Der Name Leonora Carrington war mir, das muss ich gestehen, völlig unbekannt, bis wir vor Jahren auf dem Weg an die Côte d’Azur in Saint-Martin-d’Ardèche Station machten und zufällig auf das alte Haus am Rand des Ortes stießen, in dem Max Ernst und Leonora Carrington von 1937 bis 1939 gelebt und eine glückliche Zeit verbracht hatten. Gemeinsam hatten sie es zu einem Gesamtkunstwerk des Surrealismus umgestaltet. Es war ihr gemeinsames „paradis ardèchois“ (1): Aber das von Leonora Carrington gekaufte Haus trägt gemeinhin den Namen „maison Max Ernst“, eine Straße in dem Ort ist nur nach ihm benannt wie auch die kleine Ausstellung im Tourismusbüro: „espace Max Ernst“. (2)
Die Entdeckung des Hauses in Saint-Martin-d’Ardèche war damals ein Anlass, mich auch für die Frau zu interessieren, die dort mit Max Ernst zusammengelebt hat. Aber dieses Interesse war doch im Wesentlichen auf die wenigen gemeinsamen Jahre in Südfrankreich beschränkt. Eine höchst willkommene Gelegenheit, mehr über Leonora Carrington zu erfahren, war eine allein ihr gewidmete Ausstellung im Musée du Luxembourg (Februar bis Juli 2026). (3) Natürlich wurden dort auch die Beziehung mit Max Ernst und das Haus in Saint-Martin-d’Ardèche gewürdigt. Aber betont wurde die Eigenständigkeit der Künstlerin, die es entschieden ablehnte, als „Muse“ von Max Ernst zu firmieren. Schon als Jugendliche beschritt sie einen eigenen künstlerischen Weg. Und ihre Zeit und ihr Schaffen in Mexiko, wo sie von 1941 bis zu ihrem Tod 2011 lebte, bildete den Schwerpunkt der Ausstellung. Herausgetreten aus dem Schatten von Max Ernst, wurde sie in Mexiko zu einer Ikone des Surrealismus.
Sisters of the Moon
Geboren wurde Leonora Carringten 1917 in Nordengland. Ihre Mutter war Irin, ihr Vater reicher Erbe der Textil-Firma Carrington Cottons. Wegen ihrer Unangepasstheit muss Leonora mehrfach die Schulen wechseln und wird schließlich von ihren Eltern nach Florenz geschickt, wo sie die Malerei entdeckt. Dort entsteht eine Serie von Aquarellen, die das damals 15-jährie Mädchen „Sisters of the Moon“ nennt.






Nach England zurückgekehrt, unternehmen die Eltern große Anstrengungen, Leonora in die „bessere Gesellschaft“ und den königlichen Hof Georgs V. einzuführen. Ohne Erfolg: Leonora will Malerin werden und tritt in die von dem französischen Maler Amadée Ozenfant in London gegründete Kunstakademie ein. Im Rahmen ihrer Ausbildung besucht sie die International Surrealist Exhibition, die erste surrealistische Ausstellung auf englischem Boden. Dort entdeckt sie ein Bild von Max Ernst. (4)

Das 1923 entstandene Gemälde gilt weithin „als emblematisches Werk der surrealistischen Bewegung, das durch seinen innovativen Ansatz in Bezug auf Komposition und Thema Generationen von Künstlern beeinflusst hat.“ (5) Zu ihnen gehört auch Leonora Carrington. Es bestärkt sie in ihrem Wunsch, Malerin zu werden. Das Gemälde trifft genau ihr eigenes Wunschbild von Malerei: So möchte sie auch malen und unbedingt den Maler, den sie als Seelenverwandten sieht, kennenlernen.
Saint Martin d’Ardèche und Max Ernst
1937 trifft Leonora Carrington Max Ernst auf einer Vernissage in London: Von „Liebe auf den ersten Blick“ zu sprechen, würde der elementaren Wucht dieser Begegnung nicht gerecht. Im Französischen gibt es dafür den Ausdruck coup de foudre, Blitzeinschlag, und zwar für sie und auch ihn. Leonora Carrington, „l’aristo rebelle“, folgt Max Ernst nach Paris, der sie in den Kreis der Surrealisten um André Breton einführt. Ihre Bilder werden von der ganzen Gruppe bewundert. (6)

So auch ihr Autoportrait (Inn of the Dawn Horse) von 1937, in dem sie das Ende der Jugend, symbolisiert durch das an der Wand hängende Schaukelpferd, und ihren Wunsch nach Freiheit, symbolisiert durch das davon galoppierende weiße Pferd vor dem Fenster, thematisiert. (7)
Diese Freiheit finden bei dann, fernab von Paris, in Saint-Martin d’Ardèche. Leonora hat die Beziehung zu ihrem Vater abgebrochen, der Max Ernst wegen pornographischer Malerei angezeigt hat, Max Ernst hat sich von seiner psychisch erkrankten zweiten Frau, Marie-Berthe Aurenche, getrennt. Les Alliberts, das alte am Ortsrand gelegene Haus aus dem 17. Jahrhundert, wird zu ihrem Zufluchtsort und zu einem Ort gemeinsamen künstlerischen Schaffens.

Von Leonora Carrington bemalte Schranktüren aus dem Haus von Saint-Martin d’Ardèche (Privatsammlung)


Ein bemaltes Fenster des Hauses von Saint-Martin (Privatsammlung)

Aufnahmen der amerikanischen Fotografin Lee Miller bei ihrem Besuch in Saint-Martin 1939 (Lee Miller Archive)


Es gibt auch eine Reihe von Portraits, die Lee Miller von Max Ernst und Leonora Carrington aufgenommen hat:

Max Ernst und Leonora Carrington, Lamb Creek, Cornwall, England 1937
In Saint-Martin d’Ardèche entstand das Gruppenbild mit Max Ernst und dem französischen Dichter Paul Éluard (rechts im Bild):

Es waren viele Freunde aus dem Kreis der Pariser Surrealisten, die damals nach Saint-Martin-d’Ardèche kamen. Neben Lee Miller und dem Ehepaar Éluard u.a. auch der argentinische Maler Leonor Fini, der Fotograf Man Ray oder Tristan Tzara, ein später zum Surrealismus gewechselter Begründer des Dadaismus.

Lee Miller, Leonora Carrington in Saint Martin d’Ardèche 1939. Lee Miller Archive

Neben der geneinsamen Arbeit an der Ausstattung und Ausschmückung des Hauses gibt es auch andere gemeinsame Projekte. So illustriert Max Ernst den 1939 erschienenen Roman Leonora Carringtons La Dame ovale. (8)


Lee Miller, Leonora Carrington und Max Ernst 1939 in Saint-Martin d’Ardèche
Von längerer Dauer war das Glück der beiden in Saint-Martin d’Ardèche allerdings nicht. Darauf verweist auch Carringtons Selbstportrait mit Max Ernst aus dem Jahr1938. (Privatsammlung):

Beide sind mit ihren alter egos dargestellt: Leonora Carrington mit einem Pferd -und Haaren wie einer Pferdemähne: Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins, Max Ernst mit dem Federkleid seines Vogels Loplop. Das Bild ist unvollendet- bedingt durch das abrupte Ende der gemeinsamen Jahre in Saint-Martin.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Max Ernst nämlich als potentieller feindlicher Ausländer verhaftet – dass er für die Nationalsozialisten ein „entarteter Künstle“ und ausgewiesener Antifaschist war, zählte da nicht. Zunächst wurde er im Lager Largentière (Ardèche) interniert, dann, für einige Monates entlassen, im Lager Les Milles bei Aix-en-Provence. Traumatisiert von ihrem Alleinsein in Saint-Martin und dem Verlust von Max Ernst sucht Leonora Carrington mit Freunden Zuflucht in Spanien. Dort erwartet sie allerdings die „Hölle von Santander“: In einer psychischen Krisensituation wird sie auf Betreiben ihres Vaters und gegen ihren Willen in die psychiatrische Klinik von Santander eingeliefert und dort von dem zuständigen Arzt, Dr. Morales, einer höchst problematischen medikamentösen Schocktherapie unterworfen.

Tête (Kopf). Vermutlich handelt es sich die Studie für ein Portrait von Dr. Morales. Um 1940 (9)
Max Ernst hat die Erfahrungen Leonora Carringtons, die Kafka noch übertroffen hätten, 1940 zum Thema eines Bildes gemacht: The Spanish Physician. (The Art Institute of Chicago):

Der Titel bezieht sich auf den Arzt, der Leonora eine unmenschliche Behandlung verordnete. Er ist auf dem Bild links als groteske und bedrohliche Gestalt zu sehen, neben einem gigantischen Pferd, beide versteinert. Leonora flieht angsterfüllt und verliert dabei ein Tuch in Gestalt eines Vogels, der auf Max Ernst verweist. (10)

In dieser Zeit großer Umbrüche und persönlicher Tragödien entstehen zwei wechselseitige Portraits: Das von Max Ernst in eisiger Landschaft (National Gallery of Scotland) und das von Leonora Carrington (Leonora dans la lumière du matin, Privatsammlung). (11)
Die Wege von Leonora Carrington und Max Ernst trennen sich aber nun. Max Ernst kann mit Hilfe von Varian Fry, Leiter des Emercency Rescue Committy, und der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die er 1941 heiratet, in die USA entkommen. Leonora Carrington heiratet den mexikanischen Diplomaten Renato Leduc, um ihren Status zu legalisieren und sich der Vormundschaft ihres Vaters zu entziehen. Nach einer Zwischenstation in New York lassen sie sich in Mexiko nieder, das nun Leonora Carringtons neue Heimat wird.
Die mexikanische Wiedergeburt
Mexiko war für Leonora Carrington „le lieu surrealiste par excellence“. Mexiko faszinierte die Surrealisten, vor allem aufgrund der Berichte von Antonin Artaud und André Breton über ihre mexikanischen Reisen 1936 und 1938. (13)
In Mexiko entwickelte Leonora Carrington einen ganz spezifischen eigenen Malstil, der „schwer einer bestimmten Strömung zuzuordnen“ ist. (12) Es ist eine Form des Surrealismus, in der europäische Avantgarde, keltische Mythologie, Alchemie und Esoterik mit mexikanischen und indigenen Elementen in einer ganz eigenen Welt verbunden sind. Man hat diesen Prozess denn auch als „mexikanische Wiedergeburt“ bezeichnet. (14)

Caballos (1941)
Ich verstehe die Botschaft dieses Bildes so, dass Leonora Carrington ihre Freiheit gefunden hat und sie selbstständig und selbstbewusst auf Entdeckungsreisen in neue Welten gehen und neue künstlerische Ausdrucksformen entwickeln kann.
In der Ausstellung im Musée du Luxembourg bildete die mexikanische Zeit Carringtons den Schwerpunkt. Ich habe mich etwas durch diesen Teil der Ausstellung treiben lassen. Ich bin kein Spezialist des Surrealismus und ich sah mich außerstande, den vielfachen Bedeutungsschichten ihrer mexikanischen Werke gerecht zu werden. Angezogen und fasziniert haben mich aber viele Details ihrer Werke, in denen sich ja auch ihre „unverkennbare Handschrift“ zeigt. (14)
Nachfolgend einige Beispiele:

Mars Red Predella (1946) Ausschnitte


The Elements (1946). Das großformatige Gemälde ist auch unter dem Namen „Les Émigrants“ bekannt und stellt eine kollektive Suche nach einer neuen Heimat dar. Mit seinen vielfältigen Details erinnert es an die „Wimmelbilder“ flämischer Meister.



Manchmal dachte ich beim Betrachten ihrer Bilder auch an die phantastischen Figuren des Hieronymus Bosch.

Der Bezug zu Bosch ist ganz eindeutig bei dem Gemälde Las tentationes de San Antonio von 1945 (Privatsammlung).

Es bezieht sich auf Boschs Gemälde Die Versuchung des Heiligen Antonius, das Leonora Carrington 1940 nach ihrer Flucht aus Frankreich im Madrider Prado gesehen hatte. Ihre Adaptation des Werks entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem auch u.a. Salvador Dali, Max Ernst und dessen dritte Frau Dorothea Tanning teilnahmen.


Das alchimistische Feuer symbolisiert nach der Information des Ausstellungs-Begleittexts den Sieg über die Versuchungen.

Sehr beeindruckt hat mich auch das Gemälde Orplid aus dem Jahr 1955. Der Titel bezieht sich offensichtlich auf Eduard Mörikes Gedicht Gesang Weylas, in dem er ein erträumtes idyllisches Land beschreibt. (15)
Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Carrington macht dieses Land zum Schauplatz einer fantastischen Prozession, angeführt von einem geflügelten Drachen und einer auf einer Sänfte getragenen nackten weißen Frau.




Nach einem bewegten Leben voller großer Herausforderungen hatte Leonora Carringten in Mexiko zwar sicherlich nicht das Land Orplid gefunden, aber einen Ort, wo sie endlich frei und selbstständig ihren eigenen Weg finden und gehen konnte.
Anmerkungen
(1) Éditions Beaux Arts, Leonora Carrington. Musée du Luxembourg. Paris 2026
Lesezeit: 10 Minuten. Alle Fotos des Beitrags, aufgenommen in der Ausstellung des musée du Luxembourg, von Wolf Jöckel
Titelbild: Ausschnitt aus dem Gemälde Orplid von 1955 (siehe unten)
(2) https://fr.wikipedia.org/wiki/Maison_de_Max_Ernst Immerhin bekennt ein Kurator der Ausstellung im Musée du Luxembourg, dass er zum ersten Mal den Namen Leonora Carrington im Zusammenhang mit dem von Max Ernst gehört habe… Beaux Arts, S. 4
(3) https://museeduluxembourg.fr/fr/agenda/evenement/leonora-carrington
(4) Bild aus: https://www.max-ernst.com/two-children-are-threatened-by-a-nightingale.jsp#google_vignette Dort weitere Informationen zur Entstehung und Bedeutung des Bildes.
(5) ttps://www.singulart.com/blog/fr/2024/07/20/deux-enfants-menaces-par-un-rossignol-par-max-ernst
(6) Ich beziehe mich in diesem Abschnitt vor allem auf: Alain Vircondelet, Une histoire d’amour avec Max Ernst, ‚irresistible‘. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S. 19f
(7) Bild aus: https://www.artsq.org/blog/leanora-carrington-self-portrait-rocking-horse-close-looking
(9) Bild aus: https://art-now-and-then.blogspot.com/2013/10/leonora-carrington.html Siehe dazu: Daphné Bétard, L’expérience de la folie. L’enfermement psychiatrique à Santander. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S. 38
(10) Informationstafel zu dem Bild in der Carrington-Ausstellung
(11) Abbildung aus: https://boekanza.be/2023/09/in-de-kijker-schilder-en-schrijfster-leonora-carrington-prettig-gestoord-leven-en-werk
(13) Daphné Bétard, Un vaste champ d’expérimentation Le Mexique, sa terre d’adoption. In: Beaux Arts, Leonora Carrington, S 40f
(14) https://slide-z.com/kuenstler-des-surrealismus/leonora-carrington/
(15) https://de.wikipedia.org/wiki/Gesang_Weylas und https://www.suhrkamp.de/buch/eduard-moerike-du-bist-orplid-mein-land-das-ferne-leuchtet-t-9783458172246