Stunde nach dem Mittagessen begann die programmäßige Vollversammlung, eine Art von literarischem Parlament. … Über den oder jenen, der jetzt den besten Willen zeigte, erfuhr ich, dass er noch kürzlich gezweifelt hatte, ob man mit Deutschen je wieder werde verkehren können. … Man verstand sich nicht immer. … Gleichwohl ist beachtenswert, dass dies einer der ersten Versuche war, sich ohne Unterschied der nationalen Herkunft zu verständigen, sogar mit soeben noch Verfeindeten. … Mein Besuch in der gotischen Abtei von Pontigny, gelegen in einem französischen Dorf, am Ende einer staubigen Straße, und einer niedrigen, breiten und lückenhaften Häuserreihe, dieser Besuch hat für meine Erinnerung etwas nur halb Wirkliches, weil er so früh kam. Man war der Verständigung, sogar ihrem ersten Vorspiel, noch fern. Wer sie wollte und bekannte, tat es auf seine Gefahr. Unsere Zusammenkunft dort hinten geschah außerhalb der Öffentlichkeit, man könnte sagen: eine Stunde vor Sonnenaufgang.“[11]
Kaminaufsatz mit mittelalterlichen Kacheln aus dem Kloster im sogenannten André Gide-Zimmer im Gästehaus[12]
Der Sonnenaufgang war dann zwei Jahre später die deutsch-französische Verständigung in den Verträgen von Locarno, unterzeichnet von den beiden Außenministern Briand und Stresemann, die ein Jahr später gemeinsam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden – was gerne vergessen wird, wenn -in der Nachfolge de Gaulles- von einem neuen „30-jährigen Krieg“ von 1914-1945 die Rede ist. Schriftsteller hatten zu der deutsch-französischen Annäherung nach Krieg und Versailles nicht unwesentlich beigetragen, wie Heinrich Mann in seiner Rede von 1927 feststellte – sie waren gewissermaßen die „Vordiplomaten.“[13] Und eine erste Etappe auf dem Weg zur Verständigung war Pontigny.
Neue Perspektiven für Pontigny
Die Tradition der Décades wird inzwischen fortgesetzt von der 1952 gegründeten Association des Amis de Pontigny-Cerisy (AAPC), die jedes Jahr im Schloss von Cerisy in der Normandie internationale Kolloquien veranstaltet.[14] Die Klosteranlage in Pontigny würde in ihrem derzeitigen Zustand kaum mehr die Durchführung solcher Veranstaltungen ermöglichen.
2022 hat nun die Region Bourgogne Franche-Comté nach langen und kontroversen Debatten die ihr gehörende Klosteranlage von 9 h an die Fondation Schneider verkauft, die im Elsass ein Zentrum zeitgenössischer Kunst betreibt. Der mit dem Mineralwasser von Wattwiller reich gewordene Namensgeber der Stiftung, François Schneider, möchte Pontigny aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und ihm neues Leben einhauchen.
Zu diesem auf 10 Jahre ausgelegten Projekt gehören ein 4-Sterne-Hotel mit Spa und Restaurant. Aber es soll auch ein Informationszentrum zu den Zisterziensern geben, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und ein Zentrum biologischer Landwirtschaft mit einer Destillerie[15]: Damit wird vielleicht auch an die Weinbautradition des Klosters Ponstigny angeknüpft, das bei der Entwicklung des Châblis eine wesentliche Rolle gespielt hat.[16]
Die Kirche ist von dem „pharaonischen Projekt“ direkt nicht betroffen, sie ist im Besitz der Gemeinde. Aber sie soll zum Beispiel durch Konzerte in das Projekt eingebunden werden. Die Orgel wird ja gerade schon restauriert. Einen vielversprechenden Vorgeschmack geben die originellen Reliefs auf den Pfeilern des Gehäuses.
Aber auch jetzt schon gibt es von Zeit zu Zeit große Konzerte in der Kirche und musikalische Begleitung der Besuche…
Und in der Kirche wird auch schon zeitgenössische Kunst präsentiert.
Ausstellung „entre-lacs“ von Nicole Dufour im Mittelschiff der Klosterkirche; bis 30. Oktober 2023
Literatur:
Terryl N. Kinder, Die Abtei von Pontigny. Paris: Centre des monuments nationaux 2016
François Chaubet, Paul Desjardins et les Décades de Pontigny. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2009
Heinrich Mann, Ein Zeitalter wird besichtigt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1977
Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung. 1927. In Heinrich Mann, Sieben Jahre. Chronik der Gedanken und Vorgänge. Essays.
Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971
Chantal Simonin, Heinrich Mann et la France. Une biographie intellectuelle. Villeneuve d’Ascq: Presses Universitaire de Septentrion 2005
Anmerkungen:
[1] Jean-Pierre Cap, Les Décades de Pontigny et la Nouvelle Revue Française. Paul Desjardins, André Gide et Jean Schlumberger. In: Bulletin des Amis d’André Gide, Vol. 14, No. 69, 1986), S. 21-32
[2] Zit. in: Heinrich Mann 1871-1950. Werk und Leben in Dokumenten und Bildern. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1971, S. 14
[3] Klaus Mann 1933 über Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Zit. a.a.O., S. 153
[4] Heinrich Mann: Einleitende Worte zu einem Vortrage. In: Die Aktion. Berlin. Jahrgan 6 vom 8. Juli 1916.
[5] Heinrich Mann, Anfänge Europas. Mai 1923. In: Sieben Jahre, S. 113/114
[6] Chaubet, Paul Desjardins et les décades de Pontigny, S. 114
.[6a] „Y a-t-il dans la poésie d’un peuple un trésor réservé impénétrable aux étrangers?“ a.a.O. S. 114 Curtius und Rilke wären zu diesem Thema natürlich auch prädestiniert gewesen.
[8a] Zit aus: Hans Joachim Teichler, Nicht dabei, aber dagegen. In dieser Woche vor hundert Jahren begannen die Olympischen Spiele von Paris 1924 in Chamonix. Die Deutschen mussten zu Hause bleiben. Sie schauten grimmig zu und kommentierten bissig. In: FAZ vom 27.1.2024, S. 36
[9] Heinrich Mann, Die Literatur und die deutsch-französische Verständigung, S. 310
Vielleicht reibt sich manche Leserin/mancher Leser dieses Blog-Beitrags die Augen: Paris, die Welt-Hauptstadt des Fahrrad-Fahrens? Soll das ein Witz sein? Nein, durchaus nicht! 2017 proklamierte nämlich Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin der Stadt, genau dies als Ziel ihrer ehrgeizigen Politik eines klimagerechten Stadtumbaus.[1] Damals konnte das reichlich großmäulig erscheinen. Da lag nämlich Paris, was die Fahrradfreundlichkeit angeht, noch selbst hinter zahlreichen anderen französischen Städten wie Straßburg, Lyon und Bordeaux, von europäischen Fahrrad-Metropolen ganz zu schweigen. Inzwischen -2022- firmiert Paris, jedenfalls nach dem Copenhagenize-Index, hinter Kopenhagen und Amsterdam -und noch vor Münster, der deutschen Nummer 1, auf einem schmeichelhaften Platz 3 der europäischen Fahrrad-Hitliste. 2019 hatte es dort noch auf Platz 8 gelegen und 2017, als Bürgermeisterin Hidalgo ihr ehrgeiziges Ziel verkündete, auf Platz 13.[2] Einen wichtigen Impuls für diese Aufholjagd hat, wie in anderen Städten auch, die Covid-Epidemie gegeben. „Denn die Angst vor Ansteckungen mit Covid-19 hat in der französischen Metropole eine allgemeine Fahrradbegeisterung ausgelöst. Die Anzahl der Radfahrenden ist 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 30 Prozent gestiegen.“[3] Auch Streiks im öffentlichen Nahverkehr haben wesentlich die Nutzung von Fahrrädern in Paris befördert. Das gilt vor allem für die Zeit der Streiks gegen die Rentenreform 2019/2020.[4] Es gibt zwar auch andere Rankings, in denen Paris unter ferner liefen erscheint[5], unbestreitbar ist jedoch, dass Paris sich in den letzten Jahren in teilweise beeindruckender Weise verändert hat und dass davon vor allem Fußgänger und Fahrradfahrer profitieren – zu denen auch wir gehören. Seit wir uns 2009 in Paris niedergelassen haben, bewegen wir uns in der Stadt nämlich hauptsächlich mit dem Fahrrad fort. Zunächst ausschließlich mit dem Leihfahrrad-System Vélib‘, inzwischen auch mit eigenen Fahrrädern. Wir sind also sicherlich keine unparteiischen Beobachter der aktuellen Entwicklungen, sondern freuen uns über die Fahrrad-freundliche Umgestaltung der Stadt.
Paris hat dafür ja auch außergewöhnlich gute Voraussetzungen. Die Ausdehnung der Stadt intra muros, also innerhalb des Boulevard périphérique ist mit 105qm2 relativ gering: Die Stadt ist flächenmäßig neunmal kleiner als Berlin! Die berühmten Sehenswürdigkeiten liegen nahe beieinander. Wir, beispielsweise, wohnen in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise im 11. Arrondissement und sind mit dem Fahrrad in 7 Minuten an der place de la Nation, der place de la République oder der Place de la Bastille; zu Notre Dame, dem Louvre und dem Centre Pompidou sind es 15 Minuten, zur place de l’Étoile eine halbe Stunde. Paris von Ost (Porte Dorée am Bois de Vincennes) nach West (Porte Dauphine am Bois de Boulogne) zu durchqueren: weniger als 20 km! Die Nord-Süd-Verbindung von der Porte de la Chapelle bis zur Porte d’Orléans: sogar weniger als 10 km! Da kann man gut auf die oft überfüllte Métro verzichten! Und mit dem Fahrrad ist man sogar meist schneller unterwegs als mit dem Auto und kann vergnügt an den sich vor Ampeln oft stauenden Fahrzeugkolonnen vorbeiradeln.
Die Politik der Stadt, die Dominanz des Autoverkehrs zu reduzieren und Fußgängern und Fahrradfahrern mehr Raum zu geben, ist keine Erfindung von Anne Hidalgo, sondern wurde schon von ihrem Vorgänger Delanoë in die Wege geleitet- allerdings angesichts großer Widerstände und administrativer Hürden mit einiger Behutsamkeit. Hidalgo hat dann ab 2014 energisch und beharrlich das Projekt durchgesetzt.
Ihr Meisterstück war die Sperrung großer Teile der Seine-Tiefkais für den Autoverkehr. Eine „Zeitenwende“! Immerhin war am 22. Dezember 1967 die 13 Kilometer lange Schnellstraße („voie express“) auf der rechten Seine-Seite zwischen der porte de Saint-Cloud und dem Pont National von dem auto- und fortschrittsbegeisterten Georges Pompidou, dem damaligen Premierminister, eingeweiht worden: Paris sollte -in der Tradition des Baron Haussmann- den Anforderungen der neuen Zeit angepasst werden; eine autogerechte Stadt war das Ziel.
Auf der Höhe des Hôtel de Ville“ angebrachte Tafel zur Erinnerung an die Umbenennung der Uferstraße.
1975 wurde die „voie expresse rive droite“ zu Ehren ihres bedeutendsten Promoters in „Voie Georges Pompidou“ umgetauft: Die Seineufer für den Autoverkehr zu erschließen, galt damals als ein höchst verdienstvolles Unternehmen, auf das man glaubte, stolz sein zu können.
Dann die radikale Umkehr mit dem Beschluss, den Parisern den Fluss zurückzugeben, wie es Anne Hidalgo formulierte. Der Widerstand war gewaltig. Der kam unter anderem von dem für den Verkehr zuständigen Polizeipräfekten von Paris, der aus Sicherheitsgründen eine Einschränkung des Autoverkehrs bedenklich fand. Le Monde sprach sogar von einem „Fahrradkampf in Paris“, der zwischen der Bürgermeisterin und dem Polizeipräfekten ausgetragen werde.[6] Hidalgo befinde sich, wie der Figaro im August 2017 schrieb, in einem „offenen Krieg gegen die Autos“. Mit ihrer autofeindlichen Politik sei die Pariser Bürgermeisterin zur „Königin der Bobos“ geworden [7] – obwohl denen doch eher nachgesagt wird, mit modischen Elektroautos oder protzigen SUVs unterwegs zu sein… Sylvain Maillard, Parlamentsabgeordneter von Paris für La République en Marche, die Partei von Präsident Macron, warf der Bürgermeisterin Dogmatismus vor und eine einseitige Förderung des Fahrradverkehrs: „Paris n’est pas l’Inde“ (Paris ist nicht Indien). [8]
Anne Hidalgo ließ sich aber nicht von ihrem Weg abbringen. Und der Erfolg gab ihr Recht: „Die Uferpromenaden sind innerhalb eines Jahrzehnts zum Paradies für Jogger, Radfahrer und Spaziergänger geworden“, schreibt Michaela Wiegel in der FAZ. [9] „In sommerlichen Nächten werden sie von fröhlichen Restaurant- und Barbesuchern bevölkert“… oder von Menschen wie wir, die es sich mit Rotwein, Baguette und Käse am Seineufer gemütlich machen und sich dabei wie Gott in Frankreich fühlen. Und wenn gerne beklagt wird, Paris sei eine Traumstadt für Reiche aus aller Welt, dann hat man inmitten fröhlicher junger Menschen -und zwar ganz offensichtlich überwiegend Französinnen und Franzosen- diesen Eindruck ganz und gar nicht. Jedenfalls können es sich wohl auch andere politische Konstellationen heute kaum noch erlauben, hier das Rad der Zeit wieder zurückzudrehen.
Bürgermeisterin Anne Hidalgo auf einer Demonstration für die Sperrung der Voie Pompidou für den Autoverkehr am 10. März 2018 an dem Pont Marie. Der Verkehr war davor schon gesperrt gewesen, zwischenzeitlich per Gerichtsbeschluss aber wieder zugelassen worden. Foto: Wolf Jöckel
Heute ist das einer unserer Lieblingsplätze von Paris. Hier rasten früher die Autos entlang…
Das Auto-freie Seine-Tiefkai rive droite. Rechts eine Kletterwand für Kinder, im Hintergrund die Türme der Conciergerie auf der Île de la Cité. (Foto: Wolf Jöckel März 2024). Insgesamt sind jetzt 7 Kilometer der Seinekais für Fußgänger und Fahrradfahrer reserviert.
winterliches Joggen und Fahrradfahren auf dem Seine-Ufer rive droite. Foto: ville de Paris
Schild auf dem Seine-Tiefkai rive gauche. Paris, die Fahrradstadt. Stolz, es zu sein… Foto: Wolf Jöckel März 2025
An sonnigen Wochenenden sind die Ufer derart beliebt und belegt, dass für Fahrräder kaum noch ein Durchkommen ist. Foto: Wolf Jöckel 6. 6.2024
Die weitgehende Sperrung der Seine-Ufer für den Autoverkehr war Teil eines zuerst 2015 vorgestellten und dann sukzessive ergänzten Plans zur fahrradfreundlichen Umgestaltung von Paris. (plan Vélo)
Plan Vélo von 2015. In dieser Skizze des Plans sind die geplanten Fahrradwege eingezeichnet. Grün und gelb ist wiedergegeben, was bis 2017 umgesetzt worden war. Inzwischen ist dieses System von Rad(schnell)wegen fast vollständig vorhanden. Die Stadt Paris rühmt sich, in den letzten 10 Jahren 550 km neuer Fahrradwege geschaffen zu haben. Zwischen 2019 und 2022 habe der Fahrradverkehr um 71% zugenommen. Einer im April 2024 veröffentlichten Studie zufolge habe das Fahrrad einen deutlich höheren Anteil an den Fortbewegungen in Paris als das Auto: 11,2 gegen 4,3%; den weithaus größten Teil ihrer Wege legen die Pariser allerdings zu Fuß zurück: 53,5%. [10]
Solche Schilder sah und sieht man in Paris an vielen Stellen: „Paris se transforme“ (Paris verändert sich)
Zentraler Bestandteil des Plan Vélo von 2015 war auch die Schaffung von zwei breiten, eigenständigen und durchgängigen Fahrrad-Schnellwegen auf zwei großen Nord-Süd- und Ost-West-Achsen.
Wir richten von Juli 2017 bis März 2018 einen Fahrradweg rue de Rivoli ein
Und dazu gehörte auch die Umwandlung der zentralen, von der Place de la Bastille bis zur Place de la Concorde reichenden rue de Rivoli (und der rue Saint-Antoine) in eine Straße für Fahrräder, Fußgänger und -allerdings nur noch in Ost-West-Richtung- für einen extrem eingeschränkten Autoverkehr (zugelassen sind Busse und Taxis).
Karte der noch vorläufigen Umgestaltung eines zentralen Teilstücks der rue de Rivoli vom Januar 2022.[11]
rue de Rivoli, auf der Höhe des Kaufhauses Samaritaine (damals noch Baustelle) Foto: Wolf Jöckel, Juli 2020
Inzwischen sind die damals stellenweise noch provisorischen Fahrradspuren dauerhaft angelegt und haben zwei der ehemaligen drei Autofahrspuren übernommen.
Die rue de Rivoli zwischen Louvre und der place de la Concorde. Links der Tuilerien-Garten. Bild: Villle de Paris (April 2024)
Die rue die Rivoli ist nicht nur Teilstück der Pariser Ost-West-Axe, und der wiederum Abschnitt des Fahrrad-Schnellwegs 1 (vélopolitain 1, ligne V1). Dieser regionale Fahrrad-Schnellweg verbindet das Geschäftsviertel La Défense mit Vincennes, entspricht also in seinem Verlauf etwa der Métro-Linie 1 (die ja übrigens auch eine automatisierte schnelle Ost-West-Verbindung darstellt.) Hier eine Markierung bei Vincennes.[12]
Der Erfolg ist beträchtlich: Am Hôtel de Ville ist ein Automat aufgestellt, der die vorbeifahrenden Fahrräder zählt: Die obere Zahl betrifft das Jahr, die untere den Tag. Im Hintergrund der Tour Saint-Jacques.
Die 3979 Fahrräder auf der Anzeige hatten an einem trüben Februar-Tag bis mittags die rue de Rivoli passiert. An schönen Tagen sind es um die 20 000 – und an Streiktagen sicherlich noch mehr -jedenfalls werden dort immer neue Zählrekorde aufgestellt.[13]
Noch deutlich mehr frequentiert ist allerdings die Nord-Süd-Verbindung entlang des Boulevards Sebastopol, obwohl die bei weitem nicht so Fahrrad-freundlich ausgebaut ist. Da ist also angesichts der großen Ambitionen der Stadt durchaus noch Handlungsbedarf!
Daneben wurden und werden zahlreiche weitere Fahrradwege entlang der Boulevards geschaffen, Hier ein Bild von den Bauarbeiten am Boulevard Voltaire im 11. Arrondissement. Der Fahrradweg verbindet die place de la République mit der place de la Nation.
„Wir installieren einen Fahrradweg Boulevard Voltaire“ (2017/2018)
Obwohl die neuen Fahrradwege hier bei weitem nicht so breit sind wie auf der rue de Rivoli und dem Autoverkehr immer noch mehr Platz eingeräumt wird, sind auf dem Boulevard Voltaire inzwischen meist deutlich mehr Fahrräder als Autos unterwegs…. [14]
Foto: Wolf Jöckel März 2024
Interessant sind Versuche mit der Einrichtung von Fahrradstraßen, hier im 12. Arrondissement: Da dürfen zwar noch Autos fahren, jedenfalls in einer Richtung, aber die Fahrräder haben absoluten Vorrang und die Autos haben sich entsprechend anzupassen.
Zusätzliche Impulse erhält die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt durch das Bemühen, Paris auch unter den Bedingungen des Klimawandels lebenswert zu erhalten: In dem entsprechenden Plan Climat 2024 – 2030 ist ausdrücklich die drastische Reduzierung des privaten Autoverkehrs vorgesehen.[15]
Und parallel dazu sollen bis 2030 180 km neue Fahrradwege in der Stadt entstehen.
Einen zusätzlichen großen Impuls für die fahrradfreundliche Umgestaltung der Stadt haben die Olympischen Spiele 2024 gegeben, die im Juli/August (vor allem) in Paris ausgetragen werden.
Schild an der rue du Faubourg Saint-Antoine „Hier wird auf Dauer eine Fahrradspur eingerichtet – für die Olympischen Spiele und für lange danach“
Eine der größten Befürchtungen und Risiken, die es bezüglich dieses Großereignisses gibt, bezieht sich auf den Verkehr und das sowieso schon notorisch überlastete und teilweise auch fragile System des öffentlichen Nahverkehrs. Als Alternative bietet sich gerade in Paris das Fahrrad an. Angestrebt wird, alle über die Stadt verteilten Wettkampfstätten mit dem Fahrrad zu erreichen. Dafür wird gerade das Netz der Fahrradwege weiter ausgebaut.
Karte der Fahrradwege für die Olympischen Spiele von Paris. [16]
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die fahrradfreundliche Umgestaltung des Quai Jacques Chirac im 7. Arrondissement. Die großen neuen Fahrradwege sollen als „olympisches Erbe“ auch nach den Spielen den Pariserinnen und Parisern -und den Gästen der Stadt- zur Verfügung stehen.[17]
Aber auch nach den Olympischen Spielen soll der Stadtumbau weitergehen: Unmittelbar danach „soll eine erste verkehrsberuhigte Zone eröffnet werden. Sie soll für das Zentrum der Hauptstadt gelten und entspricht den ersten vier Arrondissements sowie Teilen des fünften, sechsten und siebten Arrondissements. Dieses Gebiet soll nach den Plänen Hidalgos für den Durchgangsverkehr geschlossen werden.“[18] Die Fahrradfahrer werden sich freuen.
Immerhin sind bisher schon an Wochenenden zahlreiche Straßen für den normalen Durchgangsverkehr gesperrt – so die rue de la Roquette in „unserem“ 11. Arrondissement.
Ganz oben auf der Liste des ökologischen und damit auch fahrradfreundlichen Stadtumbaus steht auch die nach den Olympischen Spielen geplante Umgestaltung der Place de la Concorde ….
… und der Umgebung des Eiffelturms (Trocadéro, pont d’Iéna), die ebenfalls begrünt und Fußgänger- und Fahrradfahrer-freundlich umgestaltet werden soll. [19]
Und nach den Olympischen Spielen sollen auch die Champs-Elysées weiter begrünt werden, und es soll mehr Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer geben.
So jedenfalls sollen die Champs-Élysées nach einem aktuellen Vorschlag 2030 aussehen. „Die Straße soll viel grüner werden, mit Oasen des schattigen Verweilens, mit breiteren Radwegen. Aus sechs Spuren sollen vier werden.“ [20]
Zur fahrradfreundlichen Umgestaltung der Stadt tragen aber auch manche weniger spektakuläre Erleichterungen für Fahrradfahrer im „normalen Verkehr“ bei.
So dürfen Fahrradfahrer die meisten Einbahnstraßen auch in Gegenrichtung befahren. Und dies schon seit Jahren, als es noch -jedenfalls bei uns zu Hause in Deutschland- noch nicht üblich war.
Oder sie dürfen an vielen Kreuzungen auch bei Rot rechts abbiegen: vielfach ein erheblicher Vorteil gegenüber dem Autoverkehr. Und die Autos, die dann darauf warten, endlich bei Grün rechts abbiegen zu können, sind gezwungen, den geradeaus fahrenden Fahrradfahrern Vorfahrt zu lassen – die dieses Recht allerdings manchmal nur mit großer Entschiedenheit durchsetzen können… Auch viele Fußgängerüberwege dürfen Fahrräder trotz roter Ampel überfahren, wobei Fußgänger hier natürlich den (nicht immer gewährten) Vortritt haben.
Auf vielen Boulevards dürfen Fahrräder auch die für Busse und Taxis reservierten Fahrspuren benutzen, auch wenn das manchen Automobilisten nicht gefällt. Die Gefahr übrigens, dort von stinkenden und gesundheitsgefährdenden Abgasen benebelt zu werden, verringert sich ständig und spürbar: Ein großer Teil der Pariser Busse fährt elektrisch, Taxis entsprechend. Den deutsch-französischen Streit über die Umweltfreundlichkeit des in Frankreich überwiegend von Atomkraftwerken erzeugten Stroms klammern wir hier einmal aus. (Dass in Frankreich allerdings mit einiger Häme auf Deutschland geblickt wird, das seine letzten AKWs abgeschaltet hat, nun aber Atomstrom aus Frankreich importiert, sei aber doch angemerkt).
Und wie kommt man zu einem Fahrrad? Ganz einfach! Es gibt vor allem die öffentlich geförderten Vélib‘-Fahrräder. Mehrere interessante Tarif-Varianten stehen zur Auswahl: für eine einzelne Fahrt, für einen oder mehrere Tage; und das jeweils für mechanische oder Elektro-Räder. Und die sind an ihrer Farbe zu erkennen: grün für mechanisch, blau für Elektro.[21]
Stationen zum Ausleihen und wieder Zurückgeben gibt es in Paris in Hülle und Fülle. Es sind insgesamt etwa 1500 in Paris und seinem Umland, nach Vélib‘ „le plus grand réseau de vélos en libre-service du monde.“ (Le Parisien 11.3.2024)
Man kann aber auch ein Elektro-Bike eines privaten Anbieters ausleihen. Die stehen (bzw. manchmal auch: liegen) da herum, wo sie der letzte Nutzer hinterlassen hat und man kann sie auch entsprechend wieder loswerden…
Werbung des privaten Anbieters Lime/Uber: Eine Variation des bekannten Slogans Métro/Boulot/Dodo (Metro, Arbeit, Schlaf), der den Tagesablauf des Parisers bezeichnen soll. Die Stadt Paris fördert den Kauf von Elektrofahrrädern, um so zum Umstieg vom Auto auf das Fahrrad zu motivieren.
Dieses Plakat habe ich 2017 aufgenommen. So lange gibt es also schon diese Förderung; allerdings inzwischen etwas eingeschränkt: Die Fördersumme beträgt jetzt nur noch 400 Euro, und für Elektroscooter gibt es kein Geld mehr. [22] Höher ist die Förderung für Lastenfahrräder, die in Paris sehr beliebt sind. Viele Geschäfte/Warenhausketten wie Monoprix oder Casino bieten inzwischen häusliche Belieferung mit Lastenfahrrädern an.
Und es werden nicht nur Lebensmittel und andere Waren mit Lastenfahrrädern transportiert…. Diese Hunde werden tagsüber von einem professionellen „Hunde-Sitter“ betreut. Für ein Foto haben sie auf dem Weg zum Auslauf im Bois de la Vincennes angehalten. Foto: Wolf Jöckel März 2024
Das Fahrrad hat also seinen festen Platz in der Stadt, was sich unter anderem auch daran zeigt, dass es inzwischen schon Gegenstand der Street-Art geworden ist.
Ein Fahrradfahrer des Invaders rue de la Roquette 11. Arrondissement. An ihm fahren wir immer auf dem Weg von der place de la Bastille zurück in unsere Wohnung vorbei. (Aufgenommen Februar 2024)
Als Paris-Souvenire gibt es auch schon Tassen und Tragetaschen mit den entsprechenden Fahrrad-Motiven (Fotos: F.Jöckel)
Und auf dem aktuellen Werbeplakat für die Paris-Aussstellung im Hôtel de ville sieht man hinter den fröhlichen Schwimmern in der sauberen Seine unter dem obligatorischen Eiffelturm und zwischen frischem Grün einen Fahrradfahrer: Das neue Paris!
Ein Paradies für Fahrradfahrer ist Paris aber (noch lange) nicht. Probleme gibt es nämlich durchaus genug.
Da sind zum Beispiel die alten Fahrradwege- die gibt es ja immerhin auch. Aber die sind arg eng: Als die angelegt wurden, gab es ja noch keine schnellen Elektrobikes und noch keine breiten, manchmal sogar dreirädrigen Lastenfahrräder. Da gibt es manchmal ziemlich waghalsige und oft auch nicht durch deutliche Signale angekündigte Überholmanöver, und ich wundere mich, dass es nicht öfters zu Karambolagen zwischen Fahrradfahrern kommt.
Offenbar gibt es sogar schon eine Kampagne, dass Lastenfahrräder nicht mehr die Fahrradwege benutzen sollen. (No -Fahrrad- SUV-Zone) Foto Wolf Jöckel März 2024
Aber die Stadt Paris hat das Problem der vielfach zu engen Fahrradwege erkannt: Manche selbst neu eingerichtete Fahrradspuren wurden -wie hier auf dem Boulevard Henri IV (4. Arrondissement)- inzwischen schon verbreitert. Das war da immerhin relativ leicht möglich, weil nur die alten Markierungen durch neue ersetzt werden mussten.
Ein Problem sind oft auch die Einbahnstraßen.
Rue de Charenton (XIIe)
Es ist ja gut gemeint, dass Fahrräder sie meist auch in Gegenrichtung nutzen können. Aber wie soll man zum Beispiel hier, wie auch an vielen anderen entsprechenden Stellen, von seinem Recht Gebrauch machen, die Straße in Gegenrichtung zu beradeln? Wenn da ein Auto entgegenkommt, bleibt einem manchmal keine andere Wahl, als auf den (oft auch schmalen) Bürgersteig auszuweichen. Die Fußgänger dort goutieren das verständlicher Weise natürlich nicht…
Ein großes Problem ist auch der Vandalismus, deren Opfer die Vélib‘ – Fahrräder oft sind. Darauf muss man unbedingt achten, wenn man ein Fahrrad ausleiht, auch wenn keine zusätzlichen Kosten entstehen, wenn man das ausgeliehene Fahrrad direkt nach Entdeckung eines Schadens wieder zurückgibt.
Dass der Sattel fehlt, wird man gleich bemerken, aber manchmal fehlt auch die Kette, und eine Überprüfung der Bremsen und der Luft in den Rädern ist unbedingt zu empfehlen.
Für Paris-Besucher, die nur gelegentlich ein Fahrrad ausleihen, ist das kein Problem, für Einheimische oder länger dort Wohnende wie wir aber schon: Für 81% der Pariser, die bisher auf die Anschaffung eines Fahrrads verzichten, ist die Furcht vor Diebstahl bzw. der Mangel an gesicherten Abstellplätzen der ausschlaggebende Faktor. [24] Auch wenn die offiziellen Zahlen das nicht widerspiegeln: Fahrräder sind ein beliebtes Objekt von Diebstählen. Wir haben da selbt leidvolle Erfahrungen gemacht: Ein Fahrrad wurde gegenüber unserer Wohnung nachts gestohlen, obwohl es fest an einem Laternenpfahl angeschlossen war. Ein anderes während einer Chorprobe an einem belebten Platz – allerdings bei strömendem Regen. Der Clou war dann, dass uns am hellichten Tag ein Fahrrad, neben dem wir standen, auf einer belebten Straße gestohlen wurde, als wir es für einige Sekunden (!) aus dem Auge ließen. Seitdem verstehe ich, warum mein Zeitungshändler mich auffordert, mein Fahrrad selbst dann abzuschließen oder in den Kiosk hineinzunehmen, wenn ich von dem Pariser Privileg Gebrauch mache, am frühen Nachmittag schon die Ausgabe des kommenden Tages von Le Monde zu kaufen.
Und seitdem schließen wir unsere Räder mit schweren Ketten ab, die fast so teuer waren wie die Fahrräder selbst… Und nachts stellen wir unsere Räder immer in dem kleinen, ursprünglich nur für die Mülltonnen bestimmten Innenhof unseres Hauses ab, der allerdings dem zunehmenden Bedarf an Fahrrad-Abstellplätzen für Hausbewohner kaum noch gewachsen ist…
Aber aller solcher Unbilden zum Trotz: Auch wenn Paris noch nicht die Welthauptstadt des Fahrrads ist – und es vielleicht auch nie werden wird: Vergleicht man 2009, als wir unser pied-à-terre in Paris bezogen haben, mit der Situation heute, hat sich Paris seitdem in atemberaubender Geschwindigkeit verändert: Das Fahrrad hat einen festen, manchmal sogar privilegierten Platz im städtischen Raum erhalten – und auch in unserem Pariser Leben. Meist ist es ein Vergnügen, durch die Stadt zu radeln: Zum Beispiel zum Einkaufen auf dem marché d’Aligre, nach Belleville ins Schwimmbad Alfred Nakache, zu einem Konzert der jeunes talents in die Archives Nationales im Marais, ins Grüne über die Coulée verte zum Lac Daumesnil, zum Kaffeetrinken im Grand Bleu an den Port de l’Arsenal/place de la Bastille, zur Seine zum abendlichen Picknick… und…und… und…
[6] „La bataille du vélo à Paris, entre la maire et le préfet. Hidalgo veut supprimer une voie pour les voitures rue de Rivoli, la police s’en alarme au nom de la sécurité.“ (Le Monde 16. August 2017, S. 9)
[9] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024
[18] Michaela Wiegel, Sie führt Paris ins Grüne. Im Ausland wird sie gefeiert, in Frankreich wird sie angefeindet: Bürgermeisterin Anne Hidalgo erfindet die Stadt neu – rechtzeitig vor den Olympischen Spielen. In: FAZ magazin Februar 2024, S. 33
[20] Bild aus Le Parisien vom 28. Mai 2024. Dazu ein Artikel über die Reaktionen auf dieses Projekt: „Parmi les principales mesures proposées ce lundi par le Comité Champs-Élysées pour réenchanter l’avenue figurent l’élargissement des espaces piétons et cyclistes ainsi que la réduction des voies automobilistes. Encore à l’état de projet, ces propositions divisent les usagers“. Siehe auch den Artikel „150 proposition pour réenchanter les Champs-Élysées“ in der gleichen Ausgabe der Zeitung . Zitat aus: Süddeutsche Zeitung: Oh Champs-Élysées. Die berühmte Avenue ist zum Unort geworden, zum touristischen Kommerztempel. Wie Paris es schaffen will, dass sich die Bürger wieder in ihre einstige Prachtstraße verlieben. SZ vom 31.5.2024. Siehe auch: https://www.paris.fr/pages/les-champs-elysees-se-refont-une-beaute-21040
Die französische Nationalbibliothek, eine der größten der Welt, hat mehrere Standorte. Der größte und spektakulärste ist der 1996 eingeweihte Neubau im 13. Arrondissement am Ufer der Seine. Ein geradezu pharaonisches Projekt mit vier um einen tief gelegenen Wald gruppierten hohen Ecktürmen in der Form aufgeschlagener Bücher, mit dem sich der damalige französische Präsident François Mitterrand ein -entsprechend auch nach ihm benanntes- Denkmal gesetzt hat.
Der älteste und ursprüngliche Standort der BnF ist der Site Richelieu.[2] Dorthin verlegte Colbert ab 1666 die Bestände der königlichen Bibliothek. Die war zunächst eine Sammlung von Handschriften. Mit dem Buchdruck und entsprechend dem schon 1537 eingeführten dépot légal diente sie dazu, alle neu erschienenen Bücher aufzubewahren, und nicht zuletzt sollte sie durch eine massive Ausweitung der Sammlung von Schriften und Medaillen den Ruhm des „Sonnenkönigs“ vermehren. 1721/1722 konnte die Bibliothek das benachbarte Palais des Kardinals Mazarin beziehen, deren Galerie -etwa 40 Jahre vor dem Spiegelsaal von Versailles gebaut- ein außerordentliches barockes Glanzstück der BnF ist.
Aber auch danach hatte die Bibliothek einen ständig wachsenden Raumbedarf. Im zweiten Kaiserreich Napoleons III. erfolgte eine umfassende Erweiterung und Modernisierung, deren architektonischer Höhepunkt ein großer neuer Lesesaal, die nach ihrem Architekten benannte Salle Labrouste, ist.
In den letzten Jahren erfolgte dann eine umfangreiche Renovierung, und seit 2022 ist der alte Bau der Bibliothèque Nationale/site Richelieu (BnF) im Zentrum von Paris wieder zugänglich. Ich möchte nachfolgend zu einem Rundgang einladen und damit auch Lust auf einen eigenen Besuch machen. Auch wenn man nicht vorhat, die Bibliothek als Leser zu nutzen, ist es doch möglich und äußerst lohnend, den architektonisch reichen Bau, vor allem die beiden monumentalen Lesesäle, zu bewundern. Und dazu ist die BnF nicht nur eine äußerst reichhaltige Bibliothek, sondern zu ihr gehört auch ein an einzigartigen Exponaten reiches Museum, das in einem glanzvollen historischen Ambiente untergebracht ist.
Als Besucher oder gar Nutzer der Bibliothek befindet man sich -gerade auch aus deutscher Sicht- in bester, prominenter Gesellschaft. Rainer Maria Rilke, Paris eng verbunden, schreibt in seinem „Malte Laurids Brigge“:
“Bibliothèque Nationale. Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen.”[3]
Auch Stefan Zweig benutzte bei den Vorarbeiten zu seinen historischen Monografien intensiv die Bibliothèque Nationale. Er wählte dafür sogar gezielt Wohnorte in der Nähe der Bibliothek: So 1912 und öfters danach das Hotel Beaujolais mit Ausblick auf die Gärten des Palais Royal, In seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ blickt Zweig mit wehmütiger Begeisterung auf das „Paris der ewigen Jugend“ und die Aufenthalte im Hotel Beaujolais zurück:
„In diesem historischen Geviert des Palais Royal hatten die Dichter, die Staatsmänner des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts gewohnt, quer gegenüber war das Haus, wo Balzac und Victor Hugo so oft die hundert engen Stufen bis zur Mansarde der von mir so geliebten Dichterin Marceline Desbordes-Valmore emporgestiegen waren, dort leuchtete marmorn die Stelle, wo Camille Desmoulins das Volk zum Sturm auf die Bastille aufgerufen, dort war der gedeckte Gang, wo der arme kleine Leutnant Bonaparte sich unter den promenierenden, nicht sehr tugendhaften Damen eine Gönnerin gesucht. Die Geschichte Frankreichs sprach hier aus jedem Stein; außerdem lag nur eine Straße weit die Nationalbibliothek, wo ich meine Vormittage verbrachte…“[4]
Auch für Joseph Roth und Walter Benjamin war die Bibliothèque Nationale gewissermaßen das zweite Zuhause, vor allem, als im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz mehr für sie war. Gisèle Freund, die für ihre berühmten Künstlerportraits immer charakteristische Orte und Posen wählte, hat für ihr Foto Walter Benjamins einen Lesesaal der Bibliothèque Nationale gewählt.[5] Ganze Tage verbrachte er dort, sammelte in mikroskopisch kleiner Schrift Tausende von Notizen und Zitaten. Das Buch seines Lebens wäre es geworden: das „Passagenwerk“.[6]
Ein Rundgang durch die BnF/Richelieu
Der Eingang in das große Areal der Bibliothek ist in der rue Vivienne Nummer 5. Man betritt zuerst einen großen Garten, den Jardin Vivienne, der im Zuge der Renovierung neu angelegt wurde und -wie die Bibliothek insgesamt- allgemein zugänglich ist.
Der Papyrusgarten
Angepflanzt sind dort -passend zur Bestimmung des Ortes- vor allem Pflanzen, deren Fasern zu Herstellung von Schreibunterlagen wie Papier genutzt werden können.
Der ovale Lesesaal
Gleich neben dem Foyer liegt die „salle ovale“, der große ovale Lesesaal. Konzipiert wurde er Ende des 19. Jahrhunderts, aber erst Mitte der 1930-er Jahre fertiggestellt.
Vor allem beeindruckt er durch seine Größe und Form. In zwanzig Metern Höhe befindet sich das ovale Glasdach, von runden gläsernen Öffnungen umgeben; dazwischen die Namen von Städten, die für die Weltkultur bedeutsam waren und sind.
…zwischen Ninive und Alexandria: Berlin!
Es gibt dort 160 Leseplätze und eine Präsenzbibliothek von 20 000 Büchern. Zunächst war dieser Lesesaal für Forscher bestimmt, seit der Neueröffnung 2022 allerdings wurde das Konzept der Bibliothek radikal geändert und der ovale Lesesaal für Jedermann geöffnet.[7]
Neben den Leseplätzen mit den charakteristischen hellblauen Tischlämpchen gibt es direkt hinter dem Eingang auch gemütliche Sessel zum Sitzen und Schmökern. Angesprochen sind hier vor allem Kinder und Jugendliche, für die in großen runden Boxen Bilderbücher und die in Frankreich hochgeschätzten Comics (BD) zum Lesen und Betrachten einladen.
Das Herz Voltaires
Im Salon d’honneur zwischen dem ovalen Lesesaal und dem Cour d’honneur steht eine Statue Voltaires.
Es ist die ursprüngliche Gipsversion der Skulptur des Bildhauers Jean-Antoine Houdon.
Es gibt mehrere Versionen dieser Skulptur, u.a. einen Bronze-Abguss im Foyer der Comédie Française und ein Exemplar aus Terrakotta im Musée Fabre in Montpellier. Die Skulptur in der BnF weist aber eine Besonderheit auf.
In dem Podest, auf dem die Skulptur steht, befindet sich nämlich ein Fach mit dem Herz Voltaires. Wie das kam, soll hier kurz berichtet werden.[8]
Am 30. Mai 1778 starb Voltaire in Paris bei seinem Freund, dem Marquis de Villette. Der beauftragte einen Apotheker, eine Autopsie vorzunehmen, den Leichnam einzubalsamieren und für ihn das Herz zu entnehmen. Der Leichnam wurde dann in der Abtei von Scellières bei Troyes bestattet, deren Abt ein Neffe Voltaires war, und am 11. Juli 1791 ins Pantheon überführt. Siehe dazu den entsprechenden Blogbeitrag.
Der Voltaire-Raum im Schloss von Fernay[9] An der Wand Portraits seiner Bewunderer
Für das Herz richtete Villette im Schloss von Fernay, wo Voltaire seine letzten Lebensjahre verbracht hatte, einen der Verehrung des großen Mannes dienenden Raum ein: In einer Nische ruhte das Herz unter einem Baldachin und auf einem Kissen. 1885 aber musste Villette das Schloss schon wieder verkaufen und das Herz Voltaires in sein Stammschloss überführen. Dort ruhte es bis 1864, als es auf Befehl Napoleons III. der Bibliothèque nationale -bzw. damals impériale- übergeben wurde.
Der Architekt Henri Labrouste, der damals die Bibliothek erweiterte und erneuerte, baute für das Herz und die Statue Houdons sogar einen speziellen noblen Ort, die Rotonde Voltaire[10], die dann aber für andere Zwecke genutzt wurde. So verstaubte die Statue im Depot der Bibliothek, bis sie 1924 im Salon d`honneur ihren jetzigen würdigen Platz fand.
„Der schönste Lesesaal der Welt“: Die salle Labrouste
Dieser in den 1860-er Jahren errichtete eindrucksvolle Lesesaal gehört nach dem Urteil der Neuen Züricher Zeitung zu den „Weltwundern unter den Bibliotheksbauten“, ja er wurde von ihr sogar zum schönsten Lesesaal der Welt gekürt.[11] Benannt ist er nach seinem Erbauer, dem Architekten Henri Labrouste, einem „Pionier des Eisenbaus“, von dem auch die Bibliothek Sainte-Geneviève neben dem Pantheon stammt. Die beiden Bibliotheksbauten Labroustes sind insofern revolutionär, als hier die konstitutiven gusseisernen Strukturen nicht nur sichtbar sind, sondern sogar die Ästhetik der Bauten wesentlich mitbestimmen. Von anderen Architekten dieser Zeit wie Gottfried Semper wurde das höchstens für Zweckbauten wie Bahnhöfe akzeptiert.[12]
Die Schlankheit und große Tragfähigkeit der gusseisernen Stützen ermöglichte die Konstruktion eines durch viele Glaskuppeln lichtdurchfluteten hellen Raums. In einer Zeit, in der es noch keine elektrische Beleuchtung gab, war dies ein unschätzbarer Gewinn für die Ästhetik und Funktionalität des Raums.
Die charakteristischen Tischlampen an jedem Leseplatz gibt es aber natürlich auch.
Zu der opulenten Ausstattung des Saales gehören auch Medaillons bedeutender Schriftsteller aus Frankreich (u.a. natürlich Molière) , Italien (Dante) , England (Shakespeare), Spanien (Cervantes) … Ein Vertreter der deutschen Sprache, in Frankreich gerne langue de Goethe genannt, ist allerdings nicht dabei… Immerhin -wenigstens!- eine einzige Frau, nämlich die berühmte Briefschreiberin Madame de Sévigné, von der wir viel Interessantes und auch Amüsantes über die Zeit Ludwigs XIV. erfahren können. (Ein Blog-Bericht über sie, die in Paris geboren wurde und lange dort wohnte, ist geplant)
Der Lesesaal ist heute Zentrum und Schmuckstück des Institut nationale d’histoire de l’art (INHA), der weltweit größten kunstgeschichtlichen und archäologischen Bibliothek. Er ist -anders als die salle ovale- nicht für ein breites Publikum geöffnet. Vom Eingangsbereich aus ist es allerdings möglich, einen Blick in den Lesesaal zu werfen. An den jährlich im September stattfindenden Europäischen Tagen des Kulturerbes (journées européennes du patrimoine) ist er allerdings auch für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Das Museum
Die BnF war von Anfang an nicht nur eine Bibliothek, sondern gleichzeitig auch ein Museum. Ein Jahr nach Einrichtung der königlichen Bibliothek in der rue Vivienne installierte Colbert dort auch die königliche Kunstsammlung, le cabinet du Roy, die bis dahin im Louvre, dem königlichen Schloss, ihren Platz hatte. Nach einem Zwischenspiel in Versailles kehrte die Kunstsammlung an ihren früheren Platz zurück und wurde 1743/44, damals das einzige Museum der Stadt, für die Öffentlichkeit geöffnet.
Die neue elegante Treppe in der Hall d’Honneur, über die man in die Museumsräume im ersten Stock gelangt. Guillaume Murat BnF
Der Saal der Säulen, in dem Kunstwerke aus kostbaren Materialien und verschiedenen Zeitaltern ausgestellt sind.[13]
Dieser Frauenkopf aus Marmor ist die römische Kopie eines griechischen Originals aus den Jahren um 450 vor Christus. Entsprechend der Beschriftung soll es sich um die griechische Dichterin Sappho handeln, die traditionell mit einem um die Haare geschlungenen Band dargestellt wurde.
Dieser goldene Teller (Ausschnitt) stammt aus dem Römischen Reich (4.-5. Jahrhundert). Weil das Löwenmotiv in der Mitte sich auch in karthagischen Münzen findet, hat man den Teller im 18. Jahrhundert „Schild des Hannibal“ genannt.
Ein Prunkstück des Museums ist der Schatz von Berthouville. 1830 fand ein Landwirt in seinem Acker in Villeret, einem Weiler bei Berthouville in der Normandie, einen Schatz mit 69 silbernen Gegenständen, vor allem Trinkgefäße mit historischen und mythologischen, griechischen Motiven, gefertigt aus getriebenem, vergoldetem und ziseliertem Silber. Sie gehörten zu einem Tempel, der dem Mercurius von Canetonum geweiht war. Canetonum war der römische Name von Villeret. [14]
Der Mercurius von Cantenonum aus dem Schatz von Berthouville
Im anschließenden Saal (salle de Luynes) wird die Kunstsammlung päsentiert, die der Herzog von Luynes 1862 dem Staat schenkte. Dazu gehörte eine wertvolle Sammlung griechischer Vasen, die hier präsentiert werden….
… und auch der Torso einer dem Wasser entsteigenden Venus, einer Venus Anadyomene.
Der folgende Saal, das Cabinet des Médailles, trägt den Namen des abbé Barthélémy, einem Verwalter der königlichen Kunstsammlung. Etwa 600 000 Münzen und Medaillen werden in der BnF aufbewahrt, einige davon sind hier ausgestellt.
Ein besonders schönes Stück ist diese Medaille Ludwigs XIV.:
Der König ist als Kriegsherr dargestellt, mit einer zeitgenössischen Rüstung und Seidenkravatte. Die Aufschrift: „Ludovicus Magnus Fran(ciae) et Nav(arrae) Rex P(ater)P(atriae)“, also Ludwig der Große, König von Frankreich und Navarra, Vater des Vaterlandes“. Pater Patriae war ein römischer Ehrentitel, den bereits der römische Kaiser Augustus trug.
Die Medaille stammt aus dem Jahr 1672, also den frühen Jahren des Königs, und sie ist mit schweren goldenen Ketten ausgestattet, so dass sie um den Hals getragen werden konnte und sollte.
Bestimmt war sie für einen elsässischen Adligen, Theobald von Reinach-Hirtzbach, vermutlich als Dank für dessen Rolle bei der mit dubiosen juristischen Mitteln, Bestechung, Erpressung und militärischer Gewalt vollzogenen Annexion des Elsass.[15]
Seit der Renovierung der BnF ist auch der Salon Louis XV, der reich ausgestattete ursprüngliche Raum des cabinet du Roi, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Die Galerie Mazarin
1721/1722 wurde in dem Stadtpalais des Kardinals Mazarin die königliche Bibliothek installiert. In der Galerie hatte der Kardinal Kostbarkeiten seiner Kunstsammlung ausgestellt. Daran knüpft die BnF 300 Jahre später wieder an: In einem ersten kleinen Teil der Galerie werden nun dauerhaft Preziosen der Nationalbibliothek präsentiert, die aus den Kirchenschätzen der Abtei von Saint-Denis und der Sainte-Chapelle stammen.
So diese Kamee des Augustus, hergestellt zur dessen Lebzeiten in Rom und im 14. Jahrhundert in Paris verziert mit einem Kranz von Edelsteinen und Perlen.
Diese Kamee aus dem Kirchenschatz der Sainte-Chapelle ist das größte erhaltene Exemplar aus römischer Zeit. Entstanden ist es zur Zeit des Kaisers Tiberius um 23 nach Christus. Abgebildet sind 24 Figuren, die in fünf Schichten in einen einzigen Sardonyx-Stein geschnitten sind.
Man vermutet, dass der Heilige Ludwig die Kamee 1247 auf seinem Kreuzzug vom byzantinischen Kaiser als Geschenk erhalten hat. Wegen ihrer Größe und Schönheit wird der Stein auch „die Große Kamee Frankreichs“ genannt.
Abgebildet sind drei Welten: In der Mitte Kaiser Tiberius und seine möglichen Nachfolger; unten die Besiegten, Parther und Germanen; und oben der Olymp mit den um Augustus gruppierten Welt der toten Heroen. Rechts sieht man auf einem geflügelten Pferd Germanicus, der von Augustus zum Nachfolger des Tiberius bestimmt worden war, aber vor diesem starb.
Hier der Ausschnitt einer großen Schale aus dem spätantiken Sassanidenreich (Iran). In der Mitte ein König dieses zweiten großpersischen Reichs. Wegen der Schönheit und Kostbarkeit der Schale wurde sie im 13. Jahrhundert von den Chronisten von Saint- Denis dem König Salomon zugeschrieben.
Diese Schachfiguren aus Elfenbein gehören zu dem sogenannten Schachspiel Karls des Großen, einem der ältesten der westlichen Welt. Hergestellt wurden sie in Süditalien (Salerno) Ende des 11. Jahrhunderts, gelangten dann -wann und wie auch immer- in den Schatz der königlichen Abtei von Saint-Denis. In der Französischen Revolution wurden die 16 noch erhaltenen Stücke der Bibliothek Nationale übereignet.[16]
Die Zuschreibung der Schachfiguren beruht auf einer seit dem 14. Jahrhundert verbreiteten Legende: Danach soll der Kalif Harun-al-Raschid das Spiel Karl dem Großen zu seiner Krönung im Jahr 800 geschenkt haben. Der historische Hintergrund dieser Legende ist sicherlich der Elefant Abul Abbas, den der Kalif von Bagdad Karl dem Großen schenkte. Durch den legendären Bezug zu Karl dem Großen und dem Kalifen von Tausendundeiner Nacht wurde das Schachspiel entscheidend aufgewertet und erhielt gewissermaßen den einer sonst nur einer kostbaren Reliquie zukommenden Status. Wie dieses Schachspiel und die davor abgebildete, dem König Salomon zugeschriebene Schale zeigen, besaß die Abtei von Saint-Denis ganz offensichtlich die Fähigkeit, ihren Schätzen durch eine geschickte Legendenbildung außerordentlichen Glanz zu verleihen.
Die Galerie Mazarin, die man danach in ihrer vollen Pracht bewundern kann, wurde gebaut von François Mansard, dem „Architekten des Königs“, also dem für alle offiziellen Bauvorhaben Ludwigs XIII. und des jungen Ludwigs XIV. zuständigen Architekten. Für die Ausmalung engagierte Mazarin den italienischen Maler Giovanni Francesco Romanelli, der 1646/47 das Gewölbe mit von der griechisch-römischen Mythologie inspiriertes Fresken ausmalte. Ins Zentrum platzierte er die Darstellung des die Giganten züchtigenden Zeus.
Mazarin war damals Premierminister des noch unmündigen jungen Ludwigs XIV. und kurz danach begann offiziell die Fronde, der Aufstand gegen dessen Herrschaft. Der Aufstand wurde schließlich mit Mazarins Hilfe niedergeschlagen.
So kann man das zentrale Fresko der Galerie als eine vorausschauende Darstellung der Auseinandersetzung des künftigen Sonnenkönigs (Zeus) mit dem aufständischen Hochadel (Giganten) deuten. Vielleicht kann man darin sogar eine Warnung vor der sich abzeichnenden Auseinandersetzung sehen.
Eine zentrale Rolle in den weiteren Fresken spielt Apollo, der ja gewissermaßen der „Patengott“ Ludwigs XIV. war.
Hier ist der junge Gott der Musik umgeben von den ihn anhimmelnden Musen. Der Bezug zu Raphaëls Fresko Parnass in den Stanzen des Vatikans liegt nahe. Bei Romanelli kommt allerdings die Überreichung des Lorbeerkranzes hinzu, und da denke ich an Apolls Wettstreit mit Marsyas und die grauenhafte Rache des von den Musen zum Sieger erklärten Gottes.
Auch auf diesem Fresko wird ein Lorbeerkranz überreicht, und zwar von dem Königssohn Paris: Aphrodite geht aus dem Schönheitswettbewerb der drei Göttinnen als Siegerin hervor. Seit der Restauration in den Jahren 2018 und 2019 kann man die authentische Schönheit der Aphrodite/Venus übrigens erkennen und bewundern, denn vorher waren ihre Brüste und ihr Rücken (ebenso bei ihrer Mitbewerberin Juno) mit zarten Schleiern (voiles de pudeur) bedeckt…
Darunter Plakate des Mai 1968: Im zentralen Raum der Galerie Mazarin gibt die BnF in Wechselausstellungen einen Einblick in die ihre reichen und vielfältigen Bestände. Hier einige weitere- gerade aus deutscher Sicht besonders interessante- Beispiele der im September 2023 präsentierten Auswahl:
Dies ist eine Seite der 1687 herausgegebenen Erstausgabe von Newtons „Philosophiae naturalis principia mathematica“, seinem Hauptwerk. Das Buch gehörte seit 1715 dem Kölner Jesuitenkolleg, 1794 allerdings auch zu den von der französischen Revolutionsarmee erbeuteten Raubkunst. (An eine Restitution ist -das darf man ironisch wohl anmerken- natürlich nicht gedacht…)
Ob es sich auch bei diesem Fragment von Beethovens Autograph aus dem Finale der 9. Sinfonie um Raubkunst handelt, wird in der beigefügten Information nicht angegeben, dafür allerdings, dass es bis 1912 dem Sammler Charles Malherbe gehörte. Den hätten „les autorités allemandes“ wiederholt gefragt, was das Exemplar denn koste, und er habe geantwortet: „L’Alsace et la Lorraine“…
Zum versöhnlichen deutsch-französischen Schluss dieses Blatt der von Albert Stapfer ins Französische übersetzten Ausgabe von Goethes „Faust“ aus dem Jahr 1828. Eugène Delacroix steuerte dazu 17 Lithographien bei – mit seiner machtvollen Dramatik und der Atmosphäre eines phantastischen Mittelalters ein wahrhaftes Manifest der romantischen Bewegung und ein „chef-d’œuvre de la lithographie“, wie es in der beigefügten Informationstafel heißt. Hier ein Blatt mit dem französisch übersetzten Faust- Zitat:
„Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern/Und hüte mich mit ihm zu brechen./Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,/so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.“
In Frankreich allerdings war die Rezeption ablehnend. Delacroix erinnerte sich noch 1862, dass seine Illustrationen Karikaturen hervorriefen, die ihn „als eine der Hauptstützen der Schule des Häßlichen hinstellten“. Goethe allerdings, der die kunstkritische Auseinandersetzung um Delacroix kannte, würdigte dessen künstlerische Originalität und Modernität und sprach anerkennend von den Faust-Illustrationen als „einem wunderlichen Erzeugniß zwischen Himmel und Erde, Möglichem und Unmöglichem, Rohstem und Zartestem“, in dem die Phantasie „ihr verwegenes Spiel treiben“ könne…[17] Damit endet dieser Rundgang durch die Bibliothèque nationale/Richelieu, die natürlich noch über viele weitere Schätze verfügt und die es verdient, in einen Paris-Besuch von Kunst- und Bücherfreunden einbezogen zu werden.
… Zumal derzeit – noch bis zum 16. Juni 2024- in der Bibliothek eine neue Ausstellung über die Anfänge der Renaissance zu sehen und zu bewundern ist…. [18]
Die Bibliothèque Nationale in der rue Vivienne, die prachtvolle Galerie Vivienne, die place des Victoires und zum Abschluss der Garten des Palais Royal: ein wunderbares Programm für einen Tag in Paris!
Anmerkungen
[1] Alle Fotos des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel
[2] Siehe dazu auch: connaissance des arts. Hors-série: BnF/Richelieur. Bibliothèque et Musée. Paris 2022;
Bruno Blasselle und Gennaro Toscano, Histoire de la Bibliothèque nationale de France. Hrsg. von der BnF 2022;
Gennaro Toscano (Hrsg), 100 chefs-d’œuvre de la Bibliothèque nationale de France. BnF 2022;
Aurélien Conraux, Anne-Sophie Haquin und Christine Menguin, Richelie. Quatre siècles d’histoire architecturale aus cœur de Paris. BnF und INHA, 2017
[15] Im kleinen Begleittext zu der Medaille heißt es dazu: „La fin du 17e siècle marque en effet l’achèvement de la conquête de cette province, où l’autorité française peine à s’imposer.“ Da waren solche Geschenke sicherlich nützlich…
„Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unserer Anschauungsweise und unseren Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig. […] In vierthalb Stunden reist man jetzt nach Orleans, in ebensoviel Stunden nach Rouen. Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist, als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee“, schreibt Heinrich Heine am 5. Mai 1843 anlässlich der Eröffnung der beiden neuen Eisenbahnen nach Orléans und Rouen.[1]
Heute, wo wir in nicht einmal 10 Stunden von Frankfurt nach Peking fliegen können, vermögen wir uns kaum noch vorzustellen, was die Eisenbahn im 19. Jahrhundert bedeutete. Sie beschleunigte den Transport von Menschen und Gütern in einem nie gekannten Tempo. Die Entfernungen schrumpften zusammen, die Zeit triumphierte über den Raum.
An die neuen Technologien der Fortbewegung (Eisenbahn & Dampfschifffahrt) wurden Hoffnungen geknüpft, die uns heute, wo wir es besser wissen, euphorisch, wunderlich, zum Teil bizarr, ja absurd erscheinen.
Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson sah 1844 die neue Technologie »im Begriff, den Traum der Verfassungsväter einer von Partikularismen befreiten Republik zu verwirklichen. Nun – rund vier Jahrzehnte vor Einführung einer einheitlichen Zonenzeit für die nordamerikanischen Eisenbahnen – schien die Harmonisierung des Kontinents in greifbare Nähe gerückt zu sein. Emerson verglich die neuen Verkehrsmittel mit einer Webmaschine: „Wir beobachten nicht bloß die Auslöschung der Distanz. Gleich dem Schiffchen beim Webstuhl, so gleiten auch unsere Lokomotiven und Kursschiffe täglich über die Tausende von Fäden, die unsere Nation und Arbeit sind, und verwandeln sie in ein einziges Gewebe. Jede Stunde steigert sich dieser Vorgang der Assimilation und bannt damit die Gefahr, dass lokale Besonderheiten und Feindschaften überleben können.“[2] Wie illusorisch diese Hoffnung war, zeigte der Amerikanische Bürgerkrieg zwanzig Jahre später.
Der viermalige britische Premierminister William Ewart Gladstone schrieb der Eisenbahn beinahe magische Kräfte zu. In einer Rede vor Bahnangestellten formulierte er die Utopie einer Gesellschaft, die, indem sie sich einem einzigen Rhythmus fügt, den Schritt zur eigentlichen Moderne erst recht eigentlich vollzieht. „Während wir uns früher ständig mit der Gefahr der Unordnung konfrontiert sahen, verfügen wir heute über ein Instrument, das nichts anderes als ein geordnetes Leben zulässt (Applaus) – ein Leben, das dem alten monastischen System durchaus ähnelt, in dem alles dem Rhythmus der Uhr und der Kirchenglocke unterlag. Diese feste Ordnung bildet die Seele . . . des riesigen Eisenbahnnetzes, das unser Land nach allen Richtungen überzieht (Applaus).“«[3]
»Für den englischen Eisenbahnexperten Edward Foxwell waren die spätviktorianischen Bahnhöfe Orte der Hoffnung. […] Ähnlich wie Gladstone sah er in der Eisenbahn jene Kraft, die die verwirrende Vielzahl menschlicher Rhythmen miteinander versöhnen sollte. So verband sich auch bei ihm die Erfahrung der Beschleunigung mit der Sehnsucht nach der großen symphonischen Gemeinschaft.« [[4]] Auch diese Hoffnung erfüllte sich, wie die großen Weltkriege zeigten, nicht.
Eines aber ist sicher: Mit dem Ausbau des Schienennetzes wird die Eisenbahn weltweit zu einem der wichtigsten Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung, auch des Tourismus.
Nicht lange nach Heines Imaginationen kann die Pariserin früh morgens am Gare du Nord einen der „trains de plaisir“ zu den Stränden von Dünkirchen oder Saint-Quentin-Plage nehmen, sich in ihrer neusten Standmode präsentieren und spät abends nach Paris zurückzukehren, kurz „une journée à la mer“ (einen Tag am Meer) verbringen. Zweifellos eine Bereicherung des Freizeitvergnügens. Für einen Tag zur Ruhe und Erholung in die Wälder von Compiègne flüchten oder den Nervenkitzel auf der Pferderennbahn in Chantilly suchen: mit der Eisenbahn kein Problem.
Reklameplakat der Nordeisenbahn von Ferdinand Bac, 1897[5]
Die Eisenbahn wird zum Symbol des Fortschrittes, und die Bahnhöfe, zumal der großen Städte, sind ihre Kathedralen.
Allein in Paris entstehen bis 1900 sieben Bahnhöfe. Der erste ist la Gare Saint-Lazare. Der Impressionist Claude Monet ist von ihm fasziniert; er malt ihn zwölfmal!
Claude Monet (1877) – Gare Saint Lazare (Musée d’Orsay)
Es folgen 1840 Gare d’Austerlitz und der erste Gare Montparnasse unter dem Namen Gare de l’Ouest. Schon ein Jahr später beginnt der Bau des ersten Nordbahnhofs. Er wird 1846/47 fertiggestellt und trägt die Bezeichnung Embarcadère du Chemin de Fer du Nord. 1850 kommen Gare de l’Est, 1855 Gare de Lyon und schließlich Gare d’Orsay anlässlich der Weltausstellung von 1900 hinzu.
Alter Nordbahnhof (Embarcadère du Chemin de Fer du Nord) in Paris im „Orangerie-Baustil“ (nach der Orangerie von Versailles).Im Hintergrund ist auf dem Montmartre-Hügel der optische Telegraf von Claude Chappe mit seinen schwenkbaren Signalarmen zur Zeichenübermittlung zu sehen.
Die rasche Ausbreitung des Bahnstreckennetzes mit steigendem Verkehrsaufkommen erfordert, dass der Gare de l’Ouest 1848 bis 1852 durch einen größeren Bahnhof ersetzt werden muss. Und auch der erste Gare du Nord erweist sich angesichts der zunehmenden Zahl der Reisenden von 1.500.000 im Jahr 1858 auf 2.100.000 im Jahr 1863 bald als zu klein, sodass er 1860 abgerissen wird, um einem größerer Neubau Platz zu machen.
Das französische Eisenbahnnetz von 1837 bis 1870
Die Eisenbahngesellschaft Compagnie des chemins de fer du Nord mit Baron James Mayer de Rothschild an der Spitze hatte 1857 die Genehmigung zum Bau eines neuen Bahnhofes an gleicher Stelle auf einem größeren Gelände erhalten. Die Planungsarbeiten für den neuen Bahnhof beginnen 1858 vor dem Hintergrund der großen Haussmannschen Transformation und des Wirtschaftsbooms in der Hauptstadt. Die Architekten der Compagnie des Chemins de Fer du Nord, Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet, erstellen erste Studien für einen U-förmigen Kopfbahnhof, in der damaligen Zeit eine häufige Bahnhofs-form. Damit ist ein Problem vorprogrammiert, denn eingezwängt in diese Gebäudeanordnung lässt sich bei steigendem Verkehrsaufkommen die Zahl der Bahnsteige und Geleise nur begrenzt erweitern, was zu wiederholten Umbauten führen wird.
Die Hauptfassade soll an der Place Roubaix (heute Place Napoleon III) als Eingang für die Vorortpassagiere und das Bahnpersonal liegen, während der Zugang zu den Fernzügen über die Seitenfassade erfolgt, wobei die Abfahrten auf der Westseite und die Ankünfte auf der Ostseite liegen. Da diese Räumlichkeiten nicht die gleichen Zuweisungen und Bedürfnisse haben, kann der Gebäudekomplex nicht symmetrisch sein. Die ersten Entwürfe überzeugen die städtischen Behörden allerdings nicht.
Hittorffs letztes großes Werk
Hittorff wird 1861 von James de Rothschild beim Bau des Bahnhofes hinzugezogen. Er steht vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits soll er ein Gebäude errichten, das dem Repräsentationsbedürfnis der Eisenbahngesellschaft entspricht: Der Bahnhof wird sich, wie Hittorff schreibt, „den Blicken der Öffentlichkeit mit dem Charakter seiner Bestimmung präsentieren. Man kann mit einer imposanten Wirkung rechnen, die auf die Größe des Bahnhofs zurückzuführen ist, und die Fassadengestaltung wird seine immense Ausdehnung verdeutlichen.“ [6]
Andererseits ist neueste Technologie gefordert: Das Empfangsgebäude soll mit einer Halle verbunden sein, die dem großen Raumbedarf mit möglichst vielen Gleisanlagen und dem dazugehörigen Equipment gerecht wird.
Hittorff bereitet sich auf die für ihn neue Aufgabe mit einer Reise nach England, das Mutterland der Eisenbahn, vor. Dort standen nicht nur dank innovativer Verfahren bei der Eisenverhüttung Guss- und Schmiedeeisen in größeren Mengen und besserer Qualität zur Verfügung, sondern es wurden auch schon früher als auf dem Kontinent Konstruktionen aus Eisen, Stahl und Glas errichtet, insbesondere auch imposante Bahnhofshallen.
In Vorbereitung auf den Bau der Halle für die Gleisanlagen des Gare du Nord dürfte Hittorff sicherlich bei seiner Englandreise Joseph Paxtons Crystal Palace, vor allem aber Ingenieursbauten mit weit gespannten Tragwerken wie Londons Paddington-Station und Bristol Temple Meads-Station, beide von Isambard Kingdom Brunei, und Lewis Cubitts Kings Cross-Station und andere technische Bauten studiert haben.
Bahnhof Kings Cross. Photo Hugh Llewelyn. Creative Commons
Die ersten Entwürfe für den Gare du Nord sehen noch einen gemeinsamen Gebäudekomplex für die Verwaltung und den Bahnbetrieb vor. Es erweist sich aber als schwierig, beide Bereiche in einem repräsentativen Bau zu vereinigen. Der größere Platzbedarf für die Bahnanlagen infolge des gestiegenen Verkehrsaufkommens führt schließlich in der weiteren Planung zur Trennung von Verwaltung und Bahnbereich.
Hittorff gelingt es, die Asymmetrie der Baumassen aufgrund des unterschiedlichen Raumbedarfs für die Abfahrt- und Ankunftszone des Bahnhofs durch eine triumphale Prunkfassade mit klassischer symmetrischer Proportion zu verdecken.
Abb. 7: Hittorff (Bleistiftzeichnung) – Endgültiger Entwurf für Gare du Nord 1861 Perspektivische Außenansicht[7]
Die Arbeiten Hittorffs werden 1866 fertiggestellt. Der Bahnhof wird aber schon 1864 in Betrieb genommen. Das äußere, von Hittorff geschaffene Erscheinungsbild hat sich seither nicht verändert. Später mussten aus besagten Gründen an seiner Ostseite neuere Teile hinzugefügt werden.
Die Verpflichtung von Hittorff, einem der bedeutendsten Pariser Architekten seiner Zeit, ist eine Prestigesache für die Eisenbahngesellschaft und wichtig für den Bahnhof selbst, der nicht allein durch seine Monumentalität beeindrucken soll. Er soll eine Demonstration des weitgespannten Schienennetzwerkes sein und durch seine künstlerische Gestaltung unter den anderen Bahnhöfen der Metropolen herausragen und neue Maßstäbe setzen.
Der nur schmale Fassadenbau verschafft, ohne Treppen zu überwinden, einen direkten Zugang zu den Zügen. Vom Vorplatz mit den Droschken bis zu den Zuggleisen sind es nur wenige Schritte. Aber mehr als diese auf die Funktion des Bauwerks gerichtete Gestaltung ist das Gebäude vor allem ein Repräsentationsbau der Compagnie des chemins de fer du Nord und ein Monument des technischen Fortschritts.
Die Fassade des Empfangsbaus
Wie Thomas von Joest in seinem Betrag über den Gare du Nord nachweist [[8]], kann die Gestaltung der Fassade nicht als alleiniges Werk von Hittorff betrachtet werden. Wesentliche Vorarbeiten zur Grundstruktur der Hauptfassade wurden bereits vom Baubüro der Eisenbahngesellschaft unter der Leitung der Architekten Jules-Léon Lejeune und Léon Ohnet geleistet, wie sich anhand der in den Archiven der staatlichen französische Eisenbahngesellschaft S.N.C.F. (Société nationale des chemins de fer français) befindlichen Zeichnungen belegen lässt.
„Wenn wir auch“, so Thomas von Joest, „Hittorf nicht das Verdienst zuschreiben können, das Grundkonzept der Fassade kreiert zu haben, so haben wir doch ihre ausgereifte Gestaltung, die die Gliederung des Bauwerkes deutlich zu erkennen gibt, der Erfahrung des Baumeisters und seinem Sinn für Proportionen zu verdanken.“ [[9]]
Die imperiale 180 m lange neoklassizistischen Fassade gliedert sich in einen zentralen riesigen Giebel, der die Konturen der dahinter liegenden Haupthalle aufnimmt und in dessen Mitte sich ein großes Bogenfenster befindet, das von zwei kleineren Glasbögen flankiert wird.
Der zentrale Giebel wird eingerahmt von zweigeschossigen Flügeln, hinter denen sich die Seitenhallen befinden und iegbelständigen Pavillons, ebenfalls mit verglasten Bögen, die beiderseits die Fassade abschließen.
Riesige ionische Pilaster als ornamentaler Schmuck erstrecken sich über zwei Geschosse des zentralen Giebels und der Pavillons. Sie kontrastieren mit der Reihung kannelierter Säulen mit dorischem Kapitell für die Untergeschosse des zentralen Giebel-Teils und der Pavillons sowie für die beiden Geschosse der Seitenflügel.
Das Ensemble wird vervollständigt durch 23 weiblichen Figuren mit einer Mauerkrone auf ihren Häuptern als Sinnbild der Stadtgöttinnen. Sie sind die Personifikationen internationaler und französischer Städte, die von der Nordbahn bedient werden. Dreizehn der besten Künstler Frankreichs werden damit beauftragt. Ein großer Teil von ihnen hatte bereits an der Oper Garnier in Paris gearbeitet.
Am Eingang wird der Besucher seit 2015 von dem geflügelten Bären (angel bear) Richard Texiers begrüßt.
Foto: Wolf Jöckel
Die Figuren auf dem Dachfirst versinnbildlichen Paris – im Zentrum und an der Spitze – und die ausländischen Städte (von links nach rechts): Frankfurt und Amsterdam, Warschau und Brüssel, London und Wien, Berlin und Köln (Cologne).
Die Allegorien von Berlin und Köln. Foto: Wolf Jöckel
Die Statuen im unteren Teil der Fassade repräsentieren die französischen Städte (von links nach rechts): Boulogne und Compiègne, Saint-Quentin und Cambrai, Beauvais und Lille, Amiens und Rouen, Arras und Laon, Calais und Valenciennes, Douai und Dünkirchen.
Abb. 13: Allegorien der Städte Beauvais, Lille, Amiens, Rouen, Arras und Laon[11]
Der Empfangsbau wird so zu einem Ort, an dem sich die Nähe mit der Aura der Ferne versieht. Pilaster, Säulen, Statuen und Fensterachsen lockern die langgestreckte Fassade vielfältig durch eine vorherrschend vertikale Gliederung stark auf und erinnern mit ihren vor- und zurückspringenden Partien an eine scena, den Kulissenbau im griechischen Theater.
In der Gestaltung des Fassadenbaus zeigt sich Hittorff mit seinen Anleihen an klassizistische Elemente in der Tradition der École des beaux arts, die dem Bauwerk über seine Funktion hinaus vor allem Schönheit und Bedeutung geben soll.
Es ist Hittorff mit der Fassade gelungen, die Funktion des Gebäudes ins Macht- und Bedeutungsvolle zu steigern und die Form der dahinter liegenden Halle zum Ausdruck zu bringen.
Die Konstruktion der Bahnsteighalle
Das 19. Jahrhundert war nicht nur das „Zeitalter des Kampfs der Stile“, „in dem die romantische Kraft der Gotik mit der machtvollen klassischen Tradition rang“, es war „ebenso sehr das Zeitalter des Eisens“[12], das sich nicht nur auf Ingenieurbauwerke wie Eisenbahnstrecken, Brücken, Markthallen, Fabriken, Gewächshäuser u.a.m. beschränkte, sondern Einzug hielt in die Architektur, samt den Vorzügen des Einsatzes standardisierter Bauteile.
Erste Erfahrungen mit der Eisenarchitektur hatte Hittorff als angehender Architekt beim Bau der Metall-Kuppel der Halle au Blé gesammelt.[13]
Abb. 14 : Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France
Dieser 1783 errichtete große Rundbau, heute ein Kunsttempel der Pinault-Sammlung, diente als Speicher- und Handelsplatz für Getreide. Die über dem offenen Hof der Kornhalle errichtete Holzkuppel war 1802 abgebrannt und sollte nun durch eine Eisenkuppel ersetzt werden., die erste in der Geschichte der Architektur.[14] Als Commis aux attachments et aux écritures, also Mitarbeiter bei der Dokumentation der Arbeitsvorgänge, skizzierte der junge Hittorff die Entwicklung des Baus. [15]
Hittorff bleibt von seinen Erfahrungen mit der Halle au Blé und der Zusammenarbeit mit dem verantwortlichen Architekten Bélanger geprägt. Das Interesse an Eisen in der Architektur zieht sich durch sein gesamtes Werk. Das zeigen auch seine Entwürfe für einen Industriepalast (1852) und einen Palast für die Weltausstellung (1854).
Die Konstruktionszeichnungen in den Archiven der S.N.C.F. und der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Zürich belegen, dass die Entwürfe für den Dachverband der Bahnsteighalle mit seinem Trägersystem und den Stützpfeilern mit ihren Kapitellen im Baubüro von Jakob Ignaz Hittorff, unterstützt von seinem Sohn Charles, entstanden.
Abb. 24: Die zentrale Einfahrthalle der Gare du Nord. Foto: Wolf Jöckel
Die von Hittorff und seinem Planungsbüro in Zusammenarbeit mit den Eisenbahnarchitekten entworfene Eisenbahnhalle aus Eisen und Glas ist strukturell von den sie umgebenden Steinfassaden getrennt. Ihr Grundriss ist der einer dreischiffigen Basilika mit einem mittleren Teil von 180 Meter Länge und den beiden Flügeln von jeweils 200 Meter Länge.
Foto: Wolf Jöckel
Die Eisenkonstruktion, die das 180 m lange Dach der Haupthalle trägt, überspannt eine Gesamtbreite von 72 m und ermöglicht durch eine optimale Reduktion der Stützelemente die großflächige Einrichtung der Gleise und Bahnsteige.
Abb, 26: Dachträgersystem und Säulen. Bildquelle : Vide en ville; https://videenville.paris › galeries
Zur Überdachung der Halle mit ihrer großen Spannweite wählt Hittorff die Träger-Konstruktion vom Polonceau-Typ. Das Dach der Haupthalle ruht über Stützkonsolen auf nur zwei Reihen von 38 m hohen korinthischen Säulen aus Gusseisen.
Die Säulen werden in Schottland hergestellt, dem einzigen Land zu dieser Zeit, in dem es eine Gießerei gab, die so große Säulen herstellen konnte. Zur Kontrolle der Gussteile schickt Hittorff seinen Sohn Charles nach Glasgow. Auch alle Teile der Dachkonstruktion (Sparren, Druckstützen, Zugbänder, Glas- und Zinkplatten) werden vorgefertigt und können vor Ort schnell durch Bolzen, Steckelemente und Schrauben miteinander verbunden werden. Das beschleunigt den Bau der Halle entscheidend und kommt dem zunehmenden Diktat der Wirtschaftlichkeit des Bauens entgegen.
Gussteile für die Halle des Gare du Nord in der Gießerei in Glasgow.) Aufschrift auf der Rückseite: „To Mr. Hittorff, architect, Paris, from Mr. Gromlay, Glasgow 1862“ [16]
Foto: Wolf Jöckel
Das Trägersystems der unterspannten Dachsparren war eine Erfindung des Eisenbahningenieurs Barthélemy Camille Polonceau, der dieses System erstmals 1838 bei den Dächern für die Bahnhöfe der Eisenbahn von Paris nach Versailles anwandte.[17]
Dieses Trägersystem ermöglichte große Öffnungen im Dach zum Lichteinfall, ohne die Stabilität des Gebäudes zu gefährden. Ein Vorteil war auch, dass kein Seitenschub auf die Wände der Seitenflügel ausgeübt wurde. Die Stützkonsolen, Streben, Druckstangen- und Zugsbänder waren fast nicht wahrnehmbar, so dass sich ein Eindruck großer Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit ergab.
Abb. 28: Paris Nord – 28. Juni 1960 – Innenansicht mit der Architektur des Glasdachs und der Leichtigkeit des Polonceau-Systems (SNCF-Archiv) [18]
Mit dem Einsatz von Eisen und Glas wurden eine Reihe von Prozessen in Gang gesetzt, die nicht nur eine neue architektonische Ästhetik, neue räumliche Wahrnehmungen erzeugte und ein neues Bauen und einen neuen Baustil hervorbrachte, sondern auch die bisherigen Traditionen in Frage stellte und neue Sehweisen postulierte.
Abb. 31: Glas-Eisen-Konstruktion an der Ausfahrt der Halle. Foto: Wolf Jöckel
„Mit den neuen Materialien, die mit der Industrialisierung entwickelt wurden, vor allem mit Joseph Paxtons legendärem Kristallpalast für die erste Weltausstellung 1851 in London, wurden Hoffnungen auf eine alle materielle Schwere überwindenden Architektur aus neuen Baustoffen geschürt. Das Schrumpfen der Materialmassen im Verhältnis zum umbauten architektonischen Raum durch Eisenkonstruktionen einerseits, die optische Entgrenzung durch Glas andererseits, ließen sich in der Rezeption zur Überwindung der Schwerkraft stilisieren.“[19]
Die Entwicklung des Eisens als konstruktives Material und der Erfindung der Skelettkonstruktion führte zu einer Auflösung und Entmaterialisierung der Außenwand und ihrer Entbindung von ihrer tragenden Funktion. Eine völlige Auslöschung der Wand war dann später beim Eiffelturm zu sehen, der mit seiner Absage an die bisherige Steinbauweise heftige Kontroversen auslöste.
Um die Formlosigkeit und Strenge der reinen Eisenkonstruktion abzufedern, und den bisherigen Sehgewohnheiten entgegenzukommen, wurde der neoklassizistische Stil als ästhetische Strategie eingesetzt. Dabei wird die „technische Reproduzierbarkeit“ gerade für Produkte aus Gusseisen ausgeschöpft: eiserne Säulen, Träger und Konsolen können samt ihrer Ornamente, anders als in Stein, schnell, preiswert und in großer Zahl hergestellt werden. [20]
Auch Henri Labroustes nutzt bei der Bibliothèque Sainte-Geneviève und dem Lesesaal der Bibliothèque Nationale[21] das Gusseisen bei der Ornamentierung der freiliegenden Metallstrukturen.
Labroustes Bibliothèque Sainte-Geneviève. Bildquelle : Revue générale de l’architecture et des travaux publics. 11.1853 (beschnitten)
Labroustes Lesesaal der Bibliothèque Nationale. Foto: Wolf Jöckel
Und auch Victor Baltard, der Schöpfer der revolutionären Markthallen, ist »zutiefst in der akademischen Tradition der École des beaux-arts verwurzelt, in der ausgebildet zu sein bis ins späteste 19. Jahrhundert unabdingbar war für eine halbwegs anständige Laufbahn in Frankreich. Baltard […] löste sich selbst nie von dieser Tradition, sondern integrierte die industriell produzierten Materialien in den ästhetischen Kanon der akademischen Baukunst. In einem Brief mokiert er sich 1863 über „die Begeisterung des Publikums für Metallkonstruktionen“.«[22]
Auch Hittorff gestaltet die augenfälligsten Elemente der Eisenkonstruktion, die Säulen der Halle, mit besonderer Sorgfalt. Hittorff hat – wie Labrouste und Baltard – das Eisen in die klassizistische Architektur der École des Beaux-Arts eingebürgert.
Foto: Wolf Jöckel
„Wiewohl die neuen Montage- und Konstruktionstechniken in Hittorffs Entwürfen einen festen Platz einnahmen, blieb die klassisch akademische Tradition ein unangefochtener Bezugspunkt.“ Die Inklusion von Technik ist „ein Schachzug ganz im Sinne der Gebietssicherung.“ [23]
„Die Öffnung gegenüber dem Eisen lässt sich insofern als eine Strategie entziffern, als Hittorff das industrielle Material durch seine Kreuzung mit dem akademischen Kanon auf das Feld der Architektur zurechtbog, ohne dabei eine Polarität zwischen dem und dem anderen aufbrechen zu lassen. Ein einprägsames Beispiel stellt Hittorffs korinthischer Kapitell-Entwurf für die gusseisernen, kolumnisierten Stützen der Einfahrtshalle derGare du Nord dar.„
Abb 37: Detail eines Kompositkapitells. Foto: Wolf Jöckel
Sie tragen statt eines Gebälks einen hohen Gitterbinder, der zwischen den horizontalen und vertikalen Tragelementen vermittelt.An diesem Baudetail wird anschaulich, was die Architektur des 19. Jahrhundert insgesamt kennzeichnet: Sie konnte das Neue bejahen, ohne das Alte zu verwerfen. Mehr noch sprengten Kreuzungen und Kreolisierungen von Klassik und Technik jene Grenzen, an denen sonst neue Formen und neue kulturelle Semantiken scheitern. Bei aller Fixierung auf die klassische Kunstdoktrin eignete der Beau-Arts-Architektur im Zeitalter von Technik- und Industrie ein symptomatischer Hybridcharakter, der den Regelkodex beibehielt und doch zugleich produktiv unterwanderte. Anders als in der postmodernen Architektur ging es nicht um Spiel und Ironie, d.h. die Aufkündigung autoritativer Denksysteme und Entwurfstraditionen, sondern um die Hybriden als eine ernstzunehmende Alternative zu reiner Stein- oder Eisenarchitektur.“ [24]
Die Rezeption von Hittorffs Gare du Nord
Charles Rivière – Gare du Chemin de Fer du Nord (Ausschnitt)[25]
Der neue Bahnhof gefiel nicht jedem. Die Reaktionen gingen weit auseinander. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc, bekannt durch seine Vorliebe für die Gotik, den von ihm entworfenen Dachreiter der Kathedrale Notre Dame in Paris und die Restaurierung mittelalterlicher Bauwerke nach seinen idealistischen Vorstellungen von mittelalterlicher Architektur, schmähte die Fassade im Stil à la Grèce:
Der neue Nordbahnhof ist vielleicht der gröbste Fehler, den die von der Akademie gelehrten exklusiven Doktrinen verursacht haben.[26]
Noch weiter geht Jacob Burckhardt in einem Brief an seinen Freund, den Architekten Max Alioth in Basel, vom 01.08.1879: „Die Fassade der Gare du Nord in Paris ist und bleibt ein Scandal; die ionischen Pilaster von verschiedener Größe, die Dachschrägen welche von den Aufsätzen der kleinern zu denjenigen der großem emporsteigen, und die großen Bogenfenster welche hopopop in die dazwischen liegenden Mauerflächen einschneiden, machen zusammen eine der größten architectonischen Infamien unseres Jahrhunderts aus, was doch etwas sagen will“. [27]
Anatole de Baudot (1834-1915), Architekt, Denkmalpfleger, Architekturhistoriker, ein Schüler von Viollet-le-Duc und Labrouste, später ein glühender Verfechter des strukturellen Rationalismus, lobte zwar die Eisenbahnhalle: „…jedes Element dieser Struktur hat seine genau festgelegte Funktion, keines ist unnütz; in einem Wort: das Werk ist rational…“[28]. Er kritisiert aber schonungslos die Fassade, die nicht rational, nicht zweckmäßig sei; alles „scheint hier der Phantasie entsprungen zu sein, alles wird einem bestimmten Architekturtypus untergeordnet und nach einem dekorativen Prinzip ausgeschmückt, das sich für eine Anwendung in einem Bahnhof angeblich besonders eignen soll.“[29]
Radikaler als bei de Baudet erteilt der englische Kunstkritikers John Ruskin (1819-1900) dem Eklektizismus mit seinen Ornamenten, noch Folge ununterbrochener alter Traditionen, eine Absage, weil er die „necessities“ verhülle, und er lehnt die künstlerischen Verzierungen der Eisenbahnstationen ab: „not to decorate things belonging to active life“ und „not to mix ornament with business“.[30] Hier kündigen sich schon das Diktum von Adolf Loos (1870-1933) „Ornament und Verbrechen“ und die berühmte Formel der modernen Architektur „form follows function” von Louis H. Sullivan (1856-1924) an, der seinen Partner Dankmar Adler zitiert, der diesen Imperativ seinerseits sinngemäß von Henri Labrouste übernommen hatte.
Wie wir sehen, kam die Kritik an Hittorffs Monumentalbau aus ganz unterschiedlichen Seiten: die einen (Viollet-le-Duc und Burckhardt) schmähten ihn, weil sein Werk nicht dem Kanon der traditionellen Architektur entsprach, während andere (de Baudot) seinen Fassadenbau als unangemessen für die Bauaufgabe verwarfen.
Noch deutlicher ist der Architekturhistoriker Sigfried Giedion, der sich zwar nicht ausdrücklich auf den Gare du Nord bezieht, aber an der Sterilität und Unbeweglichkeit der École des beaux-arts und an der eklektischen Architektur vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Kritik übt und ihr „eine ständig wachsende Isolierung der Künste vom Leben“ vorwirft.[31]
Die Architektur, hier ist die der École des beaux-arts gemeint, sei hinter den aktuellen Neuerungen und Entwicklungen sowohl in der Technik als auch in der Kunst zurückgeblieben und habe zu einer Spaltung zwischen Architektur und Technik, zwischen Architekten und Ingenieur, geführt. Sie habe die Verbindung zwischen den Methoden des Denkens [die Naturwissenschaften; die Methode des Ingenieurs] und den Methoden des Fühlens [die Kunst und Architektur] unterbrochen. „Die Naturwissenschaften – das sogenannte Denken – hätten im 19. Jahrhundert einen enormen Fortschritt erzielt und den wahren Zeitgeist erreicht, während Kunst und Architektur – das sogenannte Fühlen – dies nicht vermochten.“[32]
1877 stellte die Akademie eine Preisfrage über ‚L’union ou la seperation des ingenieurs et des architectes‘ (Die Vereinigung oder Trennung von Ingenieuren und Architekten). Davioud, der Architekt des Trocadéro, gewann den Preis mit folgender Antwort: „Die Vereinigung zwischen Architekten und Ingenieur muss untrennbar sein. Die Lösung wird erst dann wirklich, vollständig, fruchtbar sein, wenn Architekt und Ingenieur, Künstler und Wissenschaftler, in einer Person vereint sind … Wir leben seit langem in der einfältigen Überzeugung, dass die Kunst eine Wesenheit sei, die sich von allen anderen Formen der menschlichen Intelligenz unterscheide, durchaus unabhängig habe sie ihre Quellen und ihre einzige Geburtsstätte in der kapriziösen Phantasie der Künstlerpersönlichkeit.“«[33]
Auch wenn dem vielleicht nicht alle zustimmen, lässt sich von Hittorff sagen, dass er beide in sich vereint hat, den Architekten und den Ingenieur. Aber er agierte nicht im luftleeren Raum. Er konnte nicht allein bei seinen Bauaufgaben entscheiden und er war neben seinen eigenen Vorstellungen auch von jenen anderer beeinflusst, ja auch abhängig.
Thomas von Joest ist zuzustimmen, wenn er schreibt, „Hittorff aus seinen Säulen und Kapitellen einen Vorwurf zu machen, ist Böswilligkeit“.[34] Die Auftraggeber von Hittorff wussten ja, dass er „im Jahre 1861 immer noch dem Geist und den Prinzipien der Baukunst seiner Jugendzeit verhaftet“[35] war. Zu ergänzen ist, dass der Bauherr, die Eisenbahngesellschaft, gerade diesen Architekturstil wünschte.
Spätere Urteile berücksichtigen eben diese Zeitumstände: „Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen hat der Gare du Nord keine größeren Veränderungen erfahren und ist ein großartiges Zeugnis des Selbstbewusstseins und des Erfindungsreichtums des Eisenbahnzeitalters.“ [36]
Hittorfs Gare du Nord zeigt auf brillante Weise, wie eine Sprache, die sich letztlich an der römischen und griechischen Architektur orientierte, einem großen Eisenbahnterminal in einer Großstadt einen seiner Zeit „angemessenen monumentalen Akzent verleihen konnte“.[37]
Der Gare du Nord stellt sich den Anforderungen
Ohne die Grundstrukturen von Fassade und Halle wesentlich zu verändern, war es immer wieder gelungen, den Bahnhof den Erfordernissen der Zeit anzupassen und Hittorffs Erbe zu bewahren. Anstelle der ursprünglich 8 Geleise, konnten 1884 13 Geleise untergebracht werden, durch eine seitliche Erweiterung nach außen wurde 1889 die Zahl der Geleise zunächst auf 18 und durch eine zweite Erweiterung 1900 auf 28 Gleise erhöht.
Gare du Nord/Ostseite: rechts ist -hinter dem Olympiade-Plakat- die Glas-Eisen-Konstruktion der Bahnsteige der Vorortzüge, der „Grande Banlieue“, zu sehen. Foto: Wolf Jöckel (Januar 2024)
1977 bis 1982 erfolgt der Ausbau des unterirdischen Bahnhofs. Ein Jahrhundertereignis war 1994 nach Fertigstellung des Kanaltunnels zwischen Dover und Calais die Ankunft des ersten „Eurostar“, der Paris in nur 2 Stunden mit London verbindet. Zuvor dauerte die Fahrt, bei günstigen Wetterbedingungen für die Fähre auf dem Ärmelkanal, sieben Stunden.
Nach Renovierung des Bahnhofsinneren dominieren mit täglich mehrfachen Hin- und Rückfahrten der „Eurostar“ nach London, der „Thalys“ nach Brüssel, mit Verlängerungen nach Köln oder Amsterdam und die TGVs nach Lille den Fernverkehr.
2001 wurden der hässliche Beton-Parkhaus-Bau, der 1973 an die Stelle der alte Glas-Eisen-Konstruktion für die Bahnsteige der „Grand Banlieue“ bzw der „gare Transilien“ errichtet worden war, abgerissen, eine der alten Hallen restauriert, die andere zerstörte Halle wieder aufgebaut und der Eingangsbereich durch einen leichten Glasbau ersetzt.
Die Geschichte des Bahnhofes ist damit noch lange nicht zu Ende. Bis 2030 wird ein Anstieg der Reisenden von derzeit 700000 auf 900000 erwartet. Schon jetzt ist der Bahnhof, der verkehrsreichste Europas, überlastet.
Die Auseinandersetzung um das Zukunftsprojekt StatioNord (2019-2021) zeigte zum einen, dass Hittorffs Gare du Nord nichts von seiner Bedeutung verloren hat, und zum anderen, wie leidenschaftlich um den Bahnhof der Zukunft gerungen wird.
„Unverschämt“, „absurd“ und „inakzeptabel“ – das waren nur einige der Adjektive, mit denen ein Architektenkollektiv mit Jean Nouvel, Roland Castro und Dominique Perrault die neuen Pläne für den Gare du Nord anprangerten.[38] Stadtplaner und Gewerkschafter schlossen sich dem Protest an. Die Vorwürfe reichten von einer Kommerzialisierung des Bahnhofes zu einem Shoppingcenter, einer Entstellung von Hittorffs Meisterwerk, einer zusätzlichen Belastung des Quartiers durch Einkaufsverkehr bis hin zu einer Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz des benachbarten Einzelhandels. Inzwischen ist das schon genehmigte große Projekt wegen aus dem Ruder laufender Kosten- und Zeitperspektiven abgesagt und bis 2024 wurden und werden noch, vor allem im Blick auf die Olympischen Spiele, nur kleinere Änderungen vorgenommen.[39]
Epilog
Heute ist die Eisenbahn nicht mehr Gegenstand gesellschaftlicher Verklärung und Hoffnung. Die Bahnhöfe sind längst nicht mehr Orte feierlicher Empfänge und Verabschiedungen hoch-gestellter Personen; nur der Ausdruck „Gäste mit großem Bahnhof begrüßen“ erinnert noch daran. Nicht selten sind die Bahnhöfe zu Hinterhöfen, Rotlicht- und Rauschgiftbezirken herabgesunken und das Reisen mit der Eisenbahn hat mitunter gegenüber Automobil und Flugzeug „den Rang der Drittklassigkeit“[[40]] bekommen.
Wenn sich alle, die Gesellschaft, die Politik und die Eisenbahngesellschaften, auf unsere Umwelt und unser historisches Erbe besinnen, dann bleiben uns die Bahnhöfe als „die räumliche Inszenierung der Sehnsucht nach der Ferne wie des Heimwehs“[41], als bedeutende Denkmäler der Architektur- und Ingenieurbaukunst erhalten und werden wieder zu attraktiven urbanen Zentren.
Hoffen wir, dass nicht nur die Reisenden aus Köln, der Geburtsstadt Hittorffs, die mit dem Zug Paris am Gare du Nord erreichen, noch lange sein letztes großes Alterswerk mit seinem grandiosen Eklektizismus bewundern können, bei dem sich prunkvolle Architektur in theatralische Effekte hüllt und sich klassische Baukunst mit Eisenarchitektur vermischt.
Literatur:
Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135
Andrew Ayers: The Architecture of Paris: An Architectural Guide. Edition Axel Menges, 2004; hier: 10.7 Gare du Nord, Place Napoléon III; Jakob Ignaz Hittorff, Lejeune and léon Ohnet.
A.D. Astinus: Die neun größten Bahnhöfe der Architekturgeschichte: Die ganze Welt der Bahnhöfe – Von der Grand Central Station bis zur London Waterloo Station. neobooks, 09.12.2015 – 55 Seiten
Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023
Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792 – 1867. Stuttgart 1968
Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.
La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com
Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023
Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002
Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de
Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013
Train Consultant Clive Lamming. La gare du Nord : monument historique mais grande gare européenne. https://trainconsultant.com
SKRIPTUM BAUGESCHICHTE. Studienjahr 2021/22, Departement Architektur, ETZ Zürich. Prof. Dr.-Ing. Stefan M. Holzer, Professur Bauforschung und Konstruktionsgeschichte.
Anne Ridao-Tardif, “La préservation du patrimoine architectural lors des restructurations de la gare du Nord et de la gare Saint-Lazare (1990-2010)”, Revue d’histoire des chemins de fer, 54 | 2020, 131-149.
Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press
Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingénieurs et architectes suisses, Band (Jahr): 112 (1986), Heft 24
Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. Ankara, September 2008
Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964
[1] Heinrich Heine in „Lutetia – Berichte über Politik, Kunst und Volksleben, Zweiter Teil“, LVII, hier S.337-338, in: Heinrich Heine – Sämtliche Werke, Band IV; Artemis & Winkler, 3. Auflage 1997
Titelbild des Beitrags: Gare du Nord, place Napoléon III, façade principale. Musée Carnavalet, Histoire de Paris. Kaum ein Bild erfasst mehr die Dimensionen von Hittorfs Bau als diese Fotografie von Archille Quinet von 1868.
[2] Oliver Zimmer: Züge wurden mit Engeln verglichen, Bahnhöfe galten als die Kathedralen der Neuzeit. Ihre Anfänge im 19. Jahrhundert waren von hochfliegenden Erwartungen begleitet, in Neue Züricher Zeitung, 10.04.2023 und Oliver Zimmer: Die Ungeduld mit der Zeit – Britische und deutsche Bahnpassagiere im Eisenbahnzeitalter. University of Oxford – Bodleian Libraries Authenticated; Download Date | 3/19/19 9:49 AM; DOI 10.1515/hzhz-2019-0002 Prof.Dr. Oliver Zimmer ist Sanderson Fellow in Modern History, der University of Oxford.
[5] Bildquelle : Train Consultant Clive Lamming, https://trainconsultant.com › la-gare-du-nord. Textquelle : La gare du Nord: monument historique mais grande gare européenne. In : L’histoire des chemins de fer avec un docteur en histoire. Clive Lamming ist ein französischer Historiker, der vor allem für seine zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich der Eisenbahn bekannt ist.
[6] „Elle s’offrira au regard du public avec caractère de sa destination. On peut d’ailleurs compter, sur un effet imposant, dû à la grandeur de la gare dont les dispositions de la façde feront comprendre l’immense étendue ! “
Zitiert nach Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792 – 1867. Hammer zitiert aus den Arch. Nat., Archives de la Compagnie du chemin de fer du Nord, 48 AQ 13, Procès-Verbaux du Conseil d’Administration, Séance vom 11.5.1860
[8] Thomas von Joest: Hittorff und der neue Nordbahnhof Gare du Nord, in: JAKOB IGNAZ HITTORFF – Ein Architekt aus Köln im Paris des 19. Jahrhunderts. Katalog der Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln, 21.01. – 22.03. 1987.
[13]Monuments anciens et modernes – collection formant une histoire de l’architecture des différents peuples à toutes les époques. Tome 4; publiée par Jules Gailhabaud, Paris 1857. Bildquelle: gallica. Bnf.fr/Bibliothèque nationale de France
[14] Sophie Flouquet, un monument réinventé. In: Éditions BeauxArts, Bourse de Commerce/Pinault Collection. 2021, S. 66
[[15]] Jean-Roch Dumont Saint-Priest: La coupole métallique de la halle au blé de Paris (1806-1813), une architecture mécanique. ArcHistoR (Architettura Storia Restauro) anno VI (2019) n. 12; DOI: 10.14633/AHR135
[17]Abb.28: aus: Mathias Küster: Stahltragwerke im Industriebau in der historischen Entwicklung; Bachelor Thesis, Hochschule Neubrandenburg – Fachbereich Bauingenieurwesen. Urn:nbn:de:gbv: 519-thesis 210-0146-1. Abb. von mir modifiziert.
[18]Les quais de la gare de Paris-Nord, SARDO Centre national des archives historiques SNCF)
[19] [[19]] Monika Wagner – Materialien des ‚Immateriellen‘. Debatten um Baustoffe der Moderne. Hornemann Institut, E-Publication, Tagungsbeitrag
[21] Zur Bibliothèque Nationale wird es demnächst einen Blog-Beitrag geben.
[22] Bernhard Schulz: Zwischen Ingenieurskonstruktion und dekorativer Baukunst. Pariser Retrospektiven zu Henri Labrouste und Victor Baltard. Bauwelt. https://www.bauwelt.de › themen › Zwischen-Ingenieurskonstruktion… ; Schulz bezieht sich auf die Ausstellung im Musée d’Orsay: „Victor Baltard (1805-1874). Le fer et le pinceau (Eisen und Pinsel)“, October 16th, 2012 to January 13th, 2013)
[23 Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
Château de Compiègne – Le musée national de la voiture
[26]„La nouvelle gare du Nord est peut-être l’erreur la plus grossière qu’aient fait commettre les doctrines exclusives professées par l’Académie.“ Zitiert nach: Gare du Nord1861-1866, Paris – Jacques-Ignace Hittorff; Cité de l’architecture & du patrimoine. https://www.citedelarchitecture.fr › documents
[27] Zitiert nach: Klaus Jan Philipp: Jacob Burckhardt oder: Das Leiden am Historismus. 28.03.2010; Deutschlandfunk, Archiv 31. Juli 2023
[30] zitiert nach Werner Hofmann: Architektur und »bloßes Bauen«. Merkur, Nr. 198, August 1964
[31] Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press
[32] Zeynep Ceylani: SIGFRIED GIEDION‟S “SPACE, TIME AND ARCHITECTURE”: AN ANALYSIS OF MODERN ARCHITECTURAL HISTORIOGRAPHY. A Thesis submitted to the Graduate School of Social Sciences of Middle East technical University. September 2008
[33] zitiert nach: Sigfried Gideon: Raum, Zeit, Architektur: Die Entstehung einer neuen Tradition. Birkhäuser, 1996 ; erstmals publiziert 1941 unter dem Titel : Space, Time and Architecture: The Growth of a New Tradition, Harvard University Press; siehe auch: Arlette Ortis: Cohabitation entre architectes et ingenieurs: un pari; Ingenieurs et architectes suisses n“ 24 20 novembre 1986
[40] Renaissance der Bahnhöfe: Die Stadt im 21. Jahrhundert: Bund Deutscher Architekten BDA, Deutsche Bahn AG, Förderverein Deutsches Architekturzentrum DAZ in Zusammenarbeit mit Meinhard von Gerkan, Springer-Verlag, 08.03.2013
Am 3. Dezember 2006 schrieb die Wochenzeitung Der Spiegel unter der Überschrift Zeitungssterben: Das letzte Gefecht der ‚Libération‘: „Das Traditionsblatt der französischen Linken kämpft um sein Überleben: Sinkende Auflage und massive Schulden bedrohen die Existenz der Zeitung.“
Am 14. Februar 2014 titelte die taz: Französische Zeitung ‚Libération‘: Nur noch eine Logo. Die Zeitung stehe kkurz vor dem Konkurs. Ihre Krise spiegele die Mailaise der Linken in Frankreich wider…
Am 15. Januar 2019 verkündete die Frankfurter Rundschau: ‚Libération vor dem Aus : „Die ausgeblutete Zeitung „Libération“ wagt ein letztes Aufbäumen. Redaktion und Aktionäre liefern einander einen ausführlich dokumentierten Schaukampf.“
Aber… trotz allem….:
2023 feierte Libération ihren 50. Geburtstag…
5.2.1973: Die Geburtsstunde von Libération
Wenn Sie jeden Morgen eine freie Tageszeitung haben wollen…
Am 5.2.1973 erschien die erste Ausgabe der Tageszeitung Libération. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch Jean-Paul Sartre. Die Zeitung verstand sich als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit, als Stimme des Volkes (du peuple) und Vertreterin eines Konzepts der direkten Demokratie. Sie versprach, ohne Werbung und Einfluss-nehmende Geldgeber auszukommen. Libération wurde damit auch zum großen Vorbild für die fünf Jahre später gegründete Berliner Tageszeitung/taz.
Eine große Bedeutung spielten für Libération von Anfang an Fotos. Es wurde eine eigene unabhängige Fotoagentur engagierter Fotografen in Selbstverwaltung gegründet, die für Libération arbeiteten. Auch wenn diese Agentur nur bis Ende der 1970-er Jahre bestand , blieben die Fotos ein Markenzeichen der Zeitung. Seit den 1980-er Jahren bekamen sie sogar in einem Prozess zunehmender Professionalisierung einen besonderen Stellenwert: Sie waren nicht einfach nur Illustrationen zu Texten, sondern erhielten eine Eigenständigkeit, die es in dieser Weise in anderen Presseorganen nicht gab. Und dabei genossen die Fotografen auch eine außergewöhnliche Freiheit. Deshalb waren viele hervorragende Fotografen bereit, trotz eines vergleichsweise niedrigen Haustarifs für Libération zu arbeiten.
Es bot sich daher an, zum 50-jährigen Jubiläum eine Ausstellung von Titelfotos der Zeitung zu machen. Sie fand statt im cour d’honneur des hôtel de Soubise im Pariser Marais.
Dort ist nämlich der Sitz der Archives Nationales, des Staatsarchivs, dem anlässlich des Jubiläums das Archiv von Libération übergeben wurde.
Nachfolgend ist eine Auswahl der dort präsentierten Bilder wiedergegeben, teilweise mit kleinen Erläuterungen der jeweiligen Fotografen. Dazu kommen einige weitere von mir ausgewählte Aufmacher-Fotos und Titelseiten.
Juli 1973 (Christian Weiss)
Ein Foto der Uhrenfabrik LIP in Besançon. Die Beschäftigten machten 1973 Europa-weit Furore: Im Kampf gegen Entlassungen nahmen sie Produktion und Verkauf von Armbanduhren in die eigene Hand. Sie wurden damit Vorbild für zahlreiche deutsche Unternehmen in Selbstverwaltung, die damals gegründet wurden. Christian Weiss, ein Gründer des selbstverwalteten Fotolib-Agentur, hatte zu LIP natürlich ein besonders emotionales und professionelles Verhältnis.
11. September 1973: Der Staatsstreich in Chile (Jean Noël Darde)
Der Eingang des vom Militär gestürmten Präsidentenpalais in Santiago de Chile. Der gewählte Präsident, Salvador Allende, war vom Militär gestürzt worden und hatte Selbstmord begangen.
10. September 1976
Dass Libération Mao, dem Gründer der Volksrepublik China, anlässlich dessen Tod eine ganze Titelseite widmete, ist nicht weiter erstaunlich, waren doch die ersten Mitarbeiter der Zeitung überwiegend militante Maoisten. Erstaunlicher ist schon, dass die ganze Seite chinesische Schriftzeichen verwendet. Die handgeschriebene bzw. -gemalte Schlagzeile bezieht sich auf die Mao verherrlichende Hymne der Kulturrevolution: Der Osten ist rot. Die zweite Zeile ist allerdings abgewandelt: statt des chinesischen „Die Sonne geht auf“ geht auf der Titelseite von Libération anlässlich des Todes von Mao die Sonne unter… [1]
16.11.1976
„Gabin ist tot. Giscard steckt in der Scheiße. Der Beaujolais ist gut. Frankreich macht weiter“
Der Schauspieler Jean Gabin war am Vortag gestorben, die Auseinandersetzung zwischen dem Prädidenten Valéry Giscard d’Estaing und seinem Ministerpräsidenten Jacques Chirac erreichte mit der Gründung einer neuen rechten Partei, der RPR, einen neuen Höhepunkt, aber wie Libération zu dieser Titelseite schreibt: Der Beaujolais ist süffig und Frankreich ewig…[2]
August 1977 Larzac (Armand Borland)
Demonstation von Bauern und Pazifisten gegen die seit Beginn der 1970-er Jahre geplante Erweiterung eines Militärgeländes im Larzac, einer Hochebene im französischen Zentralmassiv. Teilweise kamen dort über 100 000 Teilnehmer zu Protestkundgebungen zusammen. Der Kampf dauerte 10 Jahre: Erst als 1981 François Mitterand zum Staatspräsidenten gewählt wurde, wurden die Pläne zum Ausbau des Militärgeländes verworfen.
Mai 1981 (Jacques Torredano)
Das Foto zeigt Giscard d’Estaing auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung. Nach der Niederlage Giscards platzierte Libération das Foto auf der Titelseite mit dem Titel Rideau (Der Vorhang fällt)
17. April 1980: Sartre geht dahin…
Am 15. April 1980 starb Jean-Paul Sartre, einer der Gründungsväter von Libération. Die Zeitung ehrte ihn mit einem ganzseitigen Foto auf dem Titelblatt: eine Premiere- begleitet von Zitaten aus der autobiographischen Schrift Sartres Les Mots.[3]
17. September 1981
„Todesstrafe für die Guillotine“: Titelseite von Libération anlässlich der Parlamentsdebatte über die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich. Es handelt sich dabei um ein vom damaligen Justizminister Robert Badinter verfolgtes und schließlich -auch gegen erhebliche Bedenken in der öffentlichen Meinung- erfolgreich durchgesetztes Projekt. Dass der Anfang 2024 verstorbene Badinter 2025 ins Pantheon aufgenommen werden soll, ist wesentlich auch dieser Initiative zu verdanken.
Dezember 1981
1982 Paris, La Goutte d’Or (Martine Barrat)
Martine Barrat schreibt zu diesem Foto: „Als Aicha Guerma hier gesprungen ist, hatte ich große Angst. Sie sagte mir, sie wolle fliegen. Und danach: Ich wäre gerne ein Schmetterling. 1982 lebte die Familie Guerma in einem Häuschen von 22 Quadratmetern mit ihren sieben Kindern im Goutte d’Or. Herr Guerma verließ um 6 Uhr morgens das Haus und kam spät in der Nacht zurück. Er arbeitete als Spülhilfe in einem Restaurant. Eine größere Wohnung konnte er nicht finden.“
10. Februar 1985, Saint-Ouen (Jean-Claude Coutausse)
Das Foto zeigt den Vorsitzenden der KPF, Georges Marchais, beim 25. Kongress der Partei. Jean-Claude Coutausse zu diesem Foto: „Ein Foto für die Agence France press (AFP) zu machen, für die ich damals arbeitete, bedeutete, ein gefälliges Foto für Jedermann zu machen, und das nahm man in Kauf. Bei Libé war das ganz anders. Sie lassen dir eine ungeheure Freiheit des Ausdrucks, um dich an einen dir bekannten Leserkreis zu wenden. Das machte Bilder möglich, die aus dem üblichen Rahmen fallen. So wie dieses Foto von Marchais, von dem man nur die Augenbrauen sieht.“
11. November 1989, West-Berlin, Fall der Mauer (Raymond Depardon)
Raymond Depardon zu diesem Bild: „Einen Tag nach dem Fall der Mauer hat mich Libération nach Berlin geschickt. Ich habe schnell dieses Foto (rechts unten W.J.) gemacht, das Libé als erste Zeitung veröffentlicht hat. Es gab noch nicht viele ausländischen Fotografen, sie hatten noch nicht genug Zeit gehabt zu kommen. Ich konnte kein Deutsch. Manchmal hatte ich den Eindruck, in einem science-fiction-Film zu sein. Vielleicht war ich weniger sentimental als die deutschen Fotografen. … Man fühlte, dass man einen historischen Augenblick erlebte.“
Tod von Marlene Dietrich Mai 1992
L’ange passe nimmt Bezug auf die Rolle Marlene Dietrichs in dem Film „Der blaue Engel“, der Verfilmung von Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Un ange passe bezeichnet im Französischen aber auch einen Moment der Stille in einem Gespräch: Ein wunderschönes Foto mit einem dazu passenden Wort…
November 1992 (Alexis Cordessis)
Alexis Cordesse zu diesem Bild: „Laurent war gerade 18 Jahre alt, als er erfuhr, dass er AIDS hatte. Schwer erkrankt konnte er nicht mehr arbeiten und allein leben und kehrte zu seinen Eltern zurück. Ich habe über die letzten drei Wochen vor seinem Tod im Alter von 22 Jahren eine Reportage gemacht. Er wollte ein letztes Mal das Meer sehen, zusammen mit seinen Nächsten, die einverstanden waren, dass ich sie begleite.“
1995 Grozny. (Laurent van der Stockt)
Dieses Bild wurde aufgenommen während des Tschetschenien-Krieges. Dazu Laurent van der Stockt:
„Dieses Foto entstand im Keller des Parlaments-Gebäudes, das bis zu seiner Zerstörung durch russische Bomben von tschetschenischen Kämpfern verteidigt wurde. Es sind russische Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren. Sie wussten nicht, wo sie waren. Sie hatten keine Ahnung, wo Tschetschenien liegt. Sie waren nur kleine Räder in einer riesigen Maschine, die über sie hinweg ging: Kanonenfutter.“
26.11.1997 Tod der Sängerin Barbara
Meine schönste Liebesgeschichte, das seid ihr…
13.7.1998 (Charles Platiau)
„La vie en bleu“ : Am 12. Juli 1998 besiegte die französische Fußball-Nationalmannschaft Brasilien mit 3:0 und wurde damit Fußballweltmeister. Der Spieler auf dem Titelbild ist Didier Deschamps, der Kapitän der Weltmeistermannschaft und spätere Trainer des französischen Nationalteams.
Oktober 1998 (Richard Dumas): Godard dans l’œil de Libé
Der Regisseur Jean-Luc Godard kurz vor einem Interview mit Libération. In einem Raum der Redaktion, rue Béranger, gab es ein großes rundes Fenster mit Blick auf „tout Paris“. Das ist „das Auge von Libération“, l‘œil de Libé.
22.4.2002 (Antonio Ribeiro)
NON mit dem Portrait von Jean-Marie Le Pen. Der hatte im ersten Wahlgang für die französische Präsidentschaft den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin knapp überflügelt. Damit hatte zum ersten Mal ein rechtsradikaler Politiker die entscheidende Stichwahl (gegen Jacques Chirac) erreicht.
29.4.2002 Paris, Place de la Nation (Guillaume Herbaut)
Guillaume Herbaut zu dem Foto: „Place de la Nation zwischen den beiden Wahlgängen der Präsidentschaftswahl. Als ich dieses Foto machte, habe ich zwei Bilder gesehen: la Liberté guidant le peuple von Delacroix und le Radeau de la Méduse von Géricault. Die Darstellung der Republik kurz vor dem Untergang, und wir klammen uns an dem Floß fest. Das Foto erschien auf der Titelseite der Ausgabe zum 1. Mai mit der Aufschrift „Marchons“. Ich habe es auf den Demonstrationszügen gesehen.“
Um einen Sieg Le Pens zu verhindern, stimmten im zweiten Wahlgang auch viele linke Wähler für Chirac: So wurde er mit 82,21 % der Stimmen in eine zweite Amtszeit gewählt. Wenn bei den nächsten Präsidentschaftswahlen die Tochter Jean-Marie Le Pens, Marine Le Pen, wieder im zweiten Wahlgang vertreten sein sollte, was zu erwarten ist, wird man kaum wieder mit einer solchen republikanischen Abwehrfront rechnen können…
2003 Das bombardierte Irak (Bruno Stevens)
Bruno Stevens zu dem Foto: „Ich war zum ersten Mal im Oktober 2002 im Irak, dann wieder Ende Januar 2003 während des Krieges und bin bis Ende Mai dort geblieben. …Dieses Foto habe ich an einem Nachmittag in Bagdad aufgenommen, auf einer Straße, die ein sehr armes und schiitisches Stadtviertel von den anderen Stadtteilen trennt. Ein starkes Bombardement hatte etwa 20 zivile Opfer verursacht. Auf etwa 200 Metern gab es Schäden. Der Himmel war bedeckt wie bei einem Sandsturm. Eine Frau stand unter Schock. Ihr Bruder war gerade getötet worden. Zehn Jahre später, 2013, bin ich nach Bagdad zurückgekehrt und habe genau diesen Ort wieder aufgesucht. Ich wollte wissen, wie der Krieg das Leben der von mir fotografierten Menschen verändert hatte. Ich habe auch den Besitzer des zerstörten Geschäfts getroffen, den man auf dem Foto hinter seinem Auto sieht. Er war überhaupt nicht zufrieden mich zu sehen, der ich aus dem Westen kam. Der Krieg hatte sein Haus zerstört, vielleicht sein Leben.“
Allerdings hatte sich Frankreich (wie auch Deutschland) damals geweigert, an dem Krieg teilzunehmen, der auf der Grundlage bewusster Falschinformationen von den USA betrieben wurde.
Oktober 2006: Evacuation du squat de Cachan (Diane Grimonet)
Dazu Diane Grimonet: „Das war damals die größte Hausbesetzung von Frankreich. Etwa 700 Männer, Frauen, Alleinstehende und Familien, wohnsitzlos oder ohne Aufenthaltsgenehmigung (sans-papiers), lebten seit 2003 in einem ehemaligen Studentenwohnheim von Cachan. Seit Anfang August 2006 wurden sie von dort vertrieben.“
14. Juni 2011
2011 feierte der französische Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier sein 35-jähriges berufliches Jubiläum: 1976 hatte er seine erste eigene Kollektion vorgestellt. Zum Anlass seines Jubiläums wurde Gaultier von Libération eingeladen, um dort einige Tage als Modejournalist zu arbeiten. Dabei entstand eine ausgefallene Idee, wie sie wohl auch nur dort entstehen kann: Gaultier stattete nämlich einige Mitarbeiter/innen mit Kleidern aus, die aus Zeitungsseiten von Libération angefertigt waren… : Habiller des Libé en Libé dans Libé.
11. September 2011
10. Januar 2015, Place de la République: Je suis Charlie (Johann Rousselot)
Große Solidaritätsdemonstration nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die Terroristen drangen mit Sturmgewehren in die Räume der Redaktion ein, in denen gerade eine Konferenz stattfand. 12 Menschen wurden erschossen, 11 verletzt.
7. Juni 2015 Insel Kos: Der Tourist und die Migranten (Oliver Jobard)
Oliver Jobard: „Ich war auf der Insel, um eine syrische Familie bei ihrer Ankunft in Griechenland zu begleiten. Aber die Insel Kos ist ziemlich groß und die Boote kamen nicht immer an der gleichen Stelle an. An diesem Tag war ich an einem sehr touristischen Ort mit Liegen und Sonnenschirmen. Es war früh am Morgen und ein einziger Tourist badete gerade. Als das Boot sich näherte, bekam er Angst und entfernte sich. Es waren Syrer in dem Boot. Kaum waren sie an Land, streckten sie sich auf den Liegen aus, erschöpft von ihrer Fahrt.“
Dazu Boby, der Fotograf: „Ich habe noch niemals so viel Zerstörung gesehen. Und auch nie so viele verschiedene Leute, die sich da zusammengetan hatten: Junge, Alte, man sah, dass das für manche noch ganz ungewohnt war: Sie bewarfen die Polizisten mit Steinen, ohne Helme. Ein Familienvater nahm eine Absperrung und schrie: Vorwärts Leute, wie im Mittelalter. Die Gelbwesten hatten die rond-points (Kreisel) verlassen und die Champs-Élysées gestürmt.“
22. Februar 2019 Place de la République: Greta (Lucile Boiron)
Greta Thunberg auf einer Klima-Demonstration von Schülern und Studenten auf der Place de la République in Paris
15. April 2019: „Notre drame“ (Stephane Lagoutte)
Stephane Lagoutte zu dem Foto: „Ich habe mich, wie die Menge, zuerst an das Geländer der Brücke gedrängt, um die brennende Kathedrale zu fotografieren. Als es Nacht wurde, habe ich diese beiden auf dem Trottoir sitzenden Personen gesehen, mit dem Rücken zum Feuer. Ich habe gehofft, die beiden Szenen in einem Bild zu verbinden. Dieses Foto, das am nächsten Tag in Libération veröffentlicht wurde, ging viral. Zwei Jahre später erfuhr ich die Geschichte der beiden. Damals waren sie befreundet. Und genau zu diesem Zeitpunkt haben sie sich zum ersten Mal umarmt. Als Freunde dieses Foto sahen, dachten sie, die beiden wären ein Paar. Aber das kam erst danach. Sie hatten das Foto im musée Carnavalet gesehen, das einen Abzug gekauft hatte. Sie haben mich zu ihrer Hochzeit eingeladen, vier Jahre nach dem Brand von Notre-Dame.“
29. März 2020 Paris (Frédéric Stucin)
Stucin hat während der rigiden französischen Covid- Ausgangssperre Fotos vom menschenleeren Paris gemacht: keine touristischen Orte, sondern Fotos seiner vertrauten, nun geradezu surrealen Umgebung.
2. März 2022 Ukraine (Rafael Yaghobzadeh)
Rafael Yaghobzadeh: Das Foto wurde aufgenommen in Butscha am 2. Mai, einen Tag bevor die Russen die Stadt einnahmen und vor den russischen Massakern. Das junge Mädchen steht mitten auf der völlig verbrannten Straße. Es ist die Bahnhofstraße, die Hauptverkehrsader der Stadt. … Nach der Befreiung der Stadt und der Entdeckung der russischen Massaker bin ich nach Butscha zurückgekehrt. Ich konnte das junge Mädchen nicht finden, um ihr das Foto zu zeigen, das auf der ersten Seite von Libération abgedruckt wurde.
26. Juli 2022: Macrons olympische Bewährungsprobe
26. September 2022: Frau, Leben, Freiheit
„Trotz der Repression lässt die Mobilisation im Iran nicht nach. Und das, was am Anfang eine Bewegung für die Rechte der Frauen war, wird zu einem Aufstand gegen das Regime.“
11. Dezember 2023: Immigration; das Frankreich, das hilft
Anlässlich der heftigen, teilweise von extremer Xenophobie geprägten Debatten um ein neues Einwanderungsgesetz, das an diesem Tag in der Nationalversammlung behandelt wird, macht Libération seinen Aufmacher mit dem Frankreich, das den exilés à la rue, den auf der Straße lebenden Flüchtlingen, hilft“ – ob in Schulen, Vereinen, Sporthallen, Wohnungen….
21. Februar 2024: Missak und Mélinée Manouchian werden ins Pantheon aufgenommen
Der Armenier Missak Manouchian wurde am 21. Februar 2024 mit seiner Frau Mélinée ins Pantheon aufgenommen, die höchste Ehre, die Frankreich zu vergeben hat. Manouchian war im Zweiten Weltkrieg Leiter einer Gruppe von ausländischen Widerstandskämpfern gegen die deutschen Besatzer. Er ist der erste Ausländer und Kommunist im Pantheon. „La France enfin reconnaissante“ – (das endlich dankbare Frankreich) bezieht sich auf die Inschrift auf dem Portikus des Pantheons: la patrie reconnaissante. Das enfin drückt aus, dass es endlich Zeit sei für die Anerkennung des Engagements der ausländischen Widerstandskämpfer.
[3] Später hat Libération durchaus auch die Schattenseiten von Sartre thematisiert. Siehe die Buchbesprechung des damaligen Chefredakteurs Laurent Joffrin über die Auseinandersetzung zwischen Sartre und Camus: https://www.liberation.fr/debats/2019/04/23/albert-camus-a-la-une_1722938/ Vielen Dank, Herr Schläger, für diesen Hinweis.
Anfang März 2024 präsentierte das Organisationskomitee das offizielle Plakat für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2024 in Paris.
Im März wurden die beiden Hälften des Plakats -jeweils kurz und alternierend mit anderer Werbung- auf Plakatwänden der Stadt präsentiert.
Die linke Seite bezieht sich auf die Olympischen Spiele (26. Juli bis 11. August), die rechte -hier gerade auf der Plakatwand zu sehen- auf die Paralympischen Spiele (28. August bis 8. September). Es handelt sich um eine „poetisch-futuristische Darstellung“ (Libération) mit etwa 40 000 Figuren und 47 Wettbewerben, also, ganz anders als die bisherigen offiziellen Olympiaplakate, um ein echtes Wimmelbild.[1]
Unschwer zu erkennen ist das olympische Logo, und zwar gleich zweimal: auf der linken, olympischen, wie auf der rechten, paralympischen Seite.
Ganz deutlich in der Mitte des Plakats ist auch das olympische Maskottchen zu erkennen.
Es heißt Phryge, in Anlehnung an die phrygischen Mützen aus der Zeit der Französischen Revolution, denen das Maskottchen nachempfunden ist. Die phrygische Mütze gehört zu den Symbolen der Französischen Republik, auch Marianne trägt eine. So sollen Name und Design des blau-weiß-roten Maskottchens mit seinen Sportschuhen das sportbegeisterte Frankreich und seine Spiele repräsentieren.[2]
Das rote Maskottchen ist passender Weise über dem Obelisken auf der place de la Concorde positioniert, wo der letzte französische König Ludwig XVI. und seine Frau Marie-Antoinette guillotiniert wurden… Soll das an die Köpfe enthaupteter tatsächlicher oder angeblicher Feinde der Republik erinnern, die während der Französischen Revolution auf Piken aufgespießt und triumphierend durch die Straßen getragen wurden? Wohl kaum! Das würde doch nicht zu dem unbeschwerten olympischen Jahrmarktstreiben des Plakats passen. Honni soit, qui mal y pense… Auf der place de la Concorde ist eine große Zuschauertribüne aufgebaut: Auf dem Platz werden ja mehrere neue olympische Straßensportarten ausgetragen: Breakdance, BMX, Skateboard, 3×3-Basketball
Die olympische Flamme selbst fehlt noch auf dem Plakat. Denn wo die nach dem Fackellauf durch Frankreich letztendlich aufgestellt werden soll, ist noch nicht bekannt. Thomas Bach, der Präsident des IOC, hat in einem Interview mit Le Monde (19.3.2024) versichert, es werde sich um einen würdigen und bedeutsamen Platz handeln, aber den wolle/könne er noch nicht verraten. Also ist auf dem Plakat nur eine noch nicht erleuchtete Fackel zu sehen. Sie ist im Hafen von Marseille postiert, wo sie am 8. Mai ankommen und dann einen Parcours durch ganz Frankreich bis nach Paris absolvieren wird.
Über den Hafen und die Fackel fliegt die Patrouille Frankreichs – hier allerdings nur mit 8 statt der obligatorischen 9 Flugzeuge. Es gehört zur Tradtion des französischen Nationalfeiertags, dass am 14. Juli diese Formation die Champs-Élysées überfliegt, die französischen Nationalfarben hinter sich hierziehend. Die gibt es allerdings hier nicht. (Dazu später mehr).
Neben dem Obelisken sind auch andere prominente Bauwerke und Wahrzeichen von Paris zu sehen: Natürlich der Eiffelturm, inmitten des Karussell-ähnlichen Stade de France, des Olympiastadions….
…. darüber der Trocadero-Platz, auf dem die Eröffnungszeremonie der Spiele enden wird.
Mitten auf dem Platz eine hochgereckte Hand mit den olympischen Medaillen.
Rechts oben der Arc de Triomphe, auf dem gerade im Rahmen der paralympischen Spiele ein Tennisspiel von Rollstuhlfahrern stattfindet und durch den gerade ein Metro-Zug fährt…
… rechts unten das in den letzten Jahren für die Olympischen Spiele aufwändig restaurierte Grand Palais…
Links unten der (ebenfalls frei gestaltete) pont Alexandre III., an dem -coûte que coûte- die Freiwasser-Schwimmwettbewerbe starten sollen und das Triathlon-Schwimmen. Einen Plan B bei zu großer Wasserverschmutzung gibt es jedenfalls nicht ..[3] Auch Ruderboote sind hier zu sehen– obwohl die Ruderwettbewerbe natürlich nicht auf der Seine ausgetragen werden, sondern im Stade nautique von Vaires-sur-Marne. Der pont Alexandre ist übrigens voll mit Menschen, konkret Läufern. Das ist ein Hinweis auf den für den 10. August geplanten Volksmarathon, der genau auf dem Kurs des olympischen Marathons stattfinden wird.[4]
…. links oben der Invalidendom (zu dem später mehr): Also eine kleine Auswahl illustrer Pariser Sehenswürdigkeiten.
Aber es gibt auch kleine, wenn auch kaum weniger bedeutende Sehenswürdigkeiten auf dem Plakat. So links unterhalb des Grand Palais einen der vielen grünen Wallace-Brunnen, die in Paris seit den 1870-er Jahren kostenloses Trinkwasser spenden. Auf dem Plakat ist er allerdings überdimensioniert, damit man ihn auf dem Wimmelbild überhaupt wahrnehmen kann.
Dazu sind 47 olympische und paralympische Sportarten berücksichtigt worden. Hier eine kleine Auswahl:
Das Klettern
Die Reitwettbewerbe. Die finden im Schlosspark von Versailles statt, der hier durch die charakteristische Parterre-Gestaltung entsprechend angedeutet ist.
Fußball und zwei Fechter im Rollstuhl auf dem Dach des Grand Palais. Die Fechtwettbewerbe der Olympiade werden zwar nicht auf, aber unter der Kuppel dort ausgetragen.
Boxer und Volleyball unter bzw. neben dem Eiffelturm. Der Ring der Boxer hängt übrigens an Seilen in der Luft, vermutlich ein Hinweis auf die Seile, die den Boxring umgeben.[5]
Auf dem Dach der Metro, die gerade unter dem Arc de Triomphe durchfährt, findet ein Judo-Wettkampf statt. Der Ort passt sehr gut, weil diese Disziplin für Frankreich sehr medaillenträchtig ist…
Die Surfwettbewerbe finden in Tahiti statt, wo es eine „der schönsten und besten Wellen der Welt“ gibt, die hier eindrucksvoll anrollt.[6]
Entworfen hat das Plakat Ugo Gattoni, der seinen Namen, begleitet von einem Maskottchen, auf einer Aussichtsplattform über dem bunten olympischen Jahrmarktstreiben platziert hat. Getragen wird die Plattform übrigens von einer an ihrer phrygischen Mütze erkennbaren Marianne, dem Symbol Frankreichs.[7]
Bekannt geworden ist Gattoni durch seine quadratischen, seidenen und sehr teuren Hermès-Tücher (les carrés d’Hermès) wie zum Beispiel das Tuch Hippopolis, auf dem auch das Hermès-Logo abgebildet ist.
Gattoni hat seine Arbeiten so beschrieben: „ziemlich realistische Darstellungen in einem surrealistischen Universum“. Das gilt für die Hermès-Tücher und auch für das Olympiaplakat. Und immer sind die Darstellungen so vielfältig, dass der Betrachter zum Promenieren und Erkunden eingeladen wird. [8] Das Olympia-Plakat mit seinen Pariser Sehenswürdigkeiten und 47 Sportarten bietet sich geradezu für ein Suchspiel an. Darauf wurde anlässlich seiner Präsentation denn auch öfters hingewiesen. Das Stichwort dazu: Où est Charly? (deutsche Version: Wo ist Walter?)[9] Das ist eine Serie von Heften mit Wimmelbildern, auf denen jeweils ein Weltenbummler namens Charlie/Walter gefunden werden muss. Auf dem Olympia-Plakat wird man den allerdings nicht finden. Aber auf die Suche nach den über das Plakat verteilten acht Maskottchen kann man durchaus gehen. Und für das Suchspiel Ich seh‘ etwas, was du nicht siehst eignet sich das Plakat ebenfalls- jedenfalls in seiner Version als Poster – die beiden Teile zu je 29 Euro…. Eine farblose Version zum Ausmalen ist auch im Angebot, und ein -vielfach angeregtes- Puzzle wird es sicherlich bald geben.
Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde das Plakat im Musée d’Orsay. Die Botschaft: Es handelt sich um ein Kunstwerk, das entsprechend eingeordnet werden soll: Der hochrenommierte Sender France-Culture hat denn auch Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel den Älteren als ästhetische Ahnherren des Plakats ausgemacht….[10]
Pieter Bruegel hat ja ein wunderbares Wimmelbild zum Thema Kinderspiele gemalt. Und das hat vielleicht die Zeitschrift Marianne zu folgender satirischer „Richtigstellung“ veranlasst. Danach handelt es sich bei dem verbreiteten Plakat um eine mit künstlicher Intelligenz erstellte Fälschung, die „ein Neffe von Anne Hidalgo beim Spielen mit seinem PC erstellt hatte (…) Um die Software zu starten, gab der Teenager folgende Begriffe ein: „Paris“ / „Olympische Spiele“ / „viel Rosa“ / „Walt Disney“ / „Vergnügungspark“ / „voll inklusiv“ / „wo ist Charlie“ / und schließlich „meiner Tante gefallen“ sowie „dem chinesischen Publikum gefallen“. 42 Sekunden später erhielt der Junge diese schillernde, aber dennoch sehr unterhaltsame virtuelle Kreation, die er über eine Whatsapp-Schleife mit seinen Schulkameraden teilte. Das gefälschte Poster hätte diese private Schleife nie verlassen dürfen, aber durch ein schreckliches Missverständnis konnte es sich unkontrolliert verbreiten.“ [11]
Das Olympiaplakat: Ein Skandal!?
Allerdings gab es auch ganz heftige Reaktionen: „Scandaleux“ urteilte Éric Ciotti, der Vorsitzende der konservativen Republikaner (Les Républicains). Nach Auffassung des Spitzenkandidaten der Partei für die Europawahlen François-Xavier Bellamy werden durch das Plakat Frankreich und seine Geschichte ausgelöscht, seine Wurzeln zerstört. Ins selbe Horn bliesen auch die Vertreter der rechtsradikalen Parteien: Es sei unverzeihlich, „unsere Identität“ unsichtbar zu machen, so einer Vertreter des rechten/rechtsextremen Rassemblement National (RN), und die Spitzenkandidatin der ultrarechten Gruppe Reconquête, Marion Maréchal, ging sogar so weit, den Sinn der Olympischen Spiele in Frankreich anzuzweifeln, wenn sie nur dazu da seien, zu verbergen „was wir sind“.[12]
Was ist es, dass Politiker von rechts und ganz rechts so in Aufruhr versetzt hat? Es ist vor allem ein kleines fehlendes Kreuz auf der Spitze des Invalidendoms:
Le Figaro 5.3.2025
Dazu Éric Ciotti: Die Kuppel des Invalidendoms sei doch nicht die eines Supermarkts, sondern einer Kapelle. Indem das Kreuz von seiner Spitze entfernt werde, leugne das offizielle Plakat der Olympischen Spiele die Identität dieses Bauwerks sowie die französische Geschichte. Das sei „scandaleux!“[13]
François-Xavier Bellamy: Sie -also wohl Ugo Gattoni und die Verantwortlichen des Organisationskomittes- seien bereit, die Realität zu verbiegen und damit Frankreich und seine Geschichte zu verleugnen. Wie könne man vorgeben, ein Land zu lieben, wenn man seine Wurzeln zerstöre?[14]
Und Gipfel der nationalen Verleugnung und des Skandals: Auf dem ganzen Plakat fehle ausgerechnet die Tricolore, die Nationalfahne.
Da sehnen sich manche wohl zurück nach 1924 und dem damaligen Plakat, als Frankreich im Vollgefühl des Sieges im Ersten Weltkrieg stolz seine Fahne und die in Reih und Glied aufmarschierenden olympischen Helden präsentierte.
Im Gegensatz allerdings zu dem, was in manchen Presseartikeln und in den sozialen Medien verbreitet wurde, hat das IOC keinerlei Vorgaben für das offizielle Olympiaplakat gemacht. Pflicht ist lediglich, dass das offizielle Logo, die Jahreszahl und Ort und Nummer der Olympiade angeben sein müssen. Ansonsten haben das jeweilige Organisationskomitee freie Hand. Und Ugo Gattoni betonte ja ausdrücklich, er habe etwas Episches, Grandioses und Festliches schaffen und nicht die Realität 1 zu 1 wiedergeben wollen.[15] Und da war Gattoni ja auch sonst im Umgang mit den sogenannten heiligsten Gütern der Nation großzügig: Da fährt ja eine Metro nicht nur durch den Arc de Triomphe, sondern damit auch über die Flamme des unbekannten Soldaten, eine Weihestätte der Republik- wobei da merkwürdigerweise der Aufschrei ausblieb…
Und was die Fahne angeht: Es gibt zwar keine offizielle Regel, aber eine Tradition, keine Landesfahne auf dem offiziellen Olympiaplakat abzubilden. Selbst Hitlerdeutschland hatte 1936 darauf verzichtet, das Hakenkreuz auf dem Plakat der Spiele von 1936 in Berlin zu platzieren. Und das Organisationskomitee für die Pariser Spiele konnte immerhin darauf hinweisen, dass der Dreiklang bleu-blanc-rouge der Tricolore durchaus im Plakat vertreten sei- beispielsweise auf der Cocarde der Maskottchen oder auf den Flugzeugen der Patrouille de France.
Und macht man sich auf die Suche, wird man auch an anderen Stellen die Farben der Tricolore finden…
Außerdem sei als nationales Symbol Marianne auf dem Plakat abgebildet.
Auf der von Marianne getragenen Aussichtsplattform sieht man übrigens ein internatonales Publikum, das wohlwollend und begeistert von oben auf das bunte olympische Treiben herabblickt. Die Dame hält in ihrer Hand einen Ball, vermutlich die Weltkugel symbolisierend, auf dem ein Vogel sitzt; vielleicht eine Friedenstaube: Die Olmpischen Spiele als Veranstaltung des Friedens für die ganze Welt – schön wärs….
Die Kehrseite der Medaille
Dass da alles friedlich-freundlich zugeht und das Fest durch keine Dissonanzen getrübt wird, ist bei einem olympischen Plakat nicht anders zu erwarten und sollte auch kein Kritikpunkt sein.
Dass es aber durchaus eine Fülle von möglichen Problemen rund um die Olympischen Spiele gibt, wird immer deutlicher, je näher sie kommen: Das betrifft vor allem, angesichts eines schon in Normalzeiten völlig überlasteten und teilweise maroden öffentlichen Nahverkehrs, die Bewältigung eines Massenansturms von Olympia-Gästen, und es betrifft die Frage, wie man die Sicherheit der Spiele garantieren kann: ein Problem, das gerade nach dem blutigen IS-Anschlag bei Moskau noch einmal mehr ins öffentliche Bewusstein geraten ist.
Und dann gibt es auch noch den Wunsch der Verantwortlichen, das frohe Fest nicht durch unangenehme Bilder von aufdringlichen Bettlern, heruntergekommenen Obdachlosen, Drogenabhängigen oder an den Seineufern oder in Parkanlagen kampierenden Flüchtlingen zu stören. Diesen Wunsch -und daraus folgende entsprechende Maßnahmen- gab es auch schon bei anderen Olympischen Spielen- Paris macht da keine Ausnahme. Und die Tendenz, das strahende Bild der ville lumière nicht von am Rand der Gesellschaft -aber nicht immer am Rand der Stadt- Lebenden verdunkeln zu lassen, gibt es ja schon seit den Zeiten des Barons Haussmann.
Die Zeitung Libération hat am 22. März den Unerwünschten (Les Indésirables) der Olympischen Spiele einen mehrseitigen Aufmacher gewidmet. Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne legalen Aufenthaltsstatus (sans-papiers), Prostituierte (travailleurs du sexe– sic!) seien schon teilweise aus Paris entfernt worden, andere unter verstärkter polizeilicher Überwachung. Es gäbe zahlreiche Opfer der von manchen Organisationen so bezeichneten «sozialen Säuberung» (nettoyage sociale).
„Paris verbirgt sein Elend“ (Libération 22.März 2024)
In ihrem Leitartikel schreibt Libération dazu: „Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass vier Monate vor der Eröffnungszeremonie angestrebt wird, alle diejenigen aus Paris und der Region Île-de-France zu entfernen, für die die Straße die letzte Zuflucht ist. Und das sind in diesen Zeiten der Kriege und der wirtschaftlichen Probleme viele. Das führt zu verzweifelten Situationen wie bei der kürzlichen Auflösung des Lagers von Minderjährigen am Ufer der Seine.“[16] Verzweifelte Situationen auch deshalb, weil es bei vergleichbaren Räumungsaktionen 2023 für die Betroffenen keine längerfristigen alternativen Angebote gab.[17]
Die katholische Hilfsorganisation Secours Catholique de Paris beklagt deshalb, dass der Anspruch der Olympia-Organisatoren, solidarischere, ökologischere und inklusivere Spiele als bisher abzuhalten, nicht eingehalten werde. Die Olympiade werde jedenfalls nicht wie versprochen ein Fest für alle sein.
Es gäbe nämlich noch die vielen „Vergessenen des Festes“, über deren Situation die Organisation eine Informationsbroschüre veröffentlicht hat.[18]
Auch die FAZ hat sich in ihrer Ausgabe vom 27. März des Themas angenommen. Die Paris-Korrespondentin Michaela Wiegel schreibt unter der Überschrift „Die Migranten, die Paris vor Olympia verlassen müssen“:
„Die Regierung hat die Vorstellung zurückgewiesen, dass die Räumungs- und Verlegungsoffensive in Paris im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen steht. Vielmehr würden die Migranten im Namen der nationalen Solidarität in andere Regionen geschleust. (…) Die Hauptstadtregion betreue bereits durchschnittlich 120.000 Menschen in Notunterkünften. Dabei reichen die öffentlichen Aufnahmezentren bei Weitem nicht aus, deshalb werden Hotels zur Unterbringung herangezogen. Doch viele Hotels haben rechtzeitig vor den Olympischen Spielen Eigenbedarf angemeldet. Sie wollen ihre Zimmer lieber lukrativer an Olympia-Besucher vermieten.
Hilfsorganisationen beklagen das Vorgehen der Behörden. Sportlern und Besuchern aus aller Welt solle im Olympia-Sommer ein makelloses Stadtbild vorgeführt werden. ‚Olympia ist ein wunderschöner Lack, der die Armut verbirgt‘, sagte Paul Alauzy für das Aktionsbündnis Die Kehrseite der Medaille.“ (Le Revers de la médaille).
Dies ist ein Zusammenschluss von etwa 80 Hilfsorganisationen, die im Vorfeld der Olympischen Spiele auf die „Vergessenen des Fests“ aufmerksam machen und eine nettoyage sociale verhindern wollen.[19] Zum Beispiel durch Aktionen wie Anfang Februar.
Da wurden u.a. die Worte Olympische Spiele : „Man ist nicht fertig“ auf den Arc de Triomphe projiziert.[20]
Die Plakate, die dabei hochgehalten wurden, interpretieren auf sarkastische Weise den olympischen Slogan Citius, altius, fortius, communiter. Plus vite, plus haut, plus fort, ensemble. Schneller, höher, stärker, gemeinsam.
Schneller um die notleidende Bevölkerung aus der Île-de-France zu entfernen. Foto: Frauke Jöckel. Seineufer. März 2024
„Um alle Nationen hier zu empfangen, mussten alle ausgeschlossen werden, die schon da waren.“
Auch an berühmten Pariser Sehenswürdigkeiten wurden von dem Kollektiv Plakate aufgehangen. „Olympische Spiele 2024: Offene Grenzen für die Reichen, soziale Säuberung für die Armen“, steht darauf.[21]
„Höher bei der Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen ohne offiziellen Aufenthalts-Status“. Foto: Frauke Jöckel
Auf dem olympische Plakat Gattonis gibt es ebenfalls den olympischen Slogan citius, altius,fortius, communiter, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen: auf dem Sprungbrett, auf dem ein junger Mann mit einer Taube auf einem ausgestreckten Arm dabei ist, sich in das olympische Gewimmel zu stürzen. (Rechts oben übrigens der grüne Wallace-Brunnen)
Es ist zu hoffen, dass die Pariser Olympiade die fröhlichen, bunten und friedlichen Spiele bieten kann, die das Plakat verheißt. Und vielleicht kann der öffentliche Druck doch dazu beitragen, dass die Situation der oubliés de la fête stärker ins Bewusstsein der Verantwortlichen rückt und schließlich zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen beiträgt. Immerhin lässt es sich Frankreich einiges kosten, damit während der olympischen Spiele sozial eitel Sonnenschein herrscht: Die öffentlich Bediensteten erhalten zum Beispiel besondere Olympia-Prämien: Nicht auszudenken, wenn etwa die Bediensteten der Nahverkehrsgesellschaft RATP während der Spiele die Arbeit niederlegten. Aber auch ein eklatanter Widerspruch zwischen dem Anspruch solidarischer, ökologischer und inklusiver Spiele und einer „sozialen Säuberung“ würde einen dunklen Schatten auf die Spiele werfen.
Gesamtansicht des Plakats: https://medias.paris2024.org/uploads/2024/02/Paris2024-Contenus-Affiche_Officielle-2.jpg Die nachfolgenden Detailbilder des Plakats sind teilweise Ausschnitte aus dieser Internet-Seite oder es sind Aufnahmen, die ich mit einiger Mühe an den den Plakatwänden gemacht habe. Deshalb zum Beispiel auch die Spiegelung umliegender Gebäude bei dem Foto mit der olympischen Fackel.
Selbst flüchtige Paris-Besucher kennen es: Das imposante Reiterstandbild des französischen Königs Heinrich IV. Auf einem hohen Sockel und mitten auf dem Pont Neuf postiert, ist es kaum zu übersehen. Man kommt daran vorbei, wenn man auf der Brücke die Seine überquert oder wenn man eine Seinerundfahrt auf einer der Vedettes du Pont Neuf unternimmt. Denn vom Denkmal aus führen Treppen hinunter zur Anlegestelle und außerdem zur Westspitze der Île de la Cité, die gerade bei Sonnenuntergang viele Menschen anzieht. Dort liegt auch ein ebenso beliebter kleiner ruhiger Platz, ein idealer Ort für romantische Sonnenuntergänge. Robert Doisneau hat ihm ein wunderbares Foto gewidmet. Der Platz trägt den Spitznamen des Königs trägt: Square du Vert-Galant. Zur Bewandtnis dieses Spitznamens später mehr.
Foto: Wolf Jöckel
Das Reiterstandbild auf dem Pont Neuf ist das erste eines französischen Königs: und zwar eines ganz außerordentlichen Herrschers und einer ebenso außerordentlichen Persönlichkeit, und es ist ein Reiterstandbild mit einer ganz außergewöhnlichen, spannenden Geschichte,
Wie kein Herrscher vor ihm hat Henri Quatre, wie Heinrich IV. in Frankreich genannt wird, Paris mit seinen Bauten und Planungen hauptstädtischen Glanz verleihen und die Stadt aus ihrer mittelalterlichen Enge herauszuführen versucht. Das wohl markanteste dem König zu verdankende Bauwerk ist der Pont Neuf, auf dem die Reiterstatue postiert ist.
Henri Quatre, der erste König des Bourbonen-Geschlechts (1589 bis 1610), ist bis heute in Frankreich populär. Demoskopen haben herausgefunden, dass er nach Napoleon und Ludwig XIV. den dritten Platz auf der Herrscher-Bekanntheitsskala der Franzosen einnimmt. Und gerade den Vergleich mit Napoleon und Ludwig XIV. braucht Henri Quatre nicht zu scheuen: Während Napoleon, nachdem er Europa mit Krieg überzogen hatte, schmählich auf St. Helena endete, und Ludwig XIV. ein von Kriegen zerrüttetes Frankreich hinterließ, wurde Henri Quatre- zynisch gesprochen- gerade noch so rechtzeitig ermordet, dass auf seinen Glanz kein Schatten fallen konnte. Ein Jahr später hätte er vielleicht als alternder Lüstling dagestanden, der einen europäischen Krieg vom Zaune bricht, um eine vor ihm in Brüssel in Sicherheit gebrachte verheiratete junge Frau, auf die er sein Auge geworfen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes zu erobern.[1]
So aber ist und bleibt er der König des Friedens, „le roi de la paix“, der König des Edikts von Nantes, der König der Toleranz also und der Freiheit des religiösen Bekenntnisses- und damit auch der Ahnherr der für Frankreich typischen Trennung von Staat und Kirche. Er ist und bleibt der König, der Frankreich nach dem grauenhaften Gemetzel der Religionskriege einte und ihm ein wirtschaftlich und finanziell tragfähiges Fundament verlieh, worauf seine Nachfolger –und vor allem dann sein Enkel Ludwig XIV.- aufbauen konnten. Und nicht zuletzt ist und bleibt er der gute König, der jedem Franzosen sein sonntägliches Huhn im Topf versprach.
Die Popularität Henri Quatres ist aber auch ein Ergebnis der Geschichtspolitik. Seine schon von ihm selbst systematisch betriebene Selbstinszenierung und die sofort nach seinem Tod einsetzende Überhöhung als Henri le Grand dienten dazu, die Regentschaft von Maria de Medici, seiner Frau, und die Herrschaft seiner Nachfolger zu festigen.
Auch die vom Wiener Kongress wieder eingesetzten Bourbonen beriefen sich gerne auf Henri Quatre und arbeiteten kräftig an seinem Mythos. Sie waren es ja auch, die die von den Revolutionären – wenn auch nicht ohne schlechtes Gewissen- eingeschmolzene Reiterstatue des Königs auf dem Pont Neuf wieder erneuerten, und zwar, wie der damals noch monarchistische Victor Hugo bemerkte, unter tatkräftiger Mithilfe der Pariser.
Es lohnt sich also, die Reiterstatue und ihre Geschichte etwas näher zu betrachten
Ein Standbild für „Henri le Grand“
1604/1605 bestellte Maria von Medici, die Frau Heinrichs IV., bei dem Florentiner Bildhauer Giambologna (Jean de Bologne) ein Reiterstandbild für ihren Mann. Vorbild war die von Jean de Bologne geschaffene Reiterstatue ihres Großvaters Cosimo I., bei deren Einweihung auf der Piazza della Signoria 1594 sie anwesend war. [2]
Diesem Auftrag kam nach der Ermordung Heinrichs IV. eine ganz besondere Bedeutung zu: Der neue König, Louis XIII, war erst neun Jahre alt; Frankreich, von Kriegen und Hungersnöten erschöpft und zwischen Protestanten und Katholiken gespalten, rang um Konsolidierung. Maria von Medici, die mit breiter Ablehnung konfrontierte Regentin, war bestrebt, die bourbonische Dynastie zu festigen. Die allgemeine Verehrung für den letzten König war dafür ein probates Mittel.
Allerdings konnte die Statue erst am 23. August 1614, also 4 Jahre nach der Ermordung Heinrichs IV., eingeweiht werden. Grund für die Verzögerung war der Tod Jean de Bolognes im Jahr 1608, so dass die Statue erst von seinem Schüler Pietro Tacca fertiggestellt werden konnte. Im Hafen von Livorno wurde sie auf ein Schiff verladen, um nach Frankreich transportiert zu werden. Allerdings kenterte das Schiff an der Küste von Sardinien und nur mit Mühe konnte die Statue gerettet werden und auf einem anderen Schiff die Fahrt nach Le Havre und danach die Seine aufwärts nach Paris fortsetzen.
Währenddessen war genug Zeit, einen geeigneten Platz für die Statue zu finden. Schließlich wählte man als Standort den Pont Neuf: Er gehörte zu den Bauwerken, die Heinrich IV. betrieben hatte und die teilweise in direkter Nachbarschaft lagen wie die place und die rue Dauphine und die große Louvre-Galerie. Vor allem aber gehörte der Pont Neuf schon damals zu den beliebtesten und belebtesten Orten der Stadt: Ein Paradies für Flaneure, Straßenhändler und Straßenmädchen, Marktschreier, Gaukler und Scharlatane, für das Volk jedweden Alters, Geschlechts oder sozialen Rangs. Am Fuß der Statue war gewöhnlich der angestammte Platz der Verkäuferinnen von Obst und Gemüse, die man gerne dames d’Henri IV nannte. Der hätte sicherlich seine Freude an diesem Ort für seine Statue gehabt. Er war hier mitten unter „seinem Volk“.
Auf diesem Ausschnitt aus dem Paris- Plan von Mathias Merian aus dem Jahr 1615 ist der Pont Neuf sehr gut zu erkennen. In seiner Mitte zwischen den beiden Brückenteilen- auf der Südspitze der Île de la Cité und vor der Öffnung zum Dreieck der Place Dauphine- die Statue Heinrichs IV. Links entlang der Seine die Große Galerie, die das Louvre und das Tuilerien-Schloss miteinander verband. Auf der unteren rechten Seite des Plans die Abtei Saint-Germain-des-Prés.
Der König auf seinem Pferd hielt in der rechten Hand einen Kommandostab und trug eine leichte Rüstung à la française. Das ist ein Unterschied zu späteren Reiterstatuen französischer Könige, die im Allgemeinen im römisch-imperialen Stil gekleidet sind, womit der Anspruch absoluter Herrschaft zum Ausdruck gebracht wird.[3] Den universellen Herrschaftsanspruch der französischen Krone symbolisiert allerdings der Sockel des Standbilds, der erst 1635 fertiggestellt wurde [4]. Er war mit Reliefs geschmückt, die die Siege Heinrichs IV. feierten, dazu an den Ecken mit vier Gefangenen, deren Arme auf dem Rücken gefesselt waren und die auf den Trophäen erbeuteter Waffen saßen. Auch hierfür gab es ein aktuelles Vorbild, nämlich das Standbild des Großherzogs Ferdinand I. der Toscana in Livorno, das Pietro Tacca, Vollender des Reiterstandbilds auf dem Pont Neuf, geschaffen hatte. [5]
Die heute im Louvre ausgestellten Gefangenen der Henri Quatre-Statue wurden von einem weiteren Schüler Jean de Bolognes, Franqueville, gestaltet, der noch von Heinrich IV. nach Paris berufen worden war.
Der Fuß eines der Gefangenen, des zweiten von rechts, steht auf dem Panzer einer Schildkröte, er verkörpert Afrika, also den Süden. Der ältere Gefangene mit dem starken Bartwuchs erinnert an die Barbaren der antiken Kunst und verkörpert wohl den Norden und gleichzeitig das Alter.
Fotos der vier Gefangenen: Wolf Jöckel
Der bartlose Gefangene ganz rechts verkörpert dagegen die Jugend: Die Macht des Königtums erstreckt sich also über alle Himmelsrichtungen und Lebensalter. Alle Figuren sind Ausdruck eines „eleganten Manierismus“, den Franqueville aus der Toscana nach Paris importiert hatte.[6]
Das Motiv der vier Gefangenen wurde dann wieder aufgegriffen für die Reiterstatue Ludwigs XIV. auf der place des victoires in Paris. Anlass war der mit dem Frieden von Nimwegen siegreich beendete holländische Krieg des Sonnenkönigs, und die vier Gefangenen repräsentierten die vier besiegten Länder: Der Anspruch universeller Herrschaft war hier, anders als noch bei dem Reiterstandbild Heinrichs IV., ganz konkret, mit brutaler Direktheit und ohne jede „manieristische Eleganz“ zum Ausdruck gebracht.[7]
Henri Quatre, der Vert galant
Ganz und gar unimperial und natürlich war das von Jean de Boulogne gestaltete Portrait Heinrichs IV., das von zeitgenössischen Beobachtern als ausgesprochen lebensnah bezeichnet wurde. Es war ein lächelnder König – einzigartig unter den Darstellungen französischer Herrscher. Dieses für Henri Quatre typische Lächeln wurde als Ausdruck der Volkstümlichkeit, aber auch als das gewinnende Lächeln des Vert galant angesehen.
Abbildung der Reiterstatue Heinrichs IV. aus dem Jahr 1640 (Ausschnitt)[8]
„Vert galant“ war der Spitzname für Henrich IV. – nach dem Wörterbuch von Larousse die literarische Bezeichnung für einen –trotz seines fortgeschrittenen Alters- agilen und unternehmungslustigen Mann, wobei sich die Unternehmungslust eindeutig auf Frauen bezieht.[9] Und an einer solchen amourösen Unternehmungslust hat es dem König nicht gefehlt, wie seine über 50 bekannten Maitressen und sicherlich mindestens ebenso viele unbekannten Liebschaften beweisen. Noch bis ins Alter von 40 Jahren soll Henri Quatre der festen Überzeugung gewesen sein, bei seinem Geschlechtsteil handele es sich um einen Knochen. Aber das ist vielleicht auch Teil der Mythenbildung. Henriette d’Entragues, eine seiner Mätressen, hat ihn immerhin schnippisch „Capitaine bon vouloir“ genannt und vertraute einem seiner ersten Biographen, Tallemant des Réaux, an, Henri habe als Liebhaber keine Bäume ausgerissen (il n’était pourtant pas grand abatteur de bois)[10] Aber vielleicht war dieses Urteil auch nur die Rache dafür, dass Henri sie nicht zur Königin gemacht hat, wie sie es gerne gewollt hätte. Immerhin hatte Henri Quatre –neben dem Thronfolger- mit vier Mätressen 8 Kinder, die legitimiert wurden. Und unumstritten ist, dass er sich in Liebesdingen literarisch verdient gemacht hat. Es gibt sogar eine Sammlung seiner Liebesbriefe, und einer von ihnen, 1586 an seine damalige Geliebte Diane d’Andois geschrieben, gehört sogar -wie kein geringerer als Marcel Proust urteilte- zu den schönsten Texten der französischen Literatur.[11]
Dass ihr König ein Vert galant war, störte seine Untertanen nicht – im Gegenteil: es förderte eher seine Volkstümlichkeit. Um 1600 entstand der Marche de Henri IV, ein Lied, das den König hochleben lässt: Die erste Strophe:
Vive Henri IV. / Vive ce Roi vaillant!
Ce diable à quatreA / le triple talent
De boire et de battre / Et d’être un vert-galant,
(„Es lebe Heinrich IV., / es lebe der wackere König! / Dieser Tausendsassa / hat das dreifache Talent / des Saufens, Fechtens / und eines Lebemanns.“)[12]
Und auch in der Vorstellung der nachfolgenden Generationen ist Henri Quatre vor allem der Vert galant geblieben, was ihn, wie ein Kenner der Materie lakonisch urteilte, „den Franzosen nicht unsympathisch macht“.[13]
Die Revolution reißt die Königsdenkmäler nieder: Selbst der verehrte Henri Quatre muss fallen
Im Zeitalter der Aufklärung genoss Heinrich IV. ein hohes Maß an Verehrung, deren Kristallisationspunkt die Reiterstatue auf dem Pont Neuf war. Voltaire, auch Autor der den König verherrlichenden Henriade, schreibt 1766, während der Krankheit des Dauphins habe man viele Bürger gesehen, die um die Statue wie um einen Altar gekniet und den verstorbenen König wie einen Gott angefleht hätten.[14] 1788, auf dem Höhepunkt der Krise des Ancien Régime, versammelten sich Bürger um die Statue Heinrichs IV., um die Berufung des populären Finanzministers Necker und die Entlassung verhasster Minister zu feiern. Deren Bilder wurden am Fuß der Statue verbrannt.
Auch nach dem Beginn der Revolution erfreuten sich Henri Quatre und seine Reiterstatue weiter großer Beliebtheit. Kurz nach dem Sturm auf die Bastille, im Juli 1789, wurde der neue Bürgermeister von Paris, Bailly, vor dem „cheval de bronze“ gefeiert, so als solle damit die Revolution in die Ahnenreihe des ersten Bourbonenkönigs eingeordnet werden.
Im Juni 1791, nach der versuchten Flucht des Königspaares, wurden Ludwig XVI. und Marie Antoinette zum Ziel heftiger Attacken. Ludwig XVI. wurde als Schwein dargestellt, Marie Antoinette als „louve“, also als Prostitutierte. (Die römischen Prostitutierten versuchten durch Wolfslaute Kunden anzuziehen).
In dieser zeitgenössichen Karikatur sieht man Ludwig XVI. als Schwein in einem Fass, während der ganz entsetzte Henri Quatre noch mit allen Insignien seines Königtums gezeichnet ist: Der Rüstung und dem Degen des Kriegsherrn, dem Orden des Heiligen Geistes und dazu dem Bart eines volkstümlichen Königs.
Und noch 1792 schien Henri Quatre vor jedem antiroyalistischen Furor sicher zu sein. Damals wurde in Paris ein populäres Spottlied auf Louis Capet, den ehemaligen Ludwig XVI., gesungen. Der beklagte sich im ersten aus royalistischer Sicht verfassten Teil über sein Schicksal und verglich sich mit Henri Quatre, der zwar dem Herzen des Volkes nah sei, aber doch „einige Schwächen“ gehabt habe. In dem die Position des revolutionären Volkes wiedergebenden zweiten Teil wird darauf geantwortet:
Henri war gut, wenn auch ein wenig freizügig,Wir vergeben ihm seine Schwächen;
Aber ein betrunkener Fürst und seine HureRichten mehr Schaden an als hundert Geliebte.[15]
Als im September 1792 Freiwillige sich zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichteten, fand dies auf dem Pont Neuf statt, wo das Reiterstandbild Heinrichs IV. gestanden hatte: Das war da aber schon zerstört und die Überreste waren von einem Gerüst umgeben.[16]
Edouard Détaille, Verpflichtung von Freiwilligen im September 1792 vor dem Reiterstandbild Heinrichs IV. auf dem Pont -Neuf. Rechts der Eingang zur place Dauphine. Ehemaliges Wandbild im Hôtel de Ville von Paris
Denn vier Tage nach dem Sturz der Monarchie am 10. August 1792 hatte die Nationalversammlung beschlossen, „Denkmäler des Stolzes, der Vorurteile und der Tyrannei“ seien mit den geheiligten Prinzipien der Freiheit und Gleichheit nicht vereinbar und sollten deshalb beseitigt werden. Die Bronze dieser Denkmäler solle für die Herstellung von Kanonen verwendet werden und damit der Verteidigung des Vaterlandes dienen.[17]
Am gleichen Tag, dem 14. August, erschienen die Bürger des Stadtviertels Heinrichs IV. vor den Schranken der Nationalversammlung und verkündeten, dass sie die Statue des Königs zerstört hätten, nach dem ihr Stadtviertel den Namen trage. „Die Erinnerung an die Tugenden Heinrichs,“ erklärte der Sprecher der Deputation, „haben uns eine Weile zurückgehalten, dann aber fiel uns ein, dass er“ kein konstitutioneller König gewesen ist. Wir sahen in ihm nur noch den Tyrannen – und die Statue fiel. Wir schlagen vor, auf dem Platz, wo das Denkmal stand, Tafeln zu errichten, auf denen die Menschenrechte geschrieben stehen.“ [18]
So wurde also auch das Reiterstandbild des populären Henri Quatre zerstört- so wie auch die anderen königlichen Standbilder auf den places royales der Stadt.[19] Nur die vier Gefangenen blieben verschont: Anders als bei den Gefangenen von der place des victoires, die als abschreckende Beispiele für die Tyrannei des Absolutismus dienen sollten, waren es hier ästhetische Gründe, die für die Erhaltung ausschlaggebend waren. Dabei handelte es sich gewissermaßen um einen Kompromiss zwischen verschiedenen Strömungen in der Französischen Revolution, was den Umgang mit dem kulturellen Erbe angeht: Auf der einen Seite die Zerstörung von Werken, die man entsprechend des Beschlusses der Nationalversammlung vom 10. August 1792 als Verherrlichung des Aberglaubens und der Tyrannei ansah, auf der anderen Seite das Bemühen um die Bewahrung bedeutender Kunstwerke. Weil der revolutionäre Vandalismus verheerende Ausmaße annahm, dekretierte die Nationalversammlung schon 5 Wochen später den Schutz bedrohter Meisterwerke der Kunst: Auch wenn Denkmäler des Despotismus zerstört würden, so sollten künstlerische Meisterwerke einen ehrenhaften Platz erhalten und das Gebiet eines freien Volkes bereichern.[20] Heute sind sowohl die Gefangenen vom Pont Neuf als die von der place des victoires im Louvre zu sehen.
„Der Kaiser Napoleon dem französischen Volk“: Ein Mammut – Obelisk auf den Pont Neuf!
Am 15. August 1810 verfügte Napoleon in einem Tagesbefehlt aus dem Lager von Schönbrunn bei Wien im Hochgefühl des Sieges über das kaiserliche Österreich:
„Da wir ein dauerndes Denkmal unserer Zufriedenheit mit dem Betragen unserer großen Armee und unseres Volks, während der Feldzüge von Jena und an der Weichsel, an den Tag legen wollen, so haben wir verordnet und verordnen wie folgt:
Art.1. Es soll auf der Erdfüllung des Pont-Neuf ein Obelisk von 180 Fuß Höhe, aus Granit von Cherbourg, mit folgender Inschrift errichtet werden:Der Kaiser Napoleon dem französischen Volk
Art. 2. Auf den veschiedenen Seiten dieses Obelisks sollen alle Thaten, welche während dieser beiden Feldzüge zur Ehre Frankreichs verrichtet worden, vorgestellt werden.“ [21]
Napoleon beauftragte seinen „Generaldirektor der Museen“, Vivant Denon, mit der Durchführung des Projekts. Denon war daran gelegen, den Ruhm des Kaisers im öffentlichen Raum wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Dazu schrieb er einen Wettbewerb aus. Hier der Entwurf des Architekten und Zeichners Louis-Pierre Baltard, einem damals hochgeschätzten neoklassizistischen Architekten und Zeichner (und Vater des noch berühmteren Victor Baltard): Ein monumentales Konzept ganz im Sinne des Auftraggebers. [22]
Der geplante Obelisk wäre mit seinen fast 60 Metern mehr als doppelt so hoch gewesen wie der Obelisk von Luxor, der 1836 auf der Place de la Concorde aufgestellt wurde. „Aber der Granit-Lieferant erwies sich als unzuverlässig. Die Kosten drohten aus dem Ruder zu laufen. Die technischen Schwierigkeiten schienen unüberwindlich“. So blieb dieses megalomane Projekt Paris und dem Pont Neuf erspart. [23]
Ein neues Standbild aus dem eingeschmolzenen Napoleon
Nach dem Sturz Napoleons wurde im Zuge der Restaurationspolitik des Wiener Kongresses auch das französische Königtum restauriert und die Bourbonen traten wieder die Herrschaft in Frankreich an. Zu ihrer Legitimation stützten sie sich von Anfang an auf die nach wie vor populäre Figur des ersten Bourbonen. Henrich IV., der die Legitimität der Monarchie und die nationale Versöhnung verkörperte, war nach der Revolution und dem Kaiserreich Napoleons ein idealer Bezugspunkt. Als der neue König Ludwig XVIII. am 3. Mai 1814 in Paris einzog, erwartete ihn auf dem Pont Neuf eine provisorische Gips-Statue seines Ahnherrn mit der Sockelinschrift: Die Rückkehr Ludwigs lässt Henri wiederaufleben.
Entworfen wurde das provisorische Standbild von dem aus Köln stammenden Architekten Jakob Ignaz Hittorff, der seit 1810 in Paris lebte und bis zur Ära Haussmann die Stadtentwicklung wesentlich mitprägte. Hittorff wirkte 1814 maßgeblich an der Erstellung der Empfangsbauten für die Bourbonen mit und erhielt dafür den Titel „Inspecteur du Roi pour les fêtes et cérémonies“. [24]
Die Zeit für die Anfertigung dieser Reiterstatue war allerdings sehr kurz. Da passte es gut, dass damals die Quadriga vom Brandenburger Tor in Paris abgestellt war – Die Demontage der Quadriga von Johann Gottfried Schadow (1793) war Teil des systematischen napoleonischen Kunstraubs. [25]
„Der Pferdedieb von Berlin“. Karikatur auf Napoleons Raub der Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin. (ca 1813)[26]
So fertigte Hittorff Zeichnungen von einem der Pferde der Quadriga des Brandenburger Tores und von seinen Einzelteilen an – kurz bevor die Quadriga nach einem 21-jährigen Zwangsaufenthalt in Paris wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrte. [27]
So konnte das Provisorium rechtzeitig fertiggestellt werden und Ludwigs XVIII. konnte bei seinem Einzug nach Paris auf dem Pont Neuf Station machen, seinem Ahnherren die Ehre erweisen und sich als dessen Nachfolger präsentieren.[28]
(C) RMN-Grand Palais (Château de Versailles) / image RMN-GP
Das Provisorium von 1814 wurde dann durch eine von dem Bildhauer François-Frédéric Lemot geschaffene neue bronzene Version ersetzt. Die Herkunft der Bronze war –wie das Standbild überhaupt- Ausdruck der restaurativen Geschichtspolitik der Bourbonen: Sie stammt von den eingeschmolzenen Napoleon-Statuen von der place Vendôme und der Säule der Großen Armee von Boulogne-sur-Mer. Dazu kam die Bronze des napoleonischen Generals Desaix von der place des victoires. Ganz gezielt wurde das Metall der Napoleon- Statuen allein für die Herstellung des Pferdes Heinrichs IV. verwendet: Dem jetzt als Usurpator geltenden Napoleon wurde damit die „Ehre“ verwehrt, in der Gestalt des populären Henri Quatre auf dem Pont Neuf „weiterzuleben“. Nach einer weit verbreiteten Legende steckt aber doch noch ein bisschen Napoleon in der Bronzefigur Heinrichs IV: Denn Balthazar Mesnel, einer der beteiligten Handwerker und überzeugter Bonapartist habe neben einem Pamphlet gegen die Bourbonen auch eine kleine Napoleonstatuette in der Statue versteckt. [29] Bei der Restaurierung der Reiterstandbilds Henri Quatres imm Jahr 2004 hat man nun die Beifügungen im Bauch des Pferdes genau untersucht. Neben den „offiziellen“ Beigaben wurden im Bauch des Pferdes zwei zylindrische Bleidosen und eine hölzerne Kapsel gefunden. In ihr befand sich eine Liste aller Gießer und Ziseleure der Gießerei, die bei der Statue mitgewirkt hatten. Die kleinere Bleidose enthielt ein zusammengerolltes schwer beschädigtes Papier. Möglicherweise ist das die Libelle des Napoleon-Bewunderer und Anti-Bourbonen Mesnel. Die größere Dose aus Blei enthielt einen Tierleim, in dem früher Reliquien eingebettet wurden, hier möglicherweise „napoleonische Reliquien“, wie Körperfragmente, Nägel oder Haare des Kaiser, meist übrigens Fälschungen, die damals im Handel waren. Eine Statuette Napoleon wurde nicht gefunden! [30]
Am 14. August begann der einem Triumphzug gleichende Transport des fertigen Standbilds von der Gießerei im Westen von Paris über die Champs-Élysées zum Pont Neuf. Gezogen wurde der Wagen von 34 Ochsen, aber während des Weges wurde er von einer begeisterten Menge begleitet, die es sich nicht nehmen ließ, selbst Hand anzulegen- vor allem auf dem Anstieg auf den Pont – Neuf, als die Ochsen am Ende ihrer Kraft waren.
Translation de la nouvelle statue équestre d’Henri IV depuis l’atelier du Roule jusqu’au Pont-Neuf. Estampe de 1818[31]
Den jungen Victor Hugo inspirierte das zu einer Ode, in der er die „tausend starken Arme“ bejubelt, die das Gefährt anschöben. Auch wenn sein Arm dabei Schaden nähme: „Henri sieht mir aus dem Himmel zu“.[32]
Am 25. August 1818, dem Tag des heiligen Ludwig (jour de la Saint Louis), wurde die Statue in einem aufwändigen Festakt eingeweiht und gleichzeitig die Rückkehr der Monarchie gefeiert.
Um die Statue ist ein weißer Triumphbogen errichtet – die Farbe der Monarchie- auf der gegenüber errichteten Tribüne, am Eingang zur Place Dauphine, haben die Honoratioren Platz genommen; vor allem natürlich Ludwig XVIII. und seine Familie, darunter auch die Herzogin von Angoulême, die Tochter Ludwigs XVI. Das Kapitel der Revolution und der Republik wird damit gewissermaßen offiziell beendet.[33]
Bei der Gestaltung der Reiterstatue hat sich Lemot auf das alte Vorbild von 1614 bezogen. Wie damals trägt Henri eine leichte Rüstung und hält den Kommandostab in seiner rechten Hand. Eher huldvoll als lächelnd blickt er von seinem Podest nach unten. Ein Vert galant ist er jetzt nicht mehr – dafür wurde immerhin der Platz auf der Westspitze der Île de la Cité so benannt.
Auf dem Sockel wurden 1820 zwei Reliefs angebracht: Eines zeigt den Einzug Henris nach Paris im Jahr 1594, das andere den „guten König“, wie er Brot an die Pariser Bevölkerung verteilt – immerhin besser als die Verherrlichung der kriegerischen Taten Heinrichs IV. auf dem ersten Standbild.
Bronzerelief vom Sockel (Ausschnitt) Fotos des Denkmals: Wolf Jöckel
Im Innern der Statue wurden wie Reliquien verschiedene Dokumente und Gegenstände eingeschlossen, die sich auf die Entstehung des neuen Standbildes in der Tradition des ursprünglichen beziehen, vor allem aber auf das Leben und die Bedeutung Heinrichs IV. Es ist der „gute König“, der hier gefeiert wird, der Frankreich nach den Wirren der Religionskriege geeint und befriedet hat, er ist der erste Bourbone, aber er ist auch und vor allem ein großer Mann, den die Nachwelt wegen seiner Verdienste würdigen kann. Sein Grab in Saint Denis wurde 1793 zerstört und geplündert – hier aber hat er an einem zentralen Ort der Stadt seinen Platz: Es sollte ein Ort der Verehrung für den alten und der Legitimation für den neuen König sein, und er ist heute ein Erinnerungsort an einen der bedeutendsten Könige, die Frankreich je hatte. [34]
Die Reiterstatue Henrichs IV., im Hintergrund die Kuppel des Pantheons
Und es ist ein Ort, der bis heute seine Anziehungskraft nicht verloren hat.
Liebesschlösser an der Statue Henri Quatres
Familiäre Reiterspiele: Aus einer Plakatausstellung am Hôtel de Ville von Paris zu den Olympischen Spielen 2024. Foto: Wolf Jöckel März 2024
Das Bild des volkstümlichen „guten Königs“ Henri Quatre ist immer noch lebendig….
Ernst Steinmann, Die Zerstörung der Königsdenkmäler in Paris. Monatshefte für Kunstwissenschaft, X. Jahrgang 1917, Heft 10/11 14515091.pdf (core.ac.uk)
Victoria E. Thompson, The Creation, Destruction and Recreation of Henri IV: Seeing Popular Sovereignty in the Statue of a King. In:History and Memory (Indiana University Press) 24/2012 , S. 5-40 https://www.jstor.org/stable/10.2979/histmemo.24.2.5?seq=1
23 août 1614 : la statue équestre de Henri IV est placée sur le Pont-Neuf. Nach den « Mémoires historiques relatifs à la fonte et à l’élévation de la statue équestre de Henri IV sur le terre-plein du Pont-Neuf à Paris », von 1819 bearbeitet von der Redaktion von La France pittoresque. 23. August 2020. https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article6334
Anmerkungen
[1] Frédéric Bidouze, Henri IV ou l’énigme sensuelle d’un roi vainqueur
[8]Melchior Tavernier, La statue équestre d’Henry le Grand sur son piédestail, 1640, Paris, BnF, Dpt des estampes et de la photographie, détail. Aus: https://books.openedition.org/pufr/8435
[14]« Lorsque la mort sur lui [le Dauphin] levait sa faux tranchante, On vit de citoyens une foule tremblante Entourer ta statue et la baigner de pleurs ; C’était là leur autel, et, dans tous nos malheurs, On t’implore aujourd’hui comme un dieu tutélaire. » (épître XCVI). Zit: Déboulonner la statue d’Henri IV | lhistoire.fr Darauf beruhen auch die nachfolgenden Ausführungen.
[15]Henri fut bon quoiqu’un peu libertin, Nous lui pardonnons ses faiblesses ; Mais prince ivrogne et princesse catin Font plus de mal que cent maîtresses.
[17] « L’Assemblée nationale, considérant que les principes sacrés de la Liberté et de l’Égalité ne permettent point de laisser plus longtemps sous les yeux du peuple français les monuments élevés à l’orgueil, aux préjugés et à la tyrannie ; et considérant que le bronze de ces monuments, converti en canons, servira utilement à la défense de la Patrie, décrète [que …] toutes les statues, bas-reliefs et autres monuments […] élevés sur les places publiques, seront enlevés par les soins des représentants des communes […]. » zit: http://archives.nancy.fr/tresors-darchives/destruction-statue-louis-xv/
Wortlaut des Beschlusses der Nationalversammlung vom 16. September 1792: www.culture.gouv.fr Les grandes dates
Zur Auseinandersetzung über Zerstörung und Bewahrung in der Französischen Revolution siehe: Daniel Hermant, Destructions et vandalisme pendant la Révolution française . In: Annales, 1978, S. 703-719 https://www.persee.fr/doc/ahess_0395-2649_1978_num_33_4_293964
[21] zit. in: Österreichs Kriegsgeschichte im Jahr Achtzehnhundertneun. Dritter und letzter Theil. Leipzig und Altenburg 1811, S. 134
[27] Bild 1: Jakob Ignaz Hittorff, Die Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin1814 (Fêtes de la restauration – Détail du quadrige de Berlin),Numéro d’inventaire : PC 43234-05. (Ausschnitt) Zu diesem Pferd und zu Hittorffs Beteiligung siehe auch: Bénédict Savoy: „Kunstraub – Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen“, Böhlau-Verlag, Wien-Köln-Weimar, 2011, S.375-379.
Bild 2: 1 Fêtes de la restauration . (Titre forgé) . Détails du moulage de la statue équestre d’Henri IV . Jacques Ignace Hittorff, Carnet, Détails du moulage de la statue équestre d’Henri IV . Numéro d’inventaire : PC 43234-06
Die beiden Abbildungen verdanke ich Herrn Ulrich Schläger. Merci beaucoup!
[29] Siehe Edgar Schmitz: Das Trojanische Pferd und die Restauration. Die Auseinandersetzung um die Colonne de la Place Vendôme als Paradigma der gescheiterten Restauration. In: Gudrun Gersmann, Hubertus Kohle (Hrsg.): Frankreich 1815–1830. Trauma oder Utopie? Die Gesellschaft der Restauration und das Erbe der Revolution. Stuttgart 1993, besonders S. 192/193
[30] Die Passage über die Restauration der Statue und die nicht gefundene Napoleon-Statuette verdanke ich Ulrich Schläger. Ebenso die nachfolgenden Literaturhinweise.
Siehe: La statue d’Henri IV sur le Pont-Neuf. Les Boîtes trouvées dans le «Cheval de Bronze», par Jean-Perre Babelon ; Monuments et mémoires de la Fondation Eugène Piot Année 2008 87 pp. 217-239 , https://www.persee.fr › doc › piot_1148-6023_2008_nu…;
ferner: Revue des patrimoines, 14 | 2010 Le cavalier du Pont-Neuf : histoire, restauration et secrets de la statue équestre de Henri IV , par Pascal Liévaux ; https://doi.org/10.4000/insitu.6970;
desgleichen: Entre pratique inaugurale et trésor mémoriel : étude du contenu de la statue de Henri IV de 1818, par Département de l’action culturelle et éducative et Archives nationale. In: Revue des patrimoines 14/2010 https://doi.org/10.4000/insitu.7011 und: Restauration de la statue de Henri IV, par Stéphanie Celle et Carlo Usai ; https://doi.org/10.4000/insitu.6989. Revue des patrimoines, 14 | 2010 ; Le cavalier du Pont-Neuf : histoire, restauration et secrets de la statue équestre de Henri IV.
Nach vielen Parisreisen mit Freunden und Freundinnen und nach längeren Aufenthalten zum Sprachenlernen fasste ich 2021 den Entschluss, meinen Enkelkindern „mein Paris“ zu zeigen. Ein Ausflug von drei bis vier Tagen immer nur mit einem Kind. Im November 2021 begann ich mit dem ersten Enkel nach seinem Schulabschluss, dabei die Idee verfolgend, mit jedem Enkelkind den Schulabschluss so zu feiern. Ein undurchführbares Vorhaben angesichts meines Alters (76) und des Alters des jüngsten Enkelkindes (3). Also folgte der ersten Tour die nächste 2022, dann gleich zwei Besuche 2023.
Das Programm ist vorbereitet mit Platz für Änderungswünsche. Immer aber gehört der Louvre dazu. Die Schwelle ins größte Museum der Welt muss ich mit ihnen überschreiten, ihnen auch zeigen, dass man in einem Museum auch ganz wenig ansehen kann, dass der Anspruch, „den Louvre“ zu besuchen und alles zu sehen, unerfüllbar ist. Der freie Eintritt für Jugendliche und junge Erwachsene soll von ihnen zum Wiederkommen genutzt werden.
Ich habe zehn Objekte für die Enkelbesuche ausgewählt, danach können wir den Louvre verlassen oder auf Wunsch weitere Werke anschauen.
Hier möchte ich auf vier Skulpturen eingehen.
Nike von Samothrake
Geht man die Treppe zum Denontrakt hinauf in Richtung Mona Lisa, steigt man direkt auf Nike von Samothrake zu. Der marmorne Schiffsrumpf, auf dem sie steht, erhebt sich mächtig, ja bedrohlich über uns. Und ganz oben weit über uns scheint Nike zu fliegen: Sie ist mit ihren ausgebreiteten Flügeln wie ein herabschwebender Engel dargestellt. Und in der Tat war es die Göttin Nike, die die christliche Vorstellung von den zwischen Himmel und Erde schwebenden geflügelten Engeln prägte.
Sie stammt wahrscheinlich aus dem zweiten Jahrhundert v.Chr. und. wurde von einem uns unbekannten Künstler auf Rhodos, woher der Marmor stammt, erschaffen. Die Figur wird der hellenistischen Periode (ca. 300 v. Chr.) zugeordnet, einer Zeit, in der die Bildhauer versuchten, Menschen lebendig mit dem Ausdruck ihrer Emotionen darzustellen.
Nike ist in Bewegung, sie überbringt die Nachricht eines Sieges, der fehlende Arm grüßte die Wartenden. Das schließt man aus einer Hand, die gefunden wurde, und die eine Geste des Grußes macht.
Ihr Körper ist nass von der Fahrt auf hoher See, ihr Gewand klebt am Körper und zeichnet Bauch und Nabel ab. Ihr Gewicht steht auf dem vorangestellten Bein, das andere ist entspannt. (Fachbegriff: Kontrapost). Man sollte mal ausprobieren, so zu stehen!
1863 fand der französische Vizekonsul im Osmanischen Reich, Charles Champoiseau, Fragmente der Nike-Statue. Sie wurden vor Ort zusammengesetzt, nach Paris gebracht und im Louvre aufgestellt. Damals herrschte in Frankreich Kaiser Napoleon III., ein Neffe Napoleons I, seines großen Vorbilds. Da war die Siegesgöttin ein passendes Geschenk…. Während des Zweiten Weltkriegs war die Statue, wie auch andere Kunstwerke des Louvre, aus Sicherheitsgründen ausgelagert. Am 21. Juni 1945 kehrte sie wieder zurück, und die antike Nike von Samothrake wurde in ein Siegesdenkmal der Résistance transformiert.
Größe der Figur 245 cm, mit Sockel, 328 cm.
2. Venus de Vienne – Aphrodite accroupie
Skulpturensaal Antiquités grecques, etrusques et romains; entdeckt in Sainte-Colombe-lès-Vienne
Die Skulptur stammt aus dem 2. Jh. v. Chr., eine römische Kopie des hellenistischen Originals. Diese Venus / Aphrodite ist weniger bekannt als die Venus von Milo und andere, aber sie berührt mich ganz besonders.
Venus, die gerade aus dem Bad kommt oder gerade hineinsteigt, trägt auf dem Rücken ihren Sohn Cupido / Amor, von dem hier nur noch eine Kinderhand zu sehen ist. Vielleicht hatte Cupido auch Pfeil und Bogen bei sich. Wir wissen es nicht.
Den Sohn der Venus, nun erwachsen, finden wir im selben Saal auf der anderen Seite wieder in der berühmten Skulptur von Canova Amor und Psyche.
3. Der Gladiator Borghese ca. 100 n.Chr. wahrscheinlich griechisch
Diese Skulptur bringt mich und meine Enkel immer zum Lachen. Sie steht unübersehbar gleich am Eingang des großen Saales.
Der vorwärts nach oben gereckte Arm lässt uns ein an dem Arm angebrachtes Mobiltelefon assoziieren.
Ursprünglich war es aber die Befestigung eines Schildes, den dieser Fechter einmal trug. Auch das Schwert in der anderen Hand ist nicht mehr erhalten.
4. Amor und Psyche von Antonio Canova (1787-1793)
Die Geschichte der beiden ist sehr schön und ausführlich in den Metamorphosen des Apuleius erzählt. Ich versuche eine Zusammenfassung.
Venus, die schönste der Göttinnen, erfuhr, dass es in einem Königreich eine wunderschöne Prinzessin mit Namen Psyche gebe, die schönste junge Frau überhaupt. Das verletzte den Stolz der schönen Venus und sie sann nach Vernichtung dieser Rivalin.
Die wunderschöne Prinzessin Psyche ist verzweifelt, denn kein Mann hält um ihre Hand an, kein König, kein Prinz, kein Edelmann, noch nicht einmal ein Mann aus dem Volke. Sie, Psyche, gleicht einer Göttin, der sich kein Mann zu nähern wagt. Schließlich befragt ihr Vater, der König, das Orakel. Die Antwort lautet ganz im Sinne der Venus, dass er seine Tochter allein auf einen einsamen Felsen über dem Meer auf ihren schrecklichen Ehemann warten lassen solle. Der Vater folgt gramgebeugt diesem Rat.
Venus beauftragte sogleich ihren Sohn Armor einen Liebespfeil auf Psyche zu schießen, damit sie sich in einen Menschen verliebe, „einen Elenden, den das Schicksal zu Schande und Armut verdammt hat“. Der folgsame und immer zu Unfug aufgelegte Sohn macht sich auf, diesen Wunsch seiner Mutter zu erfüllen. Doch Amor erweist sich diesmal als schlechter Schütze, vielleicht betört von der Schönheit Psyches, trifft er sich selbst mit dem Pfeil, worauf er in Liebe entbrennt.
Psyche wartet bebend vor Angst auf dem Felsen über dem Meer auf ihren Gatten. Da kommt der Wind Zephyr und nimmt sie mit in ein wunderschönes Schloss mit verwunschenem Park, wo Psyche von Geistern verwöhnt wird. Jede Nacht nun, wenn es ganz dunkel ist, kommt ihr zärtlicher Geliebter zu ihr, vor der Morgendämmerung verschwindet er wieder.
Psyche, die sich einsam fühlt, bittet darum, ihre Schwestern sehen zu dürfen. Diese sind eifersüchtig auf das schöne Leben der Psyche und sinnen darauf, den Gatten, das Ungeheuer, zu erkennen. Als Psyche nun eines nachts eine Öllampe entzündet, um den Geliebten zu sehen, bewundert sie ihn selbst und auch seine Pfeile, wobei sie sich in den Finger sticht und nun auch in Liebe entbrennt. Sie stößt versehentlich an die Öllampe, ein Tropfen heißes Öl verletzt Amor leicht, lässt ihn erwachen und wütend davonfliegen.
Nun erfährt Venus vom Ungehorsam ihres Sohnes, der verletzt zu ihr zurückkehrt. Sie bestraft Psyche mit vielen erniedrigenden Aufgaben, die diese nur mit Hilfe göttlicher Wesen bewältigen kann. Eine Aufgabe ist, ein buntes Gemenge von Samenkörnern zu ordnen. Dies gelingt Psyche mit Hilfe der freundlichen Ameisen.
Als letzte Aufgabe soll sie von Proserpina aus der Hölle des Todes eine Dose mit Schönheitscreme für Venus füllen lassen. Auch dies gelingt Psyche, doch auf dem Rückweg gibt sie ihrer Neugier nach und öffnet die Dose. Aus der Dose entweicht nichts Greifbares, sondern tiefer Schlaf.
So findet sie Amor und erlöst sie mit einem Kuss. Das gemeinsame Kind erhält den Namen Voluptas (Lust).
Nach Apuleius, 2.Jh. n.Chr., Amor und Psyche, Beck’sche Reihe: Die großen Geschichten der Menschheit. Aus dem Lateinischen von Eduard Norden München 2007
Und wir sind wieder im Louvre bei Canova.
Diese Besuche mit den Enkelkindern im Louvre liefen trotz des unterschiedlichen Alters (19/18/17/13) sehr ähnlich ab. Sobald wir den Louvre nach Sicherheitskontrolle und Garderobenablage betreten hatten, verstummten die Jugendlichen. Ob der Grund meine Erzählung ist oder doch eher dieses monumentale Museum mit seiner bisher noch nicht erlebten Fülle der Eindrücke, es entwickelt sich kein Gespräch, nur Staunen und Anschauen. Auffällig ihre Reaktion, als ich die Wartezeit im Raum der Mona Lisa mit der Betrachtung der Hochzeit von Kana verkürzen wollte. Ein kurzes Anschauen, dann sofort wieder den Blick auf die sich langsam nähernde Mona Lisa gerichtet. Überhaupt nahmen sie alle das lange Warten gelassen hin.
Allein J (17) meldete zu Beginn des Besuches einen Wunsch an. Als ich ihm auf dem Leporello unseren Weg und die Ziele zeigen wollte, tippte er mit dem Finger auf den Plan: Da will ich hin. Es war die etruskisch-italienische Skulpturensammlung im Denon Flügel, das Interesse kam aus dem Lateinunterricht. J wollte nach dem vorgeplanten Rundgang mehr sehen, so bestaunten wir noch Ausstellungsstücke der Galerie d’Apollon.
M(19) saß irgendwann in der römisch-etruskischen Sammlung auf einer Bank am Fenster und schaute in sein Handy. Ich ließ ihm Zeit, im Louvre gibt es guten Empfang in die sozialen Medien und das, so dachte ich, braucht er zwischendurch. Wahrscheinlich hat er sie auch gecheckt, es stellte sich aber auch heraus, dass er Informationen über einzelne Skulpturen aufgerufen hatte, vielleicht auch über den Hermaphrodit, über den er mit mir nicht näher sprechen wollte.
L (18) besuchte einige Wochen nach unserer Reise Paris mit seiner Freundin. Auf meine Frage, was sie sich ansehen wollten, meinte er: Wir machen die Tour, die du mit mir gemacht hast. Darüberhinaus haben sie anderes entdeckt, im Louvre waren sie begeistert von den Apartements Napoleons III., besonders von den Lüstern.
Die Enkelin E (13) erzählte nach der Heimkehr ihren Eltern begeistert von der Deckengestaltung im Raum der französischen Maler. Ihre Begeisterung bezog sich auf die gesamte Reise, Ausnahme das Museum Picasso.
Ich denke, dass meine Enkel und die Enkelin nie zuvor so vielen Nacktdarstellungen sowohl bei den Skulpturen als auch in manchen Gemälden begegnet sind. Auch hier könnte ein Grund für ihr Verstummen liegen.
Die nächste Fahrt folgt im April 24 mit E (11). Ob er, der gerne redet, dies auch im Louvre tun wird?
Gegenstand des nachfolgenden Beitrags ist die Place de l’Étoile (place Charles de Gaulle), dessen Randbebauung ebenfalls ein Werk Hittorffs ist. Auch zur Gestaltung der die beiden Plätze verbindenden Prachtmeile der Champs-Élysées hat Hittorff beigetragen. Umso merkwürdiger und bedauerlicher, dass er selbst vielen Parisern ein Unbekannter ist. Und umso verdienstvoller, dass Ulrich Schäger ihn in diesen Beiträgen angemessen würdigt.
Schläger beschreibt in dem nachfolgenden Beitrag die Auseinandersetzung zwischen Hittorff und Haussmann über die Gestaltung des Platzes. Für Haussmann sollte es ein Zirkulationsraum sein, für Hittorff ein Ort der Repräsentation mit dem Arc de Triomphe als Mittelpunkt. Dass sich damals eher Haussmann durchsetzte, habe ich als Jugendlicher in den 1950-er Jahren selbst erfahren. Ich war von Freunden meiner Eltern zu einer Reise in die Normandie eingeladen worden und wir durchquerten dabei auch mit dem Auto Paris. Die Place de l’Étoile mit seinen mindestens 12 ungekennzeichneten Fahrspuren wurde für mich -trotz des damals eher bescheidenen Autoverkehrs- zu einem Albtraum: Noch Jahre später träumte ich manchmal, ich würde endlos mit dem Auto um den Triumphbogen herumkreisen, ohne im Gewühl der Autos einen rettenden Ausweg erreichen zu können.
Jetzt ist die Stadt Paris dabei, bis zum Frühjahr 2024 die Zahl der Fahrspuren deutlich zu verringern und dafür den für Fußgänger reservierten Ring um den Triumphbogen deutlich zu erweitern: Eine späte Genugtuung für Hittorff!
Die Bauarbeiten an der Place de l’Étoile. Im Hintergrund das von Hittorff entworfene Hôtel des Maréchaux. Foto Wolf Jöckel 2.2.2024
Aus der Vogelperspektive betrachtet, erscheint die Place de l’Étoile, seit 1970 in Place Charles-de-Gaulle umbenannt, mit dem Arc de Triomphe im Zentrum und ihren symmetrisch ausgehenden zwölf großen Avenuen als riesiger Verteilungsraum und als Krönung der von Napoleon III. initiierten und von seinem Präfekten Georges-Eugène Haussmann exekutierten Transformation von Paris.
Dass die Place de l’Étoile durch ihre Lage und den Triumphbogen mehr ist als ein gigantischer Verkehrsknotenpunkt, soll hier am Prozess der Platzgestaltung, die in der Planung und Umsetzung alles andere als gradlinig verlief, aufgezeigt werden.
Die Konzepte von Jakob Ignaz Hittorf als verantwortlichem Architekten und von Haussmann als Organisator der Transformation konnten nicht unterschiedlicher sein. Hinzu kam das besondere Interesse Napoleons III. gerade an diesem Platz mit dem Sieges-Monument seines von ihm bewunderten Onkels Napoleon I.
Um die verwickelte Platzgenese zu verstehen, müssen wir nicht nur in der Geschichte zurückgehen, sondern auch die grundsätzlich verschiedenen Auffassungen zu der Gestaltung öffentlicher Räume bei Hittorff und Haussmann in den Blick nehmen.
Durch die Julirevolution von 1830, dem Ende der Bourbonendynastie und der Auflösung der Menus Plaisirs du Roi verliert Hittorff seine angesehene Anstellung als Architekt des Königshauses, doch bereits zwei Jahre später, 1832, wird er dank des Innenministers Adolphe Thiers architecte de la ville de Paris. Die Neugestaltung der Place de la Concorde und der Champs-Élysées, der zum großen Triumphbogen auf der Place de l’Étoile hinaufführenden großen Straßenachse, werden Hittorff anvertraut. Seine Vision einer Monumentalanlage, einer Via triumphalis, die an der Place de la Concorde beginnen und auf der hoch gelegenen Place de l’Étoile ihren architektonischen Höhepunkt finden soll, kann er aber nicht realisieren.
Die schon in der Julimonarchie begonnene Ausweitung der Stadt nach Westen einschließlich der entlang der Avenue des Champs-Élysées entstandenen beliebten Vergnügungseinrichtungen, an denen maßgeblich Hittorff beteiligt war, setzt sich in der 2. Republik und im II. Kaiserreich fort. Um diese Entwicklung voranzutreiben und ein neues urbanes und gesellschaftliches Zentrum zu schaffen, wird Hittorff unter Kaiser Napoleon III. von dessen Prefect de la Seine, Jean-Jacques Berger, mit der Gestaltung der Place d’Étoile, der Avenue de l’Impératrice – heute Avenue Foch – und des Bois de Boulogne beauftragt.
Zwischen Hittorff und Haussmann, dem Nachfolger von Berger, kommt es bei der Avenue de l’Impératrice und dem Bois de Boulogne zu derart heftigen Auseinandersetzungen, dass Hittorff hier von der weiteren Planung ausgeschlossen wird. Diese komplette Ausschaltung Hittorffs gelingt Haussmann bei der Place de l’Étoile nicht, weil dieser Platz zu eng mit der Selbstdarstellung Kaiser Napoleons III. verbunden ist.
Napoleon III. will nicht nur mit dem „Eventrement“, dem „Ausmisten“ bzw. der „Ausweidung“ der unhygienischen Viertel der Stadt die Lebensbedingungen und die öffentliche Gesundheit verbessern, den Bürger Licht, Luft und sauberes Wasser bringen, die labyrinthischen, schwerkontrollierbaren, „sozialen und politischen Sprengstoff bergenden Ballungsräume“ [1] mit breiten Straßen durchbrechen und Krisenpotentiale beseitigen, er will auch ein Paris mit prachtvollen Boulevards und eindrucksvollen Bauten, ganz nach dem Vorbild Napoleons I.
Dabei soll die Place de l’Étoile nicht nur innerhalb des urbanen Gefüges eine Schlüsselstellung bei der Entstehung eines künstlerisch gestalteten Stadtbildes einnehmen, sondern auch mit dem Arc de Triomphe Zentrum des Ruhmeskultes für Napoleon I. werden.
Schon 1850 hatte er als Präsident der 2. Republik die am Bogen eingemeißelte Liste der Generalsnamen um Louis und Jérôme Bonaparte, die Namen seines Vaters und Onkels, erweitern lassen, und nicht ohne Grund hatte er seinen Staatsstreich am 2. Dezember 1851 auf den Jahrestag von Napoleons Kaiserkrönung und den Sieg von Austerlitz gelegt.
Später, im November 1863, wird er auf der Vendômesäule die Napoleon-Statue von Émile Seurre, den »Petit Caporal«, gegen Napoleon als römischer Imperator austauschen, in Anlehnung an die Statue von Antoine-Denis Chaudet von 1810. Während Napoleon im schlichten Militärmantel, Zweispitz und der Hand in der Weste [2] – „die Versöhnung des militärischen Ruhmes mit der nachrevolutionär-konstitutionellen Freiheitsgeschichte Frankreichs in einem konsensträchtigen »monument national«“ illustrierte, sollte mit Napoleon in der Toga der „imperiale und bellizistische Impetus“ (Helke Rausch) des Napoleon- Mythos erneuert werden. „Im Namen der Nation wurde nicht die Rettung der revolutionären Freiheits-Errungenschaften, sondern die Reaktivierung der »gloire militaire« zur Quintessenz der Napoleon-Erinnerung.“ [3]
Jetzt unter Napoleon III. scheint für Hittorff die Gelegenheit gekommen, seine Vorstellung einer festlichen, künstlerisch ausgestalteten Platzanlage zu verwirklichen, die nicht nur den Intentionen des Kaisers gerecht wird, sondern auch den Untertanen und Fremden aus aller Welt den Anspruch von Paris als Welt-Hauptstadt vor Augen führt.
Doch was Hittorf hier zunächst vorfindet, ist alles andere als glanzvoll. Zwar imponiert der Arc de Triomphe durch seine Monumentalität und seinen skulpturalen Schmuck, aber er steht, wie uns zeitgenössische Darstellungen zeigen, inmitten eines unbefestigten Platzes ohne jede Randbebauung.
Abb. 2: Jules-Frédéric Bouchet (1799-1860) L’Arc de Triomphe und die Barrière de l’Étoile, 1837
Ungeordnet und unterschiedlich in der Breite münden einzelne Straßen, unterbrochen von unregelmäßigen Baumgruppen, in den Platz ein. An der Einmündung der Avenue des Champs-Élysées in der Platz sind die beiden von Ledoux geschaffenen Pavillons der ehemaligen Zollmauer des ancien régime noch vorhanden. Sie werden erst 1860 abgerissen.
Abb. 3: Blick auf das Innere des Hippodroms; im Hintergrund der Arc de Triomphe
An den südlichen Teil des Platzes grenzt seit 1845 eine Pferderennbahn, der Hippodrome de l’Étoile. Sie wird erst 1855 beim Durchbruch der Avenue Kléber zur Place de l’Etoile abgerissen.
Ohne eine einheitliche Bebauung, ohne irgendeinen repräsentativen Rahmen steht der große Triumphbogen auf dem leeren Platz der Anhöhe, nur umgeben von einem Kreis von mit Ketten verbundenen Prellsteinen.
Abb. 4: Arc de triomphe de l’Étoile, par Gaspard Gobaut 1852. Links im Hintergrund das Hippodrome de l’Étoile
Er ist weder wirkungsvoll eingebunden in seine unmittelbare Umgebung noch in die Achse zwischen Louvre – Tuilerien – Place de la Concorde – Champs-Élysées.
Der Triumphbogen war 1806 von Kaiser Napoleon I. nach der Schlacht bei Austerlitz in Auftrag gegeben und seiner siegreichen Armee gewidmet. Er war wie der Arc de Triomphe du Carrousel, die Vendôme-Säule und die geraubten Kunstschätze, insbesondere aus den vatikanischen Museen, Emblem der translatio studii et imperii von Rom nach Paris, der Ablösung des römischen durch das napoleonische Imperium. Und Paris war nicht einfach das neue, sondern das wahre, das vollendete Rom.
Der Bau wird 1806 nach vielfachen Planänderungen von François Chalgrin begonnen, der, wie der Kunsthistoriker und Archäologe Antoine Chrysostôme Quatremère de Quincy meinte, dazu neigte, Bauten möglichst monumental zu gestalten ganz im Sinn von Napoleon: „Il n’y a de beau que ce qui est grand.“ („Schön ist nur, was groß ist.“). [4]
Der Bau schreitet nur langsam voran. Als 1810 Napoleon mit seiner künftigen Frau, der Erzherzogin Marie-Luise von Österreich, in Paris einzieht, verdeckt Chalgrin den halbfertigen Bogen mit einem Provisorium aus Gebälk und bemalter Leinwand. Am Ende des I. Kaiserreichs verbleibt ein unvollendetes Bauwerk von gewaltigen Ausmaßen.
Abb. 5: Einzug in Paris von Napoleon und Marie-Luise von Österreich 1810
Für die auf den Thron zurückgekehrten Bourbonen war Napoleon mehr als nur ein Emporkömmling, er war immer ihr Feind. Das bestimmte auch ihre Beziehung zum Arc de Triomphe. Selbst als unfertiger Bau war der Triumphbogen eng mit der überlebensgroßen Gestalt Napoleons verbunden, der nicht nur das Schicksal Frankreichs, sondern des ganzen Kontinents bestimmt hatte. Napoleons Exil und Tod auf Sankt Helena am 5. Mai 1821 hatte seine Heroisierung nur noch befördert.
Napoleon war es gelungen, seine Verbannung nach St. Helena virtuos zum Martyrium zu stilisieren, indem er für sich eine Leidensgeschichte erfand. Seine Begleiter, Heinrich Heine nennt sie treffend die „Evangelisten“, überlieferten diese Geschichte, allen voran das „Mémorial de Sainte-Hélène“: nach Napoleons Lieblingsjünger Emmanuel de Las Cases das „Evangelium“. Mit den vermeintlichen Aussagen Napoleons wurde das Buch zu einem internationalen Bestseller. Napoleon war der neue Prometheus, angekettet an den Felsen von Sankt Helena.
Auch Historienmaler ließen sich von diesen Vorstellungen inspirieren, so Horace Vernet, dessen Gemälde »Le Tombeau de Napoléon à Sainte-Hélène ou l’Apothéose de Napoléon« – zu Deutsch etwa »Napoleons Grab auf Sankt Helena und seine Vergöttlichung« – ein großer Erfolg war.[5]
Abb. 6: Horace Vernet:Das Grab und die Apotheose Napoleons auf Sankt Helena
Im Sinn von Vernets »Apotheose« hielt Bonaparte nun erst recht Einzug in die Geschichte und in das kollektive Gedächtnis der Nation. Klarsichtig beschreibt der Royalist François-René de Chateaubriand in seinen Mémoires d’outre-tombe (Erinnerungen jenseits des Grabes, Teil 3, VI) die Wirkung dieser Selbststilisierung: „Le monde appartient à Bonaparte ; ce que le ravageur n’avait pu achever de conquérir, sa renommée l’usurpe. Vivant il a manqué le monde ; mort, il le possède.“ („Die Welt gehört Bonaparte; was der Verwüster nicht mehr hatte erobern können, usurpiert sein Ruhm. Als Lebender hat er die Welt verfehlt; als Toter besitzt er sie.“).
Napoleon wurde zum Verteidiger und Helden der liberalen Ideale der Französischen Revolution und der glorreichen Zeiten der jüngsten französischen Geschichte hochstilisiert, der den Mächten der Restauration Paroli bietet. Er wurde zur Identifikationsfigur der antibourbonischen Opposition.
Den Arc de Triomphe im Sinne von Napoleon fertigzustellen und damit seinen Nachruhm zu befördern, war deshalb nicht im Interesse der Bourbonen. Es gab sogar Überlegungen, den Torso abzureißen und eine Säule mit der Statue Ludwig XVI. zu errichten, die aber fallengelassen wurden. Ludwig XVIII. ordnete zwar am 9. Oktober 1823 die Fertigstellung des Triumphbogens an, allerdings mit einer neuen Widmung. Geehrt werden sollte nicht die kaiserliche Armee, sondern die Armée des Pyrenées, die unter der Führung von Louis Antoine de Bourbon, Herzog von Angoulême und Neffe von Ludwig XVIII., den spanischen König (Ferdinand VII.) wieder auf den Thron gesetzt hatte.
Eine Festschrift mit dem Titel Entrée triomphale de S. A. R. monseigneur le duc d’Angoulême, généralissime de l’armée des Pyrénées … erscheint. Die Bauarbeiten unter Louis-Robert Goust und Jean-Nicolas Huyot nach überarbeiteten Plänen von Chalgrin kommen aber nicht voran.
Abb. 7: Einzug des Herzogs von’Angoulême in Paris am 2. Dezember 1823
Und so wird nach dem Sieg des Herzogs von Angoulême in Spanien am 2. Dezember 1823 bei der Siegesparade auf dem Champs-Élysées der halbfertige Triumphbogen mit Attrappen-förmigen Auf- und Anbauten versehen, mit Fahnen umkränzt. Vor den Bogen werden hohe Sockel gestellt, dekoriert mit Trophäen und Rostralsäulen, bekrönt von der Göttin des Sieges, eine Komposition von Hittoffs Kollegen und Freund Jean-François-Joseph Lecointe, die beide für die königlichen Feste und Zeremonien zuständig waren. Es bleibt bei dieser flüchtigem, ephemeren Dekoration, dem aktuellen Anlass geschuldet.
Auch unter Karl X. werden Pläne für den Weiterbau des Bogens gemacht, umgesetzt wird aber nichts an der Place de l’Étoile und ihrem mächtigen Torso.
In der Juli-Monarchie, die sich nach der Revolution von 1830 unter dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe von Orléans etabliert, kommt es zum Strategiewechsel. Louis-Philippe ist bemüht, die bonapartistischen Sympathien im bürgerlichen Lager zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft zu nutzen. So bringt er einige Prestigeprojekte auf den Weg, die Napoleon als Teil der französischen Geschichte ehren sollten:
Auf der Siegessäule der Place Vendôme wird 1833 wieder eine Statue Napoleons gestellt, jetzt aber in schlichter Uniform und nicht wie die ursprüngliche Statue als römischer Imperator, schließlich will man aus politischen Gründen nicht an die imperialen Ambitionen Napoleon Bonapartes anknüpfen.
1836 wird der Arc de Triomphe auf der Place de l’Étoile von Abel Blouet fertig gestellt und am 30. Juli 1836 eingeweiht. Auch sein plastischer Schmuck stammt aus dieser Zeit. Das Bildprogramm ist keine Verherrlichung von Napoleon allein, sondern auch der siegreichen Heerführer und Truppen. Der Bogen wird deshalb als Denkmal der gesamten Nation betrachtet.
1837 wird ein neues Frontispiz am Panthéon angebracht, auf dem Bonaparte einen prominenten Platz unter den großen Männern Frankreichs einnimmt.
1840 schließlich erreicht die Revitalisierung des Napoleon-Kultes ihren Höhepunkt mit der Rückholung der sterblichen Reste Napoleon von Sankt Helena nach Paris und dem grotesken Schauspiel des Triumphzuges des toten Kaisers bei der Überführung in den Invalidendom am 15. Dezember 1840.
Trotz all dieser Bemühungen scheitert der Plan Louis-Philippes, sich „zum heroischen Nachfolger Napoleons zu stilisieren, indem er sich die Erinnerung an diesen aneignet“. [6]
Kehren wir nach diesem Exkurs über das Schicksal des Arc de Triomphe zu Napoleon III. und der Gestaltung der Place de l’Étoile zurück.
Mit der Februarrevolution von 1848 gelangt Louis Napoléon Bonaparte, ein Neffe des großen Korsen, als Staatspräsident an die Macht. Nach dem Staatsstreich im Dezember 1851 und der Ausrufung des Zweiten Französischen Kaiserreiches sieht er sich als Napoleon III. nicht nur als Nachfolger Bonapartes, sondern fast schon als seine Reinkarnation. Napoleon III. will vom Heldentum seines Onkels profitieren, deshalb kommt gerade der Place de l’Étoile und seinem Triumphbogen eine herausragende Rolle zu.
Hittorff steht vor einer dreifachen Herausforderung: Er muss einen prachtvollen Platz ganz in der Tradition Napoleon I. erschaffen, er muss sich mit den riesigen Dimensionen des Bogens selbst auseinandersetzen und er muss den Platz in die umgebenden urbanen Strukturen einbeziehen.
Als einzige Veränderung am Bogen selbst sieht er wie am Arc Triomphe du Carrousel eine Bekrönungsgruppe vor, eine Idee, die schon Jahre zuvor immer wieder diskutiert wurde. Schon Albert Blouet, Pierre-François-Léonard Fontaine und Jean-Nicholas Huyot hatten freie Skulpturengruppen auf dem Bogen geplant.[7]
Provisorische Bekrönungen des Arc de Triomphe hatte es allerdings aus Anlass von Festen und Zeremonien schon vorher gegeben. Meist sollten sie die Nation, den Frieden, den Sieg, aber weniger konkrete Personen symbolisieren. Für die Revolutionsfeier des Jahres 1838 schuf man nach dem Entwurf von Gabriel-Bernard Seurre eine Attrappe aus Holz, Gips und Leinwand. Hittorff hat dieses Motiv für seinen Plan von 1853 übernommen:
Abb. 8: Étienne Achille Réveil: Hauptfassade des Triumphbogens mit der provisorischen Bekrönung von 1838 (Ausschnitt)
Auf einem Triumphwagen mit sechs Pferden, gelenkt von Genien, steht eine Gestalt in weiter Toga mit dem Löwenfell des Herkules über der Schulter. Die rechte Hand umfasst einen Stab mit dem gallischen Hahn an der Spitze, der linke Arm hält eine Gesetzestafel, in Hittorffs Entwurf mit dem Wort „CODE“, wohl ein Bezug auf den „Code Napoléon“, das napoleonische Gesetzeswerk. Seurres Figur verkörperte den Genius des Staates. Bei Hittorff den siegreichen Genius des Kaiserreiches, wie Uwe Westfehling meint. [8]
Abb. 9: Jean-Auguste-Dominique Ingres, Die Apotheose Napoleons. Entwurf für das Pariser Rathaus.
Die Gespann-Gruppe war von den Personifikationen des Sieges und des Ruhmes begleitet, wie auf dem Deckengemälde von Jean-Auguste-Dominique Ingres im Salon de l’Empereur des Hôtel de Ville zu sehen war. Das Gemälde, das die Apotheose Napoleons auf einem Triumphwagen zeigt, wurde zwar 1871 beim Aufstand der Commune zerstört, ist aber in Zeichnungen und Kopien erhalten.
Eine erneute ephemere Bekrönung sehen die Pariser 1840, als die sterblichen Überreste von Napoleon I. von St. Helena nach Frankreich überführt werden: auf dem Triumphbogen steht Napoleon im Krönungsornat.
Letztlich wurde der Triumphbogen aber nicht bekrönt, und Hittorff konzentrierte sich darauf, für den Triumphbogen einen angemessenen Rahmen zu finden. 1853 entwirft er den Plan eines Denkmalforums. Seine aquarellierte Federzeichnung gibt in einer Gesamtansicht den Blick aus der Richtung der Champs-Élysées mit dem Arc de Triomphe im Zentrum wieder.
Abb. 10: Hittorff, Jakob Ignaz, Entwurf für ein Denkmalsforum auf der Place de l‘ Étoile, Gesamtansicht, 15.06.1853.
Für die umgebende Fläche des Bauwerks greift Hittorff auf ein früheres Standbildprogramm für die Champs-Élysées zurück, das hier seinen Abschluss finden soll. „Die Statuen setzten sinnvoll den für die nationale Prozessionsstraße der Avenue des Champs-Élysées vorgesehenen Schmuck von Denkmälern verdienstvoller Franzosen fort.“[9]
Nach seinem Plan von 1853 sollen sich in zwei Halbkreisen jeweils zehn Denkmäler der hervorragendsten Feldherren Napoleons auf hohen Sockeln um den Bogen gruppieren. Dabei wechselten sich Einzelstatuen mit Reiterstandbildern ab.
Abb. 11: Ausschnitt des Plans von 1853
Der Kreis der Denkmäler ist seinerseits von einer geschlossenen repräsentativen Gebäudefront umgeben, die im Abstand von ca. 172 m die Platzmitte einfasst. Die gleichmäßigen Fassaden zeigen ein Arkadengeschoss, zwei Stockwerke mit hohen Fenstern und ein Mansardendach. Die sternförmig auf den Platz zulaufenden Straßen sind symmetrisch angeordnet und werden an der Platzeinmündung durch Torbogen überfangen.
Abb. 12: Großer Torbogen für die Champs-Élysées
Die großen Torbauten, die die Einmündung der breiten Avenuen wie der Avenue des Champ-Élysées oder der Avenue du Parc de Boulogne (die spätere Avenue de l’Impératrice und heutige Avenue Foch) markieren, grenzen unmittelbar an die Gebäude. Die kleineren Torbögen, die die nicht so breiten Straßeneinmündungen überspannen, sind in die Hausfassaden eingegliedert, ohne sie zu überragen. Der Platz erhält dadurch eine geschlossene Umbauung, wie wir sie noch heute bei der Place Vendôme und der Place des Vosges sehen.
Abb. 13: Kleiner Torbogen für die Rue du Bel Air
Bei der Gestaltung der Torbögen greift Hittorff auf römische Vorbilder zurück, wahrscheinlich inspiriert durch die Porte de Saint-André und die Porte d’Arroux in Autun im Département Saône-et-Loire in der Region Bourgogne-Franche-Comté, die er 1822 gesehen und gezeichnet hatte.
Abb. 14: Hittorff, Porte de Saint-André à Autun. 1822
Mit den Torbauten nimmt Hittorff das Motiv des Triumphbogens im Zentrum des Platzes auf und im Rückgriff auf die römische Antike verschafft er dem Platz einen imperialen Charakter, der ihn über alle anderen Plätze der Stadt herausheben soll.
Zusätzlich hat Hittorff im Entwurf von 1853 noch Siegessäulen vorgesehen, die hier mit den westlichen Ecken der großen Torbauten verbunden sind und die als Bekrönung Herrscherstatuen tragen. Uwe Westfehling glaubt, dass Hittorff hier von den Säulen der Barrière du Trône inspiriert worden ist. [10] Auf den dortigen Säulen, die zu den Zollbauten von Ledoux aus der Zeit des ancien régime stammen, stehen die Statuen Ludwig des Heiligen und Philippe Augusts.
Abb. 15: Barrière du Trône 1885
Im Triumphalforum der Place de l’Étoile „tritt [deutlich] der repräsentative und kulissenhafte Charakter dieser offiziellen Architektur hervor. Es werden Denkmalstypen addiert und gehäuft. Das Projekt zeigt nahezu alle Motive, die man der Triumphalidee im 19. Jahrhundert zuordnete, auf engstem Raum zusammengedrängt: Triumphbogen, Siegeswagen, historische Reliefs, Ehrensäulen, Reiterdenkmäler und Standbilder. Der Aufwand erinnert an die Monumentalanlagen, die im Spätbarock in Frankreich geplant wurden. … Hittorffs Plan für ein Triumphalforum in Paris, der dem Alterswerk des Architekten zuzurechnen ist, gehört zu einer ersten Phase der Wiederaufnahme barocker Formen im 19. Jahrhundert, die besonders in Frankreich zu beobachten ist.“[11]
Das Forum an der Place de l’Étolie sollte der krönende Abschluss einer riesigen, an der Place de la Concorde beginnenden Denkmalanlage sein und war als Schauplatz von Festzügen, Paraden und Zeremonien gedacht.
Derartige Zeremonien hatte Paris, wie schon erwähnt, anlässlich der Heimholung Napoleon I. am 15. Dezember 1840 erlebt, als sich der Trauerkondukt durch den Arc de Triomphe, die Champs-Élysées zur Place de la Concorde bewegte und von dort zum Dome des Invalides. Die Champs-Élysées war mit Säulen, Statuen und Kandelabern geschmückt. An der Corcorde – Brücke standen vier Siegessäulen, acht allegorische Figuren und eine Kolossalstatue von Cortot, welche die Unsterblichkeit darstellte.
Abb.16: Zug mit den sterblichen Überresten Napoleons über die Champs-Élysée zum Invalidendom
Fast 45 Jahre später, am 31. Mai 1885, nimmt wieder eine pompöse Inszinierung unter dem Triumphbogen an der Place de l’Étoile ihren Anfang: Die sterblichen Überreste von Victor Hugo werden in das Pantheon überführt.
Abb. 17: Beerdigung von Victor Hugo. Der Katafalk mit dem Sarg unter dem Arc de Triomphe
Unter dem Bogen ist ein castrum doloris , ein Trauergerüst, aufgebaut, auf dem der Katafalk ruht. Wiederum ist der Bogen mit einer Gespanngruppe bekrönt, mit Trauerflor umhüllt. Feuerschalen auf hohen Podesten bilden einen Kreis um den Bogen. Und wiederum bewegt sich der Trauerzug über die Champs-Élysées zur Place de la Concorde hinunter.
Aber in diesen mit Geschichte und Zeremonien verbundenen Bildern denkt der neue Präfekt Haussmann nicht. Die Stadt als architektonisches Gesamtkunstwerk, die Ausgestaltung festlicher und malerischer Platzanlagen sind für Haussmann keine primären Ziele der Umwandlung von Paris, für die er seit 1853 verantwortlich ist. So scheitert Hittorffs großes Forum-Projekt in erster Linie nicht nur an den hohen Baukosten.
Georges-Eugène Haussmann hat andere Vorstellungen von der Funktion und dem Aussehen des Platzes. Haussmann will gerade Durchbruchstraßen, Verkehrszentren, die Menschen- und Warenströme effizient verbinden, verteilen, steuern und beschleunigen.
Die monumentale Geschlossenheit von Hittorffs Konzept ist hier hinderlich. Eine Repräsentations- und Zeremonial-Architektur passt nicht in Hausmanns Konzept einer nach rationalen Prinzipien funktionierenden Stadt. Haussmann will einen offenen Platz mit zwölf breiten Radikalstraßen und aus verkehrstechnischen Gründen eine zusätzliche Ringstraße (die heutige Rue de Tilsitt und Rue de Presbourg), und er setzt sich bei Napoleon III. durch.
Hittorff legt also 1854 einen zweitem Entwurf für die Place de l’Étoile vor, bei dem das gesamte Programm des Triumphalforums entfällt: Auf den weiten jetzt offenen Platz mit dem unbekrönten Arc de Triomphe führen sternförmig 12 symmetrisch angeordnete große Avenuen. Es bleibt aber das Problem einer angemessenen Einfassung des Platzes.
Abb. 18: Entwurf Hittorffs für die Place de l’Etoile von 1854
Durchsetzen kann sich Hittorff dabei mit dem Bau gleichmäßig gestalteter dreigeschossiger Hôtels, großbürgerlicher Wohnungen, die den Platz umgeben und deren Eingänge an der Ringstraße liegen. Diese Hôtels, die er zusammen mit Rohault de Fleury entwirft, bilden mit ihren diskret gebogenen Fassaden, die sich „durch klare Gliederung und vornehme Zurückhaltung auszeichnen“ (Karl Hammer) und ihren Vorgärten mit einheitlichen Gittern einen weitgefassten kreisförmigen, dekorativen Rahmen um den dominanten, massigen Triumphbogen in seinem Zentrum.
Abb. 19: Blick auf die Place l’Étoile, nach einer Zeichnung von M.Wibaille 1857
„In glücklich gewählten Proportionen treten sie gegenüber dem ins Riesenhafte gesteigerten Triumphbogen zurück. Sie sind nach dem Grundsatz vollkommener Gleichartigkeit angelegt, in Haustein ausgeführt, mit Pilastern, Balustraden, vorspringenden Gesimsen, Karniesen und anderen Ornamenten geschmückt, die einem antikisch neubelebten und modisch werdenden Neo-Louis-Seize-Stil entstammten.“ [12]
Abb. 20: Fassade eines der hôtels der Randbebauung. Zeichnung von 1870
Abb. 21: Detail der Fassade.
Über diese Randbebauung kommt es wiederum zu einer Auseinandersetzung zwischen Hittorff und Hausssman, der größere Bauten um den Platz errichten will, weil sie seiner Ansicht nach „besser im Einklang mit den kolossalen Massen des Platzes und seines Denkmals stehen“ [13]. Er kann sich aber in diesem Punkt bei Napoleon III. nicht durchsetzen. Hittorf überzeugt den Kaiser, dass höhere Einzelbauten die Wirkung des Triumphbogens beeinträchtigen würden. „L’Empereur qui avait un culte presque superstitieux pour la mémoire de son oncle Napoléon Ier et un respect poussé à l’extrême pour tout ce qui s’y rattachait, se rendit de suite à cette observation“ („Der Kaiser, der eine fast abergläubische Verehrung für das Andenken seines Onkels Napoleon I. und einen bis zum Äußersten getriebenen Respekt für alles, was damit zusammenhing, hatte, gab sich dieser Betrachtung sofort hin“) [14].
Abbildung 22: Wolf Jöckel
Vielleicht hat auch der Mäanderfries des Arc de Triomphe, den Hittorff für seine Randbebauung übernommen hat, Wirkung gezeigt…. Haussmann muss sich jedenfalls fügen und rächt sich, indem er „die in seinen Augen proportionslosen Häuserfassaden […] durch dichte Baumanpflanzungen verdeckt.“ [15]
Auch wenn Hittorff sich mit seinem Napoleon-Forum nicht durchsetzen konnte, so gelang es ihm doch, durch bewusste Gewichtung der Baumassen und durch die angemessenen Proportionen der Randbebauung die Wirkung des Triumphbogens nicht nur zu bewahren, sondern noch zu steigern, der damit zugleich Auftakt und Schlussakkord der Avenue des Champs -Élysées wurde.
Abb. 23: Modell der Place de l’Étoile nach seiner derzeitigen Umgestaltung
Hittorff hat das geschichtliche Potential des Platzes und die Wirkungskraft des Triumphbogens besser verstanden als Haussmann, der die Platzgestaltung in seinen Memoiren als eine der größten Leistungen seiner Amtszeit für sich reklamierte. Für Haussmann war der Triumphbogen nicht mehr als eine Aussichtsplattform, von der aus wie auf einem Plan die von ihm beanspruchte Neustruktuierung der Stadt gesehen werden konnte: „Cette belle ordonnance, que je suis très fier d’avoir su trouver, et que je considère comme une des œuvres les mieux réussies de mon administration, apparaît dans son ensemble, comme sur un plan, du haut de l’Arc de Triomphe, où montent beaucoup plus d’étrangers que de Parisiens.“ („Diese schöne Anordnung, auf die ich sehr stolz bin und die ich als eines der erfolgreichsten Werke meiner Verwaltung betrachte, wird in ihrer Gesamtheit, wie auf einem Plan, sichtbar von der Spitze des Triumphbogens, auf den viel mehr Ausländer als Pariser hinaufsteigen.“)[16]
Die Symbolkraft des Triumphbogens, die sich schon, wie wir gesehen haben, bei den verschiedenen Festakten gezeigt hatte und bei historischen Ereignissen offenkundig wurde, zeigte sich in hohem Maße, als das Monument der napoleonischen Siege mit der Einweihung des Grabmals für den unbekannten Soldaten aus dem I. Weltkrieg am 11. November 1920 zur säkularen Weihestätte der ganzen Nation mutierte.
Auf seinem Grab brennt seit dem 11. November 1923 die ewige Flamme, täglich in einer Zeremonie („Ravivage de la Flamme“ = „Wiederbelebung der Flamme“) symbolisch neu entfacht.
Abb. 24: Präsident Macron entzündet die ewige Flamme am Grab des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe
Literatur:
M. Christine Boyer: The City of Collective Memory: Its Historical Imagery and Architectural Entertainments. MIT Press, 1994
Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart. Auch zugänglich unter: https://perspectivia.net//publikationen/phs/hammer_hittorff
Georges Eugène Haussmann, Mémoires du baron Haussmann III; Grand Travaux de Paris. Paris, Victor-Havard, Éditeur, 1890; 2. Édition 1893
Bruno Klein: Napoleons Triumphbogen in Paris und der Wandel der offiziellen Kunstanschauungen im Premier Empire, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 59. Bd., H. 2 (1996), pp. 244-269
Benjamin Marquart: Napoleon I.: Revolutionär, Kaiser, Medienstar; in: Spektrum Spezial Archäologie – Geschichte – Kultur4/2019 Helden
Salvatore Pisani: Architektenschmiede Paris – Die Karriere des Jakob Ignaz Hittorff. De Gryter Oldenburg, 2022
Helke Rausch. Kultfigur und Nation: Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2014
Uwe Westfehling: J. I. Hittorffs Pläne für ein Denkmalforum in Paris. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Vol. 36 (1974), pp. 273-294 (22 pages); https://www.jstor.org/stable/24657147
Abb. 2: Jules-Frédéric Bouchet (1799-1860) L’Arc de Triomphe et la Barrière de l’Étoile, 1837 (https://lilasbleu.livejournal.com …) und facebook: John d’Orbigny Immobilier, 4 octobre 2016)
Abb. 8: Étienne Achille Réveil: Façade principale de l’Arc de triomphe de l’Etoile avec le projet de couronnement exécuté aux fêtes de Juillet 1838(Ausschnitt); Bildquelle: BnF/Gallica
Abb. 10: Hittorff, Jakob Ignaz, Entwurf für ein Denkmalsforum auf der Place de l‘ Étoile, Gesamtansicht, 15.06.1853. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Pl. E. 2. Rheinisches Bildarchiv Köln, Walz, Sabrina, Reproduktions-Nr: rba_c020402
Abb. 11: Kat.-Nr. 277 (Ausschnitt) Hittorff, Jakob Ignaz, Entwurf für ein Denkmalsforum auf der Place de l‘ Étoile, Gesamtansicht, 15.06.1853. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, Inv.-Nr. Pl. E. 2. Rheinisches Bildarchiv Köln, Walz, Sabrina, Reproduktions-Nr: rba_c020402 (Ausschnitt)
Abb. 12: Großer Torbogen für die Champs-Élysées; Köln, Wallraf-Richartz-Museum
Abb. 13: Kleiner Torbogen für die Rue du Bel Air; Köln, Wallraf-Richartz-Museum
Abb. 14: Porte de Saint-André à Autun – La face opposée (Cologne, bibliothèque universitaire). par Hittorff 1822
Abb. 15: Paris, ancienne barrière du Trône, ZVAB
Abb. 16: Funérailles de l’Émpereur Napoléon – Passage du Char funèbre aux Champs-Élyséss le 15 Decembre 1840 (Musée Carnavalet, Histoire de Paris)
Abb. 17: Funérailles de Victor Hugo, le catafalque sous l’Arc de triomphe, par Georges François Guiaud (Musée Carnavalet)
Abb. 19: Vue de la Place l’Étoile, projetée d’après un dessin de M.Wibaille, architecte, 1857 (Le Monde illustré, Vol. 1 (Apr.-Dec. 1857)
Abb. 20: Abbildung aus: Maisons les plus remarquables de Paris construites pendant les trois dernnières années par Messieurs … Architectes…, Paris, 1870
Abb. 21: Fassadendetail. Foto: Wolf Jöckel
Abb. 22: Mäanderfries der Randbebauung Hittorffs. Foto: Wolf Jöckel
[1] Helke Rausch. Kultfigur und Nation: Öffentliche Denkmäler in Paris, Berlin und London 1848-1914, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2014
[2] „Die Hand im Rock/in der Weste“ galt in der Antike als Zeichen sittlicher Tugend. Bei Napoleon wurde die Geste zu einem politischen Symbol des kontrollierten, besonnenen Herrschers stilisiert.
[4] zitiert nach: Bruno Klein: Napoleons Triumphbogen in Paris und der Wandel der offiziellen Kunstanschauungen im Premier Empire, Zeitschrift für Kunstgeschichte, 59. Bd., H. 2 (1996), pp. 244-269
[6] Benjamin Marquart: Napoleon I.: Revolutionär, Kaiser, Medienstar; in: Spektrum Spezial Archäologie – Geschichte – Kultur4/2019 Helden
[7] Abbildungen dazu in: Manuscrit et description graphique de l’Arc de Triomphe de l’Etoile, par Jules-Denis Thierry, 1er inspecteur du monument, 1836
[8] Uwe Westfehling: J. I. Hittorffs Pläne für ein Denkmalforum in Paris. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, Vol. 36 (1974), pp. 273-294 (22 pages); https://www.jstor.org/stable/24657147
[9] Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.
[13] Karl Hammer: Jakob Ignaz Hittorff – Ein Pariser Baumeister 1792-1867. Pariser Historische Studien; hrsg. Deutsches Historische Institut in Paris, Band 6, 1968, Anton Hirsemann, Stuttgart.
[14] zitiert nach Karl Hammer, ebd. und eigene Übersetzung
[16]Mémoires du baron Haussmann III; Grand Travaux de Paris; Le Plan de Paris, Chapitre III, p. 76. Paris, Victor-Havard, Éditeur, 1890; 2. Édition 1893.Book digitized by Google from the library of the New York Public Library and uploaded to the Internet Archive by user tpb.
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