Das Dilemma der französischen Benzinpreise

Die hohen Benzinpreise sind in Frankreich ein zentrales Thema der politischen Debatten und der Medien. Kein Wunder bei der Entwicklung der Preise, die nach dem israelisch-US-amerikanischen Angriff auf den Iran, der Ausweitung des Krieges auf die ganze Region und der Blockade der Meerenge von Ormuz weiter drastisch angestiegen sind.[1]

Rekord- Preise

Entwicklung der französischen Durchschnittspreise für E 10 zwischen September 2025 und 2026.[2]

Überall ist von einer „crise du carburant“,  einer „explosion des prix“ die Rede,  oft als Aufmacher der Nachrichten, von einem „Schock für die französische Wirtschaft“ und dem seit dem Sturm auf die Bastille sprichwörtlichen und gefürchteten Volkszorn (colère populaire). Die Benzinpreise können ja wirklich deftig sein: Vor allem in der Hauptstadt.

Tankstelle in Paris, 18. September 2026 [3]

Sicherlich hat Le Monde hier ein besonders drastisches Beispiel herausgesucht. Aber die Benzinpreise in Paris sind traditionell besonders hoch und die dort oft kleinen Tankstellen am Straßenrand werden entsprechend wenig genutzt. Getankt wird eher im Umland bei den Tankstellen der großen Einkaufszentren von Leclerc, Casino, Intermarché, Auchan etc, die auf ihren Parkplätzen über eigene Tankstellen verfügen, die Benzin deutlich günstiger verkaufen: Nach unseren Beobachtungen derzeit für Preise um die 2.15 Euro für einen Liter E 10.

Auf der Auchan-Tankstelle in Hyères/Var -wir sind derzeit in Südfrankreich- kostet der Liter E 10 derzeit 2.13 Euro. Das ist auch im Vergleich zu anderen Tankstellen, bei denen die Preise nach unseren Beobachtungen bei 2.30 bis 2.40 liegen können, ziemlich günstig; und aus deutscher Sicht sowieso.[4]  Trotzdem ist die genannte Auchan-Tankstelle -auch zu beliebten Einkaufszeiten- eher schwach besucht. Kein Wunder: Denn nicht weit davon entfernt gibt es eine Total-Tankstelle.

Rekord-Gewinne und Rabatte

Auf ALLEN Tankstellen des französischen Marktführers kostet der Liter Benzin (ob E 10 oder Super) nämlich 1.99 Euro! Das gilt auch für Total-Tankstellen in la France profonde, dem französischen Hinterland,  oder Autobahntankstellen, die im Allgemeinen ja -wie in Deutschland- ausgesprochen teuer sind.

Total-Autobahntankstelle bei Cannes. Aufgenommen am 23.9. von Wolf Jöckel

Und an dieser Tankstelle hatten wir Glück, denn es gab keine Warteschlangen- während die an der Total-Tankstelle in Hyères immer, wenn wir dort vorbeifahren, sehr lange sind. Ich vermute mal, dass da die Wartezeiten bis zu einer Stunde betragen kann. Aber das nehmen viele Autofahrer in Kauf.  

Und dass es an unserer Zapfsäule bei Cannes kein E 10 mehr gab, war auch kein Problem[5]: Denn das Super-Benzin SP 98 gibt es -anders als bei Tankstellen anderer Marken- ohne Aufpreis.

Es handelt sich hier um einen französischen Sonderfall, der abgekoppelt ist vom normalen Marktgeschehen. Total hat nämlich seit dem 13. März seine Preise für Benzin gedeckelt: 1.99 für E 10 und Super, 2.25 für das in Frankreich viel verwendete Diesel. [5a] Anlass war der Angriffskrieg von Israel und den USA auf den Iran, der am 28. Februar begann und der zu einem steilen weltweiten Anstieg der Preise für Rohöl führte. Und diese Maßnahme soll nach den Worten des Total-Chefs gelten, „solange der Iran-Krieg dauert“ – was noch lange dauern kann…

Total kann sich diese Aktion ohne Probleme leisten: Zwar soll die Firma seit Einführung des Preisdeckels dadurch 250-300 Millionen Euro Verlust gemacht haben. Aber gleichzeitig hat Total horrende Gewinne erzielt: Total fördert und raffiniert nämlich auch selbst Erdöl und hat damit im ersten Halbjahr 2026 11,2 Milliarden Dollar verdient, doppelt so viel wie im Jahr zuvor.[6] Da lässt sich der Verlust an der Tankstelle via Quersubventionierung fast schon aus der Portokasse bezahlen. Also wurde auch gleich die Dividende deutlich erhöht und der Aktienkurs kletterte entsprechend in die Höhe.

Die Preisdeckelung ist für die Firma ein gutes Geschäft. Sie kann sich als patriotisches Unternehmen vermarkten. Indem es seine Konkurrenten aussticht, gewinnt Total, wie die Schlangen vor den Tankstellen zeigen, auf jeden Fall in der aktuellen Krise, aber vielleicht dauerhaft, zusätzliche Kunden. Und auch die Aktivitäten im Strom- und Gasmarkt können und sollen davon profitieren:  Wer Strom oder Gas von Total bezieht, konnte zeitweise sogar das Diesel zum Vorzugspreis von 1.99 Euro bekommen. Ein grandioser Marketing-Coup.

Über den freut sich auch der französische Staat: Er ist zwar nicht mehr Aktionär von Total, aber die Firma hat ihren Sitz in Frankreich, dem Hochhausviertel La Défense bei Paris, direkt neben der Grande Arche. Als Aktiengesellschaft ist Total im CAC gelistet, dem französischen Pendant zum deutschen DAX. Mir ihrer Aktion mildert sie den Handlungsdruck auf die Regierung – dass die anderen Marken und Tankstellenbetreiber eine illoyale Konkurrenz beklagen, nimmt sie hin.[6a]

Gilets-jaunes-Revival?

Allerdings kann die einseitige Maßnahme von Total das Problem der hohen Benzinpreise nicht lösen und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht beheben. Da gibt es viel Unmut, Empörung. Vor allem natürlich bei Gruppen, bei denen die Benzinpreise ein wesentlicher Faktor ihrer beruflichen Existenz sind. Dazu gehören die gut organisierten,  kämpferischen Fischer und Bauern, die durch publikumswirksame Aktivitäten auf ihre Forderungen nach staatlichem Eingreifen aufmerksam gemacht haben.

„Unser Zorn steigt. Eure Politik ruiniert die Fischerei“. (Notre colère monte, Votre politique coule la pêche) Demonstration von Fischern gegen die Steigerung der Benzinpreise im Hafen von Grau-du-Roi (Gard) am 17. September 2026.[7]

So haben im September Fischer den Zugang zu mehreren Häfen blockiert und die Blockade erst beendet, als sie von der Regierung Zusagen für Erleichterungen erhalten hatten.[8]

Und am 16. September blockierte eine größere Gruppe von Fischern ein Treibstoffdepot im Hafen von Fos-sur-Mer (Bouches-du-Rhône). Hier wird sie von der Polizei herauseskortiert.

Dass auch die gut organisierten französischen Bauern zu öffentlichkeitswirksamer Mobilisierung und entsprechenden Maßnahmen fähig sind, haben sie wiederholt bewiesen.

Hier 2022 bei der Blockade des Zugangs zu einer Raffinerie bei Toulouse: „Wer Elend sät, wird Zorn ernten“. Schon damals ging es um die hohen Benzinpreise.  9]

Und jetzt haben auch die bonnets jaunes de la Coordination rurale, eine auf radikale Aktionen (opérations coup de poing) spezialisierte Gruppierung gegen die hohen Benzinpreise protestiert, indem sie nachts mit ihren Traktoren mobile Messgeräte für Geschwindigkeitskontrollen entfernt und vor der Prädfektur in Rodez abgeladen…. Andere, fest installierte Radarmessgeräte wurden unbrauchbar gemacht… [9a]

Angesichts der aktuellen Krise glaubt eine deutliche Mehrheit der französischen Bevölkerung, dass es zu einer Neuauflage der Gilets-Jaunes-Bewegung von 2018 kommen könnte, die mit der Blockade von ronds points das öffentliche Leben des Landes monatelang massiv beeinträchtigt hatten.[10] In den sozialen Medien kursieren schon Aufrufe für einen entsprechenden Aktionstag am 17. Oktober.

Und Vorboten gibt es offenbar schon:

Am 24.9. wurden an der Tankstelle des Intermarché in Mourmelon alle Schläuche der Zapfsäulen durchtrennt…[11] Die Regierung nimmt die Drohungen einer erneuten Bewegung sehr ernst, wie das Fernsehinterview mit Präsident Macron am 24. 9. gezeigt hat.

Vorschläge und Forderungen

Vorschläge und Forderungen, wie der derzeitigen crise des carburants zu begegnen ist, gibt es genug – gerade auch angesichts der 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen. Da erwartet man ja zu Recht von den Kandidatinnen und Kandidaten – und davon gibt es eine ganze Menge- entsprechende Positionierungen.

Es sind vor allem drei weitgehende Maßnahmen, die da gefordert und diskutiert werden[12]:

  • Eine mehr oder weniger deutliche generelle Absenkung der Steuern und Abgaben auf Benzin: Der rechtsradikale RN mit Spitzenkandidatin Le Pen (dass sie verurteilt ist und Fußfessel trägt, spielt nach unserer Beobachtung im Wahlkampf überhaupt keine Rolle) will die Steuer auf Benzin radikal absenken und damit eine Verbilligung von 30 Cent erreichen. Ähnlich der Kandidat der Kommunisten (PCF) Roussel. Die Rechte (LR, Ratailleau) will die Abgaben um 15-17 Cent pro Liter senken.
  • Eine staatlich festgelegte generelle Begrenzung der Preise:  Das fordert zum Beispiel LFI (La France Insoumise) des Präsidentschaftskandidaten Melenchon. Die Obergrenze soll bei 1.70 Euro liegen. Die Gewerkschaften CGT und FO fordern sogar einen Preisdeckel von 1.50 Euro.
  • Eine Übergewinnsteuer, die vor allem Total, aber auch Betreiber von Raffinerien betreffen, die derzeit offenbar besonders hohe Gewinne erzielen. Das fordert zum Beispiel Raphael Glucksmann, der gerade an aussichtsreicher Position sich um die Kandidatur für die sozialdemokratische Linke bemüht.

Bei diesen Vorschlägen stellen sich allerdings die Fragen der Finanzierung, der Gerechtigkeit und der Umwelt: Ist es gerecht, dass von diesen Maßnahmen, die von allen Steuerzahlern getragen werden, auch solche Autofahrer profitieren, die eine Unterstützung überhaupt nicht benötigen und/oder verdienen? Ist überhaupt eine Absenkung der Benzinpreise verträglich mit dem umweltpolitisch gebotenen Ziel, die Verwendung fossiler Brennstoffe einzuschränken? Wird dadurch nicht der Druck auf Einsparungsmöglichkeiten (Caresharing, andere Transportmittel, Elektromobilität) reduziert? -Wie wichtig, ja existentiell die Einsparung fossiler Brennstoffe ist, hat sich ja gerade wieder in diesem Hitzerekord-, Waldbrand- und Trockenheits- Sommer gezeigt.  Und welche Konsequenzen haben die milliardenschweren Kosten solcher Maßnahmen für den Staatshaushalt? Nach Angaben des französischen Finanzministers Roland Lescure (Radiointerview vom 21. September) würde eine generelle Senkung der Benzinsteuer um 20 Cent den Staat, aufs Jahr gerechnet, 10 Mrd Euro kosten.  Dabei ist Frankreich ja jetzt schon massiv verschuldet: Die Schuldenquote liegt 2026 bei knapp unter 120% des BSP, einem Rekordwert,  und wird im nächsten Jahr weiter ansteigen; das ja nun wahrlich nicht ehrgeizige Ziel, das Defizit im Staatshaushalt von 5,1 auf 5,0 % des Bruttosozialprodukts zu senken (der EU-Richtwert liegt bei 3%) wird sowieso schon verfehlt: die voraussichtliche Verschuldungsquote soll nach Regierungsangaben bei 5,4% liegen; und Frankreich muss für neue Schulden inzwischen schon höhere Zinsen bezahlen als Italien, Spanien oder Griechenland, die traditionellen Vertreter des sogenannten Club Med.[13] Die Rechts- und Linksradikalen wollen den Haushalt entlasten durch Kürzung der Beiträge an die EU (natürlich ohne Einbußen für die französische Landwirtschaft, die wesentlich von den Brüsseler Agrarsubventionen profitiert). Melenchon will außerdem einen Teil der französischen Staatsschulden schlicht streichen. Die politische Linke, auch die gemäßigte, sozialdemokratische, will die von ihr geforderten Erleichterungen durch die Einführung einer Reichensteuer (taxe Zucman) finanzieren. Sogar der einflussreiche französische Rechnungshof (Cour des comptes), präsidiert von einer ehemaligen Ministerin Macrons, setzt sich schon seit längerem für eine Besteuerung größter Vermögen ein, die bisher durch steuerliche Optimierung oft jede Steuerzahlung vermeiden.[14]  Für die aktuelle Regierung Lecornu, der eine parlamentarische Mehrheit fehlt, scheiden solche Maßnahmen allerdings aus.[15]

Was die Regierung tut/tun will

Es bleiben also für die Regierung Lecornu nur gezielte Maßnahmen für besonders betroffene Berufsgruppen.[16] Solche Maßnahmen gibt es schon bisher, sie sollen aber deutlich ausgeweitet werden. Auf diese Weise will man den colère populaire dämpfen und gleichzeitig die Ausweitung der staatlichen Ausgaben einigermaßen begrenzen. Präsident Macron hat dieses Modell in seinem TV- Interview am 24.9. ausdrücklich verteidigt – auch ausdrücklich als Alternative zur deutschen Gießkannensubventionierung, die übrigens Kanzler Merz kurz zuvor noch vehement abgelehnt hatte… Aber in Deutschland drohten ja AfD-Erfolge ich den anstehenden Landtagswahlen, da wollte man nicht knauserig sein. Das wurde in den französischen Medien auch immer wieder hervorgehoben. Genutzt hat es allerdings nicht…

Konkret gibt es in Frankreich schon gezielte Hilfen für Wirtschaftszweige, die besonders von den Benzinpreissteigerungen betroffen sind: Fischerei, Landwirtschaft, Transportgewerbe und Unternehmen des Baus und der öffentlichen Arbeiten (BTP). Dazu sollen die Hilfen für „grands rouleurs“, also beruflich bedingte Vielfahrer mehr als verdoppelt werden. Zu ihnen gehören zum Beispiel auch im ländlichen Raum arbeitende Krankenschwestern… Insgesamt belaufen sich die Kosten dafür auf etwa 1,4 Mrd Euro. Aber, wie es von Regierungsseite heißt: Man müsse bereit sein, rechtzeitig einige hundert Millionen Euros auszugeben als später mehrere Milliarden…  

Bemerkenswert finde ich übrigens, dass Macron in seinem Fernsehinterview mit großer Eindringlichkeit auf die eigentlichen Ursachen der aktuellen Krise hingewiesen hat- dies auch im Hinblick auf verbreitete Schuldzuweisungen an Regierung und Präsident als die angeblichen Verantwortlichen für die Preissteigerungen. [17] In Wirklichkeit sind das ja Putin, Netanyahu und Trump mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine [18] und dem israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran: Beide übrigens ohne jede völkerrechtliche Grundlage und beide in der illusionären Erwartung, die Kriegsziele in kurzer Zeit erreichen zu können. Wir in Europa sind immerhin in der Lage, die aus diesen unverantwortlichen Kriegsabenteuern resultierenden Belastungen noch einigermaßen abfedern zu können. Für sehr viele Länder und Menschen weltweit gilt das nicht…


[1] Lesezeit: 11 Minuten

Zum Titel des Beitrags s.a.: Isabelle Chaperon, Le dillemme des prix à la pompe. In Le Monde vom 22. September

[2] Quelle: Carbu.com  Aus: https://bonpote.com/bloquer-les-prix-baisser-la-tva-nationaliser-total-quelles-solutions-face-a-la-flambee-des-prix-du-carburant/

[3] Le Monde 19.9.2026

[4]  https://www.benzinpreis-aktuell.de/e10-entwicklung : In Deutschland liegt der aktuelle Durchschnittspreis bei 2.23

In Frankreich liegt der Durchschnittspreis für 1 Liter E 10 am 21. September bei 2.17, für Super (SP98) bei 2.27  und für Diesel (gazole) bei 2.41. (Le Monde vom 24.9.2026)

[5] Der Erfolg der Aktion ist so groß, dass es an manchen Total-Tankstellen Engpässe oder sogar völliger Leerstand gibt. Die große Total-Tankstelle an der Ausfahrt von Saint Tropez war letzte Woche sogar völlig geschlossen. Siehe auch: https://france3-regions.franceinfo.fr/normandie/seine-maritime/rouen/explosion-du-prix-des-carburants-les-stations-total-sont-prises-d-assaut-certaines-sont-deja-en-rupture-de-stock-3420518.html

[5a] Dass Diesel auch bei Total deutlich teurer ist als Benzin hat verschiedene Gründe: Total raffiniert zwar Benzin, aber kein Diesel, muss es also auch auf dem Weltmarkt einkaufen. Im Juli hat Russland seine Ausfuhr von Diesel gestoppt. Seitdem kommen 50% der europäischen Diesel-Importe aus den USA. Jetzt hat Trump am Rande der UN-Vollversammlung gedroht, den Export von Diesel zu stoppen, um die Preise in den USA vor den Midterms-Wahlen zu senken. Die Importe aus Amerika sind aber kurzfristig nicht zu ersetzen. Da gibt es schon Horrorszenarien von europäischen Dieselpreisen bis weit über 3 Euro pro Liter. (zdf heute, 24.9.)

[6] https://www.ledauphine.com/economie/2026/09/23/prix-des-carburants-le-ministre-serge-papin-n-a-pas-envie-d-embeter-total-sur-ses-marges

[6a] https://www.la-croix.com/economie/crise-des-carburants-totalenergies-et-ses-prix-plafonnes-taxes-de-concurrence-deloyale-20260921?utm_term=actu_opening&utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NEWSLETTER__CRX_ESSENTIEL_SOIR_EDITO&utm_content=1274456583~DM150867~NL_CRX_EssentielSoir_newsletter-essentiel-soir-v2-2026-09-21-18-22-38-mp8687~Optin_CRXSoir~20260921

[7]  SYLVAIN THOMAS/AFP

https://www.lemonde.fr/economie/article/2026/09/17/pour-calmer-la-colere-des-pecheurs-le-gouvernement-prend-des-engagements-sur-les-prix-des-carburants_6776476_3234.html

[8] https://www.leparisien.fr/economie/blocage-des-ports-les-aides-pour-les-pecheurs-suivront-la-variation-des-cours-du-carburant-promet-la-ministre-17-09-2026-3LPMFQFIDRGJ3FANPQVC33TKCE.php?ts=1790301477642  Le Parisien vom 17. September 2026

Nachfolgendes Bild aus: https://www.lemonde.fr/economie/article/2026/09/16/petrole-gaz-electricite-une-hausse-des-prix-tous-azimuts-qui-fragilise-menages-et-entreprises_6774887_3234.html?utm_source=chatgpt.com

[9] Bild aus: https://www.leparisien.fr/economie/prix-du-gasoil-des-agriculteurs-bloquent-une-raffinerie-pres-de-toulouse-17-02-2022-FH2XK57ATFDF3EJLOWY5V6OYGM.php AFP/Lionel Bonaventure

https://www.lindependant.fr/2026/09/15/blocage-a-port-la-nouvelle-pecheurs-et-marins-protestent-contre-le-prix-du-gazole-et-les-contraintes-qui-menacent-leurs-professions-13552022.php

[9a] https://www.radiofrance.fr/franceinter/podcasts/tout-va-trop-vite/tout-va-trop-vite-du-mardi-29-septembre-2026-9206414

[10] Carburants : une très large majorité de Français croit au retour des « gilets jaunes » Le Figaro vom 21.9.2026

[11] https://www.sudouest.fr/gironde/bordeaux/prix-des-carburants-il-va-falloir-y-aller-vers-un-retour-du-mouvement-des-gilets-jaunes-30681058.php  s.a. Mouvement du 17 octobre : la colère des Gilets Jaunes en 2018 cherche un nouveau souffle à La Réunion – Outre-mer La 1ère

https://france3-regions.franceinfo.fr/grand-est/marne/une-station-service-vandalisee-dans-la-nuit-tous-les-flexibles-des-pompes-ont-ete-sectionnes-3423146.html?shem=dsdf,sharefoc,agadiscoversdl,,sh/x/discover/m1/4

[12] Eine übersichtliche Darstellung: https://bonpote.com/bloquer-les-prix-baisser-la-tva-nationaliser-total-quelles-solutions-face-a-la-flambee-des-prix-du-carburant/ (18..9.26)

s.a. Blocage des prix, baisse des taxes… Quelles sont les propositions des candidats à la présidentielle sur les carburants ? In: Le Figaro, 17.9.2026

[13] https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/finanzministerium-frankreichs-schuldenquote-steigt-2026-auf-rekordwert/ar-AA2cyW5j

[14] „par une augmentation de la fiscalité sur les seuls ménages dotés de hautes patrimoines“ könnten zusätzlich etwa 5 Milliarden Euro in die Staatskassen fließen. Durch „une véritable taxe sur les holdings patrimoniales, ces sortes de coffres forts dans lesquels les riches particuliers placent souvent une partie de leurs actifs à l’abri du fisc“ könnten weitere erhebliche Steuereinnahmen erzielt werden. Le Monde vom 24.9.2026: La Cour des Comptes relance l’idée d’un nouvel impôt sur la fortune.

[15] Aus Sicht der Regierung gibt es noch ein weiteres Argument gegen einen staatlich festgelegten allgemeinen Preisdeckel: „sur Public Sénat, ce mercredi matin, Sébastien Martin, ministre de l’Industrie, a exclu l’idée d’un plafonnement généralisé :  en France, Total vend à perte. Si nous [bloquons les prix pour tout le monde], la petite station-service qui est en milieu rural, qui ne fait pratiquement pas de marge, et à qui vous allez dire „demain, vous vendez à perte“, qu’est-ce qu’elle fait ? Elle s’arrête. Interrogé sur une éventuelle taxation des profits de TotalEnergies, Serge Papin a ajouté ne pas avoir  envie de menacer Total .

https://www.ledauphine.com/economie/2026/09/23/prix-des-carburants-le-ministre-serge-papin-n-a-pas-envie-d-embeter-total-sur-ses-marges

[16] https://www.lemonde.fr/planete/live/2026/09/22/en-direct-carburants-le-gouvernement-annonce-de-nouvelles-aides-pour-les-francais-les-plus-touches_6780209_3244.html

Le Monde vom 24. September 2024: Lecornu tente de conjurer une crise sociale.

https://fr.euronews.com/2026/09/22/carburants-le-gouvernement-francais-annonce-de-nouvelles-aides-pour-faire-face-a-la-crise

[17] Siehe Le Figaro vom 25.9.: Carburants: Macron ne veut pas payer la facture politique. Le Chef de l’État estime que les Francais ne font pas suffisamment le lien entre la flambée des prix à la pompe et les conflits internationaux. In Regierungskreisen spreche man diesbezüglich von einer déréalisation der öffentlichen Meinung.

18 In den französischen Medien und Debatten spielt dabei auch eine Rolle, dass die ukrainischen Angriffe auf die russische Energie-Infrastruktur (so verständlich und militärisch sinnvoll sie auch sein mögen) ebenfalls zur Verschärfung der internationalen Energiekrise beitragen. In dem Fernsehinterview vom 24.9. wurde Macron sehr heftig darauf angesprochen, verteidigte aber das ukrainische Vorgehen und die französische Unterstützung der Ukraine.

Sea, pop & sun: ein wehmütiger Blick zurück. Die Jahresausstellung 2026 in der Villa Carmignac auf Porquerolles

Einen geeigneteren Ort für eine Sea, Pop and Sun- Ausstellung als die Villa Carmignac auf der Insel Porquerolles, einer der drei „goldenen Inseln“ an der Côte d’Azur, kann man sich kaum vorstellen.[1] Denn Meer und Sonne gibt es auf Porquerolles genug: Die Insel ist laut Tourismus-Werbung „berühmt für ihre Strände mit türkisfarbenem Wasser, ein wahres Paradies. Die Insel erfreut sich eines besonders angenehmen Klimas, fast täglich scheint die Sonne.“[2]

Sonne und Meer: Freiheit und Lebensfreude

Die Ausstellung in der Villa Carmignac möchte zeigen, auf welche Weise die Darstellungen des Meers, des Himmels und der Sonne in der Kultur der Nachkriegszeit Metaphern geworden sind für Freiheit, Sexualität und Ausbruch aus gesellschaftlichen Normierungen. Inspiriert von dem Titel des Liedes Sea, Sex and Sun von Serge Gainsbourg thematisiert die Ausstellung „einen historischen Moment, wo das Aufkommen neuer sozialer Bewegungen, der Wandel der Sitten und der Aufschwung der Freizeitgesellschaft den Alltag und die visuelle Kultur tiefgreifend verändert haben. Mit mehr als 80 Werken – darunter 15 aus der Sammlung Carmignac – bringt „Sea, Pop & Sun“, kuratiert von den Kunsthistorikern Dieter Buchhart und Anna Karina Hofbauer, Ikonen der Pop-Art wie Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Marjorie Strider, Evelyne Axell oder Martial Raysse in einen Dialog mit zeitgenössischen Künstlern, die diese Bewegung fortsetzen oder hinterfragen, wie Théo Mercier, Derrick Adams, Cosima von Bonin oder Judy Chicago.

Anhand einer Auswahl von Gemälden, Skulpturen, Fotografien und Videos lässt die Ausstellung eine bestimmte Geisteshaltung wieder aufleben: die einer Welt, die sich einer strahlenden Lebensfreude zuwendet, sich ihrer Widersprüche bewusst ist, aber stets von demselben Freiheitsdrang beseelt bleibt.“ (Ausstellungstext)

Der jährliche Besuch der Villa Carmignac hat für uns schon Tradition. Anlass für Wiedersehensfreude wie bei einem Treffen mit guten alten Freunden: der freundliche Empfang mit dem Begrüßungstee, der Aufgang zu dem Ungeheuer Barcelós, dann den 100- Fische-Brunnen und natürlich das grandiose Unterwasserpanorama Barcelós, die zur Einrichtung des Hauses gehören. Dort nach einem ersten Rundgang durch die Ausstellung eine Rast auf den dazu einladenden beiden Matten zu machen, ist selbstverständlich und immer wieder ein Genuss. Gespannt sind wir jedes Mal, in welcher Ecke des Hauses diesmal die unverwüstliche kleine Pflanze Tony Matellis einen Platz gefunden hat, und gespannt sind wir natürlich auf die aktuelle Ausstellung, das Neue, das für uns diesmal aber auch das Alte ist:  Die Zeit, um die es bei Sea, Pop and Sun geht, haben wir ja selbst erlebt. Der Blick in die (eigene) Vergangenheit ist dabei nicht frei von Wehmut. Nicht weil das Thema der Ausstellung uns schmerzhaft unseres Alters bewusst machen würde, sondern weil es für eine ganze Generation eine Zeit des Aufbruchs, des optimistischen Blicks in die Zukunft war, eine Zeit der persönlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen, an denen teilzuhaben und teilzunehmen eine Herausforderung, aber auch eine große Freude war. In solchen Zeiten jung zu sein, war ein großes Glück- ein Glück, das unsere heutige Jugend leider nicht hat…

Nachfolgend einige Ausstellungsstücke, die uns besonders angesprochen haben. Schwerpunkt und Höhepunkt ist zum Abschluss die riesige Sandinstallation in dem zentralen Ausstellungsraum mit seinem wasserbedeckten, sonnendurchflutenden Glasdach: Hier wird eindrucksvoll deutlich, dass die Ausstellung mehr ist als ein nostalgischer Rückblick auf die goldenen Zeiten von Sea, Pop and Sun.

Andy Warhol, zwei von vier ausgestellten Serigraphien auf Papier, 1972

Andy Warhol, So sunny, um 1950

A day of changing perspectives von Olafur Eliasson (2024) zeichnet den Lauf der Sonne nach.

Tracey Emin, I Followed You To The Sun, 2013

Niki de Saint Phalle, Sans Titre. 1987

Duane Hanson, Surfer. 1987

David Hockney, Lithograph of Water, 1978-1980

Evelyne Axell, Plongée, 1967

Diana Thater, Delphine, 1999. Videoprojektion

Natürlich darf in keiner Ausstellung in der Villa Carmignac Roy Lichtenstein fehlen. Er gehört zu den Lieblingskünstlern der Carmignacs, die einen großen Bestand seiner Werke besitzen.  Diesmal werden sogar noch Werke Lichtensteins aus anderen Sammlungen gezeigt, die besonders gut zur Ausstellungsthematik passen.

Roy Lichtenstein, Sunrise (Light Box) 1967 (Sans Souci Art Foundation/CoCo Familienstiftung)

Roy Lichtenstein, Night Seascapae banner, 1966. (Sans Souci Art Foundation/CoCo Familienstiftung)

Roy Lichtenstein, Seascape I, 1965 (Collection Carmignac)

Roy Lichtenstein, Meermaid, um 1978. Albertina Wien. Das Bild an der Wand: Roy Lichtenstein, Fishing Village, 1987 (Collection Carmignac).

Zu sea und sun der 1960-er und 1970-er Jahre gehörte natürlich auch die 1978 im Lied Gainsbourgs im Zentrum stehende sexuelle Befreiung.[3] Diese zentrale Rolle hat sie in der Villa Carmignac zwar nicht, thematisiert wird sie aber gleichwohl. Vier Beispiele:

Tom Wesselmann, Little Seascape#2 1965

Dazu aus dem Begleittext über die Seascape-Bilder Wesselmanns: „Diese kleinen Meeresmotive sind gewagte und verspielte Darstellungen der körperlichen Befreiung am Strand und spiegeln die Faszination des Künstlers für den weiblichen Körper wider. … Seine Darstellung der weiblichen Lust im Kontext der sexuellen Revolution der 1960er Jahre bricht mit dem passiven und objektivierten Frauenbild und verleiht seinen Aktdarstellungen eine zeitgenössische Perspektive.“

Weichgespült: Ridley Howard, Kiss at Window 2, 2020

Evelyne Axell, Ice Creme I,1964

„Die von Evelyne Axell erdachte Frau mit geschlossenen Augen, die dargestellt ist, wie sie genüsslich ein Eis schleckt, besticht durch ihre Sinnlichkeit und die leuchtenden Farben. „Ice Creme“, entstanden aus einem in Schwarz-Weiß reproduzierten Bild aus einem Modemagazin, provoziert durch seine unverhohlene Erotik. Auch wenn es auf den ersten Blick an die hypersexualisierten und objektivierten weiblichen Akte erinnert, die üblicherweise von männlichen Pop-Art-Künstlern dargestellt werden, ist Axells malerisches Werk dennoch eine Ode an die sexuelle Befreiung, die die 1960er Jahre prägte.“ (Ausstellungs-Begleittext)

Majorie Strider, Welcome (1963). Darüber an der Decke aufgehangene aufgeblasene Nanas von Niki de Saint Phalle.

Die plastisch aus der Bildfläche hervortretenden Lippen und der weit geöffnete Mund sind gewissermaßen das Markenzeichen von Majorie Strider, die man eine Amazone der Pop Art genannt hat. Neben dem Mund-Bild hängt auch noch das Bild einer Frau mit plastisch geformten großen Brüsten [3a] Strider hat das selbst als „a satire of men’s magazines“ verstanden. Eingebettet in den historischen Kontext kann man diese Bilder und ihre Titel Welcome und Come Hither vielleicht mit den Ausstellungsmachern provokativ-emanzipatorisch nennen. Dass allerdings die in Welcome dargestellte Frau „uns mit Haut und Haaren zu verschlingen droht“ (Begleittext der Ausstellung) sehe ich nicht so. Bei diesem „uns“ handelt es sich doch wohl um ein totum pro parte, ein umgekehrtes pars pro toto. Die bei Axell noch metaphorisch umschriebene sexuelle Provokation ist hier ganz direkt, wenn auch grotesk übersteigert. Aus heutiger Sicht erscheint uns (♀/♂) eine solche Frauendarstellung eher befremdlich….

Als strukturierende Elemente der Ausstellung dienen Song-Titel aus den 1960-er und 1970-er Jahren. Darauf wird man schon eingestimmt durch Cosima von Bonins lebensgroße, Gitarren tragende Fische (2022), die den Weg zur Ausstellung säumen.

Dazu gehören z.B. California Dreamin‘  (The Mamas & The Papas, 1965),  Good Vibrations (Beach Boys, 1966) und auch Bob Dylans The Times They Are a-Changin’ (1963/64), ein programmatisches Lied dieser Zeit, gewissermaßen eine Gebrauchsanweisung für eine Zeitenwende – allerdings eine ganz andere als die, in der wir uns heute befinden… Einige Lieder waren auch bei dem Gang durch die Ausstellung leise zu hören.

Die Ausstellung der Villa Carmignac 2026 ist Anlass für einen Blick zurück auf eine Zeit positiver Veränderungen, in der Sonne und Meer für Freiheit und Lebensfreude, für unbeschwerten Genuss standen. Wehmütig ist der Blick, weil die Perspektiven heute eher düster sind und die eigenen Handlungsmöglichkeiten eher begrenzt; und weil wir Sonne und Meer nicht mehr so naiv sehen können. Man muss sich ja heute fast schon rechtfertigen, wenn man -selbst im Spätsommer- an die Côte d’Azur fährt.; die Normandie und die Bretagne bieten sich als alternative Ferienziele und Destinationen für Zweitwohnungssitze von Parisern und hitzegeplagten Bewohnern der Mittelmeerküste an. Die Zeiten, als sich die Normandie selbstironisch mit Postkarten präsentierte, auf denen Touristen in Badeanzügen und Bikinis aus Pelz zu sehen waren, sind vorbei. Die Sonne steht nicht mehr (nur) für „Freud und Wonne“, wie es in einem alten Kirchenlied so schön formuliert war, sondern auch für „canicule“/Hitze, vor der man sich schützen oder am besten fernhalten muss. Sonnencreme wurden in den 1960-er und meist auch in den 1970-er Jahren nur als Bräunungsmittel verwendet. Als Gainsbourg sein Sea, Sex and Sun-Lied sang, wusste man noch nicht, dass UV-Strahlung zu Hautkrebs führen kann. Was Sonne und Hitze anrichten können, musste man ja gerade in diesem „Rekord“-Sommer leidvoll erfahren. Die mehr als 300 Sonnentage auf Porquerolles werden inzwischen eher als Fluch denn als Segen empfunden. Ein paar mehr Regentage dürften es schon sein… Und das Meer: Da denkt man unwillkürlich an das Abschmelzen der Polarkappen, das Ansteigen des Meeresspiegels, an die immer bedrohlicher werdenden warmen Meeresströmungen und das Korallensterben….  Und davor kann man auch in Porquerolles und den benachbarten Küsten die Augen nicht verschließen:

An vielen Stellen bröckeln die Küstenränder, wie hier bei La Londe-les-Maures.  An „unserer“ crique/Bucht, die wir meistens für uns haben, weil sie ohne eine kleine Kletterpartie nicht zugänglich ist, steht ein Warnschild, seitdem dort ein großer Felsbrocken abgestürzt ist.

So sah er damals aus- und so auch noch heute, allerdings nur in der Tourismus-Werbung. [4]

10 Jahre später ist der Sand weggespült und der Strand an manchen Stellen nur noch ein steiniger Trampelpfad.[5]

Die Sea Clock von Théo Mercier

Es ist immer eine besondere Herausforderung für die Ausstellungsmacher der Jahresausstellungen, welche Werke in dem zentralen Raum der Villa mit seinem wasserbedeckten Glasdach präsentiert werden. Diesmal ist es eine riesige Installation des französischen Künstlers Théo Mercier, die in Zusammenarbeit mit der Fondation Carmignac extra für diese Ausstellung angefertigt wurde. Dann werden auch die dafür verwendeten 20 Tonnen Sand wieder der Natur zurückgegeben.

In der Sandburg von Mercier sind ganz verschiedene Elemente zusammengefügt. Hinter dem aufgebrochenen Betonklotz ein toter Fisch, dahinter eine Luftmatratze, die Schale einer großen Muschel und rechts eine große Perle.

Hier hinter dem Betonquader mit Eisenarmierung ein riesiger Reifen mit grobem Profil –  Mercier hat ihn ausdrücklich als Squad-Reifen bezeichnet[6]–  und daneben einfacher Sand, wie ihn Kinder lieben, um an Stränden Sandburgen zu bauen; Sand, wie er aber auch zur Herstellung von Beton verwendet wird, also auch für die weit verbreitete Zubetonierung der Küsten. Die aufgeplatzten Betonblöcke lassen auch an die Atlantikwallbunker der deutschen Wehrmacht an den Stränden Frankreichs denken: Eine Symbiose von Schönheit, Spiel, Gewalt und Vergänglichkeit.

Gerade die Gewalt wird besonders in Szene gesetzt: Riesige Krebsscheren haben den Ball im Griff, andere eine Luftmatratze.

Die Sandplastik setzt damit in der Ausstellung einen Kontrapunkt und verweist auf die Gleichzeitigkeit des Meeres als Ort von Freiheit, Freizeit und Freude, aber auch als Ort größter Gefahr, ja von Vernichtung: Die Luftmatratze im Zangengriff erinnert auch an die vietnamesischen Boatpeople der 1970-er Jahre, die zu Tausenden im südchinesischen Meer umkamen, während die kalifornischen beach boys durch die Wellen surften. Und während man sich in der Villa Carmignac an sea, pop und sun erfreut, sterben im Atlantik und im Mittelmeer Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben…

Mercier hat seine Plastik Sun Clock genannt, Sonnenuhr. Das Licht, das durch die gläserne, wasserbedeckte Decke („plafond d’eau“) fällt, verändert und belebt den Raum darunter. Bei unserem Besuch im Spätsommer waren die Wände, aber nur spärliche Teile der Sun Clock von der Sonne beschienen.

Aber mit ein wenig Geduld und zeitlichem Abstand konnte man die Bewegung der Sonne und die entsprechenden Veränderungen der Sun Clock beobachten. Ein faszinierendes Schauspiel.

Aber Mercier geht es nicht nur um den Tagesablauf mit seinen entsprechenden Veränderungen.

Der aufgeschnittene Amonit in dem Squad-Reifen verweist auf viel längere Zeiträume. Mercier selbst beschreibt seine sun clock als Sonnenuhr („cadran solaire“), die die Frage aufwerfen soll, in welcher Phase der Veränderung unserer Welt wir uns befinden.[7]

Das Lied, das als Motto über diesem zentralen Raum der Ausstellung steht, ist „In the Year 2525“ von Zager & Evens aus dem Jahr 1969. In ihm wird das futuristische Schreckensbild einer Welt ohne Freiheit entworfen, soweit die Menschheit überhaupt noch überlebt: In the year 2525, if man is still alive… [8]

Im Jahr 8585 schüttelt Gott sein gewaltiges Haupt und sagt entweder:
„Schön, wie weit es der Mensch doch gebracht hat!“
Oder aber:
„Lass uns Tabula Rasa machen und noch mal von vorn anfangen!“

Im Jahr 9595 –
ich frage mich ernsthaft, ob der Mensch dann noch existiert.
Er hat der Erde alles genommen und nichts zurückgegeben
.[9]

Die Ausstellungsmacher sehen die Sandplastik von Théo Mercier in diesem Kontext:

„Theo Mercier arbeitet bewusst mit Sand, einem Material, das nur vorübergehende Beständigkeit bietet. Seine Skulpturen erinnern uns daran, dass jede Ordnung vergänglich ist und dass der Fortschritt zwar neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch neue Formen der Abhängigkeit hervorbringt. Die Pop-Ästhetik der Oberfläche wird so zu einer ökologischen Diagnose der aktuellen Politik: Freiheit wird nicht mehr als grenzenlos betrachtet, sondern als fragile Ressource, deren Fortbestand von der Verantwortung und der kritischen Wachsamkeit jedes Einzelnen abhängt.“ (Begleittext)

Und was die Vergänglichkeit betrifft: Da geht es ja auch um Krieg oder Frieden. Darauf verweist der erste Fisch der Serie „What if they bark?“ Cosima von Bonins, das erste Objekt der diesjährigen Ausstellung.

Es ist ein Hai mit einer Rakete zwischen den Zähnen. Die Haie unserer Zeit sind eben nicht nur mit Zähnen sondern mit Raketen bewaffnet: Man kann das als Verweis auf das atomare Wettrüsten und die kubanische Raketenkrise 1962 verstehen, als die Welt am Rand eines Atomkriegs stand, aber auch auf den aktuellen Krieg in der Ukraine, die fast täglich Ziel russischer Raketen ist: What if they bark?…

Aber Hoffnung bleibt: Kurz vor dem Ende der Ausstellung sprießt aus einer Ritze Tony Matellis Weed # 389 (2017).

Und zum Abschluss grüßt die Penelope Martial Raysses die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung (Faire et défaire Pénélope that’s the rule, 1966). Penelope wartete 20 Jahre lang auf Odysseus, ihren Mann, bevor der von seinen Irrfahren in die Heimat und zu seiner Frau zurückkehrte. Nie hatte sie die Hoffnung aufgegeben.


Anmerkungen

[1] Lesezeit 11 Minuten

Alle Bilder des Beitrags, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel

Titelbild ist ein Ausschnitt aus dem Plakat der Ausstellung. Motiv ist eine der ausgestellten Serigraphien von Andy Warhol.

Zur Ausstellung siehe auch: À la Fondation Carmignac, un pop art solaire. À Hyères, une exposition montre que l’estheétique pop s’est aussi invitée à la plage. In: Le Monde, 16, Juni 2026

[2] https://provence-alpes-cotedazur.com/decouvrir/espaces-naturels/ile-porquerolles/?utm  

Nachfolgendes Bild aus: https://www.provenceweb.fr/f/var/porquerolles/porquerolles.htm?utm   

[3] https://www.paroles.net/serge-gainsbourg/paroles-sea-sex-and-sun

[3a] https://awarewomenartists.com/en/artiste/marjorie-strider

[4] Bild aus: https://www.porquerolles.guide/iles-or/

[5] In der Tourismuswerbung ist die Veränderung noch nicht angekommen: „Au nord, trois superbes plages offrent sables fins, rivages en pente douce et mer d’une pureté exceptionnelle. La Plage Notre-Dame a été élue plus belle plage d’Europe.“ Dass der Sand inzwischen fast völlig weggespült wurde, es sich also um einen Kieselstein-Strand handelt: Fehlanzeige. Und was die Auszeichnung als schönster Strand Europas angeht, wird ausgelassen, dass das 2015 war. Dabei zeigt sich gerade an diesem Strand die ganze Wucht und Brutalität des Klimawandels…  !https://www.provenceweb.fr/f/var/porquerolles/porquerolles.htm?utm  

[6] https://fr.linkedin.com/posts/fondation-carmignac_mes-explorations-autour-du-sable-r%C3%A9v%C3%A8lent-activity-7473752886603153409-Ol57?utm 

[7] „à quel moment du temps des transformations sommes- nous?“ A.a.O.

[8] https://songtextes.de/songtexte/zager-evans-in-the-year-2525

[9] https://www.songtexte.com/uebersetzung/zager-and-evans/in-the-year-2525-deutsch-2bd6b04a.html

Frühere Blog-Beiträge zu den Jahresausstellungen der Fondation Carmignac:

Bilder des Monats September 2026: Eine koloniale Art Déco-Fassade im 8. Arrondissement

Paris ist reich an wunderbaren Fassaden. Viele davon im Art Déco-Stil aus den 1920-er und 30-er Jahren. Eine besonders schöne und interessante hat das Haus Nr. 34 in der rue Pasquier im 8. Arrondissement. Große Reliefs mit exotischen Tieren schmücken die Fassade: ein Elefant und ein Kamel über dem Eingang, daneben und darüber weitere exotische Tiere…

Die Fassade passte zu dem Zweck des 1927 von den Architekten Alexandre und Pierre Fournier errichteten Gebäudes: Es gehörte nämlich der Société financière française et coloniale (SFFC), die Kapitalanlagen in kolonialen Projekten vermittelte.

Der damalige Chef der Gesellschaft Octave Homberg, beauftragte den Bildhauer Georges Saupique mit der „standesgemäßen“ Ausschmückung des Gebäudes und der Gestaltung der Reliefs.

Allerdings geriet das Unternehmen durch die Weltwirtschaftskrise von 1929, durch Aufstände in den südostasiatischen Kolonien und durch immer gewagtere Finanzanlagen bald nach Fertigstellung des Gebäudes in finanzielle Schieflage. Octave Homberg, als Finanz-„Hai“ verschrien, musste seinen Posten räumen, und das Haus in der rue Pasquier wurde 1933 verkauft. Als Sanierer zeichnete sich übrigens Edmond Giscard d’Estaing aus, der Vater des späteren Staatspräsidenten Valérie Giscard d’Estaing. 1931, mitten in ihren damaligen Turbulenzen, nahm die SFFC an der großen Kolonialausstellung im Bois de Vincennes teil. Der nach Ende der Ausstellung abgerissene Pavillon der Gesellschaft wurde von Georges Saupique ausgeschmückt. Es gibt aber dort noch das zentrale Ausstellungsgebäude (inzwischen das Einwanderungsmuseum), dessen Fassade mit kolonialen Reliefs geschmückt ist.

Seit 2022 ist das Haus in der rue Pasquier Sitz des Labels LANCEL. Das ist  ein Produzent von luxuriösen Lederwaren, der sich in diesem Bereich als Konkurrent von LVHM und Hermès sieht. Die Wahl dieses Firmensitzes sei eine Hommage an das Pariser Erbe mit seiner harmonischen Mischung von Tradition und Moderne und Ausdruck des kreativen Muts der Marke. Vielleicht gehört dazu ja auch, wie bei Hermès, die Herstellung von Taschen aus Krokodilleder – zur Fassade des Hauses würde das jedenfalls gut passen…

Das ganz in der Nähe, in der rue d’Anjou Nummer 51 gelegene, 1927 im Haussmann-Stil fertiggestellte noble Haus gehörte übrigens auch der SFFC. Auch hier weist der im ostasiatischen Stil gestaltete Fassadenschmuck auf den in der kolonialen Finanzindustrie engagagierten damaligen Hausherren hin.

Mme de Sévigné,  Stationen ihres Lebens (3): Grignan/Provence. Mit einem Exkurs über ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen

Im ersten Teil der kleinen Beitragsreihe zum 400. Geburtstag Madame de Sévignés wurden Orte in Paris dargestellt, die in ihrem Leben bedeutsam waren:

  • Die Place Royale/Place des Vosges, wo sie geboren wurde
  • Die ehemalige Klosterkirche der Filles de la Visitation Sainte-Marie
  • Die Kirche Saint-Gervais, wo sie heiratete
  • Das hôtel Carnavalet, in dem sie viele Jahre wohnte

Im zweiten Teil wurden Orte in Frankreich vorgestellt, die im Leben der Madame de Sévigné eine besondere Rolle spielten.

  • Das Schloss Rochers der Sévignés bei Vitré in der Bretagne, wo sie viele ihrer Briefe schrieb mit einem Exkurs über die Haltung von Mme de Sévigné zum Aufstand der bonnets rouges
  • Das Schloss ihres Vetters Bussy-Rabutin in Burgund
  • Die Kurorte Vichy und Bourbon l’Archambault.

In dem nachfolgenden und abschließenden dritten Teil der kleinen Reihe steht das Schloss von Grignan in der Provence im Mittelpunkt, in dem nach ihrer Heirat die geliebte Tochter residierte, der sie die Mehrzahl ihrer Briefe schrieb. Dort ist Mme de Sévigné auch begraben. Ein abschließender zweiter Exkurs thematisiert ihre bedingungslose Akzeptanz der Hugenottenverfolgungen, bei denen ihr Schwiegersohn in der Provence eine bedeutende Rolle spielte. Dabei hatte Mme de Sévigné enge Beziehungen zu dem hugenottischen bretonischen Adel, vor allem zu ihrer Freundin Emilie von Hessen-Kassel, die nach dem Ende der Religionsfreiheit in Frankreich das Land verließ und sich in Frankfurt für ihre Glaubensbrüder einsetzte. [1] 

Grignan

Das auf einem Felsplateau östlich von Montélimar in der Provence gelegene Grignan verdankt seine Prominenz Mme de Sévigné. Ihr begegnet man dort auf Schritt und Tritt.

Statue der Mme de Sévigné auf der place Sévigné in Grignan

In ihrer Hand natürlich die Schreibfeder

Souvenir-Tasche mit Schreibfeder, Portrait der Tochter und Schlossansicht von Grignan

Nach Grignan gingen nämlich die meisten erhaltenen Briefe der Mme de Sévigné, weil dort seit 1671 ihre Tochter Françoise-Marguerite lebte. Es sind vor allem die zwei oder drei wöchentlich geschriebenen Brief an ihre Tochter, die den Ruhm der Mme de Sévigné als Briefschreiberin begründen.

Pierre Mignard zugeschrieben: Portrait von Françoise-Margueritte de Sévigné, comtesse de Grignan (1646-1705), um 1969. Musée Carnavalet Paris

Françoise-Marguerite war eine  schöne junge Frau, für ihre sie abgöttisch liebende Mutter sogar „das hübscheste Mädchen Frankreichs“.  1663, damals 16 Jahre alt,  wurde sie in die Hofgesellschaft von Versailles eingeführt und tanzte mit dem jungen Ludwig XIV. in dem „Ballet des Arts“ und ebenso in den beiden Ballettaufführungen der folgenden Jahre. Gerüchten zufolge machte ihr der junge Souverän Avancen, auf die sie aber nicht einging.

1668 heiratete sie standesgemäß, was Mme de Sévigné stolz ihrem Vetter Bussy-Rabutin mitteilte: : „Heute muss ich Ihnen eine Neuigkeit melden, die Sie bestimmt freuen wird, nämlich, dass endlich das hübscheste Mädchen von Frankreich heiratet, nicht den hübschesten jungen Mann (Grignanist 15 Jahre älter als Françoise-Marguerite. W.J.), wohl aber einen der besten Edelleute des Königreichs, Herrn von Grignan, den Sie längst kennen. Alle seine Gattinnen sind gestorben, um Ihrer Cousine den Platz zu überlassen und sogar, durch außergewöhnlich günstiges Geschicke, auch noch sein Vater und sein Sohn, so dass er reicher ist denn je zuvor und überdies durch Geburt, Stellung und gute Eigenschaften ganz so, wie wir es wünschen…“ [2] 

François Adhémar de Moonteil, comte de Grignan. Grafik aus dem 17. Jahrhundert

Die Freude von Mme de Sévigné schlug aber um in allergrößte Traurigkeit, als ihre geliebte Tochter 1671 in die Provence übersiedelte, zu deren königlichem Gouverneur ihr Schwiegersohn ernannt worden war.  Und so residierte er nun mit seiner Frau auf dem Familienschloss von Grignan. Für Mme de Sévigné war die Trennung ein Schock. Am 5. Februar 1674 schrieb sie ihrer Tochter: „Gestern waren es drei Jahre, daß ich eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens machte: Du zogst nach der Provence und bist noch dort. Mein Brief würde lang werden, wenn ich Dir alle Bitternis, die ich empfand, schildern wollte und allen Kummer, der darauf folgte.“[3] 

Und 15 Jahre später, am 9. Oktober 1689, als sie ihre Tochter schon in der Provence besucht hatte:   „Ich denke ständig an Grignan, an euch alle, an eure Terrassen, an eure wunderschöne, atemberaubende Aussicht.“ [4] 

Die obere Schlossterrasse

Blick von der oberen Schlossterrasse

Blick auf die untere Schlossterrasse, an der auch der Eingang zur Schlosskirche liegt.

Mme de Sévigné  ließ es sich also nicht nehmen, mehrfach die beschwerliche Reise von Paris nach Grignan auf sich zu nehmen, um ihrer Tochter nahe zu sein und die „atemberaubende Aussicht“ zu genießen. Die gab es ja weder in Paris noch in Les Rochers. Allerdings war man damals 17 Tage unterwegs, teilweise auf der noch ungebändigten Rhône, die Mme de Sévigné besonders fürchtete, die aber dennoch sicherer war als der Landweg auf holprigen Wegen durch Wälder, „in denen es von Banditen und Wölfen wimmelte.“ [5] 

Von dem Schloss war sie sehr beeindruckt. Ihrem Onkel, dem Abbé de Coulanges, der einen Brief „an das königliche Schloss Grignan“ adressiert hatte, schrieb sie am 9. September 1694:

„Eine solche Anschrift erweckt zum mindesten den Eindruck, dass unter allen Schönheiten, die Ihre Phantasie erfüllen, die Schönheit dieses Schlosses seinen Platz behauptet, und das gereicht ihm zur Ehre. Ich muss Ihnen ein wenig davon erzählen, da Sie es lieben.

Die hässlichen Stufen, über die man, zur Schande der d’Adhémars, zum zweiten Hof steigen musste, sind jetzt der angenehmsten Treppe, die man sich vorstellen kann, gewichen. …. da ist nun ein Meisterwerk entstanden. Die Eingangshalle ist schön, und es lässt sich dort sehr angenehm essen. Man gelangt über eine große Freitreppe hin, über der Türe ist das Wappen der Grignans. Die Gemächer der Prälaten, von denen Sie nur den Salon kennen, sind sehr befriedigend eingerichtet, und wir bewohnen sie sehr angenehm.“[6] 

In der Tat unternahm der Schwiegersohn von Mme des Sévigné erhebliche Anstrengungen, das Schloss den repräsentativen Anforderungen seines Amtes entsprechend umzubauen. Vorbild war dabei das Schlosss von Versailles.

Ihrem adligen Freundeskreis in Paris berichtete sie begeistert: „Es ist ein wunderschönes Haus, eine wunderschöne Aussicht, eine herrliche Atmosphäre voller Erhabenheit und Pracht,  von der ich ganz verzaubert bin.“ [7] 

Die südliche Schlossfassade

Verzaubert war sie auch von den Speisen auf Schloss Grignan. Ihrem Vetter berichtet sie:

„Aber da wir beim häuslichen Thema sind, wollen wir auch davon reden, wie grausam man hier isst, besonders in dieser Jahreszeit. Es gibt zwar dieselben Speisen wie in überall: Rebhühner, das ist gewöhnlich, jedoch ungewöhnlich ist es, dass alle so sind wie in Paris jene, die man mit ganz besonderer Miene unter die Nase zu halten pflegt und ausruft: ‚Oh, dieser Duft! Riechen Sie ein wenig!‘  Solches Erstaunen lassen wir hier weg; unsere Rebhühner nähren sich mit Thymian und Majoran, mit allen duftenden Kräutern, die wir in Säckchen eingenäht in unsere Wäsche legen. Er gibt hier keine besseren und schlechteren. Und dasselbe sage ich von unseren fetten Wachteln, deren Schenkel sich bei der ersten Aufforderung vom Körper lösen müssen (sie gehorchen unfehlbar), und Turteltauben, auch sie vollendet gut. Und was die Melonen, Feigen und Muskatellertrauben betrifft, so ist es eigenartig: wenn wir den schlechten Einfall hätten, eine solche Melone finden zu wollen, müssten wir sie aus Paris kommen lassen, hier gibt es keine. Die weißen Feigen sind zuckersüß, die Trauben wie essbare Bernsteinkugeln. Man könnte sich leicht an ihnen berauschen, falls man zu viel davon essen würde, denn es ist, als trinke man in kleinen Schlücken Wein von Saint-Laurent. Das ist ein Leben, lieber Vetter!“[8] 

Aber dann gießt sie dem beeindruckten Vetter doch etwas Wasser in den süßen provencalischen Wein: „Sie glauben, alle unsere Tage seien aus Gold und Seide gemacht. Mein Vetter, leider ist es hier hundert mal kälter als in Paris. Es ist der Südwind, es ist der Nordwind, es sind die Teufel, die darin wetteifern, uns zu verhöhnen; sie streiten sich um die Ehre, uns in unseren Zimmern  einzusperren.“ [9] 

Und auch ihrer Tochter gegenüber betont sie die Nachteile von Grignan – wohl um sie zu motivieren, öfters einmal die Mutter in Paris oder Les Rochers zu besuchen:

„Grignan sehe ich auch, aber Du hast keine Bäume, das tut mir leid; ich sehe nicht recht, wo Du spazieren gehen kannst, auch hast Du keine Grotten mit Wasserkünsten, und ich fürchte, daß der Sturm Dich eines Tages von Deiner Terrasse fortträgt: ja, wenn ich glauben könnte, der Wirbel brächte Dich einst hierher, ich hielte immer mein Fenster offen – und auffangen wollt‘ ich Dich, Gott weiß es!“[10] 

Wenn Mme de Sévigné in Grignan zu Besuch war, vermisste sie natürlich ihren geliebten Park von Les Rochers und ihre Bäume, aber immerhin gab es die Grotte von Rochecourbière, einen Felsüberhang, wohin sie sich gerne zurückzog, „um ihren bleichen Teint vor der sengenden Sonne zu schützen und fernab des Trubels auf dem Schloss ihre Briefe zu schreiben.“ [11] 

Zugang zur Grotte

Ein Platz zum Ausruhen und Briefe-Schreiben…

Insgesamt war Mme de Sévigné  dreimal  in Grignan und verbrachte dort insgesamt fast vier Jahre. In Grignan starb sie am 17. April 1696 und sie ist auch dort begraben.

Grabstätte der Mme de Sévigné in der am Fuß des Schlosses gelegenen Stiftskirche Saint-Sauveur aus dem 16./17. Jahrhundert. 1793 hatten Revolutionäre auch die Gräber geöffnet – allerdings nicht wie in Saint Denis aus politischen, sondern aus militärischen Gründen: Sie suchten nämlich nach Blei für die Herstellung von Munition. Sie trennten auch den Kopf der inzwischen berühmten Mme de Sévigné ab, der auf Umwegen zu Franz Joseph Gall, dem in Paris niedergelassenen Begründer der Phrenollogie (Schädellehre) gelangte. Diese Pseudowissenschaft unterstellte einen Zusammenhang zwischen Schädel- und Gehirnform einerseits und Charakter und Geistesgaben andererseits. Galls leitete aus seinen Untersuchungen ab, dass dieser Schädel tatsächlich einer Frau gehörte, die eine bemerkenswerte Besonderheit aufwies: nämlich eine völlige Unfähigkeit zur mütterlichen Liebe… [12] 

Im 18. Jahrhundert wurde Grignan aufgrund seiner Lage und seines literarischen Renommees Zwischenstation vor allem englischer Kunstfreunde und Aristokraten auf dem Weg nach Italien.[13] 

Das konnte aber nicht verhindern, dass 1793 das Schloss als Symbol feudaler Unterdrückung weitgehend zerstört wurde. Das Mobiliar und die Kunstwerke wurden geplündert und verkauft. Prosper Mérimée, Inspektor der monuments historiques schrieb 1844, das Schloss sei nur noch ein -allerdings von romantisch angehauchten Reisen geschätzter Trümmerhaufen (une masse de décombres).

Schlossruine im 19. Jahrhundert (zeitgenössische Darstellung, Schloss von Grignan)

1911 kaufte Marie Fontaine, eine steinreiche Bankierswitwe und Mäzenin, das noch weitgehend ruinierte Schloss und ließ es weitgehend originalgetreu wieder aufbauen. Es wurde auch wieder prachtvoll eingerichtet und dabei natürlich Mme de Sévigné nicht vergessen:

Das rekonstruierte Schlafzimmer der Mme de Sévigné

Der Schreibtisch mit der obligatorischen Feder

2026 feiert Grignan Mme de Sévigné, der es so viel verdankt, ausgiebig mit einem Sévigné-Jahr.

Exkurs: Mme de Sévigné, die Hugenottenverfolgungen und Emilie von Hessen-Kassel

Zum Schluss der Mme de Sévigné gewidmeten kleinen Beitragsreihe möchte ich auf ihre Haltung zu den Hugenottenverfolgungen in der Provence eingehen – ein Thema, das, soweit ich das sehe, in den Würdigungen zum 400. Geburtstag der Mme de Sévigné eher freundlich umgangen wird – vielleicht um die allgemeine gute Festlaune nicht zu trüben.

Denn Mme de Sévigné  gehörte immerhin zu den entschiedensten, ja begeistertsten Befürwortern des Edikts von Fontainebleau, mit dem Ludwig XIV. das Edikt seines Großvaters aufhob und dass dabei auch Gewalt angewendet wurde, hielt sie für durchaus gerechtfertigt, ja notwendig.

In dem Brief an ihren Vetter vom 28. Oktober 1685 schrieb sie: „Sie haben sicherlich von dem Edikt gehört, mit dem der König das Edikt von Nantes aufhebt. Es gibt nichts Großartigeres als all das, was darin steht, und noch nie hat ein König etwas Denkwürdigeres getan und wird es auch nie tun.“ [14] 

Dabei wusste Mme de Sévigné, dass die von ihr gepriesene Wiederherstellung der religiösen Einheit Frankreichs mit durchaus rabiaten Mitteln durchgesetzt wurde. In dem schon zitierten Brief an ihren Vetter rühmt sie den Pater Bordaloue „der einen charmanten Geist besitzt und eine sehr liebenswürdige Art hat. Auf Befehl des Königs bricht er nun auf, um in Montpellier und in jenen Provinzen zu predigen, in denen sich so viele Menschen bekehrt haben, ohne zu wissen, warum. Pater Bourdaloue wird es ihnen beibringen und sie zu guten Katholiken machen. Die Dragoner waren bisher sehr gute Missionare: Die Prediger, die man nun entsendet, werden das Werk vollenden.“

Kopie einer Zeichnung aus dem Jahr 1686. Links ein Dragoner/Missionar – in seinem Gewehr statt einer Kugel ein Kreuz. Rechts ein Häretiker/Hugenotte, der seinen Übertritt zum Katholizismus vollzieht.

Offenkundig schwingt in diesen Worten auch etwas Ironie mit – so wie ja auch in ihren in Worten zu den Galeerensträflingen, die ich im ersten Teil des Blog-Beitrags über Mme de Sévigné zitiert habe. Aber es ist doch befremdlich, wie sie die staatliche Brutalität, die bei der zwangsweisen „Bekehrung“ von Hugenotten angewandt wurde, darstellt. Die Soldaten, die bei den berüchtigten Dragonnaden in protestantischen Häusern einquartiert wurden, waren ja nun wirklich keine „sehr guten Missionare“. Und die Hugenotten, die unter diesen Bedingungen zum Katholizismus übertraten, wussten durchaus warum: wegen des massiven Zwangs, der auf sie ausgeübt wurde. Aber die Abfolge von militärischer Zwangskonversion und anschließender Missionierung nimmt Mme de Sévigné ironisch-billigend in Kauf. Der heilige Zweck heiligt eben die Mittel, selbst die schlimmsten.  Das gilt auch für ihren Vetter, der in seinem Antwortbrief vom 14. November 1685 schreibt, er bewundere „das Vorgehen des Königs, die Hugenotten zugrunde zu richten.“ Das neue Edikt Ludwigs XIV. sei ihr „coup de grâce“, ihr Gnadenstoß – eine sehr „feinsinnige“  Formulierung: Selbst wenn es darum geht, eine ganze Bevölkerungsgruppe „zugrunde zu richten“, wird das in der Art der „Rabutinage,“ dem geistreich plänkelnden Austausch zwischen Mme de Sévigné und ihrem Bruder behandelt. Die als Grundton ihrer Briefe vom FAZ-Feuilletonisten Mark Zitzmann gerühmte „Zartheit“ bzw. das „Zartgefühl“, das Mme de Sévigné auch für sich selbst beanspruchte, sucht man vergeblich, wenn es um den Kampf gegen die Hugenotten geht. Und ihre diesbezügliche Militanz  geht über ein „gutkatholisches Überlegenheitsgefühl über die verfolgten Protestanten“ doch weit hinaus.[15] 

Die Zustimmung von Mme de Sévigné zur Gewaltanwendung bei der Durchsetzung des Edikts von Fontainebleau beruht wohl auch darauf, dass ihr Schwiegersohn, der Gouverneur der Provence, dabei eine wichtige Rolle spielte. Am 16. März 1689 schreibt Mme de Sévigné, die gerade bei ihrer Tochter zu Besuch ist, ihrem Vetter Bussy-Rabutin [16]: „Herr und Frau von Grignan sind auf ihrem Posten. Herr von Grignan hat eine entsetzlich ermüdende Reise in die Berge der Dauphiné hinter sich. Er musste Hugenotten aufstöbern und bestrafen. Sie kommen aus ihren Löchern hervor, um gemeinsam zu Gott zu beten, und verflüchtigen sich wie Geister, sobald sie merken, dass man ihnen auf der Spur ist und sie ausrotten will. Diese Art von fliegenden, unsichtbaren Feinden verursacht endlose Mühe, ja, wörtlich, sie nimmt kein Ende. Diese Leute verschwinden im Nu, und sobald man ihnen den Rücken kehrt, kommen sie wieder aus ihren Höhlen hervor. Ich glaube, in Burgund gibt es nichts dergleichen.“

Das Mitleid, das Mme de Sévigné noch mit den Opfern des blutig niedergeschlagenen bretonischen Aufstandes hatte, fehlt gegenüber den Hugenotten völlig: Anstatt sich, wie es sich anscheinend ihrer Meinung nach gehörte, willig ausrotten zu lassen, verschwinden sie einfach und verflüchtigen sich wie Geister. Und nota bene: Es geht hier für sie nicht um Bekehrung oder Vertreibung, sondern um Ausrottung. Die Vokabel, die sie verwendet, exterminer, also vernichten/ausrotten, wird, das muss ich doch anmerken, im Französischen auch für den Holocaust verwendet.

Aber das Mitleid geht Mme de Sévigné auch hier nicht völlig ab. Ihr armer Schwiegersohn hat „eine entsetzlich ermüdende Reise“ hinter sich.  Es verursacht „endlose Mühe“, die Hugenotten „aufzustöbern und zu bestrafen“, also auszurotten. Es macht ihr große Sorgen, dass die Jagd auf die Hugenotten zu beschwerlich oder gar gefährlich sein könnte: „Der Brief von Monsieur de Grignan hat mich erschauern lassen, mich, meine Liebe, Gute,  die ich weder den Anblick noch die Vorstellung eines Abgrunds ertragen kann. Wie schrecklich, … immer nur einen Hauch vom schrecklichen Tod entfernt zu sein! … Ich befürchte, dass diese Dämonen verschwinden, sobald sie Angst haben und Monsieur de Grignan sehen, aber mit derselben Leichtigkeit wieder auftauchen, sobald er nicht mehr da ist.“ [17]  Aber sie ist doch stolz auf ihn, denn die Vernichtung der Hugenotten ist für sie ein ehrenvolles Werk: „Sie können froh sein, dass niemand kommt, um Ihnen bei Ihrer Arbeit zu helfen. Monsieur de Grignan wird diese Dämonen vertreiben, die aus den Bergen kommen und sich dort wieder verstecken. Im Languedoc gibt es viele davon; Monsieur de Broglio und Monsieur de Bâville jagen sie. Sie sind wie Geister, sie verschwinden einfach.“ [18]  Damit stellt Mme de Sévigné ihren Schwiegersohn auf eine Ebene mit Männern, die für ihre Härte, ja Grausamkeit bei der Jagd nach Hugenotten im Languedoc bekannt und berüchtigt waren. [19] In einem ihrer Briefe nennt sie selbst Bâville ohne jeden kritischen Unterton den Schrecken des Languedoc („la terreur du Languedoc“): offenbar sieht sie ihn als Vorbild für ihren Schwiegersohn bei seinem Kampf gegen die „Dämonen“.[20] 

Bei der Lektüre dieser Briefe musste ich ganz unwillkürlich und gegen jede political bzw historical correctness an die Posener Rede des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom Oktober 1943 denken. Da redete er von der notwendigen „Ausrottung“ des jüdischen Volks, an der teilgenommen zu haben „ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ sei. Natürlich ist es völlig abwegig, Mme de Sévigné und Himmler auf eine Stufe zu stellen, es sind Welten, die beide trennen.[21]  Aber irritierend ist die Haltung von Mme de Sévigné zu der Gewaltanwendung gegen die Hugenotten doch. So fühlt sich denn auch Ferdinand Lotheißen, Übersetzer der Briefsammlung des Projekts Gutenberg, genötigt, den Brief vom 28. Oktober 1685 mit einer ansonsten völlig unüblichen Anmerkung zu versehen:

„Von einer Frau wie Mme. de Sévigné einen solchen Brief zu lesen, erstaunt uns. Doch vergessen wir nicht, daß uns mehr als zwei Jahrhunderte von jener Zeit trennen, und daß erst nach langen Kämpfen Toleranz und Gewissensfreiheit errungen wurden. Mme. de Sévigné sprach hier, wie fast alle ihre Standesgenossen, welche die Aufhebung des Edikts von Nantes als eine große Tat priesen. Auch La Fontaine pries in einem Brief an den Herzog von Vendôme den König, daß er die »ketzerische dumme Hugenottenbrut« vertrieben hätte.“ [22]

Allerdings hatte es unter dem ursprünglich hugenottischen und nur aus Staatsraison zum Katholizismus konvertierten Heinrich IV. mit dem Edikt von Nantes durchaus schon ein gewisses Maß an Toleranz in Frankreich gegeben. Und es gab in Frankreich auch vereinzelte kritische Stimmen. So von dem Festungsbauer Vauban, der aus sachlichen Gründen vor einer Aufhebung des Edikts von Nantes gewarnt und dabei vor allem auf die möglichen -und dann ja auch durchaus eingetretenen – negativen Konsequenzen für Frankreich hingewiesen hatte. Andere, wie der Jansenist Antoine Arnault, rieten immerhin dazu, nicht allzu laut und triumphal die Aufhebung des Edikts von Nantes zu bejubeln, weil bei der Konversion so vieler „Ketzer“ doch auch einige Gewalt angewandt worden sei. [23] Diese Zurückhaltung gibt es bei Mme de Sévigné nicht.

Dass es Mme de Sévigné nur allzu richtig fand, „die elenden Hugenotten auszurotten“ (exterminer), ist für mich schon befremdlich genug. Umso mehr allerdings, wenn man bedenkt, wie engen Kontakt sie vor dem Edikt von Fontainebleau mit Hugenotten hatte. Vitré, in dessen Nähe Les Rochers, das Schloss der Sévignés, lag und wo sie auch direkt ein stattliches hôtel particulier besaß, war nämlich eine Hochburg der Hugenotten. 1583 fand dort die 12. Synode der reformierten Kirchen Frankreichs statt, 1617 die 22. Synode. 1598 gab sogar Henri Quatre der Stadt die Ehre und habe dabei ausgerufen, er wäre gerne Bürger von Vitré, wenn er nicht französischer König wäre. Zu dem bretonischen Freundeskreis von Mme de Sévigné gehörte auch Emilie von Hessen- Kassel, Prinzessin von Tarent, zu dieser Zeit sicherlich die prominenteste Bewohnerin von Vitré. [24] Emilie war die älteste Tochter des Landgrafen Wilhelm V. von Hessen-Kassel. 1648 heiratete sie den in hessischen Diensten stehenden Hugenotten Henri Charles de La Trémoille, Fürst von Tarent und Talmont. Nach dem Tod ihres Mannes 1672 lebte Emilie im Sommer auf ihrem Landsitz, dem Château Marie in  Vitré, und wurde eine enge Freundin der genau gleichaltrigen Mme de Sévigné. Die rechnete es, wie wir schon gesehen hatten, ihrer Freundin und deren Nähe zum Versailler Hof zu und hoch an, dass Vitré beim bretonischen Aufstand der bonnets rouges von der Einquartierung königlicher Truppen verschont wurde. Der „bonne Tarente“ las sie Ausschnitte aus den Briefen ihrer Tochter vor und umgekehrt las Emilie Mme de Sévigné  auf deutsch geschriebene lange Briefe ihrer Nichte Liselotte von der Pfalz, der Schwägerin Ludwigs XIV., vor und übersetzte sie ihr. [25]  Die verschiedenen Konfessionen waren dabei kein Hinderungsgrund, sondern wurden akzeptiert. Am Weihnachtstag 1675 berichtet Mme de Sévigné, habe sie an der Messe teilgenommen und dabei große Freude empfunden, katholisch zu sein. Gleichzeitig sei Emilie, „la bonne princesse“, zu ihrem Gottestdienst gegangen. Und anschließend habe sie mit dem ministre, dem Pfarrer, diniert: eine wunderbare Momentaufnahme des Miteinanders über konfessionelle Grenzen hinweg.

Dass trotz dieser engen Beziehungen zu Hugenotten Mme de Sévigné derart eindeutig deren Ausrottung befürwortet, ist schon bemerkenswert. Immerhin pflegte sie, wie ihre Briefe zeigen, Freundschaften und hielt, wie sie gegenüber dem von Ludwig XIV. geächteten Nicolas Fouquet eindrucksvoll bewies, auch dann noch daran fest, als es politisch inopportun war, ja sogar gefährlich werden konnte. Aber bei den Hugenotten war es wohl die unbedingte Treue zur katholischen Kirche, die die Enkelin einer Ordensgründerin und späteren Heiligen veranlasste, sich so radikal zu positionieren. Obwohl sie doch aus eigener Erfahrung wusste/wissen musste, dass die Hugenotten durchaus nicht so „elend“ und „dämonisch“ waren, wie sie sie dann in ihren Briefen darstellte. Aber dass bei Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen immer auch einzelne Ausnahmen gemacht werden, liegt nahe.

Emilie von Hessen-Kassel, die auch nach der Konversion ihres Mannes zum Katholizismus an ihrem Glauben festhielt,  entschied sich übrigens nach dem Erlass des Edikts von Fontainebleau zur Rückkehr nach Deutschland, obwohl ihr Ludwig XIV. “nicht unbeträchtliche Pensionszahlungen anbot, falls sie konvertierte.“ Sie erhielt die außerordentliche, „einfachen“ Hugenotten verwehrte Erlaubnis, mit 5 bis 6 französischen Bediensteten in ihre deutschen Besitzungen zurückzukehren.[26] Allerdings kehrte sie nicht in das elterliche Hessen-Kassel zurück, obwohl das zu den deutschen Territorien gehörte, die den aus Frankreich geflohenen Hugenotten Zuflucht boten. Sondern sie ließ sich in Frankfurt nieder, das eine wichtige Zwischenstation von aus Frankreich geflohenen Menschen war.[27] Aufgrund ihrer herausgehobenen Stellung wurden ihr dort sogar Privilegien zugebilligt, die Reformierte in der streng lutherischen Stadt nicht hatten.  Mit ihren geringen verbliebenen Mitteln unterstützte sie vor allem Waldenser,  die auf Hilfe wesentlich mehr angewiesen waren als die wegen ihrer vielfältigen Kompetenzen und großen Arbeitsmoral von reformierten Territorialherren gerne aufgenommenen Hugenotten. In Frankfurt starb sie 1693, drei Jahre vor ihrer ehemaligen Freundin. Bestattet wurde sie in Kassel, aber ein Denkmal wurde ihr nicht gesetzt.


Literatur

Madame de Sévigné, Briefe. Herausgegeben und übersetzt von Theodora von der Mühl. Insel TB 1979

Marquise de Sévigné, Ausgewählte Briefe. Übersetzt von Ferdinand Lotheißen. München: Albert Langen 1925  https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap001.html

Madame de Sévigné, Briefe an die Tochter. Ausgewählt und aus dem Französischen übersetzt von Susanne Schürmann. Mülheim 2020

Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné, Lettres de Madame de Sévigné, de sa famille et de ses amis Texte établi par Louis Monmerqué, Hachette, 1862 https://fr.wikisource.org/w/index.php?title=Lettres_de_Madame_de_S%C3%A9vign%C3%A9/%C3%89dition_Monmerqu%C3%A9/Volume_1/Notice&utm_source=chatgpt.com

Les Classiques de Lire, Themenheft Madame de Sévigné. 2/3/4 2026

Paul Deschanel, membre de l’Académie Française, Rede zur Einweihung der Statue  von Madame de Sévigné. Vitré,  8. Oktober 1911  https://www.academie-francaise.fr/inauguration-de-la-statue-de-mme-de-sevigne-vitre  

Duchêne, Roger (Hrsg), Autour de Mme de Sévigné, deux colloques pour un tricentenaire. Biblio 17 Hrsg vom Romanischen Seminar der Uni Tübingen 1997

Rob Kieffer, Göttliche Trüffel, hinterhältige Teufel. Die Drôme provencale war für Madame de Sévigné, die plauderfreudige, scharfsinnige Briefeschreiberin und Chronistin des königlichen Hoflebens, Zufluchtsort und Inspirationsquelle. In diesem Jahr feiert man dort ihren 400. Geburtstag. In: FAZ 23.5.2026

Gerlinde Kraus, Madame de Sévigné. In: Bedeutende Französinnen. Mühlheim/Main 2006

Jean-Jacques Lévêque, Madame de Sévigné ou la saveur des mots 1626-1696. Paris ACR Editions 1996

Claude Lefebvre, Portrait von Madame de Sévigné. https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/899704

Stéphane Maltère, Madame de Sévigné. Paris: Gallimard 2013

Genès Pradel, Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault. Conférence faite aux « Amis de Montluçon », le 2 mai 1914. Madame de Sévigné en Bourbonnais : ses séjours à Vichy et à Bourbon-l’Archambault / par Genès Pradel | Gallica

Anmerkungen

[1] Alle Fotos dieses Beitrags, soweit nicht anders angegeben, von Wolf Jöckel

Lesezeit 24 Minuten

[2] Brief an den Grafen Bussy-Rabutin vom 4. Dezember 1668. Aus: Briefe a.a.O., S. 26/27

[3] Von Mme. de Sévigné an Mme de Grignan  Brief 37 Paris, 5. Februar 1674 Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 5

[4] Info-Tafel im Schloss von Grignan. Übersetzung in: FAZ 23.5.2026

[5] FAZ 23.5.2026

[6] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380

[7] Zit. von Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[8] Brief aus Grignan vom 9. September 1694. Zit. Briefe, S. 380/381

[9] Zit. Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[10] https://www.projekt-gutenberg.org/sevigne/sevigbrf/chap003.html Brief 21

[11] Kieffer, FAZ, 23.5.2026

[12] Les Classique de Lire, S. 11

[13] Die nachfolgende Abbildung aus der im Schloss präsentierten Geschichte von Grignan

[14] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III, p. 114  Zitiert auch bei  https://de.frwiki.wiki/wiki/%C3%89dit_de_Fontainebleau_%281685%29  als Beispiel für die begeisterte Zustimmung der Marquise de Sévigné zu dem Edikt von Fontainebleau:  „Kein König hat jemals etwas Denkwürdigeres getan oder wird es tun.“ Auch das musée protestant zitiert in dem Beitrag über die französischen und ausländischen Reaktionen auf das Edikt von Fontainebleau an hervorgehobener Stelle diese Briefpassage der Mme de Sévigné. https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/

[15] Mark Zitzmann, Was sie schrieb, war einfach unerhört. 400 Jahre Madame de Sévigné. In: FAZ vom 5.2.2026  Zitzmann spricht zwar immerhin das heikle Thema an, aber die Haltung von Mme de Sévigné derart zu bagatellisieren, finde ich eher peinlich.

[16] Brief S. 345 vom 16. März 1689

[17] Ibid., p. 377

[18] Lettres de Mme de Sévigné (Bibliothèque de la Pleiade), t. III  S. 363 Brief vom 25. Februar 1689

[19] Zur Rolle des Grafen von Grignan bei der Bekämpfung der Hugenotten siehe: R. Duchêne, Monsieur de Grignan et les protestants de Provence  https://cinumedpub.mmsh.fr/Provence-historique/Pdf/PH-1970-20-079_07.pdf S. 64/65 Duchêne geht von einem Artikel in der in der Enzyklopädie Grand Larousse (Ausgabe 1962), die er zitiert:

« Grignan (François-Adhémar de Monteil, comte puis marquis de) [Grignan 1629, id. 1714). Colonel du régiment d’infanterie de Champagne en 1654, il fut nommé lieutenant général de Provence (1669) et fut rigoureux avec les protestants.“

In seinem Beitrag versucht Duchêne, dieses Urteil zu korrigieren. Grignan habe nur die königllichen Instruktionen ausgeführt und dabei sogar besondere Zurückhaltung walten lassen: es sei ihm nämlich darauf angekommen, die Grenzen zu schließen und möglichst viele Hugenotten im Land zu halten. Grund für das negative Urteil des Larousse seien die Briefe von Mme de Sévigné, die das Bild ihres Schwiegersohns geprägt hätten.

» L’approbation de Mm. de Sévigné à son gendre ne peut, dès lors, que le rendre suspect: La réputation de dureté du comte de Grignan lui vient de ces quelques passages, les seuls qui attestent sa présence dans une expédition contre les protestants, sans doute en service commandé, puisqu’il est hors de son propre gouvernement. Parce que l’imagination de l’épistolière était effrayée de la difficulté des chemins ct de l’aptitude des protestants à se cacher, elle a fixé ses impressions dans une image qui s’imposait à son esprit et qui s’est imposée à celle de ses lecteurs, celle d’une sorte de chasse contre les ‚démons‘. L’horreur du cadre s’est associée dans les esprits à l’horreur de cette poursuite, où il s’agit d‘ « exterminer“. Et M. de Grignan, solidaire de Broglio et de Bâville, a été rendu responsable d’une expédition dont on ignore s’il la commandait et s’il l’approuvait.“

[20] Brief an Mme de Grignan vom 2. Oktober 1689. https://fr.wikisource.org/wiki/Lettres_choisies_%28S%C3%A9vign%C3%A9%29%2C_%C3%A9d._1846/Lettre_295?utm Brief 295

[21] Mme de Sévigné ist außerdem Kommentatorin, Himmler dagegen verantwortlicher Täter.

[22] .Marquise de Sévigné: Ausgewählte Briefe – Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné Kapitel 16, 148

[23] Siehe: https://museeprotestant.org/notice/les-reactions-en-france-et-a-letranger/ , wo die wesentlichen Bedenken Vaubans aufgeführt sind. Siehe auch:  Charles Alfred de Janzé, Les Huguenots. Cent ans de persécution 1685 — 1789 (1886 https://www.gutenberg.org/cache/epub/16849/pg16849.html

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Emilie_von_Hessen-Kassel

[25] Brief vom 23. Oktober 1675 an ihre Tochter

„Madame écrit en allemand de grandes lettres à Mme de Tarente : je me les fais expliquer. Elle lui parle avec beaucoup de familiarité et de tendresse, et la souhaite fort.“  

[26] Archives nationales, La Trémoille, Marie-Amélie de Hesse-Cassel (1626-1693 ; duchesse de)

https://rdf.archives-nationales.culture.gouv.fr/garance/entities/agent/052904/?utm

[27] Dazu im Einzelnen: Michelle Magdelaine, Francfort-sur-le-Main et les réfugiés huguenots.  Pariser Historische Studien Bd. 82 2007 https://perspectivia.net/servlets/MCRFileNodeServlet/ploneimport_derivate_00010832/magdelaine_huguenots.pdf?utm