
In der hall d’Alsace des Pariser Gare de l’Est ist über dem Durchgang zu den Bahngleisen eines riesiges, 12 Meter langes und 5 Meter hohes Gemälde angebracht: ‚Le Départ des poilus, août 1914‘. Dargestellt ist der Aufbruch französischer Soldaten, der poilus, an die Front im August 1914. (Alle Fotos des Beitrags von Wolf Jöckel)
Am 3. August 1914 hatte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg erklärt. Nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war aus einem regionalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien ein großer europäischer Krieg geworden: gegenseitige Beistandsverpflichtungen und auch eine fatale Planung des deutschen Militärs für den Fall eines Zweifrontenkriegs (Schlieffen-Plan) trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei.
Insgesamt etwa 3 Millionen Soldaten wurden im Sommer 1914 in Frankreich mobilisiert. Für die meisten von ihnen war der Gare de l’Est die Ausgangstation für den Fahrt an die Front Während des gesamten Krieges war der Bahnhof dann eine zentrale Drehscheibe.
Wesentliches Thema des Bildes ist der Abschied, die Trennung der Soldaten von ihren Lieben.



Deutlich wird hier der Schmerz des Abschieds dargestellt – es sind keine Szenen der Kriegsbegeisterung. Und es ist ja auch ein längst korrigierter Mythos, dass in ganz Europa die Männer freudig die Möglichkeit begrüßt hätten, endlich einen verhassten Feind zu besiegen. (Christopher Clark). Für Frankreich hat Jean-Jacques Becker schon 1977 in seinem Buch über die französische öffentliche Meinung im Jahr des Kriegsbeginns (1914 : comment les Français sont entrés dans la guerre) den Mythos allgemeiner französischer Kriegsbegeisterung entlarvt.

Im Zentrum des Gemäldes ist allerdings ein Soldat dargestellt, die Arme begeistert erhoben: in der einen Hand den Helm, in der anderen ein Gewehr, in dessen Lauf ein Blumenstrauß steckt. Dieser Soldat ist allerdings kein Franzose, sondern ein Amerikaner: der Sergent Everit Herter, der auch erst mit dem amerikanischen Expeditionskorps 1917 nach Europa kam. Im Juni 1918 wurde er bei der Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive bei Château-Thierry getötet und ist auf dem amerikanischen Militärfriedhof von Seringes et Nesles bestattet.
Albert Herter, Everits Vater, malte das Bild zur Erinnerung an seinen Sohn und an die (französischen) Opfer des Ersten Weltkriegs. Frankreich hat prozentual zur Gesamtbevölkerung im Ersten Weltkrieg die höchsten Verluste aller Großmächte gehabt. Fast 1,4 Millionen französische Soldaten sind im Krieg gefallen, der Krieg im Westen fand auf französischem Boden statt. An der zum Boulevard de Ménilmontant gelegenen Mauer des Pariser Friedhofs Père Lachaise sind in einer kaum enden wollenden Reihe die Namen von 94 415 Soldaten allein aus Paris aufgeführt, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Er ist deshalb auch für die Franzosen „la Grand Guerre“.


Albert Herter hat sich in dem Gemälde auch selbst dargestellt. Es ist der alte Herr ganz rechts im Bild. Während bei seinem Sohn die Blumen mit dem Gewehrlauf nach oben gerichtet sind, ist der Blumenstrauß des Vaters nach unten gesenkt: Zeichen der Trauer und des Gedenkens an den toten Sohn.
Albert Herter schenkte das 1925/26 im Schloss von Versailles gemalte Bild dem französischen Volk. Am 8. Juni 1926 wurde es im Gare de L’Est offiziell eingeweiht.
