Die Freiheitsstatue von New York und ihre Schwestern in Paris (Teil 1): Trump und die weinende Freiheitsstatue (2016, aktualisiert 2020 und 2024/5/6)

Karikatur von Janson Januar 2017

Schlägt man derzeit die Zeitungen auf oder hört die Nachrichten, bin ich –und sind unsere Freunde in Frankreich und Deutschland- stets von Neuem entsetzt und fassungslos über das, was man von dem  neuen amerikanischen Präsidenten und seinen Mitarbeitern erfährt. Man musste zwar schon auf einiges gefasst sein, aber dass Trump mit einer solchen fanatischen Entschlossenheit, einem solchen wahnwitzigen Tempo und ohne jede taktisch-politischen, juristischen –geschweige denn moralischen- Rücksichten sein Wahlprogramm exekutiert, haben sich wohl die wenigsten vorstellen können.

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Liberty Trumped. South Sydney Harold. Januar 2017

Ein vorläufiger Höhepunkt der Trump’schen  Dekret-Kaskaden sind die  Einreiseverbote für Muslime aus bestimmten (ziemlich willkürlich) ausgewählten Ländern und die weitestgehende Schließung der US-amerikanischen Grenzen für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, die die bisherige Zurückhaltung der Obama-Administration in diesem Punkt noch deutlich übertrifft.

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Erl: America first!   22. Juli 2016

Diese Maßnahmen, die in völligem Widerspruch stehen zur amerikanischen Tradition und zum amerikanischen Selbstverständnis, haben nun allerdings eine breite Widerstandsbewegung ausgelöst. Der haben sich inzwischen auch  prominente Unternehmer angeschlossen, während die Wallstreet ja zunächst im Vollrausch war wegen des versprochenen und begonnenen Abbaus von Steuern, Umweltschutzauflagen, Anti-Trust- und sonstigen Regulierungen…

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Dass in der amerikanischen Presse sogar der Text Martin Niemöllers über die Notwendigkeit des Widerstands im Nationalsozialismus auf Trump bezogen wird, ist bezeichnend genug. Der Text Martin Niemöllers:

Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;

ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;                                                               ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.[1]

In den „Daily News“ sind es die Mexikaner, dann die Muslime – und man kann sich leicht ausmalen, welche weiteren Bevölkerungsgruppen betroffen sein könnten…

Man kann und muss sicherlich –wie Le Monde- Trump als „gefährlichen Menschen“ und „gefährlichen  Präsidenten“ bezeichnen,  und  Vergleiche  zwischen dem Aufstieg Trumps und dem Hitlers und zwischen den Persönlichkeiten beider Männer haben derzeit Konjunktur, wie auch das nachfolgende Bild aus dem Courrier International und der dazu gehörende Artikel zeigen.

Trump holds a campaign rally in Grand Junction, Colorado

 Der Historiker Timothy Snyder von der renommierten Yale-Universität gibt den USA in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ nach dem Wahlsieg Trumps maximal ein Jahr, „um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Er sieht „unheimliche“ Parallelen zum Aufstieg der Nationalsozialisten in Deutschland und „das Playbook der Dreißiger“. In zwei großen Debattenbeiträgen in  Le Monde 7. März 2017 betrachten Timothy Snyder und der Faschismusforscher Robert O. Paxton, Autor des grundlegenden Werks über das Frankreichs Vichys,  die Präsidentschaft Trumps unter dem Blickwinkel des europäischen Faschismus.

Snyder zitiert hier einen Ausspruch  Trumps aus dem Jahr 1989, wonach die bürgerlichen Freiheiten dann ihr Ende fänden, wenn die Sicherheit des Landes in Gefahr sei. Und er erinnert in diesem Zusammenhang an den Reichstagsbrand, der den Nazis als Vorwand gedient habe, eben diese bürgerlichen Freiheiten abzuschaffen. Und er leitet darauus eine Warnung für die Gegenwart ab:

„Si nous avons à affronter encore une attaque terroriste- ou ce qui semble être une attaque terroriste -ou ce que le gouvernement appelle une attaque terroriste- , c’est l’administration Trump qui sera tenue responsable de notre sécurité. Alors, dans ce moment de peur et de deuil, quand le pouls de la politique risquera soudainement de s’emballer, il faudra aussi être prêts à se mobiliser our nos droits constitutionels. Le feu du Reichstag a longtemps servi de modèle aux tyrans; il doit aujourd’hui servir d’avertissement aux citoyens.“ [2]

Paxton sieht  durchaus faschistische Motive bei Trump:

„Trump reprend plusieurs motifs typiquement fascistes: déploration du déclin national, imputé aux étrangers et aux minorités; mépris des règles juridiques; caution implicite de la violence à l’encontre des opposants; rejet de tout ce qui est international, que ce soit le commerce, les institutions ou les traités en place.“

In dem Bestreben Trumps und seiner engsten Berater, exekutive Befugnisse ohne juristische Beschränkungen und mediale Kontrolle zu etablieren, sieht Paxton  Anzeichen einer „dictature en général“, aber er sieht auch grundlegende Unterschiede zum Faschismus. Trump sei kein Ideologe, eher ein Plutokrat.  [2]

Allerdings meine ich, dass gerade aus deutscher Sicht allzu wohlfeile Verbindungen zwischen Trump und Hitler fehl am Platze sind. Und die deutsche Situation von 1933 und die amerikanische von heute sind doch wohl -bei allen Parallelen im Einzelnen- sehr unterschiedlich.

Die weinende Freiheitsstatue

Wenn in den (amerikanischen) Medien illustriert werden soll, wie Trump mit der Axt auf das Amerika der Freiheit und Weltoffenheit einschlägt, wird  -wie oben in den Daily  News-  oft das Bild der Freiheitsstatue von New York herangezogen.

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Am 4.2.  ist auch der „Spiegel“  mit einem  entsprechenden Titelbild erschienen, das in den USA für einige Kontroversen gesorgt hat. „Gestaltet hat die Titelseite der aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez, der 1980 als politischer Flüchtling in die USA gekommen war. In der „Washington Post“ sprach er  mit Blick auf den von Trump verhängten Einreisestopp für Menschen aus sieben islamischen Ländern von einer „Enthauptung der Demokratie, Enthauptung eines heiligen Symbols“.

Ähnlich äußerte sich „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. „Auf unserem Titelbild enthauptet der amerikanische Präsident jenes Symbol, das seit 1886 Migranten und Flüchtlinge in den USA willkommen heißt, und damit Demokratie und Freiheit„, teilte er der Deutschen Presse-Agentur mit.“  (2a)

Weit verbreitet wurde in den sozialen Medien  das Bild der Miss Liberty, die vor Schreck  ihr Gesicht bedeckt: „Was haben sie getan?„

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Serguei in Le Monde vom 1. Februar 2017 verwandelt die stripes der amerikanischen Fahne in Gitterstäbe, hinter denen die Freiheitsstatue gefangen ist:  Die Demokratie Version Trump

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Am gleichen Tag veröffentlichte Le Monde auf der ersten Seite der Ausgabe eine weitere Karikatur zu Trump, gezeichnet von  Plantu, dem „Hauptkarikaturisten“ des Blattes.

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Plantu war am Abend des 31. 1 zu einer Veranstaltung über „die Rolle der Pressse- Karikatur in der Demokratie“ in der Fondation Jean Jaurès –dem französischen Pendant der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung-  eingeladen.[3]

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Dabei berichtete er über die Redaktionssitzung vom Vormittag, auf der unter anderem auch über die Karikatur der ersten Seite der Ausgabe vom 1.1.  beraten wurde. Plantu hatte nämlich noch eine Alternative vorbereitet:

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„Wenn ihr einen symbolischen Akt vollbringen wollt, verbrennt nicht die Fahne, sondern reinigt sie“

Norman Thomas, von dem diese Worte stammen, war ein amerikanischer demokratischer Sozialist und dazu auch ein engagierter Befürworter eines vereinten Europas. Also ein Vertreter völlig gegensätzlicher Positionen zu denen Trumps. Dass Plantu ihn hier zitiert, hat also seine volle Berechtigung, ebenso wie das Bild der traurigen Freiheitsstatue. Aber die Redaktion hat sich dann doch lieber für die Klu-Klux-Klan-Karikatur entschieden, die an Eindeutigkeit auch nichts zu wünschen übrig lässt. (3a)

An Eindeutigkeit ließen es übrigens auch nicht die Wagen auf den  Rosenmontagszügen am Rhein fehlen, die sich Trump als Motiv ausgesucht hatten – und das waren ganz offensichtlich einige:

In  Köln  greift der „Neue“, der Erstklässler Donald, gleich mal der Freiheitsstatue, seiner Lehrerin, in den Schritt – und als Einschulungsgeschenk hat er die Verfügung über die Atomwaffen erhalten. Aber außer Putin will niemand neben ihm auf der Bank sitzen.

Entsprechend auch die Karikatur von Lennart Gäbel:

Karikatur: Trump und die Freiheitsstatue (L. Gäbel)

Dies bezieht sich auf ein vor dem Wahlkampf veröffentlichtes Interview von Trump aus dem Jahr 2005, in dem der damalige Immobilienmogul sich brüstete, wie er sich schönen Frauen gegenüber verhalte:

 „Ich fange einfach an, sie zu küssen (…). Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu. Du kannst alles machen.“ Er könne sogar Frauen zwischen die Beinen grapschen (und sie ließen es geschehen). „Grab them by the pussy, you can do anything“, ist im englischen Original zu hören. (zitiert in der FAZ vom 8.10.2016)

Damals gab es viele Beobachter, die meinten, damit habe Trump seine Chancen als Präsidentschaftskandidat verspielt. Weit gefehlt….

Auf  dem Düsseldorfer Karevalszug  wird die  Freiheitsstatue von einem brutalen  Präsidenten  Trump schlichtweg vergewaltigt (3b):

Dass sich Trump öffentlich seiner sexuellen „Heldentaten“ brüstet, ist Thema der nachfolgenden Karikatur:

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Um ihre Empörung über die Maßnahmen Trumps zum Ausdruck zu bringen, haben die demokratischen Fraktionsführer im Senat und im Repräsentantenhaus, Chuck Schumer und Nancy Pelosi, ein dazu passendes Bild verwendet, nämlich die weinende Freiheitsstatue:

„Tears are running down the cheeks of the Statue of Liberty tonight,“ Sen. Chuck Schumer of New York said on Friday, „a grand tradition of America, welcoming immigrants, that has existed since America was founded, has been stomped upon.“

House Democratic Minority Leader Nancy Pelosi offered similar expressions in her own statement: „As the Statue of Liberty holds her torch of welcome high, there are tears in her eyes as she sees how low this Administration has stooped in its callousness toward mothers and children escaping war-torn Syria.“[4]

Nach 100 Tagen Regierung Trump zeichnete Harm Bengen die nachfolgende Karikatur:

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Hoffentlich bleibt es dann wenigstens bei diesen 1361 Tagen….

Und dann bitte nicht so – wie auf dieser Karikatur von Reinhard Mohr vom 5.11.2020…

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….. sondern so….! 

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Und was die Folgen der vier schrecklichen Regierungsjahre Trumps angeht: Ganz so schlimm wie auf der Karikatur von Theo Moudakis im Toronto Star vom November 2020 wird es dann wohl doch nicht werden:

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„The New Colossus“ von Emma Lazarus

Die „große Tradition Amerikas“, Einwanderer und Flüchtlinge willkommen zu heißen, findet ja in der Tat ihren sinnfälligsten Ausdruck in der im Hafen von New York aufgebauten Freiheitsstatue. Und in dem Gedicht „The New Colossus“ der amerikanischen Schriftstellerin Emma Lazarus, deren letzte Zeilen 1903 auf eine Bronzetafel im Sockel der Statue eingraviert wurden:

„Give me your tired, your poor,
Your huddled masses yearning to breathe free,
The wretched refuse of your teeming shore.
Send these, the homeless, tempest-tost to me,
I lift my lamp beside the golden door!“

Die deutsche Übersetzung:

„Gebt mir eure Müden, eure Armen,
Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren,

Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;
Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen,
Hoch halt‘ ich mein Licht am gold’nen Tore!“[5]

 

Die  Huffington Post berichtete am 18.11. 2016 über eine Pressekonferenz Trumps, in der er gefordert habe, die Freiheitsstatue aus dem Hafen von New York zu entfernen, weil sie die Einwanderung in die Vereinigten Staaten ermutige. Und das entspreche nicht dem Willen der amerikanischen Bevölkerung:

„President-elect Donald Trump called for the removal of the Statue of Liberty from New York harbor because it encourages immigration to the United States.

Trump said he was elected president because he promised to secure the American borders. This, he said, meant the country had to stop the flow of unwanted immigrants, whether they came from Mexico, Canada, or Europe.

“It makes no sense to tell the world you can’t come here unless we invite you and then you have this frumpy old woman standing outside our country and telling people to come and stay as long as you want,” Trump said during a press conference at the Trump Tower in New York City. “Does this make any sense?”

Trump said the words on the Statue of Liberty run contrary to everything his supporters believe — although, he admitted, he couldn’t remember the words.

“What does the Statue of Liberty say? I don’t know. To be honest, I’ve lived in New York City my whole life and I’ve never been there,” Trump said. “Why would anyone go? Nobody goes there.”

A reporter told him that the Statue of Liberty said, “Give me your tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free, the wretched refuse of your teeming shore. Send these, the homeless, tempest-tossed to me, I lift my lamp beside the golden door!”

“Is that right? Really? Your tired? Your poor? Your wretched refuse? Homeless? So that’s how they all got here? When Europe sends its people, they’re not sending the best,” Trump said, rolling his eyes. “Who needs those people? It might as well say, `Give us your rapists, your criminals, your drug dealers …. your coddled terrorists.’ “

Als ich –im Zuge der Beschäftigung mit diesem Blog- Beitrag-  diesen Text gelesen habe, habe ich Trumps Ansinnen einen Moment lang für authentisch gehalten- Trump ist derzeit ja (fast) alles zuzutrauen. Und symbolisch hat Trump  die Freiheitsstatue schon, wie die Karikaturen zeigen, nicht nur versetzt, sondern sogar in Stücke gehauen oder hinter Gefängnisgitter verbannt. Aber es handelt sich hier- in guter Tradition der Huffington Post- (noch) um die Fiktion eines amerikanischen Journalistik-Professors.[6]

Die wird dann in einem weiteren  Beitrag der Huffingtonpost vom 29.1. 2017 noch auf weiter zugespitzt. Trump habe, wie sein Pressesprecher Spicer mitgeteilt habe, verfügt, das Gedicht auf dem Sockel der Freiheitsstatue den neuen Zeiten entsprechend zu verändern.[7]

„White House Press Secretary Sean Spicer said, “The President has also ordered that the words of the poem on the Statue be changed to:

“Give me your oil tycoons, your rich,
Your women (10s only and under 35) yearning to be groped,
The oligarchs who surround Putin.
Send these, those with multiple mansions, to me,
I lift my middle finger beside the golden door of Trump Tower!”

“People are saying this is the greatest idea in the history of America—no, the world,” said Spicer, relaying Trump’s words.“

Damit wird der Bruch Trumps mit dem amerikanischen Ideal satirisch auf den Punkt gebracht.  Und wenn hier sein Pressesprecher Spicer die Neufassung des Freiheitsstatuen-Gedichts als die größte  Idee in der Geschichte Amerikas, ja der Welt bezeichnet, dann bezieht sich das auf die tatsächliche  Diktion dieses Pressesprechers, die –wie ich kürzlich in Le Monde gelesen habe- an die Lobpreisungen des nordkoreanischen Diktators  Kim jong-un erinnert.

Aber die Begeisterung des amerikanischen Pressesprechers für die Politik seines Präsidenten hat ihren Grund: Für Trump und seine Anhänger geht es immerhin darum, die Freiheit des amerikanischen Volks vor islamistischen Terror zu schützen. – so wie nach dem Ersten Weltkrieg vor europäischen Anarchisten…. (7a)
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Miss Liberty back home?

Allerdings wird bei  Trumps Kampagne zum Schutz der Freiheit ziemlich bedenkenlos auf Freiheits- und Menschenrechten  herumgetrampelt. Insofern ist es nur allzu verständlich, wenn -in satirischer Form- schon Überlegungen zur Repatriierung der Statue of Liberty angestellt werden.

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„Was machen wir, wenn Donald Trump Präsident wird?“ „Vielleicht wird mich Frankreich        zurücknehmen“

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Und hier fragt die „Trump Deportation Task Force“: „Wohin mit ihr?“

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… das fragt sich auch Laby Liberty…

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Eine Karikatur von Greser & Lenz aus der ihnen gewidmeten Ausstellung im Caricatura-Museum Frankfurt Oktober 2021

Die Freiheitsstatue: Ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten

Dass die Freiheitsstatue die Worte von einer Rücknahme durch Frankreich in den Mund gelegt werden und Paris  Ziel einer „Deportation“ durch das Trump-Kommando ist, hat seinen Grund darin, dass die Statue ja ein Geschenk Frankreichs an die USA ist, in Paris hergestellt und von dort aus nach New York transportiert wurde. Eigentlich sollte sie am 4. Juli 1876, dem 100. Jahrestag der amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung, eingeweiht werden. Allerdings gab es auf beiden Seiten des Atlantiks Finanzierungsprobleme: Die USA waren für die Errichtung des Sockels zuständig, für dessen  Finanzierung ja auch das Gedicht von Emma Lazarus beitragen sollte, Frankreich lieferte die Statue.

Auch deren Herstellung verzögerte sich. Noch 1878 wurde der Kopf auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.  Dann wurde die Statue in 350 Teile zerlegt und in 214 Kisten  über den Atlantik transportiert.

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Die Füße und der Aufsatz der Fackel bei der Ankunft in New York

Innerhalb von vier Monaten wurde sie wieder zusammengebaut. Vor tausenden Zuschauern weihte der damalige US-Präsident Grover Cleveland die „Liberty Enlightening the World“, wie die Freiheitsstatue mit vollem  Namen heißt,  am 28. Oktober 1886 im Hafen von New York ein. Seitdem steht sie auf „Liberty Island“ im Hafen von New York.[9] 

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Lady Liberty nach 4 Jahren Trump-Albtraum

Uncle Sam und die Freiheitsstatue liegen im Bett, Sam hat einen Revolver in der Hand und fragt: Kann man es wagen aufzustehen? (HarmBengen@Cartoon Toonpool)

Friedo Manns Rückblick 2021

2021 veröffentlichte Frido Mann, der Enkel Thomas Manns, das Buch „Democracy will win“, das auch einen Rückblick auf die traumatischen Trump Jahre enthält.. Dieser Rückblick erfolgt auch im Blick auf die Freiheitsstatue, „Lady Liberty“, die er lange nicht mehr besucht hat. Nachdem die zum Albtraum gewordenen Trump-Jahre aber vorüber seien, werde er es sich bei einem Besuch von New York nicht nehmen lassen, „Lady Liberty nach so langer Zeit wieder aufzusucchen“ und sich „am neu aufkeimenden Strahlen des Antlitzes zu erfreuen.“  Mit seiner bitteren Bilanz der Trump-Jahre bestätigt  Frido Mann manche der Karikaturen, aus dem Beginn von Trumps Amtszeit. Immerhin: Ganz zerstört wurde Lady Liberty nicht und sie hielt standhaft an ihrem Platz aus….

Zu den Trump-Jahren schreibt Frido Mann:

„Ich bewundere Lady Liberty dafür, dass sie bis zur Präsidentenwahl am 3. November 2020 ihre übermütterliche Leuchtaufgabe durchgehalten hat. Nach all den erduldeten Tiefschlägen muss sie sich doch, zusätzlich zu ihrer Wächter- und Lichtbringerrolle, eher wie Atlas vorgekommen sein, der Titan aus der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt zu stützen hat. Und es ist allerhand, dass sie unter dem sich ins Unerträgliche seigernden Druck nicht schon lange zusammengebrochen oder gar zerschellt ist.

(…)

Und dann geschah das Unfassliche, was in dem trotz allem demokratisch gebliebenen Land noch nie geschehen war: Der Verlierer griff die Wahl an, erklärte sie für gefälscht und daher ungültig und kündigte, ohne die geringsten Belege für seine Behauptung und zu seiner eigenen fürchterlichen Blamage, an, deswegen vor Gericht zu ziehen. Es mutet geradezu tragisch an, was für eine Armee von Anwälten sich als treue Kampfhunde für ihren Präsidenten dazu hergab, in Pressekonferenzen gemeinsam mit ihrem Herrchen in den Abgrund der irrwitzigsten, längst  widerlegten Anschuldigungen und Verschörungstheorien abzutauchen. Die Absicht des abgewählten Präsidenten und seiner Handlanger, das Ergebnis einer Wahl zu kippen, die die Behörden bereits als die sicherste in der amerikanischen Geschichte bezeichnet hatten, war nicht nur eine beispiellose Attacke auf den demokratischen  Prozess, sondern gefährdete auch in vielerlei Hinsicht die nationale Sicherheit.

Und es kam noch schlimmer. Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 2021, rief der abgewählte Fake President einen zehntausendköpfigen, vor dem Kapitol versammelten Mob grölend zum Sturm auf das Herz und wichtigste Wahrzeichen der amerikanischen Demokratie, den Sitz des Kongresses, auf, um so zwei Wochen vor der Vereidigung des gewählten Präsidenten Joe Biden das Steuer herumzureißen. Ziel war es, die am selben Tag im Kongress vorzunehmende Bestätigung der Präsidentenwahl zu verhindern.“

Vielen Menschen habe dies „an Mussolinis Marsch auf Rom 1922 und Hitlers Putschversuch mit dem Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle“ erinnert. 

„Was blieb, war (….) Bilanz zu ziehen, um sich innerlich frei zu machen für Perspektiven auf eine zu erhoffende bessere politische Zukunft unter dem neuen Amtsínhaber. Der sicher Jahre, wenn nicht Jahrzehnte benötigende Vorgang der Enttrumpifizierung wird vor allem darin bestehen, die Köpfe von Hunderten Millionen Amerikanern von den böswilligen Lügen, Verschwörungstheorien und brutalen Vorurteilen zu entrümpeln, die ihnen der jetzt überfällig abgetretene Fake President vier Jahre lang täglich eingetrichtert hat. (…)

Wir wissen  heute, dass das Virus von Lügen und ideologischer Hetze in das menschliche Gehirn rascher und bereitwilliger eindringt als die Wahrheit, weil Lüge einfacher und eingängiger ist als unsere komplexe Wirklichkeit und weil es sich mit schlichten Lösungen si bequem lebt – ganz nach der bekannten Losung aus Erika Manns gegen den frühen Hitler gerichteten politschen Kabarett ‚Die Pfeffermühle‘: ‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wer immer lügt, dem wird man glauben.'“

Aber Frido Mann ist vorsichtig optimistisch, was ja auch der Titel seines in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienenen Buches ausdrückt: Democracy will win.

Nachtrag 2024 nach Trumps Wahlsieg

Für uns und unsere Freunde ist es nur schwer verständlich, wie ein Politiker wie Trump erneut und mit deutlicher Mehrheit zum Präsidenten gewählt werden konnte. Und angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress und im Supreme Court muss man schon sehr optimistisch sein, um an Frido Manns Botschaft „democracy will win“ festzuahlten. Vielleicht steht den Amerikanern und uns ja auch eine „Exekutivdiktatur“ bevor – ein Ausdruck, den ich in einem Kommentar zu Wahl gefunden habe…

Karikaturen zu Trump und der Freiheitsstatue gab und gibt es sicherlich auch diesmal. 

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Zum Beispiel diese…

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… eine ergänzte Wiederaufnahme einer früheren Karikatur… das bot sich ja auch an…

oder diese

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                                                         Karikatur von Barry Blitt 

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               Trump as lady Liberty by Bart van Leeuwen, PoliticalCartoons.com

Das war noch vor der Wahl….Vor der gab es aber auch das: 

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Und nach der Wahl:

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oder drastischer: 

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Da gibt es zum Beispiel diese Karikatur aus dem Guardian vom 6. November 2024:  Die Freiheitsstatue mit amputierter Hand,  allerdings zu einem etwas tröstlichen Artikel von Aaron Glantz: Trump’s victory is not the end of the world…  Und da hat er gewiss Recht. 

Allerdings haben dann die ersten Wochen der Trump-Ära die schlimmsten Befürchtungen noch weit übertroffen. Das Titelbild des SPIEGEL vom 7.3. hat das entsprechend illustriert… Es ist ja bedrückend, dass inzwischen schon vielfach die aktuelle Situation in den USA mit der in Deutschland nach der Machtübernahme der Nazis verglichen wird: Eingriffe in Verwaltung, Justiz, Kultur, Wissenschaft, Militär, Presse,, die auf Regierungskurs gebracht werden (sollen). Die französische Tageszeitung Le Monde verwendet dafür das Verb mettre au pas, das bisher eher für die Gleichschaltungspoltiik Hitlers reserviert war…

Der französische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann hat angesichts dieser Entwicklungen unter der Präsidentschaft Donald Trumps die USA  aufgefordert, die Freiheitsstatue an Frankreich zurückzugeben: Die Vereinigten Staaten hätten »sich entschieden, auf die Seite der Tyrannen zu wechseln«, sagte Glucksmann am Sonntag. Er sprach anlässlich des Parteitags seiner Mitte-links-Partei Place publique (PP) vor rund 1.500 Delegierten. (Der Spiegel 17.3.2025)

Und leider ist ja keine Mäßigung Trumps in Sicht – weder in der Außen- noch Innenpolitik. Da passt die Karikatur von Greser und Lenz auf der ersten Seite der FAZ vom 11.12.2025 – da gibt Trump auf seine Weise die Freiheitsstatue an Europa zurück….

Auch 2026 ist im Trump’schen Amerika immer weniger Platz für die Freiheitsstatue:

ICE = United States Immigration and Customs Enforcement, die gerade in den USA wütet, aber jetzt auch Widerstand provoziert. Vielen Dank, Franz, für die Zusendung der Karikatur.

Ausblick

Im zweiten Teil dieses Blog-Beitrags geht  es um die französischen „Väter“  von „Miss Liberty“, neben Auguste Bartholdi  übrigens niemand Geringeres als Gustave Eiffel

Im dritten Teil werden die  fünf  kleineren Pariser Schwestern  der New Yorker Freiheitsstatue vorgestellt

  • Die beiden Statuen im Musée des Arts et Métiers
  • Die Statue auf der Île aux Cygnes in der Seine
  • Die Statuen  im Jardin du Luxembourg/im Musée d’Orsay

Abgeschlossen am 1.2.2017 und ergänzt am 4.2.2017

Anmerkungen

[1] Zur Entstehung und zum historischen Hintergrund des Textes siehe: http://martin-niemoeller-stiftung.de/martin-niemoeller/was-sagte-niemoeller-wirklich#more-212

[2]   http://www.courrierinternational.com/article/polemique-peut-comparer-lascension-de-trump-celle-de-hitler#&gid=1&pid=1

Robert O. Paxton; Trump est un ploutocrate, pas un idéologue. Le Monde, 7.3.2017

Timothy Snyder, Les populistes d’aujourd’hui on retenu la lecon de 1933. In: Le Monde, 7.3.2017

http://www.sueddeutsche.de/politik/timothy-snyder-wir-haben-maximal-ein-jahr-zeit-um-amerikas-demokratie-zu-verteidigen-1.3365852

siehe auch: . https://www.gmx.net/magazine/politik/donald-trump-vergleiche-adolf-hitler-schraeg-alarmierend-32183448

Der amerikanische Historiker Philip Zelikow bezeichnet in einem Interview  mit der FAZ vom 29.1.2018 Trump aufgrund seiner Geringschätzung des Rechts und der demokratischen Institutionen, seiner Vorstellung der Rolle des Staates und seines nationalen/völkischen Ausrichtung als nationalen Sozialisten:

http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/faz-net-interview-trump-ist-ein-nationaler-sozialist-15416457.html

(2a) https://www.gmx.net/magazine/politik/spiegel-cover-donald-trump-henker-sorgt-usafuer-kontroverse-32151810

dazu auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/spiegel-cover-zu-trump-der-praesident-als-killer-14842639.html

[3] Fotos von Frauke Jöckel.

Plantu stellte auf der Veranstaltung seine neue Karikaturen-Sammlung vor: Debout! Édition du Seuil 2016

Ein Bericht und ein Video über die Veranstaltung:

(3a) Die Karikatur bezieht sich auf die Unterstützung Trumps durch den Ku Klux Klan: siehe: https://www.washingtonpost.com/news/post-politics/wp/2016/11/01/the-kkks-official-newspaper-has-endorsed-donald-trump-for-president/?utm_term=.f7cda7b2b4bb

(3b) http://img.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/karneval-rosenmontag-umzug-bilder/karneval-rosenmontag-umzug-14.jpg/imagegroup/original__827x620__desktop

und: http://www1.wdr.de/unterhaltung/karneval/rosenmontag-wagen-100.html

[4] http://uk.businessinsider.com/trump-extreme-vetting-refugees-lawmakers-respond-2017-1?r=US&IR=T

[5] http://time.com/4652666/statue-of-liberty-give-me-your-tired-poor/

Die deutsche Übersetzung: https://de.wikipedia.org/wiki/The_New_Colossus Der Titel des Gedichts bezieht sich auf den Koloss von Rhodos. Geschrieben hat es die sich für jüdische Flüchtlinge engagierende Emma Lazarus im Rahmen einer Geldsammlung für den Sockel der Statue.

[6] http://www.huffingtonpost.com/christopher-lamb/presidentelect-trump-call_b_13077746.html

[7] http://www.huffingtonpost.com/robert-s-mcelvaine/trump-orders-raised-middl_b_14481080.html

(7a) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

[8] Die beiden nachfolgenden  Karikaturen sind abgedruckt im Blog des Etats Unis von Agnes Kerr vom 28. Oktober 2016:

[9] http://www.t-online.de/reisen/usa/id_79350268/13-kuriose-fakten-ueber-die-freiheitsstatue.html Dieser Quelle sind auch die beiden Fotos zur Freiheitsstatue entnommen.

Frankreich: Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit (2017)

Ende des Jahres 2016 wurden  zwei internationale Schulvergleichs-Studien veröffentlicht: Timms und PISA.  Dazu kam in Frankreich ein Bericht des nationalen Rats zur Evaluierung des Schulsystems Cnesco (Conseil national d’évaluation du système scolaire).  Insgesamt wird in diesen drei Studien dem französischen Schulsystem ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. Bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse diesmal  in Frankreich ein erhebliches mediales und politisches Echo ausgelöst haben- wozu sicherlich auch der anlaufende Präsidentschaftswahlkampf beigetragen hat.

In dem nachfolgenden Text sollen die Frankreich betreffenden Ergebnisse der drei Untersuchungen  und Reaktionen darauf in ihren Grundzügen  vorgestellt werden. Das ist –um es auch an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich zu sagen- entsprechend der Konzeption dieses Blogs keine Untersuchung, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann und soll. Es handelt sich eher um sehr selektive Eindrücke eines interessierten Beobachters. Aber der Gegenstand, um den es geht, hat Interesse und Aufmerksamkeit  verdient. Und interessant ist dann vor allem natürlich, welche Konsequenzen aus den vorgelegten Befunden  vorgeschlagen und vielleicht auch gezogen werden. Man wird dann auch sehen, inwiefern es sich bei den unmittelbaren Reaktionen auf die drei einschlägigen Untersuchungen nur um ein Strohfeuer handelte oder ob in der Öffentlichkeit weiter –mit polemischen und ideologisch bedingten Schuldzuweisungen oder ernsthaft an der Sache orientiert – erörtert wird, wie das französische Schulsystem die großen Herausforderungen bewältigen kann, vor denen es steht.

 

Timms 2015

TIMMS (Trends in International Mathematics and Science Study) ist eine internationale Studie, die die Leistungen von Schülern unterschiedlicher Altersstufen in Mathematik und Naturwissenschaften misst und vergleicht. Teilgenommen haben an der Untersuchung von 2015 57 Länder und 7 Territorien (z.B. Hongkong, Nordirland, das flämische Belgien). Frankreich hat sich zum ersten Mal in der Kategorie 4th grade beteiligt, also Schüler/innen im Alter von etwa 10 Jahren (CM 1) und zum zweiten Mal an der sogenannten TIMSS Advanced Studie mit Schülern der terminales S, also der Abschlussklasse des mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Gymnasialzweigs.

Die Zeitung Le Monde überschreibt ihren Beitrag über die Ergebnisse der Untersuchung: „Beunruhigendes Niveau der Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften“. In anderen Darstellungen wird  von „katastrophalen“, ja sogar „tragischen“ Ergebnissen gesprochen.[1] Dass da selbst die Tragik bemüht wird, mag übertrieben erscheinen, ist aber wohl darauf zurückzuführen, dass das Fach Mathematik in Frankreich die eindeutige „Königsdisziplin“ unter den Fächern ist und ihr vor allem die Selektionsfunktion zukommt. Und Frankreich hält sich ja auch viel darauf zu Gute, einen außerordentlich hohen wissenschaftlichen Standard in der Mathematik aufzuweisen – sichtbar an den vielen Fields-Medaillen –dem Äquivalent des Nobelpreises- französischer Mathematiker.[2] Ganz anders allerdings die Situation beim Nachwuchs: Die französischen Schüler/innen der  Niveaustufe 4 (CM 1) erreichen noch nicht einmal Durchschnittswerte im internationalen Vergleich: Während der internationale Durchschnitt bei 500 Punkten, der europäische bei 525 liegt, erreichen die französischen Schüler/innen in Mathematik 488 und in den Naturwissenschaften 487 Punkte. Lässt man die asiatischen Teilnehmer der Studie (Singapur, Hongkong, Südkorea, Taiwan und Japan) außer Acht,  die mit großem Abstand an der Spitze liegen, dann stellt sich die europäische Situation –entsprechend dem von Le Monde veröffentlichten Schaubild- so dar:

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An der TIMMS Advanced-Studie von 2015 haben nur 9 Länder teilgenommen (neben Frankreich sind das Italien, Libanon, Norwegen, Portugal, Russland, Slowenien, Schweden und die USA). Insofern  ist hier die Vergleichsbasis deutlich geringer. Zumal die Selektion in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweigen des Gymnasiums in den teilnehmenden Ländern sehr unterschiedlich ist – teilweise deutlich ausgeprägter als in Frankreich, wo 22% einer Altersklasse in diesem Bereich vertreten sind. Aber immerhin hat in Frankreich das baccalauréat  scientifique (Bac S) das größte Prestige und gilt als „voie royale“ (Le Monde), als Königsweg eines Bildungsgangs.

1995 lagen die französischen Terminale S- Schüler/innen an der Spitze der sechs Länder, die an den entsprechenden Studien von 1995 und 2015 teilgenommen haben.  Die Studie von 2015 dagegen zeigt –nach Le Point- einen „unglaublichen  Niveau-Verlust“.  1995 habe Frankreich mit 561 Punkten noch vor Russland gelegen, 2015 sei es auf 449 Punkte geschrumpft und habe damit den größten Niveauverlust aller sechs vergleichbaren Länder zu verzeichnen- ein Niveau „in freiem Fall“. Nur noch 1% der französischen Schüler/innen erreichten Spitzenleistungen, während es 1995 noch 15% gewesen  seien.[3]

 

PISA 2015

Anfang Dezember 2016 wurden von der OECD die Ergebnisse der PISA-Untersuchung von 2015 veröffentlicht. In dieser internationalen Untersuchung (72 Teilnehmer)  geht um Kompetenzen 15-jähriger Schüler/innen in den Naturwissenschaften, die diesmal Schwerpunkt waren, in  Mathematik und beim Textverständnis.

Die Ergebnisse:

In Naturwissenschaften und der Mathematik liegt Frankreich auf Platz 26, beim Textverständnis auf Platz 19; es nimmt damit in allen drei Bereichen Plätze im Mittelfeld ein. Die jeweiligen Vergleichsdaten zu PISA 2012 und 2009: Naturwissenschaften Platz 26 und 25, in Mathematik Platz 25 und 22 und im Textverständnis in beiden Jahren Platz 21.[4]

Natürlich sind solche Rangplätze mit großer Vorsicht zu betrachten – schon allein deshalb, weil einige Punkte mehr oder weniger erhebliche Ranglistenveränderungen nach sich ziehen können. Aber die Tendenz scheint doch eindeutig und sie wird, soweit ich das sehe,  nicht angezweifelt: Frankreich dümpelt, was die in PISA untersuchten Kompetenzen angeht, im Mittelfeld der OECD. Der Figaro  titelt: „Éducation. La France toujours aussi médiocre“; Libération: „École, pourquoi on ne progresse pas…. Le niveau scolaire des jeunes Français stagne.“

Dass es sich bei diesen Meldungen um die Aufmacher der jeweiligen Zeitungen handelt, zeigt das große mediale Echo, das die PISA- Ergebnisse diesmal in Frankreich gehabt haben: Zurückzuführen ist das wohl unter anderem auf die anstehende Wahl eines neuen Präsidenten – und Schulpolitik ist in Frankreich eben –anders als im föderalen Deutschland- Sache der Zentralregierung und war in den letzten Jahren ein Feld intensiver politischer Auseinandersetzungen. Beigetragen hat zu der breiten Berichterstattung möglicherweise auch die in Frankreich spürbare Verunsicherung, was den Rang des Landes und seine Rolle in Europa und der Welt angeht. Da sind Erziehung und Bildungsstand wichtige in die Zukunft weisende Faktoren.

Bemerkenswert aus deutscher Sicht ist dabei, dass nach meiner Beobachtung diesmal der Vergleich mit Deutschland fast überhaupt keine Rolle spielt.

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Des écoliers allemands, bons élèves en maths et en sciences naturelles selon l’étude Pisa, à Berlin, en décembre 2007. Photo John MacDougall. AFP[5]

Die Zeitung Libération vom 6.12. zeigt zwar ein Bild deutscher Schüler (merkwürdiger Weise aus dem Jahr 2007), die in Mathematik und Naturwissenschaften gute Leistungen bei der aktuellen PISA-Untersuchung erbracht hätten, aber Deutschland ist nicht mehr der Maßstab: Dass es inzwischen (zum Teil deutlich) besser abschneidet als Frankreich,  wird offenbar nicht mehr als  besondere Herausforderung oder gar Provokation gesehen – anders als in früheren  Jahren, als das 2000 noch weit unter dem OECD –Durchschnitt und hinter Frankreich rangierende Deutschland nach dem PISA-Schock  Frankreich in den Ranglisten überholte. (6)

„Education. La France reste la championne des inégalités sociales.“[7]                   

(Erziehung: Frankreich bleibt Spitzenreiter der sozialen Ungleichheiten) 

Der  in der französischen Darstellung der TIMMS- und  PISA-Ergebnisse von 2015 alles beherrschende Aspekt ist die Rolle der Schule im Hinblick auf die soziale Ungleichheit. „Inégalités scolaires, la question reste entière“, titelt La Croix. Le Monde ist sogar noch prononcierter, wie das diesen Abschnitt einleitende Zitat zeigt, das an die Schlagzeile des Berichts über PISA 2012 in der gleichen Zeitung anknüpft: „La France championne des inégalités scolaires“.[8]

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Die Zeitung hat am 28.9.2016 –noch vor Veröffentlichung der letzten PISA-Ergebnisse- dieses Schaubild abgedruckt. Es zeigt das Niveau der Ungleichheit im Schulsystem europäischer OECD (OCDE)- Länder, das festgemacht ist an dem Unterschied der Leistungen der Gruppe der besten Schüler/innen einerseits und der Gruppe der schwächsten andererseits. Und es veranschaulicht die Entwicklung der Leistungen der aus benachteiligten sozialen Verhältnissen stammenden Schüler/innen im Fach Mathematik. Grundlage sind die PISA-Studien von 2003 bis 2012. Das Resultat ist für Frankreich sehr ernüchternd:  Das Niveau der Ungleichheit  hat in diesem Zeitraum deutlich zugenommen,  die Schere zwischen den besten und den schwächsten Schüler/innen ist also weiter auseinander gegangen, und die Leistungen der schwächsten französischen Schüler/innen sind in diesem Zeitraum weiter zurückgegangen.

Das im Februar 2014 in Le Monde veröffentlichte Schaubild zur PISA-Studie von 2012 zeigt die große Spreizung der Leistungen französischer Schüler/innen im Fach Mathematik bezogen auf ihren ökonomischen, sozialen  und kulturellen Hintergrund.  Die aus benachteiligten Milieus stammenden Schüler/innen weisen demnach einen Durchschnitt von 442 Punkten auf, die aus bevorzugten Milieus stammenden einen Durchschnitt von 561 Punkten.  Das ist die größte Spreizung unter den  hier zum Vergleich herangezogenen OECD-Ländern. (Deutschland übrigens, wie man  sieht, auf dem wenig schmeichelhaften zweiten Platz).[9]

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Die PISA-Studie von 2015 hat den Trend bestätigt: 8% der französischen Schülerinnen erbringen danach Spitzenleistungen im Bereich der Naturwissenschaften –ein stabiler Prozentsatz- aber 22% gehören zu der Gruppe der Schwächsten, die noch nicht einmal fundamentale Kompetenzen aufweisen. Und etwa 20% eines Jahrgangs schließen ihre Schulausbildung nicht mit einem Diplom ab. Das  sind die sogenannten  décorcheurs, die natürlich auf dem Arbeitsmarkt sehr schlechte Chancen haben.  Besonders bedenklich ist, dass  fast 40% der Schüler aus einem benachteiligten Milieu gehören zur Gruppe der Schwächsten (im Durchschnitt der OECD sind es 34%), und nur 2% der Schüler/innen aus benachteiligten Milieus gehören zur Spitzengruppe, während umgekehrt nur 5% der Schüler/innen aus einem günstigen sozialen Milieu zur Gruppe der Schwächsten gehören. Nach der TIMMS-Studie gehören 11% der französischen Schüler/innen zur Spitzengruppe, aber 45% gehören zur schwächsten  Gruppe: Die französische Schule sei also sicherlich „inégalitaire“, kommentiert Le Monde,  und sie zeichne sich noch nicht einmal durch das Niveau (und die Breite) seiner Elite aus.[10]

Zu Beginn der PISA-Untersuchungen war es noch Deutschland gewesen, wo die Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Schulerfolg so ausgeprägt war wie in keinem anderen vergleichbaren Industrieland.[11] Seitdem hat aber Frankreich die „rote Laterne“ übernommen: Frankreich ist „Spitzenreiter bei der schulischen Ungleichheit innerhalb der OECD“.[12]

Dieser bei den Berichten über die letzten TIMMS- und PISA-Erhebungen besonders herausgestellte Befund erschüttert das republikanische Ideal der französischen Schule. Über jeder Schule ist der Wahlspruch der französischen Republik eingemeißelt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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Fassade des Collège Alain Fournier in der rue Léon Frot, Paris 11ième

Eine Republik, die die égalité auf ihre Fahnen geschrieben hat, kann zwar gewisse Ungleichheiten akzeptieren  und rechtfertigen, die auf den Unterschieden von Begabung und Anstrengung beruhen; Sie muss aber sicher stellen, dass alle Individuen die gleichen Chancen zum Aufstieg haben. Dies ist die Aufgabe, die im französischen Selbstverständnis der republikanischen Schule zukommt. Ungleichheit in der Schule steht damit im fundamentalen Widerspruch zum republikanischen Ideal und zur Ideologie der Meritokratie, in der allein die Leistung über den gesellschaftlichen Rang entscheidet und nicht die Herkunft.[13]

Als Beispiel für das Funktionieren der Meritokratie wird gerne Najat Vallaud-Belkacem genannt, die als Tochter eines marokkanischen Bauarbeiters im Alter von 5 Jahren  nach Frankreich kam, nach dem Schulbesuch u.a. an der Elitehochschule Science Po studierte und unter Präsident Hollande Bildungsministerin war. (13a)  Deshalb passt zu dem republikanischen Ideal auch die Wertschätzung der  Elite, zu der –und zu deren Einrichtungen-  man in Frankreich  -anders als in Deutschland- ein sehr entspanntes Verhältnis hat. Das zeigen auch die französischen Presseberichte über die internationalen Schuluntersuchungen, in denen –unabhängig vom politischen Standpunkt der jeweiligen Zeitung- ganz selbstverständlich und schon bei den 10-Jährigen von der Elite die Rede ist. Ich finde es in diesem Zusammenhang –um ein Beispiel vom anderen Ende des Altersspektrums zu nennen- übrigens immer bemerkenswert,  wie oft in Todesanzeigen von Le Monde die Eliteschule angegeben ist, auf der der/die Verstorbene ausgebildet wurde: „ancienne élève de l’École normale supérieure“ beispielsweise oder „École centrale Paris 1957“ oder auch schlicht „X 75“ – wobei das X hier für die École polytechnique steht und die 75 für  den Jahrgang. Und manchmal, wenn es eine Eliteeinrichtung wie das lycée Henri Quatre in Paris war, wird sogar das Gymnasium genannt, das der/die Betreffende besucht hat.

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Grabstein auf dem Père Lachaise, 4e division

Dass allerdings ein großer Schatten auf dieses republikanische Ideal der Meritokratie fällt, weiß man nicht erst seit PISA und TIMMS, sondern spätestens seit den Forschungen des französischen Soziologen Bourdieu. Die französischen Eliten reproduzieren sich nämlich weitgehend selbst (13b) und Karrieren wie die von Najad Vallaud-Belkacem sind eher Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Die Eliteschule Sciene Po, die sie besuchte, hat deshalb übrigens vor 15 Jahren eine für Frankreich geradezu revolutionäre Innovation eingeführt: Neben dem scheinbar absolut gleichen und gerechten Zugang über einen hochselektiven, auf die Absolventen von Elitegymnasien und der dazugehörenden Vorbereitungskurse (cours préparatoires) zugeschnittenen Wettbewerb hatte Science Po noch einen weiteren besonderen Zugang für begabte Absolventen von Gymnasien aus sozialen Problemzonen und aus benachteiligten sozialen Milieus eingerichtet. Der Erfolg dieser Maßnahme weist darauf hin, dass das französische Bildungssystem in seiner traditionellen Form nur sehr bedingt dem meritokratischen Ideal entspricht und dass –um es mit einem alten  bildungsdeutschen Terminus auszudrücken- noch erhebliche Bildungsreserven zu mobilisieren sind.

Le Monde zitiert in ihrer Ausgabe vom 3. April 2019 Laurence Boone,  die Chefvolkswirtin der OECD, mit den Worten: „L’ascenseur social est en panne, et depuis longtemps“.  Dass der soziale Fahrstuhl nach oben schon seit langem nicht funktioniere und es an Chancengleichheit fehle, beruhe wesentlich auf dem Schulsystem.

Dies bestätigt auch eine kürzlich vorgelegte empirische Untersuchung des Conseil national d’évaluation du système scolaire (Cnesco): [14] Sie beruht auf der zweijährigen Arbeit von 22 international zusammengesetzten Forschungsgruppen. In der Studie wird von einem immer unerträglicheren Paradox der französischen Schule gesprochen: Auf der einen Seite sei in der Politik  ständig von dem Willen die Rede,  eine republikanische Schule als Motor der sozialen Gerechtigkeit und Basis des Modells einer Integration à la française zu entwickeln. Auf der anderen Seite zeigten die  PISA-Untersuchungen eine starke Zunahme der durch sozialen Status und durch Zuwanderung bedingten Ungleichheiten. Während Frankreich noch in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends  diesbezüglich ein „élève moyen“ gewesen sei, befinde es sich nun, was die Ungleichheit in der Schule angehe,  ganz am Ende der Rangliste der OECD.  Die französische Schule trage also weiter dazu bei, soziale Ungleichheit zu reproduzieren Die Schule übernehme von den Familien Ungleichheiten, aber auf allen Stufen der Schullaufbahn würden diese  noch verstärkt.[15]   Le Monde  (28. September) versieht ihre Darstellung der Studie denn auch mit der Schlagzeile: „L’école aggrave les inégalités sociales“: Die Schule verschärft die sozialen Ungleichheiten.

Allerdings ist diese Position umstritten. In dem  Magazin „Alternatives Economique“  hat Louis Maurin, Direktor des „Observatoire des inégalités“ – so etwas gibt es in Frankreich!- einen Artikel veröffentlicht, der die Gegenthese zum Titel hat: „Non, l’école n’augmente pas les inégalités“. Beispielsweise würden jetzt wesentlich mehr  Schüler, auch solche aus benachteiligten Schichten das baccalauréat erreichen – wobei Maurin allerdings einräumt, dass durch dessen unterschiedliche und hierarchisierte  Formen die Ungleichheit denn doch reproduziert werde. Sein Fazit ist ein anderes, aber ein kaum weniger bedrückendes: Er sieht eine erhebliche  Diskrepanz zwischen dem offiziellen Diskurs der schulischen  Gleichheit und einer schulischen  Realität, in der sich die Schüler aus benachteiligten Schichten mit einer außerordentlichen Härte zurückgewiesen fühlten. Das befördere soziale Spannungen und sei eine vergessene Ursache des Aufstiegs der extremen  Rechten:

„Le système français n’est pas le pire au monde, il est hypocrite. Ce qui fâche, ce n’est pas ce qu’il est, mais l’écart entre un discours sur l’égalité scolaire et la réalité vécue par les « non-initiés », les milieux populaires. Le rejet de ces derniers par le système est d’une rare violence et il nourrit les tensions sociales. C’est l’un des piliers oubliés de la montée de l’extrême droite.“ (15a)

Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen

Für die Sozialisten und die Bildungsministerin sind die Ergebnisse von TIMMS und PISA die Quittung für eine zehnjährige verfehlte Bildungspolitik unter Sarkozy/Fillon, die unter anderem von einem massiven Stellenabbau im Schulbereich und einem Kahlschlag der Lehrerausbildung geprägt gewesen sei. Unter der Präsidentschaft Hollandes dagegen habe die Bildung absolute Priorität erhalten, es seien 60 000 neue Stellen geschaffen worden, die die Schüler/innen (und auch Eltern) extrem belastende schulische Viertagewoche (mit einem schulfreien Mittwoch) sei abgeschafft worden (réform des rythmes scolaires),   der vernachlässigte Primarschulbereich sei gezielt gefördert und die Lehrerausbildung mit der Einführung eines einjährigen Referendariats wieder institutionalisiert worden. Dazu habe es eine ganze Reihe inhaltlicher Reformen gegeben, so dass der 2012 beim Amtsantritt Hollandes geprägte Begriff einer „refondation de l’école“ seine volle Berechtigung habe. TIMMS und PISA bestätigten nur die Notwendigkeit der angestoßenen Reformen. In einer Stellungnahme der Regierung zu TIMMS werden dann auch vielfältige Projekte der Regierung aufgelistet und jeweils –weil auf den Weg gebracht- mit einem Haken versehen. Das zeigt ein hohes Maß an Selbstzufriedenheit, die allerdings insofern nicht so ganz überzeugend ist, als man die angekündigte Darstellung der Ergebnisse vergeblich sucht. Vielleicht war deren  Präsentation der Regierung dann doch etwas peinlich, weil man hier deutlich weniger eindeutig als bei PISA den Vorgängerregierungen die Verantwortung zuschieben kann.[16]

Für die Republikaner und deren Sympathisanten ist die Sachlage natürlich ebenfalls eindeutig, wenn auch in entgegengesetzter Weise. Dass Frankreich den traurigen Titel eines Spitzenreiters der sozialen Ungleichheiten in der Schule behalten habe, bedeute das Scheitern der Politik der sozialistischen Bildungsministerin, schreibt die für Bildung zuständige Abgeordnete der Republikaner auf Twitter.

« La France conserve son triste titre de championne des inégalités sociales à l’école ! Échec de la politique de @najatvb ».[17]

Und der Leitartikler des Figaro sieht in den Ergebnissen der PISA-Studie eine Bestrafung des leistungsfeindlichen „égalitarisme“, von dem die  Bildungsministerin besessen sei.  Unklar bleibt dabei allerdings, wie sich der Autor die von ihm selbst konstatierte „Abfolge jämmerlicher PISA- Resultate“ Frankreichs erklärt, die ja eher in die Verantwortung des republikanischen Präsidenten Sarkozy fallen.[18]

Als Beleg für den behaupteten „égalitarisme“ wird vom Figaro die von der sozialistischen Regierung zunächst geplante weitgehende Abschaffung der „classes bilangues“ angeführt.

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Demonstration gegen die Unterdrückung der classes bilangues in Lyon vom  19. Mai 2015

In den classes bilangues wurden/werde von der ersten Klasse (6ième) des  Collège an zwei Fremdsprachen parallel unterrichtet. Die zweite Fremdsprache war –neben dem Englischen- oft das Deutsche, das als besonders schwere Fremdsprache gilt. So hatten die classes bilangues den Ruf, besonders leistungsstarke Schüler, allerdings vor allem  Kinder aus sowieso schon bevorteilten Milieus anzuziehen und damit die gewünschte schulische mixité sociale zu beeinträchtigen. Und natürlich beanspruchte dieses Modell zusätzliche personelle Ressourcen.  Mit der weitgehenden Abschaffung der classes bilangues hätte das Erlernen  der deutschen Sprache einen schweren Rückschlag erlitten. Diese „Reform“ stand damit im Widerspruch zum Elysée-Vertrag, in dem sich die deutsche und französische Regierung ausdrücklich verpflichtet haben, „konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der deutschen Schüler zu erhöhen, die die französische Sprache erlernen und die der französischen Schüler, die die deutsche Sprache erlernen.“[19] Das hat dann auch die deutsche Diplomatie und französische Germanophile wie den ehemaligen Regierungschef und jetzigen Außenminister Ayrault auf den Plan gerufen. Und es waren dann ausgerechnet viele „Brennpunkt-Schulen“, die sich sehr energisch für die Beibehaltung des bisherigen  Modells eingesetzt haben, weil es gerade ein Mittel sei, ein Mindestmaß sozialer Vielfalt an ihren Schulen zu ermöglichen. Die Proteste waren denn auch nicht  ganz vergeblich. Zwar bleibt es dabei, dass nur dort noch classes bilangues eingerichtet werden dürfen, wo die (neben dem Englischen) betroffene zweite Sprache schon in der Grundschule unterrichtet wurde. Aber immerhin wurde inzwischen die Zahl der Deutsch unterrichtenden Grundschulen wesentlich erhöht, so dass der Kahlschlag nicht ganz so verheerend ausfallen wird. Ein Problem dabei sind allerdings die krassen regionalen Disparitäten: In dem sowieso schon privilegierten Paris bleibt alles beim Alten, in anderen Akademien (Schulbezirken) dagegen werden die classes bilangues (fast) völlig verschwinden.[20]

Dieser Aspekt der schulischen Reformpolitik unter Präsident Hollande ist sicherlich kein Ruhmesblatt. Und insofern muss sich auch die Bildungsministerin Vallaud-Belkacem  angesprochen fühlen, wenn das Cnesco in einer Stellungnahme zu TIMMS und PISA darauf hinweist, dass in den am besten abschneidenden Ländern eine kontinuierliche, verlässliche, an der Wissenschaft und nicht an ideologischen Vorgaben orientierte Bildungspolitik betrieben werde.[21]

 

Wie kann/sollte es weiter gehen?

Dass substantielle Änderungen des französischen Schulsystems notwendig waren und sind, ist völlig unbestreitbar, und es gibt wohl kein politisches Handlungsfeld, das in der Zeit des Hollande’schen quinquennat so kontinuierlich und entschieden beackert wurde. Das würdigt auch die OECD und fordert dazu auf, den angestoßenen Reformen die erforderliche Zeit zu geben: Eine kaum verhüllte Aufforderung an eine neue und voraussichtlich rechte Regierung. Weiteren Handlungsbedarf gibt es allerdings durchaus noch.

Anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse von TIMSS und PISA wurden entsprechende Handlungsfelder benannt und diskutiert. Einige –nach meiner Beobachtung häufig angesprochene und nach meiner Einschätzung auch wichtige-  sollen nachfolgend/abschließend kurz  skizziert werden.

 

Status und Ansehen des Lehrerberufs

Ein Grundproblem des französischen Schulwesens besteht nach Ansicht vieler Kommentatoren und vor allem vieler Betroffener darin, dass das Prestige des Lehrerberufs  in Frankreich ziemlich gering sei. Für Lehrkräfte, die nach einem hochselektiven  Wettbewerb den Titel eines „agrégé“ erworben haben, gilt das allerdings kaum. Allein aufgrund ihres Status ist ihre Unterrichtsverpflichtung geringer und ihr Gehalt höher als bei den Kolleg/innen, die die gleiche Arbeit machen. Oft unterrichten agrégés ganz oder teilweise in den sogenannten classes préparatoires, durch die Absolventen des französischen Abiturs (baccalaureat) auf die Aufnahmeprüfungen der Elite(hoch)schulen vorbereitet werden. Der frühere Bildungsminister Peillon wollte die Privilegien dieser hervorgehobenen Gruppe  zugunsten der Lehrkräfte in Problemzonen zwar beschneiden, ist damit aber  gescheitert: Die classes préparatoires sind ein traditioneller Bestandteil der französischen Elitenreproduktion, an dem man nicht ungestraft rütteln darf.  „Normale“ Lehrkräfte in Frankreich sind allerdings deutlich schlechter dran.  Sie verdienen zu Beginn ihrer Laufbahn netto etwa 1650€ und 30 Jahre später maximal ca. 3000€.[22]  Kein Wunder also, dass es einen Mangel an qualifizierten Lehramtsbewerber/innen gibt, so dass nicht alle freie Stellen besetzt werden können, und zwar besonders in Fächern wie Mathematik, wo man an anderer Stelle bessere Aussichten hat.[23]

Unsere französischen Freunde, die Lehrer sind, verweisen gerne auf Deutschland, wo die Lehrer wesentlich besser bezahlt würden. In dem nachfolgenden Schaubild werden die Gehälter von Grundschullehrer/innen mit 10-jähriger Berufserfahrung in ausgewählten Ländern der OECD verglichen.[24] Damit ist die Frage, ob französische Lehrkräfte schlecht bezahlt seien, anschaulich und eindeutig beantwortet. Allerdings ist die Vergleichsbasis das Jahr 2012. Seitdem hat sich die Situation etwas geändert: Der Status und das Gehalt der Grundschullehrer/innen wurde deutlich angehoben- auch sprachlich: Früher waren das „instituteurs bzw. institutrices“ – jetzt sind sie zu „professeurs des écoles“ avanciert. Und die französische Bildungsministerin hat für die Zeit von 2017 bis 2020 deutliche Gehaltserhöhungen für Lehrkräfte angekündigt. Der Abstand zur Lehrerbesoldung in anderen Ländern der OECD solle verringert werden.[25]

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Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung

Nach Überzeugung von Éric Charbonnier, dem Bildungsexperten der OECD, gibt es zwei wesentliche Voraussetzungen für den Erfolg eines Bildungssystems: Der Status der Lehrkräfte, der im Zusammenhang mit ihrer Bezahlung zu sehen sei, und die Qualität der Lehrerausbildung. Um sie geht es denn auch in diesem Abschnitt.[26]

Unter der Präsidentschaft Sarkozys gab es einen völligen Kahlschlag der Lehrerausbildung- die Wirtschaftszeitung Les Echos spricht von einer „liquidation de la formation“ du quinquennat 2007-2012. Die –unseren  Studienseminaren vergleichbaren- IUFMs (Instituts universitaires de formation des maîtres) wurden aufgelöst, ohne dass eine entsprechende Alternative geschaffen worden wäre.  Dies geschah dann 2013 (Einrichtung der sogenannten ESPEs- der écoles supérieures du professorat et de l’éducation ),  also unter der Präsidentschaft Hollandes. Aber nach wie vor werden Lehrer in Frankreich fast ausschließlich  aufgrund ihrer akademischen Leistungen in ihrem Studien- und späteren  Unterrichtsfach eingestellt. Die pädagogische Ausbildung erfolgt  erst anschließend, was nach Ansicht mancher Beobachter nicht ausreicht. Les Echos zitiert einen Experten mit folgenden Worten: „Man würde keinen Ingenieur oder Mediziner akzeptieren, der so ausgebildet wäre. Man würde einem Studenten sagen: ‚Sie sind  gut in Biologie, Sie gehen jetzt  noch ein bisschen an eine Klinik, dann sind Sie Mediziner.‘“[27]

Theoretisch ist es zwar möglich, dass ein Lehramtsbewerber, der den capes erfolgreich absolviert hat, nach dem Referendariat nicht titularisiert, also dauerhaft in den Schuldienst übernommen wird. Ich verfüge über keine statistischen Angaben, wie oft so etwas passiert. Aber „insider“ versichern, dass man dazu schon silberne Löffel stehlen müsse oder ein Verhältnis mit einem/r Schüler/in eingegangen sei. Bei pädagogischer Unfähigkeit seien eher eine Verlängerung des Referendariats oder eine Versetzung üblich. (27a)

Ein Problem der Ausbildung von Grundschullehrern (professeurs des écoles) ist nach vielfacher Ansicht, dass die Ausbildung „polyvalent“ angelegt ist, wobei der Schwerpunkt überwiegend bei den Geisteswissenschaften liegt. Deshalb hätten die professeurs des écoles auch mehr Probleme als die Lehrer anderer Staaten, den Unterricht in Mathematik motivierend und differenziert zu gestalten.[28]

Ganz finster sieht es nach Le Monde (a.a.O.) in Frankreich bei der kontinuierlichen Weiterbildung der Lehrkräfte aus, die „quasi inexistent“ sei. Wie wichtig aber die Weiterbildung ist, macht der Conseil national d’évaluation du système scolaire (CNESCO) in einer Auswertung der Ergebnisse von PISA und TIMMS deutlich: Er vergleicht nämlich die pädagogische Fortbildung von Lehrkräften in Singapur und Frankreich und kommt zu dem Ergebnis, dass  die Diskrepanz zwischen der intensiven Fortbildung in Singapur und der rudimentären in Frankreich ein wesentlicher Grund für das unterschiedliche Abschneiden beider Länder in den Vergleichsstudien sei.[29]

Die Problematik des Fehlens einer systematischen Lehrerfortbildung in Frankreich ist gerade erst kürzlich wieder offenkundig geworden: Im Rahmen der Reform des collège wurde auch ein Element fächerübergreifenden Projektunterrichts etabliert. Es sind dies die sogenannten EPIs (enseignements pratiques interdisciplinaires). Die ihnen zugeschriebenen Aufgaben sind beträchtlich: Die Schüler sollen sich mit ihrer Hilfe abstrakte Gegenstände besser aneignen; sie sollen den Schülern den Sinn ihrer Lerngegenstände verständlich machen, indem sie sie miteinander verknüpfen und in den Zusammenhang gemeinsamer Projekte stellen; sie sollen neue Wege des Lernens und des Arbeitens eröffnen.[30] Allerdings werden die Lehrkräfte bei der Bewältigung dieses anspruchsvollen und für französische Verhältnisse geradezu revolutionären Reformprojekts ziemlich alleine gelassen. Und das ist, wie uns eine befreundete betroffene Kollegin sagte, sehr zurückhaltend formuliert ist („ziemlich est trop gentil et prudent“). Sie kenne keinen einzigen Lehrer, der eine Fortbildung erhalten habe, die diesen Namen verdiene. Im Allgemeinen habe man sich darauf beschränkt, je zwei Kollegen eines collège zu einer Informationsveranstaltung einzuladen. Das sei alles gewesen. Es fehlt also an Weiterbildung, aber es fehlt auch innerhalb der Schulen an einem Rahmen für die Kooperation der betroffenen Lehrkräfte. So hängt es von dem zusätzlichen Engagement einzelner Kolleg/innen ab (und von den jeweiligen  Schulleitungen), inwieweit dieses Projekt dann tatsächlich umgesetzt und mit Leben erfüllt wird. Und das gilt wohl auch für das  accompagnement personnalisé, ein Programm der gezielten Förderung besonders derjenigen Schüler/innen, die einer besonderen Förderung bedürfen. Dieses Programm ist seit dem Schuljahr 2016/17 von der Eingangsklasse des collège (der sixième) auf die nachfolgenden Klassen (5e, 4e und 3e) ausgeweitet worden. Allerdings wurden dafür keine zusätzlichen Stunden zur Verfügung gestellt. Also auch hier wieder gute Absichten, die aber nach Einschätzung der schon zitierten  betroffenen Kollegin, sozusagen völlig in der Luft hängen…

Unterrichtsmethoden

Dass das französische Schulsystem auch noch Verbesserungspotential bei der Unterrichtsgestaltung hat, wird selbst von offizieller Seite anerkannt. In einer aktuellen Übersicht der französischen Botschaft in Berlin über die Reformmaßnahmen im Bildungswesen wird festgestellt:

„Der oft noch sehr lehrerzentrierte Unterricht soll durch neue Lehrformen modernisiert werden: Durch verstärkte Gruppenarbeit und Projekt bezogenes Lernen sollen Selbstständigkeit, Experimentierfreudigkeit und das Ausdrucksvermögen der Schüler gefördert werden.“[31]

Mich überrascht dieser Befund nicht sonderlich, weil er sich mit meinen –allerdings schon einige Jahre zurück liegenden-  Erfahrungen deckt: Französische Referendare (professeurs stagiaires), die einen Teil ihrer Ausbildung an dem Frankfurter Studienseminar verbrachten, hatten in ihrer bisherigen Ausbildung oft noch nie eine Gruppenarbeit als Schüler/in erlebt, als Referendar/in gesehen, geschweige denn selbst praktiziert- genau so wenig wie andere kooperative und aktivierende  Unterrichtsmethoden.  Seitdem hat sich zwar  einiges geändert-  was nicht zuletzt unsere französischen Lehrerfreunde beweisen- aber die Beharrungskräfte sind offenbar erheblich.

Das bestätigt auch eine französische Lehrerin, die 10 Jahre lang in Frankreich  an einem deutsch-französischen Gymnasium unterrichtet hat. In  Libération ist ein Erfahrungsbericht von ihr veröffentlicht, der dazu beitragen soll, zu erklären, warum Deutschland bei der PISA- Untersuchung besser abgeschnitten hat als Frankreich:

«J’ai enseigné dix ans en France, dans un lycée franco-allemand. Il y a des différences bien sûr, notamment dans notre façon d’enseigner. En Allemagne, le cours magistral est plus rare qu’en France, on sollicite beaucoup plus les élèves en classe, on insiste plus sur les méthodes (discuter, argumenter…). Du coup, nos élèves n’ont pas les mêmes comportements. Les Allemands discutent même les notes !“ [32]

Die Veränderung einer altehrwürdigen eingefahrenen Unterrichtskultur ist natürlich höchst anspruchsvoll und langwierig.[33] Deshalb  ist ein quantitativer Ansatz zur Kompetenz- Verbesserung plakativer und einfacher umzusetzen als ein qualitativer Ansatz. Also fordert François Fillon in seinem Wahlprogramm einen Ausbau des Mathematik-Unterrichts in der Grundschule, um den Standard der französischen Schüler/innen anzuheben. Dabei haben die zu TIMMS herangezogenen Grundschüler in Frankreich wesentlich mehr Mathematik-Unterricht als die Schüler/innen in Schweden, Finnland und Polen, wo die TIMMS-Ergebnisse deutlich besser waren. Und in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Abschlussklasse des Gymnasiums ist Frankreich –nach dem Libanon- sogar Spitzenreiter in der Zahl der Mathematik-Stunden. Die Masse allein macht es also nicht, ein rein quantitativer Ansatz der Reform ist zumindest unzureichend.[34]

Die Politik der „éducation prioritaire“

Hier handelt es sich um eine Politik der besonderen Förderung von Schulen in Problemvierteln bzw. von Schulen, deren Schüler überwiegend aus einem sozial benachteiligten Milieu stammen. Eine solche besondere Förderung gibt es in Frankreich in verschiedenen Formen und unter verschiedenen Bezeichnungen seit 1981. Damals wurden die sogenannten ZEPs geschaffen, die zones d’éducation prioritaire. Ziel der ZEPs war es, die soziale Ungleichheit durch eine besondere Bildungsförderung in den Gebieten zu korrigieren, in denen das schulische Scheitern von Schüler/innen besonders hoch war – in Deutschland spricht man da von Brennpunktschulen oder Schulen mit besonderen Förderbedarf. Eine solche Prioritätensetzung bedeutete in Frankreich einen Bruch mit dem traditionellen Verständnis der „égalité“. Statt dessen spricht man in der Schulpolitik jetzt gerne von der „égalité réelle“ oder der  „équité“, die darin besteht,  denen mehr zu geben, die es am nötigsten haben, um entsprechend dem Ideal der Schule herkunftsbedingte Disparitäten im Schulbereich abzubauen. Und die sind ja, wie die aktuellen internationalen Vergleichsstudien gezeigt haben, in Frankreich besonders groß. In der Begründung ihrer „éducation prioritaire“ bestätigte die Regierung das 2014 ausdrücklich: Die Beziehung zwischen dem sozio-ökonomischen Niveau der Familien und dem Schulerfolg der Kinder sei in Frankreich noch nie so intensiv  gewesen. Frankreich sei das Land der OECD, in dem der „déterminisme social“ so ausgeprägt sei wie in keinem anderen Land der OECD.[35]

Die sozialistische Schulpolitik unter Präsident Hollande hatte sich vorgenommen, das zu ändern und sich dabei ehrgeizige Ziele gesetzt: Der Unterschied zwischen dem schulischen Erfolg von Schülern der éducation prioritaire und den  anderen Schülern in Frankreich solle auf weniger als 10% reduziert werden. Zu diesem Zweck wurden die ZEPs ersetzt durch die sogenannten REP oder REP+, d.h. durch knapp 1100 „réseaux d’éducation prioritaire“ oder „super-prioritaire“, also Verbundschulen, die jeweils ein Collège, also eine Gesamtschule, und mit ihr verbundene weitere Schulen, also z.B. Grundschulen, umfassen. Damit wurde die 1981 geschaffene und seitdem nur unwesentlich veränderte Landkarte der Förderschulen den aktuellen sozio-ökonomischen Gegebenheiten angepasst. Im Schuljahr 2015/2016  besuchten knapp 20 % der Grundschüler, etwas über  20% der Gesamtschüler und 2% der Gymnasiasten solche Förderschulen.[36]

Die Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, sind allerdings beträchtlich:

  • Nach welchen Kriterien wird Schulen der Status einer Förderschule oder sogar einer „Super-Förderschule“ zuerkannt?
  • Welche zusätzlichen Mittel/Kompetenzen erhalten diese Schulen?
  • Sind diese Mittel tatsächlich geeignet, eine substantielle Verbesserung der Situation zu erreichen?
  • Kann der Status einer REP oder REP+-Schule auch eine stigmatisierende Wirkung haben und damit die gewünschte schulische „mixité sociale“ eher beeinträchtigen als fördern?
  • Soll die soziale Durchmischung von Schulen auch durch administrative Maßnahmen gefördert oder gar dekretiert werden?

Die Zuweisung von Schulen zu dem REP- oder REP+ Programm erfolgt nach einem Index, der von der „Direction de l’évaluation, de la prospective et de la performance“ [DEPP] des Erziehungsministeriums entwickelt wurde. In diesen Index gehen verschiedene Faktoren ein wie  das Maß schulischen Misserfolgs, der Anteil der Schüler aus Problemvierteln (den ZUS – zone urbaine sensible) und derer, die staatliche Unterstützung erhalten.  Beteiligt an der Festlegung sind die Departements, die Schulverwaltungsbezirke (académies) und natürlich das Erziehungsministerium. Dass offenbar schon vorab die Zahl der REP+ Bezirke auf 350 begrenzt wurde, deutet darauf hin, dass auch finanzielle Erwägungen eine Rolle gespielt haben.

Immerhin erhalten die REP und REP+ Schulen einige Vorteile: Die Zahl der Schüler pro Klasse wird reduziert, eine Weiterbildung wenigstens dieser Lehrkräfte soll institutionalisiert werden. Lehrkräfte erhalten eine zusätzliche Vergütung von 2312 € im Jahr und es werden eineinhalb Stunden für Kooperation und Projektarbeit auf die Unterrichtsverpflichtung angerechnet. Und schließlich werden auch die Beförderungsbedingungen für Lehrkräfte an Förderschulen verbessert.[37]

Trotzdem ist es offensichtlich nach wie vor wenig attraktiv für Lehrkräfte, an einer Förderschule zu arbeiten. Zu Schuljahresbeginn 2016/2017 hatten sich lediglich 12% der neu an REP- Schulen eingesetzten Lehrkräfte freiwillig dorthin gemeldet –zwar doppelt so viele wie ein Jahr davor; aber das bedeutet andererseits, dass die überwiegende Mehrheit der neuen Lehrkräfte dort nicht tätig sein wollten.  Weil sie aber im Wettbewerb um eine Planstelle nicht gut genug abgeschnitten haben, setzt der Staat sie eben dort ein, wo die vor ihnen in der Rangliste Platzierten nicht hin wollen.  Und das bedeutet weiterhin, dass Lehrkräfte an REP-Schulen voraussichtlich versuchen werden, so schnell wie möglich an eine andere Schule versetzt zu werden. Also sind in Frankreich die benachteiligten Schulen auch die, wo es wenig personelle Kontinuität gibt und „wo die Lehrkräfte am unerfahrensten sind“, wie der Bildungsforscher Julien Grenet kürzlich feststellte.  Kritisch sieht Grenet auch, dass die Reduzierung von Klassengrößen an den REPs nicht ausreiche, um die gewünschten Verbesserungen zu erreichen. Da müsse man schon die Klassengrößen halbieren und nicht nur um 10% reduzieren.[38]

In ihrem im September 2016 veröffentlichten –und oben schon zitierten-  Bericht des cnesco werden denn auch einerseits die Anstrengungen der Regierung zur Verbesserung der éducation prioritaire gewürdigt, andererseits wird aber auch festgestellt, dass es bei der Umsetzung der Maßnahmen vor Ort teilweise erhebliche Probleme gibt. Kritisch beurteilt wird auch, dass die éducation prioritaire von ursprünglich etwa 10% der Schüler auf etwa 20% ausgeweitet worden sei. Das habe zu einer Verwässerung der Mittel geführt, während eine noch stärkere Konzentration auf die schwierigsten Schulen notwendig gewesen wäre. Vor allem aber fördere die éducation prioritaire eher die „ségrégation sociale et académique“ statt sie zu reduzieren: Die dort unterrichteten Schüler/innen seien stigmatisiert, die schulischen Erwartungen würden reduziert, das Schulklima sei angespannt. Und Familien, die dazu in der Lage seien, würden ihre Kinder eher auf andere (Privat-)Schulen schicken, so dass gewissermaßen ein Teufelskreis entsteht.[39] Dass z.B. aufstiegsorientierte Eltern (auch solche mit „Migrationshintergrund“, die dazu in der Lage sind, sogar einen Umzug in Kauf nehmen, um eine „Problemschule“ für ihre Kinder zu umgehen, hat kürzlich Géraldine Smith in ihrem  Buch Rue Jean-Pierre Timbaud am Beispiel Belleville beschrieben.[40] Und es gibt auch -am anderen Ende der Sozialskala-  Anstrengungen sogenannter gut-bürgerlicher Eltern, ihre Kinder um jeden Preis auf eines der Pariser Elite-Gymnasium zu schicken:  Vor einiger Zeit wurde im französischen  Fernsehen berichtet,  dass Besenkammern im Umkreis des Lycée Henri Quatre in Paris für über 10 000 Euro pro Quadratmeter gekauft würden, um sich so eine den Zugang zum HQ eröffnende Adresse zu sichern.

Damit ist das Thema der in Frankreich heiß diskutierten „mixité sociale“ an den Schulen angesprochen.[41] Die Erziehungsministerin Vallaud-Belkacem möchte zwar den „séparatisme social“ in den Schulen bekämpfen. Geschehen sei bisher aber wenig- so jedenfalls die Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty –bekannt geworden durch seinen Bestseller „Das Kapital  im 21. Jahrhundert“. In einem Beitrag für Le Monde vom 6.9.2016 stellt er fest, das Niveau der „ségrégation sociale“ habe an französischen Gesamtschulen ein unerträgliches Niveau erreicht. Die Erziehungsministerin  und die Stadt Paris hätten zwar schon für das Schuljahr 2016/2017 Maßnahmen zur Verbesserung der Situation angekündigt, man sei aber nicht über die Rhetorik hinausgekommen.[42]

Allerdings ist die Herstellung einer größeren „mixité sociale“ an Schulen besonders schwierig, weil es ganze  Gebiete in Frankreich gibt, vor allem im Bereich der sogenannten banlieues, in denen nach den Worten des früheren Ministerpräsidenten Manuel Valls ein faktisches System der territorialen, sozialen und ethnischen Apartheid herrscht. Da  müsste der Staat schon außerordentlich rigoros vorgehen, um auf administrativem Wege eine soziale Durchmischung an Schulen durchzusetzen.[43] Piketty zeigt aber andererseits am Beispiel von Paris, dass die soziale Segregation oft selbst innerhalb kleiner städtischer Räume verlaufe, so dass dort eine stärkere mixité sociale ohne den Nachteil längerer und zeitaufwändiger Transportwege herstellbar sei.

Thomas Piketty fordert darüber hinaus, dass bei der Betrachtung der ségrégation sociale auch die Privatschulen einbezogen  werden müssten, die zum Beispiel in Paris  eine bedeutende Stellung einnähmen. 2015 hätten immerhin 34 % der Pariser Schüler/innen private collèges besucht. Und das private Schulsystem praktiziere „einen fast vollständigen Ausschluss der benachteiligten sozialen  Schichten“ und trage so ganz erheblich zur schulischen ségrégation in ihrer Gesamtheit bei. Pickety fordert deshalb, dass in die staatliche Zuweisung von Schüler/innen auch die Privatschulen einbezogen werden müssten. Man könne da zwar schon den Aufschrei empörter Eltern und Lehrkräfte der Privatschulen hören, aber schließlich würden sie vom Staat mit erheblichen Mitteln gefördert und müssten sich ja auch schon in ihren Lehrplänen an staatliche Vorgaben anpassen. Andere Länder seien da schon wesentlich weiter.

Die französische Bildungsministerin hat umgehend auf diese Kritik geantwortet: Man müsse mit dem  typisch französischen Mythos einer globalen und einheitlichen politisch-technokratischen Lösung des Problems brechen. Notwendig sei es, vor Ort für eine verstärkte mixité sociale zu werben und eher Verbündete als Sündenböcke zu suchen. Dieses pragmatische Vorgehen, das die  Erziehungsministerin noch einmal auf einer Tagung zur mixité sociale an den collèges am 13. Dezember 2016 begründet und verteidigt hat, mag richtig sein, aber rasche Ergebnisse wird man so nicht erwarten können.[44]

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Der deutsche Botschafter in Paris, Nikolaus Meyer- Landrut,  hat im Herbst 2016 bei einer Podiumsdiskussion im Maison Heinrich Heine das französische Schulsystem zu den Stärken des Landes gezählt und damit einiges skeptische Kopfschütteln provoziert. Seine Einschätzung mag für den Bereich der Elitenförderung gelten, insgesamt kaum. Nicht nur ist  der Anteil extrem leistungsschwacher Schüler/innen, sondern auch der Einfluss der sozialen und ethnischen Herkunft auf den  Schulerfolg in Frankreich  besonders groß. Sollen der gesellschaftliche Zusammenhalt des Landes und  seine wirtschaftliche Zukunft gesichert werden, sind Verbesserungen unabdingbar. Die Schulpolitik unter Präsident Hollande hat versucht, einige wichtige Weichenstellungen und Schwerpunktsetzungen vorzunehmen, die Verbesserungen bewirken könnten. Wirkungen konnten sie aber (noch) nicht entfalten, wie die aktuellen internationalen Vergleichsstudien zeigen. Ein Urteil über die Schulpolitik Hollandes kann aber, wie die Zeitung La Croix schreibt, erst vorgenommen werden, wenn die Ergebnisse von PiSA 2018 oder sogar 2021 vorliegen.[45] Allerdings  gibt es dann vielleicht einen republikanischen Präsidenten, der die Schulpolitik wieder ganz anders ausrichten könnte und mögliche Erfolge seiner eigenen  Politik zuschreiben würde bzw. weitere Misserfolge der Politik seines Vorgängers.

eingestellt 21. Januar 2017

 

Ergänzung März 2017:

Am 15. März 2017 veröffentlichte Le Monde im Rahmen einer Serie von Artikeln zur  Präsidentschaftswahl auch eine ernüchternde Bilanz der französischen Bildungspolitik, die die Darstellungen in dem obigen Blog-Beitrag bestätigt. Daraus einige Auszüge:

Education: la fabrique des inégalités

Les fractures françaises. Ségrégation en hausse, échec scolaire massif, moyens inéquitablement répartis… Malgré le pricip de l’égalité des chances, l’école est marquée par une profonde injustice ésulsociale, que le système renforce au lieu de la corriger.

C’est un constat sur l’école que personne  ne peut plus ignorer. Tous les observateurs du  système éducatif, toutes les évaluations, qu’elles que soient nationales ou internationales, le répètent: l’école françaises est  inégalitaire. Le fossé ne cesse de se creuser entre une élite, aux résultats toujours meilleurs, et des enfants socialement défavorisés, toujours plus nombreux à faire l’expérience de l’échec scolaire,

Das wird im Einzelnen erläutert und belegt, u.a. gestützt auf die Ergebnisse der PISA-Untersuchungen:

„40% des élèves issus de milieux dévavorisés sont en difficultße, selon la dernière enquête parue en décembre 2016, et seulement 2% d’entre eux peuvent prétendre au titre de premier de la classe. La démonstration a été faite pour les sciences, mais elle tient aussi pour les autres disciplines.

…

„On sait …   que  la mixité des niveaux scolaires et des milieux sociaux- chantier dont la gauche ne s’est emparée qu’en toute  fin de quinquennat- es tun facteur essentiel de réussite. Or, la ségrégations sociale ne fait qu’augmenter dans les zones urbaines. A Paris, où le niveau de ségrégation atteint ‚des sommets inacceptables‘ dénoncés dans Le Monde par l’économiste Thomas Piketty, certains collèges ne comptent quasiment aucun élève défavorisé (moins de 1%), quand d’autres en acueillent plus de 60%“.

….

„L’observateur extérieur de l’école peut avoir le sentiment que tout fonctionne en dépit du bon sens: on affecte dans les territoires les plus difficiles les jeunes professeurs sans expérience (…) . Alors même que la stabilité des équipes, dans un établissement, est facteur de réussite, le système crée les conditions d’un turnover, puisque au bout de cinq ans en zone d’éducation prioritaire (ZEP) le jeune professeur peut prétendre, grâce aux point cumulés, à aller enseigner ailleurs. Dans certains collèges de ZEP, de 50% à 80% de l’équipe demande à partir chaque année. Et combien de contractuels, non formés, pour combler les places vacantes?“

…

„Des effectifs d’élèves plus réduits en classes pourraient aider les enseignants à relever le défi.. Mais trente années de politique d’éducation prioritaire n’ont pas permis de les réduire significativement. In fine, l’Etat donne ‚plus à ceux qui ont plus‘…. En 2012, la Cour des comptes révélait ainsi que l’Etat dépensait 47% de plus pour former un élève parisien qu’un élève des banlieues. Si des réformes ont été menées sous ce quinquennat au nom de la justice sociale (…) on n’inverse pas la tendance du jour au lendemain.“

 

Ergänzung Dezember 2017

Im Dezember 2017 wurden die Ergebnisse einer weiteren internationalen Vergleichsstudie (PIRLS)  veröffentlicht. In dieser Studie wird die Fähigkeit 9 bis 10-Jähriger Schüler/innen untersucht, Texte zu lesen und zu verstehen. Die Ergebnisse der französischen Schüler/innen sind dabei im europäischen Vergleich ausgesprochen dürftig: Nur der frankophone Teil Belgiens und Malta schneiden in Europa schlechter ab. Und auch im Vergleich mit den französischen Ergebnissen der früheren Vergleichsstudien von 2011 und 2001 schneiden die französischen Schüler 2016 schlechter ab.

Les résultats de PIRLS 2016 montrent une nouvelle chute, encore plus importante, du niveau en lecture des écoliers. L’évaluation internationale observe le niveau en lecture de 50 pays de l’OCDE. La France se situe en bas du classement européen en lecture. Seuls la Belgique francophone et Malte font pire que nous en Europe.  Pire que ce décrochage par rapport aux autres pays de l’OCDE, nous décrochons par rapport à nous mêmes puisqu’on observe une nette perte de niveau entre 2011 et 2016. Le niveau moyen des élèves de CM1 a reculé depuis PIRLS 2011 et même depuis PIRLS 2001. Ces résultats interrogent la façon dont l’Ecole est gérée . Mais aussi plus globalement la place du livre dans la société et les inégalités sociales comme le montrent les résultats.

 

aus: http://www.cafepedagogique.net/lexpresso/Pages/2017/12/06122017Article636481420943000310.aspx

Für den neuen Minister der éducation nationale, Jean-Michel Blanquer, ist das ein Alarmsignal. Die  Studie zeige, dass das französische Schulsystem zu viel Ungleichheit produziere. (L’éducation nationale crée trop d’inégalités“). 20% aller französischen Kinder seien, wie die Studie zeige, nicht in der Lage, etwas längere und komplexere Texte zu verstehen. Und das betreffe vor allem Schüler, die aus besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen stammten. „Une sorte de fragilité éducative s’est additionnée à une fragilité sociale“. Er werde deshalb die Grundschule zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit machen. (Interview mit Le Monde vom 14. Dezember 2017)

 

Ergänzung Juni 2018

In ihrer Ausgabe vom 13. Juni 2018 findet sich ein Artikel in der Zeitung Le Monde mit der Überschrift: Inégalités scolaires: la France montrée du doigt.

Es geht um eine Untersuchung der OECD ausgehend von der PISA – Erhebung des Jahres 2015, die sich auf die Bedeutung von Lehrerausbildung und -zuweisung und schulischer Ungleichheit.

Diese Untersuchung „livre en effet des statistiques épinglant encore un peu plus le fonctionnement inégalitaire du système éducatif francais.“

Von allen beteiligten Ländern der OECD gibt es in Frankreich danach offenbar die größte Benachteiligung der „établissement les plus défavorisés (…) en  fonction du profil socio-économique des publics accueillis“ bei der Verteilung qualifizierter Lehrkräfte:

„Un tiers des lycéens de 15 ans (32%) sont exposés à des enseignants qui ne sont pas „assez bien préparés pour faire cours„, selon les déclarations des chefs d’établissements, soit pratiquement trois fois plus que dans les établissements favorisés (12%). Dans l’OCDE, l’écart est, en moyenne, de 7 points.“

Dabei spiele, nach Auffassung der OECD-Fachleute, die Qualifikation der Lehrkräfte eine entscheidende Rolle bei der Erklärung unterschiedlicher schulischer Resultate – mehr jedenfalls als die Klassengröße, die in Frankreich seit 30 Jahren der Schwerpunkt bei der Politik der éducation prioritaire sei.

Der neue Erziehungsminister könnte nach Auffassung von Le Monde diese Studie zum Anlass nehmen, die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit zu machen.

 

Auf ein weiteres Problem des französischen Schulwesens weist ein weiterer Artikel von Le Monde in der gleichen Ausgabe hin:

„Le métier d’enseignant ne fait plus rêver. Les concours de recrutement de professeurs attirent moins de candidats“

Als ein wesentlicher Grund für die abnehmende Attraktivität des Lehrerberufs wird in diesem Artikel die Bezahlung der Lehrkräfte genannt:

„Le pouvoir d’achat des enseignants du second degré ne cesse de s’éroder: au début des années 1980, ils gagnaient deux fois le montant du salaire minimum contre 1,2 fois désormais.“ 

Dass eine solche Bezahlung wenig zum Lehrerberuf motiviert, ist wohl nur allzu verständlich….

 

 

 

Anmerkungen

[1] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html

http://www.vousnousils.fr/2016/11/29/enquete-timss-des-resultats-catastrophiques-en-cm1-et-en-terminale-s-pour-la-france-596568

„TIMSS 2015 : en maths, des résultats tragiques pour la France“ Le Point, 29.11.2016

[2]http://www.lemonde.fr/sciences/article/2014/08/13/artur-avila-nouveau-francais-laureat-de-la-medaille-fields_4470712_1650684.html

[3]    „Un niveau en chute libre“  http://www.lepoint.fr/societe/timss-2015-la-france-n-est-pas-bonne-en-maths-29-11-2016-2086494_23.php

[4] Diese Rangplätze beziehen sich auf alle teilnehmenden Staaten bzw. Territorien, nicht nur diejenigen, die Mitglieder der OECD sind

[5] Bild und Legende aus: http://www.liberation.fr/france/2016/12/06/enquete-pisa-la-france-se-maintient-mais-les-inegalites-persistent_1533207

[6][6] Ein Bereich, in dem Deutschland geradezu unisono in Frankreich als Vorbild angesehen wird, ist der des „dualen Systems“ von  Berufsschulen und Lehre – auch wenn der in Deutschland gerade immer mehr an Boden verliert.  Siehe z.B. http://lemonde-emploi.blog.lemonde.fr/2016/11/28/le-modele-allemand-de-lapprentissage-reponse-au-chomage-des-jeunes-dans-le-monde/

[7] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-la-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501  und Le Monde 7. Dezember 2016, S. 1

[8] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

http://www.lemonde.fr/ecole-primaire-et-secondaire/article/2013/12/03/classement-pisa-la-france-championne-des-inegalites-scolaires_3524389_1473688.html

[9] Bild: http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fs1.lemde.fr%2Fimage%2F2014%2F02%2F04%2F534x0%2F4360024_5_ad2b_un-niveau-pisa-tres-faible-en-france  Aus: Classement PISA: rien ne va plus à l’école. Le Monde 3.2.2014

[10] Libération 7.12., S. 3 und Le Monde 7.12., S. 1  Siehe dazu auch Le Figaro 15.2.2017: Dort unterbreiten zwei Wirtschaftswissenschaftler 6 grundlegenden Vorschläge, „pour réécrire le contrat  social francais“. Die ersten beiden  Vorschläge beziehen sich dabei  -unter ausdrücklichem Hinweis auf PISA- auf Schule  (vor allem die école primaire) und Ausbildung (l’apprentissage et la formation professionelle).

http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html

[11] https://www.welt.de/themen/pisa-studie/

[12] http://www.francetvinfo.fr/societe/education/lafrance-championne-des-inegalites-a-lecole-au-sein-de-locde_1838415.html

„Ce que confirme en tout cas la nouvelle étude Pisa, c’est que l’école française reste malade de ses inégalités. Elle est, relève l’OCDE, l’un des pays dans lesquels « la relation entre performance et milieu socio-économique des élèves est l’une des plus fortes ».

 http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

 [13] http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=235

(13a) Bei Grasset ist kürzlich ein Bericht von Najat Vallaud-Belkacem über ihr Leben erschienen: La vie a plus d’imagination que toi, nach Le Monde „une histoire francaise“.

(13b) Über die  Reproduktion der Eliten in Frankreich siehe de Bericht des Observatoire des inégalités vom April 2017: Des classes préparatoires et des grandes écoles toujours aussi fermées: http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=1601&id_rubrique=200&id_groupe=10&id_mot=83

[14] http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160926-Inegalites-scolaires.pdf: Comment l’école amplifie-t-elle les inégalités sociales et migratoires?

[15] http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160927Dossier_synthese_inegalites.pdf

(15a) http://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=2252&id_rubrique=64

Anm. März 2018: In einer aktuellen Studie beschäftigt sich die der Sozialistischen Partei nahestehende Fondation Jean Jaurès mit der „sécession des citoyens les plus aisés“ und stellt eine „érosion de la mixité sociale“ fest, die das modèle républicain infrage stelle. Diese Erosion der gesellschaftlichen Durchmischung lasse sich auch in der Schule feststellen. Kinder aus sozial begünstigten Schichten würden zunehmend in die Privatschulen abwandern, wo sie doppelt so stark vertreten seien wie im öffentlichen Schulwesen, und sie würden die besonders renommierten Schulen geradezu monopolisieren: „Le public des établissements où se formel’élite de la nation est ainsi devenue sociologiquement complètement homogène, ce qui n’était pas le cas dans les années 1960-1970.“ zit. in: Le Monde 22. Februar 2018, S. 7

[16] http://www.education.gouv.fr/cid110041/mathematiques-et-sciences-resultats-de-l-etude-timss-2015.html http://cache.media.education.gouv.fr/file/11_-_novembre/01/3/DP-Mathematiques-et-sciences-Resultats-de-l-etude-TIMSS-2015_673013.pdf

[17] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere2016-12-06-1200808501

[18]  La sanction de l’égalitarisme. Le Figaro7.12.2016, S.1  http://www.lefigaro.fr/vox/societe/2016/12/06/31003-20161206ARTFIG00392-editorial-la-sanction-de-l-egalitarisme.php

[19]  Siehe den Blog-Beitrag: Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50: Ein Grund zum Feiern (13. April 2016)

[20]http://www.liberation.fr/france/2016/01/21/pourquoi-les-classes-bilangues-seront-en-grande-partie-maintenues_1428032  Das Demonstrationsbild ist dort abgedruckt.

Zu den regionalen Disparitäten: Nach einem Bericht des französischen Rechnungshofs (Cour des comptes) von 2012 gibt der Staat für einen Pariser Schüler durchschnittlich 47% mehr aus als für einen Schüler der Akademie von Créteil, die vor allem für die banlieues zuständig ist. (Le Monde, 18.1. 2017, S.23)

s.a. http://www.marianne.net/classes-bilangues-au-college-egalite-au-piquet-100239685.html

[21] http://www.cnesco.fr/fr/pisa-et-timss-que-retenir-sur-letat-de-lecole-francaise/

[22] http://droit-finances.commentcamarche.net/faq/14269-salaire-d-un-professeur-baremes-des-montants#q=salaire+professeur+CAPES&cur=1&url=%2F

[23] http://www.francetvinfo.fr/economie/emploi/capes-penurie-de-candidats-a-l-enseignement-secondaire_934825.html

http://www.sudouest.fr/2016/06/01/prof-un-metier-qui-ne-fait-plus-rever-2384118-4699.php

[24] http://www.sudouest.fr/2016/06/01/prof-un-metier-qui-ne-fait-plus-rever-2384118-4699.php

[25] http://www.sudouest.fr/2016/05/31/un-milliard-d-euros-par-an-pour-augmenter-les-salaires-des-profs-d-ici-2020-2382474-4699.php Ein Problem ist allerdings, dass diese Ankündigung zu vielen anderen ausgabenintensiven Versprechungen der Regierung  gehört, die eine schwere Hypothek für die künftigen Budgets sein werden.  Aber in diesem Punkt besteht eine parteiübergreifende Einigkeit. Siehe:

http://www.marianne.net/ecole-ce-que-proposent-les-candidats-primaire-droite-100247556.html

[26] http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

[27] http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.phpT

http://www.slate.fr/story/61447/rentree-scolaire-eleves-france-japon-malheureux: Es handele. sich in Frankreich um eine Ausbildung, die jede Beziehungsdimension zwischen Lehrern und Schülern ausblende.

(27a) Die offiziellen Bestimmungen über Bewertung des Referendariats und die Titularisation in:  http://www.education.gouv.fr/pid285/bulletin_officiel.html?cid_bo=87000

[28]  http://www.lemonde.fr/ed/ucation/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html#5wC3Lwm6F8oBSfOu.99

[29] http://www.cnesco.fr/fr/pisa-et-timss-que-retenir-sur-letat-de-lecole-francaise/

[30] http://www.snceel.org/wp-content/uploads/2015/10/r%C3%A9forme-du-coll%C3%A8ge-oct-2015.pdf

http://www.lci.fr/replay/reforme-du-college-pourquoi-les-epi-rendent-fous-les-profs-2001160.html

http://sgenbn.fr/collge-comment-torpiller-une-rforme/

[31] http://www.ambafrance-de.org/Rentree-2016-Grosse-Schulreform-in-Frankreich-abgeschlossen

[32] http://www.liberation.fr/france/2016/12/06/l-allemagne-le-danemark-et-le-canada-ont-obtenu-de-bons-resultats-a-l-enquete-pisa-de-l-ocde-trois-p_1533492

[33] Das mag auch ein Grund dafür sein, dass bei Debatten der sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, unter denen sich immerhin zwei ehemalige Erziehungsminister und ein  ehemaliger Ministerpräsident befinden, der Aspekt der „innovation pédagogique“ kaum eine Rolle spielte, wie Le Monde (17.1.2017) kritisierte:  „Educaton: beaucoup de prudence chez les candidats. Après un quinquennat bouscoulé, aucun ne se risque à la nouveauté“. (p. 13)

[34] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/11/29/l-inquietant-niveau-des-eleves-en-maths-et-sciences_5039968_1473685.html : „La France, championne des heures de maths“

[35]„ Le déterminisme social, c’est-à-dire la relation entre le niveau socio-économique des familles et la performance scolaire des élèves, n’a jamais été aussi fort en France et est le plus élevé des pays de l’OCDE. La France est devenue le pays où le milieu social influe le plus sur le niveau scolaire.“ http://www.education.gouv.fr/pid25535/bulletin_officiel.html?cid_bo=80035

[36] Die exakten Prozentzahlen, die in aktuellen Veröffentlichungen genannt werden, differieren etwas.

http://www.cnesco.fr/wp-content/uploads/2016/09/160926-Inegalites-scolaires.pdf

http://www.education.gouv.fr/cid187/l-education-prioritaire.html

http://www.lavoixdesparents.com/?p=4057

Dass die Gymnasien völlig aus den Förderprogrammen herausgenommen werden sollen, ist einer der Kritikpunkte an der Reform. Siehe den Diskussionsbeitrag in Le Monde vom 18.1.2017: „Défendons les lycées classés en zone d’éducation prioritaire.“  Darin heißt es abschließend: „Les inégalités sociales à l’école ne s’effacent pas une fois les élèves sortis du collège!“ (p. 23) und den Aufruf zur Demonstration am 19.1. (Touche pas ma ZEP): https://paris.demosphere.eu/rv/52429

[37]  http://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2014/12/17/zep-la-liste-des-colleges-qui-auront-le-statut-de-rep-ou-rep_4541825_4355770.html#WvaGDJHfXtT151tQ.99

Ecole: Les raisons d’un décrochage. Les Echos 6.12.2016  http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99

[38]  http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrochage-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99

s.a. cnesco- Bericht S. 103:  „les enseignants y sont plus jeunes qu’ailleurs et donc inexpérimentés“                Entsprechend die Bildungsforscherin Marie Duru-Bellat in einem Interview vom 4.10.2016: „ On sait par exemple qu’on manque d’enseignants expérimentés dans les quartiers prioritaires. Il y a là une véritable injustice. Et l’on ne fait pas assez pour la réparer, c’est évident.“ http://www.inegalites.fr/spip.php?page=analyse&id_article=2223&id_groupe=10&id_rubrique=28&id_mot=31

[39] „L’éducation prioritaire est alors « source de ségrégation sociale et académique » (Merle, 2012) car les établissements étiquetés sont justement contournés par les familles en ayant les moyens, les élèves y étant scolarisés sont stigmatisés, les attentes scolaires sont revues à la baisse, et les climats scolaires tendus.“ (Bericht 103/104).

[40] siehe Blog-Beitrag: Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

In der preisgekrönten Radiodokumentation „Y’a deux écoles“ hat Delphine Satel, die sich als „bobo de gauche“ definiert, ihr Dilemma als Mutter beschrieben, die entsprechend ihrer politischen Überzeugung eigentlich ihre Kinder auf die „école de la République“ schicken möchte, die aber Angst hat, dass sie dort nicht genügend gefördert werden. „Car l’établissement du 14e  arrondissement de Paris dans lequel ils se rendent est boudé pare l’élite. Résultat, ce sont  les enfants d’immigrés qui composent l’essentiel des effictifs alors que l’école privée du quartier attire ceux des milieux favorisées.“ (Le Monde 12./13.2.2017, p. 22)

[41] Dieses Thema hat auch bei den  Diskussionen der sozialistischen Vorwahl-Kandidaten eine Rolle gespielt.

Siehe die Aussage des früheren Erziehungsministers  Benoît Hamon in Bezug auf die Terror-Prävention: «La clé, c’est la mixité sociale à l’école. Sans mixité scolaire il n’y aura pas de mixité sociale». Aus: http://www.lefigaro.fr/elections/presidentielles/primaires-gauche/2017/01/13/35005-20170113ARTFIG00001-primaire-a-gauche-ce-qu-il-faut-retenir-du-premier-debat-televise.php

[42]  http://www.lemonde.fr/idees/article/2016/09/06/thomas-piketty-la-segregation-sociale-dans-les-colleges-atteint-des-sommets-inacceptables_4993003_3232.html#Ka1oJttFcGFM7hpt.99

Entsprechend: http://www.lesechos.fr/politique-societe/societe/0211551658169-ecole-les-raisons-dun-decrocha ge-2048255.php#eyC2yURVpygyq62u.99 und http://www.lemonde.fr/education/article/2016/12/06/enquete-pisa-sur-le-niveau-des-eleves-francais-en-sciences-notre-ecole-reste-pensee-pour-une-elite:

„Sur le papier, la question des inégalités est prise en compte ; elle est un des objectifs de la loi de refondation de l’école en 2013. Mais dans la pratique, les efforts sont timides, et notre école reste pensée pour une élite.“

[43]http://www.lemonde.fr/politique/article/2015/01/20/pour-manuel-valls-il-existe-un-apartheid-territorial-social-ethnique-en-france_4559714_823448.html

Wie  groß der Widerstand „bürgerlicher Kreise“ gegen eine „mixité sociale“ ist, zeigt sich etwa daran, dass viele Kommunen sich weigern, der Verpflichtung zum angemessenen Bau von Sozialwohnungen (HLM) nachzukommen. Oder der Aufstand im schicken 16. Arrondissement von Paris gegen den Bau eines Hauses für Obdachlose (SDF) am Rand des Bois de Boulogne. Siehe: http://www.lemonde.fr/logement/article/2015/10/26/logements-sociaux-l-etat-pointe-du-doigt-36-communes-refractaires_4796965_1653445.html  und

 http://www.liberation.fr/france/2016/05/16/a-paris-le-centre-pour-sdf-du-xvie-arrondissement-devrait-ouvrir-en-septembre_1452942

[44] http://www.lemonde.fr/education/article/2016/09/07/mixite-au-college-il-faut-rompre-avec-le-mythe-francais-du-grand-soir-politico-technocratique_4993678_1473685.html

http://www.education.gouv.fr/cid110808/agir-pour-la-mixite-sociale-et-scolaire-au-college-discours-de-najat-vallaud-belkacem.html

Dieses pragmatische Vorgehen wird auch von allen sozialistischen Kandidaten für die Präsidentschaft favorisiert. Bei Fillons Vorstellungen zur Bildungspolitik spielt die mixité keine Rolle.

Bild: http://www.najat-vallaud-belkacem.com/wp-content/uploads/2016/12/20161213-NajatVB-Mixit%C3%A9-sociale-125820-Web-720×480.jpg

[45]  http://www.la-croix.com/Famille/Education/Inegalites-scolaires-question-reste-entiere-2016-12-06-1200808501

Die Cité internationale universitaire in Paris: Ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung

Die Cité internationale universitaire in Paris ist in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiger Ort:

  • Sie ist mit 34 Hektar der größte französische  Campus
  • Sie ist damit auch die viertgrößte Grünfläche von Paris (nach dem Bois de Boulogne, dem Bois de Vincennes und dem Parc de la  Villette)
  • Studenten aus 140 Nationen sind hier untergebracht, davon 20% aus Frankreich
  • 40 Nationen, Mäzene oder Hochschulen haben hier Häuser errichtet, eines davon ist das deutsche Haus, la Maison Heinrich Heine
  • Die Cité internationale ist auch ein außerordentliches  architektonisches Ensemble
  • In der Cité werden eine Fülle von kulturellen und politischen Veranstaltungen angeboten
  • Insgesamt kann man sie also „le monde en miniature“ nennen[1], ein Miniaturformat der Welt- und sicherlich einer  besseren Welt als der real existierenden.

Denn gleich wenn man von der RER-Station Cité universitaire kommend die Cité durch den Haupteingang betritt, wird unübersehbar ihr  Anspruch deutlich,  ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung zu sein.

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 Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sollte hier „un laboratoire pour une société en quête de paix et de coopération internationale“ entstehen, [2]  also  ein Laboratorium auf der Suche nach Frieden und internationaler Verständigung. Und das ausgerechnet an einem Platz, der bis dahin militärischen Zwecken gedient hatte. Die Cité liegt nämlich auf dem Gelände des ehemaligen Festungsgürtels von Paris (siehe die Einrahmung im Süden des Plans).

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Dieses Paris umgebende und einschnürende Korsett  war seit 1840 auf Veranlassung des damaligen Ministerpräsidenten Thiers angelegt worden. Thiers betrieb ja  in seiner Zeit als Ministerpräsident unter dem „Bürgerkönig“ Louis Philippe eine ziemlich aggressive Außenpolitik und wollte den französischen Einfluss im Mittelmeer (Ägypten) und bis zum Rhein (Rheinkrise) ausweiten.  [3] Die sogenannten „fortifs“ sollten da gewissermaßen als Rückversicherung dienen.

Im Grunde waren sie aber eine überholte Einrichtung.  Andere europäische Städte -wie zum Beispiel Frankfurt-  hatten damals ihre Festungsanlagen längst geschleift. Und so gab es auch durchaus prominente Kritiker des Thiers’schen Vorhabens. So der Dichter  Alphonse de Lamartine, der damals auch Abgeordneter der Nationalversammlung war und der in einer Rede die immensen Ausgaben für dieses unsinnige Unternehmen kritisierte.  500 Millionen Francs seien zu viel für eine Lüge. (3a)  Und in der Tat: Die Einnahme von Paris durch preußische Truppen 1871 konnten die Festungswerke  nicht verhindern- die erhöhte Reichweite der Artillerie hatte solche Bauwerke obsolet gemacht. Frankfurt zum Beispiel hatte seine Wallanlagen  schon längst (1806-1812) geschleift und daraus einen Grüngürtel  gemacht. Übrigens war es ausgerechnet dem Gesandten der damaligen französischen Besatzungsmacht zu verdanken, dass der bekannteste der etwa 60 Türme der Frankfurter Stadtbefestigung, der Eschenheimer Turm, erhalten blieb- eine hübsche Fußnote  der deutsch-französischen Geschichte.  In Paris wurden die fortifs  erst hundert Jahre später -nach dem Ersten Weltkrieg – beseitigt. Und in einem kleinen Ausschnitt dieser ehemaligen Wallanlagen  wurde die Cité universitaire eingerichtet.

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Die Bastionen waren  auf der der Stadt zugewandten Seite von einer parallel verlaufenden Ringstraße des Militärs begrenzt,  die unter dem zweiten Kaiserreich Napoleons III. zu öffentlich zugänglichen Boulevards erweitert wurde. Die Straßen erhielten allesamt die Namen napoleonischer Marschälle (deshalb auch die zusammenfassende Bezeichnung  Boulevards des Maréchaux ), womit Napoleon III. an die Tradition des „großen“ Napoleon anknüpfen und seine Legitimität verstärken wollte.

Vor den Bastionen gab es ein Glacis von 250 Metern, also ein unbebautes Gelände, das zu Bastionszeiten als freies Schussfeld diente. Natürlich erweckte die Schleifung der Bastionen den Appetit  von Immobilienspekulanten. Es war dem Engagement des Abgeordneten André Honorat zu verdanken, der im Parlament durchsetzte, dass die Stadt Paris den Zuschlag für die Freiflächen erhielt unter der Bedingung, dort Gärten, Parks und Sportanlagen einzurichten. Honorat wurde nach dem Krieg Erziehungsminister und war eine treibende Kraft bei der Errichtung der Cité universitaire.

Die ehemaligen Bastionen 81,82 und 83 im Süden des Parks Monsouris erschienen für eine Cité universitaire besonders geeignet: Sie  lagen relativ nahe am quartier latin, dem Universitätsviertel von Paris, es gab eine Zugverbindung in die Innenstadt, die heutige RER-Linie B, und die Gegend galt wegen der Windverhältnisse und der industriefreien Umgebung als eine der gesündesten von Paris. Den finanziellen Grundstock für die Cité legte ein reicher elsässischer Industrieller, Emile Deutsch de la Meurthe.  Die von seiner Stiftung finanzierten ersten Häuser der Cité tragen bis heute seinen Namen und den seiner Frau Louise. In der Grünanlage zwischen den Häusern  erinnert übrigens noch ein Steinblock an die militärische Vergangenheit des Terrains.

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Die Fondation Emile und Louise Deutsch de la Meurthe

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Modell für die Stiftungshäuser waren die großen amerikanischen und englischen Campus-Universitäten und die zuerst in England entwickelte Konzeption der Gartenstadt. Um eine  rechteckige Grünfläche wurden in symmetrischer Anordnung sechs dreistöckige Pavillons gruppiert. Jede Wohngruppe von 18 bis 24 Einheiten hatte einen eigenen Eingang, um ein soziales Zusammenleben zu erleichtern  – eine Konzeption, die aber wegen des großen Bedarfs an Grund und Boden bei den weiteren Projekten der Cité  nicht mehr aufgegriffen wurde.

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Zentrum der Anlage ist das Hauptgebäude. Dort sind die Verwaltung der Stiftung untergebracht und die Gemeinschaftseinrichtungen:  Ein Musikzimmer, Sportanlagen, ein großer Versammlungsraum, in dem übrigens 2018 auch die Generalprobe für ein Konzert in der UNESCO stattfand, an dem ich teilgenommen habe.

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Der Turm –mit Uhr-  unterstreicht die Bedeutung des Baus, ist aber nicht mit einem Kirchturm zu verwechseln. Die Cité universitaire ist im Geist des französischen  Laïzismus errichtet, da kann es keinen Platz für eine Kirche geben.  Eine Tafel mit einem programmatischen Text zur Grundsteinlegung der Anlage befindet sich am Fuß des Turms neben dem Haupteingang.

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Das zentrale Gebäude kann man im Rahmen von regelmäßig angebotenen Führungen auch im Innern besichtigen.

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Bemerkenswert sind die beiden Supraporten im Salon des Hauptgebäudes: ein aufgeschlagenes Buch wird aus den Wolken (des Geistes?)  den Menschen –hier also den Studenten der Stiftung-  heruntergereicht. Unter dem Buch gibt es eine lateinische Inschrift, zu der allerdings bei meinem Besuch die Führerin von l’Oblique keine Auskunft geben konnte. Immerhin lassen sich die Worte auf der rechten Seite der Banderole gut lesen: SCOL. PA – wobei es sich bei dem Pa offensichtlich nur um einen Wortteil handelt – der Rest befindet sich gewissermaßen auf der Rückseite der Banderole.  Vermutlich ist das die lateinische Bezeichnung für die Universität von Paris (scola  Parisi), vielleicht darf man es aber auch als eine Anspielung auf den Zusammenhang von Bildung (scola) und Frieden (pax) verstehen. Passen würde das immerhin.

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Die Anlehnung an ein  klassisches christliches Motiv – Moses empfängt die 10 Gebote-  ist für mich offenkundig:  Wir befinden uns im  aufklärerischen, laizistischen Frankreich.  Das Buch –also Wissenschaft und Bildung- sind dazu bestimmt, die Rolle der Religion zu übernehmen[4].

Ganzseitiger Faxausdruck

Etwas erstaunlich sind – in einer republikanischen Institution- die drei (bourbonischen) Lilien auf den Supraporten, für die ich bisher -und auch nicht die französischen Freunde, die ich befragt habe- noch keine wirklich befriedigende Erklärung gefunden habe.  Vielleicht soll damit eine Verbindung zur langen universitären Tradition der Stadt Paris  hergestellt werden, die ja  die Lilien in ihrem Wappen trägt- vielleicht sind sie  ein Hinweis darauf,  dass die Cité universitaire auch eine nationale Bestimmung hatte:  Frankreich sollte nämlich nach dem Krieg wieder zur „intellektuellen Hauptstadt der Welt“ gemacht werden[5] und  eine führende Rolle in der internationalen Universitätsszene spielen.  Auch dies hat übrigens durchaus eine aktuelle Dimension: Die jeweiligen Universitäts-Rankings werden in Frankreich mit  größter Aufmerksamkeit registriert und es gibt intensive Überlegungen und Anstrengungen,  die eher nicht so grandiosen internationalen  Rangplätze der französischen Hochschulen zu verbessern und damit im Wettbewerb um die besten  Studenten aus aller Welt an Attraktivität zu gewinnen.

Anders als heute, wo es eher um nationales Prestige und  wirtschaftliche Interessen geht, waren  bei der Konzeption der Cité universitaire aber Frieden und Völkerverständigung die Leitmotive. Wobei den Eliten bei der Völkerverständigung eine Schlüsselfunktion zuerkannt wurde. In einer damaligen programmatischen  Schrift hieß es:

„Es werden die nationalen Eliten sein, die Jahr für Jahr von neuem die Cité Universitaire bevölkern werden. Von ihrem Geist beseelt werden  sie, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren, nicht nur Botschafter Frankreichs und seiner Ideen sein, sondern auch Teil einer Ritterschaft des Friedens.“[6]

Und in einem Bericht über die Cité aus dem Jahr 1928, der u.a. von Honnorat verfasst wurde, heißt es:

„Die Cité ist nicht nur dafür gemacht, die materiellen Schwierigkeiten der Probleme der Studenten zu erleichtern, die von unseren alten  Bildungsstätten angezogen werden; vor allem ist sie dafür gemacht, einen gemeinsamen Rahmen für einen geistigen Austausch zur Verfügung zu stellen und so eine moralische Annäherung der Eliten aus aller Welt zu befördern.“

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Ein wichtiges Instrument dieser  Annäherung war und ist die sogenannte „brassage“: Jedes von einer bestimmten Nation getragene Haus in der Cité nahm und nimmt nicht nur Studenten des eigenen Landes auf, sondern auch Studenten aus anderen Ländern. So sollte –schon auf der Ebene der einzelnen Häuser- der internationale Austausch gewährleistet sein, der zusätzlich dann auch durch das 1936 eingeweihte Maison internationale befördert wurde. Dieser repräsentative Bau (Plan Nr. 22) wurde von John D. Rockefeller finanziert. Rockefeller war ein großer Freund der französischen Architektur und er hatte vorher schon erhebliche Geldmittel zur Restaurierung der Kathedrale von Reims und der Schlösser von Fontainebleau und Versailles zur Verfügung gestellt. Der schlossartige Charakter des Maison internationale ist denn auch unverkennbar: Eine klassische Dreiflügelanlage mit einem repräsentativen Foyer…

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… und einem ebenso repräsentativen Festsaal, dem Salon Honorat, in dem zum Beispiel Anfang Februar 2013 der 90. Geburtstag von Alfred Grosser gefeiert wurde – organisiert vom deutschen Haus der Cité und der Hochschule Science Po, wo Grosser Professor war.

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Ein Rundgang durch die Cité universitaire

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Ausgangspunkt für einen Rundgang ist die Station Cité universitaire der RER-Linie B. Am besten sieht man sich danach etwas im Maison internationale um (Plan Nr.22), bevor man dann über die große Grünfläche, sich halb rechts haltend, zur Fondation Avicenne weitergeht  (Plan Nr. 37). Hier handelt es sich um einen ziemlich avantgardistischen Bau,  zumindest für die Zeit seiner Entstehung (1969)- damals war das noch das Haus des Irans. Allerdings ist das Bauwerk wegen der verwendeten Materialien und der aktuellen Sicherheitsbestimmungen widersprechenden Außentreppe nicht bewohnbar.  Aber im Erdgeschoss gibt es eine  Ausstellung zur Cité universitaire des Centre du Patrimoine/L’oblique: Ein guter erster Überblick über die Geschichte der Cité und einzelne Häuser.

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Neben der Fondation Avicenne liegt das deutsche Haus der Cité, das Maison Heinrich Heine (Plan Nr.36).

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Das Maison Heinrich Heine feierte im November 2016 sein 60-jähriges Bestehen: Es wurde also erst 1956 eingeweiht – offenbar gab es in der Zeit nach dem Ersten Weltkriegs noch keinen Platz in der Cité internationale für ein deutsches Haus – ein gewisser Widerspruch zu dem Anspruch der Einrichtung, den Frieden und die Verständigung der Völker zu befördern.   Das MHH bietet seit Jahren ein außerordentlich intensives und hochkarätiges politisches und kulturelles Programm an. Es hat eine weit über die Cité internationale reichende Ausstrahlung und war und ist in unseren Pariser Jahren ein wichtiger Anlaufpunkt.  Deshalb möchte ich es hier  bei diesen Bemerkungen belassen und  in einem weiteren  nachfolgenden Blog-Beitrag näher auf das MHH eingehen. (Seit November 2017 auf diesem Blog: La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire).  Auf die Cafeteria im Untergeschoss des Hauses, die für jedermann zugänglich ist,  soll aber schon einmal hingewiesen werden: Öffnungszeiten montags bis freitags 8.00-14.30 Uhr, samstags 10-14.30 Uhr.

Die Architektur der Cité universitaire: Heimatverbundenheit und Universalismus

Die Internationalität der Cité universitaire sollte auch in ihrer Architektur zum Ausdruck kommen: Die Studenten sollten einerseits immer den universalistischen Anspruch und den internationalen Charakter der Einrichtung vor Augen haben, sich aber andererseits auch heimisch fühlen: Die jeweiligen Pavillons sollten also  so gebaut sein, dass sie die Studenten an ihre Heimat erinnerten.

Nachfolgend werden zunächst einige der landestypischen Häuser aus der Anfangszeit der Cité universitaire vorgestellt, die sich im Westteil der Anlage befinden,   – danach ein weiteres im Ostteil der Cité  aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die internationale Architektursprache  nationale Bezüge verdrängte.

Die Fondation Deutsch de la Meurthe ist ja schon weiter oben vorgestellt worden. (Plan Nr.14). Auf dem Weg dorthin kommt man am griechischen Haus (fondation hellénique) vorbei, das 1932 eingeweiht wurde.

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Dass es sich um das griechische Haus handelt, ist ganz unverkennbar: Wegen der Verwendung der Landesfarben blau und weiß bei der Bemalung der Seitenwände, des  Mäandermusters und wegen der  Namen –in griechischer Schrift- bedeutender Griechen an den Außenwänden- hier der Staatsmann und Feldherr Perikles.

Und der Eindruck bestätigt sich, wenn man vor dem Eingang des Hauses steht, einem mächtigen Portikus mit  ionischen Säulen und  dem eingemeißelten Namen des Hauses.

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Résidence Lucien Paye  (Plan Nr. 26)

Vom griechischen Haus sollte man auch einen Blick auf die nebenan gelegene  Résidence Lucien Paye werfen. Dieses 1951 eingeweihte Haus war ursprünglich das „Maison de la France d’outre-mer“, also das Haus des überseeischen Frankreich. Es war in der ursprünglichen, noch in die 1920-er  Jahre zurückreichenden ersten Planung bestimmt für (weiße) Studenten aus den französischen Kolonien, deren Eltern dort als Siedler oder Beamte tätig waren. Als die Planung dann nach dem Krieg verwirklicht wurde, war das Haus für die schwarzafrikanische und madegassische studentische Elite bestimmt. Nachdem die Kolonien unabhängig wurden, erhielt das  Haus den Namen eines ehemaligen Erziehungsministers und Repräsentanten Frankreichs im Senegal. Einer der Architekten  des Hauses war Albert Laprade, der  in der Zwischenkriegszeit das Palais des colonies an der Porte Dorée entworfen  hatte. Dieses Palais war für die Kolonialausstellung von 1931 gebaut worden – heute ist es Immigrationsmuseum.[7]

Bemerkenswert sind vor allem die Reliefs an der Eingangsseite des Gebäudes.

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Sie entsprechen in frappierender Weise den Reliefs auf den Wänden des Palais des colonies. Dort werden die Segnungen des französischen Kolonialismus und der menschliche und ökonomische Reichtum des Kolonialreichs angepriesen.  Zwischen beiden Bauwerken und Reliefs  liegen 20 Jahre, der Zweite Weltkrieg und der Beginn der Unabhängigkeitsbewegungen.  Aber, das scheint jedenfalls die Botschaft der Reliefs von 1951 zu sein: Die Welt des französischen Kolonialismus ist noch in bester Ordnung![8]  immigration-fassade-004

Im März 2017 hatte ich Gelegenheit, das Haus auch etwas von innen kennzulernen. Anlass war die Generalprobe meines Chors für ein Konzert in der UNESCO. Auch innen ist das Bemühen deutlich, die afrikanische Tradition zu vermitteln. Beispielsweise durch die Fußbodenbeläge:

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Das Parkett mit afrikanischen Edelhölzern im Salon

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Die Wandteppiche im Salon zeigen traditionelle afrikanische Motive

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Jedenfalls ein wunderbarer Ort für eine Generalprobe

(Hier der Chef des Orchesters Espoir sans frontières mit den vier Solisten des Stabat mater von Rossini)

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Dieses Haus, früher La Maison d’Indochine,  gehört noch ganz zur kolonialen Epoche, als Frankreich „an seine zivilisatorische Mission“ glaubte und an seine „Aufgabe,  die  Traditionen der ‚Eingeborenen‘ zu schützen, die es beherrschte.“ (1), S. 18

Der Grundstein für das Gebäude wurde 1928 gelegt, im Beisein des französischen Kolonialministers und des Kaisers von Annam Bao Daï. Die französischen Architekten des Hauses stellten mit einer Reihe von architektonischen Zitaten den Bezug zu dieser Tradition her (z.B. Dachform, Drachenrelief über dem Eingang).

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Gerade auch bei der Dekoration im Innern ist der Bezug zur ostasiatischen  Tradition unverkennbar.

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Hier fühlt man sich in den eleganten Salon eines herrschaftlichen Hauses in Vietnam oder Kambodscha versetzt. Kürzlich diente er als Schauplatz für eine Nummer der  französischen  Fernsehreihe mit dem schönen Titel „La France a un incroyable talent“.  In dem Begleitmaterial wird der Raum so beschrieben:

D’une superficie de 120 m2, le Grand Salon se place parmi les chefs d’œuvres du patrimoine de la Cité internationale, tirant ses influences des temples et palais du Sud-Est de l’Asie. L’aspect résolument asiatique du salon transparaît dans six grandes peintures décoratives qui ornent ses murs : de grands dragons sino-vietnamiens se faisant face deux par deux, flottant au milieu des nuées et surplombant l’écume, tenant entre leurs griffes un symbole d’éternité doré.[9]

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Allerdings ist der Zugang nur über eine Führung  von l’Oblisque  oder anlässlich einer Veranstaltung möglich. Und in diesem Rahmen an einem Konzert teilzunehmen ist schon ein besonderes Erlebnis.

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Für eine Pause oder den Abschluss des Rundgangs bietet sich bei schönem Wetter ein Picknick auf der großen Wiese hinter dem Maison internationale an. Dort gibt es auch eine Cafeteria mit einer schönen Terrasse, von der aus man einen Blick über den mittleren Teil der Cité internationale hat.

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Reichen Zeit und Energie sollte man noch einen kleinen Spaziergang zum östlichen Teil der Cité unternehmen. Auch dort gibt es eine Reihe bemerkenswerter  Häuser  (u.a. Schweiz, Marokko, Brasilien, Mexiko), von denen eines, das Maison du Brésil, abschließend vorgestellt werden soll- einmal wegen seiner architektonischen Prominenz, zum anderen aus einem ganz praktischen Grund:  Es ist –  zumindest sein Erdgeschoss-  eines der wenigen Häuser der Cité internationale, das auch unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes und der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen zugänglich ist. ( 1 Euro Gebühr)

La Maison de Brésil  (Plan Nr. 33)

Das Maison du Brésil ist –nach der Einschätzung eines Architekturführers- nicht weniger als „eines der markantesten Bauwerke des 20. Jahrhunderts“ (1, S. 44).  Gebaut wurde es von zwei bedeutenden Architekten: dem Brasilianer Lucio Costa, dem Planer der neuen Hauptstadt Brasiliens, Brasilia, und dem französischen Architekten Le Corbusier.  Typisch für Le Corbusier sind unter anderem  die farbigen Loggien, die es auch in dem von ihm geplanten Wohnblock (Corbusierhaus)  in Berlin-Willmersdorf  gibt. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Architekten war allerdings nicht konfliktfrei:  Le Corbusier  veränderte  die Konzeption Costas „et donna à l’ensemble un caractère ‚brutaliste‘, à l’image de ses réalisations de l’époque.“ (a.a.O.)  Sogar die Tische im Foyer  sind aus Rohbeton gefertigt.

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Der „Brutalismus“ wird allerdings gemildert durch die lebhafte Farbgebung.

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Im Foyer gibt es auch eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Baus und die beiden beteiligten Architekten.

Und gleich in der Nähe gibt es die Fondation Suisse, deren Gebäude schon zu Beginn der 1930-er Jahre von Le Corbusier errichtet wurde -das erste „moderne“ Gebäude auf dem Campus der Cité internationale. Man kann hier beobachten, wie Le Corbusier versuchte, seine berühmten 5 Punkte der Architektur umzusetzen. Und dies an einem großen, aber überschaubaren Wohnblock- einer avant-gardistischen „machine à habiter“ – einer „Wohnmaschine“  nach den Worten  Le Corbusiers.  (10)

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Das Wandgemälde im Salon stammt auch von Le Corbusier.

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Ein Zimmer des Hauses mit dem Mobiliar von Charlotte Periard kann von Besuchern besichtigt werden. (10-12 und 14-17 Uhr).

Ein Abstecher zum Maison du Brésil und zur Fondation Suisse  lohnt sich also.

Und das gilt auch für das in der östlichen Ecke am boulevard Jourdan gelegene Maison du Maroc  (Plan Nr. 28): eine schöne Etappe der architektonischen Reise um die Welt in der Cité internationale universitaire de Paris.

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Während sich Marokko hier eher im traditionellen Stil präsentiert, hat Tunesien eine moderne Form der Präsentation gewählt, die aber die kulturelle Identität des Landes deutlich macht: Der Erweiterungsbau der Fondation de la Maison de Tunisie, der Pavillon Habib Bourgiba, der 2019 eröffnet werden soll, ist mit einer metallischen Außenhaut mit calligraphischem Muster überzogen- sicherlich ein neuer „Hingucker“ des CIUP, auf den man sich schon freuen kann. (11)

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Fotos: Wolf Jöckel, Februar 2023

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Das Maison de la Tunisie  ist Teil einer „Verjüngungskur“ (Le Monde), die derzeit im Gange ist. Nachdem es seit 1969 (Eröffnung des Hauses des Iran)  in der  Cité Universitaire lange Jahre keine weiteren Bauten gab, hat seit 2017 eine rege Bautätigkeit eingesetzt. Im September 2917 wurde als erster neuer Bau das Haus der Île de France eingeweiht, das sich, so der Bauherr,  als Pionierbau versteht: . „La Maison de l’Île-de-France est le premier bâtiment d’habitation collective à énergie positive de source 100% solaire avec un système de stockage thermique inter-saisonnier d’une telle dimension réalisée en France“. (12)

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Bis 2025  sollen acht weitere Bauten folgen, so dass die Unterbringungskapazität um 30% gesteigert wird. Dabei geht es aber nicht einfach nur um eine Vergrößerung: Der Anspruch ist, dass das außergewöhnliche Ensemble der Cité universitaire durch die neuen Bauten auch bereichert wird. Das neue Maison de la Tunisie und das Maison de l’Île de France sind dafür hervorragende Beispiele.

Nachwort

Als ich Sommer dieses Jahres begann, in Vorbereitung der Dresdener Tagung  (s. Blog-Beitrag über die Friedensmauer auf dem Marsfeld) nach Orten des Friedens in Paris zu suchen, fragte ich auch unseren alten Pariser Freund Remi Dreyfus, welche Ideen er vielleicht dazu habe. Er schrieb mir:

„Je pense qu’on devrait montrer une réalisation  exemplaire de la Troisième République,  celle de la Cité  Universitaire internationale Bvd Jourdan au sud du Parc de Montsouris. Cela concerne  l’éducation mais c’est par elle qu’on peut approcher la Paix de la plus belle manière. Et en outre c’est un lieu charmant et une promenade magnifique (par beau temps) entre les pavillons des divers pays qui y ont construit leur maison à commencer par l’Allemagne“.

Was für ein schöner Hinweis, für den ich sehr dankbar bin! Die besondere Hervorhebung des  Heinrich Heine- Hauses  am Schluss trifft zwar – was die zeitliche Dimension angeht- nicht zu, denn das deutsche Haus ist ja gewissermaßen ein Nachzügler in der Cité Internationale; aber herausragend sind sicherlich seine besondere Rolle und  Ausstrahlung. Die sind gerade wieder (im November 2016)  bei der Feier des 60. Geburtstages des Hauses eindrucksvoll deutlich geworden.  Und die Hervorhebung des MHH im Brief eines Widerstandskämpfers gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg darf vielleicht auch als ein kleiner schöner Hinweis darauf verstanden werden,  wie fest das gesellschaftliche Fundament der deutsch-französischen Beziehungen inzwischen ist. Das stimmt zuversichtlich gerade am Beginn eines neuen Jahres, in dem die deutsch- französischen  Beziehungen wieder großen Herausforderungen und vielleicht auch immensen Belastungsproben ausgesetzt sein  werden.

Literatur:

La Cité internationale universitaire de Paris. Architectures paysagées. Paris : L’oeil d’or 2010 (1)

La Cité internationale. Connaissance des Arts. Paris 2010 (2)

La Cité U ou comment cultiver la Paix. In: Vivre Côté Paris 46, août/sept. 2016, S. 118-129 (3)

La Cité internationale universitaire de Paris. Préface Étienne Dalmasso. Paris: Éditions Hervas 2010 (4)

Parcours du patrimoine Région Île de France, 354: La fondation Emile et Louise Deutsch de la Meurthe. 2010

Parcours du patrimoine Région Île de France, 383: La Cité internationale universitaire de Paris. 2013

Kévonian, Dzovinar und Tronchet, Guillaume: La Babel  étudiante. La Cité internationale universitaire de Paris (1920-1950). Rennes 2013

http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

Praktische Informationen

Die CIUP ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen: Station Cité Universitaire der Linie B des RER oder der Linie 3a der Tram

Es werden regelmäßige Führungen angeboten zur Architektur, zum Park, zum Leben in der Cité Universitaire. Näheres unter:  http://www.ciup.fr/oblique/visites-guidees/

Ein Zugang zu den Häusern ist auch möglich bei Veranstaltungen. Eine entsprechende Übersicht findet man unter:    http://www.ciup.fr/citescope/

Das Erdgeschoss des Maison de Brésil kann gegen eine Gebühr von 1 Euro besichtigt werden.

Anmerkungen

[1] Cité universitaire, Le monde en miniature. In: Histoire et patrimoine 2005, no 1 p 129-137

siehe auch: http://www.leparisien.fr/culture-loisirs/sortir-region-parisienne/patrimoine-a-paris-la-cite-u-sans-frontiere-14-04-2017-6854343.php

[2] (4)  siehe dazu:    http://www.ciup.fr/paix/

[3] Siehe die Informationen zur sog. Rheinkrise im Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe (November 2016)

(3a)  siehe Nicolas Chaudin, Le promeneur de la Petite Ceinture. 2003, S.10

[4] In einem aktuellen Grundsatzartikel zur Laïzität habe ich kürzlich in der Zeitschrift „Marianne“ sogar die Gegenüberstelllung von „culture ou religion“ gefunden. (7.-13. Okt 2016, S.11).  Die Rolle der Religion im republikanischen Frankreich ist –gerade im Blick auf den Islam- aktueller und kontroverser denn je.

[5] (4) Interessant übrigens, dass in der Fondation Deutsch de la Meurthe zunächst nur französische Studenten aufgenommen wurden.

[6] Georges Bourdon, Au service de la paix. Zitiert in (4)

[7] Eine Broschüre über die Résidence Lucien Paye ist am Empfang des Hauses und in der Fondation Avicenne erhältlich.

[8] Dies war ja auch die Botschaft der Konferenz von Brazzaville vom Jan./Febr. 1944, wo auf Einladung de Gaulles über die Zukunft der französischen Kolonien  beraten wurde. Zwar wurden  da  im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich Verbesserungen für die „Eingeborenen“ ins Auge  gefasst, aber jede Idee einer Selbstbestimmung und einer Entwicklung außerhalb „du bloc français de l’Empire“ abgelehnt: „la constitution éventuelle, même lointaine, de self-governments dans les colonies est à écarter.“ https://fr.wikipedia.org/wiki/Conf%C3%A9rence_de_Brazzaville

[9] http://www.ciup.fr/accueil/la-france-a-un-incroyable-talent-sinvite-dans-le-decor-asiatique-de-la-cite-66229/

(10) http://www.ciup.fr/fondation-suisse/histoire-de-la-maison/                                                 https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnf_Punkte_zu_einer_neuen_Architektur

(11) http://tunisie.co/article/8523/actus/actus/calligraphie-471111

(12) Le Monde vom 7.2. 2019  https://www.lemonde.fr/culture/article/2019/02/07/la-cite-universitaire-internationale-s-offre-une-nouvelle-jeunesse_5420280_3246.html

De nouvelles maisons ouvriront à la Cité Internationale Universitaire !

Zitat und nachfolgendes Bild aus: https://www.iledefrance.fr/toutes-les-actualites/la-maison-de-l-ile-de-france-a-la-cite-internationale-universitaire-primee

Stolpersteine in Frankfurt am Main, eine Buchempfehlung

Im Juni 2016 habe ich in diesen Blog einen Bericht über die Verlegung von zwei Stolpersteinen in Frankfurt am Main eingestellt: Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße. Am Anfang stand eine Begegnung in Paris mit dem in Frankfurt geborenen und bis zur sog. „Kristallnacht“ dort aufgewachsenen Pariser Arzt Dr. Pierre Adler – ein im Blog beschriebenes,  für alle Frankfurter Lokalpatrioten und Stoltze-Freunde wahrhaft anrührendes Zusammentreffen. Daraus entstanden mehrere Projekte:

  • ein Interview mit Dr. Adler, das dem Projekt „jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung gestellt wurde;
  • von meiner ehemaligen Kollegin Frau Doris Stein erstellte Portraits von Recha und Dr. Leo Koref sowie von Dr. Pierre Adler, die demnächst  auf der Website des Projekts veröffentlicht werden.
  • ein Besuch von Dr. Adler und seiner Frau in Frankfurt im Mai 2016 im Rahmen des Besuchsprogramms der Stadt für  jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürger“
  • und im Rahmen dieses Besuchsprogramms die Verlegung von zwei Stolpersteinen in der Frankfurter Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref, zwei Verwandte von Dr.  Adler, die Opfer des Holocausts geworden sind.

Zwar hatte ich bis dahin schon einige Stolpersteine gesehen und auch einiges darüber  gelesen, aber mich noch nicht intensiver mit ihnen beschäftigt. Das Stolperstein-Projekt für die Verwandten Dr. Adlers mit der bewegenden kleinen Verlegungs- Zeremonie vor dem Haus Westendstraße 98 als Abschluss und Höhepunkt veranlasste mich aber, bei einem Besuch der Stadt gewissermaßen mit Stolperstein-Blicken durch die Straßen zu gehen und machte mich neugierig –hatte ich wieder einen entdeckt- mehr über die Menschen zu erfahren, an die hier erinnert wird.

Diesem Bedürfnis kommt jetzt ein gerade erschienenes kleines Buch entgegen. Herausgegeben von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main schlägt es zehn Rundgänge durch Frankfurter Stadtteile  vor.  Sie führen zu Orten, aus denen Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus herausgerissen wurden und man erfährt dabei etwas über ihr Schicksal. Und es wird auch auf Orte jüdischen Lebens in Frankfurt aufmerksam gemacht, an denen man sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würde.

stolpersteine

Dass ich  dieses Buch hier empfehle, hat mehrere Gründe:

In Frankfurt gibt es inzwischen weit mehr als 1000 Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes – nach Berlin, Hamburg und Köln ist Frankfurt damit die vierte deutsche Stadt mit mehr als 1000 Stolpersteinen. Immerhin hatte Frankfurt ja auch in den 1920-er Jahren nach Berlin die größte jüdische Gemeinde Deutschlands und war die deutsche Stadt mit dem größten Anteil jüdischer Bevölkerung (6,3%).  Alle Stolpersteine in einem Buch zu dokumentieren, würde wohl in vielerlei Hinsicht abschrecken. Aber sich ab und zu unter Anleitung eines handlichen kleinen Buches einen eng umgrenzten Spaziergang von 1 bis 3 km Länge durch einen Frankfurter Stadtteil vorzunehmen: Das wirkt einladend. Zumal Anfangs- und Endpunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sind. Diese praktischen Informationen stehen gleich am Anfang der beschriebenen Rundgänge. Und eine Übersichtskarte gibt es auch.

Das Projekt der Stolpersteine ermöglicht einen konkret erfahrbaren Einblick „in jene umfassende Kartographie (….), welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen“, wie die israelische Kunsthistorikerin Galit Noga-Banai schreibt. „Die Toten  des Holocaust haben keine eigenen  Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität- kurz eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten oder Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhandenen ‚Siedlungsschichten‘ gibt es -und wird es immer geben- die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben.“ (1)

Ein wichtiges Verdienst des Bucches ist es, dass hier nicht nur eine Kartographie jüdischen Lebens und jüdischen Leidens und Sterbens deutlich wird, sondern dass zusätzlich zu den auf den Stolpersteinen genannten Namen viele oft mit Bildern versehene nähere Informationen gegeben werden. Diese biographischen Angaben enden meist mit den Worten  „verhaftet“, „erschossen“, „deportiert“, „vergast“, „ermordet“.  Es geht hier um unermessliche, schreckliche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen  wurden. Aber es sind hier keine abstrakten und sowieso kaum fassbaren Zahlen, sondern einzelne Menschen, mit einem Namen, einer Familie, einer eigenen Geschichte und einem konkreten Ort, wo sie gelebt haben, aber auch, wo sie zu Tode gekommen sind.  Dabei wird auch deutlich, was die Stadt mit der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Mitbürger verloren hat.  Da ist die Opernsängerin Magda Spiegel, die 18 Jahre lang dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte. Sie übernahm Rollen in Opern von Wagner und Verdi, wurde aber auch von zeitgenössischen Komponisten wie  Hindemith, Schreker und Richard  Strauß geschätzt. Theodor W. Adorno bezeichnete sie noch Anfang 1933 als „eine der größten Sängerinnen im deutschsprachigen Operntheater“. (S. 83)  1935 wurde ihr Vertrag nicht mehr verlängert. Ihr weiteres Leben in Frankfurt war von großer Not und mehreren erzwungenen Umzügen geprägt. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie noch bei Opernabenden sang.  1944 verlor sich ihre Spur in Auschwitz… Da gibt es den Kaufmann Julius Wertheimer, dem ein großzügiges Mietshaus am Bethmannpark gehörte. Die Nazis machten daraus ein Ghettohaus oder –wie sie es nannten- ein „Judenhaus“, in dem andernorts vertriebene Juden zusammengepfercht wurden. Julius Wertheimer überlebte die NS-Herrschaft in einem Versteck in Amsterdam – anders als Anne Frank, die natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen darf und der ein eigener Rundgang gewidmet ist. Man kommt dabei an ihrem Geburtshaus vorbei und an dem  Haus, in dem die Familie Frank von 1931 bis zur Übersiedlung nach Amsterdam 1933 wohnte. Anne Franks Vater wurde dort Direktor der Opekta-Niederlassung. Ab 1942 wurden Anne und ihre Familie von holländischen Angestellten der Firma im Hinterhaus des väterlichen  Geschäfts in der Prinsengracht versteckt, wo das weltberühmte Tagebuch entstand. Im August 1944 wurde das Versteck verraten und die Bewohner verhaftet und deportiert. Im KZ Bergen-Belsen wurde Anne Frank ermordet. Der Rundgang auf den Spuren  Anne Franks beginnt übrigens an der Bildungsstätte Anne Frank, einem schönen Beispiel des in den 1920-er Jahren in Frankfurt sehr lebendigen Bauhaus-Stils. Das Gebäude war zunächst Jugendherberge, nach dem Krieg Theater der amerikanischen  Armee (American Playhouse); seit 1990 ist es ein Ort, an dem pädagogische Bildungsarbeit zu historischen und aktuellen Themen für Jugendliche und Pädagogen betrieben wird. (In meiner Zeit als Lehrer und Ausbilder in Frankfurt war ich öfters  dort mit Gruppen von Schülern oder angehenden Lehrkräften zu Gast).

Die meisten Geschichten, die in dem Buch anhand der Stolpersteine erzählt werden, enden tragisch wie die beiden nachfolgenden, die ich hier aufgreife,  weil sie zu diesem Frankreich- Blog und dem dort zu findenden Text über „Exil in Frankreich“ (Frankreich/Geschichte 18. April 2016) passen:  Der kleine  Kurt Joseph Marx (Stolperstein von der Eysseneckstraße 33) ist durch seine musikalische Begabung so bekannt, dass er  im Frankfurter Radio Akkordeon spielt. Schon 1933 entscheidet sich die Familie zur Großmutter ins Elsass zu ziehen. Mit Kriegsbeginn werden Kinder und Eltern zunächst als feindliche Ausländer interniert, dann aber wieder freigelassen. Kurt arbeitet als Knecht bei Bauern und kann so die Familie mit Nahrungsmitteln versorgen. Nach dem Sieg der Wehrmacht über Frankreich gelangt die Familie in das noch unbesetzte Südfrankreich, wird auch dort interniert, aber unter abenteuerlichen Umständen erneut freigelassen. 1943 wird Kurt dann aber endgültig verhaftet und über das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen und das Durchgangslager Drancy bei Paris –heute endlich eine würdige Gedenkstätte- nach Majdanek in den Tod geschickt. Ein ähnliches Schicksal erlitt auch Joseph Strauß, dessen Eltern in der Fahrgasse 44-46 eine koschere Metzgerei betrieben. (heute 18-20. Dort liegen die Stolpersteine für ihn und seinen Bruder Robert, der ebenfalls –mit Frau und Kindern deportiert und ermordet wurde).  Joseph konnte 1937 über Italien und die Schweiz nach Frankreich flüchten, wo er im Lager Rivesaltes bei Perpignan als „unliebsamer Ausländer“ interniert wurde – neben spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen, Juden, Kommunisten und „Zigeunern“. Im Dezember 1942, also kurz nach der Besetzung der von Vichy verwalteten sogenannten „freien Zone“,  wurde auch er über Drancy nach Auschwitz deportiert.

Wichtig und gut ist, dass bei den Stolpersteinen und den Rundgängen nicht nur jüdische Opfer des NS-Regimes berücksichtigt sind. Es sind auch  Euthanasie-Opfer oder die 1940 ins KZ  Ravensbrück eingelieferte und dann ermordete Sinti- und Roma- Frau Kunigunde Klein. Ihren Nachkommen wurde noch 1962 eine „Wiedergutmachung“ –ein „Unwort“ der 1950-er Jahre-  verweigert, weil doch angeblich erst 1943 „die Verfolgung der Zigeuner aus rassischen Gründen“ begonnen habe. Dies entsprach der damals geltenden Urteilspraxis, nach der die Verfolgung der Sinti und Roma bis 1943 allein auf die Neigung dieser Bevölkerungsgruppe zu „Asozialität“, „Kriminalität“ und „Wandertrieb“ zurückzuführen, also insoweit nicht entschädigungsrelevant sei. Der Stolperstein für Kunigunde Klein  wirft damit ein Schlaglicht auf ein düsteres Kapitel der deutschen Rechtsgeschichte nach 1945.

Die Darstellung der Rundgänge beginnt mit einer allgemeinen Einführung in den entsprechenden Stadtteil – natürlich unter besonderer Berücksichtigung der Rolle, die dort vor 1933 jüdische Mitbürger/innen gespielt haben. Insgesamt wird in dem Buch viel von dem alten  Frankfurt lebendig, wozu entsprechende Illustrationen, zum Beispiel der Judengasse und  des Stammhauses der Rothschilds in der Börnestraße, beitragen. Aber dazu kommen auch viele eher private Fotos – vermutlich aus Familienbesitz-  so dass insgesamt ein  facettenreiches Bild jüdischen Lebens in Frankfurt entsteht.

Bei den Rundgängen erfährt man auch  viel Schlimmes, Bedrückendes über geschäftstüchtige, schamlose Profiteure, die in der Vertreibung ihrer  Mitbürger eine Chance für sich sahen, indem sie zum Beispiel „nicht-arischen Besitz“ billig ersteigerten, jüdische Immobilien zum Schnäppchenpreis aufkauften oder ihren Nachbarn, die die Wohnung verlassen mussten, weil sie deportiert wurden,  ein paar Kartoffeln für ein  Möbelstück anboten: „Ihr kommt ja doch alle fort und dürft nichts mitnehmen“. An Vertreibung und Vernichtung erinnern die neue Gedenkstätte an der Großmarkthalle/der EZB oder die Gedenkstätte am Börneplatz mit dem Alten Jüdischen Friedhof, die auch bei den Rundgängen angesteuert werden: An der Außenmauer des Alten Jüdischen  Friedhofs sind auf 12.780 kleinen hervorgehobenen Stahlblöcken Name, Geburtstag, Todestag und Deportationsort aller Frankfurter Juden verzeichnet, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden.

Aber auf den Rundgängen wird auch die Civilcourage nicht ausgespart, die es immerhin gab; Da ist die „arische“ Haushaltshilfe, die von dem jüdischen Ehepaar,  bei dem sie arbeitete, aufgrund der Nürnberger Gesetze entlassen werden  musste; die aber nachts ins Haus schlich, um Lebensmittel zu bringen, während ihre Tochter Schmiere stand… oder der  katholische  Pfarrer, der sich weigerte, am 9. November 1935 –dem Gedenktag an den Hitlerputsch von 1923- seine Kirche mit Hakenkreuz-Fahnen zu beflaggen und der deshalb mehrere Monate in Haft gehalten  wurde… oder der in dem Buch „Portier“ genannte „Hauswart“,  der am 10. November 1938 den gewalttätigen Nazimob abwehrte, indem er im gespielten Brustton der Überzeugung erklärte, in diesem Haus gäbe es keine Juden: Davon haben zum Teil die berichtet,  denen solche Akte der Menschlichkeit galten. Und es sind gerade solche Akte der Menschlichkeit und der Civilcourage, die hochgehalten werden müssen, wenn man das „Nie wieder!“  als Auftrag ernst nimmt.

Man kann das Buch gut in die Tasche stecken und mit seiner Anleitung dem einen  oder anderen  Rundgang folgen. Man kann aber das Buch oder das eine oder andere Rundgang-Kapitel einfach auch nur in Ruhe lesen. Eine abwechslungsreiche, spannende, beschämende, bereichernde Lektüre. Das liegt auch an den vielen verwendeten persönlichen Dokumenten, die die Initiative Stolpersteine aufgespürt und verwendet hat: Das ist Geschichte von unten  im besten Sinne.  Das Buch enthält dazu eine Reihe von aufschlussreichen Anhängen: u.a. eine Liste der Deportationen aus Frankfurt von 1941- 1945; ein Glossar, in dem im Buch verwendete Begriffe wie „Heimeinkaufsvertrag“,  „Mischehe“ oder eben „Judenhaus“ erklärt werden; eine Übersicht über Opfergruppen (Juden, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, politischer Widerstand, „Euthanasie“-Opfer) mit der Angabe, wie viele Stolpersteine bisher für Angehörige der jeweiligen Gruppen verlegt wurden, und eine ausführliche,  auch auf die einzelnen Stadtteile bezogene Bibliographie.

 

Stolpersteine  holen, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann in dem Grußwort zu dem Buch schreibt, „Opfer aus ihrer Anonymität und geben uns und ihnen ihre persönliche Geschichte zurück. Sie führen uns zu den Orten, wo sie gelebt, gearbeitet, gelitten haben.“  Sie sind Anlass  und Ergebnis einer engagierten Forschungsarbeit, wie sie unter anderem von der Initiative Stolpersteine Frankfurt oder vom Projekt jüdisches Leben in Frankfurt geleistet wird. Oft waren es die Stolpersteine, die dazu anregten, Erinnerungen an die dort genannten Menschen zu erzählen und aufzuschreiben und sie so vor dem  Vergessen zu bewahren. Stolpersteine sind auch Anlass für Begegnungen zwischen überlebenden Opfern und ihren Nachkommen einerseits, die oft von weither anreisen, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein, und den (i.a.) Frankfurter/innen, die die Patenschaft für einen Stein übernommen haben. Und sie sind – um noch einmal Peter Feldmann zu zitieren, „eine Form der aktiven Annäherung an die Geschichte“, die „durch ihre Anschaulichkeit auch besonders geeignet (erscheint) für Schulklassen, Jugendgruppen und für junge Menschen überhaupt.“ Dies umso mehr, als es kaum noch Zeitzeugen gibt, die selbst noch berichten können. Und es gibt  immer mehr junge Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen in Deutschland, die auch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte vertraut gemacht werden sollten und von denen manche, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten,  ganz persönliche Bezüge zu denen finden können, deren  Namen auf den Stolpersteinen verzeichnet sind.  In diesem  Sinne verstehe ich übrigens auch das Bild, das die Initiative  Stolperstein für das Foto auf der Umschlagseite ausgewählt hat.

Ich wünsche dem Buch also die Verbreitung, die es verdient. Und wenn dann einmal eine zweite  Auflage notwendig sein wird, dann wünsche ich mir, dass darin auch ein Rundgang durch das südliche Westend aufgenommen wird. Lohnende Anlaufpunkte gäbe es da mehr als genug: Zum Beispiel die Bettinaschule, die sich sehr engagiert mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus und dem Schicksal ehemaliger jüdischer Mitschüler/innen auseinandergesetzt hat; oder in der Westendstraße 92 den Stolperstein des Mediziners und Mitbegründers der Frankfurter Stiftungsuniversität Karl Herxheimer, der den eminenten Beitrag  jüdischer Mitbürger zur kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung Frankfurts veranschaulicht – und ein paar Häuser weiter befinden sich vor der Nr. 98 natürlich die Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref….

 

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (Hrsg.): Stolpersteine in Frankfurt am Main. Zehn Rundgänge. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2017. 196 Seiten, 14.90 €

 

Vorstellung der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main (S.195):

„Die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main recherchiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit. Die Lebensgeschichten der Menschen, für die Stolpersteine verlegt werden, erscheinen in einer jährlichen Dokumentation. Die Dokumentationen sind in gedruckter Fassung erhältlich sowie als PDF-Dateien auf der Homepage der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main herunterzuladen. Auf der Homepage der Initiative befindet sich auch die Liste der bisher verlegten Stolpersteine in alphabetischer Reihenfolge sowie nach Stadtteilen sortiert und unter dem Menüpunkt Dokumentationen ein Link zur Kartendarstellung aller in Frankfurt verlegten Stolpersteine. Auch die Homepage der Stadt Frankfurt bietet eine umfassende Dokumentation aller bisher verlegten Stolpersteine.“

Kontakt:

info@stolpersteine-frankfurt.de

www.stolpersteine-frankfurt.de

Dort findet man auch die Daten und Orte weiterer Stolperstein-Verlegungen, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.

Die Website des Projekts „jüdisches Leben in Frankfurt“:

http://www.juedisches-leben-frankurt.de/home/biographien-und-begegnungen.html

Die Informationen  zu Stolpersteinen auf der Website der Stadt Frankfurt am Main:

http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=1907322&_ffmpar[_id_inhalt]=1945549

 

Anmerkung:

(1) Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Günter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ 25. Januar 2018, S. 12. Noga-Banai kritisiert mit guten Argumenten das Münchner Verbot, in der Stadt Stolpersteine zu installieren, das auf Betreiben der langejährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde von Stadtrat 204 beschlossen und 2015 erneuert wurde. „Die Stolpersteine, so Knoblochs Argumentation, seien keine würdige Form des Gedenkens, das  sie ‚bewusst oder leichtfertig mit Füßen getreten, beschmiert, mit Exkrementen von Hunden beschmutzt, geklaut, beschädigt‘ werden könnten.“  Das Frankfurter Stolperstein-Buch könnte aber eher dazu dienen, das Projekt Demnigs mit anderen Augen zu sehen und die  Gedenkdebatte in München wieder aufzunehmen, wie es Noga-Banai anregt.

 

Noch eine Empfehlung zum Thema Stolpersteine  (September 2019):

Es gibt dazu jetzt nämlich (für mich ganz überraschend)  ein beeindruckendes Lied von Trettmann, einem deutschen Rapper, zu diesem Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=ErAeAJhOgG4

Dazu ein Kommentar aus dem Internet:

„Endlich mal ein STAR aus der Rapszene, der öffentlich an den Holocaust erinnert“.

François Hollande: Abgesang auf einen allzu normalen Präsidenten (Dez. 2016)

Am 1. Dezember hat der französische Präsident angekündigt, auf die  Kandidatur für eine erneute Amtszeit zu verzichten. Es ist dies ein einzigartiger Vorgang  in der Geschichte der 5. Republik Hollande zieht damit die wohl einzig richtige Konsequenz aus seiner aktuellen Situation: Seine Popularität ist –auch einzigartig in der 5. Republik- derart am Boden, dass schon seine Aussichten, auch nur die Vorwahlen der sozialistischen Partei zu gewinnen, gering waren: Eine größere Demütigung für einen Präsidenten wäre kaum vorstellbar gewesen. Und selbst wenn er diese Vorwahlen –allen Prognosen zum Trotz- doch noch gewonnen hätte: Ob er es dann bei den Präsidentschaftswahlen in den zweiten Wahlgang geschafft hätte, wäre wohl noch unwahrscheinlicher gewesen. Diesen Zweikampf werden wohl François Fillon und Marine Le Pen bestreiten…

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Bild aus: http://www.lexpress.fr/actualite/politique/elections/inconsciemment-hollande-avait-integre-qu-il-ne-se-representerait-pas_1856571.html

Über die Bilanz des Präsidenten Hollande ist in den letzten Tagen in Frankreich und sicherlich auch in Deutschland viel geschrieben worden. Darauf muss nicht noch einmal eingegangen werden. Es gibt aber einen zentralen und ausgesprochen französischen Aspekt der Beurteilung, auf den ich hier  hinweisen möchte: Die präsidiale Statur Hollandes. In Frankreich hat der Präsident der 5. Republik ja den Rang eines „republikanischen Königs“, sein Amtssitz wird gerne als „château“ bezeichnet, seine Machtbefugnisse sind aus deutscher Sicht äußerst weit gefasst,  seine Auftritte werden oft mit einem an vorrevolutionäre Zeiten erinnernden Pomp inszeniert.

Übersieht man die (vorläufigen) „Nachrufe“  französischer Medien auf die Präsidentschaft Hollandes, so sind durchaus deutliche Unterschiede erkennbar:  Da ist im Leitartikel des „Figaro“  vom 2.12. –nicht weiter überraschend-  von einem „quinquennat nul et non avenu“  (einer null- und nichtigen Amtszeit) und einem „président qui ne l’était pas“ (einem Präsident, der keiner war) die Rede, der Herausgeber von „Libération“ , Laurent Joffrin, (2.12., S.3) sieht durchaus Positives, was dann mit der Zeit auch anerkannt werde und Le Monde, auch wenn sie insgesamt von einem „échec“ (Scheitern) Hollandes spricht,  zieht eine abgewogene Bilanz der  Amtszeit Hollandes in wichtigen Bereichen von Politik und Wirtschaft.

In einem Punkt allerdings scheint weitgehende Einigkeit zu herrschen:

Der französische Präsident, der sich im Wahlkampf als „président normal“ präsentiert habe, habe es, abgesehen von seinen Auftritten als Kriegsherr im Kampf gegen den inneren und äußeren Terrorismus-  nicht verstanden, die Würde seines Amtes hinreichend zu verkörpern, wie der Leitartikler von Le Monde schreibt. „le président ‚normal‘ François Hollande n’est pas parvenu à incarner pleinement, aux yeux des Français, la gravité de la fonction“.  Entsprechend heißt es auch später in der Besprechung des Film von Jean-Michel Djian über François Hollande, le mail-aimé (2017): 

.“ce ‚président normal‘ que tout le monde trouves certes sympathique, empathique et chaleureux, mais que n’a pas su endosser le costume d’un chef d’Etat.“(0)

Ein umso bemerkenswerteres Urteil, als es gerade die Zeitung le Monde war, die –anschaulich vor allem in den Karikaturen ihres Zeichners Plantu – die angekündigte « Normalität » des Präsidenten  Hollande zunächst mit einiger Sympathie kommentiert hat.[1]

normal-plantu

Nach den Erfahrungen der Amtszeit Hollandes urteilt Le Monde aber kritisch über die « Normalität » des Präsidenten –  und ganz entsprechend auch  Libération: „le grand échec de Hollande a été cette fameuse incarnation présidentielle. Il s’était présenté ‚normal‘. Il a fini dans l’anormalité des tréfonds de l’impopularité.“ (2. Dez., S. 3) (Das große Scheitern Scheitern bestand in dieser berühmten Verkörperung der Präsidialität. Er stellte sich (im Gegensatz zu Sarkozy, W.J.) als „normal“ dar.          Und er endete in der Anormalität abgrundtiefer Unpopularität.)

Zuletzt war es in diesem Jahr die Veröffentlichung eines Buches von zwei Le Monde-Journalisten mit Gesprächen, die sie mit dem Präsidenten geführt hatten, das zu diesem Verdikt beitrug.  Der aufschlussreiche Titel des Buchs „Un président ne devrait pas dire ça“- Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen.  Hollande äußert sich darin abschätzig über alle möglichen Institutionen und Personen: etwa über hohe Instanzen der Justiz, prominente Parteifreunde wie den Parlamentspräsidenten oder die Mitglieder der französischen Fußballnationalmannschaft. Was Hollande geritten hat, der Veröffentlichung eines solchen Buches zuzustimmen, ist ein Rätsel. Er präsentiert sich hier als  „Plaudertasche“, die ohne Rücksicht auf die zu erwartenden Konsequenzen aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Die  Reaktionen waren denn auch von einer kaum zu überbietenden Heftigkeit, Ministerpräsident Valls etwa kündigte dem Präsidenten die Gefolgschaft auf.  Der Nouvel Observateur bezeichnete denn auch den Titel des Buchs als Grabinschrift auf dem Epitaph des Präsidenten Hollande.[2]

Für den Leitartikler des Figaro (2.12., S.1) ist  dieses Buch „accablant  de concentré de cynisme et d’autosatisfaction, reflet d’un Narzisse au miroir des journalistes“ (eine niederschmetternde Mischung aus Zynismus und Selbstzufriedenheit eines sich im Spiegel der Journalisten sonnenden Narzis‘). Damit habe das Buch zu dem „abaissement sans équivalent de la fonction pésidentielle“ (einer beispiellosen Abwertung der präsidentiellen Funktion) beigetragen. Die Präsidentschaft Hollandes sei „sans grandeur ni vision“ gewesen bis hin zur Lächerlichkeit.  

Und der Figaro verweist in diesem Zusammenhang auch auf Hollands nächtliche Scooter-  Eskapaden, die Anfang 2014 Furore machten. Ich habe damals dazu einen kleinen Text geschrieben, in dem es darum ging, was ein französischer Präsident tun darf oder vielleicht besser lassen  sollte. Dieser Text erhält angesichts des angekündigten Rückzugs von Hollande und der Kritik an seiner unzureichenden „Präsidiabilität“ eine gewisse erneute Aktualität. Ich füge ihn deshalb ohne weitere Kommentare und Anmerkungen hier an.

 

 

Was ein Präsident nicht tun darf: Vaudeville im Elysée-Palast  (Februar 2014)

Seit am 9. Januar 2014 das Magazin Closer „die heimliche Liebe des Präsidenten“ publik machte, schlägt das Thema große Wellen in Frankreich. Das gilt natürlich vor allem für die sogenannte People-Presse, die das Thema weidlich und genüsslich ausschlachtet und damit den sinkenden Auflagenzahlen einen ungeahnten Aufschwung verleiht.[3]

France President's Affair

In unseren Pariser Alltagsgesprächen spielt das Thema aber auch eine Rolle. Mein Bekannter im Schwimmbad beispielsweise, mit dem ich mich gerne in der Umkleidekabine etwas unterhalte, findet, der Präsident solle sich mal lieber mehr ums Regieren kümmern. Das sei dringend nötig. Eine Freundin findet das alles nur schlimm und abstoßend und ist tief enttäuscht von Hollande, während für einen anderen Freund das Privatleben eines Präsidenten überhaupt kein Thema ist und es auch für die Öffentlichkeit Tabu sein sollte.

Karikaturisten sehen das natürlich anders. Für sie sind die nächtlichen Roller-Ausflüge des Präsidenten ein gefundenes Fressen.

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Der von uns sehr geschätzte Karikaturist von Le Monde, Plantu, der den „président normal“ bisher gerne in einen deux chevaux, eine alte Ente von Citroën, setzte, ließ  ihn jetzt auf einem Roller und gleich zwei Damen auf dem Sozius –natürlich seine (ehemalige)  Partnerin Trierweiler und seine Geliebte Julie Gayet-  beim Papst vorfahren, um sich bei ihm Rat zu holen. (Le monde 24.1.)  Und ein anderer retouchierte in ein Bild François Hollandes bei seiner Pressekonferenz vom 14. Januar einen Helm.

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Das offizielle Thema der Veranstaltung war natürlich Hollandes ökonomisches „coming out“, wie es ein Kommentator von Le Monde nannte- also sein bemerkenswerter Wechsel von einem sozialistischen Wahlkämpfer, der der Welt der Finanz den Krieg erklärte und für Großverdiener einen Steuersatz von 75% einführen wollte, zu einer die Unternehmen begünstigenden Angebotspolitik.. Aber natürlich war –trotz der (nur) für ausländische Beobachter erstaunlichen Zurückhaltung der französischen Journalisten-  das Privatleben des Präsidenten ein unterschwelliges und mit dem Motorradhelm bezeichnetes Thema.

Ein Indiz für dessen große Resonanz sind auch die Internet-Foren: Zum Beispiel gab es  nach der offiziellen Bekanntgabe der Trennung Francois Hollandes von seiner Partnerin Valérie Trierweiler zu der entsprechenden Meldung in der Internet-Ausgabe der Tageszeitung Le Figaro innerhalb von knapp 24 Stunden insgesamt 1024 Kommentare, was absolut außergewöhnlich ist. Dass sie fast durchweg nicht sehr schmeichelhaft für den Präsidenten waren, ist –gerade bei einem konservativen Blatt wie dem Figaro- nicht weiter erstaunlich, aber neutrale oder positive Reaktionen nach dem Motto „Warum denn nicht?“ oder „Ist doch schön und kann für Frankreich nur von Vorteil sein, wenn’s ihm gut geht“ waren kaum oder gar nicht vertreten.[4]

Unterhaltsam ist die Geschichte auf jeden Fall. Es gibt sogar schon ein Computerspiel, ein „jeu du scooter“ mit dem Titel: „Aidez François à rejoindre Julie!“ (Helfen Sie Francois dabei, Julie zu treffen).

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Der Spieler hat die Aufgabe, das Zweirad des Präsidenten zu seiner Geliebten zu steuern. Der Weg dorthin ist allerdings mit Hindernissen gespickt, die überwunden werden müssen: Denn natürlich wollen ihm Valérie Trierweiler, Ségolène Royal und die Paparazzi den Weg versperren….[5]

Le „vaudeville elyséen“

Der hohe Unterhaltungswert des präsidialen Privat- und Liebeslebens wird gerne mit dem Begriff Vaudeville bezeichnet, der sich derzeit einer großen Beliebtheit in den französischen Medien erfreut und Chancen hat, Wort des Jahres in Frankreich zu werden.[6] Gemeint ist damit ein unterhaltsames Volkstheater, in dem bevorzugt die Beziehungsfetzen fliegen. Frankreich liebe den Vaudeville, schreibt Christoph Barbier in seinem Leitartikel im Express vom 22.1., seit ihn Georges Feydeau in der Belle Epoque populär gemacht habe. Und heute tröste sich Frankreich  über seinen Niedergang hinweg, indem es sich über die präsidialen Liebschaften amüsiere.[7] Wie stark Franzosen derzeit von dem Gefühl eines Niedergangs ihres Landes beherrscht sind, zeigen aktuelle Umfrageergebnisse: Es sind immerhin 85% der Franzosen, die dieses Gefühl haben.[8] Und 60% der Franzosen glauben, dass die Jüngeren im Vergleich zur Elterngeneration vom sozialen Abstieg betroffen seien – gegenüber (für mich etwas erstaunlich) nur 7% der Deutschen. Keine guten Aussichten also. Insgesamt ergibt die Befragung das Bild eines Landes, das mehrheitlich Furcht hat, das von seinem Abstieg überzeugt ist und von dem Rückzug auf sich selbst und – damit zusammenhängend- von einer Zurückweisung der Anderen, nicht dazu-Gehörenden, geprägt ist.[9] Der „vaudeville élyséen“[10] kommt also gerade recht.

Und das Liebesleben des Präsidenten hat ja nun auch alles von einem gelungenen Vaudeville: Da verlässt der Präsident heimlich nachts auf einem Scooter den Elysée-Palast. Gefahren wird er wohl von einem Sicherheitsbeamten, aber den für einen französischen Präsidenten geltenden Sicherheitsanforderungen entspricht das ganz und gar nicht. Als der Präsidentschaftskandidat und Zweirad-Fan Hollande jedenfalls im März 2012 bei der Polizei anfragte, ob er als Präsident weiter Motorrad fahren dürfe, wurde ihm geantwortet, das ginge durchaus. Allerdings mit einem Wagen davor, einem dahinter und Motorrädern auf beiden Seiten.[11] Das galt dann aber bei seinen nächtlichen Ausflügen nicht. Immerhin war er –der Sicherheit und der Tarnung willen- schwer behelmt, wenn er sich zu seiner Geliebten in die nicht allzu weit entfernte Rue du Cirque aufmachte. Ein Vaudeville-Autor hätte sich übrigens keinen passenderen Straßennamen ausdenken können! Und dann ist das auch noch eine Straße mit einschlägiger Vergangenheit: Dort wohnte nämlich im 19. Jahrhundert die schöne Engländerin Elizabeth-Ann Howard, wie Julie Gayet übrigens eine Schauspielerin, der der damalige französische Präsident und spätere Kaiser Louis Napoléon Bonaparte seine allabendliche Aufwartung machte.[12] Da ist doch Hollande in bester Gesellschaft!

Und bevor er morgens wieder Abschied nehmen musste, wurden dem Paar –wir sind in Frankreich!- vom präsidialen Sicherheitspersonal frische Croissants gebracht.

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Plantu macht daraus eine hübsche Karikatur, indem er den Croissant-Service des Präsidenten –den man durchaus sympathisch im Fenster turteln sieht- mit dem gleichzeitig bekannt gewordenen Prämiensystem der Polizei verbindet. Da teilt also der Polizist auf dem Motorrad mit, er habe eine Prämie beantragt, als er morgens auch noch die Croissants habe holen müssen.

Ganz und gar unfranzösisch ist allerdings, dass es sich bei dem von dem Präsidenten benutzten Zweirad um ein italienisches Modell (Piaggio) handelte und nicht um eines aus französischer Produktion von Peugeot![13] Und das, obwohl doch Arnaud Montebourg,  „der Minister der produktiven Wiederaufrichtung“ Frankreichs -so sein offizieller Titel!- landauf, landab das „made in France“ propagiert[14] und den staatlichen Beschaffungsbehörden schon mit Auflösung gedroht hat, wenn sie nicht –ungeachtet aller europäischer Regelungen- das „made in France“  zu ihrer  obersten und absoluten Leitlinie  machten. Aber jetzt ist ja der Staat dabei, den –kein Wunder!- angeschlagenen Konzern Peugeot/Citroen zu retten, so dass man davon ausgehen kann, dass der Präsident bei seinem nächsten Vaudeville- Stück auf einem französischen Fabrikat unterwegs sein wird.  Und wenn es denn nicht mehr ein  aus Sicherheitsgründen wenig empfehlenswerter Scooter sein soll, dann vielleicht ein –dann aber bitte garantiert französisches!- Auto mit getönten Scheiben der Autovermittlung Sixt.[15]

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Herr Präsident, das nächste Mal vermeiden Sie den Scooter. Sixt vermietet Wagen mit abgedunkelten Scheiben

Immerhin war der Helm „Dexter“, den Hollande bei seinen nächtlichen Ausflügen trug, ein französisches Fabrikat der Firma „ch’ti“ Motoblouz. Die taufte den Helm schnell pfiffig um in: „Dexter Président“

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– und schaltete auch gleich eine Anzeige in Libération:  „Vielen Dank, dass Sie unseren Helm zu Ihrer Sicherheit gewählt haben.“  Der  Verkaufserfolg war damit garantiert.[16] Hier der Wortlaut des launigen Briefs an Hollande (von Präsident zu Präsident):

Cher Président,

Depuis la publication récente de photos vous montrant à scooter coiffé d’un casque de notre marque Dexter, ce modèle est en rupture de stock, victime de son succès. Nous saluons le choix d’une marque française pour vos déplacements en deux-roues… Dexter est en effet une création exclusive de Motoblouz.

D’autres modèles de notre nouvelle collection vous attendent sur notre site pour vos prochaines escapades sécurisées.Vous y trouverez également une collection de blousons pour femmes… le cadeau idéal pour une Saint Valentin réussie.

Du  mal à faire votre choix, votre coeur balance ? N’hésitez pas à faire appel à nos motoconseillers pour vous guider.

Bien cordialement,
Thomas Thumerelle
Président Directeur Général de Motoblouz

Bestes Vaudeville war natürlich auch der in der „people-Presse“ und in internet-Foren kolportierte „Ehekrach“ zwischen dem Präsidenten und seiner Compagne, wonach die offenbar völlig von den Eskapaden ihres Partners überraschte Valérie Trierweiler durch den Elysée Palast gerauscht sei und mit der ihr nachgesagten Impulsivität und Unberechenbarkeit einiges wertvolle Sèvres- Porzellan habe zu Bruch gehen lassen. Kosten des Eifersuchts-Vandalismus für die Staatskasse: 3 Millionen Euro.[17] Nein, das treffe so nicht zu, beeilte sich der zuständige Mobilier national mitzuteilen. Dass es aber „ein wenig Bruch“ gegeben habe, sei schon richtig, verriet das Frau Trierweiler wohlgesonnene Magazin „Closer“, das durch seine Veröffentlichung der Paparazzi-Bilder von den nächtlichen Eskapaden Hollandes das präsidiale Vaudeville offiziell eröffnet hatte.[18]

Das hatte allerdings schon eine passende Vorgeschichte, an die jetzt gerne wieder erinnert wird. Dazu gehört die –lange aus wahltaktischen Gründen verheimlichte-  Beziehung zu Valérie Trierweiler und das Eifersuchtsdrama in mehreren Akten zwischen ihr und Ségolène Royal, mit der Hollande 25 Jahre zusammen lebte und 4 Kinder hat. Aber das ist ein anderes Vaudeville- Stück, das auch einen hohen Unterhaltungswert hat. Da wird getwittert und intrigiert, da werden Beziehungs-Tischtücher zerschnitten, öffentliche Liebesbeweise eingefordert und abgegeben – es fehlt an nichts.

Der von Hollande vor die Elysée-Tür gesetzten Valérie bleibt dann immerhin noch das Angebot der Partnerschaftsvermittlungs-Agentur be2, sich dort kostenlos einzuschreiben und damit –auf eine ganz spezifische Weise- dem Wahlslogan Hollandes „Le changement c’est maintenant“ –Jetzt ist die Zeit des Wechsels- zu folgen.

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Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen…

Die zwei Körper des Präsidenten: vie privée versus vie politique

Mit all dem befindet sich Hollande in bester politischer und präsidialer Gesellschaft, an was jetzt natürlich auch gerne wieder erinnert wird. Da muss man gar nicht bis zu Louis Napoleon Bonaparte ins 19. Jahrhundert zurückgehen. Die 5. Republik bietet Stoff genug: Da gab es Mitterand, der heimlich auf Kosten des Staates eine Zweitfamilie unterhielt. Es  gab den Präsidenten Giscard d’Estaing, von dem sein Außenminister Couve de Murville etwas spitz sagte, er sei der einzige Staatsmann der Welt, von dem man ziemlich sicher sagen könne, wo er nachts nicht schlafe. (gemeint war damit das eheliche Schlafzimmer).[19] Giscard nährte auch durchaus Spekulationen über seine diversen Affären; die über eine Beziehung mit Lady Di allerdings dementierte er schließlich. Besonders hübsch und verbürgt ist die Geschichte von Giscard, der zu früher Morgenstunde am Steuer eines Ferraris den Lieferwagen eines Milchhändlers zerlegte- ein Husarenstück, das lange der Öffentlichkeit vorenthalten wurde. Vielleicht auch deshalb, weil sich Giscard in „galanter Begleitung“ befand –dem Vernehmen nach einer berühmten Schauspielerin.[20] Offenbar haben französische Staatspräsidenten ein besonderes Faible für Schauspielerinnen. Auch Präsident Chirac war alles andere als ein Frauenverächter. Er erhielt sogar den Spitznamen „dix minutes, douche comprise“ -10 Minuten, einschließlich Dusche  –  Derartiges sollte wohl seine Sekretärin in seinen Terminkalender eintragen, wenn er im Elysée Damenbesuch empfing. Seine Frau Bernadette, die immer zu ihm hielt, bemerkte dazu etwas süffisant, dass es bei ihm mit den Frauen immer im Galopp gegangen sei-  avec lui, „les femmes, ça galopait“. Und der Pferdefreund Chirac liebte es auch, in geselliger Runde einen Trinkspruch „auf die Pferde und Frauen“ auszubringen, „die wir besteigen“.  Immerhin blieben sein Affären anonym und schadeten nicht dem Ansehen des Präsidenten.[21]

Die Trennung zwischen Privatleben und der präsidialen –und generell politischen-  Funktion wurde hier noch in teilweise äußerst rigider –bis zur Selbstzensur gehender- Weise eingehalten. Das war zunächst auch noch so bei dem sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Strauß-Kahn, der sich gerne mit Prostituierten im Bois de Boulogne herumtrieb und in exquisiten Partnertausch-Clubs (clubs libertins) ein gern gesehener Gast war. Das alles wusste „tout Paris“- und ebenso natürlich, dass eine Mitarbeiterin des IWF sich ganz offiziell über Strauß-Kahn beschwert hatte, weil er ihr gegenüber seine Stellung als Chef des IWF missbraucht habe. Aber auch das galt als Privatsache und tat den Ambitionen Strauß-Kahns auf die französische Präsidentschaft keinen Abbruch. Das änderte sich erst mit der Affäre im New Yorker Hotel Sofitel- auch wenn die von nachsichtigen Kommentatoren zunächst eher heruntergespielt wurde: Immerhin sei doch kein Blut geflossen, oder: Strauß-Kahn habe doch nur von einem alten Recht des Adels bzw. des Großbürgertums Gebrauch gemacht, sich seiner Hausangestellten nach Belieben zu bedienen.[22] Aber jetzt kamen auch Strauß-Kahns „parties fines“ mit jungem hübschem „matériel“, wie er es nannte, im Hotel Carlton in Lille ans Tageslicht, wegen derer er inzwischen wegen schwerer Zuhälterei (proxénétisme aggravé) angeklagt ist.[23]

Aber gerade die Affären von Stauß-Kahn führten in Frankreich zu einer intensiven Diskussion über die Haltung der Medien gegenüber dem politischen Personal des Landes: Bis dahin  hatte man die Trennung des präsidialen Körpers in einen offiziellen, der das Gemeinwesen repräsentiert, und einen privaten noch allseits respektiert und strikt eingehalten. Damit knüpfte die republikanische Monarchie der 5. Republik nahtlos an die monarchistische Tradition an.[24] Angesichts des Doppellebens von Dominique Strauß-Kahn stellten sich die Medien aber die Frage, ob nicht die Zurückhaltung bezüglich des Privatlebens von Politikern schon fast den Charakter einer Omertá habe, der das Recht der Bürger auf Information zum Opfer falle.[25]

Hollande hat nach der Veröffentlichung von Closer im Sinne der traditionellen Lehre das Recht auf Schutz seines Privatlebens herausgestellt und –wohl etwas voreilig-  mit juristischen Schritten gegen die Zeitschrift gedroht. Von juristischen Schritten ist aber inzwischen nicht mehr die Rede. Denn die Rechtsprechung in Europa (EuGH), aber auch in Frankreich, hat sich inzwischen in eine Richtung entwickelt, die bei Personen öffentlichen Interesses eher die Informationsfreiheit begünstigt.[26] . Insofern geht auch die etwas naiv-treuherzige Argumentation von Libération in die Leere, die die Leser/innen auffordert, sich doch einmal vorzustellen, ihr Privatleben werde so in die Öffentlichkeit gezerrt wie das des Bürgers François: „Et si François, Julie et Valérie, c’était moi ? »[27]  Der Bürger François Hollande ist aber nun einmal Präsident, er hat sich aus freien Stücken für dieses Amt  beworben und konnte kaum so naiv sein, davon auszugehen, dass ein solches Amt nicht auch sein Privatleben in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt.

Hollande hat übrigens selbst der Vermischung der öffentlichen und der privaten Sphäre Vorschub geleistet und sein Privatleben gezielt zum Nutzen seiner politischen Ambitionen in die Öffentlichkeit gebracht. Zusammen mit Ségolène Royal verbreitete er das Bild einer Familienidylle. Und als es  damit zu Ende war, bezeichnete er  in einem Interview mit der Zeitschrift Gala Valérie Trierweiler als die Frau seines Lebens – was auf der Titelseite der Zeitschrift plakativ aller Welt verkündet wurde.[28] Ein solcher Satz nach 25 Jahren Ehe und gemeinsamer politischer Arbeit mit Ségolène Royal hatte natürlich etwas Peinliches, und Hollande bekannte später, er hätte „der Frau seines Lebens“ noch ein „aujourd’hui“- also: heute- hinzufügen müssen. Vielleicht hat Hollande bei diesem späten Eingeständnis ja  nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch schon an die Zukunft gedacht- die da in Gestalt von Julie Gayet möglicherweise sogar schon Gegenwart war.[29]

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Confidences exclusives. François Hollande; „Valérie est la femme da ma vie“

Hollande ging mit diesem öffentlichen Bekenntnis zu Valérie Trierweiler im Grunde sogar noch weiter als sein Vorgänger Sarkozy, der auf einer Pressekonferenz verkündet hatte: „Avec Carla, c’est du sérieux“. (Mit Carla ist es ernst). Die von Sarkozy betriebene intensive Verknüpfung von Amt und Privatleben hat Hollande zwar heftig kritisiert – aber überzeugend war das nicht: Wer selbst im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen…

Bemerkenswert ist übrigens aus deutscher Sicht, dass in diesem Zusammenhang die deutsche Bundeskanzlerin in den Internet-Foren immer wieder als Gegenbild herausgestellt wird: Sie mache ernsthafte politische Arbeit, die nicht von ihrem Privatleben beeinträchtigt werde. Und bezogen auf die Cécilias, Carlas, Valéries und Julies ist den Franzosen die Rolle des geheimnisvollen „Herrn Sauer“, des Mannes von Frau Merkel, schon fast etwas unheimlich und er wird –als regelmäßiger Bayreuth-Gast zusammen mit seiner Frau- zum „Phantom der Oper“… [30] Ein bisschen weniger protestantische Strenge darf es dann doch sein in Frankreich.

François Hollande: ein allzu normaler Präsident

François Hollande wollte –im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Sarkozy, aber auch in
Abgrenzung zu Dominique Strauß-Kahn- ein „normaler Präsident“ sein. Vielleicht gehört zu dieser Normalität für ihn vielleicht auch, dass die Beziehungen zwischen Mann und Frau heutzutage eher nicht mehr dem rigiden Modell katholischer Orthodoxie entsprechen. Dann wären die nächtlichen Exkursionen in die Rue du cirque schlichter Ausdruck der geltenden gesellschaftlichen Normalität.[31]

Aber vielleicht ist diese Normalität bei einem Präsidenten doch weniger angebracht. Von einem Präsidenten scheinen die von ihm repräsentierten Bürger doch etwas weniger gesellschaftliche Normalität und etwas mehr präsidiale Würde zu erwarten. Serguei hat das in der hier abgebildeten, „Herzensbrecher“ überschriebenen Karikatur (Le Monde 16.1.14) zum Ausdruck gebracht:

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Auch wenn Hollande da beteuert, er sei doch seiner Marianne immer treu geblieben, zeigt sie ihm die kalte Schulter: „Für mich bist du allzu normal!“ Und die negativen Umfragewerte – Hollande hält in dieser Hinsicht den Negativrekord unter den Präsidenten der 5. Republik- kann er damit sicherlich nicht umkehren.[32] Das brachte auch –wie immer sehr pointiert- die satirische Wochenzeitschrift Charlie Hebdo mit einem entsprechenden Titelbild zum Ausdruck:

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Es bezieht sich auf die die inzwischen berühmte Anapher Hollandes „Moi Président“ und seine feierliche Verpflichtung in einer Fernsehdebatte mit Sarkozy während des Präsidentschaftswahlkampfs, dass sein Verhalten als Präsident in jedem Moment vorbildlich sein werde. „Moi Président je ferai, à chaque instant, que mon comportement soit exemplaire“… [33]

Das Thema, um das es hier letztendlich geht, ist die Autorität des Präsidenten, des republikanischen Monarchen in all seiner Widersprüchlichkeit. Hier der allzu menschliche Francois, der im Stil eines Heranwachsenden sich aus dem Haus zu seiner Freundin stielt, den Helm tief übers Gesicht gezogen- falls er vielleicht im Hausflur einem verräterischen Nachbarn begegnet; und dort der Präsident, der im grandiosen Stil seiner Vorgänger seine Pressekonferenzen inszeniert, umgeben von dem gesamten als andächtige Statisten angetretenen Kabinett[34]; der scheinbar omnipotente „moi président“, der seine Verlautbarungen gerne mit „je“ einleitet, der hochheilig verspricht, das Haushaltsdefizit Frankreichs 2013 unter die Maastricht-Marke von 3% zu senken, was, wie sein Finanzminister hinzufügte, eine nicht verhandelbare Verpflichtung sei und noch daran festhält, als längst alles Spatzen von den Dächern es besser wissen.[35] Inzwischen wurde –mit nachsichtiger Brüsseler Billigung-  diese Verpflichtung auf 2015 verschoben. Man darf gespannt sein….

Im September 2012 kündigte Präsident Hollande außerdem verwegen an, er werde die seit Jahren ansteigende Kurve der Arbeitslosigkeit bis zum Jahresende 2013 umkehren. Auch dieses Versprechen wurde nicht eingehalten: Die Arbeitslosigkeit in Frankreich erreichte –obwohl Petrus dem Präsidenten gnädig war-  im Dezember 2013 einen neuen absoluten Rekord.

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Arbeitslosigkeit: Das Scheitern

Wenn er schon wesentliche politische Versprechungen nicht eingehalten hat- auf die privaten Verhältnisse bezogen haben sie durchaus –satirische- Realität – auch wieder eine Steilvorlage für Karikaturisten:

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Da wird dann – unter der Überschrift Hollande/Gayet- aus der Umkehrung des Anstiegs der Arbeitslosigkeit eine anzügliche „Veränderung der Kurven“, die er für das Ende des Jahres versprochen hatte…. [36]

Ein weiteres Autoritätsproblem Hollandes ist die ihm nachgesagte Entscheidungsschwäche. Der Präsident wird ja gerne als „mou“, als sanft und weich, beschrieben bzw. kritisiert.[37] Das mag falsch sein, denn Hollande hat durchaus –etwa bei der Entlassung seiner Umweltministerin Batho, vor allem aber bei der Durchsetzung seines Wahlversprechens der „mariage pour tous“ –der Ermöglichung der Heirat gleichgeschlechtlicher Partner- gezeigt, dass trotz  erheblicher gesellschaftlicher Widerstände hart und entschieden sein kann. Und  seine Absicht, gesellschaftliche Probleme im Dialog anzugehen, ist sehr anerkennenswert und für Frankreich eher ein –überfälliges- Novum. Aber es gibt doch auch genügend Beispiele, dass sogar sinnvolle Reformschritte im Dickicht widerstreitender Interessen hängen bleiben. Da soll endlich die schon zu Sarkozys Zeiten in Gang gebrachte Umweltabgabe für Lastwagen umgesetzt werden. In der Bretagne erhebt sich dagegen ein Widerstand der roten Mützen, also: Zurück, marsch, marsch.Da soll das korporatistisch organisierte Taxigewerbe einer gewissen Konkurrenz ausgesetzt werden. Die Taxifahrer drohen mit einer Verkehrsblockade von Paris, also: ….. (s.o.) Da sollen die Lehrer der sogenannten Cours préparatoires, in denen Abiturienten auf die Aufnahmeprüfungen der französischen Eliteschulen vorbereitet werden, etwas von ihren Privilegien zugunsten der Schulen und Lehrer in den Problemzonen abgeben. Es gibt Proteste von Lehrern, betroffenen derzeitigen und inzwischen einflussreichen ehemaligen Schülern, also…. (s.o.) Da sollen die niedrigen Steuern für Reitställe und Gestüte auf den normalen Satz von 20% angehoben werden; die rücken dann mit ihren Pferden in Paris ein, besetzen die Place de la Bastille und drohen mit Arbeitslosigkeit für die Mitarbeiter, Euthanasie (!) für die Pferde und – das immerhin ganz witzig- dem nächsten Pferdefleisch-Skandal, also…. (s.o.)

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Da sollen in einem neuen Familiengesetz u.a. längst überfällige und z.T. auch schon von konservativen Vorgängerregierungen beabsichtigte Veränderungen beim Scheidungsrecht beschlossen werden, die einen möglichst weitgehenden Ausgleich aller Betroffenen zum Ziel haben; Es gibt dagegen eine Massendemonstration in Paris, die sogenannte „Manif pour tous“, die die Mobilisierung gegen die mariage pour tous mit z.T. falschen Behauptungen und Unterstellungen fortführt – und was macht Präsident Hollande? Völlig unerwartet wird am Tag nach der Demonstration das Projekt auf Eis gelegt und die Regierung weicht auch in diesem Fall zurück.

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Frankreich bietet, wie ein Kommentator schreibt, das Bild eines tief gespaltenen Landes, das von extremistischen Auswüchsen bedroht sei, mit einer Staatsmacht, deren Autorität völlig infrage gestellt werde und die vor dem Druck der Straße zurückweiche.[38]

Nun hat allerdings François Hollande Ende Januar mit zwei Paukenschlägen seine (präsidiale) Autorität wieder dokumentieren wollen: In einer kurzen lakonischen Mitteilung hat er der Nachrichtenagentur AFP mitgeteilt, dass er das gemeinsame mit Valérie Trierweiler geteilte Leben beendet habe.[39] Das war „ein autokratisches und brutales Verstoßungs-Dekret“ und gleichzeitig eine trockene Mitteilung der Entlassung Trierweilers als „première dame“, die damit auch umgehend ihren Platz im Elysée mit allem, was dazugehörte, verlor.[40] Aber auf jeden Fall zeigte Hollande, dem 2007 von Ségolène Royale der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, dass er allein Herr im Haus ist – demonstrativ unterstrichen mit einem zweifachen „Ich“ –ich gebe bekannt, ich habe Schluss gemacht.

Und parallel dazu verkündete Hollande auf  seiner Pressekonferenz vom 14. Januar seine sozialdemokratische Wende: In  einem Pacte de responsabilité sollen die Sozialpartner gemeinsam Schritte zum Abbau der Arbeitslosigkeit vereinbaren. Die Arbeitgeber sollen, wie von ihnen gefordert, von Sozialabgaben entlastet werden, sich aber im Gegenzug zu Arbeitsmarkt-relevanten und genau bezifferbaren Gegenleistungen verpflichten. Auf dieses Projekt will Hollande in seiner verbleibenden Amtszeit alle Anstrengungen konzentrieren und damit auch das Vaudeville elyséen –allerdings offenbar nicht die Beziehung zu Julie Gayet- beenden.

Ob er mit beidem Erfolg hat, ist nicht ausgemacht: Es erscheint doch eher unwahrscheinlich, dass die gedemütigte Valérie Trierweiler sich still zurückzieht und der Versuchung widersteht,  publizistisch Rache zu nehmen… Von einem Buchprojekt über Untreue ist die Rede. Und was den Pacte de responsabilité angeht: Plantu sieht schon Hollande im Bett mit dem Arbeitgeberverband MEDEF. Der Zylinder als Unternehmer-Emblem- ist ein satirisches Danaer- Geschenk, das Hollande geschmeichelt annimmt. (MEDEF: „Der Hut ist ein Geschenk“, Hollande: „Oh, wäre doch nicht nötig gewesen…)[41]

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Der neue Vorsitzende der CGT, der mächtigsten französischen Gewerkschaft, bezeichnete sogar den Chef des Arbeitgeberverbandes als heimlichen Ministerpräsidenten und forderte Hollande auf, endlich unter dem Rock von Merkel –auch ein bekanntes Stück-  hervorzukommen…[42]

Die Aussichten auf einen unterhaltsamen, heißen Sommer in Frankreich sind also gut…

Abgeschlossen 6.2.14

Anmerkungen

(0) Sehr eindeutig auch das Urteil von Anne Sinclair über Holland: „il n’a  jamais été  considéré comme un premier rôle de la politique“… (Le Parisien, 27.2.2017)

Zitat aus  Le Monde, 12./13. März 2017

[1] Bild aus: http://images.google.fr/imgres?imgurl=http%3A%2F%2F1.bp.blogspot.com%2F-W4T0doxx0kg%2FUHfItdHrPuI%2FAAAAAAAABEg%2F9oCrH_ACu10%2Fs1600%2Fnormal.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Flouisdesaussure.blogspot.com%2F2012%2F08%2Fpresident-normal.

[2] „Un président ne devrait pas dire ça.“ Ce titre a valeur d’épitaphe et le livre qui le porte ressemble à une pierre tombale.

http://tempsreel.nouvelobs.com/politique/election-presidentielle-2017/20161201.OBS2058/presidentielle-comment-francois-hollande-s-est-pris-a-son-propre-piege.html

[3] Mit der Nummer von der Amour sécret von Hollande hat Closer seine Auflage immerhin verdoppelt. (s. Le Monde, 16.1.14)

[4]  http://www.lefigaro.fr/politique/2014/01/25/01002-20140125ARTFIG00363-francois-hollande-et-valerie-trierweiler-se-separent.php

[5] Par LEXPRESS.fr, publié le 15/01/2014 à  18:55 En savoir plus sur http://www.lexpress.fr/actualite/politique/l-affaire-hollande-gayet-source-d-inspiration-pour-les-jeux-en-ligne_1314483.html#5PS6tyZRqIwfdGbr.99

[6] Das französische Wort des Jahres wird in Charité-sur-Loire gekürt, und zwar einmal von „Experten“ und dann auch öffentlich (Internet und die Bewohner des Ortes). 2013 haben sich die Experten für Transparence entschieden, während die öffentliche Wahl auf mensonge(s) fiel: zwei Seiten einer Medaille

[7] „en riant au feuilleton des amours présidentielles“ Express No 3265, S. 5).

[8] http://www.lemonde.fr/politique/article/2014/01/21/brice-teinturier-une-france-qui-se-fragmente_4351405_823448.html

[9] Le Monde 23.1.14: „L’extrème défiance de la société française”, S. 8

[10] Arnaud Leparmentier in Le Monde 23.1.14 In Paris gab es von 1792 bis 1927 das Théâtre de Vaudeville. Das letzte Gebäude auf dem Boulevard des Capoucines ist heute in Kino, das Opéra Gaumont.

[11] Zitiert von Cécile Amar, Jusqu’ici tout va mal”. Paris 2013. Siehe auch Les Echos, 24./25.1.14

[12] L’Express 22.1.14, S.31

[13] http://www.lefigaro.fr/conjoncture/2014/01/18/20002-20140118ARTFIG00343-un-concessionnaire-s-offusque-que-le-scooter-presidentiel8230-soit-italien.php

[14] Siehe Bericht aus Paris Nr 27 (Juni 2013)

[15] Diese Werbung gab es auch als ganzseitige Anzeige in Le Monde vom 17. Januar, S. 9

[16] http://www.lerepairedesmotards.com/actualites/2014/actu_140122-casque-dexter-motoblouz-lettre-president.php

Oui, mais le casque était… français …! In: http://forums.pelerin.info/viewtopic.php?f=5&t=6238 („Merci Monsieur  d’avoir choisi notre casque pour votre sécurité…“) s.a. Le Monde vom  2./3. Februar, S. 13

[17] „La première dame se serait livrée à du vandalisme, projetant à terre vases, pendules et objets d’art appartenant aux prestigieuses collections du Mobilier national. Coût de cette supposée scène: 3 millions d’euros.“

http://www.lefigaro.fr/culture/2014/01/22/03004-20140122ARTFIG00216-trierweiler-le-mobilier-national-dement-tout-vandalisme-du-bureau-presidentiel.php

[18] “Le palais de l’Ellysée bruit encore de leur scène de ménage au matin du 10 janvier, lorsque Valérie Trierweiler a parcouru au pa de course qui mène au bureau du Président avant d’y débarquer avec fracas. ‘Tout ce qu’a écrit Closer est vrai’, reconnaît-il. Valérie est alors entrée dans une colère noire, ces fameuses colères qui, à l’Elysée, lui valent sa reputation. Il y a eu un peu de casse, c’est vrai, mais elle n‘a pas … détruit pour … 3 millions d’euros de mobilier national!“ (Closer, 23.-30. Januar, S.6)

[19] Christophe Duboi et Christophe Deloire, Sexus politicus. Paris 2006, Kapitel 5: Quand les femmes menaient Giscard par le bout du nez…

[20] http://www.20min.ch/ro/news/monde/story/12505905  Bekannt gemacht wurde die sogenannte Affaire „du camion du laitier“ übrigens von der satirischen Wochenzeitung Canard enchaîné, die immer wieder für –auch politisch höchst brisante- Enthüllungen gut ist.

[21] http://news.fr.msn.com/m6-actualite/politique/liaisons-au-sommet-sexe-rumeur-et-secret-detat?page=5  Allerdings wird die Präsidentschaft Chiracs in Frankreich eher kritisch gesehen als Zeit des Stillstands. Aber immerhin widersetzte er  sich dem amerikanischen Irak-Abenteuer und wagte es, zum ersten Mal die Mitwirkung und Mitverantwortung des französischen Staates an der Ermordung der französischen Juden durch die Nazis offiziell anzuerkennen.

[22] Es war der Herausgeber der Wochenzeitschrift Marianne, François Kahn, der von einer „ troussage de domestique“ sprach. Allerdings rief diese Äußerung dann doch so viel Empörung hervor, dass Kahn seinen Posten räumen musste. Um den Prozess gegen Strauß-Kahn wegen gewerbsmäßiger Zuhälterei  (Die Carlton-Lille-Affäre) ist es inzwischen –warum auch immer- ziemlich ruhig geworden.

[23] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/12/18/01016-20131218ARTFIG00421-carlton-le-renvoi-en-correctionnelle-confirme.php

[24] Siehe Ernst Kantorowicz,  Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Klett-Cotta 1992 . Der Begriff wurde dann auch auf Frankreich  übertragen und polemisch auf François Hollande angewendet, um dessen angebliche Unfähigkeit zum Präsidentenamt aufzuzeigen: Thierrry Saussez, Les deux corps du Président. Paris 2013

[25] Zum Beispiel:  http://www.lemonde.fr/idees/article/2011/05/16/l-etrange-omerta-des-medias-sur-le-cas-dsk_1522552_3232.html und  http://www.contrepoints.org/2011/05/23/25837-dsk-lomerta-des-medias-sur-ce-que-tous-savaient

[26] http://www.liberation.fr/societe/2014/01/14/la-maitresse-d-un-homme-politique-contribue-t-elle-au-debat-d-interet-general_972743. s.a. Vie privée: l’Europe met à nu les politiques. In: http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2014/02/vie-priv%C3%A9e.html

Außerdem hat auch Valérie Trierweiler als « première dame » – der französischen Variante der amerikanischen « first lady » einen offiziellen Status mit Wohnung, Mitarbeiterstab und Bediensteten im Elysée-Palast.

[27] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/17/politiques-et-medias-l-intime-entame_973757

[28] „C’est une chance exceptionnelle de pouvoir réussir sa vie personnelle et de rencontrer la femme de sa vie. Cette chance, elle peut passer, moi je l’ai saisie.“  (Gala Oktober 2010)  http://www.lexpress.fr/actualite/politique/hollande-gayet-l-histoire-d-un-president-qui-veut-vivre-sa-vie_1314338.html#aUHOkTHD66JBPHAG.99

[29] „La phrase était maladroite. J’aurais dû dire : „C’est la femme de ma vie d’aujourd’hui““, convient le futur candidat socialiste quelques mois plus tard, en février 2011, interrogé von zwei Journalistinnen, die danach ein Buch über die „amours hollandaises“ schrieben. Entre deux feux (Grasset)

[30] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/13/monsieur-sauer-le-fantome-de-l-opera_972596

[31] Siehe: Compréhension adultère pour l’homme casqué 20 janvier 2014 à 17:06

http://www.liberation.fr/societe/2014/01/20/comprehension-adultere-pour-l-homme-casque_974206 Das würde übrigens auch zu der Begründung für die Pantheonisierung von Sophie Berthelot, einer der beiden im Pantheon bestatteten Frauen, passen – sie hat ja –siehe Bericht Nr. 29- diese Ehre der Ehe mit ihrem Mann und ihren –offenbar ganz außergewöhnlichen- ehelichen Tugenden zu verdanken.

[32] Siehe Les Echos vom 9.1.14:  La cote de popularité de Hollande reste au plus bas. (sie pendelt um die 25%)

[33] http://www.midilibre.fr/2014/01/17/quand-hollande-disait-moi-president-je-ferai-que-mon-comportement-soit-exemplaire,809339.php   Und schon zu Beginn des Wahlkampfs hatte Hollande sich zu einer Ethik bekannt, die dem ausgeübten Amt entspreche: Avoir une éthique qui correspond au métier excercé et en être respecteux.“ http://www.purepeople.com/article/francois-hollande-parle-enfin-de-sa-compagne-la-femme-de-ma-vie_a65714/1

[34] Eigentlich hatte Hollande im Wahlkampf versprochen, diese Inszenierung der Pressekonferenzen im Elysée nicht fortzusetzen, aber ….

[35] Siehe Le Figaro  31.1., S. 15

[36] Dazu passt auch eine Äußerung in einem Internet-Forum von Liberation: „Pourquoi voulez vous que notre 1er socialiste se préoccupe des affaires sérieuses ?? Il est occupé à d’autres courbes , et celles ci sont bien plus attractives et plus fascinantes…” http://www.liberation.fr/politiques/2014/02/01/peu-importe-que-francois-hollande-soit-social-democrate-ou-socialiste_977134

[37] http://www.lepoint.fr/invites-du-point/daniel-salvatore-schiffer/hollande-le-grand-mechant-mou-09-07-2013-1702206_1446.php

[38] Thierry Borsa in Le Parisien, 4.2.14, S.2. Libération vom 5.2. titelt: Gouverner, c’est reculer. Und erklärt: „Pourquoi Hollande s’est couché“ (S.1)

[39] „Je fais savoir que j’ai mis fin à la vie commune que je partageais avec Valérie Trierweiler.„ Übrigens eine sehr eigentümliche und  bemerkenswerte Wortwahl –  Siehe:

http://www.lepoint.fr/invites-du-point/nathalie-rheims/rheims-hollande-trierweiler-jeux-de-mots-26-01-2014-1784546_1452.php

[40] Renaud Machard in Le Monde, 29.1.14, S. 16: „un décret de répudiation autocratique et brutal“; „un avis de licenciement sec”. s.a. Valérie Trierweiler. Vingt mois à l’Elysée. Portrait. Le Monde 28.1.14, S. 17

[41] L’Express 22.1.14, S.13

[42] http://www.liberation.fr/politiques/2014/01/28/lepaon-cgt-hollande-doit-sortir-de-sous-les-jupons-de-merkel_976028 siehe auch:  Le Monde 2./3.2.14

Das Pariser Denkmal für das russische Expeditionskorps im Ersten Weltkrieg, eine russische Kapelle in der Champagne und die Kriegsbilder Zadkines

Anlässlich meiner Beschäftigung mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris (siehe Blog-Beitrag: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld) habe ich auch das Denkmal für das russische Expeditionskorps entdeckt, das im Ersten Weltkrieg auf Seiten Frankreichs gekämpft hat. Allerdings habe ich ihm zunächst keine weitere Beachtung geschenkt, weil ich ja vor allem Orte gesucht habe, die besonders für einen Besuch von Schülergruppen geeignet sind, die also möglichst vielfältige und eigenständige Entdeckungen ermöglichen und weiterführende Anregungen eröffnen. Das ist bei diesem Denkmal eher weniger der Fall.

Dann habe ich allerdings eine Ausstellung von  Kriegszeichnungen des russischen Bildhauers Zadkine  in dem ihm gewidmeten Pariser Museum besucht. Zadkine gehörte zwar nicht zu diesem Expeditionskorps- er lebte schon in Paris, als er der Weltkrieg begann- aber er engagierte sich als Sanitäter für die verwundeten Soldaten des russischen Corps.

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Das war dann Motivation genug, doch noch einmal das  Pariser Denkmal genauer zu betrachten. Und das heißt: mich ein wenig mit der abenteuerlichen Geschichte des russischen Expeditionskorps zu beschäftigen und mit der Geschichte dieses Denkmals – und damit auch mit dem Auf und Ab der französisch-russischen Beziehungen der letzten Jahre.

Das Denkmal, geschaffen von dem russischen Bildhauer Vladimir Sourovtsev, wurde am 21. Juni 2011 von den beiden damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands, François Fillon und Valentin Putin, eingeweiht – gerade unter aktuellen politischen Vorzeichen eine interessante Konstellation! Es steht auf der Grünanlage Place du Canada im 8. Arrondissement.

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Auf dem Sockel des Denkmals befinden sich –auf der Vorder- und Rückseite- Tafeln mit einer Widmung in französischer und russischer Sprache:

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„Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“

 

Das russische Expeditionskorps in Frankreich

Insgesamt waren es etwa 45 000 russische Soldaten, die von Ostasien in einer fast zweimonatigen Schifffahrt nach Frankreich transportiert wurden, um am Kampf gegen die deutschen Truppen teilzunehmen. Die ersten Einheiten kamen  nach einem Transport von 30 000 Kilometern –über die Transsibirische Eisenbahn und den Seeweg über Port Arthur- im April 1916 in Marseille an, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen wurden.[1]

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Ihre Entsendung beruhte auf einem französisch-russischen Tauschgeschäft: Russland, dessen Militärindustrie noch nicht den Anforderungen eines längeren Kriegs mit seinen Materialschlachten  gewachsen war, erhielt aus Frankreich Kriegsmaterial, Frankreich im Gegenzug russische Soldaten, um den Aderlass der ersten Kriegsmonate etwas auszugleichen: Die außerordentlich hohe Zahl französischer Kriegstoten war nicht zuletzt Resultat der Doktrin einer „offensive à outrance“, wie sie vom General und späteren Marschall Joffre entwickelt worden war.[2] Allein am 22. August 1914, als Frankreich „die blutigsten Stunden seiner Geschichte“ erlebte[3], kamen 27 000 französische Soldaten ums Leben. Zum Ausgleich für die hohen Verluste wurden auch chinesische Hilfskräfte engagiert[4] und vor allem Truppen aus den afrikanischen Kolonien, die sogenannten  „tirailleurs sénégalais.“

Die beiden russischen Brigaden, die für den Kampf gegen  die Truppen des Deutschen Reichs bestimmt waren –zwei andere Brigaden nahmen am Kampf gegen das osmanische Reich teil-  wurden zunächst in Frankreich (weiter) ausgebildet und ausgerüstet – zum Beispiel mit dem französischen Stahlhelm, in den der russische Doppeladler eingeprägt war. (Das Bild ist ein Detail vom Denkmal für das russ. Expeditionskorps).

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Im April 2017 nahmen die beiden russischen Brigaden in der Champagne an der sogenannten Nivelle-Offensive am Chemin des Dames teil, wo  sie sich militärisch auszeichneten. Allerdings waren die Verluste dabei außerordentlich hoch und der erhoffte „Durchbruch“ durch die feindlichen Linien gelang nicht.  Auch hier spielte  die Doktrin der „offensive à outrance“, die von General Nivelle, dem verantwortlichen Kommandeur, bedingungslos vertreten  wurde,  eine verhängnisvolle Rolle. Es kam sogar zu Meutereien französischer Soldaten gegen den „Blutsauger“ Nivelle, der schließlich durch Henri Pétain ersetzt wurde. Und es kam aufgrund der revolutionären Entwicklungen in Russland zu erheblichen Spannungen zwischen den Soldaten des russischen Expeditionskorps  und im September 2017 zu einer Meuterei bolschewistischer Soldaten, die von zarentreuen Russen und französischen Einheiten blutig niedergeschlagen wurde. Über 500  überlebende „Rädelsführer“ wurden verhaftet und zum Teil auf der Ile d’Aix festgesetzt. Die anderen russischen Soldaten wurden entwaffnet, das Expeditionskorps aufgelöst. Seine Mitglieder erhielten das Angebot, als Legion Russe in die französischen Streitkräfte integriert zu werden, wofür sich etwa 500  zarentreue Russen entschieden. Diese Einheit kämpfte im Rahmen einer marokkanischen Division der französischen Streitkräfte bis Ende des Kriegs weiter und nahm sogar nach dem Waffenstillstand an der Besetzung des linksrheinischen  Gebiets teil.  Etwa 10 000 russische Soldaten wurden „travailleurs militaires“ in französischen Diensten oder Mitglieder der Fremdenlegion, während diejenigen, die diese Optionen ablehnten, bis Ende des Krieges in algerischen Internierungslagern festgesetzt wurden. Die Zahlen dieser  „refractaires“, die ich dazu gefunden habe, schwanken  zwischen 1300 und 4800… [5]

Einer der russischen Soldaten, der aber immer wieder gerne bei Darstellungen über das russische Expeditionskorps angeführt wird, ist Rodion Malinowski, der spätere sowjetische Marschall und Verteidigungsminister. Er wurde nach der Revolte vom September 2017 in eine marokkanische Division aufgenommen und nahm an den Kämpfen an der Somme teil, bevor er nach Russland/in die Sowjetunion zurückkehrte  und in der Roten Armee Karriere machte.[6]

Insgesamt allerdings handelt es sich hier um ein sowohl in Russland als auch in Frankreich eher wenig bekanntes Kapitel des Ersten  Weltkriegs. Dieser Krieg war für die sowjetische  Geschichtsschreibung ein Werk des Imperialismus und der Einsatz russischer Soldaten in Frankreich eher anstößig. Und in Frankreich war man nicht daran interessiert, den Beitrag von Chinesen, Afrikanern und Russen im Kampf gegen die kaiserliche Armee herauszustellen. Die Meuterei von Teilen des russischen Expeditionskorps führte zusätzlich zu einer äußerst restriktiven Informationspolitik der französischen Armee, um eine Ausbreitung zu verhindern. Es ist also ausgesprochen schwierig, sich ein einigermaßen klares Bild von diesen Ereignissen zu verschaffen.

Und vor allem ist wohl die Geschichte dieses russischen Expeditionskorps so wechselhaft, schwierig und in vielfacher Hinsicht problematisch, dass sie sich -wenn auch nicht immer erfolgreich-  einer schlichten heroischen Überhöhung widersetzt.

Eine russische Kapelle in der Champagne

In der Champagne, in Saint –Hilaire- le –Grand,  steht eine 1937 russische Kapelle im traditionellen orthodoxen Stil des 15. Jahrhunderts, die zur Liste der „monuments historiques“ gehört.

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Sie ist, wie einer Inschrift über dem Eingang zu lesen ist, den russischen Soldaten gewidmet, die zwischen 1916 und 1918 „auf dem Feld der Ehre“ in Frankreich gefallen sind.

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Errichtet wurde sie auf Initiative der association des officiers russes anciens combattants sur le front français,  Sie gehört zu einem Friedhof, auf dem 915 Mitglieder des russischen Expeditionskorps bestattet sind.

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Die Mitte des Friedhofs wird markiert von einem  Denkmal, das  ein früheres von 1924 ersetzt. Das ursprüngliche war 1998 anlässlich der Renovierung des Friedhofs wegen Baufälligkeit beseitigt und das orthodoxe Metallkreuz an der Spitze „entsorgt“ worden.  Die Association du souvenir du corps expéditionnaire russe en France ( ASCERF ), die  sich auf  russischer Seite um den von Frankreich und seinem Ministerium für die „anciens combattants“ verwalteten Friedhof kümmert, konnte und wollte einen  solchen  Umgang mit „ihrem Monument“ nicht hinnehmen.  Die  französische Verwaltung dagegen war der Meinung,  dass « un monument à connotation religieuse n’a[vait] pas sa place dans un lieu de mémoire laîc ».  Schließlich wurde aber dann  doch dem  russischen Wunsch nachgegeben und seit 2011 gibt es wieder ein Replik des alten  Denkmals mit dem  orthodoxen Kreuz…  (6a)

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Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Gedenkstein des zweiten russischen Regiments mit der Aufschrift:

„Enfants de France, quand l’ennemi sera vaincu et quand vous pourrez librement cueillir des fleurs sur ces champs, souvenez-vous de nous, vos amis russes, et apportez-nous des fleurs“

Er wurde noch während des Krieges von Angehörigen des Regiments für ihre gefallenen Kameraden errichtet.

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Der Friedhof und die Kapelle von Saint-Hilaire-le-Grand sind die zentrale Erinnerungstätte an das russische Expeditionskorps. Hier wird einmal jährlich feierlich an den Kampf russischer Soldaten auf Seiten französischer Truppen erinnert. (siehe: http://www.ascerf.com/)

Zu den Erinnerungsorten an die russischen Truppen in der Champagne gehört auch das in der Nähe gelegene und zum Verteidigungsring von Reims gehörende Fort de la Pompelle.

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Dort befindet sich auch eine mit dem traditionellen russischen Doppeladler versehene Gedenktafel mit russischer und französischer Fahne.

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Sie ist -entsprechend der in französischer und russischer Sprache ausgeführten Inschrift- der Erinnerung an die 1. und 3. Brigade des russischen  Expeditionskorps gewidmet,  „die an diesem Ort in der Champagne an der Seite der französischen Truppen vom 7. Juli 1916 bis zum 19. April 1917 gekämpft haben. Die dankbare Stadt Reims mit Unterstützung der Botschaft der russischen Föderation.“

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Am Fuß des Denkmals gibt es noch einige Erinnerungsplaketten, von denen mir eine besonders aufgefallen ist, weil da gewissermaßen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Aber zu Zeiten Putins gehört ja wohl die Anknüpfung an die zaristische Tradition zur offiziellen Erinnerungspolitik.

 

Die Einweihung des Denkmals in Paris

Eingeweiht wurde das Denkmal –wie anfangs schon mitgeteilt-  2011 von François Fillon und Vladimir Putin, den damaligen Ministerpräsidenten Frankreichs und Russlands.

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Putin schaut zwar auf dem offiziellen Bild etwas grimmig drein, aber der Eindruck täuscht: Frankreich und Russland befanden sich damals, wie der „Figaro“ in einem Vorbericht über die Denkmalseinweihung schrieb, in den „Flitterwochen“  („lune de miel“) oder –prosaischer ausgedrückt-  es zeichnete sich eine neue strategische Achse („une nouvelle axe strategique“) ab –wie zu den besten Zeiten russisch-französischer  Partnerschaft, „destinée à contourner la puissance allemande“.[7] Diese „strategische Achse“ hatte ihren Niederschlag in der Vereinbarung des Verkaufs von zwei ultramodernen französischen Kriegsschiffen, den „Mistrals“,  an Russland- der ersten  Lieferung westlicher Kriegsschiffe nach Russland seit dem Zweiten Weltkrieg, wie der damalige französische Handelsminister stolz  verkündete.[8]

In seiner Ansprache zur Einweihung des Denkmals machte François Fillon einen großen Bogen um alle mit dem Einsatz des russischen Expeditionskorps verbundenen Probleme. Dafür rühmte er die Tapferkeit und den Heroismus der russischen Soldaten und beschwor die französisch-russische Waffenbrüderschaft. Es handele sich um eine ruhmreiche, aber viel zu wenig bekannte Seite der Geschichte. Deshalb hätten Vladimir Putin und er auf Anregung von Francois Mitterand beschlossen, dieses Denkmal zu errichten. Der Platz dafür sei schon seit langem „un véritable lieu de mémoire de l’amitié franco-russe“. Wenige Meter entfernt habe der Zar 1896 den ersten Stein für die Brücke Pont Alexandre III gesetzt. Und bald werde auf der anderen Seite der Seine, am Quai Branly, das russische kulturelle und geistliche Zentrum errichtet.

„Aujourd’hui, ce monument contribue à rendre à ces hommes la place qu’ils méritent dans notre histoire. Il préserve la mémoire des soldats russes qui payèrent de leur vie leur engagement au service de notre liberté. Ces braves symbolisent notre fraternité d’armes, et au-delà, ils symbolisent, Monsieur le Premier Ministre, l’unité retrouvée du continent européen.“

Und zum Abschluss der Rede ließ François Fillon Frankreich, Russland und die französisch-russische Freundschaft hoch leben:

„Vive la France ! Vive la Russie ! Et vive l’amitié franco-russe.“

Liest man gut sechs Jahre später diese Rede und die damaligen Zeitungsberichte, so wird der Bruch deutlich, der sich inzwischen vollzogen hat: Im Oktober 2016 wurde zwar  das von Fillon angesprochene orthodoxe russische Zentrum, ein eindrucksvoller Bau  am Quai Branly,  eröffnet… (8a)

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… aber der eigentlich angekündigte Vladimir Putin ist dem Ereignis demonstrativ fern geblieben- ebenso Cyrille, der Patriarch von Moskau. Und abwesend waren auf französischer Seite auch Präsident Hollande und „la plupart des gros bonnets politiques“, wie Le Monde bitter konstatierte. (25.10., S. 15)  Grund dafür  sind die fundamental unterschiedlichen Positionen beider Länder im Syrien-Konflikt, die kürzlich bei einem russischen Veto gegen eine von Frankreich eingebrachte Syrien-Resolution deutlich zum Ausdruck kamen.[9] Die Lieferung der beiden an Russland verkauften Mistral- Kriegsschiffe wurde aufgrund der europäischen Sanktionspolitik storniert; stattdessen  wurden sie –mit finanzieller Unterstützung Saudi-Arabiens- für knapp 1 Milliarde Euro an Ägypten verkauft- nach dem Verkauf einer Fregatte und von 24 Rafale-Flugzeugen ein weiterer von Politik und Medien  gefeierter Erfolg des französischen Waffenexports nach Ägypten.[10]

Aber vielleicht wird die französisch-russische Eiszeit bald beendet sein: Die Zeitung Libération versah nach dem überraschenden Erfolg Fillons im ersten Durchgang der republikanischen Vorwahlen  ihre Darstellung seiner außenpoltischen Positionen mit der Überschrift: „Poutine d’abord“. Fillon, der Putin nach eigenen Angaben etwa 15 mal  getroffenen habe- werde schon von der russischen Presse als „Freund Putins“ bezeichnet. Den islamischen Totalitarismus betrachte Fillon als den einzigen Feind Frankreichs. Um ihn zu bekämpfen, sei die Zusammenarbeit mit Russland –und auch die Mitwirkung von Assad und Iran- notwendig. Fillon plädiere deshalb auch für eine Aufhebung  der europäischen Sanktionen gegen Russland und strebe ausgewogene Beziehungen zu Russland und den USA an. In dieser Hinsicht sieht Fillon offenbar auch eine Chance.[11]  Ganz entsprechend titelt le Monde:  „‘Vladimir‘ et ‚François‘, une amitié géopolitique“. Fillon habe immer eine „relation privilégiée“ mit dem von ihm als „cher Vladimir“ apostrophierten russischen Präsidenten unterhalten. Und für die Ukraine-Krise mache er zunächst und vor allem die EU verantwortlich, die einen „historischen Fehler“ gemacht habe, weil sie die Ukraine um jeden Preis der russischen  Einflusszone habe entreißen wollen.[12]

In einem weiteren Beitrag berichtet Le Monde von den freudigen russischen Reaktionen auf den „sensationellen Sieg“ Fillons im ersten Wahlgang. Die  Zeitung zitiert einen einflussreichen  außenpoltischen russischen Kommentator, der feststellte: Unter einer Präsidentschaft Fillons werde das Tandem Deutschland-Frankreich gegenüber Russland durchbrochen und Angela Merkel stehe mit ihrer harten Position praktisch alleine da mit Polen und den baltischen Staaten….[13]

Man darf also gespannt sein, ob eine neue geopolitische Freundschaft zwischen Frankreich und Russland die „strategische Achse“ von 2011 wiederbeleben wird…. [14]

Ossip Zadkine: Kriegszeichnungen

Zadkine gehörte nicht zu dem russischen Expeditionskorps. Geboren 1888  in Vitebsk, lebte er schon seit 1909 in Paris. Als der Krieg begann, veröffentlichte Blaise Cendars, ein ebenfalls in Paris lebender Schweizer Schriftsteller, einen glühenden Aufruf an die ausländischen Freunde Frankreichs, sich zu engagieren: „L’heure est grave, tout homme digne de ce nom doit agir, se défendre de rester inactif. Toute hesitation serait un crime. Poit de paroles, des actes.“[15]

Zadkine folgte nun allerdings ganz und gar nicht begeistert diesem Aufruf. Er lebte im Künstlermilieu von Montparnasse zwischen den Cafés La Coupole, le Dôme und la Closerie, wo internationale Künstler und Intellektuelle verkehrten: Picasso, Brancusi, Archipenko, André Breton, Apollinaire, Marie Laurencin, Oskar Wilde und viele andere; ein Milieu, wie es anregender nicht sein konnte. Zwar lebte Zadkine in recht ärmlichen Verhältnissen, aber kurz vor Ausbruch des Krieges hatte er eine Skulptur zu einer Ausstellung der Neuen Sezession nach Berlin geschickt. Und tatsächlich: Ein deutscher Kunstfeund kaufte die Skulptur- es war sein erster Verkaufserfolg wie er stolz in seiner Autobiogaphie „Le Maillet et le Ciseau“ schreibt![16]

Anfang 1915 war offenbar der Druck auf Zadkine so groß geworden, dass er sich in der französischen Armee engagieren musste: „Je ne devais m’engager dans l’armée française qu’au début de 1915“ (Erinnerungen, S. 82).  Er  gehörte damit zu den 45 000 in Frankreich lebenden und mehrheitlich russischen Ausländern, die sich für die Dauer des Krieges zur Fremdenlegion meldeten. Nach einer Ausbildung zum Sanitäter wurde er einer hinter der Champagne-Front stationierten russischen Ambulanz zugeteilt.  „L’on m’affecta à une ambulance russe qui se trouvait à Magenta, faubourg d’Epernay. L’ambulance était un don à la France de la dernière imperatrice de Russie.“ (a.a.O.)

Es gab mehrere solcher russischer Ambulanzen im Ersten Weltkrieg („Ambulances Russes aux Armées Françaises“). Sie wurden nach Ausbruch des Krieges aufgebaut. Der russische Botschafter Isvolski war daran maßgeblich beteiligt, die Schirmherrschaft hatte, wie Zadkine schreibt, die Zarin Alexandra.[17]

Am 12. Juni 1915 wurden in einer Zeremonie im Ehrenhof des Hôtel des Invalides die russischen Ambulanzen präsentiert: Ausdruck der französisch-russischen Waffenbrüderschaft, der Siegeszuversicht und der Modernität der eingesetzten Kriegs- bzw. Hilfsmittel.[18]

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Und auf einer Informationstafel am Friedhof von Saint-Hilaire-le Grand wird auch an die russischen Ambulanzen erinnert:

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In seinen Memoiren „Le Maillet et le Ciseau“ zieht  Zadkine eine düstere Bilanz seiner Zeit als  Sanitäter. Er bezeichnet sie als die elendeste Zeit seines Lebens, „les jours les plus misérables de ma vie commencèrent alors. Casernes, casernes et encore casernes… Nous étions logés, pour la plupart, dans la salle de fête de Magenta, local sinistre aux murs gris et humides. Infirmiers et brancardiers que nous étions y dormions sur des grabats étroits. Nous mangions, ceux qui comme mois étaient trop pauvres pour s’acheter des repas en ville, dans un autre local adjacent; nous mangions ce que Dieu nous permettait de manger“. (a.a.O.)

Ende 1916 wurde Zadkine als Krankenträger direkt an der Front eingesetzt. Tag für Tag ist er unterwegs zu den vordersten Linien, um Verletzte abzuholen und zu den zurückliegenden Lazaretten zu bringen. Bei einem solchen Einsatz wird er selbst Opfer einer Gasattacke.

„Nos journées se passaient en camionnettes qui nous menaient aux tranchées et à des souterrains. Nour évacouions malades et blessés vers Épernay où plusieurs hôpitaux avaient été installés.“

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 „Un soir, nous dûmes faire un voyage supplémentaire aus monde des blessés. L’atmosphère était paisible et, semblait-il, la campagne sentait bon les fleurs mais la tête nous tourna tout à coup et le chauffeur put juste stopper. Une autre ambulance nous ramassa sans doute car, un peu avant minuit, je me retrouvai dans un hôpitale installé dans un couvent des environs d’Épernay. Je ne faisais de vomir alors qu’à côté de moi un grand soldat… toussait très sec et sans arrêt, avec un bruit de bois mort que l’on casse. J’étais gazé.“ (a.a.O., S. 83/84)

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Nach einer Behandlung in Paris im hôpital Santi-Antoine muss er zurück an die Champagne-Front – in das unter deutschem Artillerie-Beschuss liegende Reims, wo er seine Arbeit als Krankenträger wieder aufnimmt:

„Je dus retourner à Reims; la ville était alors bomardée terriblement. Les Allemands lançaient des attaques chaque jour … La vue des blessés, dont l’état était souvent sans espoir, faisait de moi un pauvre raton esquinté mais, par rapport à ces blessés, pouvais-je me plaindre?“

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Anfang 1917 erhält Zadkine einen neuen Einsatzbefehl: Er wird den zwei Brigaden des russischen Expeditionskorps zugeteilt, die im Lager Mourmelon in der Champagne stationiert waren – wo sich heute ein russischer Friedhof für Soldaten des Expeditionskorps befindet.

Zadkine berichtet in seinen Memoiren von den durch die Revolution in Russland verursachten zunehmenden Spannungen zwischen französischen und russischen Soldaten, die sich oft weigerten weiterzukämpfen. Und er erinnert sich an wahre Kämpfe zwischen Franzosen und Russen in den Bordellen:

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„Il fallait répartir les jour de la semaine entre les uns et les autres; les entrées et les escaliers étaient gardés par des mitrailleurs. Chaque soldat payait cinq francs pour accéder à l’entrée de l’établissement puis encore cinq francs pour accéder à une chambre. On était souvent obligé de l’arracher à la femme s’il prenait plus des cinq minutes prévues. Tard, le soir, on voyait sortir de la maison un brancard sur lequel il fallait évacuer vers la gare un corps de femme immobile.“ (Erinnerungen, S. 86)

Wegen einer Tuberkulose Erkrankung wird Zadkine –wieder in Paris- in der Villa Molière, einer Außenstelle des hôpital Val-de-Grâce, ärztlich versorgt. Im Oktober 2017 wird er schließlich entlassen und kann in sein Atelier zurückkehren.

„Libre! J’étais libre, oui, mais malade et sans un sou. Je revins à mon atelier mais moralement et physiquement je n’avais plus aucun ressort…“

Während seiner Arbeit als Sanitäter hat Zadkine etwa 40 Bleistift- und Tuschzeichnungen und auch einige Aquarelle angefertigt. Manchmal fügte er bei der Signatur einer Arbeit an, wo sie entstanden ist- hier beispielsweise in Loude/Ludes in der Champagne, wo Zadkine von Oktober bis Dezember 1916 bei einer russischen Ambulanz stationiert war.

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20 dieser Arbeiten wählte er als Vorlage für Radierungen aus, die er 1919  in einem Album zusammenstellte, das er der Tochter des letzten zaristischen russischen Botschafters, MlIe Isvolsky, widmete. Der Erfolg war allerdings gering: Obwohl Zadkine zahlreiche Personen anschrieb, von denen er annahm, sie könnten an dem Album Interesse haben, war das Echo enttäuschend, „pauvre“,  wie Zadkine schrieb, er verkaufte nur etwa 10 Exemplare.

Jetzt sind diese vom Kubismus beeinflussten Arbeiten im Museum Zadkine ausgestellt. Sie zeigen die Schrecken des Krieges, die Zerstörung von Körper und Geist. Individuelle Gesichtszüge sind bei den Verwundeten oder Toten –eine Unterscheidung ist nicht möglich- kaum zu erkennen. Dies weist -wie die serielle Aneinanderreihung von Bahren oder Betten-  auf die Massenhaftigkeit und Anonymität des Leidens und des  Sterbens hin.

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Viele der abgebildeten Opfer sind verstümmelt. Das entspricht der grausamen Realität des Kriegs: Den meist völlig überforderten Ärzten blieb oft nur eine schnelle Amputation, um Leben zu retten. Und es ist sichtbarer Ausdruck der zerstörerischen Potenz des Krieges.

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Zadkine hat daraus, wie viele andere engagierte Künstler seiner Zeit, die Verpflichtung abgeleitet, die Schrecken des Krieges anschaulich zu machen und künstlerisch zu gestalten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die  Plastik „Die zerstörte Stadt“. Zadkine schuf sie für die 1940 von deutschen Bombern zerstörte Stadt Rotterdam- ein an  Picassos Guernica erinnerndes Fanal gegen den Krieg.  Eine Kopie der Plastik ist  ausgestellt in dem versteckten kleinen Garten des Museums, einem wunderbaren intimen Ort der Ruhe und des Friedens mitten in Paris.

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Praktischer Hinweis:

Musée Zadkine,  100 bis, rue d’Assas   75006 Paris

Täglich außer montags geöffnet vom 10 bis 18 h

Ausstellung Dessins/Destins de Guerre bis 5. Februar 2017

Die éditions Paris-Musées haben ein Buch zur Ausstellung herausgegeben, in dem die Zeichnungen und Radierungen Zadkines aus der bzw. über die Zeit des 1. Weltkriegs zu finden sind.

 

Anmerkungen: 

[1] Avril 1916: le ‚réservoir de fer‘ des soldats du Tsar apporte l’espoir de la victoire. In:1916. La Provence au coeur de la Grande Guerre. La Provence H 20306, S. 42 f

Karte aus: http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#site

[2] Zu Joffre und der offensive à outrance siehe den Blog-Beitrag über le mur pour la paix: Die Mauer für den Frieden auf dem Marsfeld. (1. Juli 2016)

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[3] „les heures les plus sanglantes de son histoire“

http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/08/22/le-massacre-du-22-aout-1914_4475342_3224.html

[4] Siehe dazu den Blog-Bericht über Chinatown in Paris (1. August 2016)

[5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Corps_exp%C3%A9ditionnaire_russe_en_France  https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_an_der_Aisne_(1917)  

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutinerie_des_soldats_russes_%C3%A0_La_Courtine

https://fr.wikipedia.org/wiki/Mutineries_de_1917

http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm

http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

Zur Ile d’Aix siehe den Blog-Beitrag: Das Napoleon-Museum auf der Ile d’Aix (November 2016)

[6] http://france3-regions.francetvinfo.fr/champagne-ardenne/marne/courcy-marne-inauguration-d-une-statue-offerte-par-la-federation-de-russie-712237.html  http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

(6a) http://www.cndp.fr/crdp-reims/memoire/lieux/1GM_CA/cimetieres/russes/saint_hilaire.htm#monument

[7] http://www.lefigaro.fr/international/2011/06/20/01003-20110620ARTFIG00710-poutine-en-visite-d-amitie-a-paris.php

http://www.lefigaro.fr/mon-figaro/2011/05/24/10001-20110524ARTFIG00661-france-russie-le-nouvel-axe-strategique.php

[8] http://www.lefigaro.fr/societes/2011/06/17/04015-20110617ARTFIG00591-la-france-espere-livrer-un-mistral-a-la-russie-fin-2012.php

(8a) Bild aus: http://www.rtl.fr/actu/societe-faits-divers/en-images-la-cathedrale-orthodoxe-russe-inauguree-a-paris-sans-poutine-7785363089

[9] http://www.la-croix.com/Religion/France/A-Paris-nouvelle-cathedrale-russe-inauguree-sans-Vladimir-Poutine-2016-10-19-1200797451

http://www.france24.com/fr/20161012-desaccords-syrie-relations-paris-moscou-russie-france

[10] http://www.lesechos.fr/23/09/2015/lesechos.fr/021348111356_l-histoire-mouvementee-des-mistral-russes-devenus-egyptiens.htm

http://www.lepoint.fr/economie/les-deux-mistral-vendus-a-l-egypte-pour-pres-de-950-millions-d-euros-23-09-2015-1967421_28.php

[11] Libération: La France selon Fillon. Politique étrangère. 22.11.2016, p. 5

[12] Le Monde, 23.11.2016, S. 13. Bei  der Darstellung der Positionen Fillons zur Ukraine-Krise bezieht sich die Zeitung auf sein 2015 erschienenes Buch „Faire“.

[13] A Moscou, on salue déjà une ‚victoire sensationelle‘ Le Monde 23.11.2016, Seite 13

[14] Eine persönliche Anmerkung: Fillon hat ja  gute Chancen, nächster Präsident Frankreichs zu werden. Was die Haltung zu Russland angeht, verbinde ich damit durchaus Hoffnungen. Dass Deutschland Truppen im Baltikum stationiert,  von Le Monde schon als künftige führende Militärmacht Europas ausgerufen wird und zu den Hauptbefürwortern einer m.E. sinnlosen und eher schädlichen  Sanktionspolitik gegenüber Russland gehört, finde ich äußerst fatal, z.T. erschreckend.  Vielleicht kann Fillon dazu ein Gegengewicht bilden.  (siehe Le Monde, 25. Nov 2016: Allemagne: Bientôt première puissance militaire d’Europe. S. 1, 2 und 3)

[15] Zitiert aus der Ausstellungsbroschüre des Musée Zadkine

[16]  Zadkine, Le Maillet et le Ciseau. Souvenirs de ma vie. Paris: Albin Michel 1968, S. 80

[17] http://www.ascerf.com/gazette_11.pdf (ASCERF= Association du Souvenir du Corps expéditionaire russe en France (1916-1918)

Ausstellungsbroschüre des Zadkine-Museums.  Die Zarin war übrigens, wie ich –in Darmstadt aufgewachsen- anmerken möchte, eine gebürtige großherzogliche Prinzessin von Hessen-Darmstadt, deren Bruder, Großherzog Ludwig,  nun im feindlichen deutschen Lager stand.

[18]http://actualites.musee-armee.fr/vie-du-musee/les-invalides-dans-la-grande-guerre-episode-7-des-ambulances-russes-dans-la-cour-dhonneur/

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (vive l’empereur! Teil 2)

Wenn man in Paris lebt,  kommt man an Napoleon nicht vorbei – zumal wenn man sich gerade mit Orten des Friedens und des Kriegs in Paris näher beschäftigt (siehe den Blog-Beitrag über die mur pour la paix auf dem  Marsfeld vom 1. Juli 2016). Der Text über den Arc de Triomphe (1. November 2016)  ist in diesem Zusammenhang entstanden- gewissermaßen der erste Teil einer kleinen „vive l’empereur-Serie.  Ein weiterer  über Napoleon in den Invalides  (Invalidendom und Musée de l’Armée) wird im Dezember 2016 folgen und dann wohl auch noch einer über die Triumphsäule auf der place Vendôme.  Der  Beitrag über das Napoleon-Musem auf der Île d’Aix hat sich eher zufällig ergeben: Wir verbrachten im Sommer einige Tage auf der Île d’Oléron. Ein kleiner Ausflug auf die benachbarte Île d’Aix bot sich da an, zumal wenn Napoleon gerade ein Thema ist…

Die Île d’Aix ist eine kleine Festungsinsel  in der Bucht von Rochefort. Hier ein eindrucksvolles  Modell der Insel aus dem musée des plans – reliefs im Hôtel des Invalides in Paris:

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Die Funktion der Befestigungsanlagen war der Schutz der Stadt Rochefort, die unter Ludwig XIV. zu einem  Marinestützpunkt mit einem bedeutenden  Arsenal ausgebaut wurde.

Rochefort war auch ein wichtiger Stützpunkt im Krieg Napoleons gegen England. Und die englische Marine stellte eine erhebliche Bedrohung für das strategisch wichtige Rochefort dar, wo die Schiffe gebaut wurden oder gebaut werden sollten für die geplante Invasion der Insel. Napoleon inspizierte also 1808 die Île d’Aix  und befahl  den Bau eines „unzerstörbaren“  und „uneinnehmbaren“ Forts auf dem höchsten Punkt der Insel: Das Fort Liédot.  Die Arbeiten begannen 1810 – zogen sich allerdings bis 1834 hin… Die Festung konnte eine Garnison von 600 Mann aufnehmen- wurde aber auch als Gefängnis für Kriegsgefangene und für politische Gefangenen genutzt. 1870 waren zum Beispiel preußische Kriegsgefangene hier untergebracht [1] und ein Jahr später Kämpfer der Commune – bevor sie im Allgemeinen in die Verbannung geschickt wurden. Ein besonders prominenter Gefangener war Ahmed Ben Bella, einer der Führer des algerischen Widerstands gegen die französische Besetzung, der von 1959 bis 1961 dort gefangen war , bevor er 1963 der erste Präsident des unabhängig gewordenen Landes wurde.[2]

Außerdem inspizierte Napoleon bei seinem Besuch von 1808 die Arbeiten an dem Bau des mächtigen Forts Boyard zwischen der Île d’Aix und der Île d’Oléron – von dem später noch die Rede sein wird. Und last but not least: Er ordnete den Bau einer standesgemäßen Behausung für den  Gouverneur der Insel an. Und sicherlich hätte er sich nicht träumen lassen, dass dieses Haus einmal seine letzte Unterkunft in Frankreich, ja Europa sein würde, bevor er den  Weg in die  Verbannung nach Sankt Helena antreten musste.

Man ist also, das wird schon aus diesen wenigen Angaben deutlich, Napoleon auf der Île d’Aix ganz nahe-  es ist gewissermaßen eine napoleonische Insel.  Und das merkt man auch gleich, wenn man sie  –vom Boot ankommend-  betritt und von einer Büste Napoleons empfangen wird.

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Darunter ist ein Schild angebracht, das erklärt, welche Bewandtnis es mit dieser Büste hat:  Aufgestellt wurde sie 2015, 200 Jahre, nachdem der zum Rückzug gezwungene Napoleon,  von Rochefort kommend,  am 12. Juli 1815 die Insel betreten habe, bevor er in der Nacht vom 14. zum 15. Juli sich in die Hand der Engländer begeben habe und ins Exil aufgebrochen sei.

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Auch danach begegnet man Napoleon auf der Insel auf Schritt und Tritt.

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Und selbstverständlich trägt auch das erste Haus am Platz –ungeachtet des äußeren schlichten Aussehens ein 3-Sterne Hotel-  den  Namen Napoleons- das dazugehörige Restaurant heißt dann passender Weise  „Chez  Josephine“.

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Hauptsehenswürdigkeit der Insel ist das Napoleon-Museum, das im ehemaligen Gouverneurssitz der Insel untergebracht ist, da also, wo Napoleon seine letzten europäischen Tage verbracht hatte.

Die letzten Tage Napoleons in Europa

Am 22. Juni 1815 musste Napoleon auf Druck des Parlaments sein kaiserliches Amt niederlegen. Er  spielte  zwar mit dem Gedanken, die Nationalgarde gegen das Parlament in Bewegung zu setzen, aber ob die ihm auch jetzt  noch gefolgt wäre, ist unsicher.  Die einzige Konzession, die dem Parlament und dem neuen provisorischen Regierungschef Fouché abtrotzen konnte, war die Proklamation seines Sohnes als sein  Nachfolger unter dem Namen Napoleon II. Der regierte aber nur etwa zwei Wochen, aber das reichte aus, dass der nächste französische Kaiser dann den Namen  Napoleon III  trug.

Nach seiner Abdankung zog sich Napoleon in das Schloss von  Malmaison zurück, wo er unter  anderem  seine Mutter und  zwei seiner Mätressen, Maria Walewska und Èléonore Denuelle de la Plaigne traf, ebenso wie die  Söhne, die er mit ihr hatte. Da aber die Engländer und die Preußen im Anmarsch waren, musste er auch Malmaison verlassen. Mit einem kleinen  Gefolge irrte er einige Tage die Atlantikküste entlang bis Rochefort und zur Île d‘Aix, in der Hoffnung, von dort aus nach Amerika entkommen zu können, wie es ihm geraten worden war:  Wenn er dort wäre, würde er immer noch seine Feinde zum Zittern bringen. Und wenn die Bourbonen wieder zurückkämen, wäre seine Anwesenheit in einem freien Land ein wichtiger Faktor für die öffentliche Meinung in Frankreich.

Um in die USA zu gelangen,  hätte Napoleon allerdings einen englischen  Passierschein benötigt, denn die übermächtige englische Flotte konnte jede von ihr nicht genehmigte Überfahrt nach Amerika verhindern. Nach Napoleons 100-Tage Abenteuer und den vielen Opfern, die es gekostet hatte, war an ein Entgegenkommen der Alliierten allerdings überhaupt nicht zu denken.

Napoleon saß also auf der Île d’Aix fest. Er schrieb also am 14. Juli einen Brief an den britischen Prinzregenten:

 „Königliche Hoheit, den Parteien ausgesetzt, und der Feinschaft der europäischen Mächte überliefert, habe ich meine politische Laufbahn beendet und komme, wie Themistokles, im Lande des britischen Volkes eine Zuflucht zu suchen! Ich stelle mich in den Schutz Ihrer Gesetze und bitte Eure königliche Hoheit als den mächtigsten, beständigsten und großmütigsten meiner Feinde, ihn mir zu gewähren. Napoleon“[3]

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Entwurf des Briefs (Handschriftlich von Napoleon mit Anmerkungen des Generals Gourgaud)  Facsimile, ausgestellt im Museum von Île d’Aix

 

Dass sich Napoleon hier mit dem griechischen Feldherrn Themistokles vergleicht, passt zwar zum ego Napoleons und seiner Vorliebe für die Antike – passend ist der Vergleich aber nicht ganz. Denn Themistokles hatte immerhin Jahre vorher den Persern eine vernichtende Niederlage in der Seeschlacht von Salamis beigebracht. Gegen die Briten hatte Napoleon aber immer nur verloren….

Am 15. Juli lieferte sich Napoleon dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes Bellerophon aus. Und auch hier gibt es einen Bezug zur Antike, der aber besser passt als der Vergleich mit Themistokles: Bellerophon war der Sohn des Poseidon, vollbrachte außerordentliche Heldentaten, verfiel aber schließlich der Hybris:  Mit dem von ihm gezähmten geflügelten Pferd Pegasus wollte er zum Olymp reiten und Zeus von seinem Thron stürzen. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Verkrüppelt und erblindet irrte er einsam und die Menschen meidend die letzten Jahre seines Lebens umher.  …

Auf Napoleon wartete am 7. August die englische Fregatte Northumberland, die ihn nicht, wie wohl immer noch erhofft, in die Vereinigten Staaten und auch nicht nach England brachte, sondern auf die ferne Felseninsel Sankt Helena. ..

Die Geschichte des Museums

Untergebracht ist das Napoleon-Museum in der  ehemaligen Residenz des Insel- Gouverneurs, die auf Anordnung Napoleons gebaut wurde.  Es  ist das größte Haus der Insel.

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Gegenüber den gedrungenen Fischerhäuschen der Insel nimmt sich dieses Bauerwerk mit seinen zwei hohen Geschossen und der repräsentativen Fassadengestaltung mit der Attika und den dorischen Säulen am Eingang  sehr imposant aus.

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Die Krönung des Hauses ist der im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügte Giebel mit einem mächtigen napoleonischen Adler, der  im zweiten Kaiserreich Napoleons III. hinzugefügt wurde. In ihn ist in goldenen Lettern eine Weihe- Inschrift „an unseren unsterblichen Kaiser“ eingemeißelt, dessen Name auf der ganzen Welt verehrt werde:

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« A la mémoire de notre immortel Empereur Napoléon Ier, 15 juillet 1815. Tout fut sublime en lui: sa gloire, ses revers. Et son nom respecté plane sur l’univers ».

Genau der richtige Rahmen also für ein napoleonisches Museum. Seine Entstehung  ist dem Baron Gourgaud zu verdanken, der durchaus nicht zufällig den Vornamen Napoléon trägt.. Er ist der Urenkel von Gaspard Gourgaud, einem der letzten Getreuen, die Napoleon auf die Insel Sankt Helena begleiteten. Er war dem gestürzten  Kaiser in einer  bedingungslosen und besitzergreifenden  Weise ergeben  – „er liebte seinen Kaiser, wie man nur eine Frau  lieben kann“, heißt es in einer (unter Gender-Gesichtspunkten etwas  problematischen) Charakterisierung. Selbst Napoleon und erst recht den anderen Begleitern ging  das allmählich auf die Nerven  und Gourgaud wurde nach Frankreich zurückbeordert. Immerhin erhielt er 1840 den ehrenvollen Auftrag,  an der Exhumierung der sterblichen Überreste Napoleons auf Sankt Helena teilzunehmen und sie nach Frankreich zu überführen, wo sie im Invalidendom ihre letzte Ruhe fanden.[4] Eine Nachbildung des Katafalks Napoleons bei dieser sogenannten „retour des cendres“  befindet sich im oberen Teil des Grabs von Gaspard Gourgaud und seiner Familie auf dem Père Lachaise. Auffällig ist dabei, dass von Gourgaud zwar Name, militärischer Rang und Lebensdaten angegeben sind, im Zentrum allerdings die Girlanden-bekränzte Inschrift „1815 SAINT HELENE 1840“ steht. Selbst noch das Grabmal lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wem das Leben des hier Beerdigten gewidmet war.[5]

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Die enge Verbundenheit Gourgauds mit seinem geliebten Kaiser wird auch daran deutlich, dass er seinem Sohn den Vornamen Napoléon gab. Der wiederum nannte seinen Sohn Honoré-Gaspard-Napoléon  und der für das Museum entscheidende Urenkel war dann wieder ein reiner  Napoléon (und Gründer der Fondation Napoléon)–  dieser Namen ist seit 200 Jahren in dieser Familie offenbar Tradition und Verpflichtung… Auf dem Grabmal Gaspard Gourgons ist aber für die nachfolgenden  Napoléons kein Platz…[6]

Napoléon Gourgaud, der Urenkel Gaspards, und seine Frau Eva Gebhard, eine amerikanische Millionenerbin, fanden in den 1920-er Jahren Gefallen an der kleinen Insel, auf der Napoleon seine letzten europäischen  Tage verbracht hatte. Sie gründet die „Gesellschaft der Freude der Île d’Aix“ und kauften mehrere Häuser der Insel, unter anderem die ehemalige Residenz des Gouverneurs, inzwischen Haus des Kaisers genannt. Dort trugen  sie ihre Sammlerstücke und Napoleon-Devotionalien zusammen und eröffneten 1928 das Musée napoléonien.

 

Was gibt es dort zu sehen?

Die Räume des Museums sind ziemlich randvoll ausgefüllt mit Erinnerungsstücken an Napoleon – zum Beispiel im Treppenhaus einem großen napoleonischen Adler und einem Portrait Josefines.

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Stolz präsentiert das Museum  einige besonders weltvolle oder außergewöhnliche Ausstellungsstücke. Zum Beispiel  das Portrait Napoleons als König von Italien, „ein Meisterwerk“ von Appiani. So wie die französischen Künstler die Aufgabe hatten, den  Kaiser zu verherrlichen und zu verewigen, so wurden  nach der Proklamation und Krönung Napoleons als König von Italien 1805 auch italienische Künstler für diese Aufgabe herangezogen. Napoleon selbst beauftragte den bedeutendsten Maler Mailands –dort hatte die Krönung stattgefunden- mit der Anfertigung seines offiziellen Portraits. Er ist ausgestattet mit allen Insignien seiner neuen Würde und Macht. Es gibt zwei Versionen dieses Portraits- eines davon im Museum von Île d’Aix.

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Dann gibt es natürlich Ausstellungsstücke, die einen besonderen Bezug zu dem Ort des Museums haben: So kann man das Bett sehen, in dem Napoleon während der Tage auf der Insel schlief.

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Es ist ein Rest der sonst nicht mehr erhaltenen Möblierung des Hauses.  Es steht auch noch an  seinem ursprünglichen Ort, ursprünglich das Zimmer des Kommandanten, dann „la chambre de l’Empereur“.  Dort war es auch, wo Napoleon am 13. Juli 181 den Brief an den englischen Prinzregenten schrieb.

Dazu gibt es auch noch ein ziemlich ramponiertes Sofa.

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Welchen Bezug es zu Napoleon hat, erklärt das Blatt, das darauf befestigt ist:

 img_7470 Napoleon habe auf diesem Kanapee die Nacht vom 13. auf den  14. Februar 1814 auf der Poststation von Château-Thierry zugebracht. Er sei von einem wichtigen Telegramm eines Generals geweckt worden und sogleich um 4 Uhr morgens aufgebrochen, um die Armee Blüchers bei Marchaix und Montmirail zu schlagen.Unter einem Kissen habe man ein weißes gesticktes Taschentuch mit einem gekrönten N gefunden und ein Band der Ehrenlegion.Das Kanapee sei von der Familie Souliac – offenbar den Besitzern  der Poststation von Château-Thierry-  „religieusement“  aufbewahrt worden, als Erinnerung an den „großen Mann“ und als historischer Gegenstand.

 

Einen indirekten Bezug zu dem Museumsbau hat das Gemälde, das Napoleon beim Diktat seiner Memoiren  in Sankt Helena zeigt. Am Tisch sitzen nämlich mit gespitzten  Ohren und ebenso gespitzter Feder die Generäle Montholon und Gaspard Gourgaud, dessen Urenkel dann das Museum gründete.

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 Eindrucksvoll ist die Zusammenstellung von 40 Uhren mit Napoleon-Motiven aus der Zeit des Kaiserreichs und der Regierungszeit Louis Philippes. Alle sind angehalten bei 17. 49 h, seinem Todeszeitpunkt (5. Mai 1821).

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Ein Stück weiter in der rue Napoléon gibt es das afrikanische Museum der Gourgaud-Stiftung. Der Baron war auch ein begeisterter Jäger und versammelte in diesem Museum seine Trophäen, die er von seinen Jagdausflügen nach Afrika mitbrachte. Eine exotische Besonderheit ist ein präpariertes Dromedar, das Bonaparte bei seiner Ägypten- Kampagne geritten haben soll.

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Angesichts eines solchen Ausstellungsstückes würden, wie ein Napoleon-Kenner schreibt, selbst die Kuratoren des Armee-Museums in den Invalides vor Neid erblassen- auch wenn es dort immerhin ein anderes „prominentes“ Reittier Napoleons gibt- nämlich seinen Schimmel Vizir. [7)

Das Napoleon-Museum gehört inzwischen zum Kreis der musées nationaux, es ist also eine staatliche Einrichtung. Gerade  vor diesem Hintergrund ist es -zumal für einen  deutschen Besucher- bemerkenswert, wie völlig ungebrochen, gewissermaßen naiv, hier Napoleon-Devotionalien präsentiert werden. Die Napoleon-Legende  ist also auch hier lebendig. Aber vielleicht ist das ja als Gegengewicht gemeint gegen die angebliche  Herabwürdigung und Verunglimpfung „unseres großen Mannes“, die angeblich in den französischen Schulbüchern vorherrscht….  (7a)

Auf dem Weg zur Insel: Fort Boyard

Zwischen der Île d’Oléron und der Île d’Aix  liegt das Fort Boyard, das man mit dem Boot von Boyardville kommend  passiert bzw. umrundet. Es ist ein eindrucksvolles Festungsbauwerk, das seine Entstehung –natürlich- auch Napoleon verdankt, auch wenn es erst lange nach seinem Tod fertiggestellt wurde – als es wegen der vergrößerten Reichweite der Artillerie keine militärische Bedeutung mehr hatte.

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Das Fort wurde unter größten Schwierigkeiten auf einer Sandbank errichtet, es wird aber bei Flut von Wasser umspült. So sieht es in der Tat aus wie ein mächtiges Schiff aus Stein, ein „vaisseau de pierre“.[8] Heute ist es weitgehend ungenutzt. Immerhin dient es als Kulisse für eine offenbar beliebte französische Spielshow …

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… und als Ruheplatz und Aussichtsplattform für Möven: Also in gewisser Weise ein eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Rüstungskonversion….

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Praktische Informationen

Musée national Napoléon de l’Île d’Aix und Musée national africain de l’Île d’Aix.  http://musees-nationaux-malmaison.fr/musees-napoleonien-africain/ 

Fährverbindungen  (Fahrzeit 20-30 minuten) von Fouras (ganzjährig) oder Boyardville auf der Île d’Oléron (April bis November). http://www.inter-iles.com/ 

Anmerkungen

[1] Theodor Fontane war übrigens auch 1870 in französischer Kriegsgefangenschaft, und zwar ganz in der Nähe auf der Île d’Oléron.

[2]http://www.iledaix.fr/Les-personnages-celebres?lang=fr

[3] Briefe Napoleons I. Hrsg. Von Friedrich M. Kircheisen, Dritter Band, Paderborn, 2012,  S. 269

[4] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Napoleon in den Invalides (Dezember 2016)

[5]  In der 23. Division an   Avenue Transversal N° 1 gelegen

Zur Beziehung Gourgauds zu Napoleon: http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=88  und Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S.543   Zur „retour des cendres“ siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Dezember 2016 (Napoleon in den Invalides)

[6] Der Sohn des Museumsgründers begründete dann immerhin die „Fondation Napoléon“ und nannte seinen Sohn wieder…. Napoléon.

[7] L’ABC-daire de Napoléon et l’Empire. Paris: Flammarion, 2013,  S.25. Siehe zu Vizir den Blog-Beitrag über Napoleon in den Invalides (Dez. 2016)

7 (a) „Vu le silence des manuels scolaires sur notre grand homme (sauf pour le dénigrement masochiste)“   http://www.lefigaro.fr/voyages/2012/07/06/03007-20120706ARTFIG00476-l-ile-d-aix-sentinelle-imperiale.php 

[8] Siehe: Les cahiers d’Oléron. Le fort Boyard, Vaisseau de pierre, monstre créateur. N° 6, 1986

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons. (Vive l’empéreur Teil 1)  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons (Vive l’empéreur Teil 1)

Neben dem Eiffelturm,  Notre Dame und Sacre Coeur gehört der Arc de Triomphe zu den bekanntesten  Sehenswürdigkeiten von Paris.  Immerhin ist er der größte aller Triumphbögen und er ist „dans le monde entier une image symbolique de Paris“ und nicht zuletzt „das berühmteste napoleonische Monument.“[1]

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Dass der Arc de Triomphe nicht nur für Paris steht, sondern für ganz Frankreich, haben wir übrigens bei einer Reise auf die Seychellen festgestellt. Dort haben sich die Promoter der  französischen Milch neben einer Kuh in den Nationalfarben ausgerechnet den Triumphbogen ausgesucht, um die Herkunft des Produkts augenfällig zu machen.

Der Triumphbogen verdankt seine Prominenz  sicherlich vor allem seiner exponierten Lage an der voie Triomphale zwischen dem Louvre und der Place de l‘ Étoile, die inzwischen noch verlängert ist bis zum Geschäfts- und Hochhausviertel La Défense mit der anlässlich der 200-Jahrfeier der Französischen Revolution errichteten Grande Arche.

Dazu kommt die große  Rolle, die er bei besonderen Anlässen spielte und noch heute spielt:

  • Am 14. Dezember 1840 beispielsweise empfingen mehr als 400 000 begeisterte Menschen mit dem Ruf „Vive l’empereur!“ die Asche Napoleons, die auf einem  riesigen Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt wurde, bevor sie dann im Invalidendom ihre letzte Ruhe fand.[2]
  • Am 22. Mai 1885 starb Victor Hugo in seiner Wohnung in der Nähe des Arc de Triomphe. Sein Leichnam wurde auf einem Katafalk von 22 Metern Höhe unter dem Arc de Triomphe aufgebahrt, bis er am 31. Mai in die Kirche Saint-Geneviève gebracht wurde- die damit endgültig ihre Bestimmung als Pantheon der „großen Männer“ erhielt.
  • Am 13. und 14. Juli 1919 fand rund um den Arc de Triomphe die Siegesfeier Frankreichs statt. Eine riesige Militärparade, angeführt von 1000 Kriegsversehrten und danach den  Marschällen Frankreichs hoch zu Ross, an der Spitze ihrer Truppen, marschierte durch den Arc de Triomphe – was damals noch möglich war,  weil das Grab des unbekannten Soldaten und die ewige Flamme unter dem Triumphbogen  erst später installiert wurden.

Natürlich nahm auch die französische Luftwaffe an der Parade teil, musste dies aber zum Leidwesen der Piloten wie die Infanterie zu Fuß tun. Eine Gruppe von Piloten entschloss sich deshalb, ohne den Segen oder auch nur die Information ihrer Vorgesetzten eine besondere Demonstration zu veranstalten. Ausgewählt dafür wurde Charles Godefroy, der am 7. August 1919 in einer spektakulären Aktion unter der Öffnung des Triumphbogens hindurch flog. Einige Bildreporter waren  informiert, so dass das Geschehen für die Nachwelt festgehalten ist. Die  völlig überraschten Fahrgäste in der gerade vorbeifahrenden Trambahn gerieten allerdings in Panik… Aber Frankreich war dann doch so  stolz auf seinen tollkühnen Piloten, dass er mit einer einfachen Abmahnung davon kam…

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  • Nach dem Sieg über Frankreich im Juni 1940 paradierten deutsche Truppen vor dem Arc de Triomphe und Hitler erwies Napoleon im Invalidendom seine Reverenz. Viereinhalb Jahre später war diese Schmach beendet:  Am 11. November 1944 fand–nach der Befreiung von Paris und des größten Teils Frankreichs- eine große Militärparade, angeführt von General de Gaulle, Winston Churchill und Anthony Eden,  vor dem Arc de Triomphe statt.

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Auch heute noch steht der Arc de Triomphe immer wieder und regelmäßig im Zentrum großer Veranstaltungen:

  • bei Gedenktagen wie dem 8. Mai und dem 11. November, an dem der Staatspräsident unter dem  Arc de Triomphe die Flamme des unbekannten Soldaten erneuert.[3]

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  • beim 14. Juli, dem Nationalfeiertag, wo auf den Champs-Elysées zwischen Arc de Triomphe und der Place de la Concorde die große Militärparade stattfindet, die von der Patrouille de France eröffnet wird. Sie überfliegt  den Arc de Triomphe und zeichnet die Farben der Tricolore in den Himmel.

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Der Arc de Triomphe ist aber auch Schauplatz anderer Veranstaltungen: Das nachfolgende Foto zeigt eine Demonstration vom  18.3. 2014: Damals wurde an das Ende des Algerien-Krieges durch die Verträge von Évian erinnert.  Demonstrationen  am Arc de Triomphe sind  eher außergewöhnlich, in diesem Fall aber wohl der Tatsache zu verdanken, dass das Ende des Algerienkriegs vor allem de Gaulle zu verdanken ist, nach dem ja auch die Place de l’Étoile benannt ist.

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In ganz besonderer Weise zeigte im Januar 2015 Paris seine Solidarität mit den Opfern des Anschlags auf die Satirezeitschrift „Charly Hebdo“.[4]

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Und traditionell endet die Tour de France, indem die Fahrer  noch mehrmals die Champs Elyssées hinauf- und herunterfahren  und dabei den Arc de Triomphe umrunden –  eine eher rituelle Veranstaltung, weil der Sieger der Tour schon vorher feststeht.

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Lliterarischen  und filmischen Ruhm hat der Arc de Triomphe natürlich auch erlangt….[5]

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Napoleon wäre sicherlich stolz auf die Prominenz dieses Monuments gewesen, dessen Bau er selbst angestoßen  hat.  Ziel Napoleons war es, Paris zur schönsten Stadt der Welt zu machen. Schon auf der Überfahrt nach Ägypten 1798 sann er: „Wenn ich Herrscher Frankreichs wäre, dann würde ich aus Paris nicht nur die schönste Stadt machen, die es je gegeben hat, sondern die schönste Stadt, die es jemals geben kann.“ [6]

Zahlreiche monumentale Projekte dienten diesem Ziel:

  • So der Säulengang vor dem Palais Bourbon, dem Sitz der Nationalversammlung,  südlich der Seine, als dessen  Gegenstück die antikisierende Madeleine nördlich der Place de la Concorde fungierte, aus der Napoleon ein Pantheon zum Ruhm seiner Armeen machen wollte[7] :  So entstand  eine monumentale, die Seine überspannende  Nord-Süd- Achse mit der Place de la  Concorde als Mittelpunkt.
  • Das größte urbanistische Projekt der Napoleonzeit war die Ost-West-Verbindung mit der neu angelegten Rue de Rivoli. Bonaparte hatte sich von den Arkaden inspirieren lassen, die er in Norditalien gesehen hatte, und ließ identische Wohn- und Geschäftshäuser mit genau reglementierten  Säulengängen anlegen.  (Die für Paris eigentlich untypischen Arkaden gab es bis dahin nur rund um die Place Royal/Place des Vosges- einem Projekt Henri Quatres, der sich ebenfalls –wie bei dem pont neuf- von der italienischen Architektur anregen ließ.)
  • Und immer ging es Napoleon auch um die Verherrlichung seiner Taten und der seiner grande armée. Diesem Zweck diente nicht nur  die Madeleine,  sondern auch die auf der Place Vendôme  errichtete, aus der Bronze erbeuteter Waffen hergestellte und mit seinem Standbild gekrönte Säule.
  • und natürlich und vor allem dienten die beiden  auf der großen Ost-West-Achse gelegenen Triumphbögen dem Ruhm Napoleons und seiner Truppen:  der kleine arc de triomphe du Carrousel und der große auf der place de l’Étoile, dessen Vollendung Napoleon aber nicht erlebt hat.

Die Vorliebe Napoleons für die Antike und das imperiale Rom ist bei all diesen Plänen offenkundig:  Antike Tempel (für die Attika des  Palais Boubon und für die Madeleine), die Trajan-Säule in Rom (für die Vendôme-Säule) und die Triumphbögen des Septimius Severus (für den arc de triomphe  de la Carrousel) und des Titus (für  den arc de triomphe de l’étoile) sind eindrucksvolle Belege dafür.  Diese städtebauliche Vorliebe Napoleons hat auch einen politischen Hintergrund: denn  hatte nicht auch Rom sich von einer Republik zu einem Kaiserreich entwickelt, konnte also auch insofern als Vorbild dienen?[8]

Geschichte des Baus

Den Anstoß für den Bau des Arc de Triomphe gab Napoleon im Februar 1806 – auf dem Höhepunkt seiner Macht. Ursprünglich hatte er dafür den damals noch leeren Platz im Osten von Paris ausersehen, auf dem einmal die Bastille gestanden hatte. Dieser Platz war damals in einem ziemlich lamentablen Zustand. Den Triumphbogen  dort zu errichten hätte nicht nur eine erhebliche symbolische Bedeutung gehabt, sondern er hätte auch Katalysator für ein weiteres städtebauliches Großprojekt Napoleons sein sollen: Eine Achse vom Louvre bis zum Bastille-Platz zu schlagen, der dann übrigens auch die Kirche St.  Germain l’Auxerrois zum Opfer gefallen wäre. Die mit der Planung beauftragte Architektengruppe plädierte dann aber für die Place de l’Étoile als Standort. Auf dem  dortigen Hügel war schon im 18. Jahrhundert ein étoile (Stern) genannter  zentraler Platz eingerichtet worden, von dem Wege in alle Himmelsrichtungen ausgingen. Es waren im 18. Jahrhundert auch schon diverse Pläne entwickelt worden, wie man den Hügel besonders ins Blickfeld rücken könnte. Beispielsweise durch einen riesigen Elefanten: Dessen Bauch sollte Konzert- und Theatersäle enthalten. Der Zugang sollte über eine Treppe erfolgen, die in eines der vier Beine des Elefanten eingebaut war.   Im Kopf des Elefanten sollte ein Orchester platziert werden; die Ohren sollten als Lautsprecher dienen und der Rüssel als Fontaine. Diese Pläne wurden  allerdings nicht verwirklicht und das  Elefantenprojekt wurde eine Zeit lang auf den Bastille-Platz verschoben. So war der étoile frei und wurde dem Kaiser vom Innenminister Champigny auch entsprechend angepriesen:  Ein Triumphbogen an dieser Stelle ziehe auf äußerst majestätische Weise den Blick vom kaiserlichen Schloss der Tuilerien auf sich. Der Reisende, der Paris betrete, werde von dem Anblick überwältigt; wer Paris verlasse, behalte so einen unvergesslichen Eindruck und eine Erinnerung an die unvergleichliche Schönheit der Stadt. So bleibe er –auch aus der Ferne- immer mit dem „Triomphateur“ verbunden.[9]

Dieser Argumentation konnte sich der Kaiser nicht verschließen.  Am 15. August 1806, dem Tag des kaiserlichen Festes, wurde der Grundstein gelegt. Auch wenn als Vorbild der Titusbogen in Rom diente: Der Triumphbogen Napoleons sollte alle bisherigen Triumphbögen  an  Größe weit übertreffen und den Ruhm des Kaisers  und seiner Truppen eindrucksvoll in Szene setzen.

Es gab eine ganze Reihe von Entwürfen, bis schließlich 1808 der Architekt Jean-François-Thérèse Chalgrin mit der alleinigen weiteren  Planung beauftragt wurde. Zwei Jahre später war zwar der Bau des Triumphbogens noch nicht sehr weit gediehen, aber Chalgrin hatte Gelegenheit, das Ergebnis seiner Planung in voller Größe zu zeigen: Anlässlich der Hochzeit von Napoleon mit Marie-Louise von Habsburg im Jahr 1810 wurde an Ort und Stelle aus Holz und bemaltem Stoff ein Modell des zukünftigen  Arc de triomphe errichtet, durch das das kaiserliche Paar mit Gefolge nach Paris einziehen konnte.

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Auf der zeitgenössische Abbildung  („Das kaiserliche Gefolge verlässt den Arc de Triomphe“[10]) sieht man übrigens  rechts und links des Bogens noch die beiden Zollhäuser von Ledoux- Teile der Paris umgebenden Zollmauer, der mur des Fermiers généraux, die 1860 geschleift wurde.[11]

Die weiteren Bauarbeiten ließen  allerdings  aus nur allzu verständlichen Gründen auf sich warten: Zunächst aufgrund der pausenlosen Kriege und der leeren Staatskassen, dann durch die Rückkehr der Bourbonen: Ihnen galt Napoleon als Emporkömmling, als illegitimer Parvenü, der kein Recht auf einen Arc de Triomphe hatte.  Nach der Julirevolution von 1830, also dem Sturz der Bourbonen und der Regierung des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe,  wurden die Arbeiten  am Arc de Triomphe aber wieder aufgenommen und ihr Ende von vielen Zeitgenossen mit Ungeduld erwartet, wie das nachfolgend zitierte Gedicht von Victor Hugo zeigt.

Arc triomphal, la foudre en terrassant ton maître
Semblait avoir frappé ton front encore à naître.
Pour nos exploits nouveaux te voilà relevé!
Car on n’a pas voulu, dans notre illustre Armée,
Qu’il fût de notre renommée
Un monument inachevé !
Dis aux siècles le nom de leur chef magnanime
Qu’on lise sur ton front que nul laurier sublime
A des gloires françaises ne peut se dérober.
Lève-toi jusqu’aux cieux, portique de victoire !
Que le géant de notre gloire
Puisse passer sans s’y courber !

Victor Hugo.[12]

Am  29. Juli 1836 konnte schließlich  der  Arc de Triomphe von dem damaligen Regierungschef Adolphe Thiers eingeweiht werden.

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Die Einweihung fand zwar  unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt, aber doch in relativ bescheidenem Maße. Louis Philippe fürchtete nämlich nicht nur Attentate, sondern er wollte auch Reibungen mit dem Ausland vermeiden, das sich ja möglicherweise irritiert zeigen könnte durch die Erinnerung an napoleonische Siege, die durch den Arc de Triomphe gefeiert wurden: Siege  gegen Österreicher, Deutsche, Osmanen, Italiener, Spanier, Holländer, Russen…

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Die wichtigsten Schlachtenorte und Siege sind auf vier Friesen  auf den Innenseiten der Pfeiler noch besonders hervorgehoben.

Die Siege der Revolutionsheere im Westen (Belgien) in den Jahren  1792 und 1794:

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Die Siege im Süden gegen Österreich: Der Italienfeldzug Napoleons in den Jahren 1796/7 begründete seinen militärischen Ruf und Ruhm. Dementsprechend wird seine Büste auf dem  Fries mit einem  Lorbeerkranz versehen – Der  Podest der Büste ist mit den  kaiserlichen Insignien versehen.  Kaiser war Bonaparte damals aber noch nicht, sondern erst ein „einfacher“ General. (12a)

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Die Siege im Osten: Damit ist der  ägyptische Feldzug in den Jahren zwischen 1798 und 1800 gemeint – erkennbar auch an den exotischen Früchten (Datteln, Ananas) und Palmwedeln. Der von Bonaparte hervorragend vermarktete Feldzug  – Archeologen waren publikumswirksam „embedded“- steigerte über Frankreich hinaus  seinen Ruhm  noch weiter – und war eine Grundlage für den  erfolgreichen Staatsstreich des  18. Brumaire (9. November 1799), womit sich Napoleon zum Ersten Consul und Alleinherrscher machte.  Wenn auf  diesem Fries übrigens auch der Name Aboukir aufgeführt ist, dann ist damit sicherlich nicht die vernichtende Niederlage der französischen  Flotte durch die von Admiral Nelsen kommandierte englische Flotte bei Aboukir gemeint (an der Napoleon ja auch gar nicht beteiligt war), sondern der ebenfalls nach diesem Ort benannte Sieg Bonapartes gegen die Osmanen ein Jahr später:

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Die Siege im Norden (zwischen  1805 und 1809)  errang Napoleon, der sich inzwischen zum Kaiser ausgerufen  hatte, gegen Österreich, Russland und Preußen. Mit diesen Siegen wurde er Herrscher über den europäischen  Kontinent und  erreichte den Höhepunkt seiner Macht.

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Diese Zurschaustellung französischer Eroberungen mag befremdlich erscheinen. Denn Völker zögern, wie Antoine Prost schreibt, „sich auf Dauer an ihre Eroberungen zu erinnern, denn das hieße, ehemalige Gegner immer wieder auf ihre Erniedrigung hinzuweisen und sich dafür rechtfertigen zu müssen, einmal eine räuberische Nation gewesen zu sein.“ [12b] Diesen Rechtfertigungsdruck hat man aber offenbar beim Bau des Arc de Triomphe nicht verspürt….

Neben den Schlachtenorten sind auch etwa 600 Namen von kaiserlichen Marschällen, Admiralen und Generälen in die Pfeiler des Arc de Triomphe eingraviert.  Ursprünglich waren „nur“ 383 Namen ausgewählt worden, aber dann gab es erhebliche Debatten und Beschwerden von Nicht-Berücksichtigten bzw. deren Angehörigen, so dass bis  1895, als die Eingravierungen abgeschlossen wurden, noch etwa 200 Namen hinzukamen…

Und die Opfer? Die gab es unzweifelhaft ja auch. Thierry Lentz, Direktor der Fondation Napoleon, von dem  in diesem Punkt kaum Übertreibungen  zu erwarten  sind,  schätzt die Zahl der in den napoleonischen Kriegen  umgekommenen  französischen  Soldaten  auf etwa 700 000 –  und dazu kommen dann noch erhebliche zivile Opfer und die  Opfer unter den –oft sehr unfreiwilligen- ausländischen, überwiegend deutschen,  Hilfstruppen Napoleons. Nimmt man die militärischen und zivilen Opfer auf Seiten der Gegner hinzu, bewegen sich die Schätzungen zwischen 3 und 6 Millionen Menschen, die in den napoleonischen Kriegen ihr Leben verloren haben. [13]

Tote gibt es auf dem Arc de Triomphe durchaus auch: Es sind Feinde, die am Boden  liegen, wie der ottomanische Soldat auf dem Relief über dem „Triumph Napoleons“. Napoleon reitet als siegreicher Feldherr der Schlacht von  Aboukir in Ägypten gerade über ihn und die zerstörten Waffen des Gegners hinweg. Auf dem  Pfeiler daneben wird auf dem Relief über der Marseillaise  auch ein französischer Gefallener abgebildet: Es ist der General Marceau, der 1796 im Kampf gegen die Österreicher den „Heldentot“ starb. Er ist auf dem Totenbett aufgebahrt und  der österreichische  Erzherzog  legt eine Krone auf  seinen Leichnam. Selbst der Gegner erweist also dem Helden die Ehre!

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Das Zeitalter Napoleons war noch geprägt von der Vorstellung, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld, dem „Feld der Ehre“ das non plus ultra des Ruhms sei. Und  ruhmreich war durchaus auch ein „schöner Tod“, „une belle mort“, auf dem „champ d’honneur“.[14]  „Dulce et decorum est pro patria mori“ sagte der römische Dichter Horaz, „süß und ehrenvoll ist’s  für’s Vaterland zu sterben“ und noch süßer und ehrenvoller waren  natürlich die Siege, deren Orte und Strategen auf dem Arc de Triomphe verewigt wurden.

Der Arc de Triomphe ist monumentaler Ausdruck  einer  Verherrlichung von Krieg, Eroberung und Heldentod. Da ist es nur allzu verständlich, dass die Linke in der französischen Nationalversammlung 1919 heftig – und vergeblich-  gegen den Arc de Triomphe als Ort des Grabmals für den  unbekannten Soldaten stritt.[15] Die Verherrlichung von dem auf dem Schlachtfeld erworbenen  Ruhm und  Heroismus  wurde, wie Patrice Gueniffey in einem Aufsatz über das Napoleon-Verständnis von François Furet schrieb, lange als Bestandteil einer Erziehung zu Tugend und Tapferkeit verstanden. Aber, Tatsache oder Wunsch…?: „Toute cette magie guerrière est morte avec les hécatombes du XXe siècle.“[16]

Wenn in den 1830-er Jahren die Siege Napoleons und die Namen seiner Generäle  in die  Wände des Arc de Triomphe eingemeißelt wurden, so war das Ausdruck einer damals gängigen Idealisierung und Verherrlichung des Kaisers und des heroischen napoleonischen Zeitalters. 1835 erschien das Buch von Alfred de Vigny „Servitude et grandeur militaires“, das noch den Pulverdampf atmen lässt und in dem „die Liebe zu den Waffen“ und der „Traum der Schlachten“  lebendig sind.[17] Der Arc de Triomphe war aber nicht nur Ausdruck einer Nostalgie, sondern  er hatte auch einen Aufforderungscharakter: Etwas Glanz von dem Ruhm Napoleons sollte auf das Frankreich des Bürgerkönigs fallen und es sollte sich des napoleonischen Ruhms würdig erweisen.

Die damaligen Möglichkeiten Frankreichs, in die Fußstapfen Napoleons zu treten und sich den „Traum der Schlachten“ zu erfüllen,  waren allerdings begrenzt. Immerhin bezeichnete sich der Bürgerkönig Louis Philippe schon mal etwas großmäulig als „Kaiser der Franzosen“ – so jedenfalls 1845 in einem Freundschafts- und Handelsvertrag mit China, der gerade (Okt/Nov 2016) in einer Ausstellung des Petit Palais zum Thema „L’art de la paix“ gezeigt wird.

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Aber wie groß wäre doch der Ruhm des Louis Philipps, wenn es ihm gelänge,  die  in den 1790-er Jahren eroberten, dann annektierten, aber im  Wiener Kongress wieder verlorenen linksrheinischen Gebiete Deutschlands „zurückzugewinnen“, an deren Eroberung schon  Ludwig XIV.  -eine verbrannte Erde zurücklassend- gescheitert war. Regierungschef Adolphe Thiers, ein großer Bewunderer Napoleons, betrachtete den Rhein als natürliche Ost-Grenze Frankreichs und befand sich damit im Einklang mit der öffentlichen Meinung seines Landes und sogar  mit  Victor Hugo. Der vertrat nämlich in seinem 1842 veröffentlichten Reisebericht „Le Rhin, récit de voyage“ die Auffassung, man  müsse  Frankreich zurückgeben, was Gott ihm gegeben habe, („rendre à  la  France ce que Dieu lui a donné.“), also den Rhein als Grenze. [17a]  Und in seinem Arc de Triomphe-Gedicht hatte er ja ausdrücklich festgestellt, der Arc de Triomphe solle nicht nur die Ruhmestaten der napoleonischen Armeen verherrlichen, sondern auch die neuen, noch folgenden (nos exploits nouveaux)…  Thiers forderte also in der sogenannten Rheinkrise die Herausgabe der linksrheinischen Gebiete und  drohte dem Deutschen Bund mit Krieg. Nach den sogenannten  Freiheitskriegen gegen Napoleon war dies  ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des deutschen Nationalbewusstseins und der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft.  Die Verherrlichung des Eroberers Napoleon war also in den 1830-er Jahren keine ganz harmlose geschichtliche Reminiszenz. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens bemerkenswert, dass bis heute  „outre Rhin“ eine übliche französische Bezeichnung für Deutschland ist – so als sei der Rhein tatsächlich durchgängig die deutsch-französische Grenze….

 

Napoleon als Triumphator

Auf der nach Osten zu den Champs-Elysées ausgerichteten Schauseite des Arc de Triomphe gibt es zwei große Reliefs, die damit besonders hervorgehoben werden: Auf dem linken Pfeiler „der Triumph Napoleons“, rechts „der Auszug der Freiwilligen von 1792“, ein Relief, das im Allgemeinen unter der Bezeichnung „die Marseillaise“  firmiert.

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Der triumphierende Napoleon ist mit römischer Tunika bekleidet dargestellt, in seiner rechten Hand hält er ein Schwert. Eine Siegesgöttin bekränzt ihn gerade mit einem  Lorbeerkranz.  Auf der  linken Seite schreibt die Muse der Geschichte die Ruhmestaten Napoleons auf eine Tafel.

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Die dargestellte Szene illustriert das Jahr 1810,  als sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Nach dem Sieg über Habsburg bei Wagram war Napoleon uneingeschränkter Herrscher über den  europäischen Kontinent, die Heirat mit Marie-Louise von Österreich sollte die Annäherung an Habsburg besiegeln- und den ersehnten  Nachkommen bringen.  Frankreich umfasste damals 130 Departements. 1790, als Frankreich in Departements eingeteilt wurde, waren  es 83 gewesen.  Zu den  130 Departements gehörten –aus französischer Sicht selbstverständlich-  die Departements „Sarre“ (Trèves/Trier),  „Roer“ (Aix-la-Chapelle/Aachen)  „Mont-Tonnere“ (Donnersberg)  mit der Präfektur Mayence/Mainz,  Rhin-et-Moselle (Coblence/Koblenz). Und dazu kamen –als annektierte deutsche Territorien- auch die Departements „Bouches-du-Weser“ und „Bouches de l’Elbe“ mit Bremen und Hamburg  bzw. natürlich: Brême et Hambourg als Präfekturen und  die Departements Ems-Supérieur und Ems-Oriental mit Osnabrück und Aurich als Präfekturen. Diese annektierten Gebiete Deutschlands  wurden –wie die weiteren Annexionen –  von Napoleon noch nach dem Rückzug aus Russland als untrennbare Bestandteile Frankreichs betrachtet, so dass er Friedensangebote der Alliierten ausschlug, die Frankreich sogar- wenigstens-  „seine“ Rheingrenze eingebracht/erhalten hätten. Napoleon und seine Generäle brannten darauf weiterzukämpfen und glaubten noch an den Sieg – une victoire totale (Englund) – es fällt fast schwer, in diesem Zusammenhang nicht das Wort „Endsieg“ zu verwenden…[18]

Die Karte mit den 130 französischen Departements wird in französischen Schulbüchern  gerne gezeigt, zum Beispiel hier in dem Lehrbuch Histoire für die seconde, also die vorletzte Klasse des französischen Gymnasiums.[19]

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Bemerkenswert ist bei dieser Karte, dass die großen Siege Napoleons mit einem roten Stern eingezeichnet sind: Ulm, Iena, Austerlitz, Wagram und Friedland- Siege, die, wie wir gesehen haben, in den  Arc de Triomphe eingemeißelt sind und die auch in der Topographie von Paris eine wichtige Rolle spielen- wie ja auch die Namen der napoleonischen Marschälle. Nicht berücksichtigt ist auf der Karte –und natürlich auch nicht auf dem Arc de Triomphe- die entscheidende Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar 1805. Mit ihr war ja immerhin der Plan einer Eroberung Großbritanniens gescheitert und die auf dem Arc der Triomphe verzeichneten weiteren Siege waren damit im Grunde nur vergebliche Siege.[20]  Aber auf dem Arc de Triomphe ist Napoleon ohne wenn und aber der Sieger und Triumphator, Zweifel und Kritik haben da keinen Platz.

Die Marseillaise: Napoleon als legitimer Erbe der Französischen Revolution?

Auf dem rechten Pfeiler der den Champs-Elysées zugewandten „Schauseite“ des Arc de Triomphe befindet sich die große Plastik des Auszugs  der Freiwilligen 1792, im Allgemeinen „Die Marseillaise“ benannt. Gegenstand ist die sogenannte  „levée en masse“, die Aushebung von 200 000 Soldaten im Jahre 1792, die von der Gesetzgebenden Versammlung angeordnet wurde,  um Frankreich gegen die gegenrevolutionäre  Koalition des Auslands zu verteidigen.

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Diese levée en masse ermöglichte dem revolutionären Frankreich seinen ersten großen Sieg über eine ausländische Macht: den Sieg über die preußisch-österreichischen Truppen  bei Valmy in der Champagne im September 1792. Goethe erlebte im Gefolge des Herzogs von Weimar die sogenannte „Kanonade von Valmy“ mit und berichtete in seiner dreißig Jahre später niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ davon. Am Abend der Niederlage sei er von den bedrückten Landsleuten  nach seiner Meinung befragt worden und er habe sie mit den Worten getröstet:

„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und  ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“

Goethe hat damit den revolutionären Aufbruch Frankreichs mit  einem dem Anlass und dem Autor angemessenen „geflügelten Wort“ auf den Punkt gebracht. Flügel hat auch die Allegorie der Freiheit, die Marianne,  im oberen Teil der Plastik- das kompositorische Gegenstück zur Allegorie des Ruhms auf dem linken Pfeiler. Accessoire des Ruhms ist die Trompete, die blanke Waffe die der Freiheit.  Ihre wilde Entschlossenheit wird besonders deutlich im Modell des Kopfes, den man  in der Attika des Arc de Triomphe aus der Nähe ansehen kann. Eher eine Furie, deren furchterregender Gesichtsausdruck noch gesteigert wird durch die Ungeheuer auf ihrer Jacobinermütze. Sie scheint die in den Kampf Ziehenden anzufeuern mit dem Ruf der Marseillaise:  Aux armes citoyens…..

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Während die Darstellung des Triumphators Napoleon auf dem linken Pfeiler als zwar handwerklich korrekte, aber eher uninspirierte, seelenlose Darstellung gilt, ist das mit der „Marseillaise“  anders. Sie wird allgemein als künstlerischer Höhepunkt der gesamten  plastischen  Ausgestaltung des Arc de Triomphe angesehen. Ob sie wirklich „one of best-known sculptures in the world“ ist,  kann ich nicht beurteilen,  aber sicherlich gehört sie zu den künstlerischen Werken, „qui ont fait la France.“[21]

Das im Arc de Triomphe ausgestellte Modell der Marianne wurde übrigens am 2. Dezember 2018 von gewalttätigen Demonstranten (gilets jaunes) beschädigt. Das wurde in Frankreich als besonderes Sakrileg empfunden – noch nicht einmal die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg hätten Derartiges gewagt….

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Schöpfer der „Marseillaise“ vom Arc de Triomphe  ist der Bildhauer François Rude, der mit diesem Werk berühmt wurde. Rude war auch ein großer Verehrer Napoleons.

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Für das Museum und den Parc  Noisot bei Dijon, von einem Mitglied der kaiserlichen Garde geschaffen „à la gloire de Napoléon“ , hat Rude einen auf dem (für ihn natürlich viel zu kleinen) Felsen von St. Helena liegenden lorbeerbekränzten Napoleon geschaffen, der gerade zur Unsterblichkeit erwacht.[22] Und Rude zog nach dem Sturz seines verehrten Kaisers das  belgische Exil einem Leben unter dem bourbonischen Restaurations-Regime vor. Damit repräsentieren das Werk Rudes und der  Arc de Triomphe den „roman national“, also das historisch gegründete Selbstverständnis des „offiziellen“ Frankreich der 1830- Jahre:  Es ging darum, eine Synthese herzustellen zwischen dem revolutionären Frankreich und dem Kaiserreich Napoleons und um die Selbstdarstellung Louis Philippes als aktuellem  Repräsentanten dieser Synthese.

Wenn  die Armeen der Revolution und die Grande Armee auf dem  Arc de Triomphe also gemeinsam verherrlicht werden und Napoleon  als Triumphator gefeiert wird, dem ewiger Ruhm sicher ist, so hat  das programmatischen  Charakter: Napoleon wird  als legitimer Erbe, als „fils de la Révolution“ in Szene gesetzt, so wie  auch der Bürgerkönig Louis Philippe als rechtmäßiger Erbe der Französischen Revolution (und des empire) angesehen werden wollte.  Dazu passt ja  auch das Schicksal  der Tricolore, der Fahne der Französischen Revolution:  Sie wurde  -Symbol der proklamierten Einheit zwischen erster Republik und Empire-  von Napoleon übernommen,  von den Bourbonen 1814 aber wieder  verbannt, bevor sie  seit der Julirevolution von 1830 und dem Herrschaftsbeginn Louis Philippes erneut und endgültig zur offiziellen Fahne Frankreichs erhoben wurde.

Die „Marseillaise“ und der triumphierende Napoleon: Diese Kontinuität ist Teil der napoleonischen Legende, an der er selbst kräftig und kontinuierlich gearbeitet hat – bis zu seinem Exil in St. Helena, wo er seine Memoiren diktiert. Napoleon sagte und wiederholte, dass er die Verkörperung der Revolution sei, er stellte sich als Erbe von Aufklärung und Revolution dar, auf die er sich allerdings in sehr strategischer, d.h. opportunistischer und selektiver Weise bezog.[23]

Ob bzw. inwieweit  Napoleon tatsächlich legitimer Erbe der Französischen Revolution ist, kann hier natürlich nicht beantwortet werden. Der Streit darüber dauert nun schon mehr als 200 Jahre an. Immerhin gibt es gewichtige Argumente, die gegen die Kontinuität von Republik und Kaiserreich sprechen[24]:

  • Zuerst und vor allem: Napoleon beseitigt am 9. November 1799, dem 18. Brumaire „mit dem ersten Militärputsch der Moderne“[25] die Republik, macht sich zum Kaiser und etabliert eine Erbmonarchie.
  • Durch die Heirat mit einer Habsburgerin, Großnichte von Marie-Antoinette, verbindet er sich mit den alten, von der Revolution und anfänglich auch von ihm selbst bekämpften alten Mächten: Er knüpft damit ein Verwandtschaftsverhältnis zu dem Herrscherpaar des Ancien Régime, das von der Revolution guillotiniert worden war.[26]
  • Die aus Wahlen hervorgegangenen Institutionen werden beseitigt zugunsten eines autoritären Regimes.
  • Die revolutionäre Devise „Liberté, Égalité, Fraternité“ wird von der Fassade des Pariser Rathauses entfernt.[27]
  • Napoleon macht seinen Frieden mit der von der Republik bekämpften katholischen Kirche.
  • Die von der Republik bekämpften Emigranten können im Kaiserreich wieder zurückkehren und werden stillschweigend rehabilitiert.
  • Die von der Republik abgeschaffte Sklaverei in den französischen Kolonien der Karibik wird wieder eingeführt. (27a)
  • Die neue republikanische Zeitrechnung wird wieder beseitigt zugunsten des römischen Kalenders.
  • Freiheiten wie die Pressefreiheit werden eingeschränkt – an ihre Stelle treten Zensur und offizielle Sprachregelungen.[28]
  • Das Schloss des „Sonnenkönigs“ in Versailles sollte zur Residenz des Kaisers ausgebaut werden.(28a)
  • Napoleon wünschte sich, neben den französischen Königen in der Basilika von Saint Denis begraben zu werden.

Insofern erscheint die Zusammengehörigkeit von Revolution und Empire, wie sie auf dem Arc de Triomphe präsentiert wird, als eher problematisch.

Es war übrigens Ludwig van Beethoven, der diese Problematik deutlich gesehen hat: Seine dritte Sinfonie, die „Eroica“ war ursprünglich Bonaparte, dem „Befreier Europas“,  gewidmet. Beethoven hoffte, dass Napoleon Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit Leben erfüllen würde – als würdiger Erbe der Französischen Revolution. Aufgrund von Napoleons selbstinszenierter Kaiserkrönung änderte Beethoven den Titel der Sinfonie. Er ersetzte den Triumphmarsch durch einen Trauermarsch und nahm die Widmung an Napoleon mit den Worten zurück: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“.(28b)

Aber  natürlich sind die Verdienste Napoleons für Frankreich ganz unbestreitbar: Die Herstellung des sozialen  Friedens nach den langen Wirren der Revolutionszeit, die Sanierung der Staatsfinanzen, der Aufbau eines effizienten Staatswesens, der Code Civil, „Prototoyp jedes Bürgerlichen Gesetzbuches“.[29] Diese Verdienste beziehen sich vor allem auf die Phase des Consulats zwischen dem 18. Brumaire und der Etablierung des Kaiserreichs, die man auch die „poule-au-pot“ Phase Napoleons genannt hat – in Anlehnung an den „guten König“ Henri Quatre, der 200 Jahre zuvor jedem Franzosen  sein sonntägliches Huhn im Topf versprochen hatte.[30]

Auch in Deutschland hat Napoleon tiefgreifende Reformen angestoßen und einen erheblichen Modernisierungsschub ausgelöst.  Er hat, was Friedrich Engels ausdrücklich anerkannte,  wesentlich zur Umwandlung der ständisch-agrarischen in eine egalitär-bürgerliche Gesellschaftsordnung  in Deutschland beigetragen  – ganz direkt in den von Frankreich beherrschten Gebieten, aber auch indirekt: Die „defensiven“ preußischen  Reformen wären  ohne die vernichtenden Niederlagen Preußens wohl kaum erfolgt. Und die Beseitigung des deutschen territorialen „Flickenteppichs“  wurde ja selbst von dem ansonsten der Restauration verpflichteten Wiener Kongress gut geheißen.

Aber Napoleon war nicht nur grenzüberschreitender Herold der Freiheit und des Fortschritts. Er war auch Eroberer und Unterdrücker. Seine Kriege und Siege überspannten die Ressourcen des Landes- da mussten neue Kriege und Siege her. Die benötigte er auch zur Dotierung der  von ihm geschaffenen neuen  Führungsschicht und zur Versorgung seiner Familie in bester Tradition des korsischen Klientilismus.  So knüpfte er  „mit der Eroberung und Unterwerfung fast des gesamten europäischen Kontinents an jene Praktiken an, die seit alters her zu den Zielen  oder Folgen von Eroberungszügen gehörten.“[31] „Die imperialistische Besatzungspolitik Napoleons“ – zu der Plünderungen, massive Kontributionen und Zwangsaushebungen gehörten-   „bedeutete das Ende des  von den Ideen der Revolution gespeisten Kosmopolitismus als normativer politischer Kraft und die Notwendigkeit, die nationale Freiheit gegen den Usurpator zu erkämpfen. Unter Napoleon eskalierte die weltpolitische Mission des revolutionären Frankreichs zur  Herrschaft der französischen Nation über die Völker Europas.“[32] Freiheitsliebe und Patriotismus, die den Impetus der „Marseillaise“ begründeten, wendeten sich nun gegen Napoleon. Sein Bild als lorbeerbekränzter Triumphator und legitimer Erbe der Französischen Revolution ist damit, gerade wenn man  seine Eroberungspolitik einbezieht,  ein einseitiges ideologisches Produkt der 1830-er Jahre, aber auch des bis heute noch andauernden Napoleon-Kults. Allerdings ist es  völlig unangemessen und geschichtsblind, die den Kontinent beherrschenden Eroberer Napoleon und Hitler auf eine Stufe zu stellen, wie gerade kürzlich wieder auf einem Buchcover.

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Gerade  britische Historiker haben öfters solche Parallelen hergestellt, was sicherlich kein Zufall ist. Und  der ehemalige  Londoner Oberbürgermeister und jetzige britische  Außenminister Johnson  hat  ja sogar  Napoleon und Hitler – auf eine Stufe gestellt- bemüht, um den Austritt aus der EU zu begründen.[33]

Wie man die Frage nach dem Zusammenhang von Französischer Revolution und napoleonischer Herrschaft beantwortet, hat übrigens auch politische Relevanz:  Immerhin gibt es ja in Frankreich eine bonapartistische Tradition, also eine politische Richtung, die, skeptisch bis feindlich gegenüber den demokratischen Institutionen und Prozeduren, von einem den Volkswillen unmittelbar repräsentierenden „starken Mann“ an  der Spitze das Heil erhofft. Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., und General Boulanger im 19. und der Marschall Pétain im 20. Jahrhundert waren  Adepten eines solchen Bonapartismus. Und bei allen gravierenden Unterschieden: In der die Größe und Unabhängigkeit Frankreichs betonenden Politik de Gaulles und der von ihm  geschaffenen „monarchie républicaine“ lassen sich Elemente des Bonapartismus beobachten.[34] Die gibt es nach dem Urteil kundiger Beobachter  auch in der aktuellen französischen Politik und ihrem Personal:   Für den Journalisten Alain Duhamel ist Nicholas Sarkozy ein Bonapartist und in einer kürzlich von Le  Monde  publizierten Vorstellung der potentiellen Präsidentschaftskandidaten  der französischen Rechten wird Sarkozy als „jacobinischer Bonapartist“ vorgestellt[35], eine interessante  und aus Sicht von Le Monde sicherlich nicht sehr schmeichelhafte Ahnenreihe. Es ist dies eine Kombination, in der Elemente der Französischen Revolution und die Herrschaft Napoleons zusammengeführt sind. Und je weitgehender und umfassender man Napoleon als legitimen Erben, als Sohn der Revolution versteht, desto mehr wird man geneigt sein,  auch spätere bonapartistische Tendenzen oder Nachfolger gutzuheißen.

Der Blick von oben

Aber kehren wir nach diesem  Exkurs zum Arc de Triomphe zurück beziehungsweise klettern wir endlich die Stufen hinauf zu seiner grandiosen Aussichtsplattform. Hier hat man einen wunderbaren Rundblick über die ganze Stadt, auf die Champs Elysées und das Louvre (Foto von Bernd Kursawe)..

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und auch auf das Hochhausviertel La Défense und die Grande Arche, unter der  genau am Tag  der Sommersonnenwende die Sonne untergeht.

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Und es gibt in der Attika  eine Kamera, die das Geschehen unter dem Arc de Triomphe aufnimmt: So kann man –ohne Ehrengast zu sein-  direkt von oben die tägliche  Flammen-Zeremonie am Grabmal des unbekannten  Soldaten beobachten.  Auf dem nachfolgenden, um 18. 20 Uhr aufgenommenen Foto stehen schon die Ehrenformationen bereit und warten, dass der feierliche Akt (um 18.30 Uhr) beginnt.

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Nach dem Heruntergehen sollte man sich  auf der „Rückseite“ des Triumphbogens  das Relief des Friedens ansehen, das es immerhin doch auch gibt. Hier ein Ausschnitt:

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„Minerve,casquée et armée de sa lance domine la composition comme déesse de la victoire et inspiratrice  des arts et des travaux de la paix.“ [36]  Der Frieden, der hier propagiert wird, ist also ein „Siegfrieden“ – so wie ihn Napoleon bis zuletzt immer anstrebte; ein scheinbarer Frieden, der den Keim künftiger Konflikte und Kriege schon in sich trägt.

Praktische Informationen:

Öffnungszeiten:

Vom 1. April bis 30. September täglich von 10 – 23 Uhr

Sonst: täglich von 10 – 22.30 Uhr

Eintrittspreise:

Kostenlos bis zum Alter von 25 Jahren, wenn man aus einem Land der EU kommt.

Sonst: 12 Euro.

Karten kann man sich von der Website des Arc de Triomphe herunterladen und ausdrucken. Sie sind ein Jahr lang gültig. Man muss sich damit nicht in die Schlange vor dem Kartenhäuschen stellen.

Es gibt ein Faltblatt mit Informationen in verschiedenen Sprachen, das man auch  auf Deutsch von der website  des Arc de Triomphe herunterladen kann

http://www.paris-arc-de-triomphe.fr/  Dort unter der Rubrik „approfondir“ der grün unterlegte Kasten:  Lire le document de visite.

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

Den ausführlicheren Führer des Centre des Monuments nationaux gibt es eben falls auch auf Deutsch. Erhältlich in der kleinen Buchhandlung in der Attika des Arc de Triomphe oder in der Buchhandlung des Centre im Hôtel Sully (rue du Faubourg Antoine).

In der Buchhandlung des Arc de Triomphe kann man auch viele schöne Napoleon- Devotionalien bewundern und erwerben:

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Für 95 Euro gibt eine Figur Napoleons auf dem Schlachtfeld von Jena, 225 Euro kostet Napoleon hoch zu Ross in Berlin….

Und natürlich sollen auch die Kleinen den großen  Napoleon kennen und lieben lernen….

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Anmerkungen:

[1] Centre des Monuments Nationaux (Hrsg): L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014, S. 1 und http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

siehe dazu auch: L’Arc de Triomphe, vu par le écrivains. Nouvelles éditions Scala 2017

[2] Siehe  dazu: Jean Tulard, Le retour des cendres. In: Les lieux de mémoire.  Sous la direction de Pierre Nora. II. La Nation, Band 2, S. 81ff

[3] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober 2016)

[4] http://images.google.de/imgres?imgurl=https://igeekart.files.wordpress.com/2015/01/09-paris-est-charlie-arc-du-triomphe-w529-h352-2x.jpg&imgrefurl=https://igeekart.wordpress.com/tag/arc-de-triomphe/&h=681&w=1024&tbnid=Xt7-0np_PuXllM:&tbnh=90&tbnw=135&docid=Ax2kcTLVUVbF7M&usg=__D0pwy4Afgum6e1J802XQ8FyvNrc=&sa=X&ved=0ahUKEwj9hJ65lsnPAhUJEiwKHY8OAoYQ9QEIIzAB

[5] http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.remarque.uni-osnabrueck.de%2Farcfilm.htm&h=551&w=376&tbnid=7tRDLoO4gsKtgM%3A&docid=PR0lbjyhVEdxlM&hl=de&ei=2P_3V-X-Ecqv6ATux7vYCA&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=11624&page=0&start=0&ndsp=28&ved=0ahUKEwjlyojdvsnPAhXKF5oKHe7jDosQMwgpKAswCw&bih=613&biw=1366

[6] https://beta.welt.de/kultur/article142645109/So-monumental-wollte-Napoleon-Paris-sehen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.google-referrer.home-spliturl&betaredirect=true

[7]  Am 2. Dezember 1806 unterzeichnete Napoleon in seinem Lager in Posen (mitten  im Krieg gegen Preußen) eine Dekret zur Errichtung eines Tempels zum Ruhm der französischen Armeen: « Le Monument dont l’Empereur vous appelle aujourd’hui à tracer le projet sera le plus auguste, le plus imposant de tous ceux que sa vaste imagination a conçus et que son activité prodigieuse sait faire exécuter. C’est la récompense que le vainqueur des Rois et des Peuples, le fondateur des empires, décerne à son armée victorieuse sous ses ordres et par son génie. La postérité dira : il fit des héros et sut récompenser l’héroïsme. […] À l’intérieur du monument, les noms de tous les combattants d’Ulm, d’Austerlitz et d’Iéna seront inscrits sur des tables de marbre, les noms des morts sur des tables d’or massif, les noms des départements avec le chiffre de leur contingent sur des tables d’argent. »

[8]http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe

[9] Zitiert in: http://www.napoleon.org/histoire-des-2-empires/articles/la-curieuse-histoire-de-larc-de-triomphe/

« Un arc de triomphe y fermerait de la manière la plus majestueuse et la plus pittoresque le superbe point de vue que l’on a du château impérial des Tuileries… Il frapperait d’admiration le voyageur entrant dans Paris… Il imprimerait à celui qui s’éloigne de la capitale un profond souvenir de son incomparable beauté… Quoique éloigné, il serait toujours en face du Triomphateur. Votre Majesté le traverserait en se rendant à la Malmaison, à Saint-Germain, à Saint-Cloud et même à Versailles »

[10] http://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/de-la-fresque-louis-pierre-baltard_le-cortege-imperial-quitte-l-arc-de-triompheé

[11] Es sind in Paris  noch einige wenige Zollhäuser erhalten, so die Rotonde de  la Villette oder die Zollhäuser neben der Place de la Nation. Dazu soll es bei Gelegenheit einen Blogbeitrag geben.

[12] http://reflexionsettemoignages.20minutes-blogs.fr/tag/triomphe

(12a) Auf dem Relief sieht man auch den Namen Arcole – womit die von Bonaparte gewonnene entscheidende Schlacht bei Arcole (bataille de pont d’Arcole) von 1796 gemeint ist. In einem Kommentar des Wirtschaftsteils von Le Monde vom 16. März 2018 habe ich einen Bezug zu dieser Schlacht gefunden. Er zeigt, wie sehr die napoleonischen  Schlachten noch heute im allgemeinen Bewusstsein der Franzosen und sogar in der französischen Sprache verankert sind. Es geht um den gescheiterten Versuch einer Unternehmensübernahme durch den französischen Geschäftsmann Bolloré:

Unter der Überschrift „Le retrait du général Bolloré“ heißt es da: „Ce devrait être son pont d’Arcole.  Une conquête éclair en terre italienne pour renforcer son pouvoir en France. Cela a toutes les chances de se transformer en bérézina….“  berezina steht dabei für ein totales Scheitern – abgeleitet von der vernichtenden Niederlage Napoleons an der Berezina bei de Rückzug der grande  armée aus Russland.

[12b] Antoine Prost, Verdun. In: Pierre Nora (Hrsg), Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005, S. 276

[13]  https://fr.wikipedia.org/wiki/Pertes_humaines_lors_des_guerres_napol%C3%A9oniennes

[14] Englund, Napoleon, S. 566

[15] Siehe dazu den Blog-Beitrag: Der 11. November, ein französischer Feiertag im Wandel (Oktober2016/Rubrik Geschichte)

[16] http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html

[17] https://fr.wikisource.org/wiki/Servitude_et_grandeur_militaires/I/1 siehe dazu auch Englund, Napoleon 566/7

[17a]  Siehe folgenden Auszug aus Hugos Rhein-Buch:

… Man mag sich daran erinnern, dass vor etwa sechs oder acht Monaten eine erregte Debatte über die Rheinfrage entbrannte. Rühmliche und edle Geister erhitzten sich damals in Frankreich aufgebracht und heftig. Dabei bildeten sich, wie fast immer, zwei gegnerische Parteien, zwei extreme Positionen. Die einen betrachteten die Verträge von 1815 als vollendete Tatsache und überließen auf dieser Grundlage das linke Rheinufer Deutschland – als Gegenpfand für dessen Freundschaft; die andere Seite protestierte mehr denn je – und unserer Meinung nach zurecht – gegen 1815, forderte heftig, wenn nötig mit Gewalt, das linke links: Le Charivari, Paris, 1835, Abb. Maison Victor Hugo rechts: Victor Hugo (1802–1885) fotografiert von Étienne Carjat, 1876 / aus Wikicommons ©Markt1 // 2020 Rhein-Main Urban Sketchers Rheinufer und wies die Freundschaft Deutschlands zurück. Die Einen opferten den Rhein dem Frieden, die Anderen opferten den Frieden dem Rhein. Nach unserer Auffassung hatten beide Recht und Unrecht zugleich. Zwischen diesen beiden ausschließlichen und diametral entgegengesetzten Haltungen erschien uns Raum für eine versöhnliche Position. Frankreichs Anspruch aufrecht zu erhalten, ohne die deutsche Nation zu verletzen, das war das delikate Problem, für das derjenige, der diese Zeilen schreibt, in seinem Ausflug an den Rhein eine Lösung zu erblicken glaubte.   Zitat aus: https://www.markt1-bacharach.de/pdf/sketcher/1_Handout_DE.pdf

Auch Victor Hugo betrachtete also den Rhein als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, lehnte aber eine gewaltsame Annexion ab, sondern strebte eine -wie auch immer zu erreichende- Lösung mittels einer friedlichen Verständigung im europäischen Kontext an.

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_d%C3%A9partements_fran%C3%A7ais_de_1811

Siehe dazu: Steven Englund, Napoléon, Paris 2004, S. 481/484 und 496

[19] Histoire. Classe de seconde. Paris: Hatier 1990,  S. 114

[20]  http://www.laviedesidees.fr/Les-Napoleon-de-Francois-Furet.html „ les guerres napoléoniennes sont l’épilogue de la nouvelle Guerre de Cent ans qui a opposé depuis la fin du XVIIe siècle la France et l’Angleterre pour la domination mondiale, et que la France devait perdre dès lors que les difficultés financières du règne de Louis XVI, puis la Révolution, l’avaient privée de la marine qui lui eût permis de rivaliser avec les Anglais sur les mers. Napoléon accompagne une défaite inéluctable en lui donnant un tour flamboyant.“

[21] https://www.khanacademy.org/humanities/becoming-modern/romanticism/romanticism-in-france/a/rude-la-marseillaise

Siehe: http://www.abcfrancais.com/le-depart-des-volontaires-en-1792-ou-la-marseillaise/

http://www.cndp.fr/crdp-dijon/IMG/pdf/doc_pedagogique_exporude.pdf

Die Darstellung als Bestandteil der „identité nationale“: http://identitenational.canalblog.com/archives/2008/09/20/10677717.html  Das Relief gehört auch zu dem Bildmaterial, das gerne in französischen Geschihtsbüchern verwendet wird. Z.B. Europes d’hier et aujourd’hui. 4ième. Paris: magnard, 1983, S. 177

[22] https://www.google.fr/webhp?sourceid=chrome-instant&ion=1&espv=2&ie=UTF-8#q=Noisot+Parc+et+Musee

http://salon-litteraire.linternaute.com/fr/beaux-livres/review/1800081-bertrand-tillier-napoleon-rude-et-noisot-hidoestoire-d-un-monument-d-outre-tombe

[23] Steven Englund, Napoleon. Paris 2004, S. 439

Wiedergabe der Memoiren unter:: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6151195z/f433.image

Analyse: siehe https://ahrf.revues.org/1871

[24] Ich beziehe mich hier vor allem auf die Zusammenstellung von Maurice Agulhon, Professor am Collège de France: http://www.archivesdefrance.culture.gouv.fr/action-culturelle/celebrations-nationales/recueil-2004/1804-l-empire/napoleon-fils-de-la-revolution

[25] Der Fall Napoleon. Der Spiegel 5.8.2013, S. 113

[26] Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 437

[27] A.a.O. S. 438

(27a) siehe dazu den Blog-Beitrag: Die Erinnerung an Sklavenhandel und Sklaverei (November 2017) 

[28] „La période de 1811 au début de 1813 fut l’apogée de la pire suppression de la liberté de la presse en France jusqu’à Vichy“. Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 383                                                                           siehe auch  http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

(28a) s. Gerald van der Kemp und Pierre Lemoine, Versailles et Trianon, 1979, S.20: „1806/1807: Napoléon 1er fait étudier des projects de restauration et d’agrandissement du château dont il compte faire sa résidence. 1810: début d’importants traveaux…“

(28b) http://1.brf.be/sendungen/klassikzeit/667693/  Im Beiheft zur Aufführung der Eroica in der Pariser Philharmonie am 7.12.2016 durch das Orchestre de Paris findet sich die Information, dass Beethoven den ursprünglich zu Ehren Bonapartes geplanten „marche triomphale“ durch den „marche funèbre“ ersetzt habe: „la Troisième Symphonie est donc tout à la fois une oeuvre de protestation contre le despotisme et une sorte de requiem pour l’idéal démocratique bafoué“. 

[29] Der Spiegel, 32/2013, S. 113

[30] Dazu Laurent Joffrin, Herausgeber von „Liberation“ zu dieser Phase Napoleons: „. S’il était mort en 1805, il serait comme Washington : on trouverait sa statue partout dans Paris ; il aurait sa tête sur les billets. Mais après, il est devenu un peu fou, sa volonté de puissance était sans limite. Il voulait dominer l’Europe parce qu’il avait une capacité militaire supérieure à celle de ses contemporains. Et la France comptait à l’époque un réservoir d’hommes énorme.“ http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555

[31] „l’Empereur manque de fonds. Il compte sur la victoire contre l’Angleterre et ses alliés pour résoudre tous les problèmes.“  http://www.larousse.fr/encyclopedie/personnage/Napol%C3%A9on_I_er/134747

Und:  https://books.google.fr/books?id=ak-a7_HnGk0C&pg=PA11&lpg=PA11&dq=napoleonisches+zeitalter+kritik&source=bl&ots=LmxdVEoUUc&sig=6poFzmDtoh9IiUxIKyxhOFnpyQ&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA2vSyxcXOAhUInBoKHQx3Bg8Q6AEITzAJ#v=onepage&q=napoleonisches%20zeitalter%20kritik&f=false

[32] Hans-Walter Krumwiede in:  Kirchengeschichte Niedersachsens:  Vom Deutschen Bund 1815 bis zur Gründung der Evangelischen Kirche in Deutschland

Siehe auch Götz Aly: http://www.berliner-zeitung.de/kolumne-zweihundert-jahre-voelkerschlacht-i-3826436

[33] siehe: http://www.napoleon.org/magazine/revues-de-presse/la-revue-des-deux-mondes-avril-2005-napoleon-vu-dallemagne-lhomme-du-destin-et-le-non-destin-de-hitler-si-lhabit-ne-sied-pas-la-comparaison-napoleon-hitler-au-rebut/

http://www.lalibre.be/actu/belgique/napoleon-c-etait-un-tyran-mais-le-comparer-a-hitler-et-staline-est-une-erreur-5582c2893570172b12212555  Steven Englund: Napoléon. Paris 2004, S. 555 und 562. Nicht ganz nachvollziehen kann ich allerdings die Feststellung Englunds, Hitler habe –ebenso wenig wie Stalin und Mussolini- zu den Bewunderern Napoleons gehört – dagegen steht immerhin der spektakuläre Besuch Hiters des Napoleon-Grabes im Invalidendom im Juni 1940.

[34] Michel Winnock: De Napoléon à de Gaulle: la tentation bonapartiste. In. mensuel 124, 1989

Auch unter: http://www.lhistoire.fr/de-napol%C3%A9on-%C3%A0-de-gaulle-la-tentation-bonapartiste

http://www.franceculture.fr/emissions/les-idees-claires/la-tentation-recurrente-du-bonapartisme

[35] Alain Juppé und Nathalie Kosciusko-Morizet werden dagegen der politischen  Familie der „modérés girondins“ zugeordnet. Le Monde 22. Sept. 2016, S.8

(36)  Éditions du Patrimoine, L’arc de triomphe de l’Étoile, S. 33

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Napoleon:

Das Napoleon-Museum auf der Île d’Aix (Vive l’empéreur Teil 2)   https://paris-blog.org/2016/11/16/das-napoleon-museum-auf-der-ile-daix-vive-lempereur-teil-2/

Napoleon in den Invalides (Es lebe der Kaiser!/Vive l’empéreur Teil 3)  https://paris-blog.org/2017/03/12/napoleon-in-den-invalides-es-lebe-der-kaiser-vive-lempereur-3/

Die Manufacture des Gobelins: Politik und Kunst  (August 2018)  https://paris-blog.org/2018/08/01/die-manufacture-des-gobelins-politik-und-kunst/

Napoleon, de Gaulle und Victor Hugo: Notre Dame, die Geschichte und das Herz Frankreichs  https://paris-blog.org/2019/05/02/napoleon-de-gaulle-und-victor-hugo-notre-dame-die-geschichte-und-das-herz-frankreichs/

150 Jahre Abriss der Vendôme-Säule, Teil 1: Ein Blick auf ihre bewegte Geschichte. Vive l’empereur! À bas l’empereur!)   https://paris-blog.org/2021/06/02/150-jahre-abriss-der-vendome-saule-durch-die-commune-teil-1-ein-blick-auf-ihre-bewegte-geschichte-vive-lempereur-a-bas-lempereur-auch-ein-beitrag-zum-napoleonjahr-annee-napoleon-20/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 1: Die große Ausstellung deutscher Raubkunst 1806/1807 https://paris-blog.org/2021/05/01/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-1-die-grose-ausstellung-deutscher-raubkunst-1806-1807/

Vivant Denon, der Kunsträuber Napoleons und sein Musée Napoléon Teil 2: Die „Raubkampagnen“ Denons in Deutschland: Soll ich etwa nichts nehmen? https://paris-blog.org/2021/05/05/vivant-denon-der-kunstrauber-napoleons-und-sein-musee-napoleon-louvre-teil-2-die-raubkampagnen-denons-in-deutschland-soll-ich-etwa-nichts-nehmen/

Christos Pariser Traum: Der verhüllte Triumph Napoleons.  https://paris-blog.org/2021/09/03/christos-pariser-traum-der-verhullte-triumph-napoleons/

Der 11. November: Ein französischer Feiertag im Wandel

Der 11. November ist in Frankreich ein Feiertag, der an den Waffenstillstand von 1918 erinnert. Die zentralen Feierlichkeiten an diesem Tag finden –natürlich- in Paris statt und folgen einem bestimmten Ritual: Zunächst legt der Staatspräsident ein Blumengebinde in den Farben der Tricolore vor der Statue von Georges Clemenceau an der Place Clemenceau zwischen Grand und Petit Palais nieder. Clemenceau war als französischer Vertreter an der Aushandlung der Waffenstillstandsbedingungen mit Deutschland beteiligt und wurde von seinen Landsleuten als Vater des Sieges gefeiert.  Nach dieser ersten Kranzniederlegung fährt der Präsident in Begleitung von Reitern der Garde républicaine in einem offenen  Wagen die Champs –Élysées hinauf zum Arc de Triomphe, wo  er dem Grab des unbekannten Soldaten seine Ehrerbietung erweist. „Avec sa minute de silence, version laïque de la prière, la sonnerie aux morts et l’appel aux morts, la tombe du Soldat inconnu et la flamme du souvenir deviennent les lieux d’un rituel national patriotique“, wie es in einer Sendung von Karambolage über das Ritual des 11. November heißt. [1]

Vom Freudentag zum Gedenk- und  Feiertag

Schon vor dem 11. November 1918 hatte es  Gerüchte über einen bevorstehenden Waffenstillstand gegeben – deren Wahrheitsgehalt bei vielen Menschen  auch für völlig irreal gehalten wurde: Immerhin schien der Feind ja noch lange nicht besiegt, die Front verlief noch quer durch Ostfrankreich.  Als dann am Montag, dem 11. November, der Waffenstillstand offiziell verkündet wurde,  verfiel  Paris  in einen Freudentaumel,  den,  wie der Historiker Jean-Jacques  Becker schrieb, manche Zeitgenossen schon fast als irrsinnig (démente) charakterisierten.[2]

Die erste große Siegesfeier fand zwar am 14. Juli 1919 statt[3], aber dass auch und gerade der 11. November  einen gebührenden Platz in der französischen Erinnerungskultur erhalten müsste und würde, war selbstverständlich. Dies geschah in mehreren Schritten:

  • Am 11. November 1919 wurde zum ersten Mal eine Schweigeminute zur Erinnerung an den Waffenstillstand und die Toten des Krieges eingeführt.
  • Am 11. November 1920 wird unter dem Arc de Triomphe das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht
  • Ab 1922 ist der 11. November offizieller Feiertag in Frankreich
  • Am 11. November 1923 wird zum ersten Mal die ewige Flamme  am Grab des unbekannten Soldaten  entzündet.

Der  Arc de Triomphe als Ort des Grabmals

Die Idee, die Soldaten des „Großen Krieges“ in besonderer Weise zu ehren und einen Ort des Andenkens an sie zu schaffen, entstand in Frankreich schon während des Krieges.  Die  Frage war allerdings, in welcher Form und an welchem Ort.

Am 20. November 1916 stellte der Präsident der Vereinigung  Souvenir français, François Simon, die  Frage, warum man denn nicht die Tore des Panthéons öffne für einen der  vergessenen Soldaten, die für das Vaterland gefallen seien:

„Pourquoi la France n’ouvrirait-elle pas les portes du Panthéon à l’un de nos compatriotes oubliés, mort bravement pour la patrie ? pour inscription sur la pierre, deux mots : « un soldat » ; deux dates : « 1914-1917 » „[4]

In der Folgezeit werden  viele Ideen diskutiert: Vielleicht doch  besser ein goldenes Buch mit den  Namen aller Opfer des Krieges? – vielleicht eine Kapelle? Die Diskussionen ziehen sich hin bis weit über das Kriegsende hinaus, und es sieht fast so aus, als würde nicht ein unbekannter Soldat beerdigt werden, sondern die Idee überhaupt, ihn in besonderer Weise  zu ehren.

Der entscheidende  Anstoß kommt dann aus Großbritannien. Dort wird Ende Oktober 1920  beschlossen, die sterblichen Überreste eines unbekannten britischen  Soldaten in der Kathedrale von Westminster  neben den Gräbern der Monarchen  zu bestatten- und zwar am ersten Jahrestag des Waffenstillstands, dem 11. November 1920. Frankreich fühlt sich erniedrigt und verraten. „Und was macht Frankreich? Nichts!“ empört sich der Abgeordnete André Paisant in einem Zeitungsartikel.[5]  Frankreich mit fast 1,5 Millionen gefallener Soldaten  darf doch nicht hinter den Briten zurückstehen!  Und das Pantheon kann es als würdevoller Ort mit Westminster ja durchaus aufnehmen!  Aber da gibt es zwei Probleme: Am 11. November 1920 ist das Pantheon gewissermaßen schon „ausgebucht“- da soll nämlich dort  -anknüpfend an eine feudale Tradition der Totenbestattung-  das Herz von Gambetta aufgenommen  werden – in der Erinnerung an die 50 Jahre vorher ausgerufene 3. Republik und den Sieg von 1918 gleichermaßen. Zwar könnte man neben dem Herz Gambettas auch den unbekannten  Soldaten pantheonisieren, aber dagegen läuft  die Rechte Sturm: Für sie ist das Pantheon eher eine entweihte Kirche und eine  republikanische Einrichtung. Außerdem sei der unbekannte Soldat kein dem Pantheon angemessener „großer Mann“, sondern „le peuple tout entier„. Die Rechte plädiert also für  den Arc de Triomphe, der allerdings von den Linken als kaiserliches Symbol und „trop militaire“ abgelehnt wird.

(Siehe dazu den Blog-Beitrag über den Arc de Triomphe: Der Arc de Triomphe: Die Verherrlichung Napoleons  https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Am 8. November 1920 debattiert  die Nationalversammlung   heftig und lautstark über die beiden Alternativen und die Rechte setzt sich durch: Der unbekanne Soldat soll also unter dem  Arc de Triomphe seine letzte Ruhestätte erhalten.[6]

Die Auswahl des unbekannten Soldaten

Jetzt gilt es, in kürzester Zeit den unbekannten  Soldaten auszuwählen. Der 21-jährige Soldat Auguste Thin erhält den ehrenvollen Auftrag, diese Auswahl vorzunehmen. Dafür werden die Reste von 8 nicht identifizierten, aber eindeutig französischen Soldaten  aus 8 französischen Regionen ausgewählt, in denen die schwersten Kämpfe des Weltkriegs stattgefunden hatten. Eigentlich hatte man für die Auswahl 9 Soldaten aus 9 Regionen vorgesehen, aber in einem Fall bot keiner der exhumierten Körper die Garantie, dass es sich auch tatsächlich um einen französischen Kombattanten  handelte. Die Särge der 8 Soldaten werden nach Verdun gebracht – für Frankreich Symbol für die Leiden des Krieges und für die Größe des Sieges.[7]  Auguste Thin wählt den 6. Sarg aus – weil er zum 6. Korps und zum 123. Regiment (zusammengezählt also auch 6) gehörte.

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Der Sarg wird danach zum Bahnhof von Verdun gebracht, so dass er –auf einem fahnengeschmückten Panzer   installiert- rechtzeitig  zu den Feierlichkeiten des 11. November unter dem Arc de Triomphe eintrifft- zusammen mit dem Herz Gambettas.

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Während dies  seinen Weg fortsetzt zum Pantheon, werden die sterblichen Überreste des unbekannten Soldaten unter dem Arc  de Triomphe bestattet.  Darüber eine Granitplatte mit der Inschrift:

„Ici repose un soldat français mort pour la patrie. 1914-1918.

4 septembre 1870, proclamation de la République.

11 novembre 1918: retour de l’Alsacce-Lorraine à la France“

(Hier ruht ein für das Vaterland gefallener französischer Soldat. 1914-1918

4. September 1870, Ausrufung der Republik

11. November 1918: Rückkehr von Elsass-Lothringen nach Frankreich)

Der Maler Ernest Jules Renoux hat den Augenblick der Bestattung des unbekannten Soldaten in einem  im Petit Palais ausgestellten Bild verewigt und ihm sakrale Weihe verliehen.

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In der Attika des Arc de Triomphe ist die Skulptur eines unbekannten Soldaten  ausgestellt mit brozenen Siegespalmen….

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Die Flamme der Erinnerung

Sakralen Charakter hat auch die ewige Flamme der Erinnerung, die der damalige Kriegsminister André Maginot „–der „Erfinder“ der sogenannten Maginot-Linie- am 11. November 1923 unter den Klängen des Marche funèbre von Chopin zum ersten Mal entzündet. Der Schriftsteller Roland Dorgelès, 1919 berühmt geworden mit dem Kriegsroman  Les Croix de bois, schrieb damals:  «ce sera l’enfant de tout un peuple en deuil et chaque mère pourra dire, s’inclinant sur la dalle : “C’est peut-être le mien…”[8]

Seitdem organisiert die Vereinigung  „La Flamme sous l’Arc de triomphe“ jeden Abend um 18.30 Uhr eine Zeremonie, während derer nach einem sehr feierlichen Ritual die Flamme mit neuem Leben erfüllt wird. Es lohnt sich, schon gegen 18 Uhr an Einmündung der Champs-Elysées in die Place d’Étoile zu sein- da versammeln sich die Teilnehmer der Zeremonie, die i.a. gerne für Erinnerungsfotos posieren.

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An der Zeremonie unter dem Arc de triomphe  „patriotische Organisationen“, vor allem natürlich Veteranen, aber auch Vertreter ganz  verschiedener Organisationen  aus ganz Frankreich und dem Ausland beteiligt – für sie gewissermaßen eine patriotische Wallfahrt.

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Es werden Kränze niedergelegt, die Flamme wird symbolisch neu entzündet und zum Abschluss die Marseillaise gespielt und von vielen Anwesenden auch mitgesungen.

„Diese Flamme, mit der die Nation alle diejenigen ehrt, die für Frankreich gestorben sind, brennt  ununterbrochen seit dem 11. November 1923“ und zwar selbst während der deutschen Besatzung von Paris.[9]

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Die Bodenplatte mit der Inschrift und der ewigen Flamme ist die sogenannte „dalle sacrée“-  sie wird also als heilig bezeichnet. Das ist –gerade in einem laizistischen Land- bezeichnend für die religiöse Überhöhung des Patriotismus rund um den Ersten Weltkrieg: Geheiligt war da schon 1914 die von Clemenceau ausgerufene nationale Einheit, die union sacrée. Diese  französische Variante des Wilhelminischen „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ wird in Krisensituationen wie den terroristischen Anschlägen in Paris heute noch gerne beschworen.[10] Geheiligt war auch der Nachschubweg nach Verdun, der voie sacré, und für viele Kriegsteilnehmer war auch der Krieg insgesamt geheiligt.  Romain Rolland zitiert  in Au-dessus de la mêlée  den Brief eines Freundes aus dem Jahr 1914:

„Quelle race admirable! Si vous voyiez comme moi notre armée, vous seriez enflammé d’admiration pour ce peuple. C’est un élan de la Marseillaise, un élan heroïque, grave, un  peu religieux…. On parlera de nous dans l’histoire. Nous aurons ouvert une ère dans le monde…. La France n’est pas prête de  finir. Nous voyons sa résurrection. Toujours la même: Bouvines, croisades, cathédrales, Révolution, toujours les chevaliers du monde, les paladins de Dieu.“

Philippe Contamine bezeichnet in seinem Artikel Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle, der in der Reihe Les Lieux de Mémoire  veröffentlicht ist, den Patriotismus, wie er sich hier äußert, geradezu als eine neue Religion:

„La nouvelle religion eut ses mystiques et ses dévots, zélateurs convaicus de l’amour de la patrie dont ils se persuadaient, sans trop de peine, qu’il était un sentiment naturel et éternel. Elle eut aussi ses sceptiques, ses agnostiques, ses athées, ses hérétiques.“[11]

Anhänger eines solchen übersteigerten Patriotismus empfanden sicherlich auch die nachfolgenden Gedanken als häretisch, die  einem Besucher des Grabmals des unbekannten Soldaten 1925 durch den Kopf gingen:

„‚Mort pour la patrie‘ steht eingemeißelt auf der steinernen Platte. Wer weiß, ob das stimmt? Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mort par la patrie. Vielleicht war der letzte Gedanke des Mannes da unten ein Fluch gegen die Gewalten, die ihn zum Helden gepresst hatten. (…) Vielleicht hat er sich einen Teufel um die gloire geschert, hätte das verborgene Dasein dem offiziellen Grabmal vorgezogen und nicht für alle Trimphbogen der Erde dreingewilligt, dass man ihm sein zeitlich Flämmchen ausblase, um ihm ein ewiges, gasgenährtes anzuzünden.“ (11a)

Der das schrieb war der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, ein Häretiker dann natürlich auch für die Nazis, vor denen er sich -wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und andere- gerade noch rechtzeitig durch die Flucht über die Pyrenäen retten konnte. (11b)

Die Demonstration des 11. November 1940: Ein Akt des Widerstands

Die Feiern  des 11.  November waren allerdings in den 20-er und 30-er Jahren in Frankreich nicht unumstritten. Das Gedenken an die Toten war es weitgehend, auch wenn es Pazifisten gab, die sich –vereint unter dem Slogan „À bas la guerre“ weigerten, an den offiziellen Zeremonien des 11. November teilzunehmen. Vor allem aber versuchten Extremisten von links und rechts dem 11. November einen anderen  Sinn zu geben, und nahmen den Feiertag zum Anlass, ihre Ideen zu propagieren: Da  ist die 1920 gegründete KPF, die die bourgeoise Republik und den zum Profit der Kapitalisten geführten Krieg  unter der Parole „guerre à la guerre“ ablehnten. Und es waren die Vertreter der extremen Rechten, die,  Republik, Kapitalismus und Kommunismus bekämpfend,  den 11. November nutzten, um ihre Vorstellung eines autoritären, ethnisch reinen und kämpferischen Frankreich zu propagieren- ein Konzept, das dann auch die Neuorientierung des 11. November durch das Regime von Vichy und Pétain prägte: Ihm ging es vor allem um  einen „männlichen Heroismus und den Mythos des vergossenen Blutes“:  So wurde der 11. November  von den Vertretern  der „Révolution Nationale“  in einer Weise gefeiert, dass es auch für die deutsche Besatzungsmacht akzeptabel war.[12]

Die „maréchalistische“ Konzeption des 11. November und die Besatzungsmacht wurden aber am  11. November 1940  in Paris herausgefordert:

Mehrere tausend junge Menschen, überwiegend Schüler/innen und Student/innen kamen  am 11. November 1940  zum Arc de  Triomphe, legten am Grabmal des unbekannten Soldaten Blumen nieder und schmückten sie mit den französischen Nationalfarben. Nach einer gewissen Zeit griffen deutsche Soldaten und französische Polizisten ein und „zerstreuten“ die Menge. Viele Demonstranten wurden verletzt und verhaftet (die Zahlen schwanken zwischen 105 und 143); sie wurden nach wenigen Tagen entlassen.
Es war das erste kollektive Aufbegehren gegen Besatzung und Kollaboration. Vorausgegangen war die Empörung über die Verhaftung des international renommierten Physikprofessors Paul Langevin  am 30. Oktober 1940 durch die deutsche Wehrmacht. Nach einer ersten Protestaktion am 8. November vor dem Collège de France, wo Langevin unterrichtete, wurde die Parole durch Mund-zu-Mund-Propaganda und vereinzelte Flugblätter verbreitet, sich am 11. November am Arc-de-Triomphe zu treffen. Die Behörden hatten dekretiert: „Öffentliche Verwaltungen und Betriebe arbeiten normal; Gedenkzeremonien finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen werden nicht geduldet.“[13]

Es gibt vier Gedenkplaketten, die an diese Demonstration erinnern:  eine am 11. November 1954 vom damaligen Staatsspräsidenten René Coty enthüllte Tafel an der Einmündung der Champs-Elysées (Nr.  156) in die Place de l’Étoile.[14]

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Die Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 massenhaft vor dem Grabmal des unbekannten  Soldaten  demonstrierten, waren die ersten, die dich dem  Besatzer widersetzten.

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Eine weitere Gedenktafel wurde am  11. November 2010 von Staatspräsident Sarkozy unter dem Arc de Triomphe eingeweiht:

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« En hommage aux lycéens et étudiants de France qui défièrent l’armée d’occupation nazie le 11 novembre 1940 au péril de leur vie »[15].

Weitere  Gedenktafeln  wurde an  dem Maison d’Arrêt de la Santé an der Ecke zwischen dem Boulevard Arago und der Rue  de la Santé (siehe Bild)  und an dem Ort des ehemaligen  Gefängnisses Cherche Midi  angebracht, in die die  verhafteten Studenten und Schüler eingeliefert wurden.

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 Dass sie schnell wieder entlassen wurden, ist der Tatsache zu verdanken, dass weder die deutschen Besatzungsbehörden noch die Regierung von Vichy wenige Tage nach dem historischen Treffen von Montoire zwischen Hitler und Pétain (24. Oktober 1940)  die Politik der Collaboration beeinträchtigt sehen wollten.[16]

Die Feiern des  11. November  1944 und 1945

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 Am 11. November 1944 – Frankreich war damals noch nicht wieder vollständig befreit-  nehmen de Gaulle und Winston Churchill gemeinsam an der Feier des  11. November teil – auch wenn beide ansonsten eher durch „relations tumultueuses“ verbunden waren, wie es selbst auf der offiziellen Website der Organisation heißt, die das Andenken de Gaulles hoch hält.[17] Für Gaullisten und Sozialisten ist diese britische Präsenz bedeutsam, weil für sie damit symbolisiert werden soll, dass die beiden Weltkriege für die demokratischen Werte geführt wurden, die auch von den westlichen Alliierten repräsentiert sind: Hier kündigt sich schon der Kalte Krieg an  und der Gegensatz zu den Kommunisten, die den 11. November in eine Linie mit der russischen Revolution rücken.  Aber dieser sich ankündigenden Auseinandersetzungen über die Zukunft Frankreichs zum Trotz ist der 11. November 1944 in Paris vor allem ein allgemeines Volksfest, in dessen Mittelpunkt ein fünfstündige Zug von mehr als einer Million Menschen die Champs-Elysées hoch zum Arc de Triomphe ist.[18]

Am 11. November 1945 wird besonders die Résistance geehrt:  Die sterblichen Überreste von 15 Männern und Frauen des Widerstands, von Kriegsgefangenen und Deportierten werden an diesem Tag am Arc de Triomphe aufgebahrt, bevor sie dann in der an diesem Tag eröffneten Krypta auf dem  Mont Valérien bestattet werden  – womit eine Brücke zwischen 1914 und 1945 geschlagen wird, dem, wie de Gaulle es formulierte, 30-jährigen Krieg.[19]

Dass die Auseinandersetzungen zwischen rechts und links auch weiter in die Feierlichkeiten des 11. November hineinwirken, sei nur am Rande vermerkt und an einem Beispiel veranschaulicht: Am 11. November 1971 legen 20 Studenten der École Normale der rue d’Ulm in Paris – dem „Tempel der republikanischen Meritokratie“ – einen Kranz nieder für die  normaliens, die (ehemaligen) Angehörigen dieser Eliteschule also, die „victimes des marchands de canons“ geworden seien, und sie singen  die Internationale, während ihre rechten  Kommilitonen  mit der Marseillaise dagegen  halten.[20]

 

Das Gedenken  des 11. November verändert sich

Die 1944 und 1945 praktizierte  Ausweitung des Gedenkens an die Toten beider Kriege  erhält schließlich in einem  Gesetz von 2012  offiziellen Charakter:

« Le 11 novembre, jour anniversaire de l’armistice de 1918 et de commémoration annuelle de la victoire et de la Paix, il est rendu hommage à tous les morts pour la France. Cet hommage ne se substitue pas aux autres journées de commémoration nationales.« [21]

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Die Karikatur aus der Tageszeitung La Croix vom 9.11. 2011[22] zeigt eine Abordnung vor einem Denkmal für die „tapferen Kämpfer“ des Krieges von 1914/18;  und darunter einen Bildschirm mit der Aufschrift

–Algerien  und –Libyen

und der Aufforderung, für die weiteren Kriege -und ihre Opfer-  auf diesen Bildschirm zu klicken. Damit wird  veranschaulicht, dass am 11. November nicht nur der Toten des Großen Kriegs gedacht wird, sondern der Toten aller Kriege, an denen französische Soldaten beteiligt waren und noch sein werden: Dazu gehören dann auch die Toten in den Kolonialkriegen wie den Kriegen in Indochina oder Algerien und es gehören dazu die bei internationalen Kriegseinsätzen wie in Afghanistan, Libyen oder dann auch Mali gefallenen französischen Soldaten.  Dass damit eine nicht ganz unproblematische Vermischung ganz unterschiedlicher Kriege vorgenommen bzw. ihr zumindest Vorschub geleistet wurde, ist kritisch angemerkt worden (zum Beispiel von Rémi Dalisson).  Immerhin ist es ja ein  deutlicher Unterschied, ob ein Krieg  dem Land aufgezwungen wurde  (wie der 2. Weltkrieg) oder bewusst und in höchst problematischer Weise  betrieben wurde (wie der Kriegseinsatz in Libyen[23]), ob er  im Namen der Freiheit geführt wurde (wie der Kampf gegen die deutsche Besatzung) oder im Namen kolonialistischer Herrschaft, wie der Krieg in Indochina. Aber das scheint im öffentlichen Bewusstsein wohl durchaus vereinbar zu sein, wie das mich sehr irritierende Straßenschild zeigt, auf das ich kürzlich gestoßen bin.

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Jedenfalls ist die Erweiterung des Gedenkens  inzwischen parteiübergreifend Grundlage der Feiern des 11. November. Immerhin wurde  diese Erweiterung von Präsident Giscard d’Estaing initiiert, unter der Präsidentschaft Sarkozys in Gesetzesform gebracht und von Präsident Hollande in seiner ersten  11. November – Rede  2012 zum ersten Mal umgesetzt.

Wenn ausdrücklich von „tous les morts pour la  France“  die Rede ist, dann gehören dazu natürlich auch die Kolonialtruppen, die in den Feiern des 11. November lange keine oder eine eher marginale Rolle spielten. Immerhin wurden im Ersten Weltkrieg etwa 700 000 Mann Kolonialtruppen ausgehoben und besonders  die sogenannten tirailleurs sénégalais haben in den großen Schlachten  des 1. Weltkriegs einen außerordentlich hohen Blutzoll entrichtet.  Auch im Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Kolonialsoldaten auf französischer Seite gekämpft und sie wurden bei der großen Truppenparade des 11. November 1944 bejubelt. Aber das Versprechen, den Kolonialsoldaten des Großen  Krieges nach Kriegsende die französische Staatsbürgerschaft zu verleihen, wurde schnell vergessen und die ihnen gezahlte Rente entsprach nur einem Viertel oder gar einem Zwölftel dessen, was  ein Soldat mit französischer Nationalität erhielt.[24] Es hat lange gedauert, bis auch diese Soldaten bei den Feierlichkeiten des 11. November angemessen gewürdigt wurden.[25]

Und es stellt sich,  wenn von allen Toten die Rede ist, auch die Frage, ob in das Gedenken nicht auch die französischen Soldaten einbezogen werden müssen, die –unter manchmal heute kaum noch nachvollziehbaren Umständen- demonstrativ und zur Abschreckung erschossen wurden. In der neuen Gedenkstätte von Verdun wird auch an Ihr Schicksal erinnert.[26]

Und ganz aktuell gehören zu allen Kriegstoten auch die Opfer terroristischer Anschläge in Paris, Nizza und andernorts, denn nach offiziellem Verständnis befindet sich Frankreich ja in einem Krieg mit dem Terrorismus – was unter anderem ja auch bedeutet, dass die Nachkommen der Opfer wie Kriegshinterbliebene behandelt werden, also eine  vom Staat garantierte entsprechende Unterstützung erhalten. (26a)

Einer Erweiterung des Gedenkens hat auch insofern  stattgefunden, dass es nicht mehr ausschließlich/hauptsächlich auf Verdun konzentriert ist: Ein Zeichen  dafür ist die am  11. November 2014 eingeweihte internationale  Gedenkstätte Notre Dame de Lorette: Dort sind auf einen  Ring von 345 Metern  Umfang die Namen von 580 000 Soldaten  eingraviert, die in Flandern  zwischen 1914 und 1918 gefallen sind – in alphabetischer Reihenfolge, ohne Trennung nach Rang,  Religion oder Nationalität.

Besonders Präsident Sarkozy hat den Feiern des 11.  November neue Akzente verliehen. In der Zeitung Le  Monde wurde sogar von einem Traditionsbruch, einer „rupture“ gesprochen. [27]  Vor allem natürlich für die von ihm angestoßene Ausweitung des Gedenkens an alle für Frankreich gestorbenen Franzosen. Dann durch die Einführung einer Rede unter dem Arc de Triomphe: Hatten sich die Präsidenten  bis 2007 darauf beschränkt, am Grabmal des unbekannten Soldaten ein Gebinde niederzulegen, nutzt er jetzt diese Gelegenheit für eine große  Rede – zentriert um die gemeinsame nationale Erfahrung des Krieges und die daraus zu ziehenden Konsequenzen: wesentliche Bestandteile des französischen „roman national“.

2009 gibt es eine weitere bedeutsame Neuerung: Sarkozy lädt zum 11. November Bundeskanzlerin Merkel ein – gemeinsam verneigen sie sich vor den Opfern  der Kriege und beide halten unter dem Arc de Triomphe eine Rede. Sarkozy verbindet darin den gemeinsamen deutsch-französischen Auftritt mit dem Händedruck zwischen Mitterand und Kohl am 22. September 1984 in Verdun/Douaumont.

Bemerkenswert finde ich an seiner Rede besonders zwei Aspekte: einmal das Eingeständnis, dass Versailles nicht geeignet war,  nach dem schrecklichen Krieg den Weg in  eine friedliche Zukunft zu eröffnen. Allerdings wird das sehr vorsichtig, fast euphemistisch formuliert: Die  Sieger hätten sich geweigert, die Gemeinsamkeit des tragischen Schicksals zu sehen, die sie  mit den Besiegten verbindet, und  es habe ihnen an Großzügigkeit gefehlt[28]: Hier wird immerhin die unnachgiebige Haltung gerade  der französischen Nachkriegspolitik in dem Plural „die Sieger“ aufgelöst, und es wäre doch wohl  selbstverständlich gewesen und hätte kaum besonderer Großzügigkeit bedurft, -beispielsweise-  das demokratisch gewordene Deutschland nach Abschluss des Friedensvertrags in den Völkerbund der Nationen aufzunehmen…  Aber dass in einer solchen Rede an diesem Ort überhaupt eingeräumt wird, dass  1918 zwar der Krieg gewonnen, aber danach der Frieden verloren wurde,  ist wohl schon etwas Besonderes.

Und wichtig ist m.E. auch der Hinweis Sarkozys, dass 2008 der letzte poilu, der letzte französische Soldat des 1. Weltkriegs,  gestorben war. Jetzt sei niemand mehr da, der aus eigenem Erleben und Leiden   „Nie mehr das!“  ausrufen könne.

„Avec le dernier poilu, s’est éteint le dernier témoin qui pouvait encore crier avec la force si grande qu’ont les vrais cris de souffrance : « plus jamais cela ! ».

C’est quand tous les témoins ont disparu qu’il faut prendre garde que l’Histoire ne tue pas le souvenir.[29]

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In der Tat ist es eine große Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen, vor allem aber auch für Europa, dass  die Kriegserfahrungen der Gründerväter für die Menschen  heute kaum noch nachvollziehbar sind, dass der Frieden in unserem Teil Europas so selbstverständlich geworden  ist, so dass er als zentrale raison d’être für das vereinte Europa nicht mehr ausreicht.  Umso wichtiger ist es deshalb in der Tat, die gemeinsame Erinnerung an die Schrecken des Krieges wachzuhalten – aber natürlich und vor allem auch zukunftsweisende  und die Lebensqualität der Menschen betreffende,  überzeugende Perspektiven für das gemeinsame Europa zu eröffnen.

Verwandte Beiträge:

Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands vom 11. November 1918    (Das Monument aux Morts an der Friedhofsmauer des Père Lachaise)  https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

Die Aufnahme des Schriftstellers Maurice Genevoix und der (französischen) Teilnehmer des 1. Weltkriegs (Ceux de 14) ins Pantheon am 11. 11. 2020    https://paris-blog.org/2020/11/02/die-aufnahme-des-schriftstellers-maurice-genevoix-und-der-franzosischen-teilnehmer-des-1-weltkriegs-ceux-de-14-ins-pantheon/

Zum Weiterlesen:

Centre des monuments nationaux: L’arc de triomphe de l’Étoile. Paris 2014

Rémi Dalisson, 11 Novembre. Du souvenir à la mémoire. Paris: Armand Colin 2013

Rémi Dalisson, Le 11 Novembre tend à devenir une fête de paix. Interview mit Le Monde vom 10.11.2014.

www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/11/10/remi-dalisson-le-11-novembre-tend-a-devenir-une-fete-de-paix_4521409_3448834.html#h6odiMfJOcYkB1co.99

Anette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire ? In: Vingtième Siècle, revue d’histoire  Année 1996  Volume 49  Numéro 1  pp. 31-44  Auch unter: http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

http://centenaire.org/fr/tresors-darchives/fonds-publics/bibliotheques/archives/les-ceremonies-du-11-novembre-entre-les-deux

http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html

Anmerkungen

[1] So der französische Text der Arte-Serie Karambolage von 2006, die dem 11. November in Frankreich gewidmet ist und das dortige Ritual beschreibt:  http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-symbole-le-soldat-inconnu-karambolage.  Die deutsche Variante der Sendung liefert nur eine sehr abgespeckte Version des Rituals:

„Der französische Staatpräsident begibt sich unter den Triumphbogen in Paris und legt während einer sehr feierlichen Zeremonie einen Kranz vor die ewige Flamme, die über das Grab des unbekannten Soldaten wacht.“ http://sites.arte.tv/karambolage/de/das-symbol-der-unbekannte-soldat-karambolage

Ein Jahr später ging es dann um den 11. November in Deutschland: Den Beginn der Faschingssaison – was für ein Kontrast!

http://sites.arte.tv/karambolage/fr/le-rite-le-11-novembre-karambolage

[2] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[3] Annette Becker, Du 14 juillet 1919 au 11 novembre 1920 mort, où est ta victoire? http://www.persee.fr/doc/xxs_0294-1759_1996_num_49_1_3482

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombe_du_Soldat_inconnu_(France)  Offenbar ging Simon damals davon aus, dass der Krieg  1917 siegreich beendet sein würde. Souvenir français ist eine 1887 gegründete Einrichtung, die das Andenken an die französischen Soldaten wachhält – zunächst die die des deutsch-französischen Kriegs von 1870/71

[5] Le pays tout entier se sent humilié et trahi. «Et la France, que fera-telle ? Rien !» s’emporte le député de l’Oise André Paisant dans les colonnes du quotidien «Le Journal » http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

[6] 10 novembre 1920 : un soldat inconnu pour dire l’horreur d’une guerre

FRANCE INFO Y ÉTAIT  dimanche 13 juillet 2014

http://www.franceinfo.fr/emission/france-info-y-etait/2013-2014/10-novembre-1920-un-soldat-inconnu-pour-dire-l-horreur-d-une-guerre-07-13-2014-10-00

In einem 2016 neu aufgelegten Paris-Reiseführer von Waltraud Pfister-Bläske und norbert Kustos (Bruckmann-Verlag)  fand ich übrigens folgende absurde  Information: „Unter dem Bogen liegen die Gebeine von fast 10 Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs“. (S.156) Wie eine angeblich profunde Paris-Kennerin so einen offensichtlichen Unsinn schreiben und wie ein Verlag das durchgehen  lassen kann, ist mir ein Rätsel.

[7] siehe auch den Beitrag über die neue Gedenkstätte in Verdun auf diesem Blog. Und natürlich immer noch grundlegend: Antoine Prost, Verdun. In: Les lieux de mémoire. Sous la direction de Pierre Nora. II. Nation, Bd 2, S. 111-141

[8] http://www.geo.fr/photos/reportages-geo/premiere-guerre-mondiale-14-18-qui-est-le-soldat-inconnu-158634#cCBg7ZEupYV3MD7r.99

Norhttp://www.laflammesouslarcdetriomphe.org/la-ceremonie-du-ravivage/deroule-type-dune-ceremonie/

Siehe auch den Bericht  einer Schulklasse, die an der Flammen-Zeremonie teilgenommen hat:

http://www.ladepeche.fr/article/2016/03/31/2315125-raviver-la-flamme-sous-l-arc-de-triomphe.html

http://memoire1418.free.fr/histoires/histoiresarticle33.html

[10] 13-Novembre: union sacrée après les attentats, les partis suspendent la campagne électorale

http://www.slate.fr/story/109893/13-novembre-union-sacree

[11] Philippe Contamine, Mourir pour la Patrie. Xe-XXe siècle  In: Pierre Nora (dir), II, La Nation. Gallimard 1986, p.39  Dort wird auch die  Textstelle von  Romain Rolland zitiert.

(11a) Alfred Polgar, Der Unbekannte Soldat (1924). Aus: dtv Reise Textbuch Paris dtv 3902,  München 1990, S. 189/190

(11b) siehe Blog-Text über Sanary, Les Milles und Marseille: https://paris-blog.org/2016/04/18/exil-in-frankreich-sanary-les-milles-und-marseille/

[12] Dazu im Einzelnen: Rémi Dalisson, 11 novembre, Kapitel 2 und 3, S. 76ff

[13] http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

Siehe auch. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[14] Heute Botschaft von Quatar (1, Rue de Tilsit)

[15] „Zu Ehren der Schüler und Studenten Frankreichs, die am 11. November 1940 unter Lebensgefahr die Nazi-Besatzungsarmee als erste herausforderten.“  http://www.gedenkorte-europa.eu/content/list/552/

[16]  „Militärgefängnis Cherche-Midi, 11. November 1940. Hier wurden Schüler und Studenten eingekerkert, die sich nach dem Appell vom 18. Juni 1940 als erste gegen die Besatzer erhoben haben“. Bei dem Appell vom 18. Juni handelt es sich um den berühmten Aufruf de Gaulles zur Fortsetzung des Widerstands. http://www.cheminsdememoire.gouv.fr/fr/le-11-novembre-1940

[17] http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/les-acteurs-de-l-histoire/de-gaulle-et-churchill/reperes/de-gaulle–churchill-des-relations-tumultueuses.php

[18] Im Einzelnen: Dalisson, 11 novembre, S. 116f     Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in dem Andenkenladen der Monuments nationaux im Arc de Triomphe eine Postkarte von der  Parade verkauft wird, die de Gaulle direkt nach der Befreiung von Paris unter dem Arc de Triomphe abgenommen hat, aber keine von der großen Demonstration mit Churchill am 11. November.

[19] http://centenaire.org/fr/espace-scientifique/societe/onze-novembre-histoire-dune-commemoration-nationale

[20] Dalisson, 11 novembre, S. 166

[21]https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do;jsessionid=5A7B51413B56FAF5DE47F2F351400344.tpdila15v_2?cidTexte=JORFTEXT000025413468&idArticle=&dateTexte=20160309 siehe auch:

http://parhei.hypotheses.org/116

[22] abgedruckt bei Dalisson, 11 novembre, S. XV

[23] Nach einem britischen Parlamentsbericht vom September 2016 war das Frankreich Sarkozys „le principal moteur“ der Militärintervention in Libyen (Mediapart, 15.9.2016). Danach war ein Beweggrund für die Intervention, die Schlagkraft des französischen Militärs –und da vor allem des Kampfflugzeugs Rafale-  zu beweisen. Der französische Staat war nämlich eine Verpflichtung zur kontinuierlichen Produktion des Flugzeugs eingegangen, die er aber –allein schon aus finanziellen Gründen- nicht übernehmen konnte. Man war also dringend auf Exportaufträge angewiesen. Und die „démonstration concrète des possibilités du Rafale en conditions de combat réel“ war erfolgreich. Nach der Libyen-Intervention  kamen endlich die Aufträge: Quatar, Ägypten und im September 2016 der allgemein bejubelte Großauftrag aus Indien. Insofern hat sich –zynisch formuliert- die Intervention in Libyen für Frankreich gelohnt. (http://www.opex360.com/2016/09/16/rapport-parlementaire-britannique-critique-severement-lintervention-en-libye-de-2011/ )

[24] https://blogs.mediapart.fr/gilles-manceron/blog/101114/les-soldats-coloniaux-de-14-18-eternels-oublies

http://www.lemonde.fr/centenaire-14-18/article/2014/09/09/verdun-comble-ses-trous-de-memoire_4484577_3448834.html

https://www.herodote.net/1830_a_1962-synthese-43.php

http://www.islamophobie.net/articles/2010/11/10/11-novembre-hommage-aux-soldats-musulmans-morts-pour-la-france

[25] http://www.najat-vallaud-belkacem.com/2014/11/11/rendons-hommage-ensemble-aux-combattants-de-la-1ere-guerre-mondiale/

[26] Zu den drakonischen und z.T. demonstrativen Erschießungen im Ersten Weltkrieg siehe: Nicolas Offenstadt, Les fusillés de la Grande Guerre et la mémoire collective (1914 – 1999) Paris 1999

(26a) http://www.sos-attentats.org/aide-victimes-victime-civile.asp    Insofern war es auch folgerichtig, dass die Trauerfeier für die Opfer des Anschlags von Nizza im Hôtel national des Invalides stattfand.

[27] http://www.lemonde.fr/societe/article/2013/11/11/les-11-novembre-les-plus-marquants-de-l-histoire-de-france_3508691_3224.html#utQLwzwPdGgcqi16.99

[28] „Cette paix nous n’avons pas su la faire en 1918, non seulement parce que les vainqueurs manquèrent de générosité mais aussi parce qu’ils refusèrent de voir le destin tragique qui les liait aux vaincus et que l’indicible horreur de la guerre venait de révéler.“ http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html

[29]Die Rede von Präsident Sarkozy:  http://discours.vie-publique.fr/notices/097003250.html  (Um Missverständnissen  vorzubeugen: Ich bin wahrhaftig kein Fan  Sarkozys und finde sein Vorhaben, noch einmal französischer Präsident zu werden, geradezu peinlich und politisch schädlich).

Die Rede von Bundeskanzlerin Merkel: http://www.france-allemagne.fr/Bundeskanzlerin-Merkel-nimmt-an,4962.html

Die Corrèze (Teil 2): touristische Impressionen

Im ersten Blog-Beitrag zur Corrèze ging es um die allgegenwärtige Erinnerung an die Zeit von 1940-1944, also die Zeit zwischen der französischen  Niederlage von 1940 und der Befreiung von 1944. Die  Corrèze hat damals  als ein Zentrum der Résistance  auch bezogen auf den nationalen Rahmen  Frankreichs eine ganz herausragende  Rolle  gespielt.

Es  wäre aber bedauerlich, die Corrèze nur aus diesem begrenzten  Blickwinkel zu sehen, ist sie doch eine äußerst interessante, vielfältige und reizvolle Gegend. Das soll  anhand einiger Fotos wenigstens ansatzweise gezeigt werden. Und vielleicht macht das auch Lust und weckt die Neugierde, dieses Gebiet etwas zu erkunden, das zwar nicht zu den ersten touristischen Destinationen Frankreichs gehört, dessen Besuch sich aber unbedingt lohnt.

Bei der Vorstellung der Corrèze möchte ich mich auf zwei unterschiedliche Landschaften konzentrieren, die wir besonders schön finden : Die Dordogne im Süden des Départements und das Hügelland Millevaches im Nordosten.  Nicht, dass es auch andernorts in der Corrèze schöne Orte und Landschaften gäbe, aber es ist ja hier nicht darum, nach dem Motto:  „Alles über die Corrèze“  einen Reiseführer zu ersetzen.

 

Das Plateau des Millevaches und die Monédières

Das Millevaches-Plateau liegt im Zentrum der Corrèze.  Der Name hat nichts mit „vaches“, also Kühen zu tun, sondern mit dem okzitanischen „vacca“, also Quellen. Und die gibt es dort reichlich. Zum Beispiel  die Quelle der Vienne….

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…. und die Quelle der Vézère.  Ideale Ziele für schöne Wanderungen.

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Auf der Hochebene….

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weiden  Schafe…

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… aber auch die berühmten Limousin-Rinder….

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die nicht  in Fleischfabriken produziert, sondern in freier Natur leben.  Und der Nachwuchs ist, entsprechend dem schönen Marketing-Slogan,  „élevé sous sa mère“ – wächst also unter bzw zusammen mit der Mutter auf.

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Das Fleisch ist dann auch entsprechend schmackhaft.

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In den weiter südlich gelegenen Monédières  gibt es wunderschöne Hochmoore, schöne Wälder, die charakteristischen Granit-Findlinge und viel Heidekraut. Auch ein Wanderparadies.

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Bekannt sind die Monédières auch für ihre Heidelbeeren

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An ganz vielen Stellen des plateau de Millesvaches und der Monédière findet man  am Wegesrand, manchmal auch mitten im Wald Kreuze aus Granit. Zeichen der traditionellen Frömmigkeit der Menschen dieser Gegenden.

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In der ganzen Corrèze hat man insgesamt 174 solcher Kreuze gezählt.

Hier abgebildet sind das Croix du Pey und das Croix de Combe-Longue (Lestards)

In den  kleinen Orten der GeCgend findet man auch ganz viele mittelalterliche Kirchen- immer aus dem heimischen Granit errichtet und immer mit der für die ganze Corrrèze typischen Turmform – einer vor den Eingang gesetzten Scheibe mit meist zwei oder drei Bogenöffnungen oben für die Glocken und oft einem sehr kunstvoll verzierten Portal.

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Kapitell in der Kirche in Meymac

Hölle,  Himmel und Heil waren hier immer präsent: Durch diese Gegend führten früher Pilgerwege nach Santiago de Compostella hindurch,wie die in eine Hauswand in St Merd eingebaute Muschel zeigt. Vermutlich handelt es sich um ein Fragment aus einer Pilgerkirche:  eine der vielen Entdeckungen, die man in dieser Gegend machen kann.

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Am Südhang des Plateau de Millevaches, in Sarran, gibt es noch eine besondere Attraktion, das Musée Jacques Chirac. Chirac war lange Jahre Bürgermeister von Paris, dann auch Staatspräsident, aber er war und blieb immer ein Mann der Corrèze. Seine Frau Bernadette ist übrigens noch bis heute lokalpolitisch (und darüber hinaus) engagiert.

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Natürlich wird  da auch reichlich Personenkult betrieben, aber der Besuch des Museums lohnt sich auf jeden Fall. Vor allem wegen der Ausstellung von  Geschenken, die Chirac bei seinen Staatsbesuchen erhielt. Gezeigt wird eine kleine globale Auswahl: Manches Schöne und Kostbare, viel Kurioses.

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Diejenigen, die diese Geschenke überreicht haben, möchten ihre Länder ja in einer ganz spezifischen Weise repräsentieren. Dieser Blickwinkel macht die Ausstellung zusätzlich interessant. Bei unserem Besuch war Deutschland leider nicht mit einem Staatsgeschenk vertreten. Interessant wäre aber bestimmt, einmal zu sehen, welche Staatsgeschenke die deutsche Seite gemacht hat und wie sich das im Laufe der Jahre –und im Wechsel der politischen Repräsentanten- vielleicht verändert…

 

Die  Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu

Der Abschnitt der Dordogne zwischen dem Pont du Chambon und Beaulieu, der die südliche Grenze der Corrèze markiert, ist sicherlich nicht so  spektakulär wie der stromabwärts  anschließende im Périgord.  Aber er ist sehr abwechslungsreich und in vielfacher Hinsicht attraktiv . Bis Argentat ist die  Dordogne eingezwängt in eine Schlucht, die Georges de la Dordogne, an deren unzugänglichen Abhängen sich im 2.  Weltkrieg Widerstandskämpfer einen Unterschlupf gesucht hatten. (siehe Teil 1). Es gibt dort aber auch schöne Spazierwege  durch Eichen- und Esskastanienwälder.

Die Esskastanien wurden gesammelt,  in speziellen Hütten getrocknet, so dass man  daraus Mehl herstellen  konnte: in einer Gegend ohne  Getreideanbau eine  wenn auch mühsame Alternative.

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Dach einer alten Trockenhütte für Esskastanien an den Abhängen der Dordogne. Die Schieferabdeckung ist typisch für die gesamte Corrèze.

 Bei diesen Spaziergängen hat man oft  wunderbare Ausblicke auf die Dordogne, z.B. vom „fauteuil de dieu“ aus.[1]

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Früher war die Dordogne hier ein ganz gefährlicher Fluss, der nur schwer für Schiffe passierbar war. Heute ist er durch mehrere Dämme gestaut und  gezähmt, so dass er sich manchmal geradezu wie ein ruhiger See ausmacht.

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Ab Argentat weitet sich das Tal der Dordogne aus. Hier gab es einmal den wichtigsten Hafen an der Dordogne.

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Vor allem das für den Weinanbau und die Fassproduktion wichtige Eichen- und Kastanienholz wurden  hier gesammelt und auf eigens dafür gebauten Schiffen mit geringem Tiefgang verladen. Das waren die sogenannten „gabares“. Am Ankunftsort Libourne (vor Bordeaux) wurden sie zerlegt, das Holz verkauft und die Schiffer wanderten die Dordogne hoch zurück nach Argentat, um eine neue Ladung zu übernehmen.

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Blicke von der Brücke von Argentat

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Ein Fischer und ein Badender   in der Dordogne zwischen Argentat und Beaulieu

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In Beaulieu gibt es einen malerischen Badeplatz an der Büßerkapelle. Hier ist das Wasser etwas  angestaut,  sodass man in der Dordogne auch schwimmen kann. Das Wasser ist allerdings auch im Hochsommer ziemlich frisch….

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Unbedingt ansehen sollte man sich in Beaulieu die Abteikirche Saint-Pierre. Das Südportal ist „ein Meisterwerk romanischer Skulptur“.  Besonders ins Auge fallen die zu Füßen Jesu dargestellten Kräfte des Bösen, das siebenköpfige Ungeheuer aus der Apokalypse und diverse menschenverschlingende Monster.

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Im nördllchen Querschiff ist der Kirchenschatz ausgestellt, darunter ein emaillierter Reliquienschrein, eine Madonna mit Kind und diverse Reliquienbehälter.

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Etwa nordwestlich von Beaulieu liegt das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählende Curemonte.  Es liegt malerisch auf einem Hügel- wenn man vom Tal aus den Ort erreicht und die Straße noch etwas weiter hoch fährt, erreicht man  einen Platz mit Park- und Picknickmöglichkeit, von dem aus man einen  schönen Blick auf den Ort hat. Auffällig sind die beiden direkt nebeneinanderliegenden burgartigen Schlösser Saint-Hilaire und  de  Plas.

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Die Schriftstellerin Colette hat  1940 – im Jahr der Niederlage in den beiden –damals halb verfallenen- Burgen gewohnt, die ihrer Tochter  Colette  de Jouvenel gehörten. Sie hat  darüber in ihrem Tagebuch berichtet:

„Danger…. Défense de visiter les ruines, défense de laisser les enfants jouer au pied des ruines. Mais libre à nous, qui habitons au sein du chaos, de cueillir la grande marguerite et la mauve dans la salle des gardes, tendre une ficelle dans un appartement  d’honneur et y mettre le linge à sécher, quand il ne pleut pas. Tout les poutres des planchers sont tombées.Là gît notre dépôt de bois de chauffage, qui durera plus longtemps que la paix elle-même. … Quel  motif amena les seigneurs de Plas et ceux de Saint-Hilaire, environ au XVe siècle, à construire si proches l’un de l’autre leurs deux châteaux que sépare, dans un étroit enclos au  sommet du village, un espace de six ou sept mètres?

Saint Hilaire commença, Plas le suivit. Celui-ci aima le cylindre, et celui-là le cube. Nous ne savons rien sur eux et avons bien autre chose en tête, car la radio est muette, sourd le télégraphe, nous n’avons pas de beurre depuis trois semaines, ni de journal, ni d’essence“[2]

 

Die wunderbare Veränderung der Grange von Marcillac-la-Croisille

Dass wir das Plateau de Millevaches und die Dordogne für die Vorstellung der Corrèze ausgewählt haben,  hängt vor allem damit zusammen, dass sie für uns gut und schnell zugänglich sind, wenn wir in der Corrèze sind. Da wohnen wir nämlich in Marcillac-la-Croisille  bei  unserer Freundin Marie-Christine, und zwar in der inzwischen ausgebauten Scheune,  die gelegentlich der Resistance als Versteck diente.

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Jetzt ist dort  eine sehr geschmackvolle kleine Wohnung eingerichtet, die es Marie-Christine gelegentlich erlaubt einen Wohnungstausch zu machen. [3]

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Marcillac ist ein kleiner sympathischer Ort, es gibt noch die notwendigen Geschäfte (Bäcker, Metzger, eine épicerie,  einen Tabac –Laden, wo man Zeitungen bekommt)  und einen Wochenmarkt, wo es aus einem großen Kupferkessel frisch zubereiteten Aligot gibt.  Das ist eine Art Kartoffelpüree, das mit Tomme-Käse verrührt wird.  Das Gericht wurde  von Priestern entwickelt, die damit die Pilger auf dem Jacobsweg durch das Zentralmassiv verköstigten. Absolut lecker. Dazu am besten die schön gewürzte Wurst  „chipolata aux herbes“ des Metzgers von Marcillac.

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Und einer der größten Pluspunkt des Ortes: Es gibt einen großen Stausee, in dem man -om diesem Jahr bei  angenehmen  Wassertemperaturen bis in den September hinein- wunderbar schwimmen kann.  Ein idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der Corrèze. Es lohnt sich!

 

 

[1] Vorschläge für Spaziergänge mit entsprechendem Kartenmaterial gibt es im Tourismus-Büro von Marcillac

[2] Colette, Journal à rebours. Zit. In: Claude Latta, Le guide de la Corrèze. Lyon 1988, S.264

[3] Wer Interesse hat, kann sich direkt mit Marie-Christine in Verbindung setzen: mchs@orange.fr