Der Süden Frankreichs ist ein Zentrum der ex voto- Kultur in Frankreich. Besonders bekannt sind Notre-Dame de la Garde in Marseille und Sainte-Maries-de-la-Mer. Aber auch in vielen anderen Kirchen der Region gibt es einzelne Votivbilder oder ganze Sammlungen.[1]
In Giens (Var), dem Ort, nach dem die ins Meer ragende Halbinsel benannt wurde, wo wir unseren Urlaub verbrachten, steht die Kirche Saint-Paul. Sie ist nicht für ihre Votivtafeln bekannt, es gibt dort aber gleichwohl einige davon, die im Querschiff der Kirche zu sehen sind. Vor allem betreffen sie zwei Unglücksfälle: Krankheit und Schiffbruch.

Hier sind die Eltern abgebildet, die die Rettung des erkrankten Kindes erflehen.

Hier ist ein Ruderboot zwischen der Halbinsel Giens und der Insel Porquerolles in einen Sturm geraten. Einer der beiden Männer, vermutlich ein Fischer, wäre fast ins Meer gespült worden, aber mit göttlicher Hilfe wurde er gerettet.

Im Hintergrund die Insel Porquerolles mit Festung und Kirche: Die Darstellung hat damit dokumentarischen Charakter: Sie zeigt ein konkretes Ereignis an einem konkreten Ort.
Die beiden Bilder sind Beispiele für zwei typische Motive von ex votos: Krankheit, besonders die von Kindern, was in einer Zeit hoher Kindersterblichkeit auch nahe liegt, und -jedenfalls an den Küsten- Unglücke auf dem Meer. Votivbilder sind insofern nicht nur Ausdruck von Volksfrömmigkeit und Wunderglauben, sondern auch sozialgeschichtliche Dokumente: Sie zeigen die Gefahren, denen die Menschen in den Zeiten ausgesetzt waren, in denen die Bilder entstanden sind.
In der katholischen Kirche waren Votivbilder (Votivtafeln) oder Gaben verbreitet, die die wundersame Errettung aus einer Notsituation darstellten und dafür dankten und mit dem schriftlichen Hinweis ex voto (lat. ‚wegen eines Gelübdes‘, von votum, ‚Gelübde‘) versehen waren. Vor allem war es Maria, die um Rettung angefleht und der man dann, wenn der Wunsch in Erfüllung gegangen war, dafür dankte.
„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sagte schon Goethe.[2] Und wenn in Kirchen ex-voto-Darstellungen aufgehangen wurden, zeigte das den Gläubigen: Es gibt Wunder und beten hilft. Das war umso überzeugender, als die Votivbilder ja nicht Produkte der kirchlichen Hierarchie waren. Jedes Votiv-Bild ist Protokoll eines erlebten Wunders. Das war eindrucksvoll und anschaulich und wurde von der Geistlichkeit seit der Gegenreformation gerne genutzt, um die Wirksamkeit des (katholischen) Glaubens zu demonstrieren. Auch wenn es sich bei den Votivbildern nicht um hohe Kunst handelt, ist es doch sehr schön und lohnend, sie zu betrachten und sie als Werke naiver Malerei, als Ausdruck der Volksfrömmigkeit und als historische Dokumente zu würdigen.
In der näheren oder der noch gut mit dem Auto zu erreichenden etwas weiteren Umgebung von Giens gibt es drei für ihre Votivbilder bekannten Kirchen: Saint-Paul in Hyères, Notre Dames des Anges im Massiv des Maures und die Kapelle Sainte-Anne in Saint Tropez. Die sollen nachfolgend vorgestellt werden.[3]
Die Votivbilder der Stiftskirche Saint-Paul in Hyères (Var)

Gasse zur Stiftsirche Saint-Paul in der Altstadt von Hyères
Bitten und Dank der ex-votos richten sich im Allgemeinen an die Jungfrau Maria oder an andere große biblische Gestalten wie Anna und Joseph, Paulus und Johannes. Die ex votos von Hyères sind in der Stiftskirche Saint-Paul ausgestellt. Ursprünglich stammen sie aus der im 11. Jahrhundert am Rand der Stadt auf einer Anhöhe errichteten Wallfahrtskirche Notre Dame de Consolation. Sie wurde aber im August 1944 im Zuge der Landung der Alliierten in der Provence von der deutschen Wehrmacht zerstört. Die ex votos, der größte Bestand gemalter Votivtafeln in der Provence, konnten aber rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Das älteste Votivbild von Saint-Paul
Bemerkenswert ist hier, dass die Fürbitte im Zentrum steht, also der um eine Gnade bittende Mensch und Maria mit dem Jesuskind. Der kleine Jesus hat seine rechte Hand zum Segen erhoben und in seiner linken Hand trägt er eine Weltkugel. Wer der bittende Mensch ist, erfahren wir nicht und auch nicht, worum er bittet oder wofür er dankt. An dem Anzug mit dem weißen Kragen und den weißen Manschetten ist aber abzulösen, dass es sich zumindest um einen wohlhabenderen Bürger handelt oder auch um einen Angehörigen des niederen Adels. Dafür spricht der Degen an seiner Seite. Diesen gesellschaftlichen Schichten sind auch die meisten ex votos aus der Zeit vor der Französischen Revolution zuzuordnen.

Dies ist eines der jüngeren ex votos von Saint-Paul: Die Bataille de Pertin am 6. Juni 1940: Eine Gruppe französischer Soldaten in Verteidigungsstellung gegen den Angriff der deutschen Wehrmacht, hier symbolisiert durch das angreifende Flugzeug. Die Szene ist realistisch und dramatisch gestaltet. Rechts unten hat der Maler -völlig undenkbar bei alten ex votos- seine Signatur eingefügt: Jean Fauchery, von dem es insgesamt sechs ex votos in Saint-Paul gibt. Der Stifter, dessen Name sich nur auf der Rückseite des Bildes befindet, hat also einen bekannten Maler engagiert, um die Gefahr, der er oder einer der Seinen entronnen ist, auch möglichst eindrucksvoll zu gestalten.[4]
Die meisten der über 400 Votivbilder von Hyères stammen aber aus dem 19. Jahrhundert, als die Tradition der ex votos sich demokratisierte. Das 19. Jahrhundert war ja auch eine große Zeit des Wunderglaubens- man denke nur an die Verehrung von Bernadete Soubirous von Lourdes. Sicherlich gab es auch schon im 17. und 18. Jahrhundert viele Votivbilder in Notre Dame de Consolation. Manche werden wohl mit den Jahren gelitten und dann entfernt worden sein, andere Souvenirjägern oder vielleicht auch übereifrigen Revolutionären zum Opfer gefallen sein. Aber es bleibt insgesamt ein eindrucksvolles Panorama alltäglicher Katastrophen.

Sehr oft geht es um Unfälle bei der Arbeit: hier ein Blitzeinschlag in einer Fischerhütte am Strand

Ein Bauer wird bei der Feldarbeit vom Pferd gebissen
Aber auch noble Herren konnte es treffen:

Ein fein gewandeter Spaziergänger am Rand der Stadt, der vielleicht Rousseaus Aufruf „Zurück zur Natur“ folgte, wird von einem herabstürzenden Ast getroffen.
Ein sehr häufiges Motiv waren Unfälle mit Pferdefuhrwerken. Nachfolgend drei Beispiele aus den Jahren 1813, 1903 und 1892


Auch in diesem „modernen“ ex voto ist eine sehr dramatische Szene dargestellt. Maria muss sich mit einem kleinen Bild in der rechten oberen Ecke begnügen.
Es gab auch schon Zusammenstöße von Pferdefuhrwerken wie der nachfolgend abgebildete und ausführlich beschriebene:

„Am 8. Juni 1892. Die 47-jährige Olive Joséphine aus La Moutonne kehrte gerade gemächlich vom Marktplatz in Toulon zurück, als sie auf der Hauptstraße auf eine Kutsche traf; aufgrund der Unachtsamkeit der beiden Kutscher stießen die beiden Fahrzeuge zusammen. Der Aufprall war so heftig, dass das Fahrzeug von Frau Olive, das nicht beladen war, umkippte; die Unglückliche wurde zu Boden geschleudert und von ihrem Fahrzeug über eine Strecke von 200 Metern mitgeschleift.
Die Folge dieses unglücklichen Zusammenstoßes war lediglich eine Verletzung am Bein; deshalb dankt Dame Olive Notre-Dame dafür, dass sie sie auf diese Weise vor einem sicheren und gewissen Tod bewahrt hat.“[5]
Während Dame Olive ausführlich darstellen lässt, welches Unglück ihr widerfahren ist, muss sich auch hier Maria bescheiden: Ihr Abbild links oben ist serienmäßig hergestellt und nur noch aufgeklebt…
Sehr eindrucksvoll sind die Bilder von Schiffsunglücken:

Dass hier die Menschen auf dem Segelboot angesichts der hohen Wellen mit dem Leben davon kamen, kann wirklich wie ein Wunder erscheinen.
Besonders viele Votivbilder danken für die Rettung von Kindern:

Hier ist ein Kind offenbar vom Dach eines Hauses gestürzt, ein ex voto aus der vorrevolutionären Zeit. Das mehrstöckige Haus, offenbar kein Bauernhaus, deutet, wie auch die Kleidung der Betenden, auf eine höhere soziale Stellung hin – passend zu einem ex voto aus der Zeit vor der Französischen Revolution.

Das Kind von Herrn Mistre ist 1860 samt Ladung von dem väterlichen Fuhrwerk gestürzt.

Dieses Kind ist in einen Brunnen gefallen… Ein häufiger Unglücksfall, worauf die entsprechende Redewendung hindeutet.

… ein anderes, das ins Wasser gefallen war, wird von seinem irdischen Retter der Mutter übergeben. Aber auf die eigentliche Retterin verweist Notre Dame de Consolation auf der Anhöhe.
Besonders oft gibt es ex votos für das Überleben von kranken Kindern:

Der 6-jährige Joseph auf diesem ex voto aus dem Jahr 1862 ist an Typhus erkrankt. Der herbeigerufene Arzt deutet mit seiner Hand auf das an der Wand hängende Kruzifix: Er kann nicht helfen, ist machtlos. Da hilft nur noch die Bitte an Maria… Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts gab es die Typhus-Impfung…
Collègiale Saint-Paul Place Saint-Paul, Hyères (Var)
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags von 9-18 Uhr, Samstags von 9 bis 16 Uhr
Notre Dame des Anges bei Pignans (Var)
Die Kapelle Notre Dame des Anges steht im Massiv des Maures auf einer Bergkuppe von 780 Metern Höhe. Wegen einer dort gefundenen wundersamen Marienstatue wurde im 11. Jahrhundert eine erste Kapelle errichtet. In der Zeit der Gegenreformation um 1600 erhielt sie als Wallfahrtsort immer größere Bedeutung: Papst Clemens VIII. gewährte „allen Besuchern der Kapelle einen vollkommenen Ablass“ und im 19. Jahrhundert war es Papst Gregor XVI., der zu dem Heiligtum pilgernden Gläubigen einen Ablass ihrer Sünden zusicherte.[6]

Dafür mussten die Gläubiger dann aber auch einen äußerst beschwerlichen Weg auf sich nehmen. Das gilt selbst noch für heutige Autofahrer. Und auch heutzutage wird man noch belohnt: Man hat von der Kapelle aus einen weiten Blick über das Massiv des Maures mit seinen Kastanien- und Korkeichenwäldern.

Blick von Notre Dame des Anges über das Massiv des Maures bis zum Mittelmeer. Im Hintergrund Porquerolles
Und in der im 19. Jahrhundert neu errichteten Kapelle gibt es einen großen Bestand von sehr sehenswerten ex votos.


Anlässe für ausgesprochenen Dank sind auch hier oft durchgestandene Krankheiten.


Ausschnitte eines ex votos aus dem Jahr 1766
Und auch hier gibt es ex votos, die alltägliche Katastrophen bei der Arbeit veranschaulichen, die die Betroffenen mit göttlicher Hilfe überstanden haben:

Ein Schmied. Ex voto aus dem Jahr 1776
Gerade im 18. Jahrhundert war die Verehrung der Gottesmutter in ihrer Kapelle im Massiv des Maures besonders populär. Während Marseilles und die Provence 1720 von der Pest heimgesucht wurden, „blieb die kleine Stadt Pignans durch den besonderen Schutz ‚Unserer Lieben Frau von den Engeln‘ verschont. -die schreckliche Krankheit konnte das gesamte Gebiet nicht erschüttern. Daraufhin verpflichtete sich der ganze Ort, jährlich zum Pfingstsonntag zum Heiligtum zu pilgern, um seine Beschützerin zu ehren.“ Ein erneutes Wunder wurde Unserer Lieben Frau von den Engeln 1773 zugeschrieben: Da herrschte in der Gegend eine langanhaltende Trockenheit, die „trotz inständiger Gebete und Bußübungen“ nicht enden wollte. Bei strahlendem Wetter machten sich die Gläubigen auf den Weg zur Kapelle. Als Zeichen ihrer Zuversicht hatten sie Mäntel und Regenschirme dabei. „So groß war die Hoffnung, die sie auf unsere himmlische Mutter setzten. Nach dem Gottesdienst in der Kapelle … verfinsterte sich der Himmel rasch, und beim Einzug in Pignans wurden sie von einem wahren Wolkenbruch empfangen. Der Chronist berichtet, dass gewisse Freidenker, die am Morgen gelächelt hatten, sich weinend in den Pilgerzug einreihten.“ [7]
Auch im 19. Jahrhundert war der Wunderglaube in der Gegend lebendig. Dafür gibt es in der Kirche zwei interessante und außergewöhnliche Beispiele:

Les fusillés. Ex-voto 1815[8]
Dieses Votivbild, die Erschossenen genannt, fällt wegen seiner Thematik aus dem Rahmen des Üblichen: Es bezieht sich nämlich auf den politischen Umbruch des Jahres 1815: Nach Napoleons 100 Tagen und Waterloo kommt der Bourbonen-König Ludwig XVIII. wieder an die Macht. Im Var nehmen die Royalisten Rache an den Anhängern Napoleons: der sogenannte „weiße Terror“.[9] In Pignans und dem in der Nähe gelegenen Brignolles werden mehrere Männer als Bonapartisten verhaftet und zum Tode verurteilt. Ein solches Erschießungskommando ist auf diesem ex voto abgebildet. Der Auftraggeber ist vermutlich einer der Verurteilten, der wie durch ein Wunder überlebt hat.
Ein weiteres außergewöhnliches ex voto ist an der Decke der Kapelle befestigt:

Es handelt sich um ein echtes, fachmännisch konserviertes Krokodil vom Nil, das der aus Pignans stammende Abenteurer und Entdecker Jules Gérard (1817-1864) von einer seiner Reisen mitgebracht hat. Gérard wurde auch der tueur des lions genannt, weil er insgesamt 25 Löwen erschossen haben soll. Gérard hat auch Daudet zu seinem Tartarin de Tarascon angeregt, in dem allerding der echte Löwenjäger ins Lächerliche gezogen wird: Tartarin ist ein Angeber, der nur einen Esel erlegt hat.
Der „eche“ Gérard wird aber auf dem Dorfplatz von Pignans mit einem Denkmal geehrt.

Es zeigt den tapferen Löwenjäger, das prominenteste Kind des Ortes, mit seinem Gewehr und zu seinen Füßen einen wilden Löwen. Der Dank an die Notre de Dame des Anges erscheint da umso verständlicher.

Notre Dame des Anges: Route de Notre Dame des Anges, 83790 Pignans (Var)
Öffnungszeiten täglich von 7.30 bis 19.30 Uhr
Die Seefahrerkirche Sainte Anne in Saint Tropez

Die Kapelle wurde im 17. Jahrhundert auf einer Anhöhe bei Saint Tropez errichtet. Von dort aus hat man einen wunderbaren Blick auf Stadt, Hafen und Golf.

In einer Nische der Kirchenmauer steht eine Marienfigur, Ausdruck des Dankes für die Befreiung von Saint Tropez von deutscher Besatzung.

Am 15. August 1944 landeten alliierte Truppen, Amerikaner, Engländer, aber diesmal auch Franzosen, in der Provence und schufen so, nach der vorausgegangenen Landung in der Normandie, eine zweite Front in Frankreich. Zur Erinnerung daran hängen in der Kapelle eine französische und eine amerikanische Flagge. Der für die Aufsicht zuständige Herr, mit dem ich mich unterhielt, fand das Aufhängen der stars and stripes allerdings wenig angebracht: Die Amerikaner, so erzählte er mit großer Erbitterung, hätten damals nicht nur die Küste, sondern auch das Hinterland massiv bombardiert und dabei auch auf religiöse Einrichtungen keinerlei Rücksicht genommen…

Der Schatz der Kirche sind die inzwischen unter Denkmalschutz stehenden ex votos. Vor allem sind sie der Dank für die Errettung bei Schiffsunglücken: Saint Tropez war im 18. Jahrhundert der drittgrößte französische Mittelmeerhafen. Seeleute aus Saint Tropez waren auf allen Weltmeeren zu Hause, dazu gab es auch Werften, die große Segelschiffe, Dreimaster, bauten.

Die meisten ex-voto Bilder stammen allerdings aus dem 19. Jahrhundert: Das Innere der Kapelle wurde während der Französischen Revolution verwüstet, das Gebäude allerdings blieb erhalten.

Schiffbruch des französischen Dreimasters Leonie an der ostafrikanischen Küste, 5. Januar 1870
Die Bilder der Schiffsunglücke sind durchweg höchst dramatisch gestaltet. Es gibt im unteren Teil immer kurze Erläuterungen zu dem betroffenen Schiff, dem Ort der Havarie und ggf. zu den Geretteten, dem Auftraggeber und dem Maler.

Dieses Schiff wurde am 9. September 1855 vor der südamerikanischen Küste von einem Sturm überrascht.

Schiffbruch des Dreimasters Amelie vor der marokkanischen Küste August 1852: „Von der 16-köpfigen Besatzung ist niemand umgekommen.“

Dieses Schiff kenterte am 4. Oktober 1843 um Mitternacht vor der westafrikanischen Küste und befand sich mit den Worten der Bild-Legende, „in schrecklicher Lage“.

Die an Land gegangene Besatzung des Schiffes sah sich, heftigem Widerstand eines „wilden Volkes“ (d’un peuple sauvage) ausgesetzt, aber es gelang schließlich, den 12 Meilen entfernten französischen Stützpunkt Cap Lahou zu erreichen – einen der bedeutendsten und größten Sklavenhäfen an der westafrikanischen Küste. Möglicherweise war ja auch das gekenterte Schiff in den Sklaventransport involviert – in den Augen der Eingeborenen jedenfalls waren wohl eher die weißen Matrosen Angehörige eines „peuple sauvage“, gegen das Widerstand nur allzu berechtigt war. Die Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien wurde erst 1848 von der Nationalversammlung beschlossen; Sklaverei und Sklavenhandel erst 2001 durch das „loi Taubira“ zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt.

Es wurde gestiftet, wie eine große zeitgenössische Marmortafel ausführlich erläutert, von Siméon Prat, einem 22-jährigen schiffbrüchigen Matrosen, der am 14. Mai 1830 in die Hände von „Barbaren“ (barbaresques) fiel. Das Eisen erinnert an die Zwangsarbeit, die er in Algerien leisten musste. Allerdings wurde er schon am 4. Juli 1830 von französischen Truppen befreit, die im Juni des Jahres bei Algier gelandet waren, um Algerien dem französischen Kolonialreich einzuverleiben. (Und dann waren es Franzosen, die Zwangsarbeit als offizielles Instrument der Kolonialverwaltung einführten…) Siméon Prat konnte anschließend seine Karriere in der Marine fortsetzen, wurde sogar Ritter der Ehrenlegion und erhielt große Auszeichnungen, die alle aufgezählt werden. Das Halseisen sei Ausdruck des Dankes an seine Beschützerin.
Chapelle Sainte-Anne Saint Tropez 21, Chemin des Bastidettes 83990 Saint-Tropez
Öffnungszeiten April bis Oktober Montag, Dienstag, Mittwoch und an Wochenenden von 14 bis 18 Uhr
Anmerkungen:
[1] Lesedauer: 14 Minuten
Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, von Frauke und Wolf Jöckel
„Titelbild“: Ausschnitt eines ex votos aus dem Jahr 1854 aus Notre Dame des Anges von Pignans
[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/wunderglaube-100.html
[3] Gesamtdarstellung der provencalischen ex votos: Bernard Cousin, Le Miracle et le quotidien. Les ex-voto provençaux, images d’une société. Aix-en-Provence 1983 Ein schöner Überblick auch in: Ex-voto peints de Provence, un monde de catastrophes!
[4] Ministère de la Culture, La plateforme ouverte du patrimoine: tableau, ex-voto : Bataille de Pertin https://pop.culture.gouv.fr/notice/palissy/IM83001556 und Recherche – POP
[5] http://randojp.free.fr/0-Diaporamas/Ex-voto/Ex-voto_Provence.html
[6] Aus der in der Kapelle ausliegenden von den die Kapelle betreuenden Franziskanern erstellte Broschüre „Unsere Liebe Frau von den Engeln“.
[7] Zitate aus der Broschüre der Franziskaner. A.a.O.
[8] Bild aus: https://provenceavivre.wordpress.com/2020/09/11/tresors-des-ex-voto-de-provence/pignans-nd-anges-020/
[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Terreur_blanche_de_1815. Siehe auch: Albert Maurin, La Terreur blanche, 1815 und 1816. Paris 1850 https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k58576758/f21.item.r=la%20terreur%20blanche%20dans%20le%20Var
