Bilder des Monats November 2026:  Generalstreik am 5.11. in Paris: Eindrücke von der Demonstration

Aufgerufen zu dem Streik hat ein breites Bündnis von Gewerkschaften (CFDT, CGT, FO, UNSA, FSU) und gesellschaftlichen Gruppen.

Das Personal „unseres“ Schwimmbads im 11. Arrondissement war -wie auch sonst bei solchen Gelegenheiten- dem Streikaufruf gefolgt: „Aufgrund einer sozialen Bewegung ist das Schwimmbad geschlossen. Wir bitten, die daraus folgenden Einschränkungen zu entschuldigen.“

Die Gerüstbauer -auch hier schwarzafrikanischer Herkunft- die gerade am gegenüberliegenden Haus arbeiten, streikten allerdings nicht.

Als Route für die Demonstration hatten die Gewerkschaften eine Route von der Bastille zur Place de la Concorde geplant. Das war aber von der Polizei abgelehnt worden. Dafür durfte dann auf der traditionellen Route zwischen Place de la Nation und Place de la République demonstriert werden, also auf dem Boulevard Voltaire.

Die Demo-leidgeprüften Geschäfte dort hatten teilweise nach den letzten Demonstrationen die Verrammelung ihrer Läden gar nicht mehr beseitigt.

Mc Donald’s an der Place Voltaire

Die Apotheke am Platz hatte ebenfalls ihre Schutzmaßnahmen schon vorsorglich beibehalten, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass weiterhin geöffnet ist.

„Apotheke geöffnet! Die Platten schützen uns vor Beschädigungen bei Demonstrationen… aber niemand hindert uns daran, dass wir uns um Sie kümmern“.

Entsprechend auch die Weinhandlung am Platz. („Heute geöffnet“) Bei dem Metzger gegenüber gab es allerdings keinerlei Vorsichtsmaßnahmen. Eine Metzgerei sei kein Ziel von Casseurs oder Plünderern, erklärte der Besitzer mir auf Nachfrage. Und außerdem -er deutete auf sein Messerarsenal- wisse er sich, wenn es darauf ankomme, zu verteidigen…

Dass allerdings manche Betriebe es vorziehen, sich ein ruhigeres Quartier zu suchen, ist nur allzu verständlich…

Die Polizei war mit einem beeindruckenden Aufgebot zur Stelle. Nach den Vorwürfen, die Polizei sei am 17. Oktober nicht auf die massiven Gewaltausbrüche vorbereitet gewesen, sollte diesmal ganz offensichtlich Präsenz und Einsatzbereitschaft demonstriert werden.

An der Place Voltaire, wo wir standen, waren die Seitenstraßen  gesperrt, um Abweichungen vom genehmigten Demonstrationsweg zu verhindern.

Da durften noch nicht einmal harmlose ältere Menschen passieren…

Die Demonstration – nach Angaben der Organisatoren sollen es in Paris etwa 350 000 Menschen gewesen sein- wurde von einem großen Polizeiaufgebot angeführt und eskortiert, aber sie verlief, so lange wir sie beobachten, ausgesprochen friedlich.

An der Place Voltaire gab es von einer Stadtteilgruppe, die auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen wollte,  kostenlos Kaffee und Kuchen.

Die Gewerkschaften hatten zu dem Streik aufgerufen für höhere Löhne, den „pouvoir d’achat“ (Kaufkraft), gegen Einschränkungen beim öffentlichen Dienst und den von der Regierung vorgelegten „Sparhaushalt“. Fraglich allerdings, wie man einen Haushaltsplan mit dem exorbitanten Defizit von 5,4%  bei einem seit Jahren nicht eingehaltenen EU- Limit von 3% und einer Gesamtverschuldung von 119%, deren Finanzierung 2027 den größten Haushaltsposten ausmachen wird, als „Sparhaushalt“ bezeichnen kann.

Die hier vorgeschlagene Lösung: „Nehmen wir das Geld dorther, wo es ist: Reichensteuer!“

„Milliardäre: gemeinsamer Feind“

Geprägt war diese Demonstration wie die vorausgegangen Schülerproteste vor allem wieder von Jugendlichen.

Spruchband des Lycée Paul Éluard in Saint-Denis, dem Problem-Departement 93

… der sprichwörtliche Zorn: la colère…

Ein Wortspiel: enseigner= unterrichten; en saignant = und dabei blutet man.

Ein Plakat zur Polizeigewalt: Die bandagierte Hand bezieht sich auf Hände, die zwei jungen Demonstranten durch die Explosion von Polizeigranaten abgerissen wurden.

Es sind aber nicht nur die Schüler und Lehrkräfte der benachteiligten Banlieues, die demonstrieren. Sogar eine Gruppe von Studenten der elitären École Polytechnique war in ihren Uniformen dabei.

Und auch andere Gruppen waren beteiligt:

„1 Krankenschwester für 30 Patienten; 5 CRS-Polizisten für 1 Heranwachsenden“

Mit dabei auch eine blutende Marianne mit zerfetzter Fahne und der Aufschrift „Die Freiheit führt das Volk an“

Das ist der Titel eines Gemäldes von Delacroix aus dem Jahr 1830, das den Sturz der Bourbonen-Monarchie feiert. Jedes französische Schulkind kennt dieses Bild, und offenbar sehen sie darin auch den Auftrag revolutionärer Veränderung. Die Wörter „revolution“ und „revolte“ erscheinen jedenfalls immer wieder im oder am Demonstrationszug.

Und dann soll auch noch gleich Präsident Macron geköpft werden…

Aber vielleicht hilft ja auch die Erinnerung an die Pariser Commune..

Sehr stark präsent war in dem Demonstrationszug die Partei LFI (La France insoumise) des linken Präsidentschaftskandidaten Melenchon,  von der eifrig Flugblätter verteilt wurden. Melenchon hat nach gegenwärtigem Stand der Dinge beste Aussichten, mit Marine Le Pen in die zweite entscheidende Runde der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr zu kommen.

„Das Abitur statt der Gummiknüppel“. Das Palästinensertuch passt gut zur LFI, die sehr deutlich die israelische Annexions- und Besatzungspolitik kritisiert, wobei ihr aber teilweise auch massiv vorgeworfen wird, die Grenze zum Antisemitismus zu überschreiten.

Es war sogar auch LFI-Prominenz vertreten: Dies ist Eric Coquerel, seit 2017 Abgeordneter aus dem Wahlkreis Seine-Saint-Denis, dem ärmsten festländischen Departement Frankreichs, von dem auch die Schülerproteste ausgingen. Coquerel ist Vorsitzender des Finanzausschusses der Assemblée Nationale, die derzeit das Budget 2027 berät: Gerade heute gab es dazu eine bemerkenswerte Abstimmung: Der von verschiedenen Seiten vielfach veränderte Regierungsentwurf wurde im Parlament ohne auch nur eine einzige ja-Stimme (!) abgelehnt…  Unklar, wie da noch in diesem Jahr ein Haushalt zustande kommen soll. Und erst recht, wie die Politik mit dem Zorn (la colère) vieler Menschen, ihren vielfach beklagten Alltagsproblemen und vor allem mit den Zukunftsängsten vieler junger Menschen umgehen soll und kann….

„Öffnet Eure Augen, öffnet Eure Herzen, Rettet die Demokratie, Verteidigt die Republik“ Wer wollte da widersprechen? Aber ob das hilft?

Alle Bilder des Beitrags von Frauke und Wolf Jöckel

Ein Gedanke zu “Bilder des Monats November 2026:  Generalstreik am 5.11. in Paris: Eindrücke von der Demonstration”

Kommentar verfassen