La Goutte d’Or oder Klein-Afrika in Paris

Paris ist eine Stadt, die schon immer Zuwanderer angezogen hat: Es waren  Franzosen vom Land, die wegen der Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten  in die Stadt kamen- so wie die Auvergnats, die sich in der Nähe der Bastille niedergelassen haben und die mit ihren Kneipen und Tanzsälen in der Rue de Lappe das kulturelle Leben von Paris bereicherten; es waren Einwanderer aus Europa, wie die deutschen Handwerker, die im 18. Jahrhundert in den Tischlerwerkstätten des Faubourg Saint- Antoine gearbeitet haben, so dass damals in dem Viertel ebenso deutsch wie französisch gesprochen wurde,  und es sind Menschen aus anderen Kontinenten, vor allem aus den ehemaligen  Kolonien Frankreichs, die in Paris das Bild bestimmter Stadtviertel prägen: Chinesen und Vietnamesen das 13. Arrondissement und Belleville, Inder/Tamilen das Viertel von La Chapelle und die Afrikaner das Viertel von Goutte d’Or im 18. Arrondissement.

Eine im Stadtbild besonders auffällige Gruppe von Einwanderern sind natürlich Nordafrikaner und vor allem Schwarzafrikaner, weil es sich um eine „immigration visible“ handelt, also eine Gruppe von Menschen, deren Status als Einwanderer schon an der Hautfarbe erkennbar ist.  Wie sichtbar und auffällig diese Einwanderergruppe  ist, hängt allerdings von den Erfahrungen und Sehgewohnheiten ab, vor allem aber auch von dem Stadtviertel, in dem man sich befindet. Im noblen 16. Arrondissement im Pariser Westen wird man kaum auf einen Menschen mit schwarzafrikanischem „Migrationshintergrund“ stoßen; in unserem gemischten Stadtteil –dem Faubourg Saint Antoine- kann man Menschen mit schwarzer Hautfarbe  in kleineren Seitenstraßen treffen, die wir aber nur selten betreten, vor allem dann, wenn wir dort mal für kurze Zeit unser Auto abstellen. Aber man trifft sie auch gegenüber im Jardin Titon, wo die meist schwarzen Tagesmütter zusammen schwatzen, während die weißen Kinder im Kinderwagen dösen oder sich auf dem Spielplatz amüsieren.

Ganz anders ist es in dem Stadtviertel Goutte d’Or bzw. Château Rouge im nordöstlich gelegenen 18. Arrondissement.

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Hier ist man  -nach einer kurzen Fahrt mit der Métro- sozusagen mitten in Afrika. Steigt man an der Métro-Station Château-Rouge aus und geht in die Rue Poulet oder Rue Dejean hinein, kann man sich bisweilen vorkommen wie wir vor vielen Jahren in Tanzania, als wir fast die einzigen „wasungus“, (Weiße) weit und breit waren. Im November 2013 besuchte ich zum ersten Mal das Viertel mit zwei aus Mali stammenden Franzosen, die in dem Viertel wohnen. Als ich am Ausgang der Métro auf sie wartete, betrachtete ich mit einigem Erstaunen die Menschen, die die Treppe passierten. Wäre nicht im Hintergrund der „Fournil de Paris“ gewesen, konnte man sich durchaus fühlen wie in einer afrikanischen Großstadt. Einige Zeit zählte ich – bis 200- die hinauf- oder heruntergehenden Menschen:  Es waren darunter gerade einmal 24, die keine schwarze Hautfarbe hatten- und unter diesen 24 waren sicherlich auch noch mehrere Maghrebiens, also Nordafrikaner. In der Tat: Klein-Afrika in Paris.

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Nach Auffassung unserer ortskundigen Begleiter, die ich darauf ansprach, gibt es geradezu eine unsichtbare Mauer, die ihrer Meinung nach das petit Mali, wie sie es nannten,  umgibt- sogar mit (wenn auch unsichtbaren) checkpoints wie hier an der Métro Château Rouge: Es seien  fast nur Afrikaner, die von dort aus ins afrikanische Viertel gingen – in eine für  andere Pariser und erst recht für Auswärtige fremde und eher Unsicherheit, ja Ängste erzeugende Welt.

Dass man hier in einer anderen Welt ist, wird auch deutlich, wenn man am Ausgang der Métro einen kleinen Werbezettel in die Hand gedrückt bekommt, wie man ihn auch oft unter den Scheibenwischern der Autos befestigt findet – natürlich vor allem in „Klein-Afrika“, aber auch in Belleville oder in unserem Faubourg St. Antoine. Da bietet der „Maitre Charles“, „le plus grand Marabout de Paris“ seine Dienste an: Kein Fall sei hoffnungslos. „Ich habe immer eine Lösung“.  „J’ai toujours une solution“. Professeur Ali,  ein „grand voyant medium compétant“  garantiert den Erfolg seiner „travaux occultes“,  Monsieur Momo sogar innerhalb von 72 Stunden. Bezahlung jeweils nur nach Ergebnis, und bei Maître Yamba ist die erste consultation  kostenlos.

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Besonders beeindruckend fand ich die Selbstdarstellung von Monsieur Ba, dem „grand voyant medium guerrisseur“, der mit seinen 30 Jahren Berufserfahrung und einer über Generationen „de père en fils“ reichenden Tradition 100% Erfolg in allen Bereichen garantiert. Aufgrund seiner Wundertaten sei sein Name in der ganzen Welt bekannt. [1] Ob es sich um politische, wirtschaftliche, sportliche, juristische oder gesundheitliche Probleme handele: Er könne sie alle lösen; und natürlich auch die sofortige Rückkehr einer geliebten Person bewirken und die Wiederkehr einer verlorenen Zuneigung: „Ihr Partner wird vor Ihren Füßen liegen.“  Noch eindrucksvoller  beschreibt der „professeur Moro“ auf einem ebenfalls verteilten Waschzettel seine Erfolge: Er kümmere sich darum, wenn ein Partner mit einem anderen durchgegangen sei. Mit seiner Hilfe werde er wiederkommen. „Er wird hinter Ihnen herlaufen wie ein Hund hinter seinem Herrn.“ Wenn das nichts ist!

Die unsichtbare, aber deutliche Abgrenzung des petite Afrique hat sicherlich ganz vielfältige Ursachen. Natürlich gibt es in dem Viertel Kriminalität –bei dem Spaziergang mit den Ortskundigen  haben wir eine kleine Verfolgungsjagd der dort demonstrativ postierten Polizisten miterlebt, die offenbar hinter einem Dieb oder Schwarzhändler her waren.  Denn die vor allem gibt es um die Métro-Station Château-Rouge herum, obwohl diese Konkurrenz von den „offiziellen“ Händlern des Viertels angeprangert wird und obwohl die dort aufgefahrene Polizei sie immer wieder verjagt. Seit September 2012 ist das „petite Afrique“ sogar „Zone de sécurité prioritaire“ (ZSP), also eine von der Polizei besonders intensiv beobachtete und kontrollierte Sicherheitszone.[2] Die Einrichtung solcher Zonen hat dann im Allgemeinen die Konsequenz, dass die Kriminalität dort zurückgeht und sich eher in andere weniger überwachte Bereiche verlagert.  Man muss also in klein-Afrika nicht um seine Wertgegenstände fürchten, wenn man sich entsprechend vorsieht, wozu es in einer Großstadt in Paris ja generell Anlass gibt. Immerhin wird man in der Métro ausdrücklich in vielen Sprachen zur Vorsicht aufgefordert und die großen Pariser Museen sind geradezu ein Eldorado für bandenmäßig organisierte jugendliche Taschendiebe. Im Vergleich dazu ist das Goutte d’Or vermutlich ein relativ sicherer Ort.  Aber der Ruf des Viertels ist offenbar miserabel, woran vor allem rechte Politiker einen wesentlichen Anteil haben[3]: Da gibt es die berüchtigte „bruit et odeur“-Rede Jaques Chiracs aus dem Jahr 1991: Chirac war damals Bürgermeister von Paris und Vorsitzender der RPR, der Vorgängerpartei der heutigen UMP.  Nach einem Rundgang durch das Viertel stellte er in einer Rede vor Anhängern ein hart arbeitendes französisches Arbeiterpaar einer aus Afrika eingewanderten Familie gegenüber, bestehend aus einem Familienvater, drei oder vier Frauen und etwa zwei Dutzend Kindern. Der Mann arbeite « natürlich » nicht, die Familie erhalte aber ein Mehrfaches des Verdienstes der französischen Arbeiterfamilie an Sozialleistungen. Und dazu komme dann noch der Lärm und Geruch –bzw eher: Gestank, was den braven französischen Mitbürger zur Weißglut bringe, und das sei nur allzu verständlich.[4]

Und natürlich setzte die extreme Rechte noch einen drauf  mit ihrer Kampagne gegen  Gebete von Moslems im öffentlichen Raum. Marine Le Pen, inzwischen Vorsitzende des rechtsradikalen Front National, prangerte in einer Rede im Dezember 2010 an,  ganze Straßenzüge und Stadtviertel würden regelmäßig von betenden Moslems in Beschlag genommen. Hier herrsche nicht mehr das Recht des Staates, sondern das islamische Recht.  Das sei eine occupation, eine Besatzung. Und dies unangeachtet dessen, dass es keine Panzer und Soldaten gäbe :  « Es ist gleichwohl eine Besatzung » [5] Le Pen sprach zwar  allgemein von «occupation », aber dieser Begriff ist natürlich vor allem bezogen auf die deutsche Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, mit der damit das öffentliche Gebet von Moslems auf eine Stufe gestellt wurde. Und  deren Bekämpfung wurde so implizit zu einem notwendigen und ehrenhaften Akt der Résistance erklärt. Dass Le Pen später ergänzte, mit dem Begriff « occupation » könne auch die der Engländer im 100-jährigen Krieg gemeint sein, verschärfte die Hetze nur noch : Denn damit stellte Le Pen sich in eine Reihe mit Jeanne d’Arc, der Nationalheiligen, die jedes Jahr am 1. Mai an ihrem Denkmal auf der Place des Pyramides in Paris vom Front National gefeiert wird.

Wenn Marine le Pen die öffentlichen Gebete von Moslems anprangerte,  dann war damit –was Paris betrifft- vor allem die rue Myrha im Goutte d’Or angesprochen.

In der Tat wurde seinerzeit dort Freitag mittags die Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt und gebetet. Das wurde von den Rechten als Provokation und Angriff auf das geheiligte französische Prinzip der laïcité, der strikten Trennung von Kirche und Staat, angesehen. In Wirklichkeit aber war es Ausdruck einer Notsituation, weil die beiden kleinen Moscheen des Viertels dem Andrang der vielen Gläubigen nicht gewachsen waren. Eine dieser Moscheen war die Khaled Ibn al Walid- Moschee in der Rue Myrha, so dass mit Zustimmung des zuständigen sozialistischen Bürgermeisters des 18. Arrondissements am Freitag die Straße vor der Moschee für den Gottesdienst genutzt werden durfte.

Um dem ein Ende zu machen, wurde den Moslems von dem damaligen rechten Innenminister Guéant eine stillgelegte Feuerwehr-Kaserne als Gebetsraum  zur Verfügung gestellt und die Nutzung der Straße verboten. Aber dies ist natürlich auch keine befriedigende Lösung. Um die bemühten sich  während vieler Jahre der Pariser Bürgermeister Delanoë und der Rektor der großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur.

Am 28. November 2013 wurde dann endlich in der Rue Stephanson im Goutte d’Or- Viertel das Institut des Cultures d’Islam (ICI)  eingeweiht.

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Dieses von der Stadt Paris getragene Institut soll eine kulturelle Brücke zur Welt des Islams sein- « un lieu dédié à la création et la diffusion des cultures contemporaines en lien avec le monde muselman » (Prospekt zur Eröffnung des Zentrums). Beispielsweise gab es 2015 eine sehr eindrucksvolle Ausstellung von Künstlern des Nahen Ostens, in denen das Nebeneinander von Krieg und Frieden zum Thema gemacht wurde:

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Neben Kunstausstellungen gibt es auch  Musik,  Filme, Sprach- und Malkurse, Führungen durch das Viertel und – nicht zuletzt : einen großzügigen Gebetsraum, der das ganze 1. Stockwerk einnimmt.  In der Tat handelt es sich hier um eine –für das laizistische Frankreich- gewagte Verbindung von Gebet und Kunst, wie Le Monde am 29.11.2013 schrieb. Und dass die überregionale Zeitung Le Monde, die immerhin über keinen Pariser Lokalteil verfügt, der Eröffnung des ICI einen großen Artikel widmete, zeigt, welche Bedeutung und Problematik dieses Ereignis hatte und hat, und zwar nicht nur in Bezug auf die fremdenfeindliche Propaganda des Front National. Auch auf der Linken, also der aktuellen politischen Mehrheit in Frankreich, stehen sich ja zwei grundlegend verschiedene Positionen gegenüber, was den Umgang mit Einwanderern angeht : Auf der einen Seite die Vertreter einer Anerkennung ethnischer, kultureller und religiöser Minderheiten, also gewisssermaßen die multikulturelle Fraktion,  auf der anderen Seite die Vertreter einer « unteilbaren Republik », deren Sorge die Entwicklung eines « comminutarisme » ist, also der Herausbildung abgeschotteter gesellschaftlicher Räume.

Der Umgang des Staates mit den Muslimen ist insofern ein besonders sensibler Gegenstand.  Denn natürlich dürfen nach dem Gesetz von 1905, der Grundlage des französischen Laizismus, weder Staat –noch entsprechend auch die Stadt Paris- Glaubensgemeinschaften subventionieren. Aber andererseits müssen Staat und Stadt auch daran interessiert sein, dass den gläubigen Moslems angemessene Gebetsräume zur Verfügung stehen, um die vom Front National angeprangerten öffentlichen Gebete zu vermeiden. Und Staat und Stadt  müssen natürlich auch daran interessiert sein, dass in den Moscheen keine islamistischen Fanatiker das Wort haben. Und so hat man im ICI eine in vieler Hinsicht vorbildliche Lösung gefunden : Der dortige Gebetsraum wurde vom ICI an eine Gesellschaft verkauft, die auch für die Große Moschee von Paris (GMP) verantwortlich ist. Und die GMP verfügt nicht nur –aufgrund ihrer engen Beziehungen zu Algerien- über die erforderlichen Geldmittel, sondern sie steht auch für einen toleranten, weltoffenen Islam, der sich ohne Probleme in das republikanische Selbstverständnis Frankreichs einfügt.

Zur Geschichte von Goutte d’Or

Dass das Viertel von Château Rouge und Goutte d’Or heute das klein- Afrika in Paris genannt werden kann, ist ein Ergebnis der Migration seit dem 2. Weltkrieg. Noch zu Beginn des 19. Jahrhundert wurde hier –wie ja auch im benachbarten Monmartre-  Wein angebaut, der im Mittelalter einen hervorragenden Ruf hatte und sogar an der königlichen Tafel serviert worden sein soll. Unter der Herrschaft Ludwigs des Heiligen, also im 13. Jahrhundert, wurden von einer Jury die besten Weine ausgezeichnet: Den ersten Preis erhielten die Weine aus Zypern, den zweiten die aus Malaga und  den dritten zu gleichen Teile der Malvasier, der Wein aus Alicante und der aus diesem Viertel, das davon ja auch noch seinen schönen Namen erhalten hat : goutte d’Or, Goldtropfen.  Ab den 1840er Jahren – es war die Zeit der Industrialisierung und des enrichissez-vous des frühkapitalistischen « Bürgerkönigs » Louis Philippe-  wurde im Goutte d’Or Industrie angesiedelt :  Beispielsweise die Maschinenfabrik des François Cavé, der dort die damals größte französische Dampfmaschine baute und auch das Dampfschiff « Courrier », das Calais und Dover mit der damals sensationellen Geschwindigkeit von 13 Knoten verband.[6] Und vor allem  wurden im Goutte d’Or der Frühindustrialisierung Eisenbahnen gebaut : Nach der in Le Creusot konstruierten « La Gironde » entstand als zweite französische Lokomotive hier « La Gauloise », ebenfalls bestimmt für die Strecke zwischen Paris und Versailles, dem französischen Pendant der deutschen Strecke zwischen Nürnberg und Fürth.  Und mit der Industrie kamen die Spekulanten und errichteten kleine Häuser und Hôtels mit billigen Zimmern, die an Migranten vermietet wurden, die in den Fabriken des Viertels arbeiteten : Menschen aus den ländlichen Gebieten Frankreichs, dann aus europäischen Nachbarländern wie Belgien oder Deutschland. Wenn man mit offenen Augen durch das Viertel geht, entdeckt man an einigen Stellen noch einige der zwei-bis drei-stöckigen Häuser aus dieser Zeit. Besonders schön erhalten ist noch die Villa Poissonnière zwischen der Rue Polonceau Nr. 41 und der Rue de la Goutte d’Or Nr.42, die allerdings nur mit viel Glück zugänglich ist, wenn man einen Bewohner des abgesperrten Arreals findet, der es einem gestattet, einen Blick in die Villa zu werden:

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Ein schmaler gepflasterter Weg mit kleinen, meist sympathisch verwilderten Vorgärtchen und schönen Häusern rechts und links, deren Fassaden eher nicht nahelegen, dass es sich hier um  Spekulationsobjekte aus den 1840-er Jahren handelt.

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Leider ist die Villa aber –wie ja auch viele der schönsten Höfe im Faubourg St.Antoine- inzwischen « bobo-isiert », also von der neuen Elite des Informationszeitalters und Künstlern bewohnt und nur mit einem Code zugänglich.  Aber vielleicht hat man ja das Glück und ein freundliches Mitglied der Eigentümergemeinschaft öffnet gerade eine Tür und gestattet dem neugieren Besucher einen Blick in dieses kleine und an dieser Stelle völlig unerwartete spezifische Bio- und Soziotop : Dazu passt tatsächlich der Titel von David Brooke’s einschlägigem Buch über die « Bobos in paradise ».

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 Dass das Goutte d’Or im 19. Jahrhundert aber insgesamt alles andere als paradiesisch war, zeigt in aller Deutlichkeit Emile Zolas Roman mit dem bezeichnenden Titel „l’Assommoir“ – auf deutsch: „Der Totschläger“, der in diesem Viertel spielende 7. Band der „Rougon-Macquart“- Romanreihe.[7] Im Vorwort zu diesem Roman schreibt  Zola:

 „Ich habe den verhängnisvollen Verfall einer Arbeiterfamilie in dem verpesteten Innern unserer Vorstädte schildern wollen. Am Ende der Trunksucht und des Müßigganges steht eine Erschlaffung der Familienbande, ein Versinken im Schmutz, ein fortschreitendes Abnehmen jeder ehrenwerten Empfindung und schließlich als Lösung die Schande und der Tod.“

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen dann polnische und russischen Juden, die wegen der Pogrome ihre Heimat verlassen hatten, in das Viertel. Sie arbeiteten vor allem in Textilbetrieben : Eine Tradition, die inzwischen vor allem von Westafrikanern  -und zwar immer Männern!- weitergeführt wird.

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Sie fertigen die festlichen, farbenfrohen Kleider an, die besonders an Wochenenden von den aus Schwarzafrika stammenden Frauen getragen werden.

Die Stoffe allerdings kommen nur zum Teil (noch) aus Afrika, die billigen dagegen überwiegend aus China und die besonders kostbaren, die Bazins, aus … Österreich ! Die beliebten Batik-Stoffe (die Wax) sind übrigens auf dem Weg über Indonesien nach Afrika gekommen ! Dort haben nämlich die Niederländer Söldner angeworben für ihre Kolonie in Südostasien. Und diese Menschen fanden so viel Gefallen an den dort gebräuchlichen Batiken, dass sie sie nach Afrika mitbrachten, wo sie dann auch heimisch wurden, und dann natürlich auch nach klein-Afrika in Paris.

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Die ersten Afrikaner kamen  schon nach dem Ersten Weltkrieg. Aber eigentlich müsste man sagen : Sie blieben. Denn es waren demobilisierte Soldaten, die sogenannten « tirailleurs sénégalais »,  die für Frankreich gekämpft hatten und zum Teil –wie ja auch viele der  angeworbenen chinesischen Arbeiter aus den Munitionsfabriken-  nicht mehr in ihre Heimat zurückkehrten.[9] Zum afrikanischen Viertel wurde das Goutte d’Or aber erst seit dem zweiten Weltkrieg, als zunächst  Algerier kamen, die sich vor allem im Süden des Viertels rund um das Kaufhaus Tati niederließen ; und dann in  den 1960-er Jahren, als die ehemaligen französischen Kolonien unabhängig wurden und junge Männer aus Mali, Sénégal, Mauretanien – später dann auch aus dem Congo, Kamerun und der Côte d’Ivoire- kamen und  in dem damals ziemlich heruntergekommenen Viertel noch erschwinglichen Wohnraum und landsmannschaftliche Vertrautheit und Solidarität fanden. Nach einigen Jahren kamen dann auch die Familien nach, so dass heute der Bezirk des Château Rouge das afrikanische Zentrum von Paris ist.

Ein Spaziergang durch das « petite Afrique » von Paris

Natürlich führen viele Wege durch das afrikanische Viertel von Paris. Man kann einfach hinein gehen und sich etwas treiben lassen, was durchaus lohnend ist. Aber vielleicht wird man auch dem nachfolgenden Vorschlag folgen. Ein guter Zeitpunkt für einen Spaziergang ist der Nachmittag, weil dann aufgrund des Marktes das Viertel besonders belebt ist. Und das gilt besonders für den Mittwoch und den Samstag, wenn auch der große nordafrikanische Markt unter der Hochbahn zwischen den Stationen Barbès Rochechouart und La Chapelle abgehalten wird.

Ein guter Ausgangspunkt für den Spaziergang ist die Métro-Station Château Rouge, wo es sich lohnt, ein wenig die Menschen zu beobachten, die dort hineingehen oder herauskommen. Zu Marktzeiten gibt es auf dem Platz davor meist auch „fliegende Händler“, wenn sie nicht gerade von der Polizei verjagt wurden.

Wenn man dann in die Rue Poulet hineingeht und weiter  in die rue Doudauville, stellt man schnell fest, dass  sich hier überwiegend kleinere Geschäfte angesiedelt haben, die sich an eine afrikanische Kundschaft wenden und im Allgemeinen auch noch von Afrikanern betrieben werden – allerdings sind auch hier die Chinesen auf dem Vormarsch: einige der etwas größeren Lebensmittelgeschäfte des Viertels gehören inzwischen Chinesen, die sich aber voll und ganz auf die Bedürfnisse der afrikanischen Kunden eingestellt haben.

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Die Kunden sind übrigens nicht nur die afrikanischen Bewohner des Viertels. Gerade an Wochenenden kommen offenbar aus ganz Paris, aber auch aus dem Umland und –wie uns gesagt wurde- sogar aus ganz Frankreich und Belgien  Menschen mit afrikanischer Herkunft hierher, um die gewohnten Produkte einzukaufen und gleichzeitig auch Freunde und Verwandte zu treffen. Und auch afrikanische Restaurants decken sich hier in den entsprechenden großen Mengen mit den aus Afrika importierten Produkten ein.

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In der Querstraße, der Rue Léon Nr. 35,  befindet sich auch das lavoir moderne parisien, eine ehemalige Wäscherei von 1870 wie die, in der Gervaise, die Heldin von  Zolas  „L’Assommoir“, ihre Wäsche wusch:

„Die Waschanstalt lag in der Mitte der Straße an einer Stelle, wo das Pflaster bergan zu gehen anfing. Über einem niedrigen Gebäude zeigten drei ungeheure Wasserbehälter von starkem Zink ihre grauen Rundungen, während dahinter in einem zweiten, sehr hohen Stockwerk sich der Trockenraum erhob, von allen Seiten durch Jalousien aus schmalen Holzplättchen geschlossen, zwischen denen die Luft freien Spielraum hatte, und durch deren Öffnungen man auf Messingdrähten trocknende Wäsche sah. Der enge Schlot der Maschine stieß mit regelmäßigem Ächzen den Dampf aus. Gervaise schritt durch die Eingangstür, ohne die Röcke hochzunehmen wie eine Frau, die es gewöhnt ist, durch Wasserlachen zu gehen. Der Zugang war durch große Bütten von Fleckwasser fast versperrt. Sie kannte die Besitzerin der Waschanstalt, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in einem Kabinett mit Glasscheiben saß; vor sich hatte sie Stücke Seife, auf den Regalen stand Waschblau und kohlensaure Soda in Paketen. Im Vorbeigehen forderte sie von ihr ihren Waschschlegel und ihre Bürste, die sie ihr bei der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Nachdem sie ihre Nummer genommen, trat sie in die Waschanstalt. Es war ein ungeheurer Schuppen mit niedriger Decke, deren sichtbares Gebälk auf gußeisernen Säulen ruhte; große helle Fenster erleuchteten den Raum. Das bleiche Tageslicht drang frei durch den heißen Dunst, der wie ein milchweißer Nebel in der Luft hing. Aus verschiedenen Ecken stiegen Dämpfe auf, die sich ausbreiteten und die Enden des Schuppens in bläuliche Schleier hüllten. Eine schwere, mit Seifendünsten geschwängerte Feuchtigkeit tropfte hernieder, die bald von stärkeren Strömen von Fleckwasserdämpfen verschlungen wurde. Längs der Vorrichtungen zum Schlagen der Wäsche, die an beiden Seiten des Mittelganges hinliefen, standen Reihen von Frauen, deren Arme bis zu den Schultern entblößt waren; die Hälse waren nackt, und die verkürzten Röcke ließen farbige Strümpfe und grobe Schnürschuhe sehen. Sie hieben kräftig auf die Wäsche ein, lachten und beugten sich vor, um sich in dem Lärm ein Wort zuzurufen; unmäßig beschmutzt, schlampig und durchnäßt wie von einem Sturzregen, Arme, Gesicht und Busen gerötet und dampfend, beugten sie sich auf den Grund ihrer Wäschezuber nieder. Um sie herum und unter ihnen flutete ein fortwährender Strom, die Eimer heißen Wassers, die herbeigebracht und auf einmal geleert wurden, die geöffneten Kaltwasserhähne, aus denen das Wasser herabfloß, der mit Seifenschaum vermischte Schmutz, der unter den Waschschlegeln hervorquoll, das Abtropfwasser der gespülten Wäsche, und endlich die Pfützen, in denen sie umherpatschten, das alles floß in kleinen Bächen über den abschüssigen steinernen Fußboden dahin. Inmitten all dieses Schreiens, der regelmäßig ertönenden Schläge, des murmelnden Regengeräusches und dieses Sturmgeheuls, das von der niedrigen feuchten Decke erstickt wurde, schien die in einen weißen Tau gehüllte Dampfmaschine zur Rechten, die ohne Unterlaß keuchte und stöhnte, mit dem tanzenden Beben ihres Schwungrades, den ungeheuren Lärm zu beherrschen.“ [10]

Seit 1953 ist das Lavoir  ein Theater, in dem aber noch etwas vom Ambiente des alten Waschhauses spürbar ist.[11]

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Aber es ist auch – wie beziehungsreich-  ein „Stützpunkt“ und „Trainingslager“ der feministischen Gruppe „Femen“, die im letzten Jahr in Paris durch eine „oben-ohne-Aktion“ in Notre Dame großes Aufsehen erregt hat. Und provokativ war auch eine Demonstration halbnackter Femen-Aktivistinnen gegen islamischen Fundamentalismus gerade in diesem Viertel.[12]

Geht  man die Rue Léon weiter, so kommt man  am ICI Léon vorbei, dem ursprünglichen Ort des Institut des Cultures d’Islam. Man kann dort im Innenhof einen Tee trinken und manchmal gibt es dort auch ein Wandgemälde zu bewundern – 2017/2018 beispielsweise anlässlich einer Ausstellung „von der Kalligraphie zur Street-Art“ die Arbeit eines marokkanischen Künstlers.

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Danach geht es weiter zur  rue Myrha,  in die man links einbiegt: Hier befindet sich die schon erwähnte Moschee und ein kurioses Geflügelgeschäft, die Ferme Parisienne: Ein alteingesessenes Geschäft „de père en fils“ –  inzwischen aber fest in schwarzafrikanischer Hand. Zwar werden auch Eier verkauft, aber vor allem lebendes Geflügel – nach Aussagen eines Ortskundigen das einzige Geschäft dieser Art in Paris. Zu erklären sei das mit der Fortdauer traditioneller Religionen und Riten, zu denen auch das Opfern von Hühnern bzw. Hähnen gehören könne – deshalb vielleicht auch die vielen Hähne, die dort gehalten werden. In mancher Hinsicht kann man offenbar hier leben, als hätte man sein heimatliches Dorf nicht verlassen und dazu gehört auch das Fortleben einer „conception magique du monde.“[13]

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Manche der Hühner wandern vielleicht ja auch in die Kochtöpfe des benachbarten  senegalesischen Restaurants (Koyaka Kitchen, rue Myrha 38), das sehr empfehlenswert sein soll –  allerdings habe ich bisher nur das schöne Mosaik über dem Eingang bewundert. Da hat sich dann auch gleich der Street-Artist A 2 (Anarchie, Amour), der im Goutte d’Or an vielen Hauswänden seine Spuren hinterlassen hat. Er gehört nicht zu meinen Street-Art-Favoriten, weil sein Repertoire doch etwas eingeschränkt ist. Hier hat er sich aber doch mit der Gestaltung seiner typischen zwei „Zutaten“  A und Herz recht schön angepasst.

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DSC00390 Goutte d'Or Mai 2018 (3)Es lohnt sich übrigens, bei dem Rundgang manchmal auch einen Blick auf die meist sehr heruntergekommenen Fassaden zu werfen, die ab und zu durch Street-Art Künstler wie Mosko etwas Farbe erhalten, wie hier – ebenfalls in der rue Myrha.

Ein Zeichen für die Lebendigkeit des Viertels sind auch  zahlreiche brachliegende Grundstücke. Die werden zum Teil als provisorische Nachbarschaftsgärten genutzt, wie hier von einer „coopérative alimentaire„…

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oder sogar als Ausstellungfläche für Kunstprojekte. Die Ähnlichkeit mit den Kreationen des Italieners Penone, die im letzten Jahr den Park von Versailles schmückten, sind hier ganz auffällig. Dass der entwurzelte Baum im Goutte d‘Or nicht die Penone’sche Eleganz und Schwerelosigkeit aufweist, passt sehr gut in die ganz andere Umgebung: Wir sind eben nicht am Brunnen des Apollo im Schlosspark von Versailles, sondern auf einem Abrissgrundstück in einem Sanierungsgebiet im Pariser klein-Afrika. Vielleicht ist es ja sogar ein afrikanischer Baobab, der hier –auf den Kopf gestellt- eine vorübergehende Bleibe gefunden hat.

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Inzwischen (April 2019) sieht es dort allerdings ganz anders aus: Es entsteht ein in jeder Hinsicht modernes Gebäude – der Gegensatz zu dem „alten“ Goutte d’Or könnte nicht größer sein.

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Vielleicht lässt sich die Fassade aber als Versuch interpretieren, den Bruch mit dem orientalischen Goutte d’Or nicht allzu brutal erscheinen zu lassen.

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Nun geht es weiter bis zur Rue Stephanson mit dem neuen ICI in der Nummer 56 und danach zur Kirche St. Bernard. Sie wurde nach der 1860 vorgenommenen Angliederung des Goutte d’Or an Paris gebaut, um dem sehr bescheidenen neuen Stadtteil ein monumentales Zentrum zu geben. Interessant ist bei der Kirche weniger die –allerdings durchaus beeindruckende-  neu-/spät-gotische Architektur, sondern die Rolle, die St.Bernard für das Viertel spielte und noch spielt.

Einige Berühmtheit erlangte sie 1996, als sie von über 200 „sans papiers“, also Einwanderern ohne offiziellen juristischen Status, besetzt wurde. Mit dieser Kirchenbesetzung und einem Hungerstreik wollten sie auf ihre prekäre Situation aufmerksam machen: Teilweise lebten und leben diese sans papiers schon seit Jahren mit ihren Familien in Frankreich, haben dort auch Arbeit –vor allem als Bauarbeiter und im Bereich der  Zeitarbeit- und die Kinder gehen in die staatlichen Schulen, aber ihr Status öffnet der Ausbeutung Tür und Tor und sie sind immer von Ausweisung bedroht. In den letzten Jahren erhielten zwar jährlich –unter der Präsidentschaft Sarkozys und Hollandes- etwa 30 000 sans papiers pro Jahr einen offiziellen Status, aber unter dem Druck des Front National war der bisherige Innenminister  und jetzige Ministerpräsident Manuel Valls bemüht, den Rechtsradikalen durch eine ziemlich rigide Politik im Umgang mit den „Illegalen“ keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, wie sich gerade wieder kürzlich gezeigt hat, als Leonarda, ein junges „illegales“ Mädchen, von der Polizei während einer Klassenfahrt aus einem Schulbus geholt wurde, um mit ihrer Familie ausgewiesen zu werden. Das wurde von vielen –auch dem damaligen  Bildungsminister- als Angriff auf den geschützten Raum der republikanischen Schule angesehen und löste heftige Reaktionen aus, die Präsident Hollande zu einem partiellen und sehr umstrittenen Einlenken veranlassten.[14] Entsprechend war es auch 1996, als ein Großaufgebot der Polizei gewaltsam in die Kirche St. Bernard  eindrang und die Aktion der sans papiers mit massivem Einsatz beendete. Das konnte auch der Priester der Gemeinde, der père Coindé, nicht verhindern, der sich schützend vor die sans papiers in seiner Kirche stellte und sich mit ihrem Anliegen solidarisierte- ebenso wie übrigens auch die Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillon, die 2015 ins Pantheon aufgenommen wurde. [15] Aber bis heute ist die Kirche St. Bernard ein Zufluchtsort für Menschen in Not, ob das nun sans papiers oder SDFs, also Obdachlose, oder Flüchtlinge wie die von Lampedusa sind.  Und dies ganz unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrem Glauben.[16]

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Am Rande des Markts zwischen La Chapelle und Barbès-Rochechouart verteilte übrigens bei einem meiner Spaziergänge durch das Viertel ein junger Mann eine  ziemlich umfangreiche Broschüre zum Thema „sans papiers“- Es werden darin sehr konkrete Informationen gegeben, wie man sich gegen drohende Ausweisungen organisieren und schützen kann und welche Maßnahmen im Fall einer Verhaftung möglich und aussichtsreich sind. Die Broschüre entstand 2009 und wurde 2012 auf den aktuellen Stand gebracht: Das Thema steht  nach wie vor auf der Tagesordnung- gerade in diesem Viertel der Stadt.

Wie sehr die Ereignisse von 1996 auf viele Franzosen traumatisierend gewirkt haben und wie sehr das Flüchtlingsthema gerade im Goutte d’Or auf bedrückende Weise aktuell ist, zeigte sich besonders wieder 2015. Zwischen den Métro-Stationen Barbès-Rochechouart und La  Chapelle hatte sich nämlich ein „jungle“, eine Zeltstadt von afrikanischen Flüchtlingen, angesiedelt.

Als wir im Frühjahr 2015 abends einmal mit Freunden aus Frankfurt dort entlanggegangen sind, waren wir ziemlich entsetzt über die Zustände. Eng gedrängt stand ein Zelt am anderen und außer einem Pissoir waren keinerlei sanitäre Einrichtungen zu sehen. In der Ausgabe von Le Monde vom 30.Mai 2015 wurde angekündigt, dass der „jungle de La Chapelle“ evakuiert werden soll, dass allerdings allen dort hausenden Flüchtlingen humanere Wohnmöglichkeiten angeboten werden  sollen.[17]

Bei der Räumung ging es dann aber wohl doch ziemlich „musclé“ zu, wie man das auf Französisch gerne nennt, und die versprochenen menschenwürdigen Alternativen standen dann offenbar doch nicht für alle bereit. Das hat dann Assoziationen an die Ereignisse von 1996 geweckt: „A gauche chacun se souvient de ce jour de juin 1996 où, à quelques rue de là, les forces de l’ordre avaient ouvert à l hache les porte de l’église Saint-Bernard dans laquelle s’étaient réfugiés des sans-papiers.“ (Le Monde 11.6.15)

Und die ehemalige grüne Wohnungsbauministerin Cécile Duflot schrieb in einem offenen Brief an den  Präsidenten:

„Toute la gauche a en mémoire les tristes événements de 1996, quand la droite au pouvoir n’hésitait pas à pourchasser les migrants jusque dans les églises. Nous ne pensions pas alors que le désarroi et la colère qu’ils nous faisaient ressortir, nous les ressentirions un jour sous  un gouvernement de gauche.“ [18]

Anfang Juli 2015 bin ich dann zufällig auf eine  Demonstration der Flüchtlinge des „jungle“ von La Chapelle gestoßen – eine nachdrückliche Erinnerung daran, dass es hier um eine Herausforderung geht, der Europa ganz und gar nicht gewachsen ist – und für Frankreich, das Land der Menschenrechte, gilt dies leider in ganz besonderem Maße.

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Ergänzung 2017/2018: Ein besonderes aktuelles Problem sind übrigens die etwa 60 Flüchtlingskinder aus Marokko, die seit 2017 in den Straßen des Barbès vagabundieren. Le Monde hat ihnen in der Ausgabe vom 18. Mai 2018 aus aktuellem Anlass einen zweiseitigen Artikel gewidmet:  Diese Jugendlichen, oft zwischen 10 und 13 Jahre alt, sind Opfer und Täter zugleich: Opfer, weil sie, angesichts der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat und oft angelockt von prahlerischen Heilsversprechungen von in Europa reüssierten Landsleuten, meist unsägliche Leiden auf sich genommen haben, um ins gelobte Land zu kommen, dann aber erfahren müssen, dass dort keineswegs Milch und Honig fließen. Viele sind/werden dann drogenabhängig, verweigern sich allen Hilfsangeboten, die es in Paris seit 2017 immerhin gibt und -damit werden die Opfer dann zu Tätern- zeichnen sich durch ein sehr hohes Potential an Gewalt aus, die sie untereinander und -meist im Dienst krimineller Gruppierungen- gegenüber der Außenwelt ausüben- , :  Körperverletzungen, Diebstahl, Raub, Einbrüche. Le Monde zitiert eine Bewohnerin des Viertel, die sich davor fürchtet, den Gruppen dieser UMAs, wie sie  in Deutschland genannt werden (Unbegleitete Minderjährige Ausländer) zu begegnen und die deshalb die Rue de Jessaint, wo sie sich vor allem aufhalten, nach Möglichkeit meidet. Und der Staat, von Bürgermeisterin Hidalgo um Hilfe gerufen, hält  sich vornehm zurück…  (18a)

Das machen wir also vorsichtshalber auch und biegen in die Rue Polonceau ein. Dort sollte man auf der rechten Seite die Erinnerungstafel für Louise Michel beachten. Bei den beiden Spaziergängen, die ich mit afrikanischen Führern durch das Viertel machte, gingen wir zwar an diesem Haus vorbei, ohne dass aber auf diese Erinnerungstafel hingewiesen wurde. Dabei hat Louise Michel gerade in diesem Einwandererviertel eine besondere Würdigung verdient. Denn während ihrer Verbannung in die französische Kolonie Neu-Caledonien entdeckte sie die Kultur von deren Ureinwohnern, den Kanaks, lehrte sie die französische Sprache, trat –auch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich- für ihre Rechte ein und warb –damals noch ganz außergewöhnlich-  für die Anerkennung ihrer Kultur.[19]

Rue Polonceau Nr. 36

An mehreren Stellen im Goutte d’Or gibt es übrigens jetzt kleine Tafeln mit dem Namen von Louise Michel und der Jahreszahl 2022 – deren Bedeutung mir allerdings nicht klar ist. Die Tafeln stammen von dem im Goutte d’Or sehr aktiven Street-Art-Künstler A 2 (Amour/Anarchie) und erweitern damit sein ansonsten ja eher begrenztes künstlerisches Repertoire.

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Gleich nebenan gibt es eine afrikanische Apotheke mit vielen Naturprodukten gegen alle möglichen Krankheiten, aber auch Naturkosmetik und  Amulette zum Schutz gegen böse Blicke oder andere Widrigkeiten des Lebens und der Welt.

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Da kann man durchaus auch mal hineingehen – die „Apotheker“ sind freundliche Menschen und  vielleicht  erläutern sie dem interessierten Besucher etwas die Herkunft und Wirkungsweise ihrer Produkte.

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Auf der linken Seite der Rue Polonceau sollte man dann –durch das vergitterte Eingangstor- wenigstens einen Blick in die Villa Polonceau werfen und – dafür braucht man keinen Code-  in die rue Erckmann-Chatrian reingehen. Bevor sie auf die rue Richomme trifft, kann man auf der linken Seite das schöne Multi-Kulti-Wandbild von Thoma Vouille bewundern, das wunderbar in dieses Viertel passt: Die gelben Matous freuen sich mit Recht darüber, wie Marianne die Immigranten aller Hautfarben an ihren Busen drückt.

Rue Mann-Chat 036

Übrigens findet man den Monsieur Chat –so der offizielle Name des gelben Katers- auch noch sonst öfters im Viertel, zum Beispiel an der Ecke der rue Doudeauville und der rue Léon mit der Hand der Fatima als Glücksbringer für das Viertel….

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… oder am Künstlerhaus in der Rue Cavé: Da ist er sogar wie meistens mit seinen Flügeln zu bewundern.

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Für Street-Art-Freunde ist das Goutte d’Or überhaupt ein Eldorado. Auch in dieser Hinsicht gilt hier das Motto: „Open your eyes“. (19a)

Am Künstlerhaus gibt es auch ein Gruppenbild mit multikulturellen Charakterköpfen des Viertels.

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An der Ecke der Rue Polonceau und der Rue des Poissonniers befand sich lange die Ruine der zweiten Moschee dieses Viertels. Hier war eine weitere Dependence des ICI – auch wieder mit einem Gebetsraum-  geplant, die speziell dem schwarzafrikanischen Islam gewidmet sein sollte. Die Einweihung war für 2015 geplant und auch schon groß angekündigt. Aber inzwischen sind die Pläne ad acta  gelegt, Offenbar waren die Kosten für die Stadt zu groß und die Kommune wollte sich wohl auch nicht noch einmal dem Vorwurf aussetzen, mittels eines Kulturzentrum indirekt einen muslimischen Gebetsraum mitzufinanzieren.[20]

Inzwischen gibt es auf dem ehemaligen Baugelände ein paar Tische und Stühle und Spielgelegenheiten für Kinder – alles sehr ärmlich und wenig einladend.

Vor dem ursprünglichen  Bauplatz der neuen Moschee steht (bzw. stand zumindest bei meinen Besuchen im Viertel immer) ein Stuhl mit einem Gefäß von Kola-Nüssen, an dem man nicht vorbeigehen sollte, ohne eine davon – gegen eine kleine Spende- zu nehmen und zu probieren. Die Kola-Nuss spielt in der traditionellen Kultur Westafrikas eine große Rolle : Nicht nur wegen der zahlreichen gesundheitlichen Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden u.a. als Antidepressivum und Aphrodisiacum.  Darüber hinaus hat sie aber auch eine symbolische Bedeutung : Sie wird oft bei feierlichen Anlässen gegessen, z.B. besiegelt sie die Verständigung oder Versöhnung zwischen zwei Parteien. Aber sie ist auch Ausdruck des Willkommens für Gäste und für die Freundschaft.[21] Was für ein schöner Empfang im petite Afrique von Paris !

      009  010 Spende für Cola

Und manchmal trifft man dort auch einen Afrikaner mit einem nach Tuareg-Art um den Kopf geschlungenen Schal und einem mannshohen Stab: Eine in dem Viertel präsente und respektierte Autoritätsperson, die  Konflikte schlichtet und den Zusammenhalt der Einwohner sichert.

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Am, Anfang der Rue des Poissoniers sieht man übrigens auch ein Mosaik des Invaders- die grüne Farbe darf man wohl als Bezug zur islamischen Prägung des Viertels verstehen.

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Der Name der Rue des Poissonniers  erinnert übrigens daran, dass  früher die Wagen aus Calais, die Paris mit frischem Fisch versorgt haben, hier auf ihrem Weg zu den großen Markthallen im Zentrum der Stadt hindurch gefahren sind. Aber das ist- wie vieles in diesem Viertel- nur noch eine Reminiszenz.

Auf dem Weg durch die Rue des Poissoniers  sollte man unbedingt einen Blick in das schöne, aufwändig verzierte ehemalige Kino des Viertels werfen, das « Barbès palace » dessen Decor dem früheren Namen alle Ehre macht. Inzwischen dient es als Verkaufshalle für billige Schuhe.

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Ein besonderes Erlebnis ist dann der afrikanische Straßenmarkt in der Rue Dejean, vor allem nachmittags und an Wochenenden, wenn er besonders belebt ist. Da sollte man sich etwas Zeit nehmen, sich das Treiben in Ruhe anzusehen und vielleicht etwas Obst oder Fisch zu kaufen, der hier sehr frisch und gut sein soll. Es müssen ja nicht unbedingt die ausgestellten Kalbsköpfe oder Schweinefüße sein.

afrik. Markt Rue Dejean 041

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Eine große Rolle in der afrikanischen Küche spielt offenbar  Maniok, den man in den kleinen Lebensmittelläden oder auf dem Markt kaufen kann;

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auch als eine Art Paste schon (zum Teil?) zubereitet und in Palmblätter eingewickelt. Wie man daraus allerdings ein schmackhaftes Gericht machen kann, habe ich nicht genau verstanden. Mein Versuch, die weiße Maniokmasse aus den Palmblättern in Butter leicht anzubraten, war jedenfalls nicht allzu überzeugend.

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Wenig überzeugend sind auch manche Waren, die von fliegenden Händlerinnen am Straßenrand angeboten werden, zum Beispiel diese geräucherten Fische- natürlich aus Afrika, wie mir die Verkäuferin versicherte.

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Jetzt ist man auch direkt wieder bei der Métro Château Rouge. Wenn man aber noch gerne etwas im petite Afrique bleiben will, kann man die Rue des Poissoniers ein Stück weiter bis zur Rue Labat gehen. Dort gibt es in Nr. 3 das afrikanische Restaurant Taif, das ein Einheimischer empfohlen hat. Die Namen der auf der Speisekarte aufgeführten Gerichte sind mir allerdings völlig unverständlich. Also auf gut Glück versuchen oder fragen. Wenn man danach wieder den Boulevard Barbès hinunter geht bis zur Métro Château Rouge oder einen kurzen Abstecher auf die andere Seite des Boulevards in die Fortsetzung der Rue Dejean, wird man eine Vielzahl von Perücken- und Manikürläden finden.

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Die Perückenläden gehören meistens Indern bzw. Pakistani – deshalb auch die Werbung für Perücken mit echtem indischen Haar. Und die Manikürlädchen, in denen Afrikanerinnen sich für das Wochenende schick machen lassen, werden im Allgemeinen von Chinesen betrieben, zumindest sind die dort arbeitenden Maniküristinnen –so heißen sie wohl- fast immer Chinesinnen – bzw. selten auch einmal ein junger Mann.  Es ist interessant, ihnen  durch die Schaufenster etwas bei der Arbeit zuzusehen, was offenbar akzeptiert wird. Beim Fotografieren hatte ich dann aber doch etwas Bedenken, zumal vor den Türen meistens die männlichen Begleiter der schwarzafrikanischen Kundinnen herumstehen und warten, bis sie ihre herausgeputzten Damen wieder in Empfang nehmen können.

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Ein Zeitungsartikel in Le Monde vom 23./24. März 2014 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Manikürläden: Anlass des Berichts ist ein bisher einzigartiger Streik von 5  chinesischen Maniküristinnen, dem sich auch zwei schwarzafrikanische Frisösinnen anschlossen. Beschäftigt waren sie in dem Schönheitssalon  eines Schwarzafrikaners aus der Elfenbeinküste, der seine „Angestellten“ „schwarz“ arbeiten ließ, was diese akzeptierten: Sie waren nämlich als Touristinnen eingereist, hatten also keine Arbeitserlaubnis, und die Alternative wäre entweder die Arbeit in illegalen chinesischen Textilbetrieben gewesen oder die Prostitution als „marcheuse“ im chinesischen Viertel von Belleville. Als nun aber der Chef des Betriebs abrupt die Bezahlung einstellte, begannen die fünf Chinesinnen –zum völligen Unverständnis vieler ihrer Landsleute („C’est comme ça que ça marche“)- einen Streik, der von der einflussreichen Gewerkschaft CGT unterstützt wird. Die hatte sich ja schon öfters für Arbeitskräfte „sans papiers“ engagiert.  Dabei geht es vor allem –der Chef ist inzwischen spurlos verschwunden- um eine Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis. Da die Maniküristinnen einer regelmäßigen Arbeit nachgehen und auf keine öffentliche Unterstützung angewiesen sind, wäre das im Prinzip auch erreichbar: Nur hatten sie als Illegale nie eine Verdienstbescheinigung bekommen…. Jetzt hoffen sie aber,  mit Unterstützung der CGT eine Regularisierung ihres Status zu erreichen. Der betreffende Schönheitssalon liegt zwar im Boulevard Strasbourg, also nicht im Goutte d’Or, aber die Gewerkschaft geht davon aus, dass die dortigen  Zustände kein Einzelfall sind und hofft, dass das Beispiel, sich gegen ausbeuterische Verhältnisse zu wehren, Schule machen werde.  Man muss jedenfalls davon ausgehen, dass die von außen so bunt und exotisch erscheinende Welt von Klein-Afrika auch ihre sehr dunklen Seiten hat.[22]

Eine Möglichkeit, den Rundgang noch etwas zu erweitern, besteht darin, den Boulevard Barbès bis zur Métro Barbès Rochechouart weiterzugehen: mittwochs und samstags ist dort –unter der Hochbahn- ein vielbesuchter Wochenmarkt und ein Treffpunkt der Maghrebiens.

Und dann gibt es dort das legendäre Kaufhaus Tati  (2 au 28 boulevard Rochechouart, 2 au 44 boulevard Barbès). Das Kaufhaus wurde 1948 von dem aus Tunesien stammenden Jule Ouaki gegründet, der es nach dem Namen seiner Mutter Tita benannte. Weil dieser Name aber schon urheberrechtlich geschützt war, stellte er die Vokale um, und so wurde „Tati“ daraus.

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Ouaki führte großformatige Preisschilder und die Selbstbedienung für seine preisgünstigen Textilien ein. So reduzierte er die Schwellenangst seiner Kundschaft, die die Waren problemlos – und auch ohne Französisch-Kenntnisse-  anfassen, anprobieren und kaufen konnte. Die einzelnen Abteilungen sind voneinander abgetrennt und haben den Charakter von Spiegelkabinetten: Eine spezifische Mischung von Zimmeratmosphäre und Weite. Und –wie man/frau sieht- nach wie vor unschlagbare Preise. Also eine echte Alternative zu den Edelkaufhäusern der Grands Boulevards! Für Georg Stefan Troller ist das Tati der „goldene Graal“ der Immigranten „von Tanger und Togo und von Timbuktu“. Hier „schieben sie sich vorüber in ihren farbenfrohen Ttachten, starren auf die (ausschließlich weißen) Mannequinpuppen, die Schlüpfer und die BHs und Unterkleider und Pullis und Jeans und Stöckelschuhe, die eben für sie Paris repräsentieren und die westliche Kultur (obschon wahrscheinlich in Bangalore hergestellt oder in Beijing)…. 5 Millionen Strumpfhosen verkauft Tati im Jahr, 3,5 Millionen Höschen, 1 Million Lippenstifte und 20000 Hochzeitskleider (zehn Prozent des gesamten französischen Marktes, heißt es).“ [23]

Das Goutte d’Or ist eine eigene Welt. Aber wie lange noch? Der südliche Teil wird wohl seine nordafrikanische Eigenheit behalten, weil die dortigen Händler auch Eigentümer der Läden und Häuser sind, so dass man sie dort nicht so leicht vertreiben kann.  Das ist noch –wie Belleville- eine der „poches de résistence“ in Paris. Um die Metro-Station Barbès-Rochechuoard herum sind  Veränderungen allerdings unverkennbar und die Existenz des Tati, des „temple  de l’habillement à bas prix“ steht auf dem Spiel.

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„Tati. Die niedrigsten Preise“ . Blick von der Metro-Station Barbès – Rochechouard

Am 12.  März 2017 schreibt der Parisien:

„Un quartier en pleine mutation                                                                                                                         Avec la renaissance du cinéma le Louxor, l’installation de la célèbre librairie de la rive gauche Gibert-Joseph, l’ouverture de la brasserie Le Barbès, le carrefour tente de rompre avec ses vendeurs de cigarettes de contrefaçon, et les différents trafics qui lui collent à la peau. Et, même si rien n’est réglé, comme en témoignent les groupes de « sauvette » qui, pour certains, se sont contentés de changer de trottoir, où les marchés aux voleurs et de la misère qui perdurent, la brasserie ne désemplit pas, et le Louxor, qui a surgi de ses cendres après trois années de travaux pharaoniques, commence à se faire une réputation.

Au milieu de cette grande métamorphose, Tati, qui domine les lieux depuis 1948, a voulu, lui aussi, s’adapter. Pionnier du discount textile, qui a quitté il y a une dizaine d’années le giron de la famille Ouaki pour celui du groupe Eram, le vaisseau amiral du boulevard Barbès a sérieusement dépoussiéré ses rayons, tout en continuant à pratiquer les prix bas qui ont fait son succès.“

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Werbeplakat im RER-Bahnhof Cité Universitaire April 2018

Aber geholfen hat dieser Versuch einer Modernisierung und „Entstaubung“  offenbar nicht. Vom Tod ihres Gründers Jules Ouaki 1982 hat sich die Ladenkette offenbar nicht erholt und in den letzten Jahren nur Defizite erwirtschaftet. 2017 wurde das Unternehmen dann erneut verkauft und schon  „das Ende eines Mythos“  verkündet. Aber der Käufer hat einen Großteil der bisherigen Läden -und den Namen- übernommen und will einen neuen Anlauf zur Modernisierung unternehmen., der auch im Straßenbild sichtbar ist. Da kann man nur – auch im Sinne der Beschäftigen und der Käufer- hoffen und wünschen, dass diese Anstrengungen Erfolg haben. (23a)

Noch deutlicher sind die Veränderungen  weiter nördlich rund um die Rue Myrha, „où la population est mjoritairement africaine et financièrement fragile“. Dort gibt es „de terribles opérations de logements sociaux“: Alte baufällige Häuser werden abgerissen, die aus Schwarzafrika stammenden Bewohner umgesiedelt, und wenn dann die neuen Sozialbauten fertig sind, ziehen dort meist nicht mehr die ursprünglichen Bewohner ein, sondern eine  „bourgeoisie blanche, instruite et bien plus aisée.“ (Erich Hazan in Le Monde 31.1.14). Insofern ist auch dieses Viertel Teil eines Prozesses des „embourgeoisement“ der Stadt Paris, die im Grunde schon mit der Kahlschlagsanierung des Baron Haussman begonnen hat und sich in den letzten Jahren verschärft fortsetzt. Einige sanierte Straßenzüge wie die zwischen Square Léon und dem Bd de la Chapelle gelegene Passage Boris Vian mit ihren eher unpariserischen Arkaden und den noblen Afro-Modeboutiquen scheinen Erich Hazans These zu bestätigen,  dass das Goutte d’Or immer mehr seinen ursprünglichen spezifischen Charakter verliert.

Der langjährige (ehemalige) Pariser Bürgermeister  Delanoë sieht das natürlich ganz anders.[24] Die –inzwischen sehr behutsamen und auch aufwändigen- Sanierungen seien unvermeidlich  und der Anteil von Immigranten im 18., 19. und  20. Arrondissement –also dann erst Recht im Goutte d’Or- sei immer noch höher als  in dem im nördlichen banlieue  gelegenen Département La Seine-Saint-Denis, das nicht nur das ärmste Département von ganz Frankreich ist[25], sondern gerne auch als Beispiel für eine besonders von Immigration geprägte Problemzone genannt wird. Und trotz des schleichenden Prozesses des embourgeoisement erreicht der Prozentsatz der Armen in Goutte d’Or  immer noch fast 50% – in Paris insgesamt beträgt er etwa 14%.[26]  Dafür sind die Wohnungspreise auch die niedrigsten in Paris: Der Durchschnittspreis pro Quadratmeter liegt bei „nur“ 6000 Euro, in feineren Vierteln sind es über 12 000 Euro![27] 

Eine stärkere soziale Durchmischung, deren Fehlen (oder Verlust)  in manchen Vororten von Paris ja ein Dauerproblem ist,  kann immerhin auch eine Chance sein. Allerdings haben die beiden Soziologen Monique Pinçon-Charlot und Michel Pinçon, die sich intensiv mit dem Goutte d’Or beschäftigt haben, 2019 in einem Interview mit Le Monde festgestellt, dass zwar inzwischen junge Familien mit guten Gehältern sich in dem Viertel niederlassen. Es gebe also zunehmend ein räumliches Nebeneinander, aber -wie die Villa  Poissonières eindrucksvoll demonstriert-  kein Miteinander: „La population blanche va à l’école privée, la population noire à l’école publique.“ (28)  Aber das ist eine andere Geschichte und dazu mehr an anderer Stelle. (29)

Wie auch immer: Das Goutte d’Or ist  eine kleine eigene Welt für sich, die  zu erkunden ich nur empfehlen kann!

Pour en savoir plus:

ICI: Öffnungszeiten Di bis Do 10-21 Uhr, Freitag 16-21 Uhr, Samstag 10-20 Uhr und Sonntag 12-19 Uhr.  Es gibt dort auch Angebote für Spaziergänge ins Quartier: Daten und Reservierungen über www.ici.paris.fr (Château Rouge, Petite Afrique à Paris, L’Islam à la Goutte d’or und andere)

http://www.bastina.fr/voyage.php?voyage=petit-mali-a-chateau-rouge-a-paris ( ebenfalls Angebote für Spaziergänge durch das Viertel)

http://www.fgo-barbara.fr/infos-pratiques (Centre Musical Fleury Goutte d’Or – Barbara: Dort gibt es u.a. auch afrikanische Musik)

Barbès l’africaine des années 70 à nos jours. Hrsg. von der Association Salle Saint-Bruno. Paris 2011

Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot: La  Goutte d’Or, terre de tous les exodes.  In: Paris. Quinze promenades sociologique. Petite Bibliothèque Payot. Paris 2013, S. 247ff

Ergänzung 2023:

Derzeit läuft in französischen Kinos der Film  „Goutte  d’Or“. Hauptperson ist ein 35-jähriger junger Mann, der sich als „voyant“ ausgibt und, weil er damit sehr phantasievoll umgeht, viel Erfolg hat – bis eine Gruppe von  entwurzelten Jugendlichen aus Nordafrika das Viertel unsicher macht und auch ihn an den  Rand bringt….  Sehr empfehlenswert!

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Anmerkungen:

[1] . „Son nom a fait le tour du monde grâce aux miracles de ses travaux. Il aide à resoudre les problèmes quels que soient la difficulté”.

[2] Siehe Le Parisien, 15.1.2014: Marché Dejean: haro sur les vendeurs à la sauvette

[3] Aber leider nicht nur rechte: Wenn François Hollande (Le Monde, 22.12.13)  in einer Rede –ausgerechnet!- vor dem CRIF, dem Verband der französischen jüdischen Gemeinden,  „scherzhaft“ mitteilt, sein Innenminister sei „sein et sauf“ aus Algerien zurückgekehrt und das sei schon viel („C’est déjà beaucoup“), dann trägt das sicherlich nicht dazu bei, die Offenheit gegenüber den aus Afrika stammenden Menschen in Frankreich und dem „petite Afrique“ in Paris zu fördern.

[4] http://fr.wikipedia.org/wiki/Le_bruit_et_l%27odeur_(discours_de_Jacques_Chirac):  « avec un père de famille, trois ou quatre épouses, et une vingtaine de gosses, et qui gagne 50 000  francs de prestations sociales  sans naturellement travailler! »

[5] « Maintenant, il y a dix ou quinze endroits où, de manière régulière, un certain nombre de personnes viennent pour accaparer les territoires. C’est une occupation de pans du territoire, des quartiers dans lesquels la loi religieuse s’applique, c’est une occupation. Certes y a pas de blindés, y a pas de soldats, mais c’est une occupation tout de même. »  http://www.lemonde.fr/politique/article/2010/12/11/marine-le-pen-compare-les-prieres-de-rue-des-musulmans-a-une-occupation_1452359_823448.html

[6] Heute erinnert nur noch ein Straßenname an diese industrielle Vergangenheit des Viertels

[7] Der Romantitel bezeichnet übrigens eine frühere Kneipe in der rue des Islettes Nr. 12, wo auch Gervaise, die Heldin des Romans, wohnte.

[8] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/2

[9] siehe Blog-Beitrag : Chinatown in Paris. Der –im Allgemeinen unfreiwillige- Einsatz der schwarafrikanischen tiralleurs wurde übrigens lange Zeit in Frankreich kaum gewürdigt. Erst anlässlich des in Frankreich äußerst intensiv begangenen 100. Jahrestags des Kriegsbeginns scheint sich das etwas zu ändern.

[10] http://gutenberg.spiegel.de/buch/5933/3  Eine weitere Beschreibung der Wäscherei gibt es auch in den Carnets d’enquêtes par Emile Zola. La Goutte d’Or 1875 Bei der von Zola an anderer Stelle genau beschriebenen Dampfmaschine könnte es sich übrigens um ein von Cavé in Frankreich eingeführtes Modell handeln.

[11] http://www.theatreonline.com/Theatre/Lavoir-Moderne-Parisien/56

[12] http://www.huffingtonpost.fr/2012/09/18/femen-ouvrent-centre-entrainement-nouveau-feminisme-goutte-or-paris_n_1893413.html

Kürzlich wurden bei einer Theaterveranstaltung im lavoir moderne zwei Zuschauer durch Messerstiche  von einem Mann verletzt, der es aber offenbar auf die Femen-Aktivistin Inna Shevchenko abgesehen hatte. http://www.liberation.fr/societe/2014/03/29/paris-deux-spectateurs-du-lavoir-moderne-blesses-au-couteau_991332. Inzwischen gibt es aber an dem Theater keinerlei Hinweise mehr auf die Femen-Aktivistinnen. Und auch die grelle Bemalung der Fassade hat einer grauen Tristesse Platz gemacht- und einer über die ganze obere Fassade reichenden Aufforderung an die Kultusministerin, das Überleben des Theaters zu sichern.

[13] Barbès l’africaine, S.65

[14] Siehe http://www.lemonde.fr/politique/article/2013/10/21/je-pense-qu-il-est-bon-que-je-cloture-cette-sequence-a-estime-le-president_3499913_823448.html

[15] Siehe La Vie 1997 und http://www.dixhuitinfo.com/societe/article/23-aout-1996-les-sans-papiers

[16] Der Platz vor der Kirche wurde übrigens 2012 umbenannt in square « Saint Bernard – Saïd Bouziri“ – zu Ehren eines engagierten Kämpfers für die Rechte von Einwanderern.

[17] http://www.lemonde.fr/societe/article/2015/05/29/comment-sortir-de-la-jungle-parisienne_4643064_3224.html

[18] „Notre politique des migrations est un Waterloo moral“ . Le Monde, 11.6.2015   Insgesamt wurden im Winter 2015/2016 21 „campements“ von Flüchtlingen in Paris aufgelöst, ohne dass ihnen aber dafür menschenwürdige alternative Unterkünfte angeboten werden konnten – Dies wäre Aufgabe des Staates, der allerdings gegenüber Flüchtlingen eine Abschreckungspolitik betreibt. Das führt dazu, dass Asylbewerber monatelang sich selbst -und Hilfsorganisationen- überlassen  sind und auf der Straße leben. Anfang Juni 2016 hat nun die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, angekündigt, zusammen mit Hilfsorganisationen ein „camp humanitaire“ in Paris einzurichten für die etwa 60 Asylbewerber, die täglich nach Paris kommen – eine für französische Verhältnisse äußerst mutige,  ja  kühne Entscheidung…. (s. Le Monde,2.6.2016)

(18a) Dans les pas des enfants migrants de Maroc. Und: Face à ces mineurs, isolés, polytoxicomanes et violents, Paris en appelle à l’Etat. In: Le Monde, 18. Mai 2018, S. 10 und 11

Anne Hidalgo am 16. Mai 2018 auf Twitter: „Il faut sortir de l’impasse. J’appelle l’Etat à assumer ses missions et à mettre à l’abri ces réfugiés vivant à Paris dans des conditions chaque jour plus indignes.“  (Cnews 17. Mai 2018). Dies bezieht sich auf die Situation der Flüchtlinge in Paris insgesamt, aber vor allem natürlich auf die sogenannten UMAs.

s.a. https://www.lesinrocks.com/2018/04/03/actualite/que-faire-face-au-phenomene-des-enfants-des-rues-qui-prend-de-lampleur-paris-111065211/:

„Depuis un an et demi, le quartier de la Goutte-d’Or, connu de longue date pour cumuler les handicaps : pauvreté, habitat dégradé, trafics en tout genre, est confronté à un nouveau problème qui, semble-t-il, a fait franchir un palier inédit dans les difficultés que rencontrent les habitants. Des groupes de très jeunes garçons, de 14 à 17 ans, totalement „ingérables” selon le terme repris par la plupart des médias, se sont installés dans les rues et les squares du quartier et font régner la peur.“

[19] Zu Louise Michel in der Pars.:iser Commune siehe Bericht 15: 140 Jahre Commune. Über die Zeit Michels in Neu-Kaledonien gibt es einen Film von 2010: http://www.commeaucinema.com/film/louise-michel-la-rebelle-drame,124629 . Und in der aktuellen Kanak-Ausstellung im Musée Branly wird die Rolle von Louise Michel für die Würdigung der Kanak-Kultur ausdrücklich hervorgehoben.

(19a)  Siehe den Blog-Beitrag „Open your eyes“ über die Street-Art in Paris und die weiteren Beiträge zu diesem Thema (ua. zu Mosko und M. Chat) https://wordpress.com/post/paris-blog.org/8875

[20] http://www.paris-normandie.fr/breves/l-essentiel/paris-la-construction-de-la-2e-partie-de-l-institut-des-cultures-d-islam-abandonnee-CI3956675#.V0s65PmLTIU

[21] http://fr.wikipedia.org/wiki/Noix_de_kola

[22] A Paris, la révolte inédite de Chinoises sans papiers. Les cinq employees d’une onglerie du quartier “afro” de Paris sont soutenues par la CGT. Le Monde 23./24. Mars 2014, S. 9 Vorher hatte schon Libération über die Aktion berichtet: http://www.liberation.fr/societe/2014/02/26/sans-salaire-les-sans-papiers-du-salon-de-beaute-se-rebellent_983032

[23] Georg Stefan Troller, Paris geheim, S. 281

(23a) http://www.leparisien.fr/paris-75018/paris-tati-a-barbes-la-fin-d-un-mythe-12-03-2017-6755826.php#xtor=EREC-1481423604-[NL75]—${_id_connect_hash}@1

http://www.liberation.fr/futurs/2017/06/26/tati-repris-par-le-fondateur-de-la-chaine-de-magasins-gifi_1579613

[24] Paris est riche de sa diversité retrouvée. Le Monde vom 5.2.14 und http://bertranddelanoe.net/

[25] Le Figaro, 25.9.13

(26)  http://www.liberation.fr/societe/2014/01/28/quand-la-pauvrete-se-revele-dans-les-grandes-villes_975822

[27] http://www.notaires.paris-idf.fr/outil/immobilier/carte-des-prix

(28) „Dans la capitale, les inégalités s’aggravent de manière abyssale“. Le Monde 30. Januar 2019, Beilage villes de demain, S. 3

(29) Siehe den Blog-Beitrag über „Frankreich- Spitzenreiter der schulischen Ungleichheit“: https://wordpress.com/post/paris-blog.org/4630

Weitere „verwandte“ Blog-Beiträge:

Das multikulturelle, aufsässige und kreative Belleville: Modell oder Mythos?

Little India, das indische Viertel von Paris

Chinatown in Paris (3., 8., 13. und 20. Arrondissement)

Verdun 1916 – 2016: die neue Gedenkstätte/le nouveau mémorial

Im Februar dieses Jahres wurde – zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun das neu gestaltete  Museum eröffnet. Die offizielle Eröffnung findet am 29. Mai In Anwesenheit von Präsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel statt. Wir haben  es uns angesehen. Es gibt Bilder und  Eindrücke von unserem Besuch und dazu  einen Beitrag über das neue Mémorial aus dem Deutschland-Radio.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun veröffentlichte die Zeitung  Libération  einen Leitartikel ihres Chefredakteurs Laurent Joffrin:  „Verdun, le crime nationaliste“ – „Verdun, das  nationalistische Verbrechen“. Ich finde diesen Text ganz hervorragend, unter anderem,  weil er die einzig richtigen Konsequenzen aus dem damaligen Gemetzel zieht: nämlich die unbedingte Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Leider muss und kann man diese  Wahrheit ja derzeit gar nicht oft und intensiv genug verbreiten

Ich habe schließlich noch ein  kleines Referat angefügt, das ich im Mai 2014 auf einer Veranstaltung in Paris gehalten  habe, auf der es um die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ersten  Weltkriegs in Deutschland und Frankreich ging.

Die regards croisés sur la première guerre mondiale, aber nicht nur über ihn, sind ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das auch 100 Jahre nach Verdun wieder besondere Aktualität hat. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die gleichzeitig in Deutschland und Frankreich publizierten Bücher eines bewährten deutsch-französischen Autorentandems zum 100. Jahrestag von Verdun:

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Die Texte dieses Beitrags sind zum Teil in deutscher, zum Teil in französischer Sprache geschrieben. Das passt meines Erachtens gut zu einem solchen lieu de mémoire franco-allemande.

(21. Mai 2016)

 

Das neue Memorial von Verdun       

                                                                                                                                                              Am 29. Mai 2016 wurde  anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht von Verdun das neu gestaltete Mémorial von Staatspräsident Hollande und Bundeskanzlerin Merkel  offiziell eröffnet. Die Schlacht von Verdun war keinen Falls die blutigste des Ersten  Weltkrieges- An der Somme im Norden Frankreichs starben allein auf alliierter Seite 620 000 Soldaten (vor allem Briten) – in Verdun starben weniger Menschen: etwa 160 000 Franzosen und 143 000 Deutsche, und sie starben –auch nach Maßstäben des militärischen Kalküls- einen sinnlosen Tod: Der Frontverlauf vor und nach der Schlacht war fast unverändert.  Aber Verdun ist für die Franzosen ein Mythos: des heldenhaften Soldaten, des poilu,  der sein Vaterland verteidigt, und seien die Opfer auch noch so groß. Und nirgends sonst war der Schrecken der Materialschlachten, der „Stahlgewitter“, so ungeheuerlich wie in Verdun: Das kleine Bauerndorf Fleury im Festungsgürtel von Verdun wurde mit Bomben einer Sprengkraft beschossen, die der von zehn Atombomben entsprechen. Und es wurde 16 Mal –von der einen oder anderen Seite- hin und her- erobert![1]

Verdun ist aber auch ein markanter Ort der deutsch-französischen Freundschaft, der Versöhnung der sogenannten „Erbfeinde“. In Verdun reichten sich 1984 François Mitterand und Helmut Kohl die Hand – eine wunderbare symbolische Geste, ähnlich der des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau. Und kein Ort wäre dazu besser geeignet gewesen als Verdun: In dem Ossuaire von Douaumont liegen die Gebeine von 130 000 französischen und deutschen Soldaten. Eine Trennung der Nationalitäten wie auf den Soldatenfriedhöfen der Normandie aus dem zweiten Weltkrieg war hier vielfach nicht mehr möglich. Auch wenn das eindrucksvolle Beinhaus von Douaumont dem Andenken und der Erhöhung der französischen Gefallenen gewidmet war: Der Blick durch die verstaubten Fensterchen ins Innere, in das Gewirr der zusammengeworfenen Knochen, zeigt: Im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich und vereint.

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Blick auf das Beinhaus von Douaumont von der Dachterrasse des Mémorial

Die neue Konzeption des Mémorial macht das deutlich. Es ist nicht mehr –wie bisher- ein patriotischer“ lieu franco-français“, sondern er versteht sich als „lieu de mémoire franco-allemand“ (Lorrain). Dass Merkel und Hollande gemeinsam dieses neue Mémorial eröffnen, ist also nur konsequent. Ebenso, dass an dieser Einweihungsfeier auch 4000 deutsche und französische Jugendliche aus allen Départements und Bundesländern teilnehmen werden. Und es wird auch Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra  dabei sein, in dem junge Musiker aus der nahöstlichen Konfliktregion gemeinsam musizieren. Ein starkes Symbol – und Ausdruck der Hoffnung, dass so, wie die Versöhnung der „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland möglich war, in Zukunft auch einmal Israel und Palästina, Juden und Moslems, friedlich neben- und miteinander werden leben können- auch wenn das derzeit kaum noch vorstellbar ist.   

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Der neue Eingang des Mémorial- neben dem Geschütz im Kellergeschoss

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Der frühere monumentale Eingang des Mémorial

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Nicht nur im Tod sind die poilus und die Feldgrauen gleich:  Auch „im Feld“. Das wird in der Ausstellung vielfach veranschaulicht. Etwa am Beispiel der Verpflegung durch die  Feldküchen, von denen eine französische und eine deutsche (im Bild) ausgestellt sind.

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Und dazu gibt es einen typischen Wochenspeiseplan für beide Seiten:

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Montags:

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Mittwochs:

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Freitags:

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In dem Mémorial wird auch versucht, akustisch und visuell die Schrecken des Krieges erfahrbar zu machen. Man sieht auf dem virtuellen Schlachtfeld Soldaten beim Sturmangriff, man hört die Explosionen der Granaten und die Schreie der Verwundeten.

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Ich weiß allerdings nicht, ob das heutige Jugendliche mit virtuellen Kriegsspiel-Erfahrungen noch beeindrucken kann. Vielleicht hätte man ihnen –und uns- Bilder der verstümmelten Gesichter von Soldaten nicht ersparen  sollen, die die Hölle von Verdun als Krüppel  überlebt haben. Damit haben Pazifisten in der Weimarer Republik ja schon einmal versucht, ihrem Ruf „Nie wieder Krieg!“ mehr Resonanz zu verleihen– damals allerdings vergeblich.[3]

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Sehr eindrucksvoll sind allerdings die ausliegenden Blätter mit Zeugnissen französischer und deutscher Soldaten: Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen, die in Französisch, Deutsch und Englisch wiedergegeben sind.

Einige Beispiele:

Lieutenant J.-P. (France 1916): „Le bombardement dans les journées du 25 et du 26 février, a atteint une violence qui a dépasée peut-1etre celle des plus mauvais jours. Le front d’attaque s’était, en effet, rétréci; toute la force de l’artillerie ennemie pouvais se porter sur l’obstacle restreint dont elle voulait triompher: le fort de  Douaumont d’abord, puis le village de Douaumont. Les obus tombent, tombent, les tranchées s’effondrent, les cadavres s’entassent, le tumulte des éclatements martèle les cerveaux, le sol bout, le ciel se disloque. Qui pourra jamais fixer sur la plaque photographique le tourbillon des pensées, des craintes, des espoirs fous, des terreurs, des regrets, des projets, des détresses dans le cerveau du dondamné coduit à l’échafaud? Ce martyre de quelques minutes, multipliez-le par des heures, multipliez-le  par des jours, et vous aurez une idée de ce que fut la vie  des défenseurs de Douaumont sous cette artillerie saisie de delirium tremens.“

 

8. April 1916 (Unbekannter Oberleutnant aus Deutschland. Getötet am nächsten Tag):„Meine liebe Schwester, mein lieber Schwager, ich bin bei guter Gesundheit, auch wenn ich vor Müdigkeit und Schrecken halb tot bin. Ich kann Euch nicht alles beschreiben, was ich hier erlebt habe, es überstieg bei weitem alles, was bisher passiert war. In drei Tagen hat die Kompanie mehr als hundert Mann verloren. Und viele Male habe ich nicht gewusst, ob ich noch am Leben oder bereits tot bin. Und wir sind noch nicht beim Feind angekommen, doch wir gehen morgen hin, und dies ist keine einfache Sache. Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Euch wiederzusehen…. Ich habe Euer Paket erhalte, wie ich Euch bereits per Postkarte geschrieben habe, und ich habe den Inhalt sofort verzehrt, denn ich wusste nicht, ob ich es später noch tun könnte. Ich habe meinen Sold nach Hause geschickt, denn hier findet man nichts mehr zu kaufen.“

 

Karl Fritz 16. August 1916: Liebe Eltern, liebe Schwester, am 2. haben wir in Saint-Laurent das Alarmsignal gehört. Man hat uns mir Fahrzeugen abgeholt und uns zu einem Ort gebracht, der nur einige Kilometer von der Front von Verdun entfernt war. Ihr könnte Euch nicht vorstellen, was wir dort gesehen  haben. Wir befanden uns am  Ortsausgang von Fleury…. Wir haben 3 Tage in Granattrichtern liegend verbracht, dem Tod ins Auge gesehen, ihn in jedem Augenblick erwartet. Und dies ohne einen einzigen  Tropfen Wasser zum Trinken und in einem furchtbaren  Leichengestank Eine Granate bedeckt die Leichen mit Erde, eine andere gräbt sie wieder aus. Wenn man sich einen Unterstand graben will, stößt man sofort auf die Toten. …

 

Henri Tourbier (France) Extraits de ses souvenirs. Novembre 1916: „La boue, ah! Cette boue liquide! Dans les boyaux, on en avait parfoir jusqu’aux mollets. Pour s’en protéger, si l’on peut dire, on avait des espèces de bottes, en toile bitumée et semelles de bois qu’on mettait en plus des souliers. Un matin, au sortir du boyau dans lequel on évitait de glisser en jouant des coudes sur les parois, sur le plat sans appui, je mes suis étalé à plat ventre et transformé en homme de boue.

J’allais oublier les rats. Gros comme des lapins, ils couraient entre les lignes. Lors d’un cantonnement, dans un baraquement, nous couchions sur des treillages en fil de fer qui nous séparaient du sol. Les rats pullulaient. Ils vous passaient sur le corps la nuit, on se cachait la figure sous sa couverture pour s’en  protéger. On suspendait les boules de pain par des ficelles attachées aux poutres supérieures. Les rats essayaient d’atteindre les pains en desendant le long des ficelles, mais presque  toujours, ils tombaient sur le  ventre des dormeurs et s’enfuyaient…

(PS: Weitere sehr eindrucksvolle kurze Erfahrungsberichte von deutschen und französischen Verdun-Kämpfern: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-schlacht-um-verdun-erster-weltkrieg-so-furchtbar-kann-nicht-einmal-die-hoelle-sein-1.2839558-7)

 Welche Diskrepanz zu der auf beiden Seiten weit verbreiteten anfänglichen Kriegsbegeisterung, wie sie von Bildern ausrückender Truppen veranschaulicht wird:

waggon Mir juckt die  säbelspitze

2939890435_1_19 A Berlin

Aber die Hoffnung auf einen kurzen erfolgreichen Krieg hat sich nicht nur im Ersten Weltkrieg als Illusion erwiesen. Beispiele dafür liefert die Geschichte in Fülle – bis auf unsere heutige Zeit….


Drei  deutsch-französische Texte zum Thema

1. Gedenken in neuem Kleid:

Wiedereröffnung des Mémorial von Verdun

Von Jürgen König, Deutschlandradio-Korrespondent Paris[2]

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun, die zum Symbol des Massentötens im ersten Weltkrieg wurde. 1969 wurde die Gedenkstätte, das „mémorial“, auf Initiative der Veteranen gegründet. Nun ist das Museum restauriert, erweitert und umgebaut worden.

In modernem Gewand kommt das neue „Mémorial de Verdun“ daher – sein monumentaler, auf Wunsch der Veteranen 1967 errichteter  Vorgängerbau  war vor allem Gedenkstätte gewesen – nicht zum Andenken an „die Gefallenen“, sondern zum Andenken an die gefallenen Franzosen, von einer „nationalen Weihestätte“ zu sprechen, ist nicht übertrieben. Thierry Hubscher, der Direktor des „Mémorial de Verdun“:

„In Verdun haben ungefähr drei Viertel der französischen Truppen gekämpft… Diese Schlacht hat sich bei allen Familien eingeschrieben, jeder hat irgendwie in Verdun gekämpft. Und: Verdun war im 1. Weltkrieg die erste… industrielle Schlacht.“

Materialschlacht, Stellungskrieg, von exzessiver Gewalt, unglaublicher Brutalität und dabei militärisch, schaut man auf das Ergebnis: sinnlos. 310.000 Tote  – schätzt man –  167.000 auf der französischen, 143.000 auf der deutschen Seite, etwa 400.000 Verwundete, insgesamt wurden fast vier Millionen Soldaten in die Schlacht geschickt.

Vieles erhalten, Entscheidendes verändert

 Verdun – ein mythischer Ort für Frankreich – umso mutiger die Entscheidung, den alten Bau zugunsten eines neuen fast völlig verschwinden zu lassen. Im Inneren blieben nur die Betonkonstruktion und der Haupteingang stehen, letzteren ließ das Architektenbüro Brochet-Lajus-Pueyo in einem Erdwall verschwinden: man betritt das Mémorial von unten, wie durch einen Schützengraben, darüber, den Umriss des Vorgängerbaus aufgreifend, ein gläserner Neubau. Man habe, so Thierry Hubscher, den Geist des Mémorial von 1967  unbedingt erhalten wollen – wenn auch etwas Entscheidendes sich geändert habe:

„Das Mémorial war und bleibt ein Ort, dafür bestimmt, der Kämpfer von Verdun zu gedenken. Aber wir sprechen heute von den Kriegsteilnehmern, den Kämpfern von Verdun, es ist egal, welcher Nationalität sie waren. Das ist der rote Faden: „die“ Kämpfenden von Verdun. Und insofern ist das Mémorial von heute auch ein Instrument, um die Schlacht von Verdun darzustellen. Es gibt keine Zeitzeugen mehr, Verdun ist Geschichte geworden  – und also ist es wichtig, der jungen Generation die Schlacht von Verdun zu erklären und zwar mit Mitteln, die sie auch verstehen.“

Die Ausstellungsräume der Szenographen Christian Le Conte und Geneviève Noirot sind schwarz gehalten:

„Man muss die Einzelheiten herausstellen, um ein Nachdenken zu ermöglichen, ein gutes, ruhiges Lesen; man muss mit den Objekte Gruppen bilden, da ist alles französisch, hier ist alles deutsch – um so einen Blick zu ermöglichen auf die eine, wie auf die andere Seite – und so eben auch: einen Parcours durch das Ganze zu schaffen.“

Man folgt den Schritten der Kämpfenden – Granatsplitter, Menschenknochen,  Briefe, Tagebücher, Zeichnungen, Alltagsgegenstände. Erst Uniformen und Gewehre, dann Geschütze, deutsche wie französische, ebenso: Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer – die Schlacht wird „industrieller“:  im Zentrum des Gebäudes: eine von Schaukästen eingefasste 3D-Karte des Schlachtfeldes, Fotos kämpfender  Soldaten mosaikartig auf Bildschirmen, Filme. Im ersten Stock wird das Hinterland der Schlacht erfahrbar gemacht. Fotos, Dokumente, Schautafeln: Der Alltag des Führungsstabes, Grundzüge der Gefechtsführung, die Arbeit der Ärzte in den Lazaretten, das Leben der Zivilisten, die schwierige Kommunikation, die mühsame Nachschubbeschaffung. Leihgaben kommen auch aus deutschen Museen; wahrlich beeindruckend dieses Mémorial de Verdun: eine deutsch-französische Erinnerungsstätte. Im zweiten Stock dann steht man ganz oben und sieht rundherum: das Schlachtfeld – einhundert Jahre danach, hügelig, bewaldet, unendlich groß.


2. Leitartikel von Libération vom 21.2.2016

Laurent Joffrin:  Verdun, le crime nationaliste

Témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû, c’est rappeler les dangers du souverainisme et la nécessité de continuer à construire une Europe unie.

ÉDITO  Verdun ? Le symbole même de l’absurdité de la guerre ! Trois cents jours de bataille, quelque 300 000 morts, des souffrances sans nom et une débauche d’héroïsme pour revenir, un an plus tard, aux mêmes positions, dans une boue de terre, de sang et d’ossements. En Allemagne et en France, on célèbre le centenaire d’un carnage aberrant, né de la sanglante folie des hommes, décuplée par la puissance meurtrière de l’industrie. Pourtant, cette lecture édifiante ne suffit pas. A beaucoup d’égards, elle est même trompeuse et peut endormir une vigilance politique dont nous avons plus que jamais besoin.

D’abord parce que l’invocation de la simple folie n’épuise en rien les explications du massacre. Les soldats qui sont morts à Verdun n’étaient pas des fous, pas plus que les généraux qui les ont conduits à l’abattoir dans le fracas des canons et le crépitement des mitrailleuses. Les historiens ont longuement analysé la motivation des combattants. Ils ont écarté les interprétations bien-pensantes, de droite ou de gauche. Les poilus de Verdun, pas plus que les «Feldgrau» allemands, ne sont pas allés se faire tuer dans l’enthousiasme patriotique qu’on a décrit. Mais leur courage sous le feu n’est pas seulement né de la contrainte imposée par des ganaches ivres de gloire et de revanche. Le sacrifice a été largement consenti, comme un devoir civique qu’on estimait légitime et inévitable, sans joie mais sans colère. Ni fanatiques ni simples marionnettes… Les «mutins» eux-mêmes, justement réhabilités par Lionel Jospin, Jacques Chirac et François Hollande, n’étaient ni des lâches, ni des déserteurs, ni des objecteurs de conscience. Ils refusaient de monter à l’assaut pour rien. Mais ils ne fuyaient pas le champ de bataille.

Et surtout, tous ces soldats sacrifiés pensaient se battre pour un idéal. Les Français se croyaient engagés dans une «guerre du droit» que les exactions allemandes du début de la guerre semblaient justifier ; les Allemands étaient mus par la peur de l’encerclement que l’alliance franco-russe avait matérialisée. Des deux côtés, la cause semblait juste. Pour ces raisons, les combattants de Verdun méritent le respect dû au sacrifice, et non la commisération désinvolte accordée aux victimes ou aux simples d’esprit.

Un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie

L’affaire, en fait, est bien plus politique. Verdun, comme la Somme ou le Chemin des Dames, n’est pas né de la folie mais de l’idéologie. Verdun, c’est le paroxysme infernal du nationalisme. La montée en puissance des Etats-nations, qu’aucune sagesse internationale n’a réussi à dompter au XIXe siècle, a créé le nationalisme, le militarisme, la volonté de conquérir, la domination de la raison d’Etat sur les droits universels, la paranoïa des gouvernants qui pensent que l’ennemi veut les détruire à la première occasion, parce qu’ils remuent envers lui des pensées analogues. La peur de Poincaré et des généraux russes face à la puissance allemande a pour pendant la panique de Guillaume II ou des généraux autrichiens devant l’impérialisme russe ou l’esprit de revanche des Français. Ces logiques sont irrésistibles, comme le montre le formidable livre de Christopher Clark (1). Volontaires ou non, conscients ou irresponsables, les leaders européens ont conduit comme des somnambules le continent à l’abîme, ruinant des nations entières, tuant des millions d’hommes et de femmes, brutalisant les sociétés modernes, annonçant d’autres carnages de masse, faisant naître dans la convulsion les deux totalitarismes, nazi et stalinien, qui ont ensanglanté le XXe siècle.

Or, on n’a trouvé qu’un seul remède à cette maladie mortelle : la construction d’une Europe unie, qui écarte pour des générations le spectre de la guerre. Cette Europe même qui se défait aujourd’hui sous la poussée des souverainistes, impuissante devant la crise migratoire, incapable de rassurer les peuples et de contenir l’effrayante renaissance des fanatismes identitaires. On dira que nous sommes loin d’un conflit armé, que les populismes européens ne sont pas militarisés, qu’aucune volonté de conquête n’anime les sociétés européennes. On dira en un mot que nul ne songe à se battre. C’est faire preuve d’un aveuglement stupide. L’Histoire, dont la cruauté éclate à Verdun comme dans tant de lieux, montre qu’une fois le diable nationaliste sorti de sa boîte, il n’y rentre pas sans de grands massacres. On croit la paix établie, on vit dans l’oubli de la guerre. Pourtant, sous nos yeux, à quelques centaines de kilomètres de Paris, le nationalisme soudain ressuscité par la chute du communisme a ravagé les Balkans il y a vingt ans et il a déclenché une guerre en Ukraine qui est toujours en cours. La guerre impossible ? Dangereuse naïveté à l’échelle de l’Histoire ! C’est donc une irresponsabilité insigne que de laisser dépérir l’idéal européen sous prétexte de difficultés transitoires à l’échelle du temps long, comme les migrations ou la crise de l’euro. Le souverainisme est criminel. Il faut le rappeler inlassablement : l’union du continent est notre seule parade contre la violence constitutive des sociétés et des nations. C’est la seule manière de témoigner aux combattants de Verdun le respect qui leur est dû.

  • Christopher Clark, «Les Somnambules, comment l’Europe a marché vers la guerre», Flammarion

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3. Der Erste Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis in Deutschland und in Frankreich

Contribution de Wolf Jöckel  à la réunion de la GIAA du 24.5.14

La première guerre mondiale ne joue pas –contrairement à la France- un grand rôle dans notre mémoire. Pour moi c’est frappant et touchant, de voir avec quelle intensité on se souvient de cette guerre-là en France. Il n’y a  rien de comparable en Allemagne.

L’historien Nicolas Offenstedt, un des spécialistes   français de la première guerre mondiale, a établi une typologie des différentes formes de mémoire de la première guerre mondiale.  D’après lui il s’agit en France d’une  mémoire sociale, c’est à dire une mémoire bien ancrée dans la société. En Allemagne par contre c’est une mémoire occultée.

La différence est déjà visible dans la terminologie. En France on parle de la Grande Guerre, en Allemagne on utilise uniquement l’expression  la première guerre mondiale.

Cette  différence  devient évidente si l’on compare les lieux de mémoire: En France les monuments aux morts sont  implantés au milieu de toutes les villes et tous les villages, en Allemagne ils se trouvent  plutôt installés dans les cimetières ou dans les églises, en tout cas ils sont moins visibles. (Lors de ma visite récente dans la ville allemande, où j’habite/j’ai habité 30 ans -Oberursel, près de Francfort-, j’ai découvert qu’il y a aussi un monument pour les morts de la première guerre mondiale : Une grande colonne avec un Jésus grandeur nature près de l’église protestante- donc pas un lieu très centrale,  parce que la ville était jusqu’à la deuxième guerre mondiale une ville presque exclusivement catholique. Jusqu’à maintenant je n’ai pas remarqué la destination de cette colonne ni l’inscription : Pour honorer la mémoire des morts, pour que les vivants se souviennent et que la jeunesse comprenne/apprenne.  1914- 1918. (Den Toten zur Ehre, den Lebenden zur Mahnung, der Jugend zur Lehre.)

Il y a plusieurs explications pour cette différence:

  • L’Allemagne a perdu la guerre- donc aucune vénération de l’héroîsme victorieux des combattants était
  • La guerre ne se déroulait pas sur le sol allemand – à quelques exceptions- contrairement en France où la guerre s’est creusée dans le paysage et où elle a laissée d’ innombrables lieux de mémoire– comme à Verdun, dans la Marne ou dans la Somme.
  • Mais surtout et c’est décisif : pour nous, Allemands, la seconde guerre mondiale  c’est la grande guerre –même si on n’emploie pas cette expression. Parce qu’elle a eu des conséquences atroces et énormes: les provinces à l’est de l’ Oder furent  annexées par la Pologne et l’Union soviétique (la Silésie, la Poméranie, la Prusse orientale, dont la population fut expulsée), il y a eu un nettoyage ethnique en Europe centrale et en Europe de l’Est –au total plus de 12 millions d’Allemands ont dû fuir ou furent expulsés; toutes les grandes villes allemandes furent détruites par les bombardements, le pays fut occupé et divisé, des familles déchirées, l’Allemagne était devenue  le théâtre d’une éventuelle troisième guerre mondiale et les Allemands ont dû vivre avec la culpabilité pour cette guerre terrible et pour l’extermination des juifs.

Mais qu’est-ce qui reste quand même de la première guerre mondiale dans la mémoire collective allemande, qu’est-ce qui est encore présent de cette guerre dans le débat public allemand?

A mon avis ce sont trois aspects:

  1. La réserve de l’Allemagne quant aux engagements militaires
  2. Le traumatisme de l’inflation
  3. La question de savoir où sont les responsabilités  pour le déclenchement de cette guerre

Ad 1:  L’anti-interventionnisme militaire allemand  est certainement surtout un produit de la seconde guerre mondiale. Mais la première guerre mondiale a aussi   contribué à cette réticence allemande. Les deux guerres sont souvent mises en relation  sous le titre d’une autre  guerre de trente ans,  à l’origine de laquelle il y aurait  l’impérialisme allemand et le  militarisme prussien. Le changement radical de cette tradition allemande était un but primordial des alliés et on peut dire qu‘il fut internalisé par les Allemands et surtout par les jeunes Allemands d’après-guerre grâce à une éducation antifasciste et démocratique.

Donc  il est bien compréhensible que l’Allemagne soit  très réservée au sujet des actions militaires par ex. en Irak, en  Libye,  au Mali ou en Centrafrique.  Contrairement à la France où le  président  Sarkozy s’enorgueillit d’envoyer  des avions Mirage à la Libye et où le président  Hollande parle d’une „belle mission” en Centrafrique. Un discours pareil serait totalement impossible en Allemagne. Pour nous la mission de la Bundeswehr était longtemps limitée à la stricte défense  des frontières allemandes où de l’OTAN.  Pour justifier le premier  engagement extérieur de la Bundeswehr,  dans les Balkans,  le ministre des affaires étrangères de cette époque, Joschka Fischer, a parlé de la nécessité d’empêcher un nouvel  Auschwitz! Donc  un „plus jamais ça“  allemand –celui de plus jamais Auschwitz- était appliqué pour contourner  le principe de la stricte réticence militaire allemande.  (En France la situation est bien différente  à cause de la tradition coloniale de la « grande nation », de la conception française de l’intervention humanitaire et, bien-sûr, du traumatisme de « Munich »)

Ad 2:  Deuxième aspect: Le traumatisme allemand de l’inflation: L’inflation a déjà commencée pendant la guerre, mais elle était surtout une conséquence; conséquence du financement de la guerre (le slogan allemand : J’ai donné de l’or pour le fer) les réparations énormes dictées par les vainqueurs et l’occupation de la Ruhr par les troupes françaises 1923.  Mon grand -père n’a jamais parlé de la première guerre mondiale. Mais il a souvent parlé de l’inflation de 1923, et cela m’a beaucoup impressionné: Au début de l’année,  il  touchait son salaire chaque mois comme d’habitude. En novembre il était payé chaque jour et c’étaient tellement de billets  que mon grand-père  devait prendre un caddie pour les transporter.  Et, après avoir reçu l’argent,  il s’est précipité dans le magasin le plus proche, pour acheter hâtivement quelque chose, avant que l’argent reçu n’ ait déjà perdu sa valeur.  Quand j’étais enfant  je collectionnais des timbres et je pouvais très bien voir combien le coût d’une lettre a évolué: Au début de l’année c’était un Reichsmark, puis cent, puis mille, puis dix mille, et en novembre enfin un milliard!  Il faut s’imaginer ça!

La conséquence de ce processus était l’expropriation et la paupérisation des couches moyennes surtout, qui ont perdu toutes leurs économies, ce qui a favorisé l’essor de Hitler. Et cette inflation joue un rôle majeur dans la mémoire allemande.  Parmi les angoisses des Allemands  – d’après des sondages d’opinions actuels-  la première place est tenue par la peur de l’inflation, après c’est la peur de l’endettement de l’Etat même si  le budget de l’Etat allemand est équilibré et  si l’endettement de l’Etat  diminue. Et c’est encore plus étonnant  parce qu’on parle actuellement en Europe beaucoup d’un danger de déflation. Mais les Allemands ont depuis 1923 peur d’une nouvelle inflation… tellement cet événement et ses conséquences sont ancrées dans la mémoire.  (En France  par contre- la peur primordiale est la peur de chômage et au deuxième rang  la peur d’une dégradation de la situation économique). La traumatique peur allemande de l’inflation explique aussi  le statut spécifique de la BCE: La France  avait demandé l’introduction de l’Euro en échange de son consentement à la réunification. Pour l’Allemagne une condition sine qua non pour renoncer au Deutsche Mark  était que la BCE soit construite d’après le modèle de la Bundesbank – et au lieu de la Bundesbank, à Francfort-  avec la tache primordiale de garantir la stabilité des prix. (Et par conséquence  le financement des états membres était exclue – parce que potentiellement source d’inflation).

Ad 3: Troisième aspect: La question de la responsabilité pour la première guerre mondiale. S’ il y a quelque chose, qui joue un rôle dans cette année de commémoration en Allemagne, c’est cette question. Elle était déjà posée pendant la guerre elle-même et surtout après la guerre, à cause de l’article 231 du Traité de Versailles, qui a attribué à l’Allemagne et l’Autriche la seule culpabilité pour cette guerre.  Les Allemands ont dans leur grande majorité vécu cette article comme une des injustices du „diktat de Versailles“. Pour la plupart des Allemands,  cette guerre était une guerre défensive, d’où  l’approbation des crédits de guerre par la majorité des socialistes dans le Reichstag. Et l’historiographie allemande a vu dans les années vingt son devoir –plutôt politique- de prouver, que l’Allemagne n’était pas le seul responsable de la guerre. Mais c’était similaire dans d’autres pays, que l’historiographie était au service de la politique. On sait par ex., qu’ en France même des documents furent retouchés pour soutenir le rôle strictement défensif du pays  et que le grand historien français de la Grande Guerre dans les années vingt, Pierre Renouvin,  a reçu des moyens du gouvernement français pour prouver la justesse de l’article 231.

Au début des années 60,  il y eut en Allemagne une polémique très vive sur les thèses du professeur Fritz Fischer, qui a voulu prouver la seule responsabilité de l’Allemagne pour la première guerre mondiale. D’après lui l’Allemagne a déclenché la guerre pour devenir une puissance mondiale comme la Grande Bretagne ou même en la dépassant.  Cette thèse était pour nous jeunes étudiants très appropriée pour nos discussions avec la génération de nos pères. Mais Fischer s’était  totalement concentré sur l’Allemagne et s’est appuyé seulement sur des documents allemands. Aujourd’hui on sait, qu’aussi l’Autriche-Hongrie,  la Russie, la Serbie, même la Grande Bretagne  et bien-sûr la France ont joué un rôle important dans le déclenchement de la première guerre mondiale. Maintenant il y a des monographies sur ces sujets. Et il y a „Les Somnambules“, le grand exposé de l’historien australien Clark sur les responsabilités partagées. Le livre de Clark, publié l’année dernière, était et reste un succès énorme en Allemagne.

L’intérêt actuel pour les origines de la Grande Guerre en Allemagne n’est pas seulement une conséquence du centenaire de 1914. Et non plus seulement de la volonté, de libérer l’Allemagne d’un complexe de culpabilité pour toutes les catastrophes du siècle dernier. Mais ce succès a ses origins aussi dans  la crise ukrainienne, où on parle déjà d’une troisième guerre mondiale. On sait que John F. Kennedy a lu pendant la crise des missiles à Cuba le livre de Barbara Tuchman “August 1914”. Et maintenant en lisant le livre de Christopher Clark on peut se demander s’ il n’y pas parmi les acteurs de la crise pas mal de somnambules, qui n’ont pas assez de conscience de ce qu’ils font.  Et je crois, que le très fort engagement allemand d’encourager une solution pacifique de cette crise, vient aussi de la volonté de n’être pas en 2014 un somnambule comme cent ans avant.

Anmerkungen:

[1] François-Guillaume Lorrain:  Un mythe français. Pourquoi et comment cette bataille a si vite marqué nos mémoires? In: Le Point 1916. Mémorial de Verdun, 100 ans après. Édition spéciale

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/gedenken-in-neuem-kleid-wiedereroeffnung-des-memorial-von.2165.de.html?dram:article_id=34606

[3] Aus: Weimarer Republik. Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg und dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Köln. Berlin 1977

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zum Ersten Weltkrieg:

Normandie (Teil 2): Schattenseiten der Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist der zweite Teil des Normandie-Berichts. Im ersten ging es um die  „allgegenwärtige Vergangenheit“ und die touristische Vermarktung des D-day. In diesem Teil werden Aspekte angesprochen, die sich dafür wenig eignen und die –immer noch- eher ein Schattendasein  fristen:  Es geht um die zivilen Opfer, die es vor, während und nach der Landung der Alliierten in der Normandie gab.

  • Am Beispiel der französischen „Runinenhauptstadt“ St. Lô berichte ich davon, wie nach unseren Beobachtungen dort an die französischen zivilen Opfer der alliierten Bombardements erinnert wird. 
  • Das Denkmal in Grandcamp für die „groupes lourds“ ist für mich Anlass, auch etwas zur Rolle der französischen Bomberbesatzungen in der RAF und ihre Beteiligung an den alliierten Landungsoperationen zu schreiben.
  • Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Mont-de-Huisnes hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass unter den zivilen Opfern  dieser Zeit auch deutsche Säuglinge und Kinder waren, die unter ungeklärten Umständen in französischen Internierungslagern ums Leben kamen.

Das sind alles sehr sensible Themen –für mich auch aus ganz persönlichen Gründen- aber es ist sehr schön und ermutigend, dass man inzwischen darüber mit französischen Freunden und in der Normandie mit Einheimischen offen reden kann. Das hat diesen zweiten Teil des Normandie-Berichts sehr bereichert. Aber es  soll auch ganz klar gesagt werden: Ich schreibe als interessierter Besucher und Freund der Normandie, nicht als Historiker. Es handelt sich also nicht um einen Text mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern um einen durch etwas ergänzende Lektüre und Gespräche fundierten persönlichen Erfahrungsbericht.

 

  1. Die Opfer der Bombardements. Der Fall St. Lô

In einer  Broschüre des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge findet sich folgende Information: „Weit über 100000 Menschen starben im Sommer 1944 während der Kämpfe nach der alliierten Landung in der Normandie – Amerikaner,  Briten, Deutsche, Franzosen, Kanadier, Polen und Angehörige vieler anderer Nationen. 14 000 französische Zivilpersonen fielen den Kämpfen, vor allem den schweren alliierten Bombenangriffen, zum Opfer.“

Vor, während und nach der Landung war die Normandie Ziel massiver alliierter Bombenangriffe. Bombardiert wurden nicht nur deutsche Militäranlagen; auch strategische Anlagen wie Straßen, Brücken, Bahnhöfe und Hafenanlagen wurden angegriffen, um die Verlagerung deutscher Truppen in die Landungszonen zu erschweren bzw. zu verhindern. Und es traf auch ganze Städte wie St. Malo, Le Havre, Rouen, Lisieux, Caen und St. Lô.

Das Schicksal dieser Städte und der betroffenen Menschen ist von der offiziellen französiscchen Erinnerungspolitik lange ausgeblendet worden. Erst am 6. Juni 2014, 70 Jahre nach der Landung in der Normandie, hat Francois Hollande in seiner Rede im Mémorial de Caen dieses offizielle Schweigen beendet und das „schwarze Loch der Erinnerung“ (trou noir de la mémoire) geschlossen, in das die zivilen französischen Opfer der alliierten Bombardements gefallen waren.(0)

Wenn ich im Folgenden den Fall von St. Lô exemplarisch darstelle, weiß ich also, dass ich mich mit diesem Thema auf historisch und politisch sensibles Gelände begebe. Aber es handelt sich hier um einen für mich aus ganz persönlichen Gründen sensiblen Gegenstand. Denn ich bin in Darmstadt aufgewachsen, das am 11.9.1944 von britischen Bomberverbänden fast vollständig zerstört wurde. Ziel waren nicht die Industriegebiete der Stadt, sondern  –im Sinne der sogenannten „moral-bombing“- Strategie des Luftmarschalls Harris – das historische Stadtzentrum und die dicht besiedelten Wohngebiete. 12.300 Menschen kamen allein in dieser Nacht in Darmstadt ums Leben. Hier setzte das bomber command zum ersten Mal eine neue fächerartige Strategie des  Flächenbombardements ein, die dann in Dresden erneut ihre grausige Effizienz bewiesen hat. Am 11.9. 1944 hat Darmstadt seine „Brandnacht“ erlebt –so wie St. Lô schon drei Monate davor seine „nuit de feu“. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als Kind durch die Trümmerwüste Darmstadts gelaufen bin und in Trümmern gespielt habe. Und wenn ich Bilder des zerstörten St. Lô sehe, dann denke ich auch an die Trümmer Darmstadts.[1]

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© http://www.samuel-beckett.net/StLo.htm

Dass der Landung der Alliierten ein massiver Einsatz der Luftwaffe vorausgehen und sie begleiten sollte, war ein wesentlicher Bestandteil der Planungen. Die Luftüberlegenheit der Alliierten war überwältigend und diese Trumpfkarte sollte voll ausgespielt werden. Die alliierten Bombardement französischer Ziele hatten im März 1942 begonnen: Da waren die Produktionsanlagen  von  Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris das Ziel. Und bei diesen und den  folgenden Bombardements gab es erhebliche zivile Opfer, so dass z.B. André Gide sich fragte, was der Nutzen dieser Bombardements sei, die das Leben vieler Tausender Franzosen kosteten, „et ne causent guère de dommages aux Allemands… à quoi riment ces saccages inutiles?“ (zit. von Robert A. Paxton in: La France de Vichy, 1973 p. 289) Und Paxton schreibt dazu: „Die zu den Meistern der Zerstörungstechnik gewordenen Amerikaner lassen Tonnen von Sprengstoff vom Himmel regnen. Hinter der Handvoll Anhänger, die Vichy 1943 und 1944 noch hatte, stehen Tausende und Abertausende Franzosen, die sich zwar von den Deutschen befreien wollen, aber nicht um den Preis eines solchen Massakers.“

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Und für die deutsche Propaganda waren  diese Bombardements ein willkommener Anlass Ressentiments gegen die Alliierten zu schüren. (Abbidung bei Roberts, What Soldiers do, S. 22).

Auch die alliierten Strategen sahen durchaus das  Problem, dass bei  den im Zuge der Landungsoperationen geplanten intensiven Luftangriffe sehr wahrscheinlich auch viele Zivilpersonen getötet würden, die zu befreien das Kriegsmotto war. Zu den Kritikern  eines massiven Luftwaffeneinsatzes in den zu befreienden Staaten  gehörte  sogar der Chef der US-Luftstreitkräfte in Europa, General Spaatz. „Viele tausend Franzosen“, schrieb er anlässlich der Invasionsangriffe an seinen Vorgesetzten Eisenhower, „werden  in diesen  Operationen  getötet werden und viele Städte verwüstet. Ich fühle mich in einer gemeinsamen Verantwortung mit Ihnen und sehe mit Schrecken eine Militäroperation, die Vernichtung und Tod breit in  Länder hineinträgt, die nicht unser Feinde sind, insbesondere, wo  die aus diesen Bombardements zu erzielenden  Resultate noch gar nicht als ein entscheidender Faktor nachgewiesen  sind.“[2]

Die alliierten Oberkommandierenden setzten sich aber über diese Bedenken hinweg. Das im Süden der Landungsstrände gelegene St. Lô bekam die Konsequenzen mit aller Wucht zu spüren. St. Lô galt den Alliierten als „Schlüsselstadt der deutschen Armee“, deren Zerstörung sie deshalb für erforderlich hielten – auch wenn der militärische Nutzen gering war: In der Stadt befanden sich während des Bombenangriffs offenbar keine deutschen Truppen, und es waren nicht die Ruinen der Stadt, die die Heranführung deutscher Truppenverbände be- bzw. verhinderten, sondern deren gezielte Bombardierung.  Wie auch immer:  In der Nacht vom 6. auf den 7. Juni –also gleichzeitig mit der Landungsaktion- wurde die Stadt in zwei Angriffswellen  amerikanischer und britischer Bomber fast völlig zerstört.  Bodentruppen griffen die Stadt  Ende Juni an, deren Eroberung und Befreiung erst am 24. Juli abgeschlossen  war. Die Stadt galt danach als „capitale des ruines“, wie der damalige Staatspräsident Vincent Auriol St. Lô bei einem Besuch 1948 nannte.[3]  Übernommen hat er diesen Begriff von Samuel Becket. Der verbrachte zwischen August 1945 und Januar 1946 als freiwilliger Helfer des Irischen Roten Kreuzes sechs Monate in St. Lô. Im Juni schickte er  an den Irischen Rundfunk  einen  Text mit der  Überschrift  „The capital of ruins“, in dem er den  Zustand der „in einer Nacht von der Landkarte gestrichenen“ Stadt beschreibt, aber auch die Hoffnung auf ihren Wiederaufbau – übrigens, wie er mitteilt- auch mit Hilfe des Einsatzes deutscher Kriegsgefangener.[4] Dass zunächst übrigens ein Wiederaufbau der Stadt durchaus umstritten war, ist verständlich angesichts ihres Zustandes nach den Bombenangriffen, der von einem amerikanischen Beobachter sehr anschaulich so beschrieben wurde:

„The city looked as though ist had been pulled up by its roots, put through a giant mixmaster then dumped back out again.“ (cit. bei Mary Louise Roberts: What Soldiers do. Chicago/London. o.J., S. 25)

In der von mir konsultierten Literatur gibt es unterschiedliche Angaben zu den Opferzahlen (zwischen 450 und 1500). Das kann und will ich auch gar nicht beurteilen. Interessant für mich ist die Art und Weise, wie das Bombardement heute  beschrieben wird,  – es war ja immerhin sogenanntes friendly fire, durch das  viele Bewohner von St. Lô umkamen.

In dem Bericht eines Zeitzeugen, den ich im Internet gefunden habe, wird die damalige Reaktion auf die ersten gezielten Angriffe auf den Bahnhof so beschrieben:

Wir lehnen uns an das Fenstergeländer und verfolgen das Spektakel. Wir sehen, wie diese Jagdbomber auf den Bahnhof herabstürzen, im letzten Moment wieder hochziehen, steil nach oben steigen, eine große Kurve fliegen und zum Ziel zurückkehren. Wie im Kino. Beinahe hätten wir unseren Freunden für ihren Mut und ihre Gelassenheit applaudiert und die so ungeschickten Deutschen ausgebuht! Diese befreundeten Flieger bestärken uns in der Überzeugung, dass die Alliierten nicht blindlings Ziele bombardieren, bei denen Zivilisten in Gefahr geraten. Dieses Rodeo bestärkt uns in der Überzeugung, dass die Zeitungen und der Rundfunk lügen, wenn sie die alliierten Piloten bei solchen Einsätzen so darstellen, als würden sie sich nicht um die Zivilbevölkerung kümmern. Ganz klar: „Radio-Paris lügt, Radio-Paris ist deutsch.“ [5]

[5]

Das „absolute Vertrauen“ zu den alliierten Befreiern habe sie allerdings 48 Stunden später fast das Leben gekostet. Denn der Flugblattabwurf durch Lufteinheiten zur Warnung der Bevölkerung gelang nicht. (Wikipedia) In der französischen Version heißt es etwas präziser: Am Vortag abgeworfene Warnflugblätter wurden vom Wind in die benachbarten Gemeinden verweht.[6]  Es gab offenbar auch eine Warnmeldung des BBC, die aber nicht empfangen  werden konnte, weil die deutschen Truppen alle Radiosender konfiskiert hatte.[7] Erstaunlich aber, dass es anscheinend keine Verbindung zur Résistance gab, die gerade in dieser Gegend durchaus aktiv gewesen ist.[8]

In der Nacht des Débarquement wird die Stadt und werden  ihre Bewohner also völlig unerwartet erneut und massiv bombardiert. Der Angriff habe sich –so noch einmal Wikipedia.fr- auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk konzentriert. „Im Gefängnis kamen mehr als 200 Gefangene, darunter 76 Männer des Widerstands, ums Leben (heute ist nur noch das Tor des Gebäudes erhalten). Die Zahl der Toten beläuft sich auf über tausend.“ [9] Diese Darstellung ist etwas widersprüchlich: Auf der einen Seite wird mitgeteilt, der Angriff habe sich auf den  Bahnhof und das Elektrizitätswerk  konzentriert- dazu passt allerdings nicht, dass auch das davon weit entfernte Gefängnis getroffen wurde und es passen dazu auch nicht die hier angegebenen hohen Opferzahlen. Der Widerspruch ist wohl so zu erklären, dass es zwei Angriffswellen gab[10]; zunächst eine amerikanische, die auf strategische Ziele konzentriert war, und danach eine britische, die dann der Stadt insgesamt galt – eine Form militärischer Kooperation, die es auch bei der Bombardierung deutscher Städte gab.

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Denkmal für durch die Bombardements im Gefängnis ums Leben gekommenen Widerstandskämpfer

Auf der offiziellen Website der Stadt St. Lô werden die  damaligen Ereignisse so  dargestellt:

„Im Morgengrauen des 6. Juni landeten die Alliierten. Gegen 20 Uhr wurde die Stadt bombardiert. Die Nacht vom 6. auf den 7. Juni sollte zur „Nacht des Feuers“ werden. …

Am 18. Juli um 18 Uhr marschiert die Task Force C der 29. US-Division in Saint-Lô ein. … Die Stadt bleibt bis zum 24. unter feindlichem Artilleriefeuer, was fast 500 Opfer fordert und zu einer zu 95 % zerstörten Stadt führt.“ [11]

Ich finde diese Darstellung sehr bemerkenswert:  Da wird mitgeteilt, dass die Stadt am 6. Juni bombardiert wird. Das erinnert mich an meine Zeit als Deutschlehrer, als ich im Mittelstufenunterricht das Passiv unter dem Stichwort „Täterverschweigung“ behandelt habe, ein  spannender Gegenstand für einen fächerübergreifenden Unterricht. Beispiele dafür lieferten jedenfalls  Darstellungen zur deutschen Geschichte leider reichlich: Da wurden Bücher verbrannt, da wurden  jüdische Geschäfte boykottiert und zertrümmert, Juden in Deutschland und im besetzten Europa wurden erfasst, wurden in die Todeslager transportiert und dort umgebracht, da wurden die Männer des 20. Juli zum Tode verurteilt usw….  Und keine Täter weit und breit…

In St. Lô wird also die Stadt –ebenfalls „täterlos“- bombardiert. Mag sein, dass vielen Besuchern der Website klar ist, wer da bombardiert hat. Ich erinnere mich allerdings noch an frühere  Zeiten, als ich in alten Reiseführern von sozusagen anonymen Bombardements normannischer Städte  im Sommer 1944  gelesen habe und selbstverständlich davon ausgegangen bin, dass das die deutsche Luftwaffe gewesen sein müsse.[12] Gewundert habe ich mich damals allerdings etwas darüber,  wozu die Luftwaffe 1944 angesichts der totalen alliierten Lufthoheit angeblich noch in der Lage gewesen ist….

Aber noch einmal zurück zur Website der Stadt  St. Lô: Ganz „täterlos“  geht es dort dann  doch nicht zu: Denn man erfährt, dass die Stadt, nachdem sie am 18. Juli  von amerikanischen Truppen erobert worden war, bis zum 24. Juli „unter dem Feuer der feindlichen Artillerie“ lag, „die  fast 500 Opfer und eine zu 95% zerstörte Stadt zurückließ.“  Sehe ich das richtig, dass hier bewusst oder zumindest fahrlässig eine falsche Fährte gelegt und nahe gelegt wird, dass die deutsche Artillerie St. Lô in Schutt und Asche gelegt hat?

Bei unserem Besuch in St. Lô im April 2016 hat uns auch interessiert, wie die Stadt  heute an die zivilen Opfer der Bombardements erinnert. In einem Bericht von Paris Match über die „villes martyres“  (13.-18. August 2015) heißt es dazu: „C’est l’autre face de la victoire, celle qu’on ensevelit… sous le silence.“  Die Bewohner des völlig zerstörten Le  Havre würden heute noch auf eine Gedenkstätte für die Opfer der Bombardements warten.[13] Zu St. Lô hatte ich allerdings gelesen, dass es irgendwo ein entsprechendes Denkmal geben musste. Wir stellten unser Auto am Marktplatz ab, an dem sich auch die erhaltene Eingangstür des ehemaligen Gefängnisses befindet mit dem Denkmal für die Widerstandskämpfer. Dort waren gerade zwei städtische Angestellte beschäftigt, die wir fragten. Sie konnten uns allerdings keine Auskunft geben und verwiesen und auf das Touristenbüro. Auf dem Weg dorthin besuchten wir die im Krieg ebenfalls zerstörte Kirche St Paul, in der eine sehr eindrucksvolle lange Liste der zivilen Opfer St. Lôs „in der Schlacht der Normandie vom 1. April bis 30. September 1944“ ausgestellt ist, von der hier nur ein kleiner Teil wiedergegeben ist.

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In einem benachbarten Café und Tabac fragten wir nach einem Stadtplan und nach dem Ort des Denkmals. Auch hier große Ratlosigkeit, aber auch große Hilfsbereitschaft: Der Besitzer verwies uns zunächst auf das Résistants- Denkmal auf dem Marktplatz und war dann sichtlich betroffen, dass er keine richtige Auskunft geben konnte.  Er holte  ein dickes Buch über die Geschichte St. Lôs herbei und suchte darin –vergeblich- nach Informationen zu dem Denkmal. Auch eine Kollegin wusste keinen Rat. Auf dem Stadtplan, den er uns gab, fand ich schließlich die Markierung eines –nicht näher bezeichneten- Monuments: Wir machten uns auf den Weg und hatten auch wirklich Glück: Am Rand des Felsens, auf dem die Altstadt von St. Lô liegt, ist in einiger Höhe das Denkmal angebracht „zur Erinnerung an die Opfer des Bombardements, das die Stadt St. Lô am 6. Juni 1944 zerstörte.“ Hier wird also –anders als in der Kirche- ganz konkret an die Opfer der nuit de feu erinnert.

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Und gleich nebenan befindet sich der Eingang zu den –„von den Besatzungstruppen zwischen 1943 und 1944 gegrabenen“ unterirdischen  Stollen, in denen nach Angaben der Erinnerungsplakette am 6. Juni 1944 mehrere hundert Personen Zuflucht fanden – wäre die Bevölkerung gewarnt worden, hätten es sicherlich noch viel mehr sein können….

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Und es gibt schließlich gleich daneben eine Informationstafel über die Kriegszeit St. Lôs mit Informationen über die Zerstörung und den Wiederaufbau der Stadt, über den französischen Widerstand, die alliierten Befreier, aber auch –exemplarisch- über einen deutschen  Soldaten, der in einem Bild mit Frau und Kind abgebildet ist. Von der russischen Front war er nach der Landung der Alliierten in die Normandie verlegt worden. In einem Brief an seine Frau vom 22. Juni bedauert er, dass er nicht am Geburtstag seines kleinen Sohnes Fred zu Hause sein  kann. „Vielleicht das nächste Mal“. Das nächste Mal gab es aber nicht. Bei den Kämpfen  um St. Lô wurde er getötet und ist seitdem vermisst. Auf unserer Erkundung der Spuren der Vergangenheit in der Normandie war dieser Blick auf die „andere Seite“ eher außergewöhnlich und hat uns sehr berührt.

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  1. Die Rolle der französischen groupes lourds

Ich habe nicht herausbekommen, welche britischen Bomberverbände St. Lô bombardiert haben. Ich kann deshalb auch nicht ausschließen, dass es nicht nur die Bomben der Amerikaner und Briten waren, sondern auch die eigener Landsleute, die an der Zerstörung der Stadt beteiligt waren.   Und damit komme ich zu einem weiteren höchst sensiblen Thema, nämlich der Rolle der französischen groupes lourds, die im Rahmen des bomber comand eingesetzt wurden. Auch dieses Thema geht mir aus persönlichen Gründen sehr nahe, weil wir in unserem Pariser Bekanntenkreis zwei liebe Menschen haben, deren   Väter bei den groupes lourds engagiert waren. Die Besatzungen dieser Halifax-Bomber haben in einer eigenen Einheit, aber im Rahmen des Bomber Command der RAF, ihren Beitrag zum Kampf gegen das faschistische Deutschland geleistet. Dass dazu vor allem „destruction de l’Allemagne nazie“ gehörte, versteht sich von selbst. In der Selbstdarstellung der Veteranen und Angehörigen der groupes lourds wird das dann weiter erläutert: Zerstörung „seiner Häfen, seiner Eisenbahnstrecken, seiner Fabriken. Sie hatten das industrielle Potenzial des Feindes geschwächt.“ Dass ganz unbestreitbar zu den Einsätzen der groupes lourds -zumindest: auch- Flächenbombardements deutscher Städte gehörten, ist hier allerdings ausgeblendet.

In Jules Roys autobiographisch gefärbtem Erfolgsroman „La vallée heureuse“, „das glückliche Tal“ von 1946 ist das noch anders. Roy hatte sich 1942 nach der Landung der Alliierten in Nordafrika vom überzeugten Anhänger Pétains zum Anhänger des Freien Frankreichs gewandelt und wurde Flugzeugkommandant der groupes lourds.  Mit dem „glücklichen Tal“ ist im zynischen Jargon der Bomberbesatzungen das Ruhrgebiet gemeint, an dessen Bombardierung Roy sehr intensiv und offenbar mit einiger Genugtuung teilgenommen hat. In einem Selbstgespräch während eines Rückflugs von einem Einsatz über den Städten des Ruhrgebiets denkt er an die Menschen, die zu töten sein Ziel ist:

„diese Menschen sind die Feinde der Menschheit, und wenn es Gerechte unter ihnen gibt, kann ich auch nichts machen. Mich ermüdet nicht die Schlächterei, denn die Schlächterei hat für uns den Anblick eines himmlischen Sternenfests; aber was mich ermüdet, ist die Mühe, sie abzuschlachten. Im Grunde meines Herzens schreie vor Freude über den Brand, der ihre Städte in Asche verwandelt und ihre Gebeine in Staub, aber das ist mein gutes Recht, denn ich könnte ja zu ihnen ins Feuer herunterstürzen…“[14]

Aber die groupes lourds haben auch Einsätze im Rahmen des Débarquement  geflogen. Daran erinnert ein Denkmal in Grandcamp an der normannischen Küste.

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Dass dieses Denkmal gerade dort steht, ist damit zu erklären, dass, wie auf dem  Denkmal in goldenen Lettern eingraviert ist, die groupes lourds am 6. Juni hier eingesetzt waren: Der Einsatz galt einem größeren deutschen Bunkerkomplex in Grandcamp-Maisy. Die Bedeutung dieser Anlage scheint sehr umstritten zu sein[15] – einerseits wird von dem heutigen Besitzer der Anlage, einem englischen Militaria-Fan, ihre eminente strategische Bedeutung herausgestellt, was natürlich auch die Bedeutung des Einsatzes der groupes lourds unterstreicht, andererseits wird die Rolle aber auch eher relativiert, z.B mit Hinweis darauf, dass die dortigen Geschütze – französische Exemplare aus dem Ersten Weltkrieg- durchaus nicht so effizient waren. Umstritten ist auch die Wirksamkeit des Bombardements durch die groupes lourds– zumal die Anlage das Bombardement weitgehend unbeschadet überstanden hat. Tatsache ist allerdings, dass bei dem  Einsatz zahlreiche Bewohner von Grandcamp-Maisy ums Leben kamen, woran eine Gedenktafel in der Stadt erinnert.

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Wenn ich diese Gedenktafel betrachte, stellen sich mir zwei Fragen:

  • Hier ist ganz allgemein von den „Bewohnern von Maisy“ die Rede. Warum werden nicht –wie auf den Gedenktafeln für die Gefallenen beider Weltkriege üblich- auch deren  Namen aufgeführt? (Wie ich nach unserem Besuch von Kennern des Ortes erfuhr, gibt es eine Namenstafel der zivilen Opfer in der Kirche – also so wie auch in St. Lô, was in einem laizistischen Staat wie Frankreich allerdings keine gleichwertige Alternative ist).
  • Und warum wurde diese Gedenktafel für die zivilen Opfer der Stadt erst im Jahr 2004 angebracht? Die Denkmäler für die militärischen Opfer der Kriege wurden schließlich umgehend errichtet. Und das repräsentative Denkmal am Hafen von Grandcamp für die groupes lourds wurde immerhin schon im Juni 1988 eingeweiht.
  • Vielleicht erklären diese offenbar erst zögerlich erinnerten zivilen Opfer, warum die französischen Bomberbesatzungen in der Royal Air Force –trotz ihres auf dem  Denkmal hervorgehobenen  hohen Blutzolls (un sur deux perirent) nach Auffassung von Angehörigen nicht die Anerkennung erhalten, die ihnen gebührte. Hauptsächlich verantwortlich ist aber für diese offensichtlich vergleichsweise geringe Wertschätzung, dass diese in Nordafrika stationierten Soldaten erst ab 1942 nach England gelangt sind – also lange nach de Gaulles berühmtem Aufruf zum Widerstand vom 18. Juni 1940.  Ab 1943 wurden sie sogar ganz „offiziell“ von Engländern und Amerikanern rekrutiert, um am Kampf  gegen Nazi-Deutschland teilzunehmen. Für die Vichy-Regierung galten sie deshalb als Deserteure, für De Gaulle als „planqués“, als Drückeberger also und nicht als wirkliche „Français libres“,  weil sie zu spät zum Freien Frankreich in London gekommen seien. Die „Résistants de la dernière heure“ in Frankreich, die ihr Herz für den Widerstand erst kurz vor dem  Ende des Nazi-Regimes entdeckten, hatten es da leichter….

Einmal im Jahr treffen sich in Grandcamp Veteranen und ihre Angehörigen und es findet am Denkmal eine würdige Feier mit militärischen Ehren statt. Und in der örtlichen Presse wird berichtet, dass sich zwölf französische Einheiten der groupes lourds der Royal Air Force besonders im Juni 1944 ausgezeichnet hätten bei der Bombardierung der Batterien von Maisy.

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© http://halifax346et347.canalblog.com/tag/M%C3%A9morial%20Grandcamp

Ich stelle mir vor, dass sich diese französischen Soldaten in ihren Halifax-Bombern in einem schweren Konflikt befunden haben: Einerseits wollten sie sicherlich an der Befreiung ihrer Heimat von der Nazi-Besatzung teilnehmen. Andererseits musste ihnen auch klar sein, dass sie –anders als bei einem  gezielten Jagdbomber-Einsatz-  erhebliche „Collateral-Schäden“ verursachen könnten, konkret: den Tod von Landsleuten, die sie doch eigentlich befreien wollten.  Krieg ist aber kaum vorstellbar, ohne dass Soldaten aller Seiten moralischen Dilemmata unterschiedlichster Art ausgesetzt sind.[16]

 

  1. Die Kinder von Mont-de-Huisnes

 Der deutsche Soldatenfriedhof von Mont-de-Huisnes  liegt, anders als der von La Cambe,  ruhig auf einem Hügel- mit wunderbarem Blick auf den Mont St. Michel.

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Es ist eine Gruftanlage für 11 956 Gefallene und Tote des Zweiten Weltkriegs.  Zwanzig dieser Toten sind  „in der Internierung verstorbene Kinder“ – das kann man der Grabplatte in der Eingangshalle entnehmen.

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Es sind Säuglinge und kleine Kinder, die zwischen 1943 und 1945 geboren wurden und offenbar nach der Befreiung Frankreichs –wo und warum auch immer- in ein Internierungslager gesteckt wurden und dort –wie auch immer- zu Tode kamen. Gerne hätte  ich da mehr gewusst und erfahren, aber ein französischer Reiseführer,  den wir in Huisnes trafen, konnte (oder wollte) uns dazu nichts sagen. Im Internet habe ich einen Artikel über ein Veteranentreffen in Huisnes 2014 gefunden, das –dem Motto des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge folgend- der Versöhnung zwischen den Völkern und vor allem der Befestigung der deutsch-französischen Freundschaft diente. [17]  Dort findet man einige nähere Informationen:

Des hommes de guerre, mais pas seulement. Ici reposent aussi des femmes, des adolescents, des enfants, morts des suites de mauvais traitements dans les camps d’internement des lendemains libérateurs. Edmund Baton est de ceux-là. Originaire de la Sarre, il est, à 14 ans, mort de faim dans le camp de Poitiers. C’était un certain 14 juillet 1945…

Zu ihm gibt es eine nähere Information im Informationsblatt des Volksbunds:

Mont-de-Huisnes: Une victime parmi 11 956 En février 1945, Edmund Baton, originaire de Lauterbach (Sarre) fut évacué, à l’approche de la ligne de front, à Bad-Reichenhall avec d’autres élèves de son lycée. A l’insu de sa famille, il repartit chez lui en compagnie d’un camarade de classe. Ils arrivèrent à Ludwigsburg, près de Stuttgart où ils durent se cacher pendant huit jours, à cause des violents combats qui y avaient lieu. Edmund réussit à persuader des soldats américains de les emmener à Strasbourg, de l’autre côté du Rhin. Là, ils voulurent prendre le train pour rentrer chez eux mais ils furent arrêtés sur le chemin qui les menait à la gare (probablement par des Français ou la police militaire américaine). Ils furent conduits à Poitiers après avoir traversé toute la France. C’est dans le camp d’internement de Poitiers que Edmund Baton, alors âgé d’à peine 14 ans, mourut de faim le 14 juillet 1945. Sa tombe se trouve dans la crypte 59, au caveau 90.[18]

Und die kleinen Kinder und Säuglinge: Waren es vielleicht die Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen, also gewissermaßen Zeugnisse sogenannter nationaler Schande, nationalen Verrats?

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Für die Vermutung, dass es sich um Kinder deutscher Soldaten und französischer Frauen handelte, spricht, dass viele dieser in der Internierung zu Tode gekommenen Kinder französische Vornamen haben.

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Dass es französische Frauen gab, die Beziehungen zu deutschen Soldaten hatten, ist ja bekannt: Es gibt genug Bilder, wie sie kahlgeschoren durch die Straßen getrieben und an den Pranger gestellt wurden. Und da wird es auch Kinder aus diesen Beziehungen gegeben haben, zumal die  Soldaten des Atlantikwalls in ihrer dienstfreien Zeit bei Bauern der Umgebung einquartiert waren. Die stark voneinander abweichenden Schätzungen gehen von immerhin zwischen 100 und 200 000 solcher so genannter «têtes de boches» oder «bâtards» aus, die während der deutschen Besatzung gezeugt wurden. Sowohl die Nazis wie auch Vichy oder die Provisorische Regierung des befreite  Frankreichs hatten –aus unterschiedlichen Gründen- ihre Probleme mit diesen Kindern. Unter der Vichy-Regierung wurde beispielsweise die Institution eines „accouchement soux X“ geschaffen, also eine „anonyme Geburt“ ohne Angabe des Vaters, und die Kinder, die als Franzosen galten, konnten dann öffentlichen oder privaten Einrichtungen übergeben werden. [19]

Aber was war mit den in Husines, also auf einem deutschen Soldatenfriedhof, bestatteten Kindern? Sie haben ja alle deutsche Nachnamen, galten  also offenbar nicht als Franzosen.

Welche tragischen Geschichten verbergen sich hinter diesen Namen? Evelyne Diesser zum Beispiel, die im Sommer 1945 geboren wurde und im Alter von nur 5 Wochen gestorben ist?

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Warum hat man diesen Säugling in ein  Internierungslager gebracht? Wo war ihr Vater? Wer war ihre Mutter? Welches „mauvais traitement“  hat zum Tod dieses Mädchens geführt? War es krank und man hat ihm die ärztliche Versorgung verweigert?  Oder hat man es –wie Edmund Baton- verhungern  lassen? Und wer verbirgt sich hinter dem vielfachen „man“?  Unbekannte, unerzählte Geschichten…

(Mai 2016)

PS: Inzwischen  habe ich eine Auskunft vom Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge erhalten: Es handelt sich um elsässische Kinder, die mit ihren der Kollaboration beschuldigten Müttern interniert worden waren.

 

Anmerkungen

(0) Wortlaut der Rede Hollandes:  http://www.normandie-heritage.com/spip.php?article982

s. Jean-Marc Bastière, Quand les alliés ciblaient la Normandie. In: Le Figaro, 9.3.2017. Buchbesprechung von: Jean-Charles Foucrier: La Stratégie de la Destruction. Vendémiaire 2017

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriff_auf_Darmstadt

http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-historisch/brandnacht/augenzeugenbericht-das-grauen-starrte-aus-den-fensterloechern_15511307.htm

Klaus Schmidt, Die Brandnacht. Dokumente von der Zerstörung Darmstadt am 11. September 1944. Darmstadt 1964

Bericht von einer Gedenkfeier 1964 mit Fotos vom zerstörten Darmstadt: https://www.youtube.com/watch?v=T-L3E7IPk7E

[2] Zitiert in: Jörg Friedrich: Der Brand. Bombenkrieg in Deutschland 1940 -1945. München 2002

[3]  „La ville a subit dans la nuit du 6 au 7 juin 1944 un bombardement tellement massif ques es habitants ont pu se considérer comme citoyens de la capitale des ruins.“  (V. Auriol)

[4] http://beaucoudray.free.fr/samuebeckett.htm (franz. Übersetzung von The Capital of the Ruins) https://en.wikipedia.org/wiki/The_Capital_of_the_Ruins

[5] http://www.memoires-de-guerre.fr/?q=fr/archive/saint-l%C3%B4-sous-les-bombes/3903

[6] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[7] http://www.patrimoine-normand.com/index-fiche-42255.html

[8] Zu den  Aktivitäten der lokalen Résistance: http://www.webring.org/l/rd?ring=ww2;id=167;url=http%3A%2F%2Fbeaucoudray%2Efree%2Efr%2F

[9] https://fr.wikipedia.org/wiki/Bataille_de_Saint-L%C3%B4

[10] http://www.liberation.fr/grand-angle/2004/07/23/saint-lo-immole_487264

[11] http://www.saint-lo.fr/Decouvrir-Saint-Lo/Histoire-et-patrimoine/Histoire/La-seconde-guerre-mondiale

[12] Z.B. Michelin Reiseführer Normandie von 1975 zur Zerstörung von Le Havre: „ La bataille de Normandie était terminée, Paris déjà libéré, mais le Havre, toujours occupé, fut voué à l’écrasement totale“.   Von wem? Warum?  Übrigens hatten die Alliierten, als Le Havre zerstört wurde, schon die Mosel erreicht. Die amerikanische Wissenschaftlerin Mariy Louise Roberts schreibt zu Le Havre: „In Le Havre, French officials angrily pointed out that some three thousand civilians had been  killed while fewer than ten  German bodies had been found.“ (What Soldiers du. The University of Chicago Press, S.24)

Militärisch zweifelhafte Bombardements gab es auch an anderer Stelle. Von einer französischen  Bekannten erhielt ich ein Büchlein über „Bombardement et Libération de la Poche de Royan“ (Marie-Anne Bouchet-Roy/Société des Amis du Musée des Royan, 2015. Darin wird u.a. das Bombardement der Stadt durch die RAF vom 5. 1. 1945 beschrieben, das die Stadt weitgehend zerstörte und etwa 500 zivile Opfer verursachte. „L’ennemi ne compte que  35 victime et aucun ouvrage militaire allemand n’a été touché.“ (S. 38). Während die deutschen Truppen -wie in La Rochelle- zur Kapitulation bereit sind, wird die Stadt am 15. April noch einmal mit 1350 Flugzeugen angegriffen -u.a. mit Napalm-Bomben- und total zerstört. Eine Übergabe der Stadt wird von den französischen Truppen abgelehnt: „il serait bien difficile de priver d’un combat ardemment désiré et d’une victoire certaine, l’armée du Sud-Ouest qui piaffe, l’arme  au  pied depuis des mois„. (cit. S. 62)

[13] Am 8. Mai 2016 wurde übrigens in der 1944 stark umkämpften normannischen Stadt Falaise ein Museum für die zivilen Kriegsopfer eingeweiht: ein einzigartiges Novum.

http://www.falaise-tourisme.com/patrimoine-culturel/nouveaute-2016-le-memorial-des-civils-pendant-la-guerre/

[14]Zit. In: http://www.zeit.de/1949/13/mittel-oder-zweck

[15] http://www.dday-overlord.com/batterie-de-maisy-debat

[16] Nach meinen Informationen gibt es übrigens noch keine wissenschaftliche Literatur zu den groupes lourds.

[17] http://www.ouest-france.fr/normandie/huisnes-et-la-chapelle-enjuger-amitie-franco-allemande-renforcee-2537617

[18]http://www.volksbund.de/fileadmin/redaktion/BereichInfo/BereichInformationsmaterial/KGS/Themenhefte/Normandie_F_2013.pdf

[19] Fabrice Virgili, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la seconde guerre mondiale, Paris, Payot, 2009, 376 p., ISBN : 978-2-228-90399-8

Jean-Paul Picaper et Ludwig Norz: Les enfants maudits, 2004. Deutsch:  Die Kinder der Schande. 2005

http://leplus.nouvelobs.com/contribution/214055-mon-grand-pere-etait-un-soldat-allemand-et-ma-mere-une-enfant-de-la-honte.html

http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2009/11/30/01016-20091130ARTFIG00413-200000-enfants-de-soldats-allemands-seraient-nes-en-france-.php

Normandie (Teil 1): Die allgegenwärtige Vergangenheit

Der nachfolgende Text ist ein ganz spezieller Reisebericht. Es geht –im ersten Teil- um die allgegenwärtige Vergangenheit des 6. Juni 1944, also des Débarquement bzw. des  D-day, und der darauf folgenden Kämpfe zur Befreiung Frankreichs von der nationalsozialistischen Besatzung. Auf Spuren dieser Vergangenheit stößt man  auf Schritt und Tritt, ja man wird, teilweise  geradezu aufdringlich, darauf hingewiesen, gehören  sie doch, eher mehr noch als der Teppich von Bayeux, sozusagen zur touristischen Grundausstattung der Region.

In zwei nachfolgenden Teilen soll dann auf Schattenseiten dieser Vergangenheit eingegangen werden, die es auch gibt, die sich aber weniger für ein touristisches Marketing eignen:  Die Erinnerung an die  zivilen Opfer, vor  allem der Bombardements vor, während und nach dem  Débarquement (Teil 2) und schließlich:  Der „Atlantikwall“ als steinernes Zeugnis der Collaboration und  die Rolle der alliierten Truppen, die nicht durchweg dem gerne gepflegten Bild der heroischen und selbstlosen Befreier entsprach (Teil 3).  

Seit wir uns in Paris niedergelassen haben, verbringen wir öfters einige Tage im Jahr in der Normandie: Da wohnen wir im Maison de campagne unserer Freunde Marc und Marie-Hélène: ein altes  Bauernhaus, deren frühere Besitzer offenbar Cidre hergestellt haben: Eine Tür in der Scheune hat eine bauchige Form, damit die Fässer gut hindurch passten. Die Lage ist wunderbar:  gleich daneben die romanische Kirche mit einem alten Friedhof, wo wir abends manchmal hingehen, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen und den Blick auf die weiten Felder und auf den Turm der Klosterkirche von Cérisy. Die Ruhe ist –wenn man  von Paris kommt- besonders eindrucksvoll – was man hört sind das Zwitschern  der Vögel, das Muhen der Kühe und morgens und abends die Kirchenglocken. Im Frühjahr freuen wir uns über die Primeln und Orchideen am Wegesrand, dann über die blühenden  Apfelbäume, im Sommer und Herbst über das nahe gelegene Meer und lange Strandspaziergänge. Überall in der Umgebung gibt es Wochenmärkte, in denen die Bauern ihre Produkte anbieten, Fischhallen, in denen man frisch angelandeten  Fisch kaufen kann, Cidre- Bauern, die auch naturreinen Apfelsaft und Calvados verkaufen. Natürlich scheint  nicht immer die Sonne, worüber sich Bewohner aus anderen Regionen Frankreichs gerne mokieren, aber in „unserem“ Bauernhaus gibt es einen riesigen offenen Kamin, um den  herum man sich es abends gemütlich machen kann. Insgesamt: Idylle pur.

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Aber es gibt dahinter auch die  überall präsente Vergangenheit, und das gilt selbst in der beschriebenen Idylle: Der Wetterhahn auf dem Kirchturm der alten Kirche ist von Kugeln durchsiebt. Und es gibt überall in der Landschaft und in den Ortschaften des Bessin Denkmäler die daran erinnern, was dort 1944 geschah. Besonders eindrucksvoll in Trevières, der ersten befreiten Stadt der Normandie: Im ehemaligen und nicht wiederaufgebauten  Zentrum des Städtchens steht eine bronzene Marianne zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkrieges, deren Gesicht 1944 durch eine Granate abgerissen wurde.

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Vor allem aber gibt es  –hier wie an vielen anderen Stränden Frankreichs-  die vielen Bunker und ehemaligen Geschützstellungen des sogenannten Atlantikwalls, manchmal  noch halb versteckt im Boden vergraben, manchmal mit brutaler Präsenz an markanten Positionen sich präsentierend, manchmal als zersprengte Ruinen über die Strände verstreut.

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Omaha Beach

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Bei unseren Normandie-Ausflügen ist diese Vergangenheit aber in besonderem Maße allgegenwärtig, befinden wir uns doch im Bereich der „Landungsstrände“, der 5 normannischen Strände also, an denen am 6. Juni 1944, dem sogenannten D-Day,  alliierte Truppen landeten. Und der uns am nächsten liegende – und wie wir finden: schönste- Strand ist der Omaha-Beach, auch bloody Omaha genannt, an dem das Débarquement die meisten Opfer unter den Landungstruppen forderte.

Da gibt es denn eine ganze Reihe von Museen, zum Beispiel das  repräsentative Overlord-Museum in Colleville (Overlord ist der Deckname für das Landungsunternehmen) mit seinen herausgeputzten Erinnerungsstücken, aber auch –wie in Vierville auf der anderen Seite von Omaha-Beach-  kleinere Ausstellungen mit verrostetem Landungsschrott am Straßenrand.

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Und es gibt am Omaha-Beach überall, manchmal protzig und unübersehbar, manchmal bescheiden, Denkmäler für einzelne Einheiten der amerikanischen Landungstruppen, die an deren jeweiligen Beitrag zur Landung erinnern und an die dabei erbrachten Opfer.

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Und schließlich befindet sich am Strand das künstlerisch gestaltete zentrale Denkmal, an dem sich 2014 zum 70. Jahrestag der Landung Repräsentanten der damals beteiligten Staaten versammelten, Obama, Putin, Hollande, Merkel, Elisabeth II. – eine Gelegenheit über aktuelle Krisen zu sprechen und auch Gelegenheit für ein erstes Gespräch zwischen  Putin und dem ukrainischen  Präsidenten Poroschenko. Da hat die Geschichte immerhin einmal –im Ansatz- zu den daraus zu ziehenden Konsequenzen Anlass gegeben.

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Ganz nahe dabei und ganz  unscheinbar ist an der Mauer der Uferpromenade eine Tafel angebracht, die an die Operation „Aquatint“ erinnert,  ein englisches Kommandounternehmen vom September 1942, das aber scheiterte und mit dem Tod oder der Gefangenschaft des gesamten Kommandos endete- darunter auch einem Polen, einem Holländer und einem Sudetendeutschen…

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Manchmal wird man übrigens auch noch auf andere Weise an die blutige Vergangenheit dieser Strände erinnert: Vor einigen Jahren verspürte ich beim Schwimmen am Omaha-Beach plötzlich einen heftigen Schmerz im Bein. Ich hatte es mir an einem der noch im Sand steckenden rostigen  Überreste der Landung aufgerissen, die nur bei Ebbe sichtbar sind. Und obwohl noch bis in die 1950-er Jahre hinein die Aufräumarbeiten am Strand andauerten, gibt es noch genug solcher Erinnerungsstücke im Meer: Reste von Landungsbooten, von „Rommel-Spargeln“ und des auch an  diesem Strand eingerichteten künstlichen Hafens Mulberry A,  der aber zwischen dem 19. und dem 21. Juni 1944 in einem Sturm zerstört wurde. Wenn man bedenkt, dass er allein 15 km stählerne, auf dem  Meer schwimmende Straßen umfasste, kann man sich vorstellen, wie viel Schrott -150.000 Tonnen-  dabei entstand….

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Omaha Beach Rommel Spargel DSCN2772

Die Landungsstrände sind schon seit langem –und immer noch- ein touristischer Anziehungspunkt ersten Ranges, auch oder vor allem für amerikanische, britische oder kanadische Touristen. Früher waren das oft noch Veteranen, jetzt sind es eher Verwandte auf den Spuren ihrer Vorfahren. Für sie gibt es eine Fülle von spezialisierten Angeboten. Da gibt es die Albion Voyages, die „personalisierte und exklusive Rundfahrten mit gebildeten Historikern für die Betreuung von Familien und Veteranen“ anbietet,  Around Europe Battlefield Tours, denen wir schon einmal im belgischen Ypern begegnet sind, laden zu einer 8-stündigen Privattour an die beiden amerikanischen Landungsstrände ein  (500-800 Euro je nach Teilnehmerzahl), aber es geht auch billiger mit Overlordtour, Churchill Shuttle oder Gold Beach Évasion.  Der besonder Tipp: “Lassen  Sie Geschichte lebendig werden an Bord eines authentischen und mythischen Jeeps aus der damaligen  Zeit.“

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Und Souvenirs gibt es natürlich unzählige und in jeder nur denkbaren Form:

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T-Shirts, Uniformen, Aufkleber, Puzzles, sogar einen deutschen Wehrmachtsteller für 58 Euro und eine deutsche Geschosshülse (vielleicht als Blumenvase verwendbar ?) für 45 Euro. Und damit die Sinne nicht zu kurz kommen: Caramel-Bonbons aus Isigny und den D-day Camembert, von uns auch „Kampfkäse“  genannt, der aber wirklich gut schmeckt und bei unseren Besuchen in der Normandie nie fehlen darf. Die GIs an den Landungsstränden dürften zwar kaum Karamellbonbons gelutscht und normannischen Camembert verzehrt haben, aber offenbar eignet sich der D-day immer noch als marketing-Strategie.

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Lecker ist auch der Normandy- D-day Honig mit der flotten Biene am Maschinengewehr des amerikanischen Panzers:

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Als Schaufensterpuppen dienen schmucke Soldaten, wie hier im Buch- und Presseladen in Trevières:

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Und  es gibt auch  propere, leichtgeschürzte American Pin- up Girls mit Patronengurt…

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Zu den Zielen der D-day-Rundfahrten gehört auch der amerikanische Soldatenfriedhof oberhalb des Omaha Beach. Es ist der zentrale  Soldatenfriedhof für die in der Normandie gefallenen amerikanischen Soldaten, eine grandios gelegene, sehr eindrucksvolle Anlage.

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In dem dazu gehörenden Besucherzentrum werden –wie an anderen alliierten Erinnerungsorten an den Landungsstränden- Geschichten von „competence, courage and sacrifice“ der hier beerdigten  Männer und Frauen und ihrer Kameraden erzählt. Das ist sehr konkret und anschaulich – und geeignete Beispiele gibt es ja auch mehr als genug. Beispielsweise die Erkletterung und Eroberung des 30 Meter über dem Meer auf einer Klippe gelegenen Pointe du Hoc mit seinen strategischen deutschen Artilleriestellungen, der ja auch in dem Film „Der längste Tag“ eine wichtige Rolle spielt. Ein Besuch dort lohnt sich unbedingt: Es ist ein wunderschöner Ort mit Rundumblick, übersät allerdings von den Resten der weitläufigen Befestigungsanlagen und von tiefen, jetzt mit blühenden Primeln und Ginster bewachsenen Kratern,  die –ähnlich wie  in Verdun-  die  Massivität  der Kämpfe anschaulich machen.

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Oder die geniale Idee der Einrichtung künstlicher Häfen, mit denen die deutsche Wehrmachtsführung nicht gerechnet hatte. Die hatte eher mit einem Angriff auf einen der großen Häfen gerechnet, weil ein leistungsfähiger Hafen unabdingbare Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg des Landungsunternehmens war. Aber nach der gescheiterten „Generalprobe“ von Dieppe hatten die Alliierten  erkannt, dass die Eroberung der gut gesicherten Kanalhäfen zu risikoreich war. Stattdessen entwickelten sie das Konzept künstlicher Häfen, das am Omaha Beach zwar scheiterte, sich in Arromanches aber hervorragend bewährte. Sehr lohnend ist eine Klippen- Wanderung von der weiter westlich gelegenen ehemaligen deutschen Geschützstellung von Longues-sur-Mer nach Arromanches, wo man bei Ebbe noch am Strand und in einem  riesigen  Halbrund im Wasser die massiven Reste von Mullberry B sehen kann.

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Dass an solchen  Orten oft auch von heroischen Taten gesprochen  wird, ist verständlich. Umso mehr, als die alliierten Soldaten bei ihrem Einsatz 1944  sicher sein konnten, ihr Leben für eine gute Sache einzusetzen, für die Befreiung Westeuropas und Deutschlands von der deutschen Besatzung bzw. der Hitler-Diktatur – anders als bei  vielen weiteren vorausgegangenen  und nachfolgenden Militäraktionen, wo die Berufung auf hehre Ideale nur Ausdruck ideologischer Verblendung oder Propaganda waren.

Das Gedenken an die zahlreichen deutschen Soldaten, die bei den Kämpfen in der Normandie ihr Leben  gelassen haben, ist da  ungleich schwieriger. Competence, courage und sacrifice ist sicherlich auch ihnen zuzuschreiben, aber wenn die für ein verbrecherisches System und dessen Eroberungskrieg erbracht werden, ist eine Ehrung wie auf alliierter Seite unmöglich. Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, der die drei deutschen Soldatenfriedhöfe in der Normandie betreut, hat aber gewissermaßen aus dieser Not eine Tugend gemacht. Am Beispiel des ganz in unserer Nähe liegenden Friedhofs von La Cambe ist das sehr eindrucksvoll zu erleben: Dort sind 21.300 deutsche Soldaten bestattet –in einer Anlage mit schlichten Steinkreuzen von kleinen in den Rasen eingelassenen Steinplatten mit Namen, Dienstgrad, Geburts- und Todesdaten der hier Bestatteten, so wie auch auf den beiden anderen deutschen Soldatenfriedhöfen.

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Es ist sehr bewegend, durch die Reihen der Grabplatten zu gehen und  sich die Namen und Daten der hier Bestatten anzusehen.

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Da gibt es Kasimir Janiczki, dessen Todesdatum offenbar nicht bekannt ist und von dem, wie sonst immer, kein Dienstgrad angegeben ist: Vermutlich ein Mitglied der sogenannten  „Osttruppen“, Männern aus Osteuropa, die –Rassenlehre hin oder her- gegen Ende des Krieges in der Wehrmacht –und besonders auch am Altlantikwall – Dienst taten. Unterscharführer Fodor Szislawky dürfte wohl auch ein Osteuropäer gewesen sein, allerdings –wie sein Dienstgrad anzeigt- als Mitglied der Waffen-SS – vielleicht in einer der „Fremdenlegionärs“-Einheiten, die die Waffen-SS im Laufe des Krieges aufbaute (wie ja zum Beispiel auch die SS-Division Charlemagne, für die Franzosen zum Kampf gegen den Bolschewismus angeworben wurden). Und da ist auch noch das Grab des Fliegers Hans Martin, der mit noch nicht einmal 18 Jahren in den Tod geschickt wurde- aber vielleicht  hat er sich freiwillig an die Front gemeldet, weil er an den „Führer“ und den „Endsieg“ glaubte. Der Grenadier Fritz Preusser, dessen sterbliche Überreste im Ossuarium von Huisnes-sur-mer liegen, könnte übrigens –vom Alter her- fast der Großvater des jungen Hans Martin sein: Er war 60 Jahre alt, als er im November 1945 –vermutlich als Kriegsgefangener- in Frankreich verstarb: Teil des letzten Aufgebots und auch ein Aspekt des verbrecherischen Charakters des Kriegs.

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Vor all diesen einzelnen Gräbern und unzähligen Grabreihen steht man oft ratlos, immer beschämt und  fassungslos. Und man versteht umso mehr das Wort Albert Schweitzers, das der Volksbund als Mahnung und Auftrag für die von ihm betreuten Friedhöfen versteht: Die  Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens. Auf diese Weise wird die Problematik des Gedenkens an die toten Soldaten des Hitler-Regimes positiv gewendet: Als Auftrag zur Verständigung, zum Frieden- vor allem an die Jugend, für die die Kriege im Herzen Europas nur noch Kapitel in den Geschichtsbüchern sind.

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Besonders deutlich und anschaulich wird dieses Konzept im Friedenspark, der dem Soldatenfriedhof von La Cambe angegliedert ist. Er  besteht aus über 1200 Ahornbäumen, gestiftet von Privatleuten und jeweils versehen  mit einem  kleinen Schild zur Erinnerung an einen nahen Menschen, der im Krieg gefallen ist, manchmal auch mit einer Friedens-Botschaft.

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Und dazwischen stehen Stelen, auf denen in deutsch, französisch und englisch Opferzahlen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und der Kriege nach 1945 aufgeführt sind- und das Wort Albert Schweitzers und ein  weiteres von Karl Jaspers: „Die Frage des Friedens ist keine Frage an die Welt, sondern eine Frage an jeden selbst.“ Stoff zum Nachdenken.

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Sehr störend und ärgerlich ist allerdings, dass dieser Ort der Besinnung und des Gedenkens direkt an der vielbefahrenen vierspurigen Europastraße von Caen nach Cherbourg und einem großen Verkehrskreisel gelegen ist. Von „letzter Ruhe“ kann man da kaum sprechen, wenn die Lastwagen vorbeidonnern. Eine ganze Reihe der Friedensbäume sind sogar direkt an den Rand der Schnellstraße zwischen dem Hain auf dem Hügel und dem Friedhof gepflanzt. Der Soldatenfriedhof von Huisnes, von dem aus man einen wunderbaren Blick auf den Mont Saint Michel hat, wäre da ein viel besserer Ort gewesen. Warum also ausgerechnet in La Cambe an der Autobahn? Das fragt man sich -und es ist nur eine von vielen Fragen, die sich aufdrängen-  wenn man mit  historischem Interesse und offenen Augen diese wunderbare Region besucht. Doch dazu mehr im Teil 2.

Eingestellt am 29.4.2016

Das Beitragsbild -die brennenden Kerzen mit der Aufschrift: we will remember for peace- ist aufgenommen in der Kathadrale von Bayeux

 

Ergänzung 2019:

Frankreich hat im Januar 2018 die Aufnahme der Landungssträne in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes beantragt. Der Schauplatz der alliierten Landng „erinnert an den Kampf für Freiheit und Frieden“, heißt es in dem französischen Antrag. Nach Angaben der Region unterstützen ihn mehr als 60.000 Menschen, darunter auch der US-Milliardär Christopher Forbes, dessen Vater Malcolm im Juni 1944 am Utah Beach landete. Die Aufnahme der Strände in die Welterbeliste wäre eine Premiere. Die UNESCO hat noch nie einen Kriegsschauplatz ausgezeichnet. Allerdings wird sie sich nach eigenen Angaben „nicht vor 2021“ mit dem französischen Antrag befassen. (https://science.orf.at/stories/2985601/)

Dessen ungeachtet wurde aber der 75. Jahrestag  der alliierten Landung in der Normandie aufwändig und mit großer politischer Prominenz gefeiert. Noch im September 2019 waren im Bereich des Omaha-Beachs die Spuren der Feierlichkeiten überall zu sehen, wie die nachfolgenden Bilder zeigen.

Natürlich gibt es immer noch die üblichen kulinarischen D-Day-Andenken wie die Karamell-Bonbons von Isigny.

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Oder -etwas merkwürdig- den Landungswein in weiß, rot und rosé – der landesübliche Cidre wäre da sicherlich passender gewesen, aber für die überwiegend amerikanischen Landungs- Touristen wohl weniger überzeugend.

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Auffällig waren aber besonders die allgegenwärtigen Stars und Stripes.

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Hier am Kino von Trevières, einem Städtchen unweit des Omaha-Beachs

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Auch die ortsansässige Grundschule trug zu den Feierlichkeiten bei.

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Und vor allem hatten sich fast alle Geschäfte für das Jubiläum herausgeputzt:

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Der Buchhändler von Trevière, bei dem wir während unserer Aufenthalte in der Normandie immer die Zeitung kaufen, hatte sich natürlich besonders auf das Jubiläum eingestellt:

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Eine kritische Anmerkung zu den Bildern der die GIs herzenden jungen Frauen und den anfliegenden Befreiungs-Flugzeugen kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Gerade Trevière wurde tagelang von den amerikanischen Truppen bombardiert und es gab zahlreiche zivile Opfer.

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Vier im Krieg gefallenen französischen Soldaten des Ortes stehen, wie die Tafel neben der Kirche und der  Marianne mit der „geule cassée“ aufführt, 20 zivile Opfer des „friendy fire“ gegenüber. Für deren Familien ist der 6. Juni sicherlich nicht ein ungetrübter Feiertag mit Volksfestcharakter.

Und was mir auch aufgefallen ist:

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Überall im Bereich des  Omaba-Beachs waren an den Laternenmasten  Bilder amerikanischer Soldaten befestigt, „Helden des Zweiten Weltkriegs“. Ich habe aber unter den vielen Portraits keinen einzigen farbigen Soldaten entdecken können. Das scheint ein generelles Phänomen zu sein. In einem Bericht von Associated Press zum 75. Jahrestag heißt es:  „while portrayals of D-Day often depict an all-white host of invaders, in fact it also included many African Americans.“ Die waren allerdings  -aufgrund der auch in der Armee herrschenden Rassentrennung- in eigenen Verbänden organisiert. Sie hatten also einen doppelten Feind:   „African Americans fougt both segregation and Nazi Germans.“ ( https://www.nbcnews.com/news/nbcblk/fighting-germans-jim-crow-role-black-troops-d-day-n1013716 )  Und es wird in dem Artikel auf ein Buch verwiesen über  „The Untold Story of D-Day’s Black Heroes, at Home and at War.”  Vielleicht werden die vergessenen schwarzen Helden des D-Day  ja dann zum 100. Jahrestag der alliierten Landung gewürdigt werden. Aber das werde ich sicherlich nicht mehr erleben….

 

 

 

 

 

Exil in Frankreich: Sanary, Les Milles und Marseille

Sanary-sur- Mer an der malerischen  Côte d’Azur, Les Milles bei Aix-en-Provence und Marseille waren in den 1930-er und 40-er  Jahren Schicksalsorte für viele Deutsche, die aus politischen und/oder sogenannten rassischen  Gründen Deutschland verlassen wollten bzw. meistens verlassen mussten.

  • In Sanary-sur-Mer zwischen Marseille und Toulon entstand  seit 1933  eine Kolonie exilierter Künstler aus Deutschland und Österreich.
  • In der ehemaligen Ziegelei von Les Milles bei Aix-en-Provence wurden ab September 1939 viele der nach Frankreich geflüchteten Antifaschisten, darunter auch Bewohner der „Künstlerkolonie“ von Sanary, interniert.
  • Marseille war vor allem nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen ein wichtiger Transitplatz von Flüchtlingen aus dem von Nazideutschland besetzten Europa.

Es sind drei Erinnerungsorte also, die eng verbunden sind mit dem Schicksal deutscher und europäischer Emigranten und mit der Collaboration des Vichy-Regimes. Wir haben diese Orte 2013 bei einer Reise nach Südfrankreich besucht. Damals erinnerte Marseille als Kulturhauptstadt Europas auch an  diese Phase seiner Geschichte. Und zusätzliche Anregungen für diesen  Bericht erhielten wir durch eine gleichzeitige Ausstellung im Maison-Heinrich-Heine in der Cité Universitaire de Paris über Mexiko als letzten Zufluchtsort des deutschen Exils.

Sanary -sur -Mer: „Das flüchtige Paradies“

Der Journalist und Schriftsteller Ludwig Marcuse hat in seinen Lebenserinnerungen das Sanary der 1930-er Jahre die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ genannt. Dass der kleine Fischerhafen zwischen Marseille und Toulon so bezeichnet werden konnte, ohne dass sich der Autor der Lächerlichkeit preisgab, mag zunächst erstaunen. Aber wenn man die Namensliste auf der Plakette am Office de Tourisme ansieht, erkennt man doch schnell, dass Marcuses Formulierung keinesfalls aus der Luft gegriffen war – und sie wird dort ja auch gerne aufgegriffen:

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Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Walter Hasenclever, Franz und Helen Hessel, Alfred Kerr, Annette Kolb, die Familie Mann mit Heinrich, Thomas, Katia, Klaus, Erika und Golo, Erich Maria Remarque, Joseph Roth, Ernst Toller, Franz Werfel, Arnold und Stefan Zweig: Sie und viele andere haben sich in den 30-er Jahren auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung oder Gleichschaltung  kürzer oder länger in Sanary eingefunden.

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Warum gerade Sanary? Das verträumte Fischerdorf hatte schon vor 1933 eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Aldous Huxley beispielsweise ließ sich 1930 in Sanary nieder und schrieb hier seine „Brave new world“. Andere folgten ihm, und so hatte Sanary schon 1933, als jüdische und regimekritische Intellektuelle das Dritte Reich verließen, einen Ruf als Künstlerkolonie.  Klaus und Erika Mann schrieben bereits 1931 in ihrem gemeinsamen  „Buch von der Riviera“ über Sanary:

„Sanary scheint zunächst durchaus das freundliche und intime Hafenstädtchen, wie es deren viele an der Riviera gibt… In Wahrheit hat es aber seine eigene Bewandtnis mit Sanary, denn seit einigen Jahren ist es die erklärte Sommerfrische des Café du Dôme  (des Künstlercafés von Montparnasse- Wolf), der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt, der angelsächsischen Boheme.“ (zit.von Manfred Flügge in seinem Buch „Das flüchtige Paradies“ Berlin 2008)

Angezogen wurden sie alle vom Zauber der Landschaft und dem Reiz des milden Mittelmeerklimas. Ludwig Marcuse schreibt dazu in seinen Erinnerungen:

„Der Winter war kurz und leicht- mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war gar kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde. Die Kirschbäume blühten üppiger als im Kleinen Tannenwald bei Homburg.[1] … Am verliebtesten war ich in die adoptierte Heimat, wenn ich zur Zeit des ausgehenden Tages vor dem Café de la Marine saß oder nebenan bei der Witwe Schwob. … Über den Pinienwald des Vorgebirges…  glitt das große gelbe Licht und entwarf auf dem stillen Wasser eine seiner unvergesslichen Malereien. … Der winzige Hafen, eingerahmt von einer niedrigen Mole, war gefüllt mit leise schauernden Fischerbarken, die Masten taumelten sanft und schlaftrunken. … In solchen Stunden war’s, dass ich Deutschland selig vergaß.“ (S.181/182)

Marcuse macht in seinen Erinnerungen die Gespaltenheit der Existenz vieler Emigranten deutlich: Einerseits seien sie im Land, „in dem sich Gott einst am wohlsten fühlte“, andererseits war ihr Gemüt schwer. „Wir wohnten im Paradies –notgedrungen.“  Und nicht alle der Emigranten konnten sich bei ihrer Ankunft in Sanary  zunächst im recht noblen Hotel de la Tour am Hafen einquartieren, um sich dann in Ruhe nach einer angemessenen Unterkunft umzusehen. Viele befanden sich ja bedingt durch das Exil und das Publikationsverbot in Deutschland in finanziellen Schwierigkeiten. Für Thomas Mann galt das  nicht – er hatte in der Schweiz ein beträchtliches Vermögen und er gehörte nicht zu den Schriftstellern, denen von den Nazis gleich nach der sog. Machtergreifung die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde und deren Bücher am 10. Mai verbrannt wurden. Den Aufenthalt in Sanary im Sommer 1933 nutzte er, um sich darüber im Klaren zu werden, was die Herrschaft der Nationalsozialisten für ihn und  Deutschland bedeutet. Am 31. Juli 1933 schrieb er an Hermann Hesse:

„Ich habe meinen Kampf durchgekämpft. Es kommen freilich immer noch Augenblicke, in denen ich mich frage: Warum eigentlich? –es können in Deutschland doch andere leben, Hauptmann etwa, die Huch, Carossa. Aber die Anfechtung geht rasch vorüber. Es ginge nicht, ich würde verkommen und ersticken. … Ein furchtbarer Bürgerkrieg scheint mir unvermeidlich und ‚ich begehre‘, wie unsere Mathias Claudius sagt, ‚nicht schuld zu sein‘ an all dem, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.“

 Zu dieser eindeutigen Positionierung hat sicherlich auch der enge Kontakt „mit den hiesigen Siedlern“, den Emigranten von Sanary, beigetragen. Dort wohnte er in La Tranquille, einer über dem Meer gelegenen Villa, die der Schwiegermutter des deutschen Botschafters in Kairo gehörte- so dass auch auf diese Weise noch eine ganz spezifische Verbindung zu Deutschland existierte.

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Thomas Manns Frau Katja organisierte während dieser Zeit Autorenlesungen, bei denen zum Beispiel Lion Feuchtwanger und René Schickele, die ebenfalls in Sanary wohnten, oder Heinrich Mann, der öfters aus Nizza kam, ihre neuesten Werke vorstellten. 1944 rissen deutsche Truppen  –trotz der deutschen Besitzer-  das Haus ab, um Platz für Flugabwehrgeschütze zu schaffen. Nach dem Krieg wurde es aber im ursprünglichen Stil wieder aufgebaut. Die Villa La Tranquille ist Teil eines Parcours, den die Stadt Sanary 2003 aus Anlass des dort gefeierten 40. Jahrestages der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks eingerichtet hat:  „Auf den Spuren der Deutschen und Österreicher  im Exil in Sanary, 1933 – 1945“. Dazu gibt es im Tourismus-Büro ein kleines Faltblatt- und wenn man sich als besonders interessiert zu erkennen gibt, wird man auf eine kleine, sehr informative Publikation zu diesem Thema hingewiesen, die man für 3€ erwerben kann. Mit ihrer Hilfe kann man einen schönen Spaziergang quer durch die deutsche Literatur-und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts organisieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Thomas Mann lebte –wie vorher schon in München- der Schriftsteller Bruno Frank- sogar noch etwas nobler mit wunderbarem Blick auf das Meer.

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Bruno Frank gründete am 10. Mai 1934 mit Heinrich Mann, Romain Rolland und anderen Intellektuellen die Deutsche Freiheitsbibliothek in Paris für die in Deutschland verbotenen und verbrannten Bücher  und engagierte sich später  im Emergency Rescue Committee, das vielen Intellektuellen die Ausreise nach Amerika ermöglichte (s.u.): Die „Sommerfrische“ im idyllischen Sanary ließ keinenfalls vergessen, warum man Deutschland verlassen hatte und dass auch das „Paradies“, in dem man sich jetzt befand, „flüchtig“ war.

Erste „Anlaufstelle“ für Neuankömmlinge war das um einen alten Turm herumgebaute Hotel de la Tour am Hafen. das immer noch existiert und offenbar ein überregionaler kulinarischer Anziehungspunkt ist.

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Hier haben unter anderem  Erika und Klaus Mann gewohnt. Es ist ein guter Ausgangs- und Endpunkt für einen Rundgang auf den Spuren des deutschsprachigen Exils.

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Eine architektonisch besonders auffällige Etappe auf dem Exil-Parcours ist die ebenfalls über dem Meer gelegene Villa Le Moulin Gris, in der Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel von 1938 bis 1940 wohnten – im selben Chemin de la Colline, in dem ein Stück weiter auch die Familie Mann 1933 gewohnt hatte und Bruno Frank noch wohnte.

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Entgegen des Namens war das Haus ein ehemaliger Wachturm, in dessen Spitze sich Werfel ein mit 12 Fenstern versehenes Arbeitszimmer mit Rundblick über ganz Sanary und die Küste einrichtete. Einen –allerdings rechteckigen- Turm (La Tourelle carrée) weist auch der nicht weit davon entfernte, in einer ruhigen Sackgasse gelegene Mas de la Carreirado auf, in dem Franz und Helen Hessel, die Eltern Stéphane Hessels, wohnten -nachdem sie in Sanary zunächst von Aldous Huxley aufgenommen worden waren. In der Tourelle carrée richtete sich Franz Hessel ein Arbeitszimmer ein. Für ihn, den literarischen Flaneur, der Paris kannte und liebte, der Balzac und  Proust übersetzt hatte, war Frankreich nicht eigentlich ein Exil – jedenfalls bis zu seiner Internierung im Lager von Les Milles. Immerhin hatte er das große Glück, dank des Eingreifens seines Sohnes Stéphane, inzwischen französischer Offizier, aus dem Lager entlassen zu werden und in das Haus in Sanary zurückkehren zu können. Dort starb er am 6. Januar 1941 und wurde auf dem Alten Friedhof in Sanary beigesetzt. Hans Siemsen, einer der „Siedler“ des Ortes hielt eine kurze Ansprache: „Unser lieber Hessel hatte viele Freunde. Dieser kleine Friedhof könnte sie nicht fassen, wenn sie alle hier wären.“ (cit. Flügge, 224) Aber natürlich konnten nur ganz wenige, die noch in Sanary verblieben waren, dort sein. Die anderen saßen in deutschen oder französischen Lagern, waren von den Nazis ermordet, hatten sich aus Angst vor ihnen das Leben genommen, warteten in Marseille auf die Möglichkeit zur Flucht, waren schon in die USA, nach Mexiko oder wohin auch immer entkommen…  Auf dem alten Friedhof von Sanary haben wir das  Grab von Franz Hessel vergeblich gesucht. Der Friedhofswächter, den wir ansprachen, erklärte uns, Hessels Grab sei nach dem Krieg nach Deutschland transferiert worden. Warum? Wohin genau? Näheres wusste er auch nicht, und in den hektographierten Blättern mit der Biographie Hessels (Überschrift: Jules, sans Jim), die er uns aus seinem Wärterhäuschen brachte, war lediglich vermerkt: „après la guerre son tombe disparaîtra“.  Stéphane Hessel kann man nun leider nicht mehr fragen, er hätte dazu bestimmt Näheres sagen können und wollen. Anlässlich der französischen Neuauflage der „Promenades dans Berlin“ von Franz Hessel 2012, zu der er das Vorwort geschrieben hat,  erinnerte er sich mit großer Zuneigung an seinen bisher eher im Schatten der geliebten Mutter stehenden Vater  und würdigte dessen  Werk als Autor und Übersetzer.

Helen, die Frau von Franz Hessel und die Mutter von Stéphane, entging übrigens dem Schicksal der Internierung:  „Nackt unter ihren Laken liegend“  leistete sie, wie Hessel in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“ berichtet, dem „unglücklichen Polizisten“, der sie  abholen sollte, „mit den  Waffen  einer Frau“ Widerstand: „Nehmen Sie mich mit, wenn Sie den Mut dazu haben.“ Er hatte ihn nicht, wie Hessel lakonisch anmerkt. Und später verhinderte ein ärztliches Attest eine sonst dann wohl doch unvermeidliche Internierung.

Lion Feuchtwanger hat seine Zeit im südfranzösischen Exil geradezu hymnisch so beschrieben, und drückte damit das aus, was wohl die meisten der dort im „flüchtigen Paradies“ lebenden Schriftsteller, Maler und Intellektuellen empfanden:

„Ich habe während der sieben Jahre meines Aufenthalts an der französischen Küste des Mittelmeers die Schönheit der Landschaft und die Heiterkeit des Lebens dort mit allen Sinnen genossen. Wenn ich etwa, von Paris mit dem Nachtzug zurückkommend, des Morgens das blaue Ufer wiedersah, die Berge, das Meer, die Pinien und Ölbäume, wie sie die Hänge hinaufkletterten, wenn ich die aufgeschlossene Behaglichkeit der Mittelmeermenschen wieder um mich fühlte, dann atmete ich tief auf und freute mich, dass ich mir diesen Himmel gewählt hatte, unter ihm zu leben. Und wenn ich dann den kleinen Hügel hinauffuhr zu meinem weißen, besonnten Haus, wenn ich meinen Garten wiedersah in seiner tiefen Ruhe und mein großes, helles Arbeitszimmer und das Meer davor und den launischen Umriss seiner Küste und seiner Inseln und die endlose Weite dahinter und wenn ich meine lieben Bücher wieder hatte, dann spürte ich mit all meinem Wesen: hier gehörst du hin, das ist deine Welt. Oder wenn ich etwas den Tag über gut gearbeitet hatte und mich nun in der Stille meines abendlichen  Gartens erging, in welcher nichts war als das Auf und Ab des Meeres und vielleicht ein kleiner Vogelschrei, dann war ich ausgefüllt von Einverstandensein, von Glück.“

(Sehr informativ zu Sanary als Zentrum des deutschen Exils ein französischer „Blog pédagogique pour les germanistes“ : http://exilsanaryen.over-blog.com/

Zu Franz Hessel siehe: Gelebte Nonchalance. Zum 80. Todestag des Autors, Übersetzers und einzigartigen Feuilletonisten Franz Hessel. In: Frankfurter Rundschau vom 6.1.2021

Les Milles, „Der Teufel in Frankreich“

Dieses Glück nahm aber ein jähes Ende mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Denn jetzt wurden alle „feindlichen Ausländer“ – und damit waren alle aus dem Deutschen Reich stammenden Ausländer gemeint-  interniert. Einige wie Lion Feuchtwanger hatten zwar einflussreiche Fürsprecher, so dass sie nach wenigen Tagen wieder entlassen wurden, aber mit dem Angriff der Wehrmacht auf Frankreich im Mai 1940 gab es auch für ihn kein Pardon. Der Bürgermeister von Sanary wies am 17. Mai 1940 höchstpersönlich in einer Eingabe an den Präfekten von Var auf die „inconvénients“ hin, die die Anwesenheit von „sujets allemands“ in der Nähe des Kriegshafens Toulon haben könne – eine Anspielung auf eine mögliche 5. Kolonne unter deutschen Bewohnern seines Ortes- und er forderte vom Präfekten  die „Entfernung aller feindlicher Subjekte aus meiner Gemeinde“,  um möglichen antideutschen Unruhen vorzubeugen. Ob es wirklich, wie der Bürgermeister behauptet, „Zwischenfälle“ gab „zwischen der Bevölkerung und den feindlichen Subjekten“, erscheint mir eher zweifelhaft. Bedrückend ist aber, dass selbst der Bürgermeister unterschiedslos von „sujets allemands“ spricht. Dabei musste er doch wissen, dass es sich bei den meisten deutschen und österreichischen Bewohnern seines Ortes um ausgewiesene Antifaschisten handelte,  die er nun –auch wenn sie zum Teil schon seit sechs Jahren in Sanary lebten und nicht unerheblich zum Ruf und zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes beigetragen hatten, nicht zur Bevölkerung rechnete. Jedenfalls wurde  dieser Aufforderung  umgehend entsprochen: Die örtliche Presse verbreitete, dass die „ressortissants allemands“ sich binnen 48 Stunden auf eigene Kosten in das Camp des Milles zu begeben hätten, und es wurde sogar zur Denunziation aufgefordert, damit auch niemand übersehen würde: Lieber einer zu viel als einer zu wenig.[2] Eine Unterscheidung zwischen Nazis und ausgewiesenen Hitlergegnern wurde also –anders als in England- jetzt und auch später im Lager nicht gemacht. Den immer wieder versprochenen und erwarteten „Tri“ gab es nie. Und hier handelte es sich nicht um einen Akt der Kollaboration des Vichy-Regimes, sondern all das geschah noch unter einer Regierung der 3. Republik, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatte und sich als Wiege und Hort der Menschenrechte betrachtete! Proteste und Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die Internierung ihrer ausländischen Mitbürger scheint es übrigens nicht gegeben zu haben. Feuchtwanger berichtet jedenfalls davon –und das ist vielleicht ein bezeichnendes Beispiel- , dass das Dienstmädchen der Familie, das ihm die Nachricht der bevorstehenden Internierung überbrachte, neben aufrichtigem Bedauern auch „ein klein bisschen Schadenfreude“ zeigte, „dass nun auch ich, der ‚Patron‘, der ‚Herr‘, die Bitternisse des Krieges zu spüren bekäme und sogar schlimmer als sie selber.“

Weil für die französischen Behörden also jeder Deutsche automatisch ein „boche“ war, wurden in Les Milles –wie auch in den zahlreichen anderen Internierungslagern dieser Zeit- Menschen eingesperrt, die sich ein solches Schicksal nie hätten alp-träumen lassen: Saarländer, „die sich während der Abstimmung, ob das Saarland deutsch oder französisch werden solle, durch Agitation für Frankreich kompromittiert hatten“ und denen deshalb nichts anderes übriggeblieben war, als sich vor der Rache der Nazis nach Frankreich zu flüchten; Antifaschisten, die nach den KZs  Dachau und Buchenwald nun ein französisches Lager kennen lernen mussten; andere, die mit Empfehlungsschreiben französischer Konsulate versehen waren, um auf französischer Seite gegen die Nazis zu kämpfen, die aber –so zum Beispiel Golo Mann- an der Grenze verhaftet und umgehend nach Les Milles verbracht wurden; ehemalige Fremdenlegionäre, die zum Teil „zwanzig und dreißig Jahre für Frankreich Militärdienst getan hatten“, fast alle mit militärischen Auszeichnungen versehen, denen Frankreich die dem Land geleisteten Dienste nun so vergalt–was selbst die Wachsoldaten erbitterte. Immerhin besaßen sie einen eigenen Bereich in den Katakomben des Lagers.

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Und es gehörten zu den ressortissants allemands Schriftsteller und Intellektuelle wie Lion Feuchtwanger, Franz Hessel,  Ernst Kantorowicz, Golo Mann und Walter Hasenclever, Rechtsanwälte und Mediziner –darunter die Nobelpreisträger Otto Meyerhof und Wilhelm Reichstein;  Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer: Menschen also, die man gefeiert hatte, als sie das Dritte Reich verlassen und nach Frankreich gekommen waren. „Die Zeitungen hatten“, wie Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen schreibt, „herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein.“

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Gründer der Ziegelei war ein christlich und sozial engagierter Unternehmer – was auch die Marien-Statue im Giebel des Hauptgebäudes erklärt.  1938 wurde die Fabrik stillgelegt, weil der aus Deutschland gelieferte Brennofen ausgefallen war, eine Ersatzteillieferung Probleme bereitete und sich angesichts der wirtschaftlichen Lage der Einbau eines neuen Brennofens nicht lohnte. Also stand die Fabrik leer und wurde 1939 zum Internierungslager umfunktioniert.

Allerdings war die Ziegelei für einen solchen Zweck denkbar ungeeignet.   Es gab keine Betten und Schlafräume, lediglich etwas Stroh, keine Sitzgelegenheiten, keine Tische, viel zu wenig Wasser für die vielen Internierten, von den katastrophalen sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Und überall –selbst heute noch- Staub:

 „Verdickter, festgetretener Ziegelstaub machte den Boden uneben, zerbröckelnde, sich in Staub auflösende Ziegel lagen in Massen herum, Staub, Staub war überall…. Ziegelstaub füllte unsre gesundheitlich zu schädigen, warum dann sucht man sich für unsre Unterbringung eine dunkle, staubige Lungen, entzündete unsre Augen…. Wir fragten uns: warum, wenn man nicht die Absicht hat, uns Fabrik aus, in der es Waschwasser nur sehr wenig und trinkbares Wasser überhaupt nicht gibt? Die französischen Offiziere erwiderten auf solche Fragen: ‚Unsre Soldaten an der Front haben es auch nicht besser‘.“ (Lion Feuchtwanger)

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Die „Katakomben“- die ehem. Brennöfen                 Der „Schlafsaal

Während die beiden oberen Stockwerke der völlig überfüllten ehemalligen Fabrik als Schlafsaal dienten – im Juni 1940 waren dort 3500 Internierte zusammengepfercht-  boten die ehemaligen Öfen im Erdgeschoss im Sommer Schutz vor der brennenden provenzalischen Sonne und wurden verwendet für literarische Salons, medizinische Consilien, Theater-,  Musik- und Kabarettdarbietungen. In einem der ehemaligen Brennöfen waren dafür aus Ziegeln Sitzplätze aufgebaut, über dem Eingang eines anderen kann man noch heute die Inschrift „Die Katakombe“ erkennen – ein an diesem Ort besonders passender Name und gleichzeitig eine Erinnerung an das gleichnamige von den Nazis 1935 verbotene Berliner Kabarett: Alles Versuche, auch unter solch unsäglichen Bedingungen die Menschenwürde zu bewahren.

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Die Abend & Tages-Kasse                                    Der Zuschauerraum

In einer der Katakomben richteten sich die Maler Max Ernst und Hans Bellmer  gewissermaßen ein Atelier ein und versuchten, ihre künstlerische Arbeit fortzusetzen.

Download (1) Apatrides Download ( Max Ernst

Max Ernst:  Apatrides 1939             Hans Bellmer: Portrait Max Ernst

Dabei verarbeiteten sie auch die Erfahrungen ihrer Internierung in Les Milles, wie die beiden Bilder zeigen: Max Ernst zeigt zwei Apatrides, also Staatenlose. Viele der in Les Milles und anderen Internierungslager festgehaltenen Menschen waren staatenlos, weil sie von den Nazis ausgebürgert worden waren. Max Ernst gibt den beiden sich unterhaltenden Staatenlosen die Form von Feilen – Ausdruck der gerade für diese Menschen fast schon illusionären  Hoffnung, in die Freiheit entkommen zu können. Und Hans Bellmers Portrait von Max Ernst ist aus Ziegelsteinen zusammengesetzt…  Bellmer hatte schon in den 1930-er Jahren mit dem Motiv der Ziegelsteine gearbeitet, aber seit seiner Einlieferung in das Lager von Les Milles  1940 wurde es bei ihm geradezu obsessiv:

„Bellmer’s drawings performed a kind of exorcism, delivering him from the oppressive presence of this menacing decor. His portrait von Max Ernst, with his face composed entirely of bricks, was in fact an ironic reminiscence of their shared experience,”

wie die Kunsthistorikerin Saran Alexandrian in einer Monographie über Max Ernst schrieb.

Wie schlimm die Internierung gewesen ist, zeigt eine Karte, die Max Ernst aus dem Lager Les Milles an seine Pariser Galeristin Jeanne Bucher schrieb. Auf ihr steht nichts außer dem Notruf SOS…

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In den Katakomben sind noch Graffiti von Internierten erhalten- es sind vor allem Botschaften der Sehnsucht nach Freiheit-  wie beispielsweise das durchbohrte Herz oder die Glockenblumen eines polnischen Malers, mit denen zahlreiche Säulen in den Katakomben geschmückt sind. Die Glocken  sind nach den Erläuterungen unseres Führers Ausdruck der Sehnsucht nach Frieden und Freiheit.

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Und dann gibt es noch die von Gefangenen ausgeführten Wandmalereien im Speisesaal des Wachpersonals.

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Alle Bilder dort haben einen Zusammenhang mit dem Essen- aber eine politische Botschaft ist auch erkennbar wie im Bild von den Sardinen. Die verlassen nämlich die Büchse, in der sie zusammengepfercht sind (links), dann besteigen sie ein großes Schinken-Schiff (rechts), das sie in das gelobte Land bringt, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber dafür die leckere, exotische Ananas wächst (Mitte).

Im August und September 1942 diente das Lager als Sammelpunkt für die Deportation von staatenlosen und ausländischen Juden aus der sogenannten „freien Zone“ Frankreichs (unter der Verwaltung von Vichy)  in die Vernichtungslager –oft mit Zwischenstation in Drancy.  Daran erinnert der Bahnwagon, der auf den Gleisen vor dem Lager steht – den gleichen Typ kennen wir schon von Drancy.  Er erinnert aber auch an die Geisterfahrt der Internierten nach Bayonne und zurück, über die Lion Feuchtwanger in seinen Erinnerungen berichtet…  Als die deutsche Wehrmacht Frankreich überrannte, fürchteten die internierten Antifaschisten, den Nazis in die Hände zu fallen. Sie konnten den Lagerkommandanten davon überzeugen, dass das ihr sicherer Tod sein werde, und ihm gelang es schließlich  im allgemeinen Chaos dieser Zeit einen Zug zu organisieren, der die gefährdeten Nazi-Gegner in vermeintlich sicherere Gefilde im Südwesten Frankreichs bringen sollte.

„Es war ein langer Zug: Wie lang merkte ich, als ich mein Gepäck alle die Wagen entlangschleppte. Da waren zunächst Personenwagen, einige wenige, uralte, ausrangierte. Dann kamen Frachtwagen, einer und noch einer und ein zehnter, ein zwanzigster, ein ich weiß nicht wievielter. Sie trugen die Aufschrift: ‚Acht Pferde oder vierzig Mann‘. Sie sahen ungeheuer ramponiert aus. Aber trotzdem war es ein Zug, er stand auf den Schienen, die Schienen führten weiter, führten fort aus dem Bereich der Nazi-Truppen, führten in die Sicherheit.“ (Lion Feuchtwanger)  

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 Der Schriftsteller Walter Hasenclever hat nicht mehr an seine Rettung geglaubt: In der Nacht vor Abfahrt des Zuges nahm er sich aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Truppen im Lager Les Milles das Leben. Doch dann fuhr der mit etwa 2000 Internierten besetzte –und natürlich völlig überfüllte- Zug los, eine Geisterfahrt – weil die deutsche Wehrmacht nicht wie erwartet die Rhone entlang in den Süden vorgestoßen war, sondern gerade in den Südwesten, der als sicheres Ziel galt. Also kehrte der Zug wieder um und endete nach einer mehrtätigen Irrfahrt durch Südfrankreich schließlich in einem Zeltlager bei Nîmes, das als neues Internierungslager eingerichtet wurde.

Nach dem Krieg wurde die Ziegelei von der Firma Lafarge wieder in Betrieb genommen –die Firma übrigens, die vor einigen Jahren in Oberursel den Dachziegelhersteller Braas übernommen hat. Nach der erneuten Stilllegung der Fabrik war geplant, das Wachgebäude mit den Wandmalereien –„Salle des peintures murales“ genannt- abzureißen. Dies  war der Beginn eines dreißigjährigen Kampfes von 1982 bis 2012 „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, wie es in der Broschüre der Erinnerungsstätte heißt. Die wurde erst im September 2012 in Anwesenheit des damaligen Premierministers Ayrault eröffnet als „das einzige große französische Internierungs- und Deportationslager, das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist“.

Bei unserer Reise nach Südfrankreich im Sommer 2013 sprachen  wir mit den Vermietern unserer Ferienwohnung in Cassis –einem Arztehepaar-  auch über unseren Besuch des Lagers, und sie erzählten uns, bis vor kurzem weder etwas von dessen Existenz noch von der Internierung deutscher Antifaschisten unter der Dritten Republik gewusst zu haben. Gerade in der vorigen Woche habe aber die Tochter einen Klassenausflug dorthin gemacht, sodass sie auf diese Weise etwas von diesem Kapitel französischer Geschichte erfahren hätten. Die Erinnerungsstätte Les Milles hat also in der Tat eine wichtige Bildungsaufgabe „gegen das Vergessen und die Unwissenheit“, und wir fanden, dass sie diese Aufgabe ganz hervorragend erfüllen kann –aufgrund der beeindruckenden Spuren der Vergangenheit und -nach der Konzeption des Erinnerungsortes und dem Engagement unseres Führers zu urteilen. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Konzeption ist der „volet réflexif“, der Versuch also, die Besucher zum Nachdenken anzuregen über die kollektiven und individuellen Mechanismen, die in der Vergangenheit zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben und in Zukunft führen können, aber auch über diejenigen, die von der Gleichgültigkeit und dem Geschehen-Lassen zum Widerstand führen. In diesem Zusammenhang steht auch das nachfolgend abgebildete und als Postkarte erhältliche Plakat:

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Abgebildet sind Angestellte und Arbeiter der Werft Blohm und Voss anlässlich des Stapellaufs des Schulschiffs „Horst Wessel“ am 13. Juni 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers. Alle haben die rechte Hand zum „Hitlergruß“ erhoben, außer einem: dem eingerahmten Arbeiter August Landmesser: Jeder kann reagieren, jeder kann Widerstand leisten, jeder auf seine Weise.

Ein Beitrag von Le Monde vom 13.3.2022 zum Lager von Les Milles als Ort politischer Bildung: : https://www.lemonde.fr/le-monde-evenements/article/2022/03/13/au-camp-des-milles-vous-etes-la-pour-comprendre-comment-on-peut-etre-trompe_6117317_4333359.html

Anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Lagers als offiziellem Erinnerungsmort besuchte Staatspräsident Macron im Dezeumber 2022 Les Milles und bezeichnete es als einen Ort des Staatsverbrechens des État français von Vichy:  https://www.lemonde.fr/politique/article/2022/12/05/emmanuel-macron-denonce-les-crimes-de-l-etat-francais-au-camp-de-deportation-des-milles_6153052_823448.html

Marseille : Transit

Ein dritter für die Exilierten bedeutsamer, ja lebenswichtiger Ort war seit 1939 Marseille. Denn nach der Niederlage Frankreichs war Marseille der einzige große Hafen  in der –zunächst noch- unbesetzten „Zone libre“. Marseille war oft die „letzte Hoffnung der Versprengten, Gehetzten, Verfolgten aus ganz Europa. Tausende kämpfen verzweifelt um Schiffspassagen, Visa und Transit.“ (Waschzettel der rororo-Taschenbuchausgabe von 1966)  Es diente also als Zufluchtsort, vor allem aber als Anlaufpunkt für die Emigranten, die versuchten, von hier aus ins rettende Ausland zu gelangen.

Wie dramatisch und teilweise sogar tragisch dies war, beschreibt Anna Seghers in einzigartiger Weise in ihrem Roman „Transit“:

Da ist der Erzähler: Nach seiner Flucht aus  einem deutschen KZ wird er in Frankreich in ein Arbeitslager gesteckt,  aus dem er –beim Einmarsch der Deutschen- erneut flüchtet. Er gelangt schließlich nach Marseille und kämpft monatelang um die notwendigen Papiere und Formalitäten für die Ausreise: Visum, Transitvisum, Schiffspassage, Flüchtlingsschein, Ausreisegenehmigung…  Französische Freunde eröffnen ihm aber eine Perspektive,  in Frankreich zu bleiben…

Da ist der Schriftsteller Weidel, der sich aus Verzweiflung in Marseille das Leben nimmt und dessen Identität und Papiere der Erzähler übernimmt.

Da ist Heinz, „der von den Nazis halbtot geschlagen worden war im Jahre 1935, der … nach Paris geflohen war, nur um nach Spanien zu den Internationalen zu kommen, wo er dann sein Bein verlor, und einbeinig war er weitergeschleppt worden durch alle Konzentrationslager Frankreichs…“, dem aber schließlich die Ausreise gelingt. (S.13)

Da ist der Arzt. Er hat ein Angebot, in einem mexikanischen Krankenhaus seinen geliebten Beruf weiter auszuüben. Aber es ist „geradezu teuflisch schwer“, dorthin zu kommen (S. 57).  Schließlich hat er seinen Platz auf dem Schiff, aber es bleibt offen, ob es jemals an seinem Bestimmungsort ankommt.

Und da ist –neben vielen anderen mehr- der Jude aus Polen, der die Hölle des Wartens auf die erforderlichen Papiere nicht mehr erträgt und lieber wieder in seine Heimat zurück will, obwohl er weiß, dass ihn dort das Ghetto erwartet. Dass ihn noch weit Schlimmeres erwartet, weiß er nicht –bzw. weiß Anna Seghers noch nicht, als sie im Krieg –im mexikanischen Exil- den Roman schrieb.

Als Kulturhauptstadt Europas hatte Marseille 2013 einen zusammen mit dem Goethe-Institut produzierten Parcours  eingerichtet, der an die Zeit der Stadt als Ort der Zuflucht, des Transits, der Besatzung und des Widerstands erinnert. Unter der Überschrift: Ici-même 2013 sind  an insgesamt 51 Erinnerungsorten Pflastergraffitis mit kurzen Texten auf den Boden gesprüht, die darüber informieren, welche Bedeutung dieser Ort jeweils zwischen 1940 und 1944 hatte.

Aufmerksam gemacht wurde ich darauf durch einen Artikel in der FAZ. Im kulturhauptstadt-noblen Office de Tourisme von Marseille an der Canebière hatte man allerdings einige Schwierigkeiten, mir nähere Informationen zu dem Projekt zu geben. Immerhin erhielt ich nach einigem Suchen einen Flyer mit einer Karte und einem –allerdings sehr vagen- Verzeichnis der markierten Erinnerungsorte. Viele befinden sich rund um den alten Hafen, wie schon der FAZ-Artikel angekündigt hatte:

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„Nichts deutet darauf hin, dass sich genau hier, rund um den Hafen, einst zahllose Dramen der Emigration abspielten. Besser gesagt: fast nichts. Denn kaum einer der Flaneure bemerkt, dass sich vor dem Fischhändler auf dem Boden ein Zitat von Anna Seghers befindet: „Mütter, die ihre Kinder, Kinder, die ihre Mütter verloren hatten“, steht da in unscheinbaren französischen und hier übersetzten Lettern, „aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen, um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden; alle auf der Flucht vor dem Tod, in den Tod.“ (FAZ 30.4.2013)

Leider haben wir dieses Zitat am Hafen nicht gefunden – manche haben auch schon von den vielen Menschen, die darüber laufen, an Farbe verloren und sind nur noch schwer erkennbar – andere sind eher versteckt angebracht. So der zwischen einem Metro-Eingang, abgestellten Motorrädern und Müllcontainern versteckte  Hinweis auf  das ehemalige Café Au Brûleurs de Loups am alten Hafen, wo sich während des zweiten Weltkriegs zahlreiche Flüchtlinge –Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle- getroffen haben.

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Die Hafencafés waren ja hier wie auch schon in Sanary ein zentraler Treffpunkt für die Exilierten und Umschlagplatz für Informationen und Gerüchte. In Anna Seghers „Transit“ sind die Cafés deshalb auch ein zentraler Schauplatz des Geschehens.  Und das Brûleurs de(s) Loups ist auch eines der Cafés, in denen der Erzähler von Anna Seghers  Roman oft sitzt und in denen Marie ihren Mann, den Schriftsteller Weidel, sucht.

„Ich trat danach in das nächste Café – was sollte ich auch sonst auch tun? Das Café hieß Brûleurs des Loups.  …  An meinem langen Tisch saß eine großfrisierte dicke Person. Sie fraß unzählige Austern. Sie fraß aus Kummer. Ihr Visum war ihr endgültig verweigert worden, deshalb verfraß sie ihr Reisegeld. Doch gab es kaum etwas anderes zu kaufen als Wein und Muscheln. – Der Nachmittag schritt vor. Die Konsulate wurden geschlossen. Jetzt überschwemmten die Transitäre, von Furcht gepeinigt, die Brûleurs des Loups … Ihr tolles Geschwätz erfüllte die Luft, das unsinnige Gemisch verwickelter Ratschläge und blanker Ratlosigkeit. Das dünne Licht der einzelnen Anlagestellen bestrich schon die dunkler werdende Fläche des Alten Hafens“. (Transit, S. 81)

 Und mehr noch als in Sanary spielten in dem Transit-Ort Marseille die Hotels eine wichtige Rolle, wo viele Exilierte unterkamen, während sie auf ein lebensrettendes Visum warteten. Und manche dienten auch unter dem Vichy-Regime als Internierungsort für unerwünschte Ausländer. So etwa das –heute jedenfalls und vermutlich wohl schon damals- ziemlich heruntergekommene Hafen-Hotel Terminus. Diejenigen, denen bis dahin die Ausreise bzw. Flucht nicht gelang, wurden im August 1942 nach Les Milles und von dort aus meist über Drancy in die Vernichtungslager deportiert– und zwar, worauf die Inschrift hinweist,  mit ihren Kindern. Und das geht, worauf die Inschrift nicht hinweist, auf eine ausdrückliche Initiative des Vichy-Regierungschefs Laval zurück.

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Die Aufschrift vor dem Hotel war nicht leicht zu finden, weil sie mit Tischen und Stühlen arg vollgestellt war. Ein ziemlich trostloser Anblick. Da weit und breit niemand zu sehen war, begann ich, die Inschrift für ein Foto etwas frei zu räumen. Darin wurde ich dann allerdings von einem plötzlich auftauchenden ziemlich giftigen und lautstarken Hotelangestellten unterbrochen, woran auch freundliche Erklärungsversuche meinerseits nichts ändern konnten. Offensichtlich möchte das Hotel nicht so gerne an diesen Abschnitt seiner Geschichte erinnert werden. Ein Foto konnte ich aber immerhin noch machen

Eine ganz wichtige Bedeutung hatten für die in Marseille zusammengeströmten Flüchtlinge die Hilfsorganisationen, die bei der Beschaffung von Visa, Schiffspassagen und Geld behilflich waren. In der Rue de la République,  im Zentrum der Stadt, gibt es den Hinweis, dass dort der Sitz mehrerer Hilfsorganisationen war, bevor sie 1941 von der Vichy-Regierung verboten wurden.

Die wohl bedeutendste und bekannteste dieser Organisationen war das Emergency Rescue Committee, das kurz nach der Besetzung Frankreichs in den USA gegründet worden war. Es sollte prominenten Regimegegnern, die nach Frankreich geflohen und nach dem Waffenstillstandsvertrag von Auslieferung bedroht waren, die Ausreise in die USA  ermöglichen. Der Sitz des ERC lag allerdings nicht in der Rue de la République, sondern in der von Andé Breton angemieteten, etwas außerhalb gelegenen Villa de Bel Air, von den auf ein Visum wartenden Künstlern –u.a. Max Ernst- umgetauft in „château espère-visas“.[3] Mit der Umsetzung der Rettung wurde der amerikanische Journalist Varian Fry betraut, der in Marseille ein Fluchthilfe-Netzwerk aufbaute. Da er schnell die Begrenztheit seiner offiziellen Möglichkeiten, andererseits aber  Dramatik, Dringlichkeit und immensen Bedarf an Hilfe erfuhr, nutzte er auch unkonventionelle, ja illegale Mittel wie z.B. die Fälschung von Pässen, so dass mit seiner Hilfe über 2000 Menschen gerettet werden konnten-  unter anderen Hannah Arendt, André Breton, Marc Chagall, Alfred Döblin, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich und Golo Mann, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Alfred Polgar,  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel. Fluchtwege waren das Meer, meistens aber, da es zu wenig Schiffspassagen gab und/oder die erforderlichen Papiere fehlten,  versteckte, beschwerliche Fußpfade über die Pyrenäen nach Spanien und von dort aus über Lissabon in die USA.

Heinrich Mann berichtet in seiner Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ von dem „Ziegensteig nach dem Exil“  – erst jetzt begann für ihn, den Frankophilen und –phonen, der viele Freunde und auch Publikationsmöglichkeiten in Frankreich hatte, das eigentliche Exil. Mit dabei waren auf dem beschwerlichen, abenteuerlichen  Weg über die Pyrenäen seine Frau Nelly Kröger, sein Neffe Golo, und außerdem –aus Sanary-  Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel.

Auch Walter Siemsen, der die Rede am Grab von Franz Hessel gehalten hatte, gehörte zusammen mit seinem Freund Walter zu den vom ERC Geretteten. Das kann dann ganz banal klingen:

 „Im Februar 1941 begaben sich die beiden Freunde von Sanary-sur-Mer aus wieder auf die Flucht. Über Marseille und Spanien erreichten sie im März mit Hilfe von Varian Fry Lissabon, von wo aus sie im Juni auf der SS Guinee New York erreichten.“

 Einen Eindruck von der Dramatik, die sich dahinter verbirgt, vermittelt aber ein Brief Siemsens vom Januar 1941:

„Ich habe ein Visa für U. S. A. Walter wird eins bekommen. Nur – wie wir hingelangen und ob wir noch können, das wissen wir nicht. Alles, aber auch alles, was wir hatten, haben wir verloren. … Wir führen ein sonderbares Leben. Jeden Tag und jede Nacht kann sich alles zum Guten – aber auch zum Allerschlimmsten ändern. Wir haben aber vorgesorgt und können rechtzeitig Schluss machen.“  Vorgesorgt hatte auch Walter Benjamin, der nach überstandener Überquerung der Pyrenäen von den spanischen Grenzpolizisten wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte und der sich deshalb das Leben nahm – musste er doch fürchten, aufgrund des berüchtigten Paragraphen 19 des Waffenstillstandsvertrags an die Nazis ausgeliefert zu werden.

Varian Fry geriet übrigens nach seinem Tod 1967 fast in Vergessenheit. Erst allmählich wurde seine große Leistung gewürdigt:  Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin Varian-Fry-Straße.

IMG_1250 Unsere Freundin Marie-Christine hat  an einer Bushaltestelle am Potsdamer Platz in Berlin auch  eine Informationstafel über Varian Fry gefunden und fotografiert: auf diese Weise kann man erfahren, wer dieser Varian Fry denn überhaupt war und damit auch noch die Wartezeit auf den nächsten Bus verkürzen.

Und von unseren Freunden Gerd und Uta aus Oberursel, die im Herbst 2013 in Südfrankreich und auch in Marseille waren, bekamen wir schließlich Fotos von dem nach Varian Fry benannten Platz an der Präfektur und von der Informationstafel, die es auch dort gibt, allerdings weniger öffentlich sichtbar als die in Berlin. Sie steht im Hof des US-amerikanischen Generalkonsulats – etwas versteckt neben dem repräsentativen Straßenkreuzer des Konsulats.

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Passend zum Gegenstand dieses Berichts fand  im September/Oktober 2013 eine Ausstellung im Maison Heinrich Heine in der Cité Universitaire statt über die Rolle des mexikanischen Generalkonsuls in Marseille, Gilberto Bosques,  bei der Rettung antifaschistischer Emigranten. Dass Mexiko „eine letzte Zuflucht“ für viele Emigranten war, wusste ich zwar, und ein mexikanischer Diplomat spielt ja auch in  Anna Seghers „Transit“ eine wichtige Rolle. Dass sich dahinter die reale Person Gilberto Bosques verbirgt, war mir allerdings  neu. Und leider wird ja  bisher auch –anders als an Varian Fry- soweit ich weiß weder in Marseille noch in Berlin  im  öffentlichen Raum an ihn erinnert. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone wurde Bosques übrigens nach Deutschland gebracht und im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg interniert, bevor er im Austausch gegen deutsche Diplomaten frei kam und in seine Heimat zurückkehren konnte.

(PS. Inzwischen gibt es eine sehr schöne Würdigung Gilberto Bosques‘: Robert Mencherini: Étrangers Antifascistes à  Marseille 1940-1944. Hommage au Consul de Mexique Gilberto Bosques. 2014)

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Bei einer Veranstaltung im Rahmen der Gilberto Bosques-Ausstellung lernten wir Pierre Radvanyi und seine Frau Marie-France kennen. Pierre Radvanyi ist der Sohn Anna Seghers, und er kann ganz wunderbar und anschaulich über seine Erfahrungen in den Jahren des Exils in Frankreich und Mexiko erzählen. Anna Seghers gelang nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich mit ihren beiden Kindern die Flucht in die unbesetzte Zone und dann von Marseille aus die rettende Überfahrt nach Mexiko. Nach Kriegsende kehrte Anna Seghers nach Deutschland –in die DDR- zurück, Pierre nach Frankreich, wo er Physik studierte und als Forscher im CNRS in Orsay bei Paris arbeitete, wo er heute noch lebt.

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Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meinen Bericht und er und seine Frau luden uns zu „Kaffee und Kuchen“ nach Orsay ein.

Dort waren wir dann auch Anfang November, zusammen mit unserer Freundin Marie-Pierre, die zufällig ganz in der Nähe wohnt. Es gab von seiner Frau selbstgemachten Nusskuchen, ein intensives Gespräch über seine Zeit in Mexiko und das Verhältnis zu seinen Eltern. Während der Vater seinen eigenen Lebensrhythmus hatte und sich eher weniger um die Kinder kümmerte, hatte Pierre ein sehr enges Verhältnis zu seiner Mutter, die ihm viel über ihre Arbeiten erzählte und ihn –als Heranwachsenden- sogar fragte, wie sie denn ihren Roman Transit beenden solle: Mit der Ausreise des Protagonisten oder mit seiner Entscheidung, in Frankreich zu bleiben. Pierre plädierte für das Bleiben, weil er selbst sehr gerne in Frankreich geblieben wäre und den Ernst der Lage damals kaum abschätzen konnte.

Dann sahen wir ei nen langen in Mexiko gedrehten Film über Gilberto Bosques, mit zahlreichen originalen Filmausschnitten, die von Bosques selbst aufgenommen worden waren und einem Interview, das für diesen Film mit ihm als genau 100-Jährigem gemacht worden war. Sehr eindrucksvoll, vor allem auch sein Grundsatz, dass man verantwortungsvoll und menschlich handeln muss, auch wenn es die herrschenden Regeln verletzt. Nur so konnte Bosques  viele tausend Flüchtlingen vor dem drohenden Tod retten. Zum krönenden Abschluss dieses Nachmittags sangen wir noch gemeinsam deutsche Volkslieder wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Ännchen von Tharau“, die ich sicherlich seit 50 Jahren nicht mehr gesungen habe: Pierres Frau Marie-France macht nämlich gerade einen Deutsch-Kurs, zu dem auch ein kleines Chor-Projekt mit deutschen Liedern gehört. Die gemeinsam zu singen, war gerade für sie und für uns alle eine große Freude. Pierre Radvanyi hat übrigens im Aufbau-Verlag ein sehr schönes, empfehlenswertes Buch mit Erinnerungen an seine Mutter, an die Zeit des Exils in Frankreich, die abenteuerliche Flucht nach Marseille und das Exil in Mexiko geschrieben: Jenseits des Stroms. (4)

Anmerkungen:

[1] Da stutzt man natürlich, wenn man nebenan in Oberursel lebt bzw. wie Frauke aus Bad Homburg bzw. dem benachbarten Dornholzhausen stammt.  Aber wie kommt Marcuse auf den Kleinen Tannenwald? Des Rätsels Lösung: In den zwanziger Jahren wohnte er für einige Zeit in der Saalburgstraße in Bad Homburg, „zwischen der Grenze des verblühten Badeorts und dem Örtchen Dornholzhausen, von dem es zur Saalburg hinaufgeht.“ (S.84). Über solche überraschenden Entdeckungen freut man sich natürlich.

[2] Am 23. Mai schrieb Le Petit Var: „La délation est devenue une nécessité, et mieux vaut dénoncer un innocent que de laisser courir un coupable.“ Zitiert von Jeanne-Marie Portevin, Les Années Sombres. In: Télérama,hors-série,  Le Grand Atelier du Midi, S. 84

[3] Siehe Jeanne-Marie Portevin, Les années sombres. In: Télérama hors-série, Le grand atelier du midi. Paris 2013, S. 85.  Dazu auch: Wieland Freund, Der Fluchthelfer der Dichter und Denker. Die Welt 8.10.2011 http://www.welt.de/kultur/article1387312/Der-Fluchthelfer-der-Dichter-und-Denker.html Neu erschienen: Eveline Hasler, Mit dem letzten Schiff. Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. München 2013

Siehe auch: https://danares.wordpress.com/2023/07/19/wir-mussen-uns-wie-richtige-verbrecher-benehmen-lisa-fittko-und-varian-fry-fluchthilfe-1940-1941/

Es gibt einen Dokumentarfilm: Villa Air Bel – Varian Fry in Marseille. 1987, 90 Min., ein Film von Jörg Bundschuh.  http://www.kickfilm.de/de/info.php?film=Villa_Air_B

(4) Auf der Website des Musée de l’Immigration gibt es auch einen autobiographischen Bericht von Pierre Radvanyi: http://portraits.histoire-immigration.fr/

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu deutschsprachigen Schriftstellern in Paris/im französischen Exil:

„Dadurch,  dass ich zum Glück die Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers im Pariser Exil 1933-1940  https://paris-blog.org/2018/11/19/dadurch-dass-ich-zum-glueck-die-kinder-habe-ist-alles-doppelt-schwer-anna-seghers-im-pariser-exil-1933-1940/

Das Grabmal Ludwig Börnes auf dem Père Lachaise in Paris: Eine Hommage an den Vorkämpfer der deutsch- französischen Verständigung  https://paris-blog.org/2018/07/10/das-grabmal-ludwig-boernes-auf-dem-pere-lachaise-in-paris-eine-hommage-an-den-vorkaempfer-der-deutsch-franzoesischen-verstaendigung/

Mit Heinrich Heine in Paris  https://paris-blog.org/2017/10/02/mit-heinrich-heine-in-paris/

Der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur im Haus der Mutualité 1935 https://paris-blog.org/2019/04/15/das-haus-der-mutualite-in-paris-2-der-erste-schriftstellerkongress-zur-verteidigung-der-kultur-von-1935/

Der Cimetière de Picpus: Ein deutsch-französischer und amerikanischer Erinnerungsort  (Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke) https://paris-blog.org/2016/07/01/der-cimetiere-de-picpus-ein-deutsch-franzoesischer-erinnerungsort/

Das Hotel Lutetia (2): Geschichten und Geschichte  https://paris-blog.org/2019/03/01/das-hotel-lutetia-2-geschichten-und-geschichte/

Von der „Notre-Dame de Dada“ im Köln der 1920-er Jahre über das Exil im „Zauberkreis Paris“ nach Auschwitz: Das dramatische Leben der Luise Straus-Ernst.  https://paris-blog.org/2022/04/01/von-der-notre-dame-de-dada-im-koln-der-1920-er-jahre-uber-das-exil-im-zauberkreis-paris-nach-auschwitz-das-dramatische-leben-von-luise-straus-ernst/

Das Hôtel Païva, ein deutsch-französisches Märchenschloss auf den Champs- Elysées

Die Entdeckung des Hotel Païva verdanken wir Abercrombie und Fitch. Die eröffneten nämlich 2012 eine Filiale auf den Champs-Elysées, ein mediales und touristisches Ereignis ersten Ranges: Ein nobles Haus mit goldverzierten Türen, muskelbepackten Türstehern, die sich und ihre six-packs bereitwillig mit Besucherinnen ablichten ließen, und Innen eine geheimnisvoll-dunkle erotisch aufgeladene Atmosphäre mit entsprechender Musik und männlich-schwülstigen Wandgemälden, also ein echter Verkaufstempel.  Da wird man natürlich neugierig und darf es auch sein, wenn Freunde mit jugendlichem Nachwuchs im Abercrombie und Fitch-Alter in Paris sind.  Die Champs-Elysées gehören ja nun nicht gerade zu unseren Lieblingsorten in Paris.   Die Warteschlangen waren allerdings fast so lange wie die vor Notre Dame und reichten bis vor die benachbarte Nr. 25.  Also bis vor das Hôtel Païva,  und wenn ich überhaupt schon einmal an der Nr. 25 vorbeigegangen war, hatte ich weder deren bronzebeschlagenen Eingang noch die reich verzierte Fassade bemerkt. Schließlich ist die auch zurückgesetzt, und davor hat sich die noble Cocktail-Bar Napoleone breit gemacht. Es gibt auch keine der Informationstafeln, wie sie an vielen historisch interessanten Orten von der Pariser Stadtverwaltung platziert sind, und noch nicht einmal ein Schild, das Auskunft geben würde, wer hier residiert.

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Hinter diesem geheimnisvollen und eher abweisenden Äußeren stößt man aber –wenn man Glück hat und einem das Tor geöffnet wird-  auf einen verborgenen Schatz: Das Hôtel Païva ist das einzige noch erhaltene Stadtpalais aus dem second empire, also der Zeit Napoleons III.  vor 1870,  auf den Champs-Elysées. Diese hatten noch bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren eher ländlichen Charakter bewahrt. Die bessere Gesellschaft besuchte einen der im Grünen gelegenen Tanzpaläste wie das Mabille, in dem die Polka und der Cancan erfunden wurden. Und es war eine Promeniermeile, auf der die Kutschen zum Bois de Boulogne fuhren.  Im zweiten Kaiserreich entwickelten sich die Champs Elysées dann zum „haut-lieu de la vie élégante parisienne.“ Eine Geldaristokratie von Bankiers und Industriellen errichtete entlang der Avenue luxuriöse Villen im historisierenden Stil. Eine davon, die einzig erhaltene, war das Hôtel Païva, ein wahrhaftiges Märchenschloss, wie man es sich phantastischer kaum ausmalen kann. Ein dreistöckiges Gebäude, unten repräsentative, überreichlich ausgestattete Salons für die Gäste, oben die Privaträume von Hausherr und Hausherrin, ebenfalls vom Feinsten dekoriert, und unter dem Dach –so wie es im Paris des Baron Haussmann üblich wurde- die Räume der Bediensteten.

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Der große Saal

Besonders phantastisch ist im oberen Stockwerk das Badezimmer im maurischen Stil:

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Von den drei Hähnen der eisernen Badewanne soll einer für Eselsmilch oder Champagner bestimmt gewesen sein.

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Und natürlich waren die ursprünglich nicht so schlicht wie auf dem Foto, sondern mit Edelsteinen verziert, vielleicht Türkise oder Rubine, da gibt es unterschiedliche Versionen. Eine weitere, 900 Kilogramm schwere  Badewanne war aus einem einzigen Onyx-Block gefertigt. Onyx- der nordafrikanische Marmor- war gerade erst einige Jahre vorher in einem römischen Steinbruch nahe Oran wiederentdeckt worden und wurde im zweiten Kaiserreich Napoleons III. aufgrund seines großen Wertes nur zur Ausschmückung der allerfeinsten Häuser verwendet.

Download Onyx Badewanne

Das Schlafzimmer darf dahinter natürlich nicht zurückstehen. In einer mit  einer Geburt der Venus –was sonst?- ausgemalten Nische stand –heute leider nicht mehr- wie ein Altar das extravagante Bett, das ebenfalls das Motiv der aus einer Muschel steigenden Venus aufgreift.

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161 Bett der Paiva

Wie die Badewanne ist auch die grandiose und weltweit wohl einzigartige theatralische Treppe aus Onyx gefertigt, die das Zentrum des weitläufigen Gebäudekomplexes bildet. Nicht nur die Stufen und das Geländer, sondern auch die Wände sind aus Onyx, die  Nischen sind geschmückt mit Marmor-Statuen im Stil von Antike und Renaissance…

81 Vergil Dante Petrarqua im Treppenhaus 110 Treppe von unten

Der Skupturenschmuck ist bewusst gewählt: Die Statuen stellen Dante, Vergil und Petrarca dar, dazu gibt es die Büste eines römischen Kaisers  und ein Medaillon-Relief der schönen Meeresgöttin Amphitrite, die auf einem als Brautwerber ausgesandten Delphin zur Vermählung mit Poseidon reitet: Schönheit, Macht und Kultur sind hier also programmatisch versammelt.

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Zu diesem Märchenschloss passt auch das nicht weniger märchenhafte Leben der Frau, die dort residierte und dem Hôtel de Païva ihren Namen gegeben hat. Geboren wurde sie 1819  in Moskau als Esther bzw. Thérèse  Lachmann,  Tochter des armen, aus Polen stammenden jüdischen Webers Martin Lachmann und seiner Frau Anna Amalie Klein. Im Alter von 16 Jahren heiratete sie den am Rand des jüdischen Ghettos wohnenden französischen Schneider François Villoing, mit dem sie ein Kind hatte. Thérèse war ausgestattet mit einem unbändigen Aufstiegswillen und einer „sensuelle et dangereuse beauté“, ja sogar einer „beauté de diable“. Dass die Schönheit der jungen Dame als gefährlich bezeichnet und sogar mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird, lässt ahnen, dass es nicht bei einem trauten Familienleben mit dem Moskauer Schneider bleiben wird:  Schon ein Jahr nach ihrer Hochzeit ließ Thérèse  Mann und Kind in Moskau zurück und machte sich in Begleitung eines Liebhabers nach Paris, in die Stadt ihrer Träume, auf.  In ihrem Tagebuch berichten die Gebrüder Goncourt eine phantastische, romaneske  Version dieser Fahrt:  Stationen seien Wien und Constantinopel gewesen, wo sich Thérèse habe verkaufen müssen, um ihre Fahrtkosten zu bezahlen. Dort sei sie  von Agenten des Sultans entführt und in einem Harem eingeschlossen worden, aus dem sie sich aber habe befreien können. Auf einem Handelsschiff sei sie nach Amsterdam und von dort aus schließlich nach Paris gekommen (AD, 28/29). Hier  erwarb sie sich schnell einen hervorragenden Ruf als „lorette“, wie die Pariser Prostituierten damals genannt wurden, weil sie vornehmlich im Umkreis der Kirche Notre-Dame-de-Lorette ihre Dienste anboten. Schließlich wurde sie die Mätresse von Henri Herz, einem international gefeierten Pianisten, Komponisten und innovativen Klavierbauer. Er führte sie in die bessere Pariser Gesellschaft ein und machte sie u.a. mit Liszt, Wagner und Théophile Gautier bekannt, der ihr lebenslanger Freund und Vertrauter wurde. Aber auch die Beziehung zu Herz war nicht von langer Dauer, wofür vor allem  ihr Hang zu Luxus und Verschwendung und ihr entsprechend ungehemmter Zugriff auf das Vermögen ihres Liebhabers verantwortlich waren. Verständlicher Weise  war seiner Familie diese Liaison ein Dorn im Auge und sie nutzte 1848 die Gelegenheit einer längeren Konzertreise von Henri Herz dazu, Thérèse vor die Tür zu setzen. Krank und mittellos machte sie sich nach London auf, wo sie die Mätresse einiger Lords wurde, aber auch Kontakte zu anderen reichen Männern nicht verschmähte. Eine ihrer Eroberungen war der reiche Bankier Alphonse Gaiffe, von dem sie, wie berichtet wird,  20000 Francs gefordert habe, die sie dann  während des Schäferstündchens nach und nach in Flammen aufgehen ließ. Allerdings habe Gaiffe vorgesorgt und sich mit gefälschten Scheinen zum Rendezvous begeben…

Zurück aus London mietete sie eine Wohnung an der Place St. George in einem noblen Stadtpalais, dessen Fassade mit Statuen im Stil von Gotik und Renaissance reich verziert war. Für die Öffentlichkeit ist es nicht zugänglich, eine Informationstafel der Stadt Paris informiert aber über die Geschichte dieses Hauses, das bis heute „Hôtel Païva“ heißt – auch wenn es nicht das eigentliche Hôtel dieses Namens ist. Die Place St. George lag in dem Nouvelle Athène genannten aufstrebenden Viertel der Künstler und Intellektuellen (heute 9. Arrondissement), in dem George Sand, Musset, Chopin und die Brüder Goncourt wohnten.

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Hier führte Thérèse das Leben einer anspruchsvollen Kurtisane („une courtisane de haute volée“), deren Salon einer der gesuchtesten von Paris war. Stammgäste dort waren „die drei Musketiere der Thérèse“, ihre engsten Freunde: der Schriftsteller Théophile Gautier, der Journalist und Kunstkritiker Graf Paul de Saint-Victor und Arsène Houssaye, ebenfalls ein Journalist, Schriftsteller und Literaturkritiker- alles höchst prominente Figuren der Pariser intellektuellen Szene des second empire, mit vielfältigen gesellschaftlichen Beziehungen, zum Teil bis ins Kaiserhaus hinauf.  Thérèse muss also eine mysteriöse Aura und Anziehungskraft gehabt haben, um sich solche Männer zu lebenslangen Vertrauten zu machen (AD, S. 67 und 96).

Aber es fehlte ihr immer noch an voller gesellschaftlicher Anerkennung, wie folgende Episode –mit ungesichertem Wahrheitsgehalt- zeigt: Sie habe, noch zu Zeiten ihrer Beziehung zu Henri Herz, diesen zu einer Einladung des Königs Louis-Philippe in die Tuilerien begleitet. Dort sei ihr –obwohl sie allgemein als Madame Herz firmierte-  signalisiert worden, dass sie draußen zu bleiben habe: aus Gründen, die „Madame“ gut kennen müsse… (AD, 48). Da traf es sich gut, dass nach der Trennung von Herz und ihrer Rückkehr aus London  ein reicher Portugiese der schönen Thérèse verfiel: Der Marquis Albino Francisco de Araújo de Païva. Ob es sich wirklich um einen Adeligen handelte, scheint nicht ganz klar zu sein. Unterschiedlich sind auch die Darstellungen, was seine damalige finanzielle Lage anging: Ob er noch der reiche Erbe des in Macao angehäuften elterlichen Vermögens war oder schon bis zum Hals in Schulden steckte. Auf jeden Fall hatte er –zu Recht oder Unrecht- einen respektablen Namen. Und auf den hatte es Thérèse abgesehen. Da gerade rechtzeitig der Moskauer Schneider verstarb, konnte die verwitwete Madame Villoing am 8. Juni 1851 den portugiesischen Marquis heiraten.

Aber schon am Tag nach der Hochzeit soll die frischgebackene Marquise de Païva ihrem Mann das Kündigungsschreiben ausgehändigt haben: Er habe erreicht, was er wolle und sie zu seiner Frau gemacht. Sie trage jetzt seinen Namen. Also seien sie quitt. Nachdem sie ihren Part ehrenhaft absolviert habe, solle er jetzt nach Portugal zurückkehren, was er auch tat.  Mit dem Marquis de Païva nahm es dann ein schlimmes Ende:  Wieder in Paris und völlig ruiniert soll er seine Freunde zu einem Gelage ins Maison Dorée eingeladen haben, und dann schoss er sich – und das scheint verbürgt zu sein-  eine Kugel in den Kopf…

Ganz anders Thérèse-Pauline-Blanche, wie sie sich jetzt als  frischgebackene Marquise  von Païva nannte, deren Aufstieg sich unaufhaltsam fortsetzte. Zunächst kaufte sie sich ein Grundstück auf den Champs-Elysées – der Legende nach genau dort, wo sie einmal von einem wenig galanten Liebhaber aus dem Fiaker geworfen worden war. Und mit dem Kauf dieses Grundstücks an den aufstrebenden Champs schuf sie die Voraussetzung, das zu erfüllen, was sie 1848, verlassen von Henri Herz, krank und mittellos, sich und ihrem Vertrauten, dem Schriftsteller  Théophile Gautier, geschworen hatte, bevor sie sich nach London aufmachte: „Si j’en reviens, je veux avoir aux Champs-Elysées, le plus bel hôtel de Paris.“ (Wenn ich zurückkomme, möchte ich auf den Champs-Elysées das schönste Stadtpalais von Paris haben). Für das erträumte Märchenschloss reichte ihr Geld aber dann doch nicht. Und da kommt nun der deutsche Märchenprinz ins Spiel: Der Reichsgraf und spätere Fürst Guido Georg Friedrich Erdmann Heinrich Adelbert Graf Henckel von Donnersmarck, kurz auch:  Guido Henckel von Donnersmarck.

Download Guido

Donnersmarck war einer der reichsten Männer seiner Zeit. Von seinem Vater hatte er umfangreichen Grundbesitz in Schlesien und Osteuropa geerbt, dazu zahlreiche Bergwerke und Eisenhütten in Oberschlesien, das sich damals zu einer bedeutenden Bergbauregion entwickelte. Dieses Erbe vermehrte Donnersmarck sehr zielstrebig, wobei er sich als einer der ersten Adligen auch Fremdkapital beschaffte, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Belgien. Dem Aufsichtsrat einer seiner Aktiengesellschaften gehörte sogar der Halbbruder von Napoleon III. an. So wird es zu erklären sein, dass Donnersmarcks Wege öfters auch nach Paris führten. Dort –so jedenfalls die anscheinend wahrscheinlichste Version- wurde der Marquise von Païva bei einem Opernbesuch der 25-jährige Guido vorgestellt. Offenbar war es Liebe auf den ersten Blick oder -noch treffender in der französischen Ausdrucksweise: ein coup de foudre, ein amouröser Blitzschlag. Für Guido war die schöne, geistreiche, gesellschaftlich gewandte und geschäftstüchtige Païva ein Geschenk des Himmels. „Sa science amoureuse dans l’intimité“ wird sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen haben. Aber sie war für ihn eine Frau ohne Vergangenheit und so redete er sie mit dem Vornamen an, den sie bisher noch nie benutzt hatte: Blanche. Für sie war Guido von Donnersmarck ebenfalls ein Geschenk des Himmels: jung, stattlich, „d’une grande beauté“; eine Erscheinung, die sehr gut in das romantische Milieu des Neuen Athens passte, dabei aber ein Mann von echtem und höchstem Adel und größtem Reichtum. Problematisch war allerdings der große Altersunterschied von 11 Jahren. Aber da wusste die Païva Abhilfe: Sie ließ ihre Geburtsurkunde fälschen: Aus 1819 wurde 1826 (siehe auch die Ahnentafel Anmerkung 4), und da waren es nur noch erträglichere 4 Jahre Unterschied… Aber neu geboren war die Païva seit ihrem Zusammentreffen mit Donnersmarck ja tatsächlich, denn damit endete ihr bisheriges Leben als „Lebedame“ und ein neues Leben an der Seite Donnersmarcks begann für sie. Und zwar wirklich kein schlechtes:

Zunächst kaufte Guido seiner Geliebten als Sommersitz das westlich von Paris gelegene Schloss Pontchartrain, das von keinem Geringeren als dem großen Mansart neu erbaut, von dem Architekten Pierre Manguin renoviert und von Blanche neu eingerichtet wurde und in dessen Park sie nach Herzenslust –zum Befremden ihrer Bediensteten: in Männerkleidung- ausreiten konnte. Das schmiedeeisernen Tor ist mit Krone und den Initialien D und G geschmückt, was zu dem Reichsgrafen Guido von Donnersmarck passen würde. Inzwischen gehört das Schloss irgendeiner anonymen Gesellschaft. Die ist so anonym, das es nicht einmal ein Schild des jetzigen Eigentümers gibt. „On ne visite pas“, wie es auf der homepage des Ortes Pontchartrain heißt, auch wenn das Schloss seine Hauptsehenswürdigkeit ist. Wir mussten also, als wir kürzlich hinfuhren, draußen bleiben, denn über die in Frankreich meistens und hier auch erforderliche Sesam-öffne-dich- Zahlenkombination verfügen wir natürlich nicht. Aber immerhin sprangen zwei Rehe zu unserer Begrüßung über die „Le-Nôtre-Perspektive“. Da hatten wir aber unsere Fotos noch nicht gezückt. Gerne hätten wir natürlich auch einen Blick in den weitläufigen Park hinter dem Schloss geworfen und nachgesehen, ob es die Gewächshäuser noch gibt, in denen auf Anordnung der Païva das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse gedieh, so dass sie auch im Winter ihren Gästen frische Erdbeeren servieren konnte- der Postager du roi Ludwigs XIV. in Versailles lässt grüßen

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Aber dann gab es da ja noch das Grundstück auf den Champs Elysées und das Gelübde der Thérèse von 1848, dort das schönste Haus von ganz Paris zu errichten. Und natürlich war es für Guido von Donnersmarck eine Selbstverständlichkeit, seiner Geliebten auch die Erfüllung dieses Gelübdes zu ermöglichen. Geld spielte dabei keine Rolle. Mit der Planung beauftragt wurde der  Architekt Pierre Manguin, der schon Pontchartrin renoviert hatte. Und für die opulente Innenausstattung wurde fast alles aufgeboten, was Rang und Namen hatte bzw. kostbar war. “Die größten Künstler der Epoche haben“, wie es in einer Führungsankündigung heißt, „an den vergoldeten Holzschnitzereien, den Skulpturen und Gemälden gearbeitet. Der strahlende Reichtum der Ausstattung, des Marmors, der Bronzen, der Keramiken und Mosaiken haben dieses Hôtel zur Legende gemacht.“ Den Auftrag für das Deckengemälde im große Salon erhielt beispielsweise Paul Baudry, der danach berühmt wurde durch die Ausmalung des Foyers  der Opéra Garnier. Und es ist durchaus denkbar, dass Garnier, der zum Bekanntenkreis der Païva gehörte, in ihrem Hôtel Baudry für sich entdeckte.

Als Thema für das Deckengemälde wählte Baudry Der Tag vertreibt die Nacht – und als Modell für die Nacht soll die Païva höchstpersönlich  Modell gestanden (oder gelegen)  haben; ebenso für die  aus blütenweißem Marmor gefertigte Allegorie der Musik auf dem Kamin im großen Salon. Deren Schöpfer war Eugène Delaplanche, ebenfalls ein prominenter Künstler des second empire,  der wie Baudry später auch an der Ausgestaltung der Pariser Oper mitwirkte.

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Es erscheint in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass bei der Aufzählung der an der Ausschmückung des Stadtpalais beteiligten Künstler teilweise auch der junge Auguste Rodin genannt wird: Das ist aber sicherlich eine der vielen Ungenauigkeiten und Übertreibungen, auf die man immer wieder stößt, wenn es um die Païva und ihr Märchenschloss geht. Unzweifelhaft beteiligt war dagegen der junge Jules Dalou, der große Bildhauer der Dritten Republik, der unter anderem die repräsentative Figurengruppe auf der Place de la Nation gestaltete.

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Hier im Hôtel Païva verdiente er sich seine ersten künstlerischen Sporen und arbeitete am Skulpturenschmuck mit und angeblich soll er sogar das Venus-Muschel-Bett geschaffen haben, das dann von Baudry ausgemalt wurde (AD, 124). Dass auch Rodin genannt wird, hängt vielleicht damit zusammen, dass Dalou mit Rodin sehr eng befreundet war: Rodin hat auch eine Bronzebüste von ihm gestaltet, die im Musée Rodin in Paris zu sehen ist –eine weitere im wunderbaren Musée La Piscine in Roubaix. Und warum hätte nicht auch noch der junge Rodin zur Ausstattung des Hotels Païva beitragen sollen?

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Bemerkenswert ist jedenfalls, dass Manguin und die Païva das Hôtel nicht mit Antiquitäten ausstatteten, sondern durchweg Künstler ihrer Zeit beauftragten: erfahrene und renommierte, gleichzeitig aber auch noch junge, aufstrebende Künstler wie Baudry und Dalou. So konnte das Hôtel de Païva zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk des second empire werden.

Die sogenannte bessere Gesellschaft der Stadt verfolgte den 10 Jahre dauernden Bau mit größtem Interesse, aber auch mit einiger Häme. So bemerkte Le Figaro während derBauarbeiten, auch wenn das Hôtel noch nicht fertiggestellt sei, könne „Madame la Marquise de Païva“ schon einziehen und fügte dann zur Begründung anzüglich hinzu, das Trottoir sei ja schon fertig.

Aber als 1866 das Märchenschloss eingeweiht wurde und Donnersmarck und die Païva zu Tee, Dîners oder Festen einluden, drängelte sich dann doch „tout Paris“: Aus Neugierde auf das Haus, wegen der erlesenen Speisen mit den frischen Zutaten aus Pontchartrain; teilweise sicherlich auch wegen möglicher geschäftlicher oder politischer Kontakte mit Donnersmarck. Vor allem aber kam man wegen der anregenden und unterhaltsamen Hausherrin. Immerhin war die Païva sehr sprachbegabt: Als sie nach Paris kam, sprach sie schon fließend Russisch, Französisch, Deutsch und Polnisch; Während der Beziehung zu Herz kamen dann noch das Englische dazu – und natürlich das Klavierspiel. In seinen Mémoires d’un Parisien berichtet Georges Duval, diese „diablesse de femme“ habe die ganze Welt gekannt, alle Bücher und alle Zeitungen gelesen. Sie erzähle Anekdoten aus Polen, russische Aperçus, Londoner Skandale. Sie wisse alles über die Pariser Gesellschaft. Außerdem sei sie eine vollendete Musikerin. Bei seinem Besuch habe sie sich an den Flügel gesetzt und die Ouvertüre von Bellinis Oper Norma mit einer Intensität gespielt, die alle Anwesenden bezaubert habe (AD,130). Der zum engen Freundeskreis der Païva zählende Kunstkritiker Arsène Houssaye war voll des Lobes über die geistvollen Unterhaltungen an ihrer Tafel. Niemand erlaube es sich, die Ohren mit Allgemeinplätzen und Altbekanntem zu belästigen.  Langweiler, die da nicht mithalten könnten, hätten die Chance weiterer Einladungen verspielt.[1] Einige Besucher sahen das aber ganz anders wie der Maler Eugène Delacroix, der in seinem Journal festhielt, er habe bei der „fameuse comtesse de Païva“ gespeist. Der ganze fürchterliche Luxus missfalle ihm. Von einem solchen Abend bleibe keine Erinnerung zurück, man sei am folgenden Tag nur schwerer, „voilà tout“ (AD 137). Aber das hinderte ihn durchaus nicht daran wiederzukommen… Und manche Besucher kamen wohl vor allem, um sich hinterher genüsslich die Mäuler zerreißen zu können wie die Gebrüder Goncourt in ihrem Journal:  Sie nennen das Haus ein „Louvre du cul“ oder ein „Haus der Prostitution“, das mit einem schlechten Rennaissance-Geschmack völlig überladen sei und nur den Reichtum der Hausherrin in Szene setzen solle. Das Essen sei gut, aber gewönlich, nichts was den Gaumen überraschen würde, was man doch bei einer Courtisane erwarten könne. Den Café habe man im Wintergarten auf der Rückseite des Hauses eingenommen.  Der sei nach dem Muster von Pompei gebaut, wozu die Statue der Aphrodite passt, die Göttin der Schönheit und Liebe, die sich in einer Nische im Spiegel bewundert.

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Aber auch das konnte die Goncourts nicht gnädig stimmen: Offensichtlich fühlten sie sich gestört von der Musik des nahe gelegenen Tanzpalastes Mabille; also auch daneben. Die Païva ist und bleibt für die Goncourts eine in die Jahre gekommene Kurtisane, die sie in allen Einzelheiten genüsslich-bösartig beschreiben. Entsprechend war auch die Sicht des Dramatikers Emile Augier, der gebeten wurde, etwas über die allgemein bewunderte Treppe zu schreiben, auf der die Païva ihre Gäste empfing. Der bemerkte nämlich trocken: „So wie die Tugend hat auch das Laster seine Stufen.“[2]

Aber dessen ungeachtet: Aus der kleinen Moskauer Jüdin war „die Königin der Champs-Elysées“ geworden, deren Empfänge legendär waren  und die sich mit ihrem lover feiern und bewundern ließ.

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       Adolphe Joseph Thomas Monticelli: Une soirée chez la Païva

Selbst 50 Jahre später war die Legende des Hotel  Païva  offenbar noch lebendiger Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses: Auf der Bühne der Folies Bergères 1923 stellten einige Herren und zahlreiche Damen mit oder ohne Reifrock die inzwischen legendär gewordenen abendlichen Soupers im Hôtel Païva nach.[3]

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Der Graf von Donnersmarck ließ sich von allem Gerede und allem Naserümpfen aber nicht beirren: Er genoss ganz offensichtlich das glanzvolle Pariser Leben, um das ihn die  mit ihren Kartoffeln und Runkelrüben beschäftigten ostelbischen Standeskollegen sicherlich –wenn auch wohl eher insgeheim-  beneideten. Und Guido hielt sich dabei nur an das wunderbare Motto derer von Donnersmarck: Memento vivere! Ein, wie ich finde, ziemlich bemerkenswertes Motto eines streng-protestantischen ostelbischen Adelsgeschlechts. Guido von Donnersmarck vergaß also bei all seinem ganz und gar nicht verstaubten geschäftlichen Engagement, das ihn von der Mehrheit seiner Adelsgenossen ebenfalls völlig unterschied, nicht das Leben: Und das verkörperte für ihn die Païva: Also keine flüchtige Affäre für die Zeiten seiner Aufenthalte in Paris, sondern die Frau seines Lebens. Donnersmarck ließ also seine Beziehungen und seine finanziellen Mittel spielen und erreichte schließlich, dass 1870 vom Heiligen Stuhl die Ehe der Païva mit dem portugiesischen echten oder falschen Marquis annulliert wurde. Dass die Begründung etwas dubios war, spielte dabei keine Rolle. Donnersmarck hatte nun freie Bahn und war 1871 souverän genug, seine Blanche zu heiraten, wobei, wie schon bei der Heirat mit dem portugiesischen Marquis wieder Théophile Gautier der Trauzeuge war.  Natürlich war das eigentlich eine Mesalliance, aber die konnte er sich offenbar leisten- und immerhin wurde in den Adelsregistern die Sache ein bisschen aufgehübscht, indem aus dem Vater der Esther/Thérèse/Pauline/Blanche,  dem armen Moskauer Weber Lachmann,  ein veritabler Tuchfabrikant gemacht wurde.[4] Und in dem zur Heirat ausgestellten Dokument des evangelischen Pastors der église de la Rédemption in Paris, in der die Trauung stattfand, wird aus dem ersten Ehemann der Païva, dem Schneider Villoing, ein Bankier, und aus dem Vater ein „capitaliste“… Das konnte sich immerhin sehen lassen (AD, 161).

1870/1871 war aber nicht nur ein privater Wendepunkt für die Païva und Donnersmarck, sondern es war auch die Zeit des deutsch-französischen Krieges.  Und Donnersmarck als ostelbischer Magnat und politisch engagierter Konservativer, gleichzeitig aber auch als Kenner Frankreichs mit vielfältigen Beziehungen zu diesem Land, wurde damit zu einem wichtigen Ansprechpartner Bismarcks. Der sei, so eine der durch das Internet geisternden Behauptungen, sogar sein Cousin gewesen – und die Païva damit durch ihre Heirat mit Donnersmarck die Cousine des Reichskanzlers.  Aber das ist eine der vielen sich um die Païva rankenden Legenden. Zutreffend ist jedoch, dass Bismarck Donnersmarck zunächst zum Stadtkommandanten von Metz, dann übergangsweise zum Gouverneur des Bezirks Lothringen ernannte und ihn für die Frankfurter Friedensverhandlungen mit Frankreich engagierte. Dort war Donnermarck –zusammen mit Bismarcks Bankier Bleichröder- vor allem für den wirtschaftlichen Teil des Vertrags zuständig. Dabei habe sich Donnersmarck in Kenntnis des französischen finanziellen Potentials für die Festsetzung einer nicht zu knapp bemessenen Kriegsentschädigung und für deren schnelle Zahlungsabwicklung eingesetzt. Seine Frau habe ihm dabei aufgrund ihrer intimen Kenntnisse der Pariser Finanzkreise beratend zur Seite gestanden. Als am 10. Mai 1871 im Frankfurter Hotel Zum Schwan der „Frankfurter Friede“ zwischen Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde, war Graf Guido von Henckel-Donnersmarck auch dabei. (5)

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Nach dem Krieg war die Lage des Paares in einem Klima grassierender Germanophobie allerdings ziemlich prekär. 1872 soll die Païva beispielsweise bei einer Opernaufführung ausgepfiffen worden sein, worauf der französische Ministerpräsident Thiers höchstpersönlich an einem „Sühne-Dîner“ im Hôtel Païva erscheinen sei oder auch –eine andere Version- das Ehepaar Henckel in den Elysée-Palast eingeladen worden sei. Ein weiteres Indiz: 1873 erschien ein Theaterstück von Alexandre Dumas junior La femme de Claude, das nach der französischen Niederlage den patriotischen Geist stärken sollte: Claude ist ein genialer Erfinder und Vertreter der Menschlichkeit, dessen grandiose Kanone Frankreich unbesiegbar machen oder gar jeden neuen Krieg verhindern könnte. Aber hélas! Verheiratet ist er mit Césarine, einer Frau mit höchst dubioser Vergangenheit und ohne jede moralische Skrupel: Sie verrät das Geheimnis der absoluten Waffe an den Feind,  und so ist es nur allzu berechtigt, dass Claude ihrem finsteren Treiben ein Ende macht und sie tötet. Die Bezüge zur intriganten und –angeblich- nymphomanen antiken Messalina sind unverkennbar, für die Zeitgenossen aber wohl auch die Bezüge zur Païva. Sie habe ganz unverkennbar Dumas zur Gestaltung seiner verkommenen, landesverräterischen Césarine angeregt, die den Tod verdient habe.[6]  In der Tat wurde die Païva –allerdings ohne jede konkrete Grundlage- der Spionage für Deutschland bezichtigt. Nach dem verlorenen Krieg  herrschte in Frankreich geradezu eine Spionage-Hysterie: Ein Versuch zur Erklärung der schmählichen Niederlage. Keine guten Voraussetzungen also für eine Fortsetzung des glanzvollen Lebens zu Zeiten des second empire. Auf Anraten ihres Mannes verließ Blanche also Paris und verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Neudeck/Oberschlesien (heute Świerklaniec).  Dort hatten sich Henckel von Donnersmarck und die Païva von dem französischen Architekten Lefuel von 1868-1875 ein neues Schloss bauen lassen. Lefuel war im Second Empire u.a. Chefarchitekt des Louvre und zeichnete die Pläne für die beiden zum Tuileriengarten weisenden Seitenflügel des Louvre. Für die Schlossanlage in Neudeck standen Versailles und das Tuilerien-Schloss Pate: gewissermaßen eine Wiedergutmachung für den der „Madame Herz“ noch verwehrten Zugang.

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Das neue Schloss, das in den  1960-er Jahren abgetragen wurde, war eine der größten Schloss- und Parkanlagen des Deutschen Reiches. Dort starb die Païva am 21. Januar 1884. Guido liebäugelte wohl damit, das Hôtel als Erinnerung an seine von ihm bis ans Ende leidenschaftlich geliebte Frau von den Champs-Elysées nach Neudeck zu versetzen, was aber unrealistisch war, so dass er es verkaufte.

Nach einigen Irrungen und Wirrungen erstand 1903 der  Travellers  Club, ein Ableger des gleichnamigen altehrwürdigen und noblen Londoner Clubs, das Anwesen, das heute noch weitgehend im Original erhalten ist und einen einzigartigen Eindruck von den Champs-Elysées des second empire vermittelt. Möchte man nach Lust und Laune Zugang zu dem Märchenschloss  haben, muss man  nur Mitglied des Clubs werden:  Es braucht dazu die Empfehlung von zwei Mitgliedern und die Bewährung in einer Probezeit, nach der die Vollversammlung über die Mitgliedschaft entscheidet. Ganz billig ist die natürlich nicht. Immerhin ist der Club nicht für Krethi und Plethi gedacht, und es müssen immerhin das unter Denkmalschutz stehende Gebäude und das Personal unterhalten werden, darunter ein veritabler standesgemäß uniformierter Butler.

Einfacher und billiger geht es  im Rahmen von Führungen. Die gibt es allerdings nur sonntags vormittags.  Die Führungen finden nicht  allzu häufig statt, die Gruppengröße ist begrenzt und eine vorherige Reservierung erforderlich. Unbedingt zu empfehlen ist der Besuch auf jeden Fall. Die 20 Euro (10 Euro Eintritt, 10 E Führungsgebühr) lohnen sich!

Pour en savoir plus:

Janine Alexandre-Debray: La Païva. 1819-1884. Ses amants, ses maris. Paris: Librairie Académique Perrin 1986 (abgekürzt : AD)

http://www.freres-goncourt.fr/paiva/journalg.htm

http://www.lepoint.fr/c-est-arrive-aujourd-hui/31-mai-1867-une-petite-juive-moscovite-devient-la-reine-des-champs-elysees-la-paiva-30-05-2012-1466926_494.php

Der beste Überblick über Führungen im Hôtel Païva: http://www.billetreduc.com/lieu/paris/hotel-de-la-paiva/ (Hier kann man sich rechtzeitig anmelden).

Anmerkungen

[1] Arsène Houssaye: “La causerie à l’hôtel Païva était toujour étincelante, imprévue, ruisselante d’innouïsme.“ Zit. AD, 133

[2] Ainsi que la vertu, Ie vice a ses degrés.‘ Zit. in: http://www.parisdeuxieme.com/2007/05/hotel-de-paiva-champs-elyses.html.

[3] Umberto Brunelleschi: un souper chez la Païva

[4] Paris 1871 Blanche (1826–84), T d. Tuchfabr. Martin Lachmann u. d. Anna Amalie Klein, 2) Wiesbaden 1887 Katharina (1862–1929), T d. russ. Staatsrats Wassili Alexandrowitsch Slepzow (russ. Adel) u. d. Sophia Filippowa Christianowitsch (russ. Adel) in:  http://www.deutsche-biographie.de/sfz29662.html

[5]  Bild aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 2921, S. 39. Graf Guido ist zweiter von links.

[6] http://www.fabula.org/colloques/document1296.php und AD, 179 f

Der Elysée-Vertrag, Mythos und Symbol, wird 50:  ein Anlass zum Feiern (2012)

Der Text ist auch erschienen in:  Europäische Erziehung, Halbjahreszeitschrift des EBB-AEDE     ISSN: 0423-6238
42 (2012) 2 (Oktober) ; S./ p.: 5 – 17.

http://ebb-aede.eu/zeitschrift-europaeische-erziehung.html

 

 

  1. Von der „Erbfeindschaft“……

Maurice Barrès, einer der lautstärksten Verkünder eines übersteigerten französischen Nationalismus, berichtet in seinem Tagebuch, „dass er mit seinem kleinen Sohn an der Grenze stand. ‚Dort wohnen die Deutschen‘, sagte er. ‚Haben die auch eine Seele?‘ fragte der Kleine zurück. ‚Nein‘, antwortete der Vater und notiert dazu in seinem Tagebuch: ‚Ich wusste wohl, dass es eine Idiotie war, aber solche Idiotien erzeugen Energien…‘ [1]. Das war zwischen 1871 und 1914, als die angebliche deutsch-französische „Erbfeindschaft“ als fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins beiderseits des Rheins Hochkonjunktur hatte. Wäre es nach dem Willen von Friedrich Ludwig Jahn, dem frisch-fromm-fröhlichen „Turnvater“ gegangen, hätte es die Grenzerfahrung des kleinen Barrès nicht geben können. Denn Jahn plädierte dafür, eine undurchdringliche Wildnis zwischen Deutschland und Frankreich anzulegen, damit zum Wohle des Vaterlandes auch nicht die geringste Verbindung zwischen beiden Völkern stattfinden könne. So schlägt denn Jahn vor, Sümpfe anzulegen, Täler durch Wall und Mauern zu Seen zu stauen und die Natur ungehindert ihr Werk tun zu  lassen:  „Aus alten Klöstern entstehen dann Eulenschläge, Adlerhorste aus ausgebrannten Turmzinnen… unterirdisch aufgebaute Irrgebäude dienen gleich Schneckenbergen zu Werken für Giftschlangen. Die mit einer Doppelreihe von Verwallungen und Dornhecken eingezäunte Wüste ist wenigstens ein Grad breit, kein Leichtfuß kann sie ohne Rast durchhüpfen. Hungrige Wölfe, Bären und dergleichen passen Einschleichern, Kundschaftern und Landstreichern auf den Dienst… und der beständige Kampf, den die in der Wüste wohnenden Leute mit ihnen zu führen genötigt, ist die beste Vorschule zur Landwehr.“[2]  Dies alles erschien Jahn erforderlich, weil die Franzosen –neben Polen, Juden und Junkern- für ihn „Deutschlands Unglück“ bedeuteten. Und so war es auch nur konsequent, dass er jeden kulturellen Kontakt mit den Nachbarn im Westen unterbinden wollte: „ Wer seinen Kindern die französische Sprache lehren lässt, ist ein Irrender, wer darin beharrt, sündigt gegen den heiligen Geist. Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren lässt, ist das ebenso gut, als wenn er ihnen Hurerei lehren lässt.“ Damit ist die moralische Verkommenheit Frankreichs als Stereotyp des deutschen nationalistischen Diskurses angesprochen, während umgekehrt Deutschland für rohe Gewalt und Barbarei steht.[3]

 

  1. …zur „Erbfreundschaft“ : Der Elysée-Vertrag als Symbol der deutsch-französischen Versöhnung

Betrachtet man aus dieser Perspektive den Elysée-Vertrag, kann man die deutsch-französische Versöhnung nur als ein „bien inestimable“[4] bezeichnen, als „eine der herausragenden Leistungen der Nachkriegszeit“[5], und den Vertrag als „Winter- und Wundermärchen“, das das Ende einer jahrzehntelangen sog. Erbfeindschaft und den Beginn einer „Erbfreundschaft“ (Ritzehofen) besiegelte.[6] Die historische Dimension des Vertrags wird zusätzlich deutlich vor dem Hintergrund der französischen Deutschlandpolitik nach dem 2. Weltkrieg, deren Ziel zunächst „die völlige Zerstückelung Deutschlands“ war.[7] Für den legendären Ernst Reuter der Berliner Luftbrücke, einen ausgewiesenen Antikommunisten, stand jedenfalls die französische Deutschlandpolitik der Nachkriegszeit der sowjetischen in nichts nach und auch die deutsche Bevölkerung insgesamt stufte in der Rangfolge der Besatzungsmächte die Franzosen an dritter Stelle ein, nur knapp vor der Sowjetunion.[8] De Gaulles Haltung gegenüber Deutschland war in dieser Zeit von großer Ambivalenz geprägt: Einerseits schwebte ihm eine „entente réelle“ zwischen dem deutschen und dem französischen Volk vor[9], andererseits begleitete er die Gründung der Bundesrepublik mit großem Misstrauen: Er befürchtete, ein westdeutscher Staat werde zu einer „Wiederauferstehung des deutschen Imperialismus“ führen und noch 1953 bezeichnete er Adenauer wenig schmeichelhaft als „Reichskanzler“.[10] Eine „abrupt einsetzende Eiszeit“ war denn auch die Folge der Regierungsübernahme de Gaulles am 1. Juni  1958, denn Adenauer brachte ihm –verständlicherweise- „abgrundtiefes Misstrauen“ entgegen. Das erste Treffen der beiden im September 1958 in Colombey-les-deux-Eglises wurde dann aber für beide Staatsmänner zum „Damaskus-Erlebnis“[11] und es war der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zur deutsch- französischen Verständigung, wie sie in den Jahren 1962 und 1963 besiegelt wurde. Zuerst am 8. Juli 1962, als de Gaulle und Adenauer in der geschichtsmächtigen Kathedrale von Reims eine gemeinsame Messe feierten. Vor dem Hauptportal der Kathedrale sind –auf Deutsch und Französisch- die Worte eingemeißelt, die de Gaulle an den Bischof von Reims richtete, der die beiden Politiker empfing: „Eure Exzellenz, der Kanzler Adenauer und ich suchen Ihre Kathedrale auf, um die Versöhnung von Deutschland und Frankreich zu besiegeln.“ Und in den Seitenschiffen wird auf großen Schautafeln die Geschichte der Kathedrale dargestellt: Im Ersten Weltkrieg von deutschen Granaten schwer beschädigt und 1962 Ort der gemeinsamen Messe, ist sie auch ein Erinnerungsort deutsch-französischer Beziehungen von der „Erbfeindschaft“ zur „Erbfreundschaft“.

 

Der zweite Schritt war de Gaulles historische Rede an die deutsche Jugend am 9. September 1962 in Ludwigsburg, dem „umjubelte(n) Höhepunkt einer sechstägigen Reise durch Deutschland“[12].  Höhepunkt dieser auf deutsch gehaltenen Rede war de Gaulles kühner Glückwunsch an die im Schlosshof versammelten Jugendlichen: „Ich beglückwünsche Sie… junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes! das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat, das die Welt um zahlreiche Erzeugnisse seiner Erfindungskraft, seiner Technik und seiner Arbeit bereichert hat; ein Volk, das in seinem friedlichen Werk, wie auch in den Leiden des Krieges, wahre Schätze an Mut, Disziplin und Organisation entfaltet hat. Das französische Volk weiß das voll zu würdigen…“[13]

Der dritte entscheidende Schritt war dann der Elysée-Vertrag, der allmählich zum  Symbol der deutsch-französischen Versöhnung wurde.  Und deshalb ist es nur allzu berechtigt, ihn mit einem « Année franco-allemande : cinquantenaire du traité de l’Élysée » vom September 2012 bis zum Juli  2013 gebührend herauszustellen und  zu feiern. Im Zentrum der Feierlichkeiten, deren roter Faden die Jugend ist, stehen bzw. standen z.T. schon drei große Veranstaltungen: Am 22. September 2012 in Ludwigsburg, aus Anlass von de Gaulles Rede, am 22. Januar, dem Tag der Unterzeichnung des Vertrags, in Berlin, und am 5. Juli 2013, dem 50. Jahrestag der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks, in Paris.[14]

 

  1. Die Rose eines Sommers: Der Elysée-Vertrag als Mythos

Allerdings besteht keinerlei Anlass zur Idealisierung dieses Vertrags, auch wenn er, so Lappenküper, immer wieder Anlass zur Legendenbildung war und ist. Der Vertrag ist also nicht nur zum Symbol, sondern auch zum Mythos geworden.  Aus europäischer Sicht war der Vertrag nämlich durchaus problematisch, so dass Jean Monet noch am Vorabend des Vertragsabschlusses versuchte, Adenauer von der Unterzeichnung abzubringen.[15] Denn eine vertiefte europäische Einheit „hätte einen solchen zweiseitigen Vertrag eigentlich überflüssig machen müssen; jetzt aber erhielt er den Anflug einer etwas hochmütigen Ausschließlichkeit, die bei den anderen Ländern leicht als ‚Sonderbündelei‘ missverstanden werden konnte.“[16] Aber selbst auf die deutsch-französische Perspektive beschränkt, bot der Vertrag Anlass zur Skepsis und Kritik.  So stellte Alfred Grosser in einem Artikel im Express vom 2.1.2003 fest, der Elysée-Vertrag  sei keineswegs als Geburtsstunde einer neuen deutsch-französischen Geisteshaltung zu verstehen. Er habe nichts geschaffen und nichts geregelt.  Und Gilbert Ziebura bezeichnete schon 1970 den Vertrag  schlicht als überflüssig.[17]  Aus gutem Grund: Hatte doch der Vertrag selbst in den Augen de Gaulles durch die ihm vom Bundestag vorangestellte Präambel schon mit der Ratifizierung seine Substanz verloren. In dieser Präambel werden in schematischer Weise alle Ziele der deutschen Außenpolitik aufgezählt, womit das angestrebte Sonderverhältnis zwischen beiden Ländern eingeebnet wurde.[18] Vor allem diente die Präambel aber der Klarstellung, dass  „die transatlantischen Beziehungen der Bundesrepublik sowie ihre Integrationsbestrebungen auf europäischer Ebene“ durch den Vertrag nicht beeinträchtigt werden sollten.[19] Hier wird das große Missverständnis deutlich, das dem Elysée-Vertrag zugrunde lag: de Gaulles Ziel war es, Europa „unter französischer Führung zu einem eigenständigen Akteur in der Weltpolitik“ zu machen.[20] Der Vertrag mit der Bundesrepublik hatte damit für ihn die doppelte Funktion, den deutschen „Nachbarn einzubinden und zu kontrollieren“ und gemeinsam mit Deutschland „die von den USA dominierte NATO auszubalancieren.“[21] Entsprechend hatte schon der erste französische Nachkriegspräsident, Vincent Auriol, am 26.9.51 festgestellt, das entstehende Europa könne zugleich eine Kontrolle über Deutschland ausüben und Schiedsrichter zwischen Russland und Amerika sein.[22] Nicht von ungefähr werden in dem Vertrag ja –vor der Jugend und der Erziehung- die Außen- und Verteidigungspolitik als Felder der Zusammenarbeit angesprochen. De Gaulles Vision war ein eigenständiges Europa der Nationen unter Führung Frankreichs als europäischer Großmacht, eine Rolle, die in der ständigen Mitgliedschaft Frankreichs und ihrem Vetorecht im Sicherheitsrat der UNO und in der nach allen Richtungen („tous azimuts“) einsatzbereiten Force de frappe zum Ausdruck kam. In dieser europäischen Vision hatte Großbritannien keinen Platz, dem de Gaulle vorwarf, „amerikanische Interessen eher zu fördern als europäische“[23], weshalb er Großbritannien wenige Tage vor Unterzeichnung des Elysée-Vertrags die Tür zur beantragten Mitgliedschaft in der EWG zugeschlagen hatte. Deutschland sollte in diesem Konzept der Juniorpartner sein und die französisch-deutsche Allianz Kern eines unabhängigen Europas. Adenauer dagegen ging es 1962 vor allem um seine Lebensaufgabe der Integration Westdeutschlands in die westliche Gemeinschaft zur Sicherung der Freiheit der Bundesrepublik im Kalten Krieg. Ihm war die Verständigung mit Frankreich so existentiell, dass er den französischen Affront gegen England  hinnahm und froh war, dass  – anders als zunächst vorgesehen- die deutsch-französische Verständigung als sein politisches Vermächtnis den Rang eines Staatsvertrages erhielt.

 

 

Vereinbart wurde dies übrigens erst ganz kurzfristig am Tag der Vertragsunterzeichnung zwischen de Gaulle und Adenauer, so dass man bei der Ausfertigung der deutschen Version improvisieren musste: Da kein amtlicher dunkelblauer Lederdeckel mit Bundeswappen in Paris verfügbar war, wurde der Text „in einer am Vormittag schnell in der rue du Faubourg-St-Honoré bei Hermès erstandenen Ledermappe“  -immerhin!- eingeheftet.[24] (Die französische Ausfertigung entspricht immerhin allen protokollarischen Anforderungen).

 

Da es sich nun aber um einen offiziellen Vertrag handelte, musste ihm der Bundestag zustimmen. Und der versah den Text –gegen den Willen Adenauers- mit der Präambel, die  de Gaulle  tief enttäuschte und die den Vertrag für ihn zu einer verpassten Gelegenheit und einer „aimable virtualité“ (zitiert von Bled) machte. Sollte die deutsch-französische Freundschaft nach der Vorstellung de Gaulles und des Rosenzüchters Adenauer ein „Rosengarten“ sein, der lange blüht und gedeiht, wenn man es nur will[25], so schien die Rose des deutsch-französischen Vertrags –kaum aufgeblüht- auch schon wieder zu verwelken.

Zu dieser Einschätzung trug auch die Politik Ludwig Erhards bei, dem Nachfolger Konrad Adenauers.  Erhard, ein bekennender Atlantiker, hielt wenig von einem deutsch-französischen Sonderverhältnis, was er durch seine Abwesenheit bei der Verabschiedung des Vertragsentwurfs durch das Bundeskabinett zum Ausdruck brachte. Bei den ersten Konsultationen nach dem Kanzlerwechsel wiederholte de Gaulle zwar noch einmal sehr nachdrücklich sein Angebot einer engen Zweierbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Ohne darauf auch nur im Geringsten einzugehen, rief, wie einer der Anwesenden berichtet, der neue Bundeskanzler „nach einer endlos erscheinenden Sekunde des Schweigens“  einfach den nächsten Tagesordnungspunkt auf.  Das war –ein halbes Jahr nach seiner Unterzeichnung- aus dem sogenannten „Jahrhundertvertrag“,  geworden, der deshalb auch „zunächst als gescheitert galt.“[26]„Je suis resté vierge“, beklagte sich de Gaulle bei Adenauer.[27] Drei Jahre nach seiner Unterzeichnung hatte der Elysée-Vertrag Geist und Substanz verloren, und lediglich die Pflicht zur Konsultation war von ihm noch übrig geblieben, was immerhin den völligen Bruch verhinderte.[28] Vor diesem Hintergrund muss man die Stilisierung des Elysée-Vertrages zum „Jahrhundertvertrag“ als Teil der Mythenbildung bezeichnen, die von Akteuren und Interpreten der deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit gepflegt wurde.[29] Zu dieser Überhöhung des Elysée-Vertrags gehört dann übrigens auch, dass –wenn von deutsch-französischer Aussöhnung die Rede ist- oft etwas in den Hintergrund gerät, dass es immerhin schon einmal zwei Friedensnobelpreisträger gab, die die deutsch-französische Aussöhnung zu ihrem Lebenswerk gemacht hatten, nämlich der französische Außenminister Aristide Briand und der deutsche Außenminister Gustav Stresemann 1926, und dass am 9. Mai 1950, also gerade einmal 5 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  der damalige französische Außenminister Robert Schumann eine wegweisende Rede hielt, in der er die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorschlug und in der er gleich zu Beginn feststellte: „La paix mondiale ne saurait être sauvegardée sans des efforts créateurs à la mesure des dangers qui la menacent. … Le rassemblement des nations européennes exige que l’opposition séculaire de la France et de l’Allemagne soit éliminée.“[30]

13 Jahre später wurde im Elysée-Vertrag diese Jahrhunderte alte Gegnerschaft Deutschlands und Frankreichs dann endgültig und offiziell beendet und überwunden. Den blühenden Rosengarten deutsch-französischer Freundschaft, von dem Adenauer und de Gaulle träumten, schuf der Vertrag allerdings zunächst nicht. Dass er dann trotz aller anfänglicher Probleme schließlich doch noch gedieh und blühte, ist auch – um im Bild zu bleiben- engagierten Gärtnern auf beiden Seiten zu verdanken: Brandt und Pompidou, Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterand und zuletzt Merkel und Sarkozy.  Aber bezeichnet das Duo Merkozy einerseits die Enge der gegenseitigen Beziehungen und Kooperation gerade in Krisenzeiten, so andererseits auch die Schwierigkeiten der Partnerschaft 50 Jahre nach Abschluss des Elysée-Vertrags.

 

  1. Der Elysée-Vertrag heute: Der stotternde deutsch-französische Motor

Schon Ende 2011 hat der französische Deutschlandexperte und deutschlandpolitische Berater François Hollandes, Jacques-Pierre Gougeon, konstatiert, der deutsch-französische Motor sei ins Stottern geraten und es bestehe eine beunruhigende und wachsende „Malaise“ zwischen den beiden Ländern.[31] Und diese Malaise hat sich unter der Präsidentschaft Francois Hollandes eher noch verstärkt. Le Monde spricht am 22.6.2012 in diesem Sinne davon, Deutsche und Franzosen redeten aneinander vorbei[32] oder der Express stellt fest, man müsse Deutschland und Frankreich wieder versöhnen.[33] Gougeon hat seinem neuesten Buch den Titel gegeben: „France-Allemagne: une union menacée?“ Ob die deutsch-französische Partnerschaft bedroht ist, wird hier als Frage formuliert. In seinem Fazit spricht dann Gougeon allerdings durchaus von der Gefahr eines Bruches.[34]  Belege dafür finden sich problemlos auf verschiedenen Politikfeldern, in denen es fundamentale Dissonanzen zwischen beiden Ländern gibt:

Dies gilt vor allem für die Position beider Länder in der Euro-Schuldenkrise. Die Kritik an der deutschen Haltung in der Schuldenkrise ist auch in Frankreich heftig. Darüber hinaus gibt es massive Tendenzen, Deutschland zum Sündenbock der europäischen Finanz- und Schuldenkrise zu machen.  Da ist es schon eine Ausnahme, wenn die konservative Zeitschrift Le Point Verständnis dafür hat, dass sich Deutschland sträube, für die „hemmungslose Schuldenpolitik“ seiner Partner aufzukommen. Unter der Überschrift „Justice pour Angela Merkel“ schreibt die Zeitschrift: „Mais Clemenceau est mort depuis longtemps et, avec lui, le traité de Versailles et le mythe de ‚L’Allemagne paiera‘“.[35] Dieser Verweis auf den Versailler Vertag, der nach inzwischen immerhin gängiger französischer Überzeugung einen wesentlichen Beitrag zum Aufstieg Hitlers geleistet hat, lässt sich auch als Replik auf den ebenso gängigen Vorwurf verstehen, Deutschland wiederhole mit seiner rigiden Sparpolitik die desaströse Deflationspolitik in der Weltwirtschaftskrise mit ihren bekannten Konsequenzen. Hier wird deutlich, mit welch harten geschichtspolitischen Bandagen die französische Auseinandersetzung um die Rolle Deutschlands in Europa geführt wird und wie groß hier der Graben zwischen beiden Ländern ist.

Die Euro-Krise hat eine weitere entscheidende Dissonanz in der europapolitischen Konzeption beider Länder deutlich gemacht. Im Kern geht es ja darum, dass (in welchem Ausmaß und auf welche Weise auch immer) die Schulden der Euro-Länder vergemeinschaftet werden sollen,  was aber aus (nicht nur) deutscher Sicht nur möglich ist gegen einen (weiteren) Souveränitätsverzicht. Denn man kann deutschen (und anderen) Steuerzahlern kaum zumuten, dass sie den Staaten, die über ihre Verhältnisse lebten und leben, großzügig einen Blankoscheck ausstellen – auch wenn die entsprechende Position, die der Bundesbankpräsident so griffig formuliert hat, in Frankreich teilweise als Zeichen des Egoismus und der fehlenden Solidarität verstanden wird. Wobei bemerkenswert und erstaunlich ist, dass in der französischen Diskussion der Schuldenkrise – trotz extrem angespannter Haushaltslage-  nur ganz ausnahmsweise darauf hingewiesen wird, dass -und welche- Kosten bzw. Risiken auch für den französischen Steuerzahler mit den bisherigen und möglichen künftigen Stützungsmaßnahmen verbunden sind. Und was die Abgabe von Souveränität an die Gemeinschaft angeht, tut sich Frankreich schwer. Dies gilt sowohl für große Teile der Rechten wie der Linken – ein für Frankreich seltener Bereich parteiübergreifender Einigkeit- und es hat eine lange Tradition, die weit über de Gaulle hinausreicht. Einem geflügelten Wort Cardin Le Brets aus der Zeit Ludwigs XIV.  entsprechend ist die Souveränität genauso wenig teilbar wie der Punkt in der Geometrie.[36]  Das ist Absolutismus pur, aber nicht von vorgestern: Der von deutscher Seite als europäische Perspektive ins Spiel gebrachte europäische Föderalismus ist für die französische politische Klasse eher ein Tabu bzw. gehört zu den sogenannten „f-words“, die tunlichst vermieden werden. François Hollande spricht also lieber von einer „intégration solidaire“, womit dann wohl eher das gemeint ist, was in Deutschland –oder zumindest der FAZ- gerne als „Haftungs- und Transferunion“ bezeichnet wird.[37]  Nach der Ablehnung der europäischen Verfassung durch die Franzosen im Referendum von 2005 und den erbitterten Auseinandersetzungen um diese Verfassung in der Sozialistischen Partei fürchten die Sozialisten den europäischen Föderalismus wie der Teufel das Weihwasser.[38] Hier befindet sich Frankreich ganz in der Tradition  Charles de Gaulles. Dessen erklärtes Ziel war ja,  wie Klaus Schwabe am 13.7.12 in der FAZ schrieb, ein Europa der in jeder Hinsicht souveränen Nationen, also etwas ganz anderes als das, was europäischen Visionären wie Schuman, Monnet und de Gasperi vorschwebte. Was dagegen de Gaulle wollte, „war genau das Europa, das heute an der Aufgabe einer gemeinsamen Finanz-, Wirtschafts- und Innenpolitik zu scheitern droht. De Gaulles Verdienste um ein enges Bündnis mit der Bundesrepublik passten in seine nationalstaatliche Orientierung und sollen in keiner Weise geschmälert werden. Trotzdem ist er an erster Stelle für die Fehlentwicklung verantwortlich, welche die europäische Einigung unter seinem Einfluss eingeschlagen hat.“ Für de Gaulle war ein föderales Europa unvorstellbar. Man könne kein föderales Omelette mit  harten Eiern machen, also den alten europäischen Nationen.[39]  Völlig entgegengesetzte Wege haben Deutschland und Frankreich auch in der Energiepolitik eingeschlagen:  In Deutschland wurde beschlossen, die Atommeiler abzuschalten, was in Frankreich mit Unverständnis, z.T. auch mit Häme kommentiert wurde- frei nach Asterix: „Die spinnen, die Deutschen“.  In Frankreich hat der neue Präsident zwar als längerfristiges Ziel vorgegeben, den Anteil des Atomstroms mittelfristig von 75% auf 50% zu reduzieren. Aber auch die Grünen als Koalitionspartner  konnten nicht ein Regierungsprogramm verhindern, nach dem die nukleare Kapazität Frankreichs am Ende der fünfjährigen Amtszeit Hollandes noch höher sein wird als am Anfang!  Die Atomenergie ist- auch dies ein Erbe de Gaulles- in ihrer Verflechtung von militärischem und zivilem Bereich ein nationaler Mythos, wie die Zeitung Libération schrieb, über den man nicht diskutiert, sondern vor dem man sich verneigt.[40] Und damit es auch allen klar ist, hat der (linkssozialistische) Minister Montebourg – in vollster Übereinstimmung mit der entsprechenden Politik Sarkozys- gerade wieder bestätigt, dass es sich bei der Atomindustrie um eine Zukunftstechnologie handele, auf die  Frankreich unter keinen Umständen verzichten könne und wolle.[41]

Le Monde spricht im  Leitartikel zum Jubiläumstreffen Hollandes und Merkels in Reims am 8. Juli  auch die außenpolitische und militärische Zusammenarbeit an, die im Elysée-Vertrag ja eine zentrale Rolle spielt und fragt – unter anderem- kritisch, warum 50 Jahre nach Abschluss des Vertrags die militärische Zusammenarbeit nicht vorankomme; warum es keine gemeinsame Botschaft gäbe; warum die beiden Länder unfähig seien,  in der UNO und der G20 mit einer Stimme zu sprechen…[42] Die unterschiedlichen Positionen zu einer militärischen Intervention in Libyen haben die Dissonanzen in diesem Bereich wieder sehr deutlich gemacht.

  1. Der Verlust der französischen Dominanz

Diese Dissonanzen-Liste soll –was problemlos möglich wäre- hier nicht noch verlängert werden. Stattdessen soll eine Antwort auf die Frage versucht werden, was letztendlich die Beziehungen beider Länder zunehmend schwierig macht. Nach Auffassung Gougeons, die mir sehr plausibel erscheint,  ist es die völlige Umkehr des Gewichts beider Länder seit Abschluss des Elysée-Vertrags. Damals waren die Verhältnisse ganz eindeutig und unbestritten.[43]  Und Deutschland machte bis hin zur Wiedervereinigung Frankreich den ersten Rang auch nicht streitig. Bezeichnend dafür die Mahnung Helmut Schmidts aus dem Jahr 1990: „Jedermann in Bonn muss wissen: Wir dürfen keinen Schritt ohne Frankreich tun, immer Paris den Vortritt lassen, der den Franzosen gebührt.“[44] Inzwischen hat sich das Machtgefüge zwischen Frankreich und Deutschland verschoben, vor allem, wie Gougeon schreibt, durch die zunehmenden ökonomischen Unterschiede und dadurch, dass Deutschland seine Rolle als Machtfaktor inzwischen wahr- und in Anspruch nehme.[45] Dieses Ungleichgewicht zuungunsten Frankreichs drücke sich auch in dem größeren Stimmengewicht im europäischen Ministerrat aus, das Deutschland im Vertrag von Lissabon erhalten habe. Als eine Konsequenz dieses verschobenen Machtgefüges diagnostizieren Beobachter einen französischen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland.[46] Und wenn auch der neue Präsident am Anfang Selbstbewusstsein gegenüber Deutschland demonstriert habe (Eurobonds, Fiskalpakt), so habe er sich dann schließlich doch kleinlaut den Vorgaben Merkels angepasst. Und dass Hollande (zunächst) den Schulterschluss mit Italien und Spanien suchte  und gegenüber Griechenland eher zu Konzessionen bereit ist bzw. war als die Bundesregierung, wurde zumindest von konservativer Seite nicht als Ausdruck von neuem Selbstbewusstsein gesehen: Frankreich stelle sich damit schon darauf ein, selbst einmal zu den Rettungskandidaten der Eurozone zu gehören.  Allerdings sei, so die linke „Marianne“,  die Anlehnung an den „Club Med diplomatique“ keine Alternative zur deutsch-französischen Allianz. Das wäre ja so, als würde ein Fußballklub darum bitten, in die zweite Liga absteigen zu dürfen.[47]

Die französische Schwäche, die der fast schon obsessive Vergleich mit Deutschland immer wieder vor Augen führt,  wird dann zwar zeitweise durch markige Worte oder durch Großmacht-Interventionen wie in Libyen überspielt, die aber im Grunde über die eigenen Kräfte gehen. Denn die sind begrenzt und eher noch am Schwinden: Die Arbeitslosigkeit steigt -besonders bei Jugendlichen- in besorgniserregende Höhen, ebenso das Außenhandelsdefizit und die Staatsverschuldung, Frankreich verliert an industrieller Substanz und an internationaler Konkurrenzfähigkeit –im aktuellen Ranking des Weltwirtschaftsforums Davos wird Frankreich zum ersten Mal nicht mehr unter den top-20 geführt,[48] das triple A (das AAA) verlor Frankreich schon am Ende der Ära Sarkozy, und wie 2013 die immer wieder versprochene 3% – Grenze der Staatsverschuldung eingehalten werden soll, steht trotz angekündigter einschneidender Maßnahmen in den Sternen:   Harter Tobak für die Grande Nation.[49]

Dagegen vergeht  fast kein Tag, an dem nicht in den Medien die entsprechenden deutschen Zahlen zum Vergleich herangezogen werden.  Deutschland dient hier als Maßstab und wird als Modell den eigenen Landsleuten vorgehalten.[50] Wer aber die Rolle eines Klassenprimus einnimmt und lautstark, wie Herr Kauder,  beansprucht, dass am deutschen Wesen Europa genesen soll, muss damit rechnen, neben Bewunderung auch negative Emotionen auf sich zu ziehen.

Besonders hervorgetan hat sich in dieser Hinsicht  Arnaud Montebourg, ein führender Sozialist, der inzwischen zum ministre du redressement productif, also zum Minister für „produktiven Wiederaufbau“(!), also die Reindustrialisierung Frankreichs,  avanciert ist. Deutschland, so verkündete er 2011 lautstark,  mache sein Glück  „sur notre ruine“[51], die alte deutsche Politik der territorialen Expansion kehre nun wieder als Politik der „domination économique“.[52]

Und was bleibt da für Frankreich angesichts solcher tatsächlicher oder zugeschriebener deutscher Dominanz?  Natalie Kosciusko-Morizet, die frühere Sprecherin Sarkozys und jetzige Kandidatin für den Vorsitz der UMP, sieht vor allem zwei französische Trumpfkarten, die den deutschen in vielerlei Hinsicht überlegen seien: Und zwar vor allem die demographische Dynamik, durch die Frankreich in der Mitte des Jahrhunderts Deutschland an Bevölkerungszahl überholen werde. Das sei eindeutig ein Schlüssel der Zukunft. Und zweitens die Kreativität der französischen Ingenieure, die vor allem in der Atom- und der Luft- und Raumfahrtindustrie sichtbar werde.[53]

Hier wird der historische deutsche Topos vom demographischen Niedergang Frankreichs  von französischer Seite gegen Deutschland gewendet, eine in Frankreich derzeit sehr verbreitete, trostreiche Verheißung auf bessere Zeiten.[54]  Und wenn als eine der weiteren Trumpfkarten Frankreichs die Luft- und Raumfahrtindustrie genannt wird, dann gehören dazu auch die deutsch-französischen Projekte Ariane und Airbus, also  -trotz mancher nationaler Personalquerelen- Erfolgsgeschichten deutsch-französischer Zusammenarbeit, die vom Elysée-Vertrag beflügelt wurden.

 

  1. Und dennoch: Der Elysée-Vertrag, eine Erfolgsgeschichte!

Und in der Tat: Bei allen aktuellen Problemen und historischer Relativierung ist der Elysée-Vertrag  doch eine ganz außerordentliche Erfolgsgeschichte.

Dabei wird an erster Stelle oft die Intensität der politischen Zusammenarbeit genannt:  „Auf der Basis des Elysée-Vertrags ist 1963 ein Netz von Kontakten entstanden, das unter souveränen Staaten einmalig sein dürfte.“[55] Die damals vereinbarten Konsultationsverpflichtungen halfen dabei, schwierige Phasen der deutsch-französischen Beziehungen zu überbrücken, vor allem aber waren sie eine wichtige Voraussetzung für den deutsch-französischen Motor auf europäischer Ebene. Ein weiterer unbestreitbarer Pluspunkt des Vertrags war die Vereinbarung über die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks, das gerne als „das schönste Kind des Elysée-Vertrags“ bezeichnet wird, und waren und sind die zahlreichen Initiativen im Bereich von Schulen und Universitäten (Erasmus, Comenius, bilinguale Angebote, Schüleraustausch, universitäre Kooperationen etc).  Mit dem Elysée-Vertrag setzte auch ein großer Aufschwung deutsch-französischer Städtepartnerschaften ein, von denen es inzwischen etwa 2200 gibt. Die Kultur ist in dem Vertrag zwar aufgrund damaliger innerfranzösischer Querelen nicht berücksichtigt, aber das wurde später etwas ausgeglichen durch die Gründung des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte, ebenfalls eine international einmalige Einrichtung. All das bewirkte, dass die deutsch-französische Versöhnung und Zusammenarbeit nicht auf die politischen Eliten beschränkt blieb, sondern weit in die Zivilgesellschaft hineinwirkte.

Der Prozess der deutsch-französischen Versöhnung und die Etablierung einer „strukturierten Zusammenarbeit“, die im Elysée-Vertrag besiegelt wurden, ist –gerade wenn man sie in ihrer historischen Dimension sieht- so einzigartig, dass sie inzwischen sogar als mögliches Modell für andere Staaten ins Auge gefasst wird, ja geradezu zum „Exportschlager“ stilisiert wurde.[56] Erleichtert wurde das „Wunder“ aber dadurch, dass Deutschland und Frankreich immerhin gemeinsame Wurzeln im fränkischen Reichs Karls des Großen haben, dessen Statue eben nicht nur vor Notre Dame in Paris steht, sondern auch an der „Furt der Franken“, also  in Frankfurt vor dem Historischen Museum.[57] Und neben der sogenannten Erbfeindschaft gab es ja auch eine intensive kulturelle Verschränkung: Man denke nur –im Jubiläumsjahr- an Friedrich den Großen, der besser französisch als deutsch sprach, oder an Goethe, dessen Werther gerade auch in Frankreich zum Bestseller wurde und der ein glühender Verehrer Napoleons war. So leicht wird es für andere also nicht immer sein, die Erfolgsgeschichte der deutsch-französischen Versöhnung auf sich zu übertragen.

 

  1. Und vor uns die Mühen der Ebene

Wenn heute die deutsch-französischen Beziehungen statt mit dem Begriff der Erbfeindschaft mit dem der „Erbfreundschaft“ (Ritzenhofen) charakterisiert werden können, dann wird damit  die einzigartige Entwicklung der letzten 50 Jahre auf den Begriff gebracht. Gleichzeitig  aber ist in diesem Begriff auch eine Schwierigkeit der aktuellen Beziehungen impliziert. Was die Gründungsväter der europäischen Einigung und des Elysée-Vertrags beseelte, waren die Erfahrungen zweier grauenhafter Weltkriege und das entschlossene „Nie wieder!“.  In der gemeinsamen Messe de Gaulle und Adenauers von 1962 und in der Verneigung Kohls und Mitterands –Hand in Hand- vor den Opfern von Verdun 1984[58]– wurde dies in unnachahmlicher Weise zum Ausdruck gebracht.

 

 

Das ist heute nicht mehr wiederholbar. Das unprätentiöse Treffen Merkels und Hollandes in Reims 50 Jahre später hat dies deutlich gezeigt, und auch die historische Dimension der Rede de Gaulles an die deutsche Jugend in Ludwigsburg lässt sich nicht wieder erreichen.

Dass Deutschland und Frankreich Freunde sind, gehört heute zu den Selbstverständlichkeiten des öffentlichen Bewusstseins beiderseits des Rheins. 2011 waren immerhin 55% der befragten Deutschen der Meinung, dass Frankreich das Land sei, mit dem man am engsten zusammenarbeiten müsse.[59] 82% der befragten Franzosen haben nach einer Untersuchung vom Januar 2012  ein positives Bild von Deutschland.[60] Und in dem  aktuellen Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, bei dem im Sommer 2012  junge Menschen zwischen 15 und 34 Jahren befragt wurden, bezeichneten 68,5 der Franzosen und 78% der Deutschen die beiderseitigen Beziehungen als gut.  Und das trotz akuter Eurokrise und „stotterndem deutsch-französischem Motor“![61] Hier wird in der Tat deutlich, dass die deutsch-französische Freundschaft nicht einfach eine politische Konstruktion, sondern tief in den beiden Gesellschaften verankert ist.

Allerdings müssen diese Befunde durch die Tatsache relativiert werden, „dass die deutsch-französischen Beziehungen vielen jungen Menschen weder als ausschließlich noch als bevorzugt erscheinen“ – und zwar mit steigender Tendenz.[62] Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch das altersspezifisch aufgeschlüsselte Ergebnis der ifop-Frage nach dem bevorzugten Partner: Während 64% der befragten Franzosen ab 65 Jahre Deutschland in dieser Rolle sehen, sind es bei der Altersgruppe bis 35 Jahre nur 38%.[63]

Die Einzigartigkeit der deutsch- französischen Beziehungen war für die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration eine Selbstverständlichkeit, für heutige Jugendliche ist die Normalität dieser Beziehungen selbstverständlich und der Bezugspunkt ist eher Europa insgesamt. Deshalb fehlt auch vielen deutsch-französischen Initiativen der Nachwuchs[64] und das Erlernen der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes hat heute bei weitem nicht den Stellenwert, der ihm vor 50 Jahren zugeschrieben wurde. Französische Deutschlehrer/innen, die teilweise von Schule zu Schule hetzen müssen, um auf das erforderliche Stundendeputat in ihrem dahindümpelnden Fach zu kommen, können davon ein (trauriges) Lied singen.[65]

Man muss deshalb aber nicht gleich, wie der Le Monde-Journalist Arnaud Leparmentier am 12.9.2012 in Versailles, von einer „Katastrophe“ sprechen und den Elysée-Vertrag als überlebt abtun. Es erscheint mir auch zweifelhaft, ob man, wie im Leitartikel von Le Monde zum Treffen Hollandes und Merkels in Reims gefordert, einen neuen Elysée-Vertrag braucht.[66] Eher geht es darum, wie  Berechtigung und Notwendigkeit spezifischer deutsch-französischer Beziehungen auch unter den –vor allem seit 1990- grundlegend veränderten Bedingungen erklärt werden können  und wie der Vertrag gerade im Blick auf die Jugend mit ständig neuem Leben erfüllt werden kann.

Überlegungen und Vorschläge gibt es dafür mehr als genug: Beispielsweise die „99 Ideen für die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen“ vom Herausgeber des Magazins ParisBerlin, Oliver Breton.  Anlässlich des 40. Jahrestags des Elysée-Vertrags haben Chirac und Schröder beispielsweise die im Vertrag vorgesehenen Konsultationen noch einmal wesentlich intensiviert und haben damit die Grenze des Sinnvollen und Machbaren erreicht. Angesichts der leeren Haushaltskassen ist allerdings Bescheidenheit angesagt. Sinnvolles,  Mach- und Bezahlbares gibt es aber noch in vielen Bereichen.  Mal seh‘n, was sich Merkel und Hollande anlässlich des 50. Jubiläums einfallen lassen! Am wichtigsten ist jedenfalls ein gesellschaftliches Klima, das Frankreich, seiner Kultur und Sprache förderlich ist, und sind  Eltern und Lehrer, die Jugendlichen dabei helfen, unser Nachbarland kennen- und vielleicht sogar lieben zu lernen.

September 2012

 

  1. 15. Literatur:

Bled, Jean-Paul, Aux origines du traité franco-allemand du 22 janvier 1963, Espoir n°116, 1998. Auch in: http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/de-gaulle-et-le-monde/de-gaulle-et-l-allemagne/analyses/aux-origines-du-traite-franco-allemand.php

Defrance, Corine und Pfeil, Ulrich: Der Elysée-Vertrag und die deutsch-französischen Beziehungen. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2005 – in Frankreich erschienen unter dem Titel Le traité de l’Élysée et les relations franco-allemandes (CNRS)

Fischer, Per: Ein Start mit Hindernissen. Wie der „Jahrhundertvertrag“ entstand und aufgenommen wurde. 1992, DFI online-Bibliothek  https://fiv.sydneyplus.com/FIVDB1/Portal/dfi_de.aspx?lang=de-DE&g_AAAAAP_AAAD=FIVDB1+%7CCatalog+%7CaggBasic+%3D+%27Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen%27&p_AAAX=AAAACV&query=Per+Fischer+Ein+Start+mit+Hindernissen&submit=Suche

Gougeon, Jacques: France-Allemagne: une union menacée? Paris 2012

Grosser, Alfred, Deux siècles de haine et de passion. L’Express 2.1.2003

Linsel, Knut, Charles de Gaulle und Deutschland 1914 – 1919. Beihefte der Francia, Bd 44 1998

Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992

Lappenküper, Ulrich: Die deutsch-französischen Beziehungen von 1949 – 1963. Von der „Erbfeindschaft“ zur „Entente élémentaire“ (2 Bde) München 2001

Lappenküper, Ulrich: Les cinquante ans du traité de l’Élysée. Vortrag im DHI Paris vom 24.5.2012. Französisches Redemanuskript

Lappenküper, Ulrich: Das „Wunder“ von Colombey. Konrad Adenauer bei Charles de Gaulle im September 1958. In: Dokumente/Documents. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog. 3/2012

Leenhardt, Jacques und Picht, Robert:  Esprit/Geist. 100 Schlüsselbegriffe für Deutsche und Franzosen.  München 1989

Linsel, Knut: Charles de Gaulle und Deutschland 1914-1969. Beihefte der Francia Bd 44. Sigmaringen 1998

Lipping, Alexander und  Grabendorff,Björn: 1848- Der Deutsche macht in Güte Revolution. FFM 1982

Martens, Stefan, Zwischen Demokratisierung und Ausbeutung. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Beihefte der Francia Bd. 27, 1993

Martens, Stephan, De l’Erbfeindschaft à la Reconciliation. Le Traité de l’Elysée. Portée et limites.  In: Allemagne d´aujourd´hui hors série, mai 2006, S. 36-50. (Sonderheft  8 mai 1945 – 8 mai 2005 France et Allemagne : de la guerre au partenariat européen. )

Miard-Delacroix, Hélène und Hudemann, Rainer (Herausgeber): Wandel und Integration: Deutsch-französische Annäherungen der fünfziger Jahre/ Mutations et intégration. Les rapprochements franco-allemands dans les années cinquante. München 2005

Montferrand, Bernard de und Thiériot, Jean-Louis: France-Allemagne. L’Heure de vérité. Paris 2011

Ritzenhofen, Medard:  Deutschland – Frankreich. Die Erbfreundschaft.  Ein Winter-, ein Wundermärchen. In: Dokumente / Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (Bielefeld), 58 (Dezember 2002) 6, S. 6-43

Seidendorf, Stefan (Hrsg): Deutsch-Französische Beziehungen als Modellbaukasten? Zur Übertragbarkeit von Aussöhnung und strukturierter Zusammenarbeit. Nomos 2012

Vogel, Wolfram, Die deutsch-französischen Beziehungen. In: Kimmel, Adolf/Uterwedde, Henrik: Länderbericht Frankreich. Band 462 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung. 2005

Zibura, Gilbert: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. 1997

http://www.lefigaro.fr/international/2012/05/15/01003-20120515ARTFIG00718-le-couple-franco-allemand-60-ans-d-histoires.php  (Retour sur les grandes dates de la relation franco-allemande.)

 

Auf diesem Blog gibt es auch einen Text über den Aachener Vertrag von 2019, die Fortschreibung und Konkretisierung des Elysée-Vertrags:

fake news, nostalgischer Nationalismus und antideutsche Ressentiments: Der deutsch-französische Freundschaftsvertrag von Aachen schlägt in Frankreich Wellen (Februar 2019)   https://paris-blog.org/2019/02/13/fake-news-nostalgischer-nationalismus-und-antideutsche-ressentiments-der-deutsch-franzoesische-freundschaftsvertrag-von-aachen-schlaegt-in-frankreich-wellen/

 

Anmerkungen

[1] Picht in Leenhardt/Picht, 127

[2] zit. bei Lipping/Grabendorff, 18/19

[3] Siehe dazu: Ennemi/ami héréditaire. Les relations franco-allemandes entre 1870 et 1945 à travers la littérature contemporaine. Dfi 2008 und das Buch von  Jeismann.

[4] Martens, 2006, 50

[5] Vogel, 419

[6] de Gaulle bezeichnete selbst die deutsch-französische Verständigung als „miracle historique“. Zit. bei Lappenküper 3/2012, 49. Der Vertrag selbst ist allerdings eine eher geschäftsmäßig-spröde Vereinbarung „über die Organisation und die Grundsätze der Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten“ (Vertragstext). Dem Vertrag ist aber eine gemeinsame Erklärung vorangestellt, in der Adenauer und de Gaulle auf die historische Dimension der „Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk“ verweisen, „die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet“ und „das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neu gestaltet.“ (Text der gemeinsamen Erklärung).

[7] Vogel, 419

[8] Martens,1993, 10

[9] Linsel, 135

[10] Pressekonferenz 29.3.1949: „résurrection de l’imperialisme germanique“; Pressekonferenz 25.2.1953: „Chancelier du Reich“. Zit. bei Linsel, S. 135 und 140

[11] Lappenküper 3/2012, 45 und 49

[12] http://www.tagesspiegel.de/politik/de-gaulle-rede-in-deutschland-vor-50-jahren-grosse-worte-grosse-gesten/7166590.html

[13] Wortlaut der Rede auf: http://www.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Internet/get/1105080/REDE-de_gaulle.pdf.  Zu hören und zu sehen ist die Rede auf:  http://www.europa-nur-mit-uns.eu/charles-de-gaulle-die-rede.html. Dort auch Links zu zeitgenössischen Reaktionen.

[14] Nähere Informationen zu dem deutsch-französischen Jahr 2012-2013 bei: www.deutschland-frankreich.diplo.de ,  www.elysee50.de bzw.  www.elysee50.fr Zusätzlich gibt es auch ein année franco-allemande en milieu scolaire, das am 9. September in Saarbrücken von George Pau-Langevin, ministre déléguée à la réussite éducative, und der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer eingeläutet wurde.  Kramp-Karrenbauer ist  auch Bevollmächtigte für die kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich.

[15] Bled: „La veille au soir, Jean Monnet, inspiré par d’autres intérêts, a tenté de dissuader le Chancelier de conclure“

[16] Curt Gasteyger, Europa zwischen Spaltung und Einigung 1945 bis 1993. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 321, 1994, S. 225

[17] Diese und weitere Belege für die Relativierung der Bedeutung des Vertrags  bei Martens, 2006,45/46

[18] Fischer, 467

[19] Vogel, 423

[20] Vogel, 419; entsprechend stellt Insel, 155, fest, de Gaulle habe den Großmachtanspruch Frankreichs „zum ausschließlichen Bezugspunkt der französischen Politik“ gemacht. In diesem Zusammenhang sei auch seine Deutschlandpolitik zu sehen.

[21] Vogel, 419, 420.

[22] Siehe Gougeon, France-Allemagne, 184

[23] Fischer, 465

[24] Fischer, 466

[25] zit. bei Martens, 2006, 45

[26] Fischer, 467 und Vogel, 424; Fischer a.a.O.  spricht etwas zurückhaltender von einem „Start mit Hindernissen“ und einer von Erhard verursachten „Sackgasse“.

[27] „Ich bin Jungfrau geblieben“. Zit. Lappenküper 2012, 4

[28] Lappenküper 2012,4

[29] s. Corinne Defrance in einem vom Arbeitskreis Deutschland-Frankreich der Uni Kassel organisierten Vortrag vom 24.1.2012 über „Le mythe de la réconciliation franco-allemande“:  „Die Konstruktion des Mythos anhand verschiedener offizieller Inszenierungen setzte spätestens zu Beginn der 1960er Jahre ein: noch vor der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963. Stets standen die Bundesrepublik und Frankreich unter dem Druck der Vergangenheit, stets ging es darum, sich vom gescheiterten Versuch einer Aussöhnung in der Zwischenkriegszeit abzugrenzen, der doch immerhin einen Friedensnobelpreis für Aristide Briand und Gustav Stresemann mit sich gebracht hatte.“  S.a. Defrance: Construction et déconstruction du mythe de la reconciliation franco-allemande au XXe siècle. In: Mythes et tabous des relations franco-allemandes au XXe siècle. Bern 2012

[30] Zit. in einem Leserbrief von Jacques-René Rabier in La Croix vom 1.10.12, der bedauert, dass in der Ausgabe der Zeitung vom 21. Sept. 2012, deren Schwerpunkt die deutsch-französischen Beziehungen waren, die Initiative Schumans und ihre Bedeutung nicht gewürdigt wurden.

[31] (Revue d’analyses (financières) Publié le 8 novembre 2011,  s. auch den Artikel Gougeons in Le Monde vom 1.11.2011).

[32] „les débats franco-allemands tournent au dialogue de sourds“. (http://www.lemonde.fr/idees/article/2012/06/22/paris-berlin-le-dialogue-de-sourds_1723264_3232.html)

[33] (“ il faudra d’abord réconcilier la France et l’Allemagne” (http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48).

[34] Gougeon, 2012,188: „risque de fracture“

[35] Le Point 21.6.2012, S. 8; diese Verbindungslinie zieht auch Le Monde am 22.6.: „Les Allemands entendent les propositions françaises comme une nouvelle édition du slogan ‘L’Allemagne paiera’, qui avait rythmé la vie politique française après la première guerre mondiale.“

[36] „La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“. Kardinal Le Bret zit.in: Lous XIV Figaro hors-série 2009, S.96

[37] FAZ, 22.9.12. Bezeichnend dazu die Position des französischen Wirtschaftsministers Moscovici, vor einer Abgabe von Souveränität müssten konkrete Maßnahmen der Solidarität erfolgen, beispielsweise eine europäische Arbeitslosenversicherung. : « Les Français ne sont pas prêts à concéder des abandons de souveraineté sans avancées concrètes de solidarité. C’est pour cela que j’ai évoqué l’idée d’une assurance chômage européenne. » Le Monde  1.10.12. Zur franz. Diskussion um den europäischen Föderalismus s. z.B. Figaro vom 13.9.12: L’Europe face au tabou du fédéralisme“ und Libération 12.9.12

[38] siehe Marianne, 16.-22. Juni 2012, S. 28; entsprechend http://lexpansion.lexpress.fr/economie/cinq-choses-a-retenir-sur-le-sommet-europeen_308747.html  Par Sébastien Julian – publié le 29/06/2012 à 18:48: Die Deutschen widersetzten sich der Vergemeinschaftung von Schulden, „car ils veulent au préalable une garantie budgétaire suffisante. Or celle-ci pose la question des transferts de souveraineté, un point sur lequel la France freine des quatre fers.”. s.a. Libération: “ Paris n’a plus aucune raison, vu les gestes allemands, de bloquer la route vers le fédéralisme, même si  Hollande préfère encore parler «d’intégration solidaire»… http://www.liberation.fr/economie/2012/06/29/la-nuit-ou-le-sud-a-fait-flancher-merkel_830240

[39] „On ne peut pas faire une omelette fédérale avec des oeufs durs que sont les vieilles nations d’Europe.” Zit. In Le Monde 15.9.12, S. 11

[40] Libération, 25.3.2011

[41] http://www.lemonde.fr/politique/article/2012/08/27/pourquoi-montebourg-defend-la-filiere-nucleaire_1751629_823448.html

[42] „Pourquoi, cinquante ans après le traité de l’Elysée, la coopération militaire entre les deux pays reste-t-elle balbutiante ? Pourquoi n’y a-t-il aucune ambassade commune ? Pourquoi, à l’ONU et au G20, les deux pays sont-ils incapables de parler d’une seule voix ? Pourquoi se font-ils concurrence au Maghreb et au Proche-Orient?…“ Editorial, 8.7.12

[43] siehe Bled: „Bien entendu, il ne s’agissait pas de laisser l’Allemagne s’y assurer une influence dominante.“

[44] Die Deutschen und ihre Nachbarn. Berlin 1990, 332

[45] „par le creusement des différences économiques et par une réapprobation par l’Allemagne de son statut de puissance“. Gougeon, 2012, 188; Nach der ifop-Untersuchung vom Januar 2012 über das Bild Deutschlands in Frankreich stimmen 81% der Befragten der Feststellung zu, dass sich mit der Eurokrise die Rolle Deutschlands als „le pays dominant“ weiter gefestigt habe. Zur unterschiedlichen Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Frankreichs siehe auch: Bermard de Montferrand und Jean-Louis Thiériot: France-Allemagne. L’heure de vérité. Paris 2011)

[46] Le Figaro 24.8.12: „De toute évidence La  France souffre d’un complexe d’infériorité vis-à-vis de l’Allemagne.” Das wird zwar aus dem Spiegel übernommen, aber vom Figaro groß herausgestellt.  Siehe auch DIE ZEIT vom 19.4.2012 Nr. 17: „Seit dem Blitzsieg der Wehrmacht 1940 leidet Frankreich mit Blick auf den Nachbarn unter einem technischen Minderwertigkeitskomplex, der sich mit dem deutschen Stolz auf die Wertarbeit von Mercedes, BMW und Porsche kongenial ergänzt. »Made in Germany« versus »Merde in France« ….,  wie Jacques Dutronc 1984 in einem Chanson dichtete.“

[47] Marianne 802, 1.-7. Sept.2012, S. 28

[48] Le Monde 7.9.2012

[49] siehe Le Monde, 12.9.2012 S. 1 und 8. Ein Trost ist immerhin, dass es die Finanzmärke derzeit gut mit Frankreich meinen, obwohl ihnen Hollande im Wahlkampf den Krieg erklärt hatte. Aber, so Pierre-Antoine Deshommais in Le Point vom 30.8.2012, S. 30: „Leur irrationalité atteint même parfois la hauteur des bonus des opérateurs qui y travaillent.“ Und eine Sommerliebe könne auch schnell wieder enden.

[50] siehe dazu z.B. Patrick Artus: L’Allemagne, un modèle pour la France. Paris 2009 und das Kapitel 3 in Gougeon 2012. Entsprechende aktuelle Pressebelege  beispielsweise in  Le Monde vom 6.9.12, wo als Aufmacher S. 1 im Großformat die altersbezogenen taux d’emploi-Zahlen Frankreichs mit den –wesentlich günstigeren- deutschen verglichen werden. Oder Les Echos 7./8.9.12: La France doit-elle copier l’Allemagne?

[51] Le Monde, 2.12.11

[52] Libération 1.12.11 Dazu passt auch, dass Montebourg ruhig zusah, wie einer seiner Mitarbeiter dem Chef des  französischen Pharmazie-Konzerns Sanofi  vorwarf, kein Franzose zu sein (sondern Deutsch-Kanadier) und (deshalb) die Forschungskapazitäten seiner Firma in Frankreich unpatriotisch abwürgen zu wollen.  Le Monde, 4.10.12, S. 16 (Die Pharmazie-Sparte der verblichenen « Farbwerke Hoechst » ist übrigens in diesem Konzern aufgegangen).

[53] „Pourtant les atouts de la France sont, à maints égards, supérieurs à ceux de nos partenaires allemands –notamment deux: notre dynamisme  démographique, qui fera passer la population française devant la populataion allemande avant le milieu du siècle: c’est évidemment une clé de l’avenir; notre créativité, ce génie hérité de nos ingénieurs, si visible dans l’aéronautique ou l’énergie. Il a conduit au succès d’entreprises de rang mondial“. Le Point 2085 vom 30.8.2012, S. 42

[54] siehe z.B. auch Editorial le Monde 8.7.12: “Pour des raisons démographiques, l’Allemagne se prépare à des lendemains difficiles.“

[55] Lappenküper 3/2012, 50; entsprechend Fischer, 464

[56] siehe dazu den von Seidendorf herausgegebenen Sammelband .  s.a. Corinne Defrance am 24.1.2012 an der Uni Kassel:  „Dabei hegt und pflegt das deutsch-französische Tandem diesen Mythos im Rahmen seines bilateralen Verhältnisses und dokumentiert diesen derart bereitwillig nach außen, dass das Modell der Versöhnung zu einem „Exportschlager“ werden konnte.“

[57] Gougeon beginnt sein Buch über die bedrohte deutsch-französische Union denn auch mit einem Hinweis darauf, „combien les deux espaces des deux côtés du Rhin ont très longtemps constitué une seule sphère culturelle et politique“ S. 9

[58] Zur Genese dieser symbolischen Geste s. Ulrich Wickert in der FAZ vom 25.9.2009. Ihr allerdings die gleiche außerordentliche Bedeutung  zuzuerkennen wie dem Kniefall Willy Brandts in Warschau, erscheint mir doch arg übertrieben. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/kohl-und-mitterrand-in-verdun-warum-reichten-sie-sich-die-hand-1857470.html

[59] Gougeon, 10

[60] ifop: L’image de l’Allemagne en France. Hrsg. von der deutschen Botschaft in Paris/Cidal

[61] ParisBerlin. Magazine pour l’Europe. September 2012, S.21

[62] a.a.O.,S.18

[63] ifop, S. 25

[64] s. Sarah Hasse in der Veranstaltungsinfo zur ersten dt-franz.Begegnung in Versailles am 12.9.2012, S.10

[65] Immerhin geben im aktuellen Baromètre 54,5% der befragten jungen Deutschen an, Französisch zu sprechen –„und sei es auch nur ein wenig“; in Frankreich sind das allerdings nur 27,3%- und damit liegt das Deutsche dort weit abgeschlagen hinter dem Spanischen auf Platz 3. In beiden Ländern steht natürlich das Englische unangefochten an der Spitze. In: ParisBerlin, Sept.2012, S. 20

[66] « Célébrer le passé ne suffit pas pour entrer dans l’Histoire. Il faut un nouveau traité de l’Elysée » (Editorial, 8.7.12 http://www.lemonde.fr/a-la-une/article/2012/07/08/pour-un-nouveau-traite-franco-allemand_1730654_3208.html  )

Le potager du roi in Versailles, der Obst- und Gemüsegarten Ludwigs XIV.

Versailles: Das ist natürlich das Schloss Ludwigs XIV. mit seinem geschichtsträchtigen Spiegelsaal und natürlich der Park mit seinem grand canal und den grandes eaux, seinen wunderbaren Springbrunnen und Bosquets, dem großen und kleinen Trianon…. Ein grandioser Ort, der aber, wie ich finde, etwas unter seinen Superlativen leidet: zu groß, zu prächtig und vor allem auch: zu viele Besucher. Darüber darf man sich eigentlich nicht beklagen, weil man ja selbst dazu gehört. Aber es ist doch ein sehr begrenztes Vergnügen, sich eng gedrängt durch die Räume des Schlosses zu schieben. Einmal habe ich allerdings im Spiegelsaal gewartet bis zum Ende der Besuchszeit. Und bevor ich schließlich auch eindringlich  herauskomplimentiert wurde, konnte ich den grandiosen Raum ohne Touristen fotografieren! Aber das sind außergewöhnliche, eher  illusionäre Momente.

Spiegelsaal  (59)

Natürlich sollte man Versailles –trotz alledem-  wenigstens einmal auch von innen gesehen haben. Aber  in diesem Bericht kann ich es getrost auslassen. Denn Bücher und Reiseführer zu Versailles gibt es in Hülle und Fülle. Da braucht man keinen Jöckel‘schen Aufguss.  (Sehr empfehlen kann ich übrigens das Buch von William Ritchey Newton: Hinter den Fassaden von Versailles. Mätressen, Flöhe und Intrigen am Hof des Sonnenkönigs. Berlin 2010).

Lassen wir hier also das Schloss und den Park beiseite. Denn Versailles hat ja noch mehr zu bieten als das. Zum Beispiel den königlichen Obst- und Gemüsegarten, den  potager du roi. Und der ist immerhin –neben Schloss und Park- auch Teil des Weltkulturerbes Versailles- und in einem neueren Paris-Reiseführer, den Freunde kürzlich dabei hatten, war er sogar als „Geheimtipp“ vermerkt. Schert man allerdings –mit dem RER in Versailles angekommen- aus der Masse der zum Schloss strömenden Besucher aus, um  –in entgegengesetzter Richtung- zum  Potager du Roi zu gehen, muss man damit rechnen, von freundlich-besorgten Einheimischen angesprochen zu werden, die einem zu verstehen geben, dass man sich doch offensichtlich in der Richtung geirrt habe. Wenn man dann aber zu verstehen gibt, dass man doch wohl genau auf dem richtigen Weg sei, nämlich zum Potager du Roi, dann wird das mit freudigem Erstaunen zur Kenntnis genommen. So ist es uns jedenfalls einmal passiert.

Von Ludwig XIV. weiß man, etwa durch die Briefe der Lieselotte von der Pfalz, der Frau des jüngeren Bruders des Königs, dass dieser –vorsichtig ausgedrückt- ein guter Esser war. „J’ai vu souvent le roi manger quatre pleines assiettes de soupes diverses, un faisan entier, une perdrix, une grande assiette de salade, deux grandes tranches de jambon, du mouton au jus et à l’ail, une assiette des pâtisserie et puis encore du fruit et des oeufs durs.“ Besonders beliebt waren bei Ludwig XIV. Erbsen, Artischocken, Spargel und Salate und beim Obst Birnen, Erdbeeren, und schließlich vor allem Feigen.  Damit das alles immer frisch auf seinen Tisch kommt, beauftragte er den Direktor der königlichen Früchte- und Gemüsegärten, Jean-Baptiste La Quintinie, einen neuen Garten anzulegen. Das dafür vorgesehene Gebiet –außerhalb, aber in der Nähe des Schlossparks- war, wie ja auch das gesamte Parkgelände- für eine solche Verwendung eigentlich überhaupt nicht geeignet: Es war ein sumpfiges, übel riechendes und deshalb „étang puant“ genanntes Gelände. Gewaltige und kostspielige Arbeiten, die sich über fünf Jahre von 1678 bis 1683 hinzogen, waren deshalb notwendig: Das Gelände musste entwässert werden, wofür das große Wasserbecken „des Suisses“ im Süden der Orangerie angelegt wurde. Zuständig dafür war –ebenso wie für die Bauten des Gartens- der Schlossarchitekt Jules Hardouin-Mansart. Die künftige Gartenfläche  wurde  zunächst mit einem jeweils leicht geneigten Geflecht von Steindrainagen überzogen, um Staunässe zu verhindern. Darüber kam dann der Aushub des pièce d’eau des Suisses. Weil das aber kein geeigneter Boden für einen königlichen Obst- und Gemüsegarten war, wurde tonnenweise einigermaßen fruchtbare Erde von den  Hügeln von Satory herangeschafft: Dort wurde nämlich gleichzeitig ein großes Wasserreservoir gegraben –  ein kleiner Teil der gewaltigen hydraulischen Arbeiten („travaux pharaoniques“), um den notwendigen Wasserdruck und die notwendige Wassermenge für die Unterhaltung der Brunnen und Fontänen im Park von Versailles sicherzustellen (1871 wurden dort übrigens tausende von Communarden,  u.a. Louise Michel,  monatelang unter freiem Himmel interniert, von denen viele starben). Für die Bodenverbesserung sorgten schließlich auch die etwa 5000 Arbeitspferde, die für den gleichzeitigen Bau des Schlosses eingesetzt wurden, und danach lieferten die 2000 Pferde in den königlichen Ställen von Versailles immer  Dünger im Überfluss. Dass Ludwig XIV. ausgerechnet an dieser Stelle seinen Park und seinen Gemüsegarten anlegen ließ – und wie er bis in die Einzelheiten gestaltet war- ist Ausdruck der Souveränität des Sonnenkönigs, dessen größtes Vergnügen es war, wie Saint-Simon kritisch bemerkte, die Natur zu beherrschen. („de forcer la nature“). Und die Souveränität des Herrschers war nach damaliger Auffassung ebenso wenig teilbar „wie der Punkt in der Geometrie“ („La souveraineté n’est non plus divisible que le point en géométrie“, wie es Cardin Le Bret formulierte)- eine Auffassung, die ja auch heute noch in Frankreich sehr verbreitet ist, wie der breite Widerstand gegen jede Abgabe von Souveränität an europäische Instanzen zeigt.

Der Garten ist in barocker geometrischer Strenge um ein kreisrundes grand bassin  gruppiert, das mit seinem hohen Springbrunnen die Mitte des Gartens markiert und gleichzeitig auch als Reservoir für die Bewässerung fungierte.

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Um den inneren Garten herum waren 29 weitere, von hohen Mauern umschlossene Obstgärten angelegt. Schätzungen gehen davon aus, dass es zwischen 1800 und 2500 Obstbäume zur Zeit von La Quintinie gab –  vor allem Birn- und Apfelbäume.

LE POTAGER DU ROI (VERSAILLES) FRANCE

Vue perspective du potager royal de Versailles. Dessin de P. Aveline l’Ancien, extrait des Vues des belles maisons des environs de Paris édité par Langlois, 1685.

12 dieser Obstgärten gibt es heute noch. Und darinnen 160 Apfel-  und  140 Birnensorten! Dazu kommen noch andere Obstsorten wie Quitten oder Pfirsiche.  Und wie im Schlosspark wurde auch hier die Macht des Königs über die Natur demonstriert:  Fast alle Bäume waren in höchst kunstvoller, aber auch höchst unnatürlicher Weise beschnitten, mussten sich also dem menschlichen/königlichen Willen fügen. Ziel war aber vor allem ein doppelter Genuss: Ein Genuss für die Augen beim Betrachten des Gartens und ein Genuss für den Geschmack beim Verzehr seiner Produkte. Die mögliche Quantität des Ertrags wurde also – trotz der erheblichen vom Hof erwarteten Mengen- durch das radikale Beschneiden der Bäume und die Entfernung von Fruchtständen  ganz  erheblich reduziert. (Und immerhin blieben auf diese Weise waghalsige Klettertouren auf Leitern und Bäumen den königlichen Gärtnern –anders als uns normalen Hobbygärtnern- erspart).  Großen Wert legte La Quintinie auch darauf, das in Reih und Glied angepflanzte Spalierobst so anzuordnen, dass die Bäume jeweils optimaler, aber doch auch unterschiedlicher Sonneneinstrahlung ausgesetzt waren. Auf diese Weise wurde die Erntephase erheblich ausgedehnt, wozu natürlich auch die Sortenvielfalt beitrug. Wichtig war dabei vor allem,  schon „vor der Zeit“  Obst und Gemüse ernten zu können. Dies galt besonders für die von Ludwig XIV. geliebten und in Massen vertilgten Feigen. Eigentlich waren ja Erdbeeren die Lieblingsfrüchte des Sonnenkönigs gewesen. Das waren allerdings nicht die heutigen Gartenerdbeeren., die  erst im 18.Jahrhundert u.a. auf der Grundlage der von französischen Siedlern in Kanada entdeckten Scharlach-Erdbeere gezüchtet wurden. Die Erdbeeren auf der Tafel des Sonnenkönigs waren dagegen Abkömmlinge der Walderdbeeren, die zwar sehr süß, aber ziemlich klein waren. Im Garten La Quintinies gab es davon 6 verschiedene  Sorten, die man auch heute noch im Potager du Roi finden kann. In der Corrèze werden sie übrigens, worauf mich unsere Freundin Marie-Christine hingewiesen hat, unter dem Namen „mara des bois“ verkauft.

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Allerdings entwickelte Ludwig  XIV. plötzlich eine heftige Allergie gegen Erdbeeren, so dass ihm sein Leibarzt Fagon 1709 deren Verzehr  untersagte.  Die Alternative auf der königlichen Tafel waren Feigen, an denen der König immer mehr Gefallen fand.  Also wurde nach dem Muster der „Orangerien“ auch eine „Figuerie“ im Potager du Roi eingerichtet, in der die in großen Kübeln gepflanzten Feigenbäume überwintern konnten.  Insgesamt waren es dann mehr als  700 Feigenbäume, die dem König und seiner Tafel pro Tag  4000 (!) Feigen mit so schönen Namen wie Grosse-Jaune, Grosse-Blanche, Gross-Violette, Verte oder Angélique lieferten. In seinem bis auf den heutigen Tag grundlegenden Gartenbuch, das La Quintinie hinterlassen hat, schreibt er über die Feige:

„La bonne figue est donc celui de tous les fruits qui parmi nous mérite d’avoir la meilleure place en espalier (dans les pays chauds, elle en  pourrait être incommodée), mais pour juger de son extérieur et de son mérite, et par conséquent de l’estime qui lui est due, il n’y a qu’à voir le mouvement des épaules et des sourcils de ceux qui en mangent, et voir aussi la quantité qu’on en peut manger sans aucun péril à l’égard de la santé.“ (Instruction pour les jardins fruitiers et potagers, Arles 1999, S.432, zit. bei Baraton, S. 173)

Von den Feigen konnte der Sonnenkönig also so viele essen wie er wollte, ohne gesundheitliche Beschwerden fürchten zu müssen. Heute gibt es nur noch wenige Feigenbäume im Potager du Roi. Aber auf dem Gelände der ehemaligen Figuerie ist derzeit ein schönes künstlerisch gestaltetes Feld mit Getreide und Wildblumen angelegt.

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Gegessen wurde ja, wir hörten das schon von Liselotte von der Pfalz, reichlich an der königlichen Tafel. Ludwig XIV. verschlang die Feigen, und Obst spielte ganz allgemein eine bedeutende Rolle: Frankreich war damals noch nicht das Land der kunstvollen desserts, und jede Mahlzeit, auch jede noch so festliche, wurde mit einem Angebot an Früchten abgeschlossen. Deren Qualität hat La Quintinie ständig zu verbessern versucht- durch Veredelung natürlich, aber auch durch spezielle, den jeweiligen Obstsorten und ihrem Standort im Garten angepasste Spalier- und Schnitttechniken. Noch heute gibt es über 60 verschiedene Spalierformen im potager du roi, der  nicht nur Übungs- und Experimentierfeld für die angeschlossene angesehene Gartenbauschule ist (École nationale supérieure du paysage), sondern auch ein Ort, an dem die große Tradition französischer Nutzgartenkunst weiter gepflegt wird.

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Pfirsichspalier in der Form „cordon vertical ondulé double“

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Spalier in Fächerform (eventail)

Bevorzugtes Spalierobst waren übrigens bei Ludwig XIV. die Birnen. Die hatten nämlich gegenüber den Äpfeln den Vorteil, dass sie als edler galten und vor allem: dass sie weicher waren. Denn das Gebiss des Königs ließ mit zunehmendem Alter zu wünschen übrig, da waren reife, weiche Birnen gerade das Richtige für ihn.

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Das klassische Spalier für die Birnbäume war die „palmette horizontale Legendre à cinq branches“, also ein Birnbaum, von dem nach beiden Seiten jeweils fünf horizontale Äste abzweigen. Diese Spalierform fasst bis heute noch zahlreiche Gemüsebeete ein. Und fters gibt es auch die palmette  mit jeweils drei horizontalen Armen, und zwar vor allem bei Spalieräpfeln.

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Die Birnbäume stammen zwar nicht mehr aus der Zeit Ludwigs XIV., aber 100 Jahre alt sind sicherlich einige von ihnen.

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Das Gemüse wurde und wird in den um das „grand bassin“ gruppierten Gärten, dem Grand Carré, angebaut. Sie sind  z.T. mit Blumen- z.T. auch mit Sauerampfer-Rabatten und niedrig gehaltenem Spalierobst umrahmt. Die meisten Beete werden jährlich neu bepflanzt, u.a. mit den zu Zeiten des Sonnenkönigs  besonders modischen Erbsen.

Erbsen gibt es derzeit gleich unterhalb der Statue La Quintinies – und zwar eine  besonders schöne Sorte mit violetten Schoten. Ein verdienter Ehrenplatz!  1660 präsentierte nämlich der Mundschenk der comtesse de Soissons dem  gerade frisch vermählten Ludwig XIV.  grüne Erbsen, die er aus Italien mitgebracht hatte. Der König, seine junge Gemahlin und Kardinal Mazzarin probierten die Neuheit und Kostbarkeit, die  à la française, also mit weißer Soße, zubereitet war. Ludwig geruhte entzückt zu sein. Sobald danach die Saison der Erbsen begann, ließ sich der König einen ganzen Teller davon servieren, den er verschlang. Zwar war er die Nacht danach krank, aber das hielt ihn nicht davon ab, im nächsten Jahr sich wieder über die grünen Erbsen herzumachen.  Das war der Beginn der Erbsenmode, die am ganzen Versailler Hof Furore machte, und zwar ziemlich nachhaltig, wie aus einem Bericht der Madame de Sévigné von 1696 hervorgeht:

« Le chapitre des pois dure toujours: l’impatience d’en manger, le plaisir d’en avoir mangé, et la joie d’en manger encore, sont les trois points que nos princes traitent depuis quatre jours. Il y a des dames qui après avoir soupé avec le roi, et bien soupé, trouvent des pois chez elles pour manger avant de se coucher, au risque d’une indigestion : c’est une mode, une fureur, et l’une suit l’autre »

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Wer also etwas auf sich hielt am Hof des Sonnenkönigs, der verzehrte selbst nach einem ausgiebigen Mahl –gewissermaßen als „Betthupferl“-  noch einige Erbsen – drohenden Verdauungsstörungen zum Trotz…. Dass Erbsen etwas für feine Leute sind, hat sich übrigens anscheinend noch lange im kollektiven Bewusstsein erhalten. Denn noch 1841 geben Balzac und Arnould Frémy in ihrer „Physiologie du Rentier de Paris et de Province“ als eines der „Axiome“ des typischen Rentiers wieder, man müsse die Erbsen mit den Reichen und die Kirschen mit den Armen essen (“Il faut manger les petits pois avec les riches, et les cerises avec les pauvres“).

Neben Erbsen hatten es auch die damals ebenfalls exotischen Artischocken und dann vor allem der Spargel dem König angetan. Speziell für ihn  wurde der Potager du roi  nachträglich  noch erweitert: Ein zusätzlicher, spezieller Spargel-Garten wurde angelegt, ein „clos aux asperges“, der heutige Jardin Duhamel de Monceau.,  etwas versteckt im hinteren südlichen Teil des Potager du Roi neben dem Parc Balbi gelegen.  La Quintinie ließ die Spargelfelder – wie auch die Gemüsebeete- teilweise mit Frühbeetfenstern und Glasglocken abdecken, um die Sonne zu verstärken- so wie man das auf dem zwischen 1875 und 1890 entstandenen Gartenbild von Gustave Caillebotte sieht.

Caillebotte

Zum Schutz vor der Winterkälte wurden auf den Spargelfeldern Strohteppiche und warmer Pferdemist verwendet, der mehrmals am Tag erneuert wurde!  Und der Erfolg war überwältigend: Wie vom König gewünscht gab es pünktlich zu Weihnachten auf der königlichen Tafel Spargel, und  La Quintinie konnte in seinem Gartenbuch stolz feststellen, es sei ihm auf diese Weise als Erstem gelungen, „pour donner au plus grand roi du monde un plaisir qui lui était inconnu.“ Und damit nicht genug der Freuden: War doch der Spargel eine „Einladung zur Liebe“, wie Madame de Maintenon feststellte. Und die musste es ja wissen. Allerdings nur mittelbar. Denn Frauen war wegen der ihm zugeschriebenen aphrodisierenden Wirkung der Genuss des Spargels verwehrt!

Um den zentralen Garten herum wurde schließlich noch eine breite  Terrasse gebaut, damit der Sonnenkönig mit Wohlgefallen  seinen Garten und die Arbeit seiner emsigen Gärtner überblicken konnte; wenn  die Sonne einmal nicht schien,  sogar von der Kutsche aus. Den nicht standesgemäßen Gärtnern war der Zugang zur Terrasse allerdings verwehrt.  Heute steht dort auf einem Podest verdientermaßen La Quintinie mit den Attributen seines Metiers. Aber der war ja auch kein ordinärer Gärtner.

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La Quintinie war von Hause aus nämlich Rechtsanwalt. Wegen seiner umfassenden Bildung wurde er von dem Präsidenten des noblen „Cour des comptes“ mit der Erziehung seines Sohnes beauftragt, mit dem er eine Bildungsreise nach Italien unternahm. Dabei entdeckte La Quintinie die italienische Gartenkunst, die ihn so begeisterte, dass er hier seine eigentliche Berufung sah. Und da in dieser Zeit  in Paris Stadtpaläste (hôtel particulier) und im Umkreis der Stadt Schlösser für den Adel in Hülle und Fülle gebaut wurden, gab es Aufträge genug. Der „Finanzminister“ Ludwigs XIV., Nicolas Fouquet, holte La Quintinie zusammen mit den „drei großen Ls“,  Le Nôtre, Le Vau et Le Brun nach Vaux le Vicomte. Als Fouquet dann 1661 in Ungnade fiel, requirierte Ludwig XIV. das gesamte „team“ für sich. La Quintinie wurde zum Verwalter des königlichen Obst- und Gemüsegartens in Versailles und schließlich sogar zum   « directeur des jardins fruitiers et potagers de toutes les maisons royales » ernannt und geadelt: Zeichen für den hohen Stellenwert, den die Gartenkunst bei dem Sonnenkönig hatte. Als La Quintinie 1688 starb, bekannte Ludwig XIV. der Witwe:  « Madame, nous avons fait une grande perte que nous ne pourrons jamais réparer. »

Ludwig XIV. liebte es denn durchaus auch,  seinen Garten auf Augenhöhe zu betrachten oder ihn stolz exquisiten Gästen wie dem Dogen von Venedig oder dem Botschafter von Siam von der umgebenden Terrasse aus zu zeigen.

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Für den königlichen Besucher gab es einen ganz speziellen  Seiteneingang:  Ludwig XIV. konnte  von seinem Schloss über die  Treppen der 100 Stufen (Escaliers des 100 marches) zur Orangerie heruntergehen und von dort aus über die Allée de la Piece d’eau des Suisses direkt durch die vergoldete und mit den Insignien des Königs versehene „Grille du Roi“  den Garten betreten:  Es ist übrigens das einzige noch erhaltene ursprüngliche Tor des gesamten Schlosskomplexes von Versailles.

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Ein weiteres –im Moment ja gerade „aktuelles“-  Beispiel für das große hochherrschaftliche Wohlwollen, dessen sich Gemüse  und –besonders exotisches- Obst in diesen Zeiten erfreute, ist ja auch Friedrich der Große – dem es besonders die Melonen angetan hatten, so dass er eigens eine „Melonerie“ errichten ließ. Und eine Orangerie gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung eines absolutistischen Hofes und manchmal sogar eines Klosters, wofür das auf die Zeit Karls des Großen zurückgehende Kloster Seligenstadt am Main ein schönes Beispiel ist: In der dortigen Orangerie wurden vor allem Ananas gezüchtet, mit denen die Äbte des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Rang kulinarisch zum Ausdruck brachten und sich und  ihre Gäste verwöhnten.

Sehr lohnend ist in diesem Zusammenhang auch ein Besuch im Louvre: Dort hängen die vier wunderbaren Jahreszeiten-Portraits, die  Archimboldo 1573 für Kaiser Maximilian II. malte. Der besaß schon eine solche Serie und war so angetan davon, dass er als Geschenk für den sächsischen Kurfürsten eine weitere in Auftrag gab, die seit 1969 als einzige vollständig erhaltene Jahreszeiten-Serie Archimboldos im Louvre ausgestellt ist.

Hier wird auch sehr anschaulich, dass ein Obst- und Gemüsegarten in jeder Jahreszeit seine Reize hat. Den Potager du Roi kann man von April bis Oktober besuchen, und das lohnt sich immer. Natürlich im Frühjahr, wenn die Obstbäume blühen und man die Gärtner bei den Pflanzarbeiten auf den Gemüsebeeten beobachten kann; aber auch im Sommer, wenn die Wildblumen auf der ehemaligen Figuerie und die Blumen auf den Rabatten blühen.

Dann zeigen sich auch die Gemüsebeete in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt. Da gibt es das Carrée für verschiedene alte und neue Erdbeer-Sorten, ein Carrée für alte aromatische Pflanzen, ein Carrée für Artischocken und Spargel usw.  Und  natürlich lohnt ein Besuch  im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen an den Spalieren leuchten

In dem früheren Spargel-Garten werden heute keine Spargel mehr angebaut. Es gibt dort kleine Parzellen, die z.T. von Studenten der Gartenbauschule unterhalten werden, z.T. auch von Schulen und anderen pädagogischen und nachbarschaftlichen Einrichtungen. Das ist ein völlig anderes Gelände als der geometrisch strenge Barockgarten. La Quintinie würde wohl die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er seinen „clos aux asperges“ in seinem heutigen Zustand sähe, entsprechend aber auch deutsche Schrebergarten-Funktionäre. Es ist aber ein wunderbarer ruhiger Ort.

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Man hat von dort aus einen schönen Blick auf die direkt vor dem Garten gelegene Cathédrale St-Louis, in der am Vorabend der Französischen Revolution (4.5.1789) die feierliche Eröffnung der Generalstände stattfand. Ab und zu blökt mal eines der Schafe, die im hinteren Teil des Geländes weiden, oder man hört einen Specht aus dem benachbarten –aber leider geschlossenen- Parc Balbi. Unter alten Aprikosen-Bäumen gibt es ein paar alte Plastik-Tische und Stühle. Sie sehen zwar wenig einladend aus –deshalb das vorsorglich mitgebrachte Tischtuch-  aber man kann sich  ungestört hinsetzen, in Ruhe sein mitgebrachtes Picknick verzehren und es sich gut gehen lassen. Das ist ein wunderbarer Abschluss eines Besuchs im Potager du Roi.

Bevor man den Garten verlässt, sollte man sich noch etwas in der kleinen Boutique am Eingang bzw. Ausgang des Gartens umsehen. Dort gibt es nämlich Kostproben von den jeweils 400 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, die noch heute im Potager du Roi angebaut werden.

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Praktische Hinweise:

10, rue du Maréchal-Joffre    Ab Paris RER C Richtung Versailles-Rive Gauche/Château; .Zugbezeichnung VICK

Die Fahrkarten kann man  an jeder Metro-Station in den Automaten kaufen und sie gelten für Metro und RER. Unbedingt empfehlenswert ist es, in Paris schon Rückfahrkarten zu kaufen- es gibt keine speziellen Hin- und Rückfahrkarten- denn nachmittags gibt es im Bahnhof von Versailles oft riesige Schlangen vor den  Fahrkartenautomaten oder Schaltern.

Vom Bahnhof ca 10 Minuten Fußweg zum Potager: Aus dem Bahnhof links die Avenue du Général -de-Gaulle bis zur Rue des Tournelles- rechts ab. Voilà!

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Öffnungszeiten: April bis Oktober dienstags bis sonntags von 10 – 18 Uhr.  Eintrittspreis unter der Woche 4.50 €, an Wochenenden 7 €. Beim Kauf der Eintrittskarten sollte man sich den Flyer mit Informationen zum Garten und einem Plan geben lassen.  An Wochenenden und Feiertagen sind auch kommentierte Führungen um 11, 14.30 und 16.00 Uhr im Eintrittspreis eingeschlossen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, man findet sich einfach zum entsprechenden Zeitpunkt an der Statue La Quintinies ein.

Aktuelle Informationen über die Geschichte und die künftige Entwicklung des Gartens findet man in dem Pressedossier der Ecole nationale supérieure de paysage, zu der der Potager du Roi gehört: Actions et investissement pour la conservation et la valorisation du Potager du Roi. 16. Oktober 2019. http://www.ecole-paysage.fr/media//ensp_fr/UPL1652196911725588501_DPactionsENSPpourPDR161019web.pdf   Kurzfassung:  http://www.potager-du-roi.fr/site/potager/Conservation-du-Potager-du-Roi-un-etat-des-actions-et-investissements-en-octobre-2019.htm

Anlass dieses Dossiers ist eine am 4. Oktober 2019 im Figaro erschienene  enquête mit dem bezeichnenden Titel: À Versailles, la lente agonie du Potager du roi  –  eine massive Kritik am derzeitigen Zustand des Gartens. Zur weiteren Diskussion siehe: Marc Menessier,  le Potager du roi est bel et bien en péril. Le Figaro répond aux dénégations des responsables de ce site historique «mal mené et malmené». Le Figaro vom 30.10.2019 https://www.lefigaro.fr/jardin/versailles-le-potager-du-roi-est-bel-et-bienen-peril-20191030 und eine Gegenposition eines Kollektivs französischer und italienischer Landschaftsgärtner: Les défis de la restauration du Potager du roi à Versailles. Un collectif craint que les critiques dont fait l’objet le jardin royal n’aient pour objectif d’en dénaturer la Mission afin d’en faire un lieu touristique. In: Le Monde vom 19./20. Januar 2020

Weitere Blog-Beiträge mit Bezug zu Versailles:

„Versailles“ – ein Natur- und Architekturpanorama Eva Jospins in der Orangerie von Versailles

Der Saal der Hoquetons im Schloss von Versailles: Le Brun, Le Nôtre und die Fontänen des verschwundenen Labyrinths

Der König der Tiere: Die Menagerie und das Labyrinth Ludwigs XIV. im Park von Versailles

Der Canal Louis XIV und das Aquädukt von Maintenon (Die Fontänen von Versailles, Teil 3)

Die Fontänen von Versailles (2): Ausdruck absolutistischen Größenwahns

Die Fontänen im Park von Versailles (1): Feier des Sonnenkönigs und Machtdemonstration

Nuits debout- Place de la République, April 2016

Über die Nuits debout auf der Place de la République  in Paris wird, wie ich von Freunden hörte, in Deutschland wenig berichtet. In Frankreich ist das anders, da  gibt es eine breite Berichterstattung.
Tenor: Man weiß nicht so recht, was daraus werden wird. Zumal es wenig konkrete Forderungen gibt.  Aber es werden gerne Parallelen zu der indignados-Bewegung in Spanien hergestellt, aus der ja immerhin Podemos hervorgegangen ist. Umso mehr, als die Bewegung inzwischen nicht mehr auf Paris beschränkt ist, sondern sich auch in anderen Städten etabliert hat.  Jedenfalls beobachten besonders die Sozialisten das Phänomen sehr aufmerksam und halten sich auch sehr mit Kritik zurück.
Die Chefs von Sozialistischer Partei, KPF und der Linken hatten sich schon inkognito zur Place de la République  aufgemacht, um die Lage und Stimmung zu sondieren.  Und Ministerpräsident Valls hat in aller Eile eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, mit denen der Übergang junger Menschen ins Arbeitsleben erleichtert werden soll: Angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von ca 25% und einer Rate von 87% CDDs (Arbeitsverträgen mit oft sehr kurzer begrenzter Laufzeit) bei Erstanstellungsverträgen war das überfällig. Jetzt möchte die Regierung die CDDs für die Arbeitgeber verteuern, was allerdings wiederum deren Zorn und Widerstand provoziert. Für Le Monde (Leitartikel vom 13.4.) liegt die Erklärung auf der Hand: Die Exekutive sei  außerordentlich beunruhigt von der Mobilisierung von Teilen der Jugend und befürchte von der Nuit-Debout-Bewegung überrollt zu werden. Außerdem sei es äußerst irritierend, wenn Holland an seine berühmte  programmatische Rede von Le Bourget vom Januar 2012 -während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs-  erinnert werde. Damals hatte er verkündet, er wolle -wenn er gewählt werde- einzig und allein daran gemessen werden, ob die Jugend 2022 besser lebe als 2017. „Je demande à être évalué sur ce seul engagement, sur cette seule vérité, sur cette seule promesse!“  Dieses Versprechen, so Le Monde, sei nicht eingehalten worden, wie die Jugendarbeitslosigkeit und die viel zu große Zahl der „décrocheurs du système éducatif“ zeige,  der Jugendlichen also, die ohne  einen ordentlichen Abschluss das Schulsystem verließen. Le Monde schließt Éditorial mit den  Worten: „Die Glaubwürdigkeit Hollandes und Manuel Valls‘ ist schwer beschädigt. Vor allem bei  der Jugend.“
 Und bei den Nuit-Debout- Teilnehmern sind nach Einschätzung von Sozialisten viele junge Leute, die vor vier Jahren noch auf der Place de la Bastille gestanden und den Wahlsieg von Hollande gefeiert hätten und die zurückzugewinnen ein Jahr vor der anstehenden Präsidentenwahl ganz wichtig sei.

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Jedenfalls war die Stimmung gut, als wir Samstag Abend dort waren. Ein bisschen 68-er feeling…  Versammelt sind da nach Beobachtungen von Journalisten Studenten, Schüler, Lehrer, langjährig politisch Engagierte, Neugierige, „intellos précaires“ und sog. intermittents, also Teilzeitbechäftigte, vor allem aus dem Kulturbereich.  Böse Zungen behaupten denn auch, hier seien die Kinder der Bobos (Bourgeois-Bohème) versammelt, aber auch an denen wird die Jugendarbeitslosigkeit nicht spurlos vorbeigehen. Und selbst bei der kleinen Elite von Absolventen der Grands Ècoles ist das Durchschnittsgehalt in den letzten Jahren zurückgegangen…. (auf 32 862 Euro jährlich 2013). Der vorherrschende und auch in den Medien verbreitete Eindruck ist jedenfalls, die Place de la République Versammelten seien blanc und bourgeois. Menschen mit einer afrikanischen, asiatischen oder mittelamerikanischen Herkunft (Antillen) seien jedenfalls nicht vertreten. Bisher ist der Nuit-Debout-Bewegung auch nicht gelungen, in den banlieues Fuß zu fassen. Ein von le Monde (15.4., S. 10) zitierter Sprecher einer Bürgerinitiative aus einer Pariser Vorstadt erklärt das so:
„Les habitants des quartiers sont peut-être plus résignés. Ils ne croient pas qu’ils peuvent influer sur le cours des événements. Il n’y a qu’à voir les taux d’abstention de 60%, 75%.“
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Sprecher/Leitfiguren der nuit-debout-Bewegung gibt es nicht – das würde dem basisdemokratischen  Ansatz widersprechen. Aber es gibt durchaus Prominente, die sich Place de la République engagiert haben: Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Pickety zum Beispiel, die Soziologen Pincon-Charlot (siehe Plakat) und vor allem Francois Ruffin, der engagierte Journalist einer winzigen und bis jetzt weitgehend unbekannten Zeitschrift aus Nordfrankreich, der gerade mit dem fantastischen Dokumentarfilm Merci Patron  einen sensationellen Kinohit in Frankreich gelandet hat: Mit dem kleinsten  Etat der größte Erfolg – passend  zum Inhalt: David (zwei ehemalige, entlassene Angestellte des Luxusimperiums LVHM) gegen Goliath (Bernard Arnault, der Besitzer von LVHM und einer der reichsten Männer Frankreichs). Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte, die zum Lachen ist, auch wenn die Verhältnisse, um die es geht, eher zum Weinen sind…
Download Merci patron
Ruffin und sein Film passen jedenfalls wunderbar zur nuit-debout-Bewegung auf der Place de la République.
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Zumal hier ein politischer Anspruch und ein nicht unerheblicher Unterhaltungswert Hand in Hand gehen:  Musik, Tanz, Jonglage, Kunst, Essen und Trinken…. Ein Sing-Angebot mit Liedern der Commune war sogar auch dabei.
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Ambiance bon enfant. Und keinerlei Polizei weit und breit- im Gegensatz zum Vorgehen bei vorausgegangenen Demonstrationen gegen die geplanten neuen Arbeitsgesetze. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde der Platz allerdings von der Polizei unter etwas merkwürdigen und undurchsichtigen Umständen geräumt. Möglicherweise war der für die Aktion genehmigte Rahmen überschritten worden, vielleicht gab es auch Sachbeschädigungen auf dem frisch renovierten Platz. Und eine längerfristige Nutzung des Platzes durch Nuit Debout passt vielen politisch Verantwortlichen sowieso nicht.  Da geht es – auch für regierende Sozialisten- um die Autorität des Staates. Und immerhin befindet Frankreich sich ja immer noch im Ausnahmezustand, der -laut Manuel  Valls- so lange andauern soll, bis der Terrorismus besiegt ist. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die immerhin auch schon als mögliche Alternative zu Hollande für die nächsten Präsidentschaftswahlen gehandelt wird, ist da immerhin etwas zurückhaltender. Ihr Kommentar: «S’il est légitime de rêver d’un autre monde, il ne l’est pas de dégrader celui-ci.»
Und über die etwas undurchsichtigen Umstände der Räumung:
Der Traum von einer besseren Welt soll und darf also  wohl noch weitergehen. Allerdings gehen die Einschätzungen der Nuits-Debout-Bewegung immer mehr auseinander, besonders nachdem am Wochenende (17./18. April) der frischgekürte Académicien Alain Finkielkraut auf dem Platz ausgebuht wurde- anders als der bejubelte Yanis Varoufakis. Die Intoleranz gegenüber dem -natürlich umstrittenen- Philosophen Finkielraut passt ja auch in der Tat schlecht zusammen mit dem demokratischen Anspruch der Bewegung. Da ist es dann ein Leichtes für Brice Hortfeux, einen der letzten Getreuen von Nicolas Sarkozy und  Vertreter der droit extrême, den Umgang mit Alain Finkielkraut als Ausdruck des Sektarismus und der Intoleranz der Bewegung zu verurteilen und ein nachhaltiges Versammlungsverbot auf der Place de la République zu fordern:
„On a voté il y a quelque temps l’état d’urgence. Aujourd’hui, il n’a a pas un maire d’arrondissement qui peut organiser une braderie, une rencontre, une manifestation festive, et là  le gouvernement accepte qu’il y ait, nuit après nuit, ces rencontres! Nuit debout et gouvenement par terre, c’est ca la réalité.“ (Le Monde 19.4.) 
Aber in der gleichen Ausgabe von Le Monde feiert Benoît Hopquin in die Nuit-Debout Bewegung als „Utopia-sur-Seine“:
„Un monde meilleur, fût-ce sa promesse, fût-ce son illusion, voilà qui ouvrait la perspective d’un bon bol d’air. Il fallait respirer cet amphi à ciel et à coeur ouverts, cette agora sous l’ombre tutélaire de la statue de Marianne. Tâter de ce dernier salon où l’on cause, ce symposium sous les étoiles où l’on disserte de la vie comme elle va ou plutôt comme elle ne va pas et comme elle devrait être.“
Und wie eine Antwort auf  Hotrefeux zitiert er einen berühmten Wortwechsel des Journalisten Hubert Beuve- Méry mit einem  Kollegen aus der Zeit des Mai 1968: „Qui sont ces voyous?“ „Ce sont nous enfants, patron!“ 

Nuit Debout geht weiter- und die Debatten darüber auch….  (Ergänzung Anfang Mai) 

 Die  Nuit Debout-Bewegung hat sich nach der kurzen Platzräumung im April wieder fest auf der Place de la République eingerichtet. Und damit geht auch in den französischen Medien die Berichterstattung darüber mit großer Intensität weiter.  Und begleitend dazu auch die Debatten, wie diese Bewegung einzuschätzen ist, wen sie überhaupt betrifft und welche möglichen Konsequenzen sich daraus ergeben  könnten.

 Zunächst zeigen einige aktuelle Fotos von Frauke, wie es Ende April/Anfang Mai auf der Place de la République in Paris aussieht: Kennzeichnend sind da vor allem die vielen kleinen Diskussionsgruppen. Der politische Charakter der Bewegung bestimmt inzwischen im Vergleich zu den Anfängen viel deutlicher das Geschehen auf dem Platz.

 Danach werden zwei Artikel aus Le Monde wiedergegeben.

Im ersten Artikel vom 26.4. geht es um den verbreiteten Vorwurf, bei den Teilnehmern von Nuit Debout handele es sich um eine kleine Gruppe von sogenannten „bobos“, also vor allem um junge Menschen aus der Schicht der „bourgeois-bohème“. In dem  Artikel wird ein kurzer Abriss der Entwicklung dieses Begriffs gegeben und dann die Gegenthese aufgestellt, bei den sogenannten bobos handele es sich heute nicht mehr um eine kleine privilegierte Minderheit, sondern um eine große und durchaus nicht immer privilegierte Gruppe, die oft in ähnlich prekären  Arbeitsverhältnissen leben  wie die Jugendlichen aus den „milieux populaires“.

 Der zweite  Artikel –der Text eines Autorenkollektivs-  ist aus zwei Gründen besonders interessant: Einmal wegen seiner geradezu hymnischen Einschätzung des Potentials der Nuit-Debout-Bewegung. Wenn es ihr gelinge, Brücken zur Arbeiterbewegung zu schlagen und zu den Opfern der soziokulturellen Segregation könne sie  eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft bewirken. Am Schluss des Artikels wird  deshalb dazu aufgerufen, sich in der Bewegung zu engagieren und damit zur Konstruktion einer besseren Welt beizutragen. Zum anderen ist der Artikel interessant wegen der Autoren, die ihn unterzeichnet haben: Unter anderem der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Lordon, der sich von Anfang an bei und für Nuit Debout engagiert hat, die Schriftstellerin Annie Ernaux, wie Lordon übrigens eine entschiedene Kritikerin des weiter verlängerten État d’urgence,  und der deutsche Sozialforscher Wolfgang Streeck, bekannt geworden –auch in Frankreich- vor allem durch sein Buch „die gekaufte Zeit“, das auf den  Frankfurter Adorno-Vorlesungen von 2012 beruht und aus linker Perspektive die Einführung des Euro kritisiert.

 

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„Vollversammlung“ auf der Place de la République

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Kostenlose juristische Beratung der „aufrechten Rechtsanwälte“

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Diskussionsgruppen auf dem Platz

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Die aufrechten Feministinnen

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Die Commission gegen den Ausnahmezustand

Avec Nuit debout, le retour des tentatives de définition du mythique « bobo »

 http://bigbrowser.blog.lemonde.fr/2016/04/26/avec-nuit-debout-le-retour-des-tentatives-de-definition-du-mythique-bobo/  26. April 2016

„Ils vivent dans les beaux quartiers / Ou en banlieue, mais dans un loft / Ateliers d’artistes branchés / Bien plus tendance que la Rive gauche / Ont des enfants bien élevés / Qui ont lu Le Petit Prince à six ans / Qui vont dans des écoles privées / Privées de racaille, je me comprends.“

Voici le tableau assez critique que dressait Renaud en 2009 de cette „nouvelle classe“ de citoyens, les „bourgeois-bohème“ à la française. Même 7 ans plus tard, alors que le mot est devenu si banal, insulte si facile ou badge de fierté si prévisible, la chanson reste un indicateur du flou qui entoure la dénomination. Des idées ou des concepts reviennent : entre-soi, gentrification, fort capital culturel… Mais une définition précise, irrévocable, a du mal à s’imposer.

En 2010, la sociologue Camille Peugny expliquait dans Les Inrocks que le terme était utile pour désigner les hommes et les femmes diplômés et issus de la bourgeoisie, mais qui refusaient une partie de leur héritage culturel. Mais elle n’allait pas jusqu’à en faire une catégorie socioprofessionnelle homogène.

„C’est une personne qui a des revenus sans qu’ils soient faramineux, plutôt diplômée, qui profite des opportunités culturelles et vote à gauche.“

Un „bobo“ peut être issu de la grande bourgeoisie comme de la petite classe moyenne, il peut vivre en centre-ville comme en banlieue. On le définit donc davantage par son mode de vie, ses attributs. C’est quelqu’un qui fait du vélo. C’est quelqu’un qui est abonné à Télérama. C’est quelqu’un qui mange bio, qui a une profession artistique, créative ou intellectuelle. C’est quelqu’un qui vote à gauche. Autant de cases qu’on peut remplir pour atteindre le top niveau „bobo“. Et souvent, ces cases sont remplies par ceux qui veulent définir quelqu’un qui les agace profondément.

Insultes et revendications

Le concept est resté suffisamment vague pour devenir une insulte, tellement banale que même les hommes politiques l’ont intégré à leur arsenal. Même les hommes et femmes politiques d’extrême droite, comme Marion Maréchal Le Pen qui, pendant la campagne des régionales en 2010, lançait cette phrase qui a valu sûrement plusieurs minutes de travail avec son conseiller : „Dix bobos qui s’extasient devant des taches rouges, ce n’est pas ma conception de la culture.“

Face à cet emploi majoritairement dépréciatif, il y a eu des initiatives pour réhabiliter le terme. Il y a deux ans, les journalistes Laure Watrin et Thomas Legrand publiaient La République bobo, qui dénonçait la construction purement médiatique du mot – rejeté par nombre de sociologues – et voulait démontrer que le mode de vie en question, s’il est très individualiste, se préoccupe (aussi) de l’avenir de la planète et des moyens de recréer du lien social.

Dans cette mesure, arguaient les auteurs, le bobo est peut-être en train de réinventer des façons d’être ensemble dans une société morcelée. Certains, comme Solange te parle, franchissaient même le Rubicon et revendiquaient leur „boboïtude“.

Nuit debout et le grand retour de l’insulte „bobo“

L’émergence du mouvement Nuit debout au cœur de Paris a été l’occasion de lancer une nouvelle saison de l’interminable série de définition sociologique du „bobo“. Le chroniqueur Eric Verhaegue a écrit sur Figaro Vox „Nuit debout, le crépuscule des bobos“, où il s’étonne de „l’homogénéité sociale“ de cette „gauche bobo“ qui se réunit place de la République.

On y retrouve les accusations traditionnelles. Privilégié, le bobo est par nature „déconnecté“, des ouvriers, des jeunes issus de l’immigration, des salariés et même des familles. Or, comme nous l’expliquions plus haut, le terme „bobo“ se rapporte précisément à une classe fourre-tout, mal définie, résolument non homogène en termes de revenus et d’origine sociale et dont le dénominateur commun est plutôt du côté du capital culturel.

Dire que les bobos sont place de la République, c’est donc admettre, en un sens, que le mouvement est socialement hétérogène, même s’il est culturellement unifié.

Une accusation dont se saisit l’auteur de livres pour enfants Eric Sénabre, dans une tribune publiée dans Libération : „Et si on fichait la paix aux bobos ?“ Il décrit son mode de vie bobo avec des mots et les arguments, là aussi, traditionnels – vélo, lait de soja, jeux éducatifs en bois pour les enfants – avant de poser la question : „Est-ce un crime ?“ Reprenant en substance l’argumentaire développé par les auteurs de La République bobo, il réfute l’idée d’une classe sociale homogène et financièrement privilégiée, avant de dénoncer la facilité de cette insulte passe-partout qui permet de discréditer instantanément tout ce à quoi elle s’applique :

„Le mariage pour tous ? Une idée de bobos. L’écologie ? Un passe-temps de bobos. La fraternité ? Une lubie de bobos. Aujourd’hui, le mot bobo est devenu la réponse à tout, les deux syllabes qui disqualifient d’emblée tout projet humaniste. C’est que le bobo est, par définition, incapable de sincérité.“

„Ce n’est plus une minorité privilégiée, c’est la masse“

Discréditer Nuit debout en la décrivant comme un „mouvement bobo“ n’est pas forcément efficace, notamment parce que le terme a fait du chemin depuis son apparition, et recouvre une catégorie socioprofessionnelle qui a muté, comme le souligne le sociologue Emmanuel Todd, interrogé par Fakir, le journal créé par François Ruffin, auteur du documentaire Merci patron !„Les jeunes diplômés du supérieur, c’est désormais 40 % d’une tranche d’âge. Ce n’est plus une minorité privilégiée, c’est la masse.“ Et que ça n’a plus de sens de ranger tout le monde à la même enseigne de „privilégiés“ :

„Les stages à répétition, les boulots pourris dans les bureaux, les sous-paies pour des surqualifications, c’est la même chose que la fermeture des usines, que la succession d’intérim pour les jeunes de milieux populaires“

 

« Nuit debout peut être porteur d’une transformation sociale de grande ampleur »

LE MONDE | 03.05.2016

Par Collectif

Les crises ouvrent le champ des possibles, et celle qui a commencé en 2007 avec l’effondrement du marché des subprimes ne déroge pas à la règle. Les forces politiques qui soutenaient l’ancien monde sont en voie de décomposition, à commencer par la social-démocratie, qui a franchi depuis 2012 une étape supplémentaire dans son long processus d’accommodement avec l’ordre existant. En face d’elles, leFront national détourne à son profit une partie de la colère sociale en jouant d’une posture prétendument antisystème, alors même qu’il n’en remet rien en cause, et surtout pas la loi du marché.

C’est dans ce contexte qu’est né Nuit debout, qui célèbre ces jours-ci son premier mois d’existence. Depuis la chute du mur de Berlin, la contestation du néolibéralisme a pris des formes diverses : gouvernements « bolivariens » en Amérique latine dans les années 2000, « printemps arabes », Occupy Wall Street, « indignés » espagnols, Syriza en Grèce, campagnes de Jeremy Corbyn et Bernie Sanders en Grande-Bretagne et aux Etats-Unis… Les historiens futurs qui se pencheront sur notre époque se diront sans doute qu’elle fut particulièrement riche en mouvements politiques et sociaux.

La France n’est pas en reste. Des grandes grèves de novembre-décembre 1995 aux mobilisations en cours contre la loi El Khomri, en passant par le mouvement altermondialiste – la création d’Attac en 1998 notamment –, l’opposition au CPE en 2006 et à la contre-réforme des retraites en 2010, les occasions de contester cette « nouvelle raison du monde » furent nombreuses. Elles n’ont pas été concluantes, puisque la crise n’a pas sonné le glas des politiques néolibérales, mises en œuvre aujourd’hui à l’échelle planétaire avec plus d’agressivité que jamais.

 

Enjeux stratégiques

Malgré des difficultés et parfois même des échecs, les créations d’organisations ambitionnant d’incarner cette gauche antilibérale et anticapitaliste ont offert, chaque fois, des occasions de se coaliser, d’accumuler des expériences et de l’intelligence collectives.

AVEC L’UN DE SES AXES, « CONTRE LA LOI EL KHOMRI ET SON MONDE », NUIT DEBOUT PARVIENT À ARTICULERUNE EXIGENCE ESSENTIELLE, LE RETRAIT D’UNE LOI PORTEUSE D’UNE TRÈS GRAVE RÉGRESSION SOCIALE, ET LA CRITIQUE RADICALE DE TOUT UN SYSTÈME.

Nuit debout est un mouvement sui generis, doté de caractéristiques propres. Mais il est aussi l’héritier de cette séquence, des bilans – positifs ou négatifs – tirés par les réseaux militants de ces expériences antérieures. L’histoire avance par conjectures et réfutations.

Un mouvement aussi jeune que Nuit debout est enthousiasmant, bien que forcément parfois confus. Ce qui impressionne toutefois dans son cas, c’est le sérieux avec lequel y sont discutés les enjeux stratégiques auxquels il est confronté. Avec l’un de ses axes, « contre la loi El Khomri et son monde », il parvient à articuler une exigence essentielle, le retrait d’une loi porteuse d’une très grave régression sociale, et la critique radicale de tout un système. L’une des perspectives qui le traverse et auquel il travaille, la grève générale, apparaît décisive pour opérer la jonction entre occupation des places et mobilisation sur les lieux de travail et remporter une victoire qui serait fondamentale.

Les critiques du mouvement n’ont pas manqué de lui reprocher sa composition sociale, la surreprésentation – réelle ou supposée, nul n’en sait rien à ce stade – en son sein de personnes à fort « capital culturel ». Ces mêmes critiques ont pointé l’absence des habitants des quartiers populaires, et notamment des immigrés postcoloniaux.

Quiconque a passé ne serait-ce qu’une heure place de la République ou sur les autres places occupées sait qu’une part considérable des débats en cours porte précisément sur les limites du mouvement, et sur la façon de les dépasser. Comment mieux s’associer avec les syndicats et la classe ouvrière ? Par quels biais susciter la mobilisation des victimes de la ségrégation sociospatiale et du racisme ? Quel « débouché politique » le mouvement doit-il se donner, s’il doit s’en donner un ? En assemblée générale aussi bien que dans les commissions thématiques, ces questions sont omniprésentes.

Transformation sociale

Les réponses sont certes hésitantes, parfois maladroites, et autour d’elles se cristallisent des désaccords. Mais les désaccords portent sur des enjeux réels. Nuit debout est un mouvement exigeant avec lui-même, qui ne sous-estime pas l’ampleur des défis à venir. Si le potentiel émancipateur d’une mobilisation dépend de la conscience qu’elle a de ses propres limites, et de sa volonté de les transcender continuellement, alors il est permis d’espérer que Nuit debout donnera lieu, dans les prochains mois ou années, à une transformation sociale de grande ampleur.

SI L’ARTICULATION S’OPÈRE AVEC DES SECTEURS DU MOUVEMENT OUVRIER ET LES RÉSEAUX ASSOCIATIFS ISSUS DES QUARTIERS, RIEN NE POURRA ARRÊTER CE MOUVEMENT.

Comme disait Gramsci, nous sommes tous des intellectuels, mais nous n’exerçons pas tous la « fonction » d’intellectuel. Le capitalisme a créé pour ses besoins une classe d’individus qui fait profession de lire et écrire. En tant qu’universitaires, nous appartenons à cette classe, même si nous sommes aussi des militant(e)s. Avec le dépassement du capitalisme, cette classe disparaîtra, et l’élaboration intellectuelle cessera alors d’être un privilège social.

Nuit debout n’a nul besoin d’intellectuels pour réfléchir. La production d’idées est immanente au mouvement, dont chaque membre est un intellectuel, et l’ensemble un intellectuel « collectif ».

Nous qui exerçons professionnellement la « fonction » d’intellectuels, nous voulons dire à ce mouvement notre admiration. Notre admiration devant son courage – il en faut pour résister aux constantes intimidations des tenants de l’ordre existant. Notre admiration devant sa capacité à identifier les défis stratégiques du moment, et à essayer d’y apporter des réponses novatrices. Si l’articulation s’opère avec des secteurs du mouvement ouvrier et les réseaux associatifs issus des quartiers, rien ne pourra arrêter ce mouvement.

Les crises ouvrent le champ des possibles, mais le risque est grand de le voir se refermer aussitôt sous la pression de forces réactionnaires. Nuit debout contribue à élargir ce champ, permettant ainsi aux forces révolutionnaires de converger. Nous appelons toutes les personnes et organisations qui ne se résolvent pas au monde tel qu’il va à rejoindre les places, et à prendre part, dès maintenant, à la construction d’un autre monde !

 

Signataires : Tariq Ali, écrivain ; Ludivine Bantigny, historienne ; Cédric Durand, économiste ; Elsa Dorlin, philosophe ; Annie Ernaux, écrivain ; Bernard Friot, sociologue ; Razmig Keucheyan, sociologue ; Stathis Kouvelakis, philosophe ; Frédéric Lordon, philosophe ; Leo Panitch, sociologue ; Wolfgang Streeck, sociologue
En savoir plus sur http://www.lemonde.fr/societe/article/2016/05/03/nuit-debout-peut-etre-porteur-d-une-transformation-sociale-de-grande-ampleur_4912446_3224.html#aGdVZeeyKJhyHZ1C.99

Milly-la-Forêt: Jean Cocteau, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely

Für einen Besuch von Milly-la-Forêt benötigt man ein Auto. Von Paris ist man in einer Stunde in Milly. Wenn man zeitig losfährt, kann man am späten Vormittag die Kapelle von Cocteau ansehen, dann eine kleine Mittagspause am Marktplatz von Milly machen, so dass  am Nachmittag  genug Zeit ist für den Cyklop und für einen Spaziergang in den nahe gelegenen Forêt de Fontainebleau hat.

Die Chapelle Saint-Blaise-des-Simples von Jean Cocteau

Die kleine Kapelle Saint-Blaises-des-Simples, stammt aus dem 12. Jahrhundert und war, außerhalb der Stadt gelegen, Teil einer von Tempelrittern erbauten Anlage zur Pflege von Leprakranken- die Krankheit war von Teilnehmern der Kreuzzüge nach Europa gebracht.

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Der heilige Blasius, dem die Kapelle geweiht war – seine Reliquien liegen in St. Blasien in der Schweiz-,  hatte der Legende nach Tiere und Menschen gepflegt und geheilt.  Das  Hospital von Milly-la-Forêt verwendete als Arzeneimittel Heilpflanzen, wie sie in der Natur vorkommen –deshalb auch „simples“ genannt- die  in dem zur Kapelle gehörenden Garten angebaut wurden. Dieser Garten ist inzwischen wieder als Kräutergarten eingerichtet und man liest mit Erstaunen, wie vielfältige Wirkungen die Kräuter haben können.

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1958 wurde die Kapelle, die allein von der mittelalterlichen Hospital-Anlage erhalten ist, von Jean Cocteau ausgemalt, der sich 1947 auf der Flucht vor der Sittenpolizei, der „Brigade Mondaine“, mit seinem Freund, dem Schauspieler Jean Marais, hierhin zurückgezogen hatte. Hier fand er, nach seinen eigenen Worten, „la  chose la plus rare du monde: un cadre“. In den Boden der Kapelle ist der Grabstein des am 11. Oktober 1963 verstorbenen Künstlers eingelassen, der hier bestattet wurde; anstatt eines Altars gibt es eine Bronzebüste des Cocteaus: Angefertigt von Arno Breker, der –von den Nazis zunächst als zu avantgardistisch und frankophil abgelehnt- zum  Starbildhauer des Dritten Reichs avancierte!

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Breker hatte Cocteau 1924 bei seiner ersten Paris-Reise kennen gelernt und war in Frankreich, wo  er von 1927 bis 1934 lebte,  hoch geschätzt: Aristide Maillol bezeichnete seinen  Freund Breker sogar als „den deutschen Michelangelo des 20. Jahrhunderts“ und Salvadore Dali meinte, Breker sei der einzige Bildhauer seiner Zeit.  der Portraits modellieren könne, wozu übrigens auch die heroische Büste Adolf Hitlers gehörte!  1942 versammelte sich viel deutsche und französische Prominenz  bei der großen Pariser Breker-Ausstellung in der Orangerie im Tuilerien-Garten.

Die Kapelle ist im typischen Cocteau’schen Stil ausgemalt.

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Der wiederauferstandene Christus

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Neben der Signatur gibt es diese schöne Katze, die -nach Cocteaus eigenen Worten- „wie von einem Kind gemalt“ ist. „Dans le style des farces des églises médiévales: chat-pelle“.  (Zitiert in Dominique Mamy, Jean Cocteau, Le roman d’un funambule)

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Die Motive, die Cocteau für die Ausgestaltung der Kapelle wählte, sind  vor allem die „simples“, die Heilpflanzen, und da vor allem wiederum eine besondere Minze, die berühmte „menthe poivrée“,  die für Milly-la-Forêt eine besondere Bedeutung hat.

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Wegen ihrer verdauungsfördernden Wirkung wurde die Minze  schon seit dem Mittelalter  in Milly angebaut. Der Minze-Anbau  erlebte dann im 19. Jahrhundert mit der „menthe poivrée oder Menthe de Milly“ einen regelrechten Boom: Dies ist eine spezielle Züchtung aus schwarzer und grüner Minze, die sich durch einen sehr hohen Menthol-Gehalt, also durch besondere Frische, auszeichnet, gleichzeitig aber nicht –wie die gängige Pfefferminze- am Einschlafen hindert. Noch 1950 gab es in Milly 50 kleine Betriebe, in denen vor allem die menthe poivrée angebaut wurde, die natürlich auch in dem kleinen Kräutergarten der Kapelle ihren Platz hat. Darunter war auch die  1887 gegründete Firma Darégal, heute ein international tätiges Unternehmen, das  sich stolz als  „N°1 Mondial des herbes aromatiques surgelées“ bezeichnet. (http://www.daregal.com/)

Heute gibt es –jedenfalls in Milly selbst- nur noch einen Gartenbaubetrieb für Heilpflanzen, den „Herbier de Milly La Forêt“. Er betreibt am Marktplatz mit seiner großen mittelalterlichen  Markthalle ein kleines sympathisches Geschäft, wo man auch nach einem Besuch der Kapelle einen Pfefferminztee mit der echten „menthe poivrée“ von Milly kaufen und –wenn man  Glück hat- auch trinken kann.

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Gut kombinieren kann man den Besuch der Kapelle auch mit einem Rundgang durch das ehemalige Wohnhaus von Cocteau in der Nähe des Marktplatzes. Dort ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem man u.a. Cocteau-Portraits von Picasso, Buffet, Modigliani, Man Ray, Warhol und Hans Richter findet. Cocteau fand dort die Ruhe und die Natur, die ihm in Paris fehlte:

« C’est la maison qui m’attendait. J’en habite le refuge, loin des sonnettes du Palais-Royal. Elle me donne l’exemple de l’absurde entêtement magnifique des végétaux. J’y retrouve les souvenirs de campagnes anciennes où je rêvais de Paris comme je rêvais plus tard, à Paris, de prendre la fuite. L’eau des douves et le soleil peignent sur les parois de ma chambre leurs faux marbres mobiles. Le printemps jubile partout. » (Jean Cocteau – La Difficulté d’être)

 Von der Kapelle ist es aber auch nicht weit zu der in dem in der gleichen Straße gelegenen Conservatoire national des Plantes médicinale, aromatiques et industrielles, in dem insgesamt 1200 Pflanzen angebaut bzw. aufbewahrt werden. Es gibt einen Garten, eine große Trocknungsanlage, „un lieu magique“, und ein Gewächshaus für tropische aromatische Pflanzen.

Wer die Wahl hat….

Der Cyclop von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Unverzichtbar ist in Milly-la-Forêt allerdings der Cyclop der beiden Künstler Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Die sind in Paris  keine Unbekannten: Im Foyer der Bastille-Oper gibt es von beiden eine ausladende  tanzende Dame auf einer sich drehenden Weltkugel, aber vor allem gibt es den wunderbaren Stravinsky-Brunnen am Centre Pompidou, in dem sich bizarre bunte Figuren drehen und Wasser verspritzen; eine der vielen Pariser Attraktionen.

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Weniger bekannt –selbst bei alteingesessenen Parisern!-  ist der grandiose Cyklop im Wald von Fontainebleau bei Milly-la-Forêt.

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Der Cyclop ist ein stählerner Koloss, mitten im Wald aufgetürmt, 22 ½ Meter hoch, 350 Tonnen schwer. 1969 begannen die Arbeiten, 10 Jahre dauerte es, bis der „Rohbau“ errichtet war. Da es immer wieder zu Akten des Vandalismus kam, übereigneten Tinguely und Niki de Saint Phalle das Werk 1987 dem französischen Staat, um seinen Schutz und seine Erhaltung zu sichern. An dem „Innenausbau“ beteiligten sich dann zahlreiche weiteren Künstler, und 1994 konnte der Cyclop endlich –3 Jahre nach dem Tod Jean Tinguelys- eingeweiht werden.

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Von außen erkennt man den großen Kopf des Cyclopen mit einem einzigen sich drehenden und in der Sonne blinkenden Auge und  einem riesigen Mund, aus dem ein kleiner Bach läuft, der über eine Rutsche in ein Becken am Boden fließt. Was schon hier –von außen- auffällt, ist eine eigenartige Mischung von massivem, cyklopisch-gewalttätigem rohen Material und einer poetischen Verspieltheit durch die Verwendung von bunten Farben, Spiegeln und kleinen Formen.

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Und durch ironische Zitate der Kunstgeschichte- wie die neben dem Eingang aufgebahrten Figuren, die an die Königsgräber in Saint-Denis erinnern. Aber hier sind es keine Könige, sondern Alltagsfiguren: Vielleicht Arbeiter an dem  Cypklop-Projekt,  die sich –noch mit Gummistiefeln an den Füßen- entspannt einen kleinen Mittagsschlaf gönnen.

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Diese faszinierende Mischung setzt sich fort, wenn man –im Rahmen einer obligatorischen Führung- den Koloss betritt und besonders, wenn sich dann die Maschinen mit einem ohrenbetäubenden Lärm in Bewegung setzen.

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Überall kracht, hämmert und dröhnt es, Räder drehen sich, riesige Kugeln rollen durch Stahlgestelle und auf Laufbändern, aber die Bewegung der Maschinen ist völlig sinnentleert. Vielleicht soll damit, wie ich es in einem Führer gelesen habe, auf die „Exzesse und Absurditäten der Konsumgesellschaft“ hingewiesen werden. Vielleicht aber doch noch mehr auf die gewalttätige Seite der Industriegesellschaft- denn der Tod ist überall in dem Cyklopen präsent: In eher verspielter Form wie in den Kacheln von Niki de Saint Phalle

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oder ganz extrem in Form des in 20 Meter Höhe über dem Abgrund hängenden Eisenbahnwagens. Es ist ganz exakt der Wagentyp, mit dem die französischen Juden nach Auschwitz transportiert wurden und der auch im ehemaligen Durchgangslager Drancy aufgestellt ist.  Hat der Cyklop noch einzeln die Gefährten des Odysseus verschlungen, so steht der Eisenbahnwagon für den industriellen Massenmord im 20. Jahrhundert.

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Und ganz oben auf dem Dach dann, mit Blick in die Wipfel der Bäume, ein großes Wasserbecken, in dem sich die Köpfe der Besucher und  -was bei unserem Besuch leider nicht der Fall war- das Blau des Himmels spiegeln: Eine wunderbare Hommage an Yves Klein, den Maler des „geheimnisvollen Blaus“, zu dessen Pariser Ausstellung 1958 selbst der Obelisk auf dem Place de la Concorde blau verkleidet wurde!

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Insgesamt ein hier nur ganz ansatzweise vorgestelltes faszinierendes Kunstwerk: voller Ideen, Anspielungen, Bildern,  Überraschungen, Schönem und Verstörendem; ein spannender Raum für Erfahrungen –wenn man sich etwa durch die Klangstäbe hindurchzwängt- und Anstoß zum Nachdenken

Praktische Hinweise: Geöffnet von Mai bis Ende Oktober, freitags und samtags ab 14.00 und sonntags ab 11.00 Uhr. (nur mit Führung, 45 min, franz.). Zufahrt von Paris über die A 6, Abfahrt Nr. 13 nach Milly-la-Forêt, dann weiter Richtung Etampes (D837), nach 200 Metern rechts in den beschilderten Waldweg einbiegen. Ab Parkplatz zu Fuß. Die Reservierung einer Führung ist nicht möglich.

Die Cocteau-Kapelle, rue de l’Amiral de  Graville, route de Nemours,  hat geöffnet von Ostern bis Allerheiligen von 10 bis 12.30  und von 14 bis 18 Uhr, außer Dienstag. Zwischen Allerheiligen und Ostern nur am Wochenende von 10.15 bis 17.00 Uhr. http://www.chapelle-saint-blaise.org/

Das Haus von Cocteau: 15, rue du Lau, März bis Oktober 14 – 19 Uhr geöffnet. Mit boutique und salon de thé . http://maisoncocteau.net/informations-pratiques

Das Conservatoire (Route de Nemours) ist geöffnet vom 1.4.-15.10. montags bis freitags von 9-17 Uhr, vom 1.Mai bis 15. 9. außerdem an Wochenenden zwischen 14 und 18 Uhr

Das Kräuterlädchen: 16, Place du Marché. www.herbier.com

 

Ergänzung 2016: Die Ausstellung zum 25. Todestag von Jean Tinguely in Paris (Sept./Okt.2016)

Zum 25. Todestag von Jean Tinguely findet/fand im September/Oktober 2015 eine Ausstellung von frühen Werken  des Künstlers aus den 1960-er Jahren in der Galerie Vallois in Paris statt. (33 und 36 Rue de Seine).

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Die ausgestellten Werke werden zu jeder vollen Stunde -bzw. in der schräg gegenüber liegenden Dependence der Galerie jeweils 15 Minuten später in Gang gesetzt. Dazu gibt  es kurze Erläuterungen. Eine große Freude!

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Außerdem  gibt es einige Bilder von Jean Tinguely im Atelier und bei der Materialsuche

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Und es  werden zwei Filme gezeigt: einen schwedischen Film über eine wunderbare Demonstration im Quartier Saint Germain

und einen zweiten Film über eine Aktion in den USA: in einer wüstenähnlichen  Gegend setzt Tinguely eine ganze Reihe von kleinen und großen Maschinen in Bewegung. Ein grandioses Spektakel, das aber in der -geplanten- totalen  und spektakulären Zerstörung endet.

Sehr zu empfehlen!

 

Noch ein Nachtrag (februar 2023): Eine Ausstellung über Niki de Saint Phalle in der Frankfurter Schirn mit einem Modell des Cyklop

Ein Modell des Cyklop von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely (1986)

Ausschnitt

Das Maul

Spiegelungen des Cyklop

Bedauerlich ist, dass in der Frankfurter Ausstellung nicht wenigstens in Foto des Cyklopen in Milly-la-Forêt gezeigt wurde.

Ein weiteres Objekt, das an den Cyklopen im Milly erinnert:

Scbädel. Meditationsraum 1990