Le potager du roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.

Versailles: Das ist natürlich das Schloss Ludwigs XIV. mit seinem geschichtsträchtigen Spiegelsaal und natürlich der Park mit seinem grand canal und den grandes eaux, seinen wunderbaren Springbrunnen und Bosquets, dem großen und kleinen Trianon…. Ein grandioser Ort, der aber, wie ich finde, etwas unter seinen Superlativen leidet: zu groß, zu prächtig und vor allem auch: zu viele Besucher. Darüber darf man sich eigentlich nicht beklagen, weil man ja selbst dazu gehört. Aber es ist doch ein sehr begrenztes Vergnügen, sich eng gedrängt durch die Räume des Schlosses zu schieben. Einmal habe ich allerdings im Spiegelsaal gewartet bis zum Ende der Besuchszeit. Und bevor ich schließlich auch eindringlich  herauskomplimentiert wurde, konnte ich den grandiosen Raum ohne Touristen fotografieren! Aber das sind außergewöhnliche, eher  illusionäre Momente.

Spiegelsaal  (59)

Natürlich sollte man Versailles –trotz alledem-  wenigstens einmal auch von innen gesehen haben. Aber  in diesem Bericht kann ich es getrost auslassen. Denn Bücher und Reiseführer zu Versailles gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man keinen Jöckel‘schen Aufguss.  (Sehr empfehlen kann ich übrigens das Buch von William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin 2010).

Lassen wir hier also das Schloss und den Park beiseite. Denn Versailles hat ja noch mehr zu bieten als das. Zum Beispiel den königlichen Obst- und Gemüsegarten, den  potager du roi. Und der ist immerhin –neben Schloss und Park- auch Teil des Weltkulturerbes Versailles- und in einem neueren Paris-Reiseführer, den Freunde kürzlich dabei hatten, war er sogar als „Geheimtipp“ vermerkt. Schert man allerdings –mit dem RER in Versailles angekommen- aus der Masse der zum Schloss strömenden Besucher aus, um  –in entgegengesetzter Richtung- zum  Potager du Roi zu gehen, muss man damit rechnen, von freundlich-besorgten Einheimischen angesprochen zu werden, die einem zu verstehen geben, dass man sich doch offensichtlich in der Richtung geirrt habe. Wenn man dann aber zu verstehen gibt, dass man doch wohl genau auf dem richtigen Weg sei, nämlich zum Potager du Roi, dann wird das mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. So ist es uns jedenfalls einmal passiert.

Von Ludwig XIV. weiß man, etwa durch die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, der Frau des jüngeren Bruders des Königs, dass dieser –vorsichtig ausgedrückt- ein guter Esser war. „J’ai vu souvent le roi manger quatre pleines assiettes de soupes diverses, un faisan entier, une perdrix, une grande assiette de salade, deux grandes tranches de jambon, du mouton au jus et à l’ail, une assiette des pâtisserie et puis encore du fruit et des oeufs durs.“ Besonders beliebt waren bei Ludwig XIV. Erbsen, Artischocken, Spargel und Salate und beim Obst Birnen, Erdbeeren, und schließlich vor allem Feigen.  Damit das alles immer frisch auf seinen Tisch kommt, beauftragte er den Direktor der königlichen Früchte- und Gemüsegärten, Jean-Baptiste La Quintinie, einen neuen Garten anzulegen. Das dafür vorgesehene Gebiet –außerhalb, aber in der Nähe des Schlossparks- war, wie ja auch das gesamte Parkgelände- für eine solche Verwendung eigentlich überhaupt nicht geeignet: Es war ein sumpfiges, übel riechendes und deshalb „étang puant“ genanntes Gelände. Gewaltige und kostspielige Arbeiten, die sich über fünf Jahre von 1678 bis 1683 hinzogen, waren deshalb notwendig: Das Gelände musste entwässert werden, wofür das große Wasserbecken „des Suisses“ im Süden der Orangerie angelegt wurde. Zuständig dafür war –ebenso wie für die Bauten des Gartens- der Schlossarchitekt Jules Hardouin-Mansart. Die künftige Gartenfläche  wurde  zunächst mit einem jeweils leicht geneigten Geflecht von Steindrainagen überzogen, um Staunässe zu verhindern. Darüber kam dann der Aushub des pièce d’eau des Suisses. Weil das aber kein geeigneter Boden für einen königlichen Obst- und Gemüsegarten war, wurde tonnenweise einigermaßen fruchtbare Erde von den  Hügeln von Satory herangeschafft: Dort wurde nämlich gleichzeitig ein großes Wasserreservoir gegraben –  ein kleiner Teil der gewaltigen hydraulischen Arbeiten („travaux pharaoniques“), um den notwendigen Wasserdruck und die notwendige Wassermenge für die Unterhaltung der Brunnen und Fontänen im Park von Versailles sicherzustellen (1871 wurden dort übrigens tausende von Communarden,  u.a. Louise Michel,  monatelang unter freiem Himmel interniert, von denen viele starben). Für die Bodenverbesserung sorgten schließlich auch die etwa 5000 Arbeitspferde, die für den gleichzeitigen Bau des Schlosses eingesetzt wurden, und danach lieferten die 2000 Pferde in den königlichen Ställen von Versailles immer  Dünger im Überfluss. Dass Ludwig XIV. ausgerechnet an dieser Stelle seinen Park und seinen Gemüsegarten anlegen ließ – und wie er bis in die Einzelheiten gestaltet war- ist Ausdruck der Souveränität des Sonnenkönigs, dessen größtes Vergnügen es war, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch in Frankreich sehr verbreitet ist, wie der breite Widerstand gegen jede Abgabe von Souveränität an europäische Instanzen zeigt.

Der Garten ist in barocker geometrischer Strenge um ein kreisrundes grand bassin  gruppiert, das mit seinem hohen Springbrunnen die Mitte des Gartens markiert und gleichzeitig auch als Reservoir für die Bewässerung fungierte.

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Um den inneren Garten herum waren 29 weitere, von hohen Mauern umschlossene Obstgärten angelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass es zwischen 1800 und 2500 Obstbäume zur Zeit von La Quintinie gab –  vor allem Birn- und Apfelbäume.

LE POTAGER DU ROI (VERSAILLES) FRANCE

Vue perspective du potager royal de Versailles. Dessin de P. Aveline l’Ancien, extrait des Vues des belles maisons des environs de Paris édité par Langlois, 1685.

12 dieser Obstgärten gibt es heute noch. Und darinnen 160 Apfel-  und  140 Birnensorten! Dazu kommen noch andere Obstsorten wie Quitten oder Pfirsiche.  Und wie im Schlosspark wurde auch hier die Macht des Königs über die Natur demonstriert:  Fast alle Bäume waren in höchst kunstvoller, aber auch höchst unnatürlicher Weise beschnitten, mussten sich also dem menschlichen/königlichen Willen fügen. Ziel war aber vor allem ein doppelter Genuss: Ein Genuss für die Augen beim Betrachten des Gartens und ein Genuss für den Geschmack beim Verzehr seiner Produkte. Die mögliche Quantität des Ertrags wurde also – trotz der erheblichen vom Hof erwarteten Mengen- durch das radikale Beschneiden der Bäume und die Entfernung von Fruchtständen  ganz  erheblich reduziert. (Und immerhin blieben auf diese Weise waghalsige Klettertouren auf Leitern und Bäumen den königlichen Gärtnern –anders als uns normalen Hobbygärtnern- erspart).  Großen Wert legte La Quintinie auch darauf, das in Reih und Glied angepflanzte Spalierobst so anzuordnen, dass die Bäume jeweils optimaler, aber doch auch unterschiedlicher Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Auf diese Weise wurde die Erntephase erheblich ausgedehnt, wozu natürlich auch die Sortenvielfalt beitrug. Wichtig war dabei vor allem,  schon „vor der Zeit“  Obst und Gemüse ernten zu können. Dies galt besonders für die von Ludwig XIV. geliebten und in Massen vertilgten Feigen. Eigentlich waren ja Erdbeeren die Lieblingsfrüchte des Sonnenkönigs gewesen. Das waren allerdings nicht die heutigen Gartenerdbeeren., die  erst im 18.Jahrhundert u.a. auf der Grundlage der von französischen Siedlern in Kanada entdeckten Scharlach-Erdbeere gezüchtet wurden. Die Erdbeeren auf der Tafel des Sonnenkönigs waren dagegen Abkömmlinge der Walderdbeeren, die zwar sehr süß, aber ziemlich klein waren. Im Garten La Quintinies gab es davon 6 verschiedene  Sorten, die man auch heute noch im Potager du Roi finden kann. In der Corrèze werden sie übrigens, worauf mich unsere Freundin Marie-Christine hingewiesen hat, unter dem Namen „mara des bois“ verkauft.

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Allerdings entwickelte Ludwig  XIV. plötzlich eine heftige Allergie gegen Erdbeeren, so dass ihm sein Leibarzt Fagon 1709 deren Verzehr  untersagte.  Die Alternative auf der königlichen Tafel waren Feigen, an denen der König immer mehr Gefallen fand.  Also wurde nach dem Muster der „Orangerien“ auch eine „Figuerie“ im Potager du Roi eingerichtet, in der die in großen Kübeln gepflanzten Feigenbäume überwintern konnten.  Insgesamt waren es dann mehr als  700 Feigenbäume, die dem König und seiner Tafel pro Tag  4000 (!) Feigen mit so schönen Namen wie Grosse-Jaune, Grosse-Blanche, Gross-Violette, Verte oder Angélique lieferten. In seinem bis auf den heutigen Tag grundlegenden Gartenbuch, das La Quintinie hinterlassen hat, schreibt er über die Feige:

La bonne figue est donc celui de tous les fruits qui parmi nous mérite d’avoir la meilleure place en espalier (dans les pays chauds, elle en  pourrait être incommodée), mais pour juger de son extérieur et de son mérite, et par conséquent de l’estime qui lui est due, il n’y a qu’à voir le mouvement des épaules et des sourcils de ceux qui en mangent, et voir aussi la quantité qu’on en peut manger sans aucun péril à l’égard de la santé.“ (Instruction pour les jardins fruitiers et potagers, Arles 1999, S.432, zit. bei Baraton, S. 173)

Von den Feigen konnte der Sonnenkönig also so viele essen wie er wollte, ohne gesundheitliche Beschwerden fürchten zu müssen. Heute gibt es nur noch wenige Feigenbäume im Potager du Roi. Aber auf dem Gelände der ehemaligen Figuerie ist derzeit ein schönes künstlerisch gestaltetes Feld mit Getreide und Wildblumen angelegt.

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Gegessen wurde ja, wir hörten das schon von Liselotte von der Pfalz, reichlich an der königlichen Tafel. Ludwig XIV. verschlang die Feigen, und Obst spielte ganz allgemein eine bedeutende Rolle: Frankreich war damals noch nicht das Land der kunstvollen desserts, und jede Mahlzeit, auch jede noch so festliche, wurde mit einem Angebot an Früchten abgeschlossen. Deren Qualität hat La Quintinie ständig zu verbessern versucht- durch Veredelung natürlich, aber auch durch spezielle, den jeweiligen Obstsorten und ihrem Standort im Garten angepasste Spalier- und Schnitttechniken. Noch heute gibt es über 60 verschiedene Spalierformen im potager du roi, der  nicht nur Übungs- und Experimentierfeld für die angeschlossene angesehene Gartenbauschule ist (École nationale supérieure du paysage), sondern auch ein Ort, an dem die große Tradition französischer Nutzgartenkunst weiter gepflegt wird.

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Pfirsichspalier in der Form „cordon vertical ondulé double“

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Spalier in Fächerform (eventail)

Bevorzugtes Spalierobst waren übrigens bei Ludwig XIV. die Birnen. Die hatten nämlich gegenüber den Äpfeln den Vorteil, dass sie als edler galten und vor allem: dass sie weicher waren. Denn das Gebiss des Königs ließ mit zunehmendem Alter zu wünschen übrig, da waren reife, weiche Birnen gerade das Richtige für ihn.

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Das klassische Spalier für die Birnbäume war die „palmette horizontale Legendre à cinq branches“, also ein Birnbaum, von dem nach beiden Seiten jeweils fünf horizontale Äste abzweigen. Diese Spalierform fasst bis heute noch zahlreiche Gemüsebeete ein. Und fters gibt es auch die palmette  mit jeweils drei horizontalen Armen, und zwar vor allem bei Spalieräpfeln.

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Die Birnbäume stammen zwar nicht mehr aus der Zeit Ludwigs XIV., aber 100 Jahre alt sind sicherlich einige von ihnen.

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Das Gemüse wurde und wird in den um das „grand bassin“ gruppierten Gärten, dem Grand Carré, angebaut. Sie sind  z.T. mit Blumen- z.T. auch mit Sauerampfer-Rabatten und niedrig gehaltenem Spalierobst umrahmt. Die meisten Beete werden jährlich neu bepflanzt, u.a. mit den zu Zeiten des Sonnenkönigs  besonders modischen Erbsen.

Erbsen gibt es derzeit gleich unterhalb der Statue La Quintinies – und zwar eine  besonders schöne Sorte mit violetten Schoten. Ein verdienter Ehrenplatz!  1660 präsentierte nämlich der Mundschenk der comtesse de Soissons dem  gerade frisch vermählten Ludwig XIV.  grüne Erbsen, die er aus Italien mitgebracht hatte. Der König, seine junge Gemahlin und Kardinal Mazzarin probierten die Neuheit und Kostbarkeit, die  à la française, also mit weißer Soße, zubereitet war. Ludwig geruhte entzückt zu sein. Sobald danach die Saison der Erbsen begann, ließ sich der König einen ganzen Teller davon servieren, den er verschlang. Zwar war er die Nacht danach krank, aber das hielt ihn nicht davon ab, im nächsten Jahr sich wieder über die grünen Erbsen herzumachen.  Das war der Beginn der Erbsenmode, die am ganzen Versailler Hof Furore machte, und zwar ziemlich nachhaltig, wie aus einem Bericht der Madame de Sévigné von 1696 hervorgeht:

« Le chapitre des pois dure toujours: l’impatience d’en manger, le plaisir d’en avoir mangé, et la joie d’en manger encore, sont les trois points que nos princes traitent depuis quatre jours. Il y a des dames qui après avoir soupé avec le roi, et bien soupé, trouvent des pois chez elles pour manger avant de se coucher, au risque d’une indigestion : c’est une mode, une fureur, et l’une suit l’autre »

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Wer also etwas auf sich hielt am Hof des Sonnenkönigs, der verzehrte selbst nach einem ausgiebigen Mahl –gewissermaßen als „Betthupferl“-  noch einige Erbsen – drohenden Verdauungsstörungen zum Trotz…. Dass Erbsen etwas für feine Leute sind, hat sich übrigens anscheinend noch lange im kollektiven Bewusstsein erhalten. Denn noch 1841 geben Balzac und Arnould Frémy in ihrer „Physiologie du Rentier de Paris et de Province“ als eines der „Axiome“ des typischen Rentiers wieder, man müsse die Erbsen mit den Reichen und die Kirschen mit den Armen essen (“Il faut manger les petits pois avec les riches, et les cerises avec les pauvres“).

Neben Erbsen hatten es auch die damals ebenfalls exotischen Artischocken und dann vor allem der Spargel dem König angetan. Speziell für ihn  wurde der Potager du roi  nachträglich  noch erweitert: Ein zusätzlicher, spezieller Spargel-Garten wurde angelegt, ein „clos aux asperges“, der heutige Jardin Duhamel de Monceau.,  etwas versteckt im hinteren südlichen Teil des Potager du Roi neben dem Parc Balbi gelegen.  La Quintinie ließ die Spargelfelder – wie auch die Gemüsebeete- teilweise mit Frühbeetfenstern und Glasglocken abdecken, um die Sonne zu verstärken- so wie man das auf dem zwischen 1875 und 1890 entstandenen Gartenbild von Gustave Caillebotte sieht.

Caillebotte

Zum Schutz vor der Winterkälte wurden auf den Spargelfeldern Strohteppiche und warmer Pferdemist verwendet, der mehrmals am Tag erneuert wurde!  Und der Erfolg war überwältigend: Wie vom König gewünscht gab es pünktlich zu Weihnachten auf der königlichen Tafel Spargel, und  La Quintinie konnte in seinem Gartenbuch stolz feststellen, es sei ihm auf diese Weise als Erstem gelungen, „pour donner au plus grand roi du monde un plaisir qui lui était inconnu.“ Und damit nicht genug der Freuden: War doch der Spargel eine „Einladung zur Liebe“, wie Madame de Maintenon feststellte. Und die musste es ja wissen. Allerdings nur mittelbar. Denn Frauen war wegen der ihm zugeschriebenen aphrodisierenden Wirkung der Genuss des Spargels verwehrt!

Um den zentralen Garten herum wurde schließlich noch eine breite  Terrasse gebaut, damit der Sonnenkönig mit Wohlgefallen  seinen Garten und die Arbeit seiner emsigen Gärtner überblicken konnte; wenn  die Sonne einmal nicht schien,  sogar von der Kutsche aus. Den nicht standesgemäßen Gärtnern war der Zugang zur Terrasse allerdings verwehrt.  Heute steht dort auf einem Podest verdientermaßen La Quintinie mit den Attributen seines Metiers. Aber der war ja auch kein ordinärer Gärtner.

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La Quintinie war von Hause aus nämlich Rechtsanwalt. Wegen seiner umfassenden Bildung wurde er von dem Präsidenten des noblen „Cour des comptes“ mit der Erziehung seines Sohnes beauftragt, mit dem er eine Bildungsreise nach Italien unternahm. Dabei entdeckte La Quintinie die italienische Gartenkunst, die ihn so begeisterte, dass er hier seine eigentliche Berufung sah. Und da in dieser Zeit  in Paris Stadtpaläste (hôtel particulier) und im Umkreis der Stadt Schlösser für den Adel in Hülle und Fülle gebaut wurden, gab es Aufträge genug. Der „Finanzminister“ Ludwigs XIV., Nicolas Fouquet, holte La Quintinie zusammen mit den „drei großen Ls“,  Le Nôtre, Le Vau et Le Brun nach Vaux le Vicomte. Als Fouquet dann 1661 in Ungnade fiel, requirierte Ludwig XIV. das gesamte „team“ für sich. La Quintinie wurde zum Verwalter des königlichen Obst- und Gemüsegartens in Versailles und schließlich sogar zum   « directeur des jardins fruitiers et potagers de toutes les maisons royales » ernannt und geadelt: Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Gartenkunst bei dem Sonnenkönig hatte. Als La Quintinie 1688 starb, bekannte Ludwig XIV. der Witwe:  « Madame, nous avons fait une grande perte que nous ne pourrons jamais réparer. »

Ludwig XIV. liebte es denn durchaus auch,  seinen Garten auf Augenhöhe zu betrachten oder ihn stolz exquisiten Gästen wie dem Dogen von Venedig oder dem Botschafter von Siam von der umgebenden Terrasse aus zu zeigen.

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Für den königlichen Besucher gab es einen ganz speziellen  Seiteneingang:  Ludwig XIV. konnte  von seinem Schloss über die  Treppen der 100 Stufen (Escaliers des 100 marches) zur Orangerie heruntergehen und von dort aus über die Allée de la Piece d’eau des Suisses direkt durch die vergoldete und mit den Insignien des Königs versehene „Grille du Roi“  den Garten betreten:  Es ist übrigens das einzige noch erhaltene ursprüngliche Tor des gesamten Schlosskomplexes von Versailles.

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Ein weiteres –im Moment ja gerade „aktuelles“-  Beispiel für das große hochherrschaftliche Wohlwollen, dessen sich Gemüse  und –besonders exotisches- Obst in diesen Zeiten erfreute, ist ja auch Friedrich der Große – dem es besonders die Melonen angetan hatten, so dass er eigens eine „Melonerie“ errichten ließ. Und eine Orangerie gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung eines absolutistischen Hofes und manchmal sogar eines Klosters, wofür das auf die Zeit Karls des Großen zurückgehende Kloster Seligenstadt am Main ein schönes Beispiel ist: In der dortigen Orangerie wurden vor allem Ananas gezüchtet, mit denen die Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Rang kulinarisch zum Ausdruck brachten und sich und  ihre Gäste verwöhnten.

Sehr lohnend ist in diesem Zusammenhang auch ein Besuch im Louvre: Dort hängen die vier wunderbaren Jahreszeiten-Portraits, die  Archimboldo 1573 für Kaiser Maximilian II. malte. Der besaß schon eine solche Serie und war so angetan davon, dass er als Geschenk für den sächsischen Kurfürsten eine weitere in Auftrag gab, die seit 1969 als einzige vollständig erhaltene Jahreszeiten-Serie Archimboldos im Louvre ausgestellt ist.

Hier wird auch sehr anschaulich, dass ein Obst- und Gemüsegarten in jeder Jahreszeit seine Reize hat. Den Potager du Roi kann man von April bis Oktober besuchen, und das lohnt sich immer. Natürlich im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen und man die Gärtner bei den Pflanzarbeiten auf den Gemüsebeeten beobachten kann; aber auch im Sommer, wenn die Wildblumen auf der ehemaligen Figuerie und die Blumen auf den Rabatten blühen.

Dann zeigen sich auch die Gemüsebeete in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt. Da gibt es das Carrée für verschiedene alte und neue Erdbeer-Sorten, ein Carrée für alte aromatische Pflanzen, ein Carrée für Artischocken und Spargel usw.  Und  natürlich lohnt ein Besuch  im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen an den Spalieren leuchten

In dem früheren Spargel-Garten werden heute keine Spargel mehr angebaut. Es gibt dort kleine Parzellen, die z.T. von Studenten der Gartenbauschule unterhalten werden, z.T. auch von Schulen und anderen pädagogischen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. Das ist ein völlig anderes Gelände als der geometrisch strenge Barockgarten. La Quintinie würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er seinen „clos aux asperges“ in seinem heutigen Zustand sähe, entsprechend aber auch deutsche Schrebergarten-Funktionäre. Es ist aber ein wunderbarer ruhiger Ort.

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Man hat von dort aus einen schönen Blick auf die direkt vor dem Garten gelegene Cathédrale St-Louis, in der am Vorabend der Französischen Revolution (4.5.1789) die feierliche Eröffnung der Generalstände stattfand. Ab und zu blökt mal eines der Schafe, die im hinteren Teil des Geländes weiden, oder man hört einen Specht aus dem benachbarten –aber leider geschlossenen- Parc Balbi. Unter alten Aprikosen-Bäumen gibt es ein paar alte Plastik-Tische und Stühle. Sie sehen zwar wenig einladend aus –deshalb das vorsorglich mitgebrachte Tischtuch-  aber man kann sich  ungestört hinsetzen, in Ruhe sein mitgebrachtes Picknick verzehren und es sich gut gehen lassen. Das ist ein wunderbarer Abschluss eines Besuchs im Potager du Roi.

Bevor man den Garten verlässt, sollte man sich noch etwas in der kleinen Boutique am Eingang bzw. Ausgang des Gartens umsehen. Dort gibt es nämlich Kostproben von den jeweils 400 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, die noch heute im Potager du Roi angebaut werden.

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Praktische Hinweise:

10, rue du Maréchal-Joffre    Ab Paris RER C Richtung Versailles-Rive Gauche/Château; .Zugbezeichnung VICK

Die Fahrkarten kann man  an jeder Metro-Station in den Automaten kaufen und sie gelten für Metro und RER. Unbedingt empfehlenswert ist es, in Paris schon Rückfahrkarten zu kaufen- es gibt keine speziellen Hin- und Rückfahrkarten- denn nachmittags gibt es im Bahnhof von Versailles oft riesige Schlangen vor den  Fahrkartenautomaten oder Schaltern.

Vom Bahnhof ca 10 Minuten Fußweg zum Potager: Aus dem Bahnhof links die Avenue du Général -de-Gaulle bis zur Rue des Tournelles- rechts ab. Voilà!

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Öffnungszeiten: April bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr.  Eintrittspreis unter der Woche 4.50 €, an Wochenenden 7 €. Beim Kauf der Eintrittskarten sollte man sich den Flyer mit Informationen zum Garten und einem Plan geben lassen.  An Wochenenden und Feiertagen sind auch kommentierte Führungen um 11, 14.30 und 16.00 Uhr im Eintrittspreis eingeschlossen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man findet sich einfach zum entsprechenden Zeitpunkt an der Statue La Quintinies ein.

Aktuelle Informationen über die Geschichte und die künftige Entwicklung des Gartens findet man in dem Pressedossier der Ecole nationale supérieure de paysage, zu der der Potager du Roi gehört: Actions et investissement pour la conservation et la valorisation du Potager du Roi. 16. Oktober 2019. http://www.ecole-paysage.fr/media//ensp_fr/UPL1652196911725588501_DPactionsENSPpourPDR161019web.pdf   Kurzfassung:  http://www.potager-du-roi.fr/site/potager/Conservation-du-Potager-du-Roi-un-etat-des-actions-et-investissements-en-octobre-2019.htm

Anlass dieses Dossiers ist eine am 4. Oktober 2019 im Figaro erschienene  enquête mit dem bezeichnenden Titel: À Versailles, la lente agonie du Potager du roi  –  eine massive Kritik am derzeitigen Zustand des Gartens. Zur weiteren Diskussion siehe: Marc Menessier,  le Potager du roi est bel et bien en péril. Le Figaro répond aux dénégations des responsables de ce site historique «mal mené et malmené». Le Figaro vom 30.10.2019 https://www.lefigaro.fr/jardin/versailles-le-potager-du-roi-est-bel-et-bienen-peril-20191030 und eine Gegenposition eines Kollektivs französischer und italienischer Landschaftsgärtner: Les défis de la restauration du Potager du roi à Versailles. Un collectif craint que les critiques dont fait l’objet le jardin royal n’aient pour objectif d’en dénaturer la Mission afin d’en faire un lieu touristique. In: Le Monde vom 19./20. Januar 2020

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„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles

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Milly-la-Forêt: Jean Cocteau, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely

Für einen Besuch von Milly-la-Forêt benötigt man ein Auto. Von Paris ist man in einer Stunde in Milly. Wenn man zeitig losfährt, kann man am späten Vormittag die Kapelle von Cocteau ansehen, dann eine kleine Mittagspause am Marktplatz von Milly machen, so dass  am Nachmittag  genug Zeit ist für den Cyklop und für einen Spaziergang in den nahe gelegenen Forêt de Fontainebleau hat.

Die Chapelle Saint-Blaise-des-Simples von Jean Cocteau

Die kleine Kapelle Saint-Blaises-des-Simples, stammt aus dem 12. Jahrhundert und war, außerhalb der Stadt gelegen, Teil einer von Tempelrittern erbauten Anlage zur Pflege von Leprakranken- die Krankheit war von Teilnehmern der Kreuzzüge nach Europa gebracht.

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Der heilige Blasius, dem die Kapelle geweiht war – seine Reliquien liegen in St. Blasien in der Schweiz-,  hatte der Legende nach Tiere und Menschen gepflegt und geheilt.  Das  Hospital von Milly-la-Forêt verwendete als Arzeneimittel Heilpflanzen, wie sie in der Natur vorkommen –deshalb auch „simples“ genannt- die  in dem zur Kapelle gehörenden Garten angebaut wurden. Dieser Garten ist inzwischen wieder als Kräutergarten eingerichtet und man liest mit Erstaunen, wie vielfältige Wirkungen die Kräuter haben können.

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1958 wurde die Kapelle, die allein von der mittelalterlichen Hospital-Anlage erhalten ist, von Jean Cocteau ausgemalt, der sich 1947 auf der Flucht vor der Sittenpolizei, der „Brigade Mondaine“, mit seinem Freund, dem Schauspieler Jean Marais, hierhin zurückgezogen hatte. Hier fand er, nach seinen eigenen Worten, „la  chose la plus rare du monde: un cadre“. In den Boden der Kapelle ist der Grabstein des am 11. Oktober 1963 verstorbenen Künstlers eingelassen, der hier bestattet wurde; anstatt eines Altars gibt es eine Bronzebüste des Cocteaus: Angefertigt von Arno Breker, der –von den Nazis zunächst als zu avantgardistisch und frankophil abgelehnt- zum  Starbildhauer des Dritten Reichs avancierte!

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Breker hatte Cocteau 1924 bei seiner ersten Paris-Reise kennen gelernt und war in Frankreich, wo  er von 1927 bis 1934 lebte,  hoch geschätzt: Aristide Maillol bezeichnete seinen  Freund Breker sogar als „den deutschen Michelangelo des 20. Jahrhunderts“ und Salvadore Dali meinte, Breker sei der einzige Bildhauer seiner Zeit.  der Portraits modellieren könne, wozu übrigens auch die heroische Büste Adolf Hitlers gehörte!  1942 versammelte sich viel deutsche und französische Prominenz  bei der großen Pariser Breker-Ausstellung in der Orangerie im Tuilerien-Garten.

Die Kapelle ist im typischen Cocteau’schen Stil ausgemalt.

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Der wiederauferstandene Christus

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Neben der Signatur gibt es diese schöne Katze, die -nach Cocteaus eigenen Worten- „wie von einem Kind gemalt“ ist. „Dans le style des farces des églises médiévales: chat-pelle“.  (Zitiert in Dominique Mamy, Jean Cocteau, Le roman d’un funambule)

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Die Motive, die Cocteau für die Ausgestaltung der Kapelle wählte, sind  vor allem die „simples“, die Heilpflanzen, und da vor allem wiederum eine besondere Minze, die berühmte „menthe poivrée“,  die für Milly-la-Forêt eine besondere Bedeutung hat.

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Wegen ihrer verdauungsfördernden Wirkung wurde die Minze  schon seit dem Mittelalter  in Milly angebaut. Der Minze-Anbau  erlebte dann im 19. Jahrhundert mit der „menthe poivrée oder Menthe de Milly“ einen regelrechten Boom: Dies ist eine spezielle Züchtung aus schwarzer und grüner Minze, die sich durch einen sehr hohen Menthol-Gehalt, also durch besondere Frische, auszeichnet, gleichzeitig aber nicht –wie die gängige Pfefferminze- am Einschlafen hindert. Noch 1950 gab es in Milly 50 kleine Betriebe, in denen vor allem die menthe poivrée angebaut wurde, die natürlich auch in dem kleinen Kräutergarten der Kapelle ihren Platz hat. Darunter war auch die  1887 gegründete Firma Darégal, heute ein international tätiges Unternehmen, das  sich stolz als  „N°1 Mondial des herbes aromatiques surgelées“ bezeichnet. (http://www.daregal.com/)

Heute gibt es –jedenfalls in Milly selbst- nur noch einen Gartenbaubetrieb für Heilpflanzen, den „Herbier de Milly La Forêt“. Er betreibt am Marktplatz mit seiner großen mittelalterlichen  Markthalle ein kleines sympathisches Geschäft, wo man auch nach einem Besuch der Kapelle einen Pfefferminztee mit der echten „menthe poivrée“ von Milly kaufen und –wenn man  Glück hat- auch trinken kann.

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Gut kombinieren kann man den Besuch der Kapelle auch mit einem Rundgang durch das ehemalige Wohnhaus von Cocteau in der Nähe des Marktplatzes. Dort ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem man u.a. Cocteau-Portraits von Picasso, Buffet, Modigliani, Man Ray, Warhol und Hans Richter findet. Cocteau fand dort die Ruhe und die Natur, die ihm in Paris fehlte:

« C’est la maison qui m’attendait. J’en habite le refuge, loin des sonnettes du Palais-Royal. Elle me donne l’exemple de l’absurde entêtement magnifique des végétaux. J’y retrouve les souvenirs de campagnes anciennes où je rêvais de Paris comme je rêvais plus tard, à Paris, de prendre la fuite. L’eau des douves et le soleil peignent sur les parois de ma chambre leurs faux marbres mobiles. Le printemps jubile partout. » (Jean Cocteau – La Difficulté d’être)

 Von der Kapelle ist es aber auch nicht weit zu der in dem in der gleichen Straße gelegenen Conservatoire national des Plantes médicinale, aromatiques et industrielles, in dem insgesamt 1200 Pflanzen angebaut bzw. aufbewahrt werden. Es gibt einen Garten, eine große Trocknungsanlage, „un lieu magique“, und ein Gewächshaus für tropische aromatische Pflanzen.

Wer die Wahl hat….

Der Cyclop von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Unverzichtbar ist in Milly-la-Forêt allerdings der Cyclop der beiden Künstler Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Die sind in Paris  keine Unbekannten: Im Foyer der Bastille-Oper gibt es von beiden eine ausladende  tanzende Dame auf einer sich drehenden Weltkugel, aber vor allem gibt es den wunderbaren Stravinsky-Brunnen am Centre Pompidou, in dem sich bizarre bunte Figuren drehen und Wasser verspritzen; eine der vielen Pariser Attraktionen.

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Weniger bekannt –selbst bei alteingesessenen Parisern!-  ist der grandiose Cyklop im Wald von Fontainebleau bei Milly-la-Forêt.

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Der Cyclop ist ein stählerner Koloss, mitten im Wald aufgetürmt, 22 ½ Meter hoch, 350 Tonnen schwer. 1969 begannen die Arbeiten, 10 Jahre dauerte es, bis der „Rohbau“ errichtet war. Da es immer wieder zu Akten des Vandalismus kam, übereigneten Tinguely und Niki de Saint Phalle das Werk 1987 dem französischen Staat, um seinen Schutz und seine Erhaltung zu sichern. An dem „Innenausbau“ beteiligten sich dann zahlreiche weiteren Künstler, und 1994 konnte der Cyclop endlich –3 Jahre nach dem Tod Jean Tinguelys- eingeweiht werden.

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Von außen erkennt man den großen Kopf des Cyclopen mit einem einzigen sich drehenden und in der Sonne blinkenden Auge und  einem riesigen Mund, aus dem ein kleiner Bach läuft, der über eine Rutsche in ein Becken am Boden fließt. Was schon hier –von außen- auffällt, ist eine eigenartige Mischung von massivem, cyklopisch-gewalttätigem rohen Material und einer poetischen Verspieltheit durch die Verwendung von bunten Farben, Spiegeln und kleinen Formen.

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Und durch ironische Zitate der Kunstgeschichte- wie die neben dem Eingang aufgebahrten Figuren, die an die Königsgräber in Saint-Denis erinnern. Aber hier sind es keine Könige, sondern Alltagsfiguren: Vielleicht Arbeiter an dem  Cypklop-Projekt,  die sich –noch mit Gummistiefeln an den Füßen- entspannt einen kleinen Mittagsschlaf gönnen.

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Diese faszinierende Mischung setzt sich fort, wenn man –im Rahmen einer obligatorischen Führung- den Koloss betritt und besonders, wenn sich dann die Maschinen mit einem ohrenbetäubenden Lärm in Bewegung setzen.

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Überall kracht, hämmert und dröhnt es, Räder drehen sich, riesige Kugeln rollen durch Stahlgestelle und auf Laufbändern, aber die Bewegung der Maschinen ist völlig sinnentleert. Vielleicht soll damit, wie ich es in einem Führer gelesen habe, auf die „Exzesse und Absurditäten der Konsumgesellschaft“ hingewiesen werden. Vielleicht aber doch noch mehr auf die gewalttätige Seite der Industriegesellschaft- denn der Tod ist überall in dem Cyklopen präsent: In eher verspielter Form wie in den Kacheln von Niki de Saint Phalle

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oder ganz extrem in Form des in 20 Meter Höhe über dem Abgrund hängenden Eisenbahnwagens. Es ist ganz exakt der Wagentyp, mit dem die französischen Juden nach Auschwitz transportiert wurden und der auch im ehemaligen Durchgangslager Drancy aufgestellt ist.  Hat der Cyklop noch einzeln die Gefährten des Odysseus verschlungen, so steht der Eisenbahnwagon für den industriellen Massenmord im 20. Jahrhundert.

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Und ganz oben auf dem Dach dann, mit Blick in die Wipfel der Bäume, ein großes Wasserbecken, in dem sich die Köpfe der Besucher und  -was bei unserem Besuch leider nicht der Fall war- das Blau des Himmels spiegeln: Eine wunderbare Hommage an Yves Klein, den Maler des „geheimnisvollen Blaus“, zu dessen Pariser Ausstellung 1958 selbst der Obelisk auf dem Place de la Concorde blau verkleidet wurde!

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Insgesamt ein hier nur ganz ansatzweise vorgestelltes faszinierendes Kunstwerk: voller Ideen, Anspielungen, Bildern,  Überraschungen, Schönem und Verstörendem; ein spannender Raum für Erfahrungen –wenn man sich etwa durch die Klangstäbe hindurchzwängt- und Anstoß zum Nachdenken

Praktische Hinweise: Geöffnet von Mai bis Ende Oktober, freitags und samtags ab 14.00 und sonntags ab 11.00 Uhr. (nur mit Führung, 45 min, franz.). Zufahrt von Paris über die A 6, Abfahrt Nr. 13 nach Milly-la-Forêt, dann weiter Richtung Etampes (D837), nach 200 Metern rechts in den beschilderten Waldweg einbiegen. Ab Parkplatz zu Fuß. Die Reservierung einer Führung ist nicht möglich.

Die Cocteau-Kapelle, rue de l’Amiral de  Graville, route de Nemours,  hat geöffnet von Ostern bis Allerheiligen von 10 bis 12.30  und von 14 bis 18 Uhr, außer Dienstag. Zwischen Allerheiligen und Ostern nur am Wochenende von 10.15 bis 17.00 Uhr. http://www.chapelle-saint-blaise.org/

Das Haus von Cocteau: 15, rue du Lau, März bis Oktober 14 – 19 Uhr geöffnet. Mit boutique und salon de thé . http://maisoncocteau.net/informations-pratiques

Das Conservatoire (Route de Nemours) ist geöffnet vom 1.4.-15.10. montags bis freitags von 9-17 Uhr, vom 1.Mai bis 15. 9. außerdem an Wochenenden zwischen 14 und 18 Uhr

Das Kräuterlädchen: 16, Place du Marché. www.herbier.com

 

Ergänzung 2016: Die Ausstellung zum 25. Todestag von Jean Tinguely in Paris (Sept./Okt.2016)

Zum 25. Todestag von Jean Tinguely findet/fand im September/Oktober 2015 eine Ausstellung von frühen Werken  des Künstlers aus den 1960-er Jahren in der Galerie Vallois in Paris statt. (33 und 36 Rue de Seine).

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Die ausgestellten Werke werden zu jeder vollen Stunde -bzw. in der schräg gegenüber liegenden Dependence der Galerie jeweils 15 Minuten später in Gang gesetzt. Dazu gibt  es kurze Erläuterungen. Eine große Freude!

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Außerdem  gibt es einige Bilder von Jean Tinguely im Atelier und bei der Materialsuche

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Und es  werden zwei Filme gezeigt: einen schwedischen Film über eine wunderbare Demonstration im Quartier Saint Germain

und einen zweiten Film über eine Aktion in den USA: in einer wüstenähnlichen  Gegend setzt Tinguely eine ganze Reihe von kleinen und großen Maschinen in Bewegung. Ein grandioses Spektakel, das aber in der -geplanten- totalen  und spektakulären Zerstörung endet.

Sehr zu empfehlen!

 

Noch ein Nachtrag (februar 2023): Eine Ausstellung über Niki de Saint Phalle in der Frankfurter Schirn mit einem Modell des Cyklop

Ein Modell des Cyklop von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely (1986)

Ausschnitt

Das Maul

Spiegelungen des Cyklop

Bedauerlich ist, dass in der Frankfurter Ausstellung nicht wenigstens in Foto des Cyklopen in Milly-la-Forêt gezeigt wurde.

Ein weiteres Objekt, das an den Cyklopen im Milly erinnert:

Scbädel. Meditationsraum 1990

Das Labyrinth von Chartres

Einen Ausflug nach Chartres zu empfehlen, ist sicherlich nicht sehr originell. Die Bedeutung und Schönheit der Kathedrale sind hinlänglich bekannt: Das Königsportal im Westen ist „l’une des merveilles de l’art roman“ (eines der Wunderwerke der Romanik; Michelin, Ile de France 1998, S. 81), und die Glasfenster mit ihrem unnachahmlichen Blau und insgesamt 5000 Abbildungen sind selbst im Land der Kathedralen einmalig. Rodin nannte Chartres „l’acropole de la France“, und als vor Jahren einmal Pepsi Cola ein begehrliches Auge auf den französischen Lebensmittelkonzern Danone geworfen hatte, machte dessen Vorstandsvorsitzender unmissverständlich klar: „Danone, c’est la cathédrale de Chartres. On n’achète pas la cathédrale de Chartres“.  (Le Monde, 26.10.2010. Danone ist die Kathedrale von Chartres. Man kauft nicht  Chartres). Damit war die Unantastbarkeit seiner Firma gewissermaßen in Stein gemeißelt.

Dass ich trotzdem Chartres in die kleine Sammlung meiner Ausflugsempfehlungen aufnehme, hängt mit einer Entdeckung zusammen, die wir gemacht haben, als wir auf der Rückfahrt von ein paar Tagen am Meer (St. Malo)  in Chartres Station machten. Es war ein Freitag  Nachmittag, die Stühle im vorderen Teil des Kirchenschiffes waren weggeräumt. Einige Besucher –manche mit einer Kerze in der Hand- gingen langsam herum, manchmal nebeneinander, manchmal in entgegengesetzter Richtung, aber ohne sich zu berühren,  manchmal drehten sie sich, aber es waren immer kreisförmige Bahnen, eine eigentümliche ruhige Choreographie.

Als wir näher kamen, sahen wir auf dem Boden die kreisrunden schwarzen und hellen Bänder, denen die Besucher vorsichtig folgten und entdeckten das Labyrinth von Chartres.

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Ich war schon mehrfach in Chartres gewesen,  zuerst vor  50 Jahren mit meinem Schulkameraden Winfried – (Paris per Anhalter!) – aber das Labyrinth war mir nie aufgefallen. Wohl nicht nur, weil man in der Kirche eher nach oben zu den Fenstern blickt: Außer freitags ist das Labyrinth immer mit Kirchenbänken zugestellt, so dass man es kaum sehen kann- und diesmal hatten wir –zufällig- gerade einen Freitagnachmittag erwischt. Auch in dem großen Bildband über französische Kathedralen, den ich mir nach meiner ersten Frankreich-Fahrt von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht hatte, ist kein Bild eines Labyrinths enthalten. Und selbst in meinem Reiseführer, der auf mehreren Seiten die Kathedrale beschreibt und rühmt, ist das Labyrinth mit keiner Zeile erwähnt.

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Das Labyrinth von Chartres: Aus dem  Skizzenbuch des Villard de Honnecourt (um 1232)

Das ist nur allzu bedauerlich, denn das Labyrinth von Chartres ist –wie die Kathedrale insgesamt- ganz einzigartig. Es ist mit einem Durchmesser von fast 13 Metern das größte und älteste französische Labyrinth, um 1200 entstanden, Vorbild für viele nachfolgende. Dass  das Labyrinth von Chartres ein architektonisches Vorbild war, wird auch daran  deutlich, dass es von dem mittelalterlichen Archtekten Villard de Honnecourt in sein Skizzenbuch aufgenommen wurde.

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Das Labyrinth in der Kathedrale von Amiens – in der Nachfolge des Labyrinths von Chartres

Das Labyrinth von Chartres  befindet sich im Langhaus direkt hinter dem großen Eingang im Westen. Die kreisrunden Wege des Labyrinths bestehen aus 20-30 cm großen grauen Steinen, die Trennlinien –Mauern- dazwischen aus dunkleren. Insgesamt ist der Weg, den die Gläubigen in dem Labyrinth zurücklegen müssen, 294 Meter lang. Um ihn, wie es im Mittelalter üblich war, knieend und betend zurückzulegen, brauchte man etwa eine Stunde, soviel wie man zu Fuß für eine Meile (lieue) brauchte, deshalb auch der Name La Lieue für das Labyrinth von Chartres. In der Mitte des Labyrinths befand sich eine Kupferplatte, auf der der Kampf des Theseus mit dem Minotaurus abgebildet war.

Der Anklang an den antiken Mythos ist also deutlich, allerdings verändert das Labyrinth von Chartres –wie die anderen christlichen Labyrinthe- die antike Bedeutung völlig: Folgt man in der Kirche dem vorgezeichneten Weg, kann man sich nicht verirren. Der Weg ist nicht gerade, es gibt ständige Kehrtwendungen, manchmal erscheint das Zentrum schon ganz nahe, dann entfernt man sich wieder: Der Weg zum Heil ist verschlungen, auf ihm sind Reue und Buße für die begangenen Sünden gefordert. Nicht von ungefähr umfasst die Strecke insgesamt 11 Kreise- und 11 ist die Zahl des Irrtums: 10 Gebote plus 1 oder 12 Apostel weniger 1.  Schließlich gelangt man aber doch zum Ziel.  Der Ariadne-Faden ist hier der Glaube, der einen, wenn man nur geduldig genug ist, unweigerlich ins „himmlische Jerusalem“ führt. Danach geht man den Weg zurück und kann als neuer, geläuterter Mensch vor den Altar treten.

Die spirituelle Bedeutung dieses irdischen Wegs zum Heil wird noch dadurch unterstrichen, dass das Labyrinth die gleiche Größe hat wie die große Fensterrose im Westen, die das Jüngste Gericht zum Thema hat. Und das ist kein Zufall: Der Architekt Villard de Honnecourt hat 1230 den Plan der Rosette und den des Labyrinths gleichzeitig gezeichnet. Und nicht nur das: Würde man die Westfassade ins Kirchenschiff absenken, so würde die Rosette des Jüngsten Gerichts genau das Labyrinth bedecken. Aber der Gläubige ist auf dem Weg zum Heil/zum Licht nicht alleine: Am 15. August jeden Jahres, dem Fest der Jungfrau Maria, strahlt die Sonne genau durch das Marienbild im großen mittleren Fenster der Westfassade und erleuchtet die Kupferplatte in der Mitte des Labyrinths!

Und an Ostern wird mit einer speziellen Liturgie, mit Tanz und Kerzen, an die Auferstehung Christi erinnert. (siehe:  https://www.cathedrale-chartres.org/cathedrale/monument/le-labyrinthe/le-labyrinthe-enfin-devoile/)

Ich muss gestehen, dass ich mich  schon beim Weg durch das Labyrinth von Chartres und danach bei der weiteren Beschäftigung mit ihm seiner Faszination nicht entziehen konnte. Und was für ein Glück, dass es –bis auf die zentrale Platte- unverändert durch die Jahrhunderte erhalten geblieben ist. Andernorts war das nicht so: In der Kathedrale von Reims beispielsweise wurde das große Labyrinth kurz vor der Französischen Revolution zerstört. Man hatte die religiöse Bedeutung der Labyrinthe vergessen, sie wurden als Orte des Aberglaubens verstanden, so dass  sie vielfach auf Veranlassung des Klerus beseitigt wurden. Das geschah in Chartres nicht, aber auch dort wurden zeitweise die österlichen liturgischen Tänze  verboten.

Übrigens gibt es in der Kathedrale von Chartres auch noch weitere geometrische (und sicherlich auch arithmetische) Besonderheiten. Beispielsweise lässt sich der Grundriss auf drei flächengleiche geometrische Figuren zurückführen: ein Rechteck mit dem Seitenverhältnis 2:1, das die Größe des Chores bestimmt; ein Quadrat, das mit seinen Ecken die Breite des Langhauses festlegt; und ein Kreis, der am Hauptportal endet und damit die Länge des Langhauses bestimmt. Zufall? Symbol der Dreieinigkeit? Es gibt sicherlich noch viel zu entdecken! Und noch viele offene Fragen!

Praktische Information: Nach Chartres gelangt man mit dem Auto, aber auch gut in ca. einer Stunde vom Bahnhof Montparnasse aus. Das Labyrinth ist zugänglich jeden Freitag, beginnend vom ersten Freitag der Fastenzeit bis zum letzten Freitag im Oktober.