Die Corrèze (Teil 1): Besatzung und Widerstand/ occupation et résistance

In diesem Beitrag geht es um das  im Südwesten Frankreichs gelegene Gebiet der Corrèze. Franzosen ist die Corrèze wohl vor allem bekannt als Heimat des ehemaligen Präsidenten Chirac, der dort auch ein nach ihm benanntes Museum eingerichtet hat, und als politische Heimat von François Hollande, beides ausgemachte Lokalpatrioten, deren gemeinsame Verbundenheit mit der Corrèze manchmal sogar schwerer wiegt als ihre politischen Gegensätze. Das hat sich vor der letzten Präsidentschaftswahl gezeigt, als Chirac zum Befremden seiner rechten Parteifreunde für den Sozialisten Hollande Partei ergriff.  

Und dann gibt es natürlich –wie auf diesem Blog nicht anders zu erwarten- ein spezifisch historisches Interesse an der Corrèze, gerade auch aus deutscher Sicht. Denn die Corrèze war ein Zentrum der Résistance während des Zweiten Weltkriegs und sie war auch Schauplatz besonders schlimmer mörderischer Aktionen deutscher Truppen: Auf dem Weg zur Invasionsfront verübte die SS-Division „Das Reich“ in Tulle, der Hauptstadt des Département Corrèze,  ein grauenhaftes Massaker, bevor sie dann auf ihrem weiteren  Weg nach Norden den Ort Oradour- sur- Glane und seine Bewohner auslöschte. Das Interesse an diesem historischen Hintergrund ist nicht nur „professionell“, sondern hat einen ganz persönlichen Grund: Die Corrèze wurde und wird uns nahe gebracht durch unsere Pariser Freundin Marie-Christine, die aus Marcillac-la-Croisille stammt und die wir kürzlich wieder dort besuchten. Am Eingang ihres (Eltern-)hauses  ist eine Erinnerungstafel für ihren Vater, Marcel Fieyre, und ihren Onkel, Lucien Fieyre, angebracht, beides engagierte und führende  Mitglieder der Résistance in der Corrèze.

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Da liegt es nahe, sich etwas für die Résistance in der Corrèze zu interessieren und dabei vor allem auch für die beiden Brüder Fieyre und an ihrem  Beispiel zu erfahren, was es konkret  bedeuten konnte, ein „résistant“ der ersten Stunde zu sein.

Es geht dabei nicht darum, ein umfassendes Panorama des Widerstands in der Corrèze zu entwerfen. Es sollen nur einige Aktionen angesprochen werden, an denen die beiden Brüder, bzw. einer von ihnen, beteiligt waren – einmal sogar auch die Mutter Marie-Christines. Und vor allem wird es um das abenteuerliche Schicksal von Marcel Fieyre  gehen, der 1940 als Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, dem es aber auf gerade märchenhafte Weise gelang, im Winter 1942/43 zu entkommen und sich von seinem Arbeitskommando in Schleswig-Holstein bis in die Corrèze durchzuschlagen, wo er dann in ganz besonderer Weise für den Maquis tätig war… Ein Schicksal, das nur aus Bruchstücken rekonstruiert werden kann, das es aber wert ist, erzählt und festgehalten  zu werden….

Überblick:

  • Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze
  • Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement
  • Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle
  • Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Und dann gibt es auch noch einen zweiten Teil über die Corrèze – mit touristischen Impressionen: Immerhin hat die Corrèze gerade auch in dieser Hinsicht viel zu bieten….     https://paris-blog.org/2016/09/11/die-correze-teil-2-touristische-impressionen/

 

 

Die allgegenwärtige Geschichte von Besatzung und Widerstand in der Corrèze

In der Corrèze ist, wie auch in anderen Gegenden Frankreichs, die Geschichte  allgegenwärtig:  An der Somme und in und um Verdun ist das der Erste Weltkrieg, in der Normandie der Zweite Weltkrieg bzw. konkret die Landung der Alliierten und die nachfolgenden Kämpfe[1]; in der Corrèze sind das die deutsche Besatzung und der Widerstand.  An ganz vielen  Stellen stößt man auf Denkmäler oder plaques commémoratives, die an diese Zeit erinnern. Hier nur eine kleine  und völlig zufällige Auswahl:

Auf dem Weg zum Musée Jacques Chirac zwischen Égletons und Sarran liegen am  Rand der Straße zwei Grabmäler von getöteten Widerstandskämpfern:

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(Ausschnitt)

An einem Haus in Gros-Chastang an der D 18 zwischen Argentat und Égletons, gibt es gleich  zwei Gedenktafeln:

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Eine erinnert daran,  dass hier der 1942 in Compiègne von den Deutschen erschossene Leopold Rechaussière geboren wurde; die andere, dass im März 1943 in den Gorges de la Dordogne ein großes Lager von Maquisards der F.T.P.F.,  das seinen Namen trug, aufgebaut wurde.

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Die französischen Feriengäste, die in dem Haus wohnten und mich neugierig beim Fotografieren beobachteten, hatten  die Gedenktafeln übrigens noch nicht bemerkt. Sie fanden es aber dann sehr erhebend, in einem solchen Haus zu wohnen, und waren voll Anerkennung für den deutschen Touristen, der sich für diese Geschichte interessiert.

Das nid d’aigle (Adlershorst) genannte Lager liegt völlig abgelegen am Abhang der Dordogne-Schlucht. Bei schönem Wetter ist das ein wunderbarer malerischer Platz und man kann sich nur mit Mühe vorstellen, wie die Maquisards dort gelebt haben…

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Auch hier gibt es inzwischen eine plaque commemorative, auf der mitgeteilt wird, dass zwischen Februar und Juni 1943 „Le Nid d’Aigle“ einer der ersten bewaffneten Gruppen der F.T.P.F. als Lager mit dem Namen „Léopold Rechossière“ gedient hat.

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Allerdings konnte sich der Widerstand noch vor der Befreiung 1944 im Untergrund administrative Strukturen  aufbauen – mit Büros, Druckereien, Krankenstationen. Es gab dann sogar schon -in dem kleinen abgelegenen Ort  Nougein in den Gorges de la Dordogne- eine Präfektur des Widerstands und ein Befreiungskomitee des Département Corrèze. Marcel Fieyre wird damals als „chef départmental des renseignements généraux de la  Corrèze“ möglicherweise öfters  dort gewesen  sein, wenn er nicht mit auswärtigen Aufgaben betraut war.

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Die hier vorgestellten Tafeln und Grabmäler weisen nicht nur auf die starke  Verbreitung der Résistance hin, sondern auch darauf, dass der Widerstand durchaus nicht einheitlich war. Es gab verschiedene Richtungen: Vor allem die  Francs-tireurs et partisans français, der militärische Arm der KPF- abgekürzt FTPF  bzw. oft auch nur FTP. Dies waren  zum Teil Maquisards,  also im Untergrund –zum Beispiel in Lagern  wie dem an der Dordogne- lebende Widerstandskämpfer, aber auch sogenannte „légaux“, also „ordentliche“ Bürger, die den Widerstand unterstützten. Dann gab es die  Armée secrète (AS),  den gaullistischen Zweig des Widerstands, der in der Corrèze aber eine weniger wichtige Rolle spielte als die FTP. Allerdings hatte die AS  gute Kontakte nach London und eine ihrer wichtigsten Aufgaben war die Bereitstellung von Plätzen, über denen  Waffen und anderes Material für den Widerstand von den Alliierten  abgeworfen wurden. Aus der  Verbindung –allerdings nicht der Integration-  der verschiedenen Widerstandsgruppen, also vor allem der FTP und der AS, entstanden am 1. Februar 1944 die  FFI (forces françaises de l’intérieur). Durch eine verbesserte Organisation und Koordination sollte die Schlagkraft des Widerstands erhöht und ihm ein legaler Rahmen gegeben werden. Es ist  in diesem Zusammenhang  bezeichnend, dass auf dem abgebildeten Grabstein Baptiste Gibiat als „Soldat FFI“ bezeichnet wird. Er hat damit also, anders als die von Vichy und den Deutschen als „Terroristen“ bezeichneten maquisards, einen offiziellen militärischen Status.

In Marcillac-la-Croisille gibt es Tafeln, die an ganz besondere Ereignisse aus dieser Zeit erinnern:

Eine Granittafel an der Schule erinnert daran, dass in dem Ort dank des mutigen Schutzes der Bevölkerung mehrere jüdische Familien  gerettet wurden. „Drei Kinder, die in dieser Schule unterrichtet wurden, werden das nicht vergessen“.

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Diese Gedenktafel wurde am 14. Juli 2014 in Anwesenheit der drei darauf genannten Personen – aus Rumänien stammenden  Juden- angebracht als Dank für die Bürger von Marcillac:  Jeder wusste, dass es sich um Juden handelt, aber alle hüteten es als Geheimnis, es gab keine Denunziation. Die Kinder, deren  Eltern in der Schweiz überlebten, wurden von Lucien Fieyre nach Marcillac gebracht, wo sie von einer Frau aufgenommen wurden, „qui leur apporta leur tendresse.“[2]

Gleich nebenan, in Clergoux,  wird daran erinnert, dass die Gemeinde und ihre Umgebung sich zwischen Juni 1940, der französischen Kapitulation, und der Befreiung der Corrèze am 21. August 1944, einhellig („unanimes“) gegen das Regime von Vichy und die Besatzung durch die Nazis aufgelehnt hätten.

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Clergoux war im Zweiten Weltkrieg in der Tat ein „haut lieux de la Résistance du Limousin. On l’appelait la ‚capitale du Maquis Corrézien.‘“  In der Umgebung des Ortes kamen 62 Widerstandskämpfer ums Leben: Franzosen, Deutsche, Spanier,  Polen, Nordafrikaner, Italiener, Russen und Tschechen…[3]  Allerdings war durchaus nicht die ganze Bevölkerung der Corrèze ausnahmslos vereint im Widerstand gegen Vichy und die Besatzer. Anfang Juli 1942 wurde der Staatschef des État français,  Marschall Pétain,  bei einem  Besuch in der Corrèze vom sozialistischen Bürgermeister der Stadt Ussel herzlich begrüßt: „Ici, on vous aime, Monsieur le Maréchal, et cela depuis longtemps déjà!“  Selbst die engagierten Widerstandskämpfer mussten zur Kenntnis nehmen, dass  ihre  Aktionen- zumindest bis  zur Einführung des obligatorischen  Arbeitsdienstes S.T.O., oft nicht viel Widerhall fanden bei einer Bevölkerung „qui restait indifférente, souvent hostile.“[4]

Ein kurioser Beleg dafür, dass  Pétain auch in der Corrèze seine Anhänger hatte, ist ein 1940/41 entstandenes Fenster in der Kirche Saint-Barthélemy in Lamazière-Basse, das Maria, der „Königin des Friedens“ gewidmet ist. Im unteren Teil wird die Niederlage von 1940 dargestellt:

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Ein Zug wird von einem deutschen Flugzeug bombardiert, Frauen fliehen mit ein paar Habseligkeiten, hinter ihnen liegt ein Toter, davor detoniert gerade eine Bombe.

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Im oberen Teil des Fensters, über der Darstellung der Maria, sieht man auf der linken Seite eine Mutter mit ihren vier Kindern, rechts –vor der Kirche von Lamazière- einen Bauern mit seinem Ochsengespann. Und darüber in der Mitte –gewissermaßen als Motto des Fensters-  ein Wappen in den Farben der Tricolore  mit den Worten: Travail, Famille, Patrie – Arbeit, Familie, Vaterland: Das Programm des Marschalls Pétain. Umrahmt wird die Darstellung von den Namen der Spender, die zur Finanzierung des Fensters beigetragen haben, vielen Ortsansässigen, aber auch Flüchtlingen aus dem besetzten Frankreich.[5]

Bemerkenswert ist, dass auf dem Denkmal in Clergoux Vichy und Nazi-Besatzer (übrigens nicht: deutsche Besatzer) im gleichen Atemzug genannt werden. Und in der Tat hatten es die Widerstandskämpfer ja –selbst nach der Besetzung der sogenannten „zone libre“  durch deutsche Truppen-  vor allem mit französischen Gendarmen  oder fanatischen Milizionären zu tun. Die deutschen Besatzungstruppen dagegen seien, wie sich ein Résistant erinnert,  oft schon etwas älteren Semesters und eher kriegsmüde gewesen:

„Les ‚pépères‘ de la Wehrmacht ne manquent … aucune occasion de se lamenter en cette fin d’année 1943, et murmurent même aux Français qu’ils ont la  charge d’arrêter ‚Krieg nicht gut, Krieg gross malheur‘“.

Und ein anderer résistant berichtet von der anschließend thematisierten Sabotageaktion im Eisenbahndepot von Brive, das von zwei deutschen Soldaten bewacht wurde:

„Les deux soldats âgés, qui ont fait la guerre de 14-18, sont abasourdis et paraissent plus occupés de leur sort que de celui du grand Reich. Ils expliquent. ‚Nous avons petits enfants… nous pas hitlériens.‘“[6]

Ganz anders allerdings die SS-Division „Das Reich“, die im Juni 1944 durch die Corrèze zog, um an den Kämpfen gegen die alliierten Invasionstruppen teilzunehmen. Auf ihrem Weg lag auch Tulle.  Dessen deutsche Garnison und die dort stationierten französischen Milizen waren am 6./7. Juni von Einheiten des bewaffneten  Arms der KPF, den FPTF,–parallel mit der Landung der Alliierten- angegriffen worden war.  Bei der Vorbereitung dieser Aktion hatte übrigens auch wieder Lucien Fieyre als Chef des Nachrichtendienstes der FPTF erheblichen  Anteil.[7]  Jedenfalls war die Aktion zunächst erfolgreich. Der größte Teil der Stadt wurde erobert, die Bevölkerung feierte die Befreier. Als am 8. Juni –für die Résistants unerwartet- Einheiten der Division „Das  Reich“ anrückten, zogen sich die Widerstandskämpfer mangels ausreichender Bewaffnung, Stärke und Koordination zurück, so dass die Bevölkerung schutzlos der brutalen Vergeltung durch die SS ausgeliefert war. Die Stadt erlebte „un drame hors du commun, qui fait de Tulle une ‚ville martyre‘“.[8] 99 Männer zwischen 16 und 60 Jahren werden öffentlich und demonstrativ an Straßenlaternen und Strommasten erhängt, 18 für die Überwachung und Sicherung von Transportwegen zuständige Arbeiter werden erschossen, 149 Menschen  deportiert, von denen 101 nicht überlebten.

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Die zur Deportation bestimmten Menschen werden willkürlich aus einer Gruppe von zunächst 3000 zusammengetriebenen Einwohnern der Stadt ausgewählt. Unter denen, die deportiert werden sollten, war auch Marie-Christines Großvater. Er saß schon auf einem Lastwagen, der auf das Kommando zum Losfahren wartete. Dabei wurde den Angehörigen aber noch einmal die Gelegenheit zum Verabschieden gegeben. Unter ihnen ist auch die damals 17-jährige Tochter Georgette, also die spätere Mutter Marie-Christines. Einer der zur Deportation bestimmten Männer flüstert Georgette zu, bei diesem Lastwagen sei keine Zählung vorgenommen worden. Er habe ein Messer dabei, um die seitliche Befestigung der Plane aufzuschneiden. Sie solle auf das Trittbrett des Wagens steigen, um mit ihrem weiten Rock für Ablenkung der Deutschen und Deckung zu sorgen. So gelingt es dem Großvater und zwei, drei anderen, unbemerkt vom Lastwagen zu springen und ihr Leben zu retten. Was für eine wunderbare Episode in diesem grauenhaften Geschehen!

Es ist auffällig und merkwürdig, dass die Erinnerung an das Massaker in Tulle in Frankreich eher wenig ausgeprägt ist. Während Oradour sur Glane, wo die SS-Division „Das Reich“ auf ihrem weiteren Weg zur Front anschließend wütete, „un symbole de la barbarie nazie“ geworden ist und zum festen Bestand des französischen Schulunterrichts gehört, ist das  mit Tulle anders.  Es spielt in der nationalen  Erinnerungskultur keine Rolle: „Tulle a échappé à  la mémoire nationale.“[9] In Tulle allerdings wird an zahlreichen Stellen an das Massaker erinnert, die in einer u.a. von der Stadt herausgegebenen Broschüre in einem „Chemin de Mémoire“ zusammenfassend vorgestellt werden. Am eindrucksvollsten ist wohl der „Champ de Martyrs“, eingezwängt zwischen dem Fluss Corrèze und der Straße von  Tulle nach Brive.

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Auf dieser ehemaligen Müllkippe wurden die Leichen der 99 Erhängten von Tulle verscharrt.

Die Namen der Gehängten und Deportierten sind auf Bronze-Tafeln verzeichnet und es  wird ausführlich über das Geschehen zwischen dem 6. Juni und dem 17. August –Datum der Kapitulation der deutschen Garnison- informiert.

Die Zerstörung des Eisenbahndepots von Brive, eine Alternative zum Bombardement

Dass der Widerstand in der Corrèze besonders stark war,  hat seine Ursache vor allem darin, dass das Département traditionell politisch links eingestellt war und dass es dort eine ganze Reihe von kommunistischen Bastionen gab.  Einen besonderen Aufschwung erfuhr der Widerstand durch die Einführung des S.T.O. (Service de Travail Obligatoire) im Februar 1943. Damit wurden junge Männer der Jahrgänge 1920-1922 verpflichtet, in Deutschland zu arbeiten – z.T. aber auch  in Frankreich für die Organisation Todt (da vor allem Teilnahme am  Bau des sog. Atlantikwalls). Für junge Männer, die nicht für die Besatzungsmacht arbeiten wollten, die sogenannten „réfractaires“, bot sich der Untergrund, der maquis, als patriotische Alternative an.

Zur Bedeutung der Corrèze für den Widerstand trug auch die große strategische Bedeutung als wichtige Durchgangsstation für die Eisenbahn von Toulouse nach Paris und als Standort der Waffenproduktion bei. So waren denn auch das Eisenbahndepot von Brive la Gaillarde und die Waffenfabrik von Tulle besonders wichtige Ziele der Résistance. Bei solchen Sabotageaktionen gab es teilweise eine enge Kooperation mit den Alliierten bzw. mit den Vertretern  des Freien Frankreich in London. Die Zerstörung des großen Eisenbahndepots in Brive zum Beispiel wurde, wie ein Mitglied des Widerstands berichtet, vom englischen Geheimdienst lanciert. Mitte Februar 1944 habe er einen englischen Hauptmann  des I.S. (Intelligence service) getroffen, der ihm erklärt habe, die Invasion stehe bevor und dafür müssten  die wichtigen Transportwege der Wehrmacht zerstört werden. Der Eisenbahnknotenpunkt von Brive gehöre zu den strategischen Zielen.

„Et il n’y va pas par quatre chemins pour dire: ‚Ou bien une unité armée opèrera un sabotage massif capable de paralyser longuement l’activité ferroviaire, ou bien il faudra décider un bombardement aérien. La première solution me paraît de beaucoup supérieure, car le bombardement comporte de gros risques pour la  population.“[10]

Den Einheiten der FTP werden auch Waffen und Sprengmaterial von den Alliierten zur Verfügung gestellt, die sie für diese Aktion benötigen: Eine sehr bemerkenswerte Kooperation zwischen dem kommunistischen Widerstand  und den Alliierten und eine ebenso bemerkenswerte, Menschleben schonende Alternative zu einem ansonsten angekündigten Bombardement der Stadt.[11]

Der französische Widerstand wurde –nicht nur in diesem Fall- von den Alliierten  mit Waffen versorgt.  Sie wurden –an Fallschirmen befestigt-  nachts aus großer Höhe abgeworfen,  landeten deshalb aber nicht immer an den vorgesehenen und der Résistance mitgeteilten Landeplätzen. Dann mussten sie auch über eine größere Entfernung dorthin transportiert werden, wo  sie einigermaßen sicher gelagert werden konnten, z.B. in der am Rand von Marcillac gelegenen Scheune der Familie Fieyre, in der große Stapel Holz gelagert waren, die sich als Versteck gut eigneten.

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 Es gibt dazu eine im Ort gerne erzählte Geschichte dazu:

Die  Résistance war wieder einmal informiert worden, dass von amerikanischen Flugzeugen Waffen abgeworfen würden. Die gingen in einiger Entfernung und in großen Mengen an Fallschirmen nieder, so dass die Männer des Widerstands ein Ochsengespann für den Transport organisierten,  ohne allerdings –verständlicher Weise- die Besitzer über den genauen Zweck der Aktion zu informieren. Die Waffen wurden dann auch gefunden und –einigermaßen getarnt- auf dem Gespann verstaut. Allerdings hatten inzwischen auch die deutschen Besatzungstruppen von dem Waffenabwurf erfahren und sich auf die Suche gemacht. Die Résistants brachten sich  also in Sicherheit und ließen ihr waffenbeladenes Ochsengespann im Wald zurück. Die guten Tiere kannten aber ihren Weg und fanden alleine zurück zu ihren  Besitzern. Die waren allerdings kaum stolz auf ihre Ochsen, sondern eher empört über die Männer des Widerstands, die sie in große Gefahr gebracht hatten: Denn hätten die deutschen Soldaten das Gespann entdeckt, wäre deren Besitzern ihre Ahnungslosigkeit kaum abgenommen worden…

Lucien Fieyre und die Gefangenenbefreiung von Tulle am 1./2. März 1944 

Eine Aktion der Résistants ist die Befreiung von Widerstandskämpfern, die im Winter 1943/1944 im Gefängnis von Tulle einsaßen. Lucien Fieyre -Deckname Séverin-, dessen Erinnerungstafel zu Beginn gezeigt wurde, bereitete diese Aktion genau vor. Zwei Wochen lang erkundete er das Gefängnis, seinen Grundriss und vor allem seine Zugänge, seine Besatzung   Ziel war es, eine Gruppe von Widerstandskämpfern, darunter drei wichtige F.T.P.- Verantwortliche, zu befreien, die vom Tod oder zumindest von der Deportation bedroht waren. Alles wird peinlichst genau vorbereitet. Zwei lange Leitern und Seile werden beschafft, ein alter ausgedienter Bus wird reaktiviert . „Comme il n’a pas roulé depuis trois ans, le mécanicien, Marcel Agnoux, le mettra en état et le conduira le jour ‚J‘“.  Dann gibt es aber noch „un point inquiétant: le chien-loup de la prison. S’il aboie, il faut le tuer pour ne pas  donner  l’alerte, mais comment? Maurice Chassagnard s’en occupera: d’une main un gros bifteck et de l’autre une hache bien aiguisée.“

Zunächst müssen die Angreifer über die hohe Gefängnismauer die zum Gefängnis führende Telefonleitung kappen und in den Innenhof gelangen:

„Par malheur, en levant la première échelle pour couper les fils téléphoniques, la ligne électrique est touchée et pendant quelques secondes un magnifique feu d’artifice illumine la prison et aussi les assaillants.“

Aber die Gefängniswärter bekommen von all dem nichts mit, und auch der Gefängnishund erweist sich bald  als ungefährlich:

„Pendant qu’il descend, Chassagnard  laisse malencontreusement tomber sa hache qui tinte au  sol de la cour. Le chien-loup s’approche sans aboyer en  trottinant et remuant la queue. A-t-il flairé  l’odeur du bifteck? On le lui donne volontiers et il aura la vie  sauve pour sa gentillesse.“

Die französische Besatzung des Gefängnisses ist also völlig überrascht und  Lucien Fieyre ist kaltblütig genug zu bluffen: Das ganze Gebäude sei  umstellt und vermint, ruft er den Bewachern zu – Widerstand sei zwecklos. Als Beweis könne er ihnen auch gerne sein Gewehr überlassen, er brauche das nämlich gar nicht. Da ergibt sich die Besatzung lieber der scheinbaren Übermacht und lässt sich widerstandslos in Gewahrsam nehmen. Die gefangenen Widerstandskämpfer werden freigelassen, während die „détenus de droit commun“ wieder in ihre Zellen zurück müssen. Insgesamt werden 20 Résistants befreit und mit dem Bus nach Clergoux in Sicherheit gebracht.  Dort warten auch schon drei Delegierte von „France libre“ aus London, die am Vortag mit dem Fallschirm angekommen waren…  Man singt die Internationale und die Marseillaise. „Nous pleurons de joie“.[12]

Bemerkenswert ist, wie schonend hier mit den Gefängniswärtern und den Polizisten umgegangen wird:  „Les armes sont confisquées, les policiers et les gardiens sont rapidement enfermés“.[13]

Das Gefängnis gibt es heute nicht mehr. An seiner Stelle wurde -wie schön!-  eine Schule errichtet, die école Turgot. Dort wird im März 2014 eine plaque commemorative angebracht, die an die Gefangenenbefreiung vom März 1944 erinnert. Dabei wird die besondere Rolle Lucien  Fieyres und der unblutige Verlauf der Aktion  besonders hervorgehoben.

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Inspiriert wurde die  Aktion von dem Chant des Partisans. Eine Strophe  des Liedes:

« C’est nous 
qui briserons 
les barreaux 
des prisons »

(La Montagne, 5.3.2014 und http://l-echo.info/article/11551/un-hommage-solennel-rendu-d-audacieux-r-sistants-ftpf)

Die abenteuerliche Geschichte des Marcel Fieyre: Gefangenschaft, Flucht und Widerstand

Luciens Bruder, Marcel, kann sich erst im Januar 1943 dem Maquis Correzien anschließen, auch wenn er- wie auf der Gedenktafel zu lesen ist- ein Résistant der ersten Stunde war. Die Erklärung dieses Widerspruchs ist einfach – aber dahinter verbirgt sich eine abenteuerliche Geschichte, die leider nirgends so aufgezeichnet ist, wie sie es verdient hätte. Sie muss also aus Bruchstücken rekonstruiert werden:

Marcel war im Mai 1940 in Lille als französischer Soldat in deutsche  Kriegsgefangenschaft geraten und in ein Gefangenenlager in Schleswig-Holstein gebracht worden (PG- prisonnier de guerre No 66099).  Und  damit begann auch seine Tätigkeit als Résistant „der ersten Stunde.“

Aus seinen nach dem Krieg angefertigten Aufzeichnungen:

„J’insistais près de mes camarades sur les devoirs d’un prisonnier de guerre français qui, à l’exemple du Général de Gaulle, n’acceptait pas la défaite: Travailler le moins possible, saboter, s’évader…. Principes que je mis moi-même toujours en application.“

Die Selbstverpflichtung zur Sabotage setzt er auch gleich um:

„j’ai saboté successivement 3 botteleuses et fait disparaître une grande quantité d’outillage et d’instruments aratoires.“

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Portrait von Marcel Fieyre als Kriegsgefangener (Zeichnung eines Kameraden)

 Offenbar gab es einen regelmäßigen Postverkehr zwischen dem französischen Kriegsgefangenen und den Angehörigen in der Corrèze. Jedenfalls gibt es in den Unterlagen Marcel Fieyres mehrere Postquittungen von französischer und deutscher Seite.

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Marcel  unternimmt im August 1941  –offenbar mit einem Kameraden- einen ersten Ausbruchsversuch, der aber nach 4 Tagen und 120 km in Hamburg Altona endet. Dabei wird er, wie er seiner Mutter zu deren Beruhigung schreibt, von der Polizei gut behandelt. Man bietet den flüchtigen Kriegsgefangenen sogar Kaffee und Zigaretten an und ein verständnisvoller Schupo erzählt, er habe im Ersten  Weltkrieg drei Ausbruchsversuche unternommen:

„La police a été très gentille à notre égard et nous a offert café, cigarettes.  Un schupo (policier) nous a dit  qu’il s’était évadé 3 fois pendant la  dernière guerre. En général, les évadés sont très bien traités. Ne crains rien, pas de risque de coup de feu: nous ne risquons que d’être repris et renvoyés au camp“.

Dies schreibt er allerdings nicht für die offizielle Gefangenenpost, sondern (nur schwer zu entziffern) auf einem kleinen engst und beidseitig beschriebenen Zettel aus dünnem Papier , und er kündigt  auch gleich seinen nächsten Fluchtversuch an.

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Dabei nennt er den Kameraden aus St. Etienne, mit dem er fliehen will, mit Name und Adresse und bittet seine Mutter, Kontakt mit dessen Frau aufzunehmen. Außerdem gibt er ihr genaue Instruktionen, was sie ihm schicken und auf welche Weise sie ihm heimlich zurück schreiben soll:

Er benötige eine Uhr mit Leuchtziffern und einen Kompass, außerdem wenn möglich Schokolade. Briefe solle sie in eine Aspirin-Tube stecken und die dann auf dem Boden eines Honig- oder Buttergefäßes befestigen.

„Mon copain vous tiendra au courant  pour m’écrire clandestinement. Mettre les lettres dans un tube d’aspirine et ceux-ci dans un pot de miel ou beurre. … Prevenir Mme Arnaud …. que son mari est avec moi et que nous nous évaderons ensemble – pas avant mars. L’espoir d’être bientôt près de vous nous fait vivre.“

Es ist schon außerordentlich, wie dieser so sensible Brief an die Mutter aus dem Gefangenenlager in Norddeutschland in die tiefste Corrèze gelangen konnte. Marcel musste sich ja ganz sicher sein, dass der Brief nicht in unbefugte Hände fallen würde. Die Folgen  wären für ihn und seinen  Kameraden sicherlich verheerend gewesen.

Nach seiner Wiedereinlieferung in ein Gefangenenlager in Schleswig wird er allerdings durchaus bestraft- er spricht in seinen Aufzeichnungen von einer „cellule“ und einer „diète forcée“. „Considérablement affaibli“ wird er der Werkstatt des Lagers  (cordonnerie, Schuhmacherei) zugeteilt.

„Je rassemblai là une documentation sérieuse sur les possibilités d’évasions qui s’offraient à un prisonnier. Avec la complicité d’un interprète… je pus interroger tous les évadés malchanceux et obtenir d’eux une foule de renseignements. Ma baraque fut vite l’office de renseignements pour évasion et pour distribution de  chaussures aux évadés.“

Nach einer Denunziation und einem erneuten Ausbruchsversuch wird er dem Arbeitskommando 2015 auf einem abgelegenen Bauernhof in Schleswig-Holstein zugeteilt (Boel/Schleswig). Möglicherweise will man so einen potentiellen Rädelsführer und Unruhestifter isolieren und einen erneuten Fluchtversuch unmöglich machen. Die Bauern  waren offenbar umgängliche Leute: Dass Marcel sich heimlich im Hühnerstall an den Eiern gütlich tut, bemerken sie und weisen ihn aber lediglich darauf hin, möglichst –auch im eigenen Interesse-  das Porzellanei auszusparen.

Auch in dieser Zeit gibt es regelmäßigen, offiziellen Postverkehr zwischen dem  Kriegsgefangenen und den Angehörigen, der jetzt offenbar über die Adresse des Bauern abgewickelt wird, dem er zugewiesen ist.

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In dieser Zeit nun lernt Marcel, wie auch immer,  den Schneider Peter Schmidt kennen. Der ist überzeugter Hitler-Gegner und stellt dem Kriegsgefangen sein Radio und sein Haus zur Verfügung:

„Ayant  appris l’allemand, je fis la  connaissance d’un démocrate allemand qui farouchement anti-nazi mis sont poste de radio et sa maison à ma disposition.“

Von der ersten Begegnung mit Peter Schmidt hat Marcel später oft erzählt: Wie erschrocken er  gewesen sei, als er beim ersten Besuch im Flur eine SS-Uniform  gesehen habe. Die habe dem Sohn der zweiten Frau von Peter Schmidt gehört, der gerade zu Besuch gewesen sei. Aber die Frau habe ihn beruhigt: Der Sohn würde bald wieder gehen, und  es bestehe keine Gefahr für ihn.

Peter Schmidt und seine Frau – und nun wird die Geschichte völlig abenteuerlich, ja geradezu  märchenhaft-  unterstützen den französischen Kriegsgefangenen bei einem erneuten  Fluchtversuch: Er wird –es ist tiefer Winter- mit einem Mantel  ausgestattet, der ihn eher als Gestapo-Mitglied denn als flüchtigen Kriegsgefangenen erscheinen lässt.  Er erhält Geld, und zwar offenbar so viel, dass er sich die notwendigen Fahrkarten und Verpflegung kaufen kann. Marcel hat inzwischen so viel Deutsch gelernt, dass er sein jeweiliges Reiseziel nennen und auf die Frage  „hin und zurück?“ –aus Tarnungsgründen- grundsätzlich mit einem überzeugenden „Ja!“ antworten kann. Frau Schmidt beobachtet aus der Ferne, wie Marcel in den Zug einsteigt und der Freiheit entgegenfährt. Und tatsächlich gelingt die abenteuerliche Flucht:

„Le 17/12/42 je m’évadai du petit village de Boel près de Suderbrarup (Schleswig) et le 15 Janvier 1943 j’entrai dans le Maquis Corrézien.“

Einen Monat lang war Marcel also auf der Flucht. Wie kann man sich das vorstellen? Wie war sein Fluchtweg? Der Familie hat er  erzählt, er sei über Mannheim gekommen. Aber wie kam er dorthin und wie ging es weiter? Wie viele Tage hat die Flucht in Deutschland gedauert? Hat er vielleicht gleich eine Fahrkarte  nach Saarbrücken oder Straßburg gekauft? Doch eher unwahrscheinlich.  Wo hat er übernachtet? In Hotels oder anderen „offiziellen“ Unterkünften kann das ja nicht gewesen sein. Draußen im Freien?  Mitten im Winter….  Wie hat er es geschafft, sich neue Fahrkarten zu kaufen ohne aufzufallen? – so perfekt war sein Deutsch ja ganz und gar nicht, auch wenn er sich in sein Gefangenenlager eine deutsche Grammatik hatte schicken lassen? Ist er nie bei Fahrkartenkontrollen aufgefallen oder bei möglichen Gesprächsangeboten von Mitreisenden? Oder beim Einkauf von Proviant? Wovon hat er während der Flucht gelebt? Supermärkte, in denen man gewissermaßen sprachlos sich hätte versorgen können, gab es noch nicht…  Viele Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte, aber dafür ist es jetzt zu spät. Marcel Fieyre ist 1988 gestorben. Die  „Medaille des évadés“ hat er sich jedenfalls reichlich verdient.

Über eine wichtige Information zur Flucht verfügen wir immerhin. Es gibt einen handschriftlichen Brief von Marcel Fieyre aus dem Jahr 1985 an einen ehemaligen Résistant, der sich bemüht, diejenigen Menschen zu würdigen, die Flüchtlingen geholfen haben, die deutsch-französische Grenze zu passieren. In diesem Brief nennt er die Namen seiner „passeurs“: z.B. den Friseur, Monsieur Jalabert aus Thionville, der ihn –ohne ihn zu kennen- weitervermittelt habe an Monsieur Fliss, der ihn zu einem Hotel gegenüber der deutschen Kommandantur gebracht habe, wo er ohne Personenkontrolle übernachten konnte- das  war am 23. 12. 1942. Am 24. 12. fuhr er mit dem Zug nach Ancy-sur-Moselle. Dort wurde er von einem weiteren „passeur“ abgeholt und  zur Grenze gebracht, die er am 24.12 überquerte. Mit Bedacht hatte er den Weihnachtsabend als Datum gewählt, weil da die Chancen für einen unerkannten Grenzübertritt am größten waren.

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Marcel Fieyre auf der Flucht (Foto nach glücklicher Ankunft in der Corrèze)

Als Marcel schließlich in seinem Heimatort angekommen war, war die Freude der Familie natürlich riesengroß. Als er den Bürgermeister trifft, fragt der ihn allerdings, warum er denn nicht beim S.T.O. sei. Wenn die Deutschen kämen, würde er ihn melden, also denunzieren. Die Antwort Marcels, die er gerne seiner Familie weitergab: „Tun Sie, was Sie meinen tun zu müssen. Aber wenn wir gesiegt haben, dann werde ich wieder zu Ihnen kommen….“ (Bemerkenswert übrigens, dass der Bürgermeister die drei in seiner Gemeinde aufgenommenen jüdischen  Kinder  nicht verrät!)

Marcel schließt sich also dem Maquis an, in dem schon sein Bruder aktiv ist. Als Deckname wählt er –eine hommage an Romain Rolland- den Namen „Jean Christophe“.  Allerdings ist Marcel eher selten  in der Corrèze: Er wird beauftragt, Kontakt mit Organisationen des Widerstands in Paris aufzunehmen und ein Netz zur Rekrutierung von Freiwilligen und von „réfractaires au S.T.O“ aufzubauen. Es werden auch Kontakte mit Kriegsgefangenen geknüpft, denen die Flucht  aus deutschen Gefangenenlagern geglückt war.[14] Einer davon ist der russische Offizier und Chirurg Yvan Boguinski, der von Marcel in die Corrèze gebracht wird. Dort  (in Gros Chastang) war im März 1944 in einer von Marcels Bruder Lucien „requirierten“ leer stehenden Villa ein „Untergrund-Krankenhaus“ mit 40 Betten  eingerichtet worden.

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Dort praktiziert Boguinski zusammen mit einem rumänischen  jüdischen  Arzt und einem Arzt aus Brive mit teilweise primitivsten Mittel, allerdings dann auch mit medizinischem Material, das von englischen Flugzeugen abgeworfen worden war. In der Klinik werden –auch mit Hilfe eines deutschen Arztes- verletzte Mitglieder des Widerstandes untergebracht, die sonst womöglich Repressalien der Division „Das Reich“ zum Opfer gefallen wären.

Im Frühjahr 2016 –also 72 Jahre später- wird an der Scheune des Hauses eine plaque commemorative angebracht.[15]

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Nach dem Krieg absolvierte Marcel Fieyre eine  Lehrerausbildung und wurde dann in St. Etienne Lehrer. Man kann sich gut vorstellen, dass er gerade in der Arbeit mit schwierigen Jugendlichen eine gute Figur machte. Mit seiner Lebenserfahrung, seinem Engagement und seiner Führungsstärke war er ganz offensichtlich ein gutes Vorbild für Jugendliche, die Schwierigkeiten hatten, ihren Weg zu finden.

Anfang der 1960-er Jahre hat Marcel Fieyre mit seiner 13-jährigen Tochter Marie-Christine den damals schon über 80-jährigen Peter Schmidt, inzwischen Witwer, in Schleswig-Holstein besucht. Danach ist aber die Verbindung zu dem Fluchthelfer abgerissen. Auch da bleiben viele Fragen offen: Wusste dessen Familie von seinem Engagement? Vielleicht auch Nachbarn?  Wie haben die Nazi-Behörden auf die Flucht reagiert? Haben sie Verdacht geschöpft? In der Familie Marcels kursierte jedenfalls die Nachricht, Frau Schmidt sei auf grauenhafte Weise von den Nazis umgebracht worden: Sie sei eingegraben worden und man habe Hunde auf sie gehetzt. Aber das ist offensichtlich falsch – immerhin fand sich in den Unterlagen Marcel Fieyres  –merkwürdiger Weise- ein 1952 ausgestellter Personalausweis von Anna Schmidt…

2001 wurde am Eingang des Hauses in Marcillac, in dem Lucien und Marcel Fieyre wohnten, die  Erinnerungstafel angebracht und feierlich eingeweiht, die zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde.

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Bei dieser Gelegenheit hat unsere  Freundin Marie-Christine eine kleine Rede gehalten, aus der ich einige Sätze zitieren  möchte:

Une pensée pour mon père, Marcel, Jean-Christophe dans la Résistance. Nous sommes fiers qu’il ait combattu le camp de la collaboration et que la victoire sur le fascisme ait été pour lui une question  de vie ou de mort. Nous sommes fiers que les souffrances qu’il avait endurées lui-même et vu endurer par tant d’autres, en captivité et dans le maquis, ne l’aient pas conduit à  enseigner la haine à  ses enfants.  

Je n’ai pas oublié le jour où nous sommes partis pour le nord de l’Allemagne, dans le Schleswig-Holstein, rendre visite à un vieux monsieur. Un vieux monsieur qui en 1942 avait risqué sa vie pour l’aider à  s’évader. Tailleur de profession, il lui avait confectionné un costume, lui avait appris les mots nécessaires pour acheter un billet de train et l’avait conduit à la gare. Cette rencontre émouvante n’est pas étrangère à l’envie que j’ai eue par la  suite  d’apprendre la  langue  allemande, et de l’enseigner avec passion.“

So haben wir übrigens auch Marie-Christine  kennenglernt: Sie machte einen Austausch mit einem deutschen Kollegen und unterrichtete ein Jahr lang an dem Frankfurter Gymnasium, an dem ich damals Lehrer war. Das war zu Beginn der 1980-er Jahre, politisch bewegte  Zeiten: Gemeinsam nahmen  wir an  einer der größten Demonstrationen teil, die es jemals in Deutschland gab – gegen die sogenannte  Nachrüstung, die Aufstellung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik. Eine Gruppe von Kollegen meiner Schule hatte einen Bus gechartert, um gemeinsam nach Bonn zu fahren….

Seitdem kennen wir uns. Und ohne Marie-Christines Unterstützung wäre wohl nichts aus unseren Paris-Plänen geworden: Sie  stellte uns für einen Monat ihre Wohnung in Paris zur Verfügung,  so dass wir über Telefon und Internetanschluss verfügten und uns in Ruhe auf die Suche machen konnten. Am vorletzten Tag hat es dann geklappt…..

Anmerkungen

[1] Siehe dazu die Beiträge auf diesem Blog über Verdun und Normandie, Teil 1:  die allgegenwärtige Vergangenheit auf diesem Blog (jeweils unter den Rubriken Geschichte und Frankreich)

[2] „Marcillac ravive la mémoire“, „L’hommage de trois enfants au village qui les a protégés pendant la guerre. Un acte  de transmission. In: La Montagne, Tulle, 15.7.2005, S. 1 und 2

[3] Aus einer von der Mairie de Clergoux herausgegebenen Broschüre

[4] Maquis de Corrèze, S. 242. In der Unterlagen von Marcel Fieyre findet sich auch eine Denunziation mehrerer Personen der Ortschaft Eyrein vom 7. Oktober 1943:

„Une bande de terroristes est en formation dans les bois de la Gadie….. (des voyous, des bandits et même on peut dire des assassins), où ceux-ci dans la nuit du 4  au 5 octobre ont avec barbarie et sauvagerie attaqué plusieurs maisons dont particulièrement une où il n’y a que trois femmes où celles-ci ont subits les plus mauvais traitements de sauvagerie et de vol. Nous demandons messieurs de vouloir faire votre effort pour que  cette bande qui fait tant de mal…. soit punie sévèrement.“  Dann werden einzelne Personen namentlich genannt und das, was ihnen zugeschrieben wird: „poseur de tractes“, „aide ravitaillement“, „chercheur de munitions“, „voleur d’essence“, „tout à fait contre Messieurs les Allemands“….  Abschließend wird noch einmal die Bestrafung der „Bande“ gefordert: „Nous demandons que cette bande soit punie et traitée de la façon dont ils ont traité de bons français et des françaises qui font leur devoir honnête. Ces êtres bandits ont  promis la mort à ceux qui les dénoncent.“

[5] Jean-Loup Lemaitre und Michelle et Stéphane Vallière: Corrèze, 100 lieux pour les curieux. Paris 2010, S. 38/39

[6]  150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 160/161 und 206

[7] Maquis de Corrèze, S. 342 Die AS hatte bei der Aktion die Aufgabe, Tulle nach außen hin abzusichern.

[8] Ville de Tulle: Tulle, Resistante et Martyre. Chemin de Mémoire. Es gibt unterschiedliche Darstellungen, was genau und im Einzelnen den schrecklichen Taten der Division „Das Reich“ vorausging.   Darauf einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieses Textes sprengen – und ein intensiveres Literatur- und Quellenstudium voraussetzen.

[9] http://peupleetculture.fr/Site/niveau1/juin44.htm

Entsprechend auch Fabrice Grenard in seinem Buch: Tulle, Enquête sur un massacre. 9 juin 1944. Paris 1944: http://historicoblog3.blogspot.fr/2015/02/fabrice-grenard-tulle-enquete-sur-un.html

[11]  Umso fraglicher ist deshalb für mich, warum z.B. St Lô in der Normandie durch alliierte Bombardements völlig zerstört wurde:  War da die Einschaltung der Résistance nicht erwünscht oder möglich? Siehe dazu den Beitrag: Normandie, Teil 2: Schattenseiten der Vergangenheit  auf diesem  Blog

[12]  L’attaque de  la prison de Tulle. In: 150 combattants de temoins: Maquis de Corrèze.  Paris: Éditions sociales 1975, S. 198-204

[13] Macquis de Corrèze, S.203

[14] In einem nach dem Krieg erhobenen Personalfragebogen (Fiche individuelle de officier) finden sich im Abschnitt „Action das la clandestinité“ u.a. folgende Angaben: „organisation et ravitaillement des  premier groupes clandestins du plateau corrèziens. Liaisons avec Paris: organisation du recrutement à Paris, aide aux évadés et aux emprisonnés. Transport des prisonniers évadés….“

[15] „L’hôpital des FTP recconnu 72 ans après“.  Zeitungsbericht Le Montagne 2016

Der Bürgerkrieg in Frankreich 1871: Ein Rundgang auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris auf den Spuren der Commune

Der Friedhof Père-Lachaise  ist auf dreifache Weise ein ganz besonderer Erinnerungsort an den „Bürgerkrieg in Frankreich“, die  Pariser Commune von 1871[1]:

  • Hier fanden am Ende der semaine sanglante die letzten Gefechte statt zwischen den fédérés, also den Kämpfern der Commune,  und den Regierungstruppen, den Versaillais.
  • An der mur des fédérés wurden die letzten überlebenden Kämpfer der Commune erschossen und weitere Aufständische verscharrt
  • Und schließlich gibt es auf dem Père -Lachaise zahlreiche Gräber von Kommunarden oder von Personen, deren Leben und Werk bedeutsam für die Commune waren.

In dem nachfolgenden Text sollen einige dieser Erinnerungsorte vorgestellt und Anregungen zu einem historisch orientierten Spaziergang über den Friedhof  gegeben werden. Nirgendwo sonst  ist in dieser Dichte und Intensität ein wichtiges Kapitel der – nicht nur- französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts erfahrbar. Der Spaziergang weicht etwas von der Route ab, die von der Mairie de Paris vorgeschlagen  wird. Er ist deutlich konzentrierter- er umfasst 11 „Stationen“ innerhalb des Friedhofs statt 35, aber zu diesen 11 Stationen gehören auch zwei, die auf der Commune-Karte der Mairie nicht berücksichtigt sind: Dies sind eindrucksvolle Zeugen des Triumphs der Gegenrevolution, die meines Erachtens unbedingt auch zu einem Commune-Rundgang gehören: Die Commune ist bis heute eine eher unbekannte und umstrittene Phase der französischen Geschichte. Nicht zuletzt soll der Rundgang auch einen Eindruck von der Größe, Vielfalt und Schönheit des Père-Lachaise vermitteln. Empfehlenswert ist es, sich den von der Mairie de Paris herausgegebenen Plan des Père-Lachaise als „haut lieu de la Commune de Paris“ auszudrucken: Er ist eine gute Grundlage für die Orientierung.

https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

 

Prolog:  Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Übersicht des Spaziergangs:

  1. Jules Vallès, der Autor des Insurgé
  2. Charles Delescluze und der Ort der letzten Kämpfe der Commune
  3. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort
  4. Auguste Blanqui (mit einem Exkurs über Jules Dalou, den Schöpfer der Grabmäler von Noir und Blanqui)
  5. Eugène Pottier, der Autor der „Internationale“
  6. Die Mauer der erschossenen Communarden (le mur des fédérées) und die Gräber von
  • Jean-Baptiste Clément, Autor der Commune-Hymne „Le Temps des Cérises“
  • Valéry Wrobleswsky, Verteidiger der Buttes aux Cailles
  • Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx und Autor von „Das Recht auf Faulheit“
  1. Das Mausoleum von Adolphe Thiers, monumentaler Ausdruck des Triumphs der Gegenrevolution
  2. Das Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas mit der zertretenen Schlange der Commune

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen Friedhofsmauer und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ de Maximilien Luce im Musée d’Orsay

 

 

Prolog: Der Rückzug der Kommunarden zum Père -Lachaise

Wie kam es dazu, dass gerade auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfe  in der semaine sanglante stattfanden? Der Pariser Osten war eine Hochburg der Commune – wie auch schon aller anderen vorausgegangenen Revolutionen. Und das 11. Arrondissement, an das der Père-Lachaise angrenzt, tat sich auch in der Commune besonders hervor: Am 6. April 1871 beispielsweise verbrannten Nationalgardisten an der Place Voltaire in einem demonstrativen Akt vor einer Büste Voltaires zwei  Guillotinen aus dem nahe gelegenen Gefängnis de la Roquette, um damit gegen die Todesstrafe zu demonstrieren.[2] Und nachdem die Communarden das Hôtel de Ville im Zentrum von Paris aufgegeben und in Brand gesteckt hatten, richteten sie  am 24. Mai  in der Mairie des 11. Arrondissements an der Place Voltaire ihr letztes Hauptquartier ein, „ultime cellule de la Commune agonissante.“ (Bourgin).

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Genau 140 Jahre später fand hier – in der Eingangshalle des Rathauses-  eine Feierstunde statt, in der eine Gedenktafel enthüllt wurde: „Nachdem die Commune de Paris das Hôtel de Ville verlassen hatte, tagte sie vom 24. bis zum 26. in diesem Rathaus, von wo aus sie den Widerstand gegen die Versailler Truppen während der letzten Kämpfe der ‚blutigen Woche‘ organisierte“.

Im 11. Arrondissement gab es auch eine der letzten Barrikaden der Commune – es war auch die letzte   der vielen Barrikaden, die im Laufe der vier französischen Revolutionen des „langen 19. Jahrhunderts“ auf dem Faubourg-St-Antoine errichtet wurden. Sie stand an der Einmündung der Rue de Charonne und sollte im Mai 1871  den Vormarsch der Versailler Regierungstruppen in die Rückzugsgebiete der Commune in den östlichen Arbeiter- und Handwerkervierteln verhindern.

Download Barricade Rue de Charonne

Bei der Verteidigung dieser  Barrikade wurde am 25. Mai der aus Ungarn stammende Leo Fränkel, der –u.a. Vertreter der deutschen Sektion der Internationale in Paris und ein führender Vertreter der Commune war, verletzt. Als „Arbeitsminister“ der Commune  hatte Fränkel unter anderem das Nachtarbeitsverbot erlassen. Gerettet wurde er von Elisabeth Dmitrieff, einer russischen Sozialistin und Feministin, die von Karl Marx nach Paris entsandt worden war und dort während der Commune die „Union des Femmes pour la défense de Paris et les soins aux blessés“ gründete. Fränkel und Dmitrieff: Zwei grandiose Gestalten der internationalen Arbeiterbewegung mit abenteuerlichen Lebenswegen, wie sie ein Romanschriftsteller nicht besser hätte erfinden können. An  diese Barrikade an dem Faubourg-St-Antoine erinnert aber immer noch keine Gedenktafel.

Ganz versteckt ist auch ein faszinierendes Relikt der Commune, das Kommunarden bei ihren Rückzugsgefechten auf dem Weg in den Faubourg-St-Antoine und zum Père-Lachaise hinterlassen haben: Es befindet sich in der Jesuitenkirche St. Paul in der Rue St. Antoine (Métro St. Paul). Dort hatten sich offenbar einige Kommunarden in der semaine sanglante verschanzt und in hoffnungsloser Situation in einen Pfleiler der Kirche (1. Pfeiler vom Eingang aus rechts) die Parole „République Française ou la Mort“ geritzt. (Obwohl der Klerus später versucht hat, diese Spur der verteufelten Commune zu beseitigen, ist ihm das –wie man sieht- glücklicherweise nicht ganz gelungen).

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Das Graffiti zeugt von der äußersten Entschlossenheit der Communarden und lässt etwas von der extremen, ja verzweifelten Situation ahnen, in denen sie sich angesichts der Übermacht der anrückenden Versailler Truppen befanden. Für mich ist dies einer der intensivsten Erinnerungsorte der Pariser Commune außerhalb des Père-Lachaise, dem wir uns nun zuwenden.

Der Rundgang:

Der vorgeschlagene Rundgang beginnt an der Porte des Amandiers an der südwestlichen Ecke des Friedhofs, direkt an der Métro-Station Père-Lachaise (Linie 2)

  1. Das Grab von Jules Vallès

Zunächst geht es zum Grab von Jules Vallès. Er war ein führendes Mitglied der Commune, Journalist und Schriftsteller, engagierte sich besonders für eine Erziehungsreform, war Herausgeber der Zeitschrift „Le Cri du peuple“, entschiedener Vertreter der Pressefreiheit,  und er hat in dem autobiographisch gefärbten Roman „L’insurgé“ der Commune ein literarisches Denkmal gesetzt.

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 1885 starb er, nach langem Exil,  in Paris und wurde, von tausenden Menschen begleitet,  auf den Père- Lachaise gebracht und dort bestattet. Als am Grab deutsche Sozialisten einen Kranz niederlegten, kam es zu vereinzelten deutschfeindlichen Reaktionen, die aber schnell mit Sprechchören zur internationalen Solidarität beendet wurden.

Verehrer hat Vallès jedenfalls noch bis heute….

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2016 startete die Mairie  des 11. Arrondissements eine Aktion, den Menschen/Männern, nach denen Straßen  des Arrondissements  benannt sind, ein  Gesicht zu geben. So auch Jules Vallès, dessen  Protrait am Square R. Nordling -vor der Kirche Ste Marguerite – in der Nähe „seiner“ Straße- ausgestellt wurde. Schade allerdings, dass  nicht über ihn mitgeteilt wurde: So hat er für die  Menschen  den Viertels zwar ein Gesicht erhalten, aber leider bleibt er damit wohl für die meisten ein  Unbekannter….

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(66. Division an der Avenue des Peupliers. Nummer 2 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris).

  1. Das Grab von Charles Delescluze und die letzten Kämpfe der Commune (49. Division)

Delescluze war Journalist und sozialistischer Aktivist, der schon in den Revolutionen von 1830 und 1848 eine wichtige Rolle spielte. Vielfach verhaftet und zu Geld- und Haftstrafen (u.a. in Cayenne) verurteilt, engagierte er sich auch wieder in der Commune, deren „Kriegsminister“ er in den letzten  Maiwochen  war. Als solcher beantragte er,  alle in der Hand der Commune befindlichen Geiseln zu erschießen und vor dem Rückzug die öffentlichen Gebäude (Tuilerien-Schloss, Rathaus von Paris, Gebäude des Rechnungshofs, der Légion d’honneur im Hôtel de Salm[3] u.a. ) in Brand zu setzen. Am 25. Mai suchte er den Tod auf einer Barrikade an der place Château d’Eau, weil er, wie er in einem letzten Brief an seine  Schwester schrieb,  unter keinen Umständen „der siegreichen Reaktion als Opfer oder Spielzeug dienen“ wollte:     « Ma bonne sœur. Je ne puis ni ne veux servir de victime et de jouet à la réaction victorieuse… Mais je ne me sens pas le courage de subir une nouvelle défaite après tant d’autres. »  [4] 

Sein Leichnam wurde einen Tag später von den siegreichen Versaillais gefunden und in Montmartre in einem Massengrab verscharrt. Es sollte verhindert werden, dass das Grab von Delescluze zu einer Gedenkstätte oder gar einem Wallfahrtsort werden könnte. 1883 wurde sein Leichnam dann in dem Massengrab identifiziert und  in den Père Lachaise überführt.

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An der Spitze der Grabstele befinden sich -kaum noch identifizierbar- Auszüge aus dem schon zitierten Brief an seine -hier ebenfalls bestattete Schwester Azema, den Delescluze am Vorabend seines selbstgewählten Todes schrieb.

Die Inschrift auf der Grabstelle ist kaum noch entzifferbar, was das offizielle Bulletin municipal der Stadt Paris schon 1913 bemerkte. Sie lautet:

A la mémoire de Charles Delescluze, Commissaire général de la République, 1848 ; Rédacteur en chef du Réveil en 1868 ; Député de Paris à l’Assemblée nationale, 8 février 1871 et de sa sœur Azéma, décédée le 31 oct. 1876, leurs amis.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist dsc01282pere-lachaise-sept-2021-2.jpg.

Bemerkenswert ist hier, dass die Rolle Delescluzes während der Cummune nicht berücksichtigt ist:  Das ist auch kaum anders zu erwarten, denn als das Grabmal errichtet wurde, war die Commune immer noch geächtet.  Heute gehört sie zwar zum weithin anerkannten historischen Erbe und sie wurde ja auch anlässlich ihres 150. Jahrestags entsprechend gefeiert (siehe den Blogbeitrag zur Commune-Ausstellung „Nous la Commune“ 2021), aber auch dort hat man sich schwer getan, die problematischen Seiten der Commune offen zu thematisieren.

Bezeichnend ist ja auch, dass die Rolle Delescluzes bei der in der Commune umstrittenen  Geiselerschießung und der ebenfalls umstrittenen –zumal militärisch sinnlosen- Inbrandsetzung öffentlicher Gebäude zwar in der deutschen und englischen, nicht aber in der französischen Version des Delescluze-Artikels von Wikipedia erwähnt ist. Ein zusätzlicher Hinweis  darauf, wie delikat auch heute noch der Umgang mit der Commune in Frankreich ist.

(49. Division,  Nr. 6 auf dem Commune- Plan der Mairie  de Paris)

In diesem Bereich des Père Lachaise fanden am 28. Mai 1871 die letzten Kämpfe der semaine sanglante statt. Einschüsse von Kugeln sind noch auf dem Sockel des  Grabes von Charles Nodier zu sehen, das etwas oberhalb und gegenüber dem Grab  von Honoré de Balzac liegt.

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Der Zeitzeuge Prosper Lissagaray schreibt zu den lezten Kämpfen:

„Seit 4 Uhr Nachmittags belagern  die Versailler den Père la Chaise.  Derselbe enthält nur zweihundert Föderierte, entsclossene Leute, aber ohne Disciplin, ohne Umsicht; die Officiere hatten sie nicht dazu bringen können, Schießscharten in die Mauer zu machen. Fünftausend Versailler greifen die Enceinte zugleich von allen Seiten an, während die Artillerie  von der Bastion das Innere durchwühlt. Die Geschütze der Commune haben seit Nachmittg beinah keine Munition mehr. (…) Jetzt beginnt ein verzweifelter Kampf. Hinter den Gräbern  gedeckt, vertheidigen  die Föderierten Schritt für Schritt ihren Zufluchtsort. Man  kämpft grauenvoll Mann an Mann. In den Grüften finden  Gefechte mit blanken Waffen statt. Freund und Feind rollt sterbend in dieselben Gräber. Die früh einbrechende Dunkelheit macht dem Verzweiflungskampf ein Ende.“[5]

Mit dieser letzten Schlacht „des Volks von Paris“ gegen  die von Thiers kommandierten Versailler Truppen wird der Père-Lachaise, wie es auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris heißt, „ein Symbol des Kampfs und des Opfers der Kommunarden.“

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Kampf der Fédérés  und der Versaillais auf dem Pére-Lachaise. Gravur von Amédée Daudenarde.      Veröffentlicht in „Le Monde illustré“ vom 24. Juni 1871

 Ein eindrucksvolles Panorama dieser Kämpfe von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux ist  im Musée d’art et d’histoire de Saint-Denis zu sehen.

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 Gemalt ist es aus der Perspektive der Föderierten, die trotz ihrer verzweifelten Lage noch die rote Fahne hochhalten. Geschwenkt wird die Fahne übrigens von einer Frau. Eine weitere Frau im Vordergrund versorgt einen Verletzten: Hinweise auf die wichtige Rolle der Frauen in der Commune.  Im Hintergrund sieht man die Stadt Paris mit der Kuppel des Pantheons und den Türmen von Notre Dame. Die Rauchsäulen markieren wohl die Gebäude, die von den Kommunarden auf ihrem Rückzug in Brand gesteckt wurden. Allerdings ist damit nicht- wie bei vielen anderen Darstellungen der 1870-er Jahre- eine Anklage der Commune verbunden, sondern es wird dadurch –wie durch die Rauchwolken der einschlagenden Granaten- die  Heftigkeit der Kämpfe illustriert.  Bei diesem Bild handelt es sich gewissermaßen um eine Antwort auf den Schriftsteller Alphonse  Daudet. Der hatte 1871 eine Geschichte mit dem Titel „La bataille du Père-Lachaise“ veröffentlicht. Auf der ausgezeichneten und höchst empfehlenswerten Internet-Seite „L’histoire par l’image“ findet sich dazu folgende Erläuterung:

„Par le truchement du gardien du cimetière, l’écrivain présente son récit comme une démythification : « ― Une bataille ici ? Mais il n’y a jamais eu de bataille. C’est une invention des journaux. » En niant la bataille, le témoin-narrateur nie l’existence de combattants : face aux troupes régulières de Versailles, il n’y aurait eu dans le cimetière qu’un « ramassis » sacrilège d’ivrognes et de femmes de mauvaise vie faisant bombance au milieu des tombes. Avec cette œuvre, Philippoteaux semble contredire les allégations de l’écrivain anticommunard.“[6]

 

  1. Grab von Louis-Auguste Blanqui

Blanqui war ein Theoretiker der sozialistischen Revolution und ein praktischer Revolutionär. Seit der Revolution von 1830 war er eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung.  Fast die Hälfte seines Lebens, insgesamt 37 Jahre!- verbrachte er wegen „revolutionärer Umtriebe“ in Gefängnissen. Am spektakulärsten war seine Haft in den „cachots noirs“ auf dem Mont –Saint- Michel, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Hochsicherheitstrakt für politische Gefangene diente. Verantwortlich dafür war übrigens Adolphe Thiers, von dem später noch die Rede sein  wird. Er hatte, als Staatssekretär während der Herrschaft des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe eine neue Form der Strafe eingeführt, nämlich die Festungshaft. Und eine dieser Festungen war der Mont-Saint-Michel.

Die Haftbedingungen dort –Dunkel- und Einzelhaft, Nahrungsentzug- waren derart katastrophal, dass sich sogar eine Kommission der Nationalversammlung damit beschäftigte. Berichterstatter war übrigens Alexis de Tocqueville. Blanqui unternahm mit seinem Mitgefangenen Armand Barbès einen Fluchtversuch, der aber scheiterte.[7]

Ein  erneuter Aufstandsversuch am 31. Oktober 1870, bei dem kurzzeitig das Hôtel de Ville von Paris besetzt wird  –Vorbote der Commune- scheitert. Blanqui kann untertauchen und wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Am 17. März 1871 wird er auf Betreiben von Adolphe Thiers verhaftet, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte. Thiers war sich (darin übrigens in voller Übereinstimmung mit Karl Marx) der Bedeutung Blanquis für die sozialen Bewegungen in Frankreich und für den Widerstand der Commune bewusst. Deshalb weigerte er sich, auf das Angebot der Commune einzugehen, die von ihr festgehaltenen Geiseln, darunter den Erzbischof von Paris, freizulassen, wenn im Gegenzug Blanqui freigelassen werde.  Thiers‘ Sekretär kommentierte das zynisch: „Die Geiseln! Pech für sie! Les otages ! Les otages, tant pis pour eux !».   So werden am 24. Mai in dem Gefängnis La Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter Erzbischof Darboy, erschossen.[8]

1879 fällt Blanqui unter die Generalamnestie und kehrt nach Paris zurück. Dort gibt er seine Zeitschrift „Ni Dieu ni maître“ heraus. 1881 stirbt er und wird auf dem Père-Lachaise beigesetzt. 100 000 Menschen sollen an seiner Beerdigung teilgenommen haben.

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(91. Division, Nr. 14 auf dem Commune Plan der Mairie de Paris)

Jules Dalou, der große republikanische Bildhauer, erhält nach einer öffentlichen Subskription den Auftrag für die Gestaltung des Grabmals. Er stellte Blanqui auf dem  Totenbett liegend dar, sein Kopf ist nach der  Totenmaske modelliert. „Tout comme pour le gisant de Victor Noir, Dalou a doté Blanqui d’une virilité „généreuse et polie“, source de commentaires infinie.“[9] Zu einem Wallfahrtsort –entsprechend dem Grab von Victor Noir- ist die Grabstätte von Blanqui allerdings nicht geworden. Vielleicht liegt es an dem weniger zugänglichen Platz in einem Seitenweg des Friedhof und an dem Podest, auf dem Blanqui aufgebahrt ist, so dass die entsprechenden anatomischen Besonderheiten weniger ins Auge fallen. Umso deutlicher dafür allerdings die Hand Blanquis- vielleicht ein Hinweis auf die vielen Schriften des Revolutionärs und Theoretikers.

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Exkurs: Dalou, der große republikanische Bildhauer und Schöpfer der Grabmäler von Victor Noir und Blanqui

Bevor es weiter geht zum Grab von Louis-Auguste Blanqui ein paar Worte zu Jules Dalou, dem Schöpfer der beiden Grabmäler von Victor Noir und Blanqui. Dies erscheint auch deshalb angebracht, weil es sich um zwei der bedeutendsten Kunstwerke auf dem Père-Lachaise handelt und weil der Name Dalou untrennbar verbunden ist mit der Pariser Commune und dem Stadtbild von Paris – immerhin hat Dalou u.a. auch die repräsentative Figurengruppe – Der Triumph der Republik– auf der Place de la Nation geschaffen.

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Auguste Rodin : Büste von Jules Dalou (im Musée Rodin in Paris und im Musée de la  piscine in Roubaix)

Dalou war am Vorabend des deutsch-französischen Krieges ein junger, aufstrebender Bildhauer. Von ihm war schon einmal auf diesem Blog die Rede, und zwar in dem Beitrag über das Hôtel Païva, das deutsch-französische Märchenschloss auf den Champs-Élysées, zu dessen Skulpturenschmuck auch Dalou beitrug (Rubrik Stadtviertel Paris, 8. Arrondissement). 1871 wurde Dalou vom « Kultusminister » der Commune, Gustave Courbet, beauftragt, als « administrateur provisoire adjoint » das Louvre vor einem eventuellen Vandalismus zu schützen. Obwohl es sich dabei um eine noble Aufgabe im Sinne des Gemeinwohls handelte, wird Dalou nach der Niederschlagung der Commune bedroht und ins Exil gezwungen. 1874 verurteilt ihn ein Kriegsgericht in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit. Erst 1879 – im Zuge einer allgemeinen Amnestie-  kann Dalou aus Großbritannien, das ihm Asyl gewährt hatte, nach Frankreich zurückkehren. Sein Wettbewerbsbeitrag für eine monumentale Statue auf der Place de la République wird zwar zurückgewiesen, aber von der Stadtverwaltung für die Place de la Nation ausgewählt, wo sie heute steht. Dalou erhält nun weitere bedeutsame Aufträge, unter anderem für die beiden « politischen Grabmäler »  von Victor Noir und Blanqui auf dem Père-Lachaise. 1902 stirbt Dalou, er ist auf dem  Friedhof Montparnasse begraben.

  1. Das Grab von Victor Noir: vom politischen zum erotischen Wallfahrtsort

Victor Noir war kein Communarde, konnte es auch nicht sein, denn er wurde schon vorher, am 11. Januar 1870, ermordet. Trotzdem gehört sein Gab (Commune- Plan der Mairie de Paris Nummer 17) zu den unverzichtbaren Stationen eines Commune-Rundgangs auf dem Père-Lachaise, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst vor allem wegen der Umstände seines Todes und der darauf folgenden politischen Konsequenzen (9a):

Noir war Journalist und hatte den Auftrag, als Sekundant eines Zeitungsverlegers die Modalitäten von dessen geplantem Duell mit Prinz Pierre Napoleon Bonaparte, einem Verwandten Napoleons und des damaligen Kaisers Napoleon III. auszuhandeln. Dabei kam es zum Streit und Victor Noir wurde von Pierre Napoleon erschossen. An dem Begräbnis nahmen über 100 000 Menschen teil.  Auf dem Commune-Plan der Mairie ist (wohl etwas übertrieben) von 200 000 zum Aufruhr entschlossenen Parisern die Rede: Ein Vorbote der Commune.[10] Die revolutionäre Stimmung wurde noch dadurch verstärkt, dass Pierre Napoleon freigesprochen wurde, was einen Sturm öffentlicher Entrüstung gegen die ungeliebte Monarchie auslöste.

1891 wurde der zum republikanischen Symbol gewordene Leichnam Victor Noirs von Neuilly-sur-Seine, wo er zunächst begraben war, auf den  Père Lachaise umgebettet.  Der Bildhauer Jules Dalou erhielt den Aufrag, eine Grabplastik zu gestalten, die mit den  Mitteln einer öffentlichen Subskription finanziert wurde- ein Gegenmodell zur Finanzierung des Denkmals für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas aus öffentlichen Mitteln.

Dalou stellte Victor Noir in der Situation dar, als er –gerade erschossen- rücklings auf dem Boden lag: mit leicht geöffnetem Mund, im Ausgehanzug mit sichtbarem Einschussloch und auf die Seite gerolltem Zylinder.

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Auffällig sind an dem Grabmal die durch vielfache  Berührungen von der Patina ausgenommenen glänzenden Stellen der Bronze-Plastik am Gesicht, an den Füßen und vor allem an der unter der Hose deutlich zu erkennenden Schwellung des Geschlechtsorgans. „Nur der große Zeh des heiligen Petrus im Petersdom glänzt genauso schön durch all die Küsse und all das Gestreichel“, wie Cees Nooteboom schreibt, für den das Grab des Victor Noir das schönste auf dem Père Lachaise ist. (10a)  Der Grund für die glänzenden Stellen:  „La légende veut qu’en frottant le gisant, surtout à l’endroit de son sexe, on retrouve la fécondité ou la virilité.[11]„Tausende von Mädchenhänden und Frauenmündern müssen“ -so noch einmal Nooteboom- hier am Werk gewesen sein, bei dieser letzten Fruchtbarkeitsfigur der westlichen Welt.“

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So wurde seit Ende der 1960-er Jahre das Grabmal von einem politischen Manifest zu einem Symbol der Fruchtbarkeit und zu einem Wallfahrtsort für „sexual worship“, wie es Emelyanova-Griva formuliert. Auch Deutsche haben dazu in gewisser Weise einen  Beitrag geleistet: War das Grab zunächst von einer bronzenen Kette umgeben, wurde diese während der occupation an die Deutschen ausgeliefert: Kanonen statt Kunst.[12] Damit war der Weg frei…  Inzwischen gehört das Grabmal zu den  Kultstätten des Père-Lachaise wie die Gräber von Héloïse und Abelard, Jim Morrison, Oskar Wilde oder wie das immer blumengeschmückte Grab von Allan Kardec, dem französischen Spiritisten, dessen Büste zu berühren angeblich Wünsche wahrwerden lässt….

(92. Division, Nr. 17 auf dem Commune-Plan der Mairie)

 

  1. Grabmal von Eugène Pottier, dem Autor der „Internationale“

(96. Division, Nr. 20 auf dem Commune-Plan der Mairie de Paris)

Das Grabmal Eugène Pottiers ist ein aufgeschlagenes Buch.

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Die Aufschrift auf der linken Buchseite (vom Betrachter aus gesehen):
Au Chansonnier
EUGÈNE POTTIER
MEMBRE DE LA COMMUNE
DE PARIS
1816 – 1871 – 1887
SES AMIS & ADMIRATEURS
– 1905 –

Pottier, der schon an der Revolution von 1848 teilgenommen hatte, engagierte sich 1871 in der Commune und nahm an den Kämpfen der Semaine sanglante teil. Nach der Niederschlagung der Commune konnte er nach Großbritannien fliehen, dann in die USA. 1873 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte –wie viele andere Kommunarden- infolge der Amnestie von 1879 nach Paris zurückkehren, wo er 1887 starb.

Die Aufschrift auf der rechten Buchseite:

L’Insurgé.
Jean Misère.
La Toile d’Araignée.
Ce que dit le Pain.
La mort d’un Globe.
L’internationale.

Den Text des ersten auf der rechten Buchseite aufgeführten Liedes hat Pottier zu Beginn der 1880-er Jahre zu Ehren Blanquis und der Kommunarden geschrieben- der Titel ist von dem autobiographischen Roman von Jules Vallès übernommen.

Der Text der „Internationale“ stammt aus den Tagen unmittelbar nach der gewaltsamen Niederschlagung der Pariser Commune. Er bezog sich auf die Internationale Arbeiterassoziation (IAA), den ersten übernationalen Zusammenschluss von verschiedenen, politisch divergierenden Gruppen der Arbeiterbewegung, der 1864 von Karl Marx  initiiert worden war.

Der ursprüngliche französische Text hat sechs Strophen. Die bekannteste und bis heute verbreitete deutschsprachige Nachdichtung schuf Emil Luckard  1910. Seine Version ist an den französischen Originaltext lediglich angelehnt und beschränkt sich auf die sinngemäße, dabei in der Radikalität etwas abgeschwächte und romantisierte Übersetzung der ersten drei Strophen des französischen Liedes.[13]

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

die stets man noch zum Hungern zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

Alles zu werden, strömt zuhauf!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht. 😐

Es rettet uns kein höh’res Wesen,

kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!

Leeres Wort: des Armen Rechte,

Leeres Wort: des Reichen Pflicht!

Unmündig nennt man uns und Knechte,

duldet die Schmach nun länger nicht!

|: Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.

  1. Le mur des fédérés – die Mauer der erschossenen Kommunarden

Höhepunkt (auch im topographischen Sinn des Wortes)  eines Rundgangs über den Père-Lachaise auf den  Spuren der Commune ist natürlich le Mur des fédérés in der nord-östlichen Ecke des Friedhofs. Am 28. Mai 1871 wurden an dieser Stelle 147 Kommunarden erschossen, die in die Hände der Versaillais gefallen waren. Sie wurden in einem Massengrab verscharrt ebemso wie weitere Kämpfer der Commune, die auf dem Père Lachaise oder schon vorher im Laufe der semaine sanglante getötet worden waren.[14]

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Zeichnung von Alfred Darjou (1832-1874) im Musée Carnavalet in Paris

Wie sehr das brutale Vorgehen der Versaillais in der semaine sanglante viele Zeitgenossen aufwühlte und empörte, wird auch am Beispiel des Malers Edouard Manet deutlich. Edouard Manet hat zwei Lithographien zum Thema Commune angefertigt. Die Lithographie, „Guerre civile“, zeigt einen toten Nationalgardisten bzw. Kommunarden. Der Bezug zu Manets berühmtem Bild des toten Torreros von 1864/65 ist offenkundig. Während aber der im Stierkampf getötete Torero ein rotes Tuch in der Hand hat, ist es bei dem getöteten Kommunarden  ein weißes Tuch: Manet will hier wohl das brutale, rücksichtslose Vorgehen der Versailler Truppen veranschaulichen.

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Eine zweite Lithographie zeigt die Erschießung von Kommunarden, wie sie am Ende der semaine sanglante auf dem  Père-Lachaise stattgefunden hat.  Dabei stand eines der berühmtesten Bilder Manets Pate, nämlich die Erschießung des mexikanischen Kaisers Maximilian.  Manet hat also zwei seiner erfolgreichsten Bilder zum Ausgangspunkt genommen, den Toten der Commune ein Denkmal zu setzen.

Der Platz an der Friedhofsmauer entwickelte sich, trotz aller Verbote, zu einem Wallfahrtsort von Sozialisten aus aller Welt. 1908 wurde für die getöteten Fédérés eine große Erinnerungstafel an die Opfer der „Semaine sanglante“ angebracht. Das Original befindet sich übrigens in den Räumen der Amis de la Commune auf der Butte aux Cailles.

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Jedes Jahr findet seit 1880 am letzten Maiwochenende ein großer Demonstrationszug statt- die sogenannte Montée au Mur des Fédérés, gewissermaßem  eine „pèlerinage laïque“. An ihr nehmen Menschen und Gruppen teil, die sich mit der Commune und ihrem Erbe verbunden fühlen und die darauf hoffen, dass das, was die Kommunarden vom März 1891 vergeblich anstrebten, noch erreicht werden kann: Mitglieder und Anhänger linker Parteien, Gewerkschaftler, Freimaurer.[15]

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Am 24. Mail 1936, wenige Wochen nach dem Sieg des Front Populaire, waren es 600 000 Menschen, an der Spitze die Führer der Sozialisten und Kommunisten, Léon Blum und Maurice Thorez, die an der monté au mur teilnahmen. So viele sind es heute nicht mehr und das Durchschnittsalter der Teilnehmer ist heute wohl auch deutlich höher als damals: Eine eindrucksvolle Demonstration der linken Bewegungen ist die monté au mur aber nach wie vor.

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Gegenüber der Mauer der Föderierten sind mehrere Kommunarden oder für die Commune wichtige Persönlichkeiten bestattet. Auf drei dieser Gräber möchte ich besonders hinweisen:

Das Grabmal von Clément, dem Autor von „Le Temps des Cerises“

Clément war während der Commune Bürgermeister des Montmartre-Arrondissements, aber vor allem  ist er  Autor des Liedes „Le Temps des Cerises“. Es ist ein Liebeslied, schon 1866, zur Zeit Napoleons III. geschrieben und von Anfang an populär. In diesem Lied wird die Liebe in der Zeit der Kirschen besungen:

Quand nous chanterons le temps des cerises

                   Et gai rossignol, et merle moqueur

                   Seront tous en fête.

                   Les belles auront la folie en tête

                   Et les amoureux du soleil au coeur

                   Quand nous chanterons le temps de cerises

                   Sifflera bien mieux le merle moqueur.

Das Lied endet traurig: Die Zeit der Kirschen, der Liebe und Träume,  ist kurz, danach kommen Schmerz und Trauer. Aber trotzdem:

                   J’aimerai toujours le temps des cerises

                   Et le souvenir que je garde au coeur.

Das Lied erhält in der semaine sanglante  auf tragische Weise neue Aktualität. Dem besungenen Liebeslied wird eine politische Dimension verliehen. Es wird zur Hymne der Commune und ihrer Anhänger, während der Blütezeit der Commune,  „au temps des cerises“, aber auch danach, als die Erinnerung an die Commune  -außer sie  war hasserfüllt und abschreckend-  tabuiert war. Clément unterstützte ausdrücklich die poltitische Botschaft des Liedes, indem er es  1885 «à la vaillante citoyenne Louise» widmete, der wachsamen Bürgerin Louise Michel, einer Ikone der Commune.

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Von Wolf Biermann gibt es übrigens eine schöne deutsch-französische Version des Liedes, gesungen nach der Wende vor einem jungen Leipziger Publikum. Mit einer einleitenden Erläuterung, in der er eine Verbindung zwischen dem Paris von 1871 und dem Leipzig von 1989 herstellt.  Auf youtube zu sehen und zu hören! Am besten gleich anklicken! Dauert 6 Minuten:

http://www.youtube.com/watch?v=Rv420VhwUWc

Das Grabmal von Wroblewski, dem Verteidiger der Butte –aux- Cailles

Walery Antoni Wróblewski gehörte zu den Anführern des polnischen Aufstandes gegen das zaristische Russland 1863/64. Nach dessen Niederschlagung emigrierte er nach Frankreich. Während der Commune war er ein Kommandeur der Föderierten und verantwortlich für die Verteidigung des strategisch wichtigen Butte aux Cailles gegen den Vormarsch der Versaillais. Dabei zeichnete er sich besonders aus.[16]

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Nach der Niederschlagung der Commune emigrierte er nach England, wo er sich weiter für die internationale Arbeiterbewegung engagierte. Auch er konnte 1880 nach der allgemeinen Amnestie nach Paris zurückkehren, wo er 1908 starb. Wróblewski gehört zu den vielen internationalen Aktivisten, die sich in der Pariser Commune engagierten und damit die internationale Solidarität der Arbeiter vorlebten.

Das Grab von Wróblewski ist –wie auch das von Chopin auf dem Père-Lachaise- oft mit roten und weißen Blumen geschmückt. Sie verweisen auf die polnische Herkunft von Wróblewski und sind wohl auch ein Zeichen polnisch-französischer Verbundenheit.

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Das Grab von Paul Lafargue, dem  Schwiegersohn von Karl Marx und dem Autor von „Das Recht auf Faulheit“

Der Sozialist Paul Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx und Autor der 1880 erstmals erschienenen Schrift „Das Recht auf Faulheit“. Darin kritisiert er die „seltsame Arbeitssucht“ seiner Zeitgenossen. Lafargue plädiert stattdessen für eine radikale Reduktion der Lohnarbeit und damit für mehr Muße und Zeit für selbstbestimmte Tätigkeit. Damit knüpft er an den frühen Marx an, der eine Gesellschaft entwarf, die es dem Individuum ermöglichen sollte, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ Solche Ideen wurden später –auch von Sozialisten- als romantischer Utopismus diffamiert und dagegen das Recht auf Arbeit oder gar ein puritanischer Laborismus proklamiert. Lafargues marxistische Apologie des Nichtstuns ist aber immer noch aktuell, stellt er doch die einfache Frage, warum Menschen immer mehr arbeiten sollen, auch wenn ihre Arbeitsleistung durch den ständigen Produktivitätsfortschritt immer größer werde.[17]

In Bordeaux, wo Lafargue 1870 mit seiner Frau lebte, verbreitete er die Ideen der Commune. Nach einem kurzen Besuch in Paris im April 1871 schrieb er begeistert an Karl Marx: „Paris devient invincible“. 1911, im Alter von 69 Jahren, wählte Paul Lafargue zusammen mit seiner Frau den Freitod: Jetzt sei er noch gesund an Geist und Körper, und er wolle nicht erleben, dass das Alter seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten und seinen Willen zerstöre. Fast 20 000 Menschen sind bei der Bestattung auf dem Père – Lachaise zugegen. Die Rede auf den Verstorbenen hält Jean Jaurès.[18]

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Für den Weg zurück bietet sich der Chemin des Chèvres (zwischen der 19. und der 30.und 18. Division und den Chemin Talma (zwischen der 11. und 12. Division)  an. Dieser Weg ist malerisch eingebettet in den Hügel, der zum neueren (rechtwinklig angelegten) Teil des Père-Lachaise hinauf führt. Eine ganze Reihe schöner Art-Déco-Gräber gibt es hier, ebenso wie das spektakuläre Grabmal der russischen  Aristokratin Elisabeth Demidoff.

  1. Das Mausoleum von Thiers (rechts neben der Friedhofskapelle, 55. Division)

Das Mausoleum des 1877 verstorbenen Adolphe Thiers ist leider nicht im Commune-Rundgang der Marie de Paris enthalten. Ich finde das äußerst bedauerlich, weil es, ebenso wie das anschließend betrachtete Grabmal der Generäle Lecomte und Clément-Thomas in sehr eindrucksvoller Weise den Triumph über die verhasste Commune zum Ausdruck bringen. Damit gehören sie meines Erachtens unbedingt zu einem entsprechend thematisch orientierten Rundgang über den Père-Lachaise. Zu übersehen ist das Mausoleum von Thiers ja kaum – es ist „une colossale chapelle“ direkt neben der zentralen Friedhofskapelle.[19] Thiers ist hier mit seiner Frau, Élise Dosne, und seinen beiden Geliebten, der Mutter und der Schwester von Élise [20], bestattet.

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Wie beim Monument für die beiden Generäle Lecomte und Clément-Thomas, das wir uns anschließend ansehen,  ist die christliche Symbolik sehr deutlich: das doppelte verschränkte D steht für Deo Domino, den Dank an Gott, den Herrn- das T natürlich für Thiers.   Thiers war ein entschiedener Freund der katholischen Kirche und ihres Einflusses auf das Bildungswesen. Paul Lafargue, dessen Grab auf dem Père-Lachaise schon besucht wurde, zitiert in seiner Schrift „Das Recht auf Faulheit“ eine Erklärung von Thiers vor einem Parlamentsausschuss aus dem Jahr 1849. Darin spricht sich Thiers dafür aus, dass die gesamte Erziehung im Grundschulbereich von der katholischen Kirche übernommen werden solle. Er, Thiers rechne darauf, dass der Klerus „die gute Philosophie“ propagiere, nach der der Mensch zum Leiden geboren sei.[21]  Auch insofern war Thiers  also ein entschiedener Gegner der laizistischen Commune. Vor allem aber war er der Hauptverantwortliche für  das Gemetzel der Versailler Truppen in der semaine sanglante. Thiers gab den Befehl, den Aufstand der Commune mit größter Entschiedenheit und Rücksichtslosigkeit niederzuschlagen.

Auf seinem Grabmal allerdings wird er als Staatsmann gepriesen, der das Vaterland liebte und die Wahrheit verehrte …

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Wie verhasst Thiers bei den Communarden und ihren Anhängern war,  wird auch daran deutlich, dass das noble Hôtel Dosne-Thiers an der Place St Georges, das die reiche Élise in die Ehe einbrachte, eines der symbolträchtigen Gebäude war, das die Commune auf ihrem Rückzug in den Osten  von Paris in Brand setzte. Anlässlich des 100. Jahrestages der Commune 1971 wurde das Grabmal, Symbol des Sieges  der bourgeoisen Republik“ über die“soziale Republik“  stark beschädigt und es soll auch schon öfters mit „inscriptions vengeresses“ wie „Assassin du peuple“ versehen worden sein.[22]  Inzwischen erstrahlt es aber wieder im alten Glanz und man kann, wenn man es betrachtet, an den schönen Satz denken, den Victor Hugo ausgerufen haben soll, als er an dem Grabmal vorbeikam: „Un si grand monument pour un homme aussi petit!“ [23] – eine Anspielung sicherlich nicht nur auf die geringe körperliche Größe von Adolphe Thiers, den Marx als „Zwergmissgeburt“ verhöhnte.

(neben der Kapelle, 55. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris  nicht berücksichtigt)

  1. Grabmal für die Generäle Lecomte und Clément-Thomas

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An ebenso prominentem Ort wie das Mausoleum von Thiers und ebenso auffällig präsentiert sich  auf der Nordseite der zentralen Avenue Principale und  kurz vor dem Monument aux morts  ein merkwürdiges Grabmal: Im Zentrum steht eine mächtige Marianne. Trotz entblößter rechter Brust entspricht sie so ganz und gar nicht dem gewohnten Idealbild einer attraktiven Marianne, sondern erinnert eher an manche Darstellungen der wehrhaften Germania aus dem 19. Jahrhundert.

Der Lorbeerkranz in der Hand Mariannes steht für den Triumph der Republik über die verhasste Commune. Sie wird durch eine mehrköpfige Schlange symbolisiert, die von Marianne zertreten wird.

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Oben ist das Grabmal mit einem großen Kreuz dekoriert, womit deutlich gemacht wird, dass die von der Commune verfügte Trennung von Kirche und Staat wieder aufgehoben ist- auch in diesem Punkt war die Commune übrigens ihrer Zeit voraus, denn die strikte Trennung von Kirche und Staat gehört ja seit 1905 zu den fundamentalen Prinzipien der französischen Republik.

Es handelt sich hier um das Grabmal der beiden  Generäle Lecomte und Clément-Thomas, deren Geschichte zu erzählen sich lohnt, denn ihr Tod markiert den Beginn der Commune, deren Entstehung untrennbar verbunden ist mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71[24]. Nach dem Sturz des schmählich in Sedan besiegten und kapitulierenden Napoleon III.  war die  im Februar 1871 gewählte und provisorisch in Bordeaux installierte Nationalversammlung bereit, sich den preußischen Friedensbedingungen zu unterwerfen und dem am 28. Februar 1871 zwischen der provisorischen Regierung der Republik unter Adolphe Thiers und dem Deutschen Reich abgeschlossenen Vorfrieden von Versailles zuzustimmen.  Die mehrheitlich republikanische bzw. sozialistische Bevölkerung von Paris war nicht bereit, diese Schmach hinzunehmen, zumal angesichts der preußischen Provokation einer Militärparade auf den Champs-Elysées und rund um den Arc de Triomphe. Immerhin standen in Paris fast 180 000 Nationalgardisten unter Waffen, Freiwilligenverbände, die vorwiegend aus dem Kleinbürgertum und der Arbeiterschaft stammten.[25] Und in Belleville und Montmartre standen 227 Kanonen, die durch eine Subskription der Bevölkerung finanziert und vor den preußischen Truppen in Sicherheit gebracht worden waren. Der Konflikt zwischen Paris und der Nationalversammlung eskalierte, als am 10. März 1871 die Nationalversammlung  einem möglichen „Druck der Straße“  vorbeugen wollte und ihren Umzug nach Versailles beschloss. Dazu beschloss die Nationalversammlung eine Reihe diskriminierender Maßnahmen gegen die Nationalgarde, deren Bataillione sich zu den „fédérés“ zusammenschlossen. Zum Eklat kam es, als Adolphe Thiers, der „chef du pouvoir exécutif de la République française“, am 18. März den General Lecomte beauftragte, sich der Kanonen von Montmartre zu bemächtigen. Das Vorhaben scheiterte aber völlig. Gerade noch rechtzeitig schlägt Louise Michel, die „louve rouge“ der Commune, Alarm.  Die Nationalgardisten und die Bevölkerung von Montmartre  verteidigen „ihre“ Kanonen. Ein Teil der Versailler Truppen verweigert den Befehl, auf die eigenen Landsleute zu schießen und fraternisiert mit den Verteidigern. General Lecomte wird von den Aufständischen gefangen genommen. Am gleichen Tag wird auch der General Clément-Thomas von aufständischen Parisern festgesetzt.  der bei der Niederschlagung der Revolution von 1848 „eine der niederträchtigsten Henkerrollen“ übernommen hatte, wie es Marx in seinem „Bürgerkrieg in Frankreich“ ausdrückte. Mit beiden Generälen wird kurzer Prozess gemacht und sie werden –unter dem Beifall einer „entfesselten Meute“ (Promenades, S. 132) von ihren eigenen Leuten erschossen, auch wenn der  Bürgermeister von Montmartre, der junge Clemenceau, vergeblich versucht das zu verhindern.  Die Gegenrevolution hat nun ihre Märtyrer und Adolphe Thiers seine Legitimation, das aufsässige Paris, die Commune also –mit freundlicher Unterstützung der preußischen Truppen- zu belagern  und dann zu erobern und blutige Rache zu nehmen.

Die Generäle Lecomte und Clément-Thomas erhalten auf dem Père-Lachaise eine kostenlose Grab-Konzession an einem zentralen Platz des Friedhofs und mit einer souscription nationale wird für sie das imposante und triumphale Grabmal errichtet.  Und in Montmartre, wo sie beiden Generäle erschossen wurden (in der heutigen Rue du Chevalier de la Barre) und wo die Kanonen der Nationalgarde stationiert waren, wird  als Zeichen der Sühne für die „horreurs de la Commune“ die Basilique Sacré- Coeur errichtet und der Bau wird auf Beschluss der Nationalversammlung mit staatlichen Mitteln gefördert.[26] Es ist -wie das Grabmal auf dem Père-Lachaise- ein ostentativer gegenrevolutionärer Akt.

Dazu passt die Darstellung der Commue als mehrköpfige Schlage: Für die Dritte Republik waren die Kommunarden ja nichts anderes als „criminels“,  „eine Handvoll von Fanatikern und Spitzbuben“, die Paris zum „Sammelpunkt der Perversitäten der ganzen Welt“ machten- so Jules Favre, der für die Versailler Regierung die Bedingungen des Friedens von Frankfurt mit Bismarck verhandelte.

(Avenue Latérale du Nord, 57. Division. Auf beiden Plänen der Mairie de Paris nicht berücksichtigt).

 

Epilog: Das Commune-Denkmal an der äußeren westlichen  Friedhofsmauer des Père- Lachaise und das Gemälde „Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune“ von  Maximilien Luce im Musée d’Orsay

Das letzte Wort soll aber nicht die triumphierende Gegenrevolution haben! Sondern das Gedenken an die vielfachen  Opfer der Commune. Für sie gibt es ein eindrucksvolles Denkmal auf der anderen Seite des Père- Lachaise, an der äußeren Friedhofsmauer am Square Samuel de Champlain, zwischen den Métro-Stationen Gambetta und Père- Lachaise.

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Georg Stefan Troller weist in „Paris geheim“, auf dieses Denkmal hin  – und das ist auch wirklich der angemessene Platz, denn in unseren anderen Reiseführern  ist dieses Denkmal nicht erwähnt. Schade, denn es handelt sich wirklich um „ein ergreifendes Denkmal“, aus dem Jahr 1909: „Aus der Mauer kaum hervortretend wie Gespenster: ein Arbeiter, ein Pfarrer, ein Soldat, eine Mutter mit Kind. Rundherum Einschüsse. Errichtet aus demselben Stein, gegen den die letzten Kommunarden 1871 … füsiliert wurden.“[27]

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„Das, was wir von der Zukunft fordern, und das, was wir von der Zukunft wollen, ist Gerechtigkeit, es ist nicht  Rache“. Victor Hugo

Maximilien Luce: Une rue à Paris en mai 1871 ou La Commune

Bei früheren Besuchen im Musée d’Orsay war mir dieses Biild noch nicht aufgefallen. Erst als ich mich etwas näher mit der Pariser Commune beschäftigte, entdeckte ich : „Une rue de Paris en mai 1871 ou La Commune“ von Maximilien Luce.[28]  Luce war zusammen mit Seurat und Signac „Gründer“ des Neo-Impressionismus. 1894 wurde er als „gefährlicher Anarchist“ verurteilt und ging nach Belgien ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er Präsident der Gesellschaft unabhängiger Künstler, trat aber 1940 –ein Jahr vor seinem Tod- aus Protest gegen die Diskriminierung jüdischer Künstler durch die Vichy-Regierung zurück. Ein bewegtes Leben also und ein eindrucksvolles, zwischen 1903 und 1906 gemaltes Bild.

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Die Toten sind an den roten Hosen-Litzen als Nationalgardisten, also Communarden, zu identifizieren. Dass auch eine Frau dabei ist, weist auf den großen Anteil hin, den Frauen an der Verteidigung von Paris gegen die anrückenden Truppen hatten. Rechts unten sieht man noch einige Pflastersteine, die offenbar für den Bau einer Barrikade bestimmt waren. Die ist aber nicht gezeigt, der Kampf ist vorbei, man sieht nur die tote Stadt und  die Gefallenen- einige der über 20.000, die in der „Semaine sanglante“ dem Wüten der Versailler Truppen zum Opfer fielen. Am 29. Mai telegraphiert Ministerpräsident Thiers, der „Schlächter der Commune“, triumphierend an die Präfekten: „Der Boden ist bedeckt mit ihren Leichen. Dieses schreckliche Schauspiel wird eine Lehre sein“. Luce erinnert an dieses „spectacle affreux“, aber nicht im obszönen Gestus des Triumphators, sondern im Mitgefühl mit den Opfern und den Verlust veranschaulichend, den die Niederschlagung der Commune für die Stadt Paris bedeutete.

Praktische Informationen:

Einen kostenlosen Übersichtsplan mit dem Verzeichnis der am  meisten besuchten Gräber  gibt es kostenlos bei der Friedhofsverwaltung (vom Haupteingang –porte principale am Boulevard de  Ménilmontant-  leicht erreichbar über die Avenue Principale, dann rechts abbiegen in die Avenue du Puits. Es gibt den Plan auch im Internet unter:

https://api-site.paJuleis.fr/images/142836.pdf[29]

Im Allgemeinen nur im Internet gibt es auch einen speziellen Plan der Mairie  de Paris zum Père Lachaise als „haut lieu de la Commune“: https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf

Öffnungszeiten:

Vom 6. November bis 15. März:

  • Mo bis Fr: 8 h bis 17.30 h
  • Sa: 8.30 bis 17.30h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Vom 16. März bis 5. November:

  • Mo bis Fr: 8h bis 18h
  • Sa: 8.30h bis 18h
  • Sonntags und an Feiertagen: 9h bis 18h

Zum Weiterlesen:

Les Amis de la Commune de Paris 1871: Histoire de la Commune de Paris. 18 mars- 28 mai 1871 und weitere Broschüren über die Commune (Rolle der Frauen, der Ausländer, der Kunst, der Erziehung etc)

Braire,  Jean: Sur les traces des communards. Guide de la commune dans le Paris d’aujourd’hui

Courbet et la Commune. Katalog der Ausstellung im musée d’Orsay vom 13.3.-11.6.2000. Hrsg. von der Réunion des musées nationaux. Paris 2000

Lissagaray, Prosper: Geschichte der Commune von 1871. Unveränderter Nachdruck der deutschen Übersetzung von 1877. Edition suhrkamp 577. FFM 1971

Philip Nord: Les Impressionistes et la politique. 2009

La mairie du 11e; La Commune, à l’assaut du ciel. Histoire, lieux de mémoire et  figures de la Commune de Paris dans le 11e arrondissement. (Mai 2011)

Karl Marx (als Polemiker in Hochform): Bürgerkrieg in Frankreich: http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm

Rebérioux, Madeleine,  Le Mur des Fédérés : Rouge, “sang craché” . In: Nora (Hrsg): , Les Lieux de mémoire, vol. 1 : La République, Paris, Gallimard

Thoraval, Anne: La Commune de Paris. In: Promenades sur les lieux de l’histoire. Paris 2004, S. 124-139

Troller, Georg Stefan: Paris geheim. Artemis und Winkler Sachbuch 2008

Jules Vallès:  L’insurgé (3. Band einer autobiographischen Roman-Trilogie) Taschenbuch folio classique

Watkins, Peter: La Commune (Paris 1871). (Schwarz-Weiß-Film,  franz/engl. DVD)

Das Pariser Stadtmuseum Carnavalet ist für die Commune weniger ergiebig. Umso mehr das musée d’art et histoire in Saint-Denis. www.musee-saint-denis.fr   Métro Linie 13 Richtung Saint-Denis-Université. Station Porte de Paris, Ausgang 4

Zum 150. Jahrestag der Commune 2021 gibt es natürlich zahlreiche Publikationen und Sendungen: 

Zum Beispiel eine vierteilige Reihe in France Culture:

https://www.franceculture.fr/emissions/le-cours-de-lhistoire/la-commune-150-ans-14-la-commune-un-chantier-transnational

 Anmerkungen

[1] Es war nicht nur Karl Marx, der den Begriff „Bürrgerkrieg“ für die Commune verwendete. Z.B. gibt es eine eindrucksvolle Lithographie von Edouard Manet zur Commune mit dem Titel „guerre civile“:  https://www.histoire-image.org/etudes/repression-commune

[2] Zu den Gefängnissen der Grande und der Petite Roquette und zur dort stationierten Guillotine siehe den Blog-Beitrag: Wohnen auf historischem Boden:  La Grande et la Petite Roquette in der Rubrik Geschichte oder Wir in Paris.

[3] Zum Hôtel de Salm siehe auch den Blog-Beitrag über den Cimetière de Picpus

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Charles_Delescluze

Bei Lissagary liest sich das so: „Delescluze setzte allein seinen Weg fort. Hier das Schauspiel, wie wir es mit angesehen  haben; möge es der Erinnerung erhalten bleiben! Der alte Geächtete schritt, ohne sich umzusehen, ob ihm Jemand folge, gleichmäßig weiter. Er war das einzige leende Wesen auf der Chaussée. Als er an der Barrikade angekommen war, wendete er sich nach links und erstieg die Pflastersteine. Zum letztenmale  erblickten wir dieses ernste, vom weißen Barte umrahmte Gesicht, das  dem  Tode zugewandt war. Plötzlich verschwand Delescluze. Er war wie vom Blitzstrahl getroffen auf dem Platze von Château d’Eau gefalllen.“ Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S.342

[5] Lissagaray, Geschichte der Commune von 1871, S. 356

[6] https://www.histoire-image.org/etudes/pere-lachaise-derniers-combats-commune  Hierbei handelt es sich übrigens um eine ganz hervorragende Fundgrube: Bildmaterial zur französischen Geschichte wird vorgestellt und interpretiert.

[7] https://www.histoire-image.org/etudes/armand-barbes-prisonnier-mont-saint-michel-1839-1843

https://de.wikipedia.org/wiki/Louis-Auguste_Blanqui . Hier findet sich übrigens die falsche Information, Blanqui sei  „nach der blutigen Niederschlagung der Kommune …. erneut ins Gefängnis“ gekommen. Dort befand er sich schon vorher.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Auguste_Blanqui

zum Mont-Saint-Michel als Staatsgefängnis: http://images.google.de/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fsites%2Fdefault%2Ftil1_luce_001f.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fwww.histoire-image.org%2Fetudes%2Fecrasement-commune&h=931&w=1400&tbnid=GOTA9-INsTCKLM%3A&docid=lUfYslQKMJUoaM&ei=aA6nV9SzJ-yRgAavnLr4Dw&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=953&page=1&start=0&ndsp=15&ved=0ahUKEwjUh_Gcja_OAhXsCMAKHS-ODv8QMwgcKAAwAA&bih=623&biw=1366

[8] siehe dazu den Blog-Text: Wohnen auf historischem Boden: La Grande et la Petite Roquette. (Rubriken Geschichte und Wir in Paris

[9] http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=231

(9a) Ausführlich zu zum Grabmal und seinen geschichtlichen Hintergründen: Michel Dansel, Les lieux de culte au cimetière de Père Lachaise. Paris 1999, S. 172-186

[10] „Le 10 janvier 1870, ses funéraillles réunirent deux cent mille Parisiens, décidés à l’emeute, signe avant-coureur de la Commune.“  https://api-site.paris.fr/images/103968.pdf   Allerdings stimmt das Datum nicht: Noir wurde ja am 11. Januar erschossen und die Beerdigung fand am 12. Januar statt.

(10a) Cees Nooteboom, Eine Totenglocke läutet. In: Susanne Gretter (Hrsg), Paris liegt an der Seine. Bilder einer Stadt. st 2994, FFM 1999, S. 97/98. Dort auch das nachfolgende Zitat von Nooteboom

[11] Sehr lesenswert:  Marina Emelyanova-Griva, La tombe de Victor Noir au cimetière de Père-Lachaise. In: Archives de sciences sociales des réligions, 149, 2010. https://assr.revues.org/21870?lang=en  Auf der Internetseite von „Herodot“ ist das etwas kryptisch formuliert: „On dit que des jeunes filles et des femmes en mal d’amour viennent sur la tombe de Victor Noir caresser certaine protubérance de son gisant dans l’espoir qu’elle leur portera chance.“ https://www.herodote.net/tombes6.php

[12] Ein ähnliches Schicksal erlitten in Paris auch zahlreiche andere Kunstwerke aus Bronze: so wurde ein Teil des  „Triomphe de la République“ von Dalou (s.u.) ausgeliefert, ebenso die Statue von Baudin im Faubourg Saint-Antoine (siehe Blog-Beitrag: Der Faubourg Saint-Antoine, Teil 2: Das Viertel  der Revolutionäre.  Rubrik Stadtviertel Paris, 11. Arrondissement)

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale

[14] „Ici, au pied du mur qui porte leur nom, furent inhumés les “fédérés” retranchn:és dans le cimetière le 27 mai 1871 et tués lors de cet ultime combat. Le 28 mai, au cours de la répression, 147 fédérés y sont exécutés et ensevelis à la hâte. Dans les jours suivants, de nombreux corps provenant des prisons parisiennes ou des dernières barricades sont également mis en terre en bordure de ce mur.“ (Aus dem Plan der Mairie de Paris)

[15] Franck Frégosi: La „montée“ au Mur des Fédérés  du Père-Lachaise. Pèlerinage laïque partisan. In:  Archives des sciences sociales des religions, No  155,  2011  https://assr.revues.org/23359

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Walery_Antoni_Wr%C3%B3blewski

https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_la_Butte-aux-Cailles

[17] http://www.zeit.de/1967/03/lob-der-faulheit

http://www.laika-verlag.de/mbp/stephan-lessenich-zu-paul-lafargue-das-recht-auf-faulheit

[18] « Sain de corps et d’esprit, je me tue avant que l’impitoyable vieillesse (…) me dépouille de mes forces physiques et intellectuelles, ne paralyse mon énergie et ne brise ma volonté (…) »  Zitiert in: http://www.humanite.fr/tribunes/paul-lafargue-1842-1911-pas-de-dieu-mais-un-maitre%E2%80%A6-46-479033

[19]https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

[20] http://www.lepoint.fr/societe/plus-fort-que-hollande-le-president-thiers-et-ses-trois-femmes-02-05-2015-1925729_23.php#xtor=RSS-221

[21] Text von Paul Lafargue: http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

Originalversion der Stellungnahme von Thiers: https://fr.wikipedia.org/wiki/Le_Droit_%C3%A0_la_paresse : „ Je suis prêt à donner au clergé tout l’enseignement primaire. Je demande formellement autre chose que ces instituteurs laïques, dont un trop grand nombre sont détestables ; je veux des Frères, bien qu’autrefois j’aie pu être en défiance contre eux ; je veux rendre toute-puissante l’influence du clergé ; je demande que l’action du curé soit forte, beaucoup plus forte qu’elle ne l’est, parce que je compte beaucoup sur lui pour propager cette bonne philosophie qui apprend à l’homme qu’il est ici pour souffrir.“

[22] Michel Ragon, L’espace de la mort. Essai sur l’architecture, la décoration et l’urbanisme funéraires. Albin Michel 1981

https://books.google.de/books/about/L_Espace_de_la_mort.html?id=a9ZY3Kv0jtYC&redir_esc=y

[23] https://www.landrucimetieres.fr/spip/spip.php?article565

Zum „Sündenregister“  von Thiers gehört –aus deutscher Sicht- unbedingt seine treibende Rolle in der Rheinkrise von 1840, als die französische Regierung forderte, den  Rhein  (in seiner ganzen Länge) zur deutsch-französischen Grenze zu machen- ein wichtiger Beitrag zur Entstehung des deutschen Nationalismus und der sogenannten deutsch-französischen „Erbfeinschaft“.  Ich finde es übrigens bemerkenswert, dass in Frankreich sehr häufig und sicherlich ganz naiv von Deutschland als „outre Rhin“- also dem Land jenseits des Rheins gesprochen wird.

[24] „C’est le début de l’insurrection que l’on appellera la Commune“. http://www.appl-lachaise.net/appl/article.php3?id_article=373

[25] Eine Parallele zur Fortsetzung des Widerstands durch de Gaulle 1940 bietet sich da natürlich an, so z.B. in einer Rede vor der mur des fédérés aus dem Jahr 2007:

„La Commune est donc un acte de résistance sociale et patriotique, (…) c’est le peuple en armes qui a mis en déroute les monarchies coalisées contre la révolution. C’est le peuple de Paris qui a voulu continuer le combat plutôt que de pactiser avec l’occupant, c’est le peuple de l’ombre qui a choisi la Résistance, et ce furent les anonymes, les sans-grades qui rejoignirent de Gaulle à Londres“. Zit von Frégosi:  https://assr.revues.org/23359

[26] http://www.paris-tourisme.com/monuments/sacrecoeur/index.html

[27] Troller, S. 295

[28] https://www.histoire-image.org/sites/default/til1_luce_001f.jpg

[29] Bilder und Infos zu  bedeutenden  Gräbern:  http://www.linternaute.com/sortir/monument/cimetiere-pere-lachaise/

Hinweis: 

Dieser Blog-Beitrag wurde von der Internet-Seite Europa verbinden  ( https://europaverbinden.de/)  übernommen und ins Internet eingestellt, was mich natürlich sehr freut.

https://europaverbinden.de/wp-content/uploads/W.J.-Brgerkrieg-in-Frankreich.-Der-P%C2%BFre-Lachaise-ein-Erinnerungsort-der-Commune.pdf

Weitere Blogbeiträge mit Bezug zum Père Lachaise und zur Commune:

Chinatown in Paris (3., 8., 13. und 20. Arrondissement)

Gegenstand dieses Beitrags ist die chinesische „community“ in Paris. Sie ist von ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrer Sprache und ihren Wohnvierteln  äußerst vielfältig. Chinesen, zu denen  auch Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien in Südostasien gezählt werden, trifft man vor allem im 3., 13. und 20. Arrondissement an. Besonders sichtbar ist ihre Präsenz bei den Feiern zum chinesischen Neujahrsfest. Aber auch sonst lohnt es sich, Streifzüge durch die chinesischen quartiers zu unternehmen. Dazu will der nachfolgende Beitrag einige Hintergrundinformationen geben und anregen.

Chinatown in Paris? Das mag ziemlich merkwürdig erscheinen. Dass es chinesische Viertel in London, San Francisco oder New York gibt, ist ja bekannt, aber in Paris?

In der Tat: Wenn man den aktuellen Michelin-Führer von Paris (Erscheinungsjahr 2010) aufschlägt und im Stichwortverzeichnis nachschlägt: Fehlanzeige; und bei Ulrich Wickert, der einem immerhin „Alles über Paris“ mitzuteilen verheißt, desgleichen. Dafür gibt’s bei unserem alten „Guide du Routard“ von 1985 das Stichwort „Chinatown“- allerdings in Anführungszeichen. Und einer der 15 soziologischen Stadtrundgänge, die die renommierten Pariser Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorschlagen (Paris 2009), hat die Schlagzeile:  Chinatown- ganz ohne Anführungsstriche, so wie ja auch in dem nachfolgenden Bild eines chinesischen Supermarkts.

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Also gibt es doch eine Chinatown in Paris, die allerdings, wenn man etwas genauer hinsieht, doch keine „richtige“ Chinatown ist: Denn das, was mit diesem Begriff bezeichnet wird, ist keine Stadt der Chinesen, sondern ein Stadtviertel, in dem viele Asiaten leben: Vietnamesen, Laoten, Kambodschaner, darunter und dazu allerdings auch viele, die aus China stammen. Und es gibt neben dem asiatischen Viertel im 13. Arrondissement, das mit dem Begriff „Chinatown“ gemeint ist, auch einen kleinen chinesischen Bezirk im 3. Arrondissement und selbstverständlich – und wohl am besten bekannt- die Chinesen in Belleville[1]. Und das ist noch nicht alles….

Insgesamt in der Tat  „une communauté multiple“[2], was ihre Geschichte, ihre Herkunft und ihre bevorzugten Wohnorte in Paris angeht.

Ich versuche es mal –wie es sich als Historiker gehört- schön der Reihe nach.

Eine kleine chinesische Präsenz gab es in Paris schon seit dem 17. Jahrhundert: Der erste chinesische Student soll dem Sonnenkönig einige chinesische Schriftzeichen und den Gebrauch der Stäbchen beim Essen beigebracht haben. Um 1850 lebten etwa 50 Chinesen in Paris und das erste chinesische Restaurant wurde  eröffnet. Die Weltausstellung von 1900 trug dazu bei, das Interesse an chinesischen Produkten und der chinesischen Küche zu erweitern. Die erste nennenswerte Anzahl von Chinesen kam seit 1912 nach Frankreich. Damals  wurde nämlich zwischen der französischen und der chinesischen Regierung ein Vertrag abgeschlossen, der es jungen Chinesen ermöglichen sollte, in Frankreich kostengünstig ausgebildet zu werden. „Travail et Etudes en France“ hieß das Programm- sozusagen ein Vorläufer der bei heutigen Jugendlichen so beliebten aktuellen „travel and work“-Programme. Die meisten der etwa 2000 „étudiants-ouvriers“ kamen allerdings erst nach dem 1. Weltkrieg. Einer dieser Studenten war der spätere chinesische Ministerpräsident Tschu-En-lai, der zwischen 1922 und 1924 bei Renault in Billancourt arbeitete und in der rue Godefroy Nr. 17 im 13. Arrondissement wohnte- im gleichen Haus, in dem 1922 die französische Sektion der Kommunistischen Partei Chinas gegründet wurde. Tschu-en-lai war Führer des europäischen Zweigs der chinesischen Kommunisten und Mitglied der Gruppe der chinesischen Jungsozialisten von Paris, zu der übrigens auch ein weiterer, später prominenter „travailleur étudiant“ gehörte. [3]

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„Chou en lai 1898-1976 wohnte während seines Aufenthalts in Frankreich in diesem Haus“.

Kurz nachdem ich die Plakette fotografiert hatte, kam übrigens eine Frau vorbei und sah sich aufmerksam an, was ich da gerade aufgenommen hatte- möglicherweise hatte sie die Plakette noch nie beachtet).

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Angebracht wurde die Plakette übrigens 1976 bei einem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Hua Guofeng in Paris von dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Der berichtet davon in seinen Erinnerungen „Le Pouvoir et la Vie“: Er habe bei dieser Gelegenheit seinem chinesischen Gast auch das Zimmer zeigen wollen, in dem Tschou gewohnt habe: „Hurlements de protestation à l’intérieur, poussées par une voix d’homme et une voix de femme, réunis dans la même indignation, et sans doute la même intimité.“ Der Betreiber des Hôtels hatte seine Zimmer offenbar stundenweise vermietet…

Eine ganz andere und viel größere Gruppe von Chinesen kam während des Ersten Weltkriegs nach Frankreich. Um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern, schloss Frankreich 1915 einen Vertrag mit der chinesischen Regierung, der die Anwerbung von maximal 200 000 chinesischen Arbeitern vorsah. Rekrutierungsbüros wurden in Peking, Shanghai, Hongkong und anderen Städten eingerichtet. Insgesamt kamen 140 000 Chinesen, vor allem aus dem südlich von Shanghai gelegenen Wenzhou, nach Frankreich. Um die Zahl der Angeworbenen zu erhöhen, wurde übrigens auch eine Methode angewendet, die auch in Deutschland zu Zeiten des Absolutismus wohlbekannt war: Junge Leute wurden betrunken gemacht, so dass sie dann einen Vertrag unterschrieben. In China nannte man das offenbar  « shanghaïser ».[4]

Bei einem Ausflug ans Meer stießen wir vor einiger Zeit zufällig in der Nähe der Somme-Mündung auf ein uns sehr merkwürdig erscheinendes Hinweisschild: „Chinesischer Friedhof“. Also kurz entschlossen abgebogen und hingefahren! Zunächst fanden wir in  einem kleinen Dörfchen –Noyelles-sur-mer-  auf dem bescheidenen Dorfplatz zwei chinesische Löwen  bzw. Wächter des Buddha.

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… und dann außerhalb des Ortes den Friedhof mit  Gräbern bzw. Erinnerungstafeln von 884 zwischen 1917 und 1919 gestorbenen chinesischen Arbeitern.

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In Noyelles gab es nämlich im 1. Weltkrieg das „Basislager“ der chinesischen Kriegs-Hilfsarbeiter und für sie speziell auch ein Lazarett. Deshalb gibt es hier den einzigen rein chinesischen Friedhof auf französischem Boden. Unterhalten wird er übrigens von den Engländern, weil die meisten der dort begrabenen Chinesen von den Briten angeworbenen waren, die wie die Franzosen einen Vertrag mit China über die Anwerbung von Arbeitskräften abgeschlossen hatten.  Die Chinesen durften/mussten keine Waffen tragen, wurden aber durchaus an der Front für schwierige Missionen eingesetzt: Bei der Aushebung von Schützengräben, der Bergung von Toten oder der Säuberung eroberten Geländes von Minen. Und als 1917 die schlimme spanische Grippe wütete, setzte man sie auch in der Krankenpflege ein. Entsprechend groß war die Zahl der Opfer.[5]

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Ein Teil der von den Franzosen angeworbenen chinesischen Arbeiter –etwa 3000-  kehrte nicht mehr nach China zurück, sondern blieb in Frankreich bzw. vor allem in Paris : Sie siedelten sich aufgrund der billigen Mieten und der verkehrsgünstigen Lage zunächst um den Gare de Lyon an und  eröffneten Geschäfte und Restaurants:  Es war die erste chinesische „Kolonie“ in Paris, die bald auch weitere Chinesen anzog. Die meisten dieser Chinesen, die im allgemeinen Analphabeten waren, verdienten ihr Geld als „Colporteurs“, das heißt sie boten als fliegende Händler auf den Märkten vor allem Lederwaren an.

Heute erinnert noch eine plaque commemorative in der Rue Chrétien du Troyes no 13 am Gare de Lyon an die chinesischen Arbeiter:

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„Von 1916 bis 1918 beteiligten sich 140 000 chinesische Arbeiter in Frankreich an den Kriegsanstrengungen der Alliierten und mehrere Tausende verloren dabei ihr Leben. Nach dem Sieg ließen sich 3000 von ihnen im Bereich des Gare de Lyon nieder und bildeten die erste chinesische Gemeinde“. 

Und seit 1918 gibt es auf dem Vorplatz des Bahnhofs die Statue eines chinesischen Arbeiters, die einmal in der Umgebung des Bahnhofs wohnten. Sie ist ein Werk des chinesischen Künstlers Li Xiao und erinnert an ein wenig bekanntes Kapitel der chinesischen Präsenz in Paris. [5a]

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Heute ist davon nichts mehr zu sehen- eine Konsequenz der Sanierung des Viertels um den Gare de Lyon. Aber dafür gibt es in der Avenue Daumesnil, die am Gare de Lyon vorbeiführt, ein chinesisches Computergeschäft am anderen. Alle spezialisiert auf Laptops, deren Reparatur und entsprechendes Zubehör. In einem dieser Geschäfte war ich auch, als mein letzter Laptop seinen Geist aufgab, und ich wurde dort mit der zu erwartenden chinesischen Höflichkeit und außerdem sehr umgehend und korrekt bedient. In gewisser Weise kommt man sich da vor wie in einer mittelalterlichen Stadt mit ihren Weckmärkten, Seilergassen und Weißgerbergräben.

Auch die Soldaten und Arbeitskräfte aus dem südostasiatischen Kolonialreich, die während des ersten Weltkriegs in Frankreich eingesetzt wurden, waren nach dem allgemeinen Verständnis und Sprachgebrauch „Chinesen“. Insgesamt waren das über 40 000 sogenannte tiralleurs aus Tonking und Annam, die im Allgemeinen an die Front versetzte französische Arbeitskräfte ersetzten und wegen ihres exotischen Aussehens –nicht nur von Kindern- beäugt und bestaunt wurden.[6]

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Das Chinesenviertel im 3. Arrondissement  

Das älteste heute noch existierende Chinesenviertel ist das im 3. Arrondissement  in und um die Rue au Maire (Métro Arts et Métiers). Es waren vor allem Chinesen aus der Gegend um den Hafen von Wenzhou im Süden Chinas, die zwischen den beiden Weltkriegen nach Frankreich kamen Im 3. Arrondissement eröffneten sie kleine Geschäfte, stellten Lederwaren her und verkauften sie, vor allem in der Rue des Gravilliers. Außerdem arbeiteten sie in kleinen Textilwerkstätten, die meist jüdische Besitzer hatten. « L’expansion des Chinois dans le quartier des Arts-et-Métiers date véritablement de la seconde guerre mondiale, précise Marie Holzman. Beaucoup de Juifs ont alors été déportés par les Allemands. Dès qu’un atelier était vide, les Chinois s’installaient »[7]  1997 stellten die Chinesen im Quartier Arts et Métiers 1997 immerhin 27% der Bevölkerung![8] „Ce petit Chinatown“ ist allerdings kein Touristenmagnet und nur wenige Auswärtige verirren sich in die kleinen Geschäfte und Restaurants, in denen man freundlich bedient wird – auch wenn man von den manchmal rein chinesischen Aushängen nichts versteht.

Und es gibt einen von außen gut sichtbaren buddhistischen Tempel, in dem man auch einen Tee serviert bekommt.

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Nicht versäumen sollte man es, in der Seitenstraße –Rue Volta Nr. 3- einen Blick auf den dortigen Fachwerkbau zu werfen. Das Haus galt lange als das älteste in Paris, seit 1978 wird es allerdings ins 17. Jahrhundert datiert. Eigentlich war diese Bauweise aus Feuerschutzgründen seit dem 16. Jahrhundert in Paris verboten, was aber nicht verhindern konnte, dass bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts weiter so gebaut wurde. Übrigens ist das bis  heute ein Problem in Frankreich: Kürzlich wurde in Le Monde berichtet, wie viele Gesetze in den letzten Jahren vom französischen Parlament verabschiedet wurden, die aber nicht in Kraft treten können, weil es an den notwendigen Ausführungsbestimmungen der Ministerialbürokratie fehlt.

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Unten gibt es  das Song Heng, ein kleines chinesisches/vietnamesisches Restaurant, das nach Auskunft der davor Wartenden sehr empfehlenswert ist: schnell –wenn man mal reingekommen ist- gut und preiswert!

Die Pagode des Ching Tsai Lao   (8. Arrondissement)      

Allerdings waren es nicht nur arme chinesische Arbeiter und „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus Wenzhou, die sich in dieser Zeit in Paris niederließen. Paris zog auch chinesische Kaufleute an, die sich hier gute Geschäfte versprachen. Einer davon war Ching Tsai Loo. Aus einer reichen Familie von Grundbesitzern, Gelehrten und hohen Beamten stammend, gründete er 1908 eine erste Galerie chinesischer Kunst in Paris.  1928 ließ er in der Nähe der Grands Boulevards ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Wohnhaus im chinesischen Stil umbauen und verkaufte dort chinesische Antiquitäten, die er über seine Niederlassungen in Peking und Shanghai erworben hatte. Außerdem war sein Haus offen für chinesische Landsleute, unter anderem für den – auch aus „gutem Hause“ stammenden- Tschu-En-lai. Ob der kunstsinnige Großkaufmann Ching etwas von den revolutionären Aktivitäten seines Gastes wusste?

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Man traut  kaum seinen Augen, wenn man die Rue de Courcelles hochgeht und plötzlich auf diese chinesische Pagode stößt. Ich war ja schon zig-mal in Paris, aber das hatte ich noch nie gesehen. Eine wunderbare Entdeckung! Und es lohnt sich sehr, das Haus nicht nur von außen zu betrachten.

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Die Erben des Gründers betreiben hier immer noch einen Kunsthandel, und man kann die zum Teil aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammende chinesische Inneneinrichtung und  die erlesenen Kunstwerke der Galerie besichtigen. Außerdem erfährt man auf Informationstafeln Interessantes über das Leben und Wirken von Ching Tsai Loo, eher bekannt unter dem Kürzel C.T. Loo.

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C.T.Loo -eigentlich Lu Huan Wen- stammt aus bescheidenen Verhältnissen.  Als Koch der  reichen chinesischen Familie Zhang folgt er dieser 1902 nach Paris, als sein Arbeitgeber Zhang Jinjiang an die Botschaft in Paris berufen wird. Zhang eröffnet dort auch an der place de la Madeleine ein Geschäft für chinesische Waren, die damals sehr in Mode waren, wo Loo nun arbeitet. Rasch entdeckt er, dass mit chinesischen Waren grandiose Geschäfte zu machen sind: Eine Vase aus Porzellan kann in Paris zum 10 000-fachen ihren Einkaufwertes verkauft werden! Loo macht sich also rasch selbstständig, eröffnet ein erstes Geschäft in Paris, es folgen weitere in London, Shanghai und in der 5th avenue in New York. Loo ist nun der weltweit erfolgreichste und  bekannteste Händler chinesischer Kunst. Mit der Gründung der Volksrepublik China versiegt der Nachschub von chinesischer Kunst und man wirft ihm heute in China vor, für den Ausverkauf chinesicher Kunst mitverantwortlich zu sein. Andererseits kann man ihm auch zugute halten, dass auf diese Weise  viele Kunstschätze vor dem Wüten der Kulturrevolutionäre gerettet wurden.

Praktischer Hinweis: 48 rue de Courcelles, 75008 Paris (Métro Courcelles oder besser St Philippe du Roule)  dienstags bis samstags zwischen 14 und 18 Uhr

Zu C.T.Loo siehe die Biographie von Geraldine Lenain, Monsieur Loo. éd. Philippe Picquier 2013 und den Artikel in Le Monde vom 2. April 2019: Le Musée Guimet sur les traces du mystérieux C.T. Loo (culture, S. 21) anläßlich der Übergabe von Dokumenten aus dem Besitz der Universität von New York an das Pariser Museum.

Das chinesische Viertel in Belleville   

Nach der kommunistischen Machtübernahme  im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder –wie schon in den 1920-er Jahren Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben  arbeiteten.  So entstand die „Chinatown“ von Belleville.[9]

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Die Herkunft vieler  Geschäftsinhaber aus Wen Zhou ist  kaum zu übersehen.

Das  Wenzhou in der Rue Belleville Nummer 24 soll übrigens „der beste Chinese der Stadt“ sein.[10]

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Zu den Einwanderern aus Wen Zhou kamen dann auch noch Flüchtlinge aus dem ehemaligen französischen Indochina, die überwiegend zu den dortigen chinesischen Minderheiten gehörten.  Allerdings ist Belleville alles andere als ein reines Chinesenviertel:  Es ist ein altes Arbeiterviertel von Paris mit einer langen Tradition der Aufnahme und Integration von Fremden: Von Franzosen aus armen Provinzen wie der Auvergne, die sich im 19. Jahrhundert in Paris ein besseres Leben erhofften; von Elsässern/Franzosen, die nach der Annexion von Elsass-Lothringen 1871 durch das Deutsche Reich dort nicht länger leben wollten; von Juden aus Mittel- und Osteuropa auf der Flucht vor Pogromen und dann vor dem Nationalsozialismus. Und nach dem Krieg kamen dazu auch schwarzafrikanische und  vor allem nordafrikanische  Einwanderer.

Belleville wird gerne als Beispiel für ein erfolgreiches Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe und Religion angeführt. Es gibt allerdings durchaus auch Probleme des „vivre ensemble“ in Belleville – auch solche, die die Menschen mit chinesischen bzw. südostasiatischen Ursprungs betreffen.  Dazu gehören die expansive chinesische Präsenz in dem Viertel, die Kriminalität, als deren bevorzugte  Opfer sich gerade Chinesen betrachten, und die chinesische Prostitution. Entsprechende Informationen gibt es in dem Blog-Beitrag über  Belleville vom Juli 2016.

Ein Spaziergang durch das „chinesische Belleville“ kann an der Métro-Station Pyrénées beginnen (Linie 11)  und die Rue de Belleville hinunterführen bis zur Station Belleville (Linien 11 und 2). Dabei sollte man  öfters Blicke in die Seitenstraßen rechts und links werfen (incl. Bd de la Vilette und Bd de Belleville) und ggf. kleine Abstecher machen. Ein Einkauf in einem der chinesischen Supermärkte ist ebenfalls äußerst empfehlenswert.

Und natürlich auch ein Imbiss in einem der kleinen  chinesischen Restaurants an der Rue de Belleville oder auch im noblen Président, an der Ecke zwischen dem Bd de Belleville und der Rue  du Faubourg du Temple an der Métro-Station Belleville. Der Président ist eine Institution in Belville, seine Treppe à la Cannes ist legendär, „un vrai festival de Cannes à lui seul“, sein Ruf wurde vor Jahren durch einen Besuch Mitterands verbreitet. In der Mitte des großen Saals steht noch zwischen riesigen Aquarien und vergoldeten Drachen der Sessel, auf dem Mitterand bei seinem Besuch gesessen haben soll und der inzwischen den Status einer Reliquie innehat.[11]

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(aus Le Monde vom 31.1.2014)

Ein schöner Abschluss eines Rundgangs  ist übrigens der  Besuch bei der Association de l’Union des Indochinois en France in der Rue du Buisson St. Louis/Einmündung der Rue Civiale. Man wird dort sehr freundlich empfangen und kann sich die buddhistischen Altäre ansehen.

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Auf einem stehen in einem Glas Holzstäbchen, mit denen es folgende Bewandtnis hat:  Wenn man eine Frage/ein Problem hat, kann man sich ein Holzstäbchen nehmen, auf dem jeweils eine bestimmte Nummer aufgedruckt ist. Dann holt man sich aus dem Wandkasten ein Orakelkärtchen, das der gezogenen Nummer entspricht und findet dort –hoffentlich- die passende/erhoffte Antwort.

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Dem Altarraum angeschlossen ist auch ein äußerst spartanisch eingerichteter Klassenraum, in dem Kinder des Chinesenviertels am Wochenende chinesisch lesen und schreiben lernen, um so den Kontakt mit ihrer heimatlichen Kultur nicht zu verlieren.

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„Chinatown“  im 13. Arrondissement

Eine „multikulturelle“ Solidaritäts- Demonstration für die Chinesen des Viertels, wie es sie in Belleville gab,  wäre wohl in der „eigentlichen“ Pariser Chinatown im 13. Arrondissement kaum möglich und auch kaum erforderlich. In diesem alten/ehemaligen Arbeiterviertel von Paris haben sich vor allem seit den 1970-er Jahren viele Asiaten niedergelassen. Wie viele es genau sind, ist kaum exakt zu ermitteln. Georg Stefan Troller spricht von  35 – 40000 Asiaten meist chinesischer Herkunft oder Abstammung, die dort leben und die wahrscheinlich die größte Chinatown Europas bildeten (Paris geheim, S. 225). Nach Costa-Lascoux/Yu-Sion, die sich auf die offizielle Statistik von 1990 beziehen, sind es dagegen lediglich genau 5086 Personen im 13.Arrondissement, die zu diesem Zeitpunkt die chinesische Nationalität oder die eines der drei Länder  Indochinas hatten. Diese Unterschiede hängen sicherlich damit zusammen, dass die gewiss auch vorhandenen illegalen Einwanderer hier natürlich nicht mitgerechnet sind, die  inzwischen eingebürgerte Migranten ebenso wenig- und gerade bei den Südostasiaten ist der Anteil derer, die die französische Staatbürgerschaft anstreben und erhalten, besonders hoch. (Paris-XIIIe, S.27/28).  Wie auch immer: Selbst  Chinesen, die hier leben, sprechen von dem „quartier chinois du 13ème arrondissement“ und fügen dann noch –wenn auch in Klammern an:  „Le Chinatown parisien“ (Amicale des Teochew).

Dass der Begriff „Chinatown“ auch keine Kreation des Pariser Tourismus-Marketings ist, wird schnell deutlich. Sehr pittoresk ist diese Chinatown nämlich ganz und gar nicht – architektonisch jedenfalls verweist –soweit ich das gesehen habe-neben dem Tempel, zu dem wir noch kommen,  nur ein einziges Gebäude ganz bewusst und ostentativ auf den besonderen Charakter des Viertels: Und zwar ausgerechnet die Filiale von Mc Donalds in der Avenue de Choisy.

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Die lackierten Enten gibt’s allerdings bei Mc Donalds (noch) nicht!

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Ansonsten stehen aber im Zentrum der „Chinatown“ völlig gesichtslose Hochhäuser, die seit den 1960-er Jahren auf dem  Gelände der stillegelegten Autofabrik Panhard & Lavassor –einem der ältesten Autohersteller der Welt- errichtet wurden, an den heute fast nichts mehr erinnert.

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Es handelt sich um ein von den städtebaulichen Theorien Le Corbusiers inspiriertes Projekt: Ein Hochhausviertel mit dem schönen Namen Olympiades, weil die Hochhäuser –aus welchen Gründen auch immer- die Namen von Olympia-Städten tragen.

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Vorgesehen waren Sozialwohnungen (HLM- Habitations à loyer modéré), etwas  anspruchsvollere Wohnungen für den Mittelstand, vor allem aber Wohnungen für junge, gutverdienende Freiberufler und höhere Angestellte. Diese wollte man vor allem durch ein breites Angebot an Geschäften, Freizeitangeboten und schulischen und kulturellen Einrichtungen  anziehen. Allerdings erwies sich diese Hoffnung  als trügerisch. Die Besserverdienenden, die man vor allem im Auge hatte, wollten nicht in einer Umgebung im Stil der  HLM-Siedlungen im tristen banlieue wohnen.

In die freistehenden Wohnräume zogen vor allem seit dem Fall von Saigon 1975 Südostasiaten –oft chinesischer Herkunft- ein, die vor der Machübernahme der Kommunisten geflohen waren. Dazu kamen nach 1979 weitere –ebenfalls oft chinesisch-stämmige- Vietnamesen, Laoten und Kambodschaner als Folge chinesisch-vietnamesischen Krieges – oft „boat people“ ohne finanzielle Mittel. Um die hohen Mieten in den  Olympiades-Türmen  zu bezahlen, wurden die Wohnungen meist völlig überbelegt, oft  von mehreren Familien. Und es wurde dort nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet: vor allem in kleinen Familien-Betrieben der Textil-Herstellung, wobei da wohl, was Arbeitsbedingungen, Steuern und Sozialabgaben angeht, die rechtlichen Rahmenbedingungen gerade in den ersten Jahren zum Teil unbeachtet blieben.  Und das Geld, eine Wohnung zu kaufen oder zu mieten und das Startkapital für ein Geschäft oder einen kleinen Betrieb erhielten die mittellosen Neuankömmlinge nicht durch eine „klassische Bank“, sondern durch die sogenannte „tontine chinoise“,  ein ganz traditionelles chinesisches System der Geldbeschaffung –das auf gegenseitigem Vertrauen und persönlichen Beziehungsgeflechten beruht. Den Ruf von „Chinatown“ förderte das alles nicht. In etwas maliziös gemeinten Bezeichnungen wie „chinesisches Dreieck“ oder „triangle de Choisy“ kommt das zum Ausdruck.[12] (Gemeint ist damit das Dreieck zwischen den Avenuen d’Ivry, Choisy und der Rue de Tolbiac, wozu auch noch das Olympiades-Gelände kommt. Und die Grenzen zwischen „ville européene“ und „ville chinois“ sind sowie fließend. Und wenn dieses Viertel –und vor allem die Olympiades-Betonwüste-  architektonisch eher abschreckend wirken mag: Ein Rundgang, so wie er hier von dem Soziologenpaar Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot vorgeschlagen wird, lohnt sich auf jeden Fall. (Paris, S.130ff).

Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[13]

 Dass man in einer anderen Welt ist, merkt man schon sehr schnell, nachdem man die Metrostation verlassen hat: Am Zeitungskiosk gibt es chinesische Zeitungen –einige werden von Peking, andere von Taipeh unterstützt- man findet chinesische bzw. ostasiatische Geschäfte jeder Art: Reisebüros, Versicherungen, Immobilienbüros, Reinigungen, Kunsthandwerk, Lebensmittelläden, Video-Clubs, Reinigungen, Restaurants, Frisöre, Schönheitssalons…

Chin.Geschäft  3e 018

Alle Aushänge auf chinesisch – oder in anderen ostasiatischen Sprachen;  manchmal kann man mit Mühe kleingedruckte –und oft unvollständige-  französische Übersetzungen finden– so in einem Reisekatalog der Compagnie Franco Asiatique de Voyage, die im „Chinesenviertel“ zwei Niederlassungen unterhält und offenbar für dessen Bewohner Reisen vor allem in die alte Heimat anbietet.

Plan Chinatown 13e 003

Zwischen dem Ausgangspunkt, der Metrostation Porte d’Ivry und dem Endpunkt, dem Supermarkt Tang Frères, gibt es eine Menge zu entdecken und man bekommt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die hier zusammen leben. „ Le quartier chinois de Paris, connu de nom, méconnu en réalité, est une expérience à vivre. Les couleurs, les odeurs: tout donne l’impression d’être à des milliers de kilomètres de la capitale parisienne…. l’on se surprend à se sentir comme un touriste dans sa propre ville.“[14]

Zwei Orte sollte man bei seinem Rundgang durch das chinesische Viertel unbedingt ansteuern: den buddhistischen Tempel auf der Ostseite des Olympiades-Geländes und den Supermarkt der Tang-Brüder:

Dieser 1989 entstandene buddhistische Tempel ist eine Einrichtung der „Amicale des Teochew en France“.

Bastille und Quartier Chinois 031

 Die Teochew oder –wie sie nach der Aussprache auch bezeichnet werden: Chaozhou- stammen aus der im Süden Chinas gelegenen Provinz Guangdong. Vor 1975 war ihre Zahl in Frankreich völlig unbedeutend. Heute bilden sie die größte Gruppe unter den Chinesen in Paris und alle großen chinesischen Händler der Hauptstadt gehören zu ihnen. Dieser Wohlstand wird auch an dem Tempel sichtbar. Liegt der zweite Tempel der Olympiades unter dem Beton-Boden des Geländes und versteckt neben der Zufahrt zur Tiefgarage (Rue de Disque/Avenue d’Ivry- siehe Plan), so ist der Tempel der Teochew kaum zu verfehlen: Hinweisschilder verweisen auf ihn und seine Architektur hebt ihn aus  dem betongrauen Einheitsbrei der darum herumstehenden Hochhäuser und Einkaufszentren heraus. Besucher werden freundlich empfangen und es gibt auch ein Informationsblatt zum Tempel und der Amicale des Teochew.

Die Vereinigung bietet eine Vielzahl von pädagogischen, künstlerischen, sportlichen und religiösen Aktivitäten an. Ziel ist es vor allem, die landsmannschaftliche Verbundenheit und die Traditionen der Teochew in Frankreich zu bewahren und Neuankömmlinge dabei zu unterstützen, in Frankreich Fuß zu fassen.  Im Tempel beeindrucken vor allem die 18 „wilden Kerle“ an beiden Seiten. In Wirklichkeit sind das aber so etwas wie buddhistische Heilige, sogenannte „Luohans“ oder „arhats“: Sie haben übermenschliche Kräfte, mit denen sie das Wohlergehen der Menschen fördern und Gutes für sie tun. Jeder hat seine speziellen Aufgaben, meist an ihren Attributen erkennbar:   einer zum Beispiel jagt den Tiger, ein anderer bringt die Löwen zum Lachen, und ein weiterer der  18 zähmt den Drachen- ich nehme an, dass das der abgebildete Luohan ist.

Bastille und Quartier Chinois 028

Zum Abschluss des Rundgangs sollte man unbedingt in den Supermarkt der Tang Frères gehen. Und dafür gibt es viele gute Gründe:

Dieser Supermarkt ist der größte ostasiatische Markt in Paris. Besonders an den Wochenenden kommen Ostasiaten aus dem ganzen Großraum von Paris zum Einkaufen hierher.  Allein schon hindurchzugehen und sich die Produkte und die Menschen anzusehen ist ein Abenteuer.                                                                                                                     Die Geschichte der Tang frères ist eine wunderbare ostasiatisch-französische Erfolgsgeschichte.

Die Brüder Khambou und Bounmy Rattanavan verließen 1975 ihr Heimatland Laos, emigrierten nach Paris und gründeten dort 1976 eine Export-/Importfirma mit dem Namen Tang-Frères. Inzwischen ist das –laut Wikipedia- „the biggest Asian supermarket chain west of China“. Umsatz  2009: 174 Millionen €! Erreicht wurde dies u.a. durch eine breite Diversifizierung. Es gibt nicht nur Tang- Supermärkte, sondern auch Tang- China-Imbiss-Stuben –etwas übertrieben Tang Gourmet benannt- , z.B. am Place d’Italie und –natürlich- in der Rue de Belleville. Außerdem importiert und produziert das Unternehmen chinesische DVDs,  ist im TV-Geschäft aktiv und hat zahlreiche lukrative Alleinvertriebsrechte: unter anderem für Danone-Produkte in China und in Frankreich für das Tsingtao-Bier (gegründet 1903, wie stolz auf den Dosen vermerkt wird, und zwar von deutschen Braumeistern in der damaligen Kolonie Tsingtao, was allerdings nicht auf den Dosen steht. Damals hatte das Bier allerdings noch einen anderen Namen: Es hieß „Germania“[15]).

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Einer der beiden Tang-Brüder äußerte sich in einem Gespräch mit Time Europe vom 26. Juni 2000 folgendermaßen zum Verhältnis von Identität und Integration:

„The problems [of integration into France] are mainly problems of communication. At first, the Chinese community made the mistake of remaining closed. They didn’t communicate. But now there’s a second generation that’s been to school here, and it’s opening up more. I think it would be a shame for my children to lose their Chinese culture. Europe needs young people with a dual culture. When you’ve known war and poverty, it makes you stronger. When you’ve got a strong sense of family, you want your kids to succeed. So you keep an eye on them and make sure they study hard. When parents attach importance to their children’s studies and offer encouragement, the children can only succeed.”[16]

Diese Verbindung von Traditionsbewahrung, Integration in die neue Heimat, Familiensinn- bzw. weiter gefasst: landsmannschaflicher Verbundenheit, Lernwillen und Aufstiegsbewusstsein scheint mir, soweit ich das beurteilen kann, typisch zu sein für die Chinesen/Südostasiaten in der Pariser „Chinatown“. Und es ist ja sicherlich auch kein Zufall, dass in dem kurzen Statement zweimal die Begriffe „study“ und „succeed“ verwendet werden: Wenn –wie auch jetzt wieder anlässlich der PISA-Ergebnisse- auch in Frankreich von den schulischen Problemen der Kinder mit „Migrationshintergrund“ gesprochen wird: Die Kinder aus der „Chinatown“ sind damit sicherlich nicht gemeint.  Costa-Lascoux/Yu-Sion heben in ihrer Arbeit über das 13. Arrondissement ausdrücklich die von allen Seiten bestätigte  Motivation,  Arbeitsqualität und den schulischen Erfolg der Schüler/innen asiatischer Herkunft hervor- und dies, obwohl zu Hause i.a. nicht französisch gesprochen würde und die Eltern die Sprache ihrer neuen Heimat oft auch nur sehr unvollkommen beherrschten. Die Schule sei für sie aber gewissermaßen „heilig“.  „Wenn ich nur asiatische Schüler hätte“, wird z.B. der Kollege einer Schule im 13. Arrondissement zitiert, „könnte ich abends früher und wesentlich weniger erschöpft nach Hause gehen“ (S.120). Die asiatischen Schüler sind also in vielfacher Hinsicht „des élèves modèles“ (S.119). Und dazu passt ja übrigens auch, dass das „außer Konkurrenz“ teilnehmende Shanghai bei der letzten PISA-Untersuchung weltweiter Spitzenreiter geworden ist.

Das chinesische Neujahrsfest

Jedes Jahr gibt es zum chinesischen Neujahrsfest den traditionellen Umzug durch das 13. Arrondissement. Hier wird einerseits das Traditionsbewusstsein der Asiaten deutlich, aber auch ihr Wunsch, sich nach außen zu öffnen und darzustellen. Der Umzug mit seinen spektakulären Drachen- und Löwentänzen, der mehrere Stunden dauert, ist ein Anziehungspunkt für die chinesischen Gemeinden der Ile-de-France, aber auch für viele alteingesessene Pariser und Touristen. Aufgrund der traditionellen, farbenfrohen Kostüme, der Böller und der „Motivwagen“ kommt man sich ein wenig vor wie auf unseren Faschingsumzügen, und die Veranstalter sprechen ja auch selbst von einem „Carnaval du nouvel an chinois“.

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Während es bei uns die verschiedenen Karnelvals- und sonstigen Vereine sind, die die einzelnen Wagen und „Nummern“ gestalten, sind es hier meistens die Vereinigungen von Chinesen aus verschiedenen Gegenden ihrer Heimat:  Die „Association amicale des Cantonais“,  die „Association de la Communauté de Hainan  en France“, die „Association des Panyu en France“…  Manche der Namen, die auf den jeweils vorangetragenen bestickten Transparenten erschienen,  hatte ich noch nie gehört, aber neben mir stand bei meinem letzten Besuch des Neujahrsfests ein freundlicher junger „Asiate“, der mir eine kleine Nachhilfestunde in chinesischer Geographie gab.

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Dieser Umzug zum chinesischen Neujahrsfest ist ein eindrucksvoller und anschaulicher Ausdruck der Bedeutung der „Asiaten“ in Frankreich.

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Und dabei ist dieser Umzug im 13. Arrondissement nur ein Teil der Festivitäten, die es zum chinesischen Neujahrsfest in Paris gibt. Auch die chinesischen Gemeinden im 3. und 20. Arrondissement veranstalten Umzüge, vor dem Rathaus des 11. Arrondissement und an  vielen anderen Stellen werden Löwentänze aufgeführt, es gibt oft auch Konzerte mit traditioneller chinesischer Musik, wie –hier zu sehen- im Festsaal des Rathauses  des 13. Arrondissements.

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Und überall sind die Rathäuser, in deren Bezirken eine größere chinesische Gemeinde lebt, und die „chinesischen Straßen“ und Geschäfte mit den glücksbringenden roten Lampions geschmückt.

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Das Rathaus des 3. Arrondissement

Gerade das chinesische Neujahrsfest ist also ein schöner Anlass, einen Eindruck von der Vielfalt,  Bedeutung und Vitalität des „chinesischen Paris zu gewinnen.

Pour en savoir plus:

Costa-Lascoux, Jacqueline und Live Yu-Sion: Paris-XIIIe, lumières d’Asie. Paris 1995

Marie Holzman, Chinois de Paris (1989).

Loizeau, Emmanuelle: Le 3e Arrondissement. Itinéraires d’histoire et d’architecture. Paris 2000

Pinçon, Michel und Pinçon-Charlot, Monique: Chinatown, un ghetto chinois à Paris? In: Paris. Quinze promenades sociologiques. Paris 2009, S. 130-156

Führungen durch das ”chinesische Belleville”:  Donatien Schramm Tel. 06.30.75.47.22 cffc75@yahoo.fr (samstags 14.30)

Anmerkungen:

[1]  siehe dazu den Blog-Beitrag über Belleville vom Juli 2016

[2] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[3] Zur Geschichte der chinesischen Präsenz in Frankreich/Paris siehe den kleinen Text von Donatien Schramm: http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

Schramm ist Président de l’Association Chinois de France – Français de Chine

[4] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/ und Schramm (a.a.O.)  Dazu auch : Ma Li, Travailleurs chinois dans la première guerre mondiale (2012)

[5] www.tao-yin.com/wai-jia/cimetiere_noyelles.htm

[5a] siehe z.B. https://blogs.mediapart.fr/freddy-mulongo/blog/040321/paris-gare-de-lyon-la-remarquable-sculpture-de-chinois-de-li-xiao-ciao 

[6] Manon Pignon, 1914-1918. Paris dans la Grande Guerre. Paris, Parigrmme 2014

[7] http://lagrandeguerre.blog.lemonde.fr/2013/12/26/les-travailleurs-chinois-de-la-premiere-guerre-mondiale-22/

[8] Loizeau, S. 54- eine neuere Statistik habe ich nicht.

[9]http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer. Siehe dazu auch den Blog-Beitrag über Belleville (20. Arrondissement) vom Juni 2016

[10] http://www.weltenbummlermag.de/paris-naschkatzen

[11] http://www.lemonde.fr/societe/article/2014/01/31/l-or-retrouve-du-restaurant-le-president-symbole-de-la-mue-chinoise-de-belleville_4357852_3224.html

http://www.evous.fr/Restaurant-Le-President,1128405.html#2jBLTGVD7cJ5VqxL.99

http://www.leparisien.fr/espace-premium/actu/comment-vote-13-04-2012-1952538.php

[12] Costa-Lacoux/Yu-Sion, 148

[13] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[14] http://www.decouvrir-paris.fr/2010/04/le-quartier-chinois-toute-lasie-a-paris/

[15] http://www.chine-france.com/wp-content/uploads/2013/07/LA-PRESENCE-CHINOISE-EN-FRANCE.pdf

[16] http://www.time.com/time/europe/specials/immigration/voices_tang.html

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Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

Gegenstand dieses Beitrags ist das Stadtviertel Belleville im 20. Arrondissement von Paris. Belleville weist –ähnlich wie der Faubourg Saint Antoine- keine Sehenswürdigkeiten im traditionellen Sinne auf und wird deshalb von den üblichen Reiseführern eher nicht beachtet. Es ist aber ein außerordentlich lebendiges, facettenreiches Viertel, dessen Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Es ist ein  Ort der Kunst, vor allem auch der Street-Art, ein  Ort politischen Engagements in Vergangenheit und Gegenwart und nicht zuletzt das multikulturelle Viertel von Paris. Hier wird Belleville oft Modellcharakter zugesprochen, der allerdings in letzter Zeit  immer mehr in Frage gestellt wird. Ist Belleville also auf dem Weg vom Modell zum Mythos? Ich kann die Frage stellen; ich kann auch erläutern, warum man sie sich stellen  kann oder vielleicht sogar muss, beantworten kann ich sie aber nicht.

Der Bericht enthält folgende Abschnitte:

  1. Das Belleville des Wassers und des Weins
  2. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker
  3. Das Belleville der Commune
  4. Das –immer noch- linke Belleville
  5. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle
  6. Das Belleville der Künstler und der Bobos
  7. Das Belleville der Street Art
  8. Das multikulturelle Belleville (Juden, Tunesier, Schwarzafrikaner, Chinesen)

Wenn von Belleville die  Rede ist, fehlt fast nie die Betonung des multikulturellen Charakters des Stadtviertels: Es ist ein „Babel“, ein „laboratoire de la diversité“, une „terre d’asile et d’accueil de populations aux provenances multiples“, geprägt vom „exotisme des communautés mélangées.  „C’est un lieu emblématique des quartiers pluriethniques à la française“, wie es in einer Präsentation des Viertels durch das Pariser Immigrationsmuseum heißt.[1] In der Tat leben dort auf engem Raum zusammen bzw. nebeneinander alteingesessene Franzosen[2], Nordafrikaner. Schwarzafrikaner und Chinesen- bzw. Menschen afrikanischer, asiatischer oder karibischer Herkunft; Chrsten, Juden,  Mohammedaner, Bouddhisten und sicherlich auch Atheisten.

Im Gegensatz zu Arrondissements, wo die Weißen weitgehend unter sich sind (wie im 16.), die Chinesen (wie  im „Chinatown“ des 13. Arrondissements) oder die Afrikaner -bzw. ihre jeweiligen Nachkömmlinge im Goutte d’Or (siehe den entsprechenden Blog-Beitrag vom Mai 2016) leben hier Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe. Ein quartier pluriethnique ist Belleville also ganz gewiss. Wenn allerdings mit dem Zusatz à la français das vielbeschworene „modèle français d’intégration“ gemeint ist, also eine die Unterschiede von Herkunft, Hautfarbe und sozialem Status überwindende Integration in das republikanische Frankreich mit seinen Werten und Idealen, dann ist nicht ganz sicher, inwieweit Belleville hier noch als Modell gelten kann, sondern eher ein Mythos ist. Dazu am Ende dieses Beitrags mehr.

Belleville ist auch darüber hinaus ein Stadtviertel ausgeprägter diversité: soziologisch, indem hier ganz verschiedene Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen zusammen leben:  Handwerker, Künstler, Händler, sehr viele Arme, aber auch sogenannte BoBos, also jüngere, gut verdienende Menschen, die oft im  Kreativbereich arbeiten.  Am Stadtbild lässt  sich die große Vielfalt des Viertels ablesen: Es gibt ein paar wenige Zeugen der mittelalterlichen Vergangenheit, stellenweise ist noch etwas von dem ehemaligen ländlichen und kleinbürgerlichen Charme zu spüren; es gibt sukzessive Fluchten von Hinterhöfen, die auf den ehemaligen Parzellen von Gemüsefeldern errichtet wurden, und es gibt die HLM-Kästen des sozialen Wohnungsbaus als Zeugen der teilweise brutalen Sanierungs-Bemühungen, denen Belleville seit dem 2. Weltkrieg ausgesetzt war und ist. Auch in dieser Hinsicht ist Belleville also ein patchwork-Viertel. Sein Reiz erschließt sich wohl nicht auf den ersten  Blick, aber es lohnt sich, durch das Viertel zu streifen und auf Entdeckungstour zu gehen. Vielleicht kann dieser Text  dazu anregen.

Ein idealer Ausgangspunkt für eine solche Entdeckungstour ist übrigens der Belvedère de Belleville an der Ecke zwischen der Rue Piat und der Rue des Envierges am nördlichen Rand des Parc de Belleville.

Von dort aus hat man  einen der besten Panorama-Blicke über Paris, es gibt ein schönes Café und in dem Amphitheater unter dem Belvedere, das  von dem Street-Art-Künstler Seth ausgemalt wurde,  gibt es im Sommer öfters Konzerte. Ein Ort „à  ne pas manquer!“, wie es in einschlägigen  Führern heißt. (2a)

Seth Belleville IMG_1996

1. Das Belleville des Wassers und des Weins

Im 18. Jahrhundert war Belleville ein –wie der Name schon sagt-  schöner und beschaulicher Ort außerhalb von Paris. Hier wurde Gemüsen und vor allem Wein angebaut. Die Quellen der Hügel versorgten schon seit dem Mittelalter Paris mit sauberem Wasser, wohlhabende Pariser errichteten Landhäuser im Grünen, sogenannte folies (vom französischen Wort feuilles, Blätter, abgeleitet) und genossen die frische Luft. Davon ist heute nicht mehr viel zu sehen. Immerhin gibt es aber noch einige sogenannte mittelalterliche Regards.Das Quellwasser aus den Hügeln von Belleville und Ménilmontant wurde in steinernen Kanälen zu diesen Regards geführt, dort gesammelt und auf seine Qualität geprüft – deshalb auch der Name „regard“- und dann zu den Verbrauchern weitergeleitet. Ein besonders schönes Exemplar ist der Regard St. Martin in der Rue des Cascades – einer von mehreren Straßennamen in Belleville, die an die Bedeutung des Wassers  für dieses Viertel erinnern.

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In der lateinischen Inschrift des Regard wird festgestellt, dass das hier gefasste Wasser für den gemeinsamen Gebrauch der Geistlichen von Saint-Martin de Cluny (oder Saint-Martin des Champs, dem heutigen Museum Arts et Métiers) und ihren Nachbarn, den Tempelherren, bestimmt war. Nach längerer Vernachlässigung der Anlage sei sie in den Jahren 1633 und 1722  von den Quellen an wiederhergestellt worden.[3]

Von den Weinstöcken und Gemüsefeldern ist heute nichts mehr zu sehen: Ihre Parzellen sind aber z.T. noch an der Topographie ablesbar: Da wo heute in der Rue de Bellville enge, langgestreckte Grundstücke mit mehrstöckigen Wohnblöcken und sukzessiven Hinterhöfen dicht bebaut sind, wurde im 19. Jahrhundert Gemüse  gepflanzt. Und im oberen Teil des Parc de Belleville gibt es noch –zur Erinnerung an die Weinbau-Tradition des Viertels- ein kleines Feld mit Weinstöcken…

2. Das Belleville der Arbeiter und Handwerker

Im Zeitalter der Industrialisierung siedelten sich in  Belleville zahlreiche Handwerks—und kleine Industriebetriebe an. Schwerpunkte waren die Textil-, Leder- und Metallverarbeitung. Dazu kamen die Steinbrüche, die im Norden des Viertels betrieben wurden, die carrières d’Amerique. Sie verdanken ihren Namen der Legende, der hier gebrochene Stein sei teilweise nach Amerika exportiert und zum Bau des Weißen Hauses verwendet worden. Die letzten Steinbrüche in Belleville wurden 1873 geschlossen. Da war Belleville schon das erste Arbeiterviertel von Paris geworden, das Einwanderern zunächst aus ärmeren Gegenden Frankreichs, vor allem der Auvergne, dann aber auch Flüchtlingen aus anderen Ländern die Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben gab.[4] Dazu kamen dann noch die Beschäftigten vieler  kleiner Industrie- und Handwerksbetriebe, die von dem radikalen Stadtumbau des Barons Haussmann aus Paris vertrieben worden waren und sich das Leben in der zunehmend bourgoisen Stadt nicht mehr leisten konnten.

All das waren gute Voraussetzungen für ein reges politisches Leben. Belleviille hatte sich schon während der Französischen Revolution als politisch aktiver Ort hervorgetan: 1791 wurde in der rue de Belleville 130 ein Club des Amis de la Constitution gegründet, der sich ein Jahr später in Club des Amis de l’Égalité et de la  Liberté umbenannte.[5] Im Juli 1840 wurde von Anhängern des Frühkommunisten Babeuf in Belleville das sogenannte Banquet communiste de Belleville organsiert, das erste seiner Art mit ca 1000 Teilnehmern.[6] Dabei handelt(e) es sich um  ein typisch französisches Mittel zur Umgehung des Verbots politischer Veranstaltungen, das auch kürzlich wieder im benachbarten Ménilmontant genutzt wurde, um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren.[7]  Mit der Industrialisierung entwickelte sich auch die Arbeiterbewegung in Belleville: Erste Arbeiterassoziationen  entstanden hier und 1877 die erste Pariser Cooperative. Das war in dem Maison du Peuple de la Bellevilloise. Während oben im ersten Stock der sozialistische Parteiführer Jean Jaurès Versammlungen abhielt, wurde im Erdgeschoss im Sinne des Proudhon’schen mutuellisme associatif ein genossenschaftlich organisierter fairer direkter Handel zwischen Herstellern und Produzenten eingerichtet. Vor dem ersten Weltkrieg hatte die Bellevilloise 9000 Mitgliedern  und war damit die größte Genossenschaft Frankreichs. Die Bellevilloise gibt es heute immer noch- und sie ist immer noch ein Ort mit großer politischer und kultureller Ausstrahlung, von dem noch weiter unten die Rede sein wird. [8]

 Von dem Belleville der kleinen Handwerker und Arbeiter ist heute allerdings nicht mehr viel zu sehen. Die klandestinen chinesischen Textilmanufakturen, die es in Hinterhöfen noch geben soll, wird man kaum finden. Auch nicht mehr die bis vor wenigen Jahren noch in Belleville ansässigen Schuhmacher, die maßgeschneiderte Schuhe zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen herstellten, wie uns Freunde aus Belleville berichteten.

Aber es gibt noch die Metallwerkstatt in der Rue Ramponneau und den aktuellen Kampf um ihre Erhaltung.

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Diese Werkstadt liegt in einem malerischen Hof –zusammen mit den Ateliers verschiedener Künstler. Die Einrichtung erscheint zwar ziemlich museal, aber offenbar verfügt der Betrieb über ein besonderes und immer selteneres savoir-faire/know how, das mit dem von der Stadt Paris zunächst geplanten  Verkauf des ganzen Areals an einen privaten Investor und einer neuen Nutzung als Jugendherberge wohl verloren gegangen wäre.

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Inzwischen hat die Stadt Paris nach energischen Protesten aus dem Viertel – mit mehreren Protestveranstaltungen in der Bellevilloise- wohl eingelenkt, so dass einer der letzten traditionellen Handwerksbetriebe von Belleville vielleicht doch erhalten bleibt und die  Ateliers der Künstler im Hof damit wohl auch.

Am Eingang zum Hof  gibt es  übrigens zwei Erinnerungstafeln für Widerstandskämpfer, die hier gewohnt haben – auch das gehört zu Belleville.

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Etwas weiter unten in der rue  Ramponneau gibt es übrigens eine ehemalige kleine metallverarbeitende Fabrik, in der inzwischen Ateliers untergebracht sind, die Künstlern jeweils für eine begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt werden: Die Villa Belleville. Die Laufbänder der Dampfmaschine  in der ehemaligen  Fabrikhalle schaffen ein ganz besonderes Ambiente.

Villa Belleville Rue Ramponeau (1) - Kopie

3. Das Belleville der Commune

Im Zuge der 1860 durch den Baron Haussmann vorgenommenen Einteilung der Stadt in 20 Arrondissements wurde Belleville zerschnitten und auf die neuen Arrondissements 19 und 20 aufgeteilt: Ein Versuch, den notorisch aufsässigen Stadtteil nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ zu pazifizieren- so wie das Haussmann ja auch mit dem Faubourg Saint-Antoine gemacht hatte, der zwischen dem 11. und 12. Arrondissement aufgeteilt wurde. Und die neuen Rathäuser der betroffenen Arrondissements wurden extra weit entfernt voneinander errichtet, um auch insofern die Kommunikation und Koordination zu erschweren. Genutzt hat das allerdings wenig, wie die Commune de Paris von 1871 gezeigt hat. In Belleville wurde während der semaine sanglante an der letzten Barrikade noch verzweifelter Widerstand geleistet[9], bevor dann auf dem Père Lachaise die letzten Kämpfer der Commune erschossen wurden.

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Graffiti an der Mauer gegenüber  dem Regard St Martin        
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und an der Rue Ramponeau

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            Erinnerungstafel an die letzte Barrikade der Commune am  Südeingang des Parc de Belleville.  Darüber der Ziergiebel  der  alten Kinderkrippe la Goutte de Lait

Zu Ehren der Communarden von Belleville ist übrigens geplant –und von dem Pariser Stadtparlament schon beantragt- die Métro-Station Belleville umzubenennen in Belleville-Commune de Paris 1871.[10]

 

4. Das –immer noch- linke Belleville

Bis auf den heutigen Tag ist der Nordosten und Osten von Paris überwiegend links –im Gegensatz zum eher konservativen/bourgeoisen Westen, wie sich zuletzt wieder eindrucksvoll bei den Kommunalwahlen gezeigt hat. Da entscheiden dann  zwei, drei Arrondissements in der Mitte, wer schließlich die Mehrheit im Conseil, also der Stadtverordnetenversammlung,  erhält und damit den/die Bürgermeister/in bestimmen kann: Bei der Wahl von 2014 waren das die Sozialisten und die mit ihnen verbündeten Grünen, so dass seitdem die Sozialistin Anne Hidalgo  Bürgermesterin (la maire) ist.

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  (blau: Republikaner (vormals UMP); rot: die Linke (Sozialisten, Grüne)

Es ist insoferrn auch kein Zufall, dass die Organisatoren der Bewegung für eine primaire der Linken als Versammlungsort für ihre Auftaktveranstaltung Anfang Februar 2016 die Bellevilloise ausgewählt haben. Da waren  (fast) alle versammelt, die auf der Linken Rang und Namen haben: Vertreter des linken Flügels der Sozialistischen Partei (die sogenannten Frondeurs) und der PCF, prominente Wissenschaftler wie der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty und Vertreter der Grünen wie die ehemalige Wohnungsbau-Ministerin Cécile Duflot und die –kurz danach- zur Ministerin aufgestiegene (und dann als Parteivorsitzende der Grünen zurückgetretene) Emmanuelle Cosse- und last but not least der gute alte Dany Cohn-Bendit.[11] Jedenfalls habe ich noch nie –und so hautnah- so viel linke Prominenz zusammen gesehen.

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Die Chancen, dass es 2017 einen von der gesamten Linken unterstützten gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten geben wird, sind allerdings äußerst gering. Hollande tut ja so ziemlich alles nur Erdenkliche, um die Linke zu spalten (sein letztendlich gescheitertes Vorhaben, die Aberkennung der französischen Staatsangeörigkeit gesetzlich zu verankern, oder die völlig unprofessionelle Einführung und provokante Durchsetzung der Arbeitsrechts-Reform). Außerdem hat der unsägliche Jean-Luc Mélenchon schon einseitig seine Kandidatur angekündigt. Angesichts der damit zu erwartenden Zersplitterung der linken Stimmen im ersten Wahlgang wird es wohl im entscheidenden zweiten Durchgang auf einen Zweikampf zwischen Marine Le Pen und dem Kandidaten der Republikaner hinauslaufen. Und da kann man nur hoffen, dass das nicht der –ebenfalls unsägliche-  Sarkozy sein wird, sondern wenigstens Alain Juppé….

 Dass wir uns in Belleville sozusagen auf linkem Terrain befinden, wird immer wieder deutlich, wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht: Beispielsweise wenn man an Hauswänden die eindrucksvollen Versuche sieht, die aktuelle Flüchtlingsproblematik –in französischer Perspektive i.a. sonst allein auf Calais reduziert- künstlerisch/plakativ zu bearbeiten.

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 Rue des Couronnes IMG_4773 Hier wird –zunächst etwas überraschend- das Nomen und Adjektiv étranger als Verb verwendet und durchkonjugiert. Dazu gibt es unten auf dem Plakat folgende Fußnote: Le verbe étranger a existé. Il signifiait „chasser, éloigner, bannir“. La quatrième édition du Dictionnaire de l’Académie de 1762 donne comme exemples: „Les rats, les moineaux ont étrangé les pigeons du colombier“ et „Il a étrangé les importuns qui venoient chez lui.“

Die deutsche Übersetzung: Das Verb étranger hat es gegeben. Es bedeutete: verjagen, entfernen, verbannen. Die vierte Auflage des Wörterbuchs der Akademie von 1762 gibt diese Beispiele: Die Ratten, die Spatzen haben die Tauben aus ihrem Taubenhaus verjagt  und Er hat die unerwünschten/lästigen Personen verjagt, die zu ihm gekommen waren.

…. so wie –möchte/muss man wohl hinzufügen- ganz aktuell die étrangers im jungle von Calais….  Einen besseren Kommentar zu dem derzeit in Europa vorherrschenden Umgang mit Flüchtlingen kann ich mir jedenfalls kaum vorstellen. C’est Belleville!

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5. Das Belleville der Guinguettes und der Ballsäle

Belleville war und ist aber nicht nur ein Ort politischen Engagements, sondern auch ein Ort des Vergnügens, des Feierns. Und dafür gab  es vor allem die Guinguettes, die im 19. Jahrhundert nicht nur weiter außerhalb von Paris –an Seine und Marne- sondern gerade auch in Belleville ihren Platz hatten. Für Wein- und Vergnügungslokale war Belleville ein idealer Standort: Wein –den leichten Weißwein Guiguet- gab es dort ja sozusagen sur place und vor allem: Belleville lag bis zur Eingemeindung 1860 außerhalb der Stadtgrenze von Paris und damit außerhalb der Zollgrenze und Zollmauer -der mur des fermiers généraux–  mit der Paris kurz vor der Französischen Revolution umgeben wurde. Nach Paris eingeführte  Waren, auch Grundnahrungsmittel wie Zucker, Salz, Mehl und Wein, wurden hier mit einem Zoll belegt, um die maroden Staatskassen aufzufüllen. Was lag da näher, als seinen Wein ein paar Schritte außerhalb der verhassten Zollmauer preisgünstig in geselliger, anregender Atmosphäre in Montmartre oder eben Belleville in einer guinguette zu trinken. Das galt besonders für das einfache Volk, während es die bürgerlichen Pariser eher am Wochenende in die etwas eleganteren Guinguettes an Seine und Marne zog, die dann auch den Impressionisten als Motive dienten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Belleville ein Ort, „wo  man sich amüsidert, wo man spazieren geht, wo die Verliebten sich treffen.“ (Gerard Jacquemet)  Und wo man in einer Guinguette seinen Schoppen trinken kann. Guinguettes gab es in ganz Belleville: Weiter oben  zum Beispiel gegenüber der Kirche St. Jean Baptiste die Ile d’amour, die sogar in einem Lied besungen wurde. Eigentlich verdankt sie ihren Namen schlicht ihrem Besitzer, einem Herrn Damour,  aber als Insel der Liebe  war die Guinguette natürlich viel anziehender.

L’ile d’amour

C’est un amour d’ile

L’ile d’amour

C’est un chouette séjour

Flaneurs du faubourg

Flaneurs de la ville

V’nez à l’ile d’amour[13]

Später wurde dann in dieserm Vergnügungslokal die Mairie von Belleville installiert, bis nach der Eingemeindung die neuen Rathäuser gebaut wurden. Auch eine schöne Belleville-Geschichte!

Weiter unten in der Nähe der Zollmauer (heute Boulevard de la Viillette/Boulevard de Belleville) gab es natürlich auch zahlreiche Guinguettes – die mit einem unterirdisch verlegten Seil gezogene Straßenbahn nach oben war noch nicht gebaut, die Métro  erst recht nicht; so konnte man sich am kurzen Feierabend den mühsamen Aufstieg sparen. Und direkt hinter der barrière de Belleville, einem Durchgang durch die Zollmauer an der heutigen Métro-Station Belleville, gab es auch große Ballsäle: So La Veilleuse –heute eine gewöhnliche Eckkneipe-, deren Spiegel 1918 durch ein Geschoss der Dichen Berta beschädigt worden war. Dort trafen sich am 13. Juli 1941 junge Kommunisten, sangen Freiheitslieder und feierten den 14. Juli.

Und gleich daneben lag der größte Ballsaal von Paris, der dem Weinhändler Denoyez gehörte. Auch dort gehörten Politik und Vergnügen in einer für Belleville charakteristischen Kombination zusammen: Da wurde getanzt, gefeiert und getrunken und Gambetta und Vallès hielten dort am Ende der Herrschaft Napoleons III. die meisten ihrer Reden.[14] Dieser Ballsaal wurde später  umbenannt in  Folies Belleville, die ihre große Zeit in der sogenannten „belle époque“ hatte.

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Plakat von 1880

Heute ist das eine schlichte, aber  fast immer voll besetzte Bar zwischen der (ehemaligen) Graffiti-Straße rue Denoyez und der rue de Belleville , in der man gut einen Apéro oder einen Pfefferminztee trinken kann.  Es wird aber noch an die glorreiche Vergangenheit erinnert, als beispielsweise Maurice Chevalier und natürlich vor allem Edith Piaf hier auftraten.

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Edith Piaf wurde ja immerhin –der Legende nach- ein paar hundert Meter weiter oben in der Rue de Belleville auf den Stufen der Nr. 72 geboren.

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Eiine Gedenktafel  über dem Eingang  erinnert daran.

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Das an der alten Zollmauer gelegene Amüsierviertel von Belleville wurde auch Courtille genannt. Besonders berühmt war es für seinen alljährlichen grotesken Aschermittwochs-Umzug von der barrière de Belleville, die auch barrière de la Courtille genannt wurde, bis zum Hôtel de Ville. Zu diesem Umzug trafen sich alle, die die Nacht davor in Belleville oder sonstwo in der Stadt oder ihrer Umgebung durchgefeiert hatten. Die Descente de la Courtille war so populär, dass sie vielfach in Bildern festgehalten wurde. Und kein Geringerer als Richard Wagner komponierte während seiner Pariser Jahre dazu ein kleines 1841 aufgeführtes Chorwerk: Descendons gaiement la courtille (WWV 65)[15], das allerdings leider nicht zu meinem Pariser Chorrepertoire gehört. Es sieht auch nicht so aus, als dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird, zumal mein „Heimatchor“ sich gerade in lacrima voce umbenannt hat- dazu passt die Courtille ja nun wirklich nicht…

6. Das Belleville der Künstler und der Bobos

Dass Belleville ein bevorzugter Ort für Künstler ist, erkennt man sofort, wenn man durch die Straßen des Viertels schlendert. Überall gibt es kleine Galerien von Malern, Bildhauern, Graveuren, Kunsthandwerkern aller Art. In jedem Jahr veranstalten die Künstler von Belleville Tage der offenen Ateliers, an denen sie ihre Werke ausstellen, gerne erläutern und natürlich auch am liebsten verkaufen. 2016 waren über 250 Künstler beteiligt: Ein eindrucksvoller Beleg für das rege künstlerische Leben des Viertels.

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Mit den roten  Luftballons auf dem Plakat für die Tage der offenen Ateliers von 2015 hat es übrigens seine besondere Bewandtnis- doch dazu mehr im Abschnitt über die Street Art in Belleville. Der rote Ballon wurde übrigens auch  im Frühjahr 2016 von den  Künstlern von Belleville als Hintergrundsmotiv verwendet, um gegen die Vertreibung von Handwerkern und  von Künstlern aus dem Hof der Rue de Ramponeau zu protestieren (siehe Abschnitt 2) und die „mixité“ des Viertels zu erhalten.

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Plakat am Sitz der Artistes de Belleville in der Rue Francis Picabia Frühjahr 2016

Mit einem  Künstler aus Belleville, Carlos Lopez/Juan de Nubes, sind wir übrigens  befreundet.

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Er ist Graveur und eines seiner neuesten Werke hängt bei uns in der Pariser Wohnung. Es  ist auch ausgerechnet das, mit dem er sich auf der Website der Künstlervereinigung von Belleville vorstellt,[17] – ein Wald im Norden von Berlin, wo Carlos auch arbeitet- und die Farbe der Gravur ist preußisch Blau – also gewissermaßen ein deutsch-französisches Produkt.

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Carlos hat sein Atelier am südlichen  Ausgang des Parc de Belleville. Es ist klein, aber ein schöner ruhiger Ort zum Arbeiten und für kleine Ausstellungen. Aber Carlos hat auch Sorgen, ob er auf Dauer dort bleiben  kann oder ob nicht steigende Mieten ihn zum Ortswechsel zwingen werden – und mit diesen Sorgen steht er  nicht alleine da.

Damit ist der Prozess der Gentrifizierung oder Boboisation angesprochen, der in Belleville zu beobachten ist – womit es das Schicksal auch anderer Pariser Stadtviertel (z.B. des Faubourg Saint Antoine) teilt. Freunde haben uns zum Beispiel berichtet, wie sich in den letzten Jahren immer  mehr feine Boutiquen in der Rue de Belleville um die Métro -Station Jourdain- ausbreiten. Belleville wird (jedenfalls in Teilen) zu einem Viertel der BoBos, der Gruppe der bourgeoisen Bohémiens, die das neue Angebot der teuren Weine und exquisiten Käsesorten zu schätzen wissen und sich leisten können. Die Attraktion von Belleville für die Bobos hat schon Tradition: In der Villa Castel, einem „ensemble harmonieux et campagnard“ aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, [18] oberhalb des Parks von Belleville hat Truffaut 1961 einige Szenen seines Films „Jules et Jim“ gedreht: Mit dem Begriff „Villa“ ist hier -wie an vielen anderen Orten in Paris- ein abgeschlossener nobler Bezirk von Wohnungen und Häusern gemeint, zu dem man -wenn man denn den entsprechenden Code kennt- durch das schmiedeeiserne Eingangstor und einen langen begrünten Gang gelangt. An dessen Ende befindet sich ein „maison féérique“, in dem  die beiden Freunde Jules und Jim in einer Dreiecksbeziehung mit der von Jeanne Moreau wunderbar verkörperten Cathérine leben. Und hier singt Moreau auch das schöne Lied Le Tourbillon: „Elle avait des bagues à chaque doigt, des tas de bracelets… »

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Download Jules et Jim

Vorbild ist die leidenschaftliche deutsch-französische Beziehung von  Franz und Helen Hessel, den Eltern von Stéphane Hessel, und  Henri-Pierre Roché.   Diese Geschichte passt wunderbar zu dem Mythos von Belleville, wie er auch in einem Pochoir der Pariser Street-Art-Künstlerin Miss Tic zum Ausdruck gebracht wird.

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Glücklicherweise ist die Villa Castel den gewaltsamen Sanierungsmaßnahmen in Belleville entgangen und steht seit 1979 unter Denkmalschutz. Andere, ähnliche Ensembles in diesem Viertel hatten diese Chance nicht, wie der Guide Vert (S. 48) bitter anmerkt.

Zu hoffen ist, dass trotz der Sanierungsmaßnahmen des Viertels seine Boboisierung nicht noch begünstigt wird und die Wohnungspreise und Mieten so steigen, dass es für Künstler wie Carlos Lopez und viele andere nicht mehr tragbar ist. Bisher scheint aber die soziologische  Vielfalt des Viertels immer noch zu bestehen. Auch das Kleinbürgertum ist anscheinend in Belleville noch nicht untergegangen , worauf ein Blick in einen Vorgarten in der Rue des Couronnes hindeuten könnte.

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Wenn man aber einen Blick auf das ursprüngliche, authentische Belleville werfen will, sollte man sich den wunderbaren Bildband von Willy Ronis „Belleville Ménilmontant“ ansehen. (zuerst 1954, Neuauflagen 1989 und -mit Texten von Didier Daeninckx- 1999.

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Über seine Beziehung zu Belleville sagte Ronis:

„J’ai vécu à Belleville des bonheurs personels et des bonheurs photographiques, pour moi cela ne fait qu’un, c’est le bonheur tout court.“ 

7. Das Belleville der Street art

Auf welchen Wegen auch immer man  durch Belleville streift: Street-art begegnet man auf Schritt und Tritt.Belleville hat dafür schon einen Ruf, und die rue Denoyez im unteren Belleville wird in manchen Führern sogar als sogenannter Geheimtipp gehandelt- eher stimmt aber,  dass es sich um die wohl berühmteste Straße des 20. Arrondissements handelt.[19]

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Alle Wände der Häuser sind nämlich über und über mit Graffiti bedeckt, manchmal kann man auch Sprayer bei der Arbeit beobachten und bewundern. Allerdings ist die Straße inzwischen arg heruntergekommen, die meisten Boutiquen und Ateliers sind geschlossen. Kein Wunder, denn es handelt  sich um ein Sanierungsprojekt: Eine Kinderkrippe, Sozialwohnungen und Unterkünfte für alleinstehende Frauen sollen hier entstehen: Sicherlich sind das alles sehr zu begrüßende Vorhaben. Die Straße wird dann aber ihren Reiz verloren haben, wenn Künstler und Street-Artisten dort nicht mehr ihren Platz haben. (Nachtrag September 2018: Inzwischen stehen schon die Rohbauten der neuen Häuserzeile. Damit hat die Straße einiges von ihrem alten anarchischen Charme verloren.) Entdecken kann man immerhin noch einiges- zum Beispiel den schönen Dialog zur Rolle der Frau an zwei Häusern der Straße:

Das zweite Statement  befindet sich an dem sehr empfehlenswerten gemütlichen Lesecafé Le barbouquin in der rue Donoyez 1 an der Ecke zur rue Ramponeau.

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Dort haben Kam und Laurene nicht nur außen den Fries mit ihren großäuigen Figuren gestaltet haben, sondern waren -neben anderen Street-Artisten-  auch innen aktiv. (19a)

Fries von Kam & Laurene in der rue Denoyez über dem Café Le barbouquin

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Es gibt ein Werk eines bekannten Street-Art-Künstler in Belleville, das wohl auf Dauer zu den touristischen Attraktionen des Viertels gehören wird: Das große Wandbild von Ben an der Place Fréhel, das bei den ab und zu angebotenen Street-art-Spaziergängen durch Belleville nicht fehlen darf.

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Ben ist der wohl international prominenteste in Belleville vertretene Street Art-Künstler. Er war in den 1960-er Jahren Mitglied der Fluxus-Kunstrichtung, zu der auch u.a. Bazon Brock, John Cage, Yoko Ono und Joseph Beuys gehörten, auf der Dokumenta in Kassel war er auch schon vertreten.  Besondere Berühmtheit erlangte sein kleiner Plattenladen, den er von 1958 bis 1973 in Nizza betrieb. Seine Mutter hatte ihm dafür die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihm eine gesicherte Lebensgrundlage zu ermöglichen. Die Aufsehen-erregende Fassade des kleinen Lädchens war aus allen möglichen gebrauchten Gegenständen zusammengesetzt: Motto über der Eingangstür: Tout est art, tout est marchandise/ Alles ist Kunst, alles ist zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, wurde vor einigen Jahren Bens Lädchen- auch „Bizard Bazar“ oder Loboratoire 32 genannt-  in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt ausgestellt; die  letzte Version kaufte das Centre Pompidou auf, wo sie heute ausgestellt ist.

Ein fester Bestandteil der Street-art-Szene von Belleville sind auch die Wandbilder von Nemo, vor allem die Bemalung der Hauswand an der Ecke des Boulevard Belleville und der Rue de Ménilmontant. Ursprünglich sollen, so die „Legende“, die poetischen Wandmalereien Momos mit dem schwarzen Mann –oft mit Regenschirm-  mit fliegendem Drachen, Vögeln,  Katzen  und dem roten  Luftballon dem kleinen schulunwilligen Sohn Nemos den Weg zur Schule schmackhaft gemacht haben.

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Der rote Luftballon bezieht sich auf den Kurzfilm „Le Ballon rouge“ von Albert Lamorisse aus dem Jahr 1956, der mit der Goldenen Palme von Cannes und sogar mit einem Oskar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet wurde: Er spielt im Ménilmontant der 50-er Jahre und es geht um einen magischen Ballon, der den kleinen Jungen Pascal auf Schritt und Tritt begleitet. Eine zauberhafte Geschichte, an deren Ende aber die Zerstörung des Luftballons durch eifersüchtige Altersgenossen –und damit das Ende der Kindheit- steht. Für viele französische Kinder der 50-er Jahre war der „rote Ballon“ geradezu ein Kultfilm, wie die hymnischen Kommentare zu dem Film zeigen, die man im Internet findet. („Ein wahres Wunder“; „meine Kindheit“; „unbestreitbar einer der besten Kurzfilme aller Zeiten“). Auch wenn Nemo den kleinen Pascal durch den bonhomme noir ersetzt hat, so knüpft er  mit seinen poetischen Bildern  an diesen Film –und seinen Erfolg- an.

Zu den inzwischen prominenten Straßenkünstlern von Belleville/Ménilmontant gehört auch Jerôme Mesnager, dessen „Markenzeichen“ die weißen Männer sind. Zum Ursprung der weißen Männer gibt es eine schöne Geschichte: Während seines Kunststudiums habe sich Mesnager in bester Laune mit seinen Kumpeln nackt ausgezogen, mit weißer Farbe bestrichen und an eine Wand gestellt. Wie auch immer: Inzwischen sind die weißen Männer aus dem Stadtbild –besonders im Pariser Osten, aus dem Mesnager stammt- nicht mehr wegzudenken.  

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Schneiderei und Frisiersalon Rue de Jourdin

In der Rue de Jourdin hat auch Mosko mit seinen bunten Tieren die Grundschule verziert.

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Seine Schmetterlinge umflatterten ja schon die beiden weißen Männer Mesnagers auf dem Fenster des Frisiersalons: Straßenkünstler arbeiten – das zeigt sich hier wie auch an anderen Stellen in Belleville- gerne zusammen.

Aber der für Mosko typische Tiger ist natürlich auch dabei.

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Und selbstverständlich darf auch in Belleville der Invader nicht fehlen, der hier  -unter anderem- mit zwei recht originellen Beiträgen vertreten  ist

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Der Invader an der Ecke der Rue Mélingue und der Rue de Belville befindet sich übrigens in prominenter Gesellschaft: Das Pariser Wappen unter dem Giebel stammt nämlich aus der Zeit, als hier das Depot der Drahtseilbahn war, die –nach dem Muster des cable-car von San Francisco konstruiert-  von  der  Place de la Republique über die rue de Paris/rue de Belleviille zur  Kirche St. Jean führte. 1924 wurde der Betrieb eingestellt und 1935 die Métro-Linie 11 eingeweiht, mit der der Hügel von Belleville ans Métro-Netz der Stadt Paris angeschlossen wurde.

Es lohnt sich also, durch Belleville zu streifen und die Augen offen zu halten: Da findet sich vieles Interessante, Überraschende und auch immer Neues wie die oben gezeigten Werke zur Flüchtlingsproblematik, denn –von den prominenten Künstlers abgesehen, deren Arbeiten man auch in Galerien sehen und für viel Geld erwerben kann – ist street art eine ephemere Kunst und einem ständigen Wandel unterworfen. Und da viele street-art-Künstler in Belleville und dem benachbarten  Ménilmontant zu Hause sind, ist Belleville geradezu ein Eldorado für Street-Art-Freunde.

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Das ist oft einfach nur phantasievoll und schön und eine Bereicherung des teilweise doch eher tristen Straßenbildes.

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Aber es gibt dabei auch immer wieder politische Botschaften, wie das in Belleville auch kaum anders sein kann. Das kann dann die Liberté von Delacroix sein, die das Schild von Pôle emploi, der französischen Arbeitsagentur in die Höhe hält- ein  Hinweis auf die hohe Arbeitslosigkeit; oder das alte Ehepaar in seinem aus Karton gefertigten Bett- ein Hinweis auf die vielen SDF in Paris, die Menschen ohne einen festen Wohnsitz, die ihre Nächte –selbst im Winter- im Freien  verbringen müssen.

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Dieses Problem wurde dann noch drastischer 2015 in einer Aktion am Fuß des Parks von Belleville aufgegriffen. Da wurde an die  auf der Straße gestorbenen Obdachlosen erinnert – es ist statistisch gesehen jeden Tag einer in Frankreich.

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Das 21. Arrondissement gibt es nicht: Die Obdachlosen haben eben kein zu Hause.Und manchmal kennt man nur den Vornamen.

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Ein sehr eindrucksvoller Erfahrungsbericht über seine Zeit als  Obdachloser in Belleville ist übrigens 2018 erschienen: Christian Page (avec Eloi Audoin-Rouzeau), Belleville au coeur. Page war Sommelier in einem noblen Pariser Restaurant, verlor aber dann gleichzeitig Arbeit, Frau und Wohnung  („le triple sacrement de la paisse„, wie er es nennt.) So verbrachte er drei Jahre auf dem Platz Sainte-Marthe in Belleville (10. Arrondissement), worüber er sehr anschaulich, keinenfalls larmoyant, manchmal sogar humorvoll  berichtet: Eine weitere Seite des vielfältigen Belleville.

8. Das multikulturelle Belleville

Am Anfang dieses Beitrags wurde die große multikulturelle Vielfalt angesprochen, der Belleville einen großen Teil seiner Attraktion verdankt. Dieser Aspekt soll denn auch zum Schluss aufgegriffen und wenigstens skizziert werden.

  • Juden, 

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer ersten großen ausländischen Zuwanderungswelle: Es waren Griechen, Polen, Armenier und vor allem Juden aus Ostmitteleuropa, die nach Belleville kamen. In den 1930-er Jahren  suchten  viele Juden aus  Deutschland, die  vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, in Belleville Zuflucht. Das Viertel wurde so zu einem „quartier juif“ mit einem intensiven Gemeinschaftsleben, einer Dominanz des Jiddischen und einer eindeutig politisch linken Tendenz- während im jüdischen Marais rund um die rue des rosiers, dem  Pletzl,  das orthodoxe Judentum vorherrschte. Das Belleville der Zwischenkriegszeit war auch ein Stedtl mit jiddischen Filmen im Kino Bellevue, einer CGT-Gewerkschaft, die auf ihrer Fahne eine jiddische Aufschrift hatte, der Synagoge in der rue Julien-Lacroix, in der jiddisch gesprochen wurde, und Restaurants, in denen gifiltefish und pickelfleish angeboten wurde. Der erste jiddisch geschriebene Roman über Paris bezieht sich denn auch auf Belleville: „Yidn fun Belleville“ (Baruch Schlewin, 1948)[21]

Allerdings sind die jüdischen Einrichtungen –wie die Synagoge und die jüdische Schule- heute kaum noch zu erkennen- höchstens durch die Präsenz von schwerbewaffneter Polizei, die leider aufgrund der zahlreichen Angriffe auf jüdische Einrichtungen in Frankreich notwendig ist.  Deutlich zu identifizieren ist immerhin die neue Synagoge am Boulevard de Belleville, an der Stelle des „Bellevue“- Kinos mit seiner jiddischen Tradition, das, bevor es in den 1980-er Jahren als letztes Kino des Viertels zumachte, schließlich zum Porno-Kino heruntergekommen war, wie uns Freunde aus Belleville erzählten.

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Dass Bellville immer noch bzw. wieder auch ein jüdisches Viertel ist, ist für einen Außenstehenden vor allem an den zahlreichen jüdischen Geschäften rund um den  Boulevard de  Belleville zu erkennen.

Die eingewanderten Juden waren es vor allem, die den großen „rafles“ von 1941 und 1942  zum Opfer fielen. Die Bewohner ganzer Straßenzüge von Belleville, insgesamt mehr als 4000, wurden damals ausgerechnet in der Bellevilloise zusammengetrieben und dann über Drancy  nach Auschwitz deportiert.  Einer von ihnen war Henri Krasucki, nach dem heute ein Platz in Belleville benannt ist.

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An dem in der Mitte des Platzes stehenden Baum hängen alte Lampenschirme: Wir sind mitten in Belleville

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Krasuckis Lebensweg ist außerordentlich und wirft ein Licht auf den wichtigen jüdischen Anteil der spezifischen diversité  von Belleville:

Seine politisch engagierten Eltern flohen in den 1920-er Jahren vor dem Antisemitismus und Antikommunismus im Polen des Marschalls Pilsudski und fanden in Belleville Zuflucht.  Dort  betrieben sie eine kleine Schneiderei, der kleine Henri engagierte sich schon früh bei den „roten Pionieren“. Die standen  unter der Obhut der Bellevilloise-Kooperative, von der ja schon die Rede war. Unter der occupation war Krasucki führendes Mitglied in der Widerstandsgruppe FTP-MOI. 1943 verhaftet, wurde er nach Auschwitz deportiert und von dort aus 1945 auf den sog. Todesmarsch nach Buchenwald geschickt, den er aber überlebte. Nach dem Krieg stieg er – der stalinistischen KP- Linie immer treu- in die Führungsriege der kommunistischen  Gewerkschaft CGT auf, deren  Vorsitz er 10 Jahre innehatte: Ein Lebensweg also, auf dem Belleville eine wichtige und prägende Station war.

  • Tunesier

Seit den 1950- er Jahren wurde Bellevlle  durch die tunesische Einwanderung wieder zum bedeutendsten, jetzt sefardisch geprägten,  jüdischen Viertel von Paris. Tunesier kamen nach der Unabhängigkeit des Landes in großer Zahl nach Frankreich und Paris – und dort natürlich vor allem nach Belleville, das deshalb auch gerne „La Goulette sur Seine“ genannt wird, benannt nach einer tunesischen Stadt, die einen Teil der Hafenanlagen von Tunis umfasst. Gerade im Süden von Belleville gibt es viele tunesische Restaurants und Cafés. Wenn man also einen echten  thé à la menthe trinken oder, zum Beispiel in dem kleinen Restaurant „aux bons amis“ in der Rue de l’Atlas,  einen couscous essen will, braucht man in der Tat nicht die Reise von 1500 Kilometer nach Tunis zu unternehmen: Es reicht ein Spaziergang nach/durch Belleville.

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Die Tunesier, die sich in Belleville niedergelassen  haben, waren Juden und Muslime. Bemerkenswert ist dabei, dass nach der Selbsteinschätzung von Betroffenen in Belleville jüdische und muslimische Franzosen „mit tunesischem Migrationshintergrund“ in gegenseitigem Respekt zusammenleben und sich ihrer gemeinsamen Traditionen  bewusst sind. Selbst in der Zeit des letzten  Gaza-Kriegs, in dessen Zusammenahng es in Paris zum Teil zu gewaltsam ausgetragenen jüdisch-muslimischen Auseinandersetzungen kam, sei es in Belleville ruhig und friedlich zugegangen. Dies gilt offenbar auch für die  Zeit der Anschläge auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt. Ein Pariser Jude berichtet im Nouvel Obeservateur unter der Überschrift Belleville, oui, Barbès, non, er habe den Eindruck, dass die i.a. nordafrikanischen Händler auf dem Straßenmarkt von Belleville/Ménilmontant seit den Anschlägen ihm gegenüber noch freundlicher geworden seien. In das mehrheitlich afrikanische Barbès-Viertel gehe er seitdem aber nicht mehr.Das kosmopolitische Modell von Belleville ist also insoweit offenbar immer noch lebendig.[23] Als Zeichen dafür kann auch gesehen werden, dass auf dem Boulevard de Belleville jüdische und muslimische Geschäfte direkt benachbart sind.

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Das jüdische Restaurant wirbt für seine tunesischen Spezialitäten mit dem Siegel von Beth Din, also damit, dass seine Produkte vom Rabbinat kontrolliert und genehmigt sind. Gleich daneben versichert die muslimische Metzgerei unübersehbar, dass ihre Produkte das Gütesiegel der Organsiation AVS (À Votre Service) tragen und damit halal en toute confiance sind.

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Aber leidler gibt es auch  in Belleville  Tendenzen der Reislamisierung und Radikalisierung, die das typisch Belleville’schen Modell des „vivre ensemble“  in Frage stellen- dazu mehr am Schluss dieses Beitrags.

  • Schwarzafrikaner

In den letzten Jahrzehnten waren es vor allem Einwanderer aus den Antillen und aus Schwarzafrika, die sich  im südlichen Belleville rund um die Place Alphonse Allais niedergelassen haben.(23a)

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Hier wird einmal im Jahr ein großes Stadtteilfest gefeiert- mit dem  selbstbewußten Titel: Belleville en vrai. Und selbstbewusst treten auch die jungen Mädchen auf, die sich zu ihrer Herkunft bekennen und damit bei Wahl zur Miss Belleville besonderen Beifall ernten. Stolz auf seine Herkunft war auch der junge Mann, mit dem ich ins Gespräch kam und der bereitwillig für ein Foto posierte – das zweite Attribut -reich- war allerdings, wie er einschränkend bemerkte, eher ironisch gemeint.

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Wie schwierig aber das Leben selbst in dem multikulturellen Belleville für Einwanderer aus einer anderen Kultur  sein kann, zeigt eindrucksvoll das Lied  C’est déjà ça von Alain Souchon über einen Einwanderer aus dem Sudan. Er ist fern von seiner Heimat, alles ist ihm fremd in der Rue de Belleville. Aber immerhin lächeln die Passanten, wenn er in seiner Djellabah vorbeigeht und tanzt. Und er hofft und träumt, dass der Sudan sich erhebt und er wieder zurückkehren kann… [24]

Je sais bien que, rue d’Belleville,
Rien n’est fait pour moi,
Mais je suis dans une belle ville :
C’est déjà ça.
Si loin de mes antilopes,
Je marche tout bas.
Marcher dans une ville d’Europe,
C’est déjà ça.Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.
Y a un sac de plastique vert
Au bout de mon bras.
Dans mon sac vert, il y a de l’air :
C’est déjà ça.
Quand je danse en marchant
Dans ces djellabas,
Ça fait sourire les passants :
C’est déjà ça.Oh, oh, oh, et je rêve
Que Soudan, mon pays, soudain, se soulève…
Oh, oh,
Rêver, c’est déjà ça, c’est déjà ça.

Dass es in Belleville noch eine andere gerne übersehene „dunkle“ Seite der Einwanderung von „Blacks“ gibt, beschreibt der Autor von „Jours tranquilles à Belleville“  Thierry Jonquet, der in Belleville lebt und seine Veränderungen miterlebt:

Da gibt es die halbwüchsigen afrikanischen Jungen und Kleinkriminiellen, die sich bis zum frühen Morgen auf den Straßen herumtreiben. Es gibt die Dealer, die ganz offen in der rue Ramponneau ihren Geschäften nachgehen. Und es gibt die Einwanderer aus Bamako und anderen Gegenden mit anderen Hygiene-Kulturen, die hemmungslos hinpinkeln, wo sie gerade ein entsprechendes Bedürfnis überkommt – zumal es die schönen alten offenen Urinoirs oder Vespasiennes, wie sie für Paris so typisch waren, ja leider nicht mehr gibt, sondern nur noch die „zeitgemäßen“, aber selteneren und vielleicht auch bei manchen Menschen Schwellenangst erzeugenden  Sanitärkabinen von Décaux.[25]

  • Chinesen

Und dann –last but not least- gibt es noch die Chinesen in Belleville. Das Viertel  wird manchmal sogar als das  Chinatown von Paris oder als „Chinatown-sur-Seine“- bezeichnet – neben dem chinesischen Viertel im 13. Arrondissement.[26]  Es gibt in Belleville jedenfalls eine deutlich sichtbare chinesische Präsenz, und das schon seit fast einem Jahrhundert. Denn während des Ersten Weltkriegs kamen etwa 140 000 Chinesen nach Frankreich: Sie waren angeworben worden, um den großen kriegsbedingten Arbeitskräftemangel zu lindern. Viele von ihnen, vor allem aus Wenzhou, blieben, einige  in Belleville, andere folgten.

Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahr 1949 wurde die Auswanderung von Chinesen offiziell untersagt. Erst Anfang der 1980-er Jahre wurden die Ausreisekontrollen lockerer und es waren nun wieder Chinesen aus Wenhzou, die  -teilweise illegal- nach Frankreich kamen und vor allem in kleinen Textilbetrieben arbeiteten.  So entstand die sogenannte „Chinatown“ von Belleville.[27] Und dann war es vor allem die Welle von Chinesen aus Vietnam und Kambodscha, die nach der kommunistischen Machtübernahme –z.T. als boat people- nach Frankreich kamen. Sie hatten oft französische Schulen besucht und verfügten auch teilweise über erhebliche finanzielle Mittel. Sie waren es, die zahlreiche Geschäfte am Beginn der rue de Belleville aufkauften, ebenso wie die alten Galéries Barbès an der Métro-Station Belleville, aus der das große, repräsentative Restaurant Président wurde.

Die starke und ausgreifende chinesische Präsenz in Belleville wird vielfach als Problem  wahrgenommen

  • weil die Chinesen  immer mehr traditionelle Geschäfte aufkaufen und verdrängen. „L’arrivée massive d’une communauté asiatique“  ist aus Sicht der tunesichen Gemeinde ein täglich zu erlebendes dringendes Problem.[28]
  •  weil die Chinesen  über  spezifische Finanzierungsmöglichkeiten verfügen, mit denen sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber anderen ethnischen Gruppierungen haben:  die sogenannte Tontine, eine Finanzierungsform, die auf persönlichen Beziehungen beruht. Sie eröffnet den Chinesen einen  Zugang zu Kapital, der sie  unabhängig macht vom Bankensystem und seinen Restriktionen. (dazu: http://terrain.revues.org/)
  • weil sie eine Tendenz haben, unter sich zu bleiben und teilweise wenig Anstrengungen zur Integration machen. In dieser Hinsicht lohnt sich ein Blick  auf den Stand mit den chinesischen Zeitungen (zusammen mit der Actualité juive) am Kiosque an der Métro Belleville…

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…. oder in die chinesische Buchhandlung in der rue de Tourtille, das Pendant zu den rein arabischen Buchhandlungen (mit offenbar meist islamischer Tendenz), in die ich mich als „Ungläubiger“ allerdings noch nicht hineingetraut habe. In der chinesischen Buchhandlung kann man sich allerdings ganz unproblematisch umsehen und auf diese Weise auch einen kleinen Eindruck von den Lebensgewohnheiten der Chinesen von Belleville erhalten.

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  • und schließlich wird auch als Problem beschrieben, dass die Chinesen von Belleville gerne ihren Wohlstand offen zur Schau stellen. Bei einem meiner Rundgänge konnte ich einen jungen Chinesen beobachten, der seinen funkelnden Mercedes-Sportwagen an einer Straßenecke abstellte, ohne Rücksicht auf die dadurch massiv behinderten Fußgänger zu nehmen. Jonquet beschreibt, dass man an Wochenenden als Zaungast an grandiosen asiatischen Hochzeiten teilnehmen kann. Mit aufwändigst blumengeschmückten Luxuskarossen, Smoking, feinsten Brautkleidern, Fotografen…. Die Kinder (mit afrikanischem Migrationshintergrund) auf dem gegenüberliegenden Trottoir würden das als Provokation erleben.
  • Eine Konsequenz dieser eklatanten sozialen Gegensätze in dem Viertel sei der Diebstahl, der gerade die Chinesen treffe, zumal die oft auch erhebliches Bargeld bei sich trügen und -da sie teilweise ohne offiziellen Status in Frankreich lebten- bei einem Überfall eher nicht die Polizei einschalteten.  In der Tat fühlen sich Asiaten öfters von „schwarzen und arabischen Banden“ terrorisiert, die die Seitenstraßen der Rue de Belleville kontrollierten, wie der französische Chinaexperte Dr. Pierre Picquart auf der Website der Chinois de France feststellt. Aus diesem Grund fand im Juni 2010 eine Demonstration von etwa 10.000 „immigrés asiatiques“ in Belleville statt, die mit Parolen wie „Stop à la violence“,   sécurité pour tous und I love Belleville auf dieses Problem aufmerksam machten. [29]

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Le Figaro, 2.7.2010: „La révolte des Chinois de Belleville„

  • Und dann gibt es noch das Problem der chinesischen Prostitution in Belleville, die gerade derzeit besonders im Rampenlicht steht. Denn in französischen Kinos läuft derzeit  ein intensiv beworbener und hochgelobter Film über die marcheuses, wie die chinesischen Prostituierten von Belleville genannt werden.

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Sie sind meistens zwischen 40 und 60 Jahre alt (das auf dem Plakat abgebildete junge Mädchen ist die Tochter der Protagonistin des Films), sehen eher verhärmt aus, sind ärmlich angezogen, haben weder Arbeitsgenehmigung noch Aufenthaltserlaubnis, und stehen unter dem Druck, für ihre Familien und Kinder Geld beschaffen zu müssen. „Die Emigration ist für uns, was für die Männer der Krieg ist,“  erklärte eine dieser Marcheuses der Zeitung Le Monde. „Die Männer hoffen, dass sie schnell mit dem Sieg nach Hause kommen, wir mit Geld.“[30]

Prostitution ist in Frankreich ja offiziell verboten, seit Neuestem sind auch „Kunden“ mit Strafe bedroht. Das entsprechende neue Gesetz soll Prostitutierten den Ausstieg ermöglichen und das Zuhälterwesen bekämpfen. Aber viele marcheuses fürchten, damit noch mehr in eine gefährliche Illegalität abgedrängt zu werden. Außerdem ständen sie als „Selbstständige“ nicht unter dem Druck von Zuhältern, sondern höchstens unter dem Druck der famliären Erwartungshaltungen…

Belleville wurde, wie am Anfang zitiert, ein laboratoire de la diversité genannt. Und es wird immer wieder als Erfolgsgeschichte gerühmt – im Gegensatz zu manchen cités am Rand der Stadt. Eine solche Erfolgsgeschichte ist Belleville in der Tat, wenn man an die vielen Menschen aus vielen Teilen Europas, ja der Welt denkt, die seit 150 Jahren hier eine neue Heimat gefunden haben. Aber es wird bei einem Blick hinter  Kulissen der Exotik, wie ihn Thierry Jonquet mit seinem Buch „Jours tranquilles à Belleville“ (2013) ermöglicht, doch auch deutlich, wie prekär und gefährdet das dort noch überwiegend herrschende Gleichgewicht ist. Vor allem, wenn der Austausch und die gegenseitige Anregung eher zurückgehen und sich auf engstem Raum ethnische Inseln bilden, wie Jonquet berichtet: Da dominieren in der Schule auf der westlichen Seite der rue de Belleville die Asiaten, während in der Schule auf der anderen Seite der Straße die Blacks fast unter sich sind. Das ist für ihn –und da kann ich ihm nur zustimmen- eine gefährliche Entwicklung. Eine Enklavenbildung und Ghettoisierung müsse unbedingt verhindert werden, ebeso wie die Herausbildung von Parallelgesellschaften, in denen fundamentale Integrationsanstrengungen nicht erbracht würden. Und es gibt auch eine schon 15 Jahre alte, aber immer noch aktuelle Warnung des linken Schriftstellers Jonquets: Wenn es um gravierende Probleme des Zusammenlebens, des vivre ensemble, gehe, darunter auch um Kriminialität und ihre Begleiterscheinung, die Unsicherheit, sei es gefährlich, dies zu Tabus zu erklären mit der Begründung, man würde sich mit solchen Themen in rechtsradikales Fahrwasser begeben.[31]

Die Warnung vor dem von ihr selbst lange Zeit  praktizierten Wegsehen und einer falsch verstandenen Toleranz gehört auch zur Quintessenz des 2016 erschienenen Buches von Géraldine Smith  „Rue Jean-Pierre Timbaud“.

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In diesem Buch beschreibt Smith sehr konkret und eindringlich die Gefährung des multikulturellen Belleville und des dortigen „vivre ensemble“. Die Rue Jean-Pierre Timbaud liegt zwar nicht im heutigen Verwaltungsbezirk Belleville, also einem Teil des 20. Arrondissements, der von der Rue de Belleville, dem Boulevard de Belleville, der Rue de Ménilmontant und der Rue de Pixérécourt umschlossen wird. Aber das alte, 1860 eingemeindete Belleville reicht Ja darüber hinaus und umfasst auch Teile der heutigen 11., 12. und 19. Arrondissements. Die im nördlichen 11. Arrondissement gelegene Rue Jean-Pierre Timbaud im quartier Couronnes gehört damit zum „alten“ Belleville. Géraldine Smith, die viele Jahre mit ihrem Mann und zwei Kindern in Beleville wohnte,  berichtet von den  Erfahrungen ihrer Familie, von Freunden und Bekannten  in diesem Viertel; von der anfänglichen Begeisterung, in einem lebendigen, sozial gemischten und multikulturellen Umfeld zu wohnen – und von dessen allmählicher Veränderung und ihrer eigenen Ernüchterung.

Da ist die öffentliche Schule, in die die Kinder gehen –sie sollen ja nicht in der privilegierten Enklave einer privaten Schule aufwachsen. Die weißen frankophonen Kinder sind dort zwar eine kleine Minderheit, die völlig unterfordert ist und sich meistens langweilt,  aber die Schulleiterin propagiert ihre Rolle als „poissons-pilotes“, die das Niveau der ganzen Klasse heben würden.  Es gehe dabei um eine „démarche  citoyenne, die für die Entwicklung des Viertels unverzichtbar sei. (S. 32) Später meldet sie dann ihre eigenen Kinder in einer Privatschule an….  Die Jungen der Schule spielen mit Begeisterung Fußball: Eine Mannschaft ist  PSG –Paris  Saint Germain- die andere Real Madrid. Aber eines Tages möchte ein Kind mit marokkanischen Wurzeln nicht mehr für eine dieser Mannschaften spielen, sondern für die „Löwen des Atlas“, also die marokkanische Nationalmannschaft, obwohl er von der keinen einzigen Spieler kennt: Seitdem spielt „Frankreich“  gegen „den Rest der Welt“, also vor allem  gegen die Kinder mit nord- oder schwarafrikanischen Wurzeln. Und der kleine Sohn kommt ratlos nach Hause und versteht die Welt nicht mehr: „Ils se prennent tous pour leur origine“  S.122)– ein Armutszeugnis für die republikanische  Integration.  Dann wird die „classe vert“, eine gemeinsame Fahrt in die Berge,  gestrichen ebenso wie die Fahrten  nach England: die meisten muslimischen Eltern weigerten sich aus Angst vor Promiskuität, ihre Töchter daran teilnehmen zu lassen.  Géraldine Smith beschreibt auch, was sich draußen ändert. Beispielsweise:  Als sie vor der Schule Cola-trinkend auf ihren Sohn wartet, wird sie von einem Mann in weißer Djellaba angeherrscht  und als saloppe (Schlampe) beschimpft, die abhauen solle (S.134). Frauen dürften nicht trinkend auf der Straße herumstehen.   Ein Bäcker redet seine Kundschaft nur noch auf arabisch an und bedient zuerst die muslimischen Männer, die Frauen grundsätzlich zuletzt. Der radikal-islamische Iman der Moschee ermuntert die Gläubigen, auf der Straße zu beten, auch wenn die Moschee gar nicht voll besetzt ist: Ostentative Demonstration der „Machtergreifung“ des radikalen Islam in einem Teil der Rue Jean-Pierre Timbaud. Dazu kommt das Gefühl zunehmender Unsicherheit und Fremdheit im eigenen Viertel. Erstes Opfer der Radikalisierung sind übrigens die liberalen Muslime. Entweder sie fügen sich dem auf sie ausgeübten Druck wie der nette Kebab-Verkäufer, der plötzlich keine Jeans mehr trägt und nur noch Halal-Cola verkauft, oder sie weichen ihm durch Umzug aus.

Liest man  die Bücher von Jonquet und Smith, wird man die Elogen auf das mulitkulturelle Belleville, in dem alle Gruppen der Bevölkerung in bester Harmonie zusammen leben, mit Vorbehalten und Fragezeichen versehen. Ob es sich hier, wo man es am wenigsten erwarten würde, um einen Niederschlag  der „fractures françaises“ handelt (Le Figaro 29.4.2016), kann ich nicht beurteilen. Es scheint jedenfalls Tendenzen zu geben, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen eher neben- als miteinander leben und dass einige ihren Lebens- und Einfllussbereich kontinuierlich auf Kosten anderer Bevölkerungsgruppen ausweiten: Die Chinesen eher geräuschlos, die muslimischen Integristen eher demonstrativ. Jonquet und Smith kennen  und lieben Belleville. Sie wollen mit ihren Büchern das Bewusstsein für die Besonderheit des Viertels schärfen und dazu beitragen, dass es ein Modell bleibt und nicht zum Mythos verkommt. Man kann nur hoffen, dass sie damit Erfolg haben.

Kleiner ernüchternder Nachtrag Februar 2018:

Die französische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Männern und Frauen, Marlène Schiappa, die in einfachen Verhältnissen in  Belleville aufgewachsen ist, hat in einem ausführlichen Interview mit Le Monde (4./.5. Februar 2018) von dem Glück gesprochen, das sie in ihrem Leben gehabt habe. Sie berichtet:

„Eine tolle Französisch-Lehrerin und eine gute Beratungslehrerin haben sich die Zeit genommen, mit mir zu überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, dem „lycée de secteur“, (also dem eigentlich für sie „zuständigen“ Gymnasium des Viertels. W.J.)  zu entkommen und statt dessen von einem angesehenen Pariser Gymnasium aufgenommen zu werden. Ich habe Russisch und Latein gewählt, und -hopp!- wurde ich von Belleville ins 16. Arrondissement katapultiert. Mein Glück!“

Dies übrigens auch eine kleine Illustration zum französischen Schulsystem – siehe den Blog-Beitrag über Frankreich als Spitzenreiter der schulischen Ungleichheit.

 

Zum Weiterlesen und –hören:

Thierry Jonquet, Jours tranquilles à Belleville. Paris 2013

Clément Lépidis und Emmanuel Jacomin: Belleville. Paris 2008

http://www.franceculture.fr/emissions/les-nuits-de-france-culture/belleville-par-ses-habitants-avant-entendait-chanter-le-coq (Bewohner von Belleville erzählen von ihrem Quartier aus der Zeit „avant sa destruction par les promoteurs“ in den 1970-er Jahren)

Géraldine Smith, Rue Jean-Pierre Timbaud. Une vie de famille entre barbus et bobos. Paris: Stock 2016

Anmerkungen:

[1] http://www.histoire-immigration.fr/la-cite/le-reseau/les-actions-du-reseau/2009-journees-europeennes-du-patrimoine/quartier-de-belleville-paris

[2] Für sie wird manchmal der Begriff „de souche“ verwendet, der i.a. mit „gebürtig“ übersetzt wird. Wenn von „français de souche“ die Rede ist, sind aber weniger die in Frankreich Geborenen gemeint, sondern diejenigen, die schon seit  (mehreren) Generationen in Frankreich leben. Insofern verstößt der Ausdruck auch gegen die republikanische political correctness, weil es nach ihr eine solche Unterscheidung gar nicht geben dürfte. Vielleicht ist es also auch ein Ausdruck politisch schlechten Gewissens, wenn das de souche öfters auch in Anführungsstriche gesetzt wird. .

(2a) siehe Stéphanie Lombard, Street Art Paris. Paris 2017, S. 59. Auf der vorderen inneren Umschlagseite ist der Belvedere von Belleville mit den Malereien von Seth und den  Arbeiten weiterer Street-Art-Künstler abgebildet.

[3]  « Fontaine coulant d’habitude pour l’usage commun des religieux de Saint-Martin de Cluny et de leurs voisins les Templiers. Après avoir été trente ans négligée et pour ainsi dire méprisée, elle a été recherchée et revendiquée à frais communs et avec grand soin, depuis la source et les petits filets d’eau. Maintenant enfin, insistant avec force et avec l’animation que donne une telle entreprise, nous l’avons remise à neuf et ramenée plus qu’à sa première élégance et splendeur. Reprenant son ancienne destination, elle a recommencé à couler l’an du Seigneur 1633, non moins à notre honneur que pour notre commodité. Les mêmes travaux et dépenses ont été recommencés en commun, comme il est dit ci-dessus, l’an du Seigneur 1722 » https://fr.wikipedia.org/wiki/Regard_Saint-Martin

Zur Bedeutung des Wasser für Belleville:  http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/03/histoires-deaux-belleville.html

Zum Kloster Saint-Martin-des-Champs -heute das musée des arts et métiers- siehe den Blog-Beitrag über die Freiheitsstatue in New York  und ihre Pariser Schwestern, Teil 3

Es gib noch einen weiteren  schönen Regard in Belleville, den 1583-1613 errichteten Regard de la Lanterne, Rue de Belleville/Rue Complans.

[4] Heute erinnern nur noch der Name Quartier d’Amerique mit der Place des Fêtes als Mittelpunkt und die rue des carrières des Amerique an diese Vergangenheit.

[5] https://parisrevolutionnaire.org/important-club-politique-qui-devient-le-club-des-amis-de/

(Für politisch interessierte Promeneurs eine äußerst interessante und ergiebige Quelle)

[6] https://bataillesocialiste.wordpress.com/2012/08/23/allocution-du-coiffeur-rozier-au-banquet-communiste-de-belleville-1840/

[7] https://paris-luttes.info/banquet-contre-l-etat-d-urgence-a-4635?lang=fr  Allerdings –wohl auch aufgrund des schlechten Wetters- mit deutlich geringerer Beteiligung als beim Banquet von 1840 –sieht man von dem massiven Polizeiaufgebot ab. Dabei ging es noch nicht einmal gegen den Ausnahmezustand als solchen, sondern nur um die Art seiner Instrumentalisierung durch die Regierung!

[8] Es gehört übrigens zu den Perversitäten, die die Geschichte manachmal mit sich bringt, dass ausgerechnet an diesem Ort während der großen rafles unter deutscher Besatzung die Juden  des Viertels zusammengetrieben wurden, bevor sie dann ins Vel d’hiver, nach Drancy und schließlich Auschwitz deportiert wurden. Entsprechend geschah es ja auch mit dem  Gymnase Japy im 11. Arrondissement, einem  weiteren mythischen Ort der französischen Arbeiterbewegung.

[9]  So jedenfalls zu entnehmen der Histoire de la Commune de 1871 von Lissagaray. Entsprechend auch Jule Vallès im L’Insurgé. Die Ehre der letzten Commune-Barrikade beansprucht allerdings  auch –unter Berufung auf Louise Michel-  die rue de la Fontaine-au-Rois

[10] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2015/11/12/97001-20151112FILWWW00365-paris-le-metro-belleville-change-de-nom.php

[11] http://www.liberation.fr/france/2016/01/10/pour-une-primaire-a-gauche_1425509

http://www.lefigaro.fr/politique/2016/02/04/01002-20160204ARTFIG00039–la-bellevilloise-la-gauche-de-la-gauche-tente-de-mettre-sur-les-rails-la-primai

[13] http://plateauhassard.blogspot.fr/2011/10/lile-damour.html

[14]  http://www.alain-rustenholz.net/2012/02/belleville-ou-la-revanche-du-lapin.html

[15] https://www.youtube.com/watch?v=oTFQK767Qik

[16] http://ateliers-artistes-belleville.fr/les-portes-ouvertes/les-artistes-participant/

[17] http://ateliers-artistes-belleville.fr/artiste/juan-de-nubes/

[18] Guide Vert, Idées des promenades à Paris, S. 48).

http://www.hellocoton.fr/to/8mnt#http://news.celemondo.com/2010/12/la-villa-castel-lieu-de-tournage-de-jules-et-jim/

[19] http://www.lemonde.fr/culture/visuel/2015/04/16/a-belleville-la-rue-denoyez-perd-ses-artistes_4616550_3246.html)

(19a) http://kamlaurene.com/

[20] Siehe dazu: http://voyage.blogs.rfi.fr/article/2012/06/08/belleville-les-multiples-visages-du-paris-populaire (mit interessanten Berichten aus Belleville zum Abspielen und Mithören)

[21] Eric Hazan, L’invention de Paris. Il n’y a pas de pas perdus. Éditions du Seuil 2002, S. 283

Patrick Simon et Claude Tapia: Le Belleville des Juifs tunisiens. Paris 1998

22]  siehe 10. Bericht aus Paris: Spuren der Erinnerung

[23] http://www.tunisiensdumonde.com/les-rendez-vous/2009/03/quartier-belleville-a-paris-la-goulette-sur-seine/

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/1326242-insultes-regard-menaces-je-suis-juif-aujourd-hui-j-evite-certains-quartiers-de-paris.html

Siehe auch:  Daniel Gordon, « Juifs et musulmans à Belleville entre tolérance et conflit », Cahiers de la Méditerranée, 67 | 2003, 287-298. http://cdlm.revues.org/135

(23a) Schwarzafrikaner hat es allerdings wohl auch schon seit dem Ersten Weltkrieg in Belleville gegeben. Siehe dazu die Legende vom Sekou-Touré-Baum in dem Innenhof des Hauses 10,rue du Jourdan an der Kirche St Jean Baptiste:

„10 rue du Jourdain se trouve une cour bordée d’immeubles bas et planté entre autres de „Sekou Touré“. Cette plante exotique aurait été importée par les tirailleurs sénégalais  à l’issue de la première guerre mondiale“ (.http://plateauhassard.blogspot.fr/2013/06/la-rue-de-belleville.html)

[24] https://www.youtube.com/watch?v=jBIWL9S32QQ

[25] Jonquet Thierry, « « Jours tranquilles à Belleville ». », Sociétés & Représentations 1/2004 (n° 17) , p. 183-192  http://www.cairn.info/revue-societes-et-representations-2004-1-page-183.htm

[26] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

Siehe zu Belleville auch den Blog-Beitrag über „Chinatown in Paris“ (Rubrik Stadtviertel, 13. Arrondissement)

[27] http://www2.cnrs.fr/presse/thema/600.htmImprimer

[28] http://www.tunisiensdumonde.com/a-la-une/2009/03/au-coeur-du-quartier-de-belleville-%C2%AB-la-goulette-sur-seine-

[29]  www.chinoisdefrance.com

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2010/07/02/01016-20100702ARTFIG00573-la-revolte-des-chinois-de-belleville.php

[30] Florence Aubenas, Belleville, extérieur nuit. In: Le Monde, 3.2.2016. Enquête, S.

[31] http://www.hommes-et-migrations.fr/docannexe/file/1227/1227_05.pdf

Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort

In diesem Beitrag geht es um den Cimetière de Picpus, einen wenig bekannten kleinen privaten Friedhof im 12. Arrondissement von Paris. Dieser Friedhof ist nicht nur ein einzigartiges Zeugnis des jacobinischen Terrors  zur Zeit der Französischen Revolution, sondern auch –eher weniger bekannt- ein ganz besonderer deutsch-französischer (und amerikanischer!) Erinnerungsort, verdankt er doch seine Entstehung einer deutschen Prinzessin… Und es ist ein Ort, der vielfältige Bezüge zur französischen und deutschen Literatur aufweist: Dafür stehen Namen wie Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Gertrud von Le Fort, André Chenier und Patrick Modiano.

Der Friedhof von Picpus gehört sicherlich nicht zu den spektakulären Pariser Sehenswürdigkeiten. Und selbst unter den Pariser Friedhöfen  führt er eher ein Schattendasein: Mit dem Père Lachaise und seinen unzähligen Grabmälern bedeutender Frauen und Männer, dem Cimetière Montparnasse mit den Gräbern von Sartre, Simone de Beauvoir und Stéphane Hessel oder auch dem Cimetière Montmartre mit dem Grab Heinrich Heines kann er kaum mithalten. Schließlich liegt er auch noch versteckt am Rande von Paris, südlich der Place de la Nation, der Eingang ist ganz unscheinbar und nur zu bestimmten  Tageszeiten geöffnet- man muss den Friedhof also schon sehr bewusst ansteuern. Aber der Weg lohnt sich.(0)

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Der Cimetière de Picpus ist nicht nur eine Oase der Stille, abseits des touristischen Trubels, sondern auch ein Erinnerungsort an ein blutiges Kapitel der Französischen Revolution, den jacobinischen Terror. Aber, und das macht einen zusätzlichen Reiz dieses Ortes aus, es geht hier nicht nur um französische Geschichte: Der Ort ist wegen des Grabes von La Fayette auch ein Pilgerort für Amerikaner.

Und eine besondere Pointe: Seine Entstehung hat der Friedhof einer deutschen Prinzessin zu verdanken, die in besonderer Weise von dem jacobinischen Terror betroffen war. Der Friedhof ist also –und nicht nur deshalb- auch ein deutsch-französischer Erinnerungsort.[1]

Dass gerade an dieser Stelle 1306 Opfer der Guillotine verscharrt wurden, hat seine besondere Bewandtnis. Zunächst stand ja die Guillotine auf der place de la Révolution, der heutigen Place de la Concorde,  auf der anderen Seite der Stadt. Aber die Anwohner und Gewerbetreibenden der damals schon noblen rue St-Honoré beschwerten sich über das geschäftsschädigende Vorbeirattern der Leichenwagen. Das beeindruckte auch die Jacobiner, so dass sie die Guillotine im Juni 1794 auf die Place de la Bastille verlegten. Die Opfer wurden nun auf den Friedhof der Kirche Sainte Marguerite im Faubourg Saint Antoine gebracht.[2]  Aber auch das in diesem Viertel ansässige feine Tischlerhandwerk wollte nicht durch den Transport verstümmelter Leichen belästigt werden. Also wurde die Guillotine noch einmal verlegt und auf der Place du Trône renversé, der heutigen Place de la Nation, bzw. der sich daran anschließenden barrière du trône aufgestellt. Von hier aus waren es nur wenige Schritte zu den Gärten des in der Revolution aufgehobenen Damenstifts St. Augustin de Picpus. Das war auch noch von einer hohen Mauer umgeben, so dass die Totengräber hier ungestört zwischen dem 14. Juni und dem 27. Juli 1794, dem Sturz Robbespierres und dem Ende des Grand Terreur,  zu Werk gehen und die Hingerichteten in zwei Massengräbern verscharren konnten.  Eine  Tafel am großen Holztor in der nördlichen Mauer des ehemaligen Klostergeländes und heutigen Friedhofs erinnert daran:

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„Die blutigen Karren der Guillotine, die 1794 an der barrière du trône aufgestellt wurde, rollten in die Gärten der Stiftsdamen von St. Augustin de Picpus durch eine Tür in der nördlichen Mauer des Gartens. Der Türsturz davon ist noch erhalten. Die verstümmelten Leichen der 1306 Opfer  ruhen in zwei Massengräbern.“[3]

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In der kleinen Kapelle vor dem Friedhof sind auf zwei gegenüberliegenden Wänden riesige Tafeln  mit den Namen, dem Alter und dem Beruf der Opfer  angebracht, geordnet nach den Daten der Hinrichtung. In den sechs Wochen des Juni und Juli 1874 wurden auf der place du trône renversée mehr Menschen  umgebracht als in den 13 Monaten davor auf der place de la Revolution.  Auch wenn die Beleuchtung etwas düster ist: Die abstrakte Zahl  1306 wird hier  erfahrbar und,  wenn man genauer hinsieht, auch etwas davon, wer alles dem Terror zum Opfer fiel: Menschen jeden Alters, Geschlechts und Standes.

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Natürlich Adlige und Geistliche, die als Feinde der Republik galten, vor allem und mehrheitlich aber „gens du peuple“, Hausbedienstete, kleine Handwerker, eine Frisöse, ein Bäcker, eine Krankenschwester, ein Gebrauchtwarenhändler[4]…. Die jacobinischen Revolutionstribunale konnten sich nicht nur einer zügigen Abwicklung der Prozesse und der geradezu fließbandmäßiger Vollstreckung der üblichen Todesurteile rühmen, sondern auch –man kennt das aus der deutschen Geschichte- einer peniblen Buchführung. (4a)

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Hier wird auch die Formel von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahre 1805 nachvollziehbar, die Revolution samt Schreckensherrschaft sei ein gefräßiges Ungeheuer gewesen, welches „hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete“, wobei allerdings Revolution und Schreckensherrschaft zu Unrecht in einen Topf geworfen werden.   Aber dass man nach den Protesten im noblen Faubourg Saint Honoré und im Faubourg Saint Antoine der Handwerker die Guillotine am äußersten Ende von Paris aufstellte  und  dass mit den Gärten des Klosters St. Augustin ein “Ort des kurzen Wegs“ für die Massengräber gewählt wurde, zeigt, dass sich der Konvent  der  öffentlichen Zustimmung zu den immer willkürlicheren und teilweise völlig zufälligen Hinrichtungen nicht mehr sicher sein konnte. „Nicht Robespierres Gegner waren die Guillotine und das Guillotinieren leid“, schrieb denn auch Rudolf Augstein 1989 in seiner Spiegel-Serie über die Französische Revolution.  „Das Volk von Paris war des immer gleichen Schauspiels müde, haßte den Blutgeruch und nahm dem Konvent die Blutmaschine aus den blutigen Händen.“[5]

Ein Rundgang durch den Friedhof

Der Cimetière de Picpus besteht aus zwei Teilen: zunächst einem Friedhof im typisch französischen Stil – mit eng aneinander liegenden steinernen bzw. nebeneinander stehenden Grabmälern von adligen Familien, die Angehörige im jacobinischen Terror verloren hatten. Entsprechend respektabel sind denn auch einige dieser Grabstätten – ganz im Gegensatz zu dem hinter einer weiteren Mauer liegenden  und nicht zugänglichen Feld mit den beiden Massengräbern der letzten  Opfer des  Terrors, an die  schlichte Kreuze oder Gedenksteine erinnern.

Beginnen wir unseren Rundgang am Grab von La Fayette.  Das Grab La Fayettes ist nicht zu übersehen, auch wenn es in der hinteren Ecke des Friedhofs liegt. Aber die amerikanische Fahne, der einzige Farbtupfer in dem steinernen Gräberfeld, weist den Weg. Die stars and stripes an diesem Grab sind eine Würdigung der besonderen Rolle, die La Fayette im amerikanischen Bürgerkrieg spielte. Immerhin hatte sich La Fayette als überzeugter Aufklärer mit einer auf eigene Kosten angeworbenen Freiwilligentruppe am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg beteiligt und war zum Generalmajor des amerikanischen Kontinentalheeres ernannt worden. Mit den Führern der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, George Washington und Thomas Jefferson, war er bekannt. Jeffersons 1776 verfasste „Blll of rights of Virginia“, die Vorläuferin der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, beeinflusste ihn sehr. Am 11. Juli 1789 brachte er in die neue Nationalversammlung, deren Vizepräsident er drei Tage später wurde, den Entwurf einer Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte  nach amerikanischem Vorbild ein, den er mit der Unterstützung von  Jeffersons erarbeitet hatte, der inzwischen  Botschafter in Paris geworden war.

In Amerika wurde er als Kriegsheld gefeiert. Zahlreiche Städte und Landkreise (counties) tragen seinen Namen. Auf dem Lafayette Square in Washington, D.C. ist er in einer Statue verewigt und auch in Paris gibt es eine von einem Amerikaner gestiftete Lafayette-Statue,  ein Dank für die von Frankreich der USA geschenkte Freiheitsstatue. Sie stand ursprünglich im Hof des Louvre, musste aber aufgrund des Baus der Pyramide an den cours la reine, eine Anlage an der Seine auf der Höhe des Grand Palais, „umziehen“.

Dass La Fayette, der aufgrund seiner Flucht nach Flandern und seiner Gefangenschaft bei Österreichern und Preußen  dem jacobinischen Terror Terror entging, auf dem Friedhof Picpus begraben liegt, hat er seiner Frau bzw. deren Familie zu verdanken.

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Die aus einem alten und bedeutenden französischen Adelsgeschlecht stammende Adrienne de Noailles wurde 1774 im Alter von 14 Jahren mit dem 16-jährigen Gilbert du Motier, Marquis de la Fayette, verheiratet. Ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester wurden am 22. Juli 1794 hingerichtet, also 5 Tage vor dem Ende der Schreckensherrschaft. Ende Juni waren schon vier weitere Mitglieder des Noialles-Geschlechts hingerichtet worden: Philippe de Noailles, duc de Mouchy, Marschall Frankreichs, seine Frau, eine „madame etiquette“ genannte Ehrendame Marie-Antoinettes, dazu seine Nichte und Schwiegertochter.

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Damit hatten die Noailles/La Fayettes gewissermaßen das Anrecht erworben, auf dem Cimetière de Picpus  begraben zu werden.

Das Grab von La Fayette und der Familie de Noailles markiert nicht nur ein besoders blutiges Kapitel des jacobinischen Terreur, sondern  es ist auch ein Symbol der amerikanisch-französischen Waffenbrüderschaft. Am 13. Juni 1917 besuchte der Oberbefehlshaber des amerikanischen Expeditionsheeres, General Pershing, in Begleitung des französische Generals Pelletier das Grab Lafayettes. (5a)

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An Lafayette und Pershing erinnern auch Tafeln am Eingang des Friedhofs.

Und am 4. Juli 1917,  dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Nationalfeiertag, rief Oberst Stanton, Vertreter des amerikanischen  Expeditionscorps, im Beisein von Marschall Joffre am Grab aus. „La Fayette, nous voici!“- ein berühmt gewordener  Ausspruch, der dann auch wieder 1944  anlässlich der Landung der amerikanischen Truppen in der Normandy zitiert wurde.[6]. Heutzutage  besucht der jeweilige amerikanische Botschafter in Paris am 4. Juli das Grab von La Fayette und eine neue stars and stripes wird gehisst.

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Geht man etwas  durch die Gräberreihen und betrachtet die Inschriften, so stellt man fest,  dass  es sich hier geradezu um ein   who is who?  des französischen Hochadels handelt. Zwar waren zahlreiche Adlige noch rechtzeitig emigriert, aber es gab doch noch genug andere, die davon ausgingen, wegen ihrer Zustimmung zu den Idealen  der Revolution oder wegen ihrer besonderen persönlichen Situation nichts befürchten zu müssen.  Dazu gehörte der schon erwähnte Philippe de Noailles: Als er aufs Schafott stieg –er war damals 79 Jahre alt-  rief ihm einer der Schaulustigen zu: „Courage, Monsieur le Maréchal!“. Seine Antwort: „Als ich 15 Jahre alt war, stieg ich aufs Pferd zum Sturmangriff für meinen König, jetzt, fast 80-jährig, steige ich aufs Schafott für meinen Gott.“[7]

Hingerichtet und verscharrt wurde auch Marie-Louise de Laval-Montmorency, die letzte Äbtissin von Montmartre. Sie war blind und taub und wurde vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, weil sie „sourdement et aveuglément“ gegen die Republik agitiert habe- ein vielzitiertes Beispiel für den Zynismus der Revolutionstribunale.

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Zu den Opfern gehörte auch der Dichter André de Chénier. An ihn erinnert eine schlichte Gedenkplatte an der Mauer, die die Wiese mit den Massengräbern von dem heutigen Friedhof trennt. Die Inschrift der Tafel:  André de Chénier, Sohn Griechenlands und Frankreichs. Er diente den  Musen, liebte die Weisheit und starb für die Wahrheit.

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Rudolf Augstein schrieb in seiner Spiegel-Serie Vom Freiheitsrausch bis Waterloo über das  Ende von Chenier:

„Der Dichter Andre Marie de Chénier, ein erklärter Feind der Jakobiner, wird am 7. März 1794 verhaftet. Man sperrt ihn in das Gefängnis Grande-Force und guillotiniert ihn drei Tage vor Robespierre. Warum hat er diesen nicht überlebt? Nun, in den Gefängnissen sitzen auch die „moutons“, die Spitzel. Einer, der Graf Ferrières-Sauvebeuf, hat ihn beim Sicherheitsausschuß denunziert. Chéniers Geliebte, Madame de Bonneuil, eine erwiesene Feindin der Republik, trifft im Juli 1793 im Gefängnis Sainte-Pelagie ein und überlebt. Unter dem Namen „Camille“ hat sie der Dichter verewigt.“ (Augstein).

Chenier kritzelt, auf den Karren wartend, sein letztes Gedicht. Es zeugt  „von seiner Anstrengung, selbst den letzten Moment im Zeichen der eigenen klassizistischen, auf Freiheit und Tugend gerichteten Poesie zu gestalten. Dem bevorstehenden Tod wird nichts Tröstliches abgerungen.“[8]

Comme un dernier  rayon, comme un dernier zéphyre

Anime la find d’un beau jour,

Au pied de l’échafaud j’essaye encore ma lyre.

Peut-être est-ce bientôt mon tour;

Peut-être avant que l’heure en cercle promenée

Ait posé sur l’émail brillant,

Dans les soixante pas où sa route est bornée,

Son pied sonore et vigilant,

Le sommeil du tombeau pressera ma paupière!

Avant que de ses deux moitiés

Ce vers que ke commence ait atteint la  dernière,

Peut-être en ces murs effrayés

Le messager de mort, noir recruteur des ombres,

Escorté d’infâmes soldats,

Remplira de mon nom ces longs corridors sombres.

Quoi! Nul ne restera pour attendrir l’histoire

Sur tant de justes massacrés;

Pour consoler leurs fils, leurs veuves, leur mémoire;

Pour que des brigands abhorrés

Frémissent aux portraits noirs de  leur ressemblance;

Pour descendre jusqu’aux enfers

Chercher le triple fouet, le fouet de la vengeance,

Déjà levé  sur ces pervers;

Pour cracher sur leurs noms, pour chanter leur supplice!

Allons, étouffe tes clameurs;

Souffre, ô choeur gros de  haine, affamé de justice.

Toir, Vertu, pleure si je meurs.“

 Aber noch auf den Stufen der Conciergerie wird auch er, ähnlich wie Saint-Just, sagen: „Und doch war hier etwas.“[9]

Stefan Zweig berichtet im 9. Kapitel  seiner 1942 posthum erschienenen Memoiren „Die Welt von gestern“, wie er in der Zeit vor dem  Ersten Weltkrieg mit dem damals in Paris lebenden Rainer Maria  Rilke, dem Sekretär Auguste Rodins,  den Cimetière de Picpus und das Grab von Chénier besuchte:

… am schönsten war es, mit Rilke in Paris spazierenzugehen, denn das hieß, auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge sehen; er bemerkte jede Kleinigkeit, und selbst die Namen der Firmenschilder sprach er, wenn sie ihm rhythmisch zu klingen schienen, gerne sich laut vor; diese eine Stadt Paris bis in ihre letzten Winkel und Tiefen zu kennen, war für ihn Leidenschaft, fast die einzige, die ich je an ihm wahrgenommen. Einmal, als wir uns bei gemeinsamen Freunden begegneten, erzählte ich ihm, ich sei gestern durch Zufall an die alte ›Barrière‹ gelangt, wo am Cimetière de Picpus die letzten Opfer der Guillotine eingescharrt worden waren, unter ihnen André Chenier; ich beschrieb ihm diese kleine rührende Wiese mit ihren verstreuten Gräbern, die selten Fremde sieht, und wie ich dann auf dem Rückweg in einer der Straßen durch eine offene Tür ein Kloster mit einer Art Beginen erblickt, die still, ohne zu sprechen, den Rosenkranz in der Hand, wie in einem frommen Traum im Kreis gewandelt. Es war eines der wenigen Male, wo ich ihn beinahe ungeduldig sah, diesen so leisen, beherrschten Mann: er müsse das sehen, das Grab André Cheniers und das Kloster. Ob ich ihn hinführen wolle. Wir gingen gleich am nächsten Tage. Er stand in einer Art verzückter Stille vor diesem einsamen Friedhof und nannte ihn ›den lyrischsten von Paris‹. Aber auf dem Rückweg erwies sich die Tür jenes Klosters als verschlossen. Da konnte ich nun seine stille Geduld erproben, die er im Leben nicht minder als in seinen Werken meisterte. »Warten wir auf den Zufall«, sagte er. Und mit leicht gesenktem Haupt stellte er sich so, daß er durch die Pforte schauen konnte, wenn sie sich öffnete. Wir warteten vielleicht zwanzig Minuten. Dann kam die Straße entlang eine Ordensschwester und klingelte. »Jetzt«, hauchte er leise und erregt. Aber die Schwester hatte sein stilles Lauschen bemerkt – ich sagte ja, daß man alles an ihm von ferne atmosphärisch fühlte –, trat auf ihn zu und fragte, ob er jemanden erwarte. Er lächelte sie an mit diesem seinem weichen Lächeln, das sofort Zutrauen schuf, und sagte offenherzig, er hätte so gerne den Klostergang gesehen. Es tue ihr leid, lächelte nun ihrerseits die Schwester, aber sie dürfe ihn nicht einlassen. Jedoch riet sie ihm, zum Häuschen des Gärtners nebenan zu gehen, von dessen Fenster im Oberstock habe er einen guten Blick. Und so ward auch dies ihm wie so vieles gegeben.“[10]

Eine Tafel an der Friedhofswand erinnert an 23 Bewohner der Vendée, die im Juni 1794 hier verscharrt wurden- sie stehen  stellvertretend für die etwa 200000 Opfer, die die brutale Niederschlagung des konterrevolutionären Aufstandes in der Vendée gekostet hat.

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Zur Durchsetzung der Einheit Frankreichs und der Errungenschaften der Revolution gehörte auch ein teilweise Genozid-Ausmaße annehmender Terror zu den legitimen Mitteln: Nach dem Befehl des Wohlfahrtsausschusses sollte die Vendée „ausgeblutet“ werden, ihre Bewohner deportiert und durch „gute Sansculotten“ ersetzt werden.  „Zwanzig Kolonnen durchkämmten von Januar bis Mai 1794 die vier Départements Maine-et-Loire, Loire-Inférieure, Vendeée und Deux-Sèvres  mit entsetzlicher, an den Dreißigjährigen Krieg  erinnernder Grausamkeit.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_der_Vendée)

Die ungewöhnlich brutale Bestrafung, auch unter Anwendung der Sippenhaft, dokumentierte sich in einem Befehl, den General Turreau gegeben haben soll: „[…] il faut exterminer tous les hommes qui ont pris les armes, et frapper avec eux leurs pères, leurs femmes, leurs sœurs et leurs enfants. La Vendée doit n’être qu’un grand cimetière national.“ „Wir müssen alle Männer vernichten, die zu den Waffen gegriffen haben und sie mit ihren Vätern, ihren Frauen, ihren Schwestern und ihren Kinder zerschlagen. Die Vendée soll nichts anderes sein als ein großer nationaler Friedhof.“ (a.a.O.)

 Zu den prominentesten  Opfern des jacobinischen Terrors, die auf dem Cimetière de Picpus verscharrt wurden, gehören sicherlich die 16 Karmeliterinnen von Compègne, an die eine weitere  Marmortafel an der Friedhofsmauer erinnert:

„Zur Erinnerung an die 16 Carmeliterinnen  von Compiègne, die am 17. Juli 1794 für ihren  Glauben  starben und am 27. Mai 1906 seliggesprochen  wurden. Ihre Körper ruhen hinter dieser Mauer.“        

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An die 16 Karmeliterinnen erinnert übrigens auch ein Fenster in der Kirche St. Marguerite im Faubourg Saint Antoine, die auch wegen seines kleinen Friedhofs und der mit trompe d’oeil-Technik ausgemalten Kapelle sehenswert ist.

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Die Nonnen hatten sich geweigert, ihr Ordensgelübde zu brechen, und wurden deshalb zum Tode verurteilt. Im Karmeliterkloster von Jonquière, einem Nachbarort von Compiègne, wird  die Erinnerung an die 16 Ordensschwestern wach gehalten. Dort wird auch eine Marienstatue gezeigt, die sie auf dem Weg zum Schafott in den Händen gehalten haben sollen.      

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 Im Kloster von Jonquière hängt auch das  Bild von G. Molinari (1906), das die 16 Karmeliterinnen auf dem Weg zum Schafott zeigt.  Im Hintergrund sind die beiden Säulen der Barrière du Trône zu sehen.

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Die beiden Königsstatuen auf den Säulen gab es damals allerdings noch nicht. Sie wurden erst 1845 hinzugefügt.

Das Schicksal der 16 Karmeliterinnen wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet.  Es inspirierte Gertrud von Le Fort zu ihrer 1931 erschienenen Novelle   Die Letzte am Schafott.  Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge, vormals ängstliche Blanche, die an der Guillotine den frommen Gesang der (anschließend) enthaupteten Nonnen mutig aufnimmt  und damit ihre schwache Stimme gegen den blutigen Terror der Revolution erhebt.

Download Poulenc

             Poulec: Dialogues des Carmélites im Théatre des Champs-Elysées 2013/2014

photo : Vincent Pontet/Wikispectacle)

Georges Bernanos schrieb auf der Basis der Erzählung zunächst 1947 ein Film-Drehbuch, das 1960 unter dem Titel Le Dialogue des Carmélites (dt. Opfergang einer Nonne) verfilmt wurde. Jeanne Moreau spielte in diesem Film die Schwester Marie, Pascale Audret die Blanche.  Und Francis Poulenc  machte aus  diesem Stoff seine Oper Dialogues des Carmélites, die 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde. Wir haben das Stück 2013 in einer beeindruckenden Inszenierung von Olivier Py  im Théatre des Champs-Elysées gesehen.[11]

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Besonders eindrucksvoll fanden wir das letzte Bild: Nach und nach gehen die Nonnen langsam nach hinten, wo eine Treppe nach unten führt, über die sie Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Zuschauer verschwinden. Ein harter Knall markiert das Ende auf dem Schafott, bevor dann die nächste –und schließlich Blanche, die letzte- an der Reihe ist.

Die Geschichte des Friedhofs von Picpus

Es gibt aber noch zwei weitere prominente Opfer des jacobinischen Terrors, die beide am 23. Juli 1794 guillotiniert und auf dem Gelände des heutigen cimetière de Picpus verscharrt wurden:  Alexandre de Beauharnais, der erste Mann von Josephine,  der späteren Frau Napoleons, und der Prinz Friedrich III. von Salm-Kyrburg. Ohne sie hätte  es wohl diesen Friedhof nie  gegeben. Vor allem aber   ist seine Entstehung der Schwester Friedrichs III. zu verdanken, der Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich abenteuerliche deutsch-französische Geschichte, die es wert ist, hier erzählt zu werden.

 Beginnen wir die Geschichte mit dem Fürsten Friedrich III- Johann Otto zu Salm-Kyrburg  (1745–1794).[12] Sitz seiner Familie war ursprünglich die Kyrburg in Kirn, einem kleinen Städtchen an der Nahe. Die Kyrburg war im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit eine ansehnliche Residenz, bis sie 1734 unter französischer Besatzung gesprengt wurde.

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Das ist übrigens auch insofern  von Bedeutung, weil sich der finanziell stets klamme  Friedrich III. später um eine Kriegsentschädigung seitens der französischen Krone bemühte, die ihm aber verweigert wurde. Nach der Zerstörung des Schlosses richteten die Fürsten von Salm-Kyrburg dort zwar in einem zweistöckigen Neubau eine Garnison ein–heute ein Restaurant-, als Residenz kamen die Ruinen  der Kyrburg aber nicht mehr in Frage.  Wenigstens dienten sie dann  der Bevölkerung als Steinbruch.

Friedrich III., immerhin verheiratet mit einer leibhaftigen Hohenzollern (Johanna Franziska von Hohenzollern-Sigmaringen), beauftragte also keinen Geringeren als den Pariser Architekten Jacques- Denis Antoine mit der Konzeption eines Stadtentwicklungsplans –wie man  heute sagen würde- für Kirn  und mit dem Bau einer standesgemäßen barocken Sommerresidenz. Antoine war – zusammen  mit Soufflot und Ledoux- vor der Revolution einer der bekanntesten und auch international geschätzten französischen Architekten. Antoine verstand es, wie es in einem Informationsblatt über die von ihm entworfene und kürzlich renovierte Monnaie de Paris heißt,  äußerst begüterte und renommierte internationale Auftraggeber zu gewinnen[13]. Dazu gehörte offenbar auch der Prinz von Salm-Kyrburg. Zu Ehren seiner Schwester, Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg, erhielt die Residenz den  Namen Amalienlust.

36e4bef3-446b-44d9-bb5c-3a54606390ac www, Gastlandschaften. Amalienlust

http://www.gastlandschaften.de

Erhalten  sind davon noch zwei Pavillons (Teichweg 7 und 11) und ein Theater (Teichweg 12).[14] Auch wenn bei Wikipedia zu lesen ist, dass dieses Theater  – ein bescheidenes Gebäude vom Umfang eines Ein- oder höchstens Zweifamilienhauses- „mondäne Ansprüche… befriedigt“ habe[15]: Das Provinznest Kirn mit seiner –wenn auch von einem Franzosen geplanten- Duodez-Residenz war dem Fürsten einfach zu eng.

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Portrait von Friedrich III. von Salm-Kyrburg im Salon de l’aurore des Hôtel de Salm (Kopie)

Wohin also? Natürlich nach Paris, der Hauptstadt nicht nur des 19.Jahrhunderts, wie Walter Benjamin es formulierte,  sondern auf jeden  Fall auch  des  18. Jahrhunderts. In Paris hatten schon seine Eltern einen „Zweitwohnsitz“- so wie viele andere linksrheinische deutsche Adelsfamilien, denen es zu Hause zu eng war und die vom Glanz des Pariser Hofes angezogen wurden. So ist es zu erklären, dass  Friedrich schon einen Teil seiner Jugend in Paris verbracht und dort die noble Schule Louis le Grand besucht hatte. Seit 1771 war er sogar „colonel“ in einem in französischen  Diensten stehenden deutschen Infanterieregiment. (Emig, 69)

In Paris  nutzte Friedrich III. seine Aura als deutscher Märchenprinz und die Einkünfte aus seinen Besitzungen in Deutschland und Belgien und ließ durch den Architekten Pierre Rousseau von 1782 bis 1787 ein grandioses Adelspalais (hôtel particulier) in bester Lage an der Seine errichten, das Hôtel de Salm am Quai d’Orsay.[16]

Download Hotel de Salm

Bau des Hôtel  de Salm (anonym) Musée Carnavalet

Dieses Bauwerk erregte damals außerordentliche Bewunderung. In zeitgenössischen Handbüchern  der Architektur wurde es als eines der schönsten Häuser von Paris gerühmt. Als Thomas Jefferson Botschafter der Vereinigten  Staaten von Amerika in Paris war, bat er darum, seinen Sessel im Tuilerien-Garten  so aufzustellen, dass er das Hôtel de Salm betrachten konnte, in dem er auch gerne und oft zu Gast war.[17] Er sei in dieses Gebäude verliebt, schrieb er.[18]

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Kein Wunder,  denn  die Schauseite zur Seine ist von einer außerordentlichen  Eleganz (damals noch zu einem Garten geöffnet und nicht durch den vorbeibrausenden Verkehr beeinträchtigt), während die gegenüberliegende pompöse Seite mit ihrem aufgeblähten Portikus ganz offensichtlich dazu diente, den Rang Friedrichs in der Adelshierarchie ostentativ zur Schau zu stellen.

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Für Jefferson gehörten die beiden Frontseiten des Hôtel de Salm  zu den “celebrated fronts of modern buildings”, die als Vorbild für Amerika dienen könnten. Und als Jefferson sein Landhaus in Monticello entwarf, ließ er sich dabei von seinem geliebten Hôtel de Salm inspirieren.[19]

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Es passt also genau, dass  an der Seine eine Statue Jeffersons platziert ist, der auf das fahnengeschmückte Hôtel de Salm blickt. Und in seiner Hand trägt er die Skizze seines Handhauses in Monticello.

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Die ostentative Präsentation des Ranges in der Adelshierarchie und des erworbenen Sozialprestiges beschränkte sich bei Friedrich aber nicht nur auf die Architektur, sondern umfasste den gesamten repräsentativen Lebensstil:  Anfang des Jahres 1789 gab Friedrich III. zum Beispiel  in seinem noch nicht ganz  fertiggestellten hôtel ein großes Abendessen mit anschließendem Ball, zu dem über 1000 Gäste – halb Paris also, wie ein Gast damals schrieb-  eingeladen waren![20] Seit 1804 ist das Hôtel de Salm Palais und Museum der 1802 gegründeten Ehrenlegion und lässt auch im Innern noch etwas von dem früheren Glanz spüren, auch wenn der Großteil der ursprünglichen Inneneinrichtung dem Feuer der Commune zum Opfer fiel.[21]

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Aber noch ist es nicht soweit: Noch logiert in dem  Hôtel nicht die Ehrenlegion, sondern der Prinz von Salm-Kyrburg,  dessen  Namen  es nach wie vor trägt. Und  bald nach seiner Errichtung wird es ein Treffpunkt der hochadligen Oberschicht des (vor)revolutionären Frankreich.

Und jetzt kommt ein zweites Mitglied des oben genannten  Trios ins Spiel, nämlich Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die Schwester Friedrichs III.[22]

Amalie wurde 1860 in Paris geboren und in der großartigen Kirche Saint-Sulpice getauft – in derselben  Kirche, in der  gut 60 Jahre später Charles Baudelaire ebenfalls getauft wurde und  Heinrich Heine im Todesjahr Amalies seine Mathilde heiratete[23]. Erzogen wurde sie, wie es sich für ein Mädchen ihres Standes gehörte[24], zunächst im katholischen Mädchenpensionat Couvent Port-Royal, danach im noblen Kloster Bellechasse Faubourg Saint-Germain.  1782 heiratete Amalie –allerdings in Kirn-  auf Wunsch ihrer Eltern den Erbprinzen Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen, den Bruder Johannas, der frischvermählten Frau ihres Bruders. Seinen ersten gemeinsamen Winter verbrachte das junge Paar immerhin noch in Paris. 1784 kam Amalie Zephyrine dann zum ersten Mal nach Sigmaringen, wo sie sich nun auf Wunsch ihres Mannes und Schwiegervaters fest installieren sollte. Amalie konnte jedoch keine Zuneigung zu dem ihr angeheirateten Anton Alyois entwickeln, den sie „mon prince héréditaire“ nannte.  Und das von ihrem Schwiegervater streng reglementierte  Leben in der kleinen Residenzstadt an der Donau empfand sie als „unerträglich einengend“. Sigmaringen hatte zwar ein imposantes Schloss, aber es war ansonsten  ein bescheidenes Städtchen von 1000 Einwohnern. Paris dagegen, die Stadt ihrer Jugend und ihrer Träume, war Ende des 18. Jahrhunderts die geistige, künstlerische und politische Metropole Europas.[25] Also floh Amalie bereits ein Jahr später, zehn Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Karl, als Mann verkleidet aus der oberschwäbischen Provinz nach Kirn zu ihrem Bruder. Den Mann und das kleine  Kind  ließ sie in Sigmaringen zurück. Ihr eigentliches Ziel war aber selbstverständlich nicht der Hunsrück, sondern das glänzende Paris, wo Friedrich III. und seine Frau die meiste Zeit des  Jahres verbrachten.

Download Amalia Zephyrine

                             Amalie Zephyrine  (Fürstl. Hohenzoll. Samml. Sigmaringen)

Und nun kommt auch der Dritte im Bunde ins Spiel, Alexandre de Beauharnais.

Download Alexandre de Beauharnais

http://frda.stanford.edu/

Der Vicomte de Beauharnais hatte –wie Lafayette- am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilgenommen und sich dort ausgezeichnet, 1779 heiratete er Joséphine, die wie er aus der französischen Kolonie Martinique stammte. Eigentlich hatte er Joséphines drei Jahre jüngere Schwester Catherine-Désirée Alexandre heiraten wollen, doch die starb an Tuberkulose. Die dritte Schwester, Marie Françoise, war erst elf Jahre alt, also noch etwas zu jung zum Heiraten. Schließlich akzeptierte er Joséphine als Frau – sie war ihm mit ihren 16 Jahren aber eigentlich bereits zu alt. Die Ehe verlief alles andere als glücklich, es kam zu einer psychischen und physischen Entfremdung und Alexandre unterstellte seiner Gattin sogar, dass die gemeinsame Tochter ein Kukuckskind sei. Im Jahr 1785 beschloss das Ehepaar mit beiderseitigem Einverständnis die Trennung.[26] So konnte Beauharnais seine wahre Liebe entdecken in Gestalt der …. natürlich!: Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, die er –bei allen sonstigen Affairen- seine „einzige wahre Freundin“ nannte.[27] Die lebte jetzt in Paris wie eine Göttin in Frankreich mit ihrem geliebten Bruder Friedrich und ihrem Liebhaber Alexandre. Und Josephine, immer noch Ehefrau Alexandres, freute sich offenbar an dem Liebesglück ihres Mannes und war mit Anna Amalie in einer herzlichen Freundschaft verbunden. Das kam gewissermaßen noch als i-Tüpfelchen dazu und erwies sich später als politisch höchst bedeutsam, als Josephine die Ehefrau Napoleons war und es um die Existenz des Hauses Hohenzollern ging. Aber das ist eine andere Geschichte….

Das Glück der drei Protagonisten unserer Geschichte währte allerdings nicht lange. Da gab es vor allem die finanziellen Probleme  Friedrichs, dessen finanzielle Mittel nicht auf gleicher Höhe waren wie sein Adelsprädikat und seine Ansprüche.  Friedrich hatte schon seit seiner Jugend einen Hang zur Verschwendung. Dazu kamen zahlreiche verlustreiche finanzielle Engagements- zum Beispiel das schließlich gescheiterte Projekt eines Kanals zwischen  Provins und der Seine. Die Schulden wuchsen ihm allmählich über den Kopf, der Druck der Geldgeber wurde immer massiver. Der dem adligen Prestigestreben geschuldete Bau des hôtel de Salm und die aufwändige doppelte Hofhaltung in Paris und Kirn waren absolut ruinös. Da außerdem die französische Krone sich weigerte, ihn für die Zerstörung der Kyrburg zu entschädigen, musste Friedrich  einen  Teil seines Besitzes veräußern oder pfänden, sein Pariser hôtel an den Architekten verkaufen und –das gab es schon damals!- zurückleasen.

Friedrich III. betrachtete insofern die revolutionären Ereignisse bis 1793 durchaus als eine Chance und als eine Art Neubeginn: „wenn nicht in ökonomischer Sicht, so doch in Form einer Distanzierung und Abrechnung mit einem ‚Ancien régime‘, das ihn in seiner finanziellen Misere im Stich gelassen und damit die Aufrechterhaltung seines adligen Status in Gefahr gebracht hatte.“ (Emig, 262)

Friedrichs Sympathie für die revolutionären Ereignisse hatte  ihre Grundlage aber durchaus auch in seiner Offenheit gegenüber den Ideen der Aufklärung:  Wie bei manchen anderen Mitgliedern des Hochadels gehörte es zum guten vorrevolutionären Ton, Kontakte zu den prominenten „gens de lettres“ der Aufklärung zu pflegen. Es galt geradezu als Maßstab des gesellschaftlichen Ansehens, von Voltaire in Fernay in der Nähe von Genf  empfangen zu werden. Friedrich unternahm die Reise im August 1771. Voltaire war offensichtlich von ihm sehr angetan und beschrieb ihn gegenüber d’Alembert als „instruit, modeste, très aimable et digne d’un meilleur siècle.“[28]

In Paris bemühte sich Friedrich auch um Jean Jacques Rousseau, der sich seit 1770 in seine ‚Dachkammer‘ in der rue de la Platrière zurückgezogen hatte, und besuchte ihn dort zusammen mit dem österreichischen Offizier, Diplomaten und Schriftsteller Karl  Charles Joseph de Ligne. Solche Besuche ausländischer Adliger bei französischen Philosophen und Schriftstellern gehörten damals zum Programm von Bildungsreisen und dienten der gegenseitigen Aufwertung. Und sie stärkten das bürgerliche Selbstbewusstsein im vorrevolutionären Frankreich: „Visitant les hommes de lettres parce qu’ils sont devenus le seul étendard prestigieux de l’identité nationale, les princes étrangers confortent le sentiment que l’opinion avait de leur pouvoir.“ [29]

Dass Friedrich dann auch die revolutionären Ereignisse von 1789 mit Anteilnahme und Sympathie verfolgte, zeigt seine  Teilnahme am Föderationsfest vom 14. Juli 1790, zu dem er  extra mit Amalie Zephyrine aus Kirn anreiste. Dieses Fest hatte der Bürgermeister von Paris, de Bailly, vorgeschlagen, mit dem Friedrich enge Kontakte pflegte- ebenso wie mit anderen der Revolution zuneigenden Adligen  wie La Fayette, Alexandre de Beauharnais und seine Frau Josephine. Gerade auch Frauen wie  Josephine oder Madame de La  Fayette spielten damals eine  wichtige Rolle und führten in veränderter Form die Tradition der vorrevolutionären Salons fort. „Ein zeitgenössischer Beobachter und Gast dieser Salons, der amerikanische Gouverneur Morris, benannte explizit Amalie als  Initiatorin und Gastgeberin eines solchen Salons, der offenbar im ‚Hôtel de Salm‘ stattfand. Morris behauptete in diesem Zusammenhang sogar, dass jenen  Frauen fast eine ‚republikanische Gesinnung‘ unterstellt werden konnte.“ (Emig,  267)

Inwieweit bei Friedrichs aufklärerischem und revolutionsfreundlichem Eifer auch opportunistische Erwägungen, nämlich der Statuserhaltung allen politischen und sozialen Umwälzungen zum Trotz- eine Rolle  gespielt haben, sei allerdings dahingestellt.  Das gilt auch für sein am 19. Dezember 1792  in einem Brief an den Konvent verkündetes Dekret der Untertanenbefreiung:

Ich ging zu den Menschen, die ich einmal meine Untertanen genannt habe und jetzt meine Mitbürger, meine Freunde, meine Kinder nenne, um ihre Knechtschaft und Hörigkeit, die lehnsherrlichen Rechte über ihr Hab und Gut – mit einem Wort, alle barbarischen Reste der Feudalherrschaft abzuschaffen.[30]

Man kann dies, wie Rudolf Augstein,  als Versuch verstehen, die französische Revolutionsideologie auf deutschem Boden auszubreiten, aber auch als ‚Verzweiflungsakt‘ , mit der Friedrich angesichts des Vordringens der Revolutionsarmee in linksrheinisches Gebiet noch etwas von seiner dortigen Stellung bewahren wollte.[31]

Dass Friedrich trotz aller öffentlichen Bekenntnisse zur Revolution ins Visier des jacobinischen Wohlfahrtsausschusses geriet, beruhte offenbar auf Denunziationen und  Namensverwechslungen mit anderen Angehörigen der weitverzweigten Salm-Dynastie, die der Konterrevolution verdächtigt wurden. Anfang April 1794 wurde Friedrich verhaftet und in die in einem aufgehobenen Karmeliterkloster  eingerichtete  Anstalt „Les Carmes“ eingeliefert. Die Haftbedingungen waren dort so, dass er zeitweise geradezu ein Ende fast herbeisehnte:

„Il ne reste plus qu’à désirer la fin d’une existence que l’ont ne peut plus supporter“ (cit. Emig,333)

Dieses Ende kam dann sehr schnell. Aus Furcht vor konspirativen Umtrieben in den Gefängnissen wurden sie von verdächtigen „Elementen gesäubert“. Friedrich wurde mit 50 anderen  Gefangenen in die Conciergerie verlegt, und am 23. Juli 1794 verurteilte ihn das Revolutionstribunal zum Tode, weil  er unter der Maske des Patriotismus ein Agent der deutschen Koalition gegen Frankreich sei.[32]

Noch am gleichen Tag wurde Friedrich auf der Place de la Barrière de Vincennes bzw. Place du Trône renversée guillotiniert – zusammen mit Alexandre de  Beauharnais, mit dem er auch schon seine letzten Wochen im Gefängnis verbracht hatte.  Mit ihm war Friedrich –vermittelt über Amalie Zephyrine- schon seit längerem freundschaftlich verbunden. Beauharnais gehörte zu den  ersten  adligen Abgeordneten  der Nationalversammlung, die zum Dritten Stand übertraten. Im Juni und Juli 1791 stieg er zum amtierenden Präsidenten der Nationalversammlung auf und war 1791 eine Zeit lang Sekretär, dann Präsident des Jacobinerclubs. Als  Oberbefehlshaber der ersten  Rheinarmee wurde ihm vorgeworfen, aus Inkompetenz bzw. fehlendem revolutionärem Eifer 1793 den Fall von Mainz verschuldet zu haben. Jedenfalls Grund genug für ein Todesurteil.[33] Seine und Josephines Kinder, Eugène und Hortense, wurden von Napoleon adoptiert und mit höchsten Ämtern ausgestattet. Die beiden  kauften  übrigens 1803 ein zur Zeit Ludwigs XIV. errichtetes Adelspalais, das seitdem den Namen der Familie trägt: Nach dem Sturz Napoleons ging Eugène ins Exil nach München und verkaufte 1818 sein Hôtel de Beauharnais an den  preußischen  König.  Heute ist es Sitz der deutschen Botschaft- auch eine ganz besondere deutsch-französische Geschichte…[34]

Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen erwarb am 14. November 1796  das Terrain mit den  beiden Massengräbern, um ihrem Bruder und ihrem  Geliebten eine würdige letzte Ruhestätte zu schaffen.[35]  Ein Versuch der Exhumierung scheiterte jedoch.  Auch der vorgesehene  Grabstein, auf den sie nach dem Rat des Dichters Treneuil folgende Worte  einmeißeln wollte, wurde nicht ausgeführt:

„C’est ici,qu’avec toi je viens  m’entretenir:

Mon frère! Ô Frédéric!, pour  ta soeur, ton amie

Il n’est qu’une pensée., il n’est qu’un souvenir

Et ta mort l’a rendu étrangère à la vie.“[36]

Ausgeführt wurde aber die Ummauerung des Grundstücks, das  mit einem vergitterten Eingang versehen wurde. Dies ist der Ursprung des Cimetière de Picpus. 1802/03  kaufte mit Hilfe  einer Subskription die Marquise de Montagu das Gebiet des ehemaligen Klosters, seine Gärten und damit auch den Ort der Massengräber.  Familien, deren Angehörige dem  jacobinischen Terror zum Opfer gefallen waren (Noallies, Montagu, Montmorency u.a.) , gründeten die Société de Picpus und errichteten neben den Massengräbern einen zweiten Friedhof, den  privaten Cimetière de Picpus, der heute einer Stiftung gehört und von ihr verwaltet wird. Es ist der einzige private Friedhof von Paris, der heute noch betrieben wird.

In ihm wird in eindrucksvoller Weise die Erinnerung an den jacobinischen Terror wachgehalten – aber auch an die Verbrechen des Nationalsozialismus: Bevor man den Friedhof verlässt, geht man an Tafeln vorbei, die an Mitglieder der Stiftungsfamilien erinnern, die von den  Nazis umgebracht wurden.[37]

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Auch im Blick darauf kann man den Cimetière de Picpus mit vollem Recht als einen deutsch-französischen Erinnerungsort bezeichnen.

Zu den vielfachen literarischen Bezügen des Cimetière de Picpus  gehört übrigens auch Patrick Modianos Roman „Dora Bruder“.  Darauf wurde ich aufmerksam durch einen Vortrag von Christoph König in der Mediathek Marguerite Duras in Paris am 5.12.2015 im Rahmen einer Veranstaltung über den Cimetière de Picpus, an der auch unsere Freundin Marie-Christine Schmitt und ich teilgenommen  haben.

 In seinem Vortrag wies Christoph König darauf hin, dass die Straßen um den Friedhof von Picpus zu den wichtigsten Schauplätzen des Romans gehören.[38]  „Der Friedhof wird erwähnt…. Und wie beiläufig zur Chiffre für das Unrecht, das im Grande Terreur und in der Zeit der Ermordung der Juden genau an diesem Ort stattfindet.“  Patrick Modianos Roman geht von einer Vermisstenanzeige im Jahr 1941 aus, die die Eltern von Dora Bruder für ihre Tochter aufgegeben haben.  „Sorgfältig und geduldig sucht der Autor nun die Hintergründe, das Leben der bis heute Vergessenen. Doch was Dora in den Monaten  gemacht hat, nachdem sie im Dezember 1941 weggelaufen ist und bis sie wieder, im April 1942, in die Wohnung der Mutter zurück kommt, bleibt ihm unzugänglich. So versucht er sich ihr zu nähern etwa über den Verlauf des Wetters und der politischen Ereignisse und der eigenen Biographie damals:

‚Die einzige Möglichkeit, Dora  Bruder in diesem Zeitraum nicht ganz zu verlieren, wäre vielleicht, von den Wetterveränderungen zu berichten. Am 4. November 1941 war zum ersten Mal Schnee gefallen. Der Winter hatte am 22. Dezember mit empfindlicher Kälte eingesetzt. Am 29. Dezember war die Temperatur noch weiter gesunken, und die Fensterscheiben waren mit einer leichten Eisschicht überogen. Vom 13. Januar an hatte die Kälte sibirische Ausmaße erreicht. Das Wasser gefror. Ungefähr vier Wochen war es so geblieben. Am 12. Februar scheint ein wenig die Sonne. (…) Am Abend dieses 12. Februars wurde mein Vater von den Beamten der Polizei für Judenfragen geschnappt….‘“

 Bevor der Erzähler weiter an der Geschichte Dora Bruders arbeitet, schreibt er einen Roman, ‚Hochzeitsreise‘. Aber auch da ist er Dora Bruder nahe und zugleich den in den letzten Tagen der Schreckensherrschaft Ermordeten, die gerade an den  Schauplätzen dieses Romans begraben  sind:

‚Auf dem Plan folgend einander auf der anderen Seite der Rue de Picpus , dem Pensionat (Saint Coeur de-Marie,wo Dora 1940 aufgenommen wurde) gegenüber, die Kongregation der Mutter Gottes, die Ordensfrauen der Anbetung und das Oratorium von Picpus mit dem Friedhof, wo in einem Massengrab über tausend Opfer beigesetzt sind, die während der letzten Monate der Schreckensherrschaft guillotiniert wurden.‘

Die  meisten der im Cimetière Picpus Verscharrten haben keine Zeugnisse hinterlassen- das verbindet sie mit Dora Bruder. Ihr hat Patrick Modiano  mit den Mitteln der Literatur Leben zurückgegeben. Der Roman regt dazu auch,  auch an das Leben der Guillotinierten zu denken, die auf den großen  Tafeln  des Oratoriums von Picpus verzeichnet sind.

Cimetière de Picpus

35, rue de Picpus

Tel. 01 43 44 18 54

Métro: Place de la Nation

Öffnungszeiten:

Montag bis Samstag 14 – 17 Uhr

An Sonn- und Feiertagen geschlossen

Anmerkungen

(0) In einem Beitrag von Le Monde vom 10. Februar 2017 („Paris par la petite porte„) wird der cimetière de Picpus zu den „lieux confidentiels“ gerechnet, die den Charme von Paris ausmachten.

[1] George Lenotre: Le jardin de Picpus. Paris 1955

[2] S. Bericht 3 und http://www.tombes-sepultures.com/crbst_756.html

[3] „Les tombereaux sanglants  de la guillotine, établie 1794 barrière du trône, ont pénétré dans les jardins des dames chanoinesses de St. Augustin de Picpus, par une porte charretière pratiqué dans le mur nord de ce jardin. Le linteau des cette porte existe encore. Les corps mutilés des 1306 victimes reposent  dans deux fosses communes.”

[4] https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

(4a) Eine Liste aller vom 14. Juni bis zum 27. Juli hingerichteten Opfer findet sich in der Broschüre „Les Victimes de Picpus“, die am Eingang des Friedhofs verkauft wird.

[5] Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

Dabei hatte Danton die Einrichtung der Revolutionstribunale gerade damit begründet, dass die Entscheidung über das Leben von Revolutionsgegnern nicht den Zufälligkeiten und Stimmungen der Straße überlassen werden sollte: „Soyons terrible pour dispenser le peuple d’être terrible.“

(5a) Bild von: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53002994t

[6] http://www.parisinfo.com/musee-monument-paris/71410/Cimeti%C3%A8re-de-Picpus   siehe dazu auch den zusammenfassenden Text:

Klicke, um auf MC41.pdf zuzugreifen

[7] „A quinze ans, j’ai monté à l’assaut pour mon roi, à près de quatre-vingt, je monterai à l’échafaut pour mon Dieu.”

[8] Christoph König, Manuskript für Vortrag in der Médiathèque M. Duras, Paris vom 5.12.2015

[9] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/7

[11] http://www.diapasonmag.fr/actualites/critiques/au-theatre-des-champs-elysees-des-dialogues-des-carmelites-entre-ascese-et-perfe  Dort auch ein kurzes Video mit einem Ausschnitt der Inszenierung

[12] Joachim Emig: Friedrich III. von Salm-Kyrburg (1745–1794). Ein deutscher Reichsfürst im Spannungsfeld zwischen Ancien régime und Revolution. Lang, Frankfurt a.M. u.a., 1997, ISBN 3-631-31352-7 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 750.

[13] „une clientèle parmi les plus prestigieuses et fortunées de son temps“ . (Monnaie de Paris: Salon Dupré, p.2)

[14] www. Google.de Amalienlust in Kirn

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Amalie_Zephyrine_von_Salm-Kyrburg

[16] Joëlle Bertrand et al: L’hôtel de Salm, Palais de la Légion d’honneur. Préface du général Kelche, Grand Chancelier de la Légion d’honneur Saint-Rémy-en-l’eau 2009)

http://www.carnavalet.paris.fr/fr/collections/l-hotel-de-salm-en-construction-vers-1786-actuel-7e-arrondissement

[17] Loges, 130/131

[18] https://fr.wikipedia.org/wiki/Pierre_Rousseau_(1751-1829)

[19] http://france.usembassy.gov/jefferson.html

[20] Ein zu dieser ‚Großveranstaltung‘ eingeladener Graf charakterisierte diese Festivität mit den Worten: „Le prince de Salm eut alors la  fantaisie de donner un bal où la moitié  de Paris fut invitée.“ (Emig, 85)

[21] Im Hôtel de Salm gibt es auch einen von der Grande Chancellerie de la Légion d’honneur herausgegebenen Film über „Les Secrets du Palais“ von Eric Beuaducel, der über die Geschichte des Bauwerks informiert und Bilder der normalerweise unzugänglichen Partien zeigt.

[22] Gabriele Loges: Paris, Sigmaringen oder Die Freiheit der Amalie Zephyrine von Hohenzollern, Klöpfer & Meyer, Tübingen 2013. Gunter  Haug: Die Schicksalsfürstin. Amalie Zephyrine, die Retterin von Hohenzollern. Historischer Roman. Leinfelden-Echterdingen 2005

[23] Loges, 37 und 19. Bericht: Auf den Spuren Heinrich Heines durch Paris:  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

[24] „fille de grande naissance“ hieß das damals

[25] Noch eine kleine deutsch-französische historische Fußnote: Das Schloss diente ab August 1944 bis Kriegsende als Sitz des Vichy-Regierung. Vor den heranrückenden  Alliierten wurden die Kollaborateure Pétain und die Regierung Laval von den Nazis als Exilregierung in Sigmaringen installiert.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_de_Beauharnais

[27] Zit. bei Loges, S. 134

[28] Cit. bei Emig, 74

[29] http://www.deutsche-biographie.de/sfz51389.html und Olivier Nora. La visite au grand écrivain. In: Pierre Nora (dir): Les lieux de mémoire, Bd II La Nation, p. 570

[30]  Cit. Bei Rudolf Augstein, Vom Freiheitsrausch bis Waterloo. Der Spiegel 4/1989. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495571.html

[31] s. Emig,  276ff und Zusammenfassung S. 312

[32] „… qui n’étoit sous le masque du patriotisme que  l’agent caché de la coalition allemande contre la France“. Cit Emig, 339

[33] http://www.executedtoday.com/2008/07/23/1794-alexandre-de-beauharnais-josephine-napoleon-widow/

[34] http://www.allemagne.diplo.de/Vertretung/frankreich/fr/01-Botschaft/03-residenz/00-residenz-uebseite.html

[35] Es ist allerdings bedauerlich, dass weder in dem kleinen Informationsblatt, das am Eingang des Friedhofs ausliegt, noch im neuen Guide Vert von Paris (Ausgabe 2010,  Seite 421) auf ihre entscheidende Rolle hingewiesen wird. In der wesentlich schmaleren Ausgabe von 1997 wird immerhin noch auf „une princesse de Hohenzollern“ hingewiesen, „dont le frère, le prince  de  Salm, était l’une des victimes“ – unerwähnt bleibt dabei allerdings der Geliebte. Sie habe „le terrain mortuaire“ gekauft und mit einer Mauer umgeben. (S. 228)

Bei  Wikipedia wird als Grund für den  Kauf durch Amalie Zephyrine  übrigens  nur der Bruder genannt, nicht der Geliebte….  https://fr.wikipedia.org/wiki/Cimeti%C3%A8re_de_Picpus

[36] Zit bei Emig, S. 341

[37] Allerdings ist es zwar vielleicht ehrenvoll gewesen, aber es wird keineswegs  „süß“ gewesen sein,  wie es der Horaz’sche Spruch der Grabinschrift verkündet, in der Hölle von Mauthausen zu sterben, selbst wenn es „pro patria“ gewesen  ist.

[38] Christoph König (Universität Osnabrück) Manuskript für den 5.12.2015. Mediathèque M. Duras, Paris

Die nachfolgenden Passagen sind weitestgehend diesem Vortrag entnommen.

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

Die Mauer für den Frieden (le mur pour la paix) auf dem Marsfeld

Im November 2016  fand in Dresden ein Kongress von Französisch-Lehrern/innen statt zum Thema Friedenspädagogik und Französischunterricht  100 Jahre nach Verdun. Im Rahmen dieses Kongresses habe ich ein Atelier für Lehrkräfte angeboten zum Thema „Orte der Erinnerung an Frieden und Krieg in Paris“. Es sollte Anregungen geben für entsprechend thematisch orientierte Studienfahrten.

Was  Orte angeht, die im Zusammenhang stehen mit Kriegen und Siegen, so sind die –wie in der Hauptstadt der „grande nation“ nicht anders  zu erwarten- reichlich gesät:  Das Stadtbild von Paris ist geprägt von Orten der Erinnerung an Kriege und Siege: Man denke nur an die Place Vendôme mit der Siegessäule, an die Place des Victoires mit dem Reiterstandbild Ludwigs XIV. oder an die vier Triumphbögen Napoleons und des Sonnenkönigs. (1)  Und wenn man die topographischen Bezeichnungen hinzunimmt, so begeget man Kriegen und  französischen Siegen auf Schritt und Tritt: La gare d’Austerlitz, rue de Wagram, avenue d’Iéna, rue d’Ulm, die Paris umgebenden Boulevards des maréchaux, allesamt benannt nach napoleonischen Heerführern usw. usf…..

Aber Orte des Friedens? Natürlich gibt es Friedhöfe, auf denen auch die „in Frieden ruhen“, die Opfer von inneren Kämpfen geworden  sind: So die Opfer des jacobinischen Terrors auf dem wunderbaren Cimetière  de Picpus oder die Opfer der Commune auf dem Père Lachaise. (2) Und es gibt Friedhöfe, auf denen der Opfer von Kriegen gedacht wird, wie zuletzt sehr eindrucksvoll durch die Mauer auf der Südseite des Père Lachaise, auf denen in zeitlicher und alphabetischer Reihenfolge alle Gefallenen des Ersten Weltkrieges verzeichnet sind. (3)

Aber spezifische Pariser Orte, die dem Frieden gewidmet sind?  Spontan fiel mir der Sitz der  Unesco ein: eine Einrichtung, die dem Frieden dient, und ein bemerkenswerter, von prominenten Künstlern ausgestatteter Bau ist.  Dort war ich vor vielen Jahren  schon einmal mit einem Politik-Leistungskurs gewesen, und in dem großen Sitzungssaal hatte ich 2011 als Chorsänger an einem Benefizkonzert teilgenommen, bei dem –passend zu diesem Ort- die 9. Sinfonie von Beethoven auf dem Programm stand.

Dann dachte ich natürlich an die Cité Internationale Universitaire de Paris, die sich  als Cité pour la paix darstellt. Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges gegründet, sollte sie jungen Menschen aus aller Welt ermöglichen, sich kennenzulernen, zusammen zu leben und zu arbeiten  und so zur Völkerverständigung beizutragen.  Dort gibt es auch das deutsche Haus, die Maison Heinrich Heine, wo viele außerordentliche politische und kulturelle Veranstaltungen stattfinden (4)  Wir sind  dort oft zu Gast und viele Bekanntschaften und Freundschaften unserer Pariser Jahre haben dort begonnen.  

Und dann gibt es die Mauer für den Frieden, le mur pour la paix, oft auch le mur de la paix  genannt,  eine Installation vor der École Militaire auf dem Marsfeld.-  ein einzigartiges dem Frieden gewidmetes Monument an einem einzigartigen Ort. Diese Mauer für den Frieden ist  Gegenstand dieses Blog-Beitrags.

An dessen Schluss  wird der Bericht über ein Atelier mit Schülerinnen und Schülern des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden stehen, die sich  in eindrucksvoller handlungsorientierter Weise mit diesem Friedensmonument  beschäftigt haben. 

Welch einen  besseren Ort könnte es geben für ein Friedensdenkmal als das Marsfeld- benannt nach dem  römischen  Kriegsgott- da also, wo früher die in der Kriegsakademie ausgebildeten Soldaten  exerzierten, und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Denkmal des Marschalls Joffre, neben Foch und Pétain einer der großen Marschälle des Ersten Weltkriegs.

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Er  ausgerechnet war es, der den Angriff bis zum äußersten, die „offensive à outrance“ als militärische Doktrin propagierte. Ihr fielen zu Beginn des 1. Weltkriegs hunderttausende französischer Soldaten zum Opfer, am 22. August 1914, einem einzigen Tag, allein 27.000! Es war „le jour le plus meurtrier de l’histoire de France“ (Michel Steg).  Joffre hatte damals den Angriff angeordnet:   ‚il faut passer, quel que soit le prix‘. 

1915 setzte Joffre die mörderische Strategie unbedingten Angriffe fort, um einen Durchbruch durch die feindlichen Linien, also ein Ende des Stellungskrieges,  zu erzwingen, die sogenannte „rupture“. Aber eine ganze Serie von Angriffen in diesem Jahr blieb spätestens an der zweiten deutschen Verteidigungslinie stecken, die Geländegewinne waren minimal. Bei der  großen September-Offensive in der Champagne wurden gerade einmal 4 Kilometer Geländegewinn erreicht.  Insgesamt ließen bei diesen Kämpfen zwischen 310 und 350 000 französische Soldaten ihr Leben- wesentlich mehr als auf der Gegenseite. Ein französischer Offizier schrieb am 15. März 2015 an seine Frau:

„ Dieu sait si je suis soldat dans l’âme et si j’ai le culte de la discipline! Mais il est des choses qui sautent aux yeux et qui sont criminelles dans leur but et dans leur résultat! Et cette façon de faire la guerre (…) est l’une de ces choses. Elle fait sacrifier  sans résultat des milliers de vies humaines.“

Um die von ihm befohlenen Attaken zu rechtfertigen, hatte Joffre eine Formel parat, die aufgrund der vielen und sinnlosen Opfer traurige Berühmtheit erlangte: „Je les grignote!“ (5)

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Auf dem hohen Podest, auf dem die Reiterstatue Joffres steht, ist ein Tagesbefehl von ihm in Stein gehauen mit dem  „coûte que coûte“: Ausdruck der Geringschätzung des Lebens seiner Soldaten, des „Menschenmaterials“.

Daneben steht also  die  Mauer für den  Frieden. Die Bezeichnung mur pour la paix ist eigentlich unzutreffend, vielleicht  ironisch gemeint. Denn um eine trennende, undurchdringliche Mauer handelt es sich ganz und gar nicht. Man kann (bzw. konnte bis Herbst letzten  Jahres) durch die „Mauer“ hindurchgehen, wurde geradezu dazu angeregt. Wenn auch die Ausmaße mit 16 Metern Länge, 13 Metern Breite und 9 Metern Höhe durchaus beeindruckend sind und insgesamt 52 Tonnen Stahl, Holz und Glas für den Bau verwendet wurden, ist es eine eher leichte, elegante Konstruktion. In das Glas ist in 49 Sprachen und den entsprechenden, von Clara Halter entworfenen Schriftzeichen das Wort Frieden eingraviert.

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Die Installation verwehrt durch ihre Konzeption weder den Blick noch den Durchgang. Vielmehr eröffnet sie sogar  – in guter Pariser Tradition- ganz besondere, attraktive und beziehungsreiche Perspektiven…

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… bei Tag und auch bei Nacht…

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Allerdings sind derzeit ein Betreten der Anlage und also auch das Hindurchgehen  nicht möglich. Die Mauer für den Frieden sei, wie die Mairie de Paris plakatiert hat, unstabil und gefährlich. In der Erwartung, dass sie wieder normgerecht instandgesetzt werde, könne der Bereich nicht unterhalten werden. Also –mit der Bitte um Verständnis- Betreten verboten! Eine  Aufforderung, der durch einen entsprechenden Zaun Nachdruck verliehen wird.

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In gewisser Weise handelt es sich jetzt doch um eine Mauer, dafür aber, wie eine auch nur oberflächliche Internetrecherche ergibt,  nicht (mehr) um eine Mauer des Friedens: In den Medien ist von einer „mur de la discorde“ die Rede [6],  von einer mur de la polémique,  von der „affaire de la mur de la paix“  oder gar dem „Mauerkrieg“.[7]

Da wird man neugierig: Was hat es mit dieser Mauer für den Frieden auf sich? Wann wurde sie von wem errichtet? Warum an dieser Stelle? Warum löst ein solches Bauwerk  solche extremen Emotionen aus und mobilisiert entschiedensten Widerstand? Und was ist die Zukunft dieser mur pour la paix?

Am besten der Reihe nach:

Die Mauer für den Frieden  wurde im Jahr 2000 anlässlich der Jahrtausendwende auf Anregung des französischen Kultusministeriums errichtet.[8]  Entworfen hat sie die französische Bildhauerin und Schriftstellerin Clara Halter. Sie hat sich dabei von der Klagemauer in Jerusalem inspirieren lassen:  „Les visiteurs peuvent déposer sur place leurs messages de paix dans les interstices du Mur prévus à cet effet“.[9] Die technische Gestaltung und Umsetzung übernahm Jean-Michel Wilmotte, einer der prominentesten und international gefragtesten Architekten Frankreichs. In Paris wird –unter anderem- gerade die von ihm entworfene neue russische Kathedrale am Pont de l’Alma gebaut. Der Figaro feierte ihn kürzlich als den Architekten, „qui redessine Paris“.[10] Wenn ich mit Freunden oder Parisien-d‘un-jour-Gästen durch den Faubourg Saint – Antoine gehe, versäume ich es nie, auf das Büro Wilmottes hinzuweisen, das –eher bescheiden- mitten im Viertel liegt und nicht etwa im noblen 16. Arrondissement oder im Büroviertel La Défense. Jedenfalls finde ich das sehr sympathisch. Und dass ein so prominenter Architekt an diesem Projekt beteiligt ist, verleiht ihm natürlich zusätzliche Bedeutung. Clara Halter und Jean-Michel Wilmotte haben danach auch noch mehrere weitere Monuments pour la  Paix entworfen:

La Tour de la Paix in St. Petersburg, die Portes de  la Paix in Hiroshima zum 60. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe und die Tentes de la Paix in Jerusalem.

Nimmt man all das zusammen: die Anregung durch das Kultusministerium, die Prominenz von Clara Halter und Jean- Michel Wilmotte,  die  Originalität des Bauwerks und seine Ausdruckskraft gerade auf dem Champ de Mars, dazu auch noch den besonderen Anlass seiner Errichtung am Beginn des neuen Jahrtausends, dann erscheint es folgerichtig, dass die offizielle Einweihung durch den damaligen Präsidenten Jacques Chirac erfolgte. Ich gebe seine Rede im Wortlaut wieder, weil sie die Bedeutung der mur pour la  paix unterstreicht und –vor dem Hintergrund der Situation des Jahres 2000- grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Krieg und Frieden enthält.

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Präsident Chirac und Clara Halter bei der Eröffnung der mur pour la  paix[11]

 

Allocution de M. Jacques CHIRAC, Président de la République, prononcée lors de l’inauguration du „Mur pour la paix-2000“[12].

Champ-de-Mars, Paris, le jeudi 30 mars 2000

Monsieur le Ministre de la Défense,

Monsieur le Maire de Paris,

Chère Clara HALTER,

Vous qui avez prononcé votre discours avec toute la fantaisie qu’un artiste de grand talent, comme vous, peut mettre dans les choses,

Mesdames, Messieurs,

C’est un heureux signe des temps. Le Champ de Mars, dédié jadis à la guerre, à ses héros et à ses chefs, cette grande perspective ouverte par notre Ecole militaire et la statue du maréchal Joffre, accueille aujourd’hui le “ Mur pour la paix „.

Je voudrais saluer ses créateurs, et d’abord Clara Halter, qui a mis tout son talent et toute la force de ses convictions humanistes au service de ce beau projet. Beau parce qu’il exalte l’esprit de paix qui doit habiter chacun d’entre nous. Beau parce que cet élan généreux s’exprime en un geste épuré, lumineux, d’une extrême élégance, où l’on reconnaît aussi, bien sûr, l’empreinte de notre ami Jean-Michel Wilmotte, qui en a été le brillant architecte.

Vous avez voulu que ce mur témoigne du désir universel de paix et réunisse les hommes, en lieux et places de tous les murs qui les ont si souvent séparés dans l’histoire. Vous avez fait oeuvre de passeurs.

Passeurs entre les pays et entre les êtres. Il n’est pas indifférent que cette oeuvre d’art s’élève dans ce site exceptionnel, emblématique de Paris. Paris qui, depuis si longtemps, est une ville de débats, de dialogues et d’échanges. Paris qui accueille le siège de l’UNESCO, institution-phare dans le combat pour la démocratie, la tolérance et le respect des cultures. Paris où se croisent chaque année des millions de visiteurs. Paris, ville-rencontre.

Passeurs, vous l’êtes aussi entre les traditions et les civilisations, avec ce Mur qui donne la parole à toutes les langues, et qui s’inspire du Mur des Lamentations de Jérusalem, ville sacrée pour les trois religions du Livre, et dont le nom même est promesse de paix. Le Mur des Lamentations qui recueille les souhaits les plus ardents de ceux qui viennent y prier. Et d’abord le souhait de voir la culture de paix s’enraciner dans ce Proche-Orient si durement éprouvé par des siècles d’incompréhension et de haine.

Passeurs, vous l’êtes enfin entre hier et aujourd’hui, le passé et le présent.

Le passé, marqué par le risque de guerre, la guerre qui a si souvent écrit l’histoire, dessiné les frontières, décidé du destin des peuples. Le passé, qui a vu s’affronter nos vieilles nations européennes dans des conflits meurtriers dont chaque village de France, chaque monument aux morts, porte encore l’émouvante cicatrice.

Le présent, marqué par le refus de la violence et le désir de paix, après tant d’affrontements. La volonté, aussi, de toujours mieux respecter la dignité et la liberté humaines, valeurs dont le parvis des Droits de l’homme rappelle, en face de nous sur la colline de Chaillot, l’exigence absolue.


     Si cette oeuvre est symboliquement importante, c’est parce que beaucoup reste à faire sur le

     chemin de la paix, sur le chemin de la tolérance.

Bien sûr, la construction européenne a rendu la guerre impensable entre des nations qui, au long des siècles, n’avaient cessé de se déchirer.

Bien sûr, nous avons vu émerger peu à peu une conscience universelle, sous l’égide des Nations Unies.

Bien sûr, il y a onze ans, la chute du Mur de la honte éloignait les menaces de la guerre froide et ouvrait grandes les portes de l’espérance.

Il n’empêche qu’aujourd’hui, alors que tant de régions du monde continuent de s’abîmer dans des rivalités territoriales, ethniques ou religieuses ; alors qu’à l’est de l’Europe, un demi-siècle après la Shoah, l’on a vu resurgir les démons de la pureté raciale, avec leur cortège d’atrocités, nous avons parfois le sentiment que l’histoire recule ou balbutie.

En dépit de ces piétinements ou de ces retours en arrière, j’ai la conviction que, si nous le voulons vraiment, le XXIe siècle verra progresser la paix et l’exigence éthique.

Parce que les peuples, de mieux en mieux informés, de plus en plus conscients, rejettent la violence, sous toutes ses formes. La violence entre les nations. Celle qu’exercent les dirigeants d’un pays à l’encontre des citoyens ou d’une minorité. La violence infligée par quelques-uns au nom d’une vision fanatique ou totalitaire de la société.

Parce que de plus en plus, l’opinion publique exige que la Communauté internationale réagisse quand les Droits de l’homme sont bafoués.

Parce que dans cet esprit, la Communauté des nations s’est donnée les moyens pour rétablir la paix et pour faire passer la justice.

C’est l’effort inlassable de nos démocraties, et l’implication personnelle de leurs dirigeants pour trouver, grâce à une diplomatie agissante, des solutions pacifiques aux conflits.

C’est l’action de la Cour internationale de justice, qui dit le droit et rend des arbitrages.

C’est, lorsque la diplomatie et la médiation ont échoué et que se produit l’inacceptable, le recours à la force, sous l’égide des Nations Unies, comme cela s’est passé en Bosnie ou au Kosovo.

Ce sont les tribunaux qui sanctionnent les atteintes à l’éthique. Au sortir de la guerre, ceux de Nuremberg et de Tokyo ont, pour la première fois, condamné les fauteurs de guerre et les criminels contre l’humanité.

Aujourd’hui, qu’il s’agisse du Tribunal pour l’ex-Yougoslavie, de celui qui doit juger les responsables du génocide au Rwanda, ou de la prochaine Cour pénale internationale, l’ambition est la même : faire en sorte que le crime contre l’humanité ne reste jamais impuni.

Mais, au-delà de ces instruments nouveaux, au-delà de ces politiques au service d’une certaine idée de l’homme et qui fondent notre espérance, nous savons bien que la paix se gagne d’abord dans les coeurs. Contre les préjugés hérités du passé. Contre l’ignorance, terreau privilégié de l’intolérance et de la haine. Avec la mémoire des souffrances que l’homme peut infliger à l’homme. Avec la conviction que la paix est le bien le plus précieux, la condition même du bonheur des peuples.

Ce sont ces messages essentiels, je crois, que porte le Mur pour la paix. La paix, aspiration universelle. C’est bien le sens, Chère Clara Halter, d’une oeuvre qui décline le mot paix dans toutes les langues, toutes les écritures. Qui invite chacun à témoigner. Chaque visiteur mais également tous ceux, toutes celles qui, des quatre coins du monde, et grâce à Internet, pourront lui confier leurs espoirs.

Remercions chaleureusement ses auteurs qui ont su traduire et inscrire dans le paysage parisien le rêve de paix de l’humanité tout entière. Je vous remercie.

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Bei so viel Lob und präsidialer Anerkennung ist es auch nur folgerichtig, dass die noble garde républicaine in ihrer Selbstdarstellung auf der Kasernenmauer des Boulevard Henri IV in Paris sich mit einer besonders kunstvollen Formation vor der Mauer für den  Frieden und dem Eiffelturm präsentiert.

 

Warum so viel Streit um die Mauer für den Frieden?

Liest man diese Eloge Chiracs auf die Mauer für den Frieden und ihre  Schöpfer, dann kann man sich nur wundern, warum seit Jahren ein erbitterter Streit um dieses Bauwerk tobt. Der Figaro sprach  sogar 2011 von einem „guerre des tranchés“ – eine noch schärfere Formulierung ist in dem Land des Schützengräben-Gemetzels kaum denkbar.[13]

Die Auseinandersetzung bezieht sich auf  vier wesentliche Bereiche:

  • die ursprüngliche zeitliche Befristung des Bauwerks
  • sein Ort und seine Qualität
  • seine aktuelle Baufälligkeit
  • und insgesamt seine unzureichende juristische Grundlage

Ursprünglich war die Mauer für den Frieden als eine zeitlich befristete Installation, ein  monument éphémère,  mit einer Genehmigung für 4 Monate geplant[14]– manchmal werden auch 6 Monate, manchmal  nur 3 Monate als zeitiche Befristung genannt. Appelé à un droit de séjour de trois mois seulement, ce mur a bénéficié depuis 11 ans de reconductions successives, de trois ans en trois ans, par les autorités publiques.  Wie anfänglich der Eiffelturm  handele es sich um ein provisoire durable;  so Marek Halter, der Mann Clara Halters, der sich besonders für die Erhaltung der Friedensmauer einsetzt und der in den teilweise mit härtesten Bandagen geführten juristischen Auseinandersetzungen an vorderster Front steht. [15]

Während die Befürworter der Friedensmauer also auf das anfängliche Provisorium Eiffelturm verweisen, das heute ganz unverzichtbar zum Stadtbild von Paris gehört, pochen  die Gegner auf die Verbindlichkeit des Rechts und die Lage auf einem „site classé“ zwischen École militaire und Eiffelturm, wo für eine solche Installation kein Platz  sei.  So argumentiert auch die auf der Seite der Gegner besonders engagierte Bürgermeisterin des betroffenen 7. Arrondissements, Rachida Dati (LR), immerhin eine  ehemalige Justizministerin. «Cette construction provoque l’exaspération des habitants (…) car elle obstrue la perspective classée de l’École militaire à la tour Eiffel, en violation de la loi».[16] Das hatte der damalige – und ebenfalls konservative- Präsident Chirac in seiner Eröffnungsrede im Jahr 2000 ganz anders gesehen, als er  gerade den Standort auf dem Champ de Mars und die Nachbarschaft zur École militaire und zum Platz des Marschalls  Joffre als besonders sinnfällig bezeichnet hatte. Dies gilt für den 2011 von Frédéric Mitterand vorgeschlagenen alternativen Standort in La Vilette[17] sicherlich nicht.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Friedensmauer auf einem höchst wackeligen juristischen Fundament steht: Als sie gebaut wurde, hatte sich, wie ein Verantwortlicher der Pariser Stadtverwaltung feststellt, niemand große Gedanken darüber gemacht. Es habe  allgemeine Übereinstimmung geherrscht, dass es eine gute Idee sei, die Friedensmauer auf dem Champ de Mars zu installieren. „Cela montre bien qu’il y avait une adhésion forte et à la démarche du Mur pour la paix et à la qualité de l’œuvre.“ Diesen Konsens gibt es inzwischen nicht mehr,  und da rächt sich das juristische Vakuum und nährt die  Polemik. [18]

Inzwischen hat Rachida Dati in ihrem erbitterten Kampf gegen die Mauer für den Frieden noch nachgelegt. Sie spricht ihr jede Bedeutung und Qualität ab:  „Cette structure n’est pas un monument et n’a pas qualité d’œuvre“. Außerdem sei es allein schon aus Sicherheitsgründen geboten, jetzt endlich diese „structure illegale“ zu beseitigen. Zumal wegen der Fußballeuropameisterschaft in Paris im Sommer 2016, während der das Marsfeld als Fanzone diene und dort die Spiele auf Riesenleinwänden übertragen würden.[19] Aber die mairie von Paris als die Besitzerin des Geländes und die damit zuständige Institution hat der Aufforderung zur Entfernung der mur pour la paix nicht stattgegeben.

Die Auseinandersetzung um diese Installation erhält noch eine zusätzliche Dimension durch den Vandalismus, dem sie von Anfang an ausgesetzt war:  Sie war regulièrement… victime d’attaques racistes et antisémites.[20] 2014 wurden beispielsweise Scheiben der Installation mit dem  Slogan „Vive la Shoananas“ beschmiert (Bild aus Metronews).

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Das ist der Titel eines antisemitischen Liedes, das der vielfach wegen Antisemitismus und Apologie des Terrorismus verurteilte selbsternannte „Humorist“ Dieudonné M’bala M‘bala regelmäßig ans Ende seiner Vorstellungen platziert und das dann von seinen Anhängern mitgesungen bzw. wohl eher mitgegröhlt wurde.[21] Der damalige Pariser Bürgermeister Delanoë verurteilte diesen Vandalismus: „Ce détournement d’un monument symbolisant la paix et la concorde pour exprimer un message insultant à forte connotation antisémite est à la fois minable et scandaleux“, erklärte er und sah einen Angriff auf die demokratischen Werte, für die Paris stehe.[22]

Die Zukunft der mur pour la paix

Die Stadt Paris, die als Eigentümerin des Grundstücks, auf dem die Mauer für den Frieden steht, für sie und ihre Zukunft allein verantwortlich  ist, [23] hat sich allerdings nie für ihre Unterhaltung zuständig erachtet und engagiert.  Als Verantwortlichen für die Renovierung, die die Sicherheit der Besucher garantiert und die Aufhebung der Absperrungen ermöglicht,  sieht sie die Vereinigung «le Mur pour la Paix-2000», in der das Ehepaar Halter eine wichtige Rolle spielt.

Bei bisherigen Renovierungen, die es natürlich in den 15 Jahren des „Provisoriums“ auch schon mehrfach gab, waren es wohl – wie auch bei seinem Bau- vor allem große Unternehmen gewesen, die die Finanzierung sicher gestellt haben. Diesmal hat Marek Halter  über die Internet-Plattform Ulule zu einer Spendensammlung aufgerufen. Die Wahl dieser Plattform sollte eine  breit gestreute Beteiligung und damit auch eine gesellschaftlich verankerte Identifikation mit der mur pour la paix  ermöglichen. Ziel war, das Bauwerk bis zur Fußball-Europameisterschaft renovieren zu können. Da würden nämlich besonders viele ausländische Besucher und Fans zu dem zur Fanmeile umfunktionierten  Champ de Mars kommen.  « L’image d’un Mur pour la Paix en piteux état serait désastreuse pour la France et la ville de Paris. On ne peut  pas laisser une ruine au milieu de la ville » s’insurge l’intellectuel.[24]

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https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

Hier der Wortlaut des Spendenaufrufs vom Februar 2016, nach den Terroranschlägen von Paris, auf den er sich auch bezieht:  

Nous lançons aujourd’hui un appel pressant aux Internautes du monde entier, pour nous aider à sauvegarder ce monument sur lequel l’artiste Clara Halter a inscrit le mot „PAIX“ dans toutes les langues.

Sommes-nous en guerre ?

Des milliers de monuments en hommage aux victimes

des conflits qui ravagent l’humanité

sont disséminés à travers le monde.

L’artiste Clara Halter et l’architecte Jean-Michel Wilmotte

ont répondu, eux, par la création de monuments dédiés à la paix : 

Hiroshima, Saint-Pétersbourg, Paris… (www.murpourlapaix.org)

Or, au moment où tous les monuments du monde, par solidarité,

affichent les couleurs de la France,

le seul monument qui s’oppose à la violence,

le Mur pour la Paix sur le Champ de Mars à Paris,

risque de disparaître.

Vous qui lirez cette page, aidez-nous! [25]

 

Offenbar sollten insgesamt 45.000 Euro an Spenden zusammenkommen, Ende Juni waren  aber schon 103% erreicht und die Kampagne wurde gestoppt.  Ich hätte auch gerne meinen Obolus dazugegeben, aber dazu gab es keine Möglichkeit mehr.  Zur Fußball-Europameisterschaft im Juni konnte die Friedensmauer zwar nicht mehr erneuert werden, aber man kann nun hoffen, dass sie bald wieder in frischem Glanz  erstrahlt und transparent und zugänglich sein wird. Das spannungsreiche und historisch gesättigte Ensemble von Marsfeld, auf dem am 14. Juli 1790 das Föderiertenfest gefeiert wurde, von École Militaire, Joffre-Standbild, Eiffelturm von 1889 und Menschenrechtsdenkmal von 1989 wäre durch dieses attraktive und symbolisch bedeutsame Kunstwerk dauerhaft und wunderbar ergänzt und bereichert.

Im Moment allerdings bietet die Mauer für den Frieden ein ganz trauriges Bild.

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Das die Mauer umgebende Gelände ist völlig verwildert, ein Teil der Glasplatten abmontiert,  es gibt keinerlei Information darüber, was nun passiert, wie es weitergeht – noch nicht einmal  mehr die Hinweistafeln der Stadt Paris …  Seit neuestem (März 2017) allerdings ein Warnschild, dass gerade eine Rattenbekämpfungsaktion im Gange ist…

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Als Passant kann man  nur ratlos, irritiert und traurig sein… und hoffen, dass ihr das Schicksal ihres Sankt Petersburger Pendants, der Friedenssäule (la tour pour la paix) erspart bleibt.

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Zustand im Februar 2018

Das St. Petersburger  Monument -ein Gegenentwurf zu den üblichen Triumph- und Siegessäulen- war 2003 von Frankreich Sankt Petersburg zum 300-jährigen Jubiläum der Stadt geschenkt worden. 2010 wurde der Turm allerdings wegen Baufälligkeit abgerissen – endlich! – wie es in einem Petersburg-Blog heißt. Der Turm sei ein Fremdkkörper in der Stadt gewesen und habe einfach nicht zu  ihren Traditionen gepasst…. (26)  Vertraute Argumente für Pariser Beobachter…

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Unumstritten scheinen immerhin die ebenfalls von Clara Halter und Wilmotte entworfenen Portes de la Paix zu sein, die zum 60. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Friedenspark der Stadt errichtet wurden.(27)

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Es sind neun Tore, die den 9 Höllenkreisen von Dantes göttlicher Komödie entsprechen – und ein zehntes Tor symbolisiert die Hölle von Hiroshima.

Die Verlegung der Mauer für den Frieden (Nachtrag Oktober 2019)

Inzwischen hat sich die Zukunft der Mauer für den Frieden geklärt. Das hat seinen direkten Grund darin, dass das Gelände, auf dem das Bauwerk steht, für andere Zwecke benötig wird: Zunächst für einen Ersatzbau des Grand Palais, das renoviert wird und für das ein Ersatzbau in kleinerem Format auf dem Marsfeld errichtet werden wird. Dort sollen auch während der  Olympischen Spiele 2024  Wettkämpfe ausgetragen werden.  wollen. Da ist für die Friedensmauer kein Platz mehr.

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Bild aus: https://www.lesechos.fr/industrie-services/immobilier-btp/le-projet-de-grand-palais-ephemere-confie-a-jean-michel-wilmotte-1139058

Jetzt ist vorgesehen, die Mauer auf die place de Breteuil (15./7. Arrondissement) zu verlegen.  Marek Halter, der sich lange gegen die Verlegung gesträubt hat, scheint mit dieser Lösung auch einverstanden zu sein, zumal die Mauer von Jean-Michel Wilmotte neu gestaltet wird – der auch die Planung für den Ersatzbau des Grand Palais übernommen hat.  Offenbar soll das neue Friedensbauwerk die Gestalt eines durchsichtigen Buches aus Stahl und  Glas erhalten. Der hochsymbolische Ort der Friedensmauer vor der Statue Joffres und der École Militaire wird damit allerdings aufgegeben, aber die place Breteuil ist immerhin auch ein repräsentativer Ort inmitten der großzügigen Avenue de Breteuil, in direkter Blickachse zum Grab Napoleons in den Invalides. Und der übertrifft ja noch, was sein rücksichtsloses militärisches Engagement angeht, den coûte-que-coûte-  Marschall Joffre noch bei weitem.

Marek Halter hofft, dass das neue Bauwerk im März 2020 fertig sein wird – genau 20 Jahre nach ihrer Einweihung der Friedensmauer durch Präsident Chirac. ( http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-le-mur-pour-la-paix-va-etre-deplace-place-de-breteuil-10-10-2019-8170245.php )

Ein Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“

Im November 2016 fand in Dresden ein von unserem Freund Kristian Raum organisierter deutsch-französischer Kongress des Carolus-Magnus-Kreises statt. Thema waren „Friedenspädagogik und Französisch-Unterricht 100 Jahre nach Verdun.“

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Im Rahmen dieses Kongresses nahm ich auch an einem Schülerprojekt zur „Mauer für den Frieden“ teil, das Steffi Wolf und Kerstin Plötner, zwei Kolleginnen des Romain-Rolland-Gymnasiums in Dresden für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 vorbereitet hatten.

Nach einer kurzen Vorstellung der „Mauer für den Frieden“  erhielten die Schüler folgenden Auftrag:

„Qu’est ce que vous voyez, entendez et sentez en pensant au mot ‚la paix‘?

Quel lieu associez-vous à la paix?

Notez vos idées sur une carte (mot-clés)“

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Auffällig war, wie oft als Schlagwort „liberté“ genannt wurde, aber daneben wurden auch viele andere Begriffe und Orte assoziiert wie silence, nature, ma maison, forêt…

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Danach arbeiteten die Schüler/inn sehr konzentriert und motiviert in Kleingruppen zu den hier vorgestellten Aufträgen. Die Ergebnisse wurden am Ende der Doppelstunde an einer vor der Aula aufgstellten „Mauer für den Frieden“ zusammengetragen.

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Drei Beispiele:

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Und wie die Mauer für den Frieden in Paris,  so hat auch diese „Mauer“ im Romain- Rolland-Gymnasium von Dresden Aufforderungscharakter: Auch andere Angehörige der Schulgemeinde sind eingeladen, Beiträge zum Thema Frieden dort zu befestigen: Ein schönes handlungsorientiertes und mit vertretbarem Aufwand durchzuführendes Projekt – und ein Projekt ganz sicher auch im Sinne der Schöpfer der Friedensmonumente in Paris, Petersburg und Hiroshima und des Namensgebers der Schule, denen es ja gemeinsam darum ging, „Brücken menschlichen Verstehens“ im Zeichen des Friedens zu bauen…

Ein Interview zum Projekt

Im Februar hat mich eine Schülerin vom Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden, die an dem Projekt zur Mauer für den Frieden  teilgenommen hatte, gebeten, einige Fragen zu beantworten. Hier der Wortlaut des Interviews:

 INTERVIEW MIT DR. WOLF JÖCKEL

Sehr geehrter Herr Jöckel,

am 11. November 2016 fand an unserer Schule ein Projekt für die 11. und 12. Klassen statt, in dessen Rahmen wir von Ihnen einen eindrucksvollen Vortrag zur „Mur pour la Paix“ in Paris und weiteren Friedensmonumenten hörten und uns danach in Gruppenarbeit mit dem Thema Frieden befassten.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen und einige Fragen dazu  beantworten.

  • Wie empfanden Sie den Umgang der Schüler mit dem Thema Frieden?

Die Arbeit der Schüler/innen an  diesem Projekt hat mich sehr beeindruckt. Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in Frankreich und weiß, wie schwer es an den Schulen dort ist, offenere  Formen von Unterricht zu organisieren. Das Atelier am Romain-Rolland-Gymnasium hat gezeigt, wie intensiv und produktiv das Arbeiten in Projekten sein kann. Frau Plötner und Frau Wolf hatten das hervorragend vorbereitet, und dann haben die Schüler/innen selbstständig und motiviert gearbeitet. Da habe ich mir gewünscht, einige Kolleg/innen aus Paris hätten das miterleben können.

Sicherlich waren die beteiligten Schüler/innen auch und gerade deshalb so motiviert, weil es um das Thema „Frieden“ ging.  Die Schüler/innen waren ja am Anfang aufgefordert, stichwortartig aufzuschreiben, was Frieden für sie bedeutet. Die Antworten darauf waren sehr vielfältig: Oft wurde „Freiheit“ genannt, aber auch „Ruhe“, „mein  Haus“, „die Natur“, der „Wald“, der „kulturelle Austausch“, natürlich auch die „Abwesenheit von Krieg“ u.v.m.: ein Hinweis auf die vielen Dimensionen des Friedensbegriffs und auf die Vielfältigkeit dessen, was Frieden für jede/n einzelne/n bedeuten kann.

  • Als wie wichtig erachten Sie solche Projekte, welche den Frieden und Friedensmonumente in unserer heutigen Welt thematisieren und Schüler damit in Kontakt bringen?

Nach den großen Umbrüchen 1989/1990, dem Ende des Kalten Kriegs, dem Fall der Mauer und der Überwindung der Spaltung Europas in zwei sich feindlich gegenüberstehe Lager schien ja endlich eine Zeit des Friedens angebrochen zu sein. Das hat sich als Illusion erwiesen.  Als Präsident Chirac im Mai 2000 die Friedensmauer in Paris einweihte, war  seine Rede von vorsichtigem Optimismus geprägt. Heute könnte ein verantwortungsvoller Politiker eine solche Rede kaum noch halten, wollte er nicht als  weltfremder Träumer erscheinen. Wie könnte und müsste  aber heute eine Rede zum Stand des Friedens in der Welt aussehen? Und wo könnte oder sollte sie gehalten werden? Vielleicht bei der Einweihung eines neuen Friedensdenkmals? Wo sollte es stehen? Wie könnte es aussehen? Da sind Träume durchaus erlaubt und erwünscht.

Selbst in Europa, dessen Gründung nach zwei selbstmörderischen Kriegen  einem „nie wieder!“ zu verdanken war und in dem der Friede zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein schien, ist Krieg –in verschiedenen Ausprägungen-  als Realität oder Möglichkeit wieder präsent. Dabei ist das vereinte Europa ein außerordentliches  Friedensmonument, und wir können nur hoffen und unseren Teil dazu beitragen, dass es nicht zur Ruine verkommt wie die Friedensmauer in Paris.  Und wenn wir uns auch ohnmächtig fühlen und es weitgehend ja auch wirklich sind:  Die Konsequenz sollte nicht Resignation sein, sondern vielmehr die Frage an sich selbst, was man tun kann, um dort, wo man lebt, einen noch so kleinen Beitrag für den Frieden zu leisten. Dazu können solche Projekte wie das im Romain-Rolland-Gymnasium ermutigen.

  • In Ihrem Vortrag sprachen Sie außer der „Mur pour la Paix“ noch  weltweit weitere Monumente des Friedens an. Wie schätzen Sie den gesellschaftlichen Bedarf am Aufbau weiterer Mahnmale für den Frieden ein?

Mahnmale für den Frieden kann es eigentlich gar nicht genug geben, aber leider gibt es viel zu wenige davon. In Paris zum Beispiel wimmelt es nur so von Denkmälern, die an Kriege und Siege erinnern, viele Straßen und Monumente tragen die Namen von Feldherren und erinnern an siegreiche Schlachten. Die wunderbare  „Mauer für den Frieden“ auf dem Champ- de- Mars dagegen ist einzigartig, allerdings  immer noch umstritten und immer noch eine abgesperrrte Ruine….  Und dabei ist sie –wie die Friedensmauer aus Kartons, die Frau Plötner und Frau Wolf vor der Aula aufgebaut hatten-  ein Anlass zum Nachdenken über Frieden und zum gegenseitigen Austausch. Zu der benachbarten Reiterstatue des Marschalls Joffre, der im Ersten Weltkrieg sein „Menschenmaterial“ rücksichtlos einsetzte und verbrauchte,  soll man dagegen bewundernd aufschauen. Aber gerade solche zum Denken und Handeln  aktivierenden  Denkmäler wie die Friedensmauer sind wichtig. Ich bin deshalb auch froh, dass es am Berliner Schloss ein begehbares und bewegliches Denkmal für die friedliche Revolution von 1989 geben wird.

Vielen Dank für Ihre Antworten.

Außerdem danke ich Frau Plötner und Frau Wolf, die dieses Projekt organisierten.

Helene Krämer

Anmerkungen:

(1) Zum Arc de Triomphe siehe den Blog-Beitrag: Der Arc de Triomphe, die Verherrlichung Napoleons. https://paris-blog.org/2016/11/01/der-arc-de-triomphe-die-verherrlichung-napoleons/

(2)  Zu den Opfern des jacobinischen Terrors auf dem Cimetière de Picpus siehe: Der Cimetière de Picpus, ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Zu den Opfern der Commune auf dem Friedhof Père Lachaise siehe: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Rundgang auf dem Friedhof Père Lachaise auf den Spuren der Commune  https://paris-blog.org/2016/08/13/der-buergerkrieg-in-frankreich-1871-ein-rundgang-auf-dem-friedhof-pere-lachaise-in-paris-auf-den-spuren-der-commune/

(3)  Zur Namenstafel an der Mauer des Père Lachaise siehe den Blog-Beitrag: Paris begeht den 100. Jahrestag des Waffenstillstands am 11. November 1918 https://paris-blog.org/2018/11/11/paris-11-november-2018-paris-begeht-den-100-jahrestag-des-waffenstillstands-november-2018/

(4)  Zur Cité Internationale und der Maison Heinrich Heine siehe die Blog-Beiträge: Die Cité Internationale Universitaire, ein Ort des Friedens und der Völkerverständigung https://paris-blog.org/2017/01/02/die-cite-internationale-universitaire-in-paris-ein-ort-des-friedens-und-der-voelkerverstaendigung/

und: La Maison Heinrich Heine, das deutsche Haus in der Cité Internationale Universitaire de Paris  https://paris-blog.org/2017/11/01/la-maison-heinrich-heine-das-deutsche-haus-in-der-cite-internationale-universitaire-de-paris/

(5) Jean-Jacques Becker und Serge Berstein, Victoire et frustrations. 1914-1929. Nouvelle histoire de la France contemporaine. Éditions du Seuil, Paris 1990, S. 47f

[6] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde   Entsprechend: Le monde diplomatique,  April 2012

[7] http://www.leparisien.fr/espace-premium/paris-75/dati-gagne-une-manche-dans-la-guerre-du-mur-de-la-paix-08-05-2014-3823805.php#xtref=https%3A%2F%2Fwww.google.fr%2F

http://www.exponaute.com/magazine/2016/03/07/paris-il-faut-sauver-le-mur-pour-la-paix/

[8] http://www.aufeminin.com/portraits-de-femmes/clara-halter-d48116.html

[9] http://www.murpourlapaix.org/site/mur.html

[10] Le Figaro, 18.2.2016. Siehe auch:  http://plus.lefigaro.fr/tag/jean-michel-wilmotte

http://www.wilmotte.com/en/projects/programs In der umfangreichen Präsentation seiner Arbeiten auf der Homepage hat Wilmotte die mur de la paix allerdings nicht aufgenommen- vermutlich deshalb, weil die künstlerische Gestaltung ein Werk Clara Halters ist und Wilmotte hier wohl eher nur für die technische Ausführung verantwortlich war.

[11] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

[12] http://www.jacqueschirac-asso.fr/archives-elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/interventions/discours_et_declarations/2000/mars/allocution_du_president_de_la_republique_lors_de_l_inauguration_du_mur_pour_la_paix-2000.2394.html

[13] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[14] siehe Brief des damaligen Kultusministers Frédéric Mitterand an die Bürgermeisterin des 7. Arrondissements, Rachida Dati, vom 9. November 2009  http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381

[15] http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/05/16/01016-20110516ARTFIG00753-mur-pour-la-paix-la-guerre-entre-halter-et-dati.php

[16] http://www.mairie07.paris.fr/mairie07/jsp/site/Portal.jsp?page_id=381 Dort gibt es eine ausführliche Zusammenstellung von Initiativen/Anfragen der Bürgermeisterin des 7. Arrondissements bezüglich der mur pour la paix seit dem Jahr 2009

2012 hat das Comité d’Aménagement ein Buch über die mur pour la paix herausgegeben, in dem die Kritik zusammengefasst ist. Auszüge daraus in:  http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2011/10/18/01016-20111018ARTFIG00760–paris-le-mur-pour-la-paix-continue-de-diviser.php

[17] http://www.comiteamenagement7eme.fr/publication-dun-nouveau-livre-le-mur-de-la-paix-et-letat-de-droit-499

[18] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

[19] http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[20] http://www.franceculture.fr/architecture/le-mur-de-la-discorde

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

[21] http://theinglouriousbasterds.com/archives-antisemitisme-2-0/photos/shoananas/

http://www.francetvinfo.fr/societe/justice/dieudonne/

[22] http://www.metronews.fr/paris/des-tags-antisemites-sur-le-mur-pour-la-paix/mnaf!DOx5kaI22KNw/

[23] Brief von Frédéric Mitterand an Rachida Dati vom 9. November 2009

[24] http://www.la-croix.com/Culture/Marek-Halter-veut-sauver-le-Mur-pour-la-Paix-a-Paris-2016-04-05-1200751232

[25] https://fr.ulule.com/sauvonslemurpourlapaix/

http://www.leparisien.fr/paris-75/paris-75007/a-paris-le-mur-de-la-paix-en-ruine-et-dangereux-cherche-des-mecenes-04-03-2016-5598831.php

(26) http://www.lizotchka-russie.fr/article-bonne-nouvelle-pour-ceux-qui-aiment-saint-petersbourg-54734439.html

(27) http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2Fsite%2Fdiapo%2Fimage%25203.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fmurpourlapaix.org%2F&h=270&w=270&tbnid=v66iAWOe8ZqOqM%3A&vet=1&docid=CjJYYLv_YBOIvM&hl=de&ei=Q_UhWKyQCsK2Ubzkq5AM&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1386&page=0&start=0&ndsp=19&ved=0ahUKEwjsvaDFwpnQAhVCWxQKHTzyCsIQMwgmKAkwCQ&bih=662&biw=1366

Die Stare vor unserem Fenster: deutsch-französische Sichtweisen

Der nachfolgende Eintrag fällt etwas aus dem Rahmen der sonstigen Blog-Beiträge: Es geht um die Stare, die sich  in großen Schwärmen im Frühjahr 2016 in unserem Viertel präsentierten und teilweise ganz grandiose Formationsflüge vorführten. Das allein wäre ja schon Anlassenug für einen Blog-Beitrag unter der Rubrik „Wir in Paris“ gewesen. Aber wenn wir darüber mit französischen Freunden sprachen, wurde auch schnell die ganz unterschiedliche Wahrnehmung  der Stare deutlich. Dabei handelt es sich ganz offensichtlich nicht um eine Zufallsergebnis, sondern es gibt, wie ein Blick in französische und deutsche Texte zum Thema „Stare“ zeigte, auf beiden Seiten des Rheins offenbar verschiedene Einschätzungen, wie die Stare und ihre fliegenden Schwärme   gesehen  werden. Ist das vielleicht Ausdruck einer eher rational-funktionalen  Naturwahrnehmung auf der einen Seite und einer eher emotional-romantischen Sicht der Natur auf der anderen Seite?

Der Beitrag ist identisch mit dem 38. Bericht aus Paris vom Februar 2016. Das darin verwendete Präsens wurde also nicht verändert- obwohl die Stare sich nach einigen Wochen wieder davon gemacht haben – diese Attraktion gibt es also seitdem nicht mehr –vielleicht ja wieder im nächsten Jahr. Wir würden  uns jedenfalls sehr auf ein  Wiedersehen freuen.    

 

Seit wir im neuen Jahr wieder in Paris sind, gibt es bei uns eine besondere Attraktion: die Stare. Die gab es ja schon immer: manchmal saßen welche –wie auch Krähen, Tauben, Elstern und manchmal auch Amseln-  gegenüber auf den beiden hässlichen Antennenmasten, die –leider- zu dem Paris-Panorama gehören, das wir von unserer Wohnung aus haben.

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Gegen Abend –kurz vor Sonnenuntergang- versammeln sich nun aber seit einigen Tagen immer mehr Stare auf den Masten. Da wird es teilweise so eng, dass sie auch die Befestigungsdrähte nutzen – unfreiwillige Rutschbahnen. Für uns aber schön zu beobachten.

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Und wenn auf den beiden Masten überhaupt kein Platz mehr ist, finden die Stare auch reichlich Platz auf dem Ausleger eines Krans, der gerade auf der anderen Seite unseres Immeuble installiert ist und manchmal bis über unser Dach ragt.

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Dort sitzen sie dann auch dicht an dicht und warten darauf, dass „es“ endlich losgeht.

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„Es“- das ist der Flug der Stare, ein Schauspiel, das wir derzeit –fast- allabendlich- von unserer kleinen Terrasse aus beobachten und bewundern können. Manchmal sind es schätzungsweise „nur“ einige Hundert, manchmal riesige Schwärme mit womöglich Tausenden von Exemplaren. Manchmal verdichten sie sich zu schwarzen Wolken, manchmal bilden sie lockere Formationen, die in Wellenbewegungen über den Abendhimmel gleiten,  die sich dann auch wieder plötzlich auflösen und neu formieren.

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Manchmal tauchen sie in die Straßenschluchten und sind dann einige Augenblicke für uns unsichtbar, ab und zu fliegen sie auch direkt über unser Haus, so dass man fast die Luftbewegung zu spüren meint. Ich habe versucht, etwas von dem grandiosen Schauspiel mit meinem kleinen Foto festzuhalten – nicht einfach, aber einen ungefähren Eindruck können die Fotos vielleicht doch vermitteln.

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Bei diesem Schauspiel denke ich oft an die riesigen Fischschwärme, die ich beim Tauchen beobachten konnte: Die kleinen Fische schließen sich oft zu engen Formationen zusammen, um Raubfischen, die es auf sie abgesehen haben, keinen Angriffspunkt zu bieten. Manchmal schießt dann ein Raubfisch in eine solche Formation hinein, um sie zu zersplittern, sodass einzelne in der Panik isolierte Fischchen ihre Beute werden.

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Und damit beginnen auch die Fragen, die sich mir stellen, wenn ich die Stare beobachte: Ist denn  ein solcher Schutzmechanismus auch für sie relevant- jedenfalls in einer Stadt, in der es zwar einige Turmfalken gibt, aber doch nicht so viele Fressfeinde wie für die Schwarmfische am Riff. Und warum versammeln sie sich gerade abends vor Sonnenuntergang und vollführen ihren „Himmelstanz“. Was machen die Stare überhaupt im Winter in Paris? Und wo finden sie in einer so eng bebauten Großstadt genügend Futter und ruhige Schlafplätze?

Ich habe also ein bisschen Star-Recherche im Internet betrieben, um vielleicht einige Antworten auf meine Fragen zu erhalten. Denn was ich bisher über Stare weiß, ist reichlich wenig: Öfters haben wir welche in unserem Garten in Oberursel beobachtet, wie sie auf dem „Rasen“ (er besteht überwiegend aus Moos und sogenannten Unkräutern) herumstolzieren und ab und zu mit ihren spitzen Schnäbeln einen Wurm oder irgend ein anderes Futtertier aufpicken. Deshalb sind, wie ich in einem im Internet zugänglichen Naturlexikon gelesen habe, Stare auch „gern gesehene Gäste, wenn sie Schnecken  oder Raupen  erbeuten. Für diesen Dienst sollte man ihnen dann  auch ein paar Beeren oder Kirschen überlassen.“[1] Wir überlassen ihnen –und den Amseln- sogar einen ganzen  Kirschbaum,  weil wir zur Erntezeit gar nicht im Lande sind oder, selbst wenn wir da sind, an die meisten Kirschen ohne gefährliche Kletteraktionen nicht herankommen.

Natürlich haben wir auch schon oft und gerne ihren Gesang gehört.  Und auf diesem Gebiet sind die Stare ganz besonders talentiert: Otto Kleinschmidt charakterisiert ihren Gesang in seinem Buch über die „Singvögel der Heimat“ (Quelle und Meyer 1955, S. 50) so: „Ein Pfeifen, Schnurren, Schnattern und Schmalzen, untermischt mit Flötenlauten und Pfiffen, oft Nachahmungen, dabei ekstatisch zwischendurch mit den Flügeln schlagend.“ Die Stare  können nicht nur andere Vogelstimmen nachahmen, sondern auch alle möglichen sonstigen Geräusche wie Rasenmäher und –nach Wikipedia- neuerdings sogar das Klingeln von Mobiltelefone. Insofern ist verständlich, dass Kleinschmidt die Stare als „Konzertmusikanten“ rühmt und ihnen damit gewissermaßen einen Rang gleich hinter der „Gesangeskönigin“ Nachtigall verleiht.  Als begeisterter Chorsänger hat mir natürlich besonders gut gefallen, dass Starendamen diejenigen Männchen am attraktivsten finden, deren Gesang die meisten Motive enthält und die beim Singen die größte Ausdauer an den Tag legen…

Offenbar ist es nichts Besonderes, dass es auch im Winter in Paris Stare gibt: Sie sind, wie ich jetzt gelernt habe, teilweise sogenannte Standvögel, teilweise Mittelstreckenzieher bzw. Teilzieher, d.h. Teile der jeweiligen Population bleiben auch im Winter in ihrer vertrauten Umgebung, wenn es dort nicht gar zu kalt wird, manche ziehen in wärmere Gefilde. Und wenn dank Klimaveränderung die Winter milde sind wie derzeit immer häufiger, wird sich die Notwendigkeit für die Vögel verringern, die Reise in den unter Umständen gefährlichen Süden anzutreten bzw. -zufliegen. Anscheinend gelten ja Stare in Italien als Leckerbissen- fein gegrillt auf Polenta serviert.[2] Ganz klar ist mir allerdings nicht, wo die Stare in Paris ihre Nächte verbringen und wovon sie im Winter leben. Sie sind ja keine Allesfresser wie Tauben, Krähen und Elstern. Nach einem schon einige Jahre alten Vogel-Atlas von Paris bevorzugen die Stare als Ruheplätze Parks mit altem Baumbestand, den Parc de Montsouris, den Parc der Bercy, den Jardin des Tuileries und vor allem den Garten/Wald im Carée der Bibliothek Nationale (was mich sehr wundert).[3] Aber diese Orte sind relativ weit von uns entfernt und machen es wenig einsichtig, warum die Stare abends gerade hier ihre Flug-Shows präsentieren. Als Erklärung bietet sich da eigentlich nur der nahe gelegene Père Lachaise an, der ja nicht nur ein weiträumiger Friedhof ist, sondern auch ein Naturpark mit altem Baumbestand. Außerdem haben die Vögel da nachts ihre Ruhe und es müsste auch –was ich aber aus Pietät hier nicht näher erläutern  möchte- jahreszeitunabhängig ein reichliches Nahrungsangebot geben. Dass der Père Lachaise in den Bestandsverzeichnissen, die ich im Internet gefunden habe, nicht als Starenquartier genannt ist, könnte übrigens auch eine Erklärung dafür sein, dass wir die Stare bisher noch nicht wahrgenommen haben. Immerhin leben wir jetzt ein gutes Jahr in der neuen Wohnung „mit Aussicht“ und zumindest in den wärmeren Monaten, in denen wir viel Zeit auf unserer kleinen Terrasse verbringen, wären uns die Stare bestimmt aufgefallen, wenn sie da schon dagewesen wären. Vielleicht haben „Standvogel-Stare“ jetzt auch den Friedhof als Quartier gewählt. Und hoffentlich bleiben sie da  auch noch etwas, damit wir noch etwas länger Freude an dem  Schauspiel des „Starenballetts“ haben, wie die abendlichen Flug-Vorführungen gerne genannt werden.

In Norddeutschland und Dänemark ist dieses Phänomen offenbar ziemlich verbreitet, weil die Stare dort weiträumige Ruheplätze und ein unerschöpfliches Nahrungsangebot haben.  Da sind es  teilweise hunderttausende Stare, die abends sogar die untergehende Sonne verdecken. Dieses einzigartige Naturschauspiel der Sort Sol („Schwarze Sonne“) sollte nach der dänischen Touristenwerbung „jeder wenigstens einmal im Leben erlebt haben“. An der deutsch-dänischen  Grenze, wo sich jedes Jahr bis zu einer Million Stare an ihren Schlafplätzen versammeln, findet schon ein regelrechter „Star-Massentourismus“ statt. „Am Abend kommen zahlreiche Busse mit Schaulustigen, die das Spektakel am Schlafplatz der Stare selber miterleben möchten.“[4]

Ein schönes Video dazu:

http://www.ardmediathek.de/tv/Mittagsmagazin/Starenballett-am-Himmel/Das-Erste/Video?documentId=27013580&bcastId=314636

Bei uns sind es keine hunderttausende Stare, aber dafür haben wir hier in Paris das Naturschauspiel light gewissermaßen frei Haus.

Als Erklärung für das Starenballett werden immer wieder die Raubvögel genannt. Bei Wikipedia zum Beispiel wird angegeben, die Manöver dienten „wohl im Wesentlichen“ dazu „dem angreifenden Greifvogel die Auswahl eines einzelnen Vogels unmöglich zu machen“, also in der Tat eine Analogie zu den Schwarmfischen am Riff.[5]  Dann handelt es sich offenbar um eine angeborene Verhaltensweise, die auch dann und dort noch gilt, wenn Raubvögel eher eine Seltenheit sind. Und auf jeden Fall sind Stare sehr gesellig, gerade was ihre Schlafgewohnheiten angeht. Da sammeln sie sich abends vorm Schlafengehen also schon mal, toben sich nochmals richtig aus, freuen sich ihres Lebens und erfreuen gleichzeitig Zuschauer und Bewunderer wie uns.

Die Freude an den Staren ist aber offenbar nicht ungeteilt. Mehrere Pariser Freunde, denen wir von „unseren“ Staren erzählt haben, sind geradezu erschrocken und haben von der Umweltverschmutzung geredet, die die Stare verursachten. Ihr Vogeldreck würde Autos und Straßen verschmutzen – was mir bisher in Paris aber noch nicht aufgefallen ist. In unserem Viertel jedenfalls sind es eher Hunde und Tauben, die ein unbefangenes Benutzen von Bürgersteigen und Parkbänken unmöglich machen. Diese spontan-negative Beurteilung der Stare hat uns ziemlich überrascht. In den von mir eingesehenen deutschen Internet-Quellen ist der Star eher ein gesanglich hochtalentierter Vogel mit ausgeprägtem Sozialverhalten, ein „Multitalent“, dazu ein Nützling, dem man in seinem  Garten durchaus ein Nistkästchen bauen sollte. In Frankreich erfreut sich der Star aber – auch von ganz offizieller und kompetenter Seite-  offensichtlich nicht einer solchen Wertschätzung: Auf der homepage des altehrwürdigen Jardin des Plantes von Paris wird er so vorgestellt:

BRUYANT, VORACE, VOLANT ET VIVANT EN BANDES NOMBREUSES… IL VAUT DÉCIDÉMENT MIEUX NE PAS AVOIR L’ÉTOURNEAU SANSONNET (STURNUS VULGARIS LINNÉ) POUR VOISIN.

Ihr Kot würde Autokarosserien, die Fassaden von Bauwerken und das städtische Mobiliar beschädigen; der Lärm, den sie (die Kleinschmidt’schen Konzertmusiker) verursachten, könne den Anwohnern schnell auf die Nerven gehen; dazu kämen noch erhebliche Schäden für die Landwirtschaft und sogar  die Luftfahrt: 1996 habe schon einmal ein Starenschwarm in Eindhoven ein Flugzeug zum Absturz gebracht![6]

Ähnlich schlecht kommt der Star (l’etourneau sansonnet) auch im offiziellen Inventaire National du Patrimoine Naturel, also dem Verzeichnis des französischen Naturerbes weg. Die in Frankreich überwinternden Stare seien teilweise Standvögel, teilweise kämen sie zum Überwintern aus den Staaten der ehemaligen UdSSR, vor allem der Ukraine. (Aha!! W.J.) Ihr massenhaftes Auftreten würde zu Boden- und Wasserverschmutzungen führen und den Baumbestand schädigen. Er könne in der Landwirtschaft erhebliche Schäden bei der Aussaat und den Kulturen verursachen. Dazu kämen die Geräuschbelästigungen. Für uns ist das ein etwas erstaunlicher Punkt: Jedenfalls können hier in Paris Menschen ganze Nächte lang bei offenen Fenstern, voll dröhnenden Lautsprechern und wildem Geschrei feiern, ohne dass offenbar Nachbarn sich beschweren, geschweige denn die Polizei gerufen wird.  Bei den Staren  hört aber die sonst übliche Toleranz auf.  Schließlich ist nach dem nationalen französischen  Naturinventar  nicht auszuschließen, dass die Stare auch ein gesundheitliches Risiko für Mensch und Tier bedeuteten. Insofern ist es nur konsequent, dass auf Initiative des Fond National des Calamités Agricoles des Französischen Landwirtschaftsministeriums eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Star“ gegründet wurde. Sie habe veranlasst, dass die ländlichen Schlafplätze der Stare Gegenstand von „opérations de destruction“ geworden seien. (Genaueres zu diesen Vernichtungsaktionen wird hier nicht mitgeteilt- laut Wikipedia wurden/werden Gifte und Dynamit verwendet. W.J.) Deshalb seien die Bestände an Staren schon (glücklicherweise! W.J.) deutlich zurückgegangen. Außerdem sei der Star auch auf der Liste der zur Jagd freigegebenen Tiere enthalten.[7]

Da wird also gewissermaßen kein gutes Haar/keine gute Feder am Star gelassen! Inwieweit es sich hier wirklich um eine verallgemeinerbare Unterschiedlichkeit der deutschen und französischen Wahrnehmung handelt, kann ich nicht beurteilen. Immerhin scheint ein Vergleich der deutschen und der französischen Staren-Darstellung bei Wikipedia de und fr das zu bestätigen: In der deutschen Version finden sich insgesamt 9 Zeilen zum Thema „Schäden und Bekämpfung“. In der französischen Version ebenfalls 9 Zeilen zum Thema „Les nuisances provoquées par l’étourneau sansonnet“, also zu den von den Staren verursachten Belästigungen/Schäden. Danach folgt aber noch ein kleiner Abschnitt über die die Bekämpfung des Stars  betreffende Gesetzgebung in verschiedenen Ländern. Schließlich eine ausführliche Darstellung (14 Zeilen) mit einer genauen fünfphasigen „Gebrauchsanweisung“ für die akustische Vertreibung von Staren. Daran  könne sich auch die geplagte Bevölkerung mit casserolles und Musikinstrumenten beteiligen. Und zum typisch französischen Abschluss folgt dann noch ein  Abschnitt über die „Utilisation“ des Stars, zum Beispiel in Form einer „pâté“. Hier wird von einer Jagd mit Schrot abgeraten, sondern die traditionelle Fangart mit Netzen  favorisiert, die in Frankreich noch erlaubt sei.  Das ermögliche „d’en prendre plus d’une centaine à la fois“.[8] So kann man gewissermaßen einen Schädling noch zu einem kulinarischen Nützling verwandeln und die Vogeljagd in den Rang einer in jeder Hinsicht segensreichen Einrichtung erheben. Die Staren-Pastete wird übrigens offenbar im Handel unter dem Namen Pâté de Sansonnets verkauft, die aux myrtes offenbar gerade in Korsika sehr verbreitet ist.

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Und auf der Internetseite von chasse Passion“ werden Rezepte auch für andere Zubereitungen ausgetauscht:  Heureusement qu’il y a la chasse pour se faire plaisir !![9]

Das geringe Verständnis französischer Freunde für unseren Staren-Enthusiasmus erinnerte uns an eine ähnliche Erfahrung vor einigen Jahren. Da hatten wir bei einem Fahrrad-Ausflug entlang des Canal de l’Ourcq im Nordosten von Paris mitten im Kanal ein putziges Tier gesehen, das –wie ein Zeitungsleser auf dem Toten Meer- im träge fließenden Wasser entspannt auf dem Rücken lag und mit seinen kleinen Pfoten irgendein Stück Stängel oder Ast hielt, an dem es nagte. Wir beobachteten es einen Moment, wollten dann gerne ein Foto machen, aber dann tauchte  das Tierchen ab und war verschwunden. Wir wussten nicht, worum es sich handelte; für einen Biber war es etwas zu klein, außerdem passte die Umgebung – der kanalisierte Ourcq- ganz und gar nicht zu einem Biberrevier.

Als wir dann französischen Freunden von unserer Entdeckung erzählten, war schnell klar, dass es sich um einen ragondin gehandelt hatte, einen Nutria, dem wir seitdem öfters begegnet sind: In der Yerres beim Landgut des Malers Caillebotte, in der Yvette im Süden von Paris und in der Marne in der Nähe unseres Badeplatzes.

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Die Reaktionen von Franzosen waren dabei immer ähnlich: Mon dieu! Un ragondin! Die zerstören doch die Uferbefestigungen und richten nur Schäden an!

Ganz anders in Deutschland: Als da vor zwei Jahren ein Nutria an unserem Oberurseler Maasgrundweiher auftauchte, war er schnell zu einer Attraktion geworden und wurde mit Karotten und Apfelstückchen verwöhnt- was ihn aber nicht davon abhielt, dann doch woandershin zu wandern. Vielleicht an die Nidda, einen kleinen Nebenfluss des Mains. Dort gibt es inzwischen kleine Nutria-Kolonien, die sich ebenfalls großer Beliebtheit erfreuen. Zu den diesjährigen Weihnachtsgeschenke für unsere erwachsenen Kinder gehörte auch ein Besuch bei den Nidda-Nutrias, die sich glücklicherweise dann auch in beträchtlicher Anzahl zeigten und bewundern und füttern ließen.

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Von einer deutschen  Freundin, die einen  Schüleraustausch mit Niort organisiert, wurde ich übrigens darauf aufmerksam gemacht,  dass die Nutrias im nahe gelegenen Marais poitevin nicht nur gejagt, sondern  -wie die Stare- auch zu Pastete verarbeitet werden. Und kürzlich fanden  wir dann auch auf der Ile d’Oléron ein großes Schild, das ausdrücklich für diese „Delikatesse“ warb. Auf einen  Versuch habe ich es allerdings nicht ankommen lassen….

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Die unterschiedlichen französischen und deutschen Reaktionen auf Star und Nutria könnten auch damit zusammenhängen, welche Rolle die Natur in der deutschen und französischen Kultur und Wahrnehmung spielt: In Frankreich eine eher rationalere, von Kosten und Nutzen geprägte Sicht, in Deutschland eine eher emotionale, besonders ausgeprägt und historisch gewachsen am Mythos vom „deutschen Wald“ abzulesen- geistesgeschichtlich übrigens ein Gegenbild zur französischen Urbanität….

Seit einigen Tagen machen sich die Stare übrigens rar. Als wir kürzlich Besuch aus Deutschland erwarteten und den Freunden schon stolz das „Starenbalett“ angekündigt hatten, war nur eine kleine Gruppe kurz zu sehen, dann waren sie sogar tagelang ganz verschwunden. Heute segelten (wenigstens) mehrere laut kreischende Möven über das Haus und ein paar Stare ließen sich gegen Abend auf dem Antennenmast gegenüber nieder, aber für eine Flugvorführung waren das zu wenige. Wie schade! Wir vermissen sie richtig. Aber vielleicht gehört es ja gerade zu dem Reiz eines solchen Naturschauspiels, dass es nicht alltäglich und nicht berechenbar ist….

Au revoir!!!

Und zum Schluss noch eine kleine Aufgabe zum Raten/Schätzen: Ungefähr wie viele Stare sieht man auf dem nachfolgenden Bild – das nur den kleinen Teil eines großen Starenschwarms- abbildet?

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Anmerkungen:

[1] http://www.natur-lexikon.com/Texte/thk/001/00004/THK00004.html

[2] http://www.n-tv.de/archiv/Jagdsaison-in-Italien-article82816.html

http://diepresse.com/home/panorama/welt/406486/Jagd-auf-Singvogel_Zart-gegrillt-und-auf-Polenta?_vl_backlink=/home/panorama/welt/index.do

[3]  Oiseaux nicheurs de Paris : un atlas urbain : Auteur Collectif, Editeur : Delachaux et Niestlé,  Paru en 04/2010.   ca 750

http://www.lesoiseauxdeparis.com/etourneau-sansonnet-starling-paris.php

[4] http://www.visitdenmark.de/de/daenemark/suedjuetland/naturwunder-schwarze-sonne-erleben

http://www.kommandoergaarden.dk/de/erlebnisse-auf-romobr/und-umgebung/romo/zugvoegel

http://www.brodowski-fotografie.de/beobachtungen/star.html

[5]  https://de.wikipedia.org/wiki/Star_(Art)

s.a. http://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/star.html

[6] http://www.jardindesplantes.net/fr/jardin/hotes-jardin/oiseaux/etourneau-sansonnet:

[7] https://inpn.mnhn.fr/espece/cd_nom/4516/tab/fiche

[8] https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89tourneau_sansonnet

[9]  http://www.paniercorse.com/produit/pate-de-sansonnet-au-myrte-402

http://www.chassepassion.net/le-forum/26/5568

Wohnen, wo einmal die Guillotine stand: La Grande et la Petite Roquette

In diesem Beitrag geht es um die Geschichte unseres Viertels, das nach der Straße benannt ist, die es durchquert, der Rue de la Roquette. Und diesen Namen trugen auch die großen Gefängnisse, die hier einmal standen. In ihnen spiegeln sich 100 Jahre französischer Geschichte, spektakuläre Hinrichtungen wurden hier vollzogen, an die heute noch die  Fundamente der Guillotine erinnern….  

Der Eingang unserer neuen Wohnung liegt in der Rue Maillard.  Namensgeber der Straße, in der unsere frühere Wohnung lag, war der französische General Chancy aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871. Der Name Rue Maillard weckt dagegen angenehmere Assoziationen: Gleich nach Verbreitung unserer neuen Adresse wurden wir auf Louis Camille Maillard aufmerksam gemacht, den Entdecker der nach ihm benannten chemischen Reaktion, die u.a. dafür sorgt, dass ein Braten bei entsprechender Zubereitung eine leckere Bräunung und ein geschmackvolles Aroma erhält. Also Bratenduft statt Pulverdampf.

Allerdings kommen dann doch noch weniger angenehme Assoziationen hinzu, wenn man sich etwas  näher mit unserem  neuen Viertel beschäftigt: Nämlich der Knall des Fallbeils, der Guillotine, die hier einmal stand. Darauf wird man hingewiesen, wenn man von der Rue de la Roquette in die Rue du Croix Faubin einbiegt, an der unsere Wohnung liegt. Dort steht eine der Erinnerungstafeln „Histoire de Paris“, mit denen Passanten auf die historische Vergangenheit eines Ortes und –soweit vorhanden- entsprechende sichtbare Spuren hingewiesen werden, an denen sie sonst vielleicht eher achtlos vorübergegangen wären. So sicherlich an diesem Ort: Denn hingewiesen wird auf fünf eher  unscheinbare Steinplatten (aus Granit), die vom Asphalt der Straße ausgespart sind. Es sind, wie die Tafel erläutert, die Fundamente einer Guillotine, die hier –bei Bedarf- aufgebaut wurde, um den Aufprall des Fallbeils aufzuhalten.[1]

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Die Guillotine  gehörte zu dem Gefängnis La Grande Roquette, das -1836 errichtet- auf diesem Areal stand und in dem zu Zwangsarbeit Verteilte gefangen gehalten wurden, die auf ihren Abtransport in die Strafkolonien von Ĭle  de Ré, nach Neu-Kaledonien  oder nach Cayenne warteten- dahin also, wo der Pfeffer wächst… Und zum Tode Verurteilte warteten dort auf die Guillotine.  Im Volksmund hieß das Gefängnis  „Abbaye des Cinq-Pierres“ – eine Anspielung auf die fünf Steine des Fundaments der Guillotine und auf ein Kloster, das sich an gleicher Stelle befunden hatte, bis es zur Zeit der Französischen Revolution aufgelöst wurde.

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Nach der Angabe im unteren Teil der städtischen Erinnerungstafel wurden über 200 Todesurteile mit der hier aufgestellten Guillotine öffentlich vollstreckt.[2]  Obwohl die Hinrichtungen im Allgemeinen in aller Frühe vollzogen wurden, kamen immer Schaulustige zu der am Eingang des Gefängnisses gelegenen Place de la Roquette, um dem „Schauspiel“ beizuwohnen. (1a)

Wie populär solche  Hinrichtungen waren, wird auch daran deutlich, dass der durch die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec bekannte Kabarettist Aristide Bruant hat die letzten Momente eines Gefangenen der Roquette auf seine Weise besungen hat. Sein Publikum muss das wohl lustig gefunden haben:

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Tout ça, vois-tu, ça n’me fait rien

C’qui m’paralyse

C’est qu’i faut qu’on coupe, avant l’mien,

L’col de ma ch’mise;

En pensant au froid des ciseaux,

A la toilette,

J’ai peur d’avoir froid dans les os,

A la Roquette.

Aussi j’vas m’raidi pour marcher

Sans qu’ça m’émeuve,

C’est pas moi que j’voudrais flancher

Devant la veuve;

J’veux pas qu’on dis’que j’ai l’trac

De la lunette,

Avant d’éternuer dans l’sac,

A la Roquette.“

Die Grande Roquette war –wie bei einem Bauwerk dieser Art nicht anders zu erwarten-  Schauplatz spektakulärer und tragischer Ereignisse. Die Erinnerungstafel verweist ausdrücklich auf die Exekution der beiden Anarchisten Auguste Vaillant und Emile Henry. Auguste Vaillant hatte 1893 von der Zuschauertribune der Assemblée Nationale eine Bombe auf die dort versammelten Parlamentarier geworfen, wobei 50 Menschen verletzt wurden. Vaillant wurde am 5. Februar 1894 vor der Roquette guillotiniert- mit den letzten Worten: „Es lebe die Anarchie! Mein Tod wird gerächt“.[3]

220px-Le_Petit_Journal_-_Explosion_à_la_Chambre Auguste Vaillant

Die Rache ließ auch nicht lange auf sich warten. Am 12. Februar 1794 verübte der Anarchist Emile Henry einen Anschlag auf das Café Terminus im Gare St. Lazare, bei dem 20 Besucher verletzt wurden, einer davon tödlich. Der Prozess gegen Henry erregte erhebliches Aufsehen wegen des unerschrockenen Auftretens des jungen hochgebildeten Anarchisten und der sozialkritischen Rechtfertigung seiner Tat. Auf den Vorwurf des Richters, er habe einen Anschlag auf Unschuldige verübt, antwortete er: „Il n’y a pas de bourgeois innocents“. Die Erklärung, die er vor Gericht abgab, wurde berühmt.[4]

Am 21. Mai 1894 wurde Henry vor der Roquette guillotiniert- im Beisein übrigens  von Georges Clemenceau und Maurice Barrès- beide alles andere als Sympathisanten des Anarchismus, die aber von dem Schicksal des jungen Manns angerührt waren.

Nicht hingewiesen wird auf der städtischen Hinweistafel auf zwei Ereignisse, die die Grande Roquette in ganz  besonderem  Maße in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rückten und dazu –wenn auch in verschiedener Weise- zu ihrer  Bedeutsamkeit beitrugen, und zwar die Hinrichtung des Mörders Troppmann 1870 und die Geiselerschießung der Commune 1871.

Die Hinrichtung Troppmanns

Die Hinrichtung des Mörders Troppmann in der Roquette am 19. Januar 1870 war ein außerordentlich spektakuläres Ereignis.  Troppmann hatte aus Geldgier 8 Mitglieder einer Familie nach und nach auf sehr heimtückische Weise umgebracht.

Von der Entdeckung der Leichen über die Jagd nach dem Täter bis hin zum Prozess und der Hinrichtung verfolgten Moritatensänger und insbesondere die noch junge  Presse den Fall.  Besonders hervor tat sich das 1863 gegründete Le Petit Journal. Dieses konnte die Auflage von dem ersten Bericht über diesen Mord am 23. September von 357.000, drei Tage später auf 403.950, am Tag der Hinrichtung Troppmanns bis auf 594.000 Exemplare steigern. Das Blatt versorgte seine Leser hierbei mit Details; beispielsweise dass Troppmann angeblich seinen Bruder um Blausäure und Äther gebeten habe, um seine Wärter zu vergiften und dass er versucht habe seinen Henker zu beißen. Der mediale  Erfolg der Troppmann-Berichterstattung war Wasser auf die Mühlen der Sensationspresse und trug generell  zur bevorzugten Behandlung der „faits divers“ in den Massenmedien bei, die ja gerade in Frankreich besonders auffällig ist: Noch heute beginnen die Nachrichtensendungen in den großen französischen Fernsehprogrammen, selbst in dem öffentlich-rechtlichen TV 2, sehr oft mit einer ausführlichen Berichterstattung über solche „faits divers“, einen Mord in der Provinz, einen plötzlichen Wintereinbruch in den französischen Alpen oder einer Warnung vor einem Stauwochenende, bevor dann auch das politische Tagesgeschehen –mehr oder eher weniger- zu seinem Recht kommt.

Welches Aufsehen der Fall Troppmann in Frankreich erregte, beschreibt übrigens kein Geringerer als Iwan Turgenew in seinem ausführlichen, zeitnah verfassten Bericht L’exécution de Troppmann, der in der Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe mündet- wie sie damals von vielen aufgeklärten Geistern –in Frankreich etwa von Victor Hugo und später dann im Zusammenhang mit der Hinrichtung Henrys auch von Clemenceau- erhoben wurde. Turgenew hielt sich 1870 in Paris auf und wurde eingeladen, als einer der wenigen „Ehrengäste“ der Hinrichtung des Mörders aus nächster Nähe beizuwohnen.  Schon Tage davor seien in allen Schaufenstern Fotos von Troppmann ausgestellt worden und Tausende von Schaulustigen seien jede Nacht zur Roquette gekommen, um nicht den Aufbau der Guillotine zu versäumen. Die damals äußerst spannungsreiche und bewegte politische Situation in Frankreich (kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges) sei demgegenüber völlig in den Hintergrund des öffentlichen Interesses geraten.

70536893 Execution de Troppmann

Die Nacht vor der Hinrichtung mussten die privilegierten Zuschauer im Zimmer des Gefängnisdirektors verbringen, weil befürchtet wurde, dass am nächsten Morgen die erwarteten Massen der Schaulustigen den Zutritt zur Roquette unmöglich machen würden. So kann Turgenew aus nächster Nähe den Aufbau der Guillotine beobachten, dem Henker die Hand schütteln –nach Troppmann immerhin die wichtigste Figur des bevorstehenden Spektakels-  und die zahlreiche Post betrachten, die Troppmann von allen Seiten erhalten, aber nicht zur Kenntnis genommen hatte- auch nicht die Billets von Frauen, denen teilweise Blumen wie Margueriten und Immortellen beigegeben worden waren. Schon mitten in der Nacht versammelten sich, wie die Polizei dem Gefängnisdirektor berichtete,  über 25 000 Schaulustige vor dem mit der Überschrift „Dépot des Condamnés“ versehenen Eingang der Roquette.

grande roquette portail

Turgenew beschreibt anschaulich, was von dieser erwartungsvollen Menschenmenge an das Ohr der Ehrengäste im Gefängnis dringt:

„Ce brouhaha m’étonnait par sa ressemblance avec les mugissements lointains du flux et du reflux de la mer, le même crescendo Wagnérien infini qui ne monte pas régulièrement, mais avec de grands chuchotements et des déversements gigantesques. Les notes aiguës des voix des femmes et des enfants jaillissaient comme des éclaboussures fines sur le bourdonnement colossal. La puissance brutale d’une force de la nature se montrait dans tout cela. Tantôt elle s’apaise pour un instant comme si elle était couchée et ramassée… et la voilà encore qui grandit, s’enfle et gronde comme toute prête à s’élancer et à tout déchirer, qui recule encore et peu à peu se calme, puis de nouveau grandit… et cela n’a pas de fin. Que veut dire ce bruit ? pensai-je. Impatience ? Joie ? Haine ?… Non, il ne sert d’écho à aucun sentiment individuel humain. Tout simplement le bruit et le brouhaha de la nature.“

„Tout d’un coup, lentement, comme une gueule, s’ouvrirent les deux battants des portes accompagnés en même temps d’un grand rugissement de la foule réjouie, satisfaite. Soudain, le monstre de la guillotine nous regarda avec ses deux poteaux noirs et le couperet suspendu.

Als Troppmann aufs Schaffott geführt wird:  Totenstille unter den  vielen Tausenden Zuschauern:

„J’eus le temps de remarquer qu’à l’apparition de Troppmann le bruit de la foule se tut comme un monstre qui s’endort. Un silence sans respiration.“

Dann die Vollstreckung des Urteils:

„Enfin retentit un bruit léger de bois qui se heurtent. C’était la chute de la lunette supérieure avec la découpure transversale pour laisser passer le tranchant, la lunette qui prend le cou du criminel et rend sa tête immobile ; puis quelque chose gronda sourdement, roula et éructa comme si un grand animal eût craché. Je ne puis trouver une comparaison plus exacte.

Tout se couvrit d’un brouillard.“

Und danach?

„Je me sentais très fatigué, et je n’étais pas le seul. Tous paraissaient épuisés, quoique tous, apparemment, se sentissent mieux, comme si leurs épaules fussent débarrassées d’un grand poids.

Mais personne de nous, absolument personne, n’avait l’air d’un homme qui a assisté à l’exécution d’un acte de justice sociale. Chacun tâchait de se détourner de cette idée et de rejeter la responsabilité de cet assassinat. … Nous parlions de la barbarie inepte et superflue de toute cette procédure du moyen-âge, grâce à laquelle l’agonie d’un criminel dure trente minutes, de six heures vingt-huit à sept heures….., du dégoût de tous ces travestissements, de cette coupe de cheveux, des voyages par les escaliers et les corridors…..

De quel droit fait-on tout cela ? Comment soutenir cette routine révoltante ? La peine de mort elle-même pouvait-elle être justifiée ?“

 Turgenew sieht keinerlei –wie auch immer gearteten- Nutzen, den eine solche „Nacht der Schlaflosigkeit, der Trunkenheit und der Perversion“ auf die Zuschauer haben  könnte. Und er zieht aus all dem den Schluss, dass die Todesstrafe unabweisbar auf der Tagesordnung der humanité contemporaine stehe. Er hoffe, dass er mit seinem Bericht einen Beitrag zu ihrer Abschaffung, mindestens jedoch zur Beendigung ihrer öffentlichen Zurschaustellung leisten würde.[5]

 Allerdings  hat es noch fast 70 Jahre gedauert, bis in Frankreich auf das Schauspiel öffentlicher Hinrichtungen verzichtet wurde: Am 17. Juni 1939 wurde der Deutsche Eugen Weidmann, der in Frankreich 6 Menschen ermordet hatte, vor 10000 Schaulustigen in Versailles hingerichtet. Dabei kam es zu volksfestartigen Szenen, Champagnerkorken knallten, Frauen tauchten ihre Taschentücher in das Blut des mit Clark Gable verglichenen Frauenhelden.[6] Danach verzichtete man in Frankreich auf weitere Spektakel dieser Art. Aber die Guillotine blieb weiter in Betrieb, auch in der Roquette: So wurde am 30. Juli 1943 die Engelmacherin („faiseuse d’ange“) Marie-Louise Giraudin  in der Petite Roquette guillotiniert. Das Regime des Marschalls Pétin hatte am 15. Februar 1942 die Abtreitung per Gesetz als „Verbrechen gegen die Staatssicherheit“ erklärt. Es wurde hier exekutiert, nachdem Pétin ein Gnadengesuch Giraudins abgelehnt hatte. [6a]

Aber es dauerte dann noch einmal fast 40 Jahre, bis  in Frankreich –mit der Lex Badinter von 1981- die Todesstrafe endlich abgeschafft wurde. In Russland –Turgenjew richtete sich mit seinem Text ja in erster Linie an eine russische Leserschaft- geschah das erst 2009- und in vielen anderen Ländern hat sich –nicht einmal in diesem Punkt- die „humanité contemporaine“ immer noch nicht durchgesetzt…

Die Geiselerschießung in der Roquette 1871

Ein besonders tragisches Ereignis war sicherlich die Erschießung von sechs Geiseln durch die Commune in der Grande Roquette. Sie fand statt am 24. Mai 1871, während der blutigen Niederschlagung der Commune in der semaine sanglante[7], durch die Versaillais, also die Truppen der nach Versailles geflüchteten Regierung unter Adolphe Thiers.

Grundlage der Geiselerschießung war ein Dekret der Commune vom 5. April 1871, dem gemäß alle mit der Regierung in Versailles zusammenarbeitenden Personen Geiseln des Volks von Paris seien. Jede Erschießung von Kriegsgefangenen oder Anhängern der sich als  rechtmäßige  Regierung betrachtenden Commune habe die Erschießung einer dreifachen Anzahl von Geiseln zur Folge- ein auch in den Reihen der Commune und ihrer Sympathisanten umstrittenes Dekret.[8] Allerdings handelte es sich bei der Geiselerschießung in der Roquette um keine automatische  Replik auf die unbeschreiblichen und massenhaften Gräueltaten der Versailler in der semaine sanglante. Die Commune hatte nämlich zunächst angeboten, den von ihr festgehaltenen Erzbischof von Paris, Mgr Darboy, gegen den von den Versaillern gefangenen gehaltenen Revolutionär Auguste Blanqui auszutauschen. Und als dieses Angebot unbeantwortet blieb, schlug die Commune sogar vor, im Gegenzug zur Befreiung Blanquis alle von ihr festgehaltenen 64 Geiseln freizulassen. Blanqui war seit der Revolution von 1830 eine Leitfigur der sozialistischen Bewegung in Frankreich. Mehrfach wurde er wegen  seiner revolutionären Aktivitäten und Überzeugungen verhaftet. So auch im März 1871 auf Befehl von Adolphe Thiers, der damit die Commune einer charismatischen Führungsfigur beraubte und der deshalb auch unter gar keinen Umständen auf das Angebot der Commune eingehen wollte. Sein Sekretär kommentiert das zynisch: « Les otages ! Les otages, tant pis pour eux ! »[9]

So werden am 24. Mai in der Grande Roquette 6 Geiseln der Commune, darunter der Pariser Erzbischof, erschossen.

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Gedenktafel in der Kirche La Madeleine für den Priester J.G. Deguerry, der zu den am 24. Mai 1871 erschossenen Geiseln gehörte.

Dass Blanqui auch heute noch Verehrer hat, zeigt sein Grab mit der von Dalou geschaffenen eindrucksvollen Bronzefigur auf dem Père Lachaise. (91. Division)[10]

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Die Geiselerschießung vom 24. Mai war ein wesentliches  Element in der 1871 einsetzenden groß angelegten Diffamierungskampagne der Commune und ihrer „Verbrechen“, bei der die junge Fotografie systematisch eingesetzt wurde. Fotos vom zerstörten Pariser Rathaus oder der umgestürzten Vendôme-Säule gehörten dazu.[11] Und die Erschießung der Geiseln in der Roquette wurde propagandistisch nachgestellt, fotografiert und verbreitet. Das hatte gleichzeitig auch die Funktion, von dem systematischen Terror der eigenen Seite –mit etwa 30 000 Opfern- abzulenken.

Crimes de la Commune              

 „Crimes de la Commune : Assassinat des otages dans la prison de la Roquette“

 Die Zelle, in der Erzbischof Darboy seine letzten Tage auf dieser Welt verbracht hatte, wurde übrigens beim Abriss der Grande Roquette Stein für Stein abgetragen und in der Krypta des Priesterseminars Saint Sulpice von Issy-les-Moulinaux wieder aufgebaut- zusammen  mit einem  Stück der Mauer, vor der die sechs Geiseln erschossen wurden.[12]

Allerdings haben die Sieger nach Niederschlagung der Commune in der sogenannten „semaine sanglante„, der blutigen  Woche, mit aller Brutalität zurückgeschlagen. Dabei hat wiederum die Grande Roquette eine Rolle gespielt, wie  Prosper Lissagaray in seiner „Geschichte der Commune von 1871“  (es 577, S. 362) berichtet:

„Nach beendigtem Kampfe verwandelte sich die Armee in ein ungeheures Executions-Peleton. Am Sonntag wurden mehr als 5000 Gefangene, die in der Umgegend des Père La Chaise aufgegriffen waren, in das Gefängniß la Roquette geführt. Ein Bataillonschef stand am Eingang und musterte die Gefangenen, ohne an einen  Einzigen  eine Frage  zu stellen, indem er nur „rechts“ oder „links“ sagte. Die zur Linken wurden sogleich erschossen. Man leerte ihnen die Taschen, lehnte  sie an eine Mauer und machte sie nieder. Der Mauer gegenüber hielten zwei oder drei Pfaffen  sich die Breviere vor die Nase und murmelten die Gebete der Sterbenden.“

Die Petite Roquette

Auf der anderen Seite der Rue de la Roquette gibt es den Square de  la Roquette, eine kleine hübsche Parkanlage mit einem Springbrunnen, Blumen, Bänken, Spiel- und (in Paris eher selten) Bolz- und Basketballplätzen  für Jugendliche. Davor sogar auch noch einen Boule-Platz, der allerdings von den zahlreichen Hunden des Viertels eher anderweitig genutzt wird.

Dass man sich auch hier auf geschichtsträchtigem Grund befindet, ist noch deutlicher als auf der anderen Seite der Straße: Da gibt es unübersehbar das übliche grüne Schild der Parkverwaltung, das am Eingang aller Pariser Grünanlagen über den Namen  und die Geschichte des Ortes informiert. So auch hier:

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Der Name der Anlage (und der Straße) sei abgeleitet von einer Pflanze, die zwischen den Steinen des Klosters wuchs,  das  sich hier befunden  habe : die roquette, lateinisch eruca, italienisch rucola, die im Mittelalter schon als Salatpflanze genutzt wurde, dann in Vergessenheit geriet und inzwischen wieder über Italien ihren Weg in die deutsche Küche gefunden hat.[13]  1836 habe ein Gefängnis für Frauen, Kinder und junge Straftäter das Kloster ersetzt, dessen Bau sich an der Festungsarchitektur orientiert habe. In der Tat erinnert das Gefängnis, wie der Plan seines Architekten Louis- Hippolyte Lebas zeigt, in seinen Ausmaßen und seinem Grundriss an eine Festungsanlage Vaubans.(13a)

Lebas war damals ein prominenter Architekt, der gerade die Pariser Kirche Notre-Dame de la Lorette im 9. Arrondissement fertiggestellt hatte. Bei seinem Gefängnisentwurf bezog er sich aber weniger auf Vauban, sondern auf das Modell  des britischen Philosophen Jeremy Bentham  und verwirklichte damit ein für Frankreich damals avantgardistisches Projekt.[14] Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, entwickelte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Konzept zum Bau von Fabriken und Gefängnissen, das eine möglichst effektive Überwachung und Kontrolle der Arbeiter bzw. Gefangenen ermöglichen sollte, das sogenannte Panopticon.  Von einem zentralen Ort sollten danach alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden. Im Mittelpunkt eines nach dem Panopticon-Prinzip konzipierten Gefängnisses steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in der sogenannten Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen die Gefangenen nicht, ob sie gerade überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter  Überwachungsdruck  regelkonform verhalten (also abweichendes  Verhalten vermeiden, da sie immer davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, sei sehr günstig.

Michel Foucault hat in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ die Wirkung des Panopticons als „Schaffung eines bewussten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen“ beschrieben, „der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt.“ (Frankfurt 1977, S. 258)  Er sieht hier das „kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage“ (253), in der die  Machtausübung immer weniger auf die Ausübung körperlicher Gewalt angewiesen ist. Insofern stehe das Panopticon für das  Herrschaftsprinzip liberaler Gesellschaften, die er auch Disziplinargesellschaften nennt.

Nach dem Panopticon-Prinzip wurden im 19. und 20. Jahrhundert weltweit zahlreiche Gefängnisse errichtet- in Deutschland z.B. das ursprünglich als preußisches Mustergefängnis gebaute, aber besonders im Dritten Reich berüchtigte Gefängnis in Berlin-Moabit. Auch das Kölner Arrest- und Correctionshaus am Klingelpütz wurde in den 1830-er Jahren als Panopticum-Bau errichtet. .[14a]

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Und in Frankreich war es eben das mächtige sechseckige La Roquette, das in Abgrenzung zu der für die Schwerverbrecher bestimmten Grande Roquette auf der anderen Straßenseite Petite Roquette genannt wurde, weil es für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 20 Jahren und für Frauen  bestimmt war. Eine Zeit seines jungen Lebens verbrachte hier übrigens in den 1920-er Jahren ein aus schwierigsten Verhältnissen stammender  15- jähriger Jugendlicher- Beginn einer langen Gefängnis-Odyssee: Es war Jean Genet- der mit dem 1942 im Gefängnis geschriebenen eindrucksvollen Gedicht „Le Condamné à mort“ (Der zum Tode Verurteilte) seine literarische Karriere begann.[15]

Keine Fotobeschreibung verfügbar.

Der Eingang zur Petite Roquette

Alle Gefangenen in der Petite Roquette wurden isoliert und voneinander fern gehalten- selbst bei dem überwachten einstündigen täglichen Aufenthalt im Freien, der in getrennten Pferchen stattfand, oder bei einem Besuch des Erzbischofs (s. Anm. 11). Die entsprechenden zeitgenössischen Bilder aus der Petite Roquette lassen für mich Assoziationen an schlimmste Massentierhaltung aufkommen.

La petite Roquette

Die von totaler Isolation und Überwachung geprägten Haftbedingungen waren schon damals nicht unumstritten: Kaiserin Eugénie, die durchaus  sozial engagierte Frau Napoleons III., war bei einem Besuch in der Petite Roquette offenbar ziemlich entsetzt und forderte einen alternativen Strafvollzug für Jugendliche. Es wurden dann zwar auch landwirtschaftliche Kolonien eingerichtet, in denen jugendliche Strafgefangene arbeiten und auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereitet werden sollten, aber die Petite Roquette blieb doch auch weiterhin zumindest eine obligatorische Durchgangsstation.

Nachdem 1939 öffentliche Hinrichtungen in Frankreich verboten worden waren, wurde die  Petite Roquette als Ort künftiger Hinrichtungen von Frauen  in Paris bestimmt. Zweimal wurde dieses Gesetz dann angewendet: Am 6. Februar 1942 wurde Georgette Monnerot hingerichtet, weil sie ihr Kind getötet hatte, am 30. Juli 1943 Marie-Louise Giraud wegen der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen– da sind wir in der Ära Vichys und Pétains.

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1974 wurde das Gefängnis abgerissen, um das weitläufige Gelände freundlicheren Verwendungen zuzuführen. Erhalten wurden aber die beiden Eingangstore des Gefängnisses, durch die man nun die neue Park- und Freizeitanlage betritt. An dem linken der beiden  Eingangstore weist eine Erinnerungstafel darauf hin, dass hier zwischen dem 18. Juni 1940, dem berühmten Londoner Aufruf de Gaulles zum Widerstand,  bis zum 28. August 1944, der Befreiung von Paris, 4000 Mitglieder der Résistance inhaftiert waren.

Während bei den an allen Schulen angebrachten Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Occupation immer auch auf die Rolle der französischen Polizei hingewiesen wird[16], werden hier zwar die Opfer, aber nicht die Täter und ihre Helfer benannt. Auf der homepage der ajpn, der Vereinigung der „Anonymes, Justes et Persécutés  durant la periode Nazie“[17] ist das anders: Dort findet sich folgende präzisere Angabe: „Durant la Seconde Guerre mondiale, 4000 femmes sont emprisonnées à la Roquette par la police française pour faits de résistance.“ Das Gefängnis unterstand jedenfalls  -wie ja auch die Polizei-  der Regierung von Vichy, d.h. die Gefängnisverwaltung lag in französischer Hand.[18] Die Repression der résistance entsprach ja nicht nur dem gemeinsamen Willen der Besatzer und der Collaboration, sondern auch dem Interesse des besiegten Frankreichs, des sogenannten État français,  ein Höchstmaß an (scheinbarer) Souveränität zu erhalten.

Unter den inhaftierten Frauen waren übrigens auch Ausländerinnen, die wegen ihrer antifaschistischen Überzeugung verhaftet worden  waren. So auch die deutsch-tschechische Literatin Lenka Reinerová, in deren Biographie sich die Tragik des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll niederschlägt: Zu ihren Freunden der Zwischenkriegszeit in Prag gehörten Franz Werfel, Egon Erwin Kisch und Max Brod, der Herausgeber der Werke von Franz Kafka. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag Flucht nach Frankreich, dort ein halbes Jahr Einzelhaft in der Petite Roquette, danach in einem Frauenlager der Vichy-Zone interniert, Flucht über Casablanca nach Mexiko, wo sie das Malerehepaar Frida Kahlo und Diego Rivera  und natürlich die ebenfalls nach Mexiko emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers trifft. 1948 Rückkehr nach Prag, wo ihr im Rahmen der stalinistischen „Säuberungen“ der Prozess gemacht wird. Erst 1964 rehabilitiert, wird sie  nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der KPC ausgeschlossen.  2008 starb sie – die letzte Vertreterin der Prager deutschsprachigen Literatur.[19]

Während die Petite Roquette erst 1974 abgerissen wurde, was das auf der anderen Seite mit der Grande Roquette schon 1900 geschehen. Da platzte Paris aus allen Nähten, die Grande Roquette wurde abgerissen, das Gelände zwischen der Rue de la Roquette, der Rue de la Folie Régnault und der Rue la Vacquerie wurde durch kleine verkehrsberuhigte Einbahnstraßen in sechs Rechtecke eingeteilt, die nach und nach mit 6- bis 7-stöckigen Häusern bebaut wurden. In einem davon wohnen wir jetzt..

Anmerkungen

[1] Die Angaben für das Gewicht des Fallbeils schwanken zwischen 7 und 200 kg (Turgenew). Übrigens werden auch heute noch Guillotines hergestellt- mit denen allerdings nicht mehr Köpfe abgeschnitten werden, sondern Baguette-Rohlinge aus der Teigmasse: http://rinaldin.it/fra/Cat_fra/34_Guillotines.pdf

(1a) Bild aus: https://www.pariszigzag.fr/histoire-insolite-paris/une-guillotine-a-paris

[2] Nach Wikipedia waren es 69: http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnisse_von_La_Roquette

[3](http://de.wikipedia.org/wiki/Auguste_Vaillant)

[4] Zitiert in : http://fr.wikipedia.org/wiki/Émile_Henry_(anarchiste) 

[5] http://bibliotheque-russe-et-slave.com/Livres/Tourgueniev%20-%20L’Execution%20de%20Troppmann.htm

[6] http://www.welt.de/geschichte/article129139943/Letzte-oeffentliche-Hinrichtung-in-Frankreich.html

http://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_69859512/frankreich-deutscher-serienmoerder-wurde-1939-enthauptet.html

[6aégime de Vichy : quand l’extrême droite était au pouvoir. In: Geo histoire vom 17.6.2024

[7] Siehe dazu Bericht 15: 140 Jahre Commune

[8] Z.B. auch von Victor Hugo in seinem Gedicht Pas  de représailles (In: L’Année terrible, 1871)

[9] http://www.histoire-image.org/pleincadre/index.php?i=71

[10] Zu Dalou s. den 33. Bericht über das Hotel Païva. Zum Père Lachaise vielleicht später einmal mehr.

[11] In der aktuellen großen  Monet-Ausstellung im Frankfurter Staedel-Museum werden entsprechende Fotos von Jules Andrieu und Franck gezeigt.

[12] http://www.sulpissy.info/spip.php?

[13] Ein freundlicher Leser des Berichts hat mich darauf hingewiesen, dass die Rauke sogar im Hessenpark im Taunus  angebaut und gezeigt wird. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Rucola

(13a) Die Federzeichnung aus den 1830-er Jahren ist auch zu sehen in der Dauerausstellung der Architekturgeschichte von Paris im Pavillon d’Arsénal in Paris

[14] Anaïs Guérin, La Petite Roquette, la  double vie d’une prison Parisienne,  1836 – 1974. 2013

[14a] Vielen Dank, Ulrich Schläger, für diesen Hinweis!

[15] Vollständige französische Version und englische Übersetzung:  http://www.sptzr.net/Translations/prisoner.htm  Auf youtube gibt es eine eindrucksvolle (gekürzte) Chanson-Version von Marc Ogeret

Nachfolgendes Bild vom Eingang der Petite Roquette aus: https://www.facebook.com/photo/?fbid=6008082149278211&set=pb.100044544064752.-2207520000&locale=fr_FR

Einen Bericht über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten in der Grande Roquette gibt es übrigens auch von Jules  Valls in seinem Le Tableau de Paris, 1882/1883

[16] Siehe dazu den Blog-Beitrag über Erinnerungsorte an den Holocaust in Paris und Umgebung (1) 

[17] http://www.ajpn.org/internement-Prison-de-la-Roquette-470.html

[18] Die Gestapo hatte in Paris ein  eigenes Gefängnis, das Cherche-midi im Boulevard Raspail, das  allerdings nicht der Internierung diente, sondern dem Verhör und damit natürlich auch der Folter.

[19] Martin Doerry und Hans-Ulrich Stoldt haben 1982 im Spiegel (30.9.2002) ein sehr lesenswertes Interview mit Lenka Rainerowa  veröffentlicht.   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25327110.html

Hochwasser in Paris (2016 und 2018)

 

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Le  Monde, 4. Juni 2016

An vielen Orten in Frankreich, vor allem aber auch in Deutschland, hatte das Hochwasser katastrophale Ausmaße und Folgen. In Paris ist das- soweit man das bisher weiß- nicht so.

Natürlich führt das Hochwasser zu manchen Beeinträchtigungen:  Die Schiffsrundfahrten auf der Seine sind eingestellt, weil selbst die niedrigen bateaux mouches nicht mehr die Brücken passieren können.

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 Metro-Stationen und eine Linie der Vorort-Bahn RER sind gesperrt. Die  läuft in Paris parallel der Seine und das Gleisbett liegt mehrere Meter unter dem Hochwasser-Spiegel des Flusses. Zwar liegen zwischen Fluss  und Bahn mehrere Meter und eine dicke Wand, aber durch die rieselt und tröpfelt es überall. Auch wenn das Wasser ständig abgepumpt wird, ist das Risiko für einen Betrieb der Bahn offensichtlich zu groß. Das betrifft leider gerade die RER-Linie C nach Versailles. Da wurde also nichts aus den  grands eaux im Park von  Versailles, die Freunde aus Deutschland unbedingt sehen wollten. Dafür gab es eben die grands eaux in Paris.

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Und zusätzliche Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs gab es durch ein mouvement social, die Streikbewegung eines Teils der Gewerkschaften gegen die von der Regierung geplante Reform des loi de travail, des Arbeitsgesetzes.

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Natürlich stehen die Fußgängerzonen auf den Tiefkais der Seine  rive gauche unter Wasser, ebenso. die Voie Pompidou, die Autostraße auf der nördlichen Seine-Seite. Aber die ist am Wochenende sowieso  für den Autoverkehr gesperrt, und die Bürgermeisterin von Paris hat angekündigt,  dass  diese Sperrung generalisiert werden  soll.

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Dazu waren das Louvre und das Musée d’Orsay zeitweise geschlossen, weil dort die in den Kellern gelagerten  Bestände und zum Teil auch die Ausstellungsstücke im Erdgeschoss  in Sicherheit gebracht werden mussten. Und dann gibt es auch ganz unerwartete Probleme, selbst da, wo man sie am wenigsten  erwartet hätte: Die ja nun wirklich nicht vom Hochwasser bedrohten Türme von Notre Dame waren zeitweise nicht mehr zugänglich, weil die Sromversorgung nicht mehr funktionierte.

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Aber das alles ist zu verschmerzen. Zumal  das Hochwasser an der Seine  eine außerordentliche Touristen-Attraktion ist. So hoch wie jetzt stand das Wasser der Seine seit 1982 nicht mehr.

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Auf den Brücken an an den Rändern der Seine drängeln sich die Zuschauer und Fotografen. Interessante Motive gibt es ja mehr als genug.

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Ein geradezu obligatorisches Hochwasser-Fotomotiv ist die Statue des Soldaten am Pont de l’Alma, der jede Menge von Schaulustigen anzieht.

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Es handelt sich um ein „Überbleibsel“ der ersten Alma-Brücke, die Mitte  des 19. Jahrhunderts gebaut wurde. Diese Brücke hatte zwei Pfeiler, die mit insgesamt vier Statuen verziert waren. Sie repräsentierten vier Regimenter der französischen Armee, die 1854 am Krim-Krieg teilnahmen: Ein Artillerist, ein Zuave,  ein Jäger und ein Grenadier. Als die Brücke in den 1970-er Jahren durch eine neue ersetzt wurde,  blieb nur das Standbild des Zuaven am alten  Platz.

Zuaven  waren eingeborene Söldner,  die von den Franzosen ab 1830 angeworben wurden, um an der Eroberung Algeriens teilzunehmen. Im Krim-Krieg wurden auch Zuaven-Verbände eingesetzt, die sich in mehreren Kämpfen, so auch in der Schlacht an der Alma, auszeichneten. Insofern  ist zu erklären, dass die Zuaven-Statue ihren Platz an der Alma-Brücke behalten hat. Inzwischen ist sie nicht nur ein prominenter Hochwasserindikator, sondern ist sogar Teil der französischen Kultur: In Chansons, Romanen und in den Abenteuern von Tim und Struppi hat er der Zuave seinen Platz.  (1)

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Das Bild wurde am 5. Juni  2016  nachmittags aufgenommen- das war das Hochwasser schon deutlich zurückgegangen und dem Zuaven stand das Wasser nicht mehr „bis zum Hals“, aber immerhin noch bis über die Knie – und das heißt, dass die berges de la Seine, die Tiefkais, nicht mehr zugänglich sind. (Im Hintergrund kann man übrigens bei genauem Hinsehn die goldene Kuppel der gerade im Bau  befindlichen russisch-orthodoxen Kathedrale am Quai Branly erkennen.)

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Anfang Februar 2018 erhielt der Zuave anlässlich eines erneute Seine-Hochwassers eine Rettungsweste, um auf die Folgen und Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Das Wasser stand da ähnlich hoch wie schon 2016. (2)

Zum Vergleich: Bei  normalem Wasserstand hat der Zuave trockene Füße….

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Und so  präsentiert er sich den Bootsfahrern:

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Bis über den Hals steht dem braven Zuaven Hollande allerdings das Wasser der Steikbewegung in Frankreich – und das auch noch eine Woche vor dem Beginn der Fußball-Europameisterschaften:

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Karikatur von Plantu in der Ausgabe von Le Monde vom 7.6.2016

Aber es gibt auch Möglichkeiten,  dem Hochwasser  positive Seiten abzugewinnen:

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Opfer gab es -soweit man bisher weiß- in Paris nicht. Aber es ist -nach Überzeugung der Umweltministerin Ségolène Royal- nicht ausgeschlossen, dass man noch Opfer entdecken wird. Immerhin gibt es sehr viele Obdachlose (SDF) und Flüchtlinge, die auf den  Seinekais ihre Zelte aufgeschlagen haben oder in Verschlägen hausen. Da ist es gut möglich, dass einige von der schnell ansteigenden Flut überrascht wurden – zumal das Ausmaß des Hochwassers und seine Dynamik von den Experten eher unterschätzt wurden.

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Aber größere Schäden  blieben bei dieser Flut (toi,toi,toi!) aus. Und bei 6,10 Metern Höchststand des Wassers kann man zwar ein außergewöhnliches Naturschauspiel erleben, ohne aber selbst nasse Füße zu bekommen. 1955 stand das Wasser der Seine noch einen Meter höher, 1910 bei dem „Jahrhunderthochwasser“ sogar zweieinhalb Meter höher. Da erreichte es genau 8,62 Meter, so dass große Teile von Paris unter Wasser standen und natürlich auch ein großer Teil der Metro-Schächte. An der  Markierung auf der Ile St. Louis kann man sich eine Vorstellung  vom Ausmaß der damaligen Katastrophe machen. Jetzt konnte ich an dieser Stelle aus sicherer Höhe den Strudel auf dem überschwemmten Kai fotografieren…

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Aber auch an vielen anderen Stellen der Stadt erinnern noch Markierungen an die „Jahrhundertflut“ von 1919.

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             Hochwassermarkierung an einem Hauseingang in der rue de Bellechasse, 7. Arrondissement

Eine sehr anschauliche Übersicht über die Hochwasserstände der Seine findet sich übrigens am Porte de plaisance de l’Arsenal, kurz bevor es über die Schleuse zur Seine geht.

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Die Markierung ganz oben bezeichnet das Jahrhunderthochwasser von 1910. Für die Hochwasser von 2016 und 2018 gibt es noch keine Markierungen – sie würden sich ziemlich weit unten befinden- zwischen den beiden unteren Markierungen…  Also gerade im historischen Vergleich kein dramatisches Ereignis. Umso besser.

Außergewöhnlich war allerdings, wie lange es 2018 gedauert hat, bis nach dem Höhepunkt des Pegelstandes Ende Januar  wieder ein Normalzustand hergestellt war. Wochenlang waren die beiden Tiefkais der Seine gesperrt und an Seine-Rundfahrten war nicht zu denken. Also vielleicht tatsächlich ein bedenklicher Vorbote dessen, was Paris bei dem weiteren Klimawandel erwartet.

Die nachfolgenden Fotos wurden Ende Februar 2018 aufgenommen. Auf den berges de la Seine, wo  jetzt immer noch das Wasser steht, kann man sonst laufen, Rad fahren oder  sich in die Sonne legen….

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Die Möwen haben es allerdings gut bei dem Hochwasser und die Kormorane offsichtlich auch: Sonst haben wir die im Stadtgebiet von Paris noch nie gesehen. Aber in den seichten Überschwemmungszonen ist ihre Jagd besonders vielversprechend.

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Zufrieden  sind auch die Angler. Auch sie haben es auf die Fische in den Überschwemmungszogen abgesehen. Allerdings sind sie gegenüber den Kormoranen im Nachteil, denn bei dem kalten Wetter beißen die Fische eher selten an. Den  alten Herrn störte das allerdings nicht.  Er verbringe  hier einen schönen ruhigen Nachmittag und da sei er zufrieden, auch wenn er keinen Fisch zum Abendessen mitbringe…

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Und dann gibt es auch, wenn das Hochwasser wieder etwas zurückgegangen ist, ruhige Plätzchen an der Seine, wie hier in der Nähe des Pont Neuf….

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Anmerkungen

(1) Zur Bedeutung und Geschichte des Zuaven:

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2016/06/03/01016-20160603ARTFIG00112-qui-est-vraiment-le-zouave-du-pont-de-l-alma.php

Dieser Artikel des Figaro wurde im Januar 2018 anlässlich des erneuten Seine-Hochwassers  noch einmal in aktualisierter Form ins Netz gestellt

(2)  http://www.lemonde.fr/climat/article/2018/01/25/inondations-pas-de-repit-la-seine-de-plus-en-plus-haute-a-paris_5246640_1652612.html

http://www.liberation.fr/depeches/2018/02/04/rechauffement-climatique-un-gilet-de-sauvetage-pour-le-zouave-de-la-seine_1627311

 

Von Frankfurt nach Paris und zurück: Die Stolpersteine in der Westendstraße

  1. Die Stolpersteine in der Westendstraße für Recha und Dr. Leo Koref

Am Freitag, dem 20. Mai 2016,  wurden vor dem Haus Westendstraße 98 in Frankfurt am Main zwei Stolpersteine installiert:  Einer für Dr. Leo Koref und einer für Frau Recha Koref.

Stolpersteine sind, wie wir bei  Wikipedia lesen können,  „ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen  erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Diese quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten sind mit von Hand eingeschlagenen Lettern beschriftet und werden von einem angegossenem Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern getragen. Sie werden meist vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster bzw. den Belag des jeweiligen Gehwegs eingelassen. Mittlerweile gibt es über 56.000 Steine (Stand: Dezember 2015) nicht nur in Deutschland, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt.“ 

Die Stolpersteine ermöglichen es, „ein Empfinden für das Ausmaß des Schreckens zu bekommen (…). Man muss kein Konzentrationslager besuchen, um an die Ereignisse und ihre mörderischen Folgen erinnert zu werden, man ist mit ihnen jeden Tag konfrontiert, wenn man zum Bahnhof oder zur Arbeit geht.“ Für das Frankfurter Westend,  in dem die Stolpersteine für Dr. Leo und Recha Koref installiert wurden, gilt das in ganz  besonderer Weise: Das Westend war ein Frankfurter Viertel, das in ganz besonderer Weise von jüdischer Präsenz geprägt war, und das bezeugen heute die vielen Stolpersteine, auf die man dort gewissermaßen auf Schritt und Tritt trifft. (1)

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Wer waren Recha und Dr. Leo Koref? Warum wurden die Stolpersteine für sie gerade an dieser Stelle installiert?  Welche Rolle spielt dabei Paris? Und was haben wir damit zu tun?

Wenn ich versuche, diese Fragen zu beantworten, wird es um unvorstellbare Grausamkeit gehen, um das finsterste Kapitel deutscher Geschichte, aber auch um großes Glück, um Hilfsbereitschaft, um bewundernswerte Energie, sich nicht unterkriegen zu lassen, und  -ganz am Anfang:  um eine erstaunliche Begegnung in Paris, ohne die es die Stolpersteine in der Westendstraße nicht geben würde…

  1. Die Begegnung mit dem Ehepaar Dr. Adler in Paris

Vor etwa zwei Jahren fand im Maison Heinrich Heine, dem deutschen Haus der Cité Universitaire in Paris, eine Podiumsdiskussion zum Thema Europa statt. Unter anderem ging es um –schon damals verbreitete- Vorbehalte gegen den europäischen Einigungsprozess, vor allem gegen „die da oben in Brüssel“. In der anschließenden Diskussion meldete ich mich, „outete“ mich als Hesse und berichtete von einem früheren Versuch der Kommission, das Wort „Apfelwein“ zu verbieten, weil „Wein“ aus Trauben hergestellt sein müsse. Da habe es einen Sturm der Entrüstung gegeben und der Angriff auf eine regionale Institution sei erfolgreich abgewehrt worden.

Nach dem Ende der Veranstaltung lud –wie immer- das Maison Heinrich Heine zu einem „pot d’amitié“ ein,  also einem Glas –echtem- Wein und einem kleinen Buffet: Die Möglichkeit zu einem ungezwungenen Gespräch mit den „Intervenants“ auf dem Podium und zwischen  den Besuchern. Da kam  nun ein älterer Herr auf mich zu und sprach mich auf Französisch  an. Er habe meinen  Beitrag sehr gut gefunden, müsse mich aber in einem Punkt korrigieren: Es heiße doch nicht „Apfelwein“, sondern  „Äppelwoi“! Meine Überraschung und mein Erstaunen  kann man sich wohl vorstellen. Wir kamen natürlich ins Gespräch und ich erfuhr, dass der alte Herr in Frankfurt aufgewachsen war und  nach der Kristallnacht –als Jude- gerade noch rechtzeitig nach Paris emigrieren konnte, wo er heute lebt und – im Alter von 88 Jahren!- noch als Arzt praktiziert.

Er erzählte auch etwas von seiner Verbundenheit mit der Heimatstadt. Sein Vater habe ihm zum Beispiel abends, wenn er krank gewesen sei, Gedichte von Friedrich Stoltze vorgelesen. Kleine Erläuterung für Nicht-Frankfurter: Stoltze war Lokalpatriot im besten Sinne, stolzer Bürger der Freien  Reichsstadt Frankfurt, überzeugter Demokrat und 1848-er Revolutionär und nicht zuletzt der –nach Goethe- wohl bedeutendste Frankfurter Dichter. Im Gegensatz zu Goethe, bei dem der sprachliche Lokalkolorit höchstens einmal kaum merkbar durchschlägt, schrieb Stoltze gerne auch in Frankfurter Mundart. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist die  „Blutblas“: Die Geschichte eines ungezogenen Schülers, dem es auf sehr raffinierte und spektakuläre Weise gelingt, aus den Prügeln seines Lehrers noch besten Nutzen zu ziehen.

Friedrich Stoltze, Die Blutblas 

Farrnschwänz* odder Hasselstecke
Soll kaa weiser Lehrer fihrn!
Statts e Bess’rung zu bezwecke,
Kann em Schlimmes mit bassirn.
De Herr Diehl hat deß erfahr’n, ach,
An sich selwer wunnerbar,
Der vor so un so viel Jahrn, ach,
Hie in Franfort Lehrer war.
Dann der Diehl war aach so Aaner:
Gleich uff Prichel stann sei Sinn,
Un sei Farrnschwanz war kaa klaaner,
Un sei Stecke warn net dinn.
Schlechte Buwe gibbt des wea freier Mann,
wahre Deiwel sicher,
Dene wir können nicht heilig
in der Schule ist ein Farrnschwanz.
So e Schüler schlimmster Rass’ach,
Namens Mohr, e Mexterschsoh,
Unfug triew err in der Klass‘, ach,
Merr hat kaan Begriff derrvo.
Dem Herr Diehl sein neue Stecke
Hatt‘ err’m haamlich sehr beschmiert;
Der Herr Diehl dhat’s ehrscht entdecke,
Als err sich die Händ lackiert.
„Waart nor, Mohr’che! Kimmste de morje!
– Dann kaa Annrer hat’s gedhaa,-
Wern ich Ebbes derr besorje,
Lumpebub! Da denkstde draa!“
Mohr von Ahnunge belästigt,
Dann er war von feiner Nas,
Hatt‘ derr sich wohi befestigt,
Blutgefillt e Schweineblas.
  
So begaw err in die Schul sich,
Setzt sich sittsam uff sein Blatz.
Diehl erhub da von seim Stuhl sich!
„Komm doch emal her, mei Schatz;
So. Jetzt haw ich dich! Bereue
Sollst de jetz dein Frevel schnell!“-
Lehrer Diehl ließ sich en neue
Farrnschwanz hole bei’m Pedell.
Hat den Mohr dann flugs gezoge
Iwwern Stuhl. – „Wart Satanas!“
Hui! wie sin die Schmiß gefloge
Uff dem Mohr sei Schweineblas!
Bis se blatzt! – Un ausgestoße
Hat en dumpfe Ton der Mohr;
Aus de Baa von seine Hose
Quoll e Blutstrom, ach, evor.
Lehrer Diehl gewahrt’s mit Schrecke,
Ihm entfiel der Farrenschwanz.
Sterwend dhat der Mohr sich strecke.
„Mörder!“ krisch die Klass‘, die ganz.
Gar net war des Blut ze stille
In de bääde Hosebaa.
„Liewer Mohr! um Gotteswille“,
Rief der Diehl, „ach sterb net! Naa!
Da! Da hast de aach drei Batze,-
kaaf der driwwe bei dem Kitz
Aeppelranze odder Mazze,
Odder bei dem Steitz Lakritz!
Nemm se Mohrche! Guck mei Threne!
Haag dich aach gewiß net mehr!“
Da begann der Mohr zu stehne:
„No, so gewwe Se se her!“
 

* Farrnschwanz = Farre: landsch. für junger Stier (Duden), also ein Ochsenziemer

Mazze= Matze,  „ungesäuertes Brot“ genannt, ist ein dünner Brotfladen, der von religiösen und traditionsverbundenen Juden während des Pessach gegessen wird. Dass der Händler gegenüber neben getrockneten Apfelringen auch Matzen im Angebot hat, weist  auf die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im Frankfurt des 19. Jahrhunderts hin.

Gerade wenn man selbst einmal  in Frankfurt Lehrer war, gehört die Blutblas natürlich auch zu den besonders geliebten Gedichten. Und da ich es im Kopf habe, sah ich jetzt die Möglichkeit, dem alten Frankfurter Juden und Stoltze-Freund damit eine Freude zu machen. Ich begann also, im Foyer des Maison Heinrich Heine „die Blutblas“ zu rezitieren.  Ganz offensichtlich mit dem erhofften Ergebnis, dem freudigen Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Umso erstaunter, ja erschrockener war ich dann allerdings, dass ich nach einigen Versen ziemlich energisch unterbrochen wurde. Hatte ich etwa falsch zitiert? Erschien die Situation peinlich?  Nein, ganz anders: Der alte Herr hatte mich unterbrochen, um in bestem Frankforterisch das Gedicht weiter zu rezitieren, das ihm zuletzt wohl vor über 75 Jahren von seinem Vater vorgetragen worden war! Einfach unglaublich.

  1. Die Geschichte von Dr. Adler: Von Frankfurt nach Paris

Wir vereinbarten in Kontakt zu bleiben. Im Sommer war meine ehemalige Kollegin Doris Stein zu Besuch in Paris- wir hatten während unserer gemeinsamen Schulzeit eine ganze Reihe von fächerübergreifenden Projekten durchgeführt, auch zur jüdischen Geschichte Frankfurts. Doris schlug vor, ein Gespräch mit Dr. Adler  über seine Geschichte zu führen, es aufzunehmen, zu protokollieren und dem Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ zur Verfügung zu stellen. Auf der Website des Projekts werden die Biographien vertriebener Frankfurter Juden „mit ihrer Familiengeschichte und ihren  Leiden in der NS-Zeit vorgestellt“. Ziel ist es, mit der Dokumentation von „Biographien  aus der Nachbarschaft“ das Interesse von Schülern an der Geschichte ihrer Stadt und der bedeutenden Rolle von Juden „für das Wohl und das Gedeihen der Stadt“ zu wecken und damit einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. [1a]

Wir luden also Dr. Adler und seine Frau zu einem „Frankfurter Abend“ ein- natürlich mit importiertem Äppelwoi/Ebbelwoi zum Apéro, echten Frankfurter Würstchen, Gref-Völsings Rindswurst, Kartoffelsalat und einem Gespräch über seine Geschichte.

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Und die ist es wirklich wert, erzählt zu werden[2]:

Dr. Pierre Adler wurde als Peter Adler 1927 in Frankfurt geboren. Sein Vater war Vertreter einer großen Textilfirma, seine Mutter, die Literatur und Philosophie studiert hatte, Hausfrau. Man lebte in ruhigen, gesicherten Verhältnissen, zunächst in Niederrad, dann in der Taunusstraße. „Wir wohnten in einer sehr schönen 5-Zimmer-Wohnung. Ich weiß heute noch, wie groß das Herrenzimmer war: zehn auf acht, also 80 qm.“ Der Junge besuchte das Philanthropin und dann das eigentlich nur für Mädchen reservierte Heinemannsche Institut im Westend.

Den Antisemitismus der Nazis bekam Peter Adler nach der sogenannten „Machtergreifung“ am eigenen Leibe zu spüren. Er berichtet:

„Ich hatte ein Abonnement in einer Bibliothek, in der ich regelmäßig jede Woche einige Bücher auslieh. Eine Bibliothekarin beriet mich dabei immer sehr freundlich und hilfreich. Dann wurde aber, ich weiß nicht mehr genau ob es 36 oder 37 war, ein Gesetz herausgebracht, nach dem Juden nicht mehr das Recht hatten, städtische Büchereien  zu benutzen und dort Bücher auszuleihen. Ich bin also nach Hause gegangen, holte die ausgeliehenen Bücher, die ich dort noch hatte, und gab sie  zurück. Beim Verlassen der Bibliothek fragte mich der am Ausgang sitzende Sekretär;

„Kommst du nächste Woche wieder, um Bücher zu holen?“

Ich antwortete: „Nein, ich komme nicht mehr“.

„Und warum nicht?“

„Weil ich das nicht mehr darf“.

„Ja, ganz richtig, weil du nämlich ein dreckiger Jude bist!“.                                                            Und das brüllte er durch die ganze Bücherei- für einen kleinen Jungen, der damals 8 oder 9 Jahre alt war, ziemlich eindrucksvoll.“

Über die sogenannte Kristallnacht und die Verhaftung seines Vaters berichtet Pierre Adler:

„Die Kristallnacht, die von Goebbels als „spontane Volkswut“ bezeichnet wurde, war für 18 Uhr angekündigt worden und sie begann dann auch pünktlich um 18 Uhr, ganz spontan also. Ich war an diesem Abend nicht draußen und habe nicht gesehen, was sich da abspielte. Erst am nächsten Vormittag. Aber ich muss sagen, dass meine Eindrücke da völlig überlagert wurden von einem Ereignis, das an diesem Vormittag des 10. November um 7 Uhr stattfand, der Verhaftung meines Vaters. Zwei Männer in Zivil kamen, haben meinen Vater verhaftet und abgeführt. Für mich war es völlig klar, dass ich keineswegs sicher sein konnte, ihn wiederzusehen. An diesem Tag hat der kleine Junge von 11 Jahren, der ich damals war, einen Sprung ins Erwachsenenalter gemacht. Als ich nach der Verhaftung meines Vaters auf der Straße war, habe ich zerbrochene Scheiben gesehen und eine in Brand gesetzte Synagoge, aus der es noch rauchte. Aber bezogen auf das persönliche Ereignis war  alles weniger bedeutsam für mich.

Als ich gegen 10 oder 11 Uhr nach Hause kam, erschienen zwei weitere Männer in Zivil, um unsere Wohnung zu inspizieren und nach Waffen und verbotenen Büchern zu suchen. Dabei kam es zu folgender Szene: Mein Großvater war auch gekommen, von meiner Mutter per Telefon gerufen. Sie hatte ihm ein verbotenes Buch eines –ich glaube- österreichischen Sozialisten gegeben mit dem  Titel „Der Hunger“, das das Leid der Arbeiterklasse beschrieb. Mein Großvater hatte dieses Buch in der Hand, als die beiden Männer in die  Wohnung kamen. Er behielt es ruhig in der Hand, wir haben vor Angst gezittert, die beiden Männer fanden nichts in unserer Bibliothek, merkwürdigerweise  auch keine Waffen. Sie haben dann die Wohnung wieder verlassen, ohne etwas zu zerschlagen, wie es in vielen anderen Wohnungen gemacht wurde.

Mein Vater war also in Buchenwald, ist aber nach 4 Wochen  wieder zurückgekommen dank der französischen  Visa, die wir erhalten hatten. Das hatten  wir meinem  Onkel zu verdanken, der schon 1933 nach Paris emigriert war. Er war aus seiner Universität geworfen worden und setzte sein Jura-Studium in Paris fort. Dort hatte er schon zahlreiche Kontakte zu seinen Professoren geknüpft und auch schon erfolgreich die notwendigen Prozeduren für unsere Visaerteilung in Gang gesetzt. Als mein Vater am Tag nach der Kristallnacht verhaftet wurde, schickte meine Mutter ihrem  Bruder ein Telegramm mit der dringenden Bitte die Visaerteilung zu beschleunigen. Und tatsächlich wurden die Visa auch innerhalb von vier Wochen ausgestellt. Das war der Grund für die Entlassung meines Vaters aus Buchenwald.“

 Die Familie machte sich damals übrigens einige Sorgen wegen der Entlassungsformalitäten. Dazu gehörte nämlich eine Verpflichtungserklärung, Deutschland innerhalb von vier Wochen zu verlassen. Und der Vater konnte ja nicht wissen, dass die französischen Visa schon auf dem  Weg waren. Würde der Vater also als „typisch deutscher Jude – „un juif typiquement allemand réglo- réglo à tout point de  vue“ eine Verpflichtung eingehen, deren Einhaltung er ja nach seinem  Wissensstand keinen Falls garantieren konnte?

Dazu Pierre Adler:

„Als mein Vater zu Hause ankam und wir ihm von unserer Sorge berichtete, sagte er: „Wisst Ihr, wenn man da rauskommt, wo ich rauskomme, unterschreibt man alles, egal was“.

Die Abschiedsrede des SS-Mannes von Buchenwald an die paar Männer, die an diesem Tag entlassen wurden, enthielt folgende Worte:

„Meine Herren, Sie  werden jetzt  entlassen und Sie werden emigrieren. Ich rate Ihnen, soweit weg wie möglich. Wir werden Sie immer aufspüren. Und ich rate Ihnen auch, nicht über das zu sprechen, was Sie hier gesehen  haben. Denn wenn wir das erfahren, werden wir Sie holen und Sie werden hierher zurückkommen. Aber dann werden Sie nicht mehr befreit, das wird dann lebenslänglich sein. Aber seien Sie sicher, das wird dann nicht für so lange sein.“

Als die Familie die französische Grenze erreicht hatte, war die Erleichterung groß, und auch der kleine Peter war sich der Veränderung bewusst: „Kann ich jetzt alles sagen?“, fragte er seinen Vater. In Deutschland, vor der Ausreise, hatte man bei sensiblen Gesprächen die Schnur des Telefons aus der Wand gezogen und die Steckdose mit einem Kissen abgedeckt…

Über die ersten  Jahre in Paris berichtet Pierre Adler:

„Der Anfang in Paris war für die Familie recht schwierig.“ Pro Person habe man nur 10 Mark mitnehmen dürfen, sonst nichts. „Obwohl die Großmutter mehrere Jahre in Belgien gelebt hatte, sprach sie kaum Französisch. „Die Großmutter war kein Sprach-genie. Sie hatte große Schwierigkeiten, sowohl mit der französischen Sprache als solcher, als auch mit der Aussprache. Man hat ihr die Ausländerin 10 Kilometer gegen den Wind ange-hört.  Zu Anfang sind wir bei einem Cousin meines Vaters untergekommen, bei dem wir eine Zeitlang gewohnt haben. Mein Vater hat mit diesem Cousin zusammen ein bisschen gearbei-tet. Dieser Cousin machte Schmuckstücke und handgemachte Knöpfe für die haute couture. Nach der Zeit bei dem Cousin haben wir gegenüber in einem winzig kleinen Hotel gewohnt, bis wir dann schließlich 1939 eine Wohnung gefunden haben im 20. Arrondissement, einem Viertel, in dem die Mieten nicht so hoch waren. Denn an Geld war nicht viel vorhanden. Aber über die finanziellen Verhältnisse aus dieser Zeit weiß ich eigentlich nichts. Da hab ich keine Ahnung. Ich weiß, dass mein Vater versucht hat, Arbeit zu finden. Er ist zu verschiedensten Pariser Grossisten für Kleiderstoffe, für Frauenkleider, gegangen und hat denen gesagt: ‚Ich bring euch eine Kundschaft aus dem Balkan, aus der Türkei, aus Griechenland, aus Italien, aus der Schweiz. Das sind alles Leute, die sehr gerne wieder mit mir arbeiten. Gebt mir eine Kollektion. Ich reise für euch‘. Und er erhielt als Antwort: ‚Ach, das ist nicht nötig. Die Firmen schicken alle ihre Repräsentanten hierher nach Paris. Die kommen zu uns. Wir brauchen niemanden, der zu denen reist‘.  Er kam mit seinem Beruf nirgends an. Nirgends. Also hat er zum Teil bei seinem Cousin gearbeitet“.

Die Verhältnisse änderten sich 1939 mit Ausbruch des Krieges. „Und dann kam die Kriegszeit. Das heißt, mein Vater wurde innerhalb kürzester Zeit interniert. Er war ja ein ‚feindlicher Aus-länder‘.  Vorläufig wurde nur der Vater interniert. Später auch die Mutter. Sie kam dann nach Gurs. Und er in die verschiedensten Lager.“

Pierre Adler wurde wegen der Furcht vor Bombardements  mit einer Gruppe der jüdischen Pfadfinder Frankreichs aus Paris  evakuiert. Und schließlich fand sich die ganze  Familie, Großmutter, Mutter, Vater und er, sich im sogenannten freien, vom Collaborations-Regime Vichys regierten Frankreich zusammen.

In  Sicherheit fühlte sich die Familie dort aber keineswegs:

„Es war uns klar, dass irgendwann Frankreich ganz besetzt würde. Und dass dann wahrscheinlich Deportationen losgehen, war auch klar. … Der Glaube, dass wir Juden in den Osten umgesiedelt werden  und dass es da Arbeit für uns gibt und es uns besser geht, dieser Glaube war anfangs da. Aber es wurde sehr schnell bekannt, dass da Dinge vorgehen, die mit Arbeit nichts zu tun haben. Ich bin monatelang mit einer Rasierklinge in der Tasche herumgelaufen. Mit 14 oder 15 Jahren. Ich hab mir gesagt: ‚Lebendig kriegen sie mich nicht‘.“

Die Deportationen begannen sogar schon vor der Besetzung Südfrankreichs durch die Wehrmacht:  „Im August 1942 warnte ein Angestellter der Präfektur von Limoges meine  Eltern, sie müssten so schnell wie möglich den Ort verlassen, weil sie ganz obenan  auf einer Liste der zur Deportation bestimmten Personen stünden. Das war im August 1942, in der sogenannten freien  Zone!

Wir haben einen Freund alarmiert,  der in der Résistance organisiert war, und sind so schließlich in die Schweiz gekommen. Meine Erfahrungen in der Schweiz waren äußerst menschlich. Zum Beispiel schon gleich bei unserer Ankunft: Mein Vater, meine Großmutter,  meine Mutter und ich kamen mit Hilfe von Fischern über den Genfer See in die Schweiz. Die Fischer forderten uns auf, sich an dem Felsen, an dem wir angekommen waren, so lange ruhig zu verhalten, bis sie außer Sichtweite  seien. Denn wenn wir vorher entdeckt würden, müssten wir damit rechnen, wieder nach Frankreich zurückgebracht zu werden. Wir sind also ruhig in einer kleinen Bucht geblieben, bis wir die Fischer nicht mehr sahen und haben uns dann an den Aufstieg zur darüber liegenden Straße gemacht. Als wir einige Zeit die Straße zum nächsten Ort entlanggegangen waren, tauchte ein Fahrradfahrer in Uniform  hinter uns auf. Es war ein Polizist, er hielt an und  stieg von seinem Fahrrad. „Messieurs- dames, wo kommen Sie her?“ Mein Vater sagte ihm die Wahrheit. Wir haben  ihn also in seine Polizeidienststelle begleitet. Dort sagte er uns: „Warten Sie bitte einen Moment auf mich, ich werde Sie zum Polizeikommissariat des Kantons begleiten.“ Es handelte sich um den Kanton Vaux und das Kommissariat befand ich in Lausanne. 10 Minuten später kam er wieder, er hatte  sich Zivilkleidung angezogen, um deutlich zu machen, dass  wir keine Häftlinge sind. Das ist eine menschliche Geste, die ich nie  vergessen  werde. Wir wurden schließlich im Kommissariat von Lausanne empfangen, wo wir befragt und schließlich zu einem Haus der Heilsarmee gebracht wurden…. Wir  waren mehrere Wochen bei der Heilsarmee. Zuerst in Lausanne selbst. Und dann später in einem Ferienheim der Heilsarmee, oberhalb von Montreux. Da haben wir mehrere Wochen verbracht. Das war herrlich, absolut herrlich. Stellen Sie sich mal vor, für mich als Jungen! Ich war noch nicht 15 Jahre alt. …Mit furchtbaren Lebensmittelbedingungen in Frankreich. Schokolade, das gab es überhaupt nicht! Und als erstes, als wir zur Heilsarmee in Lausanne kamen, gab es ein petit déjeuner, mit frischen Brötchen, Butter, Konfiture, Honig, mit Kaffee, Kakao. Es war unglaublich. So was gab‘s doch nicht mehr!“

Insgesamt waren Pierre Adlers Erfahrungen in der Schweiz sehr positiv:

„Wir hatten sehr viel Glück. Denn die Schweiz ist ja auch teilweise sehr rabiat mit Flüchtlingen umgegangen, hat sie zurückgeschickt oder gar direkt an die Deutschen ausgeliefert. Uns ist nichts passiert. Wir haben Glück gehabt.“ – der menschliche Kommissär, die Heilsarmee,  dann eine Bauernfamilie im Berner Oberland, die ihn aus Menschlichkeit aufnimmt, nicht um seine Arbeitskraft auszunutzen und die dafür sorgt,  dass  er die Schule besuchen kann,  dann der Englischlehrer, der seine Begabung sieht und dafür sorgt, dass er das Gymnasium in Bern besuchen kann und eine Gastfamilie für ihn findet, dann diese Familie eines protestantischen Pfarrers, die den  kleinen Pierre gewissermaßen  als ihr siebtes Kind aufnimmt…[3]

Im September 1945 kehrt Pierre Adler nach Frankreich zurück – verbunden mit einem erneuten schwierigen Schulwechsel.  „Nachdem ich in der Schweiz die Sekunda besucht hatte, wurde ich in Frankreich gnadenvoll in einem Gymnasium in die Terzia aufgenommen. Der Direktor begründete diese Rückstufung:  ‚Schweizer Schulen sind nicht gut‘. Nationalismus gibt es überall. Selbst bei Schuldirektoren.“ Aber dann hat es Pierre Adler dem verbohrten Proviseur doch gezeigt…   Insgesamt war es der 12. – und letzte- Schulwechsel: „Ich habe meine 12 Schuljahre in 13 verschiedenen Schulen, in 3 verschiedenen Ländern und in 3 verschiedenen Sprachen gemacht.“

Und dann kann er auch endlich Medizin studieren! Den Berufswunsch, Mediziner zu werden, hat der kleine Peter Adler sehr früh gefasst. „Im Alter von 4 Jahren. Da hab ich meinen Teddybär seziert. Und hab ihm seinen Brummer  herausgeholt und meiner Mutter gezeigt und gesagt: ‚Das war seine Gallenblase‘. Zur gleichen Zeit ist nämlich meiner Großmutter, die an fürchterlichen Gallenkoliken litt, die Gallenblase entfernt worden. Das hat mich sehr beeindruckt. Denn nach der Operation hatte sie keine Koliken mehr. Und da hab ich meinen  Bär operiert. Meine Mutter kam gerade dazu, als ich ihn zugenäht habe. Also, mit 4 Jahren hab ich das beschlossen. Und dann war und blieb der Wunsch konstant. Kein Lokomotivführer, kein Baggerfahrer, kein Trambahn- oder Autobusfahrer zwischendurch. Nichts. Arzt.“

Auf den Arzt Dr. Pierre Adler warten bald neue Herausforderungen: Er wird 1958 Gutachter in sogenannten „Wiedergutmachungs“-Verfahren, in denen es darum ging, jüdischen Verfolgten des Nazi-Regimes wenigstens eine kleine finanzielle Entschädigung für die ihnen zugefügten  Leiden und auch materiellen Verluste zukommen zu lassen –  Das Wort „Wiedergutmachung“ ist dafür ein peinlicher Euphemismus- passend zum Geist der 1950-er Jahre. Dr. Adler führte mit den  Betroffenen ausführliche Gespräche, die protokolliert wurden, und schrieb dann entsprechende Gutachten. Dabei wurde er von deutschen Sekretärinnen unterstützt, die zu diesem Zweck nach Paris kamen. Sie waren von den Aussagen der Betroffenen sehr erschüttert – umso mehr, als sie dabei oft zum ersten  Mal mit den Verbrechen der Nazis konfrontiert waren- auch das übrigens typisch für die 1950-er und beginnenden 1960-er Jahre.

Jetzt ist Dr. Adler mit der Herausforderung des Alters konfrontiert, aber auch die meistert er mit Bravour:  Mit 88 Jahren praktiziert er immer noch als Arzt!  Was für ein Leben!

Nach dem Ende des Interviews und bevor wir uns verabschiedeten, baten  wir Herrn Dr. Adler und seine Frau, uns doch ein kleines Wort in das Buch zu schreiben, das sie uns mitgebracht hatten: Sur les épaules de Darwin  von Jean Claude Ameisen.

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In diesem Buch geht es, so der Waschzettel, um eine Reise. „Eine Reise selbst zu treffen. Entdecken Sie, wie wir die Welt träumen und zu entschlüsseln. Auf der Suche nach unserem Gedächtnis, das Beharren auf uns von dem, was weg ist. „   Mir Scheint, Dass das auch für diesem“ emotionalen Abend „mit Herrn und Frau Adler passt.

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  1. Von Paris nach Frankfurt mit dem Besuchsprogramm der Stadt und zur Verlegung der Stolpersteine

Die Niederschrift des Interviews übermittelte Doris Stein an das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Gleichzeitig leitete sie die Aufnahme von Dr. Adler und seiner Frau in das Besuchsprogramm ein, das die Stadt Frankfurt jährlich für „jüdische sowie politisch oder religiös verfolgte ehemalige Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern“ veranstaltet. Meine Kollegin hatte sich schon seit langem in diesem Programm engagiert und wir beide hatten früher auch schön öfters Teilnehmer/innen des Besuchsprogramms zum Gespräch mit Schüler/innen in unser Frankfurter Gymnasium eingeladen. Inzwischen hat sich der Adressatenkreis des Besuchsprogramms offenbar ausgeweitet bzw. auf die nachfolgenden Generationen verlagert: Das Anmeldungsformular bezieht sich jetzt ausschließlich auf Kinder und Enkel….  Umso schöner, dass  mit Dr. Adler und seiner Frau jetzt noch einmal ehemalige Frankfurter der ersten  Generation eingeladen sind und beide auch nach Frankfurt kommen wollten und konnten – schließlich auch noch in Begleitung der beiden Töchter.

Herr Dr. Adler hatte in dem Interview, das wir in Paris mit ihm führten,  auch auf Verwandte hingewiesen, die in Deutschland zurückgeblieben waren:  „Der Vater meines Vaters war noch in Deutschland. Er ist 1942 an einem Herzinfarkt gestorben. In seinem Bett. Und das war gut. Dann waren  da noch meine Urgroßmutter und ihr ältester Sohn. Die Urgroßmutter hatte 10 Kinder, davon sind mehrere schon im Kindesalter gestorben. Ihr ältester Sohn war Anwalt. Der hatte mit 3 Jahren Kinderlähmung, konnte sich also nur im Rollstuhl fortbewegen. Das hat ihn nicht daran gehindert, Anwalt zu werden. Die haben zum Schluss nicht mehr in Hanau, sondern in Frankfurt gewohnt.“

Damit bezieht er sich also auf Recha  und Dr. Leo Koref. Es war wieder Doris Stein, die die Installierung von Stolpersteinen für beide anregte, die die Verbindung zur Stolperstein-Initiative herstellte und uns vorschlug, zusammen mit ihr die Patenschaft für die beiden Stolpersteine zu übernehmen. Eine wunderbare Idee!

Am 20. Mai wurden vor dem Haus in der Frankfurter Westendstraße 98 die beiden Stolpersteine für Recha und Dr. Leo Koref installiert, zwei von insgesamt 80, die in diesen Tagen in Frankfurt verlegt wurden. Die meisten  erinnern an jüdische Opfer, vier Stolpersteine wurden für Zwangsarbeiter, sechs für Zeugen Jehovas und zwei für Personen des Widerstandes verlegt. Insgesamt gibt es schon über 1000 solcher Steine in Frankfurt, die man auch Erinnerungssteine nennen könnte – ein Zeichen dafür, wie bedeutend die jüdische Gemeinde in Frankfurt einmal wie und wie groß das Engagement der Initiative Stolpersteine in Frankfurt ist.[4]

IMG_6739Doris Stein, Benno Jöckel, Dr. Adler und der Rabbi der Westend-Synagoge, der abschließend ein Gebet für Recha und Dr. Leo Koref sprach und sang

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Sehr schön, dass auch Corinne Adler, eine Tochter der Adlers, an der sehr bewegenden Zeremonie teilnehmen konnte. Einige Personen, die auch dabei waren, sind auf dem abschließenden Foto nicht abgebildet: Unter anderem ein 12-jähriger Junge aus dem Haus: Die Bewohner werden bei solchen Verlegungen vorher informiert und dazu eingeladen. Dass gerade eine Junge kam, der etwa so alt war wie Peter Adler, als er Deutschland verlassen musste, war sehr bewegend.

IMG_6748Und zum Schluss das Gruppenfoto: Von links nach rechts: Ellen Holz von der Stolperstein-Initiative, Doris Stein, Herr Dr. Adler, Dr. Wolf Jöckel, Corinne Adler,  Frau Adler und Frauke Jöckel

  1. Das Schicksal von Dr. Leo und Recha Koref

Wer waren nun Recha und Dr. Leo Koref, für die die Stolpersteine in der Westendstraße verlegt wurden?[5]

Leo Koref wurde am 30. Januar 1876 in Rawitsch in der damaligen preußischen Provinz Posen als Sohn des Rabbiners Dr. Markus Koref und seiner Frau Recha  geboren. Mit 4 Jahren erkrankte er an Kinderlähmung, die eine bleibende Beinlähmung und Gehbehinderung zur Folge hatte. 1884 zog die Familie nach Hanau um, wo Leos Vater das Rabbinat übernahm. Leo besuchte die Hohe Landesschule, die er 1894 mit dem Reifezeugnis verließ.

Hinter dieser sachlichen Aufzählung der ersten Stationen seines Lebens verbirgt sich allerdings eine unglaubliche und wohl ziemlich einzigartige Energieleistung. Aus den Erinnerungen des tschechischen Arztes Dr. Edmund Hadra,  der Dr. Koref im Konzentrationslager Theresienstadt traf, erfahren wir Einzelheiten: Der junge Leo sei wegen seiner Kinderlähmung nicht nur im Wachstum zurückgeblieben, sondern zunächst auch nicht in der Lage gewesen, die Schule zu besuchen. Sein Vater habe ihn zu Hause unterrichtet – aufgrund der Begabung des Jungen auch in allen humanistischen Disziplinen. So habe er schließlich –auf einem Rollstuhl gefahren und dann getragen- das humanistische Gymnasium absolvieren können, sogar als einer der besten Schüler. „Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, sogar als primus omnium.“  Während des anschließenden Studiums der Rechtswissenschaften  habe der Vater, der sich in beträchtlichen finanziellen Schwierigkeiten befand, seinen Sohn nicht unterstützen  können. Er habe ihm am Beginn des Studiums 200 Mark gegeben mit der Aufforderung: „Sieh zu, wie weit du damit reichst; du weißt ja, ich habe nicht viel. Aber wenn du etwas brauchst, so schreibe eben.“ Leo habe von diesem Angebot aber nie Gebrauch gemacht, im Gegenteil: Nach dem ersten Semester habe er dem Vater die 200 Mark zurückgegeben: Durch Nachhilfestunden verdiene er das für das Studium erforderliche Geld…

Nach dem „mit Glanz“ abgeschlossenen Studium und der Promotion wurde Dr. Koref 1903 als Rechtsanwalt beim Landgericht Hanau zugelassen und 1920  zum Notar ernannt.

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Dr. Koref an seinem 50. Geburtstag  © Hanauer Geschichtsverein[6]

Der ehemalige Hanauer Kulturstadtrat Oskar Schenck würdigte Dr. Koref als einen ausgesprochen angesehenen Juristen, der sich „durch seine Aufgeschlossenheit, sein  faires Verhalten sowie seine Menschenfreundlichkeit eine ansehnliche Praxis geschaffen“ habe. „Seine Klienten waren  gut bei ihm aufgehoben. Er widmete  sich ihnen auch dann mit aller Kraft, wenn sie nicht in der Lage waren, die ihm zustehenden Anwaltsgebühren zu zahlen…. Bei den Hanauer Richtern erfreute er sich wegen seiner ausgezeichneten Schriftsätze und seines taktvollen honorigen Verhaltens in Prozessen großer Achtung und Wertschätzung.“

Dr. Hadra berichtet auch von den Reisen, die Dr. Koref trotz seiner massiven Behinderung unternommen hatte: In die Schweiz, nach Italien, ja selbst in die USA! „Es  war der Triumph des Geistes, des Willens, dem gegenüber es keinerlei Schwierigkeiten gibt“ – eine Einschätzung, die sicherlich auch für Dr. Adler gelten kann.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann auch die Entrechtung und Verfolgung der Familie Koref: Am 7.  Juni 1933 wurde Dr. Koref aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus seinem Amt als Notar entlassen, am 30. November 1938 wurde ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. In seiner Privatwohnung in der Corniceliusstraße 12 war er vom 1. November 1938 bis 31. März 1939 als Rechtskonsulent von Juden für die Landgerichtsbezirke Hanau und Marburg tätig. Am 13. November 1938 drangen mehrere maskierte Nationalsozialisten in den Abendstunden in die in der ersten Etage gelegene Wohnung ein. Sie bedrohten die Mutter mit einer Pistole und hielten  sie im Schlafzimmer fest.  Dr. Leo Koref traktierten sie mit Faustschlägen, zerschlugen eine Flasche auf seinem Kopf, zerbrachen seine Krücken, zerstörten und plünderten die Einrichtung, stahlen Schmuck, mehrere Tausend Reichsmark und eine Schreibmaschine, zerschnitten Teppiche und Polstermöbel. Trotz sofortiger Anzeige wurden die Täter nie ermittelt.

Dr. Koref wurde in das Jüdische Krankenhaus Frankfurt gebracht. Das Haus musste verkauft werden, die Mutter wurde zunächst in einem jüdischen Altersheim in der Gagernstraße in Frankfurt untergebracht. Am 1. April 1939 siedelte Dr. Leo Koref nach Frankfurt am Main in die Westendstraße 98 über. Dies war auch der letzte gemeinsame Wohnort von Dr. Leo Koref und seiner Mutter.  In Frankfurt wurde Dr.  Leo Koref zum  Abschluss  sogenannter „Heimeinkaufverträge“ gezwungen. Mit solchen Verträgen glaubten die Unterzeichneten, ihren Lebensabend in einem Altersheim zu finanzieren. Für die Eltern musste Dr. Leo Koref einen „Heimeinkauf“ in Höhe von 3.200 Reichsmark, entrichten, für sich selbst 22.831 Reichsmark! „Heimeinkauf“ entrichten. Am 18. August 1942 wurde Dr. Leo Koref im Alter von 66 Jahren bei der siebten großen Deportation aus Frankfurt zusammen mit seiner 88-jährigen Mutter in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie getrennt wurden. „Er kam  gleich in die Krankenstube und die Mutter in ein Privatquartier. Ehe es ihm noch glücken konnte, die alte Frau aufzufinden, war sie schon den Strapazen der ersten  Tage in Theresienstadt erlegen. Vermutlich hatte sie es auch nicht ertragen können, auf dem nackten Fußboden, und ohne eine Decke zum Zudecken zu besitzen, die Nächte zu verbringen“.

Dabei weist Dr. Adler ausdrücklich darauf hin, dass seine Urgroßmutter, solange sie noch im Altersheim in der Gagernstraße wohnte und ihren Sohn in der Westendstraße besuchen wollte, die Distanz von genau 5 Kilometern  zu Fuß zurücklegte – zurücklegen musste, weil Juden öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen durften. Und dann musste sie auch noch die Treppen bis in den vierten Stock hinaufsteigen in die Wohnung ihres Sohnes: Da muss sie also trotz  ihrer 88 Jahre  noch ausgesprochen vital gewesen sein, als sie  nach Theresienstadt verschleppt wurde. Zwei Monate nach der Ankunft in Theresienstadt starb dann auch Dr. Leo Koref.[7]

  1. Gemeinsamer Besuch in Hanau

Während der Besuchswoche der Familie Adler durfte natürlich auch ein Besuch in Hanau nicht fehlen: Immerhin hatten dort Recha und Dr. Leo Koref bis zu ihrem Umzug nach Frankfurt gewohnt und auch Ruth Adler stammt aus Hanau – aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der in Hanau das repräsentative Kaufhaus Berlizheimer  gehörte. Solche privaten Unternehmungen sind in dem allgemeinen Besuchsprogramm  natürlich nicht enthalten, sondern  müssen besonders organisiert  werden. Und da kam uns nun ein ganz besonderer Glücksfall zu Hilfe. Ich bin ja im Rahmen von „Parisien d’un jour“ – dem  Pariser Ableger der sogenannten „Greeters“, ehrenamtlicher Stadtführer in Paris. Und dabei hatte ich vor einiger Zeit ein deutsches Paar durch den  Faubourg St. Antoine geführt. Bei der Verabschiedung gab sich die Dame als Kollegin zu erkennen, nämlich auch als ehrenamtliche Stadtführerin, und zwar –ausgerechnet: in Hanau! Und sie lud mich ein, bei Gelegenheit doch einmal zu einer Stadtführung nach Hanau zu kommen. Als nun der Besuch der Familie  Adler in Frankfurt geplant wurde, erinnerte ich mich an diese Einladung, und Frau Schwabe und Herrn Kievel organisierten für die Adlers –inzwischen war auch die zweite  Tochter Marion aus Paris  angereist-  einen ganz intensiven Stadtausflug.

Engagiert hatten sie dafür auch noch den  Leiter des Fachbereichs Kultur, Herrn Martin Hoppe, und Herrn Dr. Eckhard Meise, den ausgewiesenen  Kenner des jüdischen Friedhofs[8], den  wir zunächst besuchten.

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Der jüdische Friedhof hat seine Ursprünge zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Er ist außerordentlich malerisch mit einer Fülle alter Grabsteine mit plastischen Hauszeichen.

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Nazi-Vandalen haben ihm zwar schwer zugesetzt, aber  ihn nicht in seiner Substanz zerstört.

An den Grabsteinen lässt sich auch die Assimilation der Hanauer Juden erkennen: Zunächst waren die Grabinschriften rein hebräisch gehalten, dann auf der Rückseite zusätzlich auch deutsch oder auf der Vorderseite hebräisch und deutsch, und schließlich nur noch auf Deutsch. Wie sehr sich die Juden integriert hatten, zeigen Gräber wie die von Frau Röschen, die als „Ehegattin des Justizraths Julius Hamburger“ präsentiert wird oder  das Grab der Familie Berberich: Für ihren kurz nach Kriegsausbruch 1914 gefallenen und  „in fremder Erde“ ruhenden Sohn Isidor lassen seine  Eltern eine Inschrift  anbringen, die mit den Worten beginnt: „Er starb den Heldentod…“. Wären Deutschland nationalsozialistische Herrschaft und Antisemitismus erspart geblieben, hätte eine Grabplatte Dr. Korefs auf dem Hanauer Friedhof sicherlich darauf hingewiesen, dass hier ein erfolgreicher und anerkannter Rechtsanwalt und Notar begraben ist- immerhin eine der angesehensten Positionen, die die bürgerliche Gesellschaft zu vergeben hat.

IMG_4950Corinne und Marion Adler, Frau und Herr Dr. Adler, Herr Dr. Meise                                            In der zweite Reihe unsere Hanauer Führer: Herr Kievel und halb verdeckt: Frau Schwabe

Besonders interessierten sich die Adlers natürlich für das Grabmal des Mordechai/Markus Koref, des Mannes von Recha Koref und Vaters von Dr.  Leo Koref.  Markus Koref war, erkennbar an den segnenden Priesterhänden auf dem Grabmal, Rabbiner zunächst in der damaligen preußischen Provinz Posen, dann in Hanau. 1833 als Sohn eines Rabbiners in Prag geboren, starb er im Februar 1900 in Hanau. Das Grabmal fällt auf durch seine exponierte Größe und Lage und unterstreicht damit die besondere Stellung der Korefs in Hanau.[9]

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Und mit Hilfe der dicken Monographie über den jüdischen Friedhof und von Herrn Hoppe fanden wir schließlich auch ein Grab der Familie Berlizheimer.

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Natürlich besuchten wir auch das Haus der Korefs in der Corniceliusstraße, das die Bombardierung Hanaus in den letzten Kriegstagen unbeschädigt überstanden hat.

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Frau Adler erzählte uns dabei auch, wie die alte Dame auf dem Balkon ihrer Wohnung im ersten Stock gestanden und die in der Nähe vorbeifahrende Straßenbahn abgepasst habe. Habe die sich genähert, habe Frau Koref mit einer Trillerpfeife signalisiert, dass sie in die Stadt fahren wolle und die Straßenbahn habe so lange gewartet, bis sie eingestiegen  sei.

IMG_6716                                               Portrait Recha Koref (Foto aus Familienbesitz)

Ein weiteres Ziel auf unserem  Stadtrundgang waren die Reste der früheren  Ghettomauer, die 1806,  in der „Franzosenzeit“, mit der Einführung des Code Civil geöffnet wurde.

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An der Mauer sind Erinnerungstafeln für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus angebracht, also auch für Recha und Dr. Leo Koref.[10]

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Und schließlich natürlich auch noch die Ecke Neustädter Markt/Hammerstraße, an der früher das Kaufhaus Berlizheimer stand, das der Familie von Frau Adler gehörte. In den letzten Kriegstagen wurde das repräsentative Gebäude aus dem 17. Jahrhundert völlig zerstört, der nichtssagende Neubau der Nachkriegszeit steht derzeit leer.

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Das Kaufhaus Berlizheimer am Marktplatz um 1900 (Foto aus Familienbesitz)

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Bericht aus der Hanau-Post vom 27.5.:  Auf den Spuren der Ahnen. . .
Besuch von Familie Adler aus Paris in Hanau

Mitglieder der Familien Adler und Koref aus Paris besuchten dieser Tage Hanau, um die Spur ihrer Ahnen aufzunehmen. Die Nachfahren von Rabbiner Markus Koref,   Rechtsanwalt Leo Koref und Familie Berlitzheimer, die bis zur Verfolgung im sogenannten Dritten Reich angesehene jüdische Bürger Hanaus waren und im Holocaust ermordet wurden, leben heute in Paris. In Hanau wurden sie von Dr. Eckhard Meise und Claudia Schwabe vom Hanauer Geschichtsverein zum Jüdischen Friedhof am Mühltorweg begleitet. Dort besuchten sie die Gräber ihrer Familien. Auch ein Besuch der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer am Freiheitsplatz stand auf dem Programm.

Martin Hoppe, Fachbereichsleiter Kultur, erläuterte den Gästen das Denkmal für den jüdischen Künstler Moritz Daniel Oppenheim. „Moritz und das tanzende Bild“ fand besonderes Gefallen bei Ruth Adler, geborene Berlitzheimer, die selbst als Bildhauerin tätig ist. Eine Visite im Museum Großauheim mit den Tierplastiken von August Gaul war demnach ein besonderer Wunsch, der leicht erfüllt werden konnte. Ihr Mann Dr. med. Peter Adler, Neffe von Korefs, praktiziert mit beinahe 90 Jahren noch heute. Die Töchter Corinne und Marion sind als Hebamme und Ärztin ebenfalls in Paris tätig.

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Familie Adler am Oppenheim-Denkmal während der Stadtführung mit Claudia Schwabe und Martin Hoppe.
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Zum Abschluss dieses ereignisreichen Hanau-Tages besuchten wir dann auf Wunsch von Frau Adler die dem aus Großauheim stammenden Bildhauer August Gaul gewidmete Abteilung des Museums Hanau- Großauheim. Gaul war, wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr,  ein Tierbildhauer „im Übergang vom Historismus zur Moderne“. Mit Max Liebermann und Käthe Kollwitz war er auch Gründungsmitglied der Berliner Secession, die sich „gegen den vorherrschenden akademischen Kunstbetrieb“ wandte (Wikipedia). Mit seinen Tierplastiken wurde er so bekannt, dass er eine davon sogar auf der Pariser Weltausstellung von 1900 zeigen konnte.

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Frau Adler, die als Bildhauerin auch Tierplastiken herstellt, war jedenfalls eine sehr aufmerksame und begeisterte Betrachterin der ausgestellten  Werke Gauls. Und wir Anderen waren froh, ihn auf diese Weise kennenzulernen.

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Ruth Adler: Taureau (2007/2008) acier soudé

zu Frau Adler: http://www.commanderiedelavilledieu.agglo-sqy.fr/les-artistes/residant/ruth-adler/

 

Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt

Das Programm der Stadt Frankfurt für die Besuchswoche war außerordentlich vollgepackt – Stadtrundfahrt, Empfang der Stadt im Palmengarten, Vorstellung des Projekts „Jüdisches Leben in Frankfurt“, Besuch des Museums Judengasse , der Ausstellung im Ostend-Bunker, des alten jüdischen Friedhofs, der Westend-Synagoge, des Anne Frank- Zentrums, des Philanthropin….. abschließender Empfang mit Abendessen im Kaisersaal des Römers…

Umso schöner, dass Herr Dr. Adler und seine Frau trotzdem noch bereit waren zu einem Gespräch mit Schüler/innen und Schülern der Carl-Schurz-Schule in Frankfurt, der früheren Schule von Doris Stein und mir. Aber dass Dr. Adler bereit ist, seine Erfahrungen und Erlebnisse auch an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, zeigt der Bericht von drei Schweizer Schülerinnen über ein Gespräch, das sie mit Pierre Adler führten. Unter dem  Titel „Am Kopf der Deportationsliste“  wurde er am 15. März 1999 auf der Seite „Jugend schreibt“ von der FAZ veröffentlicht.

An dem Gespräch nahmen etwa 30 Schülerinnen und Schüler von zwei Ethik-Kursen der Jahrgangsstufen 9 und 11 mit ihrer Lehrerin, Frau Catherine Janssen, teil. Die Gruppe hatte sich sehr intensiv auf das Gespräch vorbereitet. Die Schülerinnen und Schüler wussten schon einiges vom Lebensweg Dr. Adlers und konnten deshalb sehr gezielt Fragen stellen, so dass man viele interessante biographischen Details erfuhr. Die Schülerinnen waren außerordentlich konzentriert und interessiert und Dr. Adler beantwortete alle Fragen sehr offen, auch wenn es dabei um persönliche Einstellungen und Gefühle ging.

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Eine kleine Auswahl:

  • 1945 nach Kriegsende habe er die Schweiz verlassen müssen. Er sei nach Frankreich zurückgekehrt, vor allem, weil er in Deutschland keine Angehörigen mehr hatte. Allerdings habe er das Glück gehabt, dass keine nahen Verwandten von den Nazis umgebracht worden seien. Frankreich sei aber, aufgrund des Antisemitismus der Vichy-Regierung des Marschalls Pétain, kein idealer Ort für eine Emigration gewesen.
  • Er sei nach dem Krieg in seiner Funktion als Lufthansa-Arzt öfters in Deutschland gewesen. Außerdem habe er mit seiner Frau mehrfach Installationen des mit ihnen befreundeten israelischen Künstlers Dany Karavan in Deutschland besucht, z.B. in Berlin das Mahnmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma oder die Straße der Menschenrechte in Nürnberg. Es sei ihm jedenfalls wichtig gewesen, die Verbindung nach Deutschland lebendig zu halten.
  • Er habe sich schon im Krieg Gedanken über die Zukunft Deutschlands gemacht und dazu in der Schweiz eine Veranstaltung für eine zionistische Jugendgruppe organisiert. Er sei immer überzeugt gewesen, dass man nicht die ganze deutsche Bevölkerung verurteilen könne und schon gar nicht die nachfolgenden Generationen. Da gebe es keine Schuld.
  • Deutschland habe sich vorbildlich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und Schlüsse daraus gezogen- im Gegensatz zu Österreich, das diese Auseinandersetzung umgehe, indem es sich fälschlicherweise als Opfer des Nationalsozialismus verstehe.

Deutschland ist seiner Auffassung nach sogar „die solideste Demokratie in Europa“.

  • Er fühle sich „eigentlich nirgendwo zu Hause“, obwohl er ja seit langem Franzose sei. „Irgendwo gehöre ich doch nicht ganz dazu“. Es gebe „eine kleine Differenz“, eine „Entwurzelung, die nicht wiedergutzumachen ist“.

Die Frage, wo sich Dr. Adler denn nun zu Hause fühle, hatte für die Schülerinnen und Schüler wohl eine ganz besondere Bedeutung. Denn die meisten  von ihnen haben, wie eine Vorstellungsrunde am Schluss deutlich machte, ihre Wurzeln nicht in Deutschland: Sie selbst, ein Elternteil oder auch beide Eltern stammen aus vielen verschiedenen Ländern: Albanien, Frankreich, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Marokko, Montenegro, Nepal, Russland, Ungarn, Ukraine, Türkei…. Auch einige jüdische  Schüler waren dabei. Sicherlich wird es vielfältige Gründe geben, warum die Eltern ihre Heimat verlassen haben: In vielen Fällen wird es kaum ganz freiwillig gewesen sein und die Frage, wie sehr sie sich in der neuen  Heimat zu Hause fühlen, wird sich auch für viele dieser Schülerinnen und Schüler stellen.

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Insofern war das  ein die Generationen verbindender Abschluss dieser Stolperstein-Woche, wie er besser nicht hätte sein können.

Nachtrag November 2017

Am 9. November 2017, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wurde im Justizzentrum Hanau von der Präsidentin des Landgerichts, Susanne Wetzel, und dem Oberbürgermeister der Stadt, Claus Kaminsky, eine Plakette feierlich enthüllt „in Erinnerung an die während der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 verfolgten, entrechteten, vertriebenen, ermordeten jüdischen Juristen in Hanau“. (11)

Aufgeführt sind insgesamt 11 jüdische Juristen, die meisten von ihnen geboren in Hanau bzw. der näheren Umgegung der Stadt, alles angesehen Persönlichkeiten. Einer von ihnen, Dr. Felix Lesser, wurde nach dem Krieg erster Präsident des Hessischen Staatsgerichtshofes. Die Daten und die Orte, wann und wo sie verstorben, umgebracht oder umgekommen sind, lassen ein wenig die Schicksale dieser Menschen und ihrer Familien erahnen: Frankfurt, Wiesbaden, London, New York, Guatemala, Tel Aviv, Ghetto Lodz, Ghetto Theresienstadt, Vernichtungslager Auschwitz.

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Zweiter von links der Hanauer Oberbürgermeister, in der Mitte  zwei aus London angereiste Enkelinnen des Rechtsanwalts Dr. Ernst Julius Nelkenstock. Er konnte nach England emigrieren, dort aber nicht weiter als Jurist arbeiten, so dass er seine Familie als Metzger ernährte. Rechts das Ehepaar Dr.  Adler mit Tochter Marion. 

Einer der auf der Tafel verzeichneten  Juristen ist Dr. Leo Koref, für den 2016 ein Stolperstein in der Frankfurter Westendstraße gesetzt wurde.

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Deshalb waren auch Herr Dr. Adler und seine Frau aus Paris eingeladen worden, an der feierlichen Enthüllung der Tafel und außerdem einer – unter anderem von Schülern gestalteten- abendlichen Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht teilzunehmen.

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In einem Presse-Bericht des Hanauer Anzeigers vom 10.11.2017 wurde „der 90-jährige vitale, in Paris noch immer praktizierende Arzt“ Dr. Adler mit den Worten zitiert:

„Die Enthüllung der Gedenktafel zeigt mir, dass ich Recht habe. Man kann den Deutschen keine Volksschuld anlasten.“  Gedenkveranstaltungen wie die im Landgericht mit dem Wunsch, die Erinnerung an das geschehene Unrecht wachzuhalten, sprächen ein deutliche Sprache.

Die Erinnerung wachzuhalten gehört in der Tat, das betonte auch die Gerichtspräsidentin in ihrer Ansprache, zu der Verantwortung der nachfolgenden Generationen, gerade auch im Blick auf  Gegenwart und Zukunft. Die Enthüllung der Gedenktafel im Justizzentrum Hanau war ein sehr eindrucksvolles Zeichen dafür, dass diese Verantwortung nicht nur beschworen, sondern mit Leben erfüllt wird.

Anmerkungen

(1) Zitat aus: Galit Noga-Banai, Der Ort der Märtyer. Gunter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreitßen darf. Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte. In: FAZ, 25.1.2018, S. 12. Zu den Stolpersteinen im Frankfurter Westend siehe auch den Blog-Beitrag vom 18.12.2016 : Stolpersteine in Frankfurt am  Main- Eine Buchempfehlung,

In München gibt es einen 2015 auf Betreibung der dortigen jüdischen Gemeinde gefassten Beschluss des Stadtrats von 2004, die Installierung von Stolpersteinen zu verbieten. Sie seien keine würdige Form des Gedenkens. Die Jerusalemer Kunsthistorikern Noga-Banai sieht das in dem o.g. Beitrag auf der Grundlage von  -wie ich meine sehr überzeugenden Argumenten- ganz anders.

Noch eine Empfehlung zum Thema Stolpersteine  (September 2019):

Es gibt dazu jetzt nämlich (für mich ganz überraschend)  ein beeindruckendes Lied von Trettmann, einem deutschen Rapper, zu diesem Thema:

https://www.youtube.com/watch?v=ErAeAJhOgG4

Dazu ein Kommentar aus dem Internet:

„Endlich mal ein STAR aus der Rapszene, der öffentlich an den Holocaust erinnert“.

[1a]   http://www.juedisches-leben-frankurt.de/

Hans Riebsamen: Biographien aus der Nachbarschaft. In: Rhein-Main-Zeitung der FAZ vom 20.12.2014

[2] Grundlage sind vor allem das Transkript der Aufzeichnung des Gesprächs mit Dr. Adler und seiner Frau am 9.6.2015 sowie die Aufzeichnung eines Beitrags von Dr. Adler zu einer Konferenz im Memorial de la Shoah in Paris zum Thema: Erinnerungen an die Kristallnacht aus dem Jahr 2009.

In der Serie „Jugend schreibt – Zeitung in der Schule mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gibt es auch einen sehr schönen Bericht von drei Schülerinnen, die 1999 Dr. Adler in Paris interviewt haben.:

Christine Kaeser, Mirija Lagerström, Natalie Ortner: Am Kopf der Deportationsliste. FAZ vom 15. März 1999, S. 54

[3] Über seine Zeit in der Schweiz berichtete Dr. Adler auch in einem Artikel in der Neuen  Züricher Zeitung vom 13.2.1997: „Ich vergesse Euch alle nicht“. Als Flüchtlingskind während der Kriegsjahre in der Schweiz.

Dies ist auch die Überschrift des sehr intensiv recherchierten Artikels von Doris Stein über Dr. Adleer für das Projekt jüdischen Lebens in Frankfurt am Main: http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/de/home/biographien-und-begegnungen/biographien-a-f/pierre-adler.html

[4] Zur Initiative: www.stolpersteine-frankfurt.de

2016 veröffentlichte die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main  ein Buch mit 10 Stolperstein- Rundgängen in Frankfurt am Main. Siehe die Buchempfehlung in diesem Blog: https://paris-blog.org/2016/12/18/stolpersteine-in-frankfurt-am-main-eine-buchempfehlung/

[5] Ich beziehe mich im Folgenden vor allem auf: Martin Hoppe und Monika Rademacher, Eine bedeutende Fotoschenkung- Dr. Leo Koref im Bild. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2012, S. 251-262 (Dort sind auch die Erinnerungen von Dr. Hadra wiedergeben)

[6] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[7] http://www.hgv1844.de/aktuelles.html

[8] Eckhard Meise: Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Hanau. In: Der jüdische Friedhof in Hanau. Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen XXI./Hanauer Geschichtsblätter Bd 42. Hanau/Wiesbaden 2005, S. 23 – 187

[9] Bild und Grabinschrift –mit deutscher Übersetzung- in: Der jüdische Friedhof in Hanau, S. 418/419. Siehe auch zu den Lebensdaten: S. 543

[10] Reden zur Einweihung der Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer  und Liste der aus Hanau Deportierten in: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2011, S. 181-212 und:

http://www.hanau.de/lih/portrait/geschichte/33/065585/index.html

http://www.hanau.de/mam/cms01/lih/portrait/geschichte/dokumente/opferliste-inet.pdf

(11) Die Enthüllung der Gedenktafel  für die „Hanauer jüdischen Juristen in der Zeit des Dritten Reichs“ ist Ausgangspunkt und Anlass für einen entsprechenden Aufsatz von Gerhard Lüdecke, in dem auch auf Dr. jur. Leo Koref eingegangen wird: Gerhard Lüdecke, Hanauer jüdische Juristen in der Zeit des Dritten Reichs. In: Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2018, S.206- 252