Seit 2009, als wir gemeinsam unsere Berufstätigkeit beendet haben, leben meine Frau und ich in Paris. Zunächst war das nur für ein Jahr geplant. Jetzt sind daraus aber schon viele Jahre mehr geworden und es sollen auch noch einige Jahre folgen. Das Leben in Paris –kombiniert mit der Möglichkeit, in vier Stunden auch wieder in der alten Heimat zu sein- ist eine große Herausforderung und Bereicherung. Dieser neue Lebensabschnitt in Frankreich ist die konsequente Fortsetzung einer langen Beziehung zu Frankreich: Meine Frau war Französisch-Lehrerin. Für mich war das Französische zwar nur vierte Fremdsprache, aber ich erhielt schon als Schüler ein Sprach- Stipendium des deutsch-französischen Jugendwerks, um als "Dolmetscher" das Orchester meines Darmstädter Gymnasiums in unsere Schwesterstadt Troyes zu begleiten. Und schon als Schüler besuchte ich - auf abenteuerliche Weise als Tramper- zum ersten Mal Paris. Es folgte während meines Studiums (Germanistik, Geschichte und Politik) ein Aufenthalt an der Universität Besancon. Dort erhielt ich auch die Anregung zu meiner Promotion über den im französischen Exil entstandenen Roman Heinrich Manns über die Jugend und die Vollendung des "guten Königs" Henri Quatre. Als Ausbilder von Lehrkräften aus Staaten der Europäischen Union und Betreuer von französischen Referendar/innen am Studienseminar in Frankfurt hatte ich auch während meiner Berufstätigkeit engen Kontakt zu Frankreich. Und im Laufe der Zeit entstanden viele gemeinsame Kontakte und Freundschaften, so dass Paris der "natürliche" Ort eines neuen Lebensabschnitts war.
Als Historiker interessiere ich mich besonders für die deutsch- französische Geschichte und die wechselseitigen deutsch-französischen Sichtweisen in Vergangenheit und Gegenwart; und natürlich für diese wunderbare Stadt Paris mit ihren vielen Facetten, ihrem historischen und kulturellen Reichtum, aber auch ihren Widersprüchen. Als ehrenamtlicher Stadtführer von „Parisien d’un jour“ versuche ich, Besuchern der Stadt etwas von den in den gängen Reiseführern eher stiefmütterlich behandelten Seiten der Stadt zu vermitteln. Und auch mit diesem Blog möchte ich dazu beitragen, das Interesse an Frankreich und Paris zu befördern und Lust zu machen, auf Entdeckungsreise zu gehen.
Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um den Faubourg Saint-Antoine als das Viertel des Holzhandwerks und der Kunsttischler. Dort wurde ein großer Teil der noblen Ausstattung für die Schlösser des französischen Adels hergestellt. Heute erinnern noch viele der früheren Handwerkerhöfe an diese glanzvolle Periode des Viertels.
Im nachfolgenden zweiten Teil geht es um die -mit der wirtschaftlichen Tätigkeit des Viertels eng verknüpfte- politische Tradition des Viertels: In allen französischen ‚Revolutionen, 1789, 1830, 1848 und 1871, spielte das Viertel eine wesentliche Rolle.
Die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs des Faubourg-St-Antoine im ancien régime waren nämlich die insgesamt miserablen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. Weil es hier keine Zunftzugehörigkeit gab, gab es auch nicht die von den Zünften immerhin sichergestellte soziale Absicherung. Gerade in der Wirtschaftskrise, die der Französischen Revolution vorausging, waren die Konsequenzen für die Arbeiter besonders spürbar.
Dies war der Ursprung der sogenannten affaire Réveillon, gewissermaßen der Auftaktveranstaltung der Französischen Revolution. Und die fand –wie ja auch der Sturm auf die Bastille- nicht von ungefähr gerade im aufsässigen Faubourg Saint-Antoine statt. In der Enzyklopädie Larousse finden sich zu dieser „Affaire“ folgende Informationen:
Émeutequi éclata au faubourg Saint-Antoine à Paris le 28 avril 1789. La fabrique de papiers peints de J.-B. Réveillon fut pillée et incendiée par ses ouvriers, auxquels se joignirent de nombreux travailleurs du quartier. L’intervention de l’armée fit 300 victimes.
Was hat es mit diesem Aufstand auf sich? In den weitläufigen Gartenanlagen der ehemaligen Folie Titon zwischen der Rue de Montreuil und der heutigen Rue Chanzy wurde im 18. Jahrhundert eine königliche Manufaktur für bedrucktes buntes Papier eingerichtet. Der Chef der Manufaktur, Réveillon, war großbürgerlicher Mäzen und arbeitete mit den Brüdern Montgolfier bei der Herstellung der ersten Heißluftballone zusammen. Er saß auch selbst mit in dem ersten Montgolfière, der am 19. November 1783 im Garten der Folie Titon abhob: Seine Hülle bestand aus Stoff, auf den mit goldenen Sonnen bedrucktes Réveillon-Papier geklebt war – eine grandiose Marketing-Aktion.
Bemalung eines Tellers zur Erinnerung an den 19. November 1783; aus dem musée Carnavalet
Reveillons Manufaktur litt aber am Vorabend der Französischen Revolution unter der Wirtschaftskrise, zu der nach einem Freihandelsabkommen mit England die billige englische Konkurrenz wesentlich beitrug. Réveillon, ein eher fortschrittlicher Unternehmer, schlug deshalb am 23. April 1789 vor, einerseits die an der Stadtgrenze erhobenen Zölle (den verhassten octroi) abzuschaffen, um damit die Preise der Grundnahrungsmittel, vor allem den Brotpreis, zu senken. Damit gäbe es Spielraum, die Löhne um 25% zu kürzen, um das Überleben der Betriebe zu ermöglichen. Natürlich konnte und wollte Ludwig XVI. angesichts der leeren Staatskassen nicht auf den octroi verzichten, so dass für die ca 300 Beschäftigten Réveillons und für die in den Arbeitervierteln im Osten der Stadt nur die Drohung drastischer Lohnsenkungen blieb, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. So kam es zur Revolte der Arbeiter (1)
Sie zogen in die Innenstadt vor das Hôtel de ville mit dem Ruf Le pain à deux sous, verbrannten Stoffpuppen mit den Zügen ihres Fabrikherren. Am 27./28. April besetzten aufgebrachte Arbeiter des Viertels das Haus und die Manufaktur Réveillons, zündeten die Gebäude an und verjagten den Besitzer.
Teil eines Frieses in der Hofeinfahrt von Nr 33 rue de Montreuil, in dem die Affaire Reveillon veranschaulicht wird.
In Presseartikeln über Fabrikbesetzungen, die in Frankreich ja eine gewisse Verbreitung und Popularität haben, wird übrigens gerne auf diese historische Parallele verwiesen. Réveillon flüchtete sich in die nahe gelegene Bastille, die also nicht nur als Gefängnis, sondern in diesem Fall auch einmal als Zufluchtsort diente. Dann rückte aber ein Garde-Regiment an, um die sogenannte „Ordnung“ wiederherzustellen: Es ist nicht erwiesen, wie viele Opfer es gab. „On parle de plus de trois cents morts et d’autant de blessés.“ (2) Es soll -nach dem Sturm auf das Tuilerien-Schloss am 10. August 1792- sogar der blutigste Tag der Französischen Revolution gewesen sein.
Gedenktafeln am ehemaligen Eingang der Folie Titon, die an den Start des ersten Montgolfière und den Aufstand vom 28. April 1789 erinnern
Die Truppe wurde danach vorsichtshalber gleich in der leer stehenden ehemaligen Glasmanufaktur in der nahe gelegenen Rue Reuilly in Bereitschaft gehalten. Allerdings verbündete sich am 14. Juli 1789 ein Teil dieser Truppe mit den Belagerern der Bastille und trug damit entscheidend zu ihrem Fall bei.
Die Erstürmung der Bastille hatte übrigens vor allem eine symbolische Bedeutung, galt sie doch seit den Zeiten Richelieus als Sinnbild absolutistischer Willkür: Ein lettre de cachet des Monarchen genügte, um eine missliebige Person gefangen zu setzen. Dabei war die Bastille eher für prominente Gefangene bestimmt und die Haftbedingungen waren, genügend finanzielle Ressourcen vorausgesetzt, relativ komfortabel. Teilweise wird die Bastille von 1789 eher als Hotel denn als Gefängnis beschrieben. Die Befreier waren denn auch etwas enttäuscht, nur 7 eher gewöhnliche Spitzbuben dort vorzufinden, so dass man sogar einen den Erwartungen entsprechenden Gefangenen einfach erfand, den Comte de Lorges, der angeblich 32 Jahre lang in einem dunklen, feuchten Kellerloch angekettet gewesen sei. (3)
Und dank der Revolution konnte sich selbst ein adliger Gauner wie der Chevalier de Latue, dem einmal mit Hilfe einer Strickleiter ein spektakulärer Ausbruch gelungen war, erfolgreich als Opfer des Absolutismus und Held der neuen Zeit in Szene setzen. Da die Bastille ein Symbol war, wurde auch unmittelbar nach ihrem Fall der Bauunternehmer Pierre François Palloy mit dem Abriss beauftragt, den Hubert Robert in einem eindrucksvollen Gemälde festhielt, das er dem Marquis de La Fayette schenkte. Hier ein Ausschnitt:
Palloy nutzte die Bastille als Steinbruch, er ließ aber auch von Blöcken der Festung Modelle des Baus herstellen, die er an die 83 Départements, an König Ludwig XVI. und einflussreiche Persönlichkeiten Frankreichs und des Auslands, u.a. George Washington, versandte. Ein Exemplar ist heute im Stadtmuseum Carnavalet ausgestellt. Zu sehen ist von der Bastille heute fast nichts mehr, nur noch wenige Fundamente eines Turms in der kleinen Grünanlage an der Métro-Station Sully-Morland am Boulevard Henri Quatre. Und da, wo die Rue Saint -Antoine in die Place de la Bastille einmündet, sind noch die Umrisse eines früheren Festungsturmes auf der Straße markiert – inzwischen durch Markierungen aus Metall ersetzt. Sie deuten übrigens an, dass die Bastille nicht ganz so mächtig gewesen ist, wie sie auf vielen heroisierenden Darstellungen –zum Beispiel auf dem oben gezeigten Gemälde von Jean-Baptiste Lallemand- präsentiert wird.
Seit der umfassenden Umgestaltung des Platzes 2020/2021 erinnern jetzt in den Boden eingelassene Symbole an die revolutionäre Verrgangenheit des Platzes und des Viertels: Platten mit den Jahresdaten 1789, 1830, 1848 und 1871 und natürlich auch mit dem Symbol der Bastille:
Einen Elefanten gibt es da übrigens auch: Der hat aber nichts mit der Revolution zu tun, sondern mit Napoleon. Der Kaiser plante nämlich, auf dem nun leeren Platz, an dem die Bastille stand, einen riesigen Elefanten mit einer Aussichtsplattform errichten zu lassen. Daraus ist dann allerdings nichts geworden, und es blieb bei einem Modell aus Holz und Gips, das dort bis 1836 stand und dann der Julisäule Platz machte….
In der Mitte des Platzes steht seitdem die Säule mit dem Genius der Freiheit an seiner Spitze.
Auf ihr sind die Opfer der Juli-Revolution von 1830 verzeichnet, durch die die Herrschaft der Bourbonen endgültig beendet wurde. Durch den Bau der Säule stellte sich der nun gekürte „Bürgerkönig“ Louis Philippe in die Tradition der Französischen Revolution und er ehrte damit die Opfer der Juli- Revolution, die auf diesem Platz begraben sind: Ein Grund, weshalb die Metro-Linie 1, die schnell und automatisiert Paris von West nach Ost durchquert, hier einen großen Bogen beschreibt.
Delacroix hat diese Revolution verherrlicht durch sein 1830 entstandenes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk an“ – dessen Motiv hier als Hintergrund einer Wurfbude auf dem Batille-Platz dient.
Auch in der nachfolgenden Revolution von 1848 hat der Faubourg Saint-Antoine eine wesentliche Rolle gespielt. Insgesamt 65 Barrikaden wurden damals in dem Viertel errichtet- eine davon die große Barrikade, die Victor Hugo hat in seinem Roman „Les Miserables“ beschrieben hat: „La barricade Saint-Antoine était monstrueuse…. elle surgissait comme une levée cyclopéenne au fond de la redoutable place qui a vu le 14 juillet. » (Bd V, Buch 1, Kap.1).
Ein eindrucksvolles Bild einer Barrikade im Faubourg Saint-Antoine habe ich im Musée des Artistes im Künstlerdorf Barbizon gefunden. Es stammt von Nicolas- Francois Chifflard (1825-1901) und ist ganz unverkennbar von Delacroix‘ bekanntem Freiheitsbild beeinflusst. Umso deutlicher wird damit der Faubourg Saint-Antoine als Ursprung und Zentrum der französischen Freiheitsbewegungen gefeiert.
In der Nähe dieser Barrikade wurde im Juni 1848 der als Parlamentär fungierende Erzbischof von Paris, Monsignor Affre, tödlich verwundet, woran ein Kirchenfenster in Sainte-Marguerite, der alten Kirche des Viertels, erinnert.
Die Kirche ist nicht nur wegen ihrer außergewöhnlichen trompe l’œil- Malerei bedeutsam….
…. sondern auch wegen ihres kleinen Friedhofs. Lange wurde angenommen, dass dort der Leichnam von Ludwig XVII. begraben sei, dem Dauphin und Sohn des 1793 hingerichteten Königs Ludwig XVI.
Der angebliche Grabstein existiert auch heute noch. Um diesen Sohn rankten sich lange viele Legenden, es gab zahlreiche „Dauphin-Hochstapler“ und –wie mein alter Michelin-Führer schreibt- „das Geheimnis Ludwig XVII. bleibt vollständig“. Der Autor Robert Löhr hat das übrigens zum Anlass für eine echte „Räuberpistole“ genommen: Goethe erhält von seinem Weimarer Fürsten den waghalsigen Auftrag, den (angeblichen) Dauphin aus dem von napoleonischen Truppen besetzten Mainz zu befreien. Um Goethe versammelt sich nun eine illustre Runde (Schiller, Kleist, Humboldt, Bettine von Arnim, Brentano), die zahlreiche Abenteuer zu bestehen hat (u.a. mit Armbrust- natürlich Schiller- und Faust- natürlich Goethe) und sich dabei weitgehend mit Zitaten aus den jeweiligen Werken verständigt. Für literarisch Interessierte ist das natürlich ein besonderes Vergnügen.
Eine der letzten Barrikaden gab es auf dem Faubourg-St-Antoine 1851, anlässlich des Staatsstreichs von Louis-Napoleon-Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III. Eine Gruppe von Parlamentsabgeordneten rief die Arbeiter und Handwerker zum Widerstand auf. Zu diesen Abgeordneten gehörte der aus dem Elsass stammende Victor Schoelcher, der als Abgeordneter der Nationalversammlung Martinique vertrat und Initiator des décret d’abolition de l’esclavage vom 27. April 1848 war, das die völlige Abschaffung der Sklaverei in Frankreich und seinen Kolonien festschrieb. Mit dabei war auch der Armenarzt des Viertels, Jean Baptiste Alphonse Baudin. Die Bewohner des Faubourgs waren allerdings diesmal –drei Jahre nach den 4000 Toten vom 25. Juni 1848 – eher zurückhaltend und verdächtigten Baudin und seine Mitstreiter, nur wegen ihrer Diäten auf die Barrikaden gehen zu wollen. Die Abgeordneten der Nationalversammlung waren damals beim Volk nicht sehr beliebt – u.a. weil eine Mehrheit von ihnen das 1848 beschlossene allgemeine Wahlrecht abgeschafft hatte – und wurden als „Fünfundzwanzig-Franc-Männer“ verhöhnt. Baudin gab aber nicht auf und stieg, nachdem er sich eine Trikoloren-Schärpe umgelegt hatte, auf eine kleine Barrikade an der Ecke Rue de Cotte und dem Faubourg Saint-Antoine, bestehend aus einer Mistfuhre, einem Milchkarren, einem Bäckerwagen und einem Omnibus. Auf diesem eher symbolischen Hindernis rief Baudin aus: „Ihr werdet sehen, Bürger, wie man für fünfundzwanzig Francs stirbt“, rief er aus und wurde erschossen.
Der Maler Ernest Pichio hat diesen Augenblick in einem Gemälde festgehalten, das man sich im Pariser Stadtmuseum Carnavalet im Original ansehen kann.
Baudin wäre allerdings wohl vergessen worden, hätte ihm nicht Victor Hugo in „Les années funestes“ ein Denkmal gesetzt:
„La barricade était livide dans l’aurore. Et comme j’arrivais elle fumait encore;
Rey me serra la main et dit: Baudin est mort.
Il semblait calme et doux comme Un enfant qui dort; Ses yeux étaient fermés,
Ses bras pendaient, sa bouche Souriait d’un sourire héroique Et farouche.
Ceux qui l’environnaient l’emportèrent.”
Heute erinnert noch an Ort und Stelle eine historische Erinnerungstafel der Stadt Paris und eine schöne Plakette mit goldenen Lettern am Haus:
„Vor diesem Haus fiel ruhmreich Jean Baptiste Alphonse Victor Baudin, Vertreter des Volkes für das Département de l’Ain. Er wurde am 3. Dezember 1851 getötet, als er das Gesetz und die Republik verteidigte“
Und schließlich wurde Baudin unter der Dritten Repbulik auch ins Pantheon aufgenommen- wie übrigens auch sein Mitstreiter Victor Schoelcher- der allerdings wegen seiner Verdienste um die Abschaffung der Skaverei. Schoelcher blieb übrigens 1851 bei der Schießerei an der Barrikade im Faubourg Saint – Antoine unverletzt, verließ aber umgehend Frankreich und kehrte erst nach der Abdankung Napoleons wieder nach Paris zurück. Ursprünglich stand früher auf dem kleinen, nach Baudin benannten Platz an der Kreuzung zwischen der Rue du Faubourg Saint-Antoine, der Rue de Cotte und der Rue Crozalier ein bronzenes Standbild von Baudin. Das wurde aber während der deutschen Besatzung von Paris an die Nazis übergeben, um deren Edelmetall-Forderungen nachzukommen. Auf einen überzeugten Republikaner wie Baudin glaubten die Collaborateure offenbar am ehesten verzichten zu können…
Die Arbeiter und Handwerker aus dem Faubourg Saint-Antoine haben in allen Revolutionen und Umbrüchen des langen 19. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Mark Twain hat darüber in seinem Paris-Buch ein vernichtendes Urteil gefällt:
Hier leben die Menschen, welche die Revolutionen beginnen. Wann immer es etwas dieser Art zu tun gibt- sie sind dazu bereit. Sie haben so viel echte Freude am Bau einer Barrikade, wie daran, eine Kehle durchzuschneiden oder einen Freund in die Seine zu stoßen.“
Der Pariser Präfekt Haussmann sah das wohl ganz ähnlich. Deshalb zerschnitt er nämlich bei seiner Neueinteilung von Paris in 20 Arrondissements den aufrührerischen Faubourg Saint-Antoine entlang seiner zentralen Achse, der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Den nördlichen Teil schlug er dem 11. und den südlichen Teil dem 12. Arrondissement zu. Deren neue Rathäuser wurden weit entfernt voneinander errichtet, um der Gefahr koordinierter revolutionärer Umtriebe vorzubeugen – eine Methode, die Haussmann auch im „roten“ Belleville praktizierte, das auf das 19. und das 20. Arrondissement aufgeteilt wurde.
Dazu kam die Abdeckung des letzten Stücks des Kanals Saint-Martin, die zum Boulevard Richard-Lenoir wurde. Damit verlor der Faubourg Saint-Antoine eine Verteidigungslinie, die den Regierungstruppen im Juni 1848 tagelang widerstanden hatte.
Schließlich stellte er mit dem Boulevard du Prince-Eugène (heute Boulevard Voltaire) zwischen der Place du Château-d’Eau (heute Place de la République) und der Place du Trône (heute Place de la Nation) eine Verbindung zwischen zwei Kasernen her und „vollendete die Einschließung der revolutionären Vorstadt“ (Thankmar von Münchhausen).
Genutzt hat das allerdings –in beiden Fällen- nichts. Denn während der Pariser Commune wurde in beiden Stadtvierteln erbitterter Widerstand gegen den Vormarsch der Versailler Truppen während der semaine sanglante geleistet. Auf dem Faubourg Saint-Antoine stand eine der letzten Barrikaden der Commune, und zwar an der Einmündung der Rue de Charonne, neben dem schönen Barockbrunnen, der das Viertel mit frischem Wasser aus den Höhen von Belleville und Ménilmontant versorgte.
Kaum ein Stadtviertel von Paris kann sich einer so reichen und bewegten revolutionären Vergangenheit rühmen wie der Faubourg Saint-Antoine. Und ganz anders als Mark Twain hat dies Jules Vallès in seinem Buch „Le Tableau de Paris“ gewürdigt:
C’est dans le faubourg Saint-Antoine que luit le premier éclair des révoltes: avant que la Bastille soit prise, la fabrique de Réveillon, le marchand des papiers peints, est attaquée par une foule en guenilles. On met le feu à la maison, on casse ses côtes de pierre, on la démantibule et on la fouille, mais on ne vole pas un sou dans la caisse. Ils sont déjà les soldats d’une idée, ces faubouriens…
Vient l’attaque de la forteresse. C’est leur voisin; ils ont vu arriverchez elle des prisonniers qui ressemblent fort à leurs exploiteurs, à leurs bourreaux, gens de noblesse ou gens de robe. Dans cette Bastille, on n’enferme que des privilégiés, tous mépriseurs des pauvres. Mais le vent de la Révolution casse les égoïsmes d’un grand coup de son aile, et le faubourg ne s’attarde pas à ses rancunes et donne son coup de tête contre les murs! Le faubourg Saint-Antoine restera, pendant toute la période tourmentée et sanglante, le bélier de la Révolution. … En tout cas, le faubourg a l’honneur sanglant de rester le théâtre des chutes terribles et des solonnelles agnonies dans le tremblementde terre de la guerre civile!
In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.
Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010
Diwo, Jean: 249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006
Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984
Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998
Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998
Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000
Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993
Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine. In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f
Als wir 2009 daran gingen, uns –zunächst für ein Jahr- in Paris niederzulassen, fanden wir eine Wohnung im Faubourg Saint-Antoine, einem uns bis dahin ganz unbekannten Viertel von Paris. Kein Wunder, denn in den meisten –jedenfalls älteren- Stadtführern ist es überhaupt nicht erwähnt, weist es doch keine besonderen Sehenswürdigkeiten auf, keine spektakulären Bauwerke, kein Museum oder andere Attraktionen. Und um den Ruf des Viertels stand es auch nicht immer zum Besten. So hat Mark Twain 1869 das Viertel als “Gegenstück (zum) prunkvollen Versailles mit seinen Schlössern, seinen Statuen, seinen Gärten und Springbrunnen” wie folgt beschrieben:
„Kleine, enge Straßen; schmutzige Kinder, die sie versperrten; schmierige, schlampige Frauen, die die Kinder einfingen und verprügelten; dreckige Höhlen in den Erdgeschossen, mit Lumpenhandlungen darin (…), weitere dreckige Höhlen, in denen ganze Garnituren von Kleidung aus zweiter und dritter Hand zu Preisen verkauft werden, die jeden Inhaber ruinieren würden, der sein Lager nicht zusammengestohlen hätte; … In diesen kleinen, krummen Straßen bringt man für sieben Dollar einen Mann um und wirft die Leiche in die Seine… In diesem ganzen Faubourg St. Antoine gehen Elend, Armut, Laster und Verbrechen Hand in Hand, und die Zeugnisse dafür starren einem von allen Seiten ins Gesicht. (zit. in: dtv Reise Textbuch Paris, 1990, S. 295/296).
Ganz anders das Wochenmagazin Le Point, das in seiner Ausgabe vom 28. Oktober 2010 das 11. Arrodissement, zu dem ein großer Teil des Faubourgs gehört, mit diesen Worten beschrieb:
„Avec ses nombreux îlots qui ont résisté à la vague haumssmannienne, le 11e est un arrondissement qui a du caractère. Parfois frondeur, souvent héroïque, toujours accueillant, il port sa mixité comme un étendard. … L’arrondissement le plus dense de la capitale, qui abrite 152 000 habitants, continue de séduire. Aux artisans et aux ouvriers qui ont fait sa réputation viennent désormais se joindre des artistes, des intellos et de jeunes couples avec leurs bambins » – und natürlich –wie man ergänzen muss- sogar deutsche Pensionäre! Wir haben jedenfalls in den sechs Jahren, die wir im Faubourg wohnten (von 2009 bis 2015) dieses Viertel immer besser kennen – und schätzen gelernt und es wurde zu unserer zweiten Heimat.
Im Gegensatz etwa zu den noblen Faubourgs St.Germain oder St. Honoré im Westen reiht sich am Faubourg St. Antoine kein grandioser Adelspalast an den anderen. Es gibt viele kleine Geschäfte, auch viele sog. Bazare mit billigen Sonderangeboten: Da haben wir zum Beispiel eine elektronische Küchenwaage für 3.50 € und eine Küchenmaschine für 19.80 € gekauft, auf die es sogar 3 Monate Garantie gab. Daneben gibt’s das chaotisch vollgeräumte Lädchen mit dem kleinen Chinesen, der das Messingschild (Mme et M. Jöckel) für unsere Wohnungstür hergestellt hat, dann den Blumenladen mit den Sträußen zu 3 € (5 Sträuße zu 10 €!), den nordafrikanischen Metzger, bei dem wir unser Lammfleisch kaufen, der schon in Gelnhausen und Hanau war und dessen Sohn, der ab und zu an der Kasse steht, sich freut, wenn man mit ihm deutsch redet, das er seit vier Jahren auf der Schule lernt. Und natürlich gibt es das sog. Internet-Café, in dem wir öfters waren, solange wir noch keinen Internet-Anschluss hatten: ein enger Raum vollgestopft mit Telefonkabinen und PCs, in dem meist ein babylonisches Sprachgewirr herrschte und in dem es lebhaft zuging wie auf einem Marktplatz. Vor allem wenn –wie öfters- die junge Russin da war, die mit ihrem lover ziemlich laut und schrill „skypte“.
Typisch für das Viertel sind aber vor allem die kleinen Durchgänge und Höfe, in denen „antike“ Möbel verkauft und manchmal auch noch hergestellt werden. Hier war nämlich früher das Viertel der Handwerker, die die Möbel für die Adelspaläste im Westen der Stadt, aber auch für den ganzen französischen Adel hergestellt haben, ihre Waren aber auch weiter nach Europa exportierten.
Dass der Faubourg-St-Antoine das Viertel der Kunst -Tischler wurde, hat natürlich auch historische Ursachen. Das ganze Viertel gehörte nämlich im Mittelalter zu dem Kloster Saint- Antoine- des- champs, und der Faubourg St-Antoine, an dem das Kloster lag, war ein Teil der wichtigen, breiten Einfallsstraße vom Westen in das Zentrum von Paris, die schon auf die Römer zurückgeht und auf der die Könige –bis hin zu Ludwig XIV- von ihrem Schloss in Vincennes in die Stadt einzogen oder sich bei wichtigen Anlässen vom Volk feiern ließen
Auf dem Merian-Stich von 1615 erkennt man im Vordergrund die Bastille und die „place Royalle“, also die heutige place des Vosges. Links im Hintergrund ist das Schloss von Vincennes mit seinen Türmen und der „sainte chapelle“ abgebildet.An der Straße nach Vincennes liegt -in der Mitte des Bildes- das Kloster S. Antoine des champs mit seinem sehr weitläufigen ummauerten Klosterbezirk. Der spitze Dachreiter auf der Vierung deutet darauf hin, dass es sich um ein zisterziensisches Kloster handeln muss.
In der Tat war St. Antoine des Champs ein nobles zisterziensisches Damenstift, das im Laufe der Jahrhunderte viele Schenkungen und Privilegien erhielt: Zwei davon waren besonders wichtig: 1131 erhielt das Kloster nämlich das Privileg, Schweine zu halten, was gleichzeitig im Stadtgebiet von Paris verboten wurde. Anlass war ein grotesker Unfall von Philipp, dem Lieblingssohn und Mitregenten Ludwigs VI: Im Alter von 15 Jahren ritt er mit seinen Gefolgsleuten in Paris entlang der Seine, als plötzlich ein Schwein seinem Pferd zwischen die Beine lief. Philipp wurde über den Kopf seines Pferdes geschleudert und zog sich so starke Verletzungen zu, dass er am Tag darauf verstarb, ohne vorher das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Das Kloster St. Antoine erhielt nun das Privileg der Schweinehaltung: Die Schweine des Klosters hatten sogar -in 12-er Trupps und mit Glocken um den Hals- Aufenthaltsrecht in den Straßen der Stadt. (1) Dieses Privileg mehrte erheblich den Wohlstand des Klosters.
Besonders folgenreich war dann ein weiteres Privileg, das das Kloster im Jahr 1471 unter der Regierung Ludwigs XI. erhielt: Damals wurden die im Bereich des Klosters angesiedelten Handwerker von den üblichen Zunftzwängen befreit, ein Privileg, das von Colbert 1657 erneuert wurde. So entstand im Faubourg Saint-Antoine gewissermaßen eine „marktwirtschaftliche Insel“. Während die „zünftigen“ Schreiner nur Eichenholz verwenden durften, konnten die Werkstätten im Faubourg St-Antoine auch andere Holzarten verwenden, vor allem die Edelhölzer, die ab dem 16. Jahrhundert aus den neu entdeckten Kontinenten nach Europa kamen. Die Kunsttischler des Viertels werden deshalb ja auch ébénistes genannt. Im Pariser Stadtmuseum (Hotel Carnavalet) sind auch zahlreiche Möbel aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt, von denen ein wesentlicher Anteil sicherlich aus dem Faubourg St. Antoine stammt. Bei einem kleinen Rundgang habe ich –nur stichprobenartig- die Verwendung von 18 verschiedenen Holzarten festgestellt! Dazu kamen dann auch noch andere Materialien wie Bronze, der damals sehr modische japanische Lack, Marmor und verschiedene Farben und Stoffe, die bei der Möbelherstellung verwendet wurden. So entwickelte sich in diesem Viertel eine Vielfalt von kleinen Betrieben rund um die Möbelproduktion.
Hier ein Detail eines im Pariser Stadtmuseum musée Carnavalet ausgestellten Paravent aus dem Faubourg Saint-Antoine. Es handelt sich um eine mit Imitationslack (Vernis Martin) der Familie Martin hergestellte Arbeit mit chinesischen Motiven.
Eine besondere Anziehungskraft übte der Faubourg Saint-Antoine auch für deutsche Handwerker aus. „Sie brachten nach Paris Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie in den oft beschränkten Verhältnissen ihrer Herkunftsstädt nicht sinnvoll einsetzen konnten und die in Frankreich nicht in vergleichbarer Weise beheimatet waren“, vor allem die Arbeit mit Furnieren. „Umgekehrt fanden sie in der französischen Metropole einen Markt, den es anderswo vergleichbar nicht gab, und sie profitierten von dem hohen Interesse, das die kulturell und gesellschaftlich führenden Kreise für handwerkliche Höchstleistungen zeigten.“ (Pallach)
Ein Beispiel ist der im Rheinland geborene Johann Franz Oeben. Er arbeitete zunächst in der Werkstadt eines französischen Kunsttischlers, machte sich dann aber im Faubourg Saint-Antoine selbstständig. Von Madame Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., erhielt er zahlreiche Aufträge.
Man kann davon ausgehen, dass der elegante kleine Nachttisch auf dem Portrait der Madame de Pompadour von Boucher (Alte Pinakothek München) von Oeben angefertigt wurde.
Oebens Schwester, die er gleich mit nach Paris gebracht hatte, heiratete einen andern deutschen Kunsttischler, Martin Carlin aus Freiburg im Breisgau, der viele Aufträge von Madame Du Barry und Marie Antoinette erhielt. Und als Oeben starb, heiratete seine Witwe einen anderen deutschstämmigen Ebenisten, nämlich Jean-Henri Riesener. Der allein hatte im Faubourg Saint-Antoine vor der Revolution 30 Werkstätten, um den Luxus-Bedarf des Adels zu befriedigen. Riesener verkörperte die „perfection de l’ébenesterie parisienne sous Louis XVI“. (Info-Text aus dem Musée Nissim Camondo). Er fertigte insgesamt 600 feinste Möbel für den königlichen Hof und war bevorzugter Lieferant von Marie Antoinette.
Und so kann Jean-Claude Bourgeois in seinem kleinen Führer durch den Faubourg Saint-Antoine feststellen, am Ende des 18. Jahrhunderts sei in den Werkstätten und auf den Straßen des Faubourgs ebenso flüssig deutsch wie französisch gesprochen worden. „Les Allemands“ waren ein Begriff : Unter diesem Stichwort notierte sich Ludwig XVI. Zahlungen von 2400 und 1200 livres f+r eine Kommode und einen Schreibsekretär in seinem privaten Ausgabenbuch. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammten viele der in dem Viertel arbeitenden Handwerker aus Deutschland. Und sie waren auch ein wesentlicher Bestandteil des revolutionären Potentials des Viertels, wie sich in den Revolutionen von 1830 und 1848 zeigte. (2)
Die meisten der von Oeben und Riesener angefertigten Möbel für den königlichen Hof wurden 1793/94 von den Revolutionären verkauft und sind heute in englischen und amerikanischen Museen ausgestellt. Immerhin existiert noch der berühmte Schreibtisch von Ludwig XV., der von Oeben begonnen und von Riesener vollendet wurde. Er ist heute im Schloss Versailles zu bewundern.
Seit 2021 gehört ein weiterer Sekretär aus der Gemeinschaftsproduktion von Oeben und Riesener mit wunderbaren Einlegearbeiten wieder zu dem Versailler Mobiliar.
Sekretär der dauphine Marie-Josèphe de Saxe, 1763-1765
Schöne Möbelstücke von Riesener gibt es auch im sehr empfehlenswerten Museum Nissim Camondo am Monceau-Park zu sehen. Unter anderem diese raffinierte Commode, deren Schubladen durch einen seitlich verschiebbaren bemalten Lamellen-Vorhang verdeckt sind.
Kommode von Jean-Henri Riesener
Eine weitere Riesener-Kommode ist seit Ende 2021 im neu eröffneten Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde zu bewundern. Die gehörte zum ursprünglichen Mobiliar, das aber während der Französischen Revolution zum größten Teil zerstört wurde. 2021 tauchte aber eine Riesener-Kommode wieder auf und wurde von einem Mäzen für 1,2 Millionen Dollar (!) ersteigert, dem Hôtel übergeben und damit wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die Heimat der Kommode
Insgesamt gab es im 18. Jahrhundert etwa 800 Werkstätten im Faubourg, die mit der Produktion von Luxus-Möbeln beschäftigt waren. Zum Ruhm und Erfolg des Viertels trugen auch neue Möbelstücke bei, die hier erfunden wurden wie die Credenz oder Anrichte und vor allem natürlich die Kommode. Erfunden wurde sie von André-Charles Boulle im Jahre 1662. Sie ersetzte die alte Holztruhe, weil sie wesentlich praktischer und bequemer –commode- war, wie Boulles Frau spontan ausrief, als ihr Mann ihr seine Erfindung präsentierte: Mit Hilfe der Schubladen konnte man leichter Ordnung halten als in einer Truhe, und auf der Kommode war auch noch Platz für Vasen, kleine Statuen und andere schöne Dinge nach dem Geschmack der Zeit. Und weil die Befreiung vom Zunftzwang nicht auf Franzosen beschränkt war, entwickelte das Viertel auch eine große Anziehungskraft auf unternehmungslustige und schöpferische Handwerker: Kunsttischler aus anderen Ländern wie Flandern, den Niederlanden und vor allem Deutschland: Doch zur revolutionären Geschichte des Faubourgs mehr im entsprechenden Folgebeitrag.
Dass gerade der Faubourg Saint- Antoine das Zentrum des Holzhandwerks wurde, beruht natürlich zunächst und vor allem auch auf seiner Lage in der Nähe der Seine-Kais, auf denen das die Seine herabgeflößte Holz gestapelt wurde. Im 16. Jahrhundert, als Paris, die größte damalige Stadt Europas, 300 000 Einwohner hatte, waren die Wälder in der Umgebung nicht mehr in der Lage, den Bedarf der Stadt an Holz zu decken. Holz wurde vor allem für die Kamine benötigt, aber auch für den Hausbau und für die Herstellung von Möbeln. Die dafür erforderlichen riesigen Mengen an Holz wurden deshalb aus den noch intakten Wäldern des Morvan über die Yonne und die Seine nach Paris geflößt. Zunächst wurden kleine „branches“, Flöße von 4 mal 4,5 m, zusammengebunden, dann, sobald die Breite und Tiefe des Flusses es erlaubten, „coupons“ von 4 branches und schließlich „parts“ aus 9 coupons. Ab Auxerre wurden dann ganze „trains des bois“ von 72 Metern Länge zusammengebunden und in 11 Tagen von 2 „flotteurs“ nach Paris geflößt. Dort wurden die „Holzzüge“ in der Nähe des Faubourg Saint -Antoine angelandet. Holz und Seile wurden verkauft, und die Flößer gingen zu Fuß nach Auxerre zurück, um von dort einen neuen Transport zu übernehmen. Pro Jahr waren das mehrere tausend solcher riesigen Holzzüge, die letzten im Jahr 1877. Da hatte die Eisenbahn das Flößen als Transportmittel ersetzt.
Zur Produktionspalette des Faubourgs gehörten auch die Tapeten, die mit speziell angefertigten Holzmodeln bedruckt wurden. Eine der größten europäischen Manufakturen für Tapeten (papier peint) war die königliche Manufaktur Reveillon, die in der Vorgeschichte der Französischen Revolution eine bedeutende Rolle spielte. (Dazu mehr im nachfolgenden Beitrag über den „revolutionären“ Faubourg Saint-Antoine). Darüber hinaus wurden hier auch Spiegel produziert. Im 16. Jahrhundert war deren Herstellung ein venezianisches Geheimnis und Monopol. Ludwig XIV. beauftragte aber 1665 im Zuge seiner merkantilistischen Politik seinen Finanzminister Colbert, eine königliche Spiegelglas-Manufaktur zu gründen mit dem Ziel, Frankreich von den venezianischen Importen unabhängig zu machen. Diese Manufaktur wurde im Faubourg St. Antoine, in der Rue Reuilly, angesiedelt. Sie erlebte ihre Blütezeit ab 1688, als in Frankreich ein neues Verfahren entwickelt wurde, das die Herstellung besserer und größerer Spiegel ermöglichte. Die königliche Manufaktur im Faubourg St-Antoine erhielt –auch um sie für bürgerliche Investoren interessanter und gewinnträchtiger zu machen- ein Monopol auf dieses Verfahren und dann vor allem den prestigeträchtigen Auftrag zur Ausstattung des Spiegelsaals im Schloss von Versailles. Die Vormacht der Venezianer in der Glas- und Spiegelproduktion war nun gebrochen. Im Jahr 1692 erhielt die königliche Spiegelmanufaktur den Namen einer Produktionsstätte bei Laon: St. Gobain – inzwischen eines der größten französischen Unternehmen, das immer noch –auch in Deutschland- führend in der Glasproduktion tätig ist. Von dem früheren Standort ist heute allerdings nichts mehr zu sehen, immerhin gibt es davor eine Erinnerungs-Tafel der Stadt Paris.
Noch 1955 war der Faubourg Saint-Antoine das größte Zentrum der französischen Möbelproduktion. Heute werden nur noch in wenigen der Höfe in unserem Viertel Möbel hergestellt bzw. wenigstens repariert, manche Möbelhersteller haben hier aber immerhin noch ihren Sitz oder einen Ausstellungsraum.
Ein schönes Beispiel ist (bzw war bis Ende 2018) das Maison Stroesser im Cour St-Nicolas zwischen der Avenue Ledru Rollin und der Rue St-Nicolas.
Gegründet wurde dieser Betrieb von einem elsässischen Handwerker, der nach dem deutsch-franzöischen Krieg 1870/1871 aus dem Elsass emigriert war, um nicht unter preußisch-deutscher Besatzung leben zu müssen.
Danach gehörte der Betrieb der Familie Lepennec, die -wie wir festgestellt haben- sogar unsere Nachbarn in der Rue Maillard sind. Bevor wir das entdeckten, war ich schon oft bei Spaziergängen mit Paris-Besuchern dort vorbeigegangen, und anfangs hatte ich gedacht, der am Eingang postierte Hund sei aus Porzellan. Er war aber aus Fleisch und Blut und hieß Dagobert. Die Firma Stroesser bot ein breites, hochwertiges Möbelsortiment an, das vom Patron nach Kundenwünschen entworfen und dann von auswärtigen Unternehmen produziert wurde.
Es gab aber auch noch eine alte sympathische Werkstatt im Hof, in der Möbel repariert wurden und neue Möbel den letzten Schliff und die gewünschte Politur erhielten.
Inzwischen (seit Anfang 2019) gibt es das Maison Stroesser und diese Werkstatt nicht mehr. Wieder ein Stück der alten Ebenisten-Tradition des Faubourg Saint-Antoine, die verschwunden ist.
So wie auch dieser alte Tischler, den ich vor Jahren in einem der Handwerkerhöfe des Viertels fotografiert habe:
Er stellte sich in einem an der Eingangstür befestigten Blatt als ébéniste, also als Kunsttischler vor, dazu als Hedonist -de pére en fils- und auch noch als Ataraxist- eine erstaunliche Bezeichnung bei einem Menschen, der kaum eine klassische Bildung erhalten hat: Die Kombination dieser Selbstetikettierungen verweist auf den griechischen Philosophen Epikur, für den dauerhafte Lust nur der erfahren kann, dessen Verlangen auf das Notwendigste beschränkt ist.
Das passt auch gut zu dem Eindruck dieser Werkstatt. Als ich das Foto machte, war der hedonistische Tischler allerdings bei einer wenig lustvollen Beschäftigung: Er schrieb gerade die Überweisung für einen Strafzettel wegen falschen Parkens…. Auch den alten Tischler gibt es aber inzwischen nicht mehr…
Wie lebendig und ausstrahlend diese Tradition gewesen ist, hat sich mir übrigens kürzlich (Mai 2018) wieder eindrucksvoll bestätigt: Ein Schweizer, der auf diesen Beitrag aufmerksam geworden war, hatte mich kontaktiert und mir von den Beziehungen seiner Familie zum Faubourg Saint-Antoine berichtet. Sein Großvater Oskar Bieder hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogar zweimal bei Tischlern im Faubourg Saint-Antoine gearbeitet: Das erste Mal im Rahmen seiner Gesellenwanderung von 1882 bis 1885 bei dem Möbelhersteller G. Seuret, wie sein Wanderbuch ausweist.
Danach kam Oskar Bieder noch einmal zurück in den Faubourg Saint-Antoine, um von 1888 bis 1893 bei dem aus Böhmen stammenden Kunsttischler François (eigentlich Franz) Linke „seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten der Möbelherstellung noch weiter zu verfeinern“. Linke war auf seiner Gesellenwanderung nach Paris gekommen und dort sesshaft geworden. In seinem florierenden Betrieb, der „seit der Weltausstellung von 1900 als die exklusivste Kunstschreinerei in Paris, wenn nicht in ganz Europa“ galt, beschäftigte er auch andere deutschsprachige Schreiner. Auf einem Foto von 1886 ist die Belegschaft zu sehen: Sie strahlt das Selbstbewusstsein und den Handwerkerstolz der ébénistes des Faubourg Saint-Antoine aus.
Das übertrug dann Oskar Bieder auf die Kunsttischlerei, die er nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete.
Sie firmierte unter dem dort ungebräuchlichen, aber programmatischen Namen Ébénisterie und wurde zur führenden Kunstschreinerei der Schweiz. Auch Hans Bieder, der Sohn und Nachfolger Oskar Bieders, verbrachte Lehrjahre in Paris, unter anderem -wie sein Vater- bei der Firma Linke im Faubourg Saint-Antoine. Ich hatte die wunderbare Gelegenheit, mit dem Enkel von Oskar Bieder und dem Neffen von Hans Bieder einen Spaziergang durch das Viertel zu machen, an dessen Ende er mir ein Buch über die Kunstschreinerei Bieder in Liestal schenkte (Liestal 2016), dem die vorstehenden Bilder entnommen sind. Die Firma Linke gibt es allerdings nicht mehr. Allerdings fanden wir in einem alten Verzeichnis der ébénistes des Viertels, das uns der Patron der Maison Stroesser zeigte, noch einen entsprechenden Hinweis…
Doch nach diesem Exkurs zurück bzw. weiter mit unserem Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine. Im Cour St. Nicolas hat sich -gegenüber der Werkstatt der Maison Stroesser- inzwischen eine Fahrradmanufaktur eingerichtet. Als ich kürzlich mit Besuchern dort war, machte der Chef gerade über Skype ein Interview mit einer Zeitschrift in Dubai. Aber eine freundliche Dame hat uns etwas herumgeführt und die Finessen der hier hergestellten Fahrräder erläutert. Sie kosten dann allerdings auch zwischen 9000 und 20000 Euro! Abnehmer gibt es offenbar genug… Und dass die Felgen manchmal aus Holz sind, ist doch immerhin auch ein Anknüpfungspunkt an die handwerkliche Tradition des Faubourg Saint-Antoine.
Ein alter Handwerkerhof ist auch der Cour du Bel Air im Faubourg St. Antoine Nr.56, der glücklicherweise immer zugänglich ist.
Man sollte sich durch das Schild cour privé nicht abschrecken lassen und durch die Toreinfahrt in den begrünten Innenhof gehen. Dort wurde früher das von den Seine-Kais herangebrachte Holz gelagert, das für die Handwerker des Viertels bestimmt war. Heute parken da eher Autos, aber die entsprechenden Begrenzungen lassen sich noch gut erkennen.
Auf der linken Seite des Hofs fällt zwischen den Pflastersteinen ein großer Steinblock auf: Angeblich soll der den Musketieren, die in einer benachbarten Kaserne untergebracht waren, als Spieltisch gedient haben. In einem Büchlein über „Paris secret et insolite“ (Paris 2012) wird er deshalb auch als „pavé des Mousquetaires“ bezeichnet (S. 147). Legenden sind oft einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden, auch wenn ihr Wahrheitsgehalt ungewiss ist…
Lohnend ist auch ein Blick in das schöne alte Treppenhaus G mit seiner unter Denkmalschutz stehenden Holztreppe – und nicht versäumen sollte man es auch, sich den hinteren zweiten Hof anzusehen: Da bekommt man einen Eindruck davon, was man aus solchen alten Gemäuern machen kann, wenn man Geschmack und genug Geld hat. Von dem Holzhandwerk, das hier heimisch war, ist heute nichts mehr zu sehen.
Dafür hatte sich in dem Hof (in der linken hinteren Ecke versteckt) ein nobler Couturier niedergelassen, der auf Bestellung und auf Maß sehr feine Damengarderoben vor allem für Kundinnen mit nordafrikanischem „Migrationshintergrund“ anfertigte. Man konnte ihm bei der Arbeit zusehen, zum Beispiel wenn er Pailletten auf einem Abendkleid befestigte, und wenn er nicht unter Zeitdruck war, zeigte er auch gerne Fotos von seinen Kreationen.
Bei meinem letzten Besuch in dem Hof war die Werkstatt allerdings leergeräumt- schade. Leider gab es keinen Hinweis, was aus dem Couturier geworden ist – vielleicht ist er ja in größere Räume umgezogen, denn nach seinen Angaben konnte er in mit seinem ganz speziellen Nischen-Angebot gut leben.
Hochspezialisierte Handwerksbetriebe gibt es im quartier auch in anderen Bereichen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein kleiner unscheinbarer Lederhandwerks-Laden in der abgelegenen rue Titon, in der es wenig andere Geschäfte und keine „Laufkundschaft“ gibt. Mit ihm habe ich auf etwas kuriose Weise Bekanntschaft gemacht. Bei einem unserer Koffer war eine Naht aufgeplatzt. Ich bin also damit zu einem Schuster, der aber nicht über das erforderliche Werkzeug verfügte und mich an den Laden in der rue Titon verwies. Der Inhaber empfing mich sehr freundlich, sah sich den Schaden an und meinte dann, der Arbeitsaufwand sei zu groß, eine Reparatur lohne sich also nicht. Wenn ich aber wolle, könne ich mich in seine Werkstatt setzen, er würde mir die erforderlichen Werkzeuge geben und mich einweisen, sodass ich das selbst machen könne. So geschah es dann auch.
Bei der Arbeit erfuhr ich dann auch etwas, wie er mit einem so abgelegenen Laden überleben kann. Er erzählte mir, dass es sich um einen alteingesessenen Familienbetrieb handele, dass er über spezielle Werkzeuge und ein know-how verfüge, das es sonst kaum noch gäbe. Von großen Modehäusern erhalte er Aufträge für Sonderanfertigunngen für Modenschauen oder haute-couture- Kollektionen. Das werde gut bezahlt und eröffne ihm auch den Zugang zu weiteren Kunden.
Ein lange Zeit ziemlich heruntergekommener und zum Abriss bestimmter alter Handwerkerhof ist der Cour de l’Industrie in der Rue de Montreuil., ein einzigartiges Ensemble. Dort haben einige Handwerker und Künstler unter ziemlich desolaten Bedingungen überlebt. Aber inzwischen hat die Stadt Paris sich der Höfe- es sind insgesamt drei aufeinander folgende- angenommen, sie unter Denkmalschutz gestellt und mit großem Aufwand ein Sanierungsprogramm gestartet, das im Februar 2017 abgeschlossen wurde.
Das Ergebnis ist beeindruckend und zeigt, dass -zumindest mit öffentlicher Hilfe- auch „normale“ Handwerker eine Sanierung „überleben“ können.
Da, wo jetzt das neue weiße Gebäüde steht, war früher der Platz der Dampfmaschine, die die drei Höfe mit Strom versorgte. Jetzt sind dort Ateliers für Künstler entstanden.
Und nochmal zum Vergleich der vorherige Zustand:
und nachher:
Zum Teil sind die alten Handwerkerhöfe im Faubourg für die Bobos (bourgeois-bohème) edel herausgeputzt. Das ist ein Aspekt des „embourgeoisement“, dem das Viertel seit Jahren unterliegt. Ein Beispiel dafür ist der kürzlich renovierte „Cour de l’Etoile d’Or“ (Nr. 75) mit der schönen Sonnenuhr von 1757. Der ist natürlich mit einer Schließanlage von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Aber unter der Woche kann man im Allgemeinen das Hoftor öffnen, ohne den Digicode zu kennen.
Direkt gegenüber diesem Hexenhäuschen mit Kater (auf dem Tisch liegend) wurde im ersten Hof des Cour de l’Étoile d’Or kürzlich übrigens ein hochmodernes und pikfeines Wohnhaus mit einer Wand aus rostbraunem Metall gebaut – ein Kontrast, wie er für das Viertel immer typischer wird.
Und dahinter gibt es dann noch einen zweiten, breiteren Hof. Handwerker findet man dort allerdings nicht mehr, aber im Sommer kann man in der Mitte des Hofs sogar Tomaten und Kürbisse bewundern.
Und im alten Treppenhaus findet man noch einen Hinweis auf die guten alten Zeiten der Möbelherstellung.
Es lohnt sich auch, einen Blick in den ehemaligen Handwerkerhof nebenan zu werfen, den Cour des Shadoks. (No 71). Dieser frühere Handwerkerhof verdankt seinen Namen Jacques Rouxel, dem Schöpfer der Shadoks, der hier gewohnt hat.
Zu den kleinen Paradiesen der sogenannten „Bobos“ gehört auch der Cour Reuilly. Den kann man allerdings nur mit viel Glück betreten, wenn man von einem freundlichen Bewohner hereingelassen wird, oder zusammen mit einem professioneller Führer, der den Geheimcode kennt. Hinter einem unscheinbaren Tor öffnet sich eine ganz eigene Welt mit kleinen herausgeputzten Häusern, Weinranken, Edelkatzen….
Sehr malerisch ist auch der Innenhof der Nr. 33, schön begrünt, mit lauschigen, von der Außenwelt abgeschirmten Sitzecken.
Allerdings muss man auch da Glück haben, als „normal Sterblicher“ dort hereinzukommen.
Denen, die draußen vor der Tür bleiben, streckt der Straßenkünstler Gregos höhnisch die Zunge raus….
Sehr gut zu beobachten ist im Cour des Bourgignons die enge Nachbarschaft von Arbeit und Wohnen, wie sie im Faubourg üblich war: Im Erdgeschoss befinden sich die Werkstätten, darüber z.T. Lagerräume, während in den oberen Stockwerken die Arbeiter wohnten. Bis hin zur Industrialisierung dienten ja die Werkstätten meistens auch als Wohnräume, wurde aber Mitte des 19. Jahrhunderts wiurde die hier zu beobachtende Trennung von Napoleon III. vorgeschrieben. Allerdings -wie die meisten der von oben verordneten sozialen Verbesserungen- nicht aus reiner Menschenliebe, sondern um nach den Erfahrungen der Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 die Arbeiter ruhig zu stellen und außerdem auch noch die teuren Maschinen zu schützen. Heute ist in den ehemaligen Werkstätten unter anderem eine Design-Ausstellungshalle angesiedelt. An die industrielle Vergangenheit erinnert noch der unter Denkmalschutz stehende Schornstein der Dampfmaschine.
Jedenfalls lohnt es sich sehr, die Straße Faubourg Saint-Antoine zwischen der Bastille und der métro – Station Faidherbe-Chalgny entlangzubummeln und soweit möglich etwas in die rechts und links gelegenen (ehemaligen) Handwerkerhöfe hineinzusehen. Auf einige der alten Handwerkerhöfe wird man auch durch das cour-Schild mit dem großen F, das für Faubourg steht, hingewiesen. Das sind allerdings eher diejenigen Höfe, in denen noch Handwerksbetriebe oder neue an Publikumsverkehr interessierte Boutiquen angesiedelt sind. Ein schönes Beispsiel ist die rue de Montreuil Nr. 33, wo der China-Lack- Spezialist Lee stolz darauf hinweist, dass er die renommierte École Boulle absolviert hat.
Erhalten haben sich vor allem kleine Geschäfte, in denen nachgemachte Möbel aller Stilrichtungen angeboten werden, wie etwas in der Passage du Chantier.
Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man auf Schritt und Tritt, dass man sich in dem ehemaligen Viertel des Holzhandwerks befindet.
Besonders nobel ist die ehemalige Niederlassung der Holzfirma Boutet aus Vichy in der Rue Faidherbe – im art nouveau-Stil dekoriert.
Inzwischen ist daraus ein 4-Sterne- Hotel geworden, in dem man luxuriös und stilecht im Faubourg Saint Antoine logieren kann. Kosten pro Nacht: 240 bis 490 Euro. (Stand Juni 2016)
Und es gibt auch noch einige kleine spezialisierte Läden, in denen alles Mögliche angeboten wird, was für die Herstellung, Reparatur und Erneuerung alter Möbel erforderlich ist. Zum Beispiel das Atelier Lecchi, das vor allem auf die Restaurierung von Lackarbeiten spezialisiert ist (Ecke Rue du Dahomey/Rue St Bernard). Die arg verwitterte passende Bemalung der Außenwände lässt allerdings Zweifel aufkommen, ob dieses schöne Geschäft noch eine Zukunft hat.
Das gilt auch für die grandiose Quinquaillerie Lejeune in der Rue du Faubourg Saint -Antoine schräg gegenüber der Fontaine de Montreuil.
Hier habe ich ein Ersatzteil für die „antiken“ Messing-Türgriffe in unserer Wohnung gefunden, das ich schon lange gesucht habe: 2,50 Euro! Aber einfach ist das Geschäft nicht, wie ich von den sympathischen Besitzern erfahren habe: Da die Wohnungen in Paris meist sehr klein und sehr teuer sind, reicht es bei der Einrichtung oft nur für Massenware à la Ikea. Dafür braucht man die wunderbaren Produkte von Lejeune eher nicht.
Die Tradition des Möbelhandwerks wird auch durch die École Boulle aufrecht erhalten, ein Lycée professionelle des métiers de l’ameublement. Einmal im Jahr öffnet es seine Pforten und zeigt etwas von der Ausbildung und ihren Resultaten.
Nicht versäumen sollte man es, zum Beispiel am Ende eines Spaziergangs durch den Faubourg Saint-Antoine einen Blick in den malerischen Cour Damoye an der Place de la Bastille zu werfen, der tagsüber zugänglich ist. Dort gab es früher eine außergewöhnliche kleine Kaffeerösterei, die von einer entzückenden alten Dame betrieben wurde.
Der ausgeschenkte Kaffee war gut und unschlagbar billig und in Anbetracht des wunderbaren Ambiente konnte man auch bezüglich der hygienischen Verhältnisse ein Auge zudrücken. Die alte Dame ist übrigens 2016 in den Ruhestand gegangen. Ein junger Mann hat aber ihre Nachfolge übernommen und das Lädchen im alten Stil renoviert. Man kann dort wieder selbst gerösteten Kaffee kaufen und auch gleich probieren.
Ein passender Ort für ein Mittagessen im Faubourg Saint-Antoine ist „La Cour du Faubourg“ in der Nr. 27/ 29 der rue du Faubourg Saint-Antoine in der Nähe der Bastille.
Das Restaurant liegt -zumindest teilweise- in einem überdachten Hof des Viertels.Und die Preise sind ausgesprochen zivil, wenn auch inzwischen ein wenig teurer als auf diesem Preisschild….
(2) „On retrouvera nombre de compagnons et artisans allemands à Paris : en 1830 puis en 1848, ils contribueront grandement à la réputation révolutionnaire des ouvriers du Faubourg Saint-Antoine.“ http://www.histoire-immigration.fr/des-dossiers-thematiques-sur-l-histoire-de-l-immigration/les-pionniers-allemands-1820
Zweiter Teil des Beitrags über den Faubourg Saint-Antoine:
In der deutsch-französischen Internet-Zeitschrift dok.doc.eu habe ich im November 2021 einen Artikel über die Greeters-Stadtführungen in Paris veröffentlicht. Als Beispiel dient ein Spaziergang durch den Faubourg Saint-Antoine.
Paris Greeters „Komm als Gast – geh als Freund!“
Von Wolf Jöckel
Das Motto der in über 30 Ländern vertretenen internationalen Greeters-Bewegung gilt auch für „Parisien d’un jour“, die Greeters von Paris. Sie bieten abseits des Massentourismus kostenlose Stadtführungen von 2–3 Stunden an.
Der vereinbarte Treffpunkt ist um 10 Uhr auf den Stufen der Opéra Bastille. Der Greeter, ein ehrenamtlicher Stadtführer von Parisien d’un jour, und seine beiden Gäste aus Deutschland erkennen sich sofort: Sie hatten vorher per e-Mail kurze persönliche Beschreibungen ausgetauscht. Die Freude ist groß, dass das vor Wochen schon vereinbarte Treffen nun endlich stattfindet. Und dazu scheint auch noch die Sonne! Die beiden Gäste (hôtes, wie sie in der Greeters-Terminologie heißen), waren schon zweimal in Paris, aber auch am bekannten Bastille-Platz gibt es genug Fragen: Was bedeuten die Elefanten-Abbildungen, die in den Boden des Platzes eingelassen sind? Warum beschreibt die schnelle Metro-Linie 1, die Paris von West nach Ost verbindet, bei der Station Bastille einen großen Bogen? Warum ist der Zufluss zu dem Arsenal-Hafen – weiter im Norden ist das der Kanal Saint-Martin – überdeckelt?
Im Viertel des Greeters
Dann geht es in den Faubourg Saint-Antoine. In diesem Viertel ist der Greeter zu Hause und er hatte es als das Ziel des gemeinsamen Spaziergangs vorgeschlagen. In den gängigen Reiseführern taucht es meist nicht auf. Es gibt hier kein Museum, keine außerordentliche Sehenswürdigkeit, auch keinen einzigen Souvenir-Laden. Touristen verirren sich folglich nur selten dorthin. Ein Spaziergang durch dieses Viertel entspricht damit genau dem Konzept der Greeters: Es sollen nicht die touristischen Highlights im Mittelpunkt stehen, und es soll auch nicht professionellen Stadtführern Konkurrenz gemacht werden. Greeters sollen stattdessen ihren Gästen etwas von einem eher unbekannten, aber gleichwohl interessanten Teil der Stadt zeigen und ein Stück weit an ihrem Pariser Alltag teilhaben lassen – zwar nicht für einen ganzen Tag, aber für zwei bis drei Stunden.
Und natürlich soll es nicht – wie bei den meisten professionellen Führungen – einen Monolog geben, sondern eher ein beide Seiten bereicherndes Gespräch. Dazu bietet schon die Straße Anlass, durch die es jetzt geht. Es ist die rue du Faubourg Saint-Antoine, eine unauffällige Straße. Allerdings ist sie, wie der Greeter erläutert, im Zuge der von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo energisch betriebenen Verkehrswende seit kurzem verkehrsberuhigt. Für den privaten Autoverkehr gibt es nur noch eine Spur, profitiert haben davon Fußgänger und Fahrradfahrer und natürlich die Anwohner.
Aber gab und gibt es keinen Widerstand gegen die Zurückdrängung des Autoverkehrs, wollen die Gäste aus Deutschland wissen. Den gibt es natürlich auch, erläutert der Greeter. Beispielsweise sei sein Friseur, der aus einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erreichbaren Ort des Umlandes komme, ein erbitterter Kritiker. Seiner Meinung nach ist die städtische Verkehrspolitik ziemlich egoistisch; von ihr profitierten nur die reichen Pariser. Wer wie er in Paris arbeite, sich aber dort keine Wohnung leisten könne, habe nur Nachteile. Und mit der Verkehrsberuhigung stiegen natürlich die Miet- und Kaufpreise noch weiter an. Paris werde immer mehr zu einer Stadt der „BoBos“ (bourgeois bohémiens), des gutsituierten Bürgertums. Und wie ist das in Deutschland, will der Greeter wissen, in Köln, wo die beiden Besucher herkommen. Schon ist man in einem anregenden Gespräch …
Das Viertel, nach dem die Straße benannt ist, ist in hohem Maße geschichtsträchtig: Es war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion, und viele Jahrhunderte hatten dort die französischen Kunsttischler, die ébénistes, ihre Werkstätten: Die Kommode (abgeleitet vom Adjektiv commode = bequem) wurde hier erfunden, zahlreiche deutschsprachige Tischler haben hier für den hohen Adel des Ancien Régime gearbeitet. Der aus Gladbeck stammende Johann Heinrich (Jena-Henri) Riesener zum Beispiel unterhielt am Vorabend der Französischen Revolution im Faubourg nicht weniger als 30 Werkstätten! Das erzählt der Greeter, während die kleine Gruppe die Straße entlanggeht.
Vom alten Glanz ist heute kaum etwas erhalten. Aber es gibt noch die früheren Handwerkerhöfe, die inzwischen meist in noble Wohnenklaven umgewandelt wurden. Da ist es gut, mit einem ortskundigen Begleiter unterwegs zu sein: Der kennt die Höfe, die sich nur auf Knopfdruck öffnen, aber auch andere, die immer frei zugänglich sind wie den Cour du Bel Air, wo es im Hof noch steinerne Abgrenzungen für das Holz gibt, das früher dort gelagert wurde, eine große steinerne Platte, die die Musketiere einer benachbarten Kaserne als Würfelbrett benutzt haben sollen und in einem der anliegenden Gebäude eine wunderschöne alte Eichenholztreppe, wie sie früher dort üblich waren. Und es gibt die Filiale eines Immobilienmaklers: Da betrachtet man zusammen das Angebot: Unter 10.000 Euro für einen Quadratmeter gibt es nichts – und das ist erst der Anfang. Für eine Wohnung in den ehemaligen Handwerkerhöfen wie diesen sind die Preise noch wesentlich höher. Das interessiert die beiden Paris-Besucher: Wer kann da noch mithalten? Was bedeutet das für die Menschen, was für das Viertel? Und wie sieht das in Deutschland aus, will der Greeter wissen: Wieder reichlich Stoff für ein spannendes, vergleichendes Gespräch.
Details am Rande
Auf dem Weg durch den Faubourg zeigt der Greeter nicht nur einige der alten Höfe, sondern er weist auch auf Details am Rande hin: Zum Beispiel auf eine versteckte Markierung, die die Höhe des verheerenden Hochwassers der Seine von 1910 anzeigt; oder kleine Werke von Pariser Street-Art-Künstlern wie dem Invador, die das Straßenbild der Stadt mitgeprägt haben. Und natürlich zeigt er den Ort einer der letzten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 und die große Plakette an der Wand eines Hauses. Die ehrt mit goldenen Lettern den Armenarzt Baudin, der dort während der Revolution von 1848 erschossen wurde: Der Faubourg Saint-Antoine war ja nicht nur, wie der Greeter erläutert, das Viertel des Holzhandwerks, sondern auch das Viertel der Revolutionäre.
Inzwischen ist es schon 12 Uhr! Wie schnell die Zeit vergeht! Aber ein Gang über den marché d’Aligre, einen der ältesten Märkte von Paris, muss noch sein. Denn die beiden Gäste haben ausdrücklich auch „Märkte“ als Interessenschwerpunkt für den Rundgang angegeben. Es gibt einen Straßenmarkt vor allem mit Obst und Gemüse, wo der Greeter von Ibrahim, einem Händler freundlich begrüßt wird; er stammt wie die meisten seiner Kollegen aus Nordafrika. Und dann ist da das wunderbare Fischgeschäft Paris pêche mit einem vielfältigen Fischangebot, dazu Austern, Muscheln, Garnelen und lebenden Hummern, und es gibt eine alte Markthalle, wo unter anderem die Käseauswahl beeindruckend ist. Damit ist das Ende des für den Greeter und die beiden Paris-Besucher anregenden und wie im Flug vergangenen Spaziergangs gekommen. Für die beiden war es die erste Erfahrung mit einem Greeter, aber sie sind sicher, dass es nicht die letzte war.
Herzlicher Abschied
Der Abschied ist herzlich. Der ehrenamtliche Greeter erhält ein besonderes Dankeschön: eine Flasche Kölsch und eine Tafel Schokolade aus dem Kölner Schokoladenmuseum. Und wenn er mal nach Köln kommt, ist er zu einem Stadtbummel eingeladen. Dem gemeinnützigen Verein werden die beiden zufriedenen Gäste 20 Euro spenden, die sie sogar von der Steuer absetzen können. Der gemeinnützige Verein wird zwar von der Stadt Paris unterstützt, ist aber auf solche Spenden angewiesen.
Praktische Informationen
Die Anmeldung zu einem Spaziergang mit Parisien d’un jour erfolgt u.a. über die homepage der Organisation https://greeters.paris/de/wie-we-zijn/. Das Anmeldeformular gibt es auch auf Deutsch. Man kreuzt darauf die Interessenschwerpunkte an, z. B. Geschichte, Architektur, Gastronomie, Märkte. In einem freien Feld kann man besondere Wünsche äußern.
Neben Deutsch empfiehlt es sich, auch Englisch oder Französisch als Alternative für die Sprache der Führung anzukreuzen – das erhöht die Zahl der verfügbaren Greeter; und natürlich gibt man mögliche Zeiträume für die Führung an.
Mit Hilfe dieser Vorgaben sucht der Verein einen passenden Führer aus, der Zeit und Lust hat, einen konkreten Vorschlag für den Rundgang zu machen. Der wird den Interessenten mitgeteilt, die Angebot im Allgemeinen gerne annehmen. Der interessanten Bereicherung des geplanten Paris-Aufenthaltes steht nun nichts mehr im Wege.
Bourgeois, Jean-Claude : A la découverte du Faubourg Saint-Antoine. Association pour la Sauvegarde et la Mise en valeur du Paris historique. Paris 2010
Diwo, Jean: 249, Faubourg St. Antoine. Flammarion 2006
Diwo, Jean: Les Dames du Faubourg. Editions Denoël 1984
Hervier, Dominique et al.: Le faubourg St. Antoine. Cahier du patrimoine. 1998
Laborde, Marie Françoise : Architecture industrielle Paris et environs. Paris 1998
Maréchal, Sebastien: Le 12e arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Action Artistique de la Ville de Paris. 2000
Michel, Denis und Renou, Dominique: Le Guide du Promeneur. 11e arrondissement. Paris 1993
Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La (re)prise de la Bastille: L’embourgeoisement du faubourg Saint-Antoine. In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 129f
Ulrich-Christian Pallach, Deutsche Handdwerker im Frank
Der Text erschien auch in: Knoten. Organ des Carolus-Magnus-Kreises. Jahrgang 29, Nr. 1 Frühjahr 2016
Die Anschläge des 13. November haben Frankreich im Mark getroffen. Und das in viel radikalerem Maß als die Anschläge vom Januar des Jahres. Damals waren die Ziele, das Satiremagazin Charlie Hebdo und der jüdische Supermarkt Hyper Cacher, noch eingegrenzt, wenn damit auch übergeordnete Prinzipien und Werte angegriffen wurden: die Meinungs- und Religionsfreiheit und das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Diesmal wird ganz generell die französische und speziell Pariserische Lebensart als Anschlagsziel gesehen, so etwa von Le Monde, die sagt, es handele sich um ein Programm „d’anéantissement de notre culture“, „notre mode de vie“ sei ein „chef d‘,oeuvre en péril“ (Le Monde, 21.11.)
An der Tür der Brasserie Comptoir Voltaire, auf deren Terrasse ein Selbstmordattentäter sich in die Luft gesprengt hat, findet sich noch die Werbung für den neuen Beaujolais und die Ankündigung eines Beaujolais-Abends für den 19. November mit einem Spezial-Menü und einem Swing- und Musette-Orchester…
Und vor der Bar La Belle Equipe in unserem 11. Arrondissement, an der wir täglich auf dem Weg zum Markt und zum Schwimmbad vorbeiradeln –einem der Orte der blutigen Anschläge- hat jemand eine Übersetzung der Liebeserklärung eines Leserbriefs der New York Times vom 15. November angeheftet – eine Liebeserklärung an Frankreich, die in den sozialen Netzwerken vielfach verbreitet wird. Er tut, wie Télérama schreibt, den Franzosen gut, weil er genau zum Ausdruck bringt, was viele Menschen hier nach den Anschlägen umtreibt:
„La France incarne tout ce que les fanatiques religieux du monde détestent: la joie de vivre par une myriade de petites choses: le parfum d’une tasse de café et des croissants le matin, de belles femmes en robe souriant librement dans la rue, l’odeur du pain chaud, une bouteille de vin que l’on partage entre amis, quelques gouttes de parfum, les enfants qui jouent dans les jardins du Luxembourg, le droit de ne croire en aucun dieu, de se moquer des calories, de flirter, fumer et apprécier le sexe hors mariage, de prendre des vacances, de lire n’importe quel livre, d’aller à l’école gratuitement, jouer, rire, se disputer, se moquer des prélats comme des politiciens, de ne pas se soucier de la vie après la mort. Aucun pays sur terre n’a de meilleure définition de la vie que les Français.“
Plantu hat in einer Karikatur von Le Monde vom 17.11. die Anschläge auf die französische Lebensart sehr eindrucksvoll sprachlich und zeichnerisch auf den Punkt gebracht:
Natürlich ist die in der New York Times beschriebene Lebensart nicht allein den Franzosen und Paris vorbehalten, worauf Michel Guerin in Le Monde vom 21. November hinweist. Das gelte auch für manche Viertel in Berlin, Istanbul oder Tel Aviv. Diese Internationale der Lebensfreude und der Kreativität wollten die Savonarolas des Islam durch eine Internationale des Terrors ersetzen. Insofern reicht die Bedeutung der Pariser Anschläge weit über Frankreich hinaus und trifft eine weltweit, auch im aufgeklärten Islam verbreitete Lebensweise. Es ist kein Zufall, dass unter den Opfern der Pariser Anschläge auch viele junge Muslime waren.
Und nicht zuletzt war ja auch das Stade de France Ziel der Anschläge. Sicherlich, weil dort wegen des Freundschaftsspiels zwischen der französischen équipe und der deutschen Mannschaft viel politische Prominenz versammelt war und viele Tausende Zuschauer auf den Rängen und viele Millionen an den Fernsehschirmen Augenzeugen des Terrors hätten werden können und sollen: Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn die Attentäter sich auf den vollbesetzten Tribünen in die Luft gesprengt hätten. Das Fußballstadion ist darüber hinaus, wie der Ethnologe Christian Bromberger feststellte, eines der letzten Symbole der nationalen Einheit: Auch wenn dort überwiegend nur die männliche Bevölkerungshälfte vertreten sei, so verwischten sich dort alle Unterschiede der sozialen Zugehörigkeit, der Wohnorte, der Hautfarbe, der Religion. Und Menschen unterschiedlichster Herkunft sängen dann bei einem Länderspiel wie dem des 13.11. gemeinsam die Marseillaise. (Le Monde, 21.11.)
Nur konsequent also, dass nach den Attentaten immer wieder die nationale Einheit beschworen wird: Weithin sichtbar auch dadurch, dass zahlreiche öffentliche Gebäude in den Nationalfarben angestrahlt wurden. Der Absatz der Tricolore-Fahnen hatte sich nach den Anschlägen verdoppelt. Und als dann vom Staatspräsidenten empfohlen wurde, am 27., dem Tag der Gedenkfeier für die Toten der Anschläge, die Fenster mit Fahnen zu schmücken, waren die schnell ausverkauft. Unsere Pariser Freundin Inès veranlasste das zu einer Rundmail, in der sie empfahl, sich die erforderlichen Stoffe zu kaufen und sie dann selbst zu einer Fahne zusammenzunähen. Sie gab auch gleich Adressen der in Frage kommenden Geschäfte an. Im Internet wurden auch noch andere phantasievolle Möglichkeiten gezeigt, wie man sich -z.B. mit blau-weiß-roten T-Shirts- gut behelfen und wie man die patriotischen Aufwallungen –z.B. mit BHs in den Farben der Tricolore- à la française ironisieren konnte.
Die Anschläge vom 13.11. versetzten Paris, ja ganz Frankreich in einen Schockzustand. „La France est en état de choc“, schrieb Le Monde in ihrem éditorial vom 22./23.11. gleich zweimal (entsprechend auch Paris Match in der Sonderausgabe vom 15.11.) und: „La France d’après, un pays plongé dans la peur“. Und das viel intensiver und weiter verbreitet als im Januar: Wenn man der soziologischen Analyse des ansonsten von mir wenig geschätzten Emmanuel Todd über die „Je suis Charlie“-Demonstranten des 11. Januar 2015 folgt, dann war dort vor allem das etablierte Frankreich vertreten, waren die Demonstranten reicher und älter als der Bevölkerungsdurchschnitt. Heute fühlt sich ganz Frankreich betroffen, seine Jugend, seine Metropolen, aber auch das ländliche Frankreich, la France profonde. Im Januar, berichtet eine Abgeordnete, „haben sich unsere Mitbürger nicht direkt bedroht gefühlt. Jetzt haben sie Angst um sich.“ Und ein anderer Abgeordneter berichtet: „In den ländlichen Gebieten, den kleinen Städtchen und Dörfern, ist man nicht weit entfernt von der Panik. In Paris ist es paradoxerweise ruhiger, weil sich die Menschen dort im Auge des Zyklons befinden. Aber im Rest des Landes sind die Menschen äußerst beunruhigt. Sie sehen fern und sagen sich, dass das auch bei ihnen passieren wird, dass es das nächste Mal in ihrer Straße sein wird.“ (Le Monde, 22./23.11.)
Ein Indiz dafür, dass sich diesmal ganz Frankreich von den Anschlägen betroffen fühlt, ist sicherlich die Schweigeminute, die am Montag nach den Anschlägen für 12 Uhr festgelegt wurde. Eine solche Schweigeminute gab es schon im Januar, und danach hörte man gerade aus Schulen –vor allem mit einem hohen Anteil muslimischer Schüler- von vielfachen Problemen, die es dabei gegeben habe. Viele Schüler hatten sich damals geweigert mitzumachen. Diesmal gab es solche Probleme offenbar nicht.
Wir wohnen im 11. Arrondissement, einem Zentrum der Anschläge, also tatsächlich im Auge des Zyklons: In den Tagen nach dem 13.11. hörte man fast ständig die Sirenen von Polizeiautos. Als ich am Dienstag „danach“ auf unseren Markt, den marché d’Aligre, zum Einkaufen ging, war die Marktstraße wie leergefegt, und bei Paris Pêche, dem sonst immer stark frequentierten Fischgeschäft, erwarteten mich, den einzigen Kunden, gleich fünf Verkäufer/innen! Unsere wöchentliche Chorprobe im Lycée Maurice Ravel war auf Veranlassung der Schulleiterin abgesagt worden, obwohl wir seit Januar einen speziellen Ausweis vorzeigen müssen, um die Schule betreten zu können und obwohl unser derzeitiges Programm, das Requiem von Cherubini, nun wirklich nicht die verordnete dreitägige Staatstrauer beeinträchtigt hätte. Gerade in dieser Situation wäre das gemeinsame Singen sicherlich für alle sehr wohltuend gewesen.
Auf dem Weg zum Markt kommen wir an der Bar La Belle Equipe in der Rue de Charonne vorbei, auf deren Terrasse 19 Menschen von den Terroristen getötet wurden. Die ist jetzt bedeckt mit hunderten von Kerzen, von Blumen, von vielfachen Bekundungen der Trauer, Wut und Fassungslosigkeit, so wie die an einer durch ein Einschussloch gesteckte Frage: „Au nom de quoi?“ Und es ist, soweit man das sehen kann, ein Querschnitt der Bevölkerung, und es sind vor allem sehr viele junge Menschen, die sich dort einfinden.
Viele sind ja auch –mehr oder weniger direkt- betroffen: Eine Nachbarin war am Abend des 13. in unserem Viertel unterwegs und hörte die Salven der Kalaschnikows. Eine Freundin, Musikprofessorin, berichtete, dass Schüler/innen ihres Konservatoriums getötet worden seien; ihr Sohn habe eigentlich zu dem Konzert gehen wollen, aber –glücklicherweise- keine Karte mehr bekommen. Und eine andere Freundin berichtete, dass ihr Sohn vier Freunde im Bataclan verloren habe….
Betroffenheit und Angst werden sicherlich auch durch die allgegenwärtige martialische Terminologie verstärkt: „La France est en guerre“ –so leitete François Hollande seine Rede ein, die er am 16.11. vor dem französischen Kongress, einer außerordentlichen gemeinsamen Sitzung von Nationalversammlung und Senat in Versailles hielt. Das Wort Krieg durchzog seine ganze martialische Rede, die, wie der Nouvel Observateur schrieb, nichts enthielt für den Zusammenhalt des Landes, für das Zusammenleben der Menschen und für die Demokratie. „Un discours de chef de guerre“ oder, wie Le Monde urteilte, „un discours de guerre totale“.
Premierminister Valls überbot die Kriegsrhetorik seines Präsidenten noch, indem er vor der Gefahr des Einsatzes chemischer und biologischer Waffen durch islamistische Terroristen warnte. Valls habe, so kommentierte die Huffington Post, im Namen eines „discours vérité“ eine ausgesprochene „va-t-en-guerre“- Rede gehalten, die nicht geeignet gewesen sei, die vorhandenen Ängste zu lindern. Noch weiter ging Le Monde, die von einer „communication délibérément anxiogène de M. Valls“ sprach.
Auch die Berichterstattung in den Medien war von der Kriegsrhetorik geprägt: „Der Krieg mitten in Paris“ titelte der Figaro vom 14./15. November und zeigte ganzseitig die von Leichen bedeckte Terrasse von La Belle Epoque. Für das Wochenmagazin Le Point handelt es sich um „unseren Krieg“, die Zeitschrift Valeurs Actuelles erklärt in einer groß herausgestellten Sonderausgabe den „Barbaren“ den Krieg, und auch die eher gemäßigte Le Monde und der eher linke Nouvel Observateur sehen Frankreich im Kriegszustand.
Dazu wurden dann im Fernsehen in ständiger Wiederholung die Bilder zunächst von der Erstürmung des Bataclan gezeigt und dabei vor allem auch die emotional besonders bewegende Szene mit einer jungen Frau, die nach ihrer Flucht aus einem Fenster an einer Seitenfassade des Konzerthauses hing, so dass man sich voller Entsetzen fragte, wie lange sie sich da würde halten können und ob man nicht ihren Absturz würde miterleben müssen. Und ein paar Tage später war dann die mehrstündige Erstürmung der Wohnung in Saint Denis, in der sich einer der führenden Terroristen verschanzt hatte, rund um die Uhr auf allen Programmen zu sehen. Die Einschaltquoten waren dabei extrem hoch: Während man früher mit seiner Angst umging, indem man die Gesellschaft von anderen suchte und redete, schaltet man heutzutage, wie der Psychologe Serge Tisseron konstatierte, den Fernseher an. Aber die sich immer wiederholenden Wellen von Bildern des Grauens verstärken nur noch die Angst: „Je mehr man davon sieht, desto stärker wird die Unsicherheit, die uns das Leben vergiftet.“ (Le Monde, 22./23.11.)
Der Zeichner Serguei hat das in einer mit „Psychose“ überschriebenen Karikatur in Le Monde vom 21.11. 2015 zum Ausdruck gebracht.
Die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen, so verständlich und sinnvoll sie in vielen Fällen auch sein mögen, tragen meines Erachtens auch nicht immer dazu bei, Angst abzubauen. In dem benachbarten Schwimmbad wird beispielsweise seit den Anschlägen von Januar entsprechend des Vigipirate-Plans ausdrücklich am Eingang darauf hingewiesen wird, dass man keine Tasche (z.B. mit einer Trinkflasche und einem Duschgel) am Beckenrand deponieren darf. Inzwischen ist die höchste Sicherheitsstufe Vigiparate Attentat ausgerufen, und man darf Taschen noch nicht einmal mit in die Schwimmhalle nehmen, selbst wenn man dem Bademeister die Harmlosigkeit des Inhalts demonstriert hat.
Da kann man sich als Schwimmbadbesucher doch vielleicht besorgt fragen, ob die Islamisten jetzt auch die Schwimmbäder in ihr Visier genommen haben. (Vielleicht meint ja die Stadtverwaltung, das sei durchaus möglich – zumal bei gemischtem Baden und sogar gemischten Duschen). Sehr konsequent erscheinen mir die Sicherheitsvorkehrungen allerdings nicht. In dem anderen Schwimmbad, in das wir wegen seiner 50-Meter-Bahn öfters gehen und das vom Pariser Schwimmclub betrieben wird, gibt es zum Beispiel keinerlei für den Besucher erkennbaren Sicherheitsvorkehrungen.
Und die gibt es auch nicht mehr beim koscheren jüdischen Partyservice bei uns nebenan und bei der feministischen Zeitschrift Causette ein paar Häuser weiter, die nach den Attentaten vom Januar rund um die Uhr von schwerbewaffneter Polizei bewacht wurden. Vielleicht gehen die Sicherheitsbehörden ja davon aus, dass der islamistische Terror inzwischen derart erstarkt ist, dass er sich nicht mehr mit so „kleinen Fischen“ abgibt. Dafür wird beispielsweise rund um Notre Dame massive Militär- und Polizeipräsenz demonstriert. An allen vier Ecken des Vorplatzes sind Soldaten in Kampfmontur und Maschinenpistole postiert, kleine Trupps patrouillieren ständig rund um den Kirchenbau, und an seiner Nordseite sind Dutzende, wenn nicht gar Hunderte, Polizei-Motorräder aufgereiht.
Mir vermittelt ein so massives martialisches Auftreten kein Gefühl von Sicherheit, und anderen geht es offenbar ähnlich. Jedenfalls habe ich die Schlange vorm Zugang zu den Türmen von Notre Dame noch nie so kurz gesehen. Ich habe bei all dem eher den Eindruck, dass hier ein hilfloser Aktionismus vorherrscht. Vielleicht sogar, dass bewusst Angst geschürt wird, damit dann Präsident und Regierung sich medien- und wahlwirksam als Sachwalter der allgemeinen Sicherheit profilieren können.
Angst herrscht besonders auch und nicht von ungefähr bei muslimischen Franzosen, die von den Anschlägen besonders betroffen sind. Es gibt zahlreich Berichte von Übergriffen auf Muslime nach dem 13.11. Ein sozialistischer Abgeordneter des Département Seine-Saint-Denis schätzt die Lage so ein: „ Wir sind auf des Messers Schneide. Viele Leute, die vorher nie so etwas gesagt haben, beschuldigen jetzt ‚die Araber‘, ‚die Muslime‘. Das ist sehr schlimm. Man muss sehr aufpassen.“ (Le Monde, 22.23.11.) In der Libération wird ein junger Muslim aus Marseille zitiert, der entsetzt ist über die Anschläge, die den Islam beschmutzten. Aber es werde für ihn jetzt umso schwerer sein, eine neue Arbeit zu finden. „Maintenant, pour n’importe quel employeur, en tant que musulman, je suis une menace.“ Und viele französische Muslime sehen sich Angriffen von zwei Seiten ausgesetzt: den Terroristen und den Vorurteilen. Für Philippe de Villiers, einen rechtskonservativen ehemaligen Politiker und aktuellen Bestsellerautor, sind die Verhältnisse ganz klar: Jetzt könne man sehen, wohin der vorherrschende „laxisme“ und „la mosquéïsation“ Frankreich gebracht hätten.
In den Tagen nach dem 13.11. stand auf der Place de la République, einem informellen Treffpunkt, ein junger Mann mit verbundenen Augen und ausgebreiteten Armen.
Neben sich auf dem Boden ein Schild: Ich bin Muslim und man sagt von mir, ich sei Terrorist.
Da war es sehr anrührend zu sehen, wie viele Menschen, das Angebot der ausgebreiteten Arme annahmen und den jungen Muslim umarmten. Ein Zeichen der Hoffnung, wie sie es gerade auch in den Zeiten des Ausnahmezustandes häufig gibt.
Ein Zeichen der Hoffnung war auch das Konzert „contre la Barbarie“ für die Opfer der Attentate des 13. November 2015 in der Kirche Saint Sulpice. Schon im Januar hatte es ja ein solches sehr eindrucksvolles Solidaritätskonzert gegeben, bei dem ich mitgesungen habe. Diesmal war ich mit und neben Frauke einer von vielen Zuhörern in der voll besetzten Kirche. Und wir reihten uns auch in die schier endlose, um den ganzen Kirchenvorplatz reichende Schlange der Menschen ein, die geduldig wartend das Nadelöhr der Sicherheitskontrollen passieren mussten. Diese Kontrollen hatte es im Januar noch nicht gegeben – und trotz dieser verstärkten Sicherheitsmaßnahmen gab es in unserem Bekanntenkreis auch Menschen, die aus Angst vor weiteren Anschlägen dort nicht hingehen wollten….
Frankreich im Ausnahmezustand
Der von François Hollande proklamierte Krieg gegen den Islamischen Staat und den Terrorismus hat viele Schauplätze: International sind das vor allem Mali und das subsaharische Afrika und jetzt verstärkt der Irak und vor allem Syrien. Hier vollzog sich seit dem 13.11. eine radikale Wende der französischen Position. Frankreich und vor allem sein Außenminister Fabius hatten ja lange Zeit Assad wegen seines Chemiewaffeneinsatzes gegen die eigene Bevölkerung als Hauptfeind in Syrien ausgemacht. Und so wurden dessen Gegner, also auch die islamistischen Terroristen von Al Quaida und dem Islamischen Staat, für ihren Kampf gegen Assad gelobt. Als das dann doch nicht mehr haltbar war, vertrat Frankreich die Strategie des ni-ni, stellte also Assad und den IS auf eine Stufe. Nach den Anschlägen in Frankreich hat Frankreich jetzt eine erneute Wende vollzogen und den Islamischen Staat zum Hauptfeind erklärt, womit nun auch eine militärische Zusammenarbeit mit Russland ermöglicht wurde. Die oppositionellen Republikaner haben diesen von ihnen schon lange geforderten Schwenk Hollandes mit Befriedigung konstatiert.
Grundsätzlich begrüßt wurden auch von allen politischen Lagern die von Hollande in Versailles verkündeten Maßnahmen im Innern, das heißt vor allem die Verlängerung des état d’urgenceauf drei Monate. Zuletzt wurde dieses Instrument während des Algerienkrieges angewandt. Es erweitert massiv Befugnisse der Exekutive auf Kosten der Dritten Gewalt und der Freiheit. Aber für Premierminister Valls ist die Sicherheit „la premières des libertés“. Aus diesem Grund sei es legitim, angesichts der terroristischen Bedrohung andere Freiheiten zeitweise einzuschränken. Und schließlich sei ja der état d’urgence ein état de droit.
Die Verschärfung von Gesetzen bis hin zur Erklärung des Notstandes ist eine –nicht nur in Frankreich- historisch übliche Reaktion auf Terror. Das war so im zaristischen Russland der 1880-er Jahre, in der französischen Dritten Republik mit den repressiven sogenannten Lois scélérates der 1890-er Jahre, in Deutschland nach den Anschlägen der RAF und zuletzt in den USA nach 9/11 mit dem patriot act. In den liberalen und linken Medien Frankreichs ist wiederholt auf die Parallelität der Rhetorik Hollandes vom 16.11. mit der George Bushs nach den Anschlägen auf das World Trade Center hingewiesen worden. Und es wurde die Frage gestellt, ob nicht die Einschränkung von Freiheiten im Land der Menschenrechte, der liberté, égalité und fraternité, ein Sieg für die Terroristen sei, die es doch gerade darauf abgesehen hätten. Unsere Freiheiten zu beschränken, sei eine Kapitulation vor den Terroristen, schreibt der Nouvel Observateur. „Ce n’est pas en transformant la France en „pays en guerre“ qu’on résistera contre la menace des fanatiques : c’est au contraire en restant solides sur nos modes de vie et sur nos principes. Reculer, ce serait d’entrée de jeu donner la victoire aux terroristes.“ (16.11.15)
Was konkret bedeutet die Verhängung des état d‘urgence in Frankreich?
Im Ausnahmezustand
können die Präfekten die allgemeine Bewegungsfreiheit (la liberté d’aller et venir) an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten einschränken, wenn es ihnen aus Sicherheitsgründen erforderlich erscheint, z.B –was inzwischen auch schon geschehen ist- nächtliche Ausgangssperren verhängen,
kann gegen Personen, die die Sicherheitsbehörden als potentiell bedrohlich ansehen, eine Aufenthaltspflicht an einem von ihnen bestimmten Ort, der nicht unbedingt die eigene Wohnung sein muss, verhängt werden. Diese sogenannte assignation à résidence bedeutet, dass die betroffenen Personen ihren Ausweis abgeben müssen, sich dreimal täglich bei der –vielleicht kilometerweit entfernten- Polizei melden müssen und nachts 12 Stunden lang ihre zugewiesene Unterkunft nicht verlassen dürfen. Diese Verpflichtungen können entfallen, wenn die Betroffenen bereit sind, eine elektronische Fußfessel zu tragen, was außerhalb des Ausnahmezustandes einer vom Gericht verhängten Strafe entspricht,
sind Hausdurchsuchungen ohne richterliche Genehmigung möglich, wenn „gewichtige Gründe“ dafür sprechen, dass der betreffende Ort von potentiell bedrohlichen Personen frequentiert wird. Die auf den sichergestellten Telefonen und Computern erhobenen Daten können gespeichert werden und müssen auch dann nicht gelöscht werden, wenn es keinen Anhaltspunkt für eine terroristische Gefahr gibt.
erhalten die Behörden einen großen Spielraum bei der Auflösung von Gruppen und Vereinigungen, die potentiell eine Gefahr darstellen könnten. Rechtsmittel dagegen sind nicht zugelassen. Nach Auffassung des Premierministers ist es nötig, schnell und wirksam vorgehen zu können und sich dabei nicht von kleinlichen rechtlichen Bedenken behindern zu lassen: „Alors, pas de juridisme!“,
kann die Exekutive Internetadressen unterbinden, die terroristische Akte befördern oder entschuldigen. Auf die Möglichkeit der Pressezensur, die im Gesetz über den Ausnahmezustand von 1955 vorgesehen war, hat die Regierung verzichtet. (Während des Algerienkrieges war es den französischen Medien beispielsweise untersagt, von Krieg zu sprechen. Damals musste das Wort événement verwendet werden. Eine solche Sprachregelung hat sich ja inzwischen erübrigt),
werden die Strafen, die bei der Verletzung der im Rahmen des Ausnahmezustandes erlassenen Maßnahmen verhängt werden, gegenüber der Regelung von 1955 drastisch erhöht, und es gibt dabei auch nur noch einen extrem geringen Ermessensspielraum. Wer beispielsweise gegen die Bestimmungen seiner assignation à résidence verstößt, kann mit 3 Jahren Gefängnis und einem Bußgeld von 45.000 Euro bestraft werden. Diesbezügliche drakonische Strafen gab es inzwischen schon mehrfach (s. Le Monde, 24.11.).
Das ist wirklich ein beeindruckendes Arsenal. Die deutschen Notstandsgesetze, gegen die wir vor Jahren einmal auf die Straße gegangen sind, erscheinen im Vergleich damit geradezu als ein Ausbund an Harmlosigkeit. Der Nouvel Observateur spricht denn auch von einem „Patriot Act à la francaise“. Einige Maßnahmen, die direkt von den Rechten oder der extremen Rechte übernommen worden seien, gäben doch zu erheblichen Bedenken Anlass. Einige Kommentatoren sähen darin einen geschickten Versuch, der Opposition das Wasser abzugraben. Aber gerade deshalb müsse man doppelt wachsam sein. Denn wenn es auch noch zu früh sei, die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu beurteilen; wenn sie einmal in Kraft gesetzt seien, sei es zu spät „pleurer sur ses conséquences.“ (18.11.) Inzwischen wird der Ausnahmezustand nicht nur gegen terrorverdächtige Islamisten verwendet, sondern auch gegen Aktivisten der Klimaschutzbewegung, Menschen, die zur Unterstützung von Flüchtlingen aufrufen und Fußballfans, wie gerade wieder in Troyes (Le Monde, 19.1.16). Er muss sogar in Calais dafür herhalten, den Flüchtlingen den Zutritt zum städtischen Schwimmbad zu verwehren – und das angesichts der im jungle herrschenden katastrophalen sanitären Verhältnisse. Und wenn dann auch noch der Innenminister –aus gegebenem Anlass- sich genötigt sieht, die Polizei auf das Prinzip der Verhältnismäßigkeit hinzuweisen – eine Tür müsse im Rahmen einer Hausdurchsuchung nicht gewaltsam aufgebrochen werden, wenn sie auch freiwillig geöffnet werde, müssten eigentlich bei allen demokratischen Kräften die Alarmglocken läuten.
Es ist aber bezeichnend für das aktuelle politische Klima in Frankreich, dass bei den Beratungen in der Assemblée eine Tendenz vorherrschte, der Exekutive noch weitergehende Ausnahmerechte zu übertragen, als das von der Regierung selbst vorgesehen war. Da forderten beispielsweise die Republikaner bei der assignation à résidence ein Ausgehverbot von 24 Stunden, was auch von einigen Sozialisten gut geheißen wurde: sonst würden sich die Bürger doch fragen, ob denn ein potentieller Terrorist nur die Hälfte das Tages gefährlich sei. Noch einen großen Schritt weiter ging Laurent Wauquiez, der Vertreter einer „droite décomplexée“ und Generalsekretär der Republikaner, der gerade zum Präsidenten der Region Auvergne-Rhônes-Alpes gewählt wurde. Wauquiez forderte nämlich die Einrichtung von Internierungslagern für 4000 Terror-Verdächtige forderte. Dass damit ein Guantanamo à la française geschaffen würde (Les Echos, 16.11.), wies er natürlich weit von sich. In den französischen Lagern solle alles rechtsstaatlich zugehen und– im Gegensatz zu Guantanamo- auch nicht gefoltert werden. Übrigens erfreut sich Wauquiez‘ Vorschlag einer recht großen Beliebtheit, selbst bei Intellektuellen wie Pascal Bruckner, die eher dem linken Lager zugerechnet werden. Aber die Phantasien, wie man der terroristischen Gefahr begegnen kann, sind fast grenzenlos. Der Parteichef der Republikaner und ehemalige Staatspräsident möchte „centres de déradicalisation“ einrichten (Le Monde, 2.12.), also Umerziehungslager, für die es ja einschlägige Beispiele gibt. Und es werden auch wieder die bewährten Zwangsarbeitslager in Cayenne ins Spiel gebracht, dort also, wo der Pfeffer wächst. Und natürlich überbietet Vater Le Pen alle: Er fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe, die bei Terroristen durch die Methode des Kopfabschlagens vollzogen werden soll- wie sie ja auch vom Islamischen Staat und Saudi-Arabien gerne und häufig praktiziert wird.
Es gibt in Frankreich derzeit geradezu eine surenchère securitaire, also einen Überbietungswettbewerb, was Maßnahmen zum Schutz vor Terrorismus angeht. Deshalb wird der Ausnahmezustand nach dem Willen Hollandes wohl ohne Probleme noch einmal über den 26. Februar hinaus um drei Monate verlängert werden, auch wenn Experten der UNO davor gewarnt haben, „estimant qu’il imposait des ‚restrictions excessives et disproportionnées sur les libertés fondamentales.‘“ (Le Monde, 21.1.16). Aber eine deutliche Mehrheit der französischen Bevölkerung ist bereit, eine Einschränkung von Freiheiten hinzunehmen, wenn es um die Sicherheit geht, wie eine aktuelle ifop-Umfrage eindrucksvoll bestätigt. Und nichts ist derzeit schlimmer und politisch gefährlicher, als sich dem Vorwurf des laxisme oder des angélisme auszusetzen, also der Nachgiebigkeit oder eines naiven Gutmenschentums.
Deshalb steht auch der von Hollande nach den Attentaten angekündigten und inzwischen konkretisierten Verfassungsänderung nichts im Wege. Diese Verfassungsänderung ist insofern verständlich, als die Regelung des Ausnahmezustandes bisher auf rechtlich ziemlich wackeligen Füßen steht, nämlich einem einfachen Gesetz aus dem Jahr 1955. Da muss also die Regierung damit rechnen, dass eine vom Ausnahmezustand in ihren Freiheiten eingeschränkte Person Verfassungsbeschwerde (QPC) beim Conseil constitutionel einlegt, was inzwischen auch schon geschehen ist. Jetzt soll also der Ausnahmezustand ein „verfassungsrechtliches Fundament“ erhalten. Allerdings wollen Hollande und die Regierung diese Gelegenheit zu einer Verschärfung nutzen: Der Ausnahmezustand soll jetzt gleich für sechs statt bisher drei Monate verhängt werden, und danach soll es möglich sein, einen Teil der Notstandsmaßnahmen noch weiter- und erst langsam stufenweise zurückzuführen. Da hat die Polizei einen großen Spielraum. Der soll –ganz unabhängig vom état d’urgence- sowieso noch erheblich erweitert werden. Alle Vorschläge gehen, wie Le Monde (3.12., S.8) schreibt, dahin, die Machtbefugnisse der Polizei ohne rechtliche Kontrolle erheblich auszuweiten. „L’exception va devenir la règle.“
Karikatur von Selçuk. Le Monde, 21.11., S. 20
Besonders umstritten ist das von Hollande vor dem Kongress angekündigte Vorhaben, in Frankreich geborenen verurteilten Terroristen die französische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, wenn sie eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Damit würde die Beseitigung des geradezu geheiligten „droit du sol“ Verfassungsrang bekommen und eine alte Kernforderung des Front National erfüllt. Vichy, wo es das schon einmal gab, lässt grüßen.
Zwar hat der Conseil d’État das Vorhaben positiv beurteilt, gleichzeitig aber dem Präsidenten ein gesichtswahrendes Schlupfloch zum Rückzug angezeigt. Er wies nämlich darauf hin, dass die mit der Geburt erworbene französische Nationalität „un élément constitutif de la personne“ sei. „En priver quelqu’un pourrait être regardée comme une atteinte excessive et disproportionnée à ces droits et contraire à la Déclaration des droits de l’Homme de 1789.“ Zwischenzeitlich deutete Manuel Valls ein Einlenken an, weil der Geltungsbereich und die Effektivität des Vorhabens nur äußerst begrenzt seien. Der Präsident beharrt aber auf seinem Vorhaben, auch wenn er damit seine Partei einer erneuten Zerreißprobe aussetzt und seine Chance, 2017 die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen zu erreichen, weiter verringert. Für Libération (21.12.) stellt sich da die Frage, „comment l’exécutif a pu se fourrer dans un tel piège.“ Die Antwort von Martine Aubry: Hollande passe sich damit der Stimmung der Bevölkerung an. Aber mit dem gleichen Argument könne man auch wieder die Todesstrafe einführen. Und sie zitiert François Mitterand: « Ne pas gouverneravec les sondages, c’est la différence entre un homme politiqueet un homme d’Etat. » (Le Monde, 14.1.)
Ich würde gerne –in guter alter Tradition- gegen die –jetzt französischen- Notstandsgesetze auf die Straße gehen und demonstrieren. Aber das geht nicht: Wir leben ja im état d’urgence. Da sind Demonstrationen verboten….
Und was weiter?
Die Attentate vom 13. November sind ein massiver Einschnitt für Frankreich mit weitreichenden Konsequenzen für das Land selbst, aber auch weit darüber hinaus. Dazu gehört die Forderung nach europäischer Solidarität für den von Hollande erklärten Krieg gegen den Terrorismus, wozu auch die Forderung nach einer deutschen militärischen Beteiligung gehört. Es ist ja ein beliebter französischer Vorwurf, dass sich Deutschland feige seiner Verantwortung in der Welt entziehe- zuletzt sehr massiv vorgetragen beim militärischen Einsatz der Franzosen in Libyen, dessen desaströse Konsequenzen inzwischen ja nur allzu deutlich sind – ebenso wie die ebenso desaströsen Konsequenzen des amerikanischen Krieges im Irak. Jetzt schickt Deutschland mit ausdrücklichem Verweis auf die Solidarität mit Frankreich Soldaten nach Mali und beteiligt sich am Krieg gegen den IS, ohne dass auch hier wieder eine nachhaltige militärische Strategie, geschweige denn eine politische Perspektive, wenigstens in Ansätzen deutlich wäre.
Und die französische Solidarität in der Flüchtlingskrise? Fehlanzeige!
Wenn sich aber Deutschland jetzt mit Frankreich solidarisch zeigt in seinem Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat, könnte Deutschland ja umgekehrt eine deutlichere Unterstützung Frankreichs in der Flüchtlingskrise erwarten, wie der Figaro am 25.11. schrieb. Hollande hat zwar solidarische Lippenbekenntnisse abgegeben- es sei „unsere Pflicht“ gewesen, „diese Personen aufzunehmen“ (Le Figaro, 25.11.), aber mit „uns“ war Frankreich sicherlich nicht gemeint. Und inzwischen hat Premierminister Valls Europa und vor allem natürlich Deutschland aufgefordert, seine Grenzen für „migrants“ zu schließen. Hier handelt es sich in der Tat um eine erhebliche Verschärfung der französischen Position, „déjà réputée pour son extrême réserve à l’égard des migrants“ (Le Monde, 25.11.). Es dauert in Paris derzeit vier Monate, bis Flüchtlinge überhaupt nur einen Asylantrag stellen können. Bis dahin gehören sie zur Gruppe der „sans papiers“ und damit der Wohnsitzlosen. (Le Monde, 22.1.16). Von der Aufnahme des französischen Kontingents an den gemäß Beschluss des Rats europaweit zu verteilenden 160 000 Flüchtlingen ist in Frankreich sowieso nicht mehr die Rede. Und einen darüber hinausgehenden ständigen Verteilungsmechanismus hat die französische Regierung ausdrücklich abgelehnt. Sie bewegt sich also auch in diesem Bereich auf die Positionen der Rechten und extremen Rechten zu.
Konsequenzen für die staatlichen Finanzen: die Aufkündigung des Stabilitätspaktes Eine der ersten Konsequenzen der Anschläge des 13.11. war die Aufkündigung des europäischen Stabilitätspaktes durch François Hollande. Angesichts der besonderen Umstände habe der „Sicherheitspakt“ – was auch immer damit gemeint sein mag- Vorrang vor dem Stabilitätspakt, also vor der nun schon seit 7 Jahren überfälligen Reduzierung des französischen Haushaltsdefizits auf die vertraglich vereinbarten und von Frankreich immer wieder zugesicherten drei Prozent. Schon vor dem 13.11. hatte sich eine Tendenz abgezeichnet, dass Frankreich die von ihm eingegangenen Verpflichtungen schon wieder nicht würde erfüllen können. Da bieten die Anschläge vom 13.11. eine willkommene Gelegenheit, die aktuelle Notlage vorzuschieben, um die erneute Überschreitung der drei Prozent-Zielmarke zu rechtfertigen. Und die europäischen Partner sollen auf diese Weise auch milde gestimmt und zu dem fälligen vierten Aufschub bewegt werden. Diese Taktik scheint Erfolg zu haben, wurde doch schon von den europäischen Partnern, der Kommission und dem Europaparlament entsprechendes Entgegenkommen gezeigt.
Dass die Ausweitung der Verschuldung -Frankreich steuert zielstrebig auf eine Verschuldungsquote von 100% zu- auch eine Kehrseite hat, ruft die liberale Europaabgeordnete Sylvie Goulard in Erinnerung: Frankreich begebe sich so tendenziell in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten, es verliere seine nationale Selbstständigkeit und werde geschwächt. (Le Point, 18.11.) Im Moment meinen es die internationalen Finanzmärkte ja ausgesprochen gut mit Frankreich – wie auch mit dem anderen Schulden- Sorgenkind, Italien. Aber eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es nicht. Dann droht die nächste europäische Schuldenkrise, vielleicht sogar der Zerfall des Euro-Raums….
Ursachenforschung: die innenpolitische Dimension Nach den Anschlägen des Januar wurden in Frankreich fundamentale gesellschaftliche Fragen aufgeworfen und diskutiert, z.B. nach der Freiheit der Meinungsäußerung, der Laizität, nach dem Ort des Islam in Frankreich, nach der Rolle der Schule, nach dem Scheitern von Integration. Der französische Premierminister war ja immerhin so weit gegangen, in Bezug auf den Zustand mancher Vorstädte von einer Form der apartheid social zu sprechen. Und Valls weiß, wovon er spricht, weil er lange Jahre Bürgermeister einer Kommune mit einem hohen Anteil an Muslimen und großen sozialen Problemen war.
Auch nach den Anschlägen vom November gibt es in Frankreich allmählich wieder eine intensive Diskussion, inwieweit hausgemachte soziale Probleme ein Grund dafür sein könnten, dass so viele junge Franzosen in Syrien auf Seiten des IS kämpfen oder den Terror nach Frankreich tragen. Diese Auseinandersetzung findet auch in aller Schärfe auf Regierungsebene statt: So betont Wirtschaftsminister Macron „le terreau qui a nourri cette violence, les injustices qui se sont installées.“ (Le Monde, 19.1.) Er bedauert, dass Frankreich eine Gesellschaft sei, «où nous avons construit la capacité à fermer la porte». Jemand, der wegen eines Barts oder eines arabisch klingenden Namens für einen Muslim gehalten wird, habe viermal geringere Chancen auf Einstellung als ein anderer. „On a laissé s’installer de l’exclusion. Je ne dis pas qu’elle explique, je dis qu’elle est là“ (Libération 21.11.). Erst im Herbst dieses Jahres wurde aus Anlass des 10-jährigen Jahrestages der Unruhen in den Vorstädten von Paris in vielen Medien eine ziemlich niederschmetternde Bilanz dessen gezogen, was seitdem geschehen ist. Zwar sei sehr viel Geld in die städtebauliche Sanierung gesteckt worden und das äußere Bild der Vorstädte habe sich zum Teil erheblich verbessert, aber die sozialen Zustände seien stellenweise immer noch von Hoffnungslosigkeit, Armut, Drogenhandel und Gewalt bestimmt. Der Abstand zwischen dem Lebensstandard in den Problemzonen (ZUS) und dem im anderen Frankreich habe sich in den letzten Jahren sogar noch vergrößert. „Lentement, certains territoires font sécession: ils se détachent de la République, qui les laisse partir à la dérive“. Hier biete sich der Islam als Orientierungshilfe an und der Djihadismus nutze die Lage weidlich aus. (Le Monde und Le Figaro, 26.10.15)
Die Umweltministerin Ségolène Royal widersprach allerdings ihrem Kabinettskollegen in der ihr eigenen energischen Weise: Man könne doch nicht die Schuld für den radikalen Djihadismus in der französischen Gesellschaft suchen. Frankreich sei ein großes demokratisches Land, in dem die Erziehung Priorität habe. Alle Kinder erhielten kostenlosen Schulunterricht, es gebe ein vorbildliches Sozial- und Gesundheitssystem, das äußersten Schutz gewähre, also gewissermaßen die beste aller Welten und deshalb „pas question de culpabiliser la République“. Und ganz generell: „Il ne faut pas chercher des explications“, sondern man müsse die Terroristen aufspüren, unschädlich machen und seinen Blick in die Zukunft richten. (Le Figaro, 29.11.2015)
Der Blick in die Zukunft bietet allerdings nach den Regionalwahlen vom 6. und 13. Dezember wenig Anlass zum Optimismus. Zwar hat der Front National keine der dreizehn neu gebildeten Regionen gewinnen können, aber er hat mit 6,8 Millionen Stimmen noch nie so gut abgeschnitten. Und er hat im zweiten Wahlgang noch 800 000 Stimmen dazugewonnen, obwohl z.B. gerade in der umkämpften und bevölkerungsreichen Region Ile de France sehr viele FN-Wähler im zweiten Durchgang mit einem „vote utile“ der republikanischen Kandidatin Valérie Pecresse zum Sieg verholfen haben. Der FN hat in jeder Hinsicht seine Wählerbasis verbreitert: „l‘évolution du FN est une évolution en nombre, géographique, générationelle et également sociale“, wie der Wahlforscher Jean-Daniel Lévy in Les Echos vom 15.12. feststellt. Und angesichts der Themen, die für die Wahl des FN ausschlaggebend waren, nämlich Arbeitslosigkeit, Sicherheit und Immigration, sei auch kaum zu erwarten, dass die Partei schon ihr Maximum erreicht habe. Denn diese Themen würden auch in den kommenden Monaten ihre Brisanz behalten. Die Gefahr besteht aber, dass Republikaner und Sozialisten das Ergebnis schön reden (Libération, 13.12.): Immerhin ist es ja gelungen, „de faire barrage au FN“, die Republikaner haben sieben Regionen gewonnen, die Linke fünf. Angesichts der fortdauernden Spaltung der Sozialisten und der Linken insgesamt wird die Regierung also wohl weiterwursteln wie bisher. Und die Rechte leistet sich einen erbitterten Machtkampf und schwankt, ob sie denn weiter auf den FN zugehen will, um ihm Wähler abzujagen (Sarkozy) – damit würde sie aber möglicherweise Wähler in der Mitte verlieren – oder ob sie sich mehr zur Mitte hin bewegen und vom FN abgrenzen will (Juppé, Fillon, NKM) – damit würde sie allerdings möglicherweise dem FN noch mehr das rechte Terrain überlassen. Kommentatoren sind sich einig, dass „business as usual“ das Schlimmste wäre, was die politische Elite Frankreichs jetzt betreiben könnte. Der Vertrauensverlust zwischen Regierenden und Regierten sei zu offenbar: Verursacht vor allem durch die ständigen Versprechungen des Präsidenten und der Regierung, die „courbe de chômage“ umzukehren. Die Arbeitslosigkeit ist aber gerade wieder auf ein absolutes Rekordniveau angestiegen. Jetzt hat Präsident Hollande den „état d’urgence économique et social“ ausgerufen, aber die angekündigten Maßnahmen sind eher kosmetisch. Libération beklagte schon in ihrem Éditorial vom 15.12. „le refus des risques“ und die Tendenz „de ne rien changer à la ligne gouvernementale“. Man müsse handeln, bevor es zur Katastrophe komme, forderte Le Monde in ihrem Éditorial vom 15.12. Die Katastrophe wäre der Sieg von Marine Le Pen in den Präsidentschaftswahlen 2017. Es bleiben nur noch wenige Monate, sie zu verhindern.
Man kann nur hoffen, dass sie genutzt werden. Danach sieht es allerdings derzeit eher nicht aus….
Trübe Aussichten also für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…
Ergänzung Nov/Dez 2016: Der Ausnahmezustand als Dauerzustand?
Am 13. und 15. November 2016 haben der französische Ministerpräsident Valls und der Staatspräsident Holland eine Verlängerung des Ausnahmezustandes mindestens bis zu den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017 angekündigt. Diese Ankündigung war den französischen Medien (Le Monde, le Figaro, Libération) nur eine kurze Meldung wert. Offenbar gilt diese Maßnahme inzwischen nur noch als Routineangelegenheit, obwohl sie tiefgreifende Einschnitte in grundlegende Freiheitsrechte ermöglicht.
Inzwischen wurde der Ausnahmezustand schon viermal verlängert, zuletzt nach dem grauenhaften Terroranschlag in Nizza am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag. Am Vormittag hatte Hollande noch feierlich in seiner Fernsehansprache das Auslaufen des Ausnahmezustandes verkündet, weil er seine Aufgabe erfüllt habe und die drastisch verschärften Anti-Terrorgesetze jetzt ausreichten. Danach aber wurde eine weitere Verlängerung um sechs Monate beschlossen, obwohl der Ausnahmezustand den Terroranschlag gerade nicht hatte verhindern können.
Die weitere Verlängerung wird vermutlich wieder von einer breiten parlamentarischen Mehrheit beschlossen werden. Die Exekutive und die Judikative befinden sich hier in der Tat in einer Falle, wie der Le Monde- Redakteur Jean-Baptiste Jacquin in einem Debattenbeitrag in der Ausgabe vom 29. 11. schreibt. („Le piège de l’état d’urgence“)
Zwar habe der Vizepräsident der Conseil d’Etat gerade festgestellt, der Ausnahmezustand sei ein Zustand der Krise, der nicht unbegrenzt verlängert werden könne. Die Schwierigkeit besteht nach Jacquin aber darin, ihn zu beenden – und zwar nicht aus juristischen oder sicherheitsrelevanten, sondern aus politischen Gründen. Das Gesetz zum Ausnahmezustand von 1955 lege fest, dass der Ausnahmezustand bei einer unmittelbar drohenden schweren Bedrohung der öffentlichen Ordnung verhängt werden könne. Es bestehe aber in Frankreich weitgehend Einigkeit, dass die islamistische/terroristsiche Bedrohung nach wie vor hoch sei. „Die terroristische Bedrohung ist dauerhaft und wird nicht mit dem Fall des Islamischen Staates beendet sein.“
Obwohl die Anti-Terrorgesetzgebung im Laufe der letzten 20 Monate viermal erheblich verschärft worden seien, verstärke die Verlängerung des Aunahmezustands das Misstauen in den Rechtsstaat, dessen Gesetze offenbar nicht ausreichten, um den Terrorismus effektiv zu bekämpfen.
Und Jacquin schließt mit dem düsteren Satz:
„Die unbegrenzte Verlängerung des Ausnahmezustands bereitet einem eventuellen Polizeistaat den Weg.“ („La prolongation indéfinie de l’état d’urgence est un boulevard pour un éventuel Etat policier.“ )
Damit spielt er offensichtlich auf eine mögliche Präsidentschaft Marine le Pens an, die gewissermaßen den Ausnahmezustand auf einem parlamentarisch/juristisch vergoldeten Tablett serviert bekäme.
In der Tat trübe Aussichten für Frankreich, Frankreich- Liebhaber und Europa-Freunde…
Im November 2014 haben wir eine neue Wohnung im 11. Arrondissement bezogen. Sie ist sehr klein, und manche Freunde fragen sich, wie wir es auf so engem Raum zusammen aushalten. Aber dafür gibt es eine kleine Terrasse, von der aus man einen schönen Blick auf Paris hat. Leider wurde ein Teil des Panoramas in den 1970-er Jahren durch einen massiven 08/15- Wohnblock verstellt, so dass wir vom Eiffelturm nur noch nachts die kreisenden Lichtstrahlen sehen, aber es gibt immerhin doch noch genug zu sehen:
Die Dächer von Paris „les toits de Paris“ , der Turm des Gare de Lyon und die Hochäuser des „Chinesenviertels“ im 13. Arrondissement
Hier noch einmal im Februar 2018- einem für Paris außergewöhnlich schneereichen Monat. Die „Dächer von Paris“ wurden übrigens im Dezember 2024 ins immaterielle Welterbe der UNESCO aufgenommen. Sie sind ja seit dem umfassenden Stadtumbau des 19. Jahrhunderts überwiegend mit Zink gedeckt. Fast 80% der Parise Dächer sind mit Zinkblechen bedeckt, sodass eine von der UNESCO gewürdigte „einzigartige Stadtlandschaft“ entsteht. Anerkannt werden damit von der UNESCO das Wissen und die Fähigkeiten der Zinkdachdecker, Vertretern einer traditionellen Handwerkerkunst. (FAZ vom 6.12.2014 und https://www.rheinzink.de/journal/trends/pariser-daecher-unesco-kulturerbe/ ).
Im Rahmen des Wiederaufbaus von Notre-Dame nach dem schrecklichen Brand von 2019 wurde auch die Arbeit dieser Dachdecker präsentiert, wobei allerdings die Dächer der Kathedrale nicht mit Zink, sondern dem länger haltbaren Blei gedeckt waren und -trotz der Umweltproblematik- auch wieder mit Blei gedeckt sind.
Die Dächer von Paris eignen sich auch als Ambiente für Modefotografie. Delphine Bürkli, Bürgermeisterin des neunten Pariser Arrondissements, die die UNESCO-Bewerbung für die Dächer von Paris betrieben hat: „Paris ohne seine Dächer ist wie Paris ohne seinen Eiffelturm“….
La Défense (ohne Fotobearbeitung!)
Die Türme und der Dachreiter von Notre Dame, dazwischen ein Turm von Saint Sulpice und links die Kuppel von St Paul
Notre Dame im Farbenspiel des Sonnenuntergangs ist immer faszinierend:
Sonnenuntgergang über den Türmen von Notre Dame März 2023 – noch Baustelle und ohne neuen Dachreiter
Hier noch einmal das abendliche Panorama – wie es vorher war- rmit dem Fesselballon vom Parc André Citroen
Der Wohnblock, der uns den Blick auf den Eiffelturm versperrt, ist uns natürlich ein großes Ärgernis (dazu auch noch ein Kasten ohne den geringsten architektonischen Anspruch), wenn dann aber der Rauch im Schein der untergehenden Sonne glüht, ist das ein kleiner, aber auch schnell vergänglicher Trost.
Die Bibliothèque Nationale in der Abendsonne
Seit 2021 gibt es im Osten von Paris eine neue Attraktion: Das schräge Hochhaus des französischen Star-Architekten Jean Nouvel. Allerdings finde ich den Bau eher etwas effekthascherisch. Ich finde jedenfalls, dass er keine Bereicherung der Pariser Silhouette ist. Aber wer weiß….
In der Morgen- und Abendsonne gibt es immerhin interessante Perspektiven…
Hier wird die Silhouette im Westen bereichert durch einen Kran in den Farben der Tricolore. Das ist Frankreich! Kann man sich in Deutschland einen schwarz-rot-gold angemalten Kran vorstellen?
Am 14. Juli kann man die Militärflugzeuge sehen, die an der großen Militärparade auf den Champs Elysées teilgenommen haben
Hier ist es ein Tankflugzeug mit Begleitung beim Anflug auf die Militärparade vom 14. Juli 2024.
In der Mitte -unübersehbar-der Tour Montparnasse, links die Julisäule auf der Place de la Bastille mit dem bei Sonne leuchtenden goldenen Génie de la Liberté und dahinter die Kuppel des Pantheons, hier noch während der Restaurierungsarbeiten mit Kran
Nachts sieht das etwa so aus- jetzt ist die Kuppel renoviert und nachts beleuchtet:
Hier ist der Tour Montparnasse blau beleuchtet, manchmal aber auch rot.
Das große Feuerwerk am Eiffelturm am 14. Juli können wir leider von unserer Terrasse nicht sehen – das verhindert der Wohnblock der 70-er Jahre, der uns den Blick versperrt. Aber dafür bekommen wir etwas mit von dem jährlichen Riesenfeuerwerk der Domaine de St. Cloud. (https://www.le-grand-feu.com/)
Es ist nach Angaben der Veranstalter „das größte Feuerwerk Europas“ und dauert zwei Stunden.
Auch wenn St. Cloud im Westen der Stadt liegt – 25 km von uns entfernt- kann man doch etwas von dem Spektakel sehen.
Manchmal ist der Blick auf die Stadt ziemlich getrübt, wie im März 2016:
Da konnte man die Kuppel des Pantheons nur noch erahnen, der Tour Montparnasse war völlig im Dunst verschwunden. Ursache war die massive Feinstaubbelastung -verursacht vor allem durch die in Frankreich mehrheitlich benutzten Dieselfahrzeuge und eine längere ungünstige Wetterlage. Am 16.3. soll Paris sogar -nach Information von Les Echos vom 19.3.2016- weltweit die Stadt mit der größten Luftverschmutzung gewesen sein. Nach langem Hinhalten sah sich sogar die „Umweltministerin“ genötigt, endlich der von der Stadt Paris geforderten Einführung von Verkehrsbeschränkungen zuzustimmen.
Sehr gefreut haben wir uns im Frühjahr 2016 allerdings über das „Starenbalett“, das wir von unserer Terrasse aus beobachten konnten. Die abendlichen Flugvorführungen der Starenschwärme waren ein grandioses Schauspiel. (Siehe dazu den Blogbeitrag „Die Stare vor unserem Fenster: deutsch-französische Sichtweisen“ vom Juni 2016 /Wir in Paris: https://paris-blog.org/2016/06/24/unsere-freunde-die-stare/ ) Die deutsch-französischen Sichtweisen, von denen im Titel des Blogbeitrags die Rede ist, könnten übrigens, wie ich zu meiner Überraschung festgestellt habe, kaum unterschiedlicher sein: des einen Freund ist des anderen Feind…
Seitlicher Blick auf den Square de la Roquette mit den beiden Torhäusern des ehemaligen Frauengefängnisses „La petite Roquette“ – Wir wohnen da, wo einmal das Gefängnis der Männer und der zum Tode Verurteilten stand… Man kann sogar (allerdings nicht auf diesem Bild) die meist zugeparkten fünf Basaltplatten erkennen, auf denen die Guillontine aufgebaut wurde. (siehe dazu den Blog-Beitrag: Wohnen, wo einmal die Guillotine stand, La Grande et La Petite Roquette)
Zwei Häuser weiter wurde inzwischen ein Studentenwohnheim eingerichtet. Dazu gehört auch ein komfortabler Dachgarten mit Plastikcouchs und drei kapitalen Olivenbäumen, die mit einem Kran hochgehievt wurden. Die Studenten lieben offensichtlich -wie wir- den freien Blick und den hat man vor allem von den beiden Ausgängen der Aufzugsschächte.
Manchmal wird auch etwas gefeiert, aber das hält sich eher in Grenzen. Manche Bewohner/innen unseres immeuble oder der benachbarten -Wohnblocks sind da wesentlich rücksichtsloser. Trotzdem haben wir es aber noch nie erlebt, dass die Polizei wegen ruhestörenden Lärms eingeschritten wäre. Seit 2023 sieht man dort allerdings keine Studenten mehr, auch um die Olivenbäume scheint sich niemand mehr zu kümmern. Vielleicht gab es doch Proteste von Anwohnern?
Angestellte des benachbarten Verlags So Press spielen in der Mittagspause Fußball: Die Spieler, die den Kreis bilden, müssen sich den Ball so zuspielen, dass der Spieler in der Mitte ihn nicht berühren kann. Ich beobachte das sehr gerne, weil sie das auch sehr gut machen. Der Verlag, ein erfolgreiches Start-up, hat seinen Sitz im Erdgeschoss des gegenüber liegenden Wohnblocks. Es ist, wie Le Monde schreibt, „un ancien théâtre du 11e arrondissement de Paris, quartier branché de la capitale.“ (Le Monde, 6.3.2018, médias & pixels, S. 8) Manchmal wird dort auch gefeiert, natürlich bei geöffneten Fenstern. Aber das muss man wohl in Kauf nehmen, wenn man in einem „trendigen Viertel“ lebt.
Und manchmal gibts auch Musik, dann freuen sich nicht nur die jungen Leute des Verlags, sondern auch die Bewohner der Häuser daneben und gegenüber, die dann auch nicht mit Trinkgeld geizen, das der Trompetenspieler zugeworfen bekommt.
Hier dient die Straßenecke leider als Müllabladeplatz. Müll und Dreck sind in Paris -gerade auch in unserem 11. Arrondissement- ein sehr wichtiges kommunalpolitisches Thema. Aber wirklich gebessert hat sich nach unseren Beobachtungen leider wenig. Immerhin: Als ich einem bei der Mairie unseres Arrondissements angerufen und mich über den vor unserer Haustür verstreuten Abfall beklagt habe, wurde ich durchaus Ernst genommen: Einen Tag später war ein Reinigungstrupp da.
Die Straßenecke diesmal ohne Fußballspieler, aber mit einer Mülltonne, die die jungen Fußballer ab und zu für Zielübungen verwenden; und mit Markierungen für die zu erwartenden Verlegungen neuer Leitungen- eine besonders Art der Street-art…
… wie auch diese Maus am Haus gegenüber….
Nach abgeschlossener Leitungsverlegung werden die Gehsteige wieder asphaltiert. Das machen Arbeiter mit einem schwarzafrikanischen Migrationshintergrund.
Immerhin haben hier die Arbeiter genügend Platz zwischen zwei geparkten Autos hindurchzulaufen. Das ist etwas Besonderes, denn meistens sind die Autos Stoßstange an Stoßstange geparkt. Einmal hörten wir drunten ein lautes Krachen und Lachen: Wir liefen auf die Terrasse und sahen, wie zwei junge Männer gerade dabei waren, einen kleinen Lieferwagen in eine enge Parklücke zu manövrieren. Dabei rammten sie jeweils das davor- und das dahinter geparkte Auto, um die Parklücke so zu erweitern, dass für ihr Auto genügend Platz war. Und jedes Mal, wenn es dabei krachte, war die Freude groß.
Dieses Bild ist in der Nacht vom 2. auf den 3. April 2020 aufgenommen, also während des Corona-Virus- Ausgangssperre. So viele freie Parkplätze gibt es da noch nicht einmal während der Sommerferien, wenn viele Pariser ausgeflogen sind. Aber kurz vor Beginn der Ausgangssperre haben ja etwa 1 Million Menschen des Großraums Paris fluchtartig die Stadt verlassen und sich in ihre Ferienhäuser auf dem Land abgesetzt – ein Prozess, der sogar mit dem gewaltigen Exodus vieler Pariser 1940 beim Anrücken der deutschen Wehrmacht verglichen wurde: Also freie Parkplätze in Hülle und Fülle.
Abends Punkt 8 Uhr wird es aber in der Zeit des Corona-Virus- confinements in der Straße lebendig. Da gehen viele Fenster auf und es wird laut Beifall geklascht für das medizinische Personal, das in Frankreich, und gerade auch in der wesentlich betroffenen Region Île-de-France an „vorderster Front“ bei der Bewältigung der Krise steht. Der militärische Ausdruck nimmt die offizielle und weit verbreitete -aber auch mit Recht kritisierte- Terminologie auf: Danach befindet sich Frankreich im Kriegszustand und es wird die „union sacrée“ aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs beschworen. Das Klatschen und Topfschlagen ist aber eine schöne und auch nachbarschaftliche Geste, an der wir uns gerne beteiligen. Da winkt man sich auch untereinander zu und kommt- wenn auch über die Straße hinweg- mit Leuten in Kontakt, die man bisher noch nie wahrgenommen hat. (5. April 2020)
Und in Zeiten der massiven Ausgangsbeschränkungen (confinement) ist es natürlich ein Glück, wenn man -wie wir- eine kleine Terrasse hat oder wenigstens -wie die junge Dame im Haus gegenüber- wenigstens ein winziges Balkönchen- das normalerweise nur -wenn überhaupt- für ein paar Blumentöpfe verwendet wird.
Arbeiten an der Fassade gegenüber (November 2023)
Manchmal haben wir auch auswärtigen Besuch auf unserer Terrasse:
Vögel sitzen auch gerne auf dem (für uns ärgerlichen) Funkmast gegenüber. Im Oktober 2021 haben wir dort zum ersten Mal auch einen Papagei gesehen. Der kam vermutlich vom Père Lachaise, wo er inzwischen heimisch ist.
Ganz selten gibt es auch mal Schnee auf der Terrasse, wie im Februar 2018:
Aber dann ist der Frühling umso willkommener.
….. auch abends, wenn man schon draußen sitzen kann…
Wenn man aufs Dach steigt, hat man eine besonders schöne Aussicht: sogar die Sptze des Eiffelturms und vor allem das Panorama von Montmartre mit der Kirche Sacre Coeur (im Morgendunst)
… und seitlich sieht man die Kirchen Notre Dame du Perpetuel Secours am Boulevard de Ménilmontant und Notre Dame de la Croix in Ménilmontant.
Aber um diese Blicke genießen zu können, müssen schon Handwerker da sein, die auf dem Dach zu tun haben. Bei den Reparatur-anfälligen Pariser Zink-Dächern kann das allerdings öfters mal vorkommen…. Diese Zink-Dächer sind zwar -seit dem Stadtumbau des Barons Haussmann- typisch für die Pariser Bauten, aber im Blick auf die Klimaveränderungen und die ansteigenden Temperaturen gerade auch in einer so eng bebauten Stadt wie Paris, eher problematisch. Ein französischer Experte für klimagerechtes Bauen und Fan des Barons sieht in diesem Bereich jedenfalls Veränderungsbedarf und schlägt vor, die Zink-Dächer weiß anzustreichen. (Le Parisien vom 31.3.2023)….. Das werden wir aber wohl kaum noch erleben, dass es so weit kommt. In unserem Immeuble -wie in vielen anderen- ist man ja immer noch nicht so weit, die Heizkosten entsprechend dem individuellen Verbrauch abzurechnen….
Allerdings ist jetzt (September 2023) vorgesehen, dass das Dach unseres immeuble erneuert werden soll- es gab viele Infiltrationen -auch bei uns- und Reparaturen waren an der Tagesordnung. Im Haus nebenan ist man schon so weit:
Die Technik ist übrigens die gleiche wie bei Notre Dame, dessen Dach gerade nach dem großen Brand neu gebaut wird – nur dass bei Notre Dame statt Zink Blei verwendet wird, das wesentlich haltbarer ist…
Hier ist Notre Dame noch ohne Dachreiter und mit Notdach:
Und schade ist, dass die Türme von Notre Dame nachts nicht mehr angestrahlt sind. Dabei wäre das doch ein trotziger Ausdruck der Zuversicht: Wir lassen uns nicht unterkriegen!
Statt des Dachreiters gibt es seit Dezember 2019 einen riesigen Kran, der zunächst zur Beseitigung des im Brand zerstörten Gerüsts benötigt wird. Man ist also immer noch mit Aufräumungs- und Sicherungsmaßnahmen beschäftigt. Dass, wie von Macron vollmundig angekündigt, Notre Dame schon 2024 zu den Olympischen Spielen wieder in neuem Glanz erstrahlen wird, ist da kaum vorstellbar…. Nach Stand der Dinge (Sept 2023) soll zu den Olympischen Spielen zwar schon der Dachreiter fertiggestellt sein, die offizielle Eröffnung der Kathedrale ist allerdings erst für den 8. Dezember 2024 vorgesehen.
Es geht voran! Der weiße Riesenkran ist für die neue Dachkonstruktion zuständig. Es ist auch schon die hölzerne Pyramide über der Vierung erkennbar, auf der noch in diesem Jahr (2023) der neue/alte Dachreiter errichtet werden soll. (Foto aufgenommen am 27.7.2023)
Das Dach unseres immeuble wird erneuert – erste Etappe ist die Errichtung eines Gerüsts. Die Arbeiter stammen -wie nach unseren Beobachtungen die meisten Gerüstbauer in Paris- aus Afrika, „unsere“ aus Zaire. Sie sind sehr freundlich und freuen sich, wenn man ihnen einen Kaffee anbietet. Hoffentlich sind es keine sans papiers, die entsprechend ausgebeutet werden!
Blick auf die Stadt durch die Baugerüste und den Schutzvlies. Der Dachreiter von Notre-Dame ist fertig, aber der große Kran bleibt und die Kirche wird noch lange eine Baustelle sein.
Hier der Blick auf eine neue Baustelle: Es ist der Tour Triangle am Pariser Messegelände, dessen Bau lange umstritten war: Es gab Bedenken, ob ein solcher zunächst fast ausschließlich für Büro geplanter Bau aufgrund der Veränderung der Arbeitswelt (homeoffice) noch erforderlich sei. Das wurde insofern berücksichtigt, als nun auch eine gemischte, teilweise (1/3) auch für die Öffentlichkeit zugängliche Nutzung vorgesehen ist. Und dann gab es Warnungen der UNESCO vor dem Bau dieses und weiterer Wolkenkratzer, da Paris eine der seltenen erhaltenen horizontalen Städte sei. Auch das wurde insofern berücksichtigt, als die ursprünglich vorgesehene Höhe von 200 Metern auf 180 Meter (44 Stockwerke) reduziert wurde. Damit wird er aber immer noch das dritthöchste Gebäude in der Stadt Paris sein nach dem Eiffelturm (330 Meter) und dem Tour Montparnasse (210 Meter, mit geplanter Aufstockung 228 Meter). Entworfen wurde der Bau von der Schweizer Agentur Herzog & de Meuron, die auch die Elbphilharmonie in Hamburg geplant haben. Für uns ist das ein weiterer „Hingucker“ von unserer Terrasse.
Aber nicht nur das Dach wird erneuert, sondern auch unserer Terrasse. Deren Umrandung muss im Rahmen der Dacherneuerung ersetzt werden, und zwar -natürlich- mit Zink.
Die Arbeiten mit dem Zink sind ziemlich aufwändig und erfordern viel handwerkliches Wissen und Geschick. Der verantwortliche couvreur heißt Michel und ist ein sehr freundlicher Mensch und ein sehr stolzer Handwerker.
Er ist auch zuständig für die Erneuerung des Terrassenbodens. Der war mit Bleiplatten bedeckt, die ziemlich marode waren. Also haben wir uns entschlossen, den Boden, für den wir zuständig sind, auf eigene Kosten zu erneuern. Und diese Erneuerung muss wieder mit Bleiplatten erfolgen. Das ist nicht nur sehr teuer, sondern sehr aufwändig, weil die Umweltauflagen gerade nach dem Brand von Notre-Dame noch einmal deutlich erhöht wurden. So darf das alte Blei nicht durch das Haus entsorgt werden, sondern nur nach außen- über das Gerüst… Aber Michel ist von den Vorzügen des Bleibodens voll überzeugt. Für die nächsten 100 Jahre hätten wir jetzt Ruhe….
Blick vom neu gedeckten Dach…. (4.2.2026)
Übung für die Militärparade am 14. Juli 2026
Ein Feuerwerk gab es in Paris am 14. Juli 2026 nicht, weil an diesem Abend das Halbfinal-Spiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Frankreich und Spanien stattfand. Aber in der nachfolgenden Nacht gab es in der benachbarten rue de la Roquette ein Feuer: Ein Gruppe junger Männer hatte einen großen Müllkontainer auf die Straße gerollt und den Inhalt angezündet. Und darüber ein Miet-Elektrobike geworfen, dessen Batterie nach einiger Zeit Feuer fing und wild qualmte und -bis zu uns- übel roch. Es dauerte ziemlich lange, bis endlich die Feuerwehr erschien, den Brand löschte und die Straße freiräumte. Offensichtlich hatten sie in dieser Nacht noch dringendere Einsätze…
Partielle Sonnenfinsternis 12. 8. 2026:
Um 20.17 waren 92% der Sonne vom Mond verdeckt: Da war die Umgebung deutlich verdunkelt. Rechts die Türme von Saint Ambroise (11. Arrondissement), in der Mitte das Dach der Opéra Bastille, darüber der Tour Majunga in La Défense. Einen Blick in die immer noch strahlende Sonne haben wir nicht gewagt: Die Schutzbrillen waren in ganz Paris ausverkauft…
Kurz vor Ende der Sonnenfinsternis gelang noch dieses schöne Foto. (F. Jöckel) So dunkel war es da allerdings in Wirklichkeit nicht.